Deutsch · Abschnitt 1 von 1
William Shakespeare
3 Vilia miretur vulgus; mihi flavus Apollo
4 Pocula Castalia plena ministret aqua.
7 Hochgeborenen Herrn Heinrich Wriothesley
8 Grafen von Southampton und Barm von Titchfield
10 Ich weiß nicht, ob ich Ew. Lordschaft nicht beleidige, indem ich meine ungeglätteten Verse darbringe, und ob mich die Welt nicht dafür tadeln wird, dass ich einen so starken Pfeiler erwähle, um eine so schwache Last zu stützen. Sollte ich aber Ew. Edlen Beifall finden, so würde ich das für das größte Lob halten und geloben, dass ich allmeine Mußestunden daransetzen werde, bis ich Ihnen mit einem gewichtigeren Werke meine Hochachtung bewiesen habe. Falls aber dieser erste Sprößling meiner Eingebung sich als mißraten erweisen sollte, würde ich bekümmert sein, ihm einen so edlen Paten erwählt zu haben, und in der Besorgnis vor einer gleich schlechten Ernte niemals wieder solch unergiebigen Boden beackern. Ich überlasse ihn Ew. Edlen zur Prüfung und um Ew. Edlen Herz Befriedigung zu schaffen, die, wie ich wünsche, alle Zeit Ihrem Wunsche und der hoffnungsvollen Erwartung der Welt entsprechen möge.
11 Euer Gnaden ganz gehorsamster
13 Als von dem weinenden Morgen schied die Sonne
Vorlage S. 675 14 Mit Purpurantlitz, eilt' Adonis schon,
Vorlage S. 675 15 Der rosenwangige, zu des Jagens Wonne;
Vorlage S. 675 16 Jagd liebt' er, doch der Liebe lacht' er Hohn.
Vorlage S. 675 17 Von Liebe siech, tritt Venus ihm entgegen
Vorlage S. 675 18 Und wirbt um ihn, wie kecke Werber pflegen.
Vorlage S. 675 19 »Du, dreimal schöner, als ich selbst«, begann
Vorlage S. 675 20 Die Liebliche mit buhlerischem Kosen,
Vorlage S. 675 21 »Süß über alles, holder als ein Mann,
Vorlage S. 675 22 Mehr weiß und rot, als Tauben sind und Rosen;
Vorlage S. 675 23 Sich selbst besiegend, da sie dich vollendet,
Vorlage S. 675 24 Sagt die Natur, dass mit dir alles endet.
Vorlage S. 675 25 Geruh', du Wunder, dich vom Roß zu schwingen,
Vorlage S. 675 26 Und an den Sattelbogen festzuzäumen
Vorlage S. 675 27 Sein stolzes Haupt; zum Lohn von tausend Dingen
Vorlage S. 675 28 Erfährst du auch, so süßen als geheimen.
Vorlage S. 675 29 O, komm – dies Moos birgt keiner Schlange Tücke! –
Vorlage S. 675 30 Dass ich mit meinen Küssen dich ersticke.
Vorlage S. 675 31 Und fürchte nicht, verhaßte Sattheit müsse
Vorlage S. 675 32 Den Mund dir schließen; nein, im Überfluss
Vorlage S. 675 33 Soll er noch hungern, wundgeküßt: zehn Küsse
Vorlage S. 675 34 Wie einer kurz, wie zwanzig lang ein Kuß.
Vorlage S. 675 35 Ein Sommertag muss einer Stunde gleichen,
Vorlage S. 675 36 Lässt unter solchem Spiel man ihn verstreichen.«
Vorlage S. 675 37 Mit dem ergreift sie seine schweiß'ge Hand,
Vorlage S. 675 38 Die Botin seiner Kraft und Männlichkeit.
Vorlage S. 675 39 »'s ist edler Balsam«, zittert sie, »gesandt,
Vorlage S. 675 40 Dass eine Göttin seiner sich erfreut.«
Vorlage S. 675 41 So rasend gibt ihr Stärke die Begier,
Vorlage S. 675 42 Ihn sich herabzuziehn von seinem Tier.
Vorlage S. 675 43 Des Renners Zügel über einem Arm,
Vorlage S. 675 44 Schlägt sie den andern um des Knaben Leib,
Vorlage S. 675 45 Der dämisch schmollt, und rot wird, doch nicht warm,
Vorlage S. 675 46 Und abhold ist dem süßen Zeitvertreib.
Vorlage S. 675 47 Sie rot und heiß, wie Kohlen recht im Feuer;
Vorlage S. 675 48 Er rot vor Scham, allein ein frost'ger Freier.
Vorlage S. 675 49 O, Lieb' ist schnell! – um einen knorr'gen Ast
Vorlage S. 675 50 Weiß sie behend den bunten Zaum zu winden;
Vorlage S. 675 51 Das Roß ist aufgestallt, und jetzt in Hast
Vorlage S. 675 52 Versucht sie auch den Reiter festzubinden.
Vorlage S. 675 53 Ihn rückwärts stoßend, wie er sie es müsste,
Vorlage S. 675 54 Lenkt seinen Leib sie, doch nicht seine Lüste.
Vorlage S. 675 55 Kaum sinkt er hin, so fällt auch sie zur Erde,
Vorlage S. 675 56 Gleich ihm auf Hüft' und Ellenbogen lehnend;
Vorlage S. 675 57 Sie streichelt ihn, doch er mit Zorngebärde
Vorlage S. 675 58 Verweist es ihr; – ihn zu beschwicht'gen wähnend,
Vorlage S. 675 59 Vor Wollust stammelnd, sagt sie unter Küssen:
Vorlage S. 675 60 »Ja, wenn du schmälst, muss ich den Mund dir schließen.
Vorlage S. 675 61 Er brennt vor Scham, sein mädchenhaft Erglühn
Vorlage S. 675 62 Löscht sie mit Tränen; drauf mit ihren Locken
Vorlage S. 675 63 Und ihren Seufzern wieder kühlt sie ihn,
Vorlage S. 675 64 Und fächelt seine Wangen wieder trocken.
Vorlage S. 675 65 Er nennt sie frech und schilt ihr zuchtlos Werben;
Vorlage S. 675 66 Was folgen soll, lässt sie durch Küsse sterben.
Vorlage S. 675 67 Und wie ein Aar, der lange Zeit gefastet,
Vorlage S. 675 68 Den Schnabel senkt in Federn, Fleisch und Bein,
Vorlage S. 675 69 Die Schwingen schüttelt und nicht eher rastet,
Vorlage S. 675 70 Als bis er voll ist und der Raub herein:
Vorlage S. 676 71 So küsst sie Stirn ihm, Kinn und Mund und Wangen,
Vorlage S. 676 72 Um, wo sie endet, wieder anzufangen.
Vorlage S. 676 73 Er muss es schmollend wohl zufrieden sein;
Vorlage S. 676 74 Er liegt und keucht, und atmet ihr entgegen.
Vorlage S. 676 75 Sie saugt begierig seinen Odem ein,
Vorlage S. 676 76 Und nennt ihn Wonnedüften, Himmelsregen;
Vorlage S. 676 77 Und wünscht, ihr Antlitz trüge Blumenbeete,
Vorlage S. 676 78 Dass ewig sie ein solcher Tau umwehte.
Vorlage S. 676 79 Sieh, wie ein Netz den Vogel, so umstricken
Vorlage S. 676 80 Der Göttin Arme den Gefangnen; – Wut
Vorlage S. 676 81 Und finstres Zürnen sprüht aus seinen Blicken,
Vorlage S. 676 82 Und lässt sie glühn mit doppelt schöner Glut.
Vorlage S. 676 83 Wird Regen sich in volle Ström' ergießen,
Vorlage S. 676 84 Dann müssen wohl die Ufer überfließen.
Vorlage S. 676 85 Noch bittet sie, und artig bittet sie;
Vorlage S. 676 86 Denn art'gen Ohren ja tönt ihre Stimme.
Vorlage S. 676 87 Noch brütet er, noch lohnt er ihre Müh'
Vorlage S. 676 88 Mit roter Scham und aschefarbnem Grimme.
Vorlage S. 676 89 Rot zieht sie vor, doch blass auch lässt sie gelten,
Vorlage S. 676 90 Der Neuheit wegen, denn blass ist er selten.
Vorlage S. 676 91 Gleichviel, ob er sie liebt; sie muss ihn lieben,
Vorlage S. 676 92 Und schwört es laut bei ihrer Hand, der schönen,
Vorlage S. 676 93 Unsterblichen: »Durch nichts werd' ich vertrieben
Vorlage S. 676 94 Von deiner Brust, als bis mit meinen Tränen
Vorlage S. 676 95 Du Frieden machst; für dich rinnt diese Flut;
Vorlage S. 676 96 Ein süßer Kuß macht alles, alles gut.«
Vorlage S. 676 97 Als dies Versprechen ihrer Lipp' entflieht,
Vorlage S. 676 98 Hebt er das Kinn, wie Taucher sich erheben,
Vorlage S. 676 99 Und schnell versinken, wenn man sie ansieht: –
Vorlage S. 676 100 So will er ihr, was sie begehrte, geben;
Vorlage S. 676 101 Doch plötzlich blinzelt er, und kehrt zur Seite
Vorlage S. 676 102 Die Lippe, die zum Kusse schon bereite.
Vorlage S. 676 103 Nie lechzt' ein Wandrer in der Hitze so
Vorlage S. 677 104 Nach einem Trunk, wie sie nach diesem Kusse;
Vorlage S. 677 105 Dem Heile nah, wird sie des Heils nicht froh,
Vorlage S. 677 106 In Flammen steh'nd trotz ihrer Tränen Gusse.
Vorlage S. 677 107 »O, Mitleid«, ruft sie, »kieselherz'ger Knabe!
Vorlage S. 677 108 Ein Kuß nur ist's, drum ich gebeten habe!
Vorlage S. 677 109 Wie ich um dich, so hat um mich gefreit
Vorlage S. 677 110 Der fürchterliche, rauhe Gott des Krieges,
Vorlage S. 677 111 Der seinen Nacken bog in keinem Streit,
Vorlage S. 677 112 Der, wo er wandelt, sich erfreut des Sieges;
Vorlage S. 677 113 Doch hab' ich ihn zu Füßen mir gesehn,
Vorlage S. 677 114 Erflehend das, was dir wird ohne Flehn.
Vorlage S. 677 115 An meinen Altar hängt' er seine Lanze,
Vorlage S. 677 116 Sein beulig Schlachtschild und sein Helmgefieder,
Vorlage S. 677 117 Ließ sich herab zu Tändelspiel und Tanze,
Vorlage S. 677 118 Und lernte Lächeln, Schmeichelworte, Lieder,
Vorlage S. 677 119 Verschwörend Fahn' und Trommel; – sieh, sein Feld
Vorlage S. 677 120 Ward diese Brust, mein Bett war sein Gezelt.
Vorlage S. 677 121 So den Besiegenden hab' ich besiegt;
Vorlage S. 677 122 An Rosenketten hielt ich ihn gefangen.
Vorlage S. 677 123 Er, dessen Stärke starker Stahl sich biegt,
Vorlage S. 677 124 Ließ meiner Schönheit dienen sein Verlangen,
Vorlage S. 677 125 O, sei nicht stolz! Nicht rühme deines Sieges
Vorlage S. 677 126 Dich über sie, die schlug den Gott des Krieges.
Vorlage S. 677 127 Lass deine Lippen auf den meinen ruhn –
Vorlage S. 677 128 Sie sind ja rot, wenn auch nicht schön, wie deine.
Vorlage S. 677 129 Der Kuß soll dein sein, wie er mein ist! – Nun,
Vorlage S. 677 130 Das Haupt empor! Was suchst du auf dem Raine?
Vorlage S. 677 131 Sieh mir ins Aug', sieh dich auf seinem Grunde!
Vorlage S. 677 132 Wenn Aug' in Aug', warum nicht Mund auf Munde?
Vorlage S. 677 133 Schämst du, zu küssen, dich? o schließ' geschwind,
Vorlage S. 677 134 Gleich mir, das Auge! Nacht so scheint die Helle!
Vorlage S. 677 135 Die Liebe schwärmt, wo zwei beisammen sind;
Vorlage S. 677 136 Beginne kühn! kein Aug' sieht diese Stelle!
Vorlage S. 678 137 Die blauen Veilchen unsres Lagers wissen
Vorlage S. 678 138 Nicht, was wir tun, und plaudern nicht von Küssen.
Vorlage S. 678 139 Der zarte Lenz, der deine Lipp' umweht,
Vorlage S. 678 140 Nennt unreif, doch wohl mag man kosten dich.
Vorlage S. 678 141 O, dass die Zeit nicht nutzlos dir vergeht!
Vorlage S. 678 142 Nicht in sich selbst verzehre Schönheit sich!
Vorlage S. 678 143 Die Blum, die man nicht bricht im ersten Schimmern,
Vorlage S. 678 144 Wird in sich selbst vergehn bald und verkümmern.
Vorlage S. 678 145 Wär' ich verrunzelt, mißgestaltet, alt,
Vorlage S. 678 146 Von rauher Stimme, bucklig, ekelhaft,
Vorlage S. 678 147 Verachtet, kränklich, abgenutzt und kalt,
Vorlage S. 678 148 Triefäugig, mager, dürr und ohne Saft:
Vorlage S. 678 149 Dann möcht' es sein! dann taugt' ich nicht für dich!
