Im Gespräch über den Sophisten untersucht Platon das Verhältnis von Sein, Nichtsein und falscher Aussage. Die gemeinsame Suche prüft, wie Begriffe voneinander abgegrenzt und dennoch miteinander verbunden werden können.
Philosophischer DialogKlasse 11–135 Abschnitte
Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0Bildquelle ↗
Historische philosophische, religiöse und naturkundliche Aussagen sowie zeitgebundene gesellschaftliche Wertungen kritisch einordnen. Diese Texte vermitteln keine heutigen wissenschaftlichen, medizinischen oder rechtlichen Handlungsempfehlungen. Klassenangaben sind eine redaktionelle Orientierung.
Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.
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Deutsch · Abschnitt 1 von 5
Der Sophist · Leseabschnitt 1
Redaktioneller Leseabschnitt innerhalb von „Der Sophist“. Die zusätzliche Gliederung verändert weder Wortlaut noch Reihenfolge.
Theodoros: Der gestrigen Verabredung gemäß, o Sokrates, Stellen wir selbst uns gebührend ein und bringen auch hier noch einen Fremdling mit, seiner Abkunft nach aus Elea, und einen Freund derer, die sich zum Parmenides und Zenon halten, einen gar philosophischen Mann.
Sokrates: Solltest du etwa, Theodoros, dir unbewusst nicht einen Fremdling, sondern einen Gott mitbringen nach der Rede des Homeros, welcher ja sagt, dass sowohl andere Götter solche Menschen, die an Recht und Scham festhalten, als auch besonders der gastliche Gott, zu geleiten pflegen, um den Übermut und die Frömmigkeit der Menschen zu beschauen: Vielleicht also begleitet auch dich auf dieselbe Art dieser, einer der Höheren, um uns, die wir noch so gering sind im Reden, heimzusuchen und zu überführen, ein überführender Gott?
Theodoros: Nicht ist dieses die Weise des Fremdlings, o Sokrates; sondern bescheidener ist er als die, welche sich auf das Streiten gelegt haben. Und es dünkt mich der Mann ein Gott zwar keineswegs zu sein, göttlich aber gewiss; denn alle Philosophen möchte ich so benennen.
Sokrates: Und mit Recht, o Freund. Nur mag wohl dieses Geschlecht, dass ich es heraussage, nicht viel leichter zu erkennen sein als das der Götter. Denn in gar mancherlei Gestalten erscheinen, wegen der Unwissenheit der andern, diese Männer, die nicht angeblichen, sondern wahrhaften Philosophen, und durchgehen, die Gebiete der Menschen betrachtend, von oben her der Niedern Leben, und einigen scheinen sie gar nichts wert zu sein, anderen über alles zu schätzen, und sie werden bald für Staatsmänner angesehen, bald für Sophisten; ja bisweilen sind sie einigen schon vorgekommen als gänzlich Verwirrte. Von unserm Fremdling nun möchte ich gern vernehmen, wenn es auch ihm gelegen wäre, was doch die Leute dortigen Ortes hiervon hielten und sagten.
Sokrates: Diese, ob sie dies alles für einerlei hielten oder für zweierlei, oder ob sie, so wie die drei Wörter, so auch drei Gattungen unterscheidend, nach der Zahl der Namen mit jedem auch einen besonderen Begriff verknüpften?
Theodoros: Er wird ja, wie ich meine, kein Bedenken haben, dies durchzugehen. Oder was, o Fremdling, wollen wir sagen; fremder: Eben dies, Theodoros. Denn weder habe ich ein Bedenken, noch ist es schwer zu sagen, dass sie es ja wohl für dreierlei hielten. Einzeln aber genau zu bestimmen, was jedes ist, das ist kein kleines noch leichtes Geschäft.
Theodoros: Recht glücklich, o Sokrates, hast du einen Gegenstand ergriffen, der dem ganz verwandt ist, worüber wir schon, ehe wir hierhergingen, diesen befragten. Er aber hat dasselbe, was jetzt gegen dich, auch vorher gegen uns vorgeschützt. Denn genug darüber gehört zu haben bekennt er, und auch, dass es ihm nicht entfallen ist.
