Deutsch · Abschnitt 1 von 1
Euripides
5 Amme der Medea
Vorlage S. 632 7 Die Söhne der Medea
Vorlage S. 632 10 Chor korinthischer Frauen
Vorlage S. 632 11 Aigeus, Fürst von Athen
Vorlage S. 632 14 Vor dem Hause Jasons zu Korinth.
Vorlage S. 632 16 Oh, wäre durch die schwarzen Wunderfelsen nie
Vorlage S. 632 17 Das Schiff geflogen, steuernd nach dem Kolcherland,
Vorlage S. 632 18 Wär auf den Waldhöhn Pelions nie der Fichtenstamm
Vorlage S. 632 19 Durchs Beil gefallen, hätte nie zum Steuer gedient
Vorlage S. 632 20 Der Hand erkorner Helden, die das goldne Vlies
Vorlage S. 632 21 Dem Pelias holten! Nimmermehr wär auch geschifft
Vorlage S. 632 22 Medea, meine Herrin, dann zur Griechenstadt,
Vorlage S. 632 23 Von Jasons Liebe hingerissen und betört,
Vorlage S. 632 24 Und hätte Pelias' Töchter nie zum Vatermord
Vorlage S. 632 25 Verführt und wohnte nicht im Land Korinthos hier
Vorlage S. 632 26 Mit Mann und Kindern – bei den Bürgern zwar beliebt,
Vorlage S. 632 27 In deren Land sich niederließ die Fliehende,
Vorlage S. 632 28 Und treu zur Seite Jason stehend überall,
Vorlage S. 632 29 Worauf die Wohlfahrt allermeist im Haus beruht,
Vorlage S. 632 30 Wenn mit dem Manne einträchtig wirkt des Weibes Sinn. –
Vorlage S. 632 31 Doch nun ist alles feindlich, und das Leben siecht,
Vorlage S. 632 32 Weil Jason meine Herrin samt den Kindern hat
Vorlage S. 632 33 Im Stich gelassen und die junge Fürstin freit,
Vorlage S. 632 34 Die Tochter Kreons, der in diesem Land gebeut.
Vorlage S. 632 35 Und sie, das unglückselige, frech verschmähte Weib,
Vorlage S. 632 36 Medea, ruft die Eide, ruft der Treue Pfand,
Vorlage S. 632 37 Den Bund der Hände, rufet laut der Götter Macht
Vorlage S. 632 38 Zu Zeugen, wie von Jason ihr vergolten sei.
Vorlage S. 632 39 Dem Schmerze hingegeben, ohne Speise liegt
Vorlage S. 632 40 Sie da, verzehrt in Tränen sich die ganze Zeit,
Vorlage S. 632 41 Seitdem sie weiß, verraten sei sie vom Gemahl.
Vorlage S. 632 42 Das Auge nicht aufschlagend noch vom Boden je
Vorlage S. 632 43 Das Antlitz hebend, hört auf Freundeswort und Trost
Vorlage S. 632 44 Sie minder als der Felsen, als die Welle im Meer;
Vorlage S. 632 45 Nur dass mitunter, wendend ihren blassen Hals,
Vorlage S. 632 46 Sie für sich selber um den trauten Vater stöhnt,
Vorlage S. 632 47 Um Haus und Heimat, die sie einst verriet und floh,
Vorlage S. 632 48 Dem Manne folgend, der ihr mit Verschmähung lohnt.
Vorlage S. 632 49 Erkannt an ihrem Leide hat die Arme nun,
Vorlage S. 632 50 Wie glücklich ist, wer Herd und Heimat nicht verließ!
Vorlage S. 633 51 Die Kinder haßt sie, freut an ihrem Blick sich nicht –
Vorlage S. 633 52 Sie brütet, fürcht ich, über etwas Schrecklichem!
Vorlage S. 633 53 Ihr Herz ist schlimm, und Unrecht wird es nimmermehr
Vorlage S. 633 54 Ertragen; ja, ich kenne diese und fürchte sehr,
Vorlage S. 633 55 Sie stößt sich durch die eigne Brust den scharfen Stahl,
Vorlage S. 633 56 Ermordet wohl den Kreon samt dem Bräutigam
Vorlage S. 633 57 Und ladet dann noch größres Unheil auf ihr Haupt.
Vorlage S. 633 58 Denn schrecklich ist sie, und den Sieg gewinnt so leicht
Vorlage S. 633 59 Kein Gegner, der zum Kampf mit ihr anbinden mag.
Vorlage S. 633 60 Doch von der Rennbahn kommen nach beendigtem
Vorlage S. 633 61 Spiel hier die Knaben, von der Mutter Ungemach
Vorlage S. 633 62 Nichts ahnend. Harmlos ist der Jugend muntrer Sinn!
Vorlage S. 633 63 Der Erzieher mit den Kindern tritt auf.
Vorlage S. 633 64 ERZIEHER.
Vorlage S. 633 65 Du, meiner Herrin altgetreues Gut im Haus,
Vorlage S. 633 66 Warum so einsam stehst du vor den Pforten hier,
Vorlage S. 633 67 Beklagst in Selbstgesprächen unsre Not? Wie kommt's,
Vorlage S. 633 68 Dass ohne dich Medea einsam weilen will?
Vorlage S. 633 70 Du greiser Führer, Jasons Kindern beigesellt,
Vorlage S. 633 71 Dem braven Diener ist der Herrschaft Ungemach
Vorlage S. 633 72 Wie eignes Leiden, greift ihm innig tief ans Herz.
Vorlage S. 633 73 So hat der Kummer dergestalt mich übermannt,
Vorlage S. 633 74 Dass mich's heraus ins Freie hier getrieben hat,
Vorlage S. 633 75 Die Not der Herrin Erd und Himmel kundzutun.
Vorlage S. 633 76 ERZIEHER.
Vorlage S. 633 77 Zufrieden also gibt sich noch ihr Jammer nicht?
Vorlage S. 633 79 Ich bitt dich! Nicht die Hälft ist das! Erst hebt er an.
Vorlage S. 633 80 ERZIEHER.
Vorlage S. 633 81 O Törin! – wenn man seine Herrn so nennen darf.
Vorlage S. 633 82 Und weiß noch gar nichts von der andern neuen Not!
Vorlage S. 633 84 Was ist es, Alter? Teile mir's aufrichtig mit!
Vorlage S. 633 85 ERZIEHER.
Vorlage S. 633 86 Nichts! Hätt ich lieber auch das vorige nicht gesagt!
Vorlage S. 633 88 Der Dienstgenossin birg es nicht, bei deinem Bart!
Vorlage S. 633 89 Ich will, wenn's nötig, treu verschweigen, was du sagst.
Vorlage S. 633 90 ERZIEHER.
Vorlage S. 633 91 Ich stand beim Brettspiel, wo die ältern Männer sich
Vorlage S. 633 92 Einfinden, um Peirenes allverehrten Born,
Vorlage S. 633 93 Da hört ich einen sagen, so, als hörte ich's nicht,
Vorlage S. 633 94 Dass diese Kinder aus dem Weichbild von Korinth
Vorlage S. 633 95 Mit ihrer Mutter treiben wolle dieses Lands
Vorlage S. 634 96 Gebieter Kreon. Ob die Rede wahr jedoch,
Vorlage S. 634 97 Das weiß ich nicht und wollte wohl, sie wär es nicht.
Vorlage S. 634 99 Und könnte Jason über seine Kinder dies
Vorlage S. 634 100 Ergehen lassen, wenn er auch die Mutter haßt?
Vorlage S. 634 101 ERZIEHER.
Vorlage S. 634 102 Vor neuen Liebesbanden weichen alte stets,
Vorlage S. 634 103 Und er ist unserm Hause nicht mehr zugetan.
Vorlage S. 634 105 So sind wir denn verloren, wenn sich neues Leid
Vorlage S. 634 106 Gesellt zum alten, eh noch dies verwunden ist!
Vorlage S. 634 107 ERZIEHER.
Vorlage S. 634 108 Doch da die Zeit jetzt, dies der Herrin kundzutun,
Vorlage S. 634 109 Nicht ist, so sei ja ruhig und verschweig das Wort!
Vorlage S. 634 111 O Kinder, hört ihr's, wie's der Vater meint mit euch?
Vorlage S. 634 112 Ich will ihm zwar nicht fluchen, denn er ist mein Herr,
Vorlage S. 634 113 Doch schlecht und treulos an den Seinen handelt er!
Vorlage S. 634 114 ERZIEHER.
Vorlage S. 634 115 Wer in der Welt macht's anders? Jetzt erst siehst du ein,
Vorlage S. 634 116 Dass jeder sein mehr als des Nächsten Wohl bedenkt,
Vorlage S. 634 117 Wie diese hier ihr Vater opfert seiner Lust?
Vorlage S. 634 119 Es wird noch gut gehn, Kinder, geht ins Haus hinein.
Vorlage S. 634 120 Du aber halte möglichst abgeschlossen sie
Vorlage S. 634 121 Und bring sie nicht der Mutter nah, der wütenden.
Vorlage S. 634 122 Schon sah ich, wie sie grimmen Blicks die Kinder hier
Vorlage S. 634 123 Anstiert', als hätt sie etwas vor, und sicher wird
Vorlage S. 634 124 Ihr Zorn nicht ruhen, eh er losbricht irgendwo.
Vorlage S. 634 125 Doch mög er Feinde treffen, nur die Freunde nicht!
Vorlage S. 634 127 im Hause.
Vorlage S. 634 128 Ach weh!
Vorlage S. 634 129 Ich unglückseliges, leidendes Weib!
Vorlage S. 634 130 Ach, weh mir! Wär ich doch tot nur!
Vorlage S. 634 132 Das ist's, was ich sagt, ihr Söhn', empört
Vorlage S. 634 133 Ist der Mutter Gemüt, empört ihr Zorn!
Vorlage S. 634 134 Geht schleunig hinein, ins Zimmer hinein,
Vorlage S. 634 135 Und tretet ihr nicht vor das Antlitz hin,
Vorlage S. 634 136 Nein, bleibt in der Fern und nehmt euch in acht
Vorlage S. 634 137 Vor der wilden Natur und der grimmigen Art
Vorlage S. 634 138 Des so störrigen Sinns.
Vorlage S. 634 139 Geht denn, begebt euch schleunig hinein jetzt!
Vorlage S. 634 140 Klar ist es, des Wehs dunkles Gewölke,
Vorlage S. 634 141 Das erst aufsteigt, schwingt bald sich empor
Vorlage S. 635 142 Mit heftgerem Sturm. Was verübt noch dies
Vorlage S. 635 143 Stolzempfindende, nimmer beruhigte
Vorlage S. 635 144 Herz, so von Schmerzen verwundet?
Vorlage S. 635 146 Ach, ach! Elend ist, was ich erduld,
Vorlage S. 635 147 Elend und wert lauten Bejammerns!
Vorlage S. 635 148 O verwünschte, verderbt, Kinder der leidigen
Vorlage S. 635 149 Mutter, mitsamt ihm,
Vorlage S. 635 150 Und gehe zugrunde das Haus ganz!
Vorlage S. 635 152 Ach weh, ach, Unglückselige, weh!
Vorlage S. 635 153 Was haben die Söhn' an des Vaters Vergehn
Vorlage S. 635 154 Dir verschuldet? Warum sie hassen? O weh,
Vorlage S. 635 155 Kinder, wie bangt mir vor eurer Gefahr!
Vorlage S. 635 156 Schlimm ist der Gewalthaber Begier! Denn
Vorlage S. 635 157 Nur selten beherrscht, immer gebietend,
Vorlage S. 635 158 Lassen sie schwer vom heftig Gewollten.
Vorlage S. 635 159 Ja, besser in Gleichheit lebt sich's, gewohnt!
Vorlage S. 635 160 Mir gönne das Glück, ob in Glanz nicht, doch
Vorlage S. 635 161 In gesichertem Stand zu verleben die Zeit.
Vorlage S. 635 162 Denn das Bescheidene erbet den Preis schon
Vorlage S. 635 163 In dem Namen allein, ist in der Übung
Vorlage S. 635 164 Bei weitem das Best, aber das Unmaß,
Vorlage S. 635 165 Wo immer es Macht übt, störet das Glück,
Vorlage S. 635 166 Und größeres Leid, wenn das Schicksal grollt,
Vorlage S. 635 167 Zum Verderben erzeugt es dem Hause.
Vorlage S. 635 168 Der Chor zieht ein.
Vorlage S. 635 170 Ich vernehme die Stimm, ich vernehme den Schrei
Vorlage S. 635 171 Dieser verlassenen
Vorlage S. 635 172 Kolcherin. Ist sie so wenig beruhigt noch? sag mir,
Vorlage S. 635 173 Greisin! Ich hör an den Flügeln der Türe von drinnen ihr
Vorlage S. 635 174 Schrein. Tief schmerzt mich der Jammer des Hauses; wir haben ja
Vorlage S. 635 175 Der trauten Teilnahme Bund geknüpfet.
Vorlage S. 635 177 Wir haben kein Haus! Das ist leider vorbei!
Vorlage S. 635 178 Ihn fesselt der Bund mit der fürstlichen Braut,
Vorlage S. 635 179 Sie härmt sich im Haus zum Tode betrübt,
Vorlage S. 635 180 Meine Herrin, entbehrt auch jeglichen Freund,
Vorlage S. 635 181 Ihr Herz mit Trost zu erquicken.
Vorlage S. 636 183 Ach, ach!
Vorlage S. 636 184 Oh, schlüge durchs Haupt mir vom Himmel der Blitz!
Vorlage S. 636 185 Was brächte mir noch mein Leben Gewinn?
Vorlage S. 636 186 Oh, gäbe der Tod mir Erlösung, weh!
Vorlage S. 636 187 Von diesem verleideten Dasein!
Vorlage S. 636 190 Hörst du es, o Zeus und Erd und Licht,
Vorlage S. 636 191 Welch ein Wehruf von der unseligen
Vorlage S. 636 192 Ehfrau hertönt?
Vorlage S. 636 193 Was, Törin, so unersättlich
Vorlage S. 636 194 Verlangst du des Mannes Liebe?
Vorlage S. 636 195 Was suchst du des Tods Erlösung?
Vorlage S. 636 196 Das flehe mitnichten!
Vorlage S. 636 197 Hat ein neues Band deinen Gemahl entfremdet,
Vorlage S. 636 198 Zeus wird mit dem Recht – was tobst du! –
Vorlage S. 636 199 Dir dafür Rache verschaffen. Härm dich nicht
Vorlage S. 636 200 Zu sehr, weinend um deinen Ehgemahl!
Vorlage S. 636 202 Themis und Artemis, schaut, ihr Mächtigen,
Vorlage S. 636 203 Was man mir antut, die mit gewaltigem
Vorlage S. 636 204 Eidschwur sich verband den verfluchten Gemahl!
Vorlage S. 636 205 Ha, säh ich ihn nur und die Braut mitsamt
Vorlage S. 636 206 Den Gemächern des Glücks einst noch zerschmettert,
Vorlage S. 636 207 Die frei sich erfrecht, mich zu beleidigen!
Vorlage S. 636 208 O Vater und Heimat, denen ich schnöd
Vorlage S. 636 209 Absagt, indem ich den Bruder erschlug!
Vorlage S. 636 211 Hört, Fraun, was sie sagt, wie sie schreit zum Recht
Vorlage S. 636 212 Der Gelöbnisse, zum Zeus, welcher der Welt
Vorlage S. 636 213 Als Richter der Schwüre geehrt ist.
Vorlage S. 636 214 O nein, nicht kann durch mäßigen Schlag
Vorlage S. 636 215 Der Gebieterin Groll sich entladen.
Vorlage S. 636 216 Gegenstrophe
Vorlage S. 636 218 Wenn sie doch her vor mein Antlitz käm und
Vorlage S. 636 219 Ihr Herz dem Klang des gesprochenen Worts
Vorlage S. 636 220 Eingang gäbe!
Vorlage S. 636 221 Leicht ließe die schwere Zornwut,
Vorlage S. 637 222 Ihr trotziger Sinn sich meistern.
