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Die Toten Hosen - Hier kommt Alex

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Die Toten Hosen - Hier kommt Alex




Die Toten Hosen – Hier kommt Alex


Einleitung

Hier kommt Alex von Die Toten Hosen gehört zu den prägenden deutschsprachigen Rocksongs der späten 1980er-Jahre. Das Stück entstand 1988 im Zusammenhang mit einer Bühnenfassung von A Clockwork Orange nach dem Roman von Anthony Burgess und wurde zum kommerziellen Durchbruch der Düsseldorfer Band. Für diesen aiMOOC steht die lange Albumaufnahme von 1988 im Mittelpunkt, wie sie das wissenschaftliche Songlexikon mit einer Dauer von ungefähr fünf Minuten dokumentiert. Davon ist die kürzere Singlefassung von 3:53 Minuten zu unterscheiden, bei der das klassische Intro und der markante Schrei am Anfang fehlen.[1][2]

Du untersuchst hier Entstehung, zeitgeschichtlichen Kontext, Stil, Melodie, Harmonik, Rhythmus, Gesang, Instrumentierung, Arrangement, Produktion und Form. Außerdem erschließt Du die zentralen Textthemen, die Verbindung zu Burgess' Roman, die Bildsprache des Musikvideos sowie Rezeption und Bedeutung des Songs im Werk der Band. Vollständige geschützte Songtexte oder eine vollständige Partitur werden bewusst nicht wiedergegeben. Als Textzitat erscheint lediglich die sehr kurze Zeile „Hey, hier kommt Alex!“; alle musikalischen Notenbeispiele der Extension:Score sind kurze, selbst erstellte Analysemodelle und keine Transkriptionen der geschützten Melodie.

Campino 1987, also kurz vor der Entstehung von „Hier kommt Alex“. Foto: Michael Lucan, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE.[3]

Offizielles Musikvideo auf dem offiziellen YouTube-Kanal der Toten Hosen. Das Video ist urheberrechtlich geschützt und wird hier nur als offizieller externer Stream eingebettet, nicht als OER kopiert oder neu hochgeladen.[4]


Entstehung und zeitgeschichtlicher Kontext


Vom Punkclub auf die Theaterbühne

Die Toten Hosen kamen aus der Düsseldorfer Punkszene. Bis 1988 hatten sie mehrere Studio- und Liveveröffentlichungen vorgelegt, waren aber noch nicht die große Stadionband, als die sie später bekannt wurden. Das Songlexikon beschreibt die wirtschaftliche Lage der Band in dieser Phase als angespannt. Regisseur Bernd Schadewald bat die Musiker, Bühnenmusik für seine Inszenierung von A Clockwork Orange an den Kammerspielen in Bad Godesberg zu schreiben und selbst als Musiker und Statisten mitzuwirken.[1]

Die Theaterproduktion bedeutete eine Öffnung über einen engen Punkbegriff hinaus: Literatur, Theater, klassische Musik und Rock trafen direkt aufeinander. Die Bandbiografie der Toten Hosen nennt sechs für die Aufführung geschriebene Stücke, die 1988 live im Theater eingesetzt wurden und den Kern des Konzeptalbums Ein kleines bisschen Horrorschau bildeten.[5] Die offizielle Diskografie datiert die Single Hier kommt Alex auf den 3. Oktober 1988 und das Studioalbum auf den 31. Oktober 1988.[6][7]


Ein zunächst verworfener Song

Eine besonders aufschlussreiche Entstehungsgeschichte betrifft die Stellung des Songs innerhalb der Band. Nach Darstellung des Songlexikons hielt die Gruppe das Stück zunächst für zu langsam und zu stark nach Hardrock klingend. Der damalige Manager und ehemalige Schlagzeuger Trini Trimpop soll dagegen sofort großes Potenzial erkannt haben. Erst dadurch blieb das Stück im Projekt und wurde später zur Single.[1]

Diese Episode ist für die Stilgeschichte wichtig: Ein Werk, das die Musiker zunächst als nicht hinreichend „punkig“ empfanden, wurde zu einem ihrer bekanntesten Songs. Das zeigt, dass Genregrenzen nicht nur aus äußeren Etiketten entstehen, sondern auch innerhalb einer Band verhandelt werden.


