Zum Inhalt springen

Buch - Tom Sawyer im Luftballon - Mark Twain

Aus MOOCsWiki Staging

← Bücher-Welt

Deutsche Übersetzung · Lesefassung

Tom Sawyer im Luftballon

Twain, Mark

Tom, Huck und Jim geraten mit einem fremden Erfinder in einen Luftballon und reisen über den Atlantik bis nach Afrika. Ihr Streit über Karten, Entfernungen und kulturelle Vorstellungen macht das phantastische Abenteuer zugleich zu einer Satire auf voreilige Gewissheiten.

AbenteuerromanKlasse 7–8 · 9–10 · 11–1313 Abschnitte
Porträt von Mark Twain
Porträt von Mark Twain — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · A.F. Bradley, New York · Public domain Bildquelle ↗

Deutsche Übersetzung: Conrad, Heinrich, Jacobi, Margarete

Hinweise für den Unterricht
  • Die historische Übersetzung enthält rassistische Bezeichnungen im Kontext von Sklaverei und Kolonialismus. Diese Sprache gemeinsam kritisch einordnen; die Klassenangabe ist eine redaktionelle Orientierung.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 13

Erstes Kapitel.

1
Tom Sawyer im Luftballon.
2
Erstes Kapitel.
3
War nun Tom Sawyer zufrieden nach all seinen Abenteuern? Ich meine die Abenteuer auf dem Fluss, als wir den Nigger Jim frei machten und Tom den Schuss ins Bein kriegte.[1]
4
[1] Humor. Schriften, Bd. 2 (Fahrten des Huckleberry Finn).
5
Nein, er war nicht zufrieden! Es fraß an ihm, er wollte nur noch mehr. Ja, als wir drei auf dem Fluss zurückkamen von unserer langen Reise, in voller Glorie – so kann man wohl sagen – und als das Städtchen uns mit einem Fackelzug und mit Ansprachen und mit allgemeinem Hurra und Jubelgeschrei empfing, – ja, da waren wir Helden, und darnach war ja Tom Sawyers Sehnsucht immer gestanden.
6
Eine Zeitlang war er denn auch wirklich zufrieden. Alle Leute feierten ihn, und er trug seine Nase hoch und ging mit einer Miene im Städtchen herum, als ob es ihm ganz allein gehörte. Einige nannten ihn ›Tom Sawyer den Reisenden‹, und dieser Titel machte ihn so aufgeblasen, dass er beinahe geplatzt wäre. Natürlich stand er ganz anders da, als ich und Jim, denn wir waren ja auf einem gewöhnlichen Floß stromabwärts gefahren und nur stromauf mit dem Dampfer, Tom aber hatte den Hin- sowohl wie den Rückweg auf dem Dampfboot gemacht. Die Jungens beneideten Jim und mich nicht wenig, aber vor Tom – ach, du liebe Zeit, da krochen sie geradezu im Staube.
7
Vielleicht wäre nun Tom doch zufrieden gewesen, wäre nur nicht der alte Nat Parsons dagewesen. Das war der Postmeister, ein riesenlanger und dünner, gutmütiger und ein bisschen beschränkter Mann, mit ganz kahlem Kopf – denn er war schon sehr alt – und so ziemlich das schwatzhafteste alte Geschöpf, das ich je gesehen habe. Volle dreißig Jahre lang war er im Städtchen der einzige berühmte Mann gewesen; berühmt war er als Reisender, und natürlich war er über alle Maßen stolz darauf, und man hatte ihm nachgerechnet, dass er im Lauf der dreißig Jahre mehr als eine Million Male die Geschichte von seiner Reise erzählt und jedesmal wieder selber eine kindliche Freude daran gehabt hatte. Und nun kommt da auf einmal ein Bengel von noch nicht fünfzehn, und jedermann reißt Mund und Augen auf über dessen Reisen! Natürlich brachte das den alten Herrn außer Rand und Band. Es machte ihn ganz krank, wenn er mit anhören musste, wie Tom erzählte und wie die Zuhörer dabei fortwährend riefen: »Ach Herrjeh,« »Nee, aber so was!« »Ach du himmlische Barmherzigkeit!« usw. usw. Aber trotzdem musste er immer wieder zuhören; er war wie die naschhafte Fliege, die mit einem Hinterbein in der Sirupschüssel festsitzt Und jedesmal, wenn Tom eine Pause machte, dann fing der arme alte Herr von seiner abgedroschenen alten Reise an und quälte sich ab, sie so recht zur Geltung zu bringen – aber sie war wirklich schon zu abgedroschen und zog nicht mehr, und es konnte einem wirklich leid tun, wenn man’s mit ansah. Dann kam Tom wieder an die Reihe und dann wiederum der Alte – und so fort, und so fort, eine Stunde lang und noch länger, und jeder wollte immer den andern übertrumpfen.
8
