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Buch - Phaidros - Platon

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Deutsche Übersetzung · Lesefassung

Phaidros

Platon

Sokrates und Phaidros sprechen außerhalb Athens über Liebe, Seele und die Kunst der Rede. Der Dialog fragt zugleich, welche Möglichkeiten lebendige Gespräche und geschriebene Texte für das Lernen besitzen.

Philosophischer DialogKlasse 11–135 Abschnitte
Platon – antike Büste
Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗

Deutsche Übersetzung: Georgii, Ludwig

Hinweise für den Unterricht
  • Historische philosophische, religiöse und naturkundliche Aussagen sowie zeitgebundene gesellschaftliche Wertungen kritisch einordnen. Diese Texte vermitteln keine heutigen wissenschaftlichen, medizinischen oder rechtlichen Handlungsempfehlungen. Klassenangaben sind eine redaktionelle Orientierung.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 5

Phaidros · Leseabschnitt 1

Redaktioneller Leseabschnitt innerhalb von „Phaidros“. Die zusätzliche Gliederung verändert weder Wortlaut noch Reihenfolge.

1
Platon
2
Phaidros
3
(Phaidros)
4
Sokrates · Phaidros
Vorlage S. 411
5
Sokrates: Mein lieber Phaidros, wohin denn und woher?
Vorlage S. 411
6
Phaidros: Von Lysias, o Sokrates, dem Sohne des Kephalos. Und nun gehe ich spazieren vor die Stadtmauer hinaus. Denn ich habe vom frühen Morgen an die ganze Zeit dort sitzend zugebracht. Dabei folge ich deinem und meinem Freund Akumenos und mache meine Spaziergänge auf der Straße; denn, versichert er, diese seien gesünder als in den bedeckten Hallen.
Vorlage S. 411
7
Sokrates: Und mit Recht sagt er das, mein Freund! – Also war Lysias, wie es scheint, in der Stadt?
Vorlage S. 411
8
Phaidros: Ja, beim Epikrates, dort im Morychischen Hause, neben dem Olympion.
Vorlage S. 411
9
Sokrates: Was war denn nun da der Zeitvertreib? Oder, versteht sich, Lysias hat euch von seinen Reden aufgetischt?
Vorlage S. 411
10
Phaidros: Du sollst's erfahren, wenn du so weit Muße hast, weiter zu gehen und zu hören.
Vorlage S. 411
11
Sokrates: Wieso? Glaubst du denn nicht, dass es mir mit Pindaros zu reden, auch über ein dringend Geschäft selbst gehe, deinen und des Lysias Zeitvertreib zu hören?
Vorlage S. 411
12
Phaidros: So gehe denn zu!
Vorlage S. 411
13
Sokrates: Und du magst reden!
Vorlage S. 411
14
Phaidros: Und gewiss, o Sokrates, wohl steht dir das Hören an. Denn die Rede, mit der wir uns die Zeit vertrieben, war, ich weiß selbst nicht auf welche Weise, eine Liebesrede. Lysias nämlich hat da von irgend einem der Schönen geschrieben, der versucht wird, nicht aber durch einen Liebhaber. Allein eben dies ist ja auch das Feine daran! Nämlich er sagt, man müsse sich lieber dem Nichtverliebten gefällig zeigen als dem Verliebten.
Vorlage S. 411
15
Sokrates: O der Edle! Dass er doch geschrieben hätte, man solle es einem Armen lieber als einem Reichen, und einem Älteren lieber als einem Jüngeren, und was sonst bei mir und den meisten von uns zutrifft! Ja, das wären einmal hübsche und gemeinnützige Reden! Ich freilich bin nun so begierig geworden zu hören, dass, wenn du auch, um deinen Spaziergang zu machen, bis nach Megara gingest und, wie Herodikos rät, an der Mauer angekommen wieder umkehrtest, ich dich doch nicht verlassen würde.
Vorlage S. 411
16
Phaidros: Wie sagst du, mein bester Sokrates? Glaubst du, was Lysias in vieler Zeit mit Muße verfasst hat, er, der Gewaltigste im Schreiben unter allen jetzt Lebenden, – das werde ich Laie aus dem Gedächtnis hersagen können auf eine seiner würdige Weise? Dazu fehlt mir doch noch vieles; wie wohl ich es lieber wollte als viel Gold.
Vorlage S. 411
17
Sokrates: O Phaidros, ich müsste ja mich selbst vergessen haben, wenn ich den Phaidros nicht kennte! Aber das ist denn beides nicht der Fall. Gar wohl weiß ich, dass der, wenn er eine Rede des Lysias hörte, sie nicht nur ein mal hörte, sondern dass er sie sich öfters und wiederholt sagen ließ, dieser aber ihm bereitwillig Folge leistete. Allein ihm war auch das nicht genügend, sondern zu guter Letzt hat er das Schriftchen zur Hand genommen und das, worauf er am meisten begierig war, noch nachgesehen. Und in diesem Geschäft vom frühen Morgen an sitzend, hat er sich endlich losgesagt, um einen Spaziergang anzutreten, so zwar, dass er, wie ich glaube, beim Hunde, die Rede schon auswendig wusste, wenn es nicht eine gar zu lange war. Vor die Stadtmauer hinaus aber nahm er seinen Weg, um sie einzuüben. Da begegnete er nun dem Manne, der an der Sucht, Reden zu hören, krank ist, und kaum hat er ihn erblickt, so freute er sich schon, dass er nun einen Mitschwärmer haben würde, und hieß ihn zugehen. Als ihn aber nun der Redenliebhaber zu reden bat, tat er spröde, als ob er gar nicht zu reden begehrte. Zu guter Letzt aber würde er, wenn einer nicht gutwillig hören wollte, noch Gewalt brauchen, um herzusagen. Du nun, o Phaidros, bitte ihn, dass er lieber jetzt schon tue, was er doch jedenfalls in Bälde tun wird!
Vorlage S. 411
18
Phaidros: Wahrhaftig, da ist es das Allerbeste für mich, eben zu sprechen, so gut ich kann; wirst du mich ja doch, wie du mir vorkommst, unter keinen Umständen loslassen, ehe ich, wie es auch gehen mag, rede.
Vorlage S. 411
19
Sokrates: Und ganz mit Wahrheit komme ich dir so vor.
Vorlage S. 411
20
Phaidros: Nun, ich will es denn so machen. Denn wirklich, o Sokrates, die Worte habe ich schlechterdings nicht auswendig gelernt; dagegen dem Sinn nach will ich so ziemlich alles, worin, wie er sagte, der Stand des Verliebten von dem des Nichtverliebten sich unterscheidet, in Umrissen eines nach dem anderen auseinandersetzen und dabei von vorn anfangen.
Vorlage S. 411
21
