Der junge Des Grieux erzählt von seiner leidenschaftlichen Beziehung zu Manon und den Entscheidungen, die beide in Betrug, Gefangenschaft und Verbannung führen. Der Roman verbindet die Liebesgeschichte mit Fragen nach Geld, sozialer Macht und der Glaubwürdigkeit des Erzählers.
RomanKlasse 11–1315 Abschnitte
Historische Illustration zu Manon Lescaut, Ausgabe von 1753. · Jacques Philippe Le bas / Jacques Jean Pasquier / Hubert-François Gravelot · Public domain Bildquelle ↗
Historische gesellschaftliche und religiöse Vorstellungen sowie stereotype Darstellungen kritisch einordnen. Die Klassenangabe ist redaktionelle Orientierung.
Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.
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Deutsch · Abschnitt 3 von 15
Erster Teil · Leseabschnitt 1
Redaktioneller Leseabschnitt innerhalb von „Erster Teil“. Die zusätzliche Gliederung verändert weder Wortlaut noch Reihenfolge.
Ich bin genötigt, den Leser bis zu jener Zeit meines Lebens zurückzuführen, da ich den Chevalier des Grieux zum erstenmal traf. Es war das etwa sechs Monate vor meiner Abreise nach Spanien. Obgleich ich nur selten aus meiner Einsamkeit heraustrat, so machte ich doch aus Gefälligkeit gegen meine Tochter verschiedene kleine Reisen, die ich so kurz wie möglich gestaltete.
Eines Tages kam ich von Rouen zurück. Sie hatte mich gebeten, vor dem normannischen Landtag ihre Rechte auf einige Güter zu vertreten, auf die sie durch meinen Großvater mütterlicherseits Ansprüche besaß. Ich machte meinen Rückweg über Evreux, wo ich zum erstenmal übernachtete, und kam am nächsten Tag zur Essenszeit nach Passy, das fünf oder sechs Meilen davon entfernt liegt. Zu meinem Erstaunen fand ich, als ich in dem Ort anlangte, die ganze Einwohnerschaft in großer Aufregung. Die Leute stürzten sich förmlich aus ihren Häusern und liefen in Scharen nach dem Tor einer elenden Ausspannung, vor der zwei bedeckte Frachtwagen standen. Die Pferde waren noch angeschirrt, sie dampften vor Müdigkeit und Hitze, und man sah, dass sie soeben erst angekommen waren.
Ich hielt einen Augenblick an, um mich nach der Ursache des Auflaufs zu erkundigen, aber ich konnte von der neugierigen Bevölkerung keine Aufklärung bekommen. Die Leute beachteten meine Frage gar nicht, sondern drängten sich noch immer stoßend und lärmend nach der Ausspannung. Endlich sah ich einen Polizeisoldaten, der ein Bandelier trug und eine Flinte auf der Schulter hatte, an dem Tor, und ich winkte ihm mit der Hand, zu mir zu kommen. Ich bat ihn, mir den Grund zu dem Durcheinander mitzuteilen.
»Es ist nichts Wichtiges, mein Herr«, sagte er mir. »Wir haben hier nur ein Dutzend Freudenmädchen, die ich und meine Gefährten nach Havre de Grâce bringen, von wo sie nach Amerika eingeschifft werden. Es sind ein paar hübsche darunter, und das erregt offenbar das Interesse dieser biederen Landleute.«
Ich wäre mit dieser Erklärung weitergeritten, wenn mich nicht die Ausrufe einer alten Frau festgehalten hätten. Sie kam händeringend aus dem Gasthof und schrie, so etwas sei unmenschlich, da müsste einen ja Entsetzen und Mitleid überkommen.
Ich wurde jetzt doch neugierig und stieg vom Pferde, das ich meinem Stallknecht überließ. Nur mit Mühe konnte ich mich durch die Menge drängen und trat dann ins Haus, wo ich allerdings etwas sehr Ergreifendes sah.
Unter den zwölf Mädchen, die zu je sechs an der Taille zusammengekettet waren, befand sich eine, deren Gesicht und ganze Erscheinung so wenig zu ihrer augenblicklichen Lage zu passen schien, dass ich sie in jeder anderen Umgebung für eine Dame vom höchsten Rang gehalten hätte. Ihre Traurigkeit und der schmutzige Zustand ihrer Wäsche und ihrer Kleidung beeinträchtigten ihre Schönheit so wenig, dass ihr Anblick mir Achtung und Mitleid einflößte. Sie versuchte trotzdem, soweit es ihr die Kette erlaubte, sich abzuwenden, um ihr Gesicht vor den Blicken der Zuschauer zu verbergen. Die Bewegung, die sie machte, um sich zu verstecken, war so natürlich, dass sie aus einem Gefühl der Bescheidenheit zu kommen schien.
Da sich die sechs Wachtsoldaten, die diese unglückliche Schar begleiteten, ebenfalls im Zimmer befanden, nahm ich ihren Anführer zur Seite und bat ihn, mir etwas Genaueres über das Schicksal dieses schönen Mädchens mitzuteilen. Er konnte mir aber nur eine ganz allgemeine Auskunft geben.
