Weltliteratur verstehen - Der Ekel - Jean-Paul Sartre
Einleitung
Lernziel und Lesestrategie. Du erschließt Jean-Paul Sartres Roman Der Ekel (französisch La Nausée) als literarische Darstellung einer erschütterten Selbst- und Welterfahrung. Du unterscheidest gesicherte Werkdaten, Beobachtungen am Erzähltext, philosophische Interpretationen und begründete Gegenpositionen. Am Ende kannst du eine textnahe Deutung entwickeln, ein Medium kritisch vergleichen und einen eigenen argumentativen Standpunkt vertreten.
Text- und Quellenhinweis. Ein vollständiger Primärtext liegt diesem Kurs nicht vor. Deshalb enthält er weder fingierte Roman-Zitate noch erfundene Seiten- oder Kapitelangaben. Wo eine Szene oder Figurenbeziehung beschrieben wird, stützt sich die knappe Orientierung auf die Verlagsangaben, die Bibliothèque nationale de France und universitäre Materialien. Textbelege für eigene Analysen musst du an deiner rechtmäßig genutzten Ausgabe prüfen. Eine verfügbare deutschsprachige Buchausgabe beschreibt der Rowohlt Verlag; alternativ hilft dir deine öffentliche Bibliothek oder Schulbibliothek. Für genaue Zitate notiere Ausgabe, Übersetzung, Druckjahr und Seite selbst.
Zielgruppe und Schutzrahmen. Geeignet ist eine behutsam angeleitete Lektüre für die Klassen 11–13 und die Erwachsenenbildung. Der Roman enthält belastende Erfahrungen von Einsamkeit, Entfremdung und körperlich erlebtem Ekel sowie Stellen zu Sexualität und problematischen Grenzüberschreitungen. Die Lehrkraft prüft die konkret verwendeten Passagen vorher, bietet Alternativaufgaben an und unterscheidet die Darstellung einer Figur von klinischen Diagnosen. Niemand muss persönliche Krisenerfahrungen offenlegen.
Leitfrage: Was geschieht, wenn vertraute Gegenstände, soziale Rollen und die eigene Biografie ihre vermeintliche Selbstverständlichkeit verlieren?
Werk, Entstehung und historische Einordnung
Bibliografie und überprüfbare Ausgangspunkte
Fakt: La Nausée erschien 1938 in Paris bei Gallimard. Die französische Nationalbibliothek verzeichnet das Werk als Roman; ihre Ausstellung zur Entstehung beschreibt mehrere Überarbeitungen und den früheren Arbeitstitel Melancholia. Der Rowohlt-Verlag führt die deutsche Ausgabe Der Ekel mit ISBN 9783499105814 und nennt Uli Aumüller als Übersetzer. Die Ausgaben können sich in Seitenzählung und Textbestand unterscheiden; der Verlag weist für diese Ausgabe auch auf einen Anhang mit ursprünglich gestrichenen Passagen hin.
Prüfweg: Vergleiche das Impressum deiner Ausgabe mit dem BnF-Katalog, der BnF-Ausstellung und der Verlagsseite. Eine bibliografische Angabe ist überprüfbar; eine Interpretation der Bedeutung muss darüber hinaus begründet werden.
Bildanalyse: Sartre in Venedig 1967. Das Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung aufgenommene Porträt ist kein Beleg dafür, wie der Autor 1938 aussah oder wie Roquentin aussieht. Quelle und Urheber: User:T1980; Wikimedia Commons, CC BY 3.0. Aufgabe: Trenne Autorporträt, Erzähler und Romanfigur in drei Sätzen.
Vorkriegsroman und spätere Wirkung
Fakt: 1938 liegt vor dem Zweiten Weltkrieg. Sartres später weithin bekannt gewordener Existentialismus und seine öffentliche Rolle nach 1945 bilden einen wichtigen Rezeptionshorizont, aber kein korrektes Erstveröffentlichungsdatum. Die BnF erläutert die Manuskriptgeschichte und die philosophische Absicht, metaphysische Erfahrungen in eine literarische Form zu übertragen.
Deutung: Der Roman kann als Vorläufer und literarisches Labor des später sichtbaren französischen Existentialismus gelesen werden. Gegenposition: Eine ausschließlich nachträgliche Etikettierung verdeckt psychologische, satirische und ästhetische Facetten des Romans. Die Bezeichnung „Nachkriegsmoderne“ beschreibt darum eher Teile der späteren Einordnung und Wirkung, nicht die Entstehungszeit.
