Deutsch · Abschnitt 1 von 1
Sophokles
10 Teiresias
Vorlage S. 314 11 Ein Wächter
Vorlage S. 314 13 Ein Diener
Vorlage S. 314 14 Chor thebanischer Greise
Vorlage S. 314 15 Vor dem königlichen Palast zu Theben. Antigone und Ismene treten auf.
Vorlage S. 314 16 ANTIGONE.
Vorlage S. 314 17 O teures, mitgebornes Haupt, Ismene, sprich,
Vorlage S. 314 18 Gedenkst du eines jener Wehn von Ödipus,
Vorlage S. 314 19 Das nicht in unserm Leben schon uns Zeus erfüllt?
Vorlage S. 314 20 Denn nichts Bejammernswertes, nichts Abscheuliches,
Vorlage S. 314 21 Nichts Schnödes, nichts Ehrloses bleibt, das nicht bereits
Vorlage S. 314 22 Ich ganz in meiner und in deiner Not gesehn!
Vorlage S. 314 23 Und welchen Ausruf, heißt es, hat nur heute noch
Vorlage S. 314 24 Die ganze Stadt durch unser Oberhaupt gesandt?
Vorlage S. 314 25 Wie? Weißt du mehr von diesem? Oder siehst du nicht
Vorlage S. 314 26 Der Feinde Bosheit nah heran den Lieben dräun?
Vorlage S. 314 28 Von unsern Lieben kam zu mir, Antigone,
Vorlage S. 314 29 Nicht süßes noch betrübtes Wort, seitdem beraubt
Vorlage S. 314 30 Der beiden Brüder beide wir geblieben sind,
Vorlage S. 314 31 Die hin an einem Tage schlug zwiefältge Faust.
Vorlage S. 314 32 Und seit in dieser letzten Nacht das argische
Vorlage S. 314 33 Kriegsheer dahinschwand, hab ich nichts vernommen mehr,
Vorlage S. 314 34 Mir nicht zu neuer Freude noch Bekümmernis.
Vorlage S. 314 35 ANTIGONE.
Vorlage S. 314 36 Wohl wußt ich dies und rief dich dieserhalb heraus
Vorlage S. 314 37 Zum Tor des Vorhofs, dir allein es kundzutun.
Vorlage S. 314 39 Was ist's? Ein tief aufwogend Wort doch sicherlich.
Vorlage S. 314 40 ANTIGONE.
Vorlage S. 314 41 Hat unsrer Brüder Kreon den des Grabes nicht
Vorlage S. 314 42 Sogleich gewürdigt, aber den voll Schmach beraubt?
Vorlage S. 314 43 Denn zwar Eteokles hat er, wie man sagt, gerecht
Vorlage S. 314 44 Und guter Ordnung folgend, gleich in Erde wohl
Vorlage S. 314 45 Verhüllt, damit ihm Ehre bei den Toten sei;
Vorlage S. 314 46 Polyneikes' elend umgekommnen Leib jedoch
Vorlage S. 314 47 Verbeut er, heißt es, unter Heroldsruf der Stadt
Vorlage S. 314 48 Zu klagen noch ins Grab zu tun; nein, diesen soll
Vorlage S. 314 49 Grablos sie lassen, unbeweint, zum süßen Fund
Vorlage S. 314 50 Den Vögeln, welche Fraßbegier herniedertreibt.
Vorlage S. 314 51 Dergleichen habe der edle Kreon, heißt es, dir
Vorlage S. 314 52 Und mir, auch mir ja, sag ich, angekündiget
Vorlage S. 314 53 Und kehre nochmals, allen noch Unkundigen
Vorlage S. 314 54 Es deutlich auszurufen, und betreibe nicht
Vorlage S. 315 55 Für nichts die Sache; sondern wer dagegen tut,
Vorlage S. 315 56 Dem droht des Steinwurfs herber Tod in offner Stadt.
Vorlage S. 315 57 Nun, so verhält sich dieses, und du zeigest bald,
Vorlage S. 315 58 Ob selbst du edel sprossest, ob von Guten schlecht.
Vorlage S. 315 60 Wie aber, Unglückselge, steht es so, vermag
Vorlage S. 315 61 Ich aufzuheben oder mehr zu gründen dies?
Vorlage S. 315 62 ANTIGONE.
Vorlage S. 315 63 Sieh, ob du mit es wagen, mit angreifen willst.
Vorlage S. 315 65 Doch welches Wagstück? Sprich, worauf gerietest du?
Vorlage S. 315 66 ANTIGONE.
Vorlage S. 315 67 Ob jenen Leib du neben dieser Hand entrückst.
Vorlage S. 315 69 Und den begraben willst du, den die Stadt versagt?
Vorlage S. 315 70 ANTIGONE.
Vorlage S. 315 71 Ja, meinen Bruder und, du wollest oder nicht,
Vorlage S. 315 72 Den deinen; treulos will ich nicht befunden sein.
Vorlage S. 315 74 Unselge! Wider Kreons Strafverkündigung?
Vorlage S. 315 75 ANTIGONE.
