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Buch - Menon - Platon

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Deutsche Übersetzung · Lesefassung

Menon

Platon

Menon fragt Sokrates, ob Tugend gelehrt werden kann. Der Dialog verbindet diese Frage mit dem Problem des Lernens und dem Unterschied zwischen richtiger Meinung und begründetem Wissen.

Philosophischer DialogKlasse 11–131 Abschnitte
Platon – antike Büste
Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗

Deutsche Übersetzung: Georgii, Ludwig

Hinweise für den Unterricht
  • Historische philosophische, religiöse und naturkundliche Aussagen sowie zeitgebundene gesellschaftliche Wertungen kritisch einordnen. Diese Texte vermitteln keine heutigen wissenschaftlichen, medizinischen oder rechtlichen Handlungsempfehlungen. Klassenangaben sind eine redaktionelle Orientierung.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 1

Menon

1
Platon
Vorlage S. 410
2
Menon
Vorlage S. 410
3
(Menôn)
Vorlage S. 410
4
Menon mit Gefolge · Sokrates · Ein Sklave des Menon · Zwischenhinein Anytos
Vorlage S. 413
5
Menon: Kannst du mir sagen, Sokrates, ist die Tugend lehrbar? Oder ist sie nicht lehrbar, sondern eine Sache der Übung? Oder ist sie weder Sache der Übung noch des Lernens, sondern etwas, das den Menschen von Natur oder auf irgend eine Weise sonst zuteil wird?
Vorlage S. 413
6
Sokrates: O Menon, vordem waren die Thessalier berühmt unter den Hellenen und Gegenstand der Bewunderung nur wegen ihrer Reitkunst und ihres Reichtums; jetzt aber sind sie es auch, wie mir scheint, wegen ihrer Weisheit, und zwar unter ihnen nicht am wenigsten die Larissaier, die Mitbürger deines Freundes Aristippos. Zu danken aber haben wir das dem Gorgias. Denn als dieser nach Larissa kam, gewann er sich seiner Weisheit wegen die Liebe der Vornehmsten nicht nur unter den Aleuaden, zu denen auch dein Liebhaber Aristippos gehört, sondern unter den Thessaliern überhaupt. Auch habt ihr ja von ihm jene Sitte angenommen, furchtlos und mit edlem Freimut zu antworten, wenn jemand etwas fragt, so wie man es von Leuten erwarten kann, welche etwas wissen. Hat er ja doch selbst jedem Hellenen, der ihn was auch immer fragen wolle, sich dazu erboten und ist nie jemandem eine Antwort schuldig geblieben. Hier aber, mein lieber Menon, hat sich nun alles umgekehrt gemacht. Es ist sozusagen eine Weisheitsteuerung ausgebrochen, und fast sieht es aus, als ob die Weisheit aus hiesigen Landen zu euch entwichen sei. Wenigstens wenn du bei uns jemandem jene Frage vorlegen würdest, würde jedermann in Lachen ausbrechen und sagen: »O Fremdling, wie es scheint, hältst du mich für der Glücklichen einen, welche etwas wissen, wenigstens von der Tugend, ob sie lehrbar sei, oder auf welche Weise man ihrer sonst teilhaftig werde. Ich aber, weit entfernt, dass ich wüsste, ob sie lehrbar oder nicht lehrbar ist, weiß ja nicht einmal so viel, was überhaupt Tugend ist.«
Vorlage S. 413
7
Und auch mir selbst, Menon, geht es nicht besser. Ich bin in dieser Hinsicht so arm wie meine Mitbürger und muss mich selbst darüber anklagen, dass ich so gar nichts von der Tugend weiß. Weiß ich aber von etwas nicht, was es ist, – wie könnte ich wissen, wie beschaffen es ist? Oder hältst du es wohl für möglich, dass einer, der den Menon von Person ganz und gar nicht kennt, doch wisse, ob er schön, ob er reich, ob er ein edler Mensch, oder auch, ob er das Gegenteil hiervon sei? Hältst du das für möglich?
Vorlage S. 413
8
Menon: Gewiss nicht! Aber du, Sokrates, weißt du in der Tat nicht einmal, was Tugend ist? Und dürfen wir dir das auch zu Hause bei uns nachsagen?
Vorlage S. 413
9
Sokrates: Ja, nicht nur das, mein Freund, sondern dass ich auch sonst meines Bedünkens noch nirgends mit einem zusammengetroffen bin, der es wusste.
Vorlage S. 413
10
Menon: Wieso? Bist du nicht mit dem Gorgias zusammengetroffen, als er hier war?
Vorlage S. 413
11
Sokrates: Doch.
Vorlage S. 413
12
Menon: Nun, und du glaubst nicht, dass er es gewusst habe?
Vorlage S. 413
13
Sokrates: Mein Gedächtnis ist nicht eben das beste, Menon, weshalb ich dir im Augenblick nicht sagen kann, was ich damals glaubte. Nun, vielleicht weiß er es auch, sowie du weißt, was er gesprochen hat. Erinnere mich also nur wieder daran, wie er sich ausgedrückt hat; oder wenn du lieber willst, so sag es selber! Denn du bist ja doch derselben Ansicht wie er.
Vorlage S. 413
14
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 413
15
Sokrates: So wollen wir ihn denn jetzt beiseite lassen, da er ja doch nicht zugegen ist. – Du selbst aber, Menon, bei den Göttern, was sagst du, dass die Tugend sei? Sprich und mißgönne mir es nicht, damit ich der glücklichsten Lüge schuldig erfunden werde, wenn es sich herausstellt, dass ihr, du und Gorgias, es wisst, während ich versichert habe, noch niemals mit einem zusammengetroffen zu sein, der es weiß.
Vorlage S. 413
16
Menon: Aber das in ja. nicht schwer zu sagen, Sokrates. Fürs erste, wenn du die Tugend des Mannes meinst, so ist sie leicht zu bestimmen: Die Tugend des Mannes nämlich ist, dass er geschickt sei, die Angelegenheiten des Staates zu verwalten und mittelst ihrer Verwaltung seinen Freunden Gutes zu tun, seinen Feinden aber Böses, und dabei selbst auf der Hut zu sein, dass ihm nichts dergleichen widerfahre. Meinst du aber die Tugend des Weibes, so ist es nicht schwer, diese zu beschreiben: Sie muss nämlich ihr Hauswesen wohl besorgen, indem sie im Innern alles in gutem Stand erhält und ihrem Manne gehorsam ist. Eine andere Tugend ist dann die des Kindes, sowohl des männlichen als des weiblichen, ebenso die des älteren Mannes, und je nachdem du meinst, die des Freien oder, wenn du meinst, die des Sklaven. Und so gibt es noch sehr viele andere Tugenden, so dass man gar nicht in Verlegenheit kommen kann, von der Tugend zu sagen, was sie ist. Denn für jede Handlungsweise und für jedes Alter gibt es bei jedem Geschäft für jeden von uns seine Tugend, ebenso aber glaube ich, mein Sokrates, auch seine Untugend.
Vorlage S. 413
17
Sokrates: Da bin ich ja, wie es scheint, recht glücklich gewesen, Menon, dass ich, indem ich nach einer Tugend frage, einen ganzen Schwarm von Tugenden, die an dir hängen, gefunden habe. Allein, Menon, wenn ich, um bei dem Bilde von den Schwärmen zu bleiben, nun nach dem Wesen der Biene fragen würde, was sie denn sei, und du mir nun sagen würdest, dass es viele und mancherlei Bienen gebe, – was würdest du mir wohl erwidern auf die weitere Frage: »Behauptest du denn, dass der Grund davon, dass es viele, mancherlei und von einander verschiedene Bienen gebe, darin liege, dass sie Bienen sind? Oder beruht nicht ihr Unterschied vielmehr gar nicht hierin, sondern in etwas anderem, z.B. in ihrer Schönheit oder ihrer Größe oder sonst einem Merkmal dieser Art?« Sprich, was würdest du auf diese Frage wohl antworten?
Vorlage S. 414
18
Menon: Das, dass sie sich nicht eine von der anderen unterscheiden, sofern sie Bienen sind.
Vorlage S. 414
19
Sokrates: Und wenn ich nun weiter sagte: »So sag mir nun auch das, Menon: was ist nach deiner Behauptung das, worin sie sich nicht von einander unterscheiden, sondern worin alle sich gleich sind?« – könntest du mir es wohl sagen?
Vorlage S. 414
20
Menon: Gewiss.
Vorlage S. 414
21
Sokrates: Dieselbe Bewandtnis nun hat es auch mit den Tugenden. Wenn es deren auch viele und mancherlei gibt, so haben sie doch sämtlich einen und denselben Begriff, vermöge dessen sie Tugenden sind, und diesen hat derjenige wohl ins Auge zu fassen, welcher jene Frage beantworten und es richtig bestimmen will, was die Tugend wirklich ist. Oder verstehst du nicht, was ich meine?
Vorlage S. 414
22
Menon: Ich glaube dich schon zu verstehen; doch habe ich deine Frage noch nicht so gefasst, wie ich es wünsche.
Vorlage S. 415
23
Sokrates: Und hast du wohl nur von der Tugend jene Ansicht, Menon, dass die des Mannes eine andere sei, und wieder eine andere die des Weibes und so weiter, oder auch von der Gesundheit und von der Größe und von der Stärke? Dünkt dir auch die Gesundheit des Mannes eine andere zu sein als die des Weibes? Oder ist es nicht überall derselbe Begriff, wenn einmal von Gesundheit die Rede, möge sie nun bei einem Manne oder bei irgend wem sonst sich finden?
Vorlage S. 415
24
Menon: Die Gesundheit scheint mir allerdings beim Mann und Weib dieselbe zu sein.
Vorlage S. 415
25
Sokrates: Und nun nicht auch die Größe und die Stärke? Wenn ein Weib stark ist, wird sie nicht vermöge desselben Begriffs und derselben Stärke stark sein? Den Ausdruck vermöge derselben verstehe ich nämlich so: es macht für die Stärke, dass sie Stärke sei, gar keinen Unterschied, ob sie bei einem Mann oder ob sie bei einem Weibe sich findet. Oder meinst du, es mache einen Unterschied?
Vorlage S. 415
26
Menon: Doch nicht.
Vorlage S. 415
27
Sokrates: Für die Tugend aber, dass sie Tugend sei, soll es einen Unterschied machen, ob sie bei einem Knaben sich finde oder bei einem Alten, ob bei einem Weibe oder bei einem Mann?
Vorlage S. 415
28
Menon: Allerdings, Sokrates, scheint mir hier nicht das gleiche Verhältnis zu sein wie in jenen anderen Fällen.
Vorlage S. 415
29
Sokrates: Wieso? Hast du nicht gesagt, die Tugend des Mannes bestehe darin, den Staat, die des Weibes darin, das Haus wohl zu verwalten?
Vorlage S. 415
30
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 415
31
Sokrates: Ist es nun möglich, dass einer einen Staat oder ein Haus oder was sonst immer wohl verwalte, wenn er es nicht weise und gerecht verwaltet?
Vorlage S. 415
32
Menon: Nichtwohl.
Vorlage S. 415
33
Sokrates: Und nicht wahr, wenn man nun weise und gerecht verwalten will, muss man es mit Weisheit und Gerechtigkeit tun?
Vorlage S. 415
34
Menon: Notwendig.
Vorlage S. 415
35
Sokrates: Beide also, der Mann und das Weib, müssen, wofern sie tugendhaft sein wollen, dieselben Eigenschaften haben, nämlich Gerechtigkeit und Weisheit.
Vorlage S. 416
36
Menon: Offenbar.
Vorlage S. 416
37
Sokrates: Wie aber, ein Kind und ein Greis, wenn sie ausgelassen und ungerecht sind, werden die wohl irgend als tugendhaft erscheinen?
Vorlage S. 416
38
Menon: Nichtwohl.
Vorlage S. 416
39
Sokrates: Aber wenn sie weise und gerecht sind?
Vorlage S. 416
40
Menon: Ja.
Vorlage S. 416
41
Sokrates: Demnach sind alle Menschen in derselben Weise tugendhaft: denn indem sie dieselben Eigenschaften haben, erscheinen sie als tugendhaft.
Vorlage S. 416
42
Menon: So scheint es.
Vorlage S. 416
43
Sokrates: Gewiss aber wären sie, wenn ihre Tugend nicht dieselbe wäre, nicht in derselben Weise tugendhaft.
Vorlage S. 416
44
Menon: Gewiss nicht.
Vorlage S. 416
45
Sokrates: Da hiernach die Tugend aller Menschen eine und dieselbe ist, so versuche es zu sagen und dich darauf zu besinnen, was Gorgias behauptet, dass sie sei, und du mit ihm!
Vorlage S. 416
46
Menon: Was anderes doch, als dass man imstande sei, über die Menschen zu herrschen? – wenn du denn durchaus eine für alle Fälle gültige Bestimmung haben willst.
Vorlage S. 416
47
Sokrates: Die will ich allerdings. Aber ist nun das auch die Tugend eines Kindes, Menon, und eines Sklaven, imstande zu sein, über den Gebieter zu herrschen? Und würde dir der, welcher herrscht, noch ein Sklave zu sein scheinen?
Vorlage S. 416
48
Menon: Nicht wohl, Sokrates, wie mir dünkt.
Vorlage S. 416
49
Sokrates: Nein, das lässt sich nicht annehmen, mein Bester. Denn bedenke auch das noch: du sagst, imstande zu sein zu herrschen. Wollen wir nicht hier sogleich hinzusetzen: und zwar gerecht, nicht aber ungerecht?
Vorlage S. 416
50
Menon: Ich denke wohl: denn die Gerechtigkeit, Sokrates, ist Tugend.
Vorlage S. 416
51
Sokrates: Die Tugend, Menon, oder eine Tugend?
Vorlage S. 416
52
Menon: Wie meinst du das?
Vorlage S. 416
53
Sokrates: Wie bei allem anderen, z.B. wenn du willst, von der Rundung würde ich wohl etwa sagen, es sei eine Figur, nicht aber so schlechtweg, sie sei die Figur. Und zwar würde ich deshalb so sagen, weil es noch andere Figuren gibt.
Vorlage S. 416
54
Menon: Und ganz richtig würdest du dich so ausdrücken; wie ja auch ich annehme, nicht nur dass die Gerechtigkeit eine Tugend ist, sondern dass es auch noch andere Tugenden gibt.
Vorlage S. 417
55
Sokrates: Welche andere? Sprich, wie auch ich dir noch andere Figuren nennen wollte, wenn du es von mir verlangtest! Nenne also auch du mir noch andere Tugenden!
Vorlage S. 417
56
Menon: Nun, so scheint mir die Tapferkeit eine Tugend zu sein, auch die Besonnenheit und Weisheit, und die Großmut, und so noch sehr viele andere.
Vorlage S. 417
57
Sokrates: Abermals ist uns da, Menon, dasselbe widerfahren: Wir haben wieder viele Tugenden gefunden, während wir eine suchen, nur in anderer Weise als vorhin. Die eine aber, die alle diese begreift, können wir nicht auffinden.
Vorlage S. 417
58
Menon: Diese eine alle Fälle begreifende Tugend, wonach du fragst, Sokrates, kann ich freilich noch nicht auffassen, so wie man es bei ändern Gegenständen kann.
Vorlage S. 417
59
Sokrates: Es scheint so. Aber ich will den Versuch machen, wenn ich es vermag, uns der Sache näher zu bringen. Das begreifst du doch wohl, dass es sich bei allem folgendermaßen verhält: Wenn jemand dir über das, wovon ich vorhin sprach, die Frage stellt: »Was ist die Figur, Menon?« und du dann sprächest: »Die Rundung«, und er dann ebenso wie ich erwiderte: »Ist die Rundung die Figur oder eine Figur?« – so würdest du wohl antworten, dass es eine Figur sei.
Vorlage S. 417
60
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 417
61
Sokrates: Nicht wahr, deswegen, weil es noch andere Figuren gibt?
Vorlage S. 417
62
Menon: Ja.
Vorlage S. 417
63
Sokrates: Und wenn er dich weiter fragte: »Was für eine?« – so würdest du sie angeben.
Vorlage S. 417
64
Menon: Freilich.
Vorlage S. 417
65
Sokrates: Und wiederum, wenn er dich in gleicher Weise befragte, was die Farbe sei, und du antworten würdest: »Das Weiße«, und er nun weiter zu fragen fortführe: »Ist das Weiße die Farbe oder eine Farbe?« – so würdest du wohl sagen, es sei eine Farbe, weil es ja noch andere gibt?