Vorlage S. 637 223 Nicht soll es an meinem Eifer
Vorlage S. 637 224 Je fehlen den Freunden.
Vorlage S. 637 225 Also geh hinein, führ sie heraus vom Zimmer,
Vorlage S. 637 226 Und melde die freundlich Absicht.
Vorlage S. 637 227 Doch rasch, bevor sie den Ihren Leides tut!
Vorlage S. 637 228 Denn zu fürchterlich stürmt der Schmerz in ihr.
Vorlage S. 637 230 Tun will ich es, ob sie gehorcht, bangt mir:
Vorlage S. 637 231 Gern opfr ich noch die gefällige Müh,
Vorlage S. 637 232 Obwohl sie so wild wie die Löwin im Bett
Vorlage S. 637 233 Anstieret die Mägd, wenn eine zu ihr
Vorlage S. 637 234 In die Näh hintritt, sich zu reden erkühnt.
Vorlage S. 637 235 Wohl irrest du nicht, willst du die Vorwelt
Vorlage S. 637 236 Für sehr unweis und verkehrt ansehn,
Vorlage S. 637 237 Die Lieder erfand für fröhliche Zeit,
Vorlage S. 637 238 Tischfreuden und Schmaus und Hochzeitfest,
Vorlage S. 637 239 Und das Leben gewürzt mit Klängen der Lust!
Vorlage S. 637 240 Doch erfand niemand für den höllischen Zorn
Vorlage S. 637 241 Heilmittel im vielstimmigen Tonspiel
Vorlage S. 637 242 Und Gesange, woraus Mordtat entspringt
Vorlage S. 637 243 Und schwer Unheil zu der Häuser Verderb.
Vorlage S. 637 244 Gleichwohl wär's großer Gewinn, solch Leid
Vorlage S. 637 245 Heilen im Tonspiel. Wo üppiges Mahl
Vorlage S. 637 246 Uns lächelt – wozu wetteifert der Schall?
Vorlage S. 637 247 Des bereiteten Mahls köstliche Fülle
Vorlage S. 637 248 Hat selber genug der Erquickung!
Vorlage S. 637 250 Wehschrei hör ich, vielen Weinens Klaggestöhn.
Vorlage S. 637 251 Sie schreit in hellem Jammerruf:
Vorlage S. 637 252 Der schlechte Gatte, der Eheverräter!
Vorlage S. 637 253 Laut beschwöret die Tiefgekränkte
Vorlage S. 637 254 Das Recht vom Himmel, welches im Schutze des Eidschwurs
Vorlage S. 637 255 Über die See in das griechische Land sie geführt in der Nacht
Vorlage S. 637 256 Hin durch des Meers undurchdringliche Pforten.
Vorlage S. 637 257 Medea tritt aus dem Hause, asiatisch gekleidet.
Vorlage S. 637 259 Korinthsche Frauen, euch zulieb erschein ich hier,
Vorlage S. 638 260 Damit ihr nicht mich scheltet. Manche, weiß ich wohl,
Vorlage S. 638 261 Die draußen leben, ihrer Heimat ferne, sind
Vorlage S. 638 262 Hochmütgen Wesens; andern bringt Gleichgültigkeit
Vorlage S. 638 263 Und auch Verkennung ihr bequemer Fuß zuweg.
Vorlage S. 638 264 Denn Menschenaugen üben nicht Gerechtigkeit,
Vorlage S. 638 265 Wenn man, bevor des Nächsten Herz man prüft genau,
Vorlage S. 638 266 Vom bloßen Blick den hasset, der kein Leids getan.
Vorlage S. 638 267 Anschmiegen müssen Fremde sich der Bürgerschaft.
Vorlage S. 638 268 Auch nicht den Bürger lob ich, welcher störrgen Sinns
Vorlage S. 638 269 Den Bürgern unverträglich lebt aus Unverstand.
Vorlage S. 638 270 Mich hat dies wider Hoffen zugestoßne Leid
Vorlage S. 638 271 Zum Tod verwundet, Beste: hin bin ich; mir ist
Vorlage S. 638 272 Des Lebens Reiz verschwunden und der Tod ersehnt.
Vorlage S. 638 273 Er, der – ach, leider seh ich's ein! – mein alles war,
Vorlage S. 638 274 Mein Gatte, hat als schlimmster Mann sich mir bewährt.
Vorlage S. 638 275 Von allem, was auf Erden Seel und Leben hat,
Vorlage S. 638 276 Die allerärmsten Wesen sind wir Frauen doch.
Vorlage S. 638 277 Wettstreit des Geldes erstlich muss den Gatten uns
Vorlage S. 638 278 Erkaufen, dem als Herren unser Leib sodann
Vorlage S. 638 279 Gehört; und dies ist übler als das Übel selbst!
Vorlage S. 638 280 Dabei ist großes Wagnis, ob er bieder ist,
Vorlage S. 638 281 Ob böse: denn unrühmlich ist dem Weibe stets
Vorlage S. 638 282 Die Scheidung, und verschmähn den Bräutgam darf sie nicht.
Vorlage S. 638 283 Gekommen dann zu ungewohnter Sitt und Sinn,
Vorlage S. 638 284 Erraten muss sie, nicht vom Hause her belehrt,
Vorlage S. 638 285 Wie eben ihres Ehgemahles Wesen sei.
Vorlage S. 638 286 Wenn nun dies alles glücklich ihr vonstatten geht
Vorlage S. 638 287 Und ihr Verlobter froh mit ihr im Bunde lebt,
Vorlage S. 638 288 Dann ist ihr Leben neidenswert – sonst besser tot!
Vorlage S. 638 289 Der Mann, wenn's ihm, daheim zu sein, verleidet ist,
Vorlage S. 638 290 Er findet auswärts, was des Herzens Ärger stillt,
Vorlage S. 638 291 Bei einem Freund, in altersgleicher Männer Kreis;
Vorlage S. 638 292 Wir aber müssen nach des einen Launen sehn.
Vorlage S. 638 293 Sie sprechen wohl, wir leben frei von Fährlichkeit
Vorlage S. 638 294 Im Zimmer, während sie bestehn den Schlachtenkampf –
Vorlage S. 638 295 Und denken töricht: wollt ich dreimal lieber doch
Vorlage S. 638 296 In Schlachten stehen, als gebären einmal nur! –
Vorlage S. 639 297 Doch dein Verhältnis, meinem ist's mitnichten gleich:
Vorlage S. 639 298 Du hast doch Heimat, hast Verwandte und Vaterhaus,
Vorlage S. 639 299 Genuss des Lebens, einen Kreis von Freundinnen.
Vorlage S. 639 300 Ich bin verlassen, ohne Heimat, bin verhöhnt
Vorlage S. 639 301 Vom Manne, der aus fremdem Land mich weggeraubt,
Vorlage S. 639 302 Hab weder Mutter weder Bruder weder Freund,
Vorlage S. 639 303 Um wegzuziehen, fort von diesem Ungemach!
Vorlage S. 639 304 Drum nur das eine wünsch ich mir von euch gewährt:
Vorlage S. 639 305 Wenn wo ein Mittel, wenn ein Weg sich mir entdeckt,
Vorlage S. 639 306 Für dieses Unrecht meinen Mann zu züchtigen
Vorlage S. 639 307 Und, der die Tochter ihm vermählet, samt der Braut,
Vorlage S. 639 308 Dann schweigt! In andrem ist das Weib voll zager Furcht,
Vorlage S. 639 309 Zu feig zu kämpfen und zu trotzen blankem Schwert,
Vorlage S. 639 310 Doch wo das Recht des Ehebunds gekränket ist,
Vorlage S. 639 311 Ist in der Welt auch kein Gemüt rachsüchtiger.
Vorlage S. 639 312 CHOR(FÜHRERIN).
Vorlage S. 639 313 Ich schweige, weil du billig Rache am Gatten suchst,
Vorlage S. 639 314 Medea; denn dein Jammer nimmt mich wunder nicht.
Vorlage S. 639 315 Nun seh ich dort auch Kreon, dieses Landes Herrn,
Vorlage S. 639 316 Herkommen, neue Schlüsse wohl dir kundzutun.
Vorlage S. 639 317 Kreon tritt auf.
Vorlage S. 639 319 Dich ihrem Mann Erboste, die so finster blickt,
Vorlage S. 639 320 Medea, heiß ich räumen dieses Stadtgebiet,
Vorlage S. 639 321 Verbannt von hier mit deinem Kinderpaar zugleich.
Vorlage S. 639 322 Und säume nicht; denn als des Worts Vollstrecker bleib
Vorlage S. 639 323 Ich selbst zugegen, kehre nicht nach Haus, bevor
Vorlage S. 639 324 Ich dich getrieben aus dem Weichbild dieser Stadt.
Vorlage S. 639 326 Weh, weh! So werd ich rettungslos verloren sein!
Vorlage S. 639 327 Die Feinde haben alle Segel aufgespannt,
Vorlage S. 639 328 Und zum Entrinnen zeigt kein Pfad sich aus der Not.
Vorlage S. 639 329 Doch fragen will ich dennoch, ob mißhandelt auch:
Vorlage S. 639 330 Warum, o Kreon, soll ich fort aus diesem Land?
Vorlage S. 639 332 Mir bangt – wozu bemäntl ich auch die Sache noch? –,
Vorlage S. 639 333 Du fügst ein heillos Übel meiner Tochter zu.
Vorlage S. 639 334 Viel trifft zusammen, das mich solches fürchten lässt,
Vorlage S. 639 335 Denn vieler Tücken kundig bist du, klug und schlau
Vorlage S. 639 336 Und jetzt erbittert ob des Ehgemahls Verlust.
Vorlage S. 640 337 Auch, hör ich, drohst du, wie mir treu gemeldet ward,
Vorlage S. 640 338 Dem Vater und der Tochter und dem Bräutigam
Vorlage S. 640 339 Ein Unheil. Das nun will ich meiden, eh mich's trifft:
Vorlage S. 640 340 Denn besser ist mir's, deinen Haß zu haben, als
Vorlage S. 640 341 Gutmütig handelnd schwer zu seufzen hinterher.
Vorlage S. 640 343 Ach weh!
Vorlage S. 640 344 Nicht heut zuerst, o Kreon – öfter war mir schon
Vorlage S. 640 345 Die Meinung schädlich und gebar mir große Not.
Vorlage S. 640 346 Drum muss ein Vater, welcher recht verständig ist,
Vorlage S. 640 347 Die Kinder ja nicht bilden über Maßen klug:
Vorlage S. 640 348 Denn abgerechnet, dass des Wirkens Trieb erlischt,
Vorlage S. 640 349 Ist Haß und Missgunst Lohn des Klugen überall.
Vorlage S. 640 350 Entdeckst du Kluges, das die Dummen nicht gekannt,
Vorlage S. 640 351 Scheinst du der Tör'ge, nicht der Klug' im Torenvolk.
Vorlage S. 640 352 Und giltst du mehr als andre, die sich Tüchtiges
Vorlage S. 640 353 Zu wissen dünken, trifft dich bald auch Neid und Haß.
Vorlage S. 640 354 Ich selber trage meinen Teil an diesem Los.
Vorlage S. 640 355 Denn weil ich klug bin, bin ich dem ein Dorn im Aug,
Vorlage S. 640 356 Dem dünk ich schroff bloß und bei Klugen wenig klug.
Vorlage S. 640 357 Auch du besorgst nun wider dich Versündigung.
Vorlage S. 640 358 So steht es nicht, nein, fürcht, o Kreon, solches nicht,
Vorlage S. 640 359 Dass Fürstenhäupter anzugreifen wagt mein Mut.
Vorlage S. 640 360 Was hast du Leides mir getan? Du gabst dein Kind
Vorlage S. 640 361 Dem Mann, zu dem dein Herz dich zog. Doch meinen Mann,
Vorlage S. 640 362 Ihn hass ich! Du hast, mein ich, hier bloß recht getan.
Vorlage S. 640 363 So kann ich neidlos sehen, dass dir's wohl ergeht.
Vorlage S. 640 364 Vermählet, lebet glücklich! doch mich lasset hier
Vorlage S. 640 365 Im Lande wohnen. Ist mir Unrecht auch geschehn,
Vorlage S. 640 366 Ich werde schweigen, untertan den Stärkeren.
Vorlage S. 640 368 Gutmütig lautet, was du sprichst; doch banget mir,
Vorlage S. 640 369 Geheim im Herzen sinnst du einen Frevel aus.
Vorlage S. 640 370 Deswegen trau ich minder jetzt als früher dir.
Vorlage S. 640 371 Wer rasch zum Zorn ist, Mann sowohl als Weib, der ist
Vorlage S. 640 372 Zu meiden leichter als der Schweigsam-Listige.
Vorlage S. 640 373 Drum rasch von hinnen, lass das viele Reden sein!
Vorlage S. 640 374 Es bleibt beschlossen, keine Kunst erwirkt es dir,
Vorlage S. 640 375 Bei uns zu bleiben, so verfeindet wie du bist!
Vorlage S. 641 377 Bei deinen Knieen, bei der neuvermählten Braut –
Vorlage S. 641 379 Du sprichst vergebens: nimmermehr bewegst du mich!
Vorlage S. 641 381 So treibst du fort mich, ungerührt von meinem Flehn?
Vorlage S. 641 383 Weil mir die Meinen näher stehn als dein Geschick.
Vorlage S. 641 385 O Vaterland, wie sehr bedürft ich deiner jetzt!
Vorlage S. 641 387 Gewiss, das Liebste nach den Kindern ist's auch mir.
Vorlage S. 641 389 Weh, dass die Liebe so zum Fluch den Menschen wird!
Vorlage S. 641 391 Fluch oder Segen, mein ich, wie sich's fügen mag.
Vorlage S. 641 393 O Zeus, erfahre, wer an diesem Leide schuld!
Vorlage S. 641 395 Mach fort, Verwegne, nimm mir ab die lange Qual!
Vorlage S. 641 397 Genug der Qualen hab ich, brauch nicht andre mehr!
Vorlage S. 641 399 Gleich soll die Faust der Diener mit Gewalt dich ziehn.
Vorlage S. 641 401 Nur dies, o Kreon, tu nicht! Nein, ich flehe dich –
Vorlage S. 641 403 Du willst mir viel zu schaffen machen, Weib, so scheint's!
Vorlage S. 641 405 Ich werde gehen; nicht um dieses fleh ich dich.
Vorlage S. 641 407 Wozu das Sträuben? Räume denn das Land sogleich!
Vorlage S. 641 409 Den einen Tag nur gönne mir zu bleiben noch,
Vorlage S. 641 410 Um Rat zu schaffen, welchen Wegs ich fliehen soll,
Vorlage S. 641 411 Und meinen Kindern Unterhalt, für deren Los
Vorlage S. 641 412 Der Vater unbekümmert nichts ermitteln mag.
Vorlage S. 641 413 Erbarm dich ihrer; bist du selbst doch Vater auch
Vorlage S. 641 414 Von Kindern, also wirst du teilnahmslos nicht sein!
Vorlage S. 641 415 Nicht meinetwegen sorg ich, wenn ich fliehen muss,
Vorlage S. 641 416 Doch sie bewein ich, dass sie trifft das Missgeschick.
Vorlage S. 641 418 Mein Herz ist herrisch-stolzer Art mitnichten, und
Vorlage S. 641 419 Aus zarter Rücksicht hab ich manches schlimm gemacht.
Vorlage S. 641 420 Auch jetzt erkenn ich, dass ich unrecht handle, Weib;
Vorlage S. 641 421 Gleichwohl erhältst du's. Aber das verkünd ich dir:
Vorlage S. 641 422 Wenn morgen noch der Sonne Fackel hier dich sieht
Vorlage S. 641 423 Mit deinen Söhnen innerhalb des Lands Bereich,
Vorlage S. 641 424 So stirbst du! Was ich sagte, trifft gewißlich ein.
Vorlage S. 641 425 Jetzt, musst du bleiben, bleibe denn den einen Tag.