»Wir haben sie«, sagte er mir, »auf Anordnung des Herrn Polizeipräfekten aus dem Arbeitshaus geholt. Sicherlich war sie nicht wegen ihrer guten Aufführung dorthin gelangt. Ich habe sie unterwegs wiederholt ausgefragt, sie weigert sich aber hartnäckig, mir zu antworten. Obwohl ich nun keine Anweisung erhalten habe, sie mehr als die anderen zu schonen, habe ich ihr doch immer einige Erleichterungen zukommen lassen, denn sie scheint mir etwas besser zu sein, als ihre Gefährtinnen. Übrigens,« fügte der Beamte hinzu, »dort ist ein junger Mann, der Ihnen besser als ich über die Ursachen ihres Missgeschicks Auskunft geben könnte. Er ist ihr von Paris aus gefolgt und hat kaum einen Augenblick aufgehört, zu weinen. Er muss entweder ihr Bruder oder ihr Geliebter sein.«
Ich wandte mich nach der Zimmerecke, wo dieser junge Mann saß. Er schien in tiefes Grübeln versunken zu sein. Niemals habe ich ein lebendigeres Bild des Schmerzes gesehen. Er war sehr einfach gekleidet, aber man erkannte auf den ersten Blick einen Mann von Stand und guter Erziehung. Ich näherte mich ihm. Er erhob sich, und ich entdeckte in seinem Blick, in seinen Gesichtszügen und in seinen ganzen Bewegungen etwas so Vornehmes und Edles, dass in mir unwillkürlich ein wohlwollendes Gefühl für ihn aufstieg.
»Hoffentlich störe ich Sie nicht«, sagte ich, indem ich mich neben ihn hinsetzte. »Möchten Sie wohl meine Neugierde befriedigen, etwas über diese schöne Person zu erfahren, die mir durchaus nicht für den traurigen Zustand geschaffen scheint, in dem ich sie erblicke.«
Er antwortete mir aufrichtig, dass er mir nicht sagen könne, wer sie sei, ohne sich dabei auch zu nennen, und er habe bestimmte Gründe, unbekannt bleiben zu wollen. »Ich kann Ihnen aber trotzdem mitteilen, was diese Elenden da auch schon wissen«, fuhr er fort und wies auf die Polizisten. »Nämlich, ich liebe sie mit einer solchen heftigen Leidenschaft, dass ich dadurch zum unglücklichsten aller Menschen werde. Ich habe in Paris alles versucht, sie frei zu machen. Aber alle Rechtsgesuche, Schleichwege und Gewaltanwendungen waren vergebens, und so habe ich mich entschlossen, ihr zu folgen, selbst wenn es bis an das Ende der Welt geht. Ich werde mich mit ihr einschiffen und nach Amerika fahren.«
»Was aber das Unmenschlichste ist,« fügte er hinzu, indem er wieder auf die Polizisten wies, »diese feigen Halunken wollen mir nicht erlauben, mich ihr zu nähern. Ich hatte die Absicht, sie einige Meilen von Paris entfernt offen anzugreifen, und mich mit vier Mann verbunden, die mir für eine beträchtliche Summe ihre Hilfe versprochen hatten. Die Verräter ließen mich einfach im Stich und machten sich mit meinem Geld davon. Da es mir nun auf diese Weise unmöglich wurde, mit Gewalt etwas auszurichten, streckte ich die Waffen. Ich schlug aber den Polizisten vor, mir wenigstens zu gestatten, ihnen zu folgen, wofür ich sie entschädigen wollte. Geldgierig stimmten sie zu. Sie wollten aber jedesmal bezahlt werden, wenn sie mir die Gelegenheit gewährten, mit meiner Geliebten zu sprechen. In kurzer Zeit hat sich meine Börse geleert, und jetzt, da ich keinen Sou mehr habe, stoßen sie mich brutal zurück, wenn ich einen Schritt auf sie zu mache. Erst vorhin, als ich mich ihr trotz ihrer Drohungen zu nähern wagte, besaßen sie die Unverschämtheit, eine Gewehrmündung auf mich zu richten. Um ihrer Habgier Genüge zu tun und den Weg zu Fuß fortsetzen zu können, bin ich gezwungen, hier ein armseliges Pferd, das mich bisher getragen hat, zu vekaufen.«
Obgleich er diesen Bericht scheinbar mit ziemlicher Ruhe gab, fielen ihm doch zum Schluss einige Tränen aus den Augen. Mir erschien sein ganzes Abenteuer ungewöhnlich seltsam und ergreifend.
