Sokrates streitet mit Gorgias, Polos und Kallikles über Redekunst, Macht und Gerechtigkeit. Die Gesprächspartner prüfen, ob erfolgreiches Überreden schon Wissen ist und worin ein gutes Leben bestehen könnte.
Philosophischer DialogKlasse 11–137 Abschnitte
Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0Bildquelle ↗
Historische philosophische, religiöse und naturkundliche Aussagen sowie zeitgebundene gesellschaftliche Wertungen kritisch einordnen. Diese Texte vermitteln keine heutigen wissenschaftlichen, medizinischen oder rechtlichen Handlungsempfehlungen. Klassenangaben sind eine redaktionelle Orientierung.
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Deutsch · Abschnitt 1 von 7
Gorgias · Leseabschnitt 1
Redaktioneller Leseabschnitt innerhalb von „Gorgias“. Die zusätzliche Gliederung verändert weder Wortlaut noch Reihenfolge.
Chairephon: Es tut nichts, lieber Sokrates. Ich will den Schaden auch wieder heilen. Denn Gorgias ist mein Freund und wird sich wieder hören lassen, nach Gefallen gleich, oder, wenn du lieber willst, ein andermal.
Sokrates: Schön, lieber Kallikles. Doch dürfte er auch sich mit uns zu unterreden bereit sein? Denn ich will ihn danach fragen, worin die Bedeutung seiner Kunst besteht und was er eigentlich von sich verspricht und lehrt. Den anderen Vortrag soll er, wie du sagst, ein andermal halten.
Kallikles: Nichts besser als ihn selbst fragen, lieber Sokrates. Denn auch das war eines seiner Probestücke. Er forderte nämliche eben gerade jeden von den drinnen Anwesenden auf, zu fragen, was ihm beliebe, und auf alle Fragen, sagte er, werde er antworten.
Sokrates: Wie wenn er etwa ein Meister im Schuhmachen wäre, so würde er dir doch wohl antworten: ein Schuhmacher. Oder verstehst du nicht, wie ich es meine?
Gorgias: Ganz recht, lieber Chairephon. Denn eben erst habe ich gerade dies versprochen, und ich darf sagen, dass mich seit vielen Jahren noch keiner etwas Neues gefragt hat.
Polos: Das ist wahrhaftig wahr. Vielleicht ziehst du's aber vor, lieber Chairephon, ihn mit mir zu machen. Denn Gorgias dürfte wohl auch schon ermüdet sein. Denn er hat eben vieles durchgesprochen.
Chairephon: Ich frage also: Wenn Gorgias die Kunst verstünde, die sein Bruder Herodikos treibt, wie würden wir ihn dann mit Recht nennen? Nicht so wie jenen?
Polos: Mein Chairephon, es gibt viele Künste in der Welt, die man aus Erfahrung erfahren gefunden hat. Denn Erfahrung bahnt unserem Leben einen Weg gemäß der Kunst; Unerfahrenheit gibt es dem Zufall preis. Unter allen diesen Künsten nehmen die einen an diesen, andere an jenen, die einen so, die anderen anders teil, an den besten aber die Besten. Dazu gehört auch unser Gorgias hier, und er hat an der schönsten der Künste teil.
Sokrates: Nicht doch, wenn dir selbst es gefällig ist zu antworten; vielmehr würde ich lieber dich fragen. Denn aus dem, was Polos gesagt hat, ist mir klar, dass er die sogenannte Redekunst mehr geübt hat als die Kunst der Unterredung.
Sokrates: Weil du, mein Polos, auf die Frage Chairephons, welche Kunst Gorgias verstehe, seine Kunst anpreisest, als ob ihn jemand tadeln wollte; was sie aber ist, hast du nicht beantwortet.