Merksatz: Erscheinungsjahr, literarische Form und Rezeptionsgeschichte sind drei verschiedene Kategorien.
Schauplatz als Denkraum
Der Roman spielt in der erfundenen Provinzstadt Bouville. Die Nähe zur normannischen Hafenstadt Le Havre ist ein häufig genannter biografischer und räumlicher Bezug, aber Bouville darf nicht mit dem wirklichen Le Havre gleichgesetzt werden. Sartre arbeitete in Le Havre als Lehrer. Reale Fotografien können eine Vorstellung von Hafen, Stadt und Verkehr vermitteln, jedoch keine Romanszene beweisen.

Kontextbild und Quellenkritik: Le Havre im Jahr 2019, keine Aufnahme der dreißiger Jahre. Martin Falbisoner, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Aufgabe: Nenne zwei Informationen über die Stadt, die ein modernes Foto zeigt, und zwei Romanbehauptungen, die das Foto nicht belegen kann.
Bahnhof von Le Havre, 2010: Vergleichsmedium zum Motiv von Reisen, Ankunft und Aufbruch, keine Vorlage eines bestimmten Romanschauplatzes. Matinee, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Aufgabe: Untersuche, ob der Bahnhof für eine Figur eher Möglichkeit oder Bindung symbolisieren könnte; kennzeichne das als Hypothese.
Handlung, Figuren und soziale Beziehungen
Knapper Handlungsrahmen
Gesichert durch Werkbeschreibungen: Antoine Roquentin lebt zurückgezogen in Bouville und arbeitet an einem historischen Forschungsprojekt über den Marquis de Rollebon. Im Alltag der Stadt, in Bibliothek und Café, entstehen verstörende Wahrnehmungen vertrauter Dinge. Begegnungen mit dem selbsternannten Autodidakten und Erinnerungen an die frühere Beziehung zu Anny strukturieren seine Suche nach Halt. Das Erleben des „Ekels“ wird zum Anlass einer grundlegenden Reflexion über Existenz, Geschichte und das eigene Selbstbild.
Grenze: Dies ist eine Orientierung für die Lektüre, keine Ersatznacherzählung. Für Szenenfolge, genaue Formulierungen und Deutungsbelege brauchst du den Roman. Vergleiche beispielsweise Einträge vom Anfang und vom späteren Verlauf in deiner Ausgabe, statt eine aus dem Gedächtnis rekonstruierte Handlung als Textbeleg auszugeben.
Roquentin, Rollebon und Anny
Roquentin ist die zentrale Wahrnehmungs- und Reflexionsfigur. Er versucht zuerst, mithilfe historischer Forschung und eigener Erinnerungen Ordnung herzustellen. Wenn diese Verfahren fraglich werden, gerät nicht nur sein Forschungsprojekt, sondern auch sein Bild von sich selbst unter Druck.
Rollebon ist vor allem der Gegenstand von Roquentins geschichtlicher Recherche. Eine sinnvolle Analyse fragt, ob fremde Vergangenheit für Roquentin zugleich eine Stütze der eigenen Identität bildet. Anny ist seine frühere Partnerin; die Beziehung lädt dazu ein, Erinnerung und gegenwärtige Begegnung sowie Wunschbild und tatsächliche Person zu unterscheiden.
Beispiel für eine begründete Deutung: „Weil Roquentin Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr selbstverständlich zu einer Lebensgeschichte verbinden kann, verliert seine Tätigkeit als Historiker ihren identitätsstiftenden Wert.“ Das ist eine Interpretation, die am Primärtext mit geeigneten Stellen zu überprüfen ist, kein Roman-Zitat.
Der Autodidakt und die Bürgerwelt
Der als Autodidakt bekannte Bibliotheksbesucher vertritt einen universalistischen Bildungs- und Humanismusanspruch. Seine Begegnungen mit Roquentin erlauben eine Prüfung von zwei Weltdeutungen: Glaube an allgemeine Menschlichkeit und Fortschritt einerseits, skeptische Erfahrung von Einzelheit und Zufälligkeit andererseits. Die Darstellung lässt sich zugleich satirisch lesen. Für die Behandlung von Szenen mit grenzverletzendem Verhalten gegenüber Minderjährigen ist eine sensible, vorab ausgewählte Textgrundlage nötig.
Arbeitsregel: Kritik an einer dargestellten Figur ist nicht automatisch Kritik an jedem Humanismus. Zeige an der Textstelle, welche konkrete Haltung oder Handlung Ziel der Darstellung ist. Entwickle auch eine faire Gegenrede aus Sicht einer humanistischen Position.