Vorlage S. 641 426 Ein Arges, das ich fürchte, wirst du schwerlich tun!
Vorlage S. 641 427 Kreon ab.
Vorlage S. 641 429 Weh dir, weh dir! welch schmerzliches Leid!
Vorlage S. 641 430 Wo flüchtest du hin? wo wird deiner Not
Vorlage S. 641 431 Ein Haus, ein Land, ein gastlicher Schutz
Vorlage S. 642 432 Rettend sich auftun?
Vorlage S. 642 433 Wie hat dich ein Gott, Medea, gestürzt
Vorlage S. 642 434 In verschlingende Strudel des Unglücks!
Vorlage S. 642 436 Unglück umgibt mich überall, wer leugnet es?
Vorlage S. 642 437 Doch also wird's nicht enden, glaubt das nimmermehr!
Vorlage S. 642 438 Noch drohen Kämpfe diesem neuvermählten Paar
Vorlage S. 642 439 Und ihren Anverwandten nicht geringe Pein.
Vorlage S. 642 440 Du meinst, ich hätte je geschmeichelt diesem Mann
Vorlage S. 642 441 Und keinen Vorteil, keinen Trug dabei erzielt?
Vorlage S. 642 442 Nicht angeredet hätt ich ihn, nicht angerührt!
Vorlage S. 642 443 Und er, so völlig blinden Sinnes und betört,
Vorlage S. 642 444 Er konnte, wenn er rasch mich trieb zum Land hinaus,
Vorlage S. 642 445 Vereiteln meine Pläne – und jetzo lässt er mich
Vorlage S. 642 446 Noch diesen Tag hier, wo ich meiner Feinde drei
Vorlage S. 642 447 Zu Leichen wandle, Vater, Braut und Bräutigam!
Vorlage S. 642 448 Der Todeswege hab ich manche, ihr Lieben; drum,
Vorlage S. 642 449 In welcher Art es unternehmen, weiß ich nicht.
Vorlage S. 642 450 Soll Feuersglut vernichten dies hochzeitlich Haus?
Vorlage S. 642 451 Wie? oder stoß ins Herz ich ihr den scharfen Stahl,
Vorlage S. 642 452 Zum Hause schleichend heimlich, wo ihr Bette steht?
Vorlage S. 642 453 Dabei ist eins bedenklich: denn ergreift man mich,
Vorlage S. 642 454 Indem ich tückisch schleiche zum Palast hinein,
Vorlage S. 642 455 So werd ich sterbend nur zum Hohn den Feinden sein.
Vorlage S. 642 456 Der grade Weg der beste! dessen sind wir auch
Vorlage S. 642 457 Am meisten kundig: durch Vergiftung mord ich sie!
Vorlage S. 642 459 So lass sie tot sein! Welche Stadt nimmt dann mich auf?
Vorlage S. 642 460 Wo beut ein Gastfreund zuverläßgen Aufenthalt
Vorlage S. 642 461 In Land und Wohnung und beschirmet meinen Leib?
Vorlage S. 642 462 Ich habe keinen! Harr ich denn noch kurze Zeit,
Vorlage S. 642 463 Und wenn sich irgendeine sichre Burg mir zeigt,
Vorlage S. 642 464 Vollbring ich heimlich diese Mordtat und mit List.
Vorlage S. 642 465 Wenn aber ratlos Ungemach hinaus mich treibt,
Vorlage S. 642 466 Dann rasch zum Schwert gegriffen, muss ich sterben auch!
Vorlage S. 642 467 Ich töte sie, ich wag die kühn verwegne Tat!
Vorlage S. 642 468 Denn wahrlich, bei der Göttin, die ich hoch verehr
Vorlage S. 643 469 Vor allen und zur Helferin mir erkoren hab,
Vorlage S. 643 470 Der Hekate, die thront in meines Hauses Grund,
Vorlage S. 643 471 Sie sollen froh nicht leben, die mein Herz gekränkt!
Vorlage S. 643 472 In bittre Trauer wandle ich ihren Ehebund,
Vorlage S. 643 473 Die Schwäherschaft und mein Verstoßen aus dem Land!
Vorlage S. 643 474 Wohlauf! Von allen deinen Künsten spare nichts,
Vorlage S. 643 475 Ersinn, Medea, denke Trug und Tücken aus!
Vorlage S. 643 476 Zum Ärgsten schreite! Jetzo gilt's beherzten Mut!
Vorlage S. 643 477 Sieh, was du leidest! Nicht zum Hohn dem Sisyphos-
Vorlage S. 643 478 Geschlechte darfst du, nicht der Hochzeit Jasons sein,
Vorlage S. 643 479 Du, edlen Vaters Tochter, Blut des Sonnengotts!
Vorlage S. 643 480 Das Wissen hast du, überdies schuf uns das Los
Vorlage S. 643 481 Zu Fraun, in allem Tugendhaften ungeschickt,
Vorlage S. 643 482 In allen schlimmen Dingen klug erfinderisch.
Vorlage S. 643 483 Erste Strophe
Vorlage S. 643 485 Jetzt rinnet der heilgen Gewässer Strömung aufwärts,
Vorlage S. 643 486 Recht und alles hat sich auf Erden verkehrt.
Vorlage S. 643 487 Herzen der Männer sind falsch, nicht sicher mehr
Vorlage S. 643 488 Stehen die heiligsten Schwüre.
Vorlage S. 643 489 Ehr und Lob blüht unserem Leben, der Ruf wird umgewandelt!
Vorlage S. 643 490 Anerkennung, Achtung naht dem Fraungeschlecht,
Vorlage S. 643 491 Fürder belastet das Weib kein übeltönger Leumund.
Vorlage S. 643 492 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 643 493 Vorzeitlichem Dichtergesang muss jetzt verstummen
Vorlage S. 643 494 Jedes Lied von unserem trüglichen Sinn.
Vorlage S. 643 495 Hätte dem weiblichen Geist nur eingehaucht
Vorlage S. 643 496 Göttliche Dichterbegeistrung
Vorlage S. 643 497 Gott der Sangesmeister, so tönte den Männern andrer Lieder
Vorlage S. 643 498 Schall entgegen. Wohl vermag die lange Zeit
Vorlage S. 643 499 Vieles vom Frauengemüt und Männertun zu melden.
Vorlage S. 643 500 Zweite Strophe
Vorlage S. 643 501 Du bist geschifft weg von dem Vaterhause
Vorlage S. 643 502 Liebebetörten Gemütes, die doppelten Meeresfelsen
Vorlage S. 643 503 Durchsegelnd, und wohnst hier fremd,
Vorlage S. 643 504 Im gattenberaubten Hause
Vorlage S. 644 505 Dein ehliches Recht entbehrend,
Vorlage S. 644 506 Ach, Arme! und wirst noch schmachvoll
Vorlage S. 644 507 Des Landes verstoßen!
Vorlage S. 644 508 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 644 509 Es schwand hinweg Ehre des Schwurs, und Scheu wohnt
Vorlage S. 644 510 Nimmer im griechischen Lande, dem weiten, entflog zum Himmel.
Vorlage S. 644 511 Dir winket kein Vaterhaus,
Vorlage S. 644 512 Unglückliche, hinzuflüchten
Vorlage S. 644 513 Aus dieser Bedrängnis! Deines
Vorlage S. 644 514 Betts Meisterin ist die Stärkre
Vorlage S. 644 515 Und schaltet im Hause.
Vorlage S. 644 516 Jason tritt auf.
Vorlage S. 644 518 Schon öfter und nicht heut zuerst erkannt ich, dass
Vorlage S. 644 519 Der wilde Zorn ein unbezwingbar Übel ist.
Vorlage S. 644 520 Dir war's verstattet, Haus und Hof zu haben hier,
Vorlage S. 644 521 Dich willig fügend in den Ratschluß Stärkerer,
Vorlage S. 644 522 Und jetzo treibt dich dein verwegnes Reden fort.
Vorlage S. 644 523 Mich zwar bekümmert's wenig, ob du fort und fort
Vorlage S. 644 524 Erklärest, Jason sei ein gänzlich schlechter Mann.
Vorlage S. 644 525 Doch für das Reden gegen Fürst und Fürstin darf
Vorlage S. 644 526 Vollauf Gewinn dir's scheinen, dass der Bann dich straft.
Vorlage S. 644 527 Ich habe stets des aufgebrachten Fürsten Zorn
Vorlage S. 644 528 Beschwichtigt und gewünschet, dass du hier verbleibst;
Vorlage S. 644 529 Doch deine Torheit gab sich nicht und lästert' stets
Vorlage S. 644 530 Das Fürstenhaus, und dafür ziehst du aus dem Land.
Vorlage S. 644 531 Gleichwohl versag ich dem zum Trotz den Meinen nicht
Vorlage S. 644 532 Den Dienst und komme, deinethalb zu sorgen, Frau,
Vorlage S. 644 533 Auf dass du geldentblößet samt den Kindern nicht
Vorlage S. 644 534 Noch sonst bedürftig ziehest. Manche Not ja bringt
Vorlage S. 644 535 Verbannung mit sich. Sei ich auch dir sehr verhaßt,
Vorlage S. 644 536 Vermöcht ich doch nicht übel dir gesinnt zu sein.
Vorlage S. 644 538 O schlechter Mann! Ach, leider kann ich Schlimmres nicht
Vorlage S. 644 539 Dir mit der Zung entgegnen als ein schwaches Weib!
Vorlage S. 644 540 Du kommst zu mir her? kommest, du, mein ärgster Feind?
Vorlage S. 644 541 Das ist nicht Kühnheit, das ist nicht beherzter Mut,
Vorlage S. 645 542 Den Seinen treten vors Gesicht nach schlechter Tat,
Vorlage S. 645 543 Nein, aller Laster allerärgstes in der Welt –
Vorlage S. 645 544 Ist Unverschämtheit! Wohl auch tust du, dass du kommst:
Vorlage S. 645 545 Denn meinem Herzen schafft's Erleichtrung, zeig ich dir
Vorlage S. 645 546 Dein schlechtes Tun, und Ärger dir, der's hören muss!
Vorlage S. 645 547 Zuerst denn also fang ich mit dem ersten an.
Vorlage S. 645 548 Ich war die Retterin – alle Griechen wissen's, die
Vorlage S. 645 549 Mit dir am Bord des Argoschiffs gewesen sind –,
Vorlage S. 645 550 Als dir befohlen war des feuerschnaubenden
Vorlage S. 645 551 Stierjoches Lenkung und des Mordgefildes Saat.
Vorlage S. 645 552 Den Drachen auch, der vielgewundne Ringeln schlang
Vorlage S. 645 553 Ums Goldne Vlies und schlummerlos es hütete,
Vorlage S. 645 554 Erlegt ich. Also strahlte dir der Rettung Licht!
Vorlage S. 645 555 Aufopfernd dann mein Haus und meinen Vater, bin
Vorlage S. 645 556 Ich selbst nach Iolkos an des Pelions Höhn mit dir
Vorlage S. 645 557 Gezogen, leidenschaftlich mehr als wohlbedacht.
Vorlage S. 645 558 Ich ließ den Pelias sterben einen schlimmen Tod
Vorlage S. 645 559 Durch seine Töchter, wandte von dir jede Furcht.
Vorlage S. 645 Kontextbild zum Werk. Historische Illustration zu „Medea“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · Eugène Delacroix · Public domain Bildquelle ↗ 560 Das, schlechter Mann, sind meine Dienste! Dafür hast
Vorlage S. 645 561 Du mich verraten und ein andres Weib erwählt,
Vorlage S. 645 562 Und hast doch Kinder. Denn bei kinderloser Eh
Vorlage S. 645 563 Wär's noch verzeihlich, wenn du hier dies Weib begehrst.
Vorlage S. 645 564 Hin ist der Schwüre Treue, und nicht weiß ich, ob
Vorlage S. 645 565 Du meinst, der Gott von ehedem regiere jetzt
Vorlage S. 645 566 Nicht mehr, und neue Rechte gelten in der Welt,
Vorlage S. 645 567 Indem der Meineid dir bewusst ist gegen mich.
Vorlage S. 645 568 Ach, diese Hand, wie hast du sie so oft gedrückt!
Vorlage S. 645 569 Und meine Kniee, wie vergebens hat sich dran
Vorlage S. 645 570 Geschmiegt der Schlechte und getäuscht mein hoffend Herz!
Vorlage S. 645 571 Sprich, denn ich fordre deinen Rat, als wärst du Freund –
Vorlage S. 645 572 Zwar welches Gute etwa von dir hoffend noch?
Vorlage S. 645 573 Gleichwohl! mein Fragen weist dir deine Schlechtigkeit –:
Vorlage S. 645 574 Wo soll ich hin mich wenden jetzt? Ins Vaterhaus,
Vorlage S. 645 575 Das dir zulieb ich samt dem Vaterland verriet?
Vorlage S. 645 576 Zu Pelias armen Töchtern? Herrlich würden die
Vorlage S. 645 577 Am Herd empfangen ihres Vaters Mörderin!
Vorlage S. 645 578 So steht es: die mir hold vom Haus her waren, hab
Vorlage S. 646 579 Ich bös gekränkt, und denen nie ich hätte Leids
Vorlage S. 646 580 Tun sollen, bin ich feind geworden dir zulieb.
Vorlage S. 646 581 Dafür denn bin ich hochbeglückt vor vielen Fraun
Vorlage S. 646 582 In Griechenland, und einen wunderwürdigen
Vorlage S. 646 583 Und treuen Gatten hab ich unglückselges Weib,
Vorlage S. 646 584 Wenn aus dem Land ich ausgestoßen ziehen muss,
Vorlage S. 646 585 Freundlos, verlassen mit verlaßnen Kindern, ha!
Vorlage S. 646 586 Ein feiner Ruhm dem neuvermählten Ehemann,
Vorlage S. 646 587 Wenn bettelnd seine Retterin mit den Kindern irrt!
Vorlage S. 646 588 O Zeus, was hast du einen Prüfstein, der nicht trügt,
Vorlage S. 646 589 Zur Goldes-Probe, ob es unecht, uns verliehn
Vorlage S. 646 590 Und bei den Menschen, dass man scheide schlecht und gut,
Vorlage S. 646 591 Dem Äußern kein Kennzeichen deutlich eingeprägt?
Vorlage S. 646 592 CHOR(FÜHRERIN).
Vorlage S. 646 593 Gar schlimm und schwer zu heilen ist die Leidenschaft,
Vorlage S. 646 594 Sobald zusammen Freund mit Freund in Zwist gerät.
Vorlage S. 646 596 Hier muss ich, scheint's, kein ungeschickter Redner sein,
Vorlage S. 646 597 Ja, gleich des Schiffes klugerfahrnem Steuermann
Vorlage S. 646 598 Vor diesem Sturmwind deiner scharfen Zung, o Weib,
Vorlage S. 646 599 Mich schmiegen, dass er nur die Segelränder fasst.
Vorlage S. 646 600 Ich meine – weil du gar zu hoch türmst dein Verdienst –,
Vorlage S. 646 601 Die Liebe war von Göttern und von Menschen wohl
Vorlage S. 646 602 Auf meiner Seefahrt meine einzge Retterin.
Vorlage S. 646 603 Allein das ist so ärgerlich als treffend auch,
Vorlage S. 646 604 Beweis zu führen, dass die Lieb allein dich zwang,
Vorlage S. 646 605 Aus unbesiegbar großen Nöten mich zu ziehn.
Vorlage S. 646 606 Doch will ich so genau es nicht ausrechnen; denn
Vorlage S. 646 607 In welcher Art du immer halfest, war's doch gut.
Vorlage S. 646 608 Indessen wurde meine Rettung, dein Geschenk,
Vorlage S. 646 609 Dir reich vergolten, wie ich nun beweisen will.
Vorlage S. 646 610 Fürs erste wohnst du statt im Land der Wilden hier
Vorlage S. 646 611 Im griechischen Land und hast zu leben nun gelernt
Vorlage S. 646 612 Nach Recht und Sitte statt des Faustrechts rohem Brauch.
