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Geschichtsschreibung als nachvollziehbare Konstruktion prüfen - Geschichte Klasse 11 bis 13

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Geschichtsschreibung als nachvollziehbare Konstruktion prüfen - Geschichte Klasse 11 bis 13

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Einleitung

Geschichtsschreibung als nachvollziehbare Konstruktion prüfen - Geschichte Klasse 11 bis 13

Fach: Geschichte | Zielgruppe: Klassen 11–13 | Niveau: gymnasiale Oberstufe | Lernzeit: ca. 90–120 Minuten

Leitfrage: Warum können zwei Historikerinnen oder Historiker dasselbe Ereignis unterschiedlich erklären, obwohl historische Tatsachen nicht beliebig sind?

Geschichte ist mehr als eine Sammlung von Daten. Historikerinnen und Historiker wählen Quellen aus, prüfen sie und beantworten damit bestimmte Fragen. So entstehen begründete Darstellungen der Vergangenheit.

Konstruktion bedeutet dabei nicht Erfindung. Historische Aussagen müssen zu überprüfbaren Belegen passen. Unterschiede in der Deutung sind möglich, aber nicht jede Behauptung ist gleich gut begründet.

Du untersuchst dies am Beispiel der Friedlichen Revolution und des Mauerfalls 1989.

Dein Lernweg: Einstieg → Quellen prüfen → zwei Darstellungen vergleichen → historisch urteilen → Wissen anwenden.

Deine Lernziele:

  1. Quellenkritik: Du unterscheidest zeitgenössische Quellen von späteren Darstellungen.
  2. Historische Erkenntnis: Du trennst Beobachtung, Deutung und Urteil.
  3. Multiperspektivität: Du vergleichst Fragestellungen, Begriffe und Perspektiven.
  4. Geschichtsschreibung: Du prüfst, welche Aussagen durch Belege gestützt sind.
  5. Historisches Urteil: Du formulierst ein begründetes Urteil und benennst Unsicherheiten.

Differenzierung: G steht hier für sprachlich gestützten Einstieg, M für methodische Basisarbeit und E für vertiefte Analyse. Diese Stufen sind Lernhilfen und keine amtlichen Oberstufenabschlüsse. Der Kurs ersetzt keine Prüfung der aktuellen Bildungs- und Fachpläne.


Einstieg: Karte und Orientierung

Schematische Karte West-Berlins mit dem Verlauf der Berliner Mauer und den früheren Grenzübergängen

Medientyp: moderne Karte und Modell, keine zeitgenössische Originalquelle. Urheber: Sansculotte (A. Darmochwal), 2004. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 2.0 DE.

Beobachte: Wo verlief die Grenze um West-Berlin? Welche Bedeutung könnten die Grenzübergänge für die Menschen gehabt haben?

Denke weiter: Die Karte entstand 2004. Warum ist sie eine spätere Darstellung und kein unmittelbarer Beleg für die Ereignisse vom 9. November 1989?

Bildhilfe: Die eingezeichneten Linien zeigen Grenzverläufe. Beschriftungen benennen Orte. Die Karte bildet nicht sämtliche historischen Lebensbedingungen ab.


Grundlagen: Wie entsteht Geschichtsschreibung?


Vergangenheit, Quelle und Darstellung

Die Vergangenheit umfasst Ereignisse, die bereits geschehen sind. Wir können sie nicht unmittelbar wiederholen.

Eine historische Quelle ist eine Überlieferung, aus der wir etwas über die Vergangenheit erschließen können, beispielsweise ein Dokument, eine Fotografie, ein Brief oder eine zeitgenössische Filmaufnahme.

Eine historische Darstellung entsteht später. Sie ordnet und erklärt Ereignisse auf Grundlage von Quellen und historischer Forschung.

Eine Leitfrage bestimmt, was untersucht werden soll. Ein Beleg stützt eine Aussage durch überprüfbares Material.

Eine Perspektive bezeichnet einen bestimmten Blick auf das Geschehen. Ein Narrativ ist eine zusammenhängende Erzählung und Erklärung historischer Entwicklungen.

Merke: Die Auswahl, Anordnung und Interpretation von Quellen prägen eine Darstellung. Quellen können historische Behauptungen bestätigen, einschränken oder widerlegen.