Mit Parsons Reise verhielt es sich so: Als er eben die Postmeisterstelle gekriegt hatte und noch ein ganz grüner Neuling war, da kam eines schönes Tages ein Brief für jemand, den er nicht kannte, denn einen Mann mit solchem Namen gab’s im Städtchen überhaupt nicht. Er wusste denn nun absolut nicht, was er anfangen sollte, und so lag denn der Brief da, von einer Woche zur andern, bis der bloße Anblick dem Postmeister übel machte. Das Porto für den Brief war nicht bezahlt und das war ebenfalls ein Grund zu Sorgen. Wie sollte er denn nur die 10 Cents einziehen? Und dann, wer konnt’s wissen, vielleicht machte die Regierung ihn verantwortlich dafür und setzte ihn ab, weil er das Strafporto nicht eingezogen hatte …
9
Zuletzt konnte er’s einfach nicht länger aushalten; er konnte nachts nicht mehr schlafen, konnte nicht mehr essen und war zu einem Schatten abgemagert. Trotzdem wagte er’s nicht, jemand um Rat zu fragen; denn der Ratgeber konnte ja womöglich hinterlistig sein und der Regierung die Geschichte von dem Brief mitteilen. Er hatte den Brief unter dem Fußboden versteckt, aber auch das half nichts. Wenn zufällig mal jemand auf der betreffenden Stelle stand, so bekam der Postmeister eine Gänsehaut; schwarzer Verdacht bemächtigte sich seiner und er blieb auf, bis die Stadt still und dunkel war; dann schlich er sich an die Stelle und holte den Brief wieder hervor und verbarg ihn an einem andern Platz. Natürlich wurden die Leute scheu und schüttelten die Köpfe und flüsterten allerlei, denn aus seinen Blicken und Bewegungen schlossen sie, er hätte einen Menschen totgeschlagen oder sonst irgend was Fürchterliches begangen – und wäre er ein Fremder gewesen, so hätte man ihn gelyncht.
10
Also, wie gesagt, er konnte es nicht länger aushalten, und so beschloss er denn in seinem Sinn, er wollte nach Washington machen und geraden Wegs zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gehen und frei von der Leber weg sprechen und den Brief herausholen und ihn vor der ganzen Regierung offen hinlegen und sagen:
11
»So! da ist er! Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Aber der Himmel ist mein Zeuge: ich bin unschuldig und verdiene nicht die volle Schwere der gesetzlichen Strafe, und ich lasse eine Familie zurück, die ohne mich Hunger leiden muss und doch gar nichts mit der Geschichte zu tun gehabt hat. Und das ist die reine Wahrheit und darauf kann ich einen Eid leisten!«
12
Gedacht, getan. Er fuhr ein Stückchen mit dem Dampfer und ein Stückchen mit der Postkutsche, aber den ganzen übrigen Teil der Reise machte er zu Pferde, und er brauchte drei Wochen bis Washington. Er sah viele Länder und unzählige Dörfer und vier große Städte. Acht Wochen lang war er fort und nie zuvor war in unserem Städtchen[2] ein Mann so stolz wie er, als er nun wieder daheim war. Durch seine Reisen war er der größte Mann in der ganzen Gegend geworden; von keinem hatte man je so viel gesprochen; dreißig Meilen weit kamen die Leute angereist, ja sogar von Illinois her, bloß um ihn zu sehen – und da standen sie dann und glotzten ihn an und er plapperte. So was war noch niemals dagewesen.
13
[2] Hannibal am Mississippi.
14
Nun war denn natürlich die Frage, wer der größte Reisende sei: Nat oder Tom. Einigkeit war darüber nicht zu erzielen; die einen sagten, Nat wäre es, die anderen schworen auf Tom. Jedermann gab zu, dass Nat dem jüngeren Nebenbuhler in der Länge der Reise über war, aber dafür war Tom denn doch in einem ganz anderen Klima gewesen. Die Wage hielt so ziemlich das Gleichgewicht. Jeder von den beiden musste deshalb seine gefährlichsten Abenteuer in die Wagschale werfen. Die Kugel in Toms Bein war für Nat sozusagen eine harte Nuss zu knacken, aber Nat knackte, so gut er konnte. Er war jedoch dabei entschieden im Nachteil, denn Tom saß nicht still, wie er eigentlich hätte tun sollen, sondern er hinkte fortwährend im Zimmer herum, während Nat das Abenteuer ausmalte, das er seiner Zeit in Washington gehabt hatte. Tom hinkte nämlich noch, als seine Wunde schon längst wieder heil war; er übte sich nachts in seiner Schlafstube im Hinken und konnte es daher natürlich großartig.
15