Sokrates: Ja, mein Schatz, aber erst, wenn du zuvor sehen lässt, was du da in der linken Hand hast unter dem Mantel. Denn ich vermute fast, du hast die Rede selbst. Wenn aber dies der Fall ist, so denke so von mir, dass ich dich zwar sehr liebe, aber wenn Lysias selbst zugegen ist, ganz und gar nicht gewillt bin, mich dir zum Einüben herzugeben. Wohlan denn, lass sehen!
Vorlage S. 412
22
Phaidros: Halt ein! Zunichte gemacht hast du mir die Hoffnung, o Sokrates, die ich hatte, meine Stärke an dir versuchen zu dürfen! – Aber wo willst du nun, dass wir niedersitzen und lesen?
Vorlage S. 412
23
Sokrates: Wir wollen hier abbiegend den Ilissos hinabgehn; dann können wir, wo es uns gut dünkt, in Ruhe uns niedersetzen.
Vorlage S. 412
24
Phaidros: Zum Glück, wie es scheint, bin ich gerade unbeschuht. Du bist es ja allezeit! Das Einfachste nun ist es für uns, die Füße benetzend das Wässerlein hinabzugehen, und auch nicht unangenehm ist es zumal in dieser Jahres- und Tageszeit.
Vorlage S. 412
25
Sokrates: So gehe zu und sieh dich zugleich um, wo wir uns niedersetzen können!
Vorlage S. 412
26
Phaidros: Nun, siehst du dort jene höchste Platane?
Vorlage S. 412
27
Sokrates: Wie sollte ich nicht?
Vorlage S. 412
28
Phaidros: Dort ist sowohl Schatten als auch ein mäßiger Luftzug, auch Rasen, um uns niederzusetzen oder, wenn wir lieber wollen, uns niederzulegen!
Vorlage S. 412
29
Sokrates: So magst du nur zugehen!
Vorlage S. 412
30
Phaidros: Sage mir, o Sokrates, erzählt man nicht, von hier aus irgendwo am Ilissos habe Boreas die Oreithyia geraubt?
Vorlage S. 412
31
Sokrates: So erzählt man.
Vorlage S. 412
32
Phaidros: Vielleicht also von hier aus? Gefällig wenigstens und rein und durchsichtig ist das Wässerlein anzusehen, und recht geeignet für Mädchen, an ihm zu spielen.
Vorlage S. 412
33
Sokrates: Nicht doch, sondern ungefähr zwei oder drei Stadien weiter unten, wo wir zum Heiligtum der Agra hinübergehen; auch ist dort irgendwo ein Altar des Boreas.
Vorlage S. 412
34
Phaidros: Das habe ich nicht genau gewusst. Aber sage, beim Zeus, o Sokrates, glaubst du, dass diese Sage wahr sei?
Vorlage S. 413
35
Sokrates: Nun, wenn ich's auch nicht glaubte, wie die Weisen, wäre ich darum doch nicht verlegen. Ich würde dann weise erörternd sagen, ein Windstoß des Boreas habe sie, wie sie mit der Pharmakeia spielte, über die nahen Felsen hinabgetrieben, und weil sie auf diese Art ums Leben gekommen, habe man erzählt, sie sei vom Boreas geraubt worden. [Oder vom Areiopagos aus, denn auch so wird die Sache wiedererzählt: sie sei von dort, nicht von hier ausgeraubt worden.] Ich aber, o Phaidros, halte nun dergleichen Dinge zwar im übrigen für etwas ganz Hübsches, dabei aber für die Sache eines sehr starken und sich gern abmühenden Geistes, der auch nicht eben glücklich zu preisen ist, nicht zwar in anderer Beziehung, aber weil er nach diesem notwendig die Gestalt der Hippokentauren zurechtbringen muss, und wieder die der Chimaira. Und dann strömt ein ganzer Pöbel von derartigen Gorgonen und Pegasen herbei, dazu die Haufen und Verlegenheiten gewisser anderer schwierigen und unbegreiflichen Wundernaturen; so dass, wenn einer ungläubig jedes einzelne auf das Wahrscheinliche zurückführen will, er sich mit einer etwas derb beschaffenen Weisheit befassen muss, die ihn viele Muße kosten wird. Ich jedoch habe dazu keineswegs Muße. Die Ursache hiervon, mein Lieber, ist diese: Noch immer bin ich nicht soweit, dem Delphischen Spruch gemäß mich selber zu kennen. Da scheint es mir nun lächerlich, solange man noch in dieser Hinsicht keine Erkenntnis hat, nach Anderweitigem zu sehen. Deshalb lasse ich denn derlei Dinge beiseite; indem ich aber das annehme, was darüber allgemein geglaubt wird, sehe ich, wie ich jetzt eben gesagt habe, nicht nach diesen Dingen, sondern nach mir selber, ob ich wohl auch so ein Tier sei, gar noch vielverschlungener und ungemütlicher als Typhon, oder ein sanfteres und einfacheres Lebewesen, das eines göttlichen und von Ungetümlichem freien Wesens von Natur teilhaftig ist. – Aber, mein Freund, ein Wort dazwischen, – war nicht dieses der Baum, zu dem du uns führen wolltest?
Vorlage S. 413
36
Phaidros: Ja, eben dieser.
Vorlage S. 413
37
Sokrates: Bei der Hera, freilich ein schöner Ruhepunkt! Diese Platane so dicht und weithin verzweigt und hoch, und des Gesträuches Höhe und schattiges Düster so überaus schön, und wie es gerade in voller Blüte steht, dass es den Ort mit dem süßesten Duft erfüllt! Und zudem fließt unter der Platane die gefälligste Quelle gar frischen Wassers, wie man es mit dem Fuße prüfend empfindet. Nach diesen Figuren und Bildern scheint hier auch ein Heiligtum einiger Nymphen und des Acheloos zu sein. Und willst du noch weiter beachten, wie lieblich und überaus angenehm ist das Wehen der Luft hier, deren sommerlicher Hauch sich helltönend in den Chor der Zikaden mischt! Das Allerfeinste aber ist der Rasen, gerade so sanft geneigt, um, wenn man sich niederlegt, das Haupt gar schön ruhen zu lassen. Ja, aufs beste hast du mich, den Fremdling, geführt, mein lieber Phaidros!
Vorlage S. 414
38
Phaidros: Aber, wirklich, o du Bewundernswürdiger, du erscheinst als ein ganz seltsamer Mensch. Denn geradezu, wie du sagst, einem Fremdling gleichst du, der sich herumführen lässt, nicht einem Einheimischen. So gar nicht kommst du aus der Stadt weder über die Grenze, noch, wie es scheint, gehst du auch nur über die Stadtmauer hinaus.
Vorlage S. 414
39
