Weltliteratur verstehen - Menon - Platon
Weltliteratur verstehen - Menon - Platon

Kurzbeschreibung: Im Dialog Menon fragt Menon Sokrates, ob Tugend gelehrt werden kann. Das Gespräch führt aber schnell weiter: Was ist Tugend überhaupt? Wie können Menschen etwas lernen, das sie noch nicht kennen? Und was unterscheidet eine richtige Meinung von begründetem Wissen?
Dieser aiMOOC richtet sich an die Klassen 11 bis 13. Du arbeitest mit kurzen Textabschnitten, Argumenten und historischen Quellen. Die bereits vorhandene Buchausgabe findest Du hier: Buch - Menon - Platon. Es wird keine zweite Buchseite angelegt.
Einleitung
Platons Menon ist zugleich Literatur und Philosophie. Der Text ist als Dialog gestaltet. Figuren sprechen miteinander, fragen nach, widersprechen sich und geraten in Ratlosigkeit. Diese Form ist wichtig: Die Gedanken werden nicht einfach als fertige Lehre präsentiert. Du kannst verfolgen, wie ein Argument entsteht.
Der Dialog gehört zur Antike. Platon schrieb auf Altgriechisch. Die Handlung spielt in Athen. Die genaue Abfassungszeit ist nicht völlig sicher; der Menon wird meist den mittleren Dialogen Platons zugerechnet. Die im Text dargestellte Gesprächssituation liegt früher als die Niederschrift.

Platon. Foto: Osama Shukir Muhammed Amin, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Die Leitfrage: Kann Tugend gelehrt werden?
Schon am Anfang fragt Menon:
„Kannst du mir wohl sagen, Sokrates, ob die Tugend gelehrt werden kann?“
Diese Formulierung steht in der historischen deutschen Übersetzung Friedrich Schleiermachers. Im griechischen Text steht für „Tugend“ das Wort aretē. Es kann auch Tüchtigkeit, Vortrefflichkeit oder besondere Befähigung bedeuten. Deshalb ist schon die Übersetzung eine Interpretation.
Sokrates antwortet nicht direkt. Er fragt zuerst: Was ist Tugend überhaupt? Damit verschiebt sich das Problem. Bevor man sagen kann, ob etwas lehrbar ist, muss geklärt werden, was dieses Etwas ist.
Figuren und Gesprächsrollen
Sokrates. Foto: Livioandronico2013, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Sokrates führt das Gespräch vor allem durch Fragen. Er behauptet mehrfach, selbst nicht über fertiges Wissen zu verfügen.
Menon tritt zuerst selbstbewusst auf. Er glaubt, Tugend erklären zu können. Im Verlauf des Gesprächs merkt er jedoch, dass seine Definitionen Probleme haben.
Der junge Sklave wird in einem geometrischen Gespräch befragt. An seinem Beispiel entwickelt Sokrates die Idee der Wiedererinnerung.
Anytos tritt später hinzu. Mit ihm wird die Frage nach Lehrern der Tugend politisch und gesellschaftlich.
Menons Definitionsversuche
Menon nennt zunächst verschiedene Tugenden für verschiedene Menschen. Sokrates reicht das nicht. Er sucht nach einer gemeinsamen Bestimmung.
Später verbindet Menon Tugend mit Macht und mit dem Erwerb von Gütern. Sokrates zeigt jeweils Schwierigkeiten dieser Vorschläge. Das Gespräch führt in eine Aporie, also in Ratlosigkeit.
Menon vergleicht Sokrates deshalb mit einem Zitterrochen, der andere lähmt. Die Stelle ist wichtig für die Methode des Dialogs: Ratlosigkeit erscheint nicht nur als Scheitern. Sie kann der Anfang genauerer Erkenntnis sein.
Lernen und das Menon-Paradox
Menon stellt ein grundsätzliches Problem:
Wenn Du etwas schon kennst, musst Du es nicht suchen. Wenn Du es gar nicht kennst, weißt Du nicht, wonach Du suchen sollst. Wie kann Lernen dann überhaupt möglich sein?
Dieses Problem wird oft Menon-Paradox genannt.
Sokrates antwortet mit der Vorstellung der Anamnesis, der Wiedererinnerung. Lernen sei eine Form des Erinnerns an Wissen, das der Seele bereits zugänglich sei. Diese Aussage gehört zur Philosophie Platons und ist nicht mit einer heutigen wissenschaftlichen Lerntheorie gleichzusetzen.
Das geometrische Gespräch
Sokrates lässt einen jungen Sklaven über ein Quadrat nachdenken. Gesucht wird ein Quadrat mit doppelter Fläche.