Vorlage S. 417
66
Menon: Freilich.
Vorlage S. 417
67
Sokrates: Und wenn er von dir verlangte, du solltest andere Farben angeben, so würdest du ihm solche andere angeben, die gewiss ebensogut Farben sind als das Weiße?
Vorlage S. 418
68
Menon: Ja.
Vorlage S. 418
69
Sokrates: Wenn er dann, wie ich, die Rede wieder aufnähme und spräche: »Immer kommen wir auf vieles; aber so will ich es nicht; sondern da du dieses viele mit einem Namen bezeichnest und versicherst, es sei keines darunter, das nicht Figur sei, und zwar selbst, wenn sich die einzelnen entgegengesetzt wären, – was ist doch das, was das Runde ebensogut unter sich begreift als das Gerade, das, was du eben Figur nennst, von dem du versicherst, dass das Gerade ebensogut Figur sei als das Runde?« Oder meinst du nicht also?
Vorlage S. 418
70
Menon: Freilich.
Vorlage S. 418
71
Sokrates: Und wenn du das meinst, willst du damit dann behaupten, das Runde sei ebensowohl gerade als rund, oder das Gerade ebensowohl rund als gerade?
Vorlage S. 418
72
Menon: O nicht doch, Sokrates.
Vorlage S. 418
73
Sokrates: Aber das behauptest du doch, dass das Gerade ebensowohl Figur ist als das Runde, und dieses ebensowohl als jenes?
Vorlage S. 418
74
Menon: Da hast du recht.
Vorlage S. 418
75
Sokrates: Was ist denn nun also das, was diesen Namen Figur führt? Versuche es mir zu erklären! Wenn du also einem, der diese Frage stellt, über die Figur oder auch über die Farbe, antworten würdest: »Aber ich begreife ja nicht einmal, was du willst, Mensch, noch verstehe ich, was du meinst!« – so würde er sich ohne Zweifel wundern und antworten: »Du begreifst nicht, dass ich das aufsuche, was in allen jenen Einzelnen dasselbe ist?« Oder würdest du, Menon, auch darauf nichts zu sagen wissen, wenn jemand die Frage stellte: »Was ist im Runden und Geraden und in allem übrigen, was du irgend als Figur bezeichnest, immer dasselbe?« Versuche es einmal auszusprechen, damit du für die Antwort, die dann hinsichtlich der Tugend am Platze ist, einen Vorgang hast!
Vorlage S. 418
76
Menon: Nicht doch, Sokrates, sondern sprich du's aus!
Vorlage S. 418
77
Sokrates: Soll ich dir die Freude machen?
Vorlage S. 418
78
Menon: O ja doch!
Vorlage S. 418
79
Sokrates: Wirst du es dann auch mir aussprechen wollen hinsichtlich der Tugend?
Vorlage S. 418
80
Menon: Gewiss.
Vorlage S. 419
81
Sokrates: So will ich mir denn Mühe geben; es lohnt sich ja schon.
Vorlage S. 419
82
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 419
83
Sokrates: Wohlan denn, versuchen wir es also, dir auszusprechen, was Figur ist! Sieh also zu, ob du mit folgender Erklärung zufrieden bist: Figur, sagen wir, sei das, was unter allem Seienden allein der Farbe immer nachfolgt. Genügt dir das, oder verlangst du es irgendwie anders? Ich wäre schon ganz zufrieden, wenn du mir die Tugend so erklären möchtest.
Vorlage S. 419
84
Menon: Aber das, Sokrates, ist ja ganz einfältig.
Vorlage S. 419
85
Sokrates: Wie meinst du?
Vorlage S. 419
86
Menon: Also Figur soll nach deiner Bestimmung sein, was immer der Farbe nachfolgt. Gut! Aber wenn nun einer versicherte, er wisse nicht, was die Farbe sei, und darüber ebenso im Ungewissen wäre wie über die Figur, – was, denkst du, wäre dann deine Antwort gewesen?
Vorlage S. 419
87
Sokrates: Doch das Richtige, denke ich! Und wenn nun der Frager gar einer von den Sophisten und Eristikern und Kampfrednern wäre, so würde ich ihm antworten: »Ich habe das meine gesagt; habe ich den rechten Ausdruck nicht getroffen, so ist es nun an dir, das Wort zu nehmen und mich zu widerlegen.« Sind es aber Freunde, welche sich wie jetzt ich und du mit einander besprechen wollten, so müsste die Antwort wohl auch freundlicher und der Dialektik gemäßer lauten. Es ist aber ohne Zweifel der Dialektik gemäßer, nicht nur die richtige Antwort zu geben, sondern sie auch in Ausdrücken zu geben, von denen der Fragende zugibt, dass er sie verstehe. Ich will es also versuchen, dir eine solche Erklärung zu geben. Sage mir also: du nennst doch etwas Ende? Ich meine etwa das, was die Grenze und das Letzte ist; das alles nehme ich gleichbedeutend. Prodikos würde vielleicht da schon mit uns nicht übereinstimmen. Aber du brauchst doch von Etwas den Ausdruck begrenztsein und ein Ende haben? Und dieses, nicht etwas Vieldeutiges, Schillerndes, ist es, was ich meine.
Vorlage S. 419
88
Menon: Allerdings brauche ich den Ausdruck, und ich glaube zu verstehen, was du meinst.
Vorlage S. 419
89
Sokrates: Und weiter! Auch Fläche nennst du etwas, und etwas anderes wieder Körper, wie man diese Ausdrücke in der Geometrie braucht?
Vorlage S. 420
90
Menon: O ja.
Vorlage S. 420
91
Sokrates: Schon hieraus dürftest du demnach verstehen, was ich Figur nenne. Von jeder Figur nämlich behaupte ich: was den Körper begrenze, das sei Figur, oder kurz gefasst, Figur sei die Grenze des Körpers.
Vorlage S. 420
92
Menon: Was aber nennst du Farbe, Sokrates?
Vorlage S. 420
93
Sokrates: Du wirst übermütig, Menon! Einem alten Mann gibst du allerlei schwierige Sachen zum Beantworten auf, selbst aber magst du dich nicht ein mal so weit besinnen, um zu sagen, was Gorgias meine, dass die Tugend sei.
Vorlage S. 420
94
Menon: Nun, sobald du mir dieses erklärt hast, Sokrates, werde ich dir's sagen.
Vorlage S. 420
95
Sokrates: Auch mit verbundenen Augen, Menon, müsste einer, wenn du eine Unterredung führst, merken, dass du schön bist und noch Liebhaber hast.
Vorlage S. 420
96
Menon: Wieso?
Vorlage S. 420
97
Sokrates: Weil du bei deinen Reden immer nur aufgibst, ganz wie es jene Verwöhnten machen, welche, solange sie noch in ihrer Blüte stehen, die Gebieter spielen. Auch hast du es mir ohne Zweifel schon angemerkt, dass ich den Schönen nicht widerstehen kann. Ich will dir also die Freude machen und antworten.
Vorlage S. 420
98
Menon: O ja, mach mir die Freude!
Vorlage S. 420
99
Sokrates: Willst du nun, dass ich dir in der Weise des Gorgias antworte, wobei du doch am besten wirst folgen können?
Vorlage S. 420
100
Menon: Wohl, warum denn nicht?
Vorlage S. 420
101
Sokrates: Nicht wahr, ihr nehmt nach Empedokles gewisse Ausflüsse an von allem, was ist?
Vorlage S. 420
102
Menon: Ganz richtig.
Vorlage S. 420
103
Sokrates: Und Gänge, in welche und durch welche diese Ausflüsse gehen?
Vorlage S. 420
104
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 420
105
Sokrates: Und dass die einen dieser Ausflüsse zu einigen der Gänge passen, die ändern aber zu klein oder zu groß seien?
Vorlage S. 420
106
Menon: So ist es.
Vorlage S. 420
107
Sokrates: Nicht wahr, du nennst auch etwas Gesicht?
Vorlage S. 421
108
Menon: Ja.
Vorlage S. 421
109
Sokrates: Hieraus nun vernimm, was ich sprach, sagt Pindar: Farbe nämlich ist der dem Gesicht entsprechende und wahrnehmbare Ausfluß von den Figuren.
Vorlage S. 421
110
Menon: Aufs beste, Sokrates, hast du meines Erachtens diese Antwort abgefaßt.
Vorlage S. 421
111
Sokrates: Vielleicht ist sie eben in einer dir beliebten Weise abgefaßt. Zugleich begreifst du, wie ich denke, dass du nach derselben auch die Stimme zu erklären vermöchtest, was sie ist, und den Geruch, und vieles andere der Art.
Vorlage S. 421
112
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 421
113
Sokrates: Im Stil der Tragödie, Menon, ist diese Antwort ja gefasst, daher gefällt sie dir auch so viel mehr als die über die Figur.
Vorlage S. 421
114
Menon: Wohl!
Vorlage S. 421
115
Sokrates: Nach meiner Überzeugung aber, du Sohn des Alexidemos, ist nicht jene, sondern diese die bessere. Und ich glaube, sie würde auch dir nicht so erscheinen, wenn du nicht, wie du gestern gesagt hast, genötigt wärest, vor den Mysterien fortzugehen, sondern bleiben und dich weihen lassen könntest.
Vorlage S. 421
116
Menon: Gewiss, ich würde wohl bleiben, Sokrates, wenn du mir vieles von der Art erklären wolltest.
Vorlage S. 421
117
Sokrates: Nun, am guten Willen werde ich es gewiss nicht fehlen lassen, um sowohl dir als mir zuliebe dergleichen zu erklären; nur dass ich eben nicht imstande sein werde, vieles dergleichen zu erklären. – Aber wohlan, versuche nun auch du, mir dein Versprechen zu erfüllen und zu sagen, was, als Ganzes betrachtet, die Tugend ist, und höre auf, aus dem einen vieles zu machen, wie man allemal im Spott von denen sagt, die etwas zerbrechen; lass sie vielmehr ganz und gesund und sage, was die Tugend ist! Die Muster dafür hast du ja von mir erhalten.
Vorlage S. 421
118
Menon: Nun ja, Sokrates, Tugend dünkt mir zu sein, wie der Dichter sagt, sich freuen des Schönen, und es vermögen. Auch ich nenne das Tugend, dass man des Schönen begehrt und es sich zu erwerben vermag.
Vorlage S. 421
119
Sokrates: Willst du damit sagen, dass, wer des Schönen begehrt, nach dem Guten begierig sei?
Vorlage S. 421
120
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 422
121
Sokrates: Wohl so, als ob es einige gebe, welche das Böse begehren, andere aber, welche das Gute begehren? Nicht alle, mein Bester, scheinen dir das Gute zu begehren?
Vorlage S. 422
122
Menon: Mir nicht.
Vorlage S. 422
123
Sokrates: Sondern einige das Böse?
Vorlage S. 422
124
Menon: Ja.
Vorlage S. 422
125
Sokrates: Willst du damit sagen, weil sie meinen, das Böse sei gut, oder aber, dass sie zwar erkennen, dass es Böses ist, und es doch begehren?
Vorlage S. 422
126
Menon: Beides, dünkt mich.
Vorlage S. 422
127
Sokrates: Wirklich, Menon, glaubst du, dass einer, der das Böse erkennt, dass es böse ist, es doch begehre?
Vorlage S. 422
128
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 422
129
Sokrates: Was verstehst du denn unter »begehren«? Gewiss, dass es ihm zuteil werde?
Vorlage S. 422
130
Menon: Dass es ihm zuteil werde; was sonst doch?
Vorlage S. 422
131
Sokrates: Und zwar, indem er glaubt, das Böse nütze demjenigen, dem es zuteil wird? Oder, indem er von dem Bösen die Erkenntnis hat, dass es dem schade, bei dem es sich findet?
Vorlage S. 422
132
Menon: Einige wohl, indem sie glauben, das Böse nütze, andere auch, indem sie erkennen, dass es schadet.
Vorlage S. 422
133
Sokrates: Und scheinen dir wirklich diejenigen von dem Bösen die Erkenntnis zu haben, dass es böse ist, welche glauben, dass das Böse nütze?
Vorlage S. 422
134
Menon: Das glaube ich denn doch gar nicht.
Vorlage S. 422
135
Sokrates: So ist denn doch klar, dass Dinge, welche es nicht kennen, nicht das Böse begehren, sondern vielmehr das, was sie für gut halten, während es böse ist; so dass diejenigen, welche es nicht kennen und es für gut halten, offenbar eigentlich das Gute begehren. Oder nicht?
Vorlage S. 422
136
Menon: Fast scheint es so.
Vorlage S. 422
137
Sokrates: Und weiter: Diejenigen, welche das Böse begehren, wie du behauptest, während sie doch glauben, dass das Böse dem schade, welchem es zuteil wird, erkennen doch wohl, dass sie von ihm Schaden nehmen werden?
Vorlage S. 422
138
Menon: Notwendig.
Vorlage S. 422
139
Sokrates: Diese aber, halten sie nicht die, welche Schaden leiden, für elend, sofern sie Schaden leiden?
Vorlage S. 423
140
Menon: Notwendig auch das.
Vorlage S. 423
141
Sokrates: Halten sie die Elenden aber nicht für unglücklich?
Vorlage S. 423
142
Menon: Ich meine doch.
Vorlage S. 423
143
Sokrates: Gibt es nun einen Menschen, welcher elend und unglücklich sein will?
Vorlage S. 423
144
Menon: Ich denke nicht, Sokrates.
Vorlage S. 423
145
Sokrates: Niemand also will das Böse, Menon; wenn anders er nicht ein solcher sein will. Denn was heißt elend sein anders, als das Böse begehren und es besitzen?
Vorlage S. 423
146
Menon: Fast scheint es, du habest recht, Sokrates, und niemand wolle das Böse.
Vorlage S. 423
147
Sokrates: Hast du nun nicht eben gesagt, die Tugend sei »das Gute sowohl wollen als es vermögen«?
Vorlage S. 423
148
Menon: Das sagte ich.
Vorlage S. 423
149
Sokrates: Und nicht wahr, das eine Stück dieser Erklärung, das Wollen, kommt allen zu, und in dieser Beziehung ist der eine um nichts besser als der andere?
Vorlage S. 423
150
Menon: Sichtlich.
Vorlage S. 423
151
Sokrates: Sondern es ist klar, dass, wenn einer besser ist als der andere, er ihn hinsichtlich des Vermögens übertreffen müsste?
Vorlage S. 423
152
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 423
153
Sokrates: Die Tugend ist also, wie es scheint, deiner Bestimmung gemäß das Vermögen, sich das Gute zu erwerben.
Vorlage S. 423
154
Menon: Allerdings, Sokrates, scheint es mir so sich zu verhalten, wie du jetzt annimmst.
Vorlage S. 423
155
Sokrates: So wollen wir denn nun sehen, ob du auch recht damit hast. Vielleicht ist es gut gesagt. – Also imstande sein, das Gute sich zu erwerben, das, sagst du, sei Tugend?
Vorlage S. 423
156
Menon: Ja.
Vorlage S. 423
157
Sokrates: Gutes aber, nicht wahr, nennst du z.B. die Gesundheit und den Reichtum; Auch meine ich, Gold und Silber besitzen und Ehrenstellen im Staat und obrigkeitliche Ämter? Oder verstehst du irgend andere Dinge unter dem Guten als solche?
Vorlage S. 423
158
Menon: Nein, sondern alles der Art verstehe ich dar unter.
Vorlage S. 423
159
Sokrates: Gut! Also Gold und Silber sich erwerben ist Tugend, wie Menon behauptet, von Eltern her der Gastfreund des Großkönigs. Fügst du nun diesem Erwerben, Menon, etwa noch das Merkmal gerecht und gewissenhaft bei? Oder macht dir dieses keinen Unterschied und nennst du, auch wenn es einer auf ungerechte Weise sich erwirbt, das doch ebensogut Tugend?
Vorlage S. 424
160
Menon: Ja nicht, Sokrates, sondern das nenne ich Schlechtigkeit.
Vorlage S. 424
161
Sokrates: Unter allen Umständen also muss, wie es scheint, bei diesem Erwerben Gerechtigkeit, oder Besonnenheit, oder Frömmigkeit, oder irgend ein anderer Teil von Tugend dabei sein; wo nicht, so wird solche Tugend keine Tugend sein, wenn sie gleich Gutes erwirbt.
Vorlage S. 424
162
Menon: Wie könnte es denn auch eine Tugend ohne jene Merkmale geben?
Vorlage S. 424
163
Sokrates: Und auch Gold und Silber, wenn es nicht gerecht ist, sich selbst oder einem anderen nicht erwerben, – ist nicht selbst dieser Nichterwerb Tugend?