Westdeutschland 1988

Der Song entstand in der Bundesrepublik kurz vor dem Ende des Kalten Krieges, in einer Zeit gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umbrüche. Der WDR erinnert für das Jahr 1988 unter anderem an den Arbeitskampf um das Krupp-Stahlwerk in Duisburg-Rheinhausen und ordnet gleichzeitig den Theatererfolg der Toten Hosen in Bad Godesberg sowie den Durchbruch mit Hier kommt Alex in dieses Jahr ein.[8] Ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen und dem Songtext ist damit nicht belegt. Die Textmotive von Routine, entfremdeter Arbeit, Medienkonsum und eruptiver Gewalt lassen sich aber sinnvoll als Kommentar auf eine moderne, stark organisierte und mediatisierte Gesellschaft diskutieren.

Eine zeitgenössische Besprechung der Bonner Clockwork Orange-Inszenierung erschien bereits am 3. Juni 1988 in Die Zeit.[9] Dadurch lässt sich die Theaterproduktion nicht nur rückblickend, sondern auch aus zeitgenössischer Perspektive untersuchen.


Literarischer Hintergrund: A Clockwork Orange

Anthony Burgess veröffentlichte den Roman A Clockwork Orange 1962. Stanley Kubricks Verfilmung von 1971 machte die Geschichte international besonders bekannt. Im Zentrum steht Alex, Anführer einer gewalttätigen Jugendgruppe. Burgess verbindet Gewaltdarstellung, Sprachspiel und die Frage nach Freiheit, moralischer Verantwortung und staatlicher Kontrolle. Die fiktive Jugendsprache Nadsat greift unter anderem russische Wortstämme auf. Auch der Ausdruck „Horrorschau“ verweist auf dieses Sprachspiel.[1]

Spätere, frei lizenzierte Theaterproduktion von „A Clockwork Orange“ aus Los Angeles 2003. Sie ist nicht die Bonner Inszenierung von 1988, dient hier also nur als Beispiel für die lange Bühnengeschichte des Stoffes. Wikimedia Commons, GFDL.[10]


Funktion des Songs im Theaterkontext

Die für die Bonner Produktion geschriebene Musik sollte Szenen verbinden und erzählerische Funktionen übernehmen. Dadurch erklärt sich ein wichtiges Merkmal von Hier kommt Alex: Der Song führt eine Figur geradezu wie bei einer Bühneneröffnung vor. Das kurze Zitat „Hey, hier kommt Alex!“ wirkt deshalb nicht nur wie ein Refrain, sondern auch wie eine dramatische Ankündigung.

Die Verbindung von Rocksong und Theater ist für die Interpretation entscheidend. Der Song ist nicht einfach eine neutrale Nacherzählung des Romans. Er verdichtet die Atmosphäre der Vorlage, stellt Gewalt als bedrohliches Spektakel aus und verbindet den Auftritt der Figur Alex mit der Vorstellung eines Vorhangs und einer Show.


Drei besonders gut belegte Besonderheiten der Aufnahme von 1988

Besonderheit Beleg für genau diese Aufnahme Bedeutung für das Hören
Beethoven-Intro in d-Moll Die lange Albumaufnahme beginnt mit dem Anfang des Scherzos aus Beethovens 9. Sinfonie, ebenfalls in d-Moll.[1] Die klassische Klangwelt stellt sofort die Verbindung zu Alex' Beethoven-Faszination her und schafft einen extremen Kontrast zum folgenden Rockarrangement.
Lang gehaltener Schrei von Andreas von Holst Über das klassische Crescendo wird ein ausgedehnter Schrei eingeblendet, den Andreas von Holst ausführt; anschließend treten Orchester und Schrei zurück und das Gitarrenriff übernimmt.[2] Der Übergang wirkt wie ein akustischer Riss zwischen klassischer Ordnung und aggressiver Rockenergie.
Live-Einspielung im leeren Schauspielhaus Bonn Der Titel wurde laut Albumdokumentation zusammen mit anderen Stücken im Schauspielhaus Bonn live eingespielt, jedoch ohne Publikum, nachts ungefähr zwischen 1 und 6 Uhr, um die besondere Raumakustik einzufangen.[2] Damit ist die Aufnahme weder eine gewöhnliche Konzertaufnahme noch eine vollständig isolierte Studioproduktion. Der reale Theaterraum wird Teil des Klangs.
Album- und Singlefassung unterscheiden sich deutlich Die etwa fünfminütige Albumfassung enthält Beethoven-Intro und Schrei. Die 3:53 Minuten lange Singlefassung lässt beide Elemente weg.[1][2] Wer verschiedene Veröffentlichungen vergleicht, hört deshalb nicht bloß unterschiedliche Laufzeiten, sondern eine veränderte dramaturgische Eröffnung.
Keine improvisierten Soloparts Die beiden E-Gitarren übernehmen Rhythmus- und Melodieaufgaben; die Melodie wird variiert, aber es gibt keine improvisierten Soli.[2] Der Song wirkt geschlossen und zielgerichtet: Riff, Gesang und kollektive Bandenergie stehen über virtuoser Selbstdarstellung.