Sokrates: Jawohl. Aber es fragt dich niemand, wie die Kunst des Gorgias sei, sondern was sie sei und wie man den Gorgias nennen müsse. So wie dir also vorher Chairephon Beispiele vorlegte und du ihm eine treffende und kurzgefaßte Antwort gabst, so gib auch jetzt an, welches die Kunst ist und wie wir den Gorgias nennen sollen. Oder lieber gib du uns selber an, mein Gorgias, wie man dich nennen soll und welche Kunst es ist, die du verstehst?
Sokrates: Wärst du nun wohl bereit, lieber Gorgias, sowie wir jetzt mit einander reden, fortzufahren, teils fragend, teils antwortend, aber die Art der langen Reden, mit der auch Polos begann, für ein andermal aufzusparen? Aber lass dann auch das Versprechen nicht unerfüllt, sondern sei so gut, in kurzer Rede die Frage zu beantworten!
Gorgias: Einige Antworten, lieber Sokrates, erfordern notwendig lang ausgedehnte Reden. Indes will ich versuchen, möglichst kurz zu sein. Denn auch das ist eines der Stücke, deren ich mich rühme, dass niemand dasselbe in kürzeren Worten sage als ich.
Sokrates: Gerade dessen bedarf es jetzt, lieber Gorgias. So gib mir denn einen Beweis gerade hiervon, von der kurzen Redeweise, ein andermal aber von der langen!
Sokrates: Nun wohlan! Du behauptest ja, die Rhetorik (Redekunst) zu verstehen und auch einen anderen zum Redner machen zu können, – auf was für Dinge bezieht sich die Rhetorik? Wie die Weberei sich auf das Arbeiten der Kleider bezieht, – nicht wahr?
Sokrates: So steht es in der Tat auch, lieber Gorgias, mit den anderen Künsten. Jede hat es mit Reden zu tun, welche sich eben auf diejenigen Objekte beziehen, mit welchen sich jede Kunst beschäftigt.
Kontextbild zum Werk. Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0Bildquelle ↗
Sokrates: Warum nennst du denn nun eigentlich die anderen Künste nicht Rhetoriken, da sie doch auf Reden sich beziehen, wenn du ja unter Rhetorik eben die Kunst verstehst, welche auf Reden geht?
Gorgias: Weil das ganze Wissen der anderen Künste sozusagen auf Handarbeiten und dergleichen Tätigkeiten sich bezieht, die Rhetorik hat aber nichts mit dergleichen Handarbeit zu schaffen, sondern all ihr Tun und Wirken vollzieht sich durch Reden. Deshalb glaube ich die Rhetorik auf Reden beziehen zu müssen, und das, wie ich denke, mit Recht.
Sokrates: Unter allen Künsten haben, denke ich, einige meist eine Arbeit vor und bedürfen der Rede nur wenig, einige gar nicht, der Zweck der Kunst könnte vielmehr auch unter Schweigen erreicht werden, wie z.B. Malerei, Bildhauerei und viele andere. Solche Künste meinst du wohl, auf die sich, wie du sagst, die Rhetorik nicht beziehe? Oder nicht?
Sokrates: Es gibt aber auch andere Künste, welche ihr Ziel ganz durch die Rede erreichen und eine Arbeit, sozusagen, entweder gar nicht oder doch sehr wenig nötig machen, z.B. Arithmetik (Zahlenlehre), Rechenkunst, Geometrie, Brettspiel und viele andere Künste; bei einigen von ihnen halten sich Reden und Tun so ziemlich das Gleichgewicht; bei den meisten überwiegen jene, und ihre ganze Tätigkeit und Kraft verwirklicht sich durch Reden. Als eine Kunst von dieser Art scheinst du mir die Rhetorik anzusehen.