Ekel, Kontingenz und Selbstverständnis
Der philosophische Begriff Kontingenz
Kontingenz bedeutet hier: Etwas existiert, ohne dass sein Dasein als notwendig begründet erscheinen muss. Der Begriff ist nicht mit bloßem Zufall im statistischen Sinn gleichzusetzen. Roquentins Ekel wird häufig als Erfahrung eines Übermaßes bloßen Vorhandenseins gelesen: Dinge sind da, bevor oder unabhängig davon, dass man sie sinnvoll benennen und einordnen kann.
Anschauliches Gedankenbeispiel, nicht aus dem Roman: Ein alltäglicher Gegenstand erscheint dir gewöhnlich als „Tasse für Tee“. Richtest du deine Aufmerksamkeit allein auf Material, Form und seine bloße Anwesenheit, kann die Zweckbezeichnung plötzlich wie eine nachträgliche Ordnung wirken. Daraus folgt nicht, dass jeder solche Eindruck bereits „Sartres Ekel“ ist.
Merkkasten: Beobachtung = der Roman beschreibt eine irritierte Wahrnehmung; Interpretation = diese Irritation erschließt Kontingenz; Gegenposition = eine besondere Gefühlslage beweist keine allgemeine metaphysische These.
Dinge, Körper und eine bekannte Baumszene
In der Forschung ist eine intensive Wahrnehmung einer Baumwurzel eine zentrale Szene. Sie wird häufig als literarische Verdichtung der Einsicht gelesen, dass die Existenz der Dinge keiner vertrauten Zweckordnung gehorchen muss. Für eine belastbare Analyse markierst du in deiner Ausgabe Wortwahl, sinnliche Details, Satzbau und den Übergang von Wahrnehmung zu Behauptung. Erfinde keine wörtliche Beschreibung der Wurzel und keine Seitenzahl.
Analyseauftrag: Unterstreiche in deiner Ausgabe Wahrnehmungsverben mit einer Farbe und abstrakte Begriffe mit einer zweiten. Begründe dann, an welcher sprachlichen Stelle eine konkrete Beobachtung zu einer weltanschaulichen Aussage wird. Eine Gegenlesart darf den Text als extrem subjektive Erfahrung auffassen.
Krise der eigenen Identität
Biografische Erinnerungen, soziale Rollen und historische Erzählungen geben Menschen meist Kontinuität. Bei Roquentin wird die Selbstverständlichkeit solcher Ordnungen fraglich. Deshalb ist der Ekel nicht nur ein körperliches Symptom im Roman, sondern auch eine literarisch gestaltete Infragestellung von Benennung, Zugehörigkeit und persönlicher Geschichte.
Differenzierung: Eine fiktive Figur darf als Beispiel für Entfremdung gedeutet werden, ohne dass man ihr eine moderne psychiatrische Diagnose zuschreibt. Die Erfahrung des Kontingenten ist als philosophische Lesart plausibel, aber nicht die einzig mögliche. Psychoanalytische, sozialkritische und ästhetische Lektüren können andere Aspekte erschließen.
Erzählform, Sprache und Erkenntnisgrenzen
Tagebuchform und begrenzte Perspektive
Der Roman verwendet eine tagebuchartige Ich-Erzählform. Dadurch erscheint die Welt aus Roquentins begrenztem Blickwinkel; Lesende erfahren seine Beobachtungen, Selbstkorrekturen und Deutungsversuche, ohne eine allwissende Instanz zu besitzen. Das Schreiben selbst wird zu einem Verfahren, einen zerfallenden Erfahrungshorizont zeitlich und begrifflich zu ordnen.
Beispielanalyse: Wenn ein Erzähler seine eigene frühere Gewissheit relativiert, zeigt das den Abstand zwischen erlebendem und schreibendem Ich. Notiere bei deiner Lektüre ein Beispiel mit eigenem Seitenbeleg. Verwechsle eine Darstellung von Unsicherheit nicht vorschnell mit einer absichtlichen Lüge.
Erzählzeit, Erinnerung und Gegenwart
Tagebucheinträge stiften eine Folge von Tagen, doch rückblickende Erinnerungen, Recherchen und reflektierende Stillstände durchbrechen einfaches Fortschreiten. Beschreibe deshalb immer, wann etwas erlebt, erinnert oder niedergeschrieben wird. Die wiederkehrende Musik bildet einen interessanten Kontrast: Ein Lied hat eine gestaltete Dauer und Wiederholbarkeit, während Roquentins Alltag ungesichert erscheinen kann.