Mit Nats Abenteuer nun verhielt es sich folgendermaßen: Ob die Geschichte ganz wahr ist, das weiß ich nicht; vielleicht hatte er sie in einer Zeitung gelesen oder sonstwo aufgeschnappt; aber das muss ich sagen: er verstand sie zu erzählen! Es schauerte einem durch alle Glieder und der Atem stand einem still, wenn er sie vortrug, und Frauen und Mädchen wurden manchmal so blass und schwach dabei, dass sie gar nicht mehr wussten, wo sie hin sollten. So gut ich’s vermag, will ich ihm die Geschichte nacherzählen:
16
Er kommt also nach Washington und stellt sein Pferd ein und holt seinen Brief heraus und fragt nach dem Weg zu des Präsidenten Haus. Man sagt ihm, der Präsident sei auf dem Kapitol und wolle nach Philadelphia reisen – keine Minute sei zu verlieren, wenn er ihn noch sprechen wolle. Nat fiel beinahe in Ohnmacht, so schlecht wurde ihm zumute. Sein Pferd stand abgesattelt im Stall; was sollte er nun bloß anfangen? Aber gerade in dem Augenblick kommt ein Nigger mit seiner alten rumpligen Droschke vorbeigefahren. Sofort erfasst Nat die Situation; er stürzt auf die Straße und schreit:
17
»’nen halben Dollar, wenn du mich in ’ner halben Stunde nach dem Kapitol fährst, und ’n viertel extra, wenn du’s in zwanzig Minuten machst!«
18
»Schön!« sagt der Nigger.
19
Nat also springt in die Droschke und schmeißt den Schlag zu, und los geht’s holterdipolter über das fürchterlichste Pflaster, das man sich denken kann, und das Gerumpel und Geratter war geradezu schauerlich. Nat steckt die Arme durch die Halteriemen und hält sich aus Leibeskräften fest, aber nicht lange, da stößt die Karre an einen großen Stein, und fliegt, hops!, hoch in die Luft empor und der Boden fällt heraus, und als die Droschke wieder unten ist, da sind Nats Füße auf dem Grund und er sieht sofort, dass er in verzweifelter Lage ist, wenn er nicht so schnell laufen kann, wie die Droschke fährt. Er hatte einen fürchterlichen Schreck bekommen, aber er ging mit aller Macht ins Zeug und hielt sich an den Armriemen und streckte die Beine, dass es eine Art hatte. Er schrie und rief dem Kutscher zu, er sollte halten, und alle Menschen auf der Straße schrieen ebenfalls, denn sie sahen unter dem Wagen seine dünnen Beine entlang wirbeln und durch die Fenster seinen Kopf und seine Schultern immer auf und nieder fahren, und merkten, dass er in fürchterlicher Gefahr war. Aber je mehr sie riefen, desto lauter kreischte und gröhlte der Nigger und hieb auf die Pferde los und rief: »Habben keine Bange nich der Herr; gemachen muss es werden und ich machen’s!«
20
Denn natürlich dachte er, sie wollten ihn zum Schnellfahren antreiben, und von Nats Rufen konnte er vor dem Geratter nichts hören. Und so ging es denn, hast du nicht gesehen, immer weiter, und den Leuten, die es sahen, standen die Haare zu Berge. Und als sie schließlich beim Kapitol ankamen, da war’s die schnellste Fuhre, die je ’ne Droschke gemacht hat, das sagten alle. Die Pferde waren ganz matt und Nat troff vor Schweiß und war wie gerädert, und er war voll Staub, die Kleider hingen in Fetzen an seinem Leibe und seine Stiefel hatte er verloren. Aber er war zur rechten Zeit da, und zwar gerade noch im allerletzten Augenblick. Er kam vor den Präsidenten und gab ihm den Brief und alles war in schönster Ordnung. Der Präsident begnadigte ihn auf der Stelle und Nat gab dem Nigger drei Vierteldollars extra statt nur eines; denn das sah er ja ein, hätte er nicht die Droschke gehabt, so hätte er auch nicht annähernd zur rechten Zeit kommen können.
21
Es war tatsächlich ein großes Abenteuer, und Tom Sawyer musste sich alle Mühe geben, um mit seiner Kugelwunde dagegen aufzukommen.
22
Nun, wie’s so geht, nach und nach verblaßte Toms Ruhmesglanz, denn es kamen andere Gesprächsstoffe auf, worüber die Leute schwatzen konnten: erst ein Wettrennen, und dann eine Feuersbrunst, und dann der Zirkus, und darauf die Sonnenfinsternis; und diese brachte dann, wie es meistens der Fall ist, eine Wiederbelebung der Frömmigkeit zuwege, und so war denn von Tom nicht mehr viel die Rede, und das machte ihn ganz krank und vergällte ihm alle Freude am Leben.
23