Vorlage S. 424
164
Menon: Offenbar.
Vorlage S. 424
165
Sokrates: Also wäre der Erwerb solcher Güter noch um nichts eher Tugend als der Nichterwerb; sondern, wie es scheint, was mit Gerechtigkeit geschieht, wird Tugend sein, was aber ohne irgend etwas dieser Art, Schlechtigkeit.
Vorlage S. 424
166
Menon: Wie mir dünkt, ist es notwendig so, wie du sagst.
Vorlage S. 424
167
Sokrates: Haben wir nun nicht kurz vorher behauptet, jedes von diesen, die Gerechtigkeit und die Besonnenheit und alles der Art, sei ein Teil der Tugend?
Vorlage S. 424
168
Menon: Ja.
Vorlage S. 424
169
Sokrates: So, Menon, treibst du also deinen Spaß mit mir?
Vorlage S. 424
170
Menon: Wie doch, Sokrates?
Vorlage S. 424
171
Sokrates: Weil du, obgleich ich dich gebeten habe, die Tugend nur nicht zu zerbrechen oder zu zerstückeln, und ich dir auch Muster gegeben habe, nach denen du antworten solltest, nun doch, ohne dich darum zu bekümmern, mir sagst, Tugend sei imstande sein, das Gute sich zu erwerben mit Gerechtigkeit, was doch, wie du zugegeben, nur ein Teil der Tagend ist.
Vorlage S. 424
172
Menon: Ich gebe es zu.
Vorlage S. 424
173
Sokrates: Nicht wahr also, aus dem, was du zugestehst, folgt doch wohl, dass mit einem Teil der Tugend tun, was man tut, das Tugend sei? Denn die Gerechtigkeit und alles der Art ist, wie du zugibst, ein Teil der Tugend.
Vorlage S. 425
174
Menon: Was soll denn nun das?
Vorlage S. 425
175
Sokrates: Ich meine das, dass, ungeachtet ich dich gebeten habe, die Tugend als Ganzes genommen zu bestimmen, du doch weit entfernt bist, zu bestimmen, was sie sei: von jeder Handlungsweise aber behauptest du, sie sei Tugend, wenn sie nur mit einem Teil der Tugend geübt wird, gleich als hättest du, was »sie als Ganzes« ist, schon bestimmt, und als würde ich sie schon erkennen, auch wenn du sie in Teile zerstückelst. Wie mit dünkt, bedarf es daher bei dir noch einmal von vornherein derselben Frage, lieber Menon: Was ist die Tugend, wenn jede von einem Teil von Tugend begleitete Handlungsweise Tugend sein soll? Denn dieses will es heißen, wenn einer behauptet, dass jede von Gerechtigkeit begleitete Handlungsweise Tugend sei. Oder scheint es dir nicht noch einmal derselben Frage zu bedürfen, sondern meinst du wohl, jemand, der die Tugend selbst nicht kennt, erkenne, was ein Teil von ihr sei?
Vorlage S. 425
176
Menon: Das glaube ich nicht.
Vorlage S. 425
177
Sokrates: Denn wenn du dich erinnerst, als ich dir vorhin über die Figur Rede stand, verwarfen wir ja eine Antwort dieser Art, welche es unternimmt, in Ausdrücken sich zu geben, die erst gesucht werden und über die man noch nicht einverstanden ist.
Vorlage S. 425
178
Menon: Und mit Recht verwarfen wir sie, Sokrates.
Vorlage S. 425
179
Sokrates: Demnach, mein Bester, darfst du ja nicht meinen, dass, solange die Tugend, was sie als Ganzes ist, erst aufgesucht wird, du mit einer Antwort, in welcher du ihre Teile aufführst, sie selbst irgend jemandem erklären werdest, noch auch irgend etwas sonst, wenn du auf diese Art dich ausdrückst; vielmehr glaube mir, dass es derselben Frage noch einmal bedürfe, was die Tugend sei, um das zu sagen, was du sagst. Oder scheint dir das, was ich sage, grundlos zu sein?
Vorlage S. 425
180
Menon: Ich glaube, dass du recht hast.
Vorlage S. 425
181
Sokrates: Antworte mir demnach noch einmal von vornherein! Was behauptest du, dass die Tugend sei, und zwar du und dein Freund?
Vorlage S. 425
182
Menon: O Sokrates, noch ehe ich mit dir zusammengekommen bin, habe ich schon gehört, dass du nichts kannst, als, wie du selbst immer ratlos bist, so auch andere in Ratlosigkeit setzen. Und nun, wie du mir vorkommst, hast du mich verhext und bezaubert und recht eigentlich verblendet, so dass ich ganz voll von Ratlosigkeit geworden bin. Und wenn ich ein wenig scherzen darf, so scheinst du mir vollkommen sowohl nach Gestalt als auch in anderen Beziehungen jenem Meerfisch, dem breiten Zitterrochen, ähnlich zu sein. Denn dieser macht auch jeden, der ihm nahe und in Berührung mit ihm kommt, erzittern. Und so, kommt es mir vor, hast du mit mir etwas Ähnliches, nämlich mich erzittern gemacht. Denn wahrhaftig, ich zittere an Seele und Leib, und ich weiß nicht, was ich dir antworten soll. Und doch habe ich schon tausendmal über die Tugend gar viele Reden und vor vielen Menschen gehalten und dabei recht brav gesprochen, wie es mir wenigstens dünkte. Nun aber weiß ich nicht einmal zu sagen, was sie ist. Auch glaube ich, dass du gut daran tust, dass du weder zu Wasser noch zu Land von hier wegreisest; denn wenn du als ein Fremdling solche Dinge in einer anderen Stadt tun würdest, so würde man dir wohl gar als einem Zauberer den Prozess machen.
Vorlage S. 426
183
Sokrates: Du bist ein abgefeimter Mensch, Menon, und wenig fehlt, so hättest du mich überlistet.
Vorlage S. 426
184
Menon: Wie doch gar, Sokrates?
Vorlage S. 426
185
Sokrates: Ich begreife wohl, was du mit deinem Vergleich willst.
Vorlage S. 426
186
Menon: Was doch, meinst du?
Vorlage S. 426
187
Sokrates: Dass ich dich wieder vergleichen soll. Ich weiß das von allen Schönen, dass sie an solchen Vergleichungen ihre Freude haben. Sie gewinnen dabei, denn schön sind, denke ich, auch die Bilder der Schönen. Allein ich werde dich nicht wieder vergleichen. Ich aber gleiche dem Zitterrochen nur in dem Falle, wenn er, indem er andere erzittern macht, auch selbst erzittert, wenn nicht, nicht. Denn mitnichten bin ich selbst wohl beraten, wenn ich andere ratlos mache; sondern nur weil ich selbst über alles ratlos bin, mache ich auch andere so ratlos. Auch jetzt von der Tugend weiß ich nicht, was sie ist; du aber hast es vielleicht vorher gewusst, ehe du mich berührt hast: jetzt aber bist du dem, der es nicht weiß, gleich. Doch ich will es jetzt mit dir erwägen und gemeinschaftlich untersuchen, was sie wohl sei.
Vorlage S. 426
188
Menon: Und auf welche Art, Sokrates, wirst du nun das untersuchen, wovon du so ganz und gar nicht weißt, was es ist? Denn als wie beschaffen wirst du bei deiner Untersuchung etwas, von dem du nichts weißt, dir vorstellen? Oder wie wirst du, wenn du es auch noch so gut träfest, dann wissen, dass dieses es sei, was du ja nicht kennst?
Vorlage S. 427
189
Sokrates: Ich verstehe, was du sagen willst, Menon. Siehst du nicht, was für einen Streitsatz du da herbringst? Dass es also einem Menschen unmöglich sei, weder das, was er weiß, noch das, was er nicht weiß, zu untersuchen. Denn das, was er weiß, dürfte er ja wohl nicht untersuchen; denn er weiß es ja, und es bedarf dafür keiner Untersuchung; ebensowenig aber, was er nicht weiß; denn da weiß er ja nicht, was er untersuchen soll.
Vorlage S. 427
190
Menon: Also scheint dir dieser Satz nicht mit Recht aufgestellt zu werden, Sokrates?
Vorlage S. 427
191
Sokrates: Mir, nein!
Vorlage S. 427
192
Menon: Kannst du mir sagen, warum?
Vorlage S. 427
193
Sokrates: O ja, denn ich habe es von Männern und Frauen, die in göttlichen Dingen bewandert sind, vernommen.
Vorlage S. 427
194
Menon: Und was sagen die nun?
Vorlage S. 427
195
Sokrates: Wahres und Schönes, wie mir's wenigstens vorkommt.
Vorlage S. 427
196
Menon: Was doch? Und wer sind die, welche es sagen?
Vorlage S. 427
197
Sokrates: Die, welche es sagen, sind von den Priestern und den Priesterinnen, und zwar Leute, denen es darum zu tun war, imstande zu sein, über das, was sie treiben, Rede zu stehen. Aber auch Pindar sagt es und viele andere von den Dichtern, so viele deren göttliche sind. Was sie aber sagen, ist folgendes... Sieh nun zu, ob dir das, was sie sagen, wahr zu sein scheint: Sie sagen nämlich, die Seele des Menschen sei unsterblich, und bald gehe sie von hinnen, was man Sterben nenne, bald aber komme sie wieder, zugrunde aber gehe sie niemals. Man müsse deshalb sein Leben so fromm als nur möglich verleben. Denn
Vorlage S. 427
198
– von welchen zur Sühnung alten Leids Persephona
Vorlage S. 428
199
Buße empfängt, nach der Jahre neun gibt deren Seele sie wieder zurück
Vorlage S. 428
200
Zu der obern Sonne Licht.
Vorlage S. 428
201
Als herrliche Fürsten, an Weisheit größte, Kraft durchdrungene Männer erstehn sie,
Vorlage S. 428
202
Und in Zukunftszeiten nennt als heil'ge Heroen die Nachwelt noch einstens ihre Namen.
Vorlage S. 428
203
Da nun die Seele unsterblich und öfters geboren worden ist und die Dinge hienieden und im Hades und überhaupt alle geschaut hat, so gibt es auch nichts, wovon sie nicht eine Kenntnis erlangt hätte, so dass es gar kein Wunder ist, wenn sie auch hinsichtlich der Tugend und anderer Gegenstände an das sich zu erinnern imstande ist, was sie früher davon gewusst hat. Denn da die ganze Natur in verwandtschaftlichem Zusammenhang steht und die Seele von allem Kenntnis bekommen hat, so steht nichts im Wege, dass einer, der sich nur erst an eines erinnert hat, was die Leute dann Lernen heißen, alles übrige selbst auffinde, wenn er sich dabei nur mannhaft hält und des Untersuchens nicht müde wird; denn das Untersuchen und Lernen ist durchaus nichts als Wiedererinnerung. Man darf daher jenem Streitsatze kein Gehör geben. Denn er würde uns nur träge machen und ist für die weichlichen Leute angenehm zu hören, wogegen diese Ansicht rührige und untersuchungsbegierige Leute macht. Auf ihre Wahrheit vertrauend will ich nun mit dir untersuchen, was die Tugend sei.
Vorlage S. 428
204
Menon: Ja, Sokrates? Aber behauptest du es so ganz unbedingt, dass wir nicht lernen, sondern dass das, was wir Lernen nennen. Wiedererinnerung sei? Kannst du mich darüber belehren, dass es sich wirklich so verhalte?
Vorlage S. 428
205
Sokrates: Ich habe es ja vorhin gesagt, Menon, dass du ein abgefeimter Mensch bist! Jetzt fragst du mich da, ob ich dich belehren könne, da ich doch behaupte, es gebe kein Lehren, sondern nur Wiedererinnerung, nur damit ich mich ja gleich mit meiner Ansicht im Widerspruch mit mir selbst zeigen möchte!
Vorlage S. 428
206
Menon: Beim Zeus, gewiss nicht, Sokrates; daran habe ich nicht gedacht, sondern es nur so aus Gewohnheit gesagt. Aber wenn du mir wirklich zu beweisen vermagst, dass es sich so verhält, wie du behauptest, so beweise es nun!
Vorlage S. 428
207
Sokrates: Nun, leicht ist es zwar nicht, doch ich will dir zuliebe mir alle Mühe geben. Rufe mir einmal von den vielen Leuten da in deinem Gefolge einen, welchen du willst, herbei, damit ich es dir an ihm beweise!
Vorlage S. 429
208
Menon: Sehr gern! – Du dort, komm herbei!
Vorlage S. 429
209
Sokrates: Ist er ein Hellene und spricht er hellenisch?
Vorlage S. 429
210
Menon: Ganz gut; er ist im Hause auferzogen worden.
Vorlage S. 429
211
Sokrates: So gib nur recht Achtung, welches von beiden dir richtig zu sein scheint, dass er sich wieder erinnert oder dass er von mir lernt.
Vorlage S. 429
212
Menon: Ich werde Achtung geben.
Vorlage S. 429
213
Sokrates: Sag' mir doch. Junge, weißt du, was ein Viereck ist? Eine Figur wie diese?
Vorlage S. 429
214
Sklave: Ja.
Vorlage S. 429
215
Sokrates: Es ist also eine viereckige Figur, welche alle diese Seiten, deren es vier sind, gleich hat?
Vorlage S. 429
216
Sklave: Allerdings.
Vorlage S. 429
217
Sokrates: Hat sie nicht auch diese durch die Mitte gezogenen Linien gleich?
Vorlage S. 429
218
Sklave: Ja.
Vorlage S. 429
219
Sokrates: Nicht wahr, eine solche Figur könnte doch wohl auch größer oder kleiner sein?
Vorlage S. 429
220
Sklave: Allerdings.
Vorlage S. 429
221
Sokrates: Gesetzt nun, diese Seite wäre zwei Fuß lang und jene auch zwei, wieviel Fuß enthielte das Ganze? – Betrachte es einmal so: Wenn es hier zwei Fuß wären, dort aber nur ein Fuß, enthielte dann nicht die Figur genau einmal zwei Fuß?
Vorlage S. 429
222
Sklave: Ja.
Vorlage S. 429
223
Sokrates: Da es nun aber auch hier zwei Fuß sind, macht es dann nicht notwendig zweimal zwei Fuß?
Vorlage S. 429
224
Sklave: Doch.
Vorlage S. 429
225
Sokrates: Also ergibt sich eine Figur von zweimal zwei Fuß?
Vorlage S. 429
226
Sklave: Ja.
Vorlage S. 429
227
Sokrates: Wieviel sind nun diese zweimal zwei Fuß? Rechne einmal und sage es!
Vorlage S. 429
228
Sklave: Vier, Sokrates.
Vorlage S. 429
229
Sokrates: Ließe sich nun nicht eine andere Figur zeichnen, welche doppelt so groß als jene und doch jener insoweit gleich wäre, dass sie, wie jene, lauter gleiche Seiten hätte?
Vorlage S. 430
230
Sklave: Ja.
Vorlage S. 430
231
Sokrates: Und wieviel Fuß wird sie haben?
Vorlage S. 430
232
Sklave: Acht.
Vorlage S. 430
233
Schrates: Wohlan, versuche es mir nun zu sagen: wie groß wird jede Seite dieser zweiten Figur sein? Im ersten Viereck hat jede zwei Fuß; wieviel hat nun jede in diesem, das doppelt so groß ist?
Vorlage S. 430
234
Sklave: Offenbar, Sokrates, das Doppelte.
Vorlage S. 430
235
Sokrates (zu Menon): Du siehst, Menon, wie ich ihn nichts lehre, sondern alles frage? Und zwar meint er jetzt zu wissen, wie groß die Seite sei, aus der das acht Fuß haltende Viereck entstehe. Oder kommt er dir nicht so vor?
Vorlage S. 430
236
Menon: Doch.
Vorlage S. 430
237
Sokrates: Weiß er es nun auch?
Vorlage S. 430
238
Menon: Nicht doch.
Vorlage S. 430
239
Sokrates: Er meint, sie sei doppelt so groß.
Vorlage S. 430
240
Menon: Ja.
Vorlage S. 430
241
Sokrates: Schau nun, wie er sich eines ums andere wieder erinnern wird, so wie man sich erinnern muss!
Vorlage S. 430
242
(Zum Sklaven.) Du aber sage mir nun, – du behauptest, aus der doppelt so großen Linie entstehe eine doppelt so große Figur? Ich meine aber nicht eine solche, welche hier lang und dort kurz wäre, sondern sie soll auf allen Seiten gleich sein, gerade wie diese, aber noch einmal so groß wie diese, nämlich acht Fuß haltig. Sieh nun zu, ob du noch der Meinung bist, dass dieselbe aus der noch einmal so großen Seite entstehen werde?
Vorlage S. 430
243
Sklave: Doch ja.
Vorlage S. 430
244
Sokrates: Wird nun nicht diese Seite noch einmal so groß wie zuvor, wenn wir ihr eine zweite von eben solcher Länge anfügen?
Vorlage S. 430
245
Sklave: Gewiss.
Vorlage S. 430
246
