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Buch - Warum Gott Mensch geworden - Anselm von Canterbury

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Deutsche Übersetzung · Lesefassung

Warum Gott Mensch geworden

Anselm von Canterbury

Anselm entwickelt in einem Dialog mit Boso eine rationale Begründung der christlichen Lehre von der Menschwerdung Gottes. Einwände und Antworten verbinden mittelalterliche Theologie mit Fragen nach Schuld, Gerechtigkeit und Erlösung.

PhilosophieKlasse 11–139 Abschnitte
Anselm von Canterbury – historisches Bildnis
Anselm von Canterbury – historisches Bildnis — Anselm von Canterbury, Darstellung in einem englischen Glasfenster aus dem 19. Jahrhundert. · Unknown, English · Public domain Bildquelle ↗

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Deutsche Übersetzung: Schenz, Wilhelm

Hinweise für den Unterricht
  • Historische philosophische, religiöse und naturkundliche Aussagen sowie zeitgebundene gesellschaftliche Wertungen kritisch einordnen. Diese Texte vermitteln keine heutigen wissenschaftlichen, medizinischen oder rechtlichen Handlungsempfehlungen. Klassenangaben sind eine redaktionelle Orientierung.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 3 von 9

Erstes Buch · Leseabschnitt 1

Redaktioneller Leseabschnitt innerhalb von „Erstes Buch“. Die zusätzliche Gliederung verändert weder Wortlaut noch Reihenfolge.

