Weltliteratur verstehen - Horribilicribrifax - Andreas Gryphius
Weltliteratur verstehen - Horribilicribrifax - Andreas Gryphius
Deutsch, Klassen 11–13 | Kurzkurs zur Weltliteratur
Zwei ehemalige Hauptleute reden, als wären sie unbesiegbare Helden. Doch große Worte sind noch keine großen Taten. Andreas Gryphius zeigt in seiner Komödie, wie lächerlich Angeberei, Standesdünkel und falscher Ruhm sein können.
Bestehende Buchseite: Buch - Horribilicribrifax - Gryphius, Andreas. Diese Buchausgabe wird hier nur verlinkt, nicht neu angelegt.

Titelblatt des datierten Drucks von 1665. Die Zahl 1663 im Dateinamen ist keine Datierung dieses abgebildeten Titelblatts.
Werk und Quelle

Andreas Gryphius (1616–1664).
Werk: Horribilicribrifax Teutsch (auch Wehlende Liebhaber). Es ist ein Scherzspiel in fünf Aufzügen. Eine undatierte Erstausgabe wird meist auf etwa 1663 datiert; ein nachweislich datierter Druck stammt von 1665.
Originalsprache: überwiegend Deutsch des 17. Jahrhunderts, mit Passagen in weiteren Sprachen, darunter Italienisch und Latein.
Textgrundlage für alle folgenden Zitate: TextGrid: historische Textfassung von 1665. Historischer Nachdruck von 1876 als Scan. Eine vollständige Übersetzung ins Deutsche ist nicht nötig, weil das Stück schon deutschsprachig ist. Die kurzen Erklärungen hier sind sinngemäße Deutungen, keine veränderten Originalzitate.
Leseregel: Notiere bei einem Zitat stets Aufzug, Figur und Ausgabe. Vergleiche bei abweichender Schreibweise die historische Vorlage mit Deiner Leseausgabe.
Inhalt, Figuren und Aufbau
Horribilicribrifax und Daradiridatumtarides sind ehemalige Hauptleute. Beide behaupten, besonders mutig und mächtig zu sein. Harpax, der Page des Horribilicribrifax, lässt die Übertreibungen komisch wirken. Sempronius ist ein eingebildeter Schulmeister. Seine gelehrte Sprache führt zu Missverständnissen. Die Liebesgeschichten um Selene, Palladius, Coelestina und weitere Figuren verbinden die Szenen.
Der Aufbau umfasst fünf Aufzüge. Verschiedene Liebes- und Streitgeschichten laufen nebeneinander. Zum Schluss werden Konflikte durch neue Verbindungen und eine Hochzeit aufgelöst. Die wichtigste Frage bleibt: Stimmt das Selbstbild der Figuren mit ihrem Handeln überein?

Francesco Andreini als Capitano Spavento; eine Illustration von 1897 nach einem älteren Bild. Die prahlerische Hauptmannsfigur der italienischen Commedia dell’arte ist für Gryphius ein wichtiger Vorläufer.
Sprache anhand echter Textstellen
Erster Aufzug – Daradiridatumtarides: „Blitz/ Feuer/ Schwefel/ Donner/ Salpeter/ Bley“
Deutung: Viele heftige Wörter hintereinander erzeugen Lärm. Der Hauptmann will furchterregend erscheinen. Das ist eine Übertreibung.
Dritter Aufzug – Harpax: „Jch/ ich/ ich/ ich hab es gehoͤret.“
Deutung: Die Wiederholung macht den Dialog komisch. Sie steht in einer Szene, in der Horribilicribrifax ständig nachfragt.
Vierter Aufzug – Horribilicribrifax: „Jch hoͤre Gewalt ruffen!“
Deutung: Er gibt sich als Retter aus. Der folgende Kommentar des Dieners lässt aber daran zweifeln, wie tapfer er wirklich ist.
Fünfter Aufzug – Horribilicribrifax: „Denn es iſt vornemlich daran gelegen/ daß man wiſſe/ wer die That verrichte.“
Deutung: Ihm ist wichtig, wer den Ruhm erhält. Das beweist keine wirkliche Heldentat.
Fünfter Aufzug – Horribilicribrifax: „Veramente penſiero nobiliſſimo.“
Deutung: Hier spricht er Italienisch. Der Wechsel zwischen Sprachen lässt seine Rede besonders vornehm klingen; das kann auch komisch wirken.
Unterscheide: Die Wörter in Anführungszeichen stammen aus der historischen Textfassung. Die Sätze mit „Deutung“ sind Interpretationen. Sie stehen so nicht im Original.
Der Barock und das 17. Jahrhundert
Gryphius lebte in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648). Krieg, Not und unsicherer gesellschaftlicher Rang prägen den Hintergrund. Im deutschsprachigen Barock geht es oft um Schein und Sein sowie um die Vergänglichkeit von Macht und Ruhm. In dieser Komödie wird Prahlerei durch Lachen entlarvt.