Vorlage S. 678 150 Doch ohne Mängel, was verschmähst du mich?
Vorlage S. 678 151 Nie wird das Alter meiner Stirn gefährlich;
Vorlage S. 678 152 Mein Auge blitzt, und ist im Äugeln stark;
Vorlage S. 678 153 Dem Lenze gleich, wächst meine Schönheit jährlich;
Vorlage S. 678 154 Mein Fleisch ist weich, und brennend ist mein Mark.
Vorlage S. 678 155 Läg' meine Hand feucht in der feuchten deinen,
Vorlage S. 678 156 Sie würde schmelzend zu vergehen scheinen.
Vorlage S. 678 157 Befiehl, und schmeichelnd soll mein Wort dich locken:
Vorlage S. 678 158 Wie eine Fee leicht über's Blumenland,
Vorlage S. 678 159 Wie eine Nymphe, mit gelösten Locken,
Vorlage S. 678 160 Spurlos mich schwingen will ich über'n Sand.
Vorlage S. 678 161 Lieb' ist ein Geist, von Feuer ganz gewoben,
Vorlage S. 678 162 Leicht, nimmer sinkend, strebend nur nach oben.
Vorlage S. 678 163 Sieh nur mein Lager, diese Primeln, an!
Vorlage S. 678 164 Sie tragen mich, wie starker Bäume Macht;
Vorlage S. 678 165 Ein schwaches Taubenpaar ist mein Gespann,
Vorlage S. 678 166 Und zieht mich leicht, vom Morgen, bis zur Nacht.
Vorlage S. 678 167 Wenn also leicht die Liebe sich bewährt,
Vorlage S. 678 168 Wie, Süßer, glaubst du, dass sie dich beschwert?
Vorlage S. 678 169 Versah dein Herz an deinen Augen sich?
Vorlage S. 678 170 Kann deine Linke lieben deine Rechte?
Vorlage S. 678 171 Wirb um dich selbst dann, selbst verschmähe dich,
Vorlage S. 678 172 Und mache dich zu deinem eignen Knechte.
Vorlage S. 678 173 So ging Narciß der eignen Schöne nach,
Vorlage S. 678 174 Und starb vor Sehnsucht, als er stand am Bach,
Vorlage S. 678 175 Die Fackel ward, das Dunkel zu verjagen,
Vorlage S. 678 176 Gestein zum Schmücken, Schönheit zum Genießen,
Vorlage S. 678 177 Das Kraut zum Duften, wie der Baum zum Tragen;
Vorlage S. 678 178 Die Sprossen sünd'gen, die für sich nur sprießen:
Vorlage S. 678 179 Saat stiftet Saat, Schönheit der Schönheit Licht;
Vorlage S. 678 180 Du wardst gezeugt, und Zeugen ist dir Pflicht.
Vorlage S. 678 181 Wie wären dir der Erde Kinder eigen,
Vorlage S. 678 182 Wenn deiner Kinder nicht auch sie erworben?
Vorlage S. 678 183 Sieh, die Natur gebietet dir, zu zeugen,
Vorlage S. 678 184 Dass dein Geschlecht lebt, wenn du selbst gestorben:
Vorlage S. 678 185 So wirst du ganz nicht in den Tod gegeben,
Vorlage S. 678 186 Dein Bild ja lebt, und in ihm wirst du leben!« –
Vorlage S. 678 187 Und jetzt begann die Lechzende zu schwitzen;
Vorlage S. 678 188 Der Schatten ließ die Stelle, wo sie lagen;
Vorlage S. 678 189 Und Titan, keuchend in des Mittags Hitzen,
Vorlage S. 678 190 Sah heiß herab auf sie aus seinem Wagen:
Vorlage S. 678 191 Wünschend, Adonis säß' im goldnen heute,
Vorlage S. 678 192 Wär' er Adonis und an Venus' Seite.
Vorlage S. 678 193 Adonis aber, schläfrig und verdrossen,
Vorlage S. 678 194 Die Stirne runzelnd, finster seine Brau,
Vorlage S. 678 195 Das zorn'ge Auge mürrisch halb geschlossen,
Vorlage S. 678 196 Wie wenn den Himmel einhüllt Nebelgrau –
Vorlage S. 678 197 Mundziehend spricht er: »Lass mich fort! Zu sehr
Vorlage S. 678 198 Brennt heut die Sonne! Nichts von Liebe mehr!«
Vorlage S. 678 199 »Weh' mir!« ruft Venus, »wie so jung und kalt!
Vorlage S. 678 200 Welch leerer Vorwand, dich mir zu entziehn!
Vorlage S. 678 201 Himmlischen Odem seufz' ich dir alsbald,
Vorlage S. 678 202 Dass er dich kühle bei der Sonne Glühn.
Vorlage S. 680 203 Mein wallend Haar soll Schatten dir gewähren,
Vorlage S. 680 204 Und brennt es auch, so lösch' ich es mit Zähren.
Vorlage S. 680 205 Die Sonn' am Himmel wärmt nur und gibt Licht,
Vorlage S. 680 206 Und schau', ich liege zwischen ihr und dir!
Vorlage S. 680 207 Von dort die Hitze sengt mich wahrlich nicht,
Vorlage S. 680 208 Nur deiner Augen Glut bringt Hitze mir!
Vorlage S. 680 209 War' ich unsterblich nicht: – dahingegeben
Vorlage S. 680 210 Zwei solchen Sonnen, könnt' ich fürder leben?
Vorlage S. 680 211 Bist du von Stein denn, bist du hart wie Stahl?
Vorlage S. 680 212 Den harten Stein doch höhlt des Regens Guß!
Vorlage S. 680 213 Gebar ein Weib dich, und du fühlst die Qual
Vorlage S. 680 214 Des nicht, der liebt und einsam lieben muss?
Vorlage S. 680 215 Glich dir die Mutter, die dich trug, du Schlimmer:
Vorlage S. 680 216 Sie starb als Jungfrau und gebar dich nimmer.
Vorlage S. 680 217 Wer bin ich denn, dass du mich fliehst, Verächter?
Vorlage S. 680 218 Bringt meine Werbung dir denn auch Gefahr?
Vorlage S. 680 219 Macht denn ein Küßchen deine Lippen schlechter?
Vorlage S. 680 220 O sprich! – doch hübsch! – sonst schweige ganz und gar!
Vorlage S. 680 221 Nur einen Kuß! – du sollst ihn wieder haben,
Vorlage S. 680 222 Und willst du Zinsen, sollen zwei dich laben!
Vorlage S. 680 223 Pfui, kalt Gemälde, lebenloser Stein,
Vorlage S. 680 224 Buntschimmernd Bildnis – all' dein Glanz erlogen!
Vorlage S. 680 225 Das Aug' erfreust du; – ach, das Aug' allein!
Vorlage S. 680 226 Ding, wie ein Mann, doch nicht vom Weib erzogen!
Vorlage S. 680 227 Du bist kein Mann, was auch dein Aussehn sagt,
Vorlage S. 680 228 Denn Männer, wahrlich, küssen ungefragt!«
Vorlage S. 680 229 So spricht sie brünstig, bis die Ungeduld
Vorlage S. 680 230 Einhalt gebietet ihrer Zunge Fechten!
Vorlage S. 680 231 Ihr feurig Antlitz zeugt von ihrer Schuld,
Vorlage S. 680 232 In Liebe richtend, hilft ihr nicht ihr Rechten.
Vorlage S. 680 233 So weint sie denn, und glaubt mir nur, sie spräche,
Vorlage S. 680 234 Wenn Schluchzen nicht ihr Sprechen unterbräche.
Vorlage S. 680 235 Kopfschüttelnd nun erfasst sie seine Hand,
Vorlage S. 680 236 Senkt dann die Augen auf des Bodens Grün;
Vorlage S. 680 237 Mit ihren Armen jetzo wie ein Band,
Vorlage S. 680 238 Wie er sich sträuben mag, umschlingt sie ihn.
Vorlage S. 680 239 Und will er fort, der weiberscheue Ringer,
Vorlage S. 680 240 Verschränkt sie heftig ihre Lilienfinger.
Vorlage S. 680 241 »O, du mein Liebling«, spricht sie lächelnd, »seh'
Vorlage S. 680 242 Ich endlich dich in diesem schnee'gen Hag!
Vorlage S. 680 243 Ich will dein Park sein, so sei du mein Reh!
Vorlage S. 680 244 Geh' nach Gelüst hier deiner Weide nach!
Vorlage S. 680 245 Fang' auf den Lippen an! wenn die versiegen,
Vorlage S. 680 246 Dann tiefer, wo die lust'gen Quellen liegen!
Vorlage S. 680 247 Genug des Süßen gibt's in diesem Reiche;
Vorlage S. 680 248 Gras in den Gründen, anmutvolle Höhn;
Vorlage S. 680 249 Gewölbte Hügel, Buschwerk und Gesträuche,
Vorlage S. 680 250 Die vor dem Regen und des Sturmes Wehn
Vorlage S. 680 251 Dich schützen werden; drum sei meine Hinde,
Vorlage S. 680 252 Und fürchte nicht, dass hier ein Hund dich finde!'
Vorlage S. 680 253 Auf dies, wie spöttisch, lächelt er; – o sieh',
Vorlage S. 680 254 Wie seine Wangen jetzt zwei Grübchen tragen:
Vorlage S. 680 255 Cupido selbst, der Lose, machte sie,
Vorlage S. 680 256 Dass er drin ruhe, möcht' ihn wer erschlagen.
Vorlage S. 680 257 Er wußt' es wohl: nahm er den Sitz der Liebe
Vorlage S. 680 258 Zum Grabe sich, dass er lebendig bliebe.
Vorlage S. 680 259 Und diese Grübchen alle beide tun
Vorlage S. 680 260 Auf ihren Mund, die Seel' ihr zu verschlingen.
Vorlage S. 680 261 Vorher schon rasend, was beginnt sie nun?
Vorlage S. 680 262 Gleich anfangs tot, was hilft ein zweites Ringen?
Vorlage S. 680 263 Du arme Venus, deiner eignen Macht
Vorlage S. 680 264 Verfallen, liebst du, was dich kalt verlacht!
Vorlage S. 680 265 Was soll sie sagen jetzt, wohin sich wenden?
Vorlage S. 680 266 Zu End' ihr Reden, aber nicht ihr Glühn!
Vorlage S. 680 267 Die Zeit ist um; er will sich ihren Händen,
Vorlage S. 680 268 Die ihn umschlingen, mit Gewalt entziehn.
Vorlage S. 682 269 »O Mitleid«, ruft sie, »bin ich nichts denn wert?«
Vorlage S. 682 270 Doch er springt auf und eilt nach seinem Pferd.
Vorlage S. 682 271 Jetzt aber sieh': – vom Dickicht her erschaut
Vorlage S. 682 272 Den Hengst des Knaben eine flücht'ge Stute;
Vorlage S. 682 273 Sie jagt heran, sie schnaubt, sie wiehert laut,
Vorlage S. 682 274 Jung, ungebändigt, voll von Kraft und Mute.
Vorlage S. 682 275 Da reißt der Renner wild sich los vom Baum,
Vorlage S. 682 276 Sie zu begrüßen mit zerriss'nem Zaum.
Vorlage S. 682 277 Er nimmt sich auf, er wiehert ihr entgegen,
Vorlage S. 682 278 Und jetzo sprengt er seine festen Gurten;
Vorlage S. 682 279 Die Erde dröhnt von seines Hufes Schlägen,
Vorlage S. 682 280 Als ob Gewitter ihr im Schoße murrten.
Vorlage S. 682 281 Sein hart Gebiß zerknirscht er im Entfliehn,
Vorlage S. 682 282 Bewält'gend so, was einst bewältigt ihn.
Vorlage S. 682 283 Er spitzt die Ohren; seiner Mähne Dräun
Vorlage S. 682 284 Wallt auf im Takt, wie seine Füßestampfen.
Vorlage S. 682 285 Mit seinen Nüstern zieht die Luft er ein,
Vorlage S. 682 286 Sie wie ein Ofen wieder auszudampfen.
Vorlage S. 682 287 Sein zorn'ges Auge, voll von wilder Glut,
Vorlage S. 682 288 Zeigt sein Verlangen, seinen heißen Mut.
Vorlage S. 682 289 Zuweilen trabt er mit bescheidnem Stolz,
Vorlage S. 682 290 Als wollt' er zählen alle seine Schritte;
Vorlage S. 682 291 Dann wieder bäumt er, courbettiert durch's Holz,
Vorlage S. 682 292 Jagt und holt aus, als wär's zum tollsten Ritte;
Vorlage S. 682 293 Als wollt' er sagen: »so tut meine Stärke
Vorlage S. 682 294 Dass dort die Schöne lüstern auf mich merke!«
Vorlage S. 682 295 Was kümmert jetzt ihn seines Reiters Zorn,
Vorlage S. 682 296 Sein schmeichelnd: Holla, und sein: Willst du stehn?
Vorlage S. 682 297 Was gilt ihm Trense, was der scharfe Sporn,
Vorlage S. 682 298 Was reicher Zäume, lust'ger Decken Wehn?
Vorlage S. 682 299 Er sieht sein Lieb, und nichts sonst auf der Welt,
Vorlage S. 682 300 Weil seinen Augen gar nichts sonst gefällt.