Vorlage S. 315 76 Nicht hält mich dieser von den Meinen je zurück.
Vorlage S. 315 78 O weh! Den Vater denke, Mitgeborne, doch,
Vorlage S. 315 79 Wie der verabscheut, schmachbehäuft daniederfiel,
Vorlage S. 315 80 In Greuelirrung selbstertappt und reißend sich
Vorlage S. 315 81 Mit selbstempörten Händen aus sein Augenpaar!
Vorlage S. 315 82 Drauf jen', in einem Namen Weib und Mutter, bringt
Vorlage S. 315 83 Mit aufgewundnem Seile frech ihr Leben um;
Vorlage S. 315 84 Zum dritten tun die Gebrüder an demselben Tag
Vorlage S. 315 85 Unheilverblendet beide brudermörderisch
Vorlage S. 315 86 Mit Wechselhänden gleiches Todeslos sich an.
Vorlage S. 315 87 Nun aber wir allein Zurückgebliebne, sieh,
Vorlage S. 315 88 Wie schlimmsten Tod wir leiden, wenn wir ohne Recht
Vorlage S. 315 89 Der Herrscher Ausspruch und Gewalt beleidigen.
Vorlage S. 315 90 Bedenken musst du nur zuerst, dass Weiber wir
Vorlage S. 315 91 Erwuchsen, gegen Männer nicht in Kampf zu gehn;
Vorlage S. 315 92 Dann aber, dass wir, untertan weit Stärkeren,
Vorlage S. 315 93 Dies hören müssen und sogar Betrübteres.
Vorlage S. 315 94 Ich also will, anflehend jen' im Erdenschoß
Vorlage S. 315 95 Um ihre Nachsicht, weil ich hier gezwungen bin,
Vorlage S. 315 96 Der Oberherrschaft Lenkern Folge tun; dieweil
Vorlage S. 315 97 Sich über Kraft zu wagen nie Verstand beweist.
Vorlage S. 315 98 ANTIGONE.
Vorlage S. 315 99 Auch fordr ich das mitnichten; auch, wenn selbst sogar
Vorlage S. 315 100 Du wolltest, ungern nähm ich dich zur Helferin.
Vorlage S. 315 101 Nein, handle, wie dir dünket. Ich begrabe den
Vorlage S. 316 102 Allein. Mit Freuden sterb ich dann nach dieser Tat.
Vorlage S. 316 103 Beim lieben Freunde lieg ich dann geliebt, dieweil
Vorlage S. 316 104 Heiligen Betrug ich übte; denn den Untern muss
Vorlage S. 316 105 Ich längre Zeit gefallen als den Hiesigen.
Vorlage S. 316 106 Denn immer lieg ich dort einmal. Du aber, wenn
Vorlage S. 316 107 Du meinst, entehre, was die Götter ehren, auch.
Vorlage S. 316 109 Es ist ja mir auch nicht verehrungslos; jedoch
Vorlage S. 316 110 Den Bürgern Trotz zu bieten, bin ich nicht gemacht.
Vorlage S. 316 111 ANTIGONE.
Vorlage S. 316 112 Nimm diesen Vorwand. Aber ich will ungesäumt
Vorlage S. 316 113 Ein Grab dem teuren Bruder aufzuschütten gehn.
Vorlage S. 316 115 O weh des Elends! wie erbeb ich deinethalb!
Vorlage S. 316 116 ANTIGONE.
Vorlage S. 316 117 Nicht beb um mich so! Sichre nur dein eignes Los!
Vorlage S. 316 119 Du wirst jedoch nicht andern dieses Werk zuvor
Vorlage S. 316 120 Kundtun? Verbirg es! Gern verschweig auch ich es tief.
Vorlage S. 316 121 ANTIGONE.
Vorlage S. 316 122 Weh! Allen ruf es! Viel verhaßter wirst du mir
Vorlage S. 316 123 Nur schweigend werden als es laut verkündigend.
Vorlage S. 316 125 Sehr heiß erglüht dein Busen für Erkaltete.
Vorlage S. 316 126 ANTIGONE.
Vorlage S. 316 127 Ich will genugtun, wem ich meist gefallen muss.
Vorlage S. 316 129 Ja, wenn es möglich. Du begehrst, was nie gelingt.
Vorlage S. 316 130 ANTIGONE.
Vorlage S. 316 131 So werd ich, wenn ich's nicht vermag, zurückgestürzt.
Vorlage S. 316 133 Auch nicht von Anfang jage man Unmögliches.
Vorlage S. 316 134 ANTIGONE.
Vorlage S. 316 135 Durch solche Reden wirst du nicht nur mir verhaßt,
Vorlage S. 316 136 Nein, ganz mit Recht auch jenem Toten hassenswert.
Vorlage S. 316 137 Drum mich und meines Rates Unverständigkeit
Vorlage S. 316 138 Lass dieses Unheil leiden. Nichts erleid ich doch
Vorlage S. 316 139 So Böses, dass nicht edel mir zu sterben sei.