Der Junge gibt zuerst falsche Antworten. Sokrates korrigiert ihn nicht einfach, sondern fragt weiter. Schritt für Schritt erkennt der Junge seinen Irrtum. Schließlich wird die Diagonale des Ausgangsquadrats wichtig.

Animation eines Quadrats bei gegebener Diagonale. Petrus3743, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Die Animation zeigt nicht Platons konkrete Zeichnung. Sie hilft aber, die Bedeutung einer Diagonale in einem Quadrat sichtbar zu machen.
Richtige Meinung und Wissen
Später unterscheidet Sokrates zwischen richtiger Vorstellung und Erkenntnis. In der Schleiermacher-Übersetzung heißt es:
„Richtige Vorstellung ist also nicht minder nützlich als Erkenntnis?“
Kurz danach erklärt Sokrates, richtige Vorstellungen müssten „gebunden“ werden:
„... bis man sie bindet durch Beziehung des Grundes.“
Die Idee ist einfach: Eine richtige Meinung kann zufällig stimmen. Wissen ist stärker, weil Gründe angegeben werden können. Für den Unterricht kannst Du daraus eine Prüffrage machen: Kann ich nur die richtige Antwort nennen, oder kann ich auch begründen, warum sie richtig ist?
Sprache und Aufbau
Der Menon ist kein Sachtext im modernen Sinn. Er ist literarisch gestaltet.
- Dialog: Gedanken entstehen im Wechsel von Frage und Antwort.
- Ironie: Sokrates lobt Gesprächspartner manchmal so, dass zugleich Zweifel sichtbar werden.
- Aporie: Das Gespräch endet an mehreren Stellen in Ratlosigkeit.
- Beispiel: Die Geometrie-Szene macht ein abstraktes Problem anschaulich.
- Vergleich: Der Zitterrochen wird zum Bild für die Wirkung des sokratischen Fragens.
Der Aufbau lässt sich grob so lesen: Ausgangsfrage nach Tugend, Definitionsversuche, Ratlosigkeit, Problem des Lernens, Geometrie-Szene, Rückkehr zur Lehrbarkeit der Tugend und Unterscheidung von richtiger Meinung und Wissen.
Originalsprache, Übersetzung und Interpretation
Der Menon wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. auf Altgriechisch verfasst. Eine deutsche Übersetzung aus dem 19. Jahrhundert ist daher nicht das Entstehungsdatum des Werkes.
Die Schleiermacher-Übersetzung ist historisch wichtig, aber sprachlich deutlich jünger als Platons Text. Begriffe wie aretē, doxa oder epistēmē können je nach Übersetzung unterschiedlich wiedergegeben werden.
Höre als Beispiel eine rekonstruierte attische Aussprache eines altgriechischen Wortes. Die Aufnahme ist keine Tonaufnahme aus der Antike, sondern eine moderne sprachwissenschaftliche Rekonstruktion:
Rekonstruierte attische Aussprache von φθόγγος. Erutuon, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Beim Arbeiten mit Übersetzungen gilt deshalb:
- Vergleiche möglichst den altgriechischen Wortlaut mit mindestens einer Übersetzung.
- Trenne den Wortlaut von Deiner Interpretation.
- Kennzeichne, aus welcher Übersetzung ein Zitat stammt.
- Verändere Zitate nicht stillschweigend.
- Erfinde keine Textbelege.
Entstehung und Überlieferung
Ein antiker Text ist nicht dasselbe wie eine moderne Buchausgabe. Platons Originalhandschrift ist nicht erhalten. Der Text wurde über Jahrhunderte abgeschrieben und in Handschriften überliefert.
Die oben gezeigte Seite aus dem Codex Oxoniensis Clarkianus 39 stammt aus dem Jahr 895 n. Chr. Sie enthält den Anfang des Menon. Das Manuskript ist also mehr als tausend Jahre jünger als die Entstehungszeit des Dialogs.
Gerade dieser Unterschied ist für Weltliteratur wichtig:
Entstehung bezeichnet die Zeit, in der ein Werk verfasst wurde.
Überlieferung bezeichnet den Weg, auf dem ein Werk durch Abschriften, Handschriften und Ausgaben erhalten blieb.
Übersetzung bezeichnet die Übertragung in eine andere Sprache.
Diese drei Ebenen dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Epochenkontext: Antike und frühe Literaturtraditionen
Platons Dialog gehört zur antiken griechischen Literatur. Für einen weiteren Blick auf frühe Weltliteratur kannst Du verschiedene Traditionen vergleichen:
- Griechische Literatur: Homerische Epen, Tragödien und philosophische Dialoge.