1
Erstes Buch
Vorlage S. 14
2
Kapitel I.
Vorlage S. 14
3
Oft und angelegentlichst ward ich von vielen angegangen, mündlich wie schriftlich, dass ich die Beweisgründe, welche ich in Bezug auf einen bestimmten Punkt unseres Glaubens den Fragenden gewöhnlich entgegenstellte, durch ein Werkchen noch späteren Zeiten zugänglich mache; denn, so meinen sie, dieselben gefielen ihnen und wären zugleich ausreichend. Indes leitet sie bei ihren Bitten keineswegs die Vorstellung, als ob man mittelst der Vernunft zum Glauben gelange; vielmehr möchten sie bloß durch das nähere Verständnis und die Betrachtung des Glaubensinhaltes erquickt, und soviel möglich gerüstet sein, jedem, der da Rechenschaft fordert über den Gegenstand unserer Hoffnung, Rede zu stehen. Die große Frage pflegen nämlich die Ungläubigen, während sie die christliche Einfalt als Thorheit verhöhnen, aufzuwerfen, und auch die Gläubigen beschäftiget diese Frage in ihrem Innern vielfach: welches die bewirkende oder nötigende Ursache gewesen, um deren willen Gott Mensch wurde und, wie wir glauben und bekennen, durch seinen Tod der Welt das Leben gab; während er das nämliche ja auch durch eine andere Persönlichkeit: durch einen Engel, einen Menschen; oder auch durch seinen bloßen Willen erreichen konnte. Nicht bloß Gebildete, sogar Ungebildete denken viel über diese Frage nach und wünschten ihre Begründung zu kennen. Und da nun also viele an dieser Frage Interesse zeigen, und ihre Beantwortung auch, so erheblich die entgegenstehenden Bedenken scheinen, für alle faßbar und wegen der Förderung und Ausschmückung durch den Vernunftbeweis geradezu anziehend ist, so will ich, wiewohl die heil. Väter bereits Hinlängliches ausgeführt, dennoch auch meinerseits, was Gott mir in Gnaden eingibt, für alle sich Rats Erholenden bekanntgeben. Und weil zumal die Form des Zwiegesprächs namentlich der langsameren Fassungskraft mehr entgegenkömmt, so wähle ich mir aus der Zahl meiner Mahngeister einen besonders Ungestümen heraus, in der Weise, dass Boso frägt und Anselm antwortet.
Vorlage S. 14
4
Kapitel II.
Vorlage S. 15
5
BOSO: Sowie die rechte Ordnung heischt, dass wir die Geheimnisse des christlichen Glaubens annehmen, bevor wir dieselben mit unserer Vernunft zergliedern; so erschiene es mir auf der anderen Seite als Denklässigkeit, wenn wir, nachdem wir einmal im Glauben befestiget sind, uns nicht die Mühe gäben, das, was wir glauben, nun auch mit der Vernunft anzufassen. Denn eben weil ich gewiss bin, dass die dem Glauben an unsere Erlösung vorauseilende Gnade mich so sicher halte, dass ich in diesem Glauben nicht wanke, auch wenn ich mit keinem Vernunftgrund dessen Inhalt zu fassen vermöchte; so bitte ich dich, wie dir wohlbekannt, zugleich als einer im Namen vieler, sage mir, welche nötigende oder wirksame Ursache konnte Gott, der doch allmächtig ist, haben, dass er die niedrige und schwache Menschennatur behufs deren Wiederherstellung an sich nahm?
Vorlage S. 15
6
ANSELM: Was du mich da frägst, übersteigt meine Fassungskraft; und ich nehme deshalb Anstand, mich an allzu Erhabenes zu wagen, damit nicht ein anderer, wenn ich seine Erwartungen unbefriedrigt lasse, glaube, dass die Wahrhaftigkeit der Thatsache mir nicht zu hinlänglich feststehe, da doch nur mein Verstand zu schwach ist, um selbe zu begreifen.
Vorlage S. 15
7
BOSO: Das hast du weniger zu fürchten; im Gegenteile wirst du dich erinnern, wie Gott uns oftmals bei Besprechung einer Frage Dinge aufdeckt, welche zuvor verborgen lagen; und wirst du darum getrost auf Gottes Gnade bauen, weil, indem du das umsonst Empfangene bereitwillig mitteilst, dich würdig machst, auch noch Höheres zu empfangen, was du bisher noch nicht erlangt.
Vorlage S. 15
8
ANSELM: Sodann obwaltet noch ein anderes Hemmnis, weshalb es kaum oder vielleicht gar nicht zu einer vollständigen Abhandlung über dieses Thema zwischen uns kommen mag, soferne die Vorkenntnis von Möglichkeit, Notwendigkeit, Wille und anderen derartigen Begriffen erforderlich ist, die so innig unter einander zusammenhängen, dass sie sich nicht trennen lassen. Die Behandlung dieser aber fordert wiederum einige, wie ich übrigens gerne glaube, leichte und äußerst nutzbringende Mühewaltung; denn ausgerüstet mit dieser Kenntnis finden wir unschwer, was uns außerdem sehr schwer erschiene.
Vorlage S. 15
9
BOSO: Du wirst auch hierüber gegebenen Ortes dich kurz verbreiten können, indem du das für unseren Zweck Nötige anführst, alles Weitere aber auf gelegenere Zeit versparst.
Vorlage S. 16
10
ANSELM: Auch das noch schreckt mich von Gewährung deiner Bitte ab, dass der Gegenstand unserer Abhandlung nicht allein an sich ein erhabener ist, sondern dass derselbe, wie er (concret gedacht) hinsichtlich des Glanzes der Form die übrigen Menschenkinder übertrifft, so (abstract gefasst) hinsichtlich der glänzenden Vernunftbegründung den menschlichen Verstand übersteigt. Und wie ich mich selbst über die ungeschickten Maler ärgere, welche unsern Herrn in unschöner Form darstellen, so fürchte ich, könnte es mir ergehen, indem ich einen so erhabenen Gegenstand meinem schmucklosen, unbeholfenen Räsonnement unterwerfe.
Vorlage S. 16
11
BOSO: Auch das dürfte dich nicht abschrecken, weil du ja einem jeden, der es besser machen kann und dem dein Räsonnement nicht genügt, die Möglichkeit offen läß'st, eine vollendetere Darstellung zu veröffentlichen. Uebrigens, um alle deine Einreden abzuschneiden – du hast es ja nicht mit Gelehrten aufzunehmen, sondern mit mir und mit den von mir vertretenen Bittestellern.
Vorlage S. 16
12
ANSELM: Da ich nun einmal dein und deiner Gesinnunsgenossen Ungestüm sehe, welche sich dabei lediglich von Liebe und religösem Eifer leiten lassen, so will ich nach meiner schwachen Kraft versuchen (unter dem Beistande Gottes und im Vertrauen auf euer Gebet, das ihr mir zu diesem Ende so oft versprochen), nicht so fast eure Fragen aufzuzeigen, als zugleich mit dir selbst Fragen zu stellen, indes mit dem Vorbeding, wie ich das zu Sagende aufgenommen wissen möchte: Nämlich sobald ich etwas sage, was nicht eine höhere Autorität bestätiget, so soll es, mag es der Vernunft auch noch so einleuchtend dünken, doch mit keiner anderen Gewissheit aufgenommen werden, als dieses einstweilen meine persönliche Anschauung sei, bis dass Gott auf irgend eine Art mir Vollkommenes offenbaret. Sollte ich daher auch deine Fragen einigermaßen befriedigend lösen können, so bleibt doch immer gewiss, dass einem Einsichtsvolleren das noch besser hätte gelingen können; überhaupt stehe fest, was auch der Mensch äußern oder wissen mag, immer werden noch höhere Vernunftgründe verborgen bleiben.
Vorlage S. 16
13
BOSO: Gestatte denn, dass ich mich der Worte der Ungläubigen bediene! Denn billig müssen wir, wo es die Begründung unseres Glaubens anzustreben gilt, die Einwände derer kennen, welche erst nach dieser Begründung sich unserm Glauben nähern wollen. Wiewohl nun zwar jene eine solche Begründung verlangen, weil sie nicht glauben; wir aber, weil wir glauben; so bleibt es doch ein und dasselbe, was wir gemeinschaftlich verlangen. Im Falle du indes etwas antwortest, was einer heiligen Autorität scheinbar widerstreitet, wird mir diese Autorität vorzukehren gestattet sein, damit du Gelegenheit hast zu zeigen, dass es in Wirklichkeit jener Autorität nicht widerstreitet.