Sokrates: Aus dieser also, behauptest du, werde die achtfußige Figur hervorgehen, wenn nämlich die vier Seiten gleich lang gemacht werden?
Vorlage S. 430
247
Sklave: Ja.
Vorlage S. 430
248
Sokrates: Lass uns nun von ihr aus vier gleichlange Seiten zeichnen! – Dieses also wäre die Figur, welche du genau für das acht Fuß haltende Viereck erklärst?
Vorlage S. 431
249
Sklave: Allerdings.
Vorlage S. 431
250
Sokrates: Sind nun nicht in dieser Figur vier Vierecke, von denen jedes dem vier Fuß haltenden gleich ist?
Vorlage S. 431
251
Sklave: Ja.
Vorlage S. 431
252
Sokrates: Wie groß wird es also sein? Nicht wahr, viermal so groß?
Vorlage S. 431
253
Sklave: Wie anders?
Vorlage S. 431
254
Sokrates: Ist nun das viermal so große das doppelt so große?
Vorlage S. 431
255
Sklave: Nein, beim Zeus!
Vorlage S. 431
256
Sokrates: Sondern das wievielfache?
Vorlage S. 431
257
Sklave: Das vierfache.
Vorlage S. 431
258
Sokrates: Aus der doppelt so großen Seite also, mein Junge, ergibt sich nicht ein doppelt so großes, sondern ein viermal so großes Viereck?
Vorlage S. 431
259
Sklave: Ganz richtig.
Vorlage S. 431
260
Sokrates: Denn viermal vier gibt sechzehn. Nicht wahr?
Vorlage S. 431
261
Sklave: Ja.
Vorlage S. 431
262
Sokrates: Aus welcher Linie aber entsteht nun das achtfußige Viereck? – Also nicht wahr, aus dieser da entsteht das viermal so große?
Vorlage S. 431
263
Sklave: Ich gebe es zu.
Vorlage S. 431
264
Sokrates: Aus dieser da aber, die nur halb so groß ist, das vier Fuß haltende?
Vorlage S. 431
265
Sklave: Ja.
Vorlage S. 431
266
Sokrates: Gut! Das acht Fuß haltende aber ist nun doppelt so groß wie dieses, und halb so groß wie jenes?
Vorlage S. 431
267
Sklave: Allerdings.
Vorlage S. 431
268
Sokrates: Wird es also nicht aus einer Linie entstehen, die größer ist als die da, und kleiner als die dort? Oder nicht?
Vorlage S. 431
269
Sklave: Ich denke wohl.
Vorlage S. 431
270
Sokrates: Schön! Antworte nur immer, was dir dünkt! – Und nun sage mir: War nicht diese Linie zwei Fuß lang, und diese vier?
Vorlage S. 431
271
Sklave: Ja.
Vorlage S. 431
272
Sokrates: Es muss also die Linie der achtfußigen Figur größer sein als diese zwei Fuß lange, aber kleiner als die vier Fuß lange?
Vorlage S. 431
273
Sklave: Notwendig.
Vorlage S. 432
274
Sokrates: Versuche mir nun zu sagen, wie groß du wohl meinst, dass sie sei?
Vorlage S. 432
275
Sklave: Drei Fuß.
Vorlage S. 432
276
Sokrates: Nun ja, wenn sie drei Fuß haben soll, so wollen wir noch von dieser die Hälfte hinzunehmen, so wird sie drei Fuß haben. Denn dies sind zwei Fuß und dies einer. Und von dieser Seite ebenso, dies zwei und dies einer. Und dieses wird nun die Figur sein, die du meinst.
Vorlage S. 432
277
Sklave: Ja.
Vorlage S. 432
278
Sokrates: Wird nun aber, wenn die ganze Figur hier drei und hier drei Fuß hat, wird sie da nicht dreimal drei Fuß halten?
Vorlage S. 432
279
Sklave: Offenbar.
Vorlage S. 432
280
Sokrates: Dreimal drei Fuß aber macht wieviel?
Vorlage S. 432
281
Sklave: Neun.
Vorlage S. 432
282
Sokrates: Die doppelt so große Figur aber sollte wieviel Fuß halten?
Vorlage S. 432
283
Sklave: Acht.
Vorlage S. 432
284
Sokrates: Also auch aus der dreifußigen Linie entsteht die achtfußige Figur noch nicht.
Vorlage S. 432
285
Sklave: Inder Tat nicht.
Vorlage S. 432
286
Sokrates: Aus welcher denn? Versuche es uns genau zu sagen! Und wenn du es nicht in Zahlen ausdrücken willst, so deute nur hin, aus welcher!
Vorlage S. 432
287
Sklave: Aber beim Zeus, Sokrates, ich weiß es nicht.
Vorlage S. 432
288
Sokrates (zu Menon): Merkst du nicht abermals, Menon, wie weit dieser schon auf dem Wege des Wiedererinnerns gekommen ist? Zuerst wusste er zwar nicht, welches die Seite des achtfußigen Vierecks sei, wie er das auch jetzt noch nicht weiß. Aber damals glaubte er doch sie zu wissen und antwortete dreist fort als ein Wissender, ohne sich im mindesten in Verlegenheit zu sehen. Nun aber sieht er sich bereits in Verlegenheit, und wie er es nicht weiß, so bildet er sich auch nicht mehr ein, es zu wissen.
Vorlage S. 432
289
Menon: Du hast ganz recht.
Vorlage S. 432
290
Sokrates: Steht es nun nicht besser mit ihm hinsichtlich des Gegenstandes, den er nicht wusste?
Vorlage S. 432
291
Menon: Auch dieses dünkt mir.
Vorlage S. 432
292
Sokrates: Indem wir ihn also in Verlegenheit gesetzt und nach Art des Zitterrochens erzittern gemacht haben, haben wir ihm da wohl etwas geschadet?
Vorlage S. 433
293
Menon: Nicht, wie mir dünkt.
Vorlage S. 433
294
Sokrates: Wir haben ihm also wohl, wie es scheint, einen Dienst geleistet für Auffindung dessen, wie es sich verhält. Denn jetzt dürfte er auch mit Lust weiter suchen, als ein noch nicht Wissender. Vorhin aber bildete er sich ein, mit Leichtigkeit vor vielen und vielmals wohl behaupten zu können von der doppelt so großen Figur, dass sie auch eine doppelt so große Seite haben müsse.
Vorlage S. 433
295
Menon: Es scheint so.
Vorlage S. 433
296
Sokrates: Meinst du nun, er hätte es früher unternommen, das zu untersuchen oder zu lernen, was er sich einbildete zu wissen und doch nicht wusste, ehe er in Verlegenheit kam durch die Überzeugung, es nicht zu wissen, und sofort nach dem Wissen sich sehnte?
Vorlage S. 433
297
Menon: Mir dünkt nicht, Sokrates.
Vorlage S. 433
298
Sokrates: Nützte ihm also das Erzittern?
Vorlage S. 433
299
Menon: Mir dünkt ja.
Vorlage S. 433
Platon – antike Büste
Kontextbild zum Werk. Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
300
Sokrates: Beachte nun, wie er von dieser Verlegenheit aus mit mir suchen und finden wird, indem ich immer nur frage und nicht lehre! Gib ja recht Achtung, ob du findest, dass ich ihn lehre und es ihm erläutere, und ob ich nicht vielmehr nur seine Ansichten erfrage!
Vorlage S. 433
301
(Zum Sklaven.) Sage mir doch, ist dies nicht unsere vierfußige Figur? Verstehst du?
Vorlage S. 433
302
Sklave: Ja.
Vorlage S. 433
303
Sokrates: Können wir ihr nicht eine gleiche anfügen, diese da?
Vorlage S. 433
304
Sklave: Ja.
Vorlage S. 433
305
Sokrates: Und noch eine dritte hier, welche jeder von diesen beiden gleich ist?
Vorlage S. 433
306
Sklave: Ja.
Vorlage S. 433
307
Sokrates: Können wir nicht zur Vervollständigung auch noch hier in den Winkel eine zeichnen?
Vorlage S. 433
308
Sklave: Ganz wohl.
Vorlage S. 433
309
Sokrates: Werden damit nun nicht genau vier gleiche Figuren hier entstehen?
Vorlage S. 433
310
Sklave: Ja.
Vorlage S. 433
311
Sokrates: Und nun? Das Ganze da, wievielmal so groß wird es sein als diese da?
Vorlage S. 434
312
Sklave: Viermal so groß.
Vorlage S. 434
313
Sokrates: Für uns aber hätte es sollen nur zweimal so groß werden. Oder erinnerst du dich nicht?
Vorlage S. 434
314
Sklave: Allerdings.
Vorlage S. 434
315
Sokrates: Wird nun nicht diese Linie, die man von einem Winkel zum ändern zieht, jedes von diesen Vierecken in zwei Hälften schneiden?
Vorlage S. 434
316
Sklave: Ja.
Vorlage S. 434
317
Sokrates: Entstehen nun nicht so diese vier gleichen Linien, welche diese Figuren da einschließen?
Vorlage S. 434
318
Sklave: Ja.
Vorlage S. 434
319
Sokrates: Und nun sieh einmal, wie groß wohl diese Figur ist?
Vorlage S. 434
320
Sklave: Ich weiß es nicht.
Vorlage S. 434
321
Sokrates: Hat nicht von diesen Vierecken, deren es vier sind, diese Linie jedesmal die Hälfte innen abgeschnitten? Oder nicht?
Vorlage S. 434
322
Sklave: Ja.
Vorlage S. 434
323
Sokrates: Wie viele solche Hälften sind nun in dieser Figur enthalten?
Vorlage S. 434
324
Sklave: Vier.
Vorlage S. 434
325
Sokrates: Wie viele aber in dieser?
Vorlage S. 434
326
Sklave: Zwei.
Vorlage S. 434
327
Sokrates: Was ist aber vier gegen zwei?
Vorlage S. 434
328
Sklave: Doppelt so groß.
Vorlage S. 434
329
Sokrates: Wie viele Fuß ergeben sich also nun für diese Figur?
Vorlage S. 434
330
Sklave: Acht Fuß.
Vorlage S. 434
331
Sokrates: Und von welcher Linie aus?
Vorlage S. 434
332
Sklave: Von dieser.
Vorlage S. 434
333
Sokrates: Also von der, welche von einem Winkel des vierfußigen Vierecks in den ändern gezogen wild?
Vorlage S. 434
334
Sklave: Ja.
Vorlage S. 434
335
Sokrates: Die Gelehrten nun nennen diese Linie die Diagonale, so dass also, wenn dies die Diagonale heißt, von der Diagonale aus, wie du, Sklave des Menon, sagst, das doppelt so große Viereck sich ergeben wird.
Vorlage S. 434
336
Sklave: Allerdings, Sokrates.
Vorlage S. 434
337
Sokrates (zu Menon): Was dünkt dir nun, Menon? Hat dieser irgend eine andere Vorstellung in seinen Antworten dargelegt als seine eigene?
Vorlage S. 435
338
Menon: Nein, ganz nur seine eigene.
Vorlage S. 435
339
Sokrates: Und doch wusste er, wie wir bemerkt haben, es kurz zuvor noch nicht.
Vorlage S. 435
340
Menon: Ganz richtig.
Vorlage S. 435
341
Sokrates: Es waren also wohl diese Vorstellungen schon in ihm? Oder nicht?
Vorlage S. 435
342
Menon: Ja.
Vorlage S. 435
343
Sokrates: Also auch in dem, welcher nicht weiß, sind doch richtige Vorstellungen von dem, was er nicht weiß?
Vorlage S. 435
344
Menon: Augenscheinlich.
Vorlage S. 435
345
Sokrates: Und jetzt sind ihm wohl diese Vorstellungen wie ein Traum wieder aufgeregt worden. Und wenn ihn jemand öfters und in verschiedener Weise über dasselbe befragen würde, so glaubst du gewiss, dass er zuletzt diese Dinge nicht minder genau erkennen werde als irgend jemand.
Vorlage S. 435
346
Menon: Ohne Zweifel.
Vorlage S. 435
347
Sokrates: Und nicht wahr, er wird sie erkennen, wenn ihn auch niemand lehrt, sondern nur fragt, indem er die Erkenntnis ganz aus sich selbst wieder gewinnt?
Vorlage S. 435
348
Menon: Ja.
Vorlage S. 435
349
Sokrates: Und dieses Wiedergewinnen einer Erkenntnis in sich selbst, ist das nicht ein Sich-wieder-erinnern?
Vorlage S. 435
350
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 435
351
Sokrates: Die Erkenntnis, die dieser jetzt besitzt, hat er doch entweder einmal bekommen, oder er hat sie immer gehabt?
Vorlage S. 435
352
Menon: Ja.
Vorlage S. 435
353
Sokrates: Und nicht wahr, wenn er sie immer besaß, so war er auch immer ein Erkennender; wenn er sie aber einmal bekommen hat, hat er sie doch wohl nicht erst im jetzigen Leben bekommen? Oder hat jemand ihn Geometrie gelehrt? Denn er wird das gleiche in der ganzen Geometrie leisten und in sämtlichen anderen Kenntnissen. Ist nun jemand, der diesen Menschen das alles lehrte? Denn du bist der Mann, es zu wissen, da er ja in deinem Hause geboren und erzogen wurde.
Vorlage S. 435
354
Menon: Ich weiß aber, dass niemand je ihn gelehrt hat.
Vorlage S. 435
355
Sokrates: Besitzt er aber diese Vorstellungen oder nicht?
Vorlage S. 435
356
Menon: Notwendig, Sokrates, man sieht es ja.
Vorlage S. 436
357
Sokrates: Wenn er sie aber nicht im jetzigen Leben bekommen hat, ist es da nicht schon klar, dass er sie in einer anderen Zeit besessen und gelernt hat?
Vorlage S. 436
358
Menon: Sichtlich.
Vorlage S. 436
359
Sokrates: Ist diese Zeit nun nicht doch die, in welcher er noch nicht Mensch war?
Vorlage S. 436
360
Menon: Ja.
Vorlage S. 436
361
Sokrates: Wenn aber nun während der Zeit, in welcher er Mensch war und in welcher er es nicht war, richtige Vorstellungen in ihm sein werden, welche durch Fragen aufgeweckt Erkenntnisse werden, – wird da nicht seine Seele in aller Zeit eine lernende gewesen sein? Denn offenbar ist er die ganze Zeit hindurch entweder Mensch oder nicht.
Vorlage S. 436
362
Menon: Augenscheinlich.
Vorlage S. 436
363
Sokrates: Und nun, wenn wir also immer die Wahrheit der Dinge in der Seele haben, muss da nicht die Seele unsterblich sein, so dass du getrosten Mutes das, was du jetzt nicht gerade erkennst, das heißt, wessen du dich nicht erinnerst, unternehmen kannst zu untersuchen und dich wieder dessen zu erinnern?
Vorlage S. 436
364
Menon: Du scheinst mir, Sokrates, ich weiß nicht wie trefflich zu reden.
Vorlage S. 436
365
Sokrates: Auch mir selbst scheint es so, Menon. Hinsichtlich einiger Punkte zwar möchte ich für diesen Beweis nicht gerade einstehen. Dass wir aber, wenn wir meinen, das, was man nicht weiß, untersuchen zu müssen, besser seien und mannhafter und weniger träge, als wenn wir meinen, das, was wir nicht erkennen, sei auch nicht möglich zu finden, noch brauche man es zu suchen, – das möchte ich gar sehr verfechten, wenn ich der Mann dafür wäre, sowohl in Rede als Tat.
Vorlage S. 436
366
Menon: Auch dieses dünkt mir trefflich von dir gesagt, Sokrates.
Vorlage S. 436
367
Sokrates: Willst du nun, – nachdem wir uns darüber verständigt haben, man müsse das, wovon man nichts weiß, untersuchen, – dass wir's auch unternehmen, gemeinschaftlich zu untersuchen, was die Tugend sei?
Vorlage S. 436
368
Menon: Sehr wohl. Doch, Sokrates, möchte ich meinesteils am liebsten das, wonach ich zuerst fragte, betrachten und vernehmen, ob man der Tugend nachstreben müsse als einer lehrbaren Sache, oder ob sie dem Menschen von Natur oder auf welche Weise sonst zukomme.
Vorlage S. 436
369
Sokrates: Nun, wenn ich über dich, Menon, ebenso zu gebieten hätte wie über mich, so dürften wir nicht eher betrachten, ob die Tugend etwas Lehrbares oder nicht Lehrbares ist, als wir vorher untersucht hätten, was sie ist. Allein da du es nun gar nicht versuchst, über dich selbst zu gebieten, um ja recht frei zu sein, über mich aber es nicht nur versuchst, zu gebieten, sondern auch wirklich gebietest, so muss ich dir schon nachgeben. Denn was kann ich machen? Es scheint also, wir müssen be trachten, wie etwas beschaffen sei, von dem wir noch nicht wissen, was es ist. Wenn daher auch nicht ganz, so lass mir zuliebe doch wenigstens etwas von deiner Herrschaft nach und erlaube mir die Frage, ob sie etwas Lehrbares oder was sonst sei, von einer Voraussetzung aus in Betracht zu ziehen. Von einer Voraussetzung aus – das meine ich so, wie die Geometer öfters etwas in Betrachtung ziehen, wenn jemand sie fragt, z.B. über eine Figur, ob es möglich sei, diese dreieckige Figur in diesen Kreis einzuspannen, worauf dann einer wohl erwidern könnte: »Ob dieses so geht, weiß ich noch nicht, aber ich denke, es dürfte hierzu wohl folgende Voraussetzung von Nutzen sein: Wenn diese Figur so beschaffen ist, dass, wenn man die gegebene Linie derselben verlängert, der Raum, den man abschneidet, so groß ist als der durch die Verlängerung hinzugekommene, so wird sich meines Bedünkens etwas anderes ergeben, und wieder etwas anderes, wenn dieses unmöglich ist. Von dieser Voraussetzung aus nun will ich dir sagen, was sich in betreff der Einspannung jener Figur in den Kreis ergibt, ob sie unmöglich sei oder nicht.«