»Ich dränge Sie nicht,« sagte ich zu ihm, »mir Ihr Geheimnis zu entdecken; aber wenn ich Ihnen in irgendeiner Beziehung nützlich sein kann, so stehe ich Ihnen ganz zur Verfügung.«
»Ach,« antwortete er, »ich sehe nicht den kleinsten Hoffnungsschimmer. Ich muss mich meinem Schicksal in seiner ganzen Strenge unterwerfen. Ich gehe daher nach Amerika; dort werde ich wenigstens frei sein mit der, die ich liebe. Ich habe an einen meiner Freunde geschrieben, der mir in Havre de Grâce einige Hilfe erweisen wird. Meine einzige Sorge ist, glücklich dorthin zu gelangen und unterwegs diesem armen Geschöpf soviel Erleichterung wie möglich zu verschaffen.«
»Ich will Ihre Sorgen erleichtern«, sagte ich. »Hier ist etwas Geld, nehmen Sie es, bitte, an. Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht in anderer Weise dienen kann.«
Ich gab ihm, ohne dass die Wächter es bemerken konnten, vier Louisdor, denn ich begriff wohl, dass sie ihm ihre Vergünstigungen viel teurer verkaufen würden, wenn sie es gewusst hätten. Mir kam sogar der Einfall, mit ihnen einen Handel abzuschließen, um dem jungen Liebenden die Erlaubnis zu verschaffen, bis Havre jederzeit mit seiner Geliebten reden zu können. Ich winkte also dem Anführer, zu mir zu kommen, und machte ihm einen entsprechenden Vorschlag. Trotz seiner Frechheit schien er sich etwas zu schämen.
»Nicht, dass wir uns weigern, mein Herr,« antwortete er mit verwirrter Miene, »ihn mit diesem Mädchen reden zu lassen. Aber er möchte am liebsten immerfort bei ihr sein, und das wird uns unbequem. Da ist es doch nicht mehr wie recht, dass er uns etwas für diese Unbequemlichkeit bezahlt.«
»Aber nehmen Sie sich wohl in acht,« sagte ich zu ihm, »dass Sie mich nicht betrügen. Ich werde diesem jungen Mann meine Adresse geben, damit er mir darüber berichten kann, und seien Sie überzeugt, dass ich wohl in der Lage bin, Sie zur Rechenschaft zu ziehen.«
Der vornehme Anstand und die aufrichtige Erkenntlichkeit, mit der dieser junge Unbekannte mir dankte, brachten mich zu der Überzeugung, dass er von edler Herkunft war und meine Freigebigkeit wohl verdiente. Ehe ich ging, sprach ich auch noch einige Worte mit seiner Geliebten. Sie antwortete mir mit einer so sanften und anmutigen Bescheidenheit, dass mir beim Weiterreiten unwillkürlich tausend Gedanken über den unbegreiflichen Charakter der Frauen kamen.
Ich langte wieder in meiner Einsamkeit an und erhielt keine Nachrichten über den weiteren Verlauf dieses Abenteuers. Es vergingen dann fast zwei Jahre, und ich hatte es gänzlich vergessen, als der Zufall mir Gelegenheit gab, einen genauen Bericht darüber in allen Einzelheiten kennenzulernen.
Ich war mit meinem Schüler, dem Marquis de ***, von London nach Calais gekommen und, wenn ich mich recht erinnere, im »Goldenen Löwen« abgestiegen, wo uns bestimmte Gründe zwangen, den ganzen Tag und die folgende Nacht zu verbringen. Als ich des Nachmittags durch die Straßen schlenderte, glaubte ich denselben jungen Menschen zu erkennen, mit dem ich das Zusammentreffen in Passy gehabt hatte. Er befand sich in sehr schlechter Kleidung und war viel blasser, als ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Offenbar war er gerade in der Stadt angekommen, denn er trug unter dem Arm ein altes Felleisen. Da er aber ein so schönes Gesicht hatte, das man nicht so leicht vergaß, wusste ich sofort, mit wem ich es zu tun hatte.
»Sie scheinen mir nicht in sehr guten Geldumständen zu sein«, sagte ich zu ihm. »Gehen Sie zum ›Goldenen Löwen‹, wo ich auch wohne. Ich werde Sie dort sofort treffen.«
Ich kehrte dann auch wirklich um, denn ich war voller Neugierde, die Einzelheiten seines Missgeschicks und die Umstände seiner Amerikareise zu erfahren. Ich erwies ihm tausend Aufmerksamkeiten und gab Anweisung, es ihm an nichts fehlen zu lassen. Er wartete nicht ab, bis ich ihn bat, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen.
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Kontextbild zum Werk. Historische Illustration zu Manon Lescaut, Ausgabe von 1753. · Jacques Philippe Le bas / Jacques Jean Pasquier / Hubert-François Gravelot · Public domain Bildquelle ↗
»Mein Herr,« sagte er, »Sie haben so edel an mir gehandelt, dass ich es mir als eine abscheuliche Undankbarkeit anrechnen müsste, wenn ich Ihnen irgend etwas von mir verheimlichte. Ich will Ihnen daher nicht nur mein Unglück und meine Leiden erzählen, sondern auch meine Fehler und meine schändlichsten Schwächen. Ich bin sicher, wenn Sie mich auch verdammen, so werden Sie doch zugleich auch nicht umhin können, mich zu beklagen.«
Ich muss hier dem Leser mitteilen, dass ich seine Geschichte fast sofort, nachdem ich sie hörte, niederschrieb, und dass es daher sicherlich nichts Genaueres und Wahrheitsgetreueres geben kann als diese Erzählung. Ich gebe auch ebenso wahrheitsgetreu die Ge danken und Gefühle wieder, die der junge Abenteurer in der elegantesten Form von der Welt zum Ausdruck brachte.