Sokrates: Also, o Fremdling, bescheide uns ja nicht abschlägig, indem wir eben die erste Gunst von dir erbitten! Sondern nur dies sage uns zuvor, ob du gewohnt bist, lieber für dich allein in fortlaufender Rede sprechend dasjenige durchzuführen, was du jemandem darstellen willst, oder in Fragen; welcher Art und Weise ich einst den Parmenides sich bedienen und treffliche Sachen durchführen hörte in meinem Beisein, da ich noch ein junger Mensch, er aber schon ziemlich bei Jahren war.
Sokrates: Demnach nun steht dir frei, von den Anwesenden welchen du willst auszuwählen; denn alle werden dir willig folgen. Nimmst du aber meinen Rat an, so wirst du einen von den Jünglingen wählen, etwa hier den Theaitetos, oder welcher von den andern nach deinem Sinne sein mag.
Fremder: O Sokrates, eine gewisse Scham ergreift mich doch, dass ich, jetzt zum ersten Male unter euch, nicht soll kurzes Gespräch Wort um Wort mit euch führen, sondern mich ausbreitend eine zusammenhängende Rede durchführen, geschehe es nun allein oder mit einem andern, als ob ich mich vor euch zeigen wollte. Denn das Aufgegebene ist in der Tat nicht so kurz, als einer, wenn es so gefragt ist, erwarten könnte; sondern es bedarf einer gar langen Auseinandersetzung. Auf der andern Seite aber dir und diesen nicht gefällig zu sein, zumal nach dem, was du gesagt, scheint mir ungastlich zu sein und ungesittet. Denn dass Theaitetos der Gesprächsgenosse sei, ist mir auf alle Weise genehm, sowohl infolge dessen, was ich schon selbst vorher mit ihm gesprochen habe, als auch, weil du ihn jetzt dazu empfiehlst.
Fremder: Hierüber scheint nichts mehr zu sagen nötig, Theaitetos, und an dich soll von nun an, wie es scheint, meine Rede ergehen. Wenn es dich aber auf die Länge anstrengt und dir beschwerlich wird, so gib die Schuld davon nicht mir, sondern diesen deinen Freunden!
Theaitetos: Ich hoffe ja, dass ich jetzt gerade nicht so ermüden werde. Sollte mir aber dergleichen begegnen, so wollen wir auch diesen Sokrates dazunehmen, der dem Sokrates dem Namen, mir dem Alter nach gleich ist und mein Übungsgenosse und dem daher mancherlei mühsam mit mir zu bestehen nicht ungewohnt ist.
Fremder: Wohlgesprochen, und hierüber magst du selbst mit dir zu Rate gehn im Verfolg unserer Rede. Jetzt aber musst du gemeinschaftlich mit mir zur Untersuchung schreiten, zuerst beginnend, wie mich dünkt, vom Sophisten zu suchen und durch die Rede aufzuhellen, was er wohl ist. Denn jetzt haben ich und du von ihm nur erst den Namen gemein; die Sache aber, der wir ihn beilegen, mag vielleicht jeder von uns bei sich selbst besonders vorstellen. Immer aber muss man in allen Dingen über die Sache lieber durch Erklärungen sich verständigen als nur über den Namen ohne Erklärung. Der ganze Stamm aber, den wir jetzt vorhaben zu suchen, ist wohl nicht eben vor andern leicht zu ergreifen: wohin er gehört, der Sophist. Was aber Großes wohl gelingen soll, darüber sind alle von jeher einig, dass man es zuvor an Kleinem und Leichterem üben müsse, ehe als an dem Größten selbst. So auch jetzt, o Theaitetos, rate ich wenigstens uns beiden, – weil wir die Art des Sophisten für mühsam und schwer einzufangen halten, zuvor an etwas anderem. Leichterem das Verfahren zu versuchen, wenn du nicht etwa anderswoher einen anderen, leichteren Weg anzugeben hast.
Fremder: Was sollen wir also vornehmen leicht zu Erkennendes und Kleines, dennoch aber nicht kürzerer Erklärung Bedürfendes als das Größere? Etwa der Angelfischer: ist der nicht etwas allen Bekanntes und viel Mühe auf ihn zu wenden gar nicht wert?
Fremder: Wohlan denn, lass uns so mit ihm beginnen: Sage mir, wollen wir ihn als einen Künstler setzen oder als einen Kunstlosen, dem aber irgend ein anderes Vermögen zukommt?