Vorlage S. 646 613 Und deine Klugheit tat sich allen Griechen kund,
Vorlage S. 646 614 Wofür du Ruhm hast. Wenn am fernsten Rand der Welt
Vorlage S. 646 615 Du lebtest, bliebst du unbeachtet und verkannt.
Vorlage S. 646 616 Was aber frommt' mir's, hätt ich Goldesglanz im Haus
Vorlage S. 646 617 Und überträfe selbst den Orpheus im Gesang,
Vorlage S. 647 618 Wofern mein Glück nicht herrlich strahlte vor der Welt?
Vorlage S. 647 619 Jedoch genug von meinen überstandnen Mühn!
Vorlage S. 647 620 Wenn dann der Fürstin Ehlichung dein Tadel trifft,
Vorlage S. 647 621 So will ich zeigen, erstlich, dass ich klug daran
Vorlage S. 647 622 Getan, sodann auch tugendhaft, und endlich dein
Vorlage S. 647 623 Und meiner Kinder Bestes; hör nur ruhig zu!
Vorlage S. 647 624 Nachdem ich weggezogen aus dem iolkschen Land
Vorlage S. 647 625 Hierher, verfolgt von mancher rettungslosen Not,
Vorlage S. 647 626 Wie könnt ich Flüchtling einen Glücksfund irgend tun,
Vorlage S. 647 627 Der schöner wär als einer Königstochter Hand?
Vorlage S. 647 628 Nicht überdrüssig deiner, wie du eifernd glaubst,
Vorlage S. 647 629 Noch vom Verlangen eines andern Weibs gespornt
Vorlage S. 647 630 Noch Kinderreichtum um die Wett erstrebend – denn
Vorlage S. 647 631 Die schon Gebornen sind genug und sind mir recht –,
Vorlage S. 647 632 Nein, dass wir ehrsam leben, was das Wichtigste,
Vorlage S. 647 633 Und keinen Mangel dulden – leider seh ich ja:
Vorlage S. 647 634 Dem armen Mann geht jeder Freund gern aus dem Weg! –
Vorlage S. 647 635 Und unsre Söhne würdig unsres Stamms erziehn.
Vorlage S. 647 636 Dann wollt ich Brüder deinen Söhnen zeugen, sie
Vorlage S. 647 637 Gleichstellen beide und bei des Stamms Vereinigung
Vorlage S. 647 638 Mich glücklich fühlen. Brauchest du wohl Kinder noch?
Vorlage S. 647 639 Mir aber frommt's, zu heben diese lebenden
Vorlage S. 647 640 Durch nachgeborne. Hab ich's also schlecht gemacht?
Vorlage S. 647 641 Du sagtest das nicht, quälte dich nicht Eifersucht.
Vorlage S. 647 642 So seid ihr Frauen: wenn ihr einzig euch geliebt
Vorlage S. 647 643 Vom Manne wisst, dann fehlet nichts an eurem Glück.
Vorlage S. 647 644 Doch wo ein Mißstand eure Rechte kränkt, da wird,
Vorlage S. 647 645 Was noch so heilsam, noch so schön, als ärgster Feind
Vorlage S. 647 646 Geachtet! Ja, den Menschen sollt auf andrem Weg
Vorlage S. 647 647 Fortpflanzung werden, Frauen nicht geschaffen sein;
Vorlage S. 647 648 So wär die Welt auch frei von allem Ungemach!
Vorlage S. 647 650 Jason, du hast wohl deine Reden hübsch geschmückt,
Vorlage S. 647 651 Gleichwohl, und wenn ich gegen deinen Willen sprech,
Vorlage S. 647 652 Scheint mir's ein Unrecht, dass du dein Gemahl verlässt.
Vorlage S. 647 654 Gar manches seh ich anders an als mancher sonst.
Vorlage S. 647 655 So scheinet mir der Ungerechte, welcher fein
Vorlage S. 647 656 Zu sprechen weiß, der größten Strafe grade wert.
Vorlage S. 648 657 Er pocht darauf, hübsch einzukleiden sein Vergehn,
Vorlage S. 648 658 Wagt drum die Schurkenstreiche und ist zum Schaden klug.
Vorlage S. 648 659 So sollst auch du nicht rein dich vor mir brennen noch
Vorlage S. 648 660 Im Reden brüsten, denn dich schlägt ein einzig Wort:
Vorlage S. 648 661 Du musstest, wenn du's redlich meintest, diese Eh
Vorlage S. 648 662 Eingehn mit mir im Einverständnis, nicht geheim.
Vorlage S. 648 664 Ja, herrlich hättest meinen Plan du unterstützt,
Vorlage S. 648 665 Entdeckt ich dir die Ehlichung, die jetzt sogar
Vorlage S. 648 666 Den argen Groll des Herzens nicht bemeistern kann!
Vorlage S. 648 668 Nicht dieses hielt dich, sondern mit dem welschen Weib
Vorlage S. 648 669 Schien bis zum Alter dir die Eh nicht ehrenvoll.
Vorlage S. 648 671 Sei doch versichert, ihrer Reize wegen nicht
Vorlage S. 648 672 Vermählt ich mich der Fürstin, welche mein sich nennt,
Vorlage S. 648 673 Nein, wie ich vorhin schon gesagt, zu deinem Heil,
Vorlage S. 648 674 Und um den Kindern, die ich habe, fürstliche
Vorlage S. 648 675 Geschwister, als des Hauses Stützen, aufzuziehn.
Vorlage S. 648 677 Fern bleibe mir ein kummervolles Wohlergehn
Vorlage S. 648 678 Und jeder Reichtum, der mit Gram mein Herz beschwert!
Vorlage S. 648 680 Dreh um den Wunsch, so zeigst du dich vernünftiger:
Vorlage S. 648 681 Lass nicht das Gute kummervoll dir scheinen und
Vorlage S. 648 682 Glaub nicht, du seist unglücklich, wenn du glücklich bist.
Vorlage S. 648 684 Ja, höhne nur! Du hast ja Haus und Obdach hier!
Vorlage S. 648 685 Ich muss hinweg, verlassen in Verbannung ziehn!
Vorlage S. 648 687 Du hast's gewollt so. Klage niemand weiter an.
Vorlage S. 648 689 So? Hab ich etwa mich vermählt und gab dich preis!
Vorlage S. 648 691 Ruchlose Flüche tust du stets dem Fürstenhaus.
Vorlage S. 648 693 Ja, deinem Haus auch hab ich meinen Fluch erteilt.
Vorlage S. 648 695 Hierüber hadr ich nun mit dir nicht weiter mehr.
Vorlage S. 648 696 Doch wenn du für dich oder für der Kinder Flucht
Vorlage S. 648 697 Von meiner Habe Unterstützung willst empfahn,
Vorlage S. 648 698 So rede: willig spend ich euch mit voller Hand,
Vorlage S. 648 699 Und auch dem Wohltun meiner Freund empfehl ich euch.
Vorlage S. 648 700 Verschmähst du dies, so bist du wohl sehr töricht, Weib!
Vorlage S. 648 701 Noch mehr gewinnst du, wenn du deinem Zorn entsagst.
Vorlage S. 648 703 Nicht deiner Gastfreund einer soll mir dienen je,
Vorlage S. 648 704 Noch nehm ich Unterstützung. Oh, behalte sie!
Vorlage S. 648 705 Denn schlechter Menschen Gaben sind des Segens bar.
Vorlage S. 649 707 So ruf ich denn zu Zeugen hier die Götter an,
Vorlage S. 649 708 Dass alles dir ich und den Kindern reichen will.
Vorlage S. 649 709 Doch du verschmähst das Gute, stößest störrigen Sinns
Vorlage S. 649 710 Die Freunde von dir. Desto schlimmer muss dir's gehn!
Vorlage S. 649 712 Geh nur! die Sehnsucht nach dem jungen Eheweib
Vorlage S. 649 713 Verzehrt dich, wenn dein Auge lang weilt außerhalb!
Vorlage S. 649 714 Geh, freie, sicher freist du – mach es wahr, o Gott! –
Vorlage S. 649 715 In solcher Weise, dass dich's stark gereuen wird.
Vorlage S. 649 716 Erste Strophe
Vorlage S. 649 718 Wo heftige Liebe den Mann
Vorlage S. 649 719 Vom Gleise reißt, dem kann sie nicht
Vorlage S. 649 720 Würde verleihen noch Ruhm. Doch wo sich bescheiden entfaltet
Vorlage S. 649 721 Liebeswahn, ist keine der Mächte so lieblich.
Vorlage S. 649 722 Send, o Herrin, mir von dem goldenen Bogen nie den sichern
Vorlage S. 649 723 Schmerzenspfeil, getaucht in süße Sehnsucht!
Vorlage S. 649 724 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 649 725 Der Himmlischen schönstes Geschenk,
Vorlage S. 649 726 Die Sittsamkeit, sei stets mir hold.
Vorlage S. 649 727 Möge mit zwistigem Groll und nimmergesättigtem Hader
Vorlage S. 649 728 Nie der Göttin Macht mich behaften und nie mein
Vorlage S. 649 729 Herz für fremde Gatten entzünden und stets friedfertgen Ehbund
Vorlage S. 649 730 Schützend feinklug Frauenrechte schlichten.
Vorlage S. 649 731 Zweite Strophe
Vorlage S. 649 732 Heimisches Land, eigener Herd,
Vorlage S. 649 733 O möcht ich doch euch nie missen,
Vorlage S. 649 734 In so hilfeberaubtem, unabsehbar großem Elend
Vorlage S. 649 735 Lebend mit Jammer und Leid!
Vorlage S. 649 736 In den Tod, in den Tod zu gehen wünsch ich lieber, als
Vorlage S. 649 737 Diesen Tag zu verleben; denn allergrößte der Nöte ist's,
Vorlage S. 649 738 Heimisches Land zu missen.
Vorlage S. 649 739 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 649 740 Sahn wir ja selbst, haben es nicht
Vorlage S. 650 741 Aus anderer Mund vernommen:
Vorlage S. 650 742 Es erbarmte sich keine Stadt und kein Bekannter deiner
Vorlage S. 650 743 Allerempfindlichsten Not.
Vorlage S. 650 744 Es verderbe der Falsche gnadelos, der's nicht vermag,
Vorlage S. 650 745 Dass er, Freunde zu ehren, aufschließt den lauteren Herzensschrein!
Vorlage S. 650 746 Bleibe mir fern sein Lieben!
Vorlage S. 650 747 Aigeus tritt auf in der Tracht eines Reisenden.
Vorlage S. 650 749 Medea, Heil dir! einen schönern Gruß vermag
Vorlage S. 650 750 Der Freund dem Freund in keiner Art zu bieten wohl.
Vorlage S. 650 752 Auch dir, Pandions edler Sohn des Weisen, Heil!
Vorlage S. 650 753 Von wannen, Aigeus, kommst du hier in dieses Land?
Vorlage S. 650 755 Des Sehergotts uralten Thron verließ ich jüngst.
Vorlage S. 650 757 Was führte hin dich zum prophetschen Mittelpunkt?
Vorlage S. 650 759 Wie Kindersaat mir blühen möge, fragt ich dort.
Vorlage S. 650 761 Bei Gott, so lebst du immerfort noch kinderlos?
Vorlage S. 650 763 Ich bin nach Schicksalslaune kinderlos bis jetzt.
Vorlage S. 650 765 Und hast ein Ehweib, oder lebst du unvermählt?
Vorlage S. 650 767 Ich bin der Ehstandsbande längst nicht ledig mehr.
Vorlage S. 650 769 Und welche Antwort wegen Kindern gab der Gott?
Vorlage S. 650 771 Ein klügres Wort, als wohl ein Mensch erraten kann.
Vorlage S. 650 773 Man darf den Spruch des Gottes wissen wenigstens?
Vorlage S. 650 775 Gewiss, zumal nur kluger Sinn ihn lösen kann!
Vorlage S. 650 777 Was also sprach er? Rede, wenn ich's hören darf.
Vorlage S. 650 779 Ich soll des Schlauchs vorragend Ende lösen nicht –
Vorlage S. 650 781 Eh was du tätest? oder kämst in welches Land?
Vorlage S. 650 783 Bevor ich wieder angelangt beim Vaterherd.
Vorlage S. 650 785 In welcher Absicht schiffst du her in dieses Land?
Vorlage S. 650 787 Es lebt ein Fürst, Pittheus genannt, im Land Trozen.
Vorlage S. 650 789 Ein Sohn des Pelops, sagt man, höchst gerecht und fromm.
Vorlage S. 650 791 Mitteilen will ich diesem Phoibos' Seherspruch.
Vorlage S. 650 793 Ja, wohlgeübt in solchem ist der Mann und klug.
Vorlage S. 650 795 Und mir der liebst' auch aller Freund' in fremdem Land.
Vorlage S. 650 797 So lebe wohl und werde jedes Wunsches froh.
Vorlage S. 650 799 Was ist dein Leib und Angesicht so abgezehrt?
Vorlage S. 651 801 Aigeus, das Allerschlimmste tut mein Gatte mir.
Vorlage S. 651 803 Was sagst du? Nenne deutlich deinen Kummer mir!
Vorlage S. 651 805 Mich kränket Jason, dem ich nichts zuleid getan.
Vorlage S. 651 807 Durch welche Handlung? Nenne mir's noch deutlicher!
Vorlage S. 651 809 Ein Weib, des Hauses Herrin, hat er neben mir.
Vorlage S. 651 811 Er wäre fähig solcher ganz unedlen Tat?
Vorlage S. 651 813 Gewiss. Verstoßen bin ich, die er einst geliebt.
Vorlage S. 651 815 Beherrscht ihn Liebe? oder haßt er deinen Reiz?
Vorlage S. 651 817 Ein heftger Wahnsinn! und die Treue kennt er nicht.
Vorlage S. 651 819 Er fahre hin, wenn schlecht sein Herz ist, wie du sagst!
Vorlage S. 651 821 Er trug Verlangen fürstlicher Verschwägerung.
Vorlage S. 651 823 Und wer vermählt die Tochter ihm? erzähle fort!
Vorlage S. 651 825 Kreon, der König dieses Landes um Korinth.
Vorlage S. 651 827 Dein Trauern ist dann wohl verzeihlich, armes Weib!
Vorlage S. 651 829 Ich bin verloren! Überdies verbannt man mich.
Vorlage S. 651 831 Wer tut's? da nennst du noch ein neues Ungemach.
Vorlage S. 651 833 Kreon vertreibt mich heimatlos aus seinem Land.
Vorlage S. 651 835 Und Jason duldet's? Das gefällt mir minder noch.
Vorlage S. 651 837 Dem Scheine nach nicht; doch er widersetzt sich nicht.
Vorlage S. 651 838 So fleh ich denn bei deinem Kinn, bei deinen Knien,
Vorlage S. 651 839 Fußfällig beide fassend, und beschwöre dich:
Vorlage S. 651 840 Erbarm, erbarm dich meiner, ach, des armen Weibs,
Vorlage S. 651 841 Und lass die Ausgestoßne nicht verödet sein!
Vorlage S. 651 842 Nein, nimm mich auf in Land und Haus und Herd zugleich.
Vorlage S. 651 843 Dann bet ich, dass Erfüllung deinem Wunsche werd
Vorlage S. 651 844 In Kindersegen und beglückt du ewig seist.
Vorlage S. 651 845 Gefunden hast du, glaub es, einen Schatz an mir:
Vorlage S. 651 846 Ich kann dir helfen, kann dir Kindersegen noch
Vorlage S. 651 847 Verschaffen. Solche Mittel schafft mein Zauber her!
Vorlage S. 651 849 Aus vielen Gründen mag ich diese Gunst, o Weib,
Vorlage S. 651 850 Dir gern erzeigen: erstlich, weil dein Flehen zwingt,
Vorlage S. 651 851 Sodann der Kinder wegen, die dein Mund verheißt.
Vorlage S. 651 852 Denn all mein Streben ist gekehrt nach diesem Ziel.