Sokrates: Aber dennoch glaube ich nicht, dass du eine von diesen als Rhetorik bezeichnen willst, obgleich du dem Wortlaut nach so gesagt hast, dass die durch Reden sich verwirklichende Kunst Rhetorik sei, und jemand dir entgegnen könnte, wenn er in der Untersuchung Schwierigkeiten machen wollte: »Also die Arithmetik, lieber Gorgias, erklärst du für Rhetorik? Aber ich bin überzeugt, dass du weder die Arithmetik noch die Geometrie für Rhetorik erklären willst.«
Sokrates: Wohlan, gib mir nun auch deinerseits die Antwort auf meine Frage vollständig! Denn da die Rhetorik eine der Künste ist, welche meist sich der Rede bedienen, da es aber auch andere der Art gibt, so versuche den Gegenstand anzugeben, auf welchen sich die Verwirklichung in der Rede richten muss, wenn sie Rhetorik sein soll. Wie wenn mich z.B. jemand über eine der Künste fragte, die ich eben erst nannte: »Lieber Sokrates, welche Kunst ist die Arithmetik?« – so würde ich ihm sagen, wie du ihm eben, dass sie zu denen gehört, welche durch Reden zur Verwirklichung gelangen; und wenn er mich weiter fragte: »Worauf beziehen sich diese Reden?« so würde ich sagen: »Auf das Gerade und Ungerade und die Größe, die jedes von beiden jedesmal haben mag.« Wenn er nun weiter fragte: »Welche Kunst nennst du Rechenkunst?« so würde ich ihm antworten: »Auch diese gehört zu denen, welche ganz und gar durch Reden sich darstellen«; und wenn er wiederum fragte: »Worauf beziehen sich diese?« so würde ich sagen wie die Antragsteller in den Volksversammlungen: »Im übrigen ist es mit der Rechenkunst wie mit der Arithmetik, denn sie bezieht sich auch auf dasselbe, das Gerade und Ungerade; der Unterschied ist aber der, dass die Rechenkunst betrachtet, wie sich das Gerade und Ungerade nach der Größe zu sich und zu einander verhält.« Und wenn mich jemand nach der Astronomie fragte infolge meiner Behauptung, dass auch sie alles durch Rede zur Darstellung bringt: »Worauf beziehen sich aber, lieber Sokrates, die Reden der Astronomie?« – wenn er so sagte, würde ich antworten: »Auf die Bewegung der Sterne, der Sonne und des Mondes und das Verhältnis ihrer Schnelligkeit zu einander.«
Sokrates: Nun wohlan, tue es auch deinerseits, lieber Gorgias! Denn die Rhetorik ist ja offenbar eine von den Künsten, welche alles durch Rede verwirklichen und darstellen.
Sokrates: Aber, lieber Gorgias, auch diese Bestimmung ist zweideutig und noch keineswegs deutlich. Du hast doch, wie ich glaube, bei Trinkgelagen auch schon Leute das Skolion singen hören, worin sie singend aufzählen:
Sokrates: Weil auf der Stelle die Meister in den Fächern, welche der Skoliondichter gepriesen hat, vor dich treten könnten, ein Arzt, ein Turnlehrer und ein Handelsmann, und zuerst würde der Arzt sagen: »Lieber Sokrates, Gorgias täuscht dich; denn nicht seine Kunst bezieht sich auf das für die Menschen wichtigste Gut, sondern die meinige.« Wenn ich nun fragte: »Wer bist du denn, der das sagt?« – so sagte er wohl: »Ein Arzt.« – »Was meinst du also? Ist wirklich das Werk deiner Kunst das größte Gut« – »Ei freilich,« würde er erwidern, »lieber Sokrates: die Gesundheit. Gibt es ein größeres Gut für den Menschen als Gesundheit?« – Wenn nun nach diesem der Turnlehrer ebenfalls sagte: »Es sollte mich doch auch selber Wunder nehmen, lieber Sokrates, wenn Gorgias dir ein größeres Gut aus seiner Kunst aufzuweisen hat, als ich aus der meinigen«, so würde ich auch wieder zu ihm sagen: »Wer bist du denn, lieber Mann? und was ist dein Werk?« – »Ein Turnlehrer, und mein Geschäft ist es, die Menschen schön und kräftig zu machen am Leibe.« Nach dem Turnlehrer nähme dann der Handelsmann das Wort, und der würde – das kann ich mir denken – auf alle ändern gar verächtlich niederschauen: »Bedenke es doch nur, lieber Sokrates, ob dir irgend ein Gut größer erscheint als der Reichtum, sei's in Gorgias' Besitz oder bei irgend sonst einem?« Wir würden nun zu ihm sagen: »Wieso? Bist du dessen Meister?«- »Jawohl.« – »Wer bist du?« – »Ein Handelsmann«. – »Wie? Also nach deiner Meinung ist der Reichtum das größte Gut für den Menschen?« werden wir sagen. – »Natürlich«, wird er erklären. – »Indes unser Gorgias hier streitet ja dafür, dass seine Kunst ein größeres Gut erzeuge als die deinige«, würden wir sagen. Offenbar würde er hiernach fragen: »Und was ist denn das für ein Gut? Das mag Gorgias beantworten.« – Wohlan denn, sieh dich, lieber Gorgias, nicht bloß von jenen als gefragt an, sondern auch von mir, und beantworte, was nach deiner Meinung das größte Gut für die Menschen ist, dessen Meister du seist!