Beobachtung, Deutung und Urteil

Ebene Leitfrage Beispiel
Beobachtung Was ist im Material unmittelbar zu erkennen? Auf einer Aufnahme sind Menschen an einem Grenzübergang zu sehen.
Deutung Was könnte diese Beobachtung im historischen Zusammenhang bedeuten? Die Menschen reagierten möglicherweise auf die angekündigte Reiseregelung.
Sachurteil Welche Erklärung ist im historischen Kontext am besten begründet? Die Grenzöffnung lässt sich nicht allein mit einer Pressekonferenz erklären.
Werturteil Wie beurteile ich das Ereignis anhand offengelegter Werte und Maßstäbe? Die friedliche Durchsetzung von Freiheitsrechten ist aus demokratischer Sicht bedeutsam.

Wichtig: Aus einer einzelnen Fotografie lassen sich Absichten oder Ursachen nicht sicher ablesen. Dafür benötigst Du zusätzliche Quellen.


Fallbeispiel: Die Friedliche Revolution 1989


Historische Orientierung

Seit 1961 trennte die Berliner Mauer Ost- und West-Berlin. Im Jahr 1989 geriet die Herrschaft der SED durch Proteste, Ausreisen und politische Veränderungen in Osteuropa immer stärker unter Druck.

Kurze Zeitleiste – moderne Zusammenstellung, keine Originalquelle:

Zeitpunkt Nachprüfbares Ereignis
9. Oktober 1989 Große Montagsdemonstration in Leipzig
4. November 1989 Große Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz
9. November 1989 Bekanntgabe neuer Reiseregelungen und Öffnung der Berliner Grenzübergänge
10. November 1989 Zahlreiche Menschen passieren die geöffnete Grenze
3. Oktober 1990 Deutsche Einheit

Belege zur zeitlichen Einordnung: Haus der Geschichte und Bundesarchiv.

Denkauftrag: Die Zeitleiste enthält ausgewählte Ereignisse. Was würde sich am Verständnis ändern, wenn die wirtschaftliche Krise oder die Rolle der Sowjetunion stärker berücksichtigt würden?


Originalquelle: Aufruf zur Gewaltlosigkeit

Zeitgenössisches Flugblatt mit einem Aufruf zur Gewaltlosigkeit für die Leipziger Demonstration am 9. Oktober 1989

Medientyp: zeitgenössisches Flugblatt, Originalquelle in digitalisierter Form. Urheber: Arbeitskreis Gerechtigkeit, Arbeitsgruppe Menschenrechte und Arbeitsgruppe Umweltschutz in Leipzig; Reproduktionsfotografie: Christoph Wonneberger. Quelle: Archiv der Initiative Frieden und Menschenrechte Sachsen e. V., bereitgestellt über Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Beobachtung: Welche Forderung steht im Mittelpunkt des Flugblattes?

Deutung: Warum könnte ein Aufruf zur Gewaltlosigkeit im Oktober 1989 wichtig gewesen sein?

Quellenkritik: Das Flugblatt belegt einen damaligen Appell. Es beweist allein nicht, dass sich sämtliche Beteiligten friedlich verhielten.

G-Hilfe: Beschreibe zuerst Überschrift, Text und erkennbare Absicht. Beginne mit: „Die Verfassenden fordern …“


Originalquelle: Demonstration in Leipzig

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie einer Montagsdemonstration in Leipzig am 23. Oktober 1989

Medientyp: zeitgenössische Pressefotografie vom 23. Oktober 1989. Fotograf: Friedrich Gahlbeck. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1023-022, über Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.

Beobachtung: Welche Merkmale eines öffentlichen Protests kannst Du erkennen?

Deutung: Welche Rolle könnte gemeinsames öffentliches Handeln für den politischen Wandel gespielt haben?

Grenze des Belegs: Das Foto stammt vom 23. Oktober, nicht vom 9. Oktober. Es kann nicht als unmittelbarer Bildbeleg für den früheren Demonstrationstag verwendet werden.


Originalquelle: Demonstration auf dem Alexanderplatz

Historische Aufnahme von Protestplakaten bei der Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989

Medientyp: zeitgenössische Pressefotografie vom 4. November 1989. Fotograf: Thomas Lehmann. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-008, über Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.

Arbeitsauftrag: Untersuche die erkennbaren Forderungen. Unterscheide dabei, was tatsächlich auf den Plakaten steht, und welche politischen Ziele Du daraus erschließt.

Vertiefung: Auch eine Originalfotografie zeigt einen ausgewählten Ausschnitt. Frage nach Fotograf, Aufnahmesituation, Bildauswahl und ursprünglicher Veröffentlichung. Zeitgenössische Bildunterschriften sind ebenfalls kritisch zu prüfen.


Zwei fachliche Darstellungen vergleichen


Darstellung A: Haus der Geschichte

Text A: Annabelle Petschow, Fall der Mauer, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Lebendiges Museum Online, Stand 4. Oktober 2019.

