Menon fragt Sokrates, ob Tugend gelehrt werden kann. Der Dialog verbindet diese Frage mit dem Problem des Lernens und dem Unterschied zwischen richtiger Meinung und begründetem Wissen.
Philosophischer DialogKlasse 11–131 Abschnitte
Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0Bildquelle ↗
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Menon: Kannst du mir sagen, Sokrates, ist die Tugend lehrbar? Oder ist sie nicht lehrbar, sondern eine Sache der Übung? Oder ist sie weder Sache der Übung noch des Lernens, sondern etwas, das den Menschen von Natur oder auf irgend eine Weise sonst zuteil wird?
Sokrates: O Menon, vordem waren die Thessalier berühmt unter den Hellenen und Gegenstand der Bewunderung nur wegen ihrer Reitkunst und ihres Reichtums; jetzt aber sind sie es auch, wie mir scheint, wegen ihrer Weisheit, und zwar unter ihnen nicht am wenigsten die Larissaier, die Mitbürger deines Freundes Aristippos. Zu danken aber haben wir das dem Gorgias. Denn als dieser nach Larissa kam, gewann er sich seiner Weisheit wegen die Liebe der Vornehmsten nicht nur unter den Aleuaden, zu denen auch dein Liebhaber Aristippos gehört, sondern unter den Thessaliern überhaupt. Auch habt ihr ja von ihm jene Sitte angenommen, furchtlos und mit edlem Freimut zu antworten, wenn jemand etwas fragt, so wie man es von Leuten erwarten kann, welche etwas wissen. Hat er ja doch selbst jedem Hellenen, der ihn was auch immer fragen wolle, sich dazu erboten und ist nie jemandem eine Antwort schuldig geblieben. Hier aber, mein lieber Menon, hat sich nun alles umgekehrt gemacht. Es ist sozusagen eine Weisheitsteuerung ausgebrochen, und fast sieht es aus, als ob die Weisheit aus hiesigen Landen zu euch entwichen sei. Wenigstens wenn du bei uns jemandem jene Frage vorlegen würdest, würde jedermann in Lachen ausbrechen und sagen: »O Fremdling, wie es scheint, hältst du mich für der Glücklichen einen, welche etwas wissen, wenigstens von der Tugend, ob sie lehrbar sei, oder auf welche Weise man ihrer sonst teilhaftig werde. Ich aber, weit entfernt, dass ich wüsste, ob sie lehrbar oder nicht lehrbar ist, weiß ja nicht einmal so viel, was überhaupt Tugend ist.«
Und auch mir selbst, Menon, geht es nicht besser. Ich bin in dieser Hinsicht so arm wie meine Mitbürger und muss mich selbst darüber anklagen, dass ich so gar nichts von der Tugend weiß. Weiß ich aber von etwas nicht, was es ist, – wie könnte ich wissen, wie beschaffen es ist? Oder hältst du es wohl für möglich, dass einer, der den Menon von Person ganz und gar nicht kennt, doch wisse, ob er schön, ob er reich, ob er ein edler Mensch, oder auch, ob er das Gegenteil hiervon sei? Hältst du das für möglich?
Sokrates: Mein Gedächtnis ist nicht eben das beste, Menon, weshalb ich dir im Augenblick nicht sagen kann, was ich damals glaubte. Nun, vielleicht weiß er es auch, sowie du weißt, was er gesprochen hat. Erinnere mich also nur wieder daran, wie er sich ausgedrückt hat; oder wenn du lieber willst, so sag es selber! Denn du bist ja doch derselben Ansicht wie er.
Sokrates: So wollen wir ihn denn jetzt beiseite lassen, da er ja doch nicht zugegen ist. – Du selbst aber, Menon, bei den Göttern, was sagst du, dass die Tugend sei? Sprich und mißgönne mir es nicht, damit ich der glücklichsten Lüge schuldig erfunden werde, wenn es sich herausstellt, dass ihr, du und Gorgias, es wisst, während ich versichert habe, noch niemals mit einem zusammengetroffen zu sein, der es weiß.
Menon: Aber das in ja. nicht schwer zu sagen, Sokrates. Fürs erste, wenn du die Tugend des Mannes meinst, so ist sie leicht zu bestimmen: Die Tugend des Mannes nämlich ist, dass er geschickt sei, die Angelegenheiten des Staates zu verwalten und mittelst ihrer Verwaltung seinen Freunden Gutes zu tun, seinen Feinden aber Böses, und dabei selbst auf der Hut zu sein, dass ihm nichts dergleichen widerfahre. Meinst du aber die Tugend des Weibes, so ist es nicht schwer, diese zu beschreiben: Sie muss nämlich ihr Hauswesen wohl besorgen, indem sie im Innern alles in gutem Stand erhält und ihrem Manne gehorsam ist. Eine andere Tugend ist dann die des Kindes, sowohl des männlichen als des weiblichen, ebenso die des älteren Mannes, und je nachdem du meinst, die des Freien oder, wenn du meinst, die des Sklaven. Und so gibt es noch sehr viele andere Tugenden, so dass man gar nicht in Verlegenheit kommen kann, von der Tugend zu sagen, was sie ist. Denn für jede Handlungsweise und für jedes Alter gibt es bei jedem Geschäft für jeden von uns seine Tugend, ebenso aber glaube ich, mein Sokrates, auch seine Untugend.
Sokrates: Da bin ich ja, wie es scheint, recht glücklich gewesen, Menon, dass ich, indem ich nach einer Tugend frage, einen ganzen Schwarm von Tugenden, die an dir hängen, gefunden habe. Allein, Menon, wenn ich, um bei dem Bilde von den Schwärmen zu bleiben, nun nach dem Wesen der Biene fragen würde, was sie denn sei, und du mir nun sagen würdest, dass es viele und mancherlei Bienen gebe, – was würdest du mir wohl erwidern auf die weitere Frage: »Behauptest du denn, dass der Grund davon, dass es viele, mancherlei und von einander verschiedene Bienen gebe, darin liege, dass sie Bienen sind? Oder beruht nicht ihr Unterschied vielmehr gar nicht hierin, sondern in etwas anderem, z.B. in ihrer Schönheit oder ihrer Größe oder sonst einem Merkmal dieser Art?« Sprich, was würdest du auf diese Frage wohl antworten?
Sokrates: Und wenn ich nun weiter sagte: »So sag mir nun auch das, Menon: was ist nach deiner Behauptung das, worin sie sich nicht von einander unterscheiden, sondern worin alle sich gleich sind?« – könntest du mir es wohl sagen?
Sokrates: Dieselbe Bewandtnis nun hat es auch mit den Tugenden. Wenn es deren auch viele und mancherlei gibt, so haben sie doch sämtlich einen und denselben Begriff, vermöge dessen sie Tugenden sind, und diesen hat derjenige wohl ins Auge zu fassen, welcher jene Frage beantworten und es richtig bestimmen will, was die Tugend wirklich ist. Oder verstehst du nicht, was ich meine?
Sokrates: Und hast du wohl nur von der Tugend jene Ansicht, Menon, dass die des Mannes eine andere sei, und wieder eine andere die des Weibes und so weiter, oder auch von der Gesundheit und von der Größe und von der Stärke? Dünkt dir auch die Gesundheit des Mannes eine andere zu sein als die des Weibes? Oder ist es nicht überall derselbe Begriff, wenn einmal von Gesundheit die Rede, möge sie nun bei einem Manne oder bei irgend wem sonst sich finden?
Sokrates: Und nun nicht auch die Größe und die Stärke? Wenn ein Weib stark ist, wird sie nicht vermöge desselben Begriffs und derselben Stärke stark sein? Den Ausdruck vermöge derselben verstehe ich nämlich so: es macht für die Stärke, dass sie Stärke sei, gar keinen Unterschied, ob sie bei einem Mann oder ob sie bei einem Weibe sich findet. Oder meinst du, es mache einen Unterschied?
Sokrates: Für die Tugend aber, dass sie Tugend sei, soll es einen Unterschied machen, ob sie bei einem Knaben sich finde oder bei einem Alten, ob bei einem Weibe oder bei einem Mann?
Sokrates: Beide also, der Mann und das Weib, müssen, wofern sie tugendhaft sein wollen, dieselben Eigenschaften haben, nämlich Gerechtigkeit und Weisheit.
Sokrates: Da hiernach die Tugend aller Menschen eine und dieselbe ist, so versuche es zu sagen und dich darauf zu besinnen, was Gorgias behauptet, dass sie sei, und du mit ihm!
Menon: Was anderes doch, als dass man imstande sei, über die Menschen zu herrschen? – wenn du denn durchaus eine für alle Fälle gültige Bestimmung haben willst.
Sokrates: Die will ich allerdings. Aber ist nun das auch die Tugend eines Kindes, Menon, und eines Sklaven, imstande zu sein, über den Gebieter zu herrschen? Und würde dir der, welcher herrscht, noch ein Sklave zu sein scheinen?
Sokrates: Nein, das lässt sich nicht annehmen, mein Bester. Denn bedenke auch das noch: du sagst, imstande zu sein zu herrschen. Wollen wir nicht hier sogleich hinzusetzen: und zwar gerecht, nicht aber ungerecht?