Sokrates: Halt mir's zu gut, mein Bester! Ich bin eben lernlustig. Die Felder und die Bäume nun wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt. Du jedoch hast, wie mir vorkommt, das Zaubermittel gefunden, mich zum Ausgehen zu bringen. Denn wie die Leute die hungernden Tiere dadurch führen, dass sie ihnen Laub oder irgend eine Frucht vorstreuen, so könntest du mich, indem du mir Schriftchen mit Reden vorhältst, sichtbar in ganz Attika herumführen, und wohin du sonst noch wolltest. Für jetzt aber gedenke ich, nun ich hier angekommen bin, mich niederzulegen; du aber nimm die Stellung ein, in der du am bequemsten lesen zu können glaubst, und lies!
Vorlage S. 414
Platon – antike Büste
Kontextbild zum Werk. Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
40
Phaidros: Höre denn!
Vorlage S. 414
41
»Meine Verhältnisse zwar kennst du nun, und, wie ich glaube, dass es uns vorteilhaft sei, wenn dieses geschieht, hast du gehört. Indessen sollte ich, wie ich billig erachte, mit dem, was ich bitte, darum noch nicht unglücklich sein, weil ich nicht gerade dein Liebhaber bin. Diese nämlich reut alsbald, was sie Gutes erzeigt, sobald sie ihre Begierde befriedigt haben; für jene aber gibt es keine Zeit, in der es ihnen zulässig wäre, anderen Sinnes zu werden. Denn nicht infolge einer Nötigung, sondern freiwillig, wie es ihnen in Betracht der eigenen Umstände am geratensten sein mag, erzeigen sie Gutes nach Maßgabe ihres Vermögens. Überdies bringen die Verliebten in Anschlag, was sie der Liebe wegen in ihren eigenen Angelegenheiten schlimm bestellt, wie das, was sie Gutes erzeigt haben, und indem sie noch hinzurechnen, was sie für Mühe gehabt haben, glauben sie, den Geliebten längst den gebührenden Dank erstattet zu haben. Den Nichtverliebten aber ist es nicht möglich, weder eine daher rührende Vernachlässigung der eigenen Umstände vorzuschützen, noch die gehabten Mühen in Anrechnung zu bringen, noch auch die Zerwürfnisse mit den Verwandten vorzurücken; so dass, da so vieles Schlimme für sie wegfällt, ihnen nichts übrigbleibt, als das gerne zu tun, durch dessen Leistung sie glauben, sich jenen gefällig zeigen zu können. Überdies, wenn es billig sein soll, dass man die Verliebten deswegen hoch schätze, weil sie versichern, denen, die sie lieben, am meisten freundlich gesinnt zu sein, und weil sie bereit seien, mit Worten und Werken, auch wenn sie mit anderen darum sich verfeinden, den Geliebten sich gefällig zu zeigen, – so ist, ob sie die Wahrheit reden, leicht daraus abzunehmen, dass sie alle diejenigen, in welche sie sich etwa später verlieben, höher als jene schätzen und, wenn es diesen gut dünkte, jenen sicher auch Böses tun werden. Indessen, ist es auch nur halbwegs vernünftig, einem Menschen so etwas zu gestatten, der ein Übel an sich hat, das zu beseitigen ein dessen Kundiger auch nicht einmal den Versuch machen würde? Denn, wie sie auch selbst zugeben, sind sie mehr krank als gesunden Sinnes, wissen auch, dass es mit ihrem Verstand schlimm steht, können sich aber eben nicht selbst beherrschen. Wie könnten sie daher, wenn es mit ihrem Verstande wieder gut steht, das für das Rechte halten, was sie in solchem Gemütszustand wollen? Ja, auch dürfte dir, wenn du unter den Verliebten den Besten auswählen wolltest, nur unter wenigen, wenn aber unter den übrigen den dir Passendsten, unter vielen die Wahl bleiben, so dass weit mehr Hoffnung vorhanden ist, unter den vielen den zu finden, der deiner Freundschaft würdig ist.
Vorlage S. 414
42
Sodann, wenn du dich vor der Stimme der öffentlichen Meinung fürchtest, es möchte dir, wo die Leute es erfahren, zum Schimpf gereichen, so ist es wohl natürlich, dass die Verliebten, welche glauben, dass auch andere Leute so eifersüchtig auf sie seien, wie sie es unter einander sind, sich versucht fühlen, davon zu sprechen, und eine Ehre darin suchen, vor jedermann zu zeigen, dass sie sich nicht vergeblich bemüht haben; die Nichtverliebten aber, weil sie Herr über sich sind, das wirklich Gute erwählen statt des Rühmens unter den Leuten. Überdies aber geschieht es notwendig, dass viele erfahren und sehen, wie die Verliebten den Geliebten nachgehen und sich dies eigentlich zum Geschäft machen, so dass sie glauben, wenn man sie sich mit einander unterreden sieht, sie gesellen sich Zusammen entweder wegen geschehener oder wegen beabsichtigter Befriedigung ihrer Begierde: den Nichtverliebten aber versuchen sie nicht einmal, wegen ihrer Gesellschaft einen Vorwurf zu machen, indem sie wissen, dass es manchmal notwendig ist, sich mit jemand zu unterreden, sei es aus Freundschaft oder sonst irgend eines Vergnügens wegen. Ja, und wenn dich Besorgnis anwandelt bei dem Gedanken, wie schwer es hält, dass eine Freundschaft von Dauer sei, und dass nun in anderen Fällen zwar bei entstehendem Zerwürfnis das Übel beide Teile gemeinsam treffe, hier aber, wo du das, was du am höchsten schätzest, preisgegeben, dir ein großer Schaden erwachse: so hast du wohl natürlich die Verliebten mehr zu fürchten. Denn gar vieles gibt es, was sie kränkt, und alles, glauben sie, gereiche zu ihrem Schaden. Daher sie auch die Geliebten von den Gesellschaften mit anderen Leuten abwendig zu machen suchen, weil sie fürchten, die, welche Vermögen besitzen, möchten sie durch ihr Geld überbieten, die Gebildeten aber es ihnen an Einsicht zuvortun; und wo jemand sonst ein Gut besitzt, dessen Einfluss suchen sie jedesmal zu begegnen. Überreden sie dich nun, dich mit diesen zu verfeinden, so machen sie, dass du ohne Freunde einsam stehst; wenn du aber, dein eigenes Interesse ins Auge fassend, es besser mit dir meinst als sie, so wirst du in Zerwürfnis mit ihnen geraten. Alle die aber, welche nicht gerade verliebt sind, sondern durch Tugend erlangen, was sie wünschen, werden andere Gesellschafter ohne Neid betrachten; vielmehr werden sie solche, welche sich nicht anschließen wollen, hassen, indem sie glauben, von diesen verächtlich angesehen zu werden, von jenen Gesellschaftern aber Nutzen zu ziehen. Und so ist weit mehr Hoffnung vorhanden, dass ihnen Freundschaft als Feindschaft aus diesem Verhältnis erwachsen werde.