Es dauerte nicht lange, so war er den ganzen Tag verdrießlich und reizbar und wenn ich ihn fragte, warum er denn nur in solcher Stimmung sei, dann antwortete er, es bräche ihm beinahe das Herz, wenn er daran dächte, wie die Zeit verränne und dass er immer älter und älter würde, ohne dass ein Krieg ausbräche und er auch nur die geringste Menschenmöglichkeit sähe, sich einen Namen zu machen. So denken ja nun freilich alle Jungen, aber er war der erste, den ich diese Gedanken frei und offen aussprechen hörte. Er sann also Tag und Nacht auf einen Plan, wie er berühmt werden könnte. Bald hatte er denn auch einen und er bot Jim und mir an, an seinem Ruhme teil zu nehmen. In dieser Hinsicht war Tom Sawyer immer edelmütig. Viele Jungen sind über die Maßen gut und freundlich, wenn einer was Gutes hat, aber wenn sie selber mal was Gutes kriegen, dann sagen sie einem kein Wort davon und versuchen es für sich allein zu behalten. So war Tom Sawyer niemals, das kann ich ihm wohl nachsagen. Viele Jungen schlängeln sich an einen heran, wenn man einen Apfel hat und bitten einen um das Kernhaus. Aber wenn sie dann selber einen haben, und man bittet sie um’s Kernhaus und erinnert sie daran, dass man ihnen auch ’mal ein Kernhaus gegeben hat – jawohl, da heißt’s ›Prost die Mahlzeit‹, aber vom Kernhaus sieht man nichts. Da kann man sich den Mund wischen.
24
Wir gingen in das Gehölz auf dem Berg, und Tom sagte uns, was es war. Es war ein Kreuzzug.
25
»Was ist ein Kreuzzug?« fragte ich.
26
Tom sah mich geringschätzig an, wie er’s immer tut, wenn ihm jemand leid tut. Dann sagte er:
27
»Huck Finn, du willst doch nicht behaupten, dass du nicht weißt, was ein Kreuzzug ist?«
28
»Nee,« sag’ ich, »ich weiß es nicht. Und ich mache mir auch nichts daraus. Ich habe so lange gelebt und bin gesund gewesen, ohne es zu wissen. Aber so bald du mir es sagst, was es ist, dann weiß ich’s ja, und das ist früh genug. Ich sehe nicht ein, wozu ich mir Sachen austifteln und mir meinen Kopf damit vollpfropfen soll, wenn ich vielleicht niemals ’ne Gelegenheit habe, davon Gebrauch zu machen. Na, was ist denn also ein Kreuzzug? Aber eins kann ich dir zum Voraus sagen: wenn’s was zum Patentieren ist, da ist kein Geld mit zu machen. Bill Tompson …«
29
»Zum Patentieren?« rief Tom. »Hat man je so einen Schafskopf gesehen? Ein Kreuzzug ist eine Art von Krieg.«
Porträt von Mark Twain
Kontextbild zum Werk. Porträt von Mark Twain — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · A.F. Bradley, New York · Public domain Bildquelle ↗
30
Ich dachte, er hätte seinen Verstand verloren. Aber nein, er meinte es in vollem Ernst und fuhr ganz ruhig fort:
31
»Ein Kreuzzug ist ein Krieg, um das heilige Land von den Heiden zu erlösen.«
32
»Was für’n heiliges Land?«
33
»Na, das heilige Land – es gibt doch bloß eins.«
34
»Was sollen wir denn damit anfangen?«
35
»Nanu, begreifst du denn das nicht? Es ist in den Händen der Heiden, und ’s ist unsere Pflicht, es ihnen abzunehmen.«
36
»Warum haben wir’s ihnen denn überlassen?«
37
»Wir haben’s ihnen gar nicht überlassen. Sie haben es immer gehabt.«
38
»Ja, Tom, dann muss es aber doch ihnen gehören, nicht wahr?«
39
»Natürlich gehört es ihnen. Wer hat denn was anderes gesagt?«
40
Ich dachte über seine Worte nach, konnte aber nicht recht herausbekommen was er meinte. Ich sagte daher: »Das ist für mich zu hoch, Tom Sawyer. Wenn ich ’ne Farm hätte, und die wäre mein, und ein anderer wollte sie haben, wäre es dann recht, wenn er …«
41
»Ach, Quatsch, Huck Finn! Es handelt sich um keine Farm, es handelt sich um ganz was anderes. Höre mal zu, die Sache ist so: ihnen gehört das Land, aber bloß das Land und nichts weiter; aber wir, wir Juden und Christen, haben’s zum heiligen Land gemacht und darum haben sie dort gar nichts zu suchen. Es ist ’ne wahre Schande und wir können es keine Minute länger dulden. Wir sollten gegen sie ausziehen und es ihnen wegnehmen.«
42
»Hm, die Sache kommt mir denn doch über alle Maßen verzwickt vor. Wenn ich ’ne Farm hätte und ein anderer …«
43
»Sagte ich dir nicht, es hat mit ’ner Farm gar nichts zu tun? Ein Farmer hat ein Geschäft, ein ganz gewöhnliches alltägliches Geschäft; weiter kann man darüber nichts sagen. Aber dies hier – das ist was Höheres – das ist Religion, also ganz was anderes.«
44
Jim schüttelte den Kopf und sagte:
45
»Massa Tom, gewiss sein da eine Irrung – ganz gewiss. Ich selber haben Relion und kennen viele andere mit Relion, aber nie haben ich gehört von so was.«
46
Darob wurde Tom hitzig und er rief:
47
»Wahrhaftig, so eine vernagelte Dummheit kann einen ja ganz krank machen! Wenn einer von euch beiden ’was von Weltgeschichte gelesen hätte, so würde er wissen, dass Richard Kördeloon und der Papst und Gottfried von Buloon und ’ne Masse andere höchst edelherzige und fromme Leute mehr als zweihundert Jahre lang auf die Heiden losgedroschen und losgehackt haben, um ihnen ihr Land wegzunehmen, und dass sie die ganze Zeit über bis an den Hals in Blut wateten – und hier erlauben sich ein paar Dummköpfe von Hinterwäldlern am Missouri die Anmaßung, besser als alle jene Helden wissen zu wollen, was Recht und was Unrecht an den Kreuzzügen gewesen sei. Quatscht ihr und der Deubel!«
48
Na, das ließ natürlich die Sache in einem ganz andern Licht erscheinen, und Jim und ich kamen uns recht gering und unbedeutend vor und wir dachten bei uns, wir hätten lieber nicht so vorlaut sein sollen. Ich konnte keine Worte finden und Jim brachte ’ne Zeit lang auch nichts heraus; endlich aber sagte er:
49
»Nu, so ich denken, alles sein in die Richte; denn wenn sie nix wussten, wie sollten wir arme dumme Leut’ versuchen, was zu wissen? Und so, wenn’s unsere Schuldigkeit is, nu, so müssen wir Werk in Hand nehmen und tun, was möglich sein. Aber die arme Heidenvolk tun mir leid. Sein es nix hart, Leut’ zu Tode zu machen, das man nie hat gesehen? Seh’ Sie, Massa Tom, das sein es! Aber dann …«
50
»Dann? wann dann?«
51
»Hem, Massa Tom, ich haben eine Gedank. Es tun nu mal nix helfen, wir können die arme Fremders nix zu Tode machen, was uns nie nix getan haben. Erst müssen wir uns in die Todmacherei üben, Massa Tom – jawoll, das müssen wir! jawoll, ich wissen, es gehen sonst nix. Wenn wir nu aber eine Beil nehm’ oder zwei, ich meinen bloß Sie, Massa Tom, un Jim un Huck, un husch husch über die Fluss, wann heut nacht die Mond nix mehr scheinen, un schlagen die kranke Leut’ tot da oben auf die Hügel un brennen ihre Haus nieder un …«
52
»O, ihr macht mir Kopfweh!« rief Tom, »Ich will mich auf gar keine Worte mehr mit Leuten wie du und Huck einlassen, die nie bei der Sache bleiben können und nicht mal’n Ding begreifen, das so gut und gesetzlich ist wie die schönste Theologie!«
53
Nun, das war aber nicht schön von Tom Sawyer! Jim meinte es doch nicht böse und ich auch nicht. Wir wussten vollkommen, dass er im Recht war und wir Unrecht hatten, und wir wollten ja bloß das ›Warum?‹ wissen und weiter nichts. Und wenn er’s nicht so auseinandersetzen konnte, dass wir’s verstanden, nun so lag das einzig und allein an unserer Unwissenheit; unwissend waren wir und ein bisschen gar zu schwer von Begriff auch, das leugne ich nicht. Aber, du lieber Gott, das ist doch kein Verbrechen!
54
Aber er wollte nun ’mal nichts mehr davon hören; sagte bloß, wenn wir die Sache richtig begriffen hätten, so hätte er ’n paar tausend Ritter aufgebracht und hätte sie von Kopf zu Fuß in Stahl gekleidet, und ich wäre Leutnant geworden und Jim sein Marketender. Und er selber hätte ’s Kommando übernommen und hätte die ganze Heidenwirtschaft ins Meer gefegt wie Fliegen und wäre als Sieger in einem Glorienschein wie Abendgold durch die Welt gegangen. Aber wir wüssten ja nicht mal so ’ne Gelegenheit zu benutzen, sagte er, und darum wollte er sie uns auch nicht wieder bieten. Und dabei blieb’s. Wenn er sich mal was in den Kopf gesetzt hatte, dann war nichts zu machen.
55
Aber darum ließ ich mir keine grauen Haare wachsen. Ich bin von friedfertiger Anlage, und was soll ich mich mit Leuten ’rumschlagen, die mir nichts zuleide tun? Ich dachte bei mir: wenn die Heiden zufrieden sind, mir solls Recht sein, und dabei wollen wir’s belassen.
56
Diese ganze Geschichte hatte sich Tom aus dem Buch von Walter Scott, worin er immer las, in den Kopf gesetzt. Und es war ’ne wilde Sache, denn meiner Meinung nach hätte er die Ritter nicht zusammengebracht, und wenn schon, so hätte er höchst wahrscheinlich mit samt all seinem Kriegsvolk Klopfe gekriegt. Ich machte mich nachher auch über das Buch her und las es von A bis Z, und, soweit ich daraus klug werden konnte, hatten die meisten Leute, die ihre Bauernhäuser verließen und auf die Kreuzzüge gingen, nicht gerade ein sanftes Leben davon!