Moderne animierte Übersicht des Dreißigjährigen Krieges – keine historische Karte aus dem 17. Jahrhundert.
Video: „Der Dreißigjährige Krieg“, musstewissen Geschichte / MrWissen2go Geschichte – Terra X.
Video: „Barock kurz und einfach erklärt“, musstewissen Deutsch / funk.
Zum Anhören: Diese zwei gemeinfreien Tonaufnahmen sind Gedichte von Gryphius, keine Hörfassung der Komödie. Vergleiche ihren ernsten Ton mit dem Spott des Lustspiels.
„Es ist alles eitell“, gelesen von Christian Al-Kadi.
„Threnen des Vatterlandes“, gelesen von Christian Al-Kadi.
Europäische Perspektiven: nicht alles ist derselbe Stil
Deutschsprachiger Barock: Gryphius nutzt starke Gegensätze, Spott und Sprachmischung. Ein italienischer Einfluss ist die prahlerische Figur des Capitano.
Französische Klassik: Im Theater von Pierre Corneille, Jean Racine und Molière spielten Ordnung, Wahrscheinlichkeit und oft die Einheit von Ort, Zeit und Handlung eine größere Rolle. Gryphius' lockere Szenenfolge ist damit nicht gleichzusetzen.

Molière, französischer Komödiendichter.
Philosophie: René Descartes fragte, wie man Behauptungen mit vernünftigem Denken prüfen kann. Das ist ein Vergleichsgedanke für heute, kein Nachweis, dass Gryphius von Descartes beeinflusst wurde.

René Descartes, Porträt von Frans Hals.
Merksatz: Barockliteratur im deutschen Sprachraum, französische Klassik und Philosophie des 17. Jahrhunderts entwickelten sich in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen.
Gestufte Lesehilfen
Hilfe 1 – Leicht: Wer spricht? Unterstreiche ein Wort, das besonders großspurig klingt.
Hilfe 2 – Standard: Was behauptet die Figur? Was zeigen die anderen Figuren oder die Handlung? Schreibe beides getrennt auf.
Hilfe 3 – Schwer: Begründe mit einem Zitat und seiner Fundstelle, warum der Gegensatz zwischen Rede und Wirklichkeit eine Gesellschaftskritik ist.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wer schrieb Horribilicribrifax Teutsch? (Andreas Gryphius) (!René Descartes) (!Johann Wolfgang Goethe) (!Jean Racine)
Zu welcher Gattung gehört das Stück? (Komödie) (!Heldenepos) (!Naturwissenschaftlicher Bericht) (!Reisehandbuch)
Wie viele Aufzüge hat das Stück? (Fünf) (!Zwei) (!Sieben) (!Zehn)
Welche Sprache bildet die Grundlage des historischen Stücks? (Deutsch) (!Englisch) (!Russisch) (!Altgriechisch)
Womit machen sich die Hauptleute wichtig? (Angeblichen Heldentaten) (!Geprüften Experimenten) (!Wissenschaftlichen Tabellen) (!Bescheidenem Schweigen)
Welche Figur ist der Page des Horribilicribrifax? (Harpax) (!Palladius) (!Molière) (!Descartes)
Was zeichnet Sempronius aus? (Eingebildete Gelehrsamkeit) (!Schweigsame Bescheidenheit) (!Königliche Herrschaft) (!Seefahrerische Abenteuer)
Was ist ein Hauptmittel der Komik? (Der Gegensatz von Worten und Taten) (!Die Einheit aller Figuren) (!Der Verzicht auf Dialoge) (!Ein sachlicher Messbericht)
Was zeigt die Äußerung über den Ruhm im fünften Aufzug? (Der Hauptmann will anerkannt werden) (!Der Hauptmann lehnt jeden Ruhm ab) (!Der Hauptmann schreibt ein Lehrbuch) (!Der Hauptmann erfindet eine Maschine)
Wie sollen die Strömungen des siebzehnten Jahrhunderts verglichen werden? (Als unterschiedliche kulturelle Strömungen) (!Als völlig identische Bewegungen) (!Als Werke desselben Autors) (!Als Ereignisse des Mittelalters)
Memory
| Harpax | Page des Prahlers |
| Sempronius | Eingebildeter Schulmeister |
| Daradiridatumtarides | Großsprecherischer Hauptmann |
| Vanitas | Vergänglichkeit des Ruhms |
| Commedia dell’arte | Italienische Theatertradition |
| Descartes | Philosoph des methodischen Zweifelns |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Funktion im Werk |
|---|---|
| Horribilicribrifax | Übertreibt seine Stärke |
| Harpax | Kommentiert den Herrn ironisch |
| Sempronius | Erzeugt Sprachverwirrung |
| Selene | Ist in die Liebeshandlung verwickelt |
| Capitano | Ist ein italienisches Figurenmuster |
Kreuzworträtsel
| Gryphius | Wie heißt der Nachname des Autors? |
| Harpax | Wie heißt der Page des Titelhelden? |
| Barock | Welcher Epoche wird das Lustspiel zugeordnet? |
| Sempronius | Wie heißt der eingebildete Schulmeister? |
| Descartes | Welcher Philosoph schrieb den Discours de la méthode? |
| Moliere | Welcher französische Komödiendichter ist ein Beispiel der Klassik? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Textdetektiv: Lies den Anfang des ersten Aufzugs. Markiere drei übertriebene Wörter. Erkläre in vier Sätzen ihre Wirkung. Hilfe: Was klingt besonders laut oder gefährlich?
Standard
- Figurenvergleich: Vergleiche Horribilicribrifax und Harpax anhand der zitierten Stellen aus dem dritten und vierten Aufzug. Trenne Beobachtung, Zitat und Deutung. Hilfe: Wer behauptet etwas und wer stellt es infrage?
Schwer
- Epochenvergleich: Schreibe eine kurze begründete Stellungnahme: Wie unterscheidet sich Gryphius' Sprachkomik von einem Ordnungsprinzip der französischen Klassik? Ergänze einen Vergleich zur Frage nach Beweisen bei Descartes, aber behaupte keinen direkten Einfluss. Hilfe: Nutze mindestens zwei überprüfbare Quellen und kennzeichne eigene Schlüsse.