Merkkasten: Erzählperspektive fragt „Wer nimmt wahr?“; Zeitgestaltung fragt „In welcher Ordnung erscheint das Geschehen?“; Zuverlässigkeit fragt „Wie lassen sich Aussagen prüfen?“ Drei Fragen, drei unterschiedliche Belege.
Sprache zwischen Detail und Abstraktion
Besonders ergiebig ist der Wechsel zwischen sinnlich konkreter Beschreibung und philosophischer Reflexion. Körperbezogene Wörter, Gegenstände, Wiederholungen und ungewöhnliche Vergleiche können den Verlust gewohnter Distanz erfahrbar machen. Bei der Analyse zählt nicht nur, was Roquentin behauptet, sondern wie die Erzählweise eine Erfahrung formt.
Gegenprobe: Schreibe zuerst eine nüchterne Beschreibung eines gewöhnlichen Gegenstands, danach eine verfremdende Beschreibung derselben Sache. Markiere deine eigenen Stilentscheidungen. Vergleiche anschließend nur das Verfahren mit einer kurzen, selbst ausgewählten Romanstelle. Deine Übung ist keine Rekonstruktion von Sartres Formulierung.
Musik, Kunst und Rezeptionsgeschichte
Das Lied als ästhetischer Kontrast
Der Song Some of These Days begegnet in der Handlung als Schallplattenmusik. Musik kann als Ordnung in der Zeit erscheinen und Roquentin eine andere Möglichkeit vermitteln, seine Erfahrung zu rahmen. Ob Kunst damit eine verlässliche Antwort auf die Kontingenz bietet, bleibt auslegungsbedürftig.
Datei:SOPHIE TUCKER - Some Of These Days (1911).ogg Hörvergleich: Sophie Tucker, Aufnahme von 1911 des Lieds von Shelton Brooks. Dies ist ein überprüfbares historisches Beispiel, nicht der Nachweis, dass im Roman genau diese Einspielung abgespielt wird. Quelle und Rechteangabe: Wikimedia Commons; Tonaufnahme laut dortiger Dokumentation gemeinfrei in den USA aufgrund ihres Alters; die Rechtssituation ist nach Nutzungsland und Schutzgegenstand zu prüfen. Aufgabe: Beschreibe Tempo, Stimme und Wiederholungen, ohne ungesicherte Aussagen über Sartres Schallplatte zu treffen.

Animation eines Metronoms als Anschauung von regelmäßig messbarer Zeit; keine Illustration einer konkreten Romanszene. Gronchih, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. Aufgabe: Vergleiche mechanische Regelmäßigkeit mit der subjektiv erlebten Dauer des Lieds.
Melancholie, Kunstwerk und Arbeitstitel
Die BnF verzeichnet Melancholia als einen früheren Titel des Romanprojekts und verweist auf Dürers Kupferstich Melencolia I. Diese Entstehungsinformation erlaubt einen reizvollen Medienvergleich, beweist aber nicht, dass jedes Symbol des Kupferstichs im Roman eine feste Entsprechung besitzt.
Albrecht Dürer, Melencolia I (1514), National Gallery of Art: Wikimedia Commons, CC0. Auftrag: Beschreibe drei sichtbar überprüfbare Gegenstände und begründe, warum „Melancholie“ als Arbeitstitel zu einer Romanfrage passen könnte. Behandle das als Vergleich, nicht als direkte Bildvorlage jeder Szene.
Existentialismus, Videovergleich und Kritik
Fakt und Kontext: Sartres öffentliche existentialistische Philosophie entwickelte sich in mehreren Schritten; sie ist nicht identisch mit jeder Empfindung der Romanfigur. Die Formel, dass der Mensch keinen vollständig vorgegebenen Wesenskern habe und in Entscheidungen Verantwortung trage, eignet sich als späterer Vergleichshorizont. Sie erklärt nicht automatisch jede Passage in Der Ekel.
Video 1 – englischsprachige Einführung. CrashCourse/PBS Digital Studios, Existentialism: Crash Course Philosophy #16 (2016). Videoquelle: YouTube/CrashCourse; Rechte: Urheber beim Produktionsteam, Einbettung über die YouTube-Plattform, keine pauschale freie Nachnutzung behauptet. Vergleiche die philosophischen Thesen mit dem literarischen Darstellungsverfahren und notiere zwei begriffliche Vereinfachungen, die für Unterrichtsgespräche präzisiert werden sollten.