Darstellung A im Original lesen

Kurzcharakterisierung – sinngemäße Zusammenfassung, kein Originalzitat:

Der Museumstext erklärt den Mauerfall durch das Zusammenwirken von Ausreisedruck, Protesten, neuen Reiseregelungen und den Ereignissen an den Grenzübergängen. Die Pressekonferenz vom 9. November steht im Mittelpunkt der unmittelbaren Ereigniserklärung.

Untersuche: Welche Ursachen werden genannt? Welche Handlungen werden besonders ausführlich beschrieben? Welche Ereignisse bleiben im Hintergrund?


Darstellung B: Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk

Text B: Ilko-Sascha Kowalczuk, 9. November 1989. Der Durchbruch, Deutschland Archiv, Bundeszentrale für politische Bildung, 6. November 2023.

Darstellung B im Original lesen

Kurzcharakterisierung – sinngemäße Zusammenfassung, kein Originalzitat:

Kowalczuk betont die längere revolutionäre Entwicklung, die Handlungsmacht der Protestierenden und insbesondere den 9. Oktober 1989 in Leipzig. Er hinterfragt eine Erinnerungskultur, die den 9. November übermäßig in den Mittelpunkt stellt, und diskutiert kritisch die Rolle Schabowskis.

Untersuche: Warum gewichtet der Historiker den 9. Oktober anders als eine Darstellung, die sich auf den Mauerfall am 9. November konzentriert?

Quellenhinweis: Darstellung B geht auf einen Vortrag über historische Erinnerung zurück. Ihre zugespitzte Argumentation gehört zum Genre und ist selbst Gegenstand der Analyse. Fachwissenschaftliche Autorenschaft macht einzelne Wertungen nicht automatisch unangreifbar.


Vergleichsmatrix

Kriterium Darstellung A Darstellung B Deine Prüfung
Leitfrage Wie kam es zur Maueröffnung? Was war der entscheidende revolutionäre Durchbruch? Beantworten beide dieselbe Frage?
Schwerpunkt Reiseregelung und Grenzöffnung Revolutionärer Prozess und 9. Oktober Welche Ursachen werden gewichtet?
Handlungsträger Bevölkerung, SED-Führung, Grenzpersonal Besonders Protestierende und politische Akteure Wer erhält welche Handlungsmacht?
Belege Museumssynthese mit historischen Zusammenhängen Historischer Vortrag mit Quellen- und Literaturverweisen Welche konkrete Aussage lässt sich womit stützen?
Begriffe Mauerfall und Maueröffnung Revolution und Durchbruch Welche Deutung legen die Wörter nahe?
Unsicherheiten Gewichtung der Auslöser Bewertung von Akteursabsichten und Gedenkdaten Was ist belegbar, was bleibt Interpretation?

M-Aufgabe: Fülle die letzte Spalte mit eigenen Antworten und mindestens drei konkreten Textstellen aus A und B. Notiere Absatz oder Zwischenüberschrift als Fundstelle.

E-Aufgabe: Prüfe zusätzlich, ob die Texte durch ihre unterschiedlichen Leitfragen teilweise aneinander vorbeireden. Erkläre, welche Differenzen echte Widersprüche und welche lediglich verschiedene Schwerpunkte sind.


Quellenprüfung: Was lässt sich tatsächlich belegen?


Originaldokument: DDR-Reiseregelung

Das Bundesarchiv stellt den Beschluss des DDR-Ministerrates vom 9. November 1989 samt Transkript bereit.

Originalquelle: Ministerrat der DDR, Regelungen für Reisen und ständige Ausreise aus der DDR, 9. November 1989.

Archivnachweis: BArch, MfS, SdM, Nr. 1506, Bl. 164–166.

Digitalisat und Transkript beim Stasi-Unterlagen-Archiv des Bundesarchivs

Quelle ergänzen: ADN-Pressemitteilung vom 9. November 1989, BArch, MfS, RS, Nr. 101, Bl. 46.

Beobachtung: Im Beschluss wird zwischen Reisemöglichkeiten, Antragstellung und Genehmigung unterschieden. Unter welchen Bedingungen sollten Privatreisen möglich sein?

Deutung: Warum konnte die öffentliche Bekanntgabe der Regelung anders verstanden werden als ein geregeltes Antragsverfahren?

Grenze: Aus den Dokumenten allein lässt sich nicht sicher auf sämtliche persönlichen Absichten der beteiligten Funktionäre schließen.