Vorlage S. 682 301 Sieh', wollt' ein Maler mehr sein als das Leben,
Vorlage S. 683 302 Verließ' er kühn des Alltags breite Spur,
Vorlage S. 683 303 Wollt' er das Bild uns eines Rosses geben,
Vorlage S. 683 304 Das mehr durch Kunst, als andre durch Natur:
Vorlage S. 683 305 Traun, solch ein Roß wohl gliche diesem Pferde,
Vorlage S. 683 306 So Wuchs und Farbe, Mut, Gang und Gebärde!
Vorlage S. 683 307 Leicht auf den Füßen, von gedrungnem Bau,
Vorlage S. 683 308 Kopf klein und zierlich, große Augen drin,
Vorlage S. 683 309 Weitauf die Nüstern, Hufhaar lang und rauh,
Vorlage S. 683 310 Schweif dicht und wallend, Mähne zart und dünn:
Vorlage S. 683 311 So trabt er stolz, und nichts fehlt seiner Schöne,
Vorlage S. 683 312 Als dass sein Kreuz ein stolzer Reiter kröne.
Vorlage S. 683 313 Oft schnaubt er fort, starrt dann auf eine Stelle,
Vorlage S. 683 314 Fährt wieder auf jetzt, wenn ein Blatt nur fällt,
Vorlage S. 683 315 Enteilt im Flug, beschämt des Windes Schnelle,
Vorlage S. 683 316 Und lässt sie raten, wo er endlich hält.
Vorlage S. 683 317 Durch seine Mähne pfeift des Windes Singen,
Vorlage S. 683 318 Und Schweif und Mähne wehn ihm nach als
Vorlage S. 683 319 Schwingen.
Vorlage S. 683 320 Vor seinem Lieb dann bleibt er wiehernd stehn;
Vorlage S. 683 321 Sie wiehert auch, als freute sie sein Spiel;
Vorlage S. 683 322 Doch bald, wie Weiber: stolz, ihn heiß zu sehn,
Vorlage S. 683 323 Macht sie die Spröde, tut sie fremd und kühl,
Vorlage S. 683 324 Weis't ab sein Werben, stampft in sein Verlangen,
Vorlage S. 683 325 Schlägt mit den Fersen sein verliebt Umfangen.
Vorlage S. 683 326 Dann, wie betrübt und voll von Mißbehagen,
Vorlage S. 683 327 Senkt er den Schweif wie eine fallende Feder,
Vorlage S. 683 328 Lässt ihn der Schenkel weiße Schaumflut schlagen,
Vorlage S. 683 329 Schnappt nach den Fliegen auf des Riemwerks Leder;
Vorlage S. 683 330 Sein Lieb', gewahrend, wie so wild er tut,
Vorlage S. 683 331 Wird gütiger, und nach lässt seine Wut.
Vorlage S. 683 332 Sein zorn'ger Reiter naht, dass er ihn fange;
Vorlage S. 683 333 Doch sieh', die Stute fasst ein plötzlich Scheun;
Vorlage S. 683 334 Sie eilt von dannen, aufgeschreckt und bange,
Vorlage S. 683 335 Der Hengst ihr nach – Adonis steht allein.
Vorlage S. 684 336 Fort nach dem Walde jagen sie, die Tollen,
Vorlage S. 684 337 Schneller als Kräh'n, die Wette fliegen wollen.
Vorlage S. 684 338 Erschöpft und heiß setzt sich Adonis nieder,
Vorlage S. 684 339 Verwünscht sein Tier und seine Störrigkeit;
Vorlage S. 684 340 Und jetzo kehrt die günst'ge Stunde wieder
Vorlage S. 684 341 In der sich Venus ihres Redens freut.
Vorlage S. 684 342 Denn dreifach Leiden fühlt ein Herz, das liebt,
Vorlage S. 684 343 Fehlt ihm der Beistand, den die Zunge gibt.
Vorlage S. 684 344 Verhaltne Flamme, zugedämmte Flut,
Vorlage S. 684 345 Flammt auf und flutet nachher um so freier:
Vorlage S. 684 346 So auch ein Gram, der still im Herzen ruht;
Vorlage S. 684 347 Ein freies Reden stillt der Liebe Feuer;
Vorlage S. 684 348 Doch, ward des Herzens Anwalt stumm einmal,
Vorlage S. 684 349 Dann bricht der Schützling und vergeht in Qual.
Vorlage S. 684 350 Er sieht sie kommen und beginnt zu glühn –
Vorlage S. 684 351 So glüht im Wind erstorbner Kohlen Hitze! –
Vorlage S. 684 352 Den wirren Blick, zu Boden schlägt er ihn,
Vorlage S. 684 353 Die zorn'ge Stirn verbirgt er mit der Mütze;
Vorlage S. 684 354 Was kümmert's ihn, dass sie so nah sich stellt,
Vorlage S. 684 355 Weil er sie seitwärts nur im Auge hält?
Vorlage S. 684 356 O, welch ein Anblick, mit verstohlnem Gange
Vorlage S. 684 357 Dem finstern Knaben sie sich nahn zu sehn;
Vorlage S. 684 358 Den Streit zu schaun auf ihrer süßen Wange,
Vorlage S. 684 359 Den Weiß und Purpur wechselnd jetzt begehn!
Vorlage S. 684 360 Erst war sie bleich, doch bald in wilder Hitze
Vorlage S. 684 361 Entfuhr ihr Feuer, wie dem Himmel Blitze.
Vorlage S. 684 362 Nun steht sie vor ihm, grade wo er ruht;
Vorlage S. 684 363 Kniet dann voll Demut auf den Grund, den kühlen;
Vorlage S. 684 364 Mit einer Hand erhebt sie seinen Hut;
Vorlage S. 684 365 Die andre lässt sie sanft sein Antlitz fühlen.
Vorlage S. 684 366 Annimmt es weich den leisen Druck der weichen,
Vorlage S. 684 367 Und hält ihn fest, Schneeflocken zu vergleichen.
Vorlage S. 684 368 O, welch ein Krieg von Blicken nun beginnt!
Vorlage S. 684 369 Ihr Auge, schwimmend, schaut in sein's mit Flehen;
Vorlage S. 684 370 Sein Auge tut, als wär' es für sie blind.
Vorlage S. 684 371 Ihr Auge wirbt, sein Auge will's nicht sehen;
Vorlage S. 684 372 Und durch den Chorus ihrer heißen Zähren
Vorlage S. 684 373 Lässt seine Akte dieses Spiel erklären.
Vorlage S. 684 374 Ganz freundlich nun ergreift sie seine Hand;
Vorlage S. 684 375 's ist eine Lilie, rings von Schnee umsäumt;
Vorlage S. 684 376 's ist Elfenbein, das Marmor licht umspannt:
Vorlage S. 684 377 So weißen Feind umfängt so weiß ein Freund.
Vorlage S. 684 378 Dies schöne Kämpfen, dieses süße Rauben,
Vorlage S. 684 379 Dem Schnäbeln gleicht es zweier Silbertauben.
Vorlage S. 684 380 Und noch einmal jetzt hebt sie stürmend an:
Vorlage S. 684 381 »Du schönster Wandler auf dem ird'schen Runde!
Vorlage S. 684 382 Wär'st du wie ich doch! wär' doch ich ein Mann!
Vorlage S. 684 383 Wär' mein Herz heil, und trügest du das wunde!
Vorlage S. 684 384 Ein süßer Blick – und Rat wollt' ich dir geben,
Vorlage S. 684 385 Müsst' ich dich retten auch mit meinem Leben!«
Vorlage S. 684 386 »Die Hand«, spricht er, »wozu mich länger quälen?«
Vorlage S. 684 387 »Dein Herz!« spricht sie, »und gleich sollst du sie haben!
Vorlage S. 684 388 O lasse dein Herz meines nicht verstählen!
Vorlage S. 684 389 Zu hart ja würd' es, Seufzer drein zu graben!
Vorlage S. 684 390 Des Flehns der Liebe hätt' ich nimmer acht,
Vorlage S. 684 391 Wenn stählern dein Herz meines hart gemacht!«
Vorlage S. 684 392 »Schmach!« ruft er aus, »was hältst du mich gefangen?
Vorlage S. 684 393 Hin ist mein Tag! mein Renner jagt im Hain!
Vorlage S. 684 394 Nur deine Schuld ist's, dass er durchgegangen!
Vorlage S. 684 395 Fort, sag' ich, fort! und lass mich hier allein!
Vorlage S. 684 396 Denn nicht gedenk' ich heut noch andrer Dinge.
Vorlage S. 684 397 Als wie zurück ich meinen Flüchtling bringe!«
Vorlage S. 684 398 So ihr Erwidern: »Zürne nicht den Pferden!
Vorlage S. 684 399 Der Brunst zu folgen ist des Tieres Pflicht.
Vorlage S. 684 400 Lieb' ist die Kohle, die gekühlt muss werden,
Vorlage S. 684 401 Soll sie das Herz in Flammen setzen nicht!
Vorlage S. 686 402 Die See hat Grenzen, keine das Verlangen:
Vorlage S. 686 403 Warum denn staunen, dass dein Roß gegangen?
Vorlage S. 686 404 Wie stand dein Zelter mährengleich und trübe,
Vorlage S. 686 405 Als ihn dein Leder fest noch hielt am Baum!
Vorlage S. 686 406 Doch als er nahn sah seine stolze Liebe,
Vorlage S. 686 407 Ha, wie zerriss er trotzig da den Zaum!
Vorlage S. 686 408 Wie flog sein Haar, wie schnob er wild und dräuend,
Vorlage S. 686 409 Genick und Nacken, Maul und Brust befreiend!
Vorlage S. 686 410 Wer die Geliebte sieht in ihren Kissen,
Vorlage S. 686 411 Nackt, weißer schimmernd als des Lagers Lein:
Vorlage S. 686 412 Mag der vom Schwelgen nur des Auges wissen!
Vorlage S. 686 413 Er lodert ganz, will ihrer ganz sich freun.
Vorlage S. 686 414 Wer ist so mutlos, der nicht auch so kühn,
Vorlage S. 686 415 Bei Frost zu rühren an der Flamme Glühn?
Vorlage S. 686 416 Lass mich entschuld'gen deinen Renner, Knabe!
Vorlage S. 686 417 Und lern' von ihm, ich bitt' dich herzlich drum,
Vorlage S. 686 418 Wie du benutzest dargebotne Gabe!
Vorlage S. 686 419 Dies eine lehr' ich dich, und wär' ich stumm:
Vorlage S. 686 420 O, lerne lieben! leicht ja ist die Müh',
Vorlage S. 686 421 Und kannst du's einmal, du verlernst es nie!«
Vorlage S. 686 422 »Ich will's nicht lernen!« ruft er, »wär's ein Schwein,
Vorlage S. 686 423 Ein Eber noch: dann wollt' ich's jagen gehen!
Vorlage S. 686 424 Es ist ein Borgen – ich mag nichts entleihn!
Vorlage S. 686 425 Meine Lieb' zur Lieb' ist Lieb' nur, Lieb' zu schmähen!
Vorlage S. 686 426 Im Tod ein Leben ist sie, sagt man mir,
Vorlage S. 686 427 Das lacht und weint in einem Atem schier.
Vorlage S. 686 428 Wer legt ein Kleid auch unvollendet an?
Vorlage S. 686 429 Wer bricht die Knospe, eh' sie Blätter kerben?
Vorlage S. 686 430 Wird Keimendem ein Jot nur abgetan,
Vorlage S. 686 431 So muss es kläglich schon als Keim verderben.
Vorlage S. 686 432 Das Pferd, das man zu früh ritt und belud,
Vorlage S. 686 433 Verliert den Stolz, bleibt ewig ohne Mut!
Vorlage S. 686 434 Du ringst die Hand mir aus! Auf, uns zu trennen!
Vorlage S. 686 435 Dein nutzlos Reden, lass es endlich sein!
Vorlage S. 686 436 Hör' endlich auf, die Brust mir zu berennen –
Vorlage S. 686 437 Nie durch ihr Tor doch zieht die Liebe ein!
Vorlage S. 686 438 Fort deine Heucheltränen, dein Gewäsche!
Vorlage S. 686 439 Mein Herz ist hart – sie machen keine Bresche!«
Vorlage S. 686 440 Sie drauf: »Du sprichst? Was, hast du eine Zunge?
Vorlage S. 686 441 Es sei! doch wär' ich jetzt nur ohne Ohr!
Vorlage S. 686 442 Denn wie Sirenen redest du, mein Junge!
Vorlage S. 686 443 Zwiefach jetzt duld' ich, duldend schon zuvor!
Vorlage S. 686 444 Melod'scher Mißlaut! Himmelslied voll Strenge!
Vorlage S. 686 445 Herztötende, tiefsüße Erdenklänge!
Vorlage S. 686 446 Hätt' ich nicht Augen: jene ungeseh'ne
Vorlage S. 686 447 Inwend'ge Schönheit hörend würd' ich lieben;
Vorlage S. 686 448 Taub aber, fühlt' ich deine äußre Schöne
Vorlage S. 686 449 Mit jedem Teile, dem Gefühl geblieben.
Vorlage S. 686 450 Ohn' Aug' und Ohr in Liebe würd' ich sein,
Vorlage S. 686 451 Und nach dir lechzen – durch's Gefühl allein!
Vorlage S. 686 452 Selbst, hätt' ich eingebüßt des Fühlens Sinn;
Vorlage S. 686 453 Könnt' ich nicht sehn, nicht fühlen und nicht hören;
Vorlage S. 686 454 Wär' jeder Sinn, nur der Geruch nicht, hin:
Vorlage S. 686 455 Doch würde wanklos meine Liebe währen!