Vorlage S. 651 853 Doch dem ist also: kommst du selbst in mein Gebiet,
Vorlage S. 651 854 So werd ich redlich dir des Gastrechts Pflichten tun;
Vorlage S. 651 855 Jedoch das eine muss ich dir erklären, Frau:
Vorlage S. 651 856 Aus diesem Lande weg dich führen werd ich nicht.
Vorlage S. 651 857 Doch wenn du selber kommen wirst zu meinem Herd,
Vorlage S. 652 858 So ist dein Bleiben sicher, keinem lass ich dich!
Vorlage S. 652 859 Aus diesem Land nur ferne selber deinen Schritt;
Vorlage S. 652 860 Denn frei von Vorwurf will ich auch dem Gaste sein.
Vorlage S. 652 862 So sei's. Indessen wenn ich Sicherheit von dir
Vorlage S. 652 863 Erhielte, wär ich ganz und gar beruhigt nun.
Vorlage S. 652 865 Wie? hegst du Mißtraun? Welch Bedenken hast du noch?
Vorlage S. 652 867 Ich trau dir; aber feind ist mir des Pelias Haus
Vorlage S. 652 868 Und Kreon. Diesen wirst du, fesseln Schwüre dich,
Vorlage S. 652 869 Nicht preis mich geben, wegzuführen aus dem Land.
Vorlage S. 652 870 Doch bloß durch Worte, ohne Götterschwur, geeint,
Vorlage S. 652 871 Ist's möglich, dass du übertrittst und opferst mich
Vorlage S. 652 872 Dem Feindesantrag. Denn ein schwaches Weib bin ich,
Vorlage S. 652 873 Und sie sind Fürstenhäuser, reich' und mächtige.
Vorlage S. 652 875 Sehr große Vorsicht geben deine Worte kund!
Vorlage S. 652 876 Doch ist's dein Wille, dass ich's tu, so weigre ich's nicht.
Vorlage S. 652 877 Denn ich sowohl bin solcher Art gesicherter,
Vorlage S. 652 878 Wenn deinem Feind ich einen Vorwand zeigen kann,
Vorlage S. 652 879 Und deine Sach ist fester. Nenn die Götter denn!
Vorlage S. 652 881 Beim Erdengrund und meinem Ahn, dem Sonnengott,
Vorlage S. 652 882 Und allen Göttern insgesamt beschwöre mir –
Vorlage S. 652 884 Was auszurichten oder was zu lassen? Sprich!
Vorlage S. 652 886 Mich weder selbst je auszutreiben aus dem Land
Vorlage S. 652 887 Noch, wenn mich einer meiner Feinde fahen will,
Vorlage S. 652 888 Mich preiszugeben lebenslang freiwillger Weis.
Vorlage S. 652 890 Ich schwör's der Erde und dem reinen Sonnenlicht
Vorlage S. 652 891 Und allen Göttern, nachzuleben deinem Wort!
Vorlage S. 652 893 Genug! Was willst du leiden, falls du brichst den Eid?
Vorlage S. 652 895 Was mit Gebühr meineidgen Menschen widerfährt.
Vorlage S. 652 897 Zieh hin in Frieden! Wohlbestellt ist alles nun,
Vorlage S. 652 898 Und schleunigst nah ich deiner Stadt, sobald ich hier
Vorlage S. 652 899 Getan, was obliegt, und erlangt hab, was ich will.
Vorlage S. 652 900 Aigeus geht.
Vorlage S. 652 902 Dich führe der pilgrimschützende Gott
Vorlage S. 652 903 Und leite dich heim, und was dein Wunsch
Vorlage S. 652 904 Sehnlich erzielt, wohl mög es gelingen!
Vorlage S. 652 905 Denn edelgesinnt,
Vorlage S. 653 906 Aigeus, hab ich dich erfunden.
Vorlage S. 653 908 O Zeus, und Recht vom Himmel, und o Sonnenlicht!
Vorlage S. 653 909 Obsiegen, Teure, werd ich meinen Feinden jetzt!
Vorlage S. 653 910 Ich hab gewonnen, festen Fuß bereits gefasst.
Vorlage S. 653 911 Jetzt, darf ich hoffen, büßen meine Feinde mir!
Vorlage S. 653 912 Denn dieser Mann ist, wo die Not am schlimmsten war,
Vorlage S. 653 913 Ein Rettungshafen meinem Anschlag aufgetan.
Vorlage S. 653 914 An dies Gestade knüpf ich keck mein Ankertau,
Vorlage S. 653 915 Sobald erreicht ist Pallas' Stadt und hohe Burg.
Vorlage S. 653 916 Nun will ich ferner alle meine Entschlüsse dir
Vorlage S. 653 917 Kundgeben: höre, was dich nicht erfreuen wird!
Vorlage S. 653 918 Zu Jason send ich meiner Dienerinnen eine
Vorlage S. 653 919 Und bitt ihn, dass er komme vor mein Angesicht.
Vorlage S. 653 920 Erscheint er dann, gutmütge Worte sprech ich ihm:
Vorlage S. 653 921 Mir scheine dies nun freilich in der Ordnung ganz,
Vorlage S. 653 922 Der Fürstin Heirat, der ich aufgeopfert bin,
Vorlage S. 653 923 Und wohlerwogen alles und ersprießlich auch.
Vorlage S. 653 924 Nur dass die Kinder bleiben dürfen, bitt ich aus –
Vorlage S. 653 925 Nicht dass ich hier sie lassen möcht im Feindesland,
Vorlage S. 653 926 Nein, um des Königs Kind zu morden durch Betrug!
Vorlage S. 653 927 Denn mit Geschenken in den Händen send ich sie
Vorlage S. 653 928 Zur Braut, als wollt ich eben nur ihr Bleiben hier.
Vorlage S. 653 929 Wenn dann den Schmuck sie nehmend um die Glieder legt,
Vorlage S. 653 930 Stirbt gräßlich sie und jeder, der ihr nahe kommt,
Vorlage S. 653 931 Mit solchen Giften salb ich dieses Brautgeschenk!
Vorlage S. 653 932 Doch hier verlaß ich, was ich bisher kundgetan;
Vorlage S. 653 933 Und schaudern muss ich, welche Tat notwendig wird
Vorlage S. 653 934 Von dieser Stund an: meine eignen Kinder muss
Vorlage S. 653 935 Ich töten. Niemand lebet, der sie retten kann!
Vorlage S. 653 936 Und hab ich Jasons ganzes Haus zertrümmert dann,
Vorlage S. 653 937 So eil ich fort, von meiner teuren Kinder Mord
Vorlage S. 653 938 Hinweg, vom Lande, das mich zwang zur Greueltat!
Vorlage S. 653 939 Verhöhnt mich sehn von Feinden, Beste, duld ich nicht.
Vorlage S. 653 940 Fahr hin! was frommt das Leben mir? Kein Vaterland,
Vorlage S. 653 941 Kein Obdach hab ich, keine Zuflucht aus der Not.
Vorlage S. 653 942 Damals versah ich's, als ich meiner Ahnen Haus
Vorlage S. 654 943 Verließ, verleitet vom Geschwätz des griechischen Manns,
Vorlage S. 654 944 Der seine Falschheit mir mit Gott jetzt büßen soll.
Vorlage S. 654 945 Denn weder wird er lebend mehr die Kinder schaun,
Vorlage S. 654 946 Die ich geboren, noch erlebt er Leibesfrucht
Vorlage S. 654 947 Von seiner Neuvermählten, die von meinem Gift
Vorlage S. 654 948 Des Todes übel sterben muss, das üble Weib!
Vorlage S. 654 949 Mich wähne niemand feig und ohne Kraft zur Tat
Vorlage S. 654 950 Noch auch geduldig, sondern jener andern Art,
Vorlage S. 654 951 Den Feinden furchtbar und den Freunden wohlgesinnt;
Vorlage S. 654 952 Denn solcher Menschen Ruf und Ruhm erfüllt die Welt!
Vorlage S. 654 953 CHOR(FÜHRERIN).
Vorlage S. 654 954 Dieweil du uns hast diese Sache mitgeteilt,
Vorlage S. 654 955 So mahnet uns dein Bestes und gebietet uns
Vorlage S. 654 956 Das Recht der Menschheit, dir zu wehren diese Tat.
Vorlage S. 654 958 Du änderst nichts! Wer kann dir's auch verdenken, dass
Vorlage S. 654 959 Du also sprichst? Was ich gelitten, littst du nicht!
Vorlage S. 654 961 Du könntest, Weib, ermorden deine Sprößlinge?
Vorlage S. 654 963 Ja, weil ich so am tiefsten kränke meinen Mann!
Vorlage S. 654 965 Und selber wirst das allerunglückseligste Weib!
Vorlage S. 654 967 Fahr hin! Umsonst ist alles Reden unterwegs.
Vorlage S. 654 968 Zu einer Sklavin.
Vorlage S. 654 969 Wohlan, du geh und hole Jason her zu mir!
Vorlage S. 654 970 Denn dich gebrauch ich überall, wo's Treue gilt.
Vorlage S. 654 971 Verrate nichts ihm, was von mir beschlossen ward,
Vorlage S. 654 972 Wenn deiner Herrschaft hold du bist und bist ein Weib!
Vorlage S. 654 973 Erste Strophe
Vorlage S. 654 975 Athenisches glückliches Volk von alters her,
Vorlage S. 654 976 Lieblingskinder seliger Götter, ihr trinkt
Vorlage S. 654 977 Im nie verstörten heiligen Lande vom Born
Vorlage S. 654 978 Köstlicher Weisheit, stets
Vorlage S. 654 979 Lustwandelnd mit zärtlichem Fuß
Vorlage S. 654 980 In reiner Lüfte sanftem Gesäusel. Bei euch hat
Vorlage S. 654 981 Einst der piërischen Musen Zahl die blonde
Vorlage S. 654 982 Wohllautsgöttin im Schoß getragen.
Vorlage S. 654 983 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 654 984 Den lieblichen Wellen des Bachs Kephisos soll
Vorlage S. 655 985 Kypris Reiz' entschöpfen und wehen umher
Vorlage S. 655 986 Durch Flur und Au mäßiger Lüfte gelind-
Vorlage S. 655 987 Atmenden lieblichen Hauch.
Vorlage S. 655 988 Wohlduftende frische Gewind
Vorlage S. 655 989 Aus Rosenblüten webt sie ins lockige Haar und
Vorlage S. 655 990 Sendet die Liebe der Weisheit zur Gesellin,
Vorlage S. 655 991 Die aufmuntert zu jeder Großtat.
Vorlage S. 655 992 Zweite Strophe
Vorlage S. 655 993 Wie soll dich das gastlich Land
Vorlage S. 655 994 Heilig-reiner Bäche
Vorlage S. 655 995 Oder der Freundesstaat
Vorlage S. 655 996 Dich, schreckliche Kindesmördrin,
Vorlage S. 655 997 Dich, Greuelbefleckte, hegen?
Vorlage S. 655 998 Erwäge die blutge Tat,
Vorlage S. 655 999 Erwäge der Kinder Totschlag,
Vorlage S. 655 1000 O schone, zu deinen Füßen
Vorlage S. 655 1001 Dich flehen wir hier vereint,
Vorlage S. 655 1002 O schone der Kinder!
Vorlage S. 655 1003 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 655 1004 Wo nimmst du die Dreistigkeit,
Vorlage S. 655 1005 Herz und Sinn zu waffnen,
Vorlage S. 655 1006 Gegen dein Blut der Hand
Vorlage S. 655 1007 So gräßliche Tat zumutend?
Vorlage S. 655 1008 Wie musst du, das Aug hinwendend,
Vorlage S. 655 1009 Nicht Tränen vergießen um
Vorlage S. 655 1010 Ihr Leiden im Mord? Du kannst nicht,
Vorlage S. 655 1011 Wenn flehend die Kinder vor dir
Vorlage S. 655 1012 Hinstürzen, die Hand getrost
Vorlage S. 655 1013 Im Blute benetzen!
Vorlage S. 655 1014 Jason tritt auf.
Vorlage S. 655 1016 Auf deine Fordrung komm ich, denn obwohl du grollst,
Vorlage S. 655 1017 So werd ich doch dich nicht verleugnen. Lass mich denn
Vorlage S. 655 1018 Vernehmen, was du Neues, Frau, von mir begehrst.
Vorlage S. 655 1020 Jason, Verzeihung dessen, was ich sprach vorhin,
Vorlage S. 656 1021 Erbitt ich. Billig wirst du meine Heftigkeit
Vorlage S. 656 1022 Vergeben mir, die Liebes dir soviel getan!
Vorlage S. 656 1023 Ich bin in mich gegangen, hab es überlegt
Vorlage S. 656 1024 Und mich gescholten: Schrecklich Weib, was bist du toll
Vorlage S. 656 1025 Und grollest denen, die so gut es meinen doch!
Vorlage S. 656 1026 Wozu die Feindschaft gegen dieses Landes Herrn
Vorlage S. 656 1027 Und deinen Gatten, welcher nur dein Bestes tut,
Vorlage S. 656 1028 Die Fürstin freiend, deinen Kindern Bruderschutz
Vorlage S. 656 1029 Erzielend? Also weg mit deiner Leidenschaft!
Vorlage S. 656 1030 Was fällt dir ein, da's nun so wohl der Himmel fügt?
Vorlage S. 656 1031 Hast du denn keine Kinder? Weißt du nicht, dass du,
Vorlage S. 656 1032 Verbannt und flüchtig, wenig Freunde finden wirst?
Vorlage S. 656 1033 Mich so besinnend, merkt ich, wie mein Unverstand
Vorlage S. 656 1034 So groß gewesen, wie ich ohne Grund gezürnt.
Vorlage S. 656 1035 Jetzt also lob ich's, glaube, dass du klug getan,
Vorlage S. 656 1036 Uns solche Schwäger zuzuwenden. Törin ich!
Vorlage S. 656 1037 Ich hätte sollen deinem Plan behilflich sein,
Vorlage S. 656 1038 Die Ehe schließen, fügen eurer Hände Bund
Vorlage S. 656 1039 Und Liebesdienste deiner Braut mit Freuden tun!
Vorlage S. 656 1040 Wir sind nun einmal, wie wir sind, wir Fraun; ich will
Vorlage S. 656 1041 Nichts Schlimmes sagen! Du nun musst nicht Böses bös
Vorlage S. 656 1042 Vergelten, Torheit mittelst Torheit um die Wett.
Vorlage S. 656 1043 Ich gebe nach, bekenne, dass ich schlimm gedacht
Vorlage S. 656 1044 Damals, doch besser hab ich jetzt es eingesehn.
Vorlage S. 656 1045 O Kinder, liebe Kinder, kommt, verlasst das Haus,
Vorlage S. 656 1046 Kommt her, begrüßet und umarmt und küsst ihn so
Vorlage S. 656 1047 Wie ich, den Vater, und vergessen sei zugleich
Vorlage S. 656 1048 Die frühre Feindschaft: auch die Mutter ist versöhnt!
Vorlage S. 656 1049 Der Friede waltet, und verschwunden ist der Groll!
Vorlage S. 656 1050 Hier, fasset seine rechte Hand! – O weh mir, weh!
Vorlage S. 656 1051 Mir fällt von dem, was heimlich droht, hier etwas ein!
Vorlage S. 656 1052 O Kinder, mögt ihr wohl noch lange lebend so
Vorlage S. 656 1053 Die süßen Arme schlingen? Ach, ich armes Weib,
Vorlage S. 656 1054 Wie leicht gerührt zu Tränen, wie voll Bangigkeit!
Vorlage S. 656 1055 Des langen Haders Lösung mit dem Vater hat
Vorlage S. 656 1056 Mein zartes Antlitz ganz mit Tränen angefüllt.
Vorlage S. 656 1058 Auch mir vom Auge stürzet helle Tränenflut,
Vorlage S. 657 1059 Und mag bis hierher, weiter nicht, das Übel gehn!
Vorlage S. 657 1061 O Weib, ich lobe dieses, tadle jenes nicht.