Vorlage S. 437
370
So wollen wir auch hinsichtlich der Tugend, da wir nicht wissen, weder was noch wie beschaffen sie ist, eine Voraussetzung machen, um in Betrachtung zu nehmen, ob sie etwas Lehrbares oder nicht Lehrbares ist. Wir sagen nämlich also: welchem Gebiete des Seelenlebens muss die Tugend angehören, wenn sie etwas Lehrbares oder nicht Lehrbares sein soll? Zuvörderst also, wenn sie etwas anderes ist als z.B. Erkenntnis, ist sie dann lehrbar – das heißt, wie wir eben vorhin sagten, Gegenstand der Wiedererinnerung – oder nicht? Denn welche von beiden Bezeichnungen wir anwenden wollen, soll uns keinen Unterschied machen. Also, ist sie dann etwas Lehrbares? Oder ist nicht jedermann so viel klar, dass einem Menschen nichts anderes gelehrt werden kann als eine Erkenntnis?
Vorlage S. 437
371
Menon: Mir wenigstens scheint es so.
Vorlage S. 438
372
Sokrates: Wenn also die Tugend irgend Erkenntnis ist, so muss sie offenbar lehrbar sein.
Vorlage S. 438
373
Menon: Wie doch anders?
Vorlage S. 438
374
Sokrates: Damit also wären wir schnell fertig geworden, dass, wenn die Tugend von dieser Art ist, sie etwas Lehrbares ist, wenn nicht, nicht.
Vorlage S. 438
375
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 438
376
Sokrates: Das nächste, wie es scheint, was wir betrachten müssen, ist nun, ob die Tugend Erkenntnis ist oder etwas von der Erkenntnis Verschiedenes.
Vorlage S. 438
377
Menon: Ich denke wohl, dass wir dieses zunächst in Betrachtung ziehen müssen.
Vorlage S. 438
378
Sokrates: Wie nun? Sagen wir nicht, dass die Tugend etwas Gutes sei? Und bei dieser Voraussetzung bleiben wir doch wohl, dass sie etwas Gutes sei?
Vorlage S. 438
379
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 438
380
Sokrates: Und nicht wahr, wenn es nun irgend anderes Gutes gibt, welches mit Erkenntnis nichts zu schaffen hat, so würde vielleicht auch die Tugend nicht gerade Erkenntnis sein; wenn es aber kein Gutes gibt, das nicht in den Bereich der Erkenntnis fällt, so würden wir wohl mit der Vermutung, sie sei eben auch irgend eine Erkenntnis, nicht fehlgreifen?
Vorlage S. 438
381
Menon: Dem ist so.
Vorlage S. 438
382
Sokrates: Gewiss doch sind wir vermöge der Tugend gut?
Vorlage S. 438
383
Menon: Ja.
Vorlage S. 438
384
Sokrates: Wenn aber gut, auch nützlich; denn alles Gute ist nützlich. Nicht so?
Vorlage S. 438
385
Menon: Ja.
Vorlage S. 438
386
Sokrates: Also ist auch die Tugend nützlich?
Vorlage S. 438
387
Menon: Notwendig nach dem Zugegebenen.
Vorlage S. 438
388
Sokrates: Wir wollen nun ins einzelne gehen, um zu untersuchen, was für Gegenstände es sind, die uns nützen. Gesundheit, sagen wir, und Stärke, und Schönheit, und Reichtum, – dies und anderes dergleichen nennen wir nützlich. Nicht so?
Vorlage S. 438
389
Menon: Ja.
Vorlage S. 438
390
Sokrates: Von eben diesen Dingen aber sagen wir auch manchmal, sie schaden. Oder meinst du es an ders als so?
Vorlage S. 439
391
Menon: Ganz ebenso.
Vorlage S. 439
392
Sokrates: Sieh nun zu: Wovon muss jedes von diesen geleitet sein, wenn es uns nützt, wovon, wenn es schadet? Nicht wahr, wenn der Gebrauch der rechte ist, nützt es, wenn nicht, schadet es?
Vorlage S. 439
393
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 439
394
Sokrates: Lass uns nun ferner auch das, was der Seele zugehört, ins Auge fassen! Du redest doch auch von etwas wie Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Gelehrigkeit, Gedächtniskraft, Großmut und anderem dergleichen?
Vorlage S. 439
395
Menon: Ja.
Vorlage S. 439
396
Sokrates: Sieh nun zu, ob von diesen Eigenschaften das, was dir nicht Erkenntnis zu sein scheint, sondern etwas anderes als Erkenntnis, nicht manchmal wohl schadet, manchmal auch nützt? Zum Beispiel die Tapferkeit, wenn sie nicht Einsicht, sondern nur eine Art Kühnheit ist, – wird nicht ein Mensch, wenn er ohne Vernunft kühn ist, Schaden, hingegen Nutzen haben, wenn er es mit Vernunft ist?
Vorlage S. 439
397
Menon: Ja.
Vorlage S. 439
398
Sokrates: Und nicht wahr, mit der Besonnenheit und Gelehrigkeit ist es ebenso? Was mit Vernunft erlernt und ausgerichtet wird, das ist ebenso nützlich als ohne Vernunft schädlich?
Vorlage S. 439
399
Menon: Ganz gewiss.
Vorlage S. 439
400
Sokrates: Um es kurz zusammenzufassen, schlagen nicht alle Unternehmungen und Anstrengungen der Seele, wenn sie sich von Einsicht leiten lässt, zum Glück, wenn sie sich von Unverstand leiten lässt, zum Gegenteil aus?
Vorlage S. 439
401
Menon: Es scheint so.
Vorlage S. 439
402
Sokrates: Wenn also die Tugend etwas der Seele Zugehörendes, es ihr aber notwendig ist, nützlich zu sein, so muss sie Einsicht sein, da ja alles der Seele Zugehörige an und für sich weder nützlich noch schädlich ist, und erst, je nachdem Einsicht oder Unverstand hinzukommt, schädlich und nützlich wird. Demzufolge muss die Tugend, da sie ja etwas Nützliches ist, notwendig in gewisser Art Einsicht sein.
Vorlage S. 439
403
Menon: Ich denke wohl.
Vorlage S. 439
404
Sokrates: Und nun auch jene anderen Dinge, Reichtum und dergleichen, von denen wir vorhin gesagt haben, dass sie bald gut, bald schädlich seien, – wird nicht, wie die Einsicht, wenn sie die übrige Seele leitet, ihre Eigenschaften nützlich, der Unverstand aber schädlich macht, so auch nun wieder die Seele jene Dinge, wenn sie sie recht gebraucht und recht leitet, ebenso nützlich machen wie, wenn sie sie nicht recht gebraucht und leitet, schädlich?
Vorlage S. 440
405
Menon: Gewiss.
Vorlage S. 440
406
Sokrates: Recht aber leitet doch die vernünftige Seele, die unvernünftige dagegen verkehrt?
Vorlage S. 440
407
Menon: So ist's.
Vorlage S. 440
408
Sokrates: Können wir denn nun nicht im allgemeinen so sagen, dass es für den Menschen bei allem anderen auf die Seele, bei den Eigenschaften der Seele selbst aber auf die Einsicht ankomme, wenn sie gut sein sollen? Und diesem Satze zufolge wäre dann wohl Einsicht das Nützliche. Wir behaupten ja, die Tugend sei etwas Nützliches?
Vorlage S. 440
409
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 440
410
Sokrates: Und Einsicht, behaupten wir, sei die Tugend, entweder ganz oder doch zum Teil?
Vorlage S. 440
411
Menon: Meines Bedünkens, Sokrates, lässt sich das recht gut hören.
Vorlage S. 440
412
Sokrates: Und nicht wahr, wenn nun dem so ist, so dürfte es auch wohl von Natur Gute nicht geben?
Vorlage S. 440
413
Menon: Nicht, denke ich.
Vorlage S. 440
414
Sokrates: Denn da träte auch wohl folgendes ein: Wenn die Guten von Natur würden, so gäbe es gewiss unter uns auch solche, welche von den jungen Leuten die ihrer Natur nach guten herauskennten: diese würden wir dann, ihrer Weisung gemäß, in Empfang nehmen, auf der Burg sie verwahren und ängstlicher unter Siegel halten als Gold, damit man sie uns ja nicht verderbe, sondern damit sie, sobald sie zum rechten Alter gelangt wären, den Staatenrecht nützlich würden.
Vorlage S. 440
415
Menon: Ganz natürlich, Sokrates.
Vorlage S. 440
416
Sokrates: Und nun, wenn die Guten nicht von Natur gut werden, werden sie es wohl durch Belehrung?
Vorlage S. 440
417
Menon: Dieses dünkt mir die notwendige Folge zu sein. Offenbar, Sokrates, ist unserer Voraussetzung gemäß, wenn wirklich die Tugend Erkenntnis ist, sie etwas Lehrbares.
Vorlage S. 440
418
Sokrates: Vielleicht, beim Zeus! – Wenn wir aber nur jene Voraussetzung nicht mit Unrecht angenommen haben!
Vorlage S. 441
419
Menon: Sie erschien uns aber vorhin als ein ganz richtiger Satz.
Vorlage S. 441
420
Sokrates: Allein nicht für eben vorhin nur darf sie uns richtig zu sein scheinen, sondern auch für jetzt und für die Folgezeit, wenn daran etwas Gesundes sein soll.
Vorlage S. 441
421
Menon: Wieso doch? Was hast du denn, dass du jetzt Schwierigkeiten machst und Zweifel hegst, es möchte die Tugend doch nicht Erkenntnis sein?
Vorlage S. 441
422
Sokrates: Ich will es dir sagen, Menon. Dass die Behauptung, die Tugend sei etwas Lehrbares, wenn sie einmal Erkenntnis ist, richtig sei, das will ich keineswegs zurücknehmen. Dagegen sieh zu, ob mein Zweifel, dass die Tugend Erkenntnis sei, dir nicht doch begründet erscheint. Denn sage mir einmal: Wenn irgend eine Sache lehrbar ist, nicht bloß die Tugend, muss es dann nicht notwendig für sie sowohl Lehrer als Schüler geben?
Vorlage S. 441
423
Menon: Meines Bedünkens wohl.
Vorlage S. 441
424
Sokrates: Und nun umgekehrt wieder werden wir nicht mit Grund annehmen, dass eine Sache, für welche es weder Lehrer noch Schüler gibt, nicht lehrbar sei?
Vorlage S. 441
425
Menon: Dem ist so. Aber glaubst du denn, dass es keinen Lehrer der Tugend gebe?
Vorlage S. 441
426
Sokrates: Ich habe zwar oft schon danach gesucht, ob es nicht irgend Lehrer derselben gebe; aber obgleich ich alles getan habe, kann ich keinen finden. Und doch suche ich mit vielen ändern Leuten danach, und zwar vorzugsweise mit solchen, die meiner Meinung nach in dieser Sache am meisten Erfahrung besitzen. Und so ist es auch jetzt, Menon, in der Tat ein rechtes Glück für uns, dass sich da ein Mann bei uns niedergelassen hat, welchen wir mit in unsere Untersuchung ziehen können. Und wir werden ihn mit allem Recht beiziehen. Denn erstlich ist Anytos der Sohn eines reichen und weisen Vaters, des Anthemion, welcher seinen Reichtum nicht dem zufälligen Glücke, noch der Freigebigkeit eines anderen verdankt, wie da neuerdings erst der Thebaner Ismenias, welcher ja des Polykrates Schätze zum Geschenk bekommen hat, sondern der sein Vermögen durch seine Weisheit und Betriebsamkeit sich erwarb. Sodann gilt er auch sonst nicht für einen übermütigen oder aufgeblasenen und widerwärtigen Bürger, sondern für einen wohlanständigen und geordneten Mann. Sodann hat er auch diesen seinen Sohn gut erzogen und gebildet, wie das Volk der Athener bezeugt, das ihn ja zu den höchsten obrigkeitlichen Ämtern wählt. Es ist gewiss nur billig, mit solchen Männern nach Lehrern der Tugend zu suchen, ob es deren gebe oder nicht, und welche es seien. Untersuche also mit uns, Anytos, mit mir und diesem deinem Gastfreund Menon, welche Leute wohl Lehrer in diesem Stück sein könnten. Fasse es aber in folgender Weise ins Auge: Wenn wir den Menon da zu einem guten Arzt machen wollten, zu was für Lehrern würden wir ihn wohl schicken? Nicht wahr, zu den Ärzten?
Vorlage S. 441
427
Anytos: Allerdings.
Vorlage S. 442
428
Sokrates: Wie aber, wenn wir einen guten Schuster aus ihm machen wollten, nicht wahr, zu den Schustern?
Vorlage S. 442
429
Anytos: Ja.
Vorlage S. 442
430
Sokrates: Und so auch im übrigen?
Vorlage S. 442
431
Anytos: Allerdings.
Vorlage S. 442
432
Sokrates: Nun erkläre dich mir hierüber noch einmal auch in folgender Weise: Zu den Ärzten, sagen wir, würden wir ihn schicken, und mit Recht, wenn wir einen Arzt aus ihm machen wollten? Und wenn wir dieses sagen, wollen wir doch wohl sagen, dass es klug von uns sein würde, ihn lieber zu solchen zu schicken, welche Meister in dieser Kunst sein wollen, als zu solchen, die es nicht sein wollen, und zu solchen, die sich dafür einen Lohn bezahlen lassen und sich als Lehrer anbieten jedem, der kommen und bei ihnen lernen will? Würden wir nicht in Betracht dessen ihn mit Recht dahin schicken?
Vorlage S. 442
433
Anytos: Ja.
Vorlage S. 442
434
Sokrates: Ist es nicht auch mit dem Flötenspielen und allen übrigen Künsten ganz derselbe Fall? Gewiss wäre es großer Unverstand, wenn wir einen Flötenspieler aus einem machen wollten und dabei die Absicht hätten, ihn nicht zu denen zu schicken, welche sich anheischig machen, die Kunst zu lehren, und sich dafür einen Lohn bezahlen lassen, sondern irgend andere damit zu behelligen, dass er von solchen Unterricht suche, die sich weder für Lehrer ausgeben noch irgend einen Schüler haben in dem Unterrichtszweig, in welchem wir den, den wir hinschicken, unterrichtet zu sehen wünschen. Wäre das nicht deines Bedünkens eine große Torheit?
Vorlage S. 442
435
Anytos: Jawohl, beim Zeus, und ein Beweis von Unwissenheit dazu!
Vorlage S. 443
436
Sokrates: Gut gesagt! Und nun bist du in der Lage, mit mir gemeinschaftlich Rat zu pflegen über diesen deinen Gastfreund Menon. Derselbe versichert mir nämlich schon längst, Anytos, dass er nach jener Weisheit und Tugend Verlangen trage, vermöge welcher die Menschen ihre häuslichen und staatlichen Angelegenheiten recht verwalten, ihre Eltern versorgen und Bürger und Fremde auf eine eines rechtschaffenen Mannes würdige Weise zu empfangen und zu entlassen verstehen. Sieh nun zu, zu welchen Leuten wir ihn dieser Tugend wegen am besten schicken würden. Vielmehr nach dem eben Gesagten ist das klar, nämlich doch wohl zu solchen, welche sich anheischig machen, Lehrer der Tugend zu sein, und sich selbst ohne Unterschied jedem Hellenen, der diese erlernen will, dazu erbieten, auch einen Lohn dafür verlangen und sich bezahlen lassen?
Vorlage S. 443
437
Anytos: Und welche meinst du damit, Sokrates?
Vorlage S. 443
438
Sokrates: Das weißt du ja selbst, dass es diejenigen sind, welche man Sophisten nennt.
Vorlage S. 443
439
Anytos: Beim Herakles, das wolle Gott nicht, Sokrates! Dass mir doch ja niemand von meinen Verwandten, Angehörigen oder Freunden unter den Bürgern oder Fremdlingen jemals die Tollheit begeht, zu diesen Leuten zu gehen und sich von ihnen verderben zu lassen! Denn das sind sie doch, das offenbare Verderben und Unheil derer, die mit ihnen umgehen!
Vorlage S. 443
440
