Harpagons Angst um sein Geld bestimmt das Leben seiner Kinder und bringt ihre Heiratspläne durcheinander. Die Verwechslung um eine verschwundene Geldkassette legt im Verlauf der fünfaktigen Komödie Gier, Abhängigkeit und familiäre Machtspiele offen.
KomödieKlasse 11–137 Abschnitte
Porträt von Molière — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Pierre Mignard I · Public domainBildquelle ↗
Deutsche Übersetzung: Baudissin, Wolf Heinrich von
Hinweise für den Unterricht
Historische gesellschaftliche, religiöse und geschlechterbezogene Vorstellungen kritisch einordnen. Die Klassenangabe ist redaktionelle Orientierung für begleitete Lektüre.
Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.
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Wie, meine teure Elise, ich sehe Euch nachdenklich und sorgenvoll, nachdem Ihr eben die Großmut hattet, mich Eurer Treue zu versichern? Muss ich Euch – ach! – mitten in meiner Freude seufzen sehn? Ist's Euch leid, mich glücklich gemacht zu haben? Und bereut Ihr das Versprechen, zu dem meine Leidenschaft Euch überredet hat?
Nein, Valere, ich kann nichts bereuen, was ich für Euch getan habe; ich fühle mich durch eine zu sanfte Gewalt dazu hingezogen und kann nicht einmal wünschen, dass dies alles nicht geschehn wäre. Aber wenn ich Euch die Wahrheit gestehn soll, unser bisheriger Erfolg beunruhigt mich, und ich fürchte zuweilen, ich liebe Euch mehr, als ich sollte.
Ach, hunderterlei: den Zorn meines Vaters, die Vorwürfe der Familie, das Urteil der Welt: mehr aber als dies alles, Valere, die Wandelbarkeit Eures Herzens und die schnöde Kälte, mit der ihr Männer so oft die zu warmen Äußerungen einer unschuldigen Neigung vergeltet.
Um alles in der Welt, tut mir nicht das Unrecht an, mich nach andern zu beurteilen. Traut mir alles mögliche zu, teure Elise, nur nicht, dass ich meine Pflicht gegen Euch vergessen könnte. Dazu liebe ich Euch zu sehr, und meine Liebe wird nur mit meinem Leben erlöschen.
Wenn wir denn nur an unsern Taten erkannt werden, so wartet wenigstens, bis Ihr mein Herz nach meinem Tun beurteilen könnt, und lasst Eure ungerechte Furcht, die nur auf einer melancholischen Voraussicht beruht, mir nicht Verbrechen andichten, die meiner Seele fern liegen. Erspart mir, ich bitte Euch, die tödlichen Dolchstiche eines kränkenden Verdachts und gönnt mir Zeit, Euch durch tausend und aber tausend Beweise von der Aufrichtigkeit meiner Liebe zu überzeugen.
Wie leicht lässt man sich überreden, wenn man liebt! Ja, Valere, ich halte Euch für unfähig, mich zu betrügen; ich glaube, dass Ihr mich wirklich liebt und mir treu bleiben werdet; ich will nicht länger zweifeln und meinen Kummer auf die Furcht vor dem Tadel beschränken, der mich treffen wird.
Nichts, Valere, wenn die ganze Welt Euch mit meinen Augen ansähe; und ich finde in Eurem Wesen die beste Berechtigung für mich, zu handeln, wie ich's tue. Meine Herzenswahl wird gerechtfertigt durch Euer Verdienst und stützt sich überdem auf eine Dankbarkeit, zu der der Himmel selbst mich gegen Euch verpflichtet hat. Jede Stunde denke ich an die entsetzliche Gefahr, in der wir uns zuerst einander begegneten; an die bewundernswürdige Großmut, mit der Ihr Euer Leben wagtet, um das meinige den tobenden Wellen zu entreißen; an die zärtliche Sorgfalt, die Ihr mir erwiest, nachdem Ihr mich aus den Fluten gerettet, und an die fortdauernd dargebrachte Huldigung Eurer Liebe, die weder Zeit noch Schwierigkeiten erschüttern konnten und die Euch dazu gebracht hat, Eltern und Heimat zu verlassen und hier zu verweilen. Seid Ihr doch, um mich sehn zu können, so weit gegangen, einen Dienst im Hause meines Vaters anzunehmen! Das alles musste einen unwiderstehlichen Eindruck auf mich machen und ist in meinen Augen mehr als hinreichend, um das Versprechen zu rechtfertigen, das ich gestern eingegangen bin; aber es genügt vielleicht nicht für die übrige Welt, und ich bin nicht sicher, ob diese meine Gesinnungen billigen wird.