Rechtssichere und frei lizenzierte Kontextmedien

Die folgenden Wikimedia-Commons-Medien sind entweder gemeinfrei oder frei lizenziert. Bei einer Weiterverwendung außerhalb von Wikimedia musst Du die jeweilige Lizenz und die dort geforderte Namensnennung beachten. Die eingebetteten YouTube-Videos stammen dagegen aus dem offiziellen Künstlerkanal, sind aber keine frei lizenzierten OER.

Autograph der 9. Sinfonie von Beethoven; das Werk ist gemeinfrei.[11]

Eröffnungstakte des Scherzos aus Beethovens 9. Sinfonie, gemeinfrei. Dieses historische Notenmaterial darf im Unterschied zur geschützten Melodie von „Hier kommt Alex“ vollständig gezeigt werden.[12]

Frei lizenziertes Hörbeispiel des Scherzos aus Beethovens 9. Sinfonie, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.[13]


Musikalische Analyse


Stil und Genre

Hier kommt Alex wird gewöhnlich dem Punkrock beziehungsweise Rock zugeordnet. Typisch sind ein klarer 4/4-Puls, verzerrte E-Gitarren, ein prägnantes Riff, Achtelbewegungen im Bass und ein energischer Schlagzeug-Backbeat. Gleichzeitig unterscheidet sich die Aufnahme vom sehr schnellen, bewusst rauen Punkklischee: Das Tempo liegt nach der musikwissenschaftlichen Songlexikon-Analyse bei ungefähr 133 BPM, die Harmonik ist deutlich ausgearbeitet, und die Dramaturgie des Beethoven-Intros erzeugt einen fast theatralischen Aufbau.[1]

Dass die Band den Song zunächst selbst als zu langsam und zu hardrocknah empfand, ist deshalb musikalisch plausibel. Stilistisch lässt sich das Stück als Übergang von Punk-Wurzeln zu einem breiter angelegten Rocksound verstehen, ohne dass die aggressive Direktheit verloren geht.


Tonart und Harmonik

Das Songlexikon analysiert die Albumfassung in d-Moll. Das tragende Gitarrenmodell beruht im Intro beziehungsweise in der Strophenbegleitung auf dem Wechsel der Akkorde Dm, B♭, C und G. Auffällig ist, dass zu Dm und B♭ häufig der Ton E hinzukommt. Dadurch entstehen zusätzliche Spannungsfarben: beim d-Moll-Akkord eine None, beim B♭-Klang eine scharf reibende übermäßige Quarte beziehungsweise verminderte Quinte.[1]

Kurzes selbst erstelltes Harmoniemodell – keine Melodietranskription:


\new ChordNames { \chordmode { d1:m bes1 c1 g1 } }

Dieses Beispiel zeigt nur die harmonische Grundbewegung. Es enthält keine geschützte Gesangsmelodie und kein vollständiges Gitarrenriff.

Im Refrain beschreibt das Songlexikon die Folge Dm – B♭ – Gm – C. Die Bridge erweitert den harmonischen Raum mit Am, B♭, C sowie einer Schlussbewegung über F und G.[1] Dadurch entsteht ein Wechsel zwischen stabil wiedererkennbaren Klangblöcken und einer stärker vorwärtstreibenden Übergangszone.


Melodie

Campinos Gesang bewegt sich laut Songlexikon ungefähr zwischen a' und e. Die Strophen bleiben überwiegend in mittlerer Lage, während höhere Töne vor allem im Refrain und gegen Ende der Bridge erreicht werden.[1] Die Wirkung entsteht weniger durch große virtuose Sprünge als durch Steigerung, Wiederholung, zunehmende Intensität und die Verbindung mit der dichter werdenden Instrumentation.

Selbst erstelltes Beispiel zur Veranschaulichung eines möglichen Spannungsbogens innerhalb dieses Tonraums – nicht die Originalmelodie:


\relative c'' {
  \key d \minor
  \time 4/4
  a4 c d e |
  d c a2
}

Das Modell demonstriert nur, wie ein Melodiebogen von mittlerer Lage zu einem höheren Zielton führen kann. Es ist keine Transkription des Songs.