Vorlage S. 416
43
Ja, viele von den Verliebten verlangen vorher nach dem sinnlichen Genuss, ehe sie den Charakter kennengelernt und über die sonstigen Umstände etwas in Erfahrung gebracht haben, so dass es unsicher ist, ob sie auch dann noch werden Freunde sein wollen, wenn sie ihre Begierde befriedigt haben; bei den Nichtverliebten aber, die erst, nachdem sie lange vorher gegenseitig Freunde gewesen, diesen Zweck erreichen, ist anzunehmen, dass das, was ihnen Genuss bereitet, ihre Freundschaft nicht verringern, sondern dass es ihnen ein Erinnerungspfand für Künftiges sein werde. Ja, es wird dir auch dazu verhelfen, besser zu werden, wenn du lieber mir als einem Liebhaber Gehör schenkst. Denn diese loben sowohl Reden als Handlungen auch dem wirklich Guten zuwider, teils weil sie besorgen, sie möchten sich verfeinden, teils weil ihre Erkenntnis wirklich selbst infolge der Begierde verschlechtert ist. Denn darin zeigt sich die Liebe! Sie bewirkt, dass den Unglücklichen auch das, was anderen Leuten keine Kränkung bereitet, niederschlagend erscheint, während sie die Glücklichen nötigt, dass auch dem, was des Vergnügens nicht wert ist, von ihnen Lob gespendet wird, so dass es weit mehr in der Ordnung ist, die Geliebten zu bemitleiden, als sie zu beneiden. Wenn du aber mir Gehör schenkst, so werde ich vorerst als dein Gesellschafter nicht die Lust des Augenblicks, sondern den Vorteil der Zukunft bedenken, nicht von Liebe überwältigt, sondern mich selbst beherrschend, auch nicht über Geringes starke Feindschaft erhebend, sondern selbst über Großes langsam einen kleinen Zorn äußernd, für Unabsichtliches Nachsicht habend, Absichtliches aber abzuwenden versuchend. Denn dieses sind die Kennzeichen einer auf lange Zeit dauernden Freundschaft. Wenn dir aber das Bedenken kommt, eine starke Freundschaft sei nicht möglich, wenn einer nicht gerade verliebt ist, so musst du beherzigen, dass wir dann auch weder unsere Söhne noch auch die Väter und die Mütter hoch schätzen, noch auch treue Freunde besitzen könnten, deren Verhältnis zu uns ja nicht in einer solchen Leidenschaft wurzelt, sondern in ganz anderen Lebensbeziehungen.
Vorlage S. 417
44
Überdies, – wenn man gerade den Bedürftigen am meisten sich gefällig zeigen soll, so ist es in der Ordnung, dass auch die anderen nicht den Besten, sondern den Mittellosesten Gutes erzeigen; denn von den größten Übeln erlöst, werden diese ihnen auch am meisten Dank wissen. Ja, auch zu ihren häuslichen Gastereien müssten sie billigerweise nicht die Freunde einladen, sondern die Bettelnden und der Sättigung Bedürftigen. Denn diese werden ihnen ergeben sein und ihnen nachgehen und vor ihre Türen kommen und am meisten Freude bezeigen und gar nicht kleinen Dank wissen und ihnen vieles Gute anwünschen. Aber gewiss ist es in der Ordnung, nicht denen, die sehr bedürftig sind, sich gefällig zu zeigen, sondern denen, die auch am meisten imstande sind, ihren Dank abzutragen, auch nicht denen, die nur verliebt, sondern denen, die der Sache wert sind, nicht solchen, die nur deine Jugendblüte genießen wollen, sondern denen, die dir auch, wenn du älter wirst, von ihren Gütern mitteilen werden; nicht denen, die, wenn sie ihren Zweck erreicht haben, gegen andere sich dessen rühmen, sondern die verschämt gegen jedermann Schweigen beobachten werden; nicht denen, die nur kurze Zeit sich Mühe geben, sondern die das ganze Leben hindurch in gleichem Maße Freunde sein werden; nicht denen, die, wenn sie ihre Begierde befriedigt haben, einen Vorwand zur Feindschaft suchen, sondern die, wenn die Zeit der Jugendblüte vorüber ist, dann ihre Tugend bewähren werden.
Vorlage S. 418
45
Du nun bleibe des Gesagten eingedenk und beherzige auch das noch, dass die Verliebten von ihren Freunden darüber zurechtgewiesen werden, als wäre ihre Lebensrichtung eine schlechte, während die Nichtverliebten noch nie einer ihrer Angehörigen getadelt hat, als ob sie deswegen sich selbst schlecht berieten. – Vielleicht aber möchtest du mich nun fragen, ob ich dich ermahne, allen Nichtverliebten dich gefällig zu zeigen? Indessen auch der Verliebte, glaube ich, wird dich nicht heißen, gegen alle Verliebten diese Gesinnung zu hegen. Denn das würde weder ihm, wenn er es vernünftig auffaßt, gleich dankenswert erscheinen, noch würde dir, wenn du es vor anderen Leuten verborgen haben willst, dieses ebenso möglich sein. Es soll aber daraus keinerlei Schaden, sondern Vorteil für beide erwachsen. – Ich nun denke, das Gesagte soll hinreichend sein; wenn du aber noch etwas vermissest, das du übergangen glaubst, so frage!«
Vorlage S. 418
46
Was dünkt dir von der Rede, o Sokrates? Nicht wahr, dass sie außerordentlich wie im übrigen, so besonders in den Ausdrücken gehalten ist?
Vorlage S. 419
47
Sokrates: Wundervoll, freilich, mein Freund, so dass ich ganz aufgeregt bin. Und zwar geriet ich deinetwegen, nämlich indem ich dich ansah, in diesen Zustand, o Phaidros, weil du mir während des Vorlesens über der Rede von Freude ganz zu glänzen schienst. Denn da ich der Ansicht bin, dass du in solchen Dingen mehr Erfahrung hast als ich, so folgte ich dir, und dir folgend ward ich auch verzückt mit dir, dem göttlichen Haupt!
Vorlage S. 419
48
Phaidros: Gut! So scherzest du also, wie es scheint?
Vorlage S. 419
49
Sokrates: Nun denn, zu scherzen scheine ich dir und nicht ganz ernsthaft zu sein?
Vorlage S. 419
50
Phaidros: Nicht doch, o Sokrates! Aber wahrhaftig, sage, beim Zeus der Freundschaft, glaubst du, dass irgend ein anderer der Hellenen anderes. Größeres und mehr als dieses über denselben Gegenstand zu sagen wüsste?