Sokrates: Wie meinst du, Anytos? Also von allen denen, welche sich die Meisterschaft in einer heilsamen Kenntnis beimessen, sind diese einzig und allein so ganz verschieden, dass sie in dem, was man ihnen anvertraut, nicht nur keinen Nutzen, wie die anderen, sondern im Gegenteil noch Verderben schaffen? Und dafür vermessen sie sich noch ganz offen Geld zu nehmen? Nun, ich sehe nicht ein, wie ich dir das glauben soll. Denn ich weiß, dass der einzige Protagoras mit dieser seiner Weisheit mehr Geld verdient hat als Pheidias, der so ausgezeichnet schöne Werke verfertigte, und als noch zehn andere Bildhauer. Auch ist es doch seltsam, was du sagst, dass, während diejenigen, welche alte Schuhe flicken und Kleider ausbessern, wenn sie die Kleider und Schuhe schlechter zurückgäben, als sie sie bekommen haben, keine dreißig Tage lang unbemerkt bleiben könnten, sondern, wenn sie es so machten, in kurzer Zeit Hungers sterben würden, dagegen Protagoras also, ohne dass es ganz Hellas merkte, diejenigen, welche mit ihm umgingen, verderbte und schlechter entlassen haben soll, als er sie bekommen hatte, und das mehr als vierzig Jahre lang. Denn ich meine, er sei gestorben, nachdem er nahe an siebzig Jahre alt geworden und seine Kunst vierzig Jahre lang betrieben hatte. Und in dieser ganzen Zeit bis auf den heutigen Tag ist sein Ruhm um nichts vermindert worden. Und ebenso ist es nicht nur mit dem Protagoras, sondern noch mit gar vielen anderen, die teils vor ihm gewesen sind, teils noch jetzt leben. Sollen wir denn nun, nach dem, was du sagst, annehmen, dass sie die Jünglinge mit Wissen betrügen und verderben, oder dass sie es auch selbst nicht merken? Dürfen wir wirklich diejenigen für so unsinnig halten, von denen manche sagen, sie seien die weisesten der Menschen?
Vorlage S. 443
441
Anytos: Sie sind weit entfernt, Sokrates, die Unsinnigen zu sein, sondern vielmehr diejenigen sind es von den jungen Leuten, welche ihnen Geld geben, und noch mehr als diese sind es deren Angehörige, welche sie ihnen anvertrauen; aber am allermeisten sind es die Staaten, welche ihnen Zutritt bei sich gestatten und nicht vielmehr jeden, sei er ein Fremdling oder ein Stadtbürger, ausstoßen, wenn er so etwas zu tun versucht.
Vorlage S. 444
442
Sokrates: Anytos, hat dir denn einer von den Sophisten etwas zuleide getan, oder warum bist du so böse über sie?
Vorlage S. 444
443
Anytos: Nein, beim Zeus, ich habe auch niemals mit irgend einem von ihnen Umgang gehabt, noch würde ich das irgend einem von den Meinigen gestatten.
Vorlage S. 444
444
Sokrates: Du bist also mit diesen Leuten ganz und gar unbekannt?
Vorlage S. 444
445
Anytos: Und will es auch bleiben.
Vorlage S. 444
446
Sokrates: Wie kannst du doch also, du Wunderlicher, von dieser Sache wissen, ob etwas Gutes oder Schlimmes daran ist, wenn du damit ganz und gar unbekannt bist?
Vorlage S. 444
447
Anytos: Leicht! Weiß ich ja doch, was für Leute sie sind, mag ich nun unbekannt mit ihnen sein oder nicht.
Vorlage S. 445
448
Sokrates: Ein Seher bist du wohl, Anytos; denn nach dem, was du selbst sagst, müsste ich mich wundern, wie du sonst etwas von diesen Leuten wissen kannst. Doch danach haben wir gar nicht gefragt, welches die Leute sind, durch welche Menon schlecht werden würde, wenn er zu ihnen käme. Diese mögen, wenn du willst, immerhin die Sophisten sein. Sondern nenne uns jene, und erzeige diesem alten Freunde deines Hauses die Guttat, ihm zu bezeichnen, zu welchen er in dieser großen Stadt gehen muss, um es in der Tugend, von der ich vorhin gesprochen habe, einigermaßen zu etwas zu bringen!
Vorlage S. 445
449
Anytos: Warum aber bezeichnest du sie ihm nicht selbst?
Vorlage S. 445
450
Sokrates: Ich habe ja diejenigen, von welchen ich meinte, dass sie Lehrer hierin seien, genannt; aber, wie du versicherst, ist ja an dem nichts, was ich sagte, und an dem, was du sagst, ist vielleicht etwas. So nenne ihm du nun auch deinerseits diejenigen unter den Athenern, zu welchen er gehen soll! Nenne einen Namen, welchen du willst!
Vorlage S. 445
451
Anytos: Was braucht er da doch den Namen eines Menschen zu hören? Denn mag er auch unter den edeln und tüchtigen Athenern begegnen, welchem er wollte, – es ist keiner darunter, der ihn nicht besser machen wird als die Sophisten, wenn er ihm folgen will.
Vorlage S. 445
452
Sokrates: Und diese Edeln und Tüchtigen, sind sie solche Leute ganz von sich selbst geworden, ohne von jemandem zu lernen, so zwar, dass sie dennoch imstande sind, das, was sie reibst nicht gelernt haben, andere zu lehren?
Vorlage S. 445
453
Anytos: Auch sie, nehme ich an, haben wieder von den Früheren, auch edeln und tüchtigen Männern, gelernt. Oder glaubst du nicht, dass der tüchtigen Männer in dieser Stadt immer viele gewesen sind?
Vorlage S. 445
454
Sokrates: Auch ich, Anytos, glaube wohl, dass es hier zu Staatsgeschäften tüchtige Männer gebe und nicht minder gegeben habe, als noch gebe. Aber sind sie wohl auch tüchtige Lehrer dieser ihrer Tugend gewesen? Denn dies ist es, wovon eigentlich unter uns die Rede war, nicht, ob es hier tüchtige Männer gebe oder nicht, auch nicht, ob es früher deren gegeben habe, – sondern ob die Tugend etwas Lehrbares sei, das untersuchen wir schon lange. Und diese Untersuchung hat uns auf die Frage geführt, ob die tüchtigen Männer von jetzt und von ehedem es verstanden haben, die Tugend, in welcher sie tüchtig waren, auch einem anderen mitzuteilen, oder ob die Tugend etwas ist, das sich dem Menschen nicht mitteilen lässt und das einer von dem ändern nicht bekommen kann? Dieses ist es, was wir, Menon und ich, schon lange untersuchen. Erwäge es nun einmal in folgender Weise gemäß deinen eigenen Äußerungen: Du gibst doch zu, dass Themistokles ein tüchtiger Mann gewesen sei?
Vorlage S. 445
455
Anytos: Gewiss, mehr als alle anderen.
Vorlage S. 446
456
Sokrates: Also auch, dass er ein tüchtiger Lehrer, wenn irgend jemals einer Lehrer seiner eigenen Tugend war, gewesen sei?
Vorlage S. 446
457
Anytos: Ich denke wohl, wenn er nur wollte.
Vorlage S. 446
458
Sokrates: Aber denkst du wohl, er habe nicht gewollt, dass auch andere edel und tüchtig würden, und ganz vorzüglich sein eigener Sohn? Oder denkst du, er habe es ihm mißgönnt und ihm geflissentlich die Tugend nicht mitgeteilt, in welcher er selbst tüchtig war? Oder hast du nicht gehört, dass Themistokles seinen Sohn Kleophantos zwar zu einem tüchtigen Reiter bilden ließ – er konnte Ja aufrecht auf dem Pferde stehen, aufrecht auf dem Pferde den Wurfspieß schleudern und sonst viele wunderbare Kunststücke machen, worin sein Vater ihn erziehen ließ, der ihn in allem geschickt machte, was tüchtiger Lehrer Sache war - , oder hast du das nicht von den älteren Leuten gehört?
Vorlage S. 446
459
Anytos: Doch.
Vorlage S. 446
460
Sokrates: Es wird also wohl niemand die Naturanlage seines Sohnes als eine schlechte beklagen.
Vorlage S. 446
461
Anytos: Das wohl nicht.
Vorlage S. 446
462
Sokrates: Nun aber, dass Kleophantos, des Themistokles Sohn, darin ein tüchtiger und weiser Mann geworden sei, worin sein Vater es war, hast du das auch schon gehört von einem Jüngeren oder Älteren?
Vorlage S. 446
463
Anytos: Nicht doch.
Vorlage S. 446
464
Sokrates: Sollen wir nun wohl denken, er habe seinen Sohn zwar in jenen Dingen erziehen lassen wollen, in der Weisheit aber, die er selbst besaß, habe er ihn um nichts besser haben wollen als seine Nachbarn, wenn doch die Tugend etwas Lehrbares wäre?
Vorlage S. 446
465
Anytos: Nicht wohl, beim Zeus!
Vorlage S. 447
466
Sokrates: Da hast du also einen solchen Lehrer der Tugend, von dem du selbst zugibst, dass er unter den Früheren der Tüchtigste sei. Doch lass uns einen anderen ins Auge fassen, den Aristeides, des Lysimachos Sohn, – oder gibst du nicht zu, dass dieser ein tüchtiger Mann gewesen sei?
Vorlage S. 447
467
Anytos: Ich doch ganz gewiss.
Vorlage S. 447
468
Sokrates: Hat nun nicht auch dieser seinen Sohn Lysimachos in allem, was irgend Sache von Lehrern war, aufs trefflichste unter den Athenern erziehen lassen, und doch – hat er nach deiner Ansicht einen besseren Menschen aus ihm gemacht, als jeder andere ist? Denn mit diesem hast du ja selbst Umgang gehabt und siehst ja, was für ein Mensch er ist. Und willst du noch den Perikles, den in so hohem Maße weisen Mann, so weißt du wohl, dass er zwei Söhne auferzog, den Paralos und den Xanthippos?
Vorlage S. 447
469
Anytos: Jawohl.
Vorlage S. 447
470
Sokrates: Diese ließ er, wie du ja selbst weißt, zu Reitern heranbilden, die keinem unter den Athenern nachstanden; auch ließ er sie in der Musik, im Wettkampf und in allem, was nur irgend Sache der Kunst ist, so gut unterrichten, dass sie keinem nachstanden. Aber tugendhafte Männer wollte er also nicht aus ihnen machen? Ich denke, er wollte es wohl, nur aber, dass das nichts Lehrbares ist. Du darfst ja nicht glauben, nur wenige und die Unbedeutendsten der Athener seien dieser Aufgabe nicht gewachsen gewesen; besinne dich nur, dass Thukydides ebenfalls zwei Söhne auferzogen hat, den Melesias und den Stephanos, und sie in allem wohl unterrichten ließ, dass diese auch unter allen Athenern die trefflichsten Ringer waren, denn den einen übergab er dem Xanthias, den ändern dem Eudoros. Diese aber galten damals für die trefflichsten Ringer. Oder erinnerst du dich nicht?
Vorlage S. 447
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Anytos: Doch, vom Hörensagen.
Vorlage S. 447
472
Sokrates: Ist es nun nicht ganz wunderbar, dass dieser seine Söhne zwar in dem, dessen Erlernung ihm Aufwand verursachte, hätte belehren lassen, in dem aber, was ihn nichts gekostet, nämlich tugendhafte Männer aus ihnen zu machen, sie ohne Belehrung gelassen hätte, wenn dieses etwas Lehrbares wäre? Aber war vielleicht Thukydides ein unbedeutender Mann und hatte nicht eben sehr viele Freunde unter den Athenern und den Bundesgenossen; Nein, er war aus einem großen Hause und vermochte Großes in der Stadt und unter den übrigen Hellenen, so dass, wenn jenes irgend lehrbar wäre, er gewiss einen aufgefunden hätte, der seine Söhne tugendhaft gemacht haben würde, entweder unter seinen Landsleuten einen oder unter den Fremden, wenn er ja selbst wegen Besorgung der Staatsgeschäfte keine Zeit dazu gefunden hätte. Allein ich fürchte, Freund Anytos, dass die Tugend eben nichts Lehrbares ist!
Vorlage S. 447
473
Anytos: O Sokrates, du scheinst es mir recht leicht zu nehmen, schlimm von den Leuten zu reden. Ich nun möchte dir wohl raten, wenn du mir folgen willst, dich in acht zu nehmen: denn vielleicht ist es zwar auch in einem anderen Staate leichter, den Leuten Böses zu tun als Gutes, doch nirgends mehr als hier. Ich denke, du weißt das auch selbst.
Vorlage S. 448
474
(Anytos kehrt den Rücken.)
Vorlage S. 448
475
Sokrates: O Menon, Anytos scheint mir böse zu sein, und das wundert mich gar nicht. Denn fürs erste meint er, ich wolle diese Männer schmähen: sodann glaubt er auch selbst einer von ihnen zu sein. Doch er wird schon, wenn er es einmal erfährt, was übel reden heiße, aufhören, böse zu sein; jetzt kennt er es eben noch nicht. Nun aber, sage du mir einmal: Gibt es nicht auch bei euch edle und tüchtige Männer?
Vorlage S. 448
476
Menon: Gewiss.
Vorlage S. 448
477
Sokrates: Wie nun? Sind diese geneigt, den jungen Leuten sich als Lehrer zu erbieten und sich selbst für Lehrer oder die Tugend für etwas Lehrbares auszugeben?
Vorlage S. 448
478
Menon: Nein, beim Zeus, Sokrates! Sondern das eine Mal kannst du von ihnen hören, sie sei etwas Lehrbares, das andere Mal, sie sei es nicht.
Vorlage S. 448
479
Sokrates: Können wir nun sagen, diese seien Lehrer in dieser Sache, wenn sie noch nicht einmal darüber mit sich eins sind?
Vorlage S. 448
480
Menon: Ich meine nicht, Sokrates.
Vorlage S. 448
481
Sokrates: Wie aber, diese Sophisten, die sich allein dafür ausgeben, – dünken sie dir Lehrer der Tugend zu sein?
Vorlage S. 448
482
Menon: Eben das, Sokrates, schätze ich vorzugsweise am Gorgias, dass du von ihm gewiss niemals ein Versprechen der Art hörst. Vielmehr lacht er noch über die anderen, wenn er ihre Versprechungen hört. Wohl aber tüchtige Redner, meint er, müsse man bilden.
Vorlage S. 448
483
Sokrates: Also scheinen auch dir die Sophisten keine Lehrer zu sein?
Vorlage S. 449
484
Menon: Ich weiß nicht, Sokrates, was ich sagen soll. Es geht mir da eben auch wie den meisten: bald scheinen sie mir's zu sein, bald nicht.
Vorlage S. 449
485
Sokrates: Weißt du aber auch, dass es nicht nur dir und anderen Staatsmännern so scheint, bald, die Tugend sei lehrbar, bald nicht, sondern auch von Theognis, dem Dichter, weißt du doch, dass er ganz dasselbe sagt?
Vorlage S. 449
486
Menon: In welchen Versen?
Vorlage S. 449
487
Sokrates: In seinen Elegien, wo er sagt:
Vorlage S. 449
488
Denen geselle zum Trunk und zum Schmaus dich, sitze bei denen,
Vorlage S. 449
489
Zeige gefällig dich nur denen, die mächtig im Staat!
Vorlage S. 449
490
Nur von den Besten erlernst du das Beste; doch geht dir verloren,
Vorlage S. 449
491
Wenn du dich Schlechten gesellst, leicht die Vernunft, die du hast.
Vorlage S. 449
492
Siehst du, dass er hier von der Tugend redet, als ob sie etwas Lehrbares wäre?
Vorlage S. 449
493
Menon: Ganz deutlich.
Vorlage S. 449
494
Sokrates: In einer anderen Stelle aber spricht er sich etwas anders aus:
Vorlage S. 449
495
Ließe Vernunft sich machen, sagt er, und sich einpflanzen dem Manne,
Vorlage S. 449
496
da, meint er,
Vorlage S. 449
497
Großen und herrlichen Preis trügen dann jene davon,
Vorlage S. 449
498
welche dieses zu tun vermöchten, und
Vorlage S. 449
499
Nimmer aus tüchtigem Stamm wüchs' ein verdorbener Sohn,
Vorlage S. 449
500
Folgt' er verständigen Reden; doch nimmer wirst durch Belehrung
Vorlage S. 449
501
Einen schlechten du je machen zum tüchtigen Mann.
Vorlage S. 449
502
Bemerkst du, dass er hier über denselben Gegenstand wieder das Gegenteil sagt?
Vorlage S. 449
503
Menon: Augenscheinlich.
Vorlage S. 449
504
Sokrates: Kannst du mir nun irgend einen anderen Gegenstand sagen, für welchen diejenigen, die sich als seine Lehrer ausgeben, nicht nur nicht als Lehrer anderer anerkannt werden, sondern nicht einmal als solche, die ihn selbst verstehen, vielmehr für untüchtig in eben diesem Gegenstand gelten, dessen Lehrer sie zu sein behaupten, – wogegen diejenigen, welche man selbst für trefflich und tüchtig anerkennt, von demselben behaupten, bald, er sei lehrbar, bald, er sei es nicht; Und von Leuten nun, die über einen Gegenstand dermaßen verworren sind, könntest du wohl behaupten, sie seien recht eigentlich seine Lehrer?