Rhythmus

Der Song steht im 4/4-Takt und arbeitet mit einem typischen Rockbeat. Der Bass verdoppelt Grundtöne häufig in gleichmäßigen Achteln, während Gitarren zusätzlich gedämpfte Achtel- und Sechzehntelimpulse erzeugen.[1] Dadurch entsteht ein motorischer Eindruck, der gut zum Textthema von Routine und mechanischer Bewegung passt, ohne dass daraus eine eindeutige absichtliche Wort-Ton-Malerei abgeleitet werden muss.

Selbst erstelltes Rhythmusmodell für gleichmäßige Achtelpulsation – nicht aus der Aufnahme transkribiert:


\relative c {
  \time 4/4
  d8 d d d d d d d |
  bes8 bes bes bes bes bes bes bes
}


Gesang

Campino beginnt vergleichsweise kontrolliert und steigert die vokale Intensität. Mit dem Einsatz der vollen Band wird die Artikulation schärfer und der Ausdruck aggressiver. Im Refrain trägt der Gesang die theatralische Ankündigungsfunktion des Songs. Charakteristisch ist nicht klassischer Schönklang, sondern eine direkte, sprechnahe Rockstimme mit hoher Textverständlichkeit und drängender Energie.

Der Gesang funktioniert damit zugleich als Erzählerstimme und als Teil der Bühneninszenierung. Das Publikum wird gewissermaßen in die Rolle von Zuschauenden einer angekündigten „Show“ gedrängt.


Instrumentierung

In der ursprünglichen Aufnahme sind Campino am Gesang, Andreas von Holst und Michael Breitkopf an E-Gitarren, Andreas Meurer am Bass und Wolfgang Rohde am Schlagzeug dokumentiert.[1] Meurer schrieb die Musik, Campino den Text.[1]

Andreas von Holst, Gitarrist der Toten Hosen und Urheber des lang gehaltenen Schreis im Intro der Albumfassung. Foto auf Wikimedia Commons, CC BY 2.0.[14]

Die zwei Gitarren haben unterschiedliche Funktionen: Ein Part trägt das zentrale Riff beziehungsweise melodische Akzente, während andere Gitarrenspuren Flächen, Akkorde und gedämpfte rhythmische Impulse liefern. Der Bass stabilisiert das harmonische Fundament und treibt mit Achtelbewegungen. Das Schlagzeug bündelt die Energie in einem geradlinigen Rockgroove.


Arrangement

Das Arrangement arbeitet mit klarer Steigerung:

  1. Klassisches Intro: Ein Ausschnitt aus Beethovens 9. Sinfonie eröffnet die lange Albumfassung.
  2. Schrei: Der Schrei von Andreas von Holst legt sich über das orchestrale Crescendo und markiert den Übergang.
  3. Gitarrenriff: Die Rockband übernimmt mit einem wiederkehrenden d-Moll-Riff.
  4. Strophe: Die Instrumentation wird nach und nach verdichtet.
  5. Refrain: Verzerrte Gitarren und höhere Gesangslage erhöhen den Druck.
  6. Bridge: Gedämpfte Gitarrenakzente und veränderte Harmonik schaffen Kontrast.
  7. Schlussrefrain: Der Refrain wird verlängert und erhält dadurch den Charakter einer finalen Zuspitzung.

Die Dramaturgie lässt sich als Übergang von „kultureller Hochkunst“ zu aggressiver Rockgegenwart hören. Zugleich ist diese Gegenüberstellung nicht simpel: Beethoven gehört in Burgess' Geschichte selbst zur Welt von Alex. Klassik ist hier also nicht automatisch das „Gute“.


Produktion und Raum

Die Produktion wird Jon Caffery und der Band zugeschrieben.[2] Für die Albumaufnahme ist besonders ungewöhnlich, dass der reale Theaterraum klanglich genutzt wurde. Die Aufnahme entstand live im Schauspielhaus Bonn, jedoch ohne Konzertpublikum und in der Nacht.[2] Dieser Produktionsweg verbindet Studioziel und Live-Spielweise.

Die Aufnahme profitiert dadurch von drei Ebenen: erstens der kontrollierten Wiederholbarkeit einer Produktion ohne Publikum, zweitens dem gemeinsamen Spiel einer Rockband und drittens der spezifischen Akustik des Theaterraums. Gerade für ein Werk, das aus einer Bühnenproduktion hervorging, ist das ästhetisch folgerichtig.


Songform

Das Songlexikon beschreibt die Großform als:

  1. Intro: klassischer Beginn, Schrei, Übergang zum Riff
  2. Verse: erste Strophe
  3. Chorus: erster Refrain
  4. Verse: zweite Strophe
  5. Chorus: zweiter Refrain
  6. Bridge: kontrastierender Mittelteil
  7. Verlängerter Chorus: finale Zuspitzung

Die Form ist damit grundsätzlich eingängig, erhält aber durch das lange Intro und die Bridge eine deutlich dramatischere Wirkung als ein minimalistisches Punkstück.