Vorlage S. 657 1062 Natürlich ist's, wenn nebenbei ein andres Weib
Vorlage S. 657 1063 Der Mann sich wirbt, dass heftig drum die Frau ihm zürnt.
Vorlage S. 657 1064 Doch hat zum Bessern dein Gemüt sich umgewandt
Vorlage S. 657 1065 Und hat den Ratschluß, der den Preis hat, endlich doch
Vorlage S. 657 1066 Noch aufgefunden. Also tut ein kluges Weib!
Vorlage S. 657 1067 Euch aber, Kinder, hat der Vater liebevoll
Vorlage S. 657 1068 In fleißger Sorgfalt wohl bedacht mit Götterhuld.
Vorlage S. 657 1069 Ihr sollt, so hoff ich, hier in diesem Land Korinth
Vorlage S. 657 1070 Mit euren Brüdern noch dereinst die Ersten sein.
Vorlage S. 657 1071 So wachset fröhlich! alles andre schafft für euch
Vorlage S. 657 1072 Der Vater, schaffen Götter, die uns gnädig sind!
Vorlage S. 657 1073 Oh, möcht ich wohlgeraten euch, zur Jugendkraft
Vorlage S. 657 1074 Gereifet, meinen Feinden überlegen sehn!
Vorlage S. 657 1075 Sprich, Weib, was netzen helle Zähren deine Wang
Vorlage S. 657 1076 Und nimmst du dieses Wort von mir nicht freudig auf?
Vorlage S. 657 1078 's ist nichts! der Kinder wegen fiel mir etwas bei.
Vorlage S. 657 1080 Sei guten Mutes! Wohl versorgen werd ich sie.
Vorlage S. 657 1082 Ich bin's, mißtraue deinen Worten keineswegs.
Vorlage S. 657 1084 Warum dann, Närrin, diese Tränen über sie?
Vorlage S. 657 1086 Ich bin die Mutter. Als du wünschtest ihr Gedeihn,
Vorlage S. 657 1087 Befiel mich Wehmut, ob das auch geschehen wird.
Vorlage S. 657 1088 Ein Weib ist weibisch und zu Tränen leicht gereizt.
Vorlage S. 657 1089 Doch von den Dingen, die ich mit dir sprechen will,
Vorlage S. 657 1090 Ist eins verhandelt, und ein andres meld ich jetzt.
Vorlage S. 657 1091 Dieweil dem Fürsten meine Ächtung hat beliebt
Vorlage S. 657 1092 Und das auch mir das Beste ist, ich seh es wohl,
Vorlage S. 657 1093 Um störend weder dir noch auch dem Landesherrn
Vorlage S. 657 1094 Im Weg zu sein, weil, glaubt man, feind ich bin dem Haus,
Vorlage S. 657 1095 So will verbannt ich selber zwar vom Lande ziehn,
Vorlage S. 657 1096 Doch dass die Kinder deine Hand erziehen mag,
Vorlage S. 657 1097 So bitte Kreon, aufzuheben ihren Bann.
Vorlage S. 657 1099 Versuchen will ich's. Ob's gewährt wird, weiß ich nicht.
Vorlage S. 657 1101 So heiß ein Fürwort deine Frau einlegen nur
Vorlage S. 657 1102 Bei ihrem Vater, dass er löst der Kinder Bann.
Vorlage S. 657 1104 Ja, recht! und sie zu überreden hoff ich wohl:
Vorlage S. 658 1105 Sie wird ein Weib wie andre Weiber, hoff ich, sein.
Vorlage S. 658 1107 Bei dieser Mühe will ich selbst behilflich sein.
Vorlage S. 658 1108 Ich will Geschenk' ihr spenden, denen auf der Welt
Vorlage S. 658 1109 Nichts gleicht an Schönheit jetzo, das ist ganz gewiss!
Vorlage S. 658 1110 Ein feines Festkleid, einen goldgewobnen Kranz
Vorlage S. 658 1111 In meiner Kinder Händen. Hole denn sofort
Vorlage S. 658 1112 Der Dienerinnen eine mir den Schmuck herbei!
Vorlage S. 658 1113 Nicht einfach, sondern tausendfältig ist ihr Glück,
Vorlage S. 658 1114 Die dich, den ersten Helden, als Gemahl umarmt
Vorlage S. 658 1115 Und freut des Schmucks sich, welchen einst der Sonnengott,
Vorlage S. 658 1116 Mein Vatersvater, seinen Enkelkindern gab.
Vorlage S. 658 1117 Der Schmuck wird gebracht und ihr überreicht.
Vorlage S. 658 Kontextbild zum Werk. Historische Darstellung von Euripides — Spätere künstlerische Darstellung; kein gesichertes Bildnis aus dem Leben. · Unidentified engraver · Public domain Bildquelle ↗ 1118 So nehmt die Brautgab in die Hände, Kinder, hier
Vorlage S. 658 1119 Und bringt sie hin der Fürstin Braut, der seligen.
Vorlage S. 658 1120 Gewißlich jeden Tadels ist die Gabe bar!
Vorlage S. 658 1122 Warum, o Närrin, raubst du dir so Köstliches?
Vorlage S. 658 1123 Und meinst du, Goldpracht mangle wohl dem Königshaus
Vorlage S. 658 1124 Und Festgewänder? Schenke nichts, behalte das!
Vorlage S. 658 1125 Hält meine Braut mich irgend ihrer Liebe wert,
Vorlage S. 658 1126 So zieht sie auch mich sicher allen Schätzen vor.
Vorlage S. 658 1128 Nein, lass mich! Gaben, heißt es, reizen Götter selbst,
Vorlage S. 658 1129 Und mehr als tausend Gründe wirkt des Goldes Macht.
Vorlage S. 658 1130 Ihr lacht das Glück jetzt, ihr Gestirn geht herrlich auf!
Vorlage S. 658 1131 Die Jugend thront! Auch würd ich meiner Kinder Bann
Vorlage S. 658 1132 Mit meiner Seel abkaufen, nicht mit Gold allein.
Vorlage S. 658 1133 Nun denn, ihr Kinder, tretet ein ins reiche Haus,
Vorlage S. 658 1134 Fleht meine Herrin, eures Vaters junges Weib,
Vorlage S. 658 1135 Fußfällig, bittet, aufzuheben euren Bann,
Vorlage S. 658 1136 Und reicht den Schmuck hin – merkt, das muss besonders sein,
Vorlage S. 658 1137 Sie muss die Gabe selbst empfahn mit eigner Hand.
Vorlage S. 658 1138 Geht ohne Säumen, richtet's glücklich aus und bringt
Vorlage S. 658 1139 Erwünschte Botschaft eurer Mutter, die sich sehnt.
Vorlage S. 658 1140 Jason mit den Kindern ab.
Vorlage S. 658 1141 Erste Strophe
Vorlage S. 658 1143 Fürs Leben der Kinder ist jetzt kein Hoffen mehr,
Vorlage S. 658 1144 Keines mehr, sie wandeln bereits in den Tod hin!
Vorlage S. 658 1145 Nehmen wird das goldne Geschmeide das Mädchen,
Vorlage S. 658 1146 Ja, ihr Unheil wird sie nehmen,
Vorlage S. 659 1147 Arme Braut! in das blonde Gelock den Tod sich flechten,
Vorlage S. 659 1148 Selbst mit eigner Hand ihn fassend!
Vorlage S. 659 1149 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 659 1150 Vom himmlischen Zauber verführt des Prachtgewands,
Vorlage S. 659 1151 Wird sie Kleid und goldnes Geschmeide sich antun,
Vorlage S. 659 1152 Für die Bahre bräutlich sich putzen zur Stunde.
Vorlage S. 659 1153 Solch ein Netz ist's, wo hineinfällt
Vorlage S. 659 1154 Dies unselige Weib! Sie empfängt das Los des Todes,
Vorlage S. 659 1155 Entrinnt nimmermehr dem Unheil.
Vorlage S. 659 1156 Zweite Strophe
Vorlage S. 659 1157 Du armer Vermählter, du Unglücksbräutgam, Königseidam,
Vorlage S. 659 1158 Führst unwissend selbst zu
Vorlage S. 659 1159 Das Verderben den Kindern und deiner Verlobten
Vorlage S. 659 1160 Einen entsetzlichen Tod!
Vorlage S. 659 1161 Unselger, ach! groß ist deine Täuschung!
Vorlage S. 659 1162 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 659 1163 Unglückliche Mutter der Söhne, dein Geschick bewein ich,
Vorlage S. 659 1164 Die, vom Schmerz bewältigt,
Vorlage S. 659 1165 Ob der ehlichen Rechte die Kinder ermordet,
Vorlage S. 659 1166 Welche der Vater verlässt
Vorlage S. 659 1167 Und wider Recht andren Bund geknüpft hat.
Vorlage S. 659 1168 Der Erzieher mit den Kindern tritt auf.
Vorlage S. 659 1169 ERZIEHER.
Vorlage S. 659 1170 Gebietrin, deine Söhne sind vom Bann befreit,
Vorlage S. 659 1171 Und deine Gaben hat die Hand der Fürstin-Braut
Vorlage S. 659 1172 Mit Freud empfangen. Fried ist deinen Kindern dort!
Vorlage S. 659 1175 ERZIEHER.
Vorlage S. 659 1176 Was stehst du so verwirret, wo dir Freude kommt?
Vorlage S. 659 1178 Ach wehe!
Vorlage S. 659 1179 ERZIEHER.
Vorlage S. 659 1180 Zu meiner Botschaft stimmen solche Laute nicht.
Vorlage S. 659 1182 Und aber weh mir!
Vorlage S. 659 1183 ERZIEHER.
Vorlage S. 659 1184 Meld ich wohl ein Missgeschick
Vorlage S. 659 1185 Unwissend? War die Freudensbotschaft leerer Wahn?
Vorlage S. 659 1187 Sei deine Meldung, wie sie will! Dich tadl ich nicht.
Vorlage S. 660 1188 ERZIEHER.
Vorlage S. 660 1189 Was also senkst du so den Blick und weinest so?
Vorlage S. 660 1191 Wohl muss ich weinen, Alter, denn mit schlimmem Rat
Vorlage S. 660 1192 Hat dies der Himmel und ich selber ausgeführt.
Vorlage S. 660 1193 ERZIEHER.
Vorlage S. 660 1194 Getrost! zu deinen Kindern kommst auch du noch heim.
Vorlage S. 660 1196 Erst werd ich andre heimgeleiten, wehe mir!
Vorlage S. 660 1197 ERZIEHER.
Vorlage S. 660 1198 So manche Mutter lebt von ihren Kindern fern!
Vorlage S. 660 1199 In Mißlichkeiten muss der Mensch sich fügen stets.
Vorlage S. 660 1201 Das will ich. Aber geh du nun ins Haus hinein
Vorlage S. 660 1202 Und schaff den Kindern, was dir obliegt, Tag für Tag.
Vorlage S. 660 1203 Zu den Kindern.
Vorlage S. 660 1204 O Kinder, liebe Kinder, ihr bekommt ein Haus
Vorlage S. 660 1205 Und eine Heimat, wo ihr wohnen sollt, verwaist
Vorlage S. 660 1206 Mich Arme lassend, eurer Mutter stets beraubt.
Vorlage S. 660 1207 Ich aber ziehe flüchtig fort in andres Land,
Vorlage S. 660 1208 Bevor ich froh ward euer und euch glücklich sah,
Vorlage S. 660 1209 Bevor ich Bräute, Trauung und hochzeitlich Bett
Vorlage S. 660 1210 Euch stolz gerüstet und geleuchtet eurem Fest.
Vorlage S. 660 1211 Weh über meinen unglückselgen Eigensinn!
Vorlage S. 660 1212 So war's umsonst denn, Kinder, dass ich euch erzog
Vorlage S. 660 1213 Und herbe Schmerzen, als ich euch gebar, ertrug?
Vorlage S. 660 1214 Ja, einstens baut ich Arme große Hoffnungen
Vorlage S. 660 1215 Auf euch, ihr würdet meines Alters Stütze sein
Vorlage S. 660 1216 Und meine Leiche schmücken schön und liebevoll,
Vorlage S. 660 1217 Was Menschen wünschenswert erscheint. Vorbei ist nun
Vorlage S. 660 1218 Die süße Sorgfalt! Denn, von euch geschieden, wird
Vorlage S. 660 1219 Mein Leben freudlos, kummervoll sein immerdar.
Vorlage S. 660 1220 In eure lieben Augen wird die Mutter nicht
Vorlage S. 660 1221 Mehr blicken, wenn ihr scheidet in ein andres Sein.
Vorlage S. 660 1222 Weh, weh! was sollen, Kinder, diese Blicke mir?
Vorlage S. 660 1223 Was dieses Lächeln, ach, zum allerletztenmal?
Vorlage S. 660 1224 O Gott, was tu ich? Aller Mut verschwindet, Fraun,
Vorlage S. 660 1225 Sobald ich meiner Kinder heitres Aug erblick.
Vorlage S. 660 1226 O nein, ich kann's nicht! Fahret wohl, ihr vorigen
Vorlage S. 660 1227 Entschlüsse, ich führe meine Kinder aus dem Land.
Vorlage S. 660 1228 Dort mit mir lebend, sind sie meinem Herzen Trost.
Vorlage S. 660 1229 Was brauch ich, dass ihr Vater durch das Leid um sie
Vorlage S. 660 1230 Sich härme, doppelt großes Leid mir anzutun?
Vorlage S. 661 1231 Nein, nimmermehr! So fahret wohl, Entschließungen!
Vorlage S. 661 1232 Allein, wo bin ich? soll ich Hohn verdienen, wenn
Vorlage S. 661 1233 Ich meine Widersacher ungestraft entlaß?
Vorlage S. 661 1234 Es muss gewagt sein! Pfui, du schwaches, feiges Herz!
Vorlage S. 661 1235 Was gibst du Raum so weichlichen Betrachtungen?
Vorlage S. 661 1236 Geht, Kinder, geht ins Haus hinein! Wer aber nicht
Vorlage S. 661 1237 Befugt ist, meinen Opfern zuzusehn, der mag's
Vorlage S. 661 1238 Bedenken: nicht zur Memme macht sich meine Hand!
Vorlage S. 661 1240 O nicht doch, Herz, verübe du nicht diese Tat!
Vorlage S. 661 1241 O lass sie, schone deines Bluts, Unselige! –
Vorlage S. 661 1242 Nein, bei des Höllengrundes bösen Geistern, nein!
Vorlage S. 661 1243 Nie wird's geschehen, dass ich meine Kinder selbst
Vorlage S. 661 1244 Preisgeben sollte meinen Feinden zum Gespött!
Vorlage S. 661 1245 Es bleibt beschlossen, fest, es wankt und weicht nicht mehr!
Vorlage S. 661 1246 Schon sitzt der Kranz ihr auf dem Haupte, schon vergeht
Vorlage S. 661 1247 Die Fürstin-Braut im Zauberkleid, ich bin's gewiss.
Vorlage S. 661 1248 Wohlan, ich wandle nun den leidensvollsten Weg,
Vorlage S. 661 1249 Und diese send ich einen noch leidvolleren.
Vorlage S. 661 1250 Noch einen Gruß den Kindern! Reicht, o Kinder, mir,
Vorlage S. 661 1251 Reicht her der Mutter eure rechte Hand zum Kuß.
Vorlage S. 661 1252 O liebes Händchen! O du lieber süßer Mund,
Vorlage S. 661 1253 Und schöngebildet Angesicht, und edler Wuchs!
Vorlage S. 661 1254 Oh, seid gesegnet – nur nicht hier! Das hiesige Glück
Vorlage S. 661 1255 Zerstört' der Vater. O du hold Umfangen, ach!
Vorlage S. 661 1256 Du weiche Wange, o meiner Kinder süßer Hauch!
Vorlage S. 661 1257 Geht, geht, ihr Kinder! Länger halt ich's nimmer aus,
Vorlage S. 661 1258 Euch anzusehen. Ach, der Schmerz bewältigt mich!