Ich war siebzehn Jahre alt und beendete die oberste Klasse auf dem Gymnasium zu Amiens, wohin mich meine Eltern, die zu einer der ersten Familien von P*** gehören, geschickt hatten. Ich führte ein so besonnenes und geregeltes Leben, dass mich meine Lehrer für ein Musterbeispiel des Gymnasiums erklärten. Nicht, dass ich mir besondere Mühe gab, diese Lobsprüche zu verdienen, aber ich besaß von Natur eine sanfte und ruhige Veranlagung und eine besondere Neigung zum Studieren, so dass man mir meine natürliche Abneigung gegen das Laster als Tugend anrechnete. Meine Herkunft, der Erfolg meiner Studien und einige äußerliche Vorzüge brachten mir die Bekanntschaft und Achtung aller besseren Leute der Stadt.
Die öffentliche Prüfung bestand ich mit so allgemeinem Beifall, dass der Herr Bischof, der ihr beiwohnte, mir vorschlug, mich dem geistlichen Stand zu widmen, in dem ich mir, wie er sagte, größere Auszeichnung verschaffen würde als in dem Malteserorden, für den mich meine Eltern bestimmt hatten. Sie ließen mich schon das Malteserkreuz tragen unter dem Namen eines Chevalier des Grieux. Als die Ferien kamen, traf ich meine Vorbereitungen, zu meinem Vater zurückzukehren, der versprochen hatte, mich bald auf die Ritterakademie zu schicken.
Beim Abschied von Amiens war es mein einziges Bedauern, dass ich dort einen Freund zurückließ, mit dem ich immer aufs zärtlichste vereinigt gewesen war. Er zählte einige Jahre mehr als ich, und wir waren zusammen erzogen worden. Da aber seine Familie nur wenig begütert war, hatte er nur die Wahl, sich dem geistlichen Stande zu widmen, und er musste in Amiens zurückbleiben, um hier die zu diesem Beruf nötigen Studien zu betreiben. Er hatte unendlich viele gute Eigenschaften, seine besten werden Sie im Verlauf meiner Geschichte kennenlernen, in der vor allem seine Hingabe und sein Edelmut alles übertreffen. Hätte ich damals seinen Rat befolgt, dann wäre ich immer weise und glücklich geblieben. Und selbst in dem Abgrund, in den mich meine Leidenschaften gestürzt haben, hätte ich immer noch etwas aus dem Schiffbruch meines Vermögens und meines Rufs gerettet, wenn ich dann wenigstens aus seinen Vorwürfen Nutzen gezogen hätte. Aber für alle seine Bemühungen hat er nur den Schmerz geerntet, einzusehen, dass sie umsonst waren und manchmal übel belohnt wurden durch einen Undankbaren, der sie übelnahm oder sie als Zudringlichkeiten auffaßte.
Ich hatte die Zeit meiner Abreise von Amiens fest gesetzt. Ach, warum setzte ich sie nicht für einen Tag früher fest! Dann hätte ich meinem Vater meine ganze Unschuld zurückgebracht. Es war gerade am Tage vor meiner festgesetzten Abreise aus der Stadt, und ich schlenderte mit meinem Freund, der Tiberge hieß, durch die Straßen, als wir den Postwagen aus Arras ankommen sahen, und ihm zu dem Gasthof, wo diese Wagen halten, folgten. Uns trieb dabei nichts anderes als die Neugierde. Verschiedene Frauen stiegen aus und verschwanden dann. Eine aber, eine sehr junge, blieb allein auf dem Hof, während ein Mann von vorgerücktem Alter, der ihr als Führer zu dienen schien, bemüht war, ihr Gepäck herauszuschaffen. Sie erschien mir so reizend, dass ich, der ich niemals an die Verschiedenheit der Geschlechter gedacht, noch ein Mädchen mit irgendwelcher Aufmerksamkeit betrachtet hatte, dass ich, dessen Vernünftigkeit und Zurückhaltung von aller Welt bewundert wurde, plötzlich bis zum Wahnsinn entflammt wurde. Ich besaß den Fehler, dass ich außerordentlich schüchtern und leicht aus der Fassung zu bringen war, aber in diesem Augenblick verspürte ich von meiner Schwäche durchaus nichts und ging ohne weiteres auf die Herrin meines Herzens zu.