Text, Themen und Bildsprache


Automatisierter Alltag und Ausbruch

Der Text beginnt mit einer Welt, die von geregeltem Alltag, Arbeit und passivem Medienkonsum geprägt ist. Dagegen erscheint Alex als Figur des extremen Ausbruchs. Der Song verherrlicht diese Gewalt nicht zwangsläufig; vielmehr inszeniert er sie als bedrohliches Spektakel. Besonders wichtig ist deshalb die Perspektive: Du solltest unterscheiden zwischen Darstellung einer gewalttätigen Figur und Zustimmung zu ihrer Gewalt.


Gewalt als „Show“

Die Bühnensprache des Refrains macht die Zuhörenden zu einem imaginären Publikum. Gewalt erscheint dadurch nicht nur als Handlung, sondern auch als beobachtetes Ereignis. Das eröffnet Fragen nach Sensationslust, Medienbildern und moralischer Distanz: Was verändert sich, wenn Gewalt zur Unterhaltung wird? Welche Rolle spielen Zuschauende, wenn sie nur beobachten?


Nadsat und Sprachspiel

Burgess' erfundene Jugendsprache Nadsat ist russisch beeinflusst. Begriffe wie „Droogs“ und das Wortspiel um „Horrorschau“ verbinden den Song sprachlich mit dem Roman.[1] Die fremd klingenden Ausdrücke schaffen Distanz und gleichzeitig eine eigene Gruppenidentität. Das passt zu Jugendkulturen, in denen Sprache Zugehörigkeit markieren kann.


Beethoven als ambivalentes Symbol

Alex liebt bei Burgess Beethoven. Darum ist das Zitat aus der 9. Sinfonie nicht bloß eine dekorative Klassikreferenz. Es verbindet den Song direkt mit der Figur. Besonders interessant ist die Ambivalenz: Ein Werk, das häufig mit Humanismus und der Idee universeller Brüderlichkeit verbunden wird, steht hier neben einer Geschichte von Gewalt und Manipulation. Gerade dieser Widerspruch macht die musikalische Referenz stark.


Musikvideo

Das Musikvideo von 1988 zeigt die Band in industriell geprägten Umgebungen, darunter Schrott, Fabrikhalle und Gebäudedach; außerdem sind kurze Ausschnitte aus der Theaterproduktion zu sehen.[1][2] Es erzählt die Romanhandlung also nicht eins zu eins nach. Stattdessen erzeugt es eine raue, urbane Bildwelt.

Die Orte wirken leer, beschädigt oder im Umbau. Dadurch entsteht eine visuelle Parallele zu den Themen Entfremdung, gesellschaftliche Härte und Gewalt. Diese Deutung ist jedoch eine Interpretation der Bildwirkung, keine belegte Aussage des Regisseurs über seine Absicht.


Vergleich verschiedener Fassungen


Albumfassung 1988 und Singlefassung 1988

Merkmal Albumfassung Singlefassung
Dauer etwa 5:00 Minuten 3:53 Minuten
Beethoven am Anfang ja nein
langer Schrei ja nein
Wirkung stark theatralisch und dramaturgisch aufgebaut direkter Einstieg in den Rocksong

Die Unterschiede sind wichtig, weil eine Analyse sonst scheinbar widersprüchliche Angaben zu Länge und Intro produzieren kann. Der aiMOOC bezieht die Detailanalyse deshalb ausdrücklich auf die lange Albumaufnahme.[1][2]


MTV Unplugged 2005

2005 arrangierte Hans Steingen den Song für Nur zu Besuch – Unplugged im Wiener Burgtheater neu. Die Fassung wurde einen Halbton tiefer gelegt und beginnt nicht mit dem Scherzo der 9. Sinfonie, sondern mit dem Anfang von Beethovens Mondscheinsonate. Klavier, Cello und akustische Gitarren ersetzen einen großen Teil der verzerrten Rocktextur.[2]

Offizielle Unplugged-Fassung auf dem offiziellen Kanal der Toten Hosen.[15]

Beim Vergleich kannst Du auf folgende Hörfragen achten: Wie verändert sich die Bedrohlichkeit ohne verzerrte Gitarren? Welche Wirkung hat das Klavier? Wie verschiebt die tiefere Tonlage Campinos Stimmfarbe? Wie verändert sich die Beziehung zu Beethoven, wenn statt der 9. Sinfonie die Mondscheinsonate den Einstieg prägt?