Vorlage S. 449
505
Menon: Beim Zeus, nein!
Vorlage S. 450
506
Sokrates: Wenn also nun weder die Sophisten noch die Trefflichen und Tugendhaften selbst Lehrer hierin sind, so gibt es doch wohl offenbar keine anderen?
Vorlage S. 450
507
Menon: Ich denke nicht.
Vorlage S. 450
508
Sokrates: Gibt es aber keine Lehrer, so gibt es auch keine Schüler?
Vorlage S. 450
509
Menon: Es wird wohl, denke ich, so sein, wie du sagst.
Vorlage S. 450
510
Sokrates: Darüber aber waren wir einverstanden, dass ein Gegenstand, für welchen es weder Lehrer noch Schüler gibt, auch nichts Lehrbares sei?
Vorlage S. 450
511
Menon: Das waren wir.
Vorlage S. 450
512
Sokrates: Und nicht wahr, für die Tugend kommen nirgends Lehrer zum Vorschein?
Vorlage S. 450
513
Menon: So ist es.
Vorlage S. 450
514
Sokrates: Wenn aber keine Lehrer, dann auch keine Schüler?
Vorlage S. 450
515
Menon: Sichtbar ist es so.
Vorlage S. 450
516
Sokrates: Die Tugend also wird wohl nichts Lehrbares sein?
Vorlage S. 450
517
Menon: Nicht, wie es scheint, wenn wir anders richtig untersucht haben, so dass ich mich verwundert frage, Sokrates, ob es wohl überhaupt keine tugendhaften Menschen gebe, oder wie wir uns doch wohl das Werden derer, welche tugendhaft werden, zu erklären haben?
Vorlage S. 450
518
Sokrates: Fast will es mir scheinen, lieber Menon, dass wir, du und ich, nicht viel miteinander taugen, und dass dich Gorgias, wie mich Prodikos, noch nicht gehörig geschult habe. Vor allem anderen lass uns daher unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst richten und uns untersuchen, wer uns doch auf irgend eine Weise, welche es auch sei, besser machen könne! Und ich sage dies mit Rücksicht auf unsere bisherige Untersuchung. Denn es ist zum Lachen, wie es uns entgangen ist, dass entweder die Menschen ihre Angelegenheiten keineswegs nur unter Leitung der Erkenntnis richtig und gut besorgen, oder aber (d.h. wofern wir nicht zugeben wollten, sie tun es nicht nur durch Erkenntnis, sondern noch durch etwas anderes), wir wohl darauf verzichten müssen, überhaupt zu erkennen, auf welche Weise die Menschen tugendhaft werden.
Vorlage S. 450
519
Menon: Wie meinst du das, Sokrates?
Vorlage S. 451
520
Sokrates: So: Dass die tugendhaften Menschen nützlich sein müssen, darüber haben wir uns doch mit Recht geeinigt, dass es nicht anders sich verhalte. Nicht wahr?
Vorlage S. 451
521
Menon: Ja.
Vorlage S. 451
522
Sokrates: Und dass sie nützlich sein werden, wenn sie uns in unseren Angelegenheiten aufrechte Art leiten, auch darüber sind wir wohl mit Grund einig?
Vorlage S. 451
523
Menon: Ja.
Vorlage S. 451
524
Sokrates: Der weitere Satz aber, dass es nicht möglich ist, richtig zu leiten, ohne einsichtsvoll zu sein, wird wohl einem Zugeständnis gleich sehen, das wir nicht richtig gemacht haben.
Vorlage S. 451
525
Menon: Wie meinst du das »richtig«?
Vorlage S. 451
526
Sokrates: Ich will dir's sagen: Wenn einer, der den Weg nach Larissa, oder wohin du sonst irgend willst, weiß, dahin ginge und andere leitete, würde er sie nicht gewiss richtig und gut leiten?
Vorlage S. 451
527
Menon: Gewiss.
Vorlage S. 451
528
Sokrates: Wie aber, wenn es einer täte, der zwar richtig meint, welches der Weg ist, aber ihn selbst noch nicht gegangen wäre und ihn auch nicht wüsste, – würde der nicht doch auch richtig leiten können?
Vorlage S. 451
529
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 451
530
Sokrates: Und solange dieser nur eine richtige Meinung hat von dem, wovon jener Erkenntnis besitzt, wird er, wenn er gleich das Wahre nur meint, nicht aber einsieht, noch kein schlechterer Leiter sein als der, der es einsieht.
Vorlage S. 451
531
Menon: Keineswegs.
Vorlage S. 451
532
Sokrates: Die wahre Meinung ist also zur Richtigkeit des Handelns noch gar keine schlechtere Leiterin als die Einsicht. Und dies ist es, was wir vorhin bei unserer Untersuchung über die Tugend, was sie ihrem Wesen nach sei, außer Acht gelassen haben, indem wir nämlich behaupteten, dass nur Einsicht zu richtigem Handeln leite, während dies doch auch wahre Meinung vermag.
Vorlage S. 451
533
Menon: So scheint's.
Vorlage S. 452
534
Sokrates: Richtige Meinung ist also um nichts minder nützlich als Erkenntnis.
Vorlage S. 452
535
Menon: Doch wohl insoweit, Sokrates, dass der, der die Erkenntnis besitzt, seinen Zweck immer erreichen wird, wer aber die richtige Meinung besitzt, ihn bald erreicht, bald auch nicht.
Vorlage S. 452
536
Sokrates: Wie sagst du? Wer immer eine richtige Meinung besitzt, soll seinen Zweck nicht immer erreichen, solange er doch Richtiges meint?
Vorlage S. 452
537
Menon: Notwendig freilich, wie es scheint, so dass ich mich wundern muss, Sokrates, warum, wenn dem so ist, die Erkenntnis doch soviel höher geschätzt wird als die richtige Meinung, und weshalb das eine von dem anderen unterschieden wird.
Vorlage S. 452
538
Sokrates: Weißt du, weshalb du dich wunderst? Oder soll ich dir's sagen?
Vorlage S. 452
539
Menon: Ja, sage mir's!
Vorlage S. 452
540
Sokrates: Weil du nicht an die Bildwerke des Daidalos gedacht hast; doch vielleicht gibt es auch keine bei euch.
Vorlage S. 452
541
Menon: Was meinst du doch aber damit?
Vorlage S. 452
542
Sokrates: Weil sie, wenn man sie nicht anbindet, auch davonlaufen und ausreißen, wenn man sie aber anbindet, bleiben.
Vorlage S. 452
543
Menon: Wie denn das?
Vorlage S. 452
544
Sokrates: Von seinen Werken ein losgelassenes zu besitzen, das hat freilich ebensowenig besonderen Wert als ein entlaufener Sklave – denn es bleibt ja nicht da –, ein angebundenes aber ist viel wert; denn es sind überaus schöne Werke. – Was ich nun doch damit meine? Die wahren Meinungen! Denn auch die wahren Meinungen, solange sie dableiben, sind eine schöne Sache und bewirken lauter Gutes. Lange Zeit aber wollen sie nicht dableiben, sondern reißen aus aus der Seele des Menschen, so dass sie so lange nicht viel wert sind, bis man sie durch den Gedanken des Grundes anbindet. Das aber ist, Freund Menon, eben die Wiedererinnerung, wie wir uns im Früheren bereits verständigt haben. Hat man sie aber nun angebunden, so werden sie zuerst Erkenntnisse, sodann auch bleibend. Und deshalb nun ist Erkenntnis mehr wert als richtige Meinung, und es unterscheidet sich Erkenntnis von richtiger Meinung also durch dieses Band.
Vorlage S. 452
545
Menon: Nun, beim Zeus, Sokrates, die Vergleichung ist passend!
Vorlage S. 453
546
Sokrates: Nun, was ich jetzt sage, sage ich nicht als ein Wissender, sondern nur, wie ich's vermute. Dass aber richtige Meinung und Erkenntnis etwas Verschiedenes ist, das allerdings meine ich nicht bloß zu vermuten: sondern, wenn ich je behaupten wollte, irgend etwas zu wissen (und von nur wenigem möchte ich das behaupten), – dieses eine würde ich zu dem rechnen, was ich weiß.
Vorlage S. 453
547
Menon: Und hiermit hast du wohl recht, Sokrates.
Vorlage S. 453
548
Sokrates: Und wie nun? Recht nicht auch damit, dass die wahre Meinung, wenn sie leitet, in jedem Falle das Werk nicht schlechter vollführt als die Erkenntnis?
Vorlage S. 453
549
Menon: Auch damit hast du meines Erachtens recht.
Vorlage S. 453
550
Sokrates: Um nichts schlechter also noch auch weniger nützlich für unsere Handlungen wird die wahre Meinung sein als die Erkenntnis, noch der, welcher eine wahre Meinung besitzt, als der, welcher Erkenntnis besitzt.
Vorlage S. 453
551
Menon: Dem ist so.
Vorlage S. 453
552
Sokrates: Und von dem tugendhaften Menschen haben wir uns ja dahin verständigt, dass er nützlich sei.
Vorlage S. 453
553
Menon: Ja.
Vorlage S. 453
554
Sokrates: Da es nun ja aber doch tugendhafte und dem Staat nützliche Menschen, wofern es deren gibt, nicht nur durch Erkenntnis, sondern auch durch richtige Meinung geben dürfte, von diesen beiden aber weder das eine noch das andere den Menschen von Natur zukommt, weder Erkenntnis noch wahre Meinung, auch nicht Erworbenes, – oder dünkt dir wohl eines von beiden Naturgabe zu sein?
Vorlage S. 453
555
Menon: Mir nicht.
Vorlage S. 453
556
Sokrates: Da nun nicht von Natur, so werden wohl auch die Tugendhaften es nicht von Natur sein?
Vorlage S. 453
557
Menon: Nicht wohl.
Vorlage S. 453
558
Sokrates: Da aber nicht von Natur, so haben wir nächstdem untersucht, ob's etwas Lehrbares sei?
Vorlage S. 453
559
Menon: Ja.
Vorlage S. 453
560
Sokrates: Und nicht wahr, – lehrbar, meinten wir, würde die Tugend sein, wenn sie Einsicht wäre?
Vorlage S. 453
561
Menon: Ja.
Vorlage S. 454
562
Sokrates: Und wenn sie lehrbar wäre, würde sie Einsicht sein?
Vorlage S. 454
563
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 454
564
Sokrates: Und lehrbar würde sie sein, wenn es Lehrer für sie gäbe; wenn nicht, wäre sie nicht lehrbar?
Vorlage S. 454
565
Menon: Ganz so.
Vorlage S. 454
566
Sokrates: Wir haben uns aber darüber verständigt, dass es keine solchen Lehrer gebe?
Vorlage S. 454
567
Menon: Dem ist so.
Vorlage S. 454
568
Sokrates: Sind wir also nicht einverstanden, dass sie weder lehrbar noch Einsicht sei?
Vorlage S. 454
569
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 454
570
Sokrates: Aber dass sie gewiss etwas Gutes sei, auch darüber verstehen wir uns?
Vorlage S. 454
571
Menon: Ja.
Vorlage S. 454
572
Sokrates: Und nützlich und gut sei das, was uns richtig leitet?
Vorlage S. 454
573
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 454
574
Sokrates: Richtig leiten aber können nur jene zwei, wahre Meinung und Erkenntnis, und diese müsse der Mensch besitzen, der richtig leiten wolle. Denn was aus Zufall geschieht, geschieht nicht durch menschliche Leitung. Das aber, wodurch ein Mensch ein Leiter zum Rechten wird, sind eben jene zwei: wahre Meinung und Erkenntnis.
Vorlage S. 454
575
Menon: Ich denke wohl.
Vorlage S. 454
576
Sokrates: Nicht wahr, wenn nun die Tugend nichts Lehrbares ist, so ist sie auch nicht mehr Erkenntnis?
Vorlage S. 454
577
Menon: Offenbar nicht.
Vorlage S. 454
578
Sokrates: Von den zweien also, die gut und nützlich sind, fallt das eine weg, und die Erkenntnis wird somit bei bürgerlichen Geschäften nicht wohl Leiterin sein können?
Vorlage S. 454
579
Menon: Nicht, wie mir dünkt.
Vorlage S. 454
580
Sokrates: Nicht also vermöge einer gewissen Weisheit noch als Weise haben jene Männer die Staaten geleitet, Männer wie Themistokles und welche sonst dieser Anytos da eben genannt hat. Deshalb sind sie auch nicht imstande, aus ändern ebensolche Leute zu machen, wie sie selbst sind, weil sie das, was sie sind, nicht durch Erkenntnis sind.
Vorlage S. 454
581
Menon: Es scheint sich wohl so zu verhalten, Sokrates, wie du sagst.
Vorlage S. 455
582
Sokrates: Und nicht wahr, war's nicht durch Erkenntnis, so bleibt ja nur übrig das richtige Meinen, mit dessen Hilfe die Staatsmänner die Staatenrecht verwalten, während sie, was Einsehen betrifft, nicht anders daran sind als die Orakelsprecher und gottbegeisterten Wahrsager: denn auch diese reden viel Wahres, ohne dass sie etwas von dem, was sie reden, wissen.
Vorlage S. 455
583
Menon: So scheint es wohl zu sein.
Vorlage S. 455
584
Sokrates: Ist es nun, Menon, nicht billig, diese Männer göttlich zu nennen, da sie ja ohne vernünftige Einsicht vieles Große, was sie tun und reden, recht vollbringen?
Vorlage S. 455
585
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 455
586
Sokrates: Mit Recht können wir wohl die, welche wir eben genannt haben, die Orakelsprecher und Wahrsager und auch alle Dichter, göttlich nennen; und auch von den Staatsmännern dürften wir wohl in nicht minderem Grade behaupten, sie seien göttlich und begeistert, da sie von dem Gotte angehaucht und ergriffen sind, wenn sie durch ihre Reden viele große Dinge richtig ausführen, ohne etwas von dem, was sie reden, zu wissen.
Vorlage S. 455
587
Menon: Allerdings.
Vorlage S. 455
588
Sokrates: Auch die Frauen, Menon, nennen ja die guten Männer göttlich; und die Lakedaimonier, wenn sie einen preisen wollen als einen tugendhaften Mann, sagen: »Das ist ein göttlicher Mann!«
Vorlage S. 455
589
Menon: Und offenbar, Sokrates, reden sie mit Recht so, wenn auch dieser Anytos da sich über dich, wenn du das sagst, erzürnt.
Vorlage S. 455
590
Sokrates: Das kümmert mich nichts. Mit ihm, Menon, wollen wir schon ein andermal reden. – Wenn wir aber jetzt in unserem ganzen Gespräche richtig untersucht und uns recht ausgedrückt haben, so dürfte wohl die Tugend weder von Natur sein noch etwas Lehrbares sein, sondern denen, welchen sie zuteil wird ohne Zutun ihrer Vernunft, durch ein göttliches Geschick zuteil werden, es müsste denn unter den Staatsmännern einen geben, der auch einen ändern zum Staatsmann machen könnte. Gäbe es aber einen, so müsste man fast sagen, dass er unter den Lebenden eben das wäre, was Teiresias nach Homer unter den Toten sein soll, der von ihm sagt:
Vorlage S. 455
591
Er allein ist beseelt
Vorlage S. 456
592
unter denen im Hades,
Vorlage S. 456
593
die anderen irren als Schatten.
Vorlage S. 456
594
Denn ganz so wäre ein solcher hinsichtlich der Tugend wie neben Schatten ein wahrer Gegenstand.
Vorlage S. 456
595
Menon: Trefflich dünkst du mir zu reden, Sokrates!
Vorlage S. 456
596
Sokrates: Gemäß unserem Schlüsse also, Menon, scheint es uns, dass die Tugend denen, welchen sie zuteil wird, durch ein göttliches Geschick zuteil werde. Das Sichere hierüber aber werden wir erst dann erkennen, wenn wir, statt zuerst zu fragen, auf welche Weise den Menschen die Tugend zuteil werde, zuvor zu untersuchen unternehmen, was die Tugend an und für sich sei. Jetzt aber ist es für mich Zeit, zu gehen. Du aber suche von dem, wovon du selbst dich überzeugt hast, auch deinen Gastfreund, den Anytos hier, zu überzeugen, damit er sanftmütiger werde! Und wenn du ihn überzeugst, wirst du ja auch den Athenern dich nützlich machen.
Vorlage S. 456