Von allem, was Ihr eben angeführt habt, ist es nur meine Liebe, durch die ich hoffe, etwas bei Euch zu gelten; und was Eure sonstigen Zweifel betrifft, sorgt leider Euer Vater selbst am besten dafür, Euch vor der ganzen Welt zu rechtfertigen; denn sein übertriebener Geiz und die Strenge, mit der er seine Kinder behandelt, könnten noch ganz andre Dinge entschuldigen. Verzeiht mir, geliebte Elise, wenn ich so vor seiner Tochter spreche; Ihr wisst, man kann ihn in dieser Beziehung nicht loben. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, meine Eltern wiederzufinden, und wenn mir das gelingt, wird es nicht schwer sein, ihn für uns zu gewinnen. Ich erwarte mit Ungeduld Nachrichten von ihnen und will, wenn diese nicht bald eintreffen, mich selbst aufmachen, um sie mir zu holen.
Ihr seht ja, wie mir's bisher gelungen ist und durch welche geschickte Nachgiebigkeit ich es durchgesetzt habe, in seinen Dienst zu kommen; wie ich unter der Maske gleicher Neigungen und Gesinnungen es dahin gebracht habe, ihm zu gefallen, und welche Rolle ich täglich spiele, um mir seine Gewogenheit zu sichern. Ich habe auch schon die überraschendsten Fortschritte in seiner Gunst gemacht und überzeuge mich, dass es kein besseres Mittel gibt, sich bei den Menschen beliebt zu machen, als mit ihren eignen Ansichten vor ihnen schön zu tun, ihre Grundsätze zu verteidigen, ihren Fehlern zu huldigen und alles zu bewundern, was sie tun. Man braucht nicht zu fürchten, diese Geschmeidigkeit könnte ihnen übertrieben erscheinen; die Art, wie man sie zum besten hat, mag noch so augenscheinlich sein – selbst die Klügsten sind einem Schmeichler gegenüber die Allerverblendetsten, und es gibt nichts so Widersinniges und Abgeschmacktes, das sie nicht verschlucken, wenn man es mit Lob zu würzen versteht. Freilich kommt die Ehrlichkeit ein wenig zu kurz bei dem Handwerk, das ich jetzt treibe; aber wenn man die Leute braucht, so muss man sich schon nach ihnen richten; und da man sie nur auf diese Weise gewinnen kann, sind nicht die Schmeichler die Schuldigen, sondern sie selbst, die geschmeichelt sein wollen.
Das lässt sich nicht vereinigen; Vater und Sohn sind in ihrer Gesinnung so gründlich verschieden, dass es mir unmöglich scheint, sich mit beiden gut zu stehn. Ihr aber, teure Elise, tut das Eurige bei Eurem Bruder und benutzt seine Freundschaft für Euch, um ihn in unser Interesse zu ziehn. Er kommt, und ich entferne mich. Der Augenblick ist günstig; sprecht mit ihm und entdeckt ihm von unserm Verhältnis, soviel Euch ratsam scheint.
Ja, ich liebe. Ehe ich aber fortfahre – ich weiß, dass ich einen Vater habe, von dem ich abhänge, und dass der Name Sohn mich seinem Willen unterwirft; dass wir unser Herz nicht ohne die Einwilligung unsrer Eltern verschenken dürfen; dass der Himmel sie als Gebieter über unsre Wünsche eingesetzt hat und dass es unsre Pflicht ist, uns ihrer Führung zu überlassen; dass sie, von keiner törichten Leidenschaft beherrscht, in der Lage sind, sich weit weniger als wir selbst zu täuschen und viel besser zu beurteilen, was uns frommt; dass wir uns sicherer auf ihre Einsicht und ihr Urteil verlassen können, als auf unsre blinde Leidenschaft, und dass die stürmische Heftigkeit der Jugend uns nur zu oft in die gefährlichsten Abgründe stürzt. Das alles sage ich dir, meine gute Schwester, damit ich dir die Mühe erspare, es mir zu sagen – denn meine Liebe will nichts hören, und ich bitte dich, mich mit allen Gegenvorstellungen zu verschonen.