Die Digitalisate werden hier nicht als Bilder übernommen, weil für eingebettete Bildmedien ausschließlich Wikimedia Commons verwendet wird. Die Archivlinks dienen der überprüfbaren Quellenarbeit.


Originalquelle: Schabowskis Pressekonferenz

Schwarz-Weiß-Fotografie der Pressekonferenz mit Günter Schabowski und weiteren Teilnehmern am 9. November 1989

Medientyp: zeitgenössische Pressefotografie vom 9. November 1989. Fotograf: Thomas Lehmann. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030, über Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.

Historischer Videoausschnitt: Pressekonferenz Günter Schabowskis am 9. November 1989, veröffentlicht vom zeitzeugen-portal.

Videoquelle: zeitzeugen-portal auf YouTube, Veröffentlichung 2011. Zeitgenössisches Filmmaterial, keine moderne Nachstellung. Urheber- und Verwertungsrechte am Filmmaterial werden hier nicht als freie Commons-Lizenz ausgewiesen; Nutzung nur über den bereitgestellten Videoplayer oder Link, keine Übernahme der Datei.

Hörauftrag: Achte auf die Frage nach dem Inkrafttreten. Welche Formulierung verwendet Schabowski?

Denkauftrag: Was belegt der Mitschnitt über seine Äußerung? Was belegt er nicht über die vorherigen Absichten der SED-Führung?

Textalternative: Bundesarchiv: November 1989 erläutert die Pressekonferenz, die Reiseregelung und die Differenz zwischen Beschlussvorlage und Pressemitteilung.

Barrierefreiheit: Nutze verfügbare YouTube-Untertitel. Sind sie nicht verfügbar oder ungenau, arbeite mit der Textalternative und dem Archivtranskript. Untertitel sind selbst auf Übertragungsfehler zu prüfen.


Originalquelle: Der Grenzübergang am 10. November

Historische Fotografie der Abfertigung am Berliner Grenzübergang Chausseestraße am 10. November 1989

Medientyp: zeitgenössische Pressefotografie vom 10. November 1989. Fotograf: Rainer Mittelstädt. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1110-025, über Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.

Beobachtung: Welche Vorgänge am Grenzübergang sind erkennbar?

Deutung: Inwiefern belegt die Aufnahme die tatsächliche Veränderung des Grenzverkehrs?

Quellenkritik: Das Foto dokumentiert einen konkreten Ort am 10. November. Es zeigt nicht unmittelbar, was in der vorherigen Nacht an allen Grenzübergängen geschah.


Weitere Perspektive: Streit um die Wiedervereinigung

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Demonstration gegen eine schnelle Wiedervereinigung und für die Souveränität der DDR in Berlin am 19. Dezember 1989

Medientyp: zeitgenössische Pressefotografie vom 19. Dezember 1989. Fotograf: Hubert Link. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1219-036, über Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE.

Perspektivwechsel: Warum wäre die Aussage „Nach dem Mauerfall wollten alle Menschen sofort die Wiedervereinigung“ historisch problematisch?

Grenze: Das Foto belegt eine demonstrierende Gruppe, nicht die Mehrheitsmeinung der DDR-Bevölkerung. Dafür wären zusätzlich repräsentative Untersuchungen und weitere Quellen nötig.


Geschichtsschreibung ist nicht beliebig

Aus verschiedenen Leitfragen können unterschiedliche, aber begründete Erklärungen entstehen.

Gut gesicherter Befund: Am 9. November 1989 wurden neue Reiseregelungen bekanntgegeben. Noch in dieser Nacht wurden Berliner Grenzübergänge geöffnet. Diese Ereignisse lassen sich durch zeitgenössische Dokumente und weitere unabhängige Überlieferungen prüfen.

Deutungsfrage: Welcher Faktor hatte das größte Gewicht: die Massenproteste, die Fluchtbewegung, die Krise der SED, internationale Entwicklungen oder die Kommunikation am 9. November?

Offene Frage: Welche Absichten verfolgten einzelne Beteiligte tatsächlich? Hier müssen Aussagen an zusätzlichen Quellen gemessen werden; nicht jede Vermutung ist gesichert.

Merksatz: Unterschiedliche Perspektiven bedeuten nicht, dass historische Wahrheit frei erfunden werden darf. Eine tragfähige Darstellung legt ihre Fragestellung offen, nennt überprüfbare Belege, berücksichtigt Gegenbelege und kennzeichnet Unsicherheiten.


Video zur Einordnung und zum Perspektivwechsel

Vertiefungsvideo: Das letzte Jahr der DDR: 328 Tage zwischen Mauerfall und Deutscher Einheit, Terra X History, ZDF, 2025.