Vorlage S. 419
51
Sokrates: Wieso? Soll auch in dieser Hinsicht die Rede von mir wie von dir gelobt werden, als ob der Verfasser das Nötige gesagt habe, also nicht nur in jener Beziehung, dass nämlich jeder einzelne Ausdruck deutlich und abgerundet und gründlich ausgedrechselt ist? Wenn es denn sein muss, muss man es eben dir zu Gefallen einräumen, da es mir bei meiner Nichtigkeit freilich entgangen ist. Ich habe nämlich den Sinn nur auf das Rednerische daran gerichtet; dass dies aber befriedigend sei, würde, glaubte ich, Lysias selbst nicht einmal glauben. Auch kam es mir sogar vor, o Phaidros, wenn du nicht etwa anders meinst, er habe zwei- und dreimal das Gleiche gesagt, als wäre er nicht eben sehr bei Mitteln, über den gleichen Gegenstand vieles zu reden, oder vielleicht, dass es ihm auch gerade darum nicht zu tun war! Und so kam er mir dann vor wie ein jugendlicher Prahler, der zeigen will, dass er imstande sei, etwas das eine Mal so, das andere Mal anders besprechend, beidemal aufs beste zu reden.
Vorlage S. 419
52
Phaidros: Damit ist nichts gesagt, o Sokrates! Denn gerade jenes ist in der Rede vorzugsweise enthalten. Denn was der Gegenstand des Vertrags Würdiges an sich hat, von dem hat sie nichts übergangen, so dass neben dem von ihm Vorgetragenen niemand irgend anderes, mehr und Bedeutenderes sagen kann.
Vorlage S. 420
53
Sokrates: Hierin werde ich nun nicht mehr imstande sein, dir Glauben zu schenken; denn weise Männer und Frauen aus alter Zeit, die über den gleichen Gegenstand geredet und geschrieben haben, werden mich widerlegen, wenn ich das aus Gefälligkeit gegen dich einräume.
Vorlage S. 420
54
Phaidros: Welche denn? Und wo hast du Besseres von ihnen gehört?
Vorlage S. 420
55
Sokrates: Das kann ich jetzt nicht nur so hinsagen; sicher aber habe ich es von einigen gehört, sei es etwa von der schönen Sappho oder dem weisen Anakreon, oder auch von einigen Prosaschriftstellern. Nun, was mich zu dieser Behauptung berechtigt? Voll ja tragend die Brust, o Wunderbarer, fühle ich, dass ich neben jenem wohl anderes und nicht Schlechteres zu sagen haben dürfte. Dass ich nun von mir selbst gewiss nichts von diesen Dingen begriffen habe, weiß ich wohl, meiner Unwissenheit bewusst. So bleibt denn, glaube ich, nur übrig, dass ich irgend aus fremden Bächen durch das Gehör erfüllt worden bin gleich einem Gefäß; aus Trägheit aber habe ich selbst auch das wieder vergessen, wie und von welchen ich es gehört habe.
Vorlage S. 420
56
Phaidros: Aber, o du Edelster, das hast du ja aufs schönste gesagt. Denn von welchen und wie du es gehört hast, sollst du mir nicht einmal, wenn ich es von dir verlangen würde, sagen; das aber eben, was du sagst, sollst du tun! Anderes und Besseres und nicht weniger als das, was in dem Schriftchen steht, versprich mir zu sagen, dich jenes enthaltend, und ich verspreche dir, wie die neun Archonten, eine goldene lebensgroße Bildsäule nach Delphoi zu stiften, nicht nur von mir, sondern auch die deinige.
Vorlage S. 420
57
Sokrates: Du bist doch ein lieber und wahrhaft goldener Mann, o Phaidros, wenn du glaubst, ich sage, dass es Lysias in allem verfehlt habe, und dass es gar möglich sei, noch neben dem allem ganz anderes zu sagen. Dieses aber, glaube ich, wird auch dem heillosesten Schriftsteller nicht widerfahren. Um gleich zur Sache, von der die Rede handelt, zu kommen, – welcher Redner, glaubst du, der davon spricht, dass man einem Nichtverliebten eher sich gefällig zeigen müsse als einem Verliebten, wenn er dabei unterläßt, was sich doch notwendig von selbst darbietet, des einen Vernünftigkeit zu rühmen und des anderen Nichtvernünftigkeit zu tadeln, werde da hernach wohl noch anderes zu sprechen wissen? Indessen glaube ich, dass man dergleichen dem Sprechenden überlassen und nachsehen muss. Auch hat man bei dergleichen Punkten nicht die Erfindung, sondern die Anordnung, bei denen dagegen, die nicht notwendig gegeben und darum schwer zu finden sind, neben der Anordnung auch die Erfindung zu loben.
Vorlage S. 420
58
Phaidros: Ich räume ein, was du sprichst; denn du scheinst mir billig geredet zu haben. Und ich will es nun ebenso halten. Dass der Verliebte in einem krankhafteren Zustand sei als der Nichtverliebte, das will ich dir als Voraussetzung zugeben; was aber das übrige anbelangt, – wenn du jetzt anderes, mehr und Bedeutenderes als das des Lysias sagst, sollst du neben dem Weihegeschenk der Kypseliden mit dem Hammer gearbeitet zu Olympia stehen!
Vorlage S. 421
59
Sokrates: Du wirst ja ganz ernsthaft, o Phaidros, weil ich deinen Liebling angerührt habe, um dich zu necken, und glaubst gar, dass ich in Wahrheit es versuchen werde, neben seiner Weisheit etwas anderes. Zierlicheres zu sagen!
Vorlage S. 421
60
Phaidros: Was dies betrifft, mein Freund, so bist du jetzt in die gleiche Enge geraten. Denn reden musst du schlechterdings so gut, als du es vermagst. Damit wir aber nicht genötigt sind, in der lästigen Art der Komödienspieler zu verkehren, indem wir's einander gegenseitig immer wieder zuschieben, so nimm dich in acht, und wolle mich nicht nötigen zu sagen jenes: »Ich müsste mich ja selbst vergessen haben, wenn ich, o Sokrates, den Sokrates nicht kennte,« und das, »dass er zwar zu reden Lust hatte, aber spröde tat«; sondern überlege, dass wir nicht von hier weggehen, bevor du sagst, was du in der Brust zu tragen versichert hast! Wir sind jetzt zu zweien allein hier und an einsamem Ort, ich aber bin der Stärkere und Jüngere! Aus dem allen merke dir, was ich sagen will, und wolle doch ja nicht lieber durch Gewalt gezwungen, als freiwillig reden!
Vorlage S. 421
61
Sokrates: Aber, mein seliger Phaidros, ich werde mich lächerlich machen, wenn neben einem Meister ich Laie aus dem Stegreife über den gleichen Gegenstand rede.