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10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

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1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Sokrates: Ist es nun möglich, dass einer einen Staat oder ein Haus …«

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2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Genügt dir das, oder […] du es irgendwie anders?«

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Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deswegen« in diesem Textausschnitt? »Sokrates: Nicht wahr, deswegen, weil es noch andere Figuren gibt?«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt verweist mit einer Zeitangabe ausdrücklich auf eine frühere Zeit? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

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Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Welcher Ausschnitt enthält eine ausdrückliche Verneinung oder einen Ausschluss? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Sondern das eine Mal kannst du von ihnen hören, sie sei etwas Lehrbares, das andere Mal, sie sei es nicht.« B: »Sokrates: Indem wir ihn also in Verlegenheit gesetzt und nach Art des Zitterrochens erzittern gemacht haben, haben wir ihm da wohl etwas geschadet?« C: »Sokrates: Und wenn du das meinst, willst du damit dann behaupten, das Runde sei ebensowohl gerade als rund, oder das Gerade ebensowohl rund als gerade?«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Und wenn wir dieses sagen, wollen wir doch wohl sagen, dass es …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sokrates: Wie kannst du doch also, du […], von dieser Sache wissen, ob etwas Gutes oder Schlimmes daran ist, wenn du damit ganz und gar unbekannt bist?«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »nachdem« in diesem Textausschnitt? »Sokrates: Wenn also die Tugend etwas der Seele Zugehörendes, es ihr aber notwendig ist, nützlich zu sein, so muss sie Einsicht sein, da ja alles der Seele Zugehörige an und für sich weder nützlich noch schädlich ist, und erst, je nachdem Einsicht oder Unverstand hinzukommt, schädlich und nützlich wird.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Recht nicht auch damit, dass die wahre Meinung, wenn sie leitet, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Hat er ja doch selbst jedem Hellenen, der ihn was auch immer fragen wolle, sich dazu erboten und ist nie jemandem eine Antwort schuldig geblieben.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
Textstelle nachlesen ↗

2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Hat er ja doch selbst jedem Hellenen, der ihn was auch immer fragen wolle, sich dazu erboten und ist nie jemandem eine Antwort schuldig geblieben.« und »in jedem Falle das Werk nicht schlechter vollführt als die Erkenntnis«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »erwägen und gemeinschaftlich untersuchen, was sie wohl sei«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
Textstelle nachlesen ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Menon: Kannst du mir sagen, Sokrates, ist die Tugend lehrbar?«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Sokrates: Für uns aber hätte es sollen nur zweimal so groß werden.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Und wenn du ihn überzeugst, wirst du ja auch den Athenern dich nützlich machen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Menon – DTA DiBiPhil

Deutsches Textarchiv, BBAW, DiBiPhil-Korpus; Kuration Matthias Boenig, Susanne Haaf, Marius Hug und DTA-Team; ursprüngliche Digitalisierung Editura/Digitale Bibliothek. Historische Quellausgabe: Platon: Sämtliche Werke. Berlin: Lambert Schneider, [1940].

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY-SA 4.0 Lizenz

Originalsprache · Altgriechisch

Vollständiger altgriechischer Text der bezeichneten kritischen Edition. Quellschreibweise und editorische Zeichen bleiben erhalten; TEI-Struktur wird für die Anzeige umgesetzt. Abschnittsgrenzen folgen ausschließlich wirklichen Quellenunterteilungen. Historische deutsche Übersetzung und griechische Quellenedition haben eigenständige Gliederungen.

Platon; John Burnet (Quellenedition); Perseus Digital Library, Tufts University, CC BY-SA4.0.

Autorschaft und Ausgabe: Platon · John Burnet

Originaltext und Ausgabe ↗ · Perseus Digital Library, Tufts University · Lizenz und Nutzungsbedingungen

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