Englische Fassung The Return of Alex

1994 erschien eine englischsprachige Variante mit dem Titel The Return of Alex. Sie ist keine bloße wortgetreue Übersetzung des deutschen Textes. Nach der dokumentierten Beschreibung verschiebt sie den Schwerpunkt stärker auf die Umwelt, in der Alex zum Gewalttäter wird, und auf die Warnung vor seiner Rückkehr.[2] Gerade daran lässt sich zeigen, dass Übersetzen im Pop nicht nur Sprachübertragung, sondern auch Neudeutung sein kann.


Coverversionen

Dokumentiert sind unter anderem Fassungen der UK Subs, Samsas Traum, Scala & Kolacny Brothers, Callejon und Feuerschwanz.[2] Besonders deutlich ist der Stilwechsel bei Scala & Kolacny Brothers, deren Chorversion den Song in ein klassisch anmutendes Vokalarrangement überführt. Für eine Unterrichtsanalyse empfiehlt sich, nur legal zugängliche offizielle Streams oder Tonträger zu verwenden und keine inoffiziellen Uploads einzubetten.


Rezeption und Bedeutung im Werk der Toten Hosen

Hier kommt Alex markierte den kommerziellen Durchbruch der Band. Das Songlexikon nennt 19 Wochen in den deutschen Top 100; die offizielle Chartdatenbank führt als Höchstposition Platz 32.[1][16] Der Song wurde zu einem festen Bestandteil des Liverepertoires und erschien später in mehreren Live- und Akustikfassungen.

Die Bedeutung liegt dabei nicht nur im Verkaufserfolg. Das Stück bündelt mehrere Entwicklungslinien der Band: Punkherkunft, literarische und theatralische Ambition, Rockarrangement, gesellschaftliche Themen und die Fähigkeit, einen Refrain für große Publika zu gestalten. Der WDR ordnet 1988 deshalb als Jahr des großen kommerziellen Durchbruchs ein.[17]


Medien- und Urheberrechtskompetenz

Bei einem Song aus dem Jahr 1988 ist zwischen unterschiedlichen Schutzebenen zu unterscheiden. Komposition, Songtext und die konkrete Tonaufnahme sind urheber- beziehungsweise leistungsschutzrechtlich geschützt. Deshalb werden hier weder vollständige Lyrics noch eine vollständige Melodietranskription angeboten. Kurze Analysezitate werden auf das Notwendige beschränkt.

Beethovens Komposition von 1824 ist dagegen gemeinfrei. Auch bei gemeinfreien Werken kann eine moderne Aufnahme eigene Leistungsschutzrechte besitzen. Deshalb wird hier für das Beethoven-Hörbeispiel eine ausdrücklich frei lizenzierte Aufnahme aus Wikimedia Commons genutzt. Bei Commons-Dateien musst Du zusätzlich die konkrete Lizenz der Datei beachten.

Die YouTube-Videos sind offizielle Veröffentlichungen der Band und werden nur über die Plattform eingebettet. Sie sind dadurch gut als legale Hör- und Sehquelle geeignet, aber nicht automatisch frei lizenziert.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

In welchem Zusammenhang entstand Hier kommt Alex? (Für eine Bühnenfassung von A Clockwork Orange) (!Für einen Fußballfilm) (!Für eine Werbekampagne) (!Für ein Weihnachtsalbum)




Welche Tonart nennt das Songlexikon für die lange Albumfassung? (d-Moll) (!E-Dur) (!G-Dur) (!c-Moll)




Welches klassische Werk erklingt am Anfang der langen Albumfassung? (Beethovens 9. Sinfonie) (!Mozarts Kleine Nachtmusik) (!Bachs Weihnachtsoratorium) (!Wagners Tannhäuser)




Wer führt den langen Schrei im Intro aus? (Andreas von Holst) (!Campino) (!Andreas Meurer) (!Wolfgang Rohde)




Was fehlt in der Singlefassung von 1988 am Anfang? (Klassikintro und Schrei) (!Bass und Schlagzeug) (!Gesang und Refrain) (!Alle Gitarren)




Wer schrieb die Musik von Hier kommt Alex? (Andreas Meurer) (!Jon Caffery) (!Anthony Burgess) (!Bernd Schadewald)




Welche Funktion hat das Beethoven-Zitat besonders? (Es verbindet den Song mit Alex und A Clockwork Orange) (!Es macht den Song zu einer Oper) (!Es ersetzt den gesamten Refrain) (!Es beweist eine klassische Gesangsausbildung)