Sokrates: Wie bei allem anderen, z.B. wenn du willst, von der Rundung würde ich wohl etwa sagen, es sei eine Figur, nicht aber so schlechtweg, sie sei die Figur. Und zwar würde ich deshalb so sagen, weil es noch andere Figuren gibt.
Menon: Und ganz richtig würdest du dich so ausdrücken; wie ja auch ich annehme, nicht nur dass die Gerechtigkeit eine Tugend ist, sondern dass es auch noch andere Tugenden gibt.
Sokrates: Welche andere? Sprich, wie auch ich dir noch andere Figuren nennen wollte, wenn du es von mir verlangtest! Nenne also auch du mir noch andere Tugenden!
Sokrates: Abermals ist uns da, Menon, dasselbe widerfahren: Wir haben wieder viele Tugenden gefunden, während wir eine suchen, nur in anderer Weise als vorhin. Die eine aber, die alle diese begreift, können wir nicht auffinden.
Menon: Diese eine alle Fälle begreifende Tugend, wonach du fragst, Sokrates, kann ich freilich noch nicht auffassen, so wie man es bei ändern Gegenständen kann.
Sokrates: Es scheint so. Aber ich will den Versuch machen, wenn ich es vermag, uns der Sache näher zu bringen. Das begreifst du doch wohl, dass es sich bei allem folgendermaßen verhält: Wenn jemand dir über das, wovon ich vorhin sprach, die Frage stellt: »Was ist die Figur, Menon?« und du dann sprächest: »Die Rundung«, und er dann ebenso wie ich erwiderte: »Ist die Rundung die Figur oder eine Figur?« – so würdest du wohl antworten, dass es eine Figur sei.
Sokrates: Und wiederum, wenn er dich in gleicher Weise befragte, was die Farbe sei, und du antworten würdest: »Das Weiße«, und er nun weiter zu fragen fortführe: »Ist das Weiße die Farbe oder eine Farbe?« – so würdest du wohl sagen, es sei eine Farbe, weil es ja noch andere gibt?
Sokrates: Und wenn er von dir verlangte, du solltest andere Farben angeben, so würdest du ihm solche andere angeben, die gewiss ebensogut Farben sind als das Weiße?
Sokrates: Wenn er dann, wie ich, die Rede wieder aufnähme und spräche: »Immer kommen wir auf vieles; aber so will ich es nicht; sondern da du dieses viele mit einem Namen bezeichnest und versicherst, es sei keines darunter, das nicht Figur sei, und zwar selbst, wenn sich die einzelnen entgegengesetzt wären, – was ist doch das, was das Runde ebensogut unter sich begreift als das Gerade, das, was du eben Figur nennst, von dem du versicherst, dass das Gerade ebensogut Figur sei als das Runde?« Oder meinst du nicht also?
Sokrates: Und wenn du das meinst, willst du damit dann behaupten, das Runde sei ebensowohl gerade als rund, oder das Gerade ebensowohl rund als gerade?
Sokrates: Was ist denn nun also das, was diesen Namen Figur führt? Versuche es mir zu erklären! Wenn du also einem, der diese Frage stellt, über die Figur oder auch über die Farbe, antworten würdest: »Aber ich begreife ja nicht einmal, was du willst, Mensch, noch verstehe ich, was du meinst!« – so würde er sich ohne Zweifel wundern und antworten: »Du begreifst nicht, dass ich das aufsuche, was in allen jenen Einzelnen dasselbe ist?« Oder würdest du, Menon, auch darauf nichts zu sagen wissen, wenn jemand die Frage stellte: »Was ist im Runden und Geraden und in allem übrigen, was du irgend als Figur bezeichnest, immer dasselbe?« Versuche es einmal auszusprechen, damit du für die Antwort, die dann hinsichtlich der Tugend am Platze ist, einen Vorgang hast!
Sokrates: Wohlan denn, versuchen wir es also, dir auszusprechen, was Figur ist! Sieh also zu, ob du mit folgender Erklärung zufrieden bist: Figur, sagen wir, sei das, was unter allem Seienden allein der Farbe immer nachfolgt. Genügt dir das, oder verlangst du es irgendwie anders? Ich wäre schon ganz zufrieden, wenn du mir die Tugend so erklären möchtest.
Menon: Also Figur soll nach deiner Bestimmung sein, was immer der Farbe nachfolgt. Gut! Aber wenn nun einer versicherte, er wisse nicht, was die Farbe sei, und darüber ebenso im Ungewissen wäre wie über die Figur, – was, denkst du, wäre dann deine Antwort gewesen?
Sokrates: Doch das Richtige, denke ich! Und wenn nun der Frager gar einer von den Sophisten und Eristikern und Kampfrednern wäre, so würde ich ihm antworten: »Ich habe das meine gesagt; habe ich den rechten Ausdruck nicht getroffen, so ist es nun an dir, das Wort zu nehmen und mich zu widerlegen.« Sind es aber Freunde, welche sich wie jetzt ich und du mit einander besprechen wollten, so müsste die Antwort wohl auch freundlicher und der Dialektik gemäßer lauten. Es ist aber ohne Zweifel der Dialektik gemäßer, nicht nur die richtige Antwort zu geben, sondern sie auch in Ausdrücken zu geben, von denen der Fragende zugibt, dass er sie verstehe. Ich will es also versuchen, dir eine solche Erklärung zu geben. Sage mir also: du nennst doch etwas Ende? Ich meine etwa das, was die Grenze und das Letzte ist; das alles nehme ich gleichbedeutend. Prodikos würde vielleicht da schon mit uns nicht übereinstimmen. Aber du brauchst doch von Etwas den Ausdruck begrenztsein und ein Ende haben? Und dieses, nicht etwas Vieldeutiges, Schillerndes, ist es, was ich meine.
Sokrates: Schon hieraus dürftest du demnach verstehen, was ich Figur nenne. Von jeder Figur nämlich behaupte ich: was den Körper begrenze, das sei Figur, oder kurz gefasst, Figur sei die Grenze des Körpers.
Sokrates: Du wirst übermütig, Menon! Einem alten Mann gibst du allerlei schwierige Sachen zum Beantworten auf, selbst aber magst du dich nicht ein mal so weit besinnen, um zu sagen, was Gorgias meine, dass die Tugend sei.
Sokrates: Weil du bei deinen Reden immer nur aufgibst, ganz wie es jene Verwöhnten machen, welche, solange sie noch in ihrer Blüte stehen, die Gebieter spielen. Auch hast du es mir ohne Zweifel schon angemerkt, dass ich den Schönen nicht widerstehen kann. Ich will dir also die Freude machen und antworten.
Sokrates: Vielleicht ist sie eben in einer dir beliebten Weise abgefaßt. Zugleich begreifst du, wie ich denke, dass du nach derselben auch die Stimme zu erklären vermöchtest, was sie ist, und den Geruch, und vieles andere der Art.
Sokrates: Nach meiner Überzeugung aber, du Sohn des Alexidemos, ist nicht jene, sondern diese die bessere. Und ich glaube, sie würde auch dir nicht so erscheinen, wenn du nicht, wie du gestern gesagt hast, genötigt wärest, vor den Mysterien fortzugehen, sondern bleiben und dich weihen lassen könntest.
Sokrates: Nun, am guten Willen werde ich es gewiss nicht fehlen lassen, um sowohl dir als mir zuliebe dergleichen zu erklären; nur dass ich eben nicht imstande sein werde, vieles dergleichen zu erklären. – Aber wohlan, versuche nun auch du, mir dein Versprechen zu erfüllen und zu sagen, was, als Ganzes betrachtet, die Tugend ist, und höre auf, aus dem einen vieles zu machen, wie man allemal im Spott von denen sagt, die etwas zerbrechen; lass sie vielmehr ganz und gesund und sage, was die Tugend ist! Die Muster dafür hast du ja von mir erhalten.
Menon: Nun ja, Sokrates, Tugend dünkt mir zu sein, wie der Dichter sagt, sich freuen des Schönen, und es vermögen. Auch ich nenne das Tugend, dass man des Schönen begehrt und es sich zu erwerben vermag.
Sokrates: Wohl so, als ob es einige gebe, welche das Böse begehren, andere aber, welche das Gute begehren? Nicht alle, mein Bester, scheinen dir das Gute zu begehren?
Sokrates: Und zwar, indem er glaubt, das Böse nütze demjenigen, dem es zuteil wird? Oder, indem er von dem Bösen die Erkenntnis hat, dass es dem schade, bei dem es sich findet?
Sokrates: So ist denn doch klar, dass Dinge, welche es nicht kennen, nicht das Böse begehren, sondern vielmehr das, was sie für gut halten, während es böse ist; so dass diejenigen, welche es nicht kennen und es für gut halten, offenbar eigentlich das Gute begehren. Oder nicht?
Sokrates: Und weiter: Diejenigen, welche das Böse begehren, wie du behauptest, während sie doch glauben, dass das Böse dem schade, welchem es zuteil wird, erkennen doch wohl, dass sie von ihm Schaden nehmen werden?
Sokrates: Niemand also will das Böse, Menon; wenn anders er nicht ein solcher sein will. Denn was heißt elend sein anders, als das Böse begehren und es besitzen?
Sokrates: Und nicht wahr, das eine Stück dieser Erklärung, das Wollen, kommt allen zu, und in dieser Beziehung ist der eine um nichts besser als der andere?