Vorlage S. 17
14
ANSELM: Lass denn hören, was dir auf dem Herzen liegt!
Vorlage S. 17
15
Kapitel III.
Vorlage S. 17
16
BOSO: Unter Verspottung unserer Einfalt rücken uns die Ungläubigen vor, dass wir Gott ein Unrecht und die Unbill zufügen, wenn wir behaupten, er sei in den Schoß der Jungfrau herabgestiegen, vom Weibe geboren worden, durch Milch und menschliche Speisen ernährt herangewachsen und, um anderes, was sich für Gott nicht ziemt, zu verschweigen, der Erschöpfung, dem Hunger, Durst, den Geißelstreichen und zuletzt dem Kreuztode zwischen Verbrechern unterworfen gewesen.
Vorlage S. 17
17
ANSELM: Wir sind weit entfernt, Gott ein Unrecht oder eine Unbill zuzufügen, da wir vielmehr mit heißestem Herzensdanke die unaussprechliche Tiefe seiner Barmherzigkeit loben und preisen; denn je wunderbarer, je überraschender er uns aus dem schwersten und verschuldetsten Verluste, worin wir waren, zu den größten, unverdientesten Besitztümern zurückführte, welche wir verloren hatten; eine um so größere Liebe und Zuneigung hat uns bewiesen. Würden sie nur sorgfältig erwägen, wie angemessen auf diesem Wege die Wiedereinsetzung des Menschen erfolgt ist; sie hörten wahrlich auf, unsere Einfalt zu belächeln, und vereinigten sich mit uns zum Lobpreis der Weisheit und Güte Gottes. War es ja notwendig, dass, gleichwie durch den Ungehorsam eines Menschen der Tod in das Menschengeschlecht eingebrochen war, so auch durch den Gehorsam eines Menschen das Leben wiederum hergestellt würde; dass, gleichwie die Sünde, die Ursache unserer Verdammnis, vom Weibe ihren Ausgang genommen hatte, so der Urheber der wahren Gerechtigkeit und unseres Heiles vom Weibe geboren würde; dass schließlich der Satan, welcher den Menschen dadurch besiegt hatte, dass er ihn zu überreden vermochte, vom Baume zu genießen, dadurch besiegt würde, dass der Mensch am Baume ein Leiden erduldete, wovon gleichfalls der Satan die Schuld getragen. Übrigens gäbe es noch viel anderes, was näher betrachtet die ganze unsagbare Schönheit unserer auf diesem Wege veranstalteten Erlösung offenbarte.
Vorlage S. 17
18
Kapitel IV.
Vorlage S. 18
19
BOSO: All' das hört sich gut an und mag so zu sagen als Ausmalung sogar wohl gefallen; allein wenn solche Ausmalungen nicht auf fester Grundlage ruhen, so werden sie den Ungläubigen nicht zugänglich erscheinen zum Erweis unseres Glaubens daran, dass Gott all' das Gesagte habe leiden wollen. Wer ein Gemälde entwerfen will, nimmt doch eine feste Unterlage, worauf er malt, damit das, was er malt, bleibe. Denn niemand malt auf das Wasser oder in die Luft, weil alsdann das Gemalte sofort sich verflüchtigte. Und da wir die von dir angezogenen Congruenzgründe den Ungläubigen so zu sagen nur die Ausmalungen einer wirklichen Thatsache entgegensetzen könnten, so glauben diese, um so mehr als sie hierin nicht eine Thatsache, sondern bloß eine Dichtung erblicken, wir malten unsern Glauben gleichsam in die Wolken. Es wird darum vor Allem die Festigkeit der vernunftgemäßen Wahrheit, genauer die Notwendigkeit zu erweisen sein, dass Gott zu dem unsrerseits Behaupteten sich habe erniedrigen müssen oder können. Dann erst, um die volle Wahrheit in desto hellerem Lichte glänzen zu lassen, werden jene Congruenzgründe als ebensoviele Ausmalungen dieser Wahrheit die ihnen gebührende Würdigung finden.
Vorlage S. 18
20
ANSELM: Mithin schiene das kein genugsam nötigender Grund dafür, dass Gott das von uns behauptete tun musste, weil sonst das Menschengeschlecht, das kostbare Werk seiner Hände, zu Grunde ging, und es sich doch gewiss nicht ziemte, das dasjenige vollends vereitelt würde, was Gott in betreff des Menschen vorhatte; dieses sein Vorhaben jedoch nur zu Ende geführt werden konnte, wenn das Menschengeschlecht durch seinen Schöpfer selbst befreit wurde?
Vorlage S. 19
21
Kapitel V.
Vorlage S. 19
22
BOSO: Wäre ebendiese Befreiung nur nicht durch eine göttliche, sondern durch irgend eine andere Person (sei es durch einen Engel, sei es durch einen Menschen) auf irgendeinem Wege erfolgt, der Menschengeist könnte das begreiflicher finden. Denn Gott konnte ja auch einen sündelosen Menschen schaffen, den er also nicht aus der Masse der Sünder, noch von irgend einem Menschen hernahm, so wie er den Adam geschaffen hatte, um durch ihn alsdann jenes Werk vollbringen zu lassen.
Vorlage S. 19
23
ANSELM: Begreifst du nicht, dass, woferne irgend eine andere Person den Menschen vom ewigen Tode loskaufte, der Mensch mit Recht als deren leibeigener Diener anzusehen wäre? Das zugestanden, würde er aber dann nimmermehr in jene Würde zurückversetzt, die ihm zugedacht war, im Falle er nicht sündigte; da derjenige, der nur Diener Gottes und Ebenbürtiger der guten Engel in aller Zukunft sein sollte, nun zum Diener dessen würde, der nicht Gott ist, und dem die Engel nicht dienen.
Vorlage S. 19
24
Kapitel VI.
Vorlage S. 20
25
BOSO: Ganz besonders erregt ihren Anstoß, dass wir diese Befreiung Erlösung nennen. In welcher Gefangenschaft, Haft oder Botmäßigkeit wurdet ihr denn, rufen sie uns entgegen, festgehalten, daraus euch Gott nicht anders befreien konnte, außer dass er durch so viele Leiden und endlich durch sein Blut euch erlöste? Entgegnen wir ihnen: Er hat uns von Sünden, von seinem Zorn, von der Hölle und der Gewalt des Satans erlöst, den er selbst an unserer Statt überwand, weil wir uns dessen zu schwach fühlten; auch hat er uns das Reich der Himmel erkauft, und uns, weil er all' dies solcherweise getan, seine hochgradige Liebe bewiesen; alsdann halten sie die Antwort bereit: Vermochte Gott all' das nicht mit einem Machtworte zu erwirken, nachdem er, wie ihr sagt, mit einem Machtworte alles ins Dasein gerufen, so verfallt ihr in Widerspruch mit euch selbst, indem ihr ihn als Unmächtigen hinstellt. Oder im Falle ihr euch ausredet, dass er zwar auch auf andere Weise jenes wirken konnte, aber gerade auf diese Weise selbes wirken wollte; wie könnet ihr dann noch länger seine Weisheit verteidigen, da er nach eurer eigenen Behauptung so viel Unwürdiges ohne irgend einen vernünftigen Grund erdulden wollte? Denn auf seinem Willen beruht das alles, was ihr eben aufstellt; auch der Zorn Gottes ist ja nichts anderes, als sein Wille, zu strafen. Gott braucht einfach die Sünden der Menschen nicht strafen zu wollen, und der Mensch ist von Sünden frei und vom Zorne Gottes und von der Hölle und von der Botmäßigkeit unter den Satan, was er alles nur seiner Sünden wegen erduldet, wogegen er hinwieder alles zurückempfienge, dessen er um eben jener Sünden willen beraubt ist. Denn wessen Gewalt ist zuletzt Hölle und Satan unterworfen? Und wer schaltet über das Reich der Himmel, wenn nicht derjenige, welcher alles gemacht hat? Was ihr daher euch fürchtet oder hoffet, seinem Willen untersteht es, dem