Video 2 – populäre Deutung. The School of Life, PHILOSOPHY - Sartre (2014), YouTube/The School of Life. Rechte beim Rechteinhaber; Wiedergabe nur als Plattform-Einbettung, keine freie Video-Lizenz belegt. Prüfe die Aussagen über Freiheit und Lebensgestaltung gegen Verlags- und Werkquellen; unterscheide eine gut merkbare Zuspitzung von einer ausgewiesenen Romanaussage.
Rezeption und Einwand: Die BnF beschreibt, dass der 1938 erschienene Roman Beachtung fand. Nach 1945 wurde Sartres Denken breit rezipiert. Eine individualistische Lesart, die alles auf persönliche Entscheidung reduziert, kann soziale, historische und körperliche Einschränkungen vernachlässigen. Du solltest daher zeigen, welche Textstellen existenzphilosophische, sozialkritische oder ästhetische Deutungen tragen.

Erinnerungskultur: gemeinsames Grab Sartres und Simone de Beauvoirs auf dem Pariser Friedhof Montparnasse, Foto 2017. ManoSolo13241324, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Aufgabe: Erkläre den Unterschied zwischen kulturellem Gedenken an einen Autor und der Analyse des literarischen Ich-Erzählers.
Interaktive Aufgaben
Multiple-Choice-Quiz
In welchem Jahr wurde der französische Roman erstmals als Buch veröffentlicht? (1938) (!1918) (!1949) (!1964)
Rückmeldung: Die BnF verzeichnet 1938 bei Gallimard. Nachkriegswirkung ist nicht dasselbe wie Entstehungs- oder Publikationsdatum.
Welche Figur berichtet die zentrale Welterfahrung? (Antoine Roquentin) (!Jean-Paul Sartre als namentlicher Ich-Erzähler) (!Marquis de Rollebon) (!Albrecht Dürer)
Rückmeldung: Roquentin ist die Romanfigur und Perspektivfigur. Autor, Erzähler und Figur dürfen nicht gleichgesetzt werden.
Welche Form prägt den Roman? (Tagebuchartige Ich-Erzählung) (!Durchgehender dramatischer Dialog) (!Reine Gedichtsammlung) (!Allwissender Bericht ohne Figurenperspektive)
Rückmeldung: Die subjektive Tagebuchperspektive erlaubt Einsicht in Wahrnehmungen und Selbstdeutungen, bietet aber keinen allwissenden Überblick.
Wie heißt der zentrale fiktive Handlungsort? (Bouville) (!Berlin) (!Rouen als ausdrücklich identische Stadt) (!Rom)
Rückmeldung: Bouville ist literarisch gestaltet. Ähnlichkeiten mit Le Havre machen aus dem Romanort keine historische Stadtbeschreibung.
Womit beschäftigt sich Roquentin zu Beginn wesentlich? (Mit einer historischen Arbeit über Rollebon) (!Mit der Restaurierung von Dürers Kupferstich) (!Mit der Leitung einer Universität) (!Mit der Komposition eines Opernzyklus)
Rückmeldung: Das historische Projekt verbindet Erkenntnisinteresse und Identitätsfrage; eine fremde Biografie kann dem eigenen Leben scheinbar Ordnung geben.
Welche Haltung lässt sich besonders am Autodidakten untersuchen? (Einen Anspruch auf allgemeine humanistische Bildung) (!Die Pflicht zur mathematischen Forschung) (!Die Ablehnung aller Bücher) (!Eine ausdrücklich religiöse Amtsrolle)
Rückmeldung: Der Autodidakt eröffnet eine kritische Diskussion über Humanismus und über die Darstellung einzelner Figuren.
Was meint Kontingenz im zentralen philosophischen Deutungsangebot? (Existenz ohne zwingend notwendigen Grund) (!Eine im Voraus lückenlos festgelegte Lebensgeschichte) (!Die Statistik von Münzwürfen als Romanthema) (!Eine allein medizinisch messbare Krankheit)
Rückmeldung: Kontingenz ist hier eine Frage des bloßen Daseins, nicht nur Zufallsrechnung und keine Diagnose.