Nein, Schwester; aber du liebst nicht; du weißt nichts von der süßen Gewalt, die eine zärtliche Neigung über unser Herz hat, und ich fürchte dein besonnenes Urteil.
Ach, Bruder, sprechen wir nicht von einer Besonnenheit; es gibt niemand, den sie nicht einmal im Stich ließe, und wenn ich dir mein Herz eröffnen wollte, würde ich dir vielleicht, sehr viel unbesonnener vorkommen als du dir selbst.
Ein junges Mädchen, das erst seit kurzem in dieser Gegend wohnt und ganz dazu geschaffen scheint, jedem, der sie erblickt, Liebe einzuflößen. Nie hat die Natur etwas Reizenderes hervorgebracht, und ich war vom ersten Augenblick an bezaubert von ihrer Schönheit. Sie heißt Mariane und lebt unter der Obhut einer guten ehrlichen Mutter, die fast immer krank ist und für welche das liebe Mädchen die rührendste Sorgfalt an den Tag legt. Sie pflegt sie, tröstet sie und bemitleidet sie in einer Weise, die dein ganzes Herz gewinnen würde. Alles, was sie tut, ist anmutig, jeder Bewegung leiht sie einen neuen Reiz und zeigt eine so liebenswürdige Sanftmut, eine so unwiderstehliche Güte, eine so entzückende Sittsamkeit, ein ... Ach, Schwester, ich wünschte nur, du könntest sie sehn!
Ich habe unterderhand erfahren, dass sie nicht wohlhabend sind, und dass sie trotz ihrer Eingezogenheit Mühe haben, ihre wenigen Ausgaben zu bestreiten. Denke nur, Schwester, welche Freude es sein müsste, die Lage eines geliebten Wesens zu verbessern, auf feine Weise dem bescheidenen Bedarf einer tugendhaften Familie zu Hilfe zu kommen, und du wirst einsehn, wie schmerzlich es für mich sein muss, mich durch den Geiz unsres Vaters außerstande zu sehn, mir dies Glück zu verschaffen und meiner Geliebten irgendeinen Beweis meiner Zärtlichkeit zu geben.
Ach, Schwester, er ist größer, als du ihn dir vorstellen kannst. Sag selbst, kann man sich etwas Grausameres denken als die harte Sparsamkeit, die man gegen uns ausübt, und die unerhörte Dürftigkeit, in der wir schmachten müssen? – Wozu hilft uns unser Vermögen, wenn es uns erst in einer Zeit zufällt, wo wir nicht mehr in den schönen Jahren sind, es genießen zu können? wenn ich jetzt, um nur zu bestehn, nach allen Seiten Schulden machen muss und so wie du gezwungen bin, täglich die Gefälligkeit der Kaufleute in Anspruch zu nehmen, um mir nur einigermaßen anständige Kleider zu verschaffen? – Ich habe dich bitten wollen, liebste Schwester, mir unsern Vater über meine Neigung ausforschen zu helfen; und wenn ich sehe, dass er taub für meine Wünsche bleibt, bin ich entschlossen, mir eine andre Heimat zu suchen und mit dem geliebten Mädchen mein Schicksal dem Himmel anheimzustellen. Ich bemühe mich deshalb, wo ich kann, Geld aufzunehmen, und wenn deine Lage, liebste Schwester, der meinigen gleichen sollte und unser Vater sich dir ebenso widersetzt wie mir, so lass uns ihm beide entfliehen und uns von der Tyrannei freimachen, in der sein unerträglicher Geiz uns schon so lange gefesselt hält.
Ich höre seine Stimme: lass uns in dein Zimmer gehn, um unsre Geständnisse weiter auszutauschen, und dann mit vereinten Kräften einen Angriff auf seinen harten Sinn versuchen.
So geh und erwarte deinen jungen Herrn auf der Straße und stehe mir nicht so kerzengrade wie eine Schildwache da, um alles auszukundschaften, was vorgeht, und dir an allem deinen Profit zu machen. Ich will nicht ewig einen Aufpasser zur Seite haben, einen Spürhund, dessen verdammte Augen alles bewachen, was ich tue, alles verschlingen, was ich besitze, und in allen Ecken umherspähen, um zu sehn, ob's nichts zu mausen gibt.
Wie zum Teufel sollte man's denn wohl anfangen, um Euch zu bestehlen? – Seid Ihr ein bestehlbarer Mensch, Ihr, der alles einschließt und Tag und Nacht Wache steht?