- Römische Literatur: zum Beispiel Vergils Aeneis oder Ciceros philosophische Schriften.
- Chinesische Literatur: etwa die Gespräche des Konfuzius und frühe klassische Texte.
- Indische Literatur: etwa die Upanishaden, das Mahabharata und andere in langen Überlieferungsprozessen gewachsene Texte.
Diese Traditionen entstanden in unterschiedlichen Zeiten, Sprachen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Sie dürfen nicht zu einer einzigen „Antike“ vereinheitlicht werden. Gemeinsam ist vielen Texten aber, dass ihre heutige Gestalt durch Überlieferung, Edition und Übersetzung geprägt ist.
Video: Einführung in Platons Menon
Das englischsprachige Hochschulvideo von Gregory B. Sadler führt in Figuren, Methode und Tugendbegriff des Dialogs ein.
Video: Kann Tugend gelehrt werden?
Dieses Video behandelt besonders die Frage, ob Tugend lehrbar ist und welche Rolle richtige Meinung spielt.
Mediennachweise
: Codex Oxoniensis Clarkianus 39, Beginn des Menon, Handschrift von 895 n. Chr.; Quelle Wikimedia Commons; gemeinfrei als Wiedergabe eines gemeinfreien Werkes.
: Foto von Osama Shukir Muhammed Amin; Wikimedia Commons; CC BY-SA 4.0.: Foto von Livioandronico2013; Wikimedia Commons; CC BY-SA 4.0.
: Animation von Petrus3743; Wikimedia Commons; CC BY-SA 4.0.- : Audio von Erutuon; Wikimedia Commons; CC BY-SA 4.0.
- YouTube-Videos: Gregory B. Sadler, Bildungsinhalte zu Platons Meno. Einbettung über YouTube; Rechte verbleiben bei den jeweiligen Rechteinhabern.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Mit welcher Frage beginnt Menons Untersuchung? (Ob Tugend gelehrt werden kann) (!Ob Athen eine Demokratie bleiben soll) (!Ob Sokrates ein Buch geschrieben hat) (!Ob Geometrie wichtiger als Sprache ist)
Was bedeutet Aporie im Zusammenhang mit dem Dialog? (Ratlosigkeit) (!Übersetzung) (!Beweis) (!Erzählrahmen)
Welche Funktion hat der geometrische Dialog mit dem jungen Sklaven? (Er veranschaulicht Platons Problem des Lernens) (!Er beweist die Entstehungszeit des Dialogs) (!Er erklärt die römische Literatur) (!Er zeigt eine historische Unterrichtsstunde wörtlich)
Welcher Begriff steht im griechischen Text für Tugend beziehungsweise Vortrefflichkeit? (aretē) (!logos) (!polis) (!mythos)
Was unterscheidet Wissen im Dialog von bloß richtiger Meinung? (Wissen ist durch einen Grund gebunden) (!Wissen ist immer kürzer formuliert) (!Wissen braucht keine Begründung) (!Wissen besteht nur aus Erinnerung an Wörter)
Warum darf eine deutsche Übersetzung nicht als Entstehungsdatum des Menon gelten? (Weil der griechische Text viele Jahrhunderte früher entstand) (!Weil Übersetzungen keine Texte sind) (!Weil Platon auf Latein schrieb) (!Weil alle Handschriften aus dem 19. Jahrhundert stammen)
Welche Figur vergleicht Sokrates mit einem Zitterrochen? (Menon vergleicht Sokrates mit einem Zitterrochen) (!Anytos vergleicht Menon mit einem Zitterrochen) (!Platon vergleicht Anytos mit einem Zitterrochen) (!Der Sklave vergleicht sich selbst mit einem Zitterrochen)
Welche Sprache ist die Originalsprache des Menon? (Altgriechisch) (!Latein) (!Deutsch) (!Sanskrit)
Was ist eine zentrale Aufgabe beim Vergleich von Original und Übersetzung? (Begriffe und Bedeutungsunterschiede genau prüfen) (!Alle Übersetzungen als gleich behandeln) (!Nur das Erscheinungsjahr vergleichen) (!Den Originaltext durch eine Zusammenfassung ersetzen)
Welche Aussage zum Codex Oxoniensis Clarkianus 39 ist richtig? (Er ist eine mittelalterliche Handschrift und nicht Platons Originalmanuskript) (!Er wurde von Platon selbst geschrieben) (!Er ist eine moderne deutsche Übersetzung) (!Er entstand im antiken Rom vor Platon)
Memory
| Aretē | Tugend oder Vortrefflichkeit |
| Aporie | Ratlosigkeit |
| Anamnesis | Wiedererinnerung |
| Doxa | Meinung |
| Episteme | Wissen |
| Sokrates | fragende Gesprächsführung |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Ausgangsfrage | Lehrbarkeit der Tugend |
| Definitionsversuche | Suche nach dem Wesen der Tugend |
| Aporie | Erfahrung der Ratlosigkeit |
| Geometriegespräch | Problem des Lernens |
| Wissensvergleich | richtige Meinung und Erkenntnis |
Kreuzworträtsel
| Menon | Wer stellt zu Beginn die Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend? |
| Sokrates | Wer führt den größten Teil des Gesprächs durch Fragen? |
| Aporie | Wie heißt die philosophische Ratlosigkeit? |
| Anamnesis | Wie heißt Platons Begriff der Wiedererinnerung? |
| Dialog | Welche literarische Form hat der Menon? |
| Athen | In welcher Stadt spielt die Gesprächssituation? |
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Lückentext
Gestufte Hilfen
Hilfe 1 – Orientierung: Lies zuerst nur die Frage am Anfang eines Abschnitts. Formuliere in einem Satz, worüber gestritten wird.