Vorlage S. 421
62
Phaidros: Weißt du was? – Höre auf, dich gegen mich zu zieren; denn ich habe etwas in Bereitschaft, das, wenn ich es sage, dich nötigen wird zu sprechen!
Vorlage S. 422
63
Sokrates: O sag' es doch ja nicht!
Vorlage S. 422
64
Phaidros: Nein, sondern ich spreche es jetzt erst aus. Das Wort aber soll mir ein Eidschwur sein! Ich schwöre dir nämlich, – bei wem doch, bei welchem der Götter? Oder willst du, bei der Platane da? – wahrlich, wenn du mir nicht angesichts eben dieser Platane da die Rede sagst, dass ich dir niemals mehr irgend eine andere Rede von irgend jemand weder zeigen noch etwas daraus mitteilen werde!
Vorlage S. 422
65
Sokrates: Wehe, du gottloser Mensch! Wie gut hast du das Zwangsmittel gefunden für einen redeliebenden Mann, zu tun, was du gebietest!
Vorlage S. 422
66
Phaidros: Was hast du denn, dass du dich noch sträubst?
Vorlage S. 422
67
Sokrates: Nichts mehr freilich, nachdem du dieses geschworen hast! Denn wie wäre ich imstande, mich solchen Festessens zu enthalten?
Vorlage S. 422
68
Phaidros: So sprich denn!
Vorlage S. 422
69
Sokrates: Weißt du nun, wie ich es halten werde?
Vorlage S. 422
70
Phaidros: Inwiefern?
Vorlage S. 422
71
Sokrates: Verhüllt will ich sprechen, damit ich die Rede so schnell als möglich durchrenne und nicht vor Scham in Stocken gerate, wenn ich auf dich blicke!
Vorlage S. 422
72
Phaidros: So sprich nur: im übrigen mach's, wie du willst!
Vorlage S. 422
73
Sokrates: Wohlan denn, ihr Musen, sei es, dass ihr von des Gesanges Weise die silberstimmigen seid oder von dem tonreichen Geschlecht der ligyschen Silberschwäne diesen Beinamen habt, – greift mit mir an der Märe Werk, die dieser Trefflichste mich zu sprechen nötigt, damit sein Freund, der ihm auch Zuvor schon weise zu sein schien, es ihm jetzt noch mehr scheinen möge!
Vorlage S. 422
74
Also es war einmal ein Knabe, oder vielmehr ein Jüngelchen, der war sehr hübsch und hatte gar viele Liebhaber. Einer von diesen aber war ein schlauer Kopf, der, obschon so gut als einer verliebt, doch dem Knaben einredete, er sei nicht verliebt. Und als er ihm einst mit Bitten anlag, suchte er ihm gerne das glauben zu machen, dass man dem Nichtverliebten vor dem Verliebten sich gefällig zeigen müsse. Er sprach aber also:
Vorlage S. 422
75
In allem, mein Knabe, gibt es nur einen Anfang für die, welche sich auf die rechte Weise beraten wollen. Man muss wissen, worüber die Beratung stattfinden soll, sonst verfehlt man notwendig das Ganze. Den meisten aber pflegt es zu entgehen, dass sie das Wesen des Gegenstandes nicht wissen. Als ob sie es nun wüssten, verständigen sie sich nicht im Anfang der Untersuchung darüber, und indem sie weitergehen, bezahlen sie die gebührende Strafe. Denn weder mit sich selbst noch unter einander sind sie im Einverständnis. Mir nun und dir möge ja nicht begegnen, was wir anderen zum Vorwurf machen: sondern da nun dir und mir die Frage vorliegt, ob man lieber mit einem Verliebten oder einem, der es nicht ist, ein Verhältnis der Freundschaft eingehen solle, so wollen wir zuvor über die Liebe, was sie sei und welche Kraft sie habe, zur Verständigung eine Bestimmung festsetzen und im Hinblick hierauf und mit Beziehung hierauf die Untersuchung anstellen, ob sie Nutzen oder ob sie Schaden bringe.
Vorlage S. 423
76
Dass nun die Liebe eine Begierde sei, ist jedermann klar; wiederum dass auch Nichtverliebte der Schönen begehren, wissen wir. Woran nun werden wir den Verliebten und den, der es nicht ist, unterscheiden? Wiederum muss man beachten, dass in jedem von uns zwei herrschende und leitende Kräfte sind, denen wir folgen, wohin sie uns leiten: die eine, die von der Natur uns eingepflanzte Begierde nach Vergnügungen, die andere eine erworbene, auf das Gute gerichtete Denkweise. Diese beiden nun sind in uns bald einträchtig, bald zwiespältig, und das eine Mal überwiegt diese, das andere Mal jene. Wenn nun die Denkweise durch Vernunft zu dem Guten leitet und überwiegt, so hat diese überwiegende Kraft den Namen Besonnenheit; wenn aber die Begierde vernunftlos zu Vergnügungen hintreibt und in uns herrschend wird, so wird dieser herrschende Trieb Ausschweifung genannt. Die Ausschweifung aber ist nun etwas Vielnamiges; denn sie ist etwas Vielgliedriges und Vielartiges. Und welche von diesen Arten gerade sich besonders geltend macht, deren Name bestimmt die Benennung dessen, der sie an sich hat, ein Name, der weder schön noch besitzenswert ist. Denn die Begierde, die auf den Genuss von Speisen gehend die bessere Vernunft und die anderen Begierden überwiegt, wird als Schlemmerei bezeichnet und wird dem, der sie an sich hat, dieselbe Bezeichnung verleihen. Welches Beiwort ihr aber, wenn sie auf den Trunk gehend schaltet und waltet und den, der sie besitzt, in diese Bahn leitet, zuteil werden wird, ist klar, und so ist auch, was die übrigen mit diesen verschwisterten Namen verschwisterter Begierden betrifft, voraus klar, welchen man der jedesmal obwaltenden gebührenderweise zu geben hat. Um welcher willen aber alles Bisherige gesagt worden, das ist bereits ziemlich bekannt, wird aber ausgesprochen doch noch deutlicher werden, als nicht ausgesprochen: Die Begierde nämlich, welche, der Vernunft bar, die nach dem Rechten strebende Denkweise überwiegend, zur Lust an der Schönheit verleitet und sofort von den ihr verwandten Begierden zur Schönheit des Leibes mit lebendiger Kraft getrieben wird diese siegende Triebkraft hat eben von diesem lebenskräftigen Triebe den Namen und heißt Liebe. – Aber, mein lieber Phaidros, kommt es dir nicht wie mir selber vor, als ob mich ein göttlicher Zustand angewandelt habe?
Vorlage S. 423