Lernkontrolle
- Wirkung: Erkläre, warum die Wortreihe zu Beginn des ersten Aufzugs eher komisch als heldenhaft wirken kann.
- Perspektivwechsel: Zeige, wie sich ein Dialog verändert, wenn Harpax statt seines Herrn die Situation erklärt.
- Original und Lesefassung: Vergleiche ein kurzes Originalzitat mit einer modernisierten Ausgabe. Kennzeichne jede Abweichung und beurteile ihre Wirkung.
- Kontext: Prüfe an einem konkreten Beispiel, ob Ruhmsucht zur barocken Frage nach Vergänglichkeit passt.
- Vergleich: Erläutere eine Gemeinsamkeit und einen Unterschied zwischen dem Gryphius-Stück und dem klassischen französischen Theater.
- Gegenwartsbezug: Vergleiche die Selbstinszenierung der Hauptleute mit einer heutigen Form öffentlicher Angeberei. Begründe die Grenzen dieses Vergleichs.
Lernnachweis
Du kannst den Lernnachweis erbringen, wenn Du:
- die Handlung und die wichtigsten Figuren knapp erklären kannst;
- Aufbau und Sprache mit mindestens zwei wortgetreuen Zitaten samt Aufzug und Quellenangabe untersuchst;
- Originaltext, moderne Verständnishilfe und eigene Interpretation sauber unterscheidest;
- den Bezug zu Krieg, Barock und dem Motiv von Schein und Sein begründest;
- französische Klassik und Philosophie vergleichend einordnest, ohne sie mit dem deutschsprachigen Barock gleichzusetzen;
- die Herkunft und Nutzungslizenz eines verwendeten Mediums korrekt angibst.
OERs zum Thema
Weiterlesen: Originaltext im TextGrid-Repository · Gemeinfreier Nachdruck von 1876 · Vorhandene MOOCwiki-Buchseite · Theater der französischen Klassik · Descartes, Discours de la méthode.
Mediennachweise, Urheber und Lizenzen
Alle Commons-Medien sind unverändert eingebunden; ihre Dateiseiten dokumentieren die Lizenz.
- Titelblatt des Drucks von 1665: Andreas Gryphius / Digitalisat Deutsches Textarchiv, CC BY 4.0.
- Gryphius-Porträt: Philipp Kilian, gemeinfrei.
- Capitano Spavento: Illustration von 1897 nach Bernardino Poccetti, gemeinfrei.
- Animierte Kriegskarte: Habsbourg1500, CC BY-SA 4.0.
- Molière-Porträt: Roland Lefèvre, gemeinfrei.
- Descartes-Porträt: Frans Hals, gemeinfrei.
- Audio „Es ist alles eitell“ und Audio „Threnen des Vatterlandes“: Andreas Gryphius, Sprecher Christian Al-Kadi / LibriVox, gemeinfrei.
- „Der Dreißigjährige Krieg“: musstewissen Geschichte / MrWissen2go Geschichte – Terra X, YouTube.
- „Barock kurz und einfach erklärt“: musstewissen Deutsch / funk, YouTube.
Lizenzhinweis: Die eingebetteten YouTube-Videos sind nicht als offene OER-Lizenz ausgewiesen. Sie werden nur über den Originalplayer verlinkt bzw. eingebettet; es werden keine Videodateien übernommen.
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