Sokrates: So wollen wir denn nun sehen, ob du auch recht damit hast. Vielleicht ist es gut gesagt. – Also imstande sein, das Gute sich zu erwerben, das, sagst du, sei Tugend?
Sokrates: Gutes aber, nicht wahr, nennst du z.B. die Gesundheit und den Reichtum; Auch meine ich, Gold und Silber besitzen und Ehrenstellen im Staat und obrigkeitliche Ämter? Oder verstehst du irgend andere Dinge unter dem Guten als solche?
Sokrates: Gut! Also Gold und Silber sich erwerben ist Tugend, wie Menon behauptet, von Eltern her der Gastfreund des Großkönigs. Fügst du nun diesem Erwerben, Menon, etwa noch das Merkmal gerecht und gewissenhaft bei? Oder macht dir dieses keinen Unterschied und nennst du, auch wenn es einer auf ungerechte Weise sich erwirbt, das doch ebensogut Tugend?
Sokrates: Unter allen Umständen also muss, wie es scheint, bei diesem Erwerben Gerechtigkeit, oder Besonnenheit, oder Frömmigkeit, oder irgend ein anderer Teil von Tugend dabei sein; wo nicht, so wird solche Tugend keine Tugend sein, wenn sie gleich Gutes erwirbt.
Sokrates: Und auch Gold und Silber, wenn es nicht gerecht ist, sich selbst oder einem anderen nicht erwerben, – ist nicht selbst dieser Nichterwerb Tugend?
Sokrates: Also wäre der Erwerb solcher Güter noch um nichts eher Tugend als der Nichterwerb; sondern, wie es scheint, was mit Gerechtigkeit geschieht, wird Tugend sein, was aber ohne irgend etwas dieser Art, Schlechtigkeit.
Sokrates: Haben wir nun nicht kurz vorher behauptet, jedes von diesen, die Gerechtigkeit und die Besonnenheit und alles der Art, sei ein Teil der Tugend?
Sokrates: Weil du, obgleich ich dich gebeten habe, die Tugend nur nicht zu zerbrechen oder zu zerstückeln, und ich dir auch Muster gegeben habe, nach denen du antworten solltest, nun doch, ohne dich darum zu bekümmern, mir sagst, Tugend sei imstande sein, das Gute sich zu erwerben mit Gerechtigkeit, was doch, wie du zugegeben, nur ein Teil der Tagend ist.
Sokrates: Nicht wahr also, aus dem, was du zugestehst, folgt doch wohl, dass mit einem Teil der Tugend tun, was man tut, das Tugend sei? Denn die Gerechtigkeit und alles der Art ist, wie du zugibst, ein Teil der Tugend.
Sokrates: Ich meine das, dass, ungeachtet ich dich gebeten habe, die Tugend als Ganzes genommen zu bestimmen, du doch weit entfernt bist, zu bestimmen, was sie sei: von jeder Handlungsweise aber behauptest du, sie sei Tugend, wenn sie nur mit einem Teil der Tugend geübt wird, gleich als hättest du, was »sie als Ganzes« ist, schon bestimmt, und als würde ich sie schon erkennen, auch wenn du sie in Teile zerstückelst. Wie mit dünkt, bedarf es daher bei dir noch einmal von vornherein derselben Frage, lieber Menon: Was ist die Tugend, wenn jede von einem Teil von Tugend begleitete Handlungsweise Tugend sein soll? Denn dieses will es heißen, wenn einer behauptet, dass jede von Gerechtigkeit begleitete Handlungsweise Tugend sei. Oder scheint es dir nicht noch einmal derselben Frage zu bedürfen, sondern meinst du wohl, jemand, der die Tugend selbst nicht kennt, erkenne, was ein Teil von ihr sei?
Sokrates: Denn wenn du dich erinnerst, als ich dir vorhin über die Figur Rede stand, verwarfen wir ja eine Antwort dieser Art, welche es unternimmt, in Ausdrücken sich zu geben, die erst gesucht werden und über die man noch nicht einverstanden ist.
Sokrates: Demnach, mein Bester, darfst du ja nicht meinen, dass, solange die Tugend, was sie als Ganzes ist, erst aufgesucht wird, du mit einer Antwort, in welcher du ihre Teile aufführst, sie selbst irgend jemandem erklären werdest, noch auch irgend etwas sonst, wenn du auf diese Art dich ausdrückst; vielmehr glaube mir, dass es derselben Frage noch einmal bedürfe, was die Tugend sei, um das zu sagen, was du sagst. Oder scheint dir das, was ich sage, grundlos zu sein?
Menon: O Sokrates, noch ehe ich mit dir zusammengekommen bin, habe ich schon gehört, dass du nichts kannst, als, wie du selbst immer ratlos bist, so auch andere in Ratlosigkeit setzen. Und nun, wie du mir vorkommst, hast du mich verhext und bezaubert und recht eigentlich verblendet, so dass ich ganz voll von Ratlosigkeit geworden bin. Und wenn ich ein wenig scherzen darf, so scheinst du mir vollkommen sowohl nach Gestalt als auch in anderen Beziehungen jenem Meerfisch, dem breiten Zitterrochen, ähnlich zu sein. Denn dieser macht auch jeden, der ihm nahe und in Berührung mit ihm kommt, erzittern. Und so, kommt es mir vor, hast du mit mir etwas Ähnliches, nämlich mich erzittern gemacht. Denn wahrhaftig, ich zittere an Seele und Leib, und ich weiß nicht, was ich dir antworten soll. Und doch habe ich schon tausendmal über die Tugend gar viele Reden und vor vielen Menschen gehalten und dabei recht brav gesprochen, wie es mir wenigstens dünkte. Nun aber weiß ich nicht einmal zu sagen, was sie ist. Auch glaube ich, dass du gut daran tust, dass du weder zu Wasser noch zu Land von hier wegreisest; denn wenn du als ein Fremdling solche Dinge in einer anderen Stadt tun würdest, so würde man dir wohl gar als einem Zauberer den Prozess machen.
Sokrates: Dass ich dich wieder vergleichen soll. Ich weiß das von allen Schönen, dass sie an solchen Vergleichungen ihre Freude haben. Sie gewinnen dabei, denn schön sind, denke ich, auch die Bilder der Schönen. Allein ich werde dich nicht wieder vergleichen. Ich aber gleiche dem Zitterrochen nur in dem Falle, wenn er, indem er andere erzittern macht, auch selbst erzittert, wenn nicht, nicht. Denn mitnichten bin ich selbst wohl beraten, wenn ich andere ratlos mache; sondern nur weil ich selbst über alles ratlos bin, mache ich auch andere so ratlos. Auch jetzt von der Tugend weiß ich nicht, was sie ist; du aber hast es vielleicht vorher gewusst, ehe du mich berührt hast: jetzt aber bist du dem, der es nicht weiß, gleich. Doch ich will es jetzt mit dir erwägen und gemeinschaftlich untersuchen, was sie wohl sei.
Menon: Und auf welche Art, Sokrates, wirst du nun das untersuchen, wovon du so ganz und gar nicht weißt, was es ist? Denn als wie beschaffen wirst du bei deiner Untersuchung etwas, von dem du nichts weißt, dir vorstellen? Oder wie wirst du, wenn du es auch noch so gut träfest, dann wissen, dass dieses es sei, was du ja nicht kennst?
Sokrates: Ich verstehe, was du sagen willst, Menon. Siehst du nicht, was für einen Streitsatz du da herbringst? Dass es also einem Menschen unmöglich sei, weder das, was er weiß, noch das, was er nicht weiß, zu untersuchen. Denn das, was er weiß, dürfte er ja wohl nicht untersuchen; denn er weiß es ja, und es bedarf dafür keiner Untersuchung; ebensowenig aber, was er nicht weiß; denn da weiß er ja nicht, was er untersuchen soll.
Sokrates: Die, welche es sagen, sind von den Priestern und den Priesterinnen, und zwar Leute, denen es darum zu tun war, imstande zu sein, über das, was sie treiben, Rede zu stehen. Aber auch Pindar sagt es und viele andere von den Dichtern, so viele deren göttliche sind. Was sie aber sagen, ist folgendes... Sieh nun zu, ob dir das, was sie sagen, wahr zu sein scheint: Sie sagen nämlich, die Seele des Menschen sei unsterblich, und bald gehe sie von hinnen, was man Sterben nenne, bald aber komme sie wieder, zugrunde aber gehe sie niemals. Man müsse deshalb sein Leben so fromm als nur möglich verleben. Denn
Da nun die Seele unsterblich und öfters geboren worden ist und die Dinge hienieden und im Hades und überhaupt alle geschaut hat, so gibt es auch nichts, wovon sie nicht eine Kenntnis erlangt hätte, so dass es gar kein Wunder ist, wenn sie auch hinsichtlich der Tugend und anderer Gegenstände an das sich zu erinnern imstande ist, was sie früher davon gewusst hat. Denn da die ganze Natur in verwandtschaftlichem Zusammenhang steht und die Seele von allem Kenntnis bekommen hat, so steht nichts im Wege, dass einer, der sich nur erst an eines erinnert hat, was die Leute dann Lernen heißen, alles übrige selbst auffinde, wenn er sich dabei nur mannhaft hält und des Untersuchens nicht müde wird; denn das Untersuchen und Lernen ist durchaus nichts als Wiedererinnerung. Man darf daher jenem Streitsatze kein Gehör geben. Denn er würde uns nur träge machen und ist für die weichlichen Leute angenehm zu hören, wogegen diese Ansicht rührige und untersuchungsbegierige Leute macht. Auf ihre Wahrheit vertrauend will ich nun mit dir untersuchen, was die Tugend sei.