Welche Funktion kann das Lied Some of These Days in einer Deutung haben? (Einen Kontrast zwischen geformter Musikzeit und irritierender Alltagserfahrung) (!Den Beweis einer objektiven Lebensaufgabe für alle Menschen) (!Den Nachweis einer einzigen bestimmten historischen Aufnahme im Roman) (!Den Ersatz für eine Analyse der Erzählsprache)
Rückmeldung: Musik ist ein ästhetisches Gegenüber; die konkrete Aufnahme in diesem Kurs dient dem Vergleich, nicht als identifizierte Romanschallplatte.
Welche Aussage zu einem heutigen Foto aus Le Havre ist methodisch korrekt? (Es kann Kontext bieten aber keine Wortwahl im Roman beweisen) (!Es dokumentiert Roquentins tatsächlichen Wohnort) (!Es zeigt genau die beschriebenen Ereignisse von 1938) (!Es ersetzt eine überprüfte Textstelle)
Rückmeldung: Zeit, Quellenart und fiktionaler Status begrenzen die Aussagekraft von Kontextbildern.
Welche historische Einordnung ist differenziert? (Der Roman erschien vor dem Krieg und wirkte später im Existentialismus weiter) (!Der Roman erschien erstmals unmittelbar nach 1945) (!Sartre lebte ausschließlich im neunzehnten Jahrhundert) (!Alle späteren philosophischen Positionen stehen wörtlich im Roman)
Rückmeldung: Die Veröffentlichung 1938 und die spätere Rezeption sind zu trennen; Einordnung ersetzt keine Einzeltextanalyse.
Memory: Begriff und Deutung
Ordne die sechs Begriffe ihren jeweils spezifischen Erklärungen zu.
| Kontingenz | Dasein erscheint nicht als zwingend notwendig |
| Tagebuchform | Subjektiv datierte oder tagebuchartig geordnete Aufzeichnungen |
| Rollebon | Gegenstand der historischen Forschung Roquentins |
| Bouville | Fiktiver Aufenthaltsort der Hauptfigur |
| Autodidakt | Bibliotheksbesucher mit umfassendem Bildungsanspruch |
| Anny | Frühere Partnerin und Bezugspunkt der Erinnerung |
Drag-and-drop-Zuordnung
Ordne fünf Analyseverfahren den jeweils passenden Beobachtungszielen zu.
| Verfahren | Untersuchungsziel |
|---|---|
| Erzählperspektive | Wer das Geschehen wahrnimmt und erzählt |
| Zeitgestaltung | Wie Erleben und Erinnern zeitlich geordnet sind |
| Motivanalyse | Welche Bilder oder Gegenstände wiederkehren |
| Quellenkritik | Wie weit ein Medium eine Behauptung belegen kann |
| Argumentationsprüfung | Welche Gründe eine philosophische Deutung tragen |
Kreuzworträtsel
Finde die passenden Fach- oder Figurennamen. Jede Antwort besteht aus einem Wort.
| Kontingenz | Wie heißt die fehlende Notwendigkeit des Daseins als philosophischer Begriff? |
| Roquentin | Wie lautet der Nachname der zentralen Romanfigur? |
| Tagebuch | Welches Schreibformat strukturiert die Ich-Erzählung? |
| Bouville | Wie heißt der erfundene Schauplatz des Romans? |
| Melancholie | Welche deutsche Gefühlsbezeichnung liegt nahe beim frühen Titel Melancholia? |
| Freiheit | Welcher Begriff ist für Sartres spätere existentialistische Ethik zentral? |
LearningApps
Nutze die thematische Suche als Anlass, geeignete externe Übungen kritisch zu prüfen. Ein Suchtreffer ist nicht automatisch fachlich geprüft und keine Garantie, dass eine passende Übung vorhanden ist.
Lückentext
Offene Aufgaben
Arbeite immer mit einer rechtmäßig verfügbaren Ausgabe. Gib eigene Fundstellen an. Die folgenden zwölf Aufgaben sind in drei Niveaustufen angeordnet; Lösungshinweise benennen Erwartungen, keine auswendig zu lernenden Musterantworten.
Leicht
- Werksteckbrief: Recherchiere Originaltitel, Erscheinungsjahr, Verlag der Erstveröffentlichung, deutsche Übersetzung und ISBN einer Ausgabe. Lösungshinweis: BnF und Rowohlt gegeneinander prüfen. Bewertung: fünf korrekte Angaben, eindeutige Quellen und Unterscheidung von Erst- und Neuausgabe.
- Figurenkarte: Stelle Roquentin, Anny, Rollebon und Autodidakt mit Beziehungen dar. Lösungshinweis: Trenne reale Begegnung, Erinnerung und Forschungsgegenstand. Bewertung: vier richtige Rollen, begründete Beziehungen, eine Primärtextstelle je Kernbeziehung.