Fremder: Der Ackerbau nämlich und jegliche Bemühung um einen sterblichen Körper, und wiederum, was sich auf das Zusammengefügte und Gestaltete bezieht, was wir Gerätschaft nennen, dann die nachahmende Kunst, alles dieses kann mit Recht durch eine Benennung bezeichnet werden.
Sokrates: Wo nur immer jemand, was zuvor nicht war, hernach zum Dasein bringt, sagt man, dass der Bringende es mache, das Gebrachte aber gemacht werde.
Fremder: Alle Arten des Erlernens aber auf der andern Seite und der Erkenntnis, alles Geldverdienen ferner und Kämpfen und Jagen, da keine davon etwas verfertigt, sondern nur das bereits Vorhandene und Gewordene teils durch Worte und Taten in ihre Gewalt bringt, teils es denen, welche es in ihre Gewalt bringen, nicht vergönnt: so könnte deshalb am besten eine Kunst, welche man die erwerbende Kunst nennte, alle diese Abteilungen beschreiben.
Fremder: Gibt es aber von der erwerbenden nicht zwei Gattungen, deren eine jegliches auf beiden Seiten gutwillige Umsetzen ist durch Geschenk sowohl als Kauf oder Miete; das übrige insgesamt aber, jegliche Bezwingung, geschehe sie nun wörtlich oder tätlich, in sich Schließende hieße die bezwingende.
Fremder: Wie gäbe es das nicht? Und die des Leblosen, welche bis auf einige Teile der Taucherkunst und andere dergleichen kleinere unbenannt ist, müssen wir liegen lassen, die des Belebten aber, welche nun die Nachstellung gegen Tiere ist, die Tiernachstellung oder die Jagd nennen.
Fremder: Von der Jagd aber könnte man nicht eine zwiefache Art mit Recht anführen? Eine, welche, auf die Gattung der Landtiere gehend, in viele Arten und Namen geteilt ist, die Landjagd; die andere, ganz auf die schwimmenden Tiere gehend, die Jagd im Flüssigen.
Fremder: Der aber mit Haken und Harpunen durch Verwundung geschieht, den würden wir von jenem unterscheidend jetzt mit einem Worte die Wundfischerei nennen müssen. Oder wie, Theaitetos, könnte man sie besser benennen?
Fremder: Was nun bei dieser zur Wundfischerei gehörigen Hakenfischerei von oben nach unten geschieht, das wird, weil man sich der Harpunen vornehmlich auf diese Art bedient, die Harpunenfischerei genannt.
Fremder: Die durch den ganz entgegengesetzten Zug mit dem Angelhaken getrieben wird und die Fische nicht gleichviel an welchem Teile des Leibes trifft wie mit der Harpune, sondern allemal am Kopf und Munde und den gefangenen Fisch dann mittelst Rute und Rohr von unten heraufzieht. Und wie sollen wir sagen, Theaitetos, dass diese müsse genannt werden?
Fremder: Nun also sind wir, du und ich, von der Angelfischerei nicht nur über den Namen einig, sondern haben auch die Erklärung über die Sache selbst zur Genüge erlangt. Denn von der gesamten Kunst war die eine Hälfte die erwerbende, von der erwerbenden die bezwingende, von der bezwingenden die nachstellende, von der nachstellenden die jagende, von der jagenden die im Flüssigen jagende, von der im Flüssigen jagenden war der ganze untere Abschnitt die Fischerei, von dieser ein Teil die verwundende, von der verwundenden die Hakenfischerei, und von dieser hat uns die Art vermittelst einer von unten nach oben gezogenen und den Fisch daran hängenden Wunde den der Tat selbst nachgebildeten Namen der Angelfischerei erhalten.
Fremder: Und sind von dem einen durchgegangen, was sich auf die im Wasser Schwimmenden bezog, die Landjagd aber haben wir ungespaltet gelassen und nur erwähnt, sie wäre sehr vielartig?
Fremder: Sie trennen sich aber bei der Tiernachstellung, der eine nach dem Meere und den Strömen und Seen hin, um den dort befindlichen Tieren nachzustellen.
Fremder: Der andere aber aufs Land und zu ganz anderen Strömen, nämlich des Reichtums und der Jugend, dass ich so sage, üppigen Wiesen, um der hier befindlichen Geschöpfe sich zu bemächtigen.