selber nichts widersteht. Daher müsst ihr, vorausgesetzt, dass er das menschliche Geschlecht nur in der angegebenen Art retten wollte, da er durch einen bloßen Akt des Willens das Gleiche erreichen konnte, wohl einsehen, dass ihr, gelinde gesagt, seiner Weisheit nahetretet. Denn gewiss dürfte ein Mensch der, was er leicht vollbringen könnte, ohne besonderen Grund nur unter schwerer Bemühung vollbrächte, von niemanden als weise beurteilt werden. Saget ihr aber, Gott habe auf diese Weise seine Liebe bewähren können, so ließe sich das nur festhalten, wenn bewiesen würde, dass er den Menschen nicht auch auf andere Weise zu retten vermochte. Nur dann, wenn er ihn nicht auch auf andere Weise zu retten vermochte, ließe sich vielleicht die Notwendigkeit erklären, auf diese Weise seine Liebe zu beurkunden. Nun er ihn aber auf andere Weise zu retten vermochte, was übriget für ein Grund, dass er zur Beurkundung seiner Liebe das, was ihr saget, thue und trage? Oder lässt er die guten Engel seine Liebe nicht erkennen, für die er nichts derart trägt? Und welchen Sinn soll es vollends haben, wenn ihr sagt, dass er gekommen sei, um an eurer Statt den Satan zu überwinden? Oder herrscht Gott nicht überall in Kraft seiner Allgewalt? Wiefern bedurfte er daher, um den Satan zu überwinden, vom Himmel herniederzusteigen? All' das, scheint mir, können die Ungläubigen uns einwenden.
Vorlage S. 20
26
Kapitel VII.
Vorlage S. 21
27
Ferners kann ich auch darauf kein großes Gewicht legen, was wir ihnen gewöhnlich erwidern, dass Gott mehr auf dem Wege Rechtens gegen den Satan vorgehen musste, um den Menschen zu befreien, als auf dem Wege der Gewalt, so dass dann der Satan, indem er denjenigen tötete, der den Tod nicht verdiente, und der Gott war, mit Recht die Gewalt einbüßte, welche er über die Sünder inne hatte; ansonst Gott ungerechte Gewalt dem Satan zugefügt hätte, weil dieser mit Recht den Menschen zu eigen besaß, den er nicht mit Gewalt an sich gerissen, sondern der sich freiwillig ihm ergeben. Ja wenn der Satan oder der Mensch sich selber oder irgend jemand anderen als Gott gehörte, oder wenn sie irgend einer anderen als der göttlichen Gewalt unterstünden, möchte so etwas vielleicht mit Recht geltend gemacht werden. Nun aber der Satan und der Mensch Eigentum Gottes sind, und keiner von beiden sich der Herrschaft Gottes zu entziehen vermag; was brauchte Gott mit dem Seinigen wegen des Seinigen an dem Seinigen weiter zu tun, als dass er seinen Knecht züchtigte, der seinen Mitknecht verleitete, den gemeinschaftlichen Herrn zu verlassen und zu ihm überzugehen; der auch als Verräter den Fahnenflüchtigen, als Dieb den Genossen zusamt dem Diebstahle am Eigentume seines Herrn in die Gewalt bekam? Beide nämlich waren sie Diebe, soferne der eine auf die Ueberredung des anderen hin seinem rechtmäßigen Herrn sich entzog. Was hätte gerechter sein können, als wenn Gott also verfahren wäre? Oder wäre es eine Ungerechtigkeit zu nennen gewesen, im Falle Gott – der Richter über alles – den vom Satan angeeigneten Menschen aus den Händen seines unrechtmäßigen Besitzers entrissen hätte, sei es, um ihn doch anders als durch den Satan strafen zu lassen, sei es auch um seiner ganz zu schonen? Denn gesetzt auch, dass der Mensch mit Recht vom Satan gequält wurde, so hatte dieser wenigstens kein Recht, ihn zu quälen. Wohl hatte der Mensch Strafe verwirkt und erlitt er diese mit vollstem Rechte seitens desjenigen, der ihn zur Sünde zu verführen wusste. Allein der Satan besaß kein Recht, jene Strafe zu vollstrecken, und zwar dies um so weniger, als nicht Liebe zur Gerechtigkeit, sondern einzig der Trieb zur Bosheit hiebei ihn leitete. Zudem vollstreckte er jene Strafe nicht auf Befehl, sondern bloß unter Zulassung Gottes, dessen unergründliche Weisheit auch das Böse zum Guten wenden kann. Und ich glaube auch, dass jene, welche dem Satan einem Rechtstitel auf den Besitz des Menschen zuerkennen, nur dadurch auf diese Vorstellung geführt werden, weil sie den Menschen verdientermaßen der Ahndung durch den Satan unterworfen sehen, einer Ahndung, welche Gott mit recht zuläßt; so eben glauben sie, dass der Satan mit Recht diese Ahndung vollstrecke. Kann ja ein- und dasselbe, von verschiedenen Gesichtspunkten aus angesehen, gerecht oder aber ungerecht sein, worauf sodann von einem minder sorgfältigen Beobachter sogleich das Ganze für gerecht oder aber für ungerecht gehalten wird. Es kann ja doch zutreffen, dass jemand einen Unschuldigen ungerechter Weise schlägt, so dass er nun selber mit Fug geschlagen zu werden verdiente; wenn aber dann der Geschlagene sich nicht zur Wehr setzen soll, und dennoch seinen Vergewaltiger wieder schlägt, so begeht er jetzt ein Unrecht. Dieser Schlag erscheint nunmehr auf Seiten des Wiederschlagenden als ein Unrecht, da er sich nicht hätte zur Wehr setzen sollen; auf Seiten des Geschlagenen jedoch als ein Recht, nachdem der ungerecht Schlagende mit Fug geschlagen zu werden verdiente. So zeigt sich ein- und dieselbe Handlung von verschiedenen Gesichtspunkten aus angesehen, als gerechte oder aber als ungerechte, während sie leicht von einem bloß als gerechte, von einem andern hinwieder bloß als ungerechte beurteilt werden könnte. Aehnlich sagt man vom Satan, dass er mit Recht den Menschen züchtige, einmal, weil Gott mit Recht solches zulasse; sodann, weil der Mensch mit Recht solches leide. Indessen mag man auch sagen, dass der Mensch mit Recht solches leide, so darf das doch keineswegs so verstanden werden, wie wenn er kraft seiner (des Satans) Gerechtigkeit mit Recht solches litte, als dass er vielmehr gestraft wird nach einem gerechten Urteile Gottes. Und verweist man uns auch auf jene Handschrift des Beschlusses, welche laut Zeugnis des Apostels wider uns gezeugt hat und durch Christi Tod getilgt worden ist; und wollte einer hieraus ableiten, der Satan fordere – vor Christi Tod – so zu sagen auf Grund einer Vertragshandschrift mit Recht vom Menschen die Sünde, gleichsam als Zins für jene erste Sünde, zu welcher er ihn verleitete, und als Strafe für jene Sünde, um dadurch scheinbar sein Anrecht auf den Menschen zu beweisen, so könnte ich einer derartigen Auslegung meinen Beifall nicht gewähren. Denn nicht auf den Satan lautete jene Handschrift, da sie Handschrift des Beschlusses heißt, jener Beschluß aber nicht vom Satan herrührte, sondern von Gott. Nämlich durch ein gerechtes Gottesurteil war beschlossen und so zu sagen handschriftlich beurkundet worden, es solle der Mensch, nachdem er aus freien Stücken gesündiget hatte, nun auch aus sich nicht mehr wie der Sünde, so der Strafe entrinnen können; »dieweil der Geist geht und nicht mehr wiederkehrt«; und »ein jeglicher, der Sünde tut, auch der Sünde Knecht ist,« und endlich, wer sündiget, nicht länger ungestraft bleiben darf, es sei denn, dass die Barmherzigkeit des Sünders schone und ihn erlöse und zurückbringe. Folglich müssen wir glauben, dass aus der fraglichen Handschrift ein Rechtstitel Satans auf die Züchtigung des Menschen nicht erfindlich sei. Kurz wie beim guten Engel keinerlei Ungerechtigkeit, so zeigt sich beim bösen Engel keinerlei Gerechtigkeit als vorhanden. Dann stand aber auch bezüglich des Satans nichts im Wege, dass Gott wider ihn zum Zwecke der Befreiung des Menschen nicht von seiner Gewalt hätte Gebrauch machen dürfen.