- Begriffsbeispiel: Erkläre Kontingenz mit einem selbst erfundenen Alltagsbeispiel. Lösungshinweis: Notwendigkeit und Zweck nicht verwechseln. Bewertung: zutreffende Definition, überzeugendes Beispiel, klare Kennzeichnung der Übertragungsgrenze.
- Fotokritik: Vergleiche das historische Erscheinungsjahr mit dem modernen Le-Havre-Panorama. Lösungshinweis: Fotograf und Aufnahmedatum nennen. Bewertung: drei zutreffende Beobachtungen und drei begründete Grenzen der Bildquelle.
Standard
- Textnahes Lesetagebuch: Vergleiche zwei eigene kurze Passagen zur Wahrnehmung von Dingen. Lösungshinweis: Wahrnehmungswörter und Wertungen markieren. Bewertung: korrekte Fundstellen, erkennbare Entwicklung, begründete Interpretation.
- Humanismusdebatte: Verfasse einen Dialog zwischen einer humanistischen Position und einer skeptischen Gegenposition zum Autodidakten. Lösungshinweis: Figurenkritik von allgemeiner Moralkritik unterscheiden. Bewertung: faire Wiedergabe beider Seiten, mindestens zwei Argumente und Textbelege.
- Musikvergleich: Höre die historische Commons-Aufnahme und erläutere mögliche Wirkungen von Wiederholung, Stimme und musikalischer Form auf die Romanlektüre. Lösungshinweis: Keine Identität mit der erzählten Aufnahme behaupten. Bewertung: hörbare Merkmale, reflektierte Übertragung und Quellenbeleg.
- Erzähltechnik: Untersuche an zwei selbst gewählten Romanstellen das Verhältnis von erlebendem und schreibendem Ich. Lösungshinweis: Zeitmarker und Selbstkorrekturen beachten. Bewertung: zwei verifizierte Stellen, Fachbegriffe und schlüssige Wirkungsaussagen.
Schwer
- Philosophischer Essay: Prüfe, ob die Ekel-Erfahrung eine allgemeine Aussage über das Dasein tragen kann. Lösungshinweis: Unterscheide Erleben, Begriff und Schluss. Bewertung: These, zwei Argumente, begründeter Einwand und differenziertes Fazit.
- Kunstvergleich: Vergleiche Dürers Melencolia I mit dem BnF-belegten Arbeitstitel Melancholia und einer kurzen Textpassage. Lösungshinweis: Bildelemente genau beschreiben, Parallelen als Hypothesen markieren. Bewertung: drei Bilddetails, methodisch sauberer Vergleich und Grenzen.
- Video-Faktencheck: Prüfe drei Aussagen des CrashCourse-Videos oder des School-of-Life-Videos gegen Rowohlt, BnF und eine eigene Textstelle. Lösungshinweis: Philosophische Verallgemeinerung und Romanszene trennen. Bewertung: korrekte Wiedergabe, Herkunftsnachweise, differenziertes Urteil.
- Rezeptionsprojekt: Entwickle eine kurze Ausstellungstafel oder einen wissenschaftlichen Podcast-Plan zu „Roman von 1938 – Wirkung nach 1945“. Lösungshinweis: Zeitleiste und Gegenposition einbauen; keine fremden Film- oder Buchpassagen übernehmen. Bewertung: korrekte Chronologie, drei verlässliche Quellen, eigenständiges Argument und rechtmäßige Medienverwendung.


Lernkontrolle
- Quellenentscheidung: Erkläre, warum eine heutige Stadtfotografie den fiktiven Ort nicht unmittelbar beweist, und nenne zwei besser geeignete Belegarten.
- Werk und Philosophie: Formuliere eine überprüfbare Deutung zur Kontingenz und einen ernsthaften Gegenstandpunkt; stütze beide auf klar bezeichnete Textbeobachtungen.
- Figurenkonstellation: Analysiere, wie die Arbeit an Rollebon und die Erinnerung an Anny unterschiedliche Formen der Selbstvergewisserung bieten könnten; sichere die Bezüge an der Ausgabe.
- Erzählform und Wirkung: Zeige, wie Ich-Perspektive, Zeitgestaltung und Wortwahl eine Erfahrung des Fremdwerdens vermitteln können; trenne dabei Textmerkmale und Leserreaktion.