Vorlage S. 686 456 Denn auf von deinem holden Antlitz steigt
Vorlage S. 686 457 Dein Odem ja, der duftend Liebe zeugt.
Vorlage S. 686 458 Doch welch ein Mahl wär'st dem Geschmacke du,
Vorlage S. 686 459 Der Amm' und Nährer ist der andern Viere!
Vorlage S. 686 460 Sie würden's endlos wünschen! 'Zwiefach zu',
Vorlage S. 686 461 Hieß' es zum Argwohn, 'riegle Tor und Türe!
Vorlage S. 686 462 Damit nicht Eifersucht, die saure, herbe,
Vorlage S. 686 463 In's Haus sich schleichend, unser Fest verderbe!'«
Vorlage S. 686 464 Aufgeht noch einmal das Rubinportal,
Vorlage S. 686 465 Durch dessen Honig seine Rede gleitet;
Vorlage S. 686 466 Ein roter Morgen scheint's, der allemal
Vorlage S. 686 467 Wrack dem Matrosen, Sturm der Flur bedeutet;
Vorlage S. 688 468 Den Schäfern Leid, den kleinen Vögeln Weh',
Vorlage S. 688 469 Den Herden aber Hagelwind und Schnee.
Vorlage S. 688 470 Sie merkt das böse Zeichen mit Bedacht: –
Vorlage S. 688 471 Wie sich der Wind legt, eh' der Regen fällt,
Vorlage S. 688 472 Und wie das Obst platzt, eh' es Flecken macht,
Vorlage S. 688 473 Und wie der Wolf den Zahn weist, eh' er bellt,
Vorlage S. 688 474 Und wie die Kugel, eh' sie tötet, singt:
Vorlage S. 688 475 Ahnt sie sein Meinen, eh' sein Wort es bringt.
Vorlage S. 688 476 Und flach vor seinem Blicke fällt sie nieder,
Vorlage S. 688 477 Denn Liebe stirbt und wird belebt durch Blicke:
Vorlage S. 688 478 Ein Grollen schlägt, ein Lächeln heilt sie wieder –
Vorlage S. 688 479 Bankbrüchig jetzt, ist sie erst recht im Glücke.
Vorlage S. 688 480 Der dumme Knabe meint, sie wäre tot;
Vorlage S. 688 481 Er klopft ihr bleich Gesicht – und klopft es rot.
Vorlage S. 688 482 Und unterläßt nun, voll von Angst und Staunen,
Vorlage S. 688 483 Was er gewollt: mit Tadel sie bestürmen;
Vorlage S. 688 484 Zuvorkommt Liebe listig seinen Launen –
Vorlage S. 688 485 O Heil der List, die so sich weiß zu schirmen:
Vorlage S. 688 486 Denn wie erschlagen liegt sie auf dem Rasen,
Vorlage S. 688 487 Bis er ihr atmend Leben eingeblasen.
Vorlage S. 688 488 Er drückt die Nas' ihr, gibt ihr Backenschläge,
Vorlage S. 688 489 Krümmt ihre Finger, ruft: »O woll' erwachen!«
Vorlage S. 688 490 Reibt ihre Lippen, sinnt auf tausend Wege,
Vorlage S. 688 491 Was er verdorben, wieder gut zu machen;
Vorlage S. 688 492 Küsst sie – und sie, geschäh' nur ihr Gelüste,
Vorlage S. 688 493 Erhöbe nie sich, dass er immer küsste.
Vorlage S. 688 494 Zum Tage jetzo wird des Kummers Nacht;
Vorlage S. 688 495 Matt ihre blauen Fenster hebt sie beide,
Vorlage S. 688 496 Der Sonne gleich, wenn in erneuter Pracht
Vorlage S. 688 497 Sie grüßt den Morgen, aller Welt zur Freude;
Vorlage S. 688 498 Und wie die Sonne hehr durchstrahlt die Welt,
Vorlage S. 688 499 So wird ihr Antlitz ganz vom Aug' erhellt:
Vorlage S. 688 500 Das auf das seine heftet all' sein Flammen,
Vorlage S. 689 501 Als ob von dem nur Glut und Schein ihm kämen;
Vorlage S. 689 502 Vier solche Kerzen brannten nie zusammen,
Vorlage S. 689 503 Nur dass die seinen wölkt ein stilles Grämen;
Vorlage S. 689 504 Doch ihre, deren Strahl durch Tränen bricht,
Vorlage S. 689 505 Sprühn, wie bei Nacht im Wasser Mondenlicht;
Vorlage S. 689 506 »Bin ich im Himmel oder noch auf Erden?«
Vorlage S. 689 507 Ruft sie, »der Flut, dem Feuer preisgegeben?
Vorlage S. 689 508 Ist's müder Abend, will es Morgen werden?
Vorlage S. 689 509 Schwelg' ich im Tode? wünsch' ich noch zu leben?
Vorlage S. 689 510 Erst eben lebt' ich – ach in Sterbeleide!
Vorlage S. 689 511 Starb eben erst – und Tod war Lebensfreude!
Vorlage S. 689 512 O, du erschlugst mich! tu' es noch einmal!
Vorlage S. 689 513 Das schlau den Lehrer deiner Augen macht,
Vorlage S. 689 514 Dein hartes Herz hat so zu meiner Qual
Vorlage S. 689 515 Erzogen sie, dass meins sie umgebracht!
Vorlage S. 689 516 Und meine Augen – nie mehr sah'n die armen,
Vorlage S. 689 517 Trug nicht dein Mund ein wonnevoll Erbarmen!
Vorlage S. 689 518 Drum mögen lang sich deine Lippen küssen!
Vorlage S. 689 519 O, mög' ihr Purpur nun und nie erbleichen!
Vorlage S. 689 520 Sie sollen blühn, und alle Seuche müssen
Vorlage S. 689 521 Dem unheildroh'nden Jahre sie verscheuchen!
Vorlage S. 689 522 Dass angeführt der Sternendeuter sage,
Vorlage S. 689 523 Durch deinen Odem sei gebannt die Plage.
Vorlage S. 689 524 O, wie als Siegel deine Lippen frei
Vorlage S. 689 525 Die meinen pressten! Sprich, was muss ich geben,
Vorlage S. 689 526 Dass sie es wieder tun? Mich selbst? Es sei,
Vorlage S. 689 527 Dafern du ehrlich zahlst und handelst eben!
Vorlage S. 689 528 Willst du den Kauf? Wohl denn, besiegl' ihn stracks
Vorlage S. 689 529 Auf meiner Lippen rotem Siegelwachs!
Vorlage S. 689 530 Nicht, tausend Küsse kauft mein Herz von mir?
Vorlage S. 689 531 Du zahlst sie wieder, ganz wie dein Verlangen.
Vorlage S. 689 532 O sprich, was sind zehnhundert Küsse dir?
Vorlage S. 689 533 Sind sie nicht rasch gezählt und rasch gegangen?
Vorlage S. 690 534 Sag', dass Nicht-Zahlung sie verdoppeln müsse –
Vorlage S. 690 535 Sind solche Müh' denn zwanzighundert Küsse?«
Vorlage S. 690 536 So er: »Wenn du mich lieb hast – immer nenne
Vorlage S. 690 537 Mich blöd, doch halt' es meinem Flaum zu gut!
Vorlage S. 690 538 Willst du mich kennen, eh' ich selbst mich kenne?
Vorlage S. 690 539 Fängt denn der Fischer auch die zarte Brut?
Vorlage S. 690 540 Abfallen reife, nimmer grüne Pflaumen,
Vorlage S. 690 541 Und brichst du sie, so sind sie herb dem Gaumen.
Vorlage S. 690 542 O sieh', wie müd die Sonne niedergeht;
Vorlage S. 690 543 Ihr heißes Tagwerk endigt sie im West.
Vorlage S. 690 544 Die Eule kreischt, Herold der Nacht; 's wird spät;
Vorlage S. 690 545 Zum Pferch das Lamm, der Vogel eilt zum Nest.
Vorlage S. 690 546 Kohlschwarz Gewölk verhüllt den Himmel weit,
Vorlage S. 690 547 Und ruft: Gut' Nacht nun! es ist Scheidenszeit!
Vorlage S. 690 548 Drum gute Nacht! und sag' auch du gut' Nacht!
Vorlage S. 690 549 Ein Kuß, wenn du es sagst, wird noch gezollt!«
Vorlage S. 690 550 »Gut' Nacht!« ruft sie, und eh' er auf sich macht,
Vorlage S. 690 551 Reicht er ihr dar des Scheidens Honigsold.
Vorlage S. 690 552 Um seinen Hals die Arme schlägt sie dicht,
Vorlage S. 690 553 Sie scheinen eins, Gesicht wächst an Gesicht.
Vorlage S. 690 554 Bis atemlos er endlich sich befreit,
Vorlage S. 690 555 Und ihrem Durst das sel'ge Nass versagt,
Vorlage S. 690 556 Den Purpurmund, in dessen Süßigkeit
Vorlage S. 690 557 Sie schwelgt, und dennoch über Dürre klagt.
Vorlage S. 690 558 Vor Mangel sie, er matt vor Überfluss,
Vorlage S. 690 559 Hinfallen sie, nochmals vereint im Kuß.
Vorlage S. 690 560 Jetzt hat sie ihn! Ha, wie er blöd sich fügt!
Vorlage S. 690 561 Ha, wie sie nie zu sättigend ihn zerfleischt!
Vorlage S. 690 562 Ihr Mund ist Sieger, seiner zahlt besiegt
Vorlage S. 690 563 Die Lösung aus, die der Beleid'ger heischt,
Vorlage S. 690 564 Und geierhungrig heischt so hohen Satz:
Vorlage S. 690 565 Versiegen muss des Zahlers Lippenschatz.
Vorlage S. 690 566 Und nun der Beute Süßigkeit sie kennt,
Vorlage S. 690 567 Beginnt zu prassen sie mit blinder Wut;
Vorlage S. 690 568 Heiß kocht ihr Blut, ihr Antlitz raucht und brennt,
Vorlage S. 690 569 Achtlose Wollust facht verwegnen Mut,
Vorlage S. 690 570 Nicht Ehre mehr, nicht Sitte mehr ermessend,
Vorlage S. 690 571 Taub der Vernunft, des Rots der Scham vergessend.
Vorlage S. 690 572 Von ihrem Ungestüm heiß und zerschlagen,
Vorlage S. 690 573 Dem Falken ähnlich, den man zahm gekirrt,
Vorlage S. 690 574 Dem Rehe gleich, das matt vom langen Jagen,
Vorlage S. 690 575 Dem Kinde, das durch Tändeln ruhig wird,
Vorlage S. 690 576 Gehorcht er jetzt, und sie zur selben Zeit
Vorlage S. 690 577 Nimmt – nach Gelüst nicht, doch nach Möglichkeit.
Vorlage S. 690 578 Kein Wachs so hart, das Wärme nicht erweichte,
Vorlage S. 690 579 Drauf jeder Druck zuletzt nicht haften bliebe!
Vorlage S. 690 580 Kein Ding so schwer, das Kühnheit nicht erreichte
Vorlage S. 690 581 Und Stetigkeit – vor allem in der Liebe!
Vorlage S. 690 582 Neigung ermattet nicht nach Feiglingsart:
Vorlage S. 690 583 Nein, wirbt am besten, wenn verschmäht sie ward.
Vorlage S. 690 584 Wich seinem Zürnen alsobald ihr Schmachten,
Vorlage S. 690 585 Von seinen Lippen Nektar sog sie nie.
Vorlage S. 690 586 Wer Liebe hegt, soll keiner Ungunst achten –
Vorlage S. 690 587 Die Ros' hat Dornen, dennoch pflückt man sie!
Vorlage S. 690 588 Wie manchem Schloß die Schönheit auch verfalle,
Vorlage S. 690 589 Die Liebe mit dem Dietrich bricht durch alle!
Vorlage S. 690 590 Aus Mitleid jetzt kann sie ihn nicht mehr halten,
Vorlage S. 690 591 Denn gar zu kläglich ist sein Flehn und Grämen;
Vorlage S. 690 592 Drum sagt sie endlich Lebewohl dem Kalten,
Vorlage S. 690 593 Und bittet ihn, ihr Herz in acht zu nehmen,
Vorlage S. 690 594 Das – sie beschwört es bei Cupidos Bogen –
Vorlage S. 690 595 Ihr in den Käfig seiner Brust entflogen.
Vorlage S. 690 596 »Du Süßer«, spricht sie, »eine Nacht voll Sorgen
Vorlage S. 690 597 Steht mir bevor! Du scheuchst den Schlaf mir fort!
Vorlage S. 690 598 Sag' mir, mein Meister, treffen wir uns morgen?
Vorlage S. 690 599 Sag', treffen wir uns? sag' mir, ist's ein Wort?«
Vorlage S. 692 600 Er sagt ihr, nein! denn längst ward ausgemacht:
Vorlage S. 692 601 Mit Freuden zieht er auf die Eberjagd.