Hilfe 2 – Textarbeit: Markiere bei einer Textstelle, wer spricht, welche Behauptung aufgestellt wird und welche Begründung folgt.
Hilfe 3 – Argumentation: Schreibe das Argument als Kette: Voraussetzung → Schluss → Einwand.
Hilfe 4 – Übersetzungsvergleich: Vergleiche nur ein Schlüsselwort, zum Beispiel aretē, und notiere, wie zwei Übersetzungen damit umgehen.
Hilfe 5 – Interpretation: Prüfe, ob Deine Deutung wirklich durch eine konkrete Stelle gestützt wird. Wenn nicht, formuliere sie als Vermutung.
Offene Aufgaben
Leicht
- Textstelle untersuchen: Wähle eine kurze Passage aus der vorhandenen Buchseite Buch - Menon - Platon. Notiere Sprecher, Frage, Antwort und ein Schlüsselwort.
Standard
- Übersetzungsvergleich: Vergleiche eine kurze Stelle im griechischen Original mit einer historischen deutschen Übersetzung. Untersuche ein Wort wie aretē, doxa oder epistēmē. Zeige, was sich durch die Übersetzung verändert.
Schwer
- Argumentationsanalyse: Rekonstruiere das Argument zu richtiger Meinung und Wissen aus Menon 97–98. Prüfe anschließend mit einem heutigen Beispiel, ob eine richtige, aber unbegründete Meinung für gutes Handeln ausreichen kann.


Lernkontrolle
- Transfer Wissen und Meinung: Eine Person kennt die richtige Route, kann aber nicht erklären, warum. Eine andere kann die Route begründen. Übertrage Platons Unterscheidung auf dieses Beispiel und bewerte beide Fälle.
- Lernen durch Fragen: Erkläre, warum die Geometrie-Szene sowohl als Beispiel für selbstständiges Denken als auch als problematischer Beleg für Anamnesis gelesen werden kann.
- Übersetzung und Bedeutung: Zeige an aretē, warum Übersetzungen Interpretationen enthalten. Formuliere zwei mögliche deutsche Wiedergaben und erläutere den Bedeutungsunterschied.
- Überlieferung beurteilen: Erkläre, warum eine Handschrift aus dem Jahr 895 n. Chr. ein wichtiges Zeugnis für den Text sein kann, obwohl Platon viele Jahrhunderte früher lebte.
- Dialogform deuten: Untersuche, wie die Form von Frage und Antwort beeinflusst, wie Leserinnen und Leser Platons Argumente wahrnehmen.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu diesem Thema solltest Du zeigen, dass Du den Menon nicht nur zusammenfassen, sondern textnah untersuchen kannst. Wichtig sind eine klare Trennung von Originaltext, Übersetzung und eigener Interpretation, die sichere Verwendung zentraler Begriffe, mindestens ein genauer Textbeleg sowie die Rekonstruktion eines Arguments. Außerdem solltest Du Entstehung, Überlieferung und Übersetzung historisch unterscheiden können.
OERs zum Thema
Weitere frei zugängliche Grundlagen:
- Vorhandene MOOCwiki-Buchausgabe
- Wikimedia Commons: Menon beginning, Clarke Plato
- Historische deutsche Übersetzung des Menon
- Altgriechische historische Ausgabe auf Wikimedia Commons
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