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Und nun kommt da auf einmal ein Bengel von noch nicht …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deshalb« in diesem Textausschnitt? »Jeder von den beiden musste deshalb seine gefährlichsten Abenteuer in die Wagschale werfen.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

5. Welcher Ausschnitt enthält eine ausdrückliche Verneinung oder einen Ausschluss? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Das war der Postmeister, ein riesenlanger und dünner, gutmütiger und ein bisschen beschränkter Mann, mit ganz kahlem Kopf – denn er war schon sehr alt – und so ziemlich das schwatzhafteste alte Geschöpf, das ich je gesehen habe.« B: »»Hm, die Sache kommt mir denn doch über alle Maßen verzwickt vor.« C: »Aber je mehr sie riefen, desto lauter kreischte und gröhlte der Nigger und hieb auf die Pferde los und rief: »Habben keine Bange nich der Herr; gemachen muss es werden und ich machen’s!««

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Es ist in den Händen der Heiden, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Es ist ’ne wahre […] und wir können es keine Minute länger dulden.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Hals in Blut wateten – und hier erlauben sich ein paar Dummköpfe von […] am Missouri die Anmaßung, besser als alle jene Helden wissen zu wollen, was Recht und was Unrecht an den Kreuzzügen gewesen sei«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Aber, du lieber Gott, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Alle Leute feierten ihn, und er trug seine Nase hoch und ging mit einer Miene im Städtchen herum, als ob es ihm ganz allein gehörte.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
Textstelle nachlesen ↗