Quelle und Anbieter: Terra X History / ZDF auf YouTube. Moderne dokumentarische Darstellung mit Zeitzeugenperspektiven, keine unvermittelte Originalquelle. Keine freie Commons-Lizenz für das Video nachgewiesen; nur Einbettung oder Verlinkung über den Anbieter.

Beobachtungsauftrag: Untersuche einen kurzen Abschnitt, beispielsweise die ersten drei Minuten oder das Kapitel über den Grenzsoldaten ab 09:51.

Denkauftrag: Welche Perspektive steht im Mittelpunkt? Welche Aussagen stammen aus Erinnerungen, welche aus späterer historischer Einordnung?

Textalternative: Die Videobeschreibung erläutert unterschiedliche Erfahrungen nach dem Mauerfall. Vergleiche damit die Abschnitte „Weg zur Einheit“ und „Baustelle Deutsche Einheit“ im Haus der Geschichte.

Barrierefreiheit: Prüfe die Verfügbarkeit von Untertiteln im Player. Die Bearbeitung aller Kursaufgaben ist auch ohne das Video anhand der verlinkten Texte und Commons-Abbildungen möglich.


Methodenkoffer und gestufte Hilfen


G – Sprachlich entlasteter Einstieg

Nutze die Satzanfänge:

Ich beobachte …

Die Quelle entstand …

Die Verfassenden wollten vermutlich …

Darstellung A betont …, während Darstellung B … hervorhebt.

Das ist belegt durch …

Noch unklar bleibt …

Arbeitsschritte: Beschreibe zuerst ein Bild. Lies dann einen kurzen Abschnitt der Darstellung A. Markiere eine Aussage und suche dazu einen Beleg.


Methodische Basis

Prüfe in beiden Darstellungen Autor, Veröffentlichungsort, Leitfrage, zentrale Begriffe, verwendete Belege und Schlussfolgerungen. Verwende die Vergleichsmatrix.

Rückfrage zur Selbstkontrolle: Kann jemand Deine Belegstellen finden und Deine Schlussfolgerung nachvollziehen?


E – Vertiefte Prüfung

Untersuche das Verhältnis von Kausalität, Kontingenz, historischer Perspektive und Erinnerungskultur.

Prüfe, ob die Gewichtung des 9. Oktober oder des 9. November eher eine Frage der Erklärung, der Periodisierung oder des öffentlichen Gedenkens ist.

Methodischer Hinweis: Eine Erklärung kann mehrere Ursachen zugleich berücksichtigen. Für Aussagen über persönliche Motive reicht ein öffentliches Dokument häufig nicht aus.


Rückmeldung und erneuter Versuch

Gute Leistung: Du unterscheidest beobachtbare Angaben von Interpretationen, nennst präzise Fundstellen und formulierst ein begründetes Urteil.

Teilweise gelungen: Deine Schlussfolgerung ist plausibel, aber die Quellenstelle fehlt oder die Perspektive bleibt unklar.

Noch einmal prüfen: Wenn Du aus einem Bild die Gedanken aller Menschen ableitest, überschreitest Du die Aussagekraft der Quelle. Beschreibe nur das Sichtbare und suche zusätzliche Belege.

Zweiter Versuch: Überarbeite Deine Antwort nach dem Muster „Aussage – Beleg – Erklärung – Grenze“. Vergleiche anschließend Deine neue Fassung mit Deiner ersten.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Was bedeutet historische Konstruktion im fachlichen Sinn? (Quellengestütztes Auswählen und Deuten) (!Beliebiges Erfinden von Ereignissen) (!Wörtliches Abschreiben aller Quellen) (!Verzicht auf historische Belege)




Was kennzeichnet eine historische Primärquelle? (Sie ist eine Überlieferung aus dem untersuchten historischen Zusammenhang) (!Sie ist immer eine moderne wissenschaftliche Erklärung) (!Sie enthält grundsätzlich nur wahre Aussagen) (!Sie muss ein gedrucktes Geschichtsbuch sein)




Welche Aussage ist eine Beobachtung? (Das Foto zeigt Menschen an einem Grenzübergang) (!Alle abgebildeten Menschen wollten die Wiedervereinigung) (!Die Pressekonferenz war die einzige Ursache der Grenzöffnung) (!Die Grenzöffnung war politisch unvermeidbar)