Gorgias: Das, was, lieber Sokrates, in Wahrheit das größte Gut ist und zugleich die persönliche Freiheit für die Menschen erwirkt und die Herrschaft über andere jedem in seinem Staate.
Gorgias: Die Fähigkeit, durch Worte zu überreden, und zwar vor Gericht die Richter, in der Ratsversammlung die Ratsherren, in der Volksversammlung die Bürger, und überhaupt in jeder beliebigen Versammlung, welche Versammlung von Bürgern es auch nur geben mag. Jedenfalls wird, wenn du in dieser Fähigkeit geübt bist, der Arzt dein Sklave sein und der Turnlehrer auch. Dieser Handelsmann aber, das wird sich offen zeigen, erwirbt für einen anderen und nicht für sich, sondern für dich, der du die Massen zu überreden verstehst.
Sokrates: Jetzt hast du, dünkt mich, lieber Gorgias, am allernächsten aufgezeigt, was du dir unter der Rhetorik denkst, und wenn ich recht verstehe, meinst du, die Rhetorik sei Meisterin in der Überredung, und ihr ganzes Geschäft und Haupttätigkeit gehe darauf hinaus. Oder weißt du sonst noch etwas zu sagen, das die Rhetorik imstande sei, als in der Seele der Hörenden Überzeugung zu wirken?
Sokrates: Höre denn, lieber Gorgias: Sei nämlich überzeugt, dass ich, wenn irgend sonst jemand mit anderen sich unterhält in der Absicht, über den Gegenstand aufgeklärt zu werden, auf welchen sich die Unterredung bezieht, dass ich mich selbst zu diesen rechnen zu dürfen glaube; ich denke aber auch dich.
Sokrates: Ich will es dir eben erklären. Was eigentlich die von der Rhetorik zu leistende Überredung ist, von der du sprichst, und auf welche Dinge sich diese Überredung bezieht, das weiß ich nicht genau; indessen vermute ich, was sie nach deiner Ansicht wohl sein und worauf sie sich beziehen mag. Nichtsdestoweniger will ich dich fragen: Was verstehst du eigentlich unter der Überredung, die von der Rhetorik ausgeht, und worauf soll sie sich beziehen? Warum will ich dich denn fragen, wenn ich es doch vermute, und sage es nicht gleich selbst? Nicht um deinetwillen, sondern damit die Untersuchung so fortschreite, wie sie uns am besten über den Gegenstand unserer Unterhaltung aufklären könnte. Überlege dann, ob ich dich wohl mit Recht weiter frage, z.B. wenn ich dich etwa fragte: »Was für ein Maler ist Zeuxis?« und du hättest mir geantwortet, dass er Bilder male, würde ich dich dann nicht mit Recht fragen, was für Bilder er male, oder nicht?