Menon: Ja, Sokrates? Aber behauptest du es so ganz unbedingt, dass wir nicht lernen, sondern dass das, was wir Lernen nennen. Wiedererinnerung sei? Kannst du mich darüber belehren, dass es sich wirklich so verhalte?
Sokrates: Ich habe es ja vorhin gesagt, Menon, dass du ein abgefeimter Mensch bist! Jetzt fragst du mich da, ob ich dich belehren könne, da ich doch behaupte, es gebe kein Lehren, sondern nur Wiedererinnerung, nur damit ich mich ja gleich mit meiner Ansicht im Widerspruch mit mir selbst zeigen möchte!
Menon: Beim Zeus, gewiss nicht, Sokrates; daran habe ich nicht gedacht, sondern es nur so aus Gewohnheit gesagt. Aber wenn du mir wirklich zu beweisen vermagst, dass es sich so verhält, wie du behauptest, so beweise es nun!
Sokrates: Nun, leicht ist es zwar nicht, doch ich will dir zuliebe mir alle Mühe geben. Rufe mir einmal von den vielen Leuten da in deinem Gefolge einen, welchen du willst, herbei, damit ich es dir an ihm beweise!
Sokrates: Gesetzt nun, diese Seite wäre zwei Fuß lang und jene auch zwei, wieviel Fuß enthielte das Ganze? – Betrachte es einmal so: Wenn es hier zwei Fuß wären, dort aber nur ein Fuß, enthielte dann nicht die Figur genau einmal zwei Fuß?
Sokrates: Ließe sich nun nicht eine andere Figur zeichnen, welche doppelt so groß als jene und doch jener insoweit gleich wäre, dass sie, wie jene, lauter gleiche Seiten hätte?
Schrates: Wohlan, versuche es mir nun zu sagen: wie groß wird jede Seite dieser zweiten Figur sein? Im ersten Viereck hat jede zwei Fuß; wieviel hat nun jede in diesem, das doppelt so groß ist?
Sokrates (zu Menon): Du siehst, Menon, wie ich ihn nichts lehre, sondern alles frage? Und zwar meint er jetzt zu wissen, wie groß die Seite sei, aus der das acht Fuß haltende Viereck entstehe. Oder kommt er dir nicht so vor?
(Zum Sklaven.) Du aber sage mir nun, – du behauptest, aus der doppelt so großen Linie entstehe eine doppelt so große Figur? Ich meine aber nicht eine solche, welche hier lang und dort kurz wäre, sondern sie soll auf allen Seiten gleich sein, gerade wie diese, aber noch einmal so groß wie diese, nämlich acht Fuß haltig. Sieh nun zu, ob du noch der Meinung bist, dass dieselbe aus der noch einmal so großen Seite entstehen werde?
Sokrates: Lass uns nun von ihr aus vier gleichlange Seiten zeichnen! – Dieses also wäre die Figur, welche du genau für das acht Fuß haltende Viereck erklärst?
Sokrates: Nun ja, wenn sie drei Fuß haben soll, so wollen wir noch von dieser die Hälfte hinzunehmen, so wird sie drei Fuß haben. Denn dies sind zwei Fuß und dies einer. Und von dieser Seite ebenso, dies zwei und dies einer. Und dieses wird nun die Figur sein, die du meinst.
Sokrates (zu Menon): Merkst du nicht abermals, Menon, wie weit dieser schon auf dem Wege des Wiedererinnerns gekommen ist? Zuerst wusste er zwar nicht, welches die Seite des achtfußigen Vierecks sei, wie er das auch jetzt noch nicht weiß. Aber damals glaubte er doch sie zu wissen und antwortete dreist fort als ein Wissender, ohne sich im mindesten in Verlegenheit zu sehen. Nun aber sieht er sich bereits in Verlegenheit, und wie er es nicht weiß, so bildet er sich auch nicht mehr ein, es zu wissen.
Sokrates: Wir haben ihm also wohl, wie es scheint, einen Dienst geleistet für Auffindung dessen, wie es sich verhält. Denn jetzt dürfte er auch mit Lust weiter suchen, als ein noch nicht Wissender. Vorhin aber bildete er sich ein, mit Leichtigkeit vor vielen und vielmals wohl behaupten zu können von der doppelt so großen Figur, dass sie auch eine doppelt so große Seite haben müsse.
Sokrates: Meinst du nun, er hätte es früher unternommen, das zu untersuchen oder zu lernen, was er sich einbildete zu wissen und doch nicht wusste, ehe er in Verlegenheit kam durch die Überzeugung, es nicht zu wissen, und sofort nach dem Wissen sich sehnte?
Kontextbild zum Werk. Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0Bildquelle ↗
Sokrates: Beachte nun, wie er von dieser Verlegenheit aus mit mir suchen und finden wird, indem ich immer nur frage und nicht lehre! Gib ja recht Achtung, ob du findest, dass ich ihn lehre und es ihm erläutere, und ob ich nicht vielmehr nur seine Ansichten erfrage!
Sokrates: Die Gelehrten nun nennen diese Linie die Diagonale, so dass also, wenn dies die Diagonale heißt, von der Diagonale aus, wie du, Sklave des Menon, sagst, das doppelt so große Viereck sich ergeben wird.
Sokrates: Und jetzt sind ihm wohl diese Vorstellungen wie ein Traum wieder aufgeregt worden. Und wenn ihn jemand öfters und in verschiedener Weise über dasselbe befragen würde, so glaubst du gewiss, dass er zuletzt diese Dinge nicht minder genau erkennen werde als irgend jemand.
Sokrates: Und nicht wahr, er wird sie erkennen, wenn ihn auch niemand lehrt, sondern nur fragt, indem er die Erkenntnis ganz aus sich selbst wieder gewinnt?
Sokrates: Und nicht wahr, wenn er sie immer besaß, so war er auch immer ein Erkennender; wenn er sie aber einmal bekommen hat, hat er sie doch wohl nicht erst im jetzigen Leben bekommen? Oder hat jemand ihn Geometrie gelehrt? Denn er wird das gleiche in der ganzen Geometrie leisten und in sämtlichen anderen Kenntnissen. Ist nun jemand, der diesen Menschen das alles lehrte? Denn du bist der Mann, es zu wissen, da er ja in deinem Hause geboren und erzogen wurde.
Sokrates: Wenn er sie aber nicht im jetzigen Leben bekommen hat, ist es da nicht schon klar, dass er sie in einer anderen Zeit besessen und gelernt hat?
Sokrates: Wenn aber nun während der Zeit, in welcher er Mensch war und in welcher er es nicht war, richtige Vorstellungen in ihm sein werden, welche durch Fragen aufgeweckt Erkenntnisse werden, – wird da nicht seine Seele in aller Zeit eine lernende gewesen sein? Denn offenbar ist er die ganze Zeit hindurch entweder Mensch oder nicht.
Sokrates: Und nun, wenn wir also immer die Wahrheit der Dinge in der Seele haben, muss da nicht die Seele unsterblich sein, so dass du getrosten Mutes das, was du jetzt nicht gerade erkennst, das heißt, wessen du dich nicht erinnerst, unternehmen kannst zu untersuchen und dich wieder dessen zu erinnern?
Sokrates: Auch mir selbst scheint es so, Menon. Hinsichtlich einiger Punkte zwar möchte ich für diesen Beweis nicht gerade einstehen. Dass wir aber, wenn wir meinen, das, was man nicht weiß, untersuchen zu müssen, besser seien und mannhafter und weniger träge, als wenn wir meinen, das, was wir nicht erkennen, sei auch nicht möglich zu finden, noch brauche man es zu suchen, – das möchte ich gar sehr verfechten, wenn ich der Mann dafür wäre, sowohl in Rede als Tat.
Sokrates: Willst du nun, – nachdem wir uns darüber verständigt haben, man müsse das, wovon man nichts weiß, untersuchen, – dass wir's auch unternehmen, gemeinschaftlich zu untersuchen, was die Tugend sei?
Menon: Sehr wohl. Doch, Sokrates, möchte ich meinesteils am liebsten das, wonach ich zuerst fragte, betrachten und vernehmen, ob man der Tugend nachstreben müsse als einer lehrbaren Sache, oder ob sie dem Menschen von Natur oder auf welche Weise sonst zukomme.