Was unterscheidet eine Deutung von einer Beobachtung? (Eine Deutung erklärt die Bedeutung des Beobachteten) (!Eine Deutung ist immer eine bewiesene Tatsache) (!Eine Deutung benötigt grundsätzlich keine Belege) (!Eine Deutung darf historische Quellen ignorieren)




Welchen Schwerpunkt setzt Darstellung A besonders? (Die Reiseregelung und die Ereignisse der Maueröffnung) (!Die Französische Revolution) (!Die europäische Integration im Mittelalter) (!Die Gründung des Deutschen Kaiserreichs)




Welchen Zeitpunkt hebt Darstellung B besonders hervor? (Den 9. Oktober 1989 in Leipzig) (!Den 13. August 1961 als Tag der Wiedervereinigung) (!Den 3. Oktober 1989 als Tag der deutschen Einheit) (!Den 1. Januar 1991 als Beginn der Friedlichen Revolution)




Was belegt Schabowskis aufgezeichnete Äußerung unmittelbar? (Was er auf der Pressekonferenz öffentlich sagte) (!Was sämtliche SED-Funktionäre heimlich dachten) (!Welche langfristigen Folgen alle Beteiligten erwarteten) (!Welche Meinung jeder DDR-Bürger vertrat)




Was solltest Du beim Vergleich zweier historischer Darstellungen prüfen? (Fragestellung Begriffe Belege und Gewichtung) (!Nur die Anzahl der gedruckten Seiten) (!Nur die Bekanntheit der Verfassenden) (!Nur das Veröffentlichungsjahr)




Warum sind unterschiedliche Geschichtsdarstellungen nicht automatisch gleich gültig? (Weil Aussagen unterschiedlich gut durch Quellen gestützt sein können) (!Weil stets die älteste Darstellung richtig ist) (!Weil jede historische Erklärung eine Meinung ohne Belege ist) (!Weil historische Forschung keine Methoden kennt)




Wie gehst Du mit einer unsicheren historischen Schlussfolgerung um? (Du benennst die Unsicherheit und prüfst weitere Belege) (!Du stellst eine Vermutung als gesicherte Tatsache dar) (!Du ignorierst widersprechende Quellen) (!Du übernimmst ungeprüft die dramatischste Erzählung)




Rückmeldung zum Quiz: Prüfe bei einer falschen Antwort, ob Du Quelle und Darstellung oder Beobachtung und Deutung verwechselt hast. Lies den passenden Abschnitt erneut und wiederhole das Quiz. Besonders wichtig ist die Begründung, warum die richtige Antwort methodisch tragfähig ist.


Memory

Primärquelle Zeitgenössisches historisches Zeugnis
Darstellung Spätere zusammenhängende Erklärung
Leitfrage Bestimmt den Untersuchungsfokus
Beleg Überprüfbare Stütze einer Behauptung
Perspektive Standortgebundener Blick auf Ereignisse
Sachurteil Kontextbezogene begründete Bewertung




Hilfestellung: Verbinde zuerst die drei Begriffe, die sich unmittelbar auf die Untersuchung historischer Texte beziehen. Versuche danach die übrigen Paare.


Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Historische Methode
Beobachten Sichtbare Merkmale beschreiben
Kontextualisieren Entstehungsbedingungen bestimmen
Vergleichen Unterschiede der Erklärungen feststellen
Belegen Aussagen durch Quellen stützen
Urteilen Eine begründete Schlussfolgerung ziehen




Rückmeldung: Achte darauf, dass eine Erklärung mehr leistet als die Beschreibung eines Bildes. Wenn Du unsicher bist, ordne zuerst „Beobachten“ und „Urteilen“ zu und ergänze die Zwischenschritte.


Kreuzworträtsel

Quellenkritik Wie heißt die methodische Prüfung historischer Überlieferungen?
Perspektive Wie heißt der standortgebundene Blick auf ein Ereignis?
Narrativ Wie nennt man eine zusammenhängende historische Erzählung?
Beleg Wie heißt eine überprüfbare Stütze für eine historische Aussage?
Sachurteil Wie heißt eine historisch kontextbezogene begründete Bewertung?
Leitfrage Welcher Begriff bezeichnet die zentrale Frage einer Untersuchung?





LearningApps

Hier kannst Du nach ergänzenden Übungen zu Geschichtsschreibung und Quellenkritik suchen. Die Qualität und Verfügbarkeit externer Aufgaben solltest Du selbst prüfen.