Sokrates: Wohlan denn, sage mir auch in betreff der Rhetorik, ob nach deiner Ansicht die Rhetorik allein Überredung erzeuge oder auch andere Künste? Das ist aber meine Meinung: wenn jemand eine Sache lehrt, überredet er dann in bezug auf den Gegenstand seiner Lehre oder nicht?
Sokrates: Wenn wir nun wieder auf eben dieselben Künste unsere Aufmerksamkeit richten, von denen wir vorhin erst sprachen, lehrt uns nicht die Arithmetik und der Arithmetiker, wie vielfach sich die Verhältnisse der Zahl gliedern?
Sokrates: Wenn uns also jemand fragte: »Welcher Überredung, und worauf bezieht sie sich?« – so werden wir ihm wohl antworten, sie gehöre zur Lehre über die Anzahl des Geraden und Ungeraden. So werden wir auch von allen ändern Künsten, welche wir eben erst nannten, nicht bloß die Meisterschaft in der Überredung anzugeben wissen, sondern auch die Art derselben und ihr Objekt.
Sokrates: Da sie nun nicht allein diese Aufgabe erfüllt, sondern auch andere Künste es tun, so würden wir hiernach, wie über den Maler, mit Recht weiter fragen: was das für eine Überredung ist und auf welche Objekte sie sich bezieht, welche die Kunst der Rhetorik leistet? Oder scheint dir diese weitere Frage nicht berechtigt?
Gorgias: Die Überredung also meine ich, welche vor Gericht und anderen Versammlungen stattfindet, wie ich sie auch eben nannte, und darauf bezieht sie sich, was Recht und Unrecht ist.
Sokrates: Ja, das vermutete ich auch, dass du diese Überredung meintest, die sich auf diese Dinge bezöge. Aber – dass du dich nicht wunderst, wenn ich bald nachher eine weitere Frage an dich richte, die auf der Hand zu liegen scheint, und ich frage dich doch noch. Denn, wie gesagt, ich frage, um ordnungsmäßig die Untersuchung zum Ziele zu führen, nicht um deinetwillen; sondern damit wir uns nicht daran gewöhnen, die Gedanken einander unterzuschieben und vorwegzunehmen, sondern damit du die deinen nach deiner Grundansicht vollständig entwickelst, wie es dir gefällt.
Sokrates: Da hast du ganz recht. Das kannst du daran erkennen: Wenn dich jemand fragte: »Gorgias, gibt es denn einen falschen und wahren Glauben?« – so würdest du das, denke ich, bejahen?
Sokrates: Dürfen wir also wohl zwei Arten der Überredung aufstellen, von denen die eine zum Glauben führt ohne Wissen, die andere zur wirklichen Erkenntnis?
Sokrates: Welche Überzeugung bewirkt nun die Rhetorik über Recht und Unrecht vor Gericht und anderen Versammlungen? Woraus Glauben sich entwickelt ohne Wissen, oder woraus das Wissen?
Sokrates: Der Redner versteht es also nicht etwa, die Gerichte und andere Versammlungen zu belehren über Recht und Urrecht, sondern nur ihnen Glauben beizubringen. Denn eine so große Masse könnte er wohl auch schwerlich in so kurzer Zeit über so wichtige Dinge belehren.