Fremder: Wenn anders der Mensch ein zahmes Tier ist! Setze aber, was dir gefallt: entweder, dass es gar keine zahmen Tiere gebe, oder dass es deren zwar gebe, der Mensch aber ein wildes sei; oder du magst auch den Menschen zwar ein zahmes nennen, aber nicht glauben, dass es eine Nachstellung auf den Menschen gebe; was du hiervon am liebsten möchtest behauptet haben, darüber erkläre dich nur!
Fremder: Eine die unter Einzelnen, die andere die öffentlich getriebene.
Vorlage S. 672
Kontextbild zum Werk. Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0Bildquelle ↗
Fremder: Von der lohnfordernden aber gibt es zunächst eine Art, welche immer lieblich redend und, die Lust überall als Lockspeise brauchend, als einzigen Lohn Nahrung fordert, welche wir, glaube ich, als die einschmeichelnde alle für eine ergötzliche Kunst erklären würden.
Fremder: Die andere aber, welche um der Tugend willen Umgang zu pflegen verheißt und sich Geld zum Lohne reichen lässt, – lohnt es nicht, dass wir diese Art mit einem andern Namen benennen?
Theaitetos: Es ist klar. Denn den Sophisten haben wir, dünkt mich, gefunden. Ich wenigstens glaube, indem ich ihn für dieses erkläre, ihn mit dem schicklichsten Namen zu benennen.
Fremder: Nach dieser jetzigen Rede also, o Theaitetos, wäre die von der nachstellend bezwingenden aneignenden Kunst, und zwar von der Tiernachstellung zu Lande auf Menschen, nämlich der nicht öffentlichen Überredungskunst lohnforderndem, für Geld sich verkaufendem, scheinbar belehrendem Teil auf reiche angesehene Jünglinge angestellte Jagd, wie diese Rede uns ausgegangen ist, die sophistische Kunst zu nennen.
Fremder: Auch so lass uns aber noch zusehen: Denn nicht einer geringen Kunst ist teilhaftig, was wir jetzt suchen, sondern einer gar mannigfaltigen. Denn auch aus dem Vorhergesagten ergibt sich ein Schein, als sei es nicht das, was wir jetzt sagen, sondern noch eine andere Gattung.
Fremder: Und haben wir etwa nicht bemerkt, dass dieses Großhandels einer Teil das, wovon der Leib sich nährt und Gebrauch macht, der andere das, wovon die Seele sich nährt und Gebrauch macht, im Verkauf gegen Geld umsetzt?
Fremder: Die gesamte Tonkunst wollen wir also sagen, indem sie von einer Stadt zur andern, hier eingekauft und dort hingeführt und verkauft wird, und die Malerei und die Taschenspielerei und vieles andere der Seele Angehörige, was teils der Ergötzung, teils auch ernstlicher Beschäftigung wegen eingeführt und verkauft wird, verschafft denen, die es einführen und verkaufen, mit nicht minderem Recht den Namen eines Kaufmannes, als der Handel mit Getreide oder Wein.
Fremder: Willst du also nicht auch den, welcher Kenntnisse zusammenkauft und sie von einer Stadt zur andern wieder umsetzt gegen Geld, mit demselben Namen benennen?
Fremder: Von diesem Seelengroßhandel nun könnte man mit Recht den einen Teil die Schaustellung heißen; dem andern aber, obgleich nicht minder lächerlich als das Vorige, muss man dennoch als einem Handel mit Kenntnissen einen dem Geschäft verschwisterten Namen beilegen.
Fremder: Von diesem Kenntnisverkauf nun wollen wir den Teil, der die Kenntnis der andern Künste betrifft, mit einem, den aber auf die Tugend sich beziehenden mit einem andern Namen benennen.
Theaitetos: Und welchen Namen könnte man, ohne fehlzugehen, der Sache geben, außer wenn man sagt, sie sei das eben jetzt von uns Gesuchte, das sophistische Geschlecht?
Fremder: Nicht anders. Wohlan also, lass uns das Ganze zusammenstellen und sagen, es sei als der erwerbenden Kunst umsetzenden kaufmännischen Zweiges, und zwar des Zwischenhandels mit Seelengütern, Reden und Kenntnisse über die Tugend verkaufender Teil zum zweitenmal nun erschienen die sophistische Kunst.
Fremder: Drittens denke ich aber auch, wenn jemand, in der Stadt selbst sich gänzlich niederlassend, Kenntnisse über eben diese Gegenstände teils einkaufend, teils auch selbst zuschnitzend, wiederum verkaufte und davon zu leben sich vorsetzte, so würdest du ihn mit keinem andern Namen nennen als dem eben jetzt genannten.