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich freilich bin nun so begierig geworden zu hören, dass, wenn du …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sokrates: Ja, mein […], aber erst, wenn du zuvor sehen lässt, was du da in der linken Hand hast unter dem Mantel.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Indessen sollte ich, wie ich billig erachte, mit dem, was ich bitte, darum noch nicht unglücklich sein, weil ich nicht gerade dein Liebhaber bin.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt enthält eine ausdrückliche Verneinung oder einen Ausschluss? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Welcher Ausschnitt enthält ausdrücklich einen Grund oder eine daraus gezogene Folge? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »So gar nicht kommst du aus der Stadt weder über die Grenze, noch, wie es scheint, gehst du auch nur über die Stadtmauer hinaus.« B: »Lysias nämlich hat da von irgend einem der Schönen geschrieben, der versucht wird, nicht aber durch einen Liebhaber.« C: »Denn von welchen und wie du es gehört hast, sollst du mir nicht einmal, wenn ich es von dir verlangen würde, sagen; das aber eben, was du sagst, sollst du tun!«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Auch kam es mir sogar vor, o Phaidros, wenn du nicht etwa …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Denn von welchen und wie du es gehört hast, sollst du mir nicht einmal, wenn ich es von dir […] würde, sagen; das aber eben, was du sagst, sollst du tun!«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »bevor« in diesem Textausschnitt? »nötigen zu sagen jenes: »Ich müsste mich ja selbst vergessen haben, wenn ich, o Sokrates, den Sokrates nicht kennte,« und das, »dass er zwar zu reden Lust hatte, aber spröde tat«; sondern überlege, dass wir nicht von hier weggehen, bevor du sagst, was du in«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »einem, der es nicht ist, ein Verhältnis der Freundschaft eingehen solle, so …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »auf der Straße; denn, versichert er, diese seien gesünder als in den«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
Textstelle nachlesen ↗