Sokrates: Wohlan denn, lass uns zusehen, was eigentlich unsere Behauptung über die Rhetorik ist: Denn ich vermag wirklich selbst noch nicht den Gehalt des von mir Gesagten zu durchschauen. Wenn die Stadt eine Versammlung hielte zur Wahl von Ärzten oder Schiffsbaumeistern oder irgend einer anderen Klasse von Handwerksmeistern, – nicht wahr, dann wild der Redner nicht mitraten? Denn offenbar muss man bei jeder Wahl die besten Sachverständigen wählen. Auch nicht, wenn es sich um den Bau von Mauern oder Einrichtung von Häfen oder Schiffswerften handelt, sondern die Bauverständigen; ferner auch nicht, wenn sich die Beratung auf die Wahl von Feldherrn oder eine taktische Maßregel gegen die Feinde oder die Einnahme von festen Plätzen bezieht, sondern dann werden die strategisch, nicht die rhetorisch Gebildeten raten. Oder wie denkst du, lieber Gorgias, über solche Fälle? Denn da du selbst Rhetor zu sein behauptest und andere in der Rhetorik auszubilden versprichst, so ist es in der Ordnung, von dir die Leistungsfähigkeit deiner Kunst zu erfragen. Sei aber überzeugt, dass auch ich jetzt nur dein eigenes Interesse vertrete! Denn vielleicht befindet sich unter den Anwesenden einer, der gern dein Schüler werden möchte, wie ich auch wirklich deren, und zwar viele, hier sehe, die vielleicht zu schüchtern sind, um dich selbst zu fragen. Wenn ich dich also frage, glaube auch, in jener Namen gefragt zu sein: »Was wird der Nutzen für uns sein, wenn wir uns dir anschließen? Worüber werden wir der Bürgerschaft zu raten imstande sein? Nur über Recht oder Unrecht, oder auch über Dinge, wie sie eben gerade Sokrates nannte?« Versuche, ihnen darauf zu antworten!
Gorgias: Gut; ich will dir, lieber Sokrates, die ganze Bedeutung der Rhetorik genau zu enthüllen versuchen. Denn du hast mir selbst gut den Weg gewiesen. Du weißt doch wohl, dass hier die Schiffswerften und die Mauern der Athener und die Einrichtung der Häfen nach dem Rate des Themistokles vor sich gegangen ist, zum Teil auch nach dem des Perikles, und nicht nach dem der Sachverständigen.
Gorgias: Wenn es ferner die Wahl gilt von Leuten, die du eben nanntest, so sind es doch, wie du siehst, die Redner, welche den Vorschlag machen und mit ihrer Meinung darüber durchdringen.
Sokrates: Darüber wundere ich mich auch, lieber Gorgias, und frage schon längst, was eigentlich die Bedeutung der Rhetorik sei. Denn wenn ich es so überlege, scheint sie mir fast von recht übermenschlicher Größe.
Gorgias: Wenn du gar erst alles wüsstest, lieber Sokrates, dass sie sozusagen die Kräfte aller anderen Künste in sich zusammenfaßt und sich unterwürfig macht! Einen entscheidenden Beweis dafür will ich dir mitteilen. Ich bin nämlich schon oft mit meinem Bruder und sonstigen Ärzten zu einem Patienten ins Zimmer getreten, der entweder keine Arznei nehmen oder sich nicht schneiden oder brennen (operieren) lassen wollte von dem Arzte, und der Arzt vermochte ihn nicht zu überreden; da habe ich ihn überredet mit keiner anderen Kunst als der Rhetorik. Ich behaupte aber auch, wenn in eine Stadt, wohin du willst, ein Redner und ein Arzt käme, und es sollte in der Volksversammlung oder vor einer anderen Versammlung im Kampfe der Rede ausgemacht werden, wer gewählt werden müsse, der Redner oder der Arzt, dann werde der Arzt durchaus zu keiner Geltung kommen, sondern der tüchtige Redner gewählt werden, wenn er es wollte. Und gelte es den Wettkampf gegen die Meister in irgend sonst einem Beruf, so werde der Redner es durchsetzen, dass man ihn wähle, eher als sonst irgend einer. Denn es gibt nichts, worüber der Redner vor der Menge nicht mit größerer Überzeugungskraft reden könnte als irgend sonst ein Sachverständiger. So umfang- und inhaltreich ist die Bedeutung unserer Kunst. Man muss jedoch, lieber Sokrates, von der Rhetorik auch nur wie von jeder anderen Kampfart Gebrauch machen. Denn auch die andere Kampfkunst muss man nicht deswegen gegen alle Menschen anwenden, weil man Faustkampf