Vorlage S. 692 602 »Die Eberjagd!« – und jähes Blass zur Stunde
Vorlage S. 692 603 (Dem Linnen gleich, das auf die Rose weht)
Vorlage S. 692 604 Deckt ihr Gesicht; sie zittert bei der Kunde,
Vorlage S. 692 Kontextbild zum Werk. Historische Darstellung von William Shakespeare — Spätere künstlerische Darstellung; kein gesichertes Bildnis aus dem Leben. · Martin Droeshout · Public domain Bildquelle ↗ 605 Und reißt ihn an sich, der schon von ihr geht;
Vorlage S. 692 606 Sinkt dann, indes ihn ihre Arm' umstricken:
Vorlage S. 692 607 Er fällt auf ihren Leib, sie auf den Rücken.
Vorlage S. 692 608 Nun ist sie recht erst in der Liebe Schranken:
Vorlage S. 692 609 Aufsaß ihr Ritter ja, heiß obzusiegen;
Vorlage S. 692 610 Doch diesmal auch bleibt alles beim Gedanken –
Vorlage S. 692 611 Er reitet nicht, hat er sie auch bestiegen!
Vorlage S. 692 612 Wer um Elysium so gebracht sein muss,
Vorlage S. 692 613 Erduldet Schlimm'res wohl als Tantalus.
Vorlage S. 692 614 Gleichwie, betrogen von gemalten Trauben,
Vorlage S. 692 615 Hungrige Vögel schwelgen mit den Blicken –
Vorlage S. 692 616 Ihr Kropf bleibt leer, kein Beerchen lässt sich rauben –
Vorlage S. 692 617 So schmachtet sie in ihren Missgeschicken.
Vorlage S. 692 618 Die Wärme, die er kalt sie lässt vermissen,
Vorlage S. 692 619 Sucht sie zu fachen mit beständ'gem Küssen.
Vorlage S. 692 620 Umsonst, du Gute! nie wirst du erhört! –
Vorlage S. 692 621 All' ihre Listen hat sie nun geübt;
Vorlage S. 692 622 Wohl scheint ihr Werben größern Lohnes wert:
Vorlage S. 692 623 Die Liebe liebt, und wird doch nicht geliebt!
Vorlage S. 692 624 »Pfui«, ruft er, »du erdrückst mich! lass mich gehn!
Vorlage S. 692 625 Du hast kein Recht, mir so im Weg zu stehn!«
Vorlage S. 692 626 Sie drauf: »Du wär'st schon fort zu dieser Frist,
Vorlage S. 692 627 Wenn das vom Eber nicht entschlüpft dir wäre!
Vorlage S. 692 628 O sei gewarnt; du weißt nicht, was es ist,
Vorlage S. 692 629 Ein tappig Schwein zu stechen mit dem Speere!
Vorlage S. 692 630 Gleichwie ein blut'ger Fleischer, mordbereit,
Vorlage S. 692 631 Die nackten Hauer wetzt er allezeit.
Vorlage S. 692 632 Auf seinen Rücken starrt ihm eine Schlacht
Vorlage S. 692 633 Von borst'gen Lanzen; grimmig sein Geschnauf;
Vorlage S. 692 634 Glüh flammt sein Auge, wenn man wild ihn macht;
Vorlage S. 692 635 Sein Rüssel, wo er geht, wühlt Gräber auf;
Vorlage S. 692 636 Hinwirft er, was sich zeigt auf seinem Wege,
Vorlage S. 692 637 Und tötet, was er wirft, durch Hauerschläge.
Vorlage S. 692 638 Sein sehn'ger Wanst, mit straffem Haar bewehrt,
Vorlage S. 692 639 Stichfest und derb, braucht keinen Speer zu scheun;
Vorlage S. 692 640 Sein kurzer dicker Hals wird schwer versehrt;
Vorlage S. 692 641 Zornig nimmt er es auf selbst mit dem Leun;
Vorlage S. 692 642 Die er durchbricht, die Dorn- und Brombeerhecken,
Vorlage S. 692 643 Gehn vor ihm auf, als macht' er ihnen Schrecken.
Vorlage S. 692 644 Ach, wenig achtet er dein hold Gesicht,
Vorlage S. 692 645 Dem als Tribut ich staunende Blicke zolle;
Vorlage S. 692 646 Dein klares Aug', dein Mund auch rührt ihn nicht,
Vorlage S. 692 647 Noch deine Hand, die weiche, wonnevolle.
Vorlage S. 692 648 Nein, hätt' er dich: verheeren würd' er diese
Vorlage S. 692 649 Schönheiten all', wie er verheert die Wiese.
Vorlage S. 692 650 Drum stör ihn nicht, wo tief im Forst er ruht;
Vorlage S. 692 651 Was soll die Schönheit mit so garst'gen Feinden?
Vorlage S. 692 652 Komm nicht mit Fleiß zu nahe seiner Wut –
Vorlage S. 692 653 Wer gern gedeiht, nimmt Rat an von den Freunden.
Vorlage S. 692 654 Als du ihn nanntest, dass ich's nicht verhehle,
Vorlage S. 692 655 Bebt' ich um dich, und Angst befiel die Seele.
Vorlage S. 692 656 Denk' an mein Antlitz nur! War es nicht bleich?
Vorlage S. 692 657 Sahst du nicht Furcht in meinen Augen wittern?
Vorlage S. 692 658 Sank ich in Ohnmacht nieder nicht sogleich?
Vorlage S. 692 659 In meiner Brust, auf der du liegst, mit Zittern
Vorlage S. 692 660 Schlägt hoch mein ahnend Herz, die heiße Kraft,
Vorlage S. 692 661 Und wirft und schüttelt dich erdbebenhaft.
Vorlage S. 692 662 Denn wo die Liebe herrscht, kommt mit Geschrei
Vorlage S. 692 663 Die Eifersucht, und nennt sich ihren Hort;
Vorlage S. 692 664 Macht blinden Lärm gleich, spricht von Meuterei,
Vorlage S. 692 665 Und ruft sogar in Friedenszeit: 'Mord, Mord!'
Vorlage S. 694 666 Beirrend so der sanften Lieb' Entzücken,
Vorlage S. 694 667 Wie Luft und Wasser Feuer unterdrücken.
Vorlage S. 694 668 Und diese Klatsche, diese Späherin,
Vorlage S. 694 669 Die, wie ein Krebs, der Liebe Lenz verschlingt,
Vorlage S. 694 670 Sie, diese Eifersucht, die her und hin
Vorlage S. 694 671 Wahres zuweilen, oft auch Falsches bringt,
Vorlage S. 694 672 Pocht mir an's Herz, raunt mir in's Ohr und droht:
Vorlage S. 694 673 »Wenn du ihn liebst, so fürcht' auch seinen Tod!«
Vorlage S. 694 674 Und mehr als das: stellt meinem Auge dar
Vorlage S. 694 675 Ein zornig Schwein, ein toll und tobend Tier;
Vorlage S. 694 676 Und blutend unter seiner Fänge Paar
Vorlage S. 694 677 Liegt auf dem Rücken ein Gebild – gleich dir!
Vorlage S. 694 678 Die Blumen, die sein Herzblut aufgefangen,
Vorlage S. 694 679 Stehn trauernd da, und ihre Köpfchen hangen.
Vorlage S. 694 680 Was sollt ich tun, als so zu meinem Schmerz
Vorlage S. 694 681 Du mir erschienest, allzukühner Knabe?
Vorlage S. 694 682 Schon beim Gedanken blutet mir das Herz,
Vorlage S. 694 683 Und Furcht verleiht ihm der Voraussicht Gabe:
Vorlage S. 694 684 Ja, sterben wirst du, liebste meiner Sorgen,
Vorlage S. 694 685 Dafern der Eber dich hinauslockt morgen.
Vorlage S. 694 686 Doch hör' auf mich, willst du durchaus in's Feld:
Vorlage S. 694 687 Lass los die Koppel auf den bangen Hasen,
Vorlage S. 694 688 Los auf den Fuchs, der sich durch List erhält,
Vorlage S. 694 689 Los auf das Reh, das kampfscheu tritt den Rasen:
Vorlage S. 694 690 All' diese Zagen, jag' sie auf den Dünen,
Vorlage S. 694 691 Und hoch zu Roß folg' mit den Hunden ihnen.
Vorlage S. 694 692 Und wenn den Hasen frisch du aufgespürt,
Vorlage S. 694 693 O sieh' den armen Schelm, o sieh' den Bängsten,
Vorlage S. 694 694 Wie er dem Winde vorläuft, jetzt laviert,
Vorlage S. 694 695 Jetzo sich duckt und lauscht in seinen Ängsten;
Vorlage S. 694 696 Ein Labyrinth von Listen und von Launen
Vorlage S. 694 697 Durchhastet er zu seiner Feinde Staunen.
Vorlage S. 694 698 Oft läuft er zwischen eine Lämmerherde,
Vorlage S. 695 699 Dass ihr Geruch die Hunde irre macht
Vorlage S. 695 700 Oft, wo Kaninchenvolk durchwühlt die Erde,
Vorlage S. 695 701 Verbirgt er sich, dass jäh verstummt die Jagd;
Vorlage S. 695 702 Oft unter Hirschen auch enteilt er schnell:
Vorlage S. 695 703 Gefahr zeugt List, Witz ist der Furcht Gesell.
Vorlage S. 695 704 Denn seine Wittrung dort, vermischt den andern,
Vorlage S. 695 705 Bringt Ungewissheit den erhitzten Hunden;
Vorlage S. 695 706 Ihr Bellen schweigt; sie suchen und sie wandern,
Vorlage S. 695 707 Bis ihren Fehler sie zuletzt gefunden;
Vorlage S. 695 708 Dann frisch Gebell, vom Widerhall verdoppelt,
Vorlage S. 695 709 Als wär' am Himmel noch 'ne Jagd entkoppelt.
Vorlage S. 695 710 Um diese Zeit, fernab von einer Höh',
Vorlage S. 695 711 Stellt Lampe sich auf seine Hinterläufe,
Vorlage S. 695 712 Dass er sich um nach seinen Gegnern seh' –
Vorlage S. 695 713 Da wiederum tönt Klaffen und Gekeife,
Vorlage S. 695 714 Und jetzt dem Kranken gleicht er, der verstört
Vorlage S. 695 715 Vor seiner Tür des Priesters Glöcklein hört.
Vorlage S. 695 716 Noch einmal flieht er, ganz mit Tau benetzt –
Vorlage S. 695 717 Doch jede Ranke schon hält auf den Matten.
Vorlage S. 695 718 Sieh, wie im Zickzack über'n Weg er setzt –
Vorlage S. 695 719 Ach, jedes Murmeln hemmt ihn, jeder Schatten.
Vorlage S. 695 720 Denn harten Tritts das Elend treten alle:
Vorlage S. 695 721 Nicht einer, der es aufhebt nach dem Falle.
Vorlage S. 695 722 Lieg' still, und hör' noch etwas von der Sache!
Vorlage S. 695 723 Nein, still – noch kommst du nicht von meiner Seite!
Vorlage S. 695 724 Dass ich des Ebers Jagd verhaßt dir mache,
Vorlage S. 695 725 Ungleich mir selbst, hörst du mich pred'gen heute –
Vorlage S. 695 726 Auf solchen Fall anwendend solche Lehren,
Vorlage S. 695 727 Denn jedes Weh kann Liebe dir erklären.
Vorlage S. 695 728 Wo blieb ich denn?« – »Mir gleich!« sprach er entgegen;
Vorlage S. 695 729 »Bleib' mir nur fern, so endet die Geschichte!
Vorlage S. 695 730 Die Nacht ist um!« – Sie: »Was ist dran gelegen?«
Vorlage S. 695 731 Er gleich: »Man harrt mein mit dem ersten Lichte;
Vorlage S. 696 732 Und noch ist's dunkel, und ich werde fallen!« –
Vorlage S. 696 733 Sie: »Die Begier sieht nächtens hell vor allen!
Vorlage S. 696 734 Doch wenn du wirklich fällst, so wiss' und glaube:
Vorlage S. 696 735 Die Erd', in Liebe, stellte dir ein Bein,
Vorlage S. 696 736 Einzig damit sie einen Kuß dir raube.
Vorlage S. 696 737 Reich Gut lockt Wackre auch zu Dieberein:
Vorlage S. 696 738 So wölkt dein Mund Dianas Blick, der herben –
Vorlage S. 696 739 Sie möchte küssen und meineidig sterben.
Vorlage S. 696 740 Nun erst erkenn' ich dieses Dunkels Sinn:
Vorlage S. 696 741 Cynthia aus Scham birgt ihren Schein zumal,
Vorlage S. 696 742 Bis sie verurteilt als Verräterin
Vorlage S. 696 743 Sieht die Natur: die Form zu dir ja stahl
Vorlage S. 696 744 Die Freche vom Olymp, durch solches Nehmen
Vorlage S. 696 745 Die Sonn' am Tag, nachts Luna zu beschämen.
Vorlage S. 696 746 Und drum die Parzen auch ging sie bestechen,
Vorlage S. 696 747 Das seltne Kunstwerk der Natur zu kreuzen;
Vorlage S. 696 748 Der Schönheit beizumischen leid'ge Schwächen,
Vorlage S. 696 749 Ach, und Entstellung sonst vollkomm'nen Reizen,
Vorlage S. 696 750 Sie unterwerfend aller Tyrannei
Vorlage S. 696 751 Qualvollen Elends, schnöder Krüppelei:
Vorlage S. 696 752 Dem Fieber so, das brennend und verheerend,
Vorlage S. 696 753 Der Pestilenz, dem Krampf, der irren Wut,
Vorlage S. 696 754 Und jener Krankheit, die, das Mark verzehrend,
Vorlage S. 696 755 Mit heißem Wallen sieden macht das Blut! –
Vorlage S. 696 756 Die sind's! Die schwuren der Natur den Tod,
Vorlage S. 696 757 Weil sie so hold dich schuf, so weiß und rot.