Vorlage S. 661 1259 Wohl fühl ich's, welch ein Leid ich anzurichten geh,
Vorlage S. 661 1260 Doch mächtger als die Einsicht ist die Leidenschaft:
Vorlage S. 661 1261 Sie ist die Ursach jedes größten Fluchs der Welt!
Vorlage S. 661 1263 Ernster Betrachtung hab ich bereits mich
Vorlage S. 661 1264 Öfter geweiht und kühneren Ringens
Vorlage S. 661 1265 Mich im Forschen vertieft, mehr, als es geziemt
Vorlage S. 661 1266 Nur weiblichem Geist. Doch wohnet im Weib
Vorlage S. 661 1267 Liebe der Bildung, die sich gesellt zum
Vorlage S. 662 1268 Triebe des Wissens – zwar jeglicher nicht,
Vorlage S. 662 1269 Nur wenigen; doch
Vorlage S. 662 1270 Ist das Weib nicht ferne den Musen.
Vorlage S. 662 1271 So behaupte ich denn, dass Sterbliche, die
Vorlage S. 662 1272 Nie Kinder gezeugt und Elterngefühl
Vorlage S. 662 1273 Nicht kennen, voran weit gehen im Glück
Vorlage S. 662 1274 Den Erzeugenden. Denn wer einsam lebt
Vorlage S. 662 1275 Und nie es erfährt, ob Kinderbesitz
Vorlage S. 662 1276 Zur Freude gereicht, ob Kummer gebiert,
Vorlage S. 662 1277 Ist vieler Beschwerd
Vorlage S. 662 1278 Enthoben in dieser Entbehrung.
Vorlage S. 662 1279 Wem aber im Haus ein lieblicher Stamm
Vorlage S. 662 1280 Von Kindern erblüht, den seh ich verzehrt
Vorlage S. 662 1281 Von Kummer und Sorg sein Leben hindurch
Vorlage S. 662 1282 Fürs erste, damit er sie edel erzieh,
Vorlage S. 662 1283 Dann dass er ein Erbgut lasse zurück.
Vorlage S. 662 1284 Und trotzdem, ob er für brave so sehr
Vorlage S. 662 1285 Oder entartete
Vorlage S. 662 1286 Sich mühe, das bleibt ihm verborgen.
Vorlage S. 662 1287 Und finden sich dann auch Mittel genug,
Vorlage S. 662 1288 Und reifet ihr Leib zur Blüte der Kraft,
Vorlage S. 662 1289 Und gerieten sie brav, wenn's aber am End
Vorlage S. 662 1290 Ihr Schicksal will, dass der Tod sie entrafft,
Vorlage S. 662 1291 Wie frommt's da, dieses betrübteste Leid
Vorlage S. 662 1292 Zu so mancherlei Sorg und anderer Not
Vorlage S. 662 1293 Um Kinderbesitz
Vorlage S. 662 1294 Sich von Gott auflegen zu lassen?
Vorlage S. 662 1296 Ihr Lieben, längst schon wart ich bang hier und gespannt
Vorlage S. 662 1297 Und blick, des Ausgangs harrend, nach dem Hause dort.
Vorlage S. 662 1298 Und nun gewahr ich einen, schreitend her zu uns,
Vorlage S. 662 1299 Von Jasons Dienern. Sein erregter Atem zeigt,
Vorlage S. 662 1300 Er wird ein Unglück neuer Art verkündigen.
Vorlage S. 662 1302 Weib, das so arge und unerhörte Tat verübt,
Vorlage S. 662 1303 Medea, fliehe, fliehe! Lass kein schwimmendes
Vorlage S. 662 1304 Fahrzeug entgehen, kein zu Lande rollendes!
Vorlage S. 662 1306 Was ist geschehen, das zu solcher Eile mahnt?
Vorlage S. 663 1308 Verschieden ist die junge Fürstin eben jetzt
Vorlage S. 663 1309 Und Kreon, ihr Erzeuger, durch dein Gift entseelt.
Vorlage S. 663 1311 Die schönste Botschaft bringst du mir und sollst dafür
Vorlage S. 663 1312 Mir gelten als Wohltäter und als Freund fortan.
Vorlage S. 663 1314 Wie? bist du, Weib, bei Sinnen? oder rasest du?
Vorlage S. 663 1315 Schmachvoll mißhandelt hast du unsern Fürstenherd,
Vorlage S. 663 1316 Und hörst es freudig, und dich schreckt dergleichen nicht?
Vorlage S. 663 1318 Ich könnte wohl auch deinen Worten mancherlei,
Vorlage S. 663 1319 O Freund, erwidern! Aber eile nicht so sehr;
Vorlage S. 663 1320 Erzähle, wie sie starben. Doppelt wirst du mich
Vorlage S. 663 1321 Ergötzen, wenn ihr Todesleiden schmerzlich war.
Vorlage S. 663 1323 Als deiner Söhne Doppelzweig erschienen mit
Vorlage S. 663 1324 Dem Vater und ins Zimmer eingetreten war,
Vorlage S. 663 1325 Erfreut' es alle, die dein Leid bekümmert hat,
Vorlage S. 663 1326 Uns Diener, und gleich ging das Wort von Ohr zu Ohr,
Vorlage S. 663 1327 Dein alter Zwist sei mit dem Gatten beigelegt.
Vorlage S. 663 1328 Der küsst' die Hände, der das blonde Lockenhaupt
Vorlage S. 663 1329 Der Kinder, und vor Freuden lief ich selber auch
Vorlage S. 663 1330 Mit deinen Söhnen nach den Fraungemächern hin.
Vorlage S. 663 1331 Die Herrin, der wir huldgen jetzt an deiner Statt,
Vorlage S. 663 1332 Ließ, eh sie deines Kinderpaars ansichtig ward,
Vorlage S. 663 1333 Auf Jason wohlgefällig ihre Blicke ruhn,
Vorlage S. 663 1334 Dann aber plötzlich hielt sie sich die Augen zu
Vorlage S. 663 1335 Und wandte rückwärts ihr verblaßtes Angesicht,
Vorlage S. 663 1336 Abscheu bezeugend ihres Eintritts. Dein Gemahl
Vorlage S. 663 1337 Entfernt' des jungen Weibes Groll und Heftigkeit.
Vorlage S. 663 1338 Er sprach: »Du musst nicht bösgesinnt Verwandten sein.
Vorlage S. 663 1339 Lass ab zu zürnen, wende mir dein Auge zu,
Vorlage S. 663 1340 Wähl die zu Freunden, die des Gatten Freunde sind,
Vorlage S. 663 1341 Und nimm die Gaben! Bitte deinen Vater auch,
Vorlage S. 663 1342 Dass mir zu Gunst er diesen hier den Bann erläßt.«
Vorlage S. 663 1343 Und sie, den Schmuck erblickend, hielt sich nimmermehr,
Vorlage S. 663 1344 Versprach dem Gatten alles, und bevor noch weit
Vorlage S. 663 1345 Vom Hause weg der Vater und die Söhne sind,
Vorlage S. 663 1346 Wird schon das bunte Kleid geholt und angelegt
Vorlage S. 663 1347 Und auch der goldne Kranz den Locken aufgesetzt.
Vorlage S. 663 1348 Sie prüft im blanken Spiegel wohl der Ringeln Bau,
Vorlage S. 664 1349 Anlächelnd ihres Leibes unbeseeltes Bild,
Vorlage S. 664 1350 Und drauf vom Sitz erhoben, schritt sie her und hin
Vorlage S. 664 1351 Im Zimmer, zierlich wandelnd mit schneeweißem Fuß,
Vorlage S. 664 1352 Des Schmuckes übermäßig froh, und warf den Blick
Vorlage S. 664 1353 Gar oft zurück zur steilerhobnen Fers' hinab.
Vorlage S. 664 1354 Doch jetzo gab's ein schrecklich Schauspiel anzusehn:
Vorlage S. 664 1355 Die Farbe wechselnd, nach der Seite taumelt' sie,
Vorlage S. 664 1356 An allen Gliedern zitternd, und gelangt' mit Not
Vorlage S. 664 1357 Zum Sitze wankend, eh sie noch zu Boden stürzt'.
Vorlage S. 664 1358 Und eine greise Dienerin, vermeinend wohl,
Vorlage S. 664 1359 Pans oder andrer Götter Grimm befalle sie,
Vorlage S. 664 1360 Fing an zu jubeln, bis sie sah den weißen Schaum
Vorlage S. 664 1361 Vom Munde dringen und den stierverdrehten Blick
Vorlage S. 664 1362 Der Augen und den leichenblassen kalten Leib.
Vorlage S. 664 1363 Da ließ sie laut dem Jubel widertöniges
Vorlage S. 664 1364 Geheul erschallen. Eilends rennt die eine zum
Vorlage S. 664 1365 Gemach des Vaters, jene hin zum Bräutigam,
Vorlage S. 664 1366 Des Mädchens Unfall meldend, und das ganze Haus
Vorlage S. 664 1367 Erdröhnt von häufgen Tritten hastig Rennender.
Vorlage S. 664 1368 Jetzt hätt ein hurtger Läufer wohl das Ziel erreicht
Vorlage S. 664 1369 Des Schenkels einer zweimalhundertschrittgen Bahn,
Vorlage S. 664 1370 Da fuhr die Arme, welche mit geschloßnem Blick
Vorlage S. 664 1371 Lautlos gelegen, plötzlich auf mit wildem Schrei.
Vorlage S. 664 1372 Denn siehe, zwiefach Leiden stürmt' jetzt auf sie ein:
Vorlage S. 664 1373 Der goldne Kranz, auf ihren Schläfen sitzend, sprüht'
Vorlage S. 664 1374 Entsetzlich Ströme Feuers allverzehrend aus,
Vorlage S. 664 1375 Und deiner Kinder Schenkung, jenes Festgewand,
Vorlage S. 664 1376 Zerfraß des unglückselgen Kindes zartes Fleisch.
Vorlage S. 664 1377 Sie flieht, vom Sessel aufgesprungen, ganz in Glut,
Vorlage S. 664 1378 Hinüber und herüber werfend Haupt und Haar,
Vorlage S. 664 1379 Den Kranz hinwegzuschleudern, doch fest hafteten
Vorlage S. 664 1380 Des Goldes Fesseln, und das Feuer loderte,
Vorlage S. 664 1381 Indem das Haar sie schüttelt', noch zweimal so stark.
Vorlage S. 664 1382 Sie stürzt' zu Boden, übermannt vom Ungemach,
Vorlage S. 664 1383 Nicht mehr zu kennen, außer wer mit zugesehn.
Vorlage S. 664 1384 Denn nicht der Augen Lage war mehr kenntlich, nicht
Vorlage S. 664 1385 Des Angesichtes Züge, und Tropfen Bluts, vermischt
Vorlage S. 665 1386 Mit Feuertropfen, träufelten vom Scheitel ab.
Vorlage S. 665 1387 Und vom Gebeine, gleich den Fichtenzähren, troff
Vorlage S. 665 1388 Das Fleisch, vom unsichtbaren Zahn des Gifts genagt.
Vorlage S. 665 1389 Ein kläglich Schauspiel! Keiner wagt der Leiche sich
Vorlage S. 665 1390 Zu nahn: ihr Schicksal hatte deutlich uns belehrt.
Vorlage S. 665 1391 Da stürzt der arme Vater, dessen unbewusst,
Vorlage S. 665 1392 Zum Saal herein und plötzlich auf die Tochter hin,
Vorlage S. 665 1393 Und jammert kläglich, und umschlingt den toten Leib,
Vorlage S. 665 1394 Und küsst ihn, also sprechend: »Mein unglücklich Kind!
Vorlage S. 665 1395 Ach, welcher Dämon hat so grausam dich zerstört?
Vorlage S. 665 1396 Wer hat mich Greisen deiner noch an Grabes Rand
Vorlage S. 665 1397 Verwaist? Ach wehe! dürft ich mit dir sterben, Kind!«
Vorlage S. 665 1398 Nach solchen Klagen, solchem Weinen, als er drauf
Vorlage S. 665 1399 Emporzurichten strebte seinen greisen Leib,
Vorlage S. 665 1400 Hing, wie der Efeu an des Lorbeers Rinde klebt,
Vorlage S. 665 1401 Er fest am Brautkleid, und ein schrecklich Ringen war's,
Vorlage S. 665 1402 Indem der Alte aufzurichten strebt' das Knie,
Vorlage S. 665 1403 Sie aber festhielt. Wenn er dann gewaltger zog,
Vorlage S. 665 1404 So riss er vom Gebeine sich das greise Fleisch.
Vorlage S. 665 1405 Zuletzt verhaucht' er, matt und matter, seinen Geist,
Vorlage S. 665 1406 Der Arme, nicht mehr ward er seines Leidens Herr!
Vorlage S. 665 1407 Da liegen beieinander nun die Leichen, Kind
Vorlage S. 665 1408 Und Vater, ach, ein tränenlockend Missgeschick!
Vorlage S. 665 1409 Was dich nun angeht, liegt von meinem Rate fern;
Vorlage S. 665 1410 Du wirst erkennen, wie du magst der Straf entgehn.
Vorlage S. 665 1411 Mir aber dünket Schatten alles Irdische
Vorlage S. 665 1412 Nicht heut zuerst, und ohne Zagen sprech ich's aus:
Vorlage S. 665 1413 Die klug sich dünken, forschen nach der Dinge Grund,
Vorlage S. 665 1414 Dass die der Torheit ganz zuerst verfallen sind.
Vorlage S. 665 1415 Denn auf der Welt bringt's keiner zum vollkommnen Glück.
Vorlage S. 665 1416 Wo Segen zuströmt, mag vor andern einer wohl
Vorlage S. 665 1417 Beglückt erscheinen, aber völlig glücklich nie.
Vorlage S. 665 1419 Es will das Schicksal vieles Leid am heutgen Tag
Vorlage S. 665 1420 Zusammenhäufen, und mit Recht, auf Jasons Haupt.
Vorlage S. 665 1421 O Tochter Kreons, armes Weib, wie dauert uns
Vorlage S. 665 1422 Dein Missgeschick, dass in des Todes dunkles Haus
Vorlage S. 665 1423 Eingehn du musstest wegen Jasons Ehlichung!
Vorlage S. 666 1425 Entschieden bin ich, Beste, jetzt die Kinder rasch
Vorlage S. 666 1426 Zu töten und dann fortzueilen aus dem Land.
Vorlage S. 666 1427 Ich will durch Zaudern meine Kinder nicht zum Mord
Vorlage S. 666 1428 Preisgeben einer andern rachedürstgen Hand.
Vorlage S. 666 1429 Ganz unabwendbar ist ihr Tod, und weil er's ist,
Vorlage S. 666 1430 Will ich sie töten, die sie auch geboren hat.
Vorlage S. 666 1431 Wohlan, mein Herz, auf, waffne dich! was zauderst du,
Vorlage S. 666 1432 Zu tun das schrecklich, aber unvermeidlich Leid?
Vorlage S. 666 1433 Du, meine unglückselge Hand, ergreif das Schwert!
Vorlage S. 666 1434 Ergreif es, tritt zum Wendepunkte deines Glücks;
Vorlage S. 666 1435 Verbann die Weichheit, denke nicht, wie lieb sie sind,
Vorlage S. 666 1436 Dass dein sie sind, dass du die Mutter! Oh, vergiss
Vorlage S. 666 1437 Du deiner Kinder nur den einen kurzen Tag,
Vorlage S. 666 1438 Und dann bewein sie! Wenn du gleich sie töten musst,
Vorlage S. 666 1439 Du liebst sie dennoch – ach, ich unglückselges Weib!
Vorlage S. 666 1441 Erste Strophe
Vorlage S. 666 1443 Höre mich, Erde, hör, Sonnenlichts
Vorlage S. 666 1444 Leuchtender Strahlenschein! O blickt her, o seht
Vorlage S. 666 1445 Dieses verzweifelt Weib, eh sie die blutge Hand
Vorlage S. 666 1446 Noch an die Kinder selbstmörderisch legen kann!