Vorlage S. 21
28
Kapitel VIII.
Vorlage S. 23
Anselm von Canterbury – historisches Bildnis
Kontextbild zum Werk. Anselm von Canterbury – historisches Bildnis — Anselm von Canterbury, Darstellung in einem englischen Glasfenster aus dem 19. Jahrhundert. · Unknown, English · Public domain Bildquelle ↗
29
ANSELM: Es muss unserer Vernunft genügen, dass es der Wille Gottes ist, so oft Er etwas tut, mögen wir auch nicht einsehen, warum Er es so will; denn der Wille Gottes ist niemals vernunftwidrig.
Vorlage S. 23
30
BOSO: Das hat seine Richtigkeit, sobald erwiesen ist, Gott wolle das, um was es sich handelt; allein viele können sich nicht überreden, dass Gott das will, was der Vernunft zu widerstreiten scheint.
Vorlage S. 24
31
ANSELM: Was scheint dir der Vernunft zu widerstreiten an unserer Behauptung, Gott habe das gewollt, was wir betreffs seiner Fleischwerdung glauben?
Vorlage S. 24
32
BOSO: Um es kurz zu sagen, dies – das der Höchste zu so Niedrigem sich herablasse; dass der Allmächtige mit so schwerem Opfer etwas vollbringe.
Vorlage S. 24
33
ANSELM: Die so reden, wissen nicht, was wir glauben. Denn dass die göttliche Natur leidensunfähig sei, behaupten wir sonder Zweifel, wie auch, dass sie von ihrer Höhe nicht herabsteigen, noch in dem, was sie vollbringen wolle, eine Beschwernis finden könne. Allein wir sagen, dass der Herr Jesus Christus wahrer Gott und zugleich wahrer Mensch sei, Eine Person in zwei Naturen und zwei Naturen in Einer Person. Folglich wenn wir sagen, dass Gott etwas Niedriges oder Schwaches erleide, verstehen wir das nicht von der erhabenen, leidensunfähigen Natur, sondern von der schwachen menschlichen Wesenheit, die er an sich trug; und so ist es alsdann deutlich, dass durchaus keine Vernunftinstanz unserem Glauben hinderlich würde. Verzeichnen wir ja nicht eine Erniedrigung der göttlichen Wesenheit, indem wir auf die Eine Person des Gott-Menschen verweisen. Durch die Menschwerdung ist nicht etwa Gott irgend eine Erniedrigung zugegangen, sondern wurde die menschliche Natur erhöht; so lehrt es der Glaube.
Vorlage S. 24
34
BOSO: Zugegeben; nichts werde der göttlichen Natur beigelegt, was von der menschlichen Schwachheit bei Christus ausgesagt ist! Allein wie sollte es als gesetz- oder vernunftmäßig sich darthun lassen, dass Gott jenen Menschen, welchen er, der Vater, »seinen geliebten Sohn nannte, woran er sein Wohlgefallen finde,« und zu dem in der That der Sohn sich selbst gemacht hatte, so behandelte oder auch nur behandeln ließ? Oder ist das eine Gerechtigkeit, den gerechtesten aller Menschen anstatt des Sünders dem Tode zu überliefern? Wo wäre selbst der Mensch, welcher für nicht verurteilungswürdig gälte, sobald er einen Unschuldigen verurteilte, um einen Schuldigen zu befreien? Auf dieselbe Ungereimtheit scheint es, läuft hinaus, was oben behauptet wurde. Denn woferne Gott nicht anders die Sünder retten konnte, als indem er einen Gerechten verurteilte, wo bleibt alsdann seine Allgewalt? Konnte er es aber und wollte er es nicht, wie werden wir alsdann seine Weisheit und Gerechtigkeit verteidigen?
Vorlage S. 24
35
ANSELM: Gott der Vater hat keineswegs, wie du die Sache zu verstehen scheinst, jenen Menschen hart behandelt oder einen Unschuldigen statt des Schuldigen dem Tode überantwortet. Denn nicht etwa gegen seinen Willen hat er jenen zum Tode gezwungen oder ihn zu töten befohlen, sondern aus freien Stücken nahm jener selbst den Tod auf sich, um die Menschheit zu erretten.
Vorlage S. 25
36
BOSO: Und dennoch scheint er ihn, wenn auch nicht gegen seinen Willen, da er dem Willen seines Vaters zustimmte, gewissermaßen durch einen Befehl gezwungen zu haben; heißt es ja, dass Christus sich selbst erniedrigte, indem er seinem Vater gehorsam war bis zum Tode, ja bis zum Tode des Kreuzes, weshalb Gott ihn auch erhöhte; ferner: »Er lernte Gehorsam aus dem, was er erlitten« und wiederum: »Seines eigenen Sohnes hat der Vater nicht geschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben.« Auch erklärt derselbe Sohn: »Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat;« und beim Betreten seines Leidensweges spricht er: »Gleichwie der Vater mir geboten, also thue ich;« desgleichen: »Der Kelch, den der Vater mir gegeben, werde ich ihn nicht austrinken?« und an einer anderen Stelle: »Vater, wenn es möglich ist, so lass ihn vorübergehen, diesen Kelch; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst«; abermals: »Vater, wenn er denn nicht vorübergehen kann, dieser Kelch, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!« Nach all' diesen Aeußerungen scheint denn Christus doch mehr in Folge zwingenden Gehorsams als einer frei verfügenden Willensmeinung den Tod erlitten zu haben.
Vorlage S. 25
37
Kapitel IX.
Vorlage S. 25
38
ANSELM: Wie mir deucht, unterscheidest du zu wenig zwischen dem, was er getan, weil der Gehorsam es forderte, und zwischen dem, was er an sich tun ließ, ohne dass der Gehorsam es forderte, bloß weil er freiwillig im Gehorsam verharrte.
Vorlage S. 25
39
BOSO: Das musst du mir schon deutlicher erklären.
Vorlage S. 25
40
ANSELM: Warum verfolgten ihn die Juden bis zum Tode?
Vorlage S. 26
41
BOSO: Aus keinem anderen Grunde, als weil er Wahrheit und Gerechtigkeit in Wort und That unwandelbar festhielt.
Vorlage S. 26
42
ANSELM: Dies, glaube ich, fordert Gott von jeder vernünftigen Kreatur, und dies schuldet sie Gott in Kraft des Gehorsams.
Vorlage S. 26
43
BOSO: So lehrt es uns der Glaube.
Vorlage S. 26
44
ANSELM: Diesen Gehorsam nun schuldete auch jener Mensch Gott dem Vater, sowie überhaupt die Menschheit der Gottheit, und einzig diesem Gehorsam hatte der Vater von ihm gefordert.
Vorlage S. 26
45
BOSO: Kein Zweifel hierüber.
Vorlage S. 26
46
ANSELM: Da siehst du jetzt, was er getan, soferne der Gehorsam es forderte.
Vorlage S. 26
47
BOSO: Ganz richtig; und nun erkenne ich auch, was er an sich geschehen ließ, soferne er im Gehorsam verharrte. Denn nur deshalb ward ihm der Tod zugefügt und ertrug er ihn, soferne er im Gehorsame verharrte. Wie indes der Gehorsam solches nicht hätte fordern sollen, das leuchtet mir noch nicht ein.
Vorlage S. 26
48
ANSELM: Gesetzt, der Mensch hätte nie gesündigt, müsste er gleichwohl den Tod erleiden, oder müsste ihn Gott gleichwohl von ihm fordern?
Vorlage S. 26
49
BOSO: Nach unserm Glauben würde der Mensch in diesem Falle nicht sterben, und würde solches von ihm auch nicht gefordert. Allein die Begründung dessen möchte ich gerne von dir hören.
Vorlage S. 26
50
ANSELM: Dass die vernünftige Kreatur gerecht erschaffen wurde und zu dem Ende, im Genusse Gottes selig zu sein, wirst du kaum leugnen.
Vorlage S. 26
51
BOSO: Nicht im mindesten.
Vorlage S. 26
52