Vorlage S. 696 758 Und der geringsten dieser bösen Seuchen
Vorlage S. 696 759 Erliegt die Schönheit, eh' Minuten fliehn;
Vorlage S. 696 760 Saft, Kraft und Farbe – alles siehst du weichen,
Vorlage S. 696 761 Was eben noch dem Stauner göttlich schien;
Vorlage S. 696 762 Auftaut und schmilzt es fort mit einemmal,
Vorlage S. 696 763 Wie Schnee des Bergs im Mittagssonnenstrahl.
Vorlage S. 696 764 Drum, unfruchtbare Keuschheit zu verhöhnen,
Vorlage S. 696 765 Drum Nonnen und Vestalen auch zum Torte,
Vorlage S. 696 766 Die Mangel gern an Töchtern und an Söhnen
Vorlage S. 696 767 Ausgössen auf die Erde, die verdorrte: –
Vorlage S. 696 768 Vergeude du! die Lampe, hell von Schein,
Vorlage S. 696 769 Verzehrt ihr Öl, der Welt ihr Licht zu leihn.
Vorlage S. 696 770 Was ist dein Leib, als ein verschlingend Grab
Vorlage S. 696 771 Für alle sie, die durch das Recht der Zeit
Vorlage S. 696 772 Dir die Natur zu deinen Kindern gab,
Vorlage S. 696 773 Zerstörtest du sie nicht in Dunkelheit?
Vorlage S. 696 774 Ist dem also, muss dich die Welt verachten:
Vorlage S. 696 775 Nie so den Stolz die Hoffnung sah sie schlachten.
Vorlage S. 696 776 So in dir selber stirbst du selber nun –
Vorlage S. 696 777 Ein Unheil, schlimmer, als wenn Brüder streiten,
Vorlage S. 696 778 Als wenn Verzweifler sich ein Leides tun,
Vorlage S. 696 779 Als wenn dem Sohn die Eltern Tod bereiten.
Vorlage S. 696 780 Rost frisst den Schatz, den geizig man versteckt,
Vorlage S. 696 781 Doch durch gebrauchtes Gold wird Gold geheckt.«
Vorlage S. 696 782 »Pah«, ruft Adon, »auf's neue singst du eben
Vorlage S. 696 783 Das alte Lied, das längst mich widern muss;
Vorlage S. 696 784 Umsonst der Kuß, den ich dir kaum gegeben!
Vorlage S. 696 785 Umsonst dein Ringen gegen Wind und Fluss!
Vorlage S. 696 786 Denn – seh' die brünst'ge Nacht als Zeugin nieder!
Vorlage S. 696 787 Dein Sprechen erst macht dich mir recht zuwider!
Vorlage S. 696 788 Lieh' dir die Liebe zwanzigtausend Zungen,
Vorlage S. 696 789 Und rührte jede mehr als deine mich,
Vorlage S. 696 790 Wär' jede wie Sirenenlied erklungen:
Vorlage S. 696 791 Nie schlich ein Ton doch mir zum Ohre sich!
Vorlage S. 696 792 Denn jeden falschen Ton ihm fern zu halten,
Vorlage S. 696 793 Siehst du mein Herz als Schirmvogt in ihm walten:
Vorlage S. 696 794 Dass nicht in meiner Brust friedlichen Bann
Vorlage S. 696 795 Die trügerische Harmonie sich stehle,
Vorlage S. 696 796 Und dass mein kleines Herz, vernichtet dann,
Vorlage S. 696 797 Sich ruhlos nicht auf seinem Lager quäle!
Vorlage S. 698 798 Nein, Herrin, nein! mein Herz mag keinen Kummer!
Vorlage S. 698 799 Nun es allein schläft, schläft es festen Schlummer!
Vorlage S. 698 800 Kein Wort von dir, das sich nicht widerlegt!
Vorlage S. 698 801 Breit sind die Pfade zur Gefahr und eben;
Vorlage S. 698 802 Nicht Liebe hass' ich – nur was dich bewegt,
Vorlage S. 698 803 In Liebe jedem Fremden dich zu geben!
Vorlage S. 698 804 Du tust's um Samen? wundersam Entschuld'gen!
Vorlage S. 698 805 Muss kuppelnd so Vernunft der Wollust huld'gen?
Vorlage S. 698 806 O nenn es Liebe nicht! die Lieb' entfloh
Vorlage S. 698 807 Zum Himmel ja, seit Wollust Liebe heißt,
Vorlage S. 698 808 Als Liebe frische Schönheit kostet – roh
Vorlage S. 698 809 Beschimpfend noch, wo gierig sie zerreißt;
Vorlage S. 698 810 Stets nur bedenkend, wie sie schänd' und raube –
Vorlage S. 698 811 Der Raupe gleich, die schwelgt im ersten Laube.
Vorlage S. 698 812 Die Lieb' erquickt, wie Sonnenstrahl nach Wettern;
Vorlage S. 698 813 Die Wollust wirkt, wie Sturm nach Sonnenschein;
Vorlage S. 698 814 Der Liebe Lenz prangt stets in frischen Blättern,
Vorlage S. 698 815 Der Wollust Winter bricht vor Herbst herein.
Vorlage S. 698 816 Die Lieb' hält Maß, die Lust hat nie genug;
Vorlage S. 698 817 Die Lieb' ist Wahrheit ganz, die Lust ganz Lug.
Vorlage S. 698 818 Wohl wüßt' ich mehr, doch weiter nun kein Wort!
Vorlage S. 698 819 Der Text ist alt, der Redner allzu grün.
Vorlage S. 698 820 Darum, in Trauer, will ich jetzo fort,
Vorlage S. 698 821 Scham im Gesicht, im Herzen Zornesglühn.
Vorlage S. 698 822 Mein Ohr, das angehört dein üppig Sprechen,
Vorlage S. 698 823 Verbrennt sich selbst für ein so groß Verbrechen.«
Vorlage S. 698 824 Mit dem aus ihren Armen bricht er los,
Vorlage S. 698 825 Die ihn umspannt bis jetzt mit süßem Drücken,
Vorlage S. 698 826 Rennt heimwärts durch den Wald von ihrem Schoß,
Vorlage S. 698 827 Und lässt bekümmert sie auf ihrem Rücken.
Vorlage S. 698 828 Sieh', wie ein Fallstern niederschießt in Pracht,
Vorlage S. 698 829 Von Venus' Aug' so schießt er in die Nacht.
Vorlage S. 698 830 Sie wirft den Blick ihm nach, wie wer vom Strande
Vorlage S. 698 831 Nachsieht dem Freunde, der sich eingeschifft,
Vorlage S. 698 832 Bis ihn die Flut entrafft, die mit dem Rande,
Vorlage S. 698 833 Dem bäumenden, kampffroh die Wolken trifft:
Vorlage S. 698 834 So barg die Nacht, die schwarze, mitleidsbar
Vorlage S. 698 835 Ihn, der die Weide ihrer Augen war.
Vorlage S. 698 836 Worauf erstaunt, wie wer ein reich Gestein
Vorlage S. 698 837 Plötzlich in's Wasser sich entfallen ließ:
Vorlage S. 698 838 Worauf erschreckt, wie einer, dem im Hain
Vorlage S. 698 839 Ein nächt'ger Windstoß aus die Fackel blies: –
Vorlage S. 698 840 Ganz so verstört hat jetzo sie gelegen,
Vorlage S. 698 841 Des schönsten Funds beraubt auf ihren Wegen.
Vorlage S. 698 842 Und nun schlägt sie ihr Herz, worauf es stöhnt,
Vorlage S. 698 843 Dass jeder Bergriß, der im Walde klafft,
Vorlage S. 698 844 All' ihre Klagen wörtlich widertönt,
Vorlage S. 698 845 Verdoppelnd Leidenschaft auf Leidenschaft.
Vorlage S. 698 846 »Weh' mir!« ruft sie, und so die Höhlen alle;
Vorlage S. 698 847 An zwanzigmal nachhallen's zwanzig Halle.
Vorlage S. 698 848 Klagvoll sogleich, da sie den Lärmen hört,
Vorlage S. 698 849 Singt sie ein Stegreiflied, wie alles Trug ist,
Vorlage S. 698 850 Wie Liebe jung' und alte Männer tört,
Vorlage S. 698 851 In Klugheit närrisch, in Verrücktheit klug ist.
Vorlage S. 698 852 Zum Himmel jammernd steigt das Lied empor,
Vorlage S. 698 853 Und so auch stets der Widerhalle Chor.
Vorlage S. 698 854 Langweilig singt sie länger als die Nacht: –
Vorlage S. 698 855 Ob scheinbar kurz auch, lang der Liebe Stunden!
Vorlage S. 698 856 Was sie entzückt, was ihr Vergnügen macht,
Vorlage S. 698 857 Wird, denkt sie, gern von andern auch empfunden.
Vorlage S. 698 858 All' die Geschichten, die sie zahllos weiß,
Vorlage S. 698 859 Enden, nie fertig, ohne Hörerkreis.
Vorlage S. 698 860 Drum halten auch nur Klänge bei ihr aus,
Vorlage S. 698 861 Schmarotzerhafte, diese Nacht der Klagen;
Vorlage S. 698 862 Schrillstimm'gen Kellnern gleich im Schoppenhaus,
Vorlage S. 698 863 Die so und so schrein nach des Gasts Behagen.
Vorlage S. 700 864 Sie: »So soll's sein!« Die Klänge: »So soll's sein!«
Vorlage S. 700 865 Und riefe »Nein!« sie, riefen alle »Nein!«
Vorlage S. 700 866 Sieh' wie die Lerche nun, in wacher Lust,
Vorlage S. 700 867 Aus feuchtem Nest auf in die Höhe geht,
Vorlage S. 700 868 Weckend den Tag, von dessen Silberbrust
Vorlage S. 700 869 Die Sonn' aufgeht in ihrer Majestät!
Vorlage S. 700 870 Sie, die so prächtig strahlt, dass Zedernspitzen
Vorlage S. 700 871 Und Berge gleich geschliffnem Golde blitzen.
Vorlage S. 700 872 So gibt ihr Venus schönen guten Morgen:
Vorlage S. 700 873 »Du heller Gott, Hort alles Lichts der Welt,
Vorlage S. 700 874 Von dem so Stern als Lampe willig borgen
Vorlage S. 700 875 Den milden Einfluss, welcher sie erhellt:
Vorlage S. 700 876 Ein Knabe lebt, den eine Ird'sche säugte –
Vorlage S. 700 877 Leih' er dir Licht, wie du bist andrer Leuchte!«
Vorlage S. 700 878 Drauf eilt sie fort in einen Myrtenhain,
Vorlage S. 700 879 Gedenkt des Morgens vorgerückter Stunden,
Vorlage S. 700 880 Bebt, ohne Nachricht immer noch zu sein,
Vorlage S. 700 881 Und horcht nach seinem Horn und seinen Hunden.
Vorlage S. 700 882 Auf einmal bellt und gellt's in ihre Ruh';
Vorlage S. 700 883 Am Waldsaum hastet auf den Lärm sie zu.
Vorlage S. 700 884 Und wie sie läuft, hält der Busch ihre Hände,
Vorlage S. 700 885 Der ihren Hals, der küsst ihr Angesicht,
Vorlage S. 700 886 Der schlingt sich fest um ihre runde Lende –
Vorlage S. 700 887 Sie aber, wie das melke Reh, durchbricht
Vorlage S. 700 888 Sie alle wild, das, Schmerz in vollen Eutern,
Vorlage S. 700 889 Hinfliegt, sein Kalb zu säugen in den Kräutern.
Vorlage S. 700 890 Jetzt sagt der Ton, die Hunde sind in Not;
Vorlage S. 700 891 Da fährt sie auf, wie einer, den die Otter,
Vorlage S. 700 892 Rund aufgerollt, auf seinem Pfad bedroht:
Vorlage S. 700 893 Wie er sich ängstigt, zeigt dir sein Geschlotter.
Vorlage S. 700 894 So macht der Hunde zagendes Gebell
Vorlage S. 700 895 Bleich und verwirrt die Zagende zur Stell'.
Vorlage S. 700 896 Denn jetzt erkennt sie, welch ein Wild es sei –
Vorlage S. 701 897 Kein schwaches, nein: Bär, Eber, Leu vielleicht!
Vorlage S. 701 898 Weil unverwandt der Hunde bang Geschrei
Vorlage S. 701 899 Von einem Orte nun und nimmer weicht;
Vorlage S. 701 900 So furchtbar zeigt der Feind sich ihrem Hasse,
Vorlage S. 701 901 Dass sie sich streiten, wer zuerst ihn fasse.
Vorlage S. 701 902 Der trübe Ton schallt trüb in ihrem Ohr;
Vorlage S. 701 903 Durch's Ohr ihr Herz dann packt er wild und hart;
Vorlage S. 701 904 Bis jedes Glied – das Herz tat so zuvor! –
Vorlage S. 701 905 Blutlos in Furcht, blaßkalt in Schwäche starrt:
Vorlage S. 701 906 Gleichwie Soldaten, weicht ihr Hauptmann eben,
Vorlage S. 701 907 Selbst schnöde fliehn und preis das Schlachtfeld geben.