2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »auf der Straße; denn, versichert er, diese seien gesünder als in den« und »leitende Kräfte sind, denen wir folgen, wohin sie uns leiten: die eine«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Indessen sollte ich, wie ich billig erachte, mit dem, was ich bitte, darum noch nicht unglücklich sein, weil ich nicht gerade dein Liebhaber bin.«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
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Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Sokrates: Mein lieber Phaidros, wohin denn und woher?«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »ist, ob sie auch dann noch werden Freunde sein wollen, wenn sie ihre Begierde befriedigt haben; bei den Nichtverliebten aber, die erst, nachdem sie lange vorher gegenseitig Freunde gewesen, diesen Zweck erreichen, ist anzunehmen, dass das, was ihnen Genuss bereitet, ihre Freundschaft nicht verringern, sondern«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »siegende Triebkraft hat eben von diesem lebenskräftigen Triebe den Namen und heißt Liebe. – Aber, mein lieber Phaidros, kommt es dir nicht wie mir selber vor, als ob mich ein göttlicher Zustand angewandelt habe«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Phaidros – DTA DiBiPhil

Deutsches Textarchiv, BBAW, DiBiPhil-Korpus; Kuration Matthias Boenig, Susanne Haaf, Marius Hug und DTA-Team; ursprüngliche Digitalisierung Editura/Digitale Bibliothek. Historische Quellausgabe: Platon: Sämtliche Werke. Berlin: Lambert Schneider, [1940].

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY-SA 4.0 Lizenz

Originalsprache · Altgriechisch

Vollständiger altgriechischer Text der bezeichneten kritischen Edition. Quellschreibweise und editorische Zeichen bleiben erhalten; TEI-Struktur wird für die Anzeige umgesetzt. Abschnittsgrenzen folgen ausschließlich wirklichen Quellenunterteilungen. Historische deutsche Übersetzung und griechische Quellenedition haben eigenständige Gliederungen.

Platon; John Burnet (Quellenedition); Perseus Digital Library, Tufts University, CC BY-SA4.0.

Autorschaft und Ausgabe: Platon · John Burnet

Originaltext und Ausgabe ↗ · Perseus Digital Library, Tufts University · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.