ANSELM: Du würdest es aber auch Gottes nicht würdig erachten, wenn er die gerechte und für die Seligkeit erschaffenne Kreatur zwänge, ohne Verschuldung unglücklich zu sein; und gewiss wäre es ein Unglück für den Menschen, gegen seinen Willen sterben zu müssen.
Vorlage S. 26
53
BOSO: Es ist offenbar, wenn der Mensch nicht gesündigt hätte, müsste Gott den Tod nicht von ihm fordern.
Vorlage S. 26
54
ANSELM: Dann hat aber Gott auch Christum, in dem keine Sünde war, nicht gezwungen zu sterben, sondern hat dieser selbst aus freien Stücken den Tod auf sich genommen, nicht aus Gehorsam, das Leben zu verlassen, sondern wegen des Gehorsams, die Gerechtigkeit zu bewahren, worin er so standhaft verharrte, dass er zufolge dessen in den Tod ging. Man könnte auch sagen: Weil der Vater ihm zu sterben befahl, so befahl er sich selbst – mit jenem –, in den Tod zu gehen. Also that er, »gleichwie der Vater ihm aufgetragen«, und »trank er den Kelch, welchen dieser ihm dargereicht;« und »ward er gehorsam dem Vater bis zum Tode« und »lernte er aus dem, was er erlitten, Gehorsam«, das will sagen, bis zu welchem Grade man Gehorsam üben müsse. Das hier stehende Wort: »er lernte« lässt übrigens eine doppelte Deutung zu. Entweder steht es für: »er ließ Andere lernen« oder »er lernte nun auch noch durch die Erfahrung, was der Erkenntnis nach ihm längst bekannt war.« Dass aber der Apostel den Worten: »Er hat sich erniedriget, indem er gehorsam war bis zum Tode, ja bis zum Tode des Kreuzes« beifügte: »Weswegen ihn Gott auch erhöhte und ihm einen Namen gab, der über alle Namen ist«, ähnlich wie David sagte; »Vom Bache am Wege wird er trinken, weswegen er das Haupt erheben wird«, so hat das jedenfalls nicht den Sinn, als ob er zu jener Erhöhung gar nicht anders hätte gelangen können, außer durch den Gehorsam bis zum Tode; oder dass ihm jene Erhöhung nur als Belohnung seines Gehorsames zu teil geworden wäre; (denn ehe er litt, bekannte er selbst, dass »ihm alles vom Vater sei übertragen worden«), und »er alles mit dem Vater gemein habe«, sondern es hat lediglich den Sinn, dass er selber gemeinsam mit dem Vater und hl. Geiste beschlossen hatte, nicht anders denn durch den Tod die Erhabenheit seiner Allmacht der Welt zu bekunden; was nun aber beschlossenermaßen nur durch jenen Tod erfolgen sollte, lässt sich füglich als wegen desselben geschehen darstellen, sobald es durch denselben geschieht. Wenn wir etwas zu unternehmen beabsichtigen, jedoch eine Handlung vorausgehen lassen, durch welche das Beabsichtigte hernach möglich gemacht werden soll, so sagt man ja auch, wenn nun nach Eintritt der vorausgehenden Handlung das Beabsichtigte wirklich geschieht, ebenso sehr mit Recht, es geschehe deshalb, weil nämlich das geschah, um dessen willen das Beabsichtigte hinausgeschoben wurde, und das Beabsichtigte überhaupt nur auf diesem Wege geschehen sollte. Ein Beispiel möge die Sache klar machen. Wenn ich einen Fluss, über den ich auch zu Pferde oder mittelst eines Kahnes setzen könnte, nur mittels eines Kahnes passieren will, und wenn ich deshalb das Hinübersetzen verzögere, weil im Augenblicke kein Schiff zu Gebote steht; so sagt man mit Recht von mir, wenn ich nun hinübersetze, sobald ein Schiff zur Stelle gekommen: das Schiff lag bereit, darum setzte er über. Und wir drücken uns so aus, nicht bloß wenn wir durch eine vorausgehende, sondern auch, wenn wir nach einer vorausgehenden Handlung etwas Bestimmtes eintreten zu lassen vorhaben. Wer z.B. deshalb nichts genießt, weil er an diesem Tage der Meßfeier noch nicht angewohnt, zu dem mag man füglich, sobald einmal das vorüber ist, was er vorausgehen lassen wollte, sagen: »Iss jetzt, weil du das bereits getan, um deswillen du zu essen gezögert!« Noch weniger darf die Redeweise befremden, wenn wir von Christus sagen, er sei erhöht worden deshalb, weil er den Tod auf sich genommen, durch welchen und nach welchem er jene Erhöhung zu gewinnen vorhatte. Es kann auf dieselbe Weise verstanden werden, wonach es von demselbem Herrn heißt: »er hätte zugenommen an Weisheit und Gnade bei Gott«, nicht, weil dem so wäre, sondern weil er sich so gab, wie wenn dem so wäre. So wurde er nach dem Tode erhöht, gleichwie wenn das wegen des Todes geschehen wäre. Was aber seinen Anspruch betrifft: »Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat,« so verhält es sich mit ihm, wie mit jenem andern: »Meine Lehre ist nicht meine Lehre;« was jemand nicht von sich, sondern von Gott hat, darf er nicht so fast sein, als Gottes Eigentum nennen. Kein Mensch aber hat von sich die Wahrheit, welche er vorträgt, oder den gerechten Willen, sondern von Gott. Folglich kam Christus nicht, seinen Willen zu tun, sondern den des Vaters, da der gerechte Wille, den er besaß, nicht von der Menschheit herrührte, sondern von der Gottheit. »Seines eigenen Sohnes hat Gott nicht geschont, sondern für uns alle ihn dahingegeben« will nichts anderes heißen, als: Er befreite ihn nicht. Derlei findet sich vielfach in der heiligen Schrift. Wo er ferners sagt: »Vater, falls es möglich ist, möge von mir vorübergehen jener Kelch; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!« und: »Wenn dieser Kelch nicht vorübergehen kann, es sei denn, dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille«, drückt er bloß das seinem Willen eigentümliche, naturmäßige Begehren nach Errettung aus, zufolge dessen das menschliche Fleisch vor dem Todesschmerze erbebte. Von dem Willen des Vaters vollends redet er nicht, als hätte der Vater den Tod seines Sohnes lieber gewollt denn dessen Leben; sondern soferne der Vater die Wiederherstellung des Menschengeschlechtes an die Eine Bedingung knüpfte, dass der Mensch etwas so Großes vollführte, wie jener Tod es war. Weil indes die Vernunft nicht fordern konnte, was jeder andere zu tun außer stand war, darum behauptet der Sohn, dass jener (der Vater) gerade seinen Tod wolle; um so mehr er selbst lieber diesen erleiden, als die Erlösung des Menschengeschlechtes hintansetzen wollte. Es ist, als sagte er: Im Falle du die Versöhnung der Welt an diese Bedingung knüpfest, so muss ich bekennen, dass du auf diese Weise meinen Tod willst; so geschehe denn dein Wille, ich sterbe, wenn nur die Welt mit dir versöhnt wird. Denn oft sagen wir, dass jemand etwas will, weil er etwas anderes nicht will, das, wenn er es wollte, den Eintritt dessen verhindern würde, was er, wie wir sagen, wirklich will; so wenn wir sagen, derjenige wolle eine Lampe auslöschen, welcher das Fenster nicht schließen will, wodurch der die Lampe auslöschende Luftzug hereindringt. In diesem Sinne allerdings wollte der Vater den Tod des Sohnes, dass er die Welt um keinen anderen Preis erlöst sehen wollte, es sei denn, dass der Mensch das angedeutete große Werk vollbrächte. Für den Sohn hinwieder, welcher das Heil der Menschen wollte, hatte das, indem kein zweiter jene Leistung zu vollbringen vermochte, die gleiche Bedeutung, als ob jener ihm zu sterben befahl, und deshalb that er, sowie der Vater ihm Auftrag gegeben, und trank er den Kelch, welchen der Vater ihm dargereicht, trank er ihn, gehorsam bis zum Tode.
Vorlage S. 26