Ich will verschließen, was mir beliebt, und Schildwache stehn, wie mir's gefällt. Du bist mir auch so ein Spion, der auf alles acht gibt. Leise für sich. Wenn er nur nichts von meinem Gelde gemerkt hat! Laut. Du wärst wahrhaftig imstande und sprengtest aus, ich hätte Geld bei mir versteckt?
Der Schlingel ist mir immer im Wege, und ich kann den nichtsnutzigen hinkenden Taugenichts nicht mehr ersehn. Es ist wahrhaftig keine kleine Sache, eine so große Summe in seinem Hause zu hüten, und der ist ein glücklicher Mann, der sein ganzes Vermögen sicher untergebracht und nur so viel behalten hat, als er zu seinen täglichen Ausgaben braucht! – Man hat wahrhaftig rechte Not, im ganzen Hause einen sichern Winkel zu finden. Von den eisernen Geldkisten will ich nichts wissen und traue ihnen nicht; denn die sind der wahre Köder für die Spitzbuben; an die machen sie sich immer zuerst.
Und doch weiß ich nicht, ob es klug war, dass ich die dreißigtausend Livres, die man mir gestern brachte, im Garten vergraben habe. Dreißigtausend Livres in blankem Golde sind wahrhaftig ein hübsches Kapital ... Er bemerkt Elise und Cleanthe; beiseite. O Himmel! – da werde ich mich selbst verraten haben! – Der Eifer hat mich hingerissen, und ich glaube, ich habe laut vor ihnen gesprochen! Zu Elise und Cleanthe. Was gibt's?
Ich sehe es euch an, ihr müsst etwas gehört haben. Ich überlegte mir, wie schwer es heutzutage ist, Geld aufzutreiben, und sagte, das wäre ein glücklicher Mann, der dreißigtausend Livres im Hause liegen hätte.
Ja freilich! – Solche Rede und deine unsinnigen Ausgaben werden noch zur Folge haben, dass man allernächstens bei mir einbrechen und mir den Hals abschneiden wird, weil man denkt, ich schwimme in Gold.
Was für Ausgaben? Ist es denn nicht eine wahre Schande, sich in einem so kostbaren Anzuge in der Stadt herumzutreiben? Ich zankte gestern mit deiner Schwester; aber du bist noch zehnmal schlimmer. Das schreit ja zum Himmel; und wie du da gehst und stehst, ließe sich ein ganz hübscher Rentenvertrag aus dem unnützen Plunder formulieren. Ich habe dir's zwanzigmal gesagt, Herr Sohn, alle deine Manieren missfallen mir im höchsten Grade. Es ist ja ganz erschrecklich, wie du den Marquis spielst! – Um dir solche Kleider anschaffen zu können, musst du mich bestehlen.
Daran tust du sehr unrecht. Wenn du Glück im Spiel hast, solltest du's benutzen und das gewonnene Geld auf gute Interessen anlegen; dann hättest du etwas, wenn du's brauchst. Ich möchte doch wissen, abgesehen von allem andern, wozu die Unmasse von Bändern nützt, mit denen du vom Kopf bis zu den Füßen gespickt bist, und ob ein halb Dutzend Nesteln nicht genug wäre, um deine Pluderhosen an das Wams zu heften. Es ist wahrhaftig wohl nötig, Geld für Perücken auszugeben, wenn man sein eigenes Haar tragen kann, das nichts kostet! Ich will wetten, in deiner Perücke und deinen Bändern stecken allerwenigstens zwanzig Pistolen, und zwanzig Pistolen bringen im Jahr achtzehn Livres acht Sous und acht Deniers, wenn man sie auch nur zum zwölften Pfennig ausleiht.
Aber jetzt von etwas anderm. Er bemerkt, dass Cleanthe und Elise sich Zeichen geben. He! Beiseite. Ich glaube, sie machen sich einander Zeichen, um mir meine Börse zu stehlen. Laut. Was bedeuten alle die Winke?
Nach der Art, wie Ihr wahrscheinlich die Sache auffaßt, kann eine Heirat uns beide wohl erschrecken, und wir sind in der Besorgnis, dass unsre Gefühle nicht mit Eurer Wahl übereinstimmen werden.
Nur ein wenig Geduld, und macht euch keine Unruhe. Ich weiß, was sich für euch beide schickt, und ihr sollt weder der eine noch die andere die mindeste Ursache haben, euch über meine Pläne zu beklagen. Um also die Sache vom einen Ende anzufangen, Zu Cleanthe. sage mir doch, hast du eine junge Person gesehen, die Mariane heißt und nicht weit von hier wohnt?