Fremder: So würdest du also auch der erwerbenden Kunst umsetzenden kaufmännischen Zweiges, Kleinhandel und Selbstverkauf, beides, sobald es nur in diesen Gegenständen zur kenntnisverkaufenden Art gehört, allemal, wie es scheint, Sophistik nennen.
Fremder: In welchem Gefechte nun Leib gegen Leib steht, dem dürften wir natürlich und schicklich einen solchen Namen geben, dass wir es etwa das Gewalttätige nennten.
Fremder: Was nun wortwechselnd im Handel und Wandel gestritten wird durcheinander und kunstlos, dies muss man zwar als die eine Art setzen, da die Erklärung es als ein Verschiedenes anerkennt; aber einen Namen hat es weder von den Früheren erhalten, noch verdient es einen durch uns zu erlangen.
Fremder: Den kunstgerechten Wortwechsel aber, sowohl über Recht und Unrecht als über andere Dinge, sind wir nicht gewohnt, ihn das Streitgespräch zu nennen?
Fremder: Mir scheint das Streitgespräch, das aus reiner Lust an solcher Verhandlung mit Vernachlässigung eignet Angelegenheiten geschieht, in Hinsicht auf den Vortrag aber von den meisten Hörern nicht mit Vergnügen angehört wird, nach meiner Meinung nicht anders als das Geschwätzige genannt werden zu können.
Theaitetos: Und was sollte man wohl, ohne fehlzugehn, anders sagen, als dass schon wiederum herauskomme jener wunderbare, von uns nun schon zum viertenmal eingeholte Sophist?
Fremder: So wäre also nichts anderes als die geldbringende Art der streitsprecherischen Kunst, welche von dem Wortwechsel, also der streitenden, fechtenden, kampfgeschickten und so erwerbenden Kunst ein Teil ist, wie die Rede uns jetzt gezeigt hat, der Sophist.
Theaitetos: Also müssen wir beide dazu nehmen. Fremder: Das müssen wir, und zwar aus allen Kräften, tun, indem wir auch noch dieser Spur von ihm nachgehn: Sage mir nämlich, wir haben doch gewisse von knechtischen Diensten gebrauchte Ausdrücke?
Theaitetos: Wie werde ich die nicht kennen! Fremder: Und außer diesen kennen wir noch krämpeln, spinnen, schlagen mit der Weberlade und tausend ähnliche Verrichtungen in anderen Gewerben. Nicht wahr?
Fremder: Von den genannten Aussonderungen war doch die eine ein Ausscheiden des Schlechteren vom Besseren, die andere ein Ausscheiden des Ähnlichen vom Ähnlichen?
Fremder: Von der einen nun weiß ich keinen üblichen Namen; von jener Aussonderung aber, welche das Bessere zurückläßt und das Schlechtere wegwirft, weiß ich einen.
Fremder: Zuerst die der Lebendigen, wie sie innerlich von der Kunst der Leibesübungen und der Heilkunst durch richtige Aussonderung gereiniget werden, und dann auch von außen, was – geringfügig zu sagen – die Badekunst leistet. Dann auch die der unbelebten Körper, welchen die Walkerkunst und die gesamte Putz- und Glättkunst ihre kleinen Dienste leistet unter vielen lächerlichen Namen, wenn man sie alle nennen wollte.
Fremder: Freilich wohl, o Theaitetos. Allein dem erklärenden Verfahren liegt nicht mehr noch minder an der Kunst der Badegerätschaften zum Beispiel als an der der Arzneibereitung, wenn auch jene uns nur geringen, diese aber großen Nutzen gewährt durch ihre Reinigung. Denn indem sie nur, um Einsicht zu erwerben, das Verwandte und Nichtverwandte in den Künsten zu entdecken sucht, ehrt sie alle gleichermaßen, und der Ähnlichkeit gemäß hält sie keine vor der andern für lächerlich. Für höher und würdiger aber wird sie den, welcher die nachstellende Kunst als Feldherrnkunst äußert, nicht halten als den, der sie als Kammerjägerei ausübt, sondern meistens nur für großsprecherischer. So auch jetzt bei dem, was du fragtest, mit welchem Namen wir diese sämtlichen Verrichtungen, welchen obliegt, einen (sei es belebten oder unbelebten) Körper zu reinigen, benennen sollen, wird ihr nichts daran gelegen sein, welcher ihnen etwa als der zierlichste könnte beigelegt werden; er halte nur, die Reinigung der Seele ausgenommen, alles zusammen verbunden, was sonst irgend etwas reinigt. Denn das Reinigen an der Seele sollte eben jetzt von allem andern abgesondert werden, wenn wir anders verstehen, was unser Verfahren wollte.