Sokrates: Nun, wenn ich über dich, Menon, ebenso zu gebieten hätte wie über mich, so dürften wir nicht eher betrachten, ob die Tugend etwas Lehrbares oder nicht Lehrbares ist, als wir vorher untersucht hätten, was sie ist. Allein da du es nun gar nicht versuchst, über dich selbst zu gebieten, um ja recht frei zu sein, über mich aber es nicht nur versuchst, zu gebieten, sondern auch wirklich gebietest, so muss ich dir schon nachgeben. Denn was kann ich machen? Es scheint also, wir müssen be trachten, wie etwas beschaffen sei, von dem wir noch nicht wissen, was es ist. Wenn daher auch nicht ganz, so lass mir zuliebe doch wenigstens etwas von deiner Herrschaft nach und erlaube mir die Frage, ob sie etwas Lehrbares oder was sonst sei, von einer Voraussetzung aus in Betracht zu ziehen. Von einer Voraussetzung aus – das meine ich so, wie die Geometer öfters etwas in Betrachtung ziehen, wenn jemand sie fragt, z.B. über eine Figur, ob es möglich sei, diese dreieckige Figur in diesen Kreis einzuspannen, worauf dann einer wohl erwidern könnte: »Ob dieses so geht, weiß ich noch nicht, aber ich denke, es dürfte hierzu wohl folgende Voraussetzung von Nutzen sein: Wenn diese Figur so beschaffen ist, dass, wenn man die gegebene Linie derselben verlängert, der Raum, den man abschneidet, so groß ist als der durch die Verlängerung hinzugekommene, so wird sich meines Bedünkens etwas anderes ergeben, und wieder etwas anderes, wenn dieses unmöglich ist. Von dieser Voraussetzung aus nun will ich dir sagen, was sich in betreff der Einspannung jener Figur in den Kreis ergibt, ob sie unmöglich sei oder nicht.«
So wollen wir auch hinsichtlich der Tugend, da wir nicht wissen, weder was noch wie beschaffen sie ist, eine Voraussetzung machen, um in Betrachtung zu nehmen, ob sie etwas Lehrbares oder nicht Lehrbares ist. Wir sagen nämlich also: welchem Gebiete des Seelenlebens muss die Tugend angehören, wenn sie etwas Lehrbares oder nicht Lehrbares sein soll? Zuvörderst also, wenn sie etwas anderes ist als z.B. Erkenntnis, ist sie dann lehrbar – das heißt, wie wir eben vorhin sagten, Gegenstand der Wiedererinnerung – oder nicht? Denn welche von beiden Bezeichnungen wir anwenden wollen, soll uns keinen Unterschied machen. Also, ist sie dann etwas Lehrbares? Oder ist nicht jedermann so viel klar, dass einem Menschen nichts anderes gelehrt werden kann als eine Erkenntnis?
Sokrates: Und nicht wahr, wenn es nun irgend anderes Gutes gibt, welches mit Erkenntnis nichts zu schaffen hat, so würde vielleicht auch die Tugend nicht gerade Erkenntnis sein; wenn es aber kein Gutes gibt, das nicht in den Bereich der Erkenntnis fällt, so würden wir wohl mit der Vermutung, sie sei eben auch irgend eine Erkenntnis, nicht fehlgreifen?
Sokrates: Wir wollen nun ins einzelne gehen, um zu untersuchen, was für Gegenstände es sind, die uns nützen. Gesundheit, sagen wir, und Stärke, und Schönheit, und Reichtum, – dies und anderes dergleichen nennen wir nützlich. Nicht so?
Sokrates: Sieh nun zu: Wovon muss jedes von diesen geleitet sein, wenn es uns nützt, wovon, wenn es schadet? Nicht wahr, wenn der Gebrauch der rechte ist, nützt es, wenn nicht, schadet es?
Sokrates: Lass uns nun ferner auch das, was der Seele zugehört, ins Auge fassen! Du redest doch auch von etwas wie Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Gelehrigkeit, Gedächtniskraft, Großmut und anderem dergleichen?
Sokrates: Sieh nun zu, ob von diesen Eigenschaften das, was dir nicht Erkenntnis zu sein scheint, sondern etwas anderes als Erkenntnis, nicht manchmal wohl schadet, manchmal auch nützt? Zum Beispiel die Tapferkeit, wenn sie nicht Einsicht, sondern nur eine Art Kühnheit ist, – wird nicht ein Mensch, wenn er ohne Vernunft kühn ist, Schaden, hingegen Nutzen haben, wenn er es mit Vernunft ist?
Sokrates: Und nicht wahr, mit der Besonnenheit und Gelehrigkeit ist es ebenso? Was mit Vernunft erlernt und ausgerichtet wird, das ist ebenso nützlich als ohne Vernunft schädlich?
Sokrates: Um es kurz zusammenzufassen, schlagen nicht alle Unternehmungen und Anstrengungen der Seele, wenn sie sich von Einsicht leiten lässt, zum Glück, wenn sie sich von Unverstand leiten lässt, zum Gegenteil aus?
Sokrates: Wenn also die Tugend etwas der Seele Zugehörendes, es ihr aber notwendig ist, nützlich zu sein, so muss sie Einsicht sein, da ja alles der Seele Zugehörige an und für sich weder nützlich noch schädlich ist, und erst, je nachdem Einsicht oder Unverstand hinzukommt, schädlich und nützlich wird. Demzufolge muss die Tugend, da sie ja etwas Nützliches ist, notwendig in gewisser Art Einsicht sein.
Sokrates: Und nun auch jene anderen Dinge, Reichtum und dergleichen, von denen wir vorhin gesagt haben, dass sie bald gut, bald schädlich seien, – wird nicht, wie die Einsicht, wenn sie die übrige Seele leitet, ihre Eigenschaften nützlich, der Unverstand aber schädlich macht, so auch nun wieder die Seele jene Dinge, wenn sie sie recht gebraucht und recht leitet, ebenso nützlich machen wie, wenn sie sie nicht recht gebraucht und leitet, schädlich?
Sokrates: Können wir denn nun nicht im allgemeinen so sagen, dass es für den Menschen bei allem anderen auf die Seele, bei den Eigenschaften der Seele selbst aber auf die Einsicht ankomme, wenn sie gut sein sollen? Und diesem Satze zufolge wäre dann wohl Einsicht das Nützliche. Wir behaupten ja, die Tugend sei etwas Nützliches?
Sokrates: Denn da träte auch wohl folgendes ein: Wenn die Guten von Natur würden, so gäbe es gewiss unter uns auch solche, welche von den jungen Leuten die ihrer Natur nach guten herauskennten: diese würden wir dann, ihrer Weisung gemäß, in Empfang nehmen, auf der Burg sie verwahren und ängstlicher unter Siegel halten als Gold, damit man sie uns ja nicht verderbe, sondern damit sie, sobald sie zum rechten Alter gelangt wären, den Staatenrecht nützlich würden.
Menon: Dieses dünkt mir die notwendige Folge zu sein. Offenbar, Sokrates, ist unserer Voraussetzung gemäß, wenn wirklich die Tugend Erkenntnis ist, sie etwas Lehrbares.
Sokrates: Allein nicht für eben vorhin nur darf sie uns richtig zu sein scheinen, sondern auch für jetzt und für die Folgezeit, wenn daran etwas Gesundes sein soll.
Sokrates: Ich will es dir sagen, Menon. Dass die Behauptung, die Tugend sei etwas Lehrbares, wenn sie einmal Erkenntnis ist, richtig sei, das will ich keineswegs zurücknehmen. Dagegen sieh zu, ob mein Zweifel, dass die Tugend Erkenntnis sei, dir nicht doch begründet erscheint. Denn sage mir einmal: Wenn irgend eine Sache lehrbar ist, nicht bloß die Tugend, muss es dann nicht notwendig für sie sowohl Lehrer als Schüler geben?
Sokrates: Und nun umgekehrt wieder werden wir nicht mit Grund annehmen, dass eine Sache, für welche es weder Lehrer noch Schüler gibt, nicht lehrbar sei?
Sokrates: Ich habe zwar oft schon danach gesucht, ob es nicht irgend Lehrer derselben gebe; aber obgleich ich alles getan habe, kann ich keinen finden. Und doch suche ich mit vielen ändern Leuten danach, und zwar vorzugsweise mit solchen, die meiner Meinung nach in dieser Sache am meisten Erfahrung besitzen. Und so ist es auch jetzt, Menon, in der Tat ein rechtes Glück für uns, dass sich da ein Mann bei uns niedergelassen hat, welchen wir mit in unsere Untersuchung ziehen können. Und wir werden ihn mit allem Recht beiziehen. Denn erstlich ist Anytos der Sohn eines reichen und weisen Vaters, des Anthemion, welcher seinen Reichtum nicht dem zufälligen Glücke, noch der Freigebigkeit eines anderen verdankt, wie da neuerdings erst der Thebaner Ismenias, welcher ja des Polykrates Schätze zum Geschenk bekommen hat, sondern der sein Vermögen durch seine Weisheit und Betriebsamkeit sich erwarb. Sodann gilt er auch sonst nicht für einen übermütigen oder aufgeblasenen und widerwärtigen Bürger, sondern für einen wohlanständigen und geordneten Mann. Sodann hat er auch diesen seinen Sohn gut erzogen und gebildet, wie das Volk der Athener bezeugt, das ihn ja zu den höchsten obrigkeitlichen Ämtern wählt. Es ist gewiss nur billig, mit solchen Männern nach Lehrern der Tugend zu suchen, ob es deren gebe oder nicht, und welche es seien. Untersuche also mit uns, Anytos, mit mir und diesem deinem Gastfreund Menon, welche Leute wohl Lehrer in diesem Stück sein könnten. Fasse es aber in folgender Weise ins Auge: Wenn wir den Menon da zu einem guten Arzt machen wollten, zu was für Lehrern würden wir ihn wohl schicken? Nicht wahr, zu den Ärzten?