Erlaube, mein Sohn, erlaube! Indes, wenn sich denn auch nicht so viel Kapital vorfindet, als zu wünschen wäre, so lässt sich das immer auf andere Weise wieder einbringen.
Nun, es ist mir recht lieb zu sehen, dass du einer Meinung mit mir bist, denn ihr sittsames Wesen und ihre Sanftmut haben mich für sie eingenommen, und ich habe beschlossen, sie zur Frau zu nehmen, wenn sie nur irgend etwas Geld hat.
Da haben wir unsere Modeherrchen, unsere zarten, schmächtigen Stutzer, die nicht mehr Saft und Kraft in den Gliedern haben als ein junges Huhn. Das war also, meine Tochter, was ich für mich ausgesucht habe. Was deinen Bruder anlangt, so bestimme ich dem eine Witwe, von der man mir heut morgen gesprochen hat; und du, mein Kind, sollst den Herrn Anselme heiraten.
Ich will sie heut abend mit einem wackern und reichen Manne verheiraten, und der Grasaffe sagt mir ins Gesicht, daraus könne nichts werden. Was sagst du dazu?
Was! Der Herr Anselme ist eine höchst vorteilhafte Partie; er ist ein Edelmann von wirklichem Adel, ein stiller, gesetzter, verständiger und sehr reicher Mann, dessen Kinder alle gestorben sind. Kann sie es denn besser verlangen?
Das ist wahr. Aber sie könnte Euch vielleicht einwenden, dass Ihr die Sache etwas übereilt und dass man wenigstens noch einige Zeit warten sollte, um zu sehen, ob ihre Neigung ...
Ei was! Solch eine Gelegenheit muss man beim Schopf fassen. Es wird mir hier ein Vorteil geboten, den ich anderswo nie wieder finden würde; er verpflichtet sich, sie ohne Mitgift zu nehmen.
Natürlich. Dagegen ist nicht zu streiten. Freilich könnte Eure Tochter Euch vorstellen, dass die Heirat für sie eine hochwichtige Sache ist; dass sich's um das Glück oder Unglück ihres ganzen Lebens handelt; und dass eine Verbindung, die nur der Tod trennen kann, mit der größten Vorsicht geschlossen werden muss.
Ihr habt recht; damit ist alles gesagt, das versteht sich. Es gibt zwar Leute, die Euch bemerken könnten, dass in solchen Fällen die Zuneigung eines Mädchens berücksichtigt werden sollte, und dass eine so große Ungleichheit des Alters, des Naturells und Gefühls eine Ehe den verdrießlichsten Zufällen aussetzen kann ...
Freilich, darauf lässt sich nichts erwidern, das sehe ich wohl ein. Wer Teufel kann dagegen aufkommen? Es gibt allerdings Väter, denen die Zufriedenheit ihrer Töchter lieber ist als das Gold, das sie ihnen mitzugeben hätten; die nicht daran denken, sie ihrem Interesse zu opfern, und die vor allen Dingen danach streben, eine Ehe auf die schöne Harmonie zu gründen, die allein imstande ist, ihr Ehre, Ruhe und Glück zu sichern ...
Das muss ich, um ihn nicht zu erbittern, und um desto eher zu meinem Ziele zu gelangen. Ihm geradezu widersprechen, wäre das Mittel, alles zu verderben; es gibt Charaktere, denen man nur durch Nachgiebigkeit beikommen kann – Temperamente, die keinen Widerspruch ertragen; störrische Naturen, die sich gegen die Wahrheit aufbäumen, vom geraden Wege der Vernunft nichts wissen wollen und sich nur durch Wendungen dahin führen lassen, wohin man sie haben will. Stellt Euch nur, als fügtet Ihr Euch in seinen Willen, so werdet Ihr Euren Zweck viel leichter erreichen.
Glaubt Ihr das im Ernst? Was verstehen denn die Ärzte davon! – Geht, geht; wegen deren könnt Ihr von Krankheiten nennen, was Euch einfällt; sie werden Euch gewiss Gründe finden, um Euch zu deduzieren, woher das Übel entstanden sei.