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sollte mir aber dergleichen begegnen, so wollen wir auch diesen Sokrates dazunehmen, der dem Sokrates dem Namen, mir dem Alter nach gleich ist und mein […] und dem daher mancherlei mühsam mit mir zu bestehen nicht ungewohnt ist.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »So auch jetzt, o Theaitetos, rate ich wenigstens uns beiden, – weil wir die Art des Sophisten für mühsam und schwer einzufangen halten, zuvor an etwas anderem.«
5. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Wenn es dich aber auf die Länge anstrengt und dir beschwerlich wird, so gib die Schuld davon nicht mir, sondern diesen deinen Freunden!«
B: »Fremder: Siehst du also, wie richtig das gesagt ist, dass dies gar ein schlaues Tier ist und, wie man sagt, nicht mit einer Hand zu fangen?«
C: »Fremder: So auch jetzt, Theaitetos, wollen wir diesen als einen Unwissenden setzen oder auf alle Weise doch als einen wirklich klugen?«
7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Fremder: Willst du also nicht auch den, welcher Kenntnisse zusammenkauft und sie …«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Fremder: In welchem aber Wort gegen Wort, o […], wie sollte man das anders nennen als Streit?«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »entweder« in diesem Textausschnitt? »Setze aber, was dir gefallt: entweder, dass es gar keine zahmen Tiere gebe, oder dass es deren zwar gebe, der Mensch aber ein wildes sei; oder du magst auch den Menschen zwar ein zahmes nennen, aber nicht glauben, dass es eine Nachstellung auf den Menschen gebe; was du hiervon am liebsten möchtest behauptet haben, darüber erkläre dich nur!«
10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »So auch jetzt bei dem, was du fragtest, mit welchem Namen wir …«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Und es dünkt mich der Mann ein Gott zwar keineswegs zu sein, göttlich aber gewiss; denn alle Philosophen möchte ich so benennen.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Und es dünkt mich der Mann ein Gott zwar keineswegs zu sein, göttlich aber gewiss; denn alle Philosophen möchte ich so benennen.« und »Theaitetos: Wohl, ich habe es begriffen und gebe zu zwei Arten der Reinigung, von denen die eine für die Seele ist, abgesondert von der für den Leib.«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Setze aber, was dir gefallt: entweder, dass es gar keine zahmen Tiere gebe, oder dass es deren zwar gebe, der Mensch aber ein wildes sei; oder du magst auch den Menschen zwar ein zahmes nennen, aber nicht glauben, dass es eine Nachstellung auf den Menschen gebe; was du hiervon am liebsten möchtest behauptet haben, darüber erkläre dich nur!«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Theodoros: Der gestrigen Verabredung gemäß, o Sokrates, Stellen wir selbst uns gebührend ein und bringen auch hier noch einen Fremdling mit, seiner Abkunft nach aus Elea, und einen Freund derer, die sich zum Parmenides und Zenon halten, einen gar philosophischen Mann.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Fremder: Der andere aber aufs Land und zu ganz anderen Strömen, nämlich des Reichtums und der Jugend, dass ich so sage, üppigen Wiesen, um der hier befindlichen Geschöpfe sich zu bemächtigen.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Fremder: Siehst du Aufruhr für etwas anderes an, als für einen in dem von Natur Verwandten durch irgend ein Verderben entstandenen Zwist?«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Vollständiger altgriechischer Text der bezeichneten kritischen Edition. Quellschreibweise und editorische Zeichen bleiben erhalten; TEI-Struktur wird für die Anzeige umgesetzt. Abschnittsgrenzen folgen ausschließlich wirklichen Quellenunterteilungen. Historische deutsche Übersetzung und griechische Quellenedition haben eigenständige Gliederungen.
Platon; John Burnet (Quellenedition); Perseus Digital Library, Tufts University, CC BY-SA4.0.
Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.
Welche Änderungen enthält die Lesefassung?
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.