und Allkampf und Waffenkampf gelernt hat, so dass man darin stärker ist als Freund und Feind. Deshalb darf man aber noch nicht den Freund schlagen, stechen und totschlagen. Und beim Zeus, wenn einer in die Palaistra kommt, der einen kräftigen Körper hat und ein tüchtiger Faustkämpfer geworden ist, und schlägt nun seinen Vater und seine Mutter oder sonst einen Verwandten oder Freund, so darf man deshalb nicht die Turnlehrer und Fechtmeister hassen und aus den Städten jagen. Denn sie teilen diesen Menschen die Kunst mit, um sie nach Recht anzuwenden gegen die Feinde und Übeltäter, um sich zu wehren, – nicht um anzugreifen. Sie aber drehen die Sache um und machen von ihrer Stärke und Kunst nicht den rechten Gebrauch. Darum sind aber noch nicht die Lehrmeister schlecht, und die Kunst nicht schuld noch verwerflich, sondern, denke ich, die, welche sie nicht in rechter Weise üben. Ebendasselbe lässt sich auch von der Rhetorik sagen. Denn der Redner versteht es freilich, gegen alle und über alles zu reden. Daher kann er, um es kurz zu sagen, über was er immer will die Masse besser zu einer Überzeugung bringen als sonst einer. Aber nichtsdestoweniger darf er deshalb nicht den Ärzten ihre Ehre rauben, weil er das zu bewirken imstande wäre, noch auch den anderen Meistern, sondern nach dem Rechte muss man sich auch der Rhetorik bedienen, wie auch der Fechtkunst. Wenn aber, meine ich, einer ein tüchtiger Redner geworden ist und dann mit dieser Fähigkeit und Kunst Unrecht tut, so darf man seinen Lehrer doch nicht mit Haß verfolgen und aus der Stadt jagen. Denn der hat sie ihm zu gerechtem Gebrauche übergeben, dieser aber macht den entgegengesetzten Gebrauch davon. Der also, der sie nicht richtig anwendet, verdient es, dass man ihn mit Haß, Verbannung und Tod verfolge, aber nicht sein Lehrer.
Sokrates: Ich glaube, auch du, lieber Gorgias, hast über viele Unterredungen Erfahrungen gemacht und dabei auch selten den Fall erlebt, dass die Leute leicht über den Gegenstand, den sie gerade sich vorgenommen haben, sich zu unterhalten verstehen und erst, wenn sie die Sache unter einander zur Entscheidung gebracht und sich gegenseitig belehrt haben, die Unterhaltung aufheben; vielmehr, wenn sie sich über etwas streiten und der eine behauptet, der andere habe nicht recht oder drücke sich nicht deutlich aus, so werden sie unwillig und meinen, andere sagten so aus persönlicher Missgunst gegen sie, weil sie ihre eigene Ehre suchten und nicht die in der Untersuchung vorliegende Sache. Einige gehen zuletzt gar mit Unehren auseinander, indem sie sich beschimpfen und über einander gegenseitig Dinge aussprechen, dass sich die Anwesenden um ihrer selbst willen ärgern, dass sie solcher Leute Zuhörer hatten werden wollen. Weshalb sage ich denn das? Weil du, wie mir dünkt, jetzt Dinge vorbringst, die nicht in Übereinstimmung und Einklang stehen mit deiner ersten Angabe über die Rhetorik. Ich fürchte nun dich zu widerlegen, und dass du etwa annehmest, ich rede nicht aus Eifer für die Sache, um sie aufzuklären, sondern gegen dich persönlich. Wenn du nun zu den Leuten gehörst, zu denen auch ich zähle, so möchte ich dich gern weiter fragen; wo nicht, möchte ich es lassen. Zu welchen gehöre ich denn? Zu denen, die sich gern möchten widerlegen lassen, wenn ich nicht recht habe, und die auch gern widerlegen, wenn sonst jemand nicht recht haben sollte, die aber gewiss nicht minder gern sich selbst widerlegen lassen als selber widerlegen. Denn ich halte das für ein größeres Gut, um so mehr, als es ein größeres Gut ist, selbst von dem größten Übel frei zu werden, als einen an deren davon frei zu machen. Denn ich glaube, es gibt für den Menschen kein so großes Übel als eine falsche Meinung über Dinge, denen unsere jetzige Untersuchung gilt. Wenn nun auch du dir diesen Sinn zusprichst, lass uns die Unterredung fortsetzen; wenn du aber meinst, man solle sie auf sich beruhen lassen, – nun gut, so wollen wir die Untersuchung aufheben.