Obgleich sie noch jünger war als ich, nahm sie meine Höflichkeiten ohne bemerkbare Verlegenheit entgegen. Ich fragte sie, warum sie nach Amiens käme, und ob sie hier Bekannte hätte. Sie antwortete mir unbefangen, ihre Eltern schickten sie hierher, damit sie Nonne würde. Die Liebe hatte mich in dem Augenblick, seit sie von mir Besitz genommen, schon so erleuchtet, dass ich diese Absicht als einen tödlichen Schlag für meine Wünsche empfand. Ich sprach zu ihr in einer Art, die ihr meine Gefühle wohl verständlich machte, denn sie war viel erfahrener als ich. Man schickte sie ja gerade deshalb ins Kloster, um ihrem Hang zum Vergnügen entgegenzutreten, der sich schon damals bei ihr gezeigt hatte, und der in der Folge ihr und mein Unglück herbeiführen sollte. Ich bekämpfte die grausame Absicht ihrer Eltern mit allen Gründen, die meine wachsende Liebe und meine scholastische Beredsamkeit mir nur eingeben konnten.
Sie zeigte sich weder streng noch abweisend. Sie sagte mir nach einem Augenblick des Schweigens, dass sie nur zu gut voraussähe, wie unglücklich sie sein würde, aber dass das wohl offenbar der Wille des Himmels sei, indem er ihr keine Möglichkeit ließe, diesem Schicksal auszuweichen. Ihre sanften Blicke, der Zauber ihres traurigen Gesichts, während sie dieses sagte, vielleicht auch mein böses Gestirn, das mich ins Verderben ziehen wollte, gestatteten mir nicht, einen Augenblick mit meiner Antwort zu zögern. Ich versicherte ihr, wenn sie sich ein wenig auf meine Ehre und auf die unendliche Neigung, die sie mir schon jetzt einflößte, verlassen wollte, dann würde ich mein Leben daran setzen, sie aus der Tyrannei ihrer Eltern zu befreien und glücklich zu machen.
Ich habe mich später, wenn ich darüber nachdachte, unendlich oft verwundert, woher mir damals diese Kühnheit und Gewandtheit im Ausdruck kam. Aber man hätte nie aus der Liebe eine Gottheit gemacht, wenn sie nicht manchmal Wunder wirkte. Ich fügte noch tausend beschwörende Worte hinzu.
Meine schöne Unbekannte wusste gut, dass man in meinem Alter kein Betrüger ist. Sie gestand mir, wenn ich eine Möglichkeit sähe, sie zu befreien, dass sie mir dann Köstlicheres als ihr Leben schuldig zu sein glaubte. Ich wiederholte ihr, ich sei bereit, alles zu unternehmen. Da ich aber nicht genug Erfahrung besaß, um mir plötzlich einen Weg, ihr zu helfen, auszudenken, verharrte ich bei dieser unbestimmten Versicherung, die weder ihr noch mir viel helfen konnte.
Ihr bejahrter Argus war inzwischen zu uns herangetreten, und alle meine Hoffnungen wären zu nichts zerronnen, hätte sie nicht genügend Witz gehabt, um der Unfruchtbarkeit meines eigenen zu helfen. Zu meinem Staunen redete sie mich bei der Ankunft ihres Führers mit Vetter an und sagte mir ohne den geringsten Anschein irgendeiner Verlegenheit, sie sei sehr glücklich, mich hier in Amiens getroffen zu haben. Sie wollte deshalb ihren Eintritt ins Kloster auf den nächsten Tag verschieben, um das Vergnügen zu genießen, mit mir zu Abend zu speisen. Ich verstand sehr gut den Sinn dieser List und schlug ihr vor, in einem Gasthof zu übernachten, dessen Besitzer sich in Amiens niedergelassen hatte, nachdem er lange Zeit bei meinem Vater Kutscher gewesen, und der mir in jeder Beziehung ergeben war.
Ich führte sie selbst dorthin, während der alte Begleiter ein wenig zu murren schien, und mein Freund Tiberge, der überhaupt nichts von diesem Vorgang begriff, ohne ein Wort zu sprechen, folgte. Unsere Unterhaltung hatte er nicht gehört, da er, während ich meiner schönen Gebieterin Liebesworte zuflüsterte, im Hofe auf und ab ging. Da ich mich vor seiner Sittsamkeit fürchtete, entledigte ich mich seiner, indem ich ihn um eine Besorgung bat. So hatte ich also das Vergnügen, als ich zur Herberge kam, die Königin meines Herzens allein zu unterhalten.
Ich erkannte bald, dass ich weniger Kind war, als ich es zu sein glaubte. Mein Herz öffnete sich tausend Empfindungen der Lust, von denen ich niemals etwas geahnt hatte. Eine süße Glut durchrann alle meine Adern. Ich befand mich in einem Zustand der Verzücktheit, die mich manchmal des Gebrauchs der Sprache beraubte, und der ich nur durch meine Blicke Ausdruck geben konnte.