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »darum getrost auf Gottes Gnade bauen, weil, indem du das umsonst Empfangene …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »BOSO: Gestatte denn, dass ich mich der Worte der […] bediene!«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Entgegnen wir ihnen: Er hat uns von Sünden, von seinem Zorn, von der Hölle und der Gewalt des Satans erlöst, den er selbst an unserer Statt überwand, weil wir uns dessen zu schwach fühlten; auch hat er uns das Reich der Himmel erkauft, und uns«

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4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

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5. Was bedeutet »nimmermehr« in diesem Ausschnitt? »Das zugestanden, würde er aber dann nimmermehr in jene Würde zurückversetzt, die ihm zugedacht war, im Falle er nicht sündigte; da derjenige, der nur Diener Gottes und Ebenbürtiger der guten Engel in aller Zukunft sein sollte, nun zum Diener dessen würde, der nicht Gott ist, und dem die Engel nicht dienen.«

Eine Antwort ist richtig.

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6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Wie indes der Gehorsam solches nicht hätte fordern sollen, das leuchtet mir noch nicht ein.« B: »Zudem vollstreckte er jene Strafe nicht auf Befehl, sondern bloß unter Zulassung Gottes, dessen unergründliche Weisheit auch das Böse zum Guten wenden kann.« C: »ANSELM: Lass denn hören, was dir auf dem Herzen liegt!«