Lückentext

Vervollständige den Text.
Eine historische

liefert Hinweise auf vergangene Ereignisse.
Eine wissenschaftliche

ordnet und erklärt historische Zusammenhänge.
Die Auswahl der Untersuchungsgegenstände wird durch eine

gelenkt.
Eine überprüfbare Aussage sollte durch einen

gestützt werden.
Die Beschreibung des unmittelbar Sichtbaren heißt

in der Quellenanalyse.
Die Interpretation der Bedeutung eines Befundes nennt man

.
Ein standortgebundener Blick auf Geschichte heißt

.
Der 9. Oktober 1989 spielte für die Protestbewegung in

eine wichtige Rolle.
Die DDR-Führung beschloss im November 1989 neue Regeln für das

.
Die historisch begründete Bewertung eines Ereignisses wird als

bezeichnet.
Die Bewertung anhand offengelegter gegenwärtiger Maßstäbe heißt

.
Wissenschaftliche Geschichtsschreibung berücksichtigt historische

und vermeidet unbelegte Behauptungen.



Lernhilfe: Beginne bei Unsicherheit mit den Fachbegriffen aus dem Methodenkoffer. Überprüfe anschließend jede eingesetzte Antwort im Satzzusammenhang und starte bei Bedarf einen neuen Versuch.


Offene Aufgaben


Leicht – G-Hilfen

  1. Bildbeschreibung: Beschreibe auf einer der historischen Fotografien fünf erkennbare Einzelheiten. Trenne Sichtbares von Vermutungen.
  2. Begriffskarte: Gestalte eine kleine Lernkarte mit den Begriffen Quelle, Darstellung, Deutung und Beleg. Verwende eigene einfache Beispielsätze.
  3. Zeitleiste: Übertrage vier Ereignisse von 1989 in eine Zeitleiste. Kennzeichne, welche Quellen Dir die Datierung bestätigen.
  4. Quellenfrage: Formuliere drei Fragen zum Aufruf zur Gewaltlosigkeit und beantworte sie mithilfe des Flugblattes. Markiere eine unbeantwortete Frage.


Standard – M-Hilfen

  1. Darstellungsvergleich: Vergleiche die Texte von Petschow und Kowalczuk anhand ihrer Leitfragen, Schlüsselbegriffe und Belege. Halte die Ergebnisse in einer Tabelle fest.
  2. Quellenanalyse: Analysiere den DDR-Ministerratsbeschluss vom 9. November 1989 schrittweise nach Urheber, Adressaten, Anlass, Inhalt und Aussagegrenzen.
  3. Medienkritik: Vergleiche die Schabowski-Aufnahme mit einer der modernen Darstellungen. Untersuche, welche Informationen das Video belegt und welche zusätzlichen Erklärungen der Text bietet.
  4. Historischer Kommentar: Schreibe einen Kommentar von etwa 250 Wörtern zur Frage, warum unterschiedliche historische Deutungen nicht automatisch Beliebigkeit bedeuten.


Schwer – E-Hilfen

  1. Historisches Argumentieren: Verfasse eine begründete Stellungnahme dazu, ob der 9. Oktober oder der 9. November 1989 für die Erklärung der Friedlichen Revolution wichtiger ist. Unterscheide dabei historische Wirksamkeit und Erinnerungskultur.
  2. Forschungsprojekt: Recherchiere eine weitere wissenschaftliche Darstellung des Mauerfalls. Prüfe ihre Belege und vergleiche sie mit den beiden Kurstexten. Erstelle einen Quellenapparat.
  3. Digitale Ausstellung: Konzipiere eine kleine Ausstellung mit fünf nachgewiesenen Wikimedia-Commons-Medien. Gib bei jedem Exponat Titel, Urheber, Lizenz, Quellenart, Beobachtung und Aussagegrenze an.
  4. Historisches Interview: Entwickle ein Interview mit einer Person, die sich an 1989 erinnert, und führe es nur mit informierter Zustimmung durch. Vergleiche Erinnerungen kritisch mit Archivquellen. Eine Erinnerung ist keine unmittelbare Aufzeichnung aller vergangenen Vorgänge.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

Die Lernkontrolle bewertet vor allem Deine Fähigkeit, historisch zu denken und Erkenntnisse nachvollziehbar zu begründen.