Fräulein Manon Lescaut, denn das war, wie sie mir erzählte, ihr Name, schien von diesem Eindruck ihrer Reize sehr befriedigt zu sein. Wie ich zu bemerken glaubte, war sie nicht weniger bewegt als ich. Sie gestand mir, dass sie mich liebenswert fände und entzückt sein würde, mir ihre Freiheit zu verdanken. Sie wollte wissen, wer ich sei, und diese Kenntnis vermehrte noch ihre Zuneigung, denn sie war nur von gewöhnlicher Herkunft und fühlte sich geschmeichelt, einen solchen Geliebten, wie ich es war, erobert zu haben. Wir unterhielten uns über die Möglichkeiten, einander anzugehören.
Nach allen möglichen Erwägungen fanden wir kein anderes Mittel als das der Flucht. Wir mussten die Wachsamkeit des Begleiters täuschen, der zwar nur ein Bedienter, aber durchaus kein dummer Mensch war. Wir einigten uns dahin, dass ich während der Nacht einen Reisewagen bereitstellen und in aller Frühe zurückkommen sollte, ehe man im Gasthof wach war. Dann wollten wir uns still davonmachen und geradeswegs nach Paris fahren, um uns dort trauen zu lassen. Ich besaß ungefähr fünfzig Taler, die die Frucht meiner kleinen Ersparnisse waren; sie hatte etwa das Doppelte. Als unerfahrene Kinder bildeten wir uns ein, dass diese Summe nie ein Ende nehmen könnte, und in gleichem Maße waren wir von dem Erfolg unserer sonstigen Pläne überzeugt.
Nachdem ich mit einem Genuss, wie ich ihn nie vorher empfunden, zu Abend gespeist hatte, zog ich mich zurück, um unseren Plan in die Wege zu leiten. Meine Maßnahmen waren um so leichter auszuführen, weil ich ja die Absicht hegte, am nächsten Tag zu meinem Vater zurückzukehren, und mein kleines Gepäck schon fertiggemacht war. Ich brauchte also nur meinen Koffer forttragen zu lassen und für fünf Uhr einen Wagen zu bestellen. Um diese Zeit mussten die Stadttore schon geöffnet sein. Aber nun fand ich ein Hindernis, an das ich nicht gedacht hatte, das aber um ein Haar meinen ganzen Plan vereitelt hätte.
Tiberge war zwar nur drei Jahre älter als ich, aber doch schon ein ziemlich gereifter Mensch von sehr beherrschter Lebensführung. Er liebte mich mit einer außerordentlichen Zärtlichkeit, und der Anblick eines so hübschen Mädchens, wie es Fräulein Manon war, meine Beflissenheit, sie zu begleiten, und dann der auffallende Eifer, mit dem ich ihn fortgeschickt, hatten in ihm doch einigen Argwohn wegen meiner Liebe erweckt. Er hatte es nicht gewagt, in den Gasthof, wo er mich allein gelassen, zurückzukehren, denn er fürchtete, mich durch sein Erscheinen zu kränken. Aber er war zu meiner Wohnung gegangen, um dort auf mich zu warten, und ich fand ihn auch noch da, obgleich es bei meiner Ankunft schon zehn Uhr war. Seine Anwesenheit machte mich verdrießlich, was er leicht an meinem gezwungenen Wesen bemerkte.
»Gewiss nicht,« fuhr er fort. »Aber bisher hast du mich immer als einen Freund behandelt, und eine solche Eigenschaft setzt etwas Vertrauen und Offenheit voraus.«
Er drängte mich so stark und so anhaltend, ihm mein Geheimnis zu entdecken, dass ich, da ich ihm nie etwas verhehlt hatte, auch meine Liebe voll und ganz gestand. Er nahm meine Beichte mit einer so ausgesprochenen Missbilligung auf, dass ich unwillkürlich erzitterte. Ich bereute sofort meine Offenherzigkeit, mit der ich ihm meinen Fluchtplan mitgeteilt hatte.
Er sagte mir, er sei zu sehr mein Freund, um sich dem nicht mit all seinen Kräften zu widersetzen. Zunächst einmal wolle er mir alle Gründe vorhalten, die mich vielleicht noch umstimmen könnten. Wenn ich dann aber nicht von meinem abscheulichen Entschluss zurückträte, dann würde er Leute benachrichtigen, die der Sache ein Ende für immer machen könnten. Er hielt mir nun eine ernsthafte Strafrede, die über eine Viertelstunde dauerte und mit der Drohung endete, mich anzuzeigen, wenn ich ihm nicht mein Wort gäbe, mich anständiger und vernünftiger aufzuführen.
Ich war verzweifelt, mich so zur Unzeit verraten zu haben. Aber die Liebe hatte in den zwei oder drei Stunden meinen Verstand schon ziemlich geschärft, und da mir einfiel, dass ich ihm von der Absicht, meinen Plan schon am nächsten Morgen auszuführen, noch nichts gesagt hatte, so beschloss ich, ihn durch eine Doppelzüngigkeit zu täuschen.