Sokrates: Nun erkläre dich mir hierüber noch einmal auch in folgender Weise: Zu den Ärzten, sagen wir, würden wir ihn schicken, und mit Recht, wenn wir einen Arzt aus ihm machen wollten? Und wenn wir dieses sagen, wollen wir doch wohl sagen, dass es klug von uns sein würde, ihn lieber zu solchen zu schicken, welche Meister in dieser Kunst sein wollen, als zu solchen, die es nicht sein wollen, und zu solchen, die sich dafür einen Lohn bezahlen lassen und sich als Lehrer anbieten jedem, der kommen und bei ihnen lernen will? Würden wir nicht in Betracht dessen ihn mit Recht dahin schicken?
Sokrates: Ist es nicht auch mit dem Flötenspielen und allen übrigen Künsten ganz derselbe Fall? Gewiss wäre es großer Unverstand, wenn wir einen Flötenspieler aus einem machen wollten und dabei die Absicht hätten, ihn nicht zu denen zu schicken, welche sich anheischig machen, die Kunst zu lehren, und sich dafür einen Lohn bezahlen lassen, sondern irgend andere damit zu behelligen, dass er von solchen Unterricht suche, die sich weder für Lehrer ausgeben noch irgend einen Schüler haben in dem Unterrichtszweig, in welchem wir den, den wir hinschicken, unterrichtet zu sehen wünschen. Wäre das nicht deines Bedünkens eine große Torheit?
Sokrates: Gut gesagt! Und nun bist du in der Lage, mit mir gemeinschaftlich Rat zu pflegen über diesen deinen Gastfreund Menon. Derselbe versichert mir nämlich schon längst, Anytos, dass er nach jener Weisheit und Tugend Verlangen trage, vermöge welcher die Menschen ihre häuslichen und staatlichen Angelegenheiten recht verwalten, ihre Eltern versorgen und Bürger und Fremde auf eine eines rechtschaffenen Mannes würdige Weise zu empfangen und zu entlassen verstehen. Sieh nun zu, zu welchen Leuten wir ihn dieser Tugend wegen am besten schicken würden. Vielmehr nach dem eben Gesagten ist das klar, nämlich doch wohl zu solchen, welche sich anheischig machen, Lehrer der Tugend zu sein, und sich selbst ohne Unterschied jedem Hellenen, der diese erlernen will, dazu erbieten, auch einen Lohn dafür verlangen und sich bezahlen lassen?
Anytos: Beim Herakles, das wolle Gott nicht, Sokrates! Dass mir doch ja niemand von meinen Verwandten, Angehörigen oder Freunden unter den Bürgern oder Fremdlingen jemals die Tollheit begeht, zu diesen Leuten zu gehen und sich von ihnen verderben zu lassen! Denn das sind sie doch, das offenbare Verderben und Unheil derer, die mit ihnen umgehen!
Sokrates: Wie meinst du, Anytos? Also von allen denen, welche sich die Meisterschaft in einer heilsamen Kenntnis beimessen, sind diese einzig und allein so ganz verschieden, dass sie in dem, was man ihnen anvertraut, nicht nur keinen Nutzen, wie die anderen, sondern im Gegenteil noch Verderben schaffen? Und dafür vermessen sie sich noch ganz offen Geld zu nehmen? Nun, ich sehe nicht ein, wie ich dir das glauben soll. Denn ich weiß, dass der einzige Protagoras mit dieser seiner Weisheit mehr Geld verdient hat als Pheidias, der so ausgezeichnet schöne Werke verfertigte, und als noch zehn andere Bildhauer. Auch ist es doch seltsam, was du sagst, dass, während diejenigen, welche alte Schuhe flicken und Kleider ausbessern, wenn sie die Kleider und Schuhe schlechter zurückgäben, als sie sie bekommen haben, keine dreißig Tage lang unbemerkt bleiben könnten, sondern, wenn sie es so machten, in kurzer Zeit Hungers sterben würden, dagegen Protagoras also, ohne dass es ganz Hellas merkte, diejenigen, welche mit ihm umgingen, verderbte und schlechter entlassen haben soll, als er sie bekommen hatte, und das mehr als vierzig Jahre lang. Denn ich meine, er sei gestorben, nachdem er nahe an siebzig Jahre alt geworden und seine Kunst vierzig Jahre lang betrieben hatte. Und in dieser ganzen Zeit bis auf den heutigen Tag ist sein Ruhm um nichts vermindert worden. Und ebenso ist es nicht nur mit dem Protagoras, sondern noch mit gar vielen anderen, die teils vor ihm gewesen sind, teils noch jetzt leben. Sollen wir denn nun, nach dem, was du sagst, annehmen, dass sie die Jünglinge mit Wissen betrügen und verderben, oder dass sie es auch selbst nicht merken? Dürfen wir wirklich diejenigen für so unsinnig halten, von denen manche sagen, sie seien die weisesten der Menschen?
Anytos: Sie sind weit entfernt, Sokrates, die Unsinnigen zu sein, sondern vielmehr diejenigen sind es von den jungen Leuten, welche ihnen Geld geben, und noch mehr als diese sind es deren Angehörige, welche sie ihnen anvertrauen; aber am allermeisten sind es die Staaten, welche ihnen Zutritt bei sich gestatten und nicht vielmehr jeden, sei er ein Fremdling oder ein Stadtbürger, ausstoßen, wenn er so etwas zu tun versucht.
Sokrates: Wie kannst du doch also, du Wunderlicher, von dieser Sache wissen, ob etwas Gutes oder Schlimmes daran ist, wenn du damit ganz und gar unbekannt bist?
Sokrates: Ein Seher bist du wohl, Anytos; denn nach dem, was du selbst sagst, müsste ich mich wundern, wie du sonst etwas von diesen Leuten wissen kannst. Doch danach haben wir gar nicht gefragt, welches die Leute sind, durch welche Menon schlecht werden würde, wenn er zu ihnen käme. Diese mögen, wenn du willst, immerhin die Sophisten sein. Sondern nenne uns jene, und erzeige diesem alten Freunde deines Hauses die Guttat, ihm zu bezeichnen, zu welchen er in dieser großen Stadt gehen muss, um es in der Tugend, von der ich vorhin gesprochen habe, einigermaßen zu etwas zu bringen!
Sokrates: Ich habe ja diejenigen, von welchen ich meinte, dass sie Lehrer hierin seien, genannt; aber, wie du versicherst, ist ja an dem nichts, was ich sagte, und an dem, was du sagst, ist vielleicht etwas. So nenne ihm du nun auch deinerseits diejenigen unter den Athenern, zu welchen er gehen soll! Nenne einen Namen, welchen du willst!
Anytos: Was braucht er da doch den Namen eines Menschen zu hören? Denn mag er auch unter den edeln und tüchtigen Athenern begegnen, welchem er wollte, – es ist keiner darunter, der ihn nicht besser machen wird als die Sophisten, wenn er ihm folgen will.
Sokrates: Und diese Edeln und Tüchtigen, sind sie solche Leute ganz von sich selbst geworden, ohne von jemandem zu lernen, so zwar, dass sie dennoch imstande sind, das, was sie reibst nicht gelernt haben, andere zu lehren?
Anytos: Auch sie, nehme ich an, haben wieder von den Früheren, auch edeln und tüchtigen Männern, gelernt. Oder glaubst du nicht, dass der tüchtigen Männer in dieser Stadt immer viele gewesen sind?
Sokrates: Auch ich, Anytos, glaube wohl, dass es hier zu Staatsgeschäften tüchtige Männer gebe und nicht minder gegeben habe, als noch gebe. Aber sind sie wohl auch tüchtige Lehrer dieser ihrer Tugend gewesen? Denn dies ist es, wovon eigentlich unter uns die Rede war, nicht, ob es hier tüchtige Männer gebe oder nicht, auch nicht, ob es früher deren gegeben habe, – sondern ob die Tugend etwas Lehrbares sei, das untersuchen wir schon lange. Und diese Untersuchung hat uns auf die Frage geführt, ob die tüchtigen Männer von jetzt und von ehedem es verstanden haben, die Tugend, in welcher sie tüchtig waren, auch einem anderen mitzuteilen, oder ob die Tugend etwas ist, das sich dem Menschen nicht mitteilen lässt und das einer von dem ändern nicht bekommen kann? Dieses ist es, was wir, Menon und ich, schon lange untersuchen. Erwäge es nun einmal in folgender Weise gemäß deinen eigenen Äußerungen: Du gibst doch zu, dass Themistokles ein tüchtiger Mann gewesen sei?
Sokrates: Aber denkst du wohl, er habe nicht gewollt, dass auch andere edel und tüchtig würden, und ganz vorzüglich sein eigener Sohn? Oder denkst du, er habe es ihm mißgönnt und ihm geflissentlich die Tugend nicht mitgeteilt, in welcher er selbst tüchtig war? Oder hast du nicht gehört, dass Themistokles seinen Sohn Kleophantos zwar zu einem tüchtigen Reiter bilden ließ – er konnte Ja aufrecht auf dem Pferde stehen, aufrecht auf dem Pferde den Wurfspieß schleudern und sonst viele wunderbare Kunststücke machen, worin sein Vater ihn erziehen ließ, der ihn in allem geschickt machte, was tüchtiger Lehrer Sache war - , oder hast du das nicht von den älteren Leuten gehört?