Vorlage S. 666 1447 Sind sie doch deines Stamms güldnem Geschlecht entsproßt!
Vorlage S. 666 1448 Und soll Götterblut jetzt
Vorlage S. 666 1449 Fallen durch Menschenhand?
Vorlage S. 666 1450 Darum, o Himmelslicht,
Vorlage S. 666 1451 Lähm ihr die blutge Hand, hemme sie, lass durch böse Geister
Vorlage S. 666 1452 Das verwegne Weib fort vom Haus jagen in Höllenangst!
Vorlage S. 666 1453 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 666 1454 Trugst du die Muttermühn, trugst umsonst
Vorlage S. 666 1455 Schmerzen um deines Stamms blühende Sprößlinge,
Vorlage S. 666 1456 O Weib, das geschifft vom grausamen Tor
Vorlage S. 666 1457 Eiserner Felsenwand, schiffezermalmender!
Vorlage S. 666 1458 Törin, wie konnte je zürnender Groll so schwer
Vorlage S. 666 1459 In dein Herz einziehn, dass
Vorlage S. 667 1460 Mord ihn bezahlen muss?
Vorlage S. 667 1461 Flecken verwandten Bluts,
Vorlage S. 667 1462 Wenn es zur Erde floss, drücken die Seele schwer und suchen
Vorlage S. 667 1463 Mit dem gleichtönigen Schrei des Wehs rächend den Mörder heim.
Vorlage S. 667 1464 Aus dem Haus dringt das Geschrei der Kinder.
Vorlage S. 667 1465 Zweite Strophe
Vorlage S. 667 1466 ERSTER SOHN.
Vorlage S. 667 1467 Weh! was beginn ich? wie entfliehn der Mutter Hand?
Vorlage S. 667 1468 ZWEITER SOHN.
Vorlage S. 667 1469 Ich weiß es, bester Bruder, nicht. Wir sind verlorn!
Vorlage S. 667 1471 Hörst du der Kinder Ruf? Hörst du das Angstgeschrei?
Vorlage S. 667 1472 Welch Unheil beginnst du, fühlloses Weib?
Vorlage S. 667 1473 Dring ich ins Haus hinein? Ich muss! Ja! ich muss
Vorlage S. 667 1474 Hemmen den Kindermord!
Vorlage S. 667 1475 BEIDE SÖHNE.
Vorlage S. 667 1476 Ach ja, ach, bei den Göttern, helft! jetzt tut es not!
Vorlage S. 667 1477 Wir fallen hin ins Netz des Todes eben jetzt!
Vorlage S. 667 1479 O hartherzges Weib, bist du von Stein und Erz,
Vorlage S. 667 1480 Dass du die Kindersaat deines Bluts,
Vorlage S. 667 1481 Du, ihre Mutter, kannst morden mit eigner Hand?
Vorlage S. 667 1482 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 667 1483 Nur ein Weib der Vorzeit, eins nur vergriff,
Vorlage S. 667 1484 Hör ich, mit Mordeshand sich an dem eignen Blut,
Vorlage S. 667 1485 Ino, von bösen Geistern toll, als Zeus' Gemahl
Vorlage S. 667 1486 Sie aus der Heimat sandte fort in irrer Flucht.
Vorlage S. 667 1487 Und stürzt drauf ins Meer, das elende Weib,
Vorlage S. 667 1488 Nach ruchlosem Mord,
Vorlage S. 667 1489 Indem sie von der Küstenwand wegstreckt den Fuß,
Vorlage S. 667 1490 Und geht zugrunde, sterbend mit dem Kinderpaar.
Vorlage S. 667 1491 Wie könnt ärgres Leid noch aus dir entstehn,
Vorlage S. 667 1492 Quälende Eifersucht armer Fraun?
Vorlage S. 667 1493 Wieviel hast du schon der Welt Leid gebracht!
Vorlage S. 667 1494 Jason tritt auf.
Vorlage S. 667 1496 Ihr Frauen, die ihr nahe steht bei diesem Haus,
Vorlage S. 668 1497 Verweilt in seinen Räumen noch die Täterin
Vorlage S. 668 1498 Des Greuls, Medea? oder wich sie fliehend schon?
Vorlage S. 668 1499 Sie muss sich jetzt im Erdenschoß verbergen, muss
Vorlage S. 668 1500 Auffliegen jetzt zu Äthershöhn beschwingten Leibs,
Vorlage S. 668 1501 Wenn nicht sie keine Straf etwan zu büßen meint
Vorlage S. 668 1502 Dem Königshause nach dem Mord der Landesherrn,
Vorlage S. 668 1503 Und unversehrt hinwegzufliehn aus diesem Haus.
Vorlage S. 668 1504 Doch kümmert minder sie mich als der Kinder Los:
Vorlage S. 668 1505 Ihr wird's vergelten, wer von ihr mißhandelt ist.
Vorlage S. 668 1506 Ich eilte nur zur Rettung meiner Kinder her,
Vorlage S. 668 1507 Dass nicht die Blutsverwandten ihnen Leides tun,
Vorlage S. 668 1508 Zu rächen ihrer Mutter greuelhaften Mord.
Vorlage S. 668 1509 CHOR(FÜHRERIN).
Vorlage S. 668 1510 Du kennest, Armer, deines Unglücks Tiefe nicht!
Vorlage S. 668 1511 Du hättest, Jason, dieses Wort sonst nicht gesagt.
Vorlage S. 668 1513 Was ist es? will sie etwa mich ermorden noch?
Vorlage S. 668 1515 Tot sind die Söhne, von der Mutter Hand erwürgt!
Vorlage S. 668 1517 Weh mir, was sagst du? Weib, vernichtet hast du mich!
Vorlage S. 668 1519 Die Kinder sind nicht mehr am Leben, wisse das!
Vorlage S. 668 1521 Wo ward der Mord begangen? drinnen oder hier?
Vorlage S. 668 1523 Schließ auf das Tor, so siehst du deiner Kinder Blut.
Vorlage S. 668 1525 Schiebt weg die Riegel, aus den Fugen reißt das Tor,
Vorlage S. 668 1526 Ihr Diener, schleunigst, dass ich doppelt Leid erleb
Vorlage S. 668 1527 Und an der Mördrin räche, die sie mordete!
Vorlage S. 668 1528 Medea erscheint auf einem von Drachen gezogenen Wagen in der Luft, die Leichen der Kinder im Arm.
Vorlage S. 668 1530 Wozu das Rütteln? dieser Sturm auf dieses Tor?
Vorlage S. 668 1531 Du suchst die Leichen, suchest, die sie machte, mich?
Vorlage S. 668 1532 Spar deine Mühe! Aber wenn du mein bedarfst,
Vorlage S. 668 1533 So sprich, was willst du? Nie berührt mich deine Hand!
Vorlage S. 668 1534 Ein solches Fahrzeug schenket' mir der Sonnengott,
Vorlage S. 668 1535 Mein Vatersvater, das mich schirmt vor Feindeshand!
Vorlage S. 668 1537 O Scheusal, o im Grund der Seel verhaßtes Weib
Vorlage S. 668 1538 Den Göttern und der ganzen Menschheit so wie mir!
Vorlage S. 668 1539 Die gegen ihre Kinder könnt, ihr eigen Blut,
Vorlage S. 668 1540 Das Eisen zücken, morden mich durch ihren Mord!
Vorlage S. 668 1541 Und schaust nach solcher Handlung noch das Sonnenlicht,
Vorlage S. 669 1542 Die Erde noch nach solcher ganz ruchlosen Tat?
Vorlage S. 669 1543 Verdirb! O hätt ich's damals eingesehn wie jetzt,
Vorlage S. 669 1544 Als aus der Heimat wildem Land und Volk ich dich
Vorlage S. 669 1545 Entführt' ins schöne Griechenland zum Fluche mir,
Vorlage S. 669 1546 Des Vaters und des Vaterlands Verräterin.
Vorlage S. 669 1547 Der Himmel stürzte deinen bösen Geist auf mich,
Vorlage S. 669 1548 Denn deinen Bruder schlugst du tot am Vaterherd,
Vorlage S. 669 1549 Bevor du ins schönbordge Schiff der Argo stiegst.
Vorlage S. 669 1550 In solcher Art begannst du. Jetzt, vermählt mit mir
Vorlage S. 669 1551 Und Mutter trauter Kinder, die du mir geschenkt,
Vorlage S. 669 1552 Erschlugst du sie aus Eifersucht ums Ehebett.
Vorlage S. 669 1553 Dies hätte nie ein griechsches Weib zu tun vermocht!
Vorlage S. 669 1554 Und ihnen hab ich vorgezogen deine Hand,
Vorlage S. 669 1555 Ich Tor, zum widerwärtigen, unheilvollen Bund,
Vorlage S. 669 1556 Dich, grimmge Löwin und kein Weib, von wildrer Art,
Vorlage S. 669 1557 Als Skylla ist, das Ungeheur Tyrseniens.
Vorlage S. 669 1558 Doch dich vermocht ich nicht mit tausend Schmähungen
Vorlage S. 669 1559 Zu kränken: also dreist ist dein verstocktes Herz!
Vorlage S. 669 1560 Hinweg, du Schandweib, blutge Kindermörderin!
Vorlage S. 669 1561 Mir aber bleibt mein Jammer und mein Ungemach.
Vorlage S. 669 1562 Denn nicht des neuvermählten Weibes werd ich froh
Vorlage S. 669 1563 Und kann die Kinder, die ich zeugt und auferzog,
Vorlage S. 669 1564 Nicht lebend mehr begrüßen. Ach, sie sind dahin!
Vorlage S. 669 1566 Wohl lange Reden könnt ich deiner langen Red
Vorlage S. 669 1567 Entgegnen, wüsste Zeus, der Gott im Himmel, nicht,
Vorlage S. 669 1568 Was du von mir empfangen, was erwidert hast.
Vorlage S. 669 1569 Genug, du wirst, nachdem du mich verschmähet, nicht
Vorlage S. 669 1570 Ein wonnig Leben führen und hohnlachen mir,
Vorlage S. 669 1571 Noch kann die Fürstin oder, der die Ehe schloss,
Vorlage S. 669 1572 Kreon, mich so vom Lande stoßen ungestraft.
Vorlage S. 669 1573 Drum nenn mich immer wilde Löwin, wenn's beliebt,
Vorlage S. 669 1574 Und Skylla, die da hauset im tyrsenschen Fels:
Vorlage S. 669 1575 Verwundet hab ich, falsches Herz, dich, wie's gebührt!
Vorlage S. 669 1577 Und blutest selbst auch, denn der Schlag traf dich zugleich.
Vorlage S. 669 1579 Gewiss, doch wenn nur du nicht lachst, ist's Trost für mich.
Vorlage S. 669 1581 O Kinder, welch ein schlechtes Weib hieß Mutter euch!
Vorlage S. 670 1583 O Kinder, welch ein törger Vater mordet' euch!
Vorlage S. 670 1585 Hat meine Hand doch wahrlich nicht den Mord verübt!
Vorlage S. 670 1587 Dein Übermut und deine neugeschloßne Eh!
Vorlage S. 670 1589 War dir das Bett so wichtig, sie zu töten drum?
Vorlage S. 670 1591 Geringe Kränkung, meinst du, sei dem Weibe das?
Vorlage S. 670 1593 Ja, wenn sie sittsam – du bist aller Tugend bar.
Vorlage S. 670 1595 Sie leben nicht mehr! Ewiger Gram muss das dir sein.
Vorlage S. 670 1597 Sie leben, wilde Rachegeister deiner Seel!
Vorlage S. 670 1599 Die Götter wissen, wer des Wehs Urheber war.
Vorlage S. 670 1601 Sie wissen's, ja! sie kennen dein abscheulich Herz.
Vorlage S. 670 1603 Ich hass dich. Widerwärtig ist mir dein Gespräch.
Vorlage S. 670 1605 Und mir das deine; also sind wir fertig leicht.
Vorlage S. 670 1607 Das wünsch ich gleichfalls. Sage, wie's geschehen kann.
Vorlage S. 670 1609 Lass zum Bestatten, zum Betrauern die Leichen mir.
Vorlage S. 670 1611 Mitnichten! Meine Hand begräbt und übergibt
Vorlage S. 670 1612 Sie dort geweihtem Boden bei der Hera Burg,
Vorlage S. 670 1613 Damit sie meine Feinde nicht mißhandeln und
Vorlage S. 670 1614 Ihr Grab umwühlen. Hier dem Land von Sisyphos
Vorlage S. 670 1615 Wird für die Zukunft heilger Dienst und Opferweih
Vorlage S. 670 1616 Obliegen für den hier begangnen Greuelmord.
Vorlage S. 670 1617 Ich aber ziehe nach Erechtheus' Lande hin,
Vorlage S. 670 1618 Woselbst Pandions Sohn mir, Aigeus, Wohnung gibt.
Vorlage S. 670 1619 Du aber endest schlimm, du Schlimmer, wie's gebührt:
Vorlage S. 670 1620 Ein Trumm der Argo wird ans Haupt dich treffen einst,
Vorlage S. 670 1621 Nachdem du unsrer Ehe bittres End erlebt.
Vorlage S. 670 1623 Dich verderben die Qualgeister des Abgrunds
Vorlage S. 670 1624 Und das blutige Recht!
Vorlage S. 670 1626 Wo höret ein Gott oder ein Geist dich,
Vorlage S. 670 1627 Meineidiger Mann?
Vorlage S. 670 1629 Weh, Scheusal, weh, Mördrin der Kinder!
Vorlage S. 670 1631 Geh hin zum Palast und bestatte dein Weib!
Vorlage S. 670 1633 Ach, gingen dahin meine Söhne mit mir!
Vorlage S. 670 1635 Wart, bis du alt wirst! Dann weinest du recht!
Vorlage S. 670 1637 Teuerste Söhn, ach!
Vorlage S. 670 1639 Bloß mir sind sie das.
Vorlage S. 670 1641 Und schlugst sie doch tot?
Vorlage S. 671 1643 Zum Grame für dich!
Vorlage S. 671 1645 Ach, ich sehne mich, ach, nach dem teueren Mund,
Vorlage S. 671 1646 Nach dem Kuß meiner Söhn, unglücklicher Mann!
Vorlage S. 671 1648 Jetzt sprichst du von Gruß, jetzt sprichst du von Kuß,
Vorlage S. 671 1649 Und verstießest sie doch.
Vorlage S. 671 1651 Bei den Göttern, o lass
Vorlage S. 671 1652 Mich berühren die Wang und den lieblichen Leib!
Vorlage S. 671 1654 Mitnichten! Verhallt ist umsonst dies Wort.
Vorlage S. 671 1655 Sie fährt davon.
Vorlage S. 671 1657 O Zeus, sieh her, wie sie mich wegstößt,
Vorlage S. 671 1658 Wie mich behandelt dies scheußliche, dies
Vorlage S. 671 1659 Kindererwürgende Untier eines Weibs!
Vorlage S. 671 1660 Doch was ich noch kann und was ich vermag,
Vorlage S. 671 1661 Laut klag ich und schrei meinen Jammer empor
Vorlage S. 671 1662 Zu den Göttern und ruf auf sie zu Zeugen,
Vorlage S. 671 1663 Wie du die Söhn, ach! mir gemordet und nun
Vorlage S. 671 1664 Die Berührung des Leibs, die Bestattung wehrst.
Vorlage S. 671 1665 Oh, hätt ich sie nie doch gezeugt, dann müsst
Vorlage S. 671 1666 Ich sie jetzt nicht sehen erschlagen!
Vorlage S. 671 1669 Es waltet der Dinge Gott Zeus im Olymp,
Vorlage S. 671 1670 Das Göttliche zeigt sich in mancher Gestalt.
Vorlage S. 671 1671 Es vollenden die Götter, was keiner geahnt.
Vorlage S. 671 1672 Wovon wir geträumt, das verwirklicht sich nicht.
Vorlage S. 671 1673 Was unmöglich uns schien, das ist möglich für Gott.
Vorlage S. 671 1674 So hat es auch hier sich bewiesen.)
Vorlage S. 671