Vorlage S. 701 908 So steht sie da in zitternder Verzückung,
Vorlage S. 701 909 Bis ihre Sinne sie ermut'gend weckt,
Vorlage S. 701 910 Und ihnen sagt: »Es ist ja nur Berückung,
Vorlage S. 701 911 Kindischer Irrtum, was euch so erschreckt!
Vorlage S. 701 912 Lasst euer Zittern! wollet furchtlos sein!«
Vorlage S. 701 913 Da, bei dem Wort, kommt das gejagte Schwein.
Vorlage S. 701 914 Sein schäum'ger Mund, rundum von Rot umflossen,
Vorlage S. 701 915 Wie Milch und Blut, die man zusammenmengt,
Vorlage S. 701 916 Hat neue Furcht durch ihr Gebein gegossen,
Vorlage S. 701 917 Die, tollen Muts, ziellos hinaus sie sprengt;
Vorlage S. 701 918 Jetzt läuft sie so, jetzt so, kehrt wieder dann,
Vorlage S. 701 919 Dass sie den Eber Mordes zeihen kann.
Vorlage S. 701 920 Von tausend Grillen auf einmal gefasst,
Vorlage S. 701 921 Nach tausend Seiten irrt und eilt sie nun;
Vorlage S. 701 922 Verzug gesellt sich ihrer Überhast,
Vorlage S. 701 923 Und all ihr Tun ist wie Betrunkner Tun.
Vorlage S. 701 924 Von Angst erfüllt, ist doch sie unbedacht,
Vorlage S. 701 925 Greift alles an, und hat auf nichts doch acht.
Vorlage S. 701 926 Hier einen Hund im Busch sieht sie versteckt: –
Vorlage S. 701 927 Könnt' er von seinem Herrn nur zu ihr reden!
Vorlage S. 701 928 Ein andrer kommt, der seine Wunden leckt –
Vorlage S. 701 929 Das beste Pflaster gegen gift'ge Schäden!
Vorlage S. 702 930 Ein andrer schielt sie an, vorübereilend;
Vorlage S. 702 931 Sie spricht zu ihm, und Antwort gibt er heulend.
Vorlage S. 702 932 Und da er Luft gemacht hat seinem Grimme,
Vorlage S. 702 933 Löst alsobald ein andrer Hangmaul jach
Vorlage S. 702 934 Gegen den Himmel seine dumpfe Stimme;
Vorlage S. 702 935 Ein andrer und ein andrer folgt ihm nach.
Vorlage S. 702 936 Den Boden peitschend mit den stolzen Ruten,
Vorlage S. 702 937 Zerkratzte Ohren schütteln sie und bluten.
Vorlage S. 702 938 Sieh', wie die Leute überkommt ein Grauen
Vorlage S. 702 939 Bei Zeichen, Wundern und derlei Bedräuung;
Vorlage S. 702 940 Sie sehn sie an mit bangen Augenbrauen,
Vorlage S. 702 941 Und nehmen sich die schlimmste Prophezeiung
Vorlage S. 702 942 So sie auch jetzt! Den Atem hält sie an,
Vorlage S. 702 943 Seufzt wieder auf, und ruft dem Tode dann.
Vorlage S. 702 944 »Du Harter, Garst'ger, der des Scheidens Pein
Vorlage S. 702 945 Der Liebe schuf« (dem Tode gilt ihr Schmälen),
Vorlage S. 702 946 »Sargwurm der Erde, was nur fällt dir ein,
Vorlage S. 702 947 Schönheit und Odem gierig dem zu stehlen,
Vorlage S. 702 948 Des Hauch und Schönheit, eh' er sank in's Gral
Vorlage S. 702 949 Der Rose Schimmer, Duft dem Veilchen gab?
Vorlage S. 702 950 O wenn er tot ist – nein, es kann nicht sein,
Vorlage S. 702 951 Dass du ihn sahst und nach ihm warfst den Speer!
Vorlage S. 702 952 Und doch, es kann! blindlings ja schlägst du drein,
Vorlage S. 702 953 Und schickst den Wurfspieß aus aufs Ungefähr!
Vorlage S. 702 954 Dein Ziel das Alter: aber oft, o Schmerz,
Vorlage S. 702 955 Triffst du vorbei in eines Kindes Herz.
Vorlage S. 702 956 Warntest du nur, geredet hätt' er gleich,
Vorlage S. 702 957 Und deine Kraft entkräftet durch sein Sprechen.
Vorlage S. 702 958 Den Fluch der Parzen bringt dir dieser Streich:
Vorlage S. 702 959 Sie heischten Kraut, du gingst 'ne Blume brechen
Vorlage S. 702 960 Für Amors Goldpfeil nur war er geschaffen,
Vorlage S. 702 961 Nicht für ein dunkles Ebenholzgewaffen.
Vorlage S. 702 962 Sag', ob dir Tränen zum Getränk nur taugen,
Vorlage S. 702 963 Sag', ob dich jemals bange Seufzer nährten?
Vorlage S. 702 964 Warum in ew'gen Schlaf warfst du die Augen,
Vorlage S. 702 965 Die alle andern Augen sehen lehrten?
Vorlage S. 702 966 Was kümmert die Natur nun deine Stärke,
Vorlage S. 702 967 Seit du so tatest ihrem schönsten Werke?«
Vorlage S. 702 968 Und jetzo senkt sie, überwältigt schier,
Vorlage S. 702 969 Die Wimpern, wie durch Schleusen zu verstopfen
Vorlage S. 702 970 Die Flut der Tränen, die vom Antlitz ihr
Vorlage S. 702 971 In ihres Busens süße Rinne tropfen;
Vorlage S. 702 972 Doch bald, mit mächt'gem Strom es öffnend wieder,
Vorlage S. 702 973 Durch's Fluttor rauscht der Silberregen nieder.
Vorlage S. 702 974 O wie nun Aug' und Tränen leihn und borgen!
Vorlage S. 702 975 Ihr Aug' in Tränen, Tränen ihr im Aug' –
Vorlage S. 702 976 Kristalle, spiegelnd gegenseit'ge Sorgen,
Vorlage S. 702 977 Die zärtlich trocknet ihrer Seufzer Hauch.
Vorlage S. 702 978 Doch kaum (wie Wind und Guß ein Tag mag einen)
Vorlage S. 702 979 Von Seufzen trocken, netzt sie neues Weinen.
Vorlage S. 702 980 Abwechselnd drängen ihr beständ'ges Weh
Vorlage S. 702 981 Die Leidenschaften; jede will es kleiden;
Vorlage S. 702 982 Sie nimmt sie auf, und jede schafft, dass je
Vorlage S. 702 983 Das gegenwärt'ge scheint das erste Leiden;
Vorlage S. 702 984 Doch keine siegt; vereinigt dann zu schauen
Vorlage S. 702 985 Wie Wolken sind sie, die schlecht Wetterbrauen.
Vorlage S. 702 986 Jetzt ruft: »Hallo!« fernab ein Jägersmann;
Vorlage S. 702 987 Nie klang so süß ein Ammenlied dem Kinde.
Vorlage S. 702 988 Der Hoffnungston tut ihre Furcht in Bann: –
Vorlage S. 702 989 Dass jedes trübe, blut'ge Bild ihr schwinde,
Vorlage S. 702 990 Und dass die Lust neu ihrem Busen kehre,
Vorlage S. 702 991 Schmeichelt er ihr, dass sie Adonis höre.
Vorlage S. 702 992 Worauf, nun ebbend, Perlen gleich in Glas,
Vorlage S. 702 993 In ihrem Aug' die lichten Tropfen stehen;
Vorlage S. 702 994 Nur einer manchmal spritzt die Wang' ihr nass,
Vorlage S. 702 995 Die gleich ihn schmelzt: als sollt' er nicht vergehen,
Vorlage S. 704 996 Zum schmutz'gen Grau des Bodens hingesunken,
Vorlage S. 704 997 Der nur berauscht ist, während sie ertrunken.
Vorlage S. 704 998 Schwergläub'ge Liebe, seltsam muss es scheinen:
Vorlage S. 704 999 Bald zweifelnd, bald zu gläubig sieht man dich!
Vorlage S. 704 1000 Zu weit in Wohl und Wehe geht dein Meinen,
Vorlage S. 704 1001 So Furcht wie Hoffnung macht dich lächerlich.
Vorlage S. 704 1002 Die schmeichelt dir mit dem, was unwahrscheinlich,
Vorlage S. 704 1003 Die mit Wahrscheinlichem wird schnell dir peinlich.
Vorlage S. 704 1004 Nun löst sie auf, was früher sie gewoben;
Vorlage S. 704 1005 Adonis lebt, der Tod ist nicht zu schelten;
Vorlage S. 704 1006 Und schalt sie doch, so kann sie jetzt auch loben,
Vorlage S. 704 1007 Und eilt, durch Ehren reich ihm zu vergelten;
Vorlage S. 704 1008 Nennt Gräberkönig ihn, und Königsgrab:
Vorlage S. 704 1009 Was sterblich ist, beherrscht sein Herrscherstab.
Vorlage S. 704 1010 »Nein«, ruft sie, »süßer Tod, nie zürnt' ich dir!
Vorlage S. 704 1011 Vergib! ich scherzte (und aus Furcht ja bloß!),
Vorlage S. 704 1012 Als ich den Eber traf, das blut'ge Tier,
Vorlage S. 704 1013 Der wild und streng und gänzlich mitleidslos!
Vorlage S. 704 1014 Da, holder Schatten (Wahrheit sei gestanden!)
Vorlage S. 704 1015 Schalt ich: – mein Lieb' glaubt' ich in deinen Banden!
Vorlage S. 704 1016 Ist's meine Schuld? Es war des Ebers Rat;
Vorlage S. 704 1017 An ihm, du finstrer Herrscher, sei gerochen!
Vorlage S. 704 1018 Er ist's, der Schnöde, der dir Unrecht tat!
Vorlage S. 704 1019 Ich folgt' ihm nur, er hat den Schimpf verbrochen!
Vorlage S. 704 1020 Zwei Zungen hat der Gram; nie beide lenkte
Vorlage S. 704 1021 Ein Weib, dem Zeus nicht Witz für Zehne schenkte.«
Vorlage S. 704 1022 So, hoffend, dass Adonis noch am Leben,
Vorlage S. 704 1023 Sucht sie zu heilen die geschlagne Wunde;
Vorlage S. 704 1024 Und, seiner Schönheit mehr Gedeihn zu geben,
Vorlage S. 704 1025 Spricht sie dem Tode listig nach dem Munde;
Vorlage S. 704 1026 Spricht ihm von Säulen, Tempeln, Mausoleen,
Vorlage S. 704 1027 Spricht von Triumphen, Siegen und Trophäen.
Vorlage S. 704 1028 »O Zeus«, ruft sie, »wie war ich torheitsvoll,
Vorlage S. 704 1029 Wie schwach und albern, dessen Tod zu klagen,
Vorlage S. 704 1030 Der lebend ist, und immer leben soll,
Vorlage S. 704 1031 Bis unter sich die Menschheit sich erschlagen!
Vorlage S. 704 1032 Denn mit ihm liegt die Schönheit tot darnieder,
Vorlage S. 704 1033 Und, wenn die starb, kehrt schwarz das Chaos wieder.
Vorlage S. 704 1034 Pfui, Liebe, pfui! Wie einer, der mit Schätzen
Vorlage S. 704 1035 Im Kreis von Dieben weilt, so feig bist du!
Vorlage S. 704 1036 Auch das geringste kann in Furcht dich setzen;
Vorlage S. 704 1037 Was unvernehmbar selbst, nimmt dir die Ruh'!«
Vorlage S. 704 1038 Bei diesem Wort schallt ihr ein Horn zu Ohren;
Vorlage S. 704 1039 Da hüpft sie auf, die eben noch verloren.
Vorlage S. 704 1040 Wie Falken auf ihr Lockspiel, fliegt sie hin:
Vorlage S. 704 1041 Leicht, – keinen Halm im Flug seht ihr sie knicken;
Vorlage S. 704 1042 Bis sie erspäht in ihrem hast'gen Sinn
Vorlage S. 704 1043 Den Sieg des Ebers über ihr Entzücken;
Vorlage S. 704 1044 Worauf, als ob der Anblick es erschlage,
Vorlage S. 704 1045 Ihr Aug' erlischt – ein Stern, beschämt vom Tage.
Vorlage S. 704 1046 Auch wie die Schnecke, traf ihr Fühlhorn man,
Vorlage S. 704 1047 In ihr Gehäuse still zurück sich schmiegt,
Vorlage S. 704 1048 In Schmerz und Nacht lang sich besinnend dann,
Vorlage S. 704 1049 Eh' sie von neuem an das Helle kriecht:
Vorlage S. 704 1050 So in die Höhlen unter ihrer Brau
Vorlage S. 704 1051 Fliehn ihre Augen bei der blut'gen Schau:
Vorlage S. 704 1052 Wo Dienst und Licht sie zur Verfügung stellen
Vorlage S. 704 1053 Dem wirren Hirn, das ihnen unumwunden
Vorlage S. 704 1054 Aufträgt, annoch der Nacht sich zu gesellen,
Vorlage S. 704 1055 Und nicht durch Schaun das Herz mehr zu verwunden;
Vorlage S. 704 1056 Das, wie ein Fürst, der auf dem Throne bebt,
Vorlage S. 704 1057 Auf ihren Antrieb dumpf Gestöhn erhebt:
Vorlage S. 704 1058 Worauf die Schar der Untertanen zittert,
Vorlage S. 704 1059 Wie wenn der Wind aus unterird'schen Höhlen
Vorlage S. 704 1060 Vorbricht, die Erde bis zum Grund erschüttert,
Vorlage S. 704 1061 Und kalte Furcht gießt in der Menschen Seelen.