Welche Besonderheit kennzeichnet die Aufnahme im Schauspielhaus Bonn? (Sie wurde live im leeren Theater eingespielt) (!Sie wurde vor einem Stadionpublikum aufgenommen) (!Sie besteht nur aus elektronischen Instrumenten) (!Sie wurde als Radiomitschnitt aufgenommen)




Wodurch unterscheidet sich die Unplugged-Fassung von 2005 am Anfang? (Sie beginnt mit der Mondscheinsonate) (!Sie beginnt mit einem Techno-Beat) (!Sie beginnt ohne jedes Instrument) (!Sie beginnt mit einer Trompetenfanfare)




Welche Aussage beschreibt The Return of Alex am besten? (Die englische Fassung setzt teilweise andere inhaltliche Schwerpunkte) (!Sie ist eine wortgetreue Übersetzung jeder Zeile) (!Sie ist eine reine Instrumentalversion) (!Sie stammt aus dem Jahr 1988)





Memory

Albumfassung Beethoven-Neunte
Singlefassung Ohne-Klassikintro
d-Moll Tonales-Zentrum
Andreas-Meurer Komposition
Campino Text
Andreas-von-Holst Schrei
Schauspielhaus-Bonn Raumakustik
Unplugged-2005 Mondscheinsonate





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Beethoven-Intro Dramaturgische Eröffnung der Albumfassung
Achtel-Bass Motorischer Rockpuls
Bridge Harmonisch kontrastierender Mittelteil
Nadsat Sprachwelt aus A Clockwork Orange
Unplugged-Version Akustische Neufassung von 2005





Kreuzworträtsel

Burgess Wer schrieb den Roman A Clockwork Orange?
Scherzo Wie heißt der Satztyp aus Beethovens Neunter, der die lange Aufnahme eröffnet?
Caffery Wie lautet der Nachname des Produzenten Jon?
Godesberg In welchem Bonner Stadtteil lagen die Kammerspiele der Inszenierung?
Nadsat Wie heißt die erfundene Jugendsprache aus A Clockwork Orange?
Unplugged Welcher Begriff bezeichnet die akustische Fassung von 2005?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.
Der Song entstand 1988 im Zusammenhang mit einer Theaterinszenierung von

.
Die Musik schrieb

.
Der Text stammt von

.
Die lange Albumaufnahme steht im tonalen Zentrum von

.
Am Beginn der Albumfassung erklingt ein Ausschnitt aus Beethovens

.
Den lang gehaltenen Schrei im Intro führt

aus.
Die Aufnahme nutzte die Akustik des

.
Die Singlefassung verzichtet am Anfang auf das klassische Intro und den

.
Die akustische Neufassung von 2005 beginnt mit Beethovens

.
Die erfundene Jugendsprache aus Burgess' Roman heißt

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Hörprotokoll: Höre die offizielle Fassung und notiere, wie sich Lautstärke, Instrumentendichte und Gesangsintensität von Abschnitt zu Abschnitt verändern.
  2. Medienvergleich: Vergleiche das Musikvideo mit dem Songinhalt und finde drei Stellen, an denen Bild und Musik dieselbe Stimmung erzeugen oder bewusst auseinandergehen.
  3. Beethoven-Bezug: Höre das freie Commons-Beispiel aus Beethovens 9. Sinfonie und beschreibe den Kontrast zum anschließenden Rocksound mit mindestens fünf Fachbegriffen.
  4. Songform: Zeichne die Form Intro – Verse – Chorus – Verse – Chorus – Bridge – Schlusschorus als farbige Zeitleiste.


Standard

  1. Arrangementvergleich: Vergleiche die Albumfassung von 1988 mit der Unplugged-Fassung von 2005 hinsichtlich Instrumentierung, Tonlage, Dynamik, Beethoven-Zitat und Wirkung.
  2. Textinterpretation: Verfasse eine Analyse darüber, wie Alltag, Langeweile, Gewalt und Zuschauerrolle miteinander verbunden werden, ohne längere Songtextpassagen zu zitieren.
  3. Sounddesign: Entwirf für einen eigenen fiktiven Theatersong ein Intro, das zwei gegensätzliche Klangwelten miteinander verbindet, und begründe Deine Entscheidungen.
  4. Quellenkritik: Vergleiche Songlexikon, Wikipedia, offizielle Bandseite und eine zeitgenössische Rezension. Kennzeichne Primärquelle, Sekundärquelle, journalistische Quelle und offizielle Selbstdarstellung.