Sokrates: Nun aber, dass Kleophantos, des Themistokles Sohn, darin ein tüchtiger und weiser Mann geworden sei, worin sein Vater es war, hast du das auch schon gehört von einem Jüngeren oder Älteren?
Sokrates: Sollen wir nun wohl denken, er habe seinen Sohn zwar in jenen Dingen erziehen lassen wollen, in der Weisheit aber, die er selbst besaß, habe er ihn um nichts besser haben wollen als seine Nachbarn, wenn doch die Tugend etwas Lehrbares wäre?
Sokrates: Da hast du also einen solchen Lehrer der Tugend, von dem du selbst zugibst, dass er unter den Früheren der Tüchtigste sei. Doch lass uns einen anderen ins Auge fassen, den Aristeides, des Lysimachos Sohn, – oder gibst du nicht zu, dass dieser ein tüchtiger Mann gewesen sei?
Sokrates: Hat nun nicht auch dieser seinen Sohn Lysimachos in allem, was irgend Sache von Lehrern war, aufs trefflichste unter den Athenern erziehen lassen, und doch – hat er nach deiner Ansicht einen besseren Menschen aus ihm gemacht, als jeder andere ist? Denn mit diesem hast du ja selbst Umgang gehabt und siehst ja, was für ein Mensch er ist. Und willst du noch den Perikles, den in so hohem Maße weisen Mann, so weißt du wohl, dass er zwei Söhne auferzog, den Paralos und den Xanthippos?
Sokrates: Diese ließ er, wie du ja selbst weißt, zu Reitern heranbilden, die keinem unter den Athenern nachstanden; auch ließ er sie in der Musik, im Wettkampf und in allem, was nur irgend Sache der Kunst ist, so gut unterrichten, dass sie keinem nachstanden. Aber tugendhafte Männer wollte er also nicht aus ihnen machen? Ich denke, er wollte es wohl, nur aber, dass das nichts Lehrbares ist. Du darfst ja nicht glauben, nur wenige und die Unbedeutendsten der Athener seien dieser Aufgabe nicht gewachsen gewesen; besinne dich nur, dass Thukydides ebenfalls zwei Söhne auferzogen hat, den Melesias und den Stephanos, und sie in allem wohl unterrichten ließ, dass diese auch unter allen Athenern die trefflichsten Ringer waren, denn den einen übergab er dem Xanthias, den ändern dem Eudoros. Diese aber galten damals für die trefflichsten Ringer. Oder erinnerst du dich nicht?
Sokrates: Ist es nun nicht ganz wunderbar, dass dieser seine Söhne zwar in dem, dessen Erlernung ihm Aufwand verursachte, hätte belehren lassen, in dem aber, was ihn nichts gekostet, nämlich tugendhafte Männer aus ihnen zu machen, sie ohne Belehrung gelassen hätte, wenn dieses etwas Lehrbares wäre? Aber war vielleicht Thukydides ein unbedeutender Mann und hatte nicht eben sehr viele Freunde unter den Athenern und den Bundesgenossen; Nein, er war aus einem großen Hause und vermochte Großes in der Stadt und unter den übrigen Hellenen, so dass, wenn jenes irgend lehrbar wäre, er gewiss einen aufgefunden hätte, der seine Söhne tugendhaft gemacht haben würde, entweder unter seinen Landsleuten einen oder unter den Fremden, wenn er ja selbst wegen Besorgung der Staatsgeschäfte keine Zeit dazu gefunden hätte. Allein ich fürchte, Freund Anytos, dass die Tugend eben nichts Lehrbares ist!
Anytos: O Sokrates, du scheinst es mir recht leicht zu nehmen, schlimm von den Leuten zu reden. Ich nun möchte dir wohl raten, wenn du mir folgen willst, dich in acht zu nehmen: denn vielleicht ist es zwar auch in einem anderen Staate leichter, den Leuten Böses zu tun als Gutes, doch nirgends mehr als hier. Ich denke, du weißt das auch selbst.
Sokrates: O Menon, Anytos scheint mir böse zu sein, und das wundert mich gar nicht. Denn fürs erste meint er, ich wolle diese Männer schmähen: sodann glaubt er auch selbst einer von ihnen zu sein. Doch er wird schon, wenn er es einmal erfährt, was übel reden heiße, aufhören, böse zu sein; jetzt kennt er es eben noch nicht. Nun aber, sage du mir einmal: Gibt es nicht auch bei euch edle und tüchtige Männer?
Sokrates: Wie nun? Sind diese geneigt, den jungen Leuten sich als Lehrer zu erbieten und sich selbst für Lehrer oder die Tugend für etwas Lehrbares auszugeben?
Menon: Eben das, Sokrates, schätze ich vorzugsweise am Gorgias, dass du von ihm gewiss niemals ein Versprechen der Art hörst. Vielmehr lacht er noch über die anderen, wenn er ihre Versprechungen hört. Wohl aber tüchtige Redner, meint er, müsse man bilden.
Sokrates: Weißt du aber auch, dass es nicht nur dir und anderen Staatsmännern so scheint, bald, die Tugend sei lehrbar, bald nicht, sondern auch von Theognis, dem Dichter, weißt du doch, dass er ganz dasselbe sagt?
Sokrates: Kannst du mir nun irgend einen anderen Gegenstand sagen, für welchen diejenigen, die sich als seine Lehrer ausgeben, nicht nur nicht als Lehrer anderer anerkannt werden, sondern nicht einmal als solche, die ihn selbst verstehen, vielmehr für untüchtig in eben diesem Gegenstand gelten, dessen Lehrer sie zu sein behaupten, – wogegen diejenigen, welche man selbst für trefflich und tüchtig anerkennt, von demselben behaupten, bald, er sei lehrbar, bald, er sei es nicht; Und von Leuten nun, die über einen Gegenstand dermaßen verworren sind, könntest du wohl behaupten, sie seien recht eigentlich seine Lehrer?
Sokrates: Wenn also nun weder die Sophisten noch die Trefflichen und Tugendhaften selbst Lehrer hierin sind, so gibt es doch wohl offenbar keine anderen?
Menon: Nicht, wie es scheint, wenn wir anders richtig untersucht haben, so dass ich mich verwundert frage, Sokrates, ob es wohl überhaupt keine tugendhaften Menschen gebe, oder wie wir uns doch wohl das Werden derer, welche tugendhaft werden, zu erklären haben?
Sokrates: Fast will es mir scheinen, lieber Menon, dass wir, du und ich, nicht viel miteinander taugen, und dass dich Gorgias, wie mich Prodikos, noch nicht gehörig geschult habe. Vor allem anderen lass uns daher unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst richten und uns untersuchen, wer uns doch auf irgend eine Weise, welche es auch sei, besser machen könne! Und ich sage dies mit Rücksicht auf unsere bisherige Untersuchung. Denn es ist zum Lachen, wie es uns entgangen ist, dass entweder die Menschen ihre Angelegenheiten keineswegs nur unter Leitung der Erkenntnis richtig und gut besorgen, oder aber (d.h. wofern wir nicht zugeben wollten, sie tun es nicht nur durch Erkenntnis, sondern noch durch etwas anderes), wir wohl darauf verzichten müssen, überhaupt zu erkennen, auf welche Weise die Menschen tugendhaft werden.
Sokrates: So: Dass die tugendhaften Menschen nützlich sein müssen, darüber haben wir uns doch mit Recht geeinigt, dass es nicht anders sich verhalte. Nicht wahr?
Sokrates: Der weitere Satz aber, dass es nicht möglich ist, richtig zu leiten, ohne einsichtsvoll zu sein, wird wohl einem Zugeständnis gleich sehen, das wir nicht richtig gemacht haben.
Sokrates: Ich will dir's sagen: Wenn einer, der den Weg nach Larissa, oder wohin du sonst irgend willst, weiß, dahin ginge und andere leitete, würde er sie nicht gewiss richtig und gut leiten?
Sokrates: Wie aber, wenn es einer täte, der zwar richtig meint, welches der Weg ist, aber ihn selbst noch nicht gegangen wäre und ihn auch nicht wüsste, – würde der nicht doch auch richtig leiten können?
Sokrates: Und solange dieser nur eine richtige Meinung hat von dem, wovon jener Erkenntnis besitzt, wird er, wenn er gleich das Wahre nur meint, nicht aber einsieht, noch kein schlechterer Leiter sein als der, der es einsieht.
Sokrates: Die wahre Meinung ist also zur Richtigkeit des Handelns noch gar keine schlechtere Leiterin als die Einsicht. Und dies ist es, was wir vorhin bei unserer Untersuchung über die Tugend, was sie ihrem Wesen nach sei, außer Acht gelassen haben, indem wir nämlich behaupteten, dass nur Einsicht zu richtigem Handeln leite, während dies doch auch wahre Meinung vermag.
Menon: Doch wohl insoweit, Sokrates, dass der, der die Erkenntnis besitzt, seinen Zweck immer erreichen wird, wer aber die richtige Meinung besitzt, ihn bald erreicht, bald auch nicht.