- Medientransfer: Vergleiche die Aufnahme von Some of These Days mit der Rolle von Musik als Deutungsangebot und benenne mindestens eine nicht überprüfbare Übertragung.
- Historische Urteilskompetenz: Widerlege die Behauptung, Der Ekel sei ein erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg erschienener Roman, und diskutiere, warum diese falsche Datierung dennoch entstehen könnte.
Bewertungsraster für Lernkontrolle und offene Arbeiten (je 0–4 Punkte): (1) Fachliche Richtigkeit und Quellenprüfung; (2) präzise, selbst nachgewiesene Textbelege; (3) Analyse von Form und Begriffen; (4) argumentative Schlüssigkeit einschließlich Gegenposition; (5) Medien-, Rechte- und Quellenreflexion. Höchstens 20 Punkte; 18–20 sehr überzeugend, 14–17 gut begründet, 10–13 teilweise tragfähig, darunter mit wesentlichem Überarbeitungsbedarf. Eine nicht zitierte Stelle darf keine volle Belegpunktzahl erhalten.
Lernnachweis
Wissen: Du kennst Erscheinungsjahr, Textform, zentrale Figuren und die Begriffe Kontingenz, Perspektive, Motiv und Rezeption. Du kannst den Unterschied zwischen fiktivem Schauplatz und realem Kontext erläutern.
Fertigkeiten: Du formulierst Beobachtung, Interpretation und Gegenposition getrennt. Du dokumentierst verwendete Ausgabe und reale Fundstellen. Du vergleichst Musik, historische Fotografie, Kupferstich und Video mit dem Roman, ohne aus Kontextmedien fingierte Textinformationen zu gewinnen.
Produkte: Ein überprüfbarer Werksteckbrief, eine Figurenkarte, mindestens zwei kommentierte Textanalysen, ein Medienvergleich und ein argumentativer Abschlussessay bilden das Portfolio. Für barrierearme Alternativen können Text, Audiokommentar oder Präsentation ohne persönliche Selbstauskunft eingesetzt werden.
Transfer: Du hinterfragst vermeintlich feste Selbstbilder und reflektierst die Reichweite philosophischer Schlussfolgerungen aus subjektiven Erfahrungen. Du kennzeichnest Unsicherheit ausdrücklich, anstatt sie mit erfundenen Zitaten aufzufüllen.
OER und Wikipedia
Primärwerk und rechtmäßige Zugänge: Rowohlt: Der Ekel, Ausgabe und Leseprobe. Nutze für die vollständige Lektüre eine erworbene oder ausgeliehene Ausgabe. Die verfügbaren Webquellen enthalten keinen vollständigen, editionsgesicherten Romantext für diesen Kurs.
Fachlich belastbare Ausgangsquellen:
- Bibliothèque nationale de France: Katalog zur Erstausgabe 1938.
- BnF: Entstehung und Manuskriptgeschichte von La Nausée.
- Rowohlt: Autorenseite Jean-Paul Sartre.
- Stanford University: Thomas Sheehan, Studienmaterial zu Nausea, einschließlich Werküberblick. Englischsprachiges Lehrmaterial, kein für Zitate geprüfter deutscher Romanvolltext.
- ZUM-Unterrichten: Unterrichtskontext Sartre.
- Wikipedia: Der Ekel. Offener Überblick zum Prüfen von Begriffen und Verweisen; Details nach Möglichkeit mit wissenschaftlichen Quellen abgleichen.
Verifizierte Medien und Rechte: Zu jedem eingebetteten Medium stehen unmittelbar am Bild, Ton oder Video Urheber, Commons-Dateiseite beziehungsweise Plattformquelle und konkret ausgewiesene Lizenz oder Nutzungseinschränkung. Die Commons-Einträge Sartre-Porträt, Le Havre, Bahnhof, Dürer, Aufnahme, Animation und Gedenkfoto dokumentieren die jeweils genannten Nutzungsbedingungen. Für nicht frei lizenzierte YouTube-Videos wird ausschließlich auf die von der Plattform bereitgestellte Einbettung verwiesen.
Wikipedia-Artikel in Kurssprache:
Verknüpfte Lernbereiche
Bereits öffentlich vorhandene MOOCwiki-Seiten, die als weiterführende Kurse bzw. Lernbereiche überprüft wurden: Existentialismus, Jean-Paul Sartre, Existenz und Angst - Philosophie und Der Sinn des Lebens - Philosophie. Ihre Einordnung ist nicht mit einem konkreten Beleg aus Der Ekel zu verwechseln.
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