»Tiberge,« sagte ich zu ihm, »ich glaube, dass du bis jetzt mein Freund gewesen bist, und ich wollte das durch mein Vertrauen erproben. Es ist wahr, dass ich verliebt bin, ich habe dir nur die Wahrheit gesagt. Was aber meine Flucht angeht, so ist das ein Unternehmen, das man nicht unüberlegt durchführen darf. Komme mich morgen früh um neun Uhr abholen, ich will dich meiner Geliebten vorstellen, und du sollst selbst urteilen, ob sie es verdient, dass ich diesen Schritt für sie tue.«
Ich verbrachte die Nacht damit, alle meine Angelegenheiten zu ordnen, und als ich bei Tagesgrauen nach dem Gasthof zu Fräulein Manon ging, fand ich sie schon auf mich wartend. Sie stand an ihrem Fenster, das nach der Straße hinausging, so dass sie, als sie mich bemerkte, selbst kam, um mir zu öffnen. Geräuschlos verließen wir das Haus. Sie hatte kein anderes Gepäck als ihre Wäsche, die ich selbst trug. Der Wagen stand zur Abfahrt bereit, und wir entfernten uns schnell aus der Stadt.
Später werde ich berichten, was Tiberge tat, als er entdeckte, dass ich ihn getäuscht hatte. Sein Eifer für mich verlor dadurch nicht an Glut. Sie werden sehen, wie weit er ihn trieb, und wieviele Tränen ich vergießen musste bei dem Gedanken, wie übel ich ihm vergolten habe.
Wir beeilten uns so sehr, weiterzukommen, dass wir noch vor Einbruch der Nacht in Saint-Denis anlangten. Ich war neben dem Wagen hergeritten, weswegen wir uns nur unterhalten konnten, wenn die Pferde gewechselt wurden. Aber jetzt, da wir uns so nahe bei Paris und damit sozusagen in Sicherheit befanden, nahmen wir uns die Zeit, uns zu erfrischen, denn wir hatten seit unserer Abreise von Amiens noch nichts gegessen. So leidenschaftlich verliebt ich in Manon war, sie wusste mich doch zu überreden, dass sie nicht minder in mich verliebt sei. Wir hielten mit unseren Zärtlichkeiten so wenig zurück, dass wir gar nicht die Geduld hatten, zu warten, bis wir allein waren. Die Kutscher und Wirte sahen uns kopfschüttelnd an, und ich bemerkte, wie erstaunt sie waren, zwei Kinder unseres Alters sich bis zur Raserei lieben zu sehen.
Unseren Vorsatz, uns zu heiraten, vergaßen wir in Saint-Denis. Wir setzten uns über die Rechte der Kirche hinweg und waren Gatten, ehe wir noch weiter darüber nachgedacht hatten. Bei meiner zärtlichen und beständigen Veranlagung wäre ich sicherlich für mein ganzes Leben glücklich geblieben, wenn mir Manon die Treue bewahrt hätte. Je mehr ich sie kennenlernte, desto zahlreichere liebenswürdige Eigenschaften entdeckte ich an ihr. Ihr Verstand, ihr Herz, ihre Sanftmut und Schönheit umwanden mich mit so starken und süßen Fesseln, dass ich es als mein höchstes Glück betrachtet hätte, mich niemals von ihnen zu befreien. Wie furchtbar sollte sich das ändern! Das, was mir die Verzweiflung brachte, hätte mir das Glück bringen können. Ich bin der unglückseligste aller Menschen geworden gerade durch dieselbe Anhänglichkeit, von der ich das süßeste Schicksal und das vollkommenste Glück in der Liebe hätte erwarten dürfen.
In Paris nahmen wir eine möblierte Wohnung. Sie lag in der Rue V... und zu meinem Unglück neben dem Hause des Herrn de B***, des bekannten Steuerpächters. Drei Wochen vergingen, während derer ich so von meiner Leidenschaft erfüllt war, dass ich wenig an meine Familie dachte und an den Kummer, den mein Vater über meine Abwesenheit empfinden musste. Da ich aber trotz meiner Ausschweifung sonst sehr ruhig lebte, und auch Manon sich zurückhaltend betrug, so führte diese Stille unseres Daseins mich allmählich doch dahin, dass ich mich an meine Pflicht erinnerte.
Ich beschloss, mich, wenn es möglich war, mit meinem Vater auszusöhnen. Meine Geliebte war so liebenswürdig, dass ich nicht daran zweifelte, dass sie ihm gefallen würde, wenn ich nur ein Mittel fände, ihn von ihren geistigen und sonstigen Vorzügen zu überzeugen. Mit einem Wort, ich schmeichelte mir, seine Erlaubnis zur Heirat zu bekommen, nachdem meine Hoffnung, sie ohne diese Zustimmung zu heiraten, enttäuscht worden war. Ich teilte nun Manon meine Absicht mit und gab ihr zu verstehen, dass mich außer den Gefühlen der Liebe und Pflicht auch die Not dazu triebe, denn unser Geldvorrat hatte sehr schnell abgenommen, und ich glaubte nicht mehr daran, dass er unerschöpflich sei.