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7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Auf dieselbe Ungereimtheit scheint es, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deshalb« in diesem Textausschnitt? »deshalb, weil er den Tod auf sich genommen, durch welchen und nach welchem er jene Erhöhung zu gewinnen vorhatte«

Eine Antwort ist richtig.

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10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »So wurde er nach dem Tode erhöht, …«

Eine Antwort ist richtig.

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Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »darum getrost auf Gottes Gnade bauen, weil, indem du das umsonst Empfangene «. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
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2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »darum getrost auf Gottes Gnade bauen, weil, indem du das umsonst Empfangene « und »nicht will, das, wenn er es wollte, den Eintritt dessen verhindern würde«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Auf dieselbe Ungereimtheit scheint es, «. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
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Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Oft und angelegentlichst ward ich von vielen angegangen, mündlich wie schriftlich, dass ich die Beweisgründe, welche ich in Bezug auf einen bestimmten Punkt unseres Glaubens den Fragenden gewöhnlich entgegenstellte, durch ein Werkchen noch späteren Zeiten zugänglich mache; denn, so meinen sie, dieselben gefielen ihnen und wären zugleich ausreichend.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Kann ja ein- und dasselbe, von verschiedenen Gesichtspunkten aus angesehen, gerecht oder aber ungerecht sein, worauf sodann von einem minder sorgfältigen Beobachter sogleich das Ganze für gerecht oder aber für ungerecht gehalten wird.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Für den Sohn hinwieder, welcher das Heil der Menschen wollte, hatte das, indem kein zweiter jene Leistung zu vollbringen vermochte, die gleiche Bedeutung, als ob jener ihm zu sterben befahl, und deshalb that er, sowie der Vater ihm Auftrag gegeben, und trank er den Kelch, welchen der Vater ihm dargereicht, trank er ihn, gehorsam bis zum Tode.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Warum Gott Mensch geworden – DTA DiBiPhil

Deutsches Textarchiv, BBAW, DiBiPhil-Korpus; Kuration Matthias Boenig, Susanne Haaf, Marius Hug und DTA-Team; ursprüngliche Digitalisierung Editura/Digitale Bibliothek. Historische Quellausgabe: Anselm von Canterbury: Warum Gott Mensch geworden. Übersetzt und glossiert von Wilhelm Schenz, 2. Aufl., Regensburg, Rom, New York & Cincinnati: Friedrich Pustet, 1902.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY-SA 4.0 Lizenz

Originalsprache · Latein

Vollständige lateinische Vorrede und beide Bücher des Dialogs (25 und22 Hauptabschnitte) in der Laemmer-Quellenfassung. Historische Quellenanmerkungen bleiben erhalten. Die uneinheitliche Überschriften- und Nummerndarstellung der Transkription wird nicht stillschweigend korrigiert; keine Satzparität.

Anselm von Canterbury; Wikisource contributors, CC BY-SA4.0.

Autorschaft und Ausgabe: Anselm von Canterbury

Originaltext und Ausgabe ↗ · Wikisource · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.