Schwer

  1. Produktionsanalyse: Untersuche, welche klanglichen Folgen eine Live-Einspielung in einem leeren Theater gegenüber einer Spur-für-Spur-Produktion in einem trockenen Studio haben kann.
  2. Intermedialität: Analysiere, wie Roman, Film, Theater, Beethoven-Zitat, Rocksong und Musikvideo in „Hier kommt Alex“ zu einem intermedialen Werkkomplex verbunden werden.
  3. Übersetzungsvergleich: Untersuche anhand legal zugänglicher Quellen, warum „The Return of Alex“ keine bloße wortgetreue Übersetzung ist, und beschreibe die veränderte Perspektive ohne längere Lyrics zu reproduzieren.
  4. Eigenes Analyseprojekt: Produziere ein fünf- bis achtminütiges Videoessay mit selbst aufgenommenen Klangbeispielen, frei lizenzierten Bildern und korrekten Quellenangaben zur Frage, warum der Song 1988 einen Wendepunkt für die Band darstellte.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Form und Wirkung: Erkläre, warum dieselbe Rockkomposition durch ein langes Beethoven-Intro anders wirkt als durch einen direkten Einstieg. Beziehe Dich auf Erwartung, Kontrast und Dramaturgie.
  2. Produktion und Raum: Beurteile anhand akustischer Kriterien, welche Vor- und Nachteile eine Aufnahme in einem leeren Theater gegenüber einem konventionellen Studio haben kann.
  3. Text und Perspektive: Zeige, weshalb die Darstellung von Gewalt in einem Lied nicht automatisch mit einer Befürwortung von Gewalt gleichzusetzen ist. Nutze Perspektive, Inszenierung und Kontext als Argumente.
  4. Genregrenzen: Diskutiere, weshalb ein Song zugleich Punk-Wurzeln haben und Merkmale von Hardrock beziehungsweise breiterem Rock aufweisen kann.
  5. Intermedialer Transfer: Übertrage das Prinzip von „Hier kommt Alex“ auf ein anderes Werk, das Literatur und Musik verbindet. Welche Funktionen könnte ein musikalisches Zitat dort übernehmen?
  6. Versionsvergleich: Erkläre, warum eine andere Tonart, akustische Instrumente und ein neues klassisches Intro die Interpretation eines bereits bekannten Songs verändern können.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis solltest Du zeigen können, dass Du die Aufnahme nicht nur wiedererkennst, sondern analytisch begründet beschreiben kannst. Wichtig sind die sichere Unterscheidung von Album- und Singlefassung, die Einordnung in den Clockwork Orange-Kontext, die Erklärung des Beethoven-Zitats, die Beschreibung von d-Moll, Akkordfolgen, 4/4-Puls, Bass-Achteln, Gitarrenfunktionen, Gesang, Songform und Produktion sowie eine reflektierte Textinterpretation.

Außerdem solltest Du einen Versionsvergleich durchführen können, mindestens drei Besonderheiten der Aufnahme von 1988 mit überprüfbaren Quellen belegen, zwischen urheberrechtlich geschützten und frei lizenzierten Medien unterscheiden und kurze musikalische Analysebeispiele erstellen, ohne eine vollständige geschützte Melodie oder Partitur zu reproduzieren.




Quellen und Nachprüfbarkeit

  1. Songlexikon: Benjamin Burkhart: „Hier kommt Alex“, Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg – zentrale Quelle für Entstehung, Form, Harmonik, Tempo, Instrumentierung und Rezeption.
  2. Die Toten Hosen: Offizielle Single-Diskografie und offizielle Album-Diskografie – Veröffentlichungsdaten und Werkzusammenhang.
  3. Wikipedia: Hier kommt Alex – Überblick mit Literatur- und Einzelnachweisen, darunter Album-Booklet und Bandliteratur.
  4. Die Zeit: Zeitgenössische Besprechung der Bonner „Clockwork Orange“-Inszenierung vom 3. Juni 1988.
  5. WDR: Rückblick auf das Jahr 1988 und Bandrückblick des Rockpalast.
  6. Wikimedia Commons: Dateiseiten der eingebundenen Bilder und Audioaufnahmen enthalten Urheber-, Lizenz- und Weiterverwendungsangaben.


OERs zum Thema

Zusätzlich eignen sich die oben eingebundenen Wikimedia-Commons-Dateien als freie beziehungsweise gemeinfreie Lernmedien. Das Songlexikon ist eine frei zugängliche wissenschaftliche Informationsquelle; seine Inhalte und Medien sind jedoch nicht automatisch OER und müssen nach den dort angegebenen Nutzungsbedingungen behandelt werden.



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