2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Alle Leute feierten ihn, und er trug seine Nase hoch und ging mit einer Miene im Städtchen herum, als ob es ihm ganz allein gehörte.« und »Und er selber hätte ’s Kommando übernommen und hätte die ganze Heidenwirtschaft ins Meer gefegt wie Fliegen und wäre als Sieger in einem Glorienschein wie Abendgold durch die Welt gegangen.«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Aber je mehr sie riefen, desto lauter kreischte und gröhlte der Nigger und hieb auf die Pferde los und rief: »Habben keine Bange nich der Herr; gemachen muss es werden und ich machen’s!««. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
Textstelle nachlesen ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »War nun Tom Sawyer zufrieden nach all seinen Abenteuern?«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »die geringste Menschenmöglichkeit sähe, sich einen Namen zu machen«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Ich machte mich nachher auch über das Buch her und las es von A bis Z, und, soweit ich daraus klug werden konnte, hatten die meisten Leute, die ihre Bauernhäuser verließen und auf die Kreuzzüge gingen, nicht gerade ein sanftes Leben davon!«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Tom Sawyers neue Abenteuer – Tom Sawyer im Luftballon

Mark Twain; historische deutsche Übertragung Heinrich Conrad und Margarete Jacobi, Robert Lutz1903; Project Gutenberg eBook65346.

Quelltext und Ausgabe ↗ · Historical author and both named translators reviewed for Germany; source attribution retained. Lizenz

Originalsprache · Englisch

Vollständiger Originalwerktext mit unverändertem Wortlaut der benannten digitalen Ausgabe. Verlagsanzeigen, Archivhinweise und doppelte Verzeichnisse sind dokumentiert ausgeschlossen. Deutsche Übersetzung und Originalausgabe können unterschiedliche Kapitelgrenzen haben; keine Satzparität behauptet.

Twain, Mark: Tom Sawyer Abroad. Originaltext nach Project Gutenberg eBook91.

Autorschaft und Ausgabe: Twain, Mark

Originaltext und Ausgabe ↗ · Project Gutenberg · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.