Manon nahm diesen Vorschlag kühl auf, doch kamen ihre Einwendungen nur aus ihrer großen Zärtlichkeit und aus ihrer Furcht, mich zu verlieren. Denn, wenn mein Vater erst unsern Zufluchtsort kannte und nicht auf unsere Absicht einging, dann war nicht im geringsten daran zu zweifeln, welches grausame Verhängnis mir drohte. Auf meinen Einwand, die Not zwinge uns dazu, antwortete sie, wir hätten ja immer noch für einige Wochen zu leben, und nachher würde ihr schon die Zuneigung verschiedener Verwandten in der Provinz, an die sie schreiben wollte, einige Mittel verschaffen. Sie versüßte mir ihre Weigerung durch so hingebende und leidenschaftliche Zärtlichkeiten, dass ich, der ich nur in ihr lebte und nicht das geringste Misstrauen gegen sie hegte, alle ihre Antworten und Entschlüsse billigte.
Ich hatte ihr die Verfügung über unser Geld und die Sorge, unsere gewöhnlichen Ausgaben zu bezahlen, überlassen. Allmählich bemerkte ich, dass unser Tisch besser bestellt war, und dass sie sich einige Kleidungsstücke von beträchtlichem Wert angeschafft hatte. Da ich wohl wusste, dass wir höchstens noch zwölf oder fünfzehn Pistolen besitzen konnten, äußerte ich mein Erstaunen über diese offenbare Vermehrung unseres Wohlstandes. Lachend bat sie mich, mir darüber keine Sorgen zu machen.
Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.
Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.
Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.
1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Sie kam händeringend aus dem Gasthof und schrie, so etwas …«
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Niemals habe ich ein […] Bild des Schmerzes gesehen.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Obgleich« in diesem Textausschnitt? »Obgleich er diesen Bericht scheinbar mit ziemlicher Ruhe gab, fielen ihm doch zum Schluss einige Tränen aus den Augen.«
4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »»Aber bisher hast du mich immer als einen Freund behandelt, und eine solche Eigenschaft setzt etwas Vertrauen und Offenheit voraus.««
B: »Ich erwies ihm tausend Aufmerksamkeiten und gab Anweisung, es ihm an nichts fehlen zu lassen.«
C: »Ich habe sie unterwegs wiederholt ausgefragt, sie weigert sich aber hartnäckig, mir zu antworten.«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Ich brauchte also nur meinen Koffer […] zu lassen und für fünf Uhr einen Wagen zu bestellen.«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Nachdem« in diesem Textausschnitt? »Nachdem ich mit einem Genuss, wie ich ihn nie vorher empfunden, zu Abend gespeist hatte, zog ich mich zurück, um unseren Plan in die Wege zu leiten.«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Obgleich ich nur selten aus meiner Einsamkeit heraustrat, so machte ich doch aus Gefälligkeit gegen meine Tochter verschiedene kleine Reisen, die ich so kurz wie möglich gestaltete.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Obgleich ich nur selten aus meiner Einsamkeit heraustrat, so machte ich doch aus Gefälligkeit gegen meine Tochter verschiedene kleine Reisen, die ich so kurz wie möglich gestaltete.« und »ja immer noch für einige Wochen zu leben, und nachher würde ihr«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Gefühle wohl verständlich machte, denn sie war viel erfahrener als ich«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Ich bin genötigt, den Leser bis zu jener Zeit meines Lebens zurückzuführen, da ich den Chevalier des Grieux zum erstenmal traf.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Und selbst in dem Abgrund, in den mich meine Leidenschaften gestürzt haben, hätte ich immer noch etwas aus dem Schiffbruch meines Vermögens und meines Rufs gerettet, wenn ich dann wenigstens aus seinen Vorwürfen Nutzen gezogen hätte.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
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Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Lachend bat sie mich, mir darüber keine Sorgen zu machen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Autor und namentlich belegte historische Übersetzung sind nach den geprüften Lebensdaten in Deutschland gemeinfrei. TextGrid stellt Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE bereit.
Manon Lescaut
Prévost d' Exilles, Antoine: Geschichte der Manon Lescaut und des Chevalier des Grieux. Übers. v. Wilhelm Cremer, hg. v. Herbert Eulenburg, Berlin: Verlag Neufeld & Henius [o. J.] Prévost d'Exiles, Antoine-François 15- Berlin
Das Werk Manon Lescaut von Prévost d'Exiles, Antoine-François ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Vollständige französische Digitalfassung von Manon Lescaut aus Project Gutenberg17983: Autorvorrede und beide Teile bis zum ausdrücklichen Schlussvermerk. Der gesamte literarische Text des Digitalisats bleibt unverändert; nur die vorgeschaltete Titel- und Inhaltsnavigation des Anbieters wird nicht verdoppelt. Das Digitalisat nennt1731 als Werkjahr, aber keine eindeutig bestimmte historische Druckausgabe; deshalb wird keine Ausgabenidentität mit der deutschen Übersetzung behauptet. Beide Fassungen enden mit der Rückkehr des Des Grieux nach Frankreich und der erwarteten Begegnung mit seinem Bruder. Keine Satzparität.
Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.
Welche Änderungen enthält die Lesefassung?
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.