  1. Quellen und Darstellungen: Erkläre an einem selbst gewählten Beispiel, weshalb ein zeitgenössisches Dokument und eine moderne Darstellung unterschiedliche Erkenntnisfunktionen besitzen.
  2. Historische Kausalität: Entwickle ein Wirkungsgefüge mit mindestens vier Ursachen des Mauerfalls. Unterscheide langfristige Voraussetzungen und unmittelbare Auslöser. Begründe Deine Verbindungen.
  3. Deutungskonflikt: Untersuche eine unterschiedliche Gewichtung in Darstellung A und B. Entscheide, ob ein Widerspruch vorliegt oder verschiedene Leitfragen die Abweichung erklären.
  4. Beweiskraft: Bewerte die Behauptung, eine Fotografie einer Demonstration beweise die Meinung der gesamten Bevölkerung. Erkläre die methodischen Grenzen dieser Schlussfolgerung.
  5. Transferleistung: Übertrage die Vergleichsmethode auf zwei seriöse Darstellungen eines anderen historischen Ereignisses. Benenne Frage, Perspektive, Quellenbasis und mögliche Auslassungen.
  6. Reflexion: Formuliere Bedingungen, unter denen Du Dein historisches Urteil nach der Auswertung neuer Quellen verändern würdest.

Beurteilungskriterien: Sachliche Richtigkeit, präzise Belege, methodische Trennung von Beobachtung und Deutung, Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven, logische Argumentation und reflektierter Umgang mit Unsicherheiten.

Rückmeldung: Eine überzeugende Antwort macht die Verbindung zwischen Aussage und Beleg sichtbar. Wenn die Verbindung fehlt, ergänze zuerst eine Fundstelle und erkläre anschließend ihre Aussagekraft. Überarbeite Deine Antwort und vergleiche beide Fassungen.


Lernnachweis

Für einen aussagekräftigen Lernnachweis erstellst Du ein kurzes Quellen- und Darstellungsdossier.

Es enthält:

  1. Fragestellung: Eine klar formulierte historische Untersuchungsfrage.
  2. Quellenkritik: Die Analyse von mindestens zwei überprüfbaren zeitgenössischen Quellen.
  3. Geschichtsdarstellung: Den Vergleich von zwei fachlich fundierten Darstellungen.
  4. Belegführung: Präzise Quellen- und Textnachweise für wesentliche Aussagen.
  5. Multiperspektivität: Eine nachvollziehbare Erklärung unterschiedlicher Sichtweisen.
  6. Sachurteil: Eine begründete Antwort auf die Leitfrage mit benannten Grenzen.
  7. Lernreflexion: Eine kurze Darstellung, welche eigene Einschätzung Du aufgrund der Quellenprüfung verändert oder beibehalten hast.

Mögliche Formate: schriftliches Dossier, kommentierte Präsentation oder barrierearme digitale Ausstellung. Bei Bildverwendung müssen Herkunft, Urheber und Lizenz dokumentiert werden.

Selbstkontrolle: Können andere Deine Quellen finden, die Argumentation nachvollziehen und zwischen Befunden und Bewertungen unterscheiden?


OERs zum Thema


Wikipedia: Geschichtsschreibung

Weiterführende Informationsangebote:

  1. Haus der Geschichte – Fall der Mauer: Fachliche Museumssynthese von Annabelle Petschow.
  2. Bundeszentrale für politische Bildung – Der Durchbruch: Historischer Beitrag von Ilko-Sascha Kowalczuk.
  3. Bundesarchiv – Reiseregelung: Digitalisierte Originaldokumente mit Transkript und Signatur.
  4. Bundesarchiv – ADN-Pressemitteilung: Zeitgenössischer Text zur Ankündigung der Reiseregelung.
  5. Bundesarchiv – November 1989: Historischer Kontext und Quellenerschließung.
  6. Wikimedia Commons – Alexanderplatz-Demonstration: Frei lizenzierte Originalfotografien mit einzeln zu prüfenden Dateilizenzen.

Hinweis zu Nutzungsrechten: Nicht jeder frei zugängliche Archivtext, jede Museumsseite oder jedes YouTube-Video ist eine offene Bildungsressource im rechtlichen Sinn. Die eingebundenen Commons-Medien besitzen die jeweils angegebenen freien Lizenzen. Bei jeder Weiterverwendung gelten die konkreten Lizenzbedingungen der einzelnen Datei. Externe Texte und Videos werden verlinkt oder eingebettet, nicht als frei lizenzierte Dateien ausgegeben.

Medienkennzeichnung: In diesem Kurs sind zeitgenössische Fotografien und ein Flugblatt als Originalquellen, die Karte als modernes Modell, die fachlichen Texte als moderne Darstellungen und das Terra-X-Video als moderne dokumentarische Darstellung gekennzeichnet. Es werden keine erfundenen Rekonstruktionen, künstlich erzeugten Bilder, Audiodateien oder Animationen eingesetzt. Statt einer nicht verifizierten Commons-Animation werden die überprüfte Übersichtskarte und die datierte Zeitleiste verwendet.


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