Menon: Notwendig freilich, wie es scheint, so dass ich mich wundern muss, Sokrates, warum, wenn dem so ist, die Erkenntnis doch soviel höher geschätzt wird als die richtige Meinung, und weshalb das eine von dem anderen unterschieden wird.
Sokrates: Von seinen Werken ein losgelassenes zu besitzen, das hat freilich ebensowenig besonderen Wert als ein entlaufener Sklave – denn es bleibt ja nicht da –, ein angebundenes aber ist viel wert; denn es sind überaus schöne Werke. – Was ich nun doch damit meine? Die wahren Meinungen! Denn auch die wahren Meinungen, solange sie dableiben, sind eine schöne Sache und bewirken lauter Gutes. Lange Zeit aber wollen sie nicht dableiben, sondern reißen aus aus der Seele des Menschen, so dass sie so lange nicht viel wert sind, bis man sie durch den Gedanken des Grundes anbindet. Das aber ist, Freund Menon, eben die Wiedererinnerung, wie wir uns im Früheren bereits verständigt haben. Hat man sie aber nun angebunden, so werden sie zuerst Erkenntnisse, sodann auch bleibend. Und deshalb nun ist Erkenntnis mehr wert als richtige Meinung, und es unterscheidet sich Erkenntnis von richtiger Meinung also durch dieses Band.
Sokrates: Nun, was ich jetzt sage, sage ich nicht als ein Wissender, sondern nur, wie ich's vermute. Dass aber richtige Meinung und Erkenntnis etwas Verschiedenes ist, das allerdings meine ich nicht bloß zu vermuten: sondern, wenn ich je behaupten wollte, irgend etwas zu wissen (und von nur wenigem möchte ich das behaupten), – dieses eine würde ich zu dem rechnen, was ich weiß.
Sokrates: Und wie nun? Recht nicht auch damit, dass die wahre Meinung, wenn sie leitet, in jedem Falle das Werk nicht schlechter vollführt als die Erkenntnis?
Sokrates: Um nichts schlechter also noch auch weniger nützlich für unsere Handlungen wird die wahre Meinung sein als die Erkenntnis, noch der, welcher eine wahre Meinung besitzt, als der, welcher Erkenntnis besitzt.
Sokrates: Da es nun ja aber doch tugendhafte und dem Staat nützliche Menschen, wofern es deren gibt, nicht nur durch Erkenntnis, sondern auch durch richtige Meinung geben dürfte, von diesen beiden aber weder das eine noch das andere den Menschen von Natur zukommt, weder Erkenntnis noch wahre Meinung, auch nicht Erworbenes, – oder dünkt dir wohl eines von beiden Naturgabe zu sein?
Sokrates: Richtig leiten aber können nur jene zwei, wahre Meinung und Erkenntnis, und diese müsse der Mensch besitzen, der richtig leiten wolle. Denn was aus Zufall geschieht, geschieht nicht durch menschliche Leitung. Das aber, wodurch ein Mensch ein Leiter zum Rechten wird, sind eben jene zwei: wahre Meinung und Erkenntnis.
Sokrates: Von den zweien also, die gut und nützlich sind, fallt das eine weg, und die Erkenntnis wird somit bei bürgerlichen Geschäften nicht wohl Leiterin sein können?
Sokrates: Nicht also vermöge einer gewissen Weisheit noch als Weise haben jene Männer die Staaten geleitet, Männer wie Themistokles und welche sonst dieser Anytos da eben genannt hat. Deshalb sind sie auch nicht imstande, aus ändern ebensolche Leute zu machen, wie sie selbst sind, weil sie das, was sie sind, nicht durch Erkenntnis sind.
Sokrates: Und nicht wahr, war's nicht durch Erkenntnis, so bleibt ja nur übrig das richtige Meinen, mit dessen Hilfe die Staatsmänner die Staatenrecht verwalten, während sie, was Einsehen betrifft, nicht anders daran sind als die Orakelsprecher und gottbegeisterten Wahrsager: denn auch diese reden viel Wahres, ohne dass sie etwas von dem, was sie reden, wissen.
Sokrates: Ist es nun, Menon, nicht billig, diese Männer göttlich zu nennen, da sie ja ohne vernünftige Einsicht vieles Große, was sie tun und reden, recht vollbringen?
Sokrates: Mit Recht können wir wohl die, welche wir eben genannt haben, die Orakelsprecher und Wahrsager und auch alle Dichter, göttlich nennen; und auch von den Staatsmännern dürften wir wohl in nicht minderem Grade behaupten, sie seien göttlich und begeistert, da sie von dem Gotte angehaucht und ergriffen sind, wenn sie durch ihre Reden viele große Dinge richtig ausführen, ohne etwas von dem, was sie reden, zu wissen.
Sokrates: Auch die Frauen, Menon, nennen ja die guten Männer göttlich; und die Lakedaimonier, wenn sie einen preisen wollen als einen tugendhaften Mann, sagen: »Das ist ein göttlicher Mann!«
Sokrates: Das kümmert mich nichts. Mit ihm, Menon, wollen wir schon ein andermal reden. – Wenn wir aber jetzt in unserem ganzen Gespräche richtig untersucht und uns recht ausgedrückt haben, so dürfte wohl die Tugend weder von Natur sein noch etwas Lehrbares sein, sondern denen, welchen sie zuteil wird ohne Zutun ihrer Vernunft, durch ein göttliches Geschick zuteil werden, es müsste denn unter den Staatsmännern einen geben, der auch einen ändern zum Staatsmann machen könnte. Gäbe es aber einen, so müsste man fast sagen, dass er unter den Lebenden eben das wäre, was Teiresias nach Homer unter den Toten sein soll, der von ihm sagt:
Sokrates: Gemäß unserem Schlüsse also, Menon, scheint es uns, dass die Tugend denen, welchen sie zuteil wird, durch ein göttliches Geschick zuteil werde. Das Sichere hierüber aber werden wir erst dann erkennen, wenn wir, statt zuerst zu fragen, auf welche Weise den Menschen die Tugend zuteil werde, zuvor zu untersuchen unternehmen, was die Tugend an und für sich sei. Jetzt aber ist es für mich Zeit, zu gehen. Du aber suche von dem, wovon du selbst dich überzeugt hast, auch deinen Gastfreund, den Anytos hier, zu überzeugen, damit er sanftmütiger werde! Und wenn du ihn überzeugst, wirst du ja auch den Athenern dich nützlich machen.
Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.
Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.
Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.
1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Sokrates: Ist es nun möglich, dass einer einen Staat oder ein Haus …«
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Genügt dir das, oder […] du es irgendwie anders?«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Sondern das eine Mal kannst du von ihnen hören, sie sei etwas Lehrbares, das andere Mal, sie sei es nicht.«
B: »Sokrates: Indem wir ihn also in Verlegenheit gesetzt und nach Art des Zitterrochens erzittern gemacht haben, haben wir ihm da wohl etwas geschadet?«
C: »Sokrates: Und wenn du das meinst, willst du damit dann behaupten, das Runde sei ebensowohl gerade als rund, oder das Gerade ebensowohl rund als gerade?«
7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Und wenn wir dieses sagen, wollen wir doch wohl sagen, dass es …«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sokrates: Wie kannst du doch also, du […], von dieser Sache wissen, ob etwas Gutes oder Schlimmes daran ist, wenn du damit ganz und gar unbekannt bist?«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »nachdem« in diesem Textausschnitt? »Sokrates: Wenn also die Tugend etwas der Seele Zugehörendes, es ihr aber notwendig ist, nützlich zu sein, so muss sie Einsicht sein, da ja alles der Seele Zugehörige an und für sich weder nützlich noch schädlich ist, und erst, je nachdem Einsicht oder Unverstand hinzukommt, schädlich und nützlich wird.«
10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Recht nicht auch damit, dass die wahre Meinung, wenn sie leitet, …«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Hat er ja doch selbst jedem Hellenen, der ihn was auch immer fragen wolle, sich dazu erboten und ist nie jemandem eine Antwort schuldig geblieben.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Hat er ja doch selbst jedem Hellenen, der ihn was auch immer fragen wolle, sich dazu erboten und ist nie jemandem eine Antwort schuldig geblieben.« und »in jedem Falle das Werk nicht schlechter vollführt als die Erkenntnis«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »erwägen und gemeinschaftlich untersuchen, was sie wohl sei«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Menon: Kannst du mir sagen, Sokrates, ist die Tugend lehrbar?«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Sokrates: Für uns aber hätte es sollen nur zweimal so groß werden.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Und wenn du ihn überzeugst, wirst du ja auch den Athenern dich nützlich machen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
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Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Vollständiger altgriechischer Text der bezeichneten kritischen Edition. Quellschreibweise und editorische Zeichen bleiben erhalten; TEI-Struktur wird für die Anzeige umgesetzt. Abschnittsgrenzen folgen ausschließlich wirklichen Quellenunterteilungen. Historische deutsche Übersetzung und griechische Quellenedition haben eigenständige Gliederungen.
Platon; John Burnet (Quellenedition); Perseus Digital Library, Tufts University, CC BY-SA4.0.
Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.
Welche Änderungen enthält die Lesefassung?
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.