Und dann haben wir ja noch das letzte Mittel, das uns gegen alles schützt – die Flucht. Wenn Eure Liebe, meine teure Elise, Festigkeit genug besitzt – Er sieht Harpagon. Ja, eine Tochter muss ihrem Vater gehorchen. Wie der ihr bestimmte Mann aussieht, das muss ihr einerlei sein; und wenn das große Argument »ohne Mitgift« ins Spiel kommt, muss sie sich jeden gefallen lassen, den man ihr vorschlägt.
Ei, das macht mir ja die größte Freude, und ich räume dir die unbedingteste Gewalt über sie ein. Zu Elise. Ja, laufe nur davon; ich erteile ihm alle Gewalt, die mir der Himmel über dich verliehen hat, und verlange, dass du alles tust, was er dir sagen wird.
Ja, das Geld ist kostbarer als alles übrige in der Welt, und Ihr müsst dem Himmel dankbar dafür sein, dass er Euch einen so braven Vater gegeben hat. Der weiß, was zum Leben gehört. Wenn sich jemand erbietet, ein Mädchen ohne Mitgift nehmen zu wollen, da darf man weder rechts noch links sehen; in dem Wort liegt alles. Ohne Mitgift; das ersetzt Schönheit, Jugend, Geburt, Ehre, Verstand und Rechtschaffenheit.
Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.
Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.
Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.
1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Meine Herzenswahl wird gerechtfertigt durch Euer Verdienst und stützt sich überdem auf …«
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Ihr aber, teure Elise, tut das Eurige bei Eurem Bruder und benutzt seine […] für Euch, um ihn in unser Interesse zu ziehn.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »nachdem« in diesem Textausschnitt? »Wie, meine teure Elise, ich sehe Euch nachdenklich und sorgenvoll, nachdem Ihr eben die Großmut hattet, mich Eurer Treue zu versichern?«
4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, meine Eltern wiederzufinden, und wenn mir das gelingt, wird es nicht schwer sein, ihn für uns zu gewinnen.«
B: »Und doch weiß ich nicht, ob es klug war, dass ich die dreißigtausend Livres, die man mir gestern brachte, im Garten vergraben habe.«
C: »Gegen die Heirat ist nichts einzuwenden, und ich wette, dass alle Welt meine Wahl billigen wird.«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Das war also, meine Tochter, was ich für mich […] habe.«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deshalb« in diesem Textausschnitt? »Ich bemühe mich deshalb, wo ich kann, Geld aufzunehmen, und wenn deine Lage, liebste Schwester, der meinigen gleichen sollte und unser Vater sich dir ebenso widersetzt wie mir, so lass uns ihm beide entfliehen und uns von der Tyrannei freimachen, in der sein unerträglicher Geiz uns schon so lange gefesselt hält.«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Wie, meine teure Elise, ich sehe Euch nachdenklich und sorgenvoll, nachdem Ihr eben die Großmut hattet, mich Eurer Treue zu versichern?«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Wie, meine teure Elise, ich sehe Euch nachdenklich und sorgenvoll, nachdem Ihr eben die Großmut hattet, mich Eurer Treue zu versichern?« und »Festigkeit genug besitzt – Er sieht Harpagon«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »hat mich hingerissen, und ich glaube, ich habe laut vor ihnen gesprochen«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Wie, meine teure Elise, ich sehe Euch nachdenklich und sorgenvoll, nachdem Ihr eben die Großmut hattet, mich Eurer Treue zu versichern?«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »O Himmel! – da werde ich mich selbst verraten haben! – Der Eifer hat mich hingerissen, und ich glaube, ich habe laut vor ihnen gesprochen!«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Spricht er nicht wahrhaftig wie ein Orakel! – Glücklich, wer einen solchen Diener gefunden hat!«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Autor und namentlich belegte historische Übersetzung sind nach den geprüften Lebensdaten in Deutschland gemeinfrei. TextGrid stellt Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE bereit.
Der Geizige
Molière: Der Geizige. Übers. v. Wolf Graf Baudissin, Leipzig: Philipp Reclam jun., [o. J.]. Molière 3- Leipzig
Das Werk Der Geizige von Molière ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Vollständige französische Komödie mit Personenverzeichnis und fünf Akten; historische Schreibweise und die17 erklärenden Anmerkungen der Firmin-Didot-Ausgabe1890 sind erhalten. Die moderne Gutenberg-Herstellungsnotiz und der Lizenzabschluss stehen außerhalb des Werktextes. Keine Satzparität zur Baudissin-Übersetzung.
Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.
Welche Änderungen enthält die Lesefassung?
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.