Vorlage S. 706 1062 Derart packt dieser Aufruhr alle Glieder:
Vorlage S. 706 1063 Hervor auch springen ihre Augen wieder;
Vorlage S. 706 1064 Ach, und erleuchten, gegen ihr Geheiß,
Vorlage S. 706 1065 Die weite Wunde, die das Schwein ergrimmt
Vorlage S. 706 1066 Schlug seiner Seite, deren Lilienweiß
Vorlage S. 706 1067 In seiner Wunde Purpurtränen schwimmt.
Vorlage S. 706 1068 Kein Laub ist nah, kein Blümchen weichgemutet,
Vorlage S. 706 1069 Das nicht sein Blut stahl, und nun mit ihm blutet.
Vorlage S. 706 1070 Wahrnimmt dies ernste Mitgefühl die Arme;
Vorlage S. 706 1071 Auf eine Schulter müde hängt ihr Haupt sie;
Vorlage S. 706 1072 Wild gibt sie hin sich ihrem Liebesharme;
Vorlage S. 706 1073 Er ist nicht tot, er kann nicht sterben, glaubt sie.
Vorlage S. 706 1074 Ihr Mund verstummt, ihr Fuß versagt den Gang,
Vorlage S. 706 1075 Ihr Aug' ist toll, dass es geweint bislang.
Vorlage S. 706 1076 So fest auf seine Wunde nun, die eine,
Vorlage S. 706 1077 Heftet den Blick sie, bis sie dreie schaut;
Vorlage S. 706 1078 Schilt dann ihr metzelnd Auge, das, wo keine
Vorlage S. 706 1079 Sein sollte, zwei noch zu der ersten haut;
Vorlage S. 706 1080 Sein Antlitz zwiefach, doppelt jedes Glied,
Vorlage S. 706 1081 Weil, trübt das Hirn sich, fehl der Blick auch sieht.
Vorlage S. 706 1082 »Nicht find' ich Worte, einen nur zu klagen,
Vorlage S. 706 1083 Und dennoch«, ruft sie, »liegen tot hier zwei!
Vorlage S. 706 1084 Verhaucht mein Seufzen, Tränen auch versagen,
Vorlage S. 706 1085 Mein Aug' ward Feuer, und mein Herz ward Blei.
Vorlage S. 706 1086 Schmilz, Blei der Brust, an Auges glüh'nder Röte,
Vorlage S. 706 1087 Dass heiß Verlangen tröpfelnd so mich töte!
Vorlage S. 706 1088 Welt, was verlorst du! Wo jetzt noch am Leben
Vorlage S. 706 1089 Ein Antlitz, wert, dass Blicke auf ihm ruhn?
Vorlage S. 706 1090 Wer spricht Musik jetzt? Was kannst du erheben
Vorlage S. 706 1091 Wie des Vergangnen, so des Künft'gen nun?
Vorlage S. 706 1092 Süß sind die Blumen, bunt, der Augen Labe –
Vorlage S. 706 1093 Doch echte Schönheit ging mit ihm zu Grabe!
Vorlage S. 706 1094 Dass niemand fürder Hut noch Schleier trage!
Vorlage S. 707 1095 Nicht Wind, nicht Sonne halt' euch je zu Haus!
Vorlage S. 707 1096 Wer Schönheit zu verlieren hat, der zage –
Vorlage S. 707 1097 Euch pfeift der Wind, euch lacht die Sonne aus!
Vorlage S. 707 1098 Als er noch war, da freilich galt es beiden,
Vorlage S. 707 1099 Ihn seiner Schönheit diebisch zu entkleiden!
Vorlage S. 707 1100 Und darum setzt' er auf auch seinen Hut: –
Vorlage S. 707 1101 Gleich kam' die Sonn', ihm untern Rand zu scheinen;
Vorlage S. 707 1102 Der Wind entführt' ihn, spielend mit der Flut
Vorlage S. 707 1103 Der Locken; dann, sahn sie Adonis weinen,
Vorlage S. 707 1104 Aus Mitleid strebten beide um die Wette,
Vorlage S. 707 1105 Wer sein Gesicht zuerst getrocknet hätte.
Vorlage S. 707 1106 Dass er sein Antlitz sehe, barg der Leu
Vorlage S. 707 1107 Sich im Gebüsch, ihn ja nicht zu erschrecken;
Vorlage S. 707 1108 Der Tiger, wenn er sang, ward zahm und scheu,
Vorlage S. 707 1109 Und lauschte seinem Liede durch die Hecken;
Vorlage S. 707 1110 Der Wolf verließ die Beute, wenn er sprach,
Vorlage S. 707 1111 Und ungefährdet blieb das Lamm den Tag.
Vorlage S. 707 1112 Wenn seinen Schatten er im Bache sah,
Vorlage S. 707 1113 Umschwammen ihn mit goldnem Schein die Fische;
Vorlage S. 707 1114 So freuten sich die Vögel, war er nah,
Vorlage S. 707 1115 Dass ein'ge sangen, andre gar ihm frische
Vorlage S. 707 1116 Maulbeeren brachten: – wie er sie ging nähren
Vorlage S. 707 1117 Mit seinem Anblick, so sie ihn mit Beeren.
Vorlage S. 707 1118 Doch dieser Schnöde mit dem borst'gen Bug,
Vorlage S. 707 1119 Der niederblickend immer sucht ein Grab,
Vorlage S. 707 1120 Sah nie die Tracht der Schönheit, die er trug:
Vorlage S. 707 1121 Zeugnis der Willkomm, den er wild ihm gab!
Vorlage S. 707 1122 Kannt' er sein Antlitz – traun, er hätt' ihn küssen
Vorlage S. 707 1123 Und so allein den Ärmsten töten müssen.
Vorlage S. 707 1124 's ist wahr! 's ist wahr! so muss ich ihn betrauern!
Vorlage S. 707 1125 Mit scharfem Speer vorrannt' er auf den Grimmen;
Vorlage S. 707 1126 Der aber gab nicht Antwort mit den Hauern:
Vorlage S. 707 1127 Durch einen Kuß dacht' er ihn umzustimmen,
Vorlage S. 708 1128 Ach, und begrub, täppisch in Liebeswahn,
Vorlage S. 708 1129 In des Geliebten Weiche seinen Zahn.
Vorlage S. 708 1130 Wär' ich gezahnt gewesen gleich dem Schweine:
Vorlage S. 708 1131 Ich selber war's, die küssend ihn erschlug!
Vorlage S. 708 1132 Doch er ist tot, und nie beglückt er meine
Vorlage S. 708 1133 Mit seiner Jugend – so erst recht mein Fluch!«
Vorlage S. 708 1134 Mit dem zu Boden fällt sie, lang gestreckt,
Vorlage S. 708 1135 Dass sein geronnen Blut ihr Antlitz fleckt.
Vorlage S. 708 1136 Sie sieht auf seinen Mund, und der ist blass;
Vorlage S. 708 1137 Sie nimmt ihn bei der Hand, und die ist kalt;
Vorlage S. 708 1138 Sie flüstert in sein Ohr, ich weiß nicht was,
Vorlage S. 708 1139 Als hört' es noch, was ihrer Brust entschallt;
Vorlage S. 708 1140 Hebt seine Augenlider – ach, und sieht,
Vorlage S. 708 1141 In Nacht zwei Lampen, dunkel, ausgeglüht:
Vorlage S. 708 1142 Zwei Spiegel, drin sie selber tausendmal
Vorlage S. 708 1143 Sich selber sah, blind und erloschen jetzt;
Vorlage S. 708 1144 Hin ihre Tugend, hin ihr lichter Strahl,
Vorlage S. 708 1145 All' ihre Schönheit außer Kraft gesetzt.
Vorlage S. 708 1146 »Du Wunder«, spricht sie, »das ist mein Verdruss,
Vorlage S. 708 1147 Dass, nun du tot, der Tag noch hell sein muss.
Vorlage S. 708 1148 Seitdem du tot, ist Leid der Liebe Frucht
Vorlage S. 708 1149 Jetzt und für immer – hör' es mich verkünden!
Vorlage S. 708 1150 Begleitet wird sie sein von Eifersucht,
Vorlage S. 708 1151 Wird süßen Anfang, bittres Ende finden;
Vorlage S. 708 1152 Fallend und steigend, nie auf ebner Höh',
Vorlage S. 708 1153 Wird all ihr Glück nicht gleich sein ihrem Weh.
Vorlage S. 708 1154 Falsch wird sie sein, voll Unbeständigkeit;
Vorlage S. 708 1155 Wird blühn und welken, wie man Atem zieht;
Vorlage S. 708 1156 Ein Gift, mit Süßigkeiten überstreut,
Vorlage S. 708 1157 Durch die das wahrste, schärfste Aug' nicht sieht;
Vorlage S. 708 1158 Den Stärksten allermeist wird sie zum Schwachen,
Vorlage S. 708 1159 Den Weisen stumm, den Toren redend machen.
Vorlage S. 708 1160 Bald zimperlich, bald wieder ausgelassen,
Vorlage S. 708 1161 Wird sie das Alter noch im Takte springen,
Vorlage S. 708 1162 Wird sie den Raufbold fügsam werden lassen,
Vorlage S. 708 1163 Wird Reiche plündern, Armen Schätze bringen;
Vorlage S. 708 1164 Toll wird sie sein, mild dann und albern lind:
Vorlage S. 708 1165 Wer jung, wird alt durch sie; wer alt, ein Kind.
Vorlage S. 708 1166 Wo gar kein Grund ist, wird sie Argwohn hegen,
Vorlage S. 708 1167 Und wo der größte, wird sie blind vertrauen;
Vorlage S. 708 1168 Wird huldvoll sein und wird der Strenge pflegen;
Vorlage S. 708 1169 Wird, Wahrheit heuchelnd, Lug und Tücke brauen;
Vorlage S. 708 1170 Wird Arglist einen mit der Neigung Schein,
Vorlage S. 708 1171 Der Kühnheit Furcht, dem Feigen Mut verleihn.
Vorlage S. 708 1172 Ursache wird sie sein von grausen Kriegen,
Vorlage S. 708 1173 Von wüster Tat, von Sohn- und Vaterzwist;
Vorlage S. 708 1174 Wird dienstbar sein jedwedem Mißvergnügen,
Vorlage S. 708 1175 Wie trockner Brennstoff es dem Feuer ist;
Vorlage S. 708 1176 Nie, seit der Tod mein Lieb mir weggediebt,
Vorlage S. 708 1177 Sei froh der Liebe, wer am besten liebt.«
Vorlage S. 708 1178 Um diese Zeit, gleichwie ein Rauch, zerfloß
Vorlage S. 708 1179 Der tote Knab', und ward nicht mehr entdeckt;
Vorlage S. 708 1180 Und aus dem Blute, das umher stand, schoss
Vorlage S. 708 1181 Auf eine Purpurblume, weiß gefleckt.
Vorlage S. 708 1182 Ganz seinen Wangen glich sie und dem Blute,
Vorlage S. 708 1183 Das rund in Tropfen auf den weißen ruhte.
Vorlage S. 708 1184 Sie neigt ihr Haupt der Neugebornen zu,
Vorlage S. 708 1185 Und meint, sein Odem weh' in ihrem Duft;
Vorlage S. 708 1186 Und sagt: »An meinem Busen wohne du,
Vorlage S. 708 1187 Da mir ihn selber nahm der Herr der Gruft.«
Vorlage S. 708 1188 Sie bricht den Stiel, und in dem Bruche zeigt
Vorlage S. 708 1189 Sich grüner Saft, den Tränen sie vergleicht.
Vorlage S. 708 1190 »Du Arme«, spricht sie, »ja, das war sein Brauch,
Vorlage S. 708 1191 Du eines süßern Vaters süße Tochter:
Vorlage S. 708 1192 Um jeden kleinen Kummer floss sein Aug';
Vorlage S. 708 1193 Nur, wie er war, auf's neue werden mocht' er!
Vorlage S. 710 1194 So möchtest du! Doch welkt sich's eben gut
Vorlage S. 710 1195 An meiner Brust, wie dort in seinem Blut.
Vorlage S. 710 1196 Hier war sein Lager! diese Brust! – Du bist
Vorlage S. 710 1197 Der nächste Erbe, du sollst an ihr liegen!
Vorlage S. 710 1198 Es ist dein Recht! ruh' hier zu jeder Frist!
Vorlage S. 710 1199 Mein pochend Herz soll Tag und Nacht dich wiegen;
Vorlage S. 710 1200 Kein Augenblick in einer Stunde müsse
Vorlage S. 710 1201 Vergehen, dass ich seine Blum' nicht küsse.«
Vorlage S. 710 1202 So, satt der Welt, eilt sie davon, und schirrt
Vorlage S. 710 1203 Die Silbertauben vor den leichten Wagen,
Vorlage S. 710 1204 Durch deren Schnelle sie gezogen wird
Vorlage S. 710 1205 Hin durch den leeren Raum – rasch so getragen
Vorlage S. 710 1206 Nach Paphos' Hain, in dessen Dunkel still
Vorlage S. 710 1207 Und ungesehn sie sich einmauern will.
Vorlage S. 710