Gorgias: Nein, lieber Sokrates, ich rechne mich auch zu den Leuten, wie du sie darstellst. Vielleicht sollte man jedoch auch auf die Meinung der Anwesenden Rücksicht nehmen. Denn schon lange, ehe ihr kamt, habe ich den Anwesenden vieles vorgetragen, und vielleicht werden wir jetzt zu weit gehen, wenn wir die Unterredung fortsetzen. Drum muss man auch auf diese Rücksicht nehmen, damit wir niemand abhalten, wenn er etwas anderes vornehmen wollte.
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Unerfahrenheit gibt es dem […] preis.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Sokrates: Nicht eben deshalb, weil es auch andere Maler gibt, welche viele andere Bilder malen?«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Gorgias: Du hast es ganz richtig gefasst, lieber Sokrates.«
B: »Kallikles: Nichts besser als ihn selbst fragen, lieber Sokrates.«
C: »Wenn die Stadt eine Versammlung hielte zur Wahl von Ärzten oder Schiffsbaumeistern oder irgend einer anderen Klasse von Handwerksmeistern, – nicht wahr, dann wild der Redner nicht mitraten?«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Gorgias: […] doch, lieber Sokrates, woraus das Glauben kommt.«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »über etwas streiten und der eine behauptet, der andere habe nicht recht oder drücke sich nicht deutlich aus, so werden sie unwillig und meinen, andere sagten so aus persönlicher Missgunst gegen sie, weil sie ihre eigene Ehre suchten und nicht die in der Untersuchung vorliegende«
10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Wenn aber, meine ich, einer ein tüchtiger Redner geworden ist und dann …«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Denn Gorgias ist mein Freund und wird sich wieder hören lassen, nach Gefallen gleich, oder, wenn du lieber willst, ein andermal.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Denn Gorgias ist mein Freund und wird sich wieder hören lassen, nach Gefallen gleich, oder, wenn du lieber willst, ein andermal.« und »Gorgias: Nein, lieber Sokrates, ich rechne mich auch zu den Leuten, wie du sie darstellst.«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »es doch vermute, und sage es nicht gleich selbst«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »(Das Gespräch beginnt vor dem Hause des Kallikles und setzt sich in demselben fort)«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Arzt sagen: »Lieber Sokrates, Gorgias täuscht dich; denn nicht seine Kunst bezieht sich auf das für die Menschen wichtigste Gut, sondern die meinige.« Wenn ich nun fragte: »Wer bist du denn, der das sagt?« – so sagte er wohl: »Ein Arzt.« – »Was meinst du also«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Drum muss man auch auf diese Rücksicht nehmen, damit wir niemand abhalten, wenn er etwas anderes vornehmen wollte.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Vollständiger altgriechischer Text der bezeichneten kritischen Edition. Quellschreibweise und editorische Zeichen bleiben erhalten; TEI-Struktur wird für die Anzeige umgesetzt. Abschnittsgrenzen folgen ausschließlich wirklichen Quellenunterteilungen. Historische deutsche Übersetzung und griechische Quellenedition haben eigenständige Gliederungen.
Platon; John Burnet (Quellenedition); Perseus Digital Library, Tufts University, CC BY-SA4.0.
Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.
Welche Änderungen enthält die Lesefassung?
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.