Vorlage S. 316 141 Nun, dünkt es dir, so eile. Wiß indes, du gehst
Vorlage S. 316 142 Sinnlos, als echte Freundin deinem Freund jedoch.
Vorlage S. 316 143 Beide ab. Der Chor tritt auf.
Vorlage S. 316 144 Erste Strophe
Vorlage S. 316 146 Strahl der Sonne, das schönste Licht,
Vorlage S. 316 147 So je hier in des Thebervolks
Vorlage S. 316 148 Siebentoriger Stadt erschien!
Vorlage S. 316 149 Du strahlst endlich, güldenen Tags
Vorlage S. 316 150 Augenlid, mir empor, herrlich
Vorlage S. 316 151 Dirkes Flutengeström betretend,
Vorlage S. 317 152 Dem Weißschildgen, welchen daher
Vorlage S. 317 153 Argos sandt in Waffengerät,
Vorlage S. 317 154 Schleunig in dahinstürzende Flucht
Vorlage S. 317 155 Abwärts schüttelnd den Zügel.
Vorlage S. 317 156 Der empor, von dem Zwist und dem Rechtswettstreit
Vorlage S. 317 157 Polyneikes' erregt, auf unser Gebiet
Vorlage S. 317 158 Scharf schreiend daher, wie über das Land
Vorlage S. 317 159 Stürmend ein Aar, flog,
Vorlage S. 317 160 Mit dem Flügel beschirmt weißglänzenden Schnees,
Vorlage S. 317 161 Viel tragend der Wehr
Vorlage S. 317 162 Nebst mähnebefiederten Helmen.
Vorlage S. 317 163 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 317 164 Der ob unserem Dach mit blut-
Vorlage S. 317 165 Roten Lanzen umher den rings
Vorlage S. 317 166 Siebentorigen Mund umgähnt',
Vorlage S. 317 167 Entwich, eh er unseres Bluts
Vorlage S. 317 168 Ganz den gierigen Schlund sättigt',
Vorlage S. 317 169 Eh der ragenden Türm Umkränzung
Vorlage S. 317 170 In Pechglut Hephaistos gerafft.
Vorlage S. 317 171 So die Fers' umgab mit des Kampfs
Vorlage S. 317 172 Tosendem Gewühl, gegenempört,
Vorlage S. 317 173 Schwer ankämpfend der Drache.
Vorlage S. 317 174 Denn prahlender Zung Aufblähn hört Zeus
Vorlage S. 317 175 Mit Verabscheun an. Drum weil er geschaut
Vorlage S. 317 176 Den heraneilenden Heerstromeserguß,
Vorlage S. 317 177 Goldtönend und voll hochmütiger Pracht,
Vorlage S. 317 178 Her schwang er die Glut auf den Kühnen, der hoch
Vorlage S. 317 179 An die Zinnen bereits,
Vorlage S. 317 180 Siegshall zu erheben, empordrang.
Vorlage S. 317 181 Zweite Strophe
Vorlage S. 317 182 Aber geschlagen entsank er daniedertaumelnd,
Vorlage S. 317 183 Welcher in rasender Wut und die Flamme schwenkend,
Vorlage S. 317 184 Im Rausch tobend, den Sturm
Vorlage S. 317 185 Uns herschnob feindseligen Hauchs.
Vorlage S. 318 186 Aber hier hob und dort
Vorlage S. 318 187 Wechselnd empor anderen Kampf Ares im Aufruhr,
Vorlage S. 318 188 Gleich hochvorragendem Streitroß.
Vorlage S. 318 189 Und die Sieben, um sieben umstrittene Tor'
Vorlage S. 318 190 Anstürmend der Mann auf den Mann, liehn dar
Vorlage S. 318 191 Dem besiegenden Zeus die gediegene Wehr.
Vorlage S. 318 192 Nur die, so gezeugt von demselbigen Mann
Vorlage S. 318 193 Und derselbigen Frau, haßwürdig zugleich
Vorlage S. 318 194 Zwei siegende Speer ausstreckten, betraf
Vorlage S. 318 195 Gleich tödliches Los in Gemeinschaft.
Vorlage S. 318 196 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 318 197 Aber es kam ja die namengeschmückte Nike,
Vorlage S. 318 198 Gnadebegabend die wagenberühmte Thebe!
Vorlage S. 318 199 Drum werd heute dem Krieg
Vorlage S. 318 200 Auch nicht mehr Andenken gereicht.
Vorlage S. 318 201 Durch der Stadt Tempel nun
Vorlage S. 318 202 Wallet umhertanzend in Nachtreigen, und führ uns
Vorlage S. 318 203 Der Erschütterer Thebes, Jakchos!
Vorlage S. 318 204 Aber es naht schon der Beherrscher der Stadt,
Vorlage S. 318 205 Des Menoikeus Sohn uns, Kreon, bewegt
Vorlage S. 318 206 Durch neues Geschick, so die Götter gesandt,
Vorlage S. 318 207 Dorther, und er wälzt Ratschlüsse gewiss,
Vorlage S. 318 208 Weil eben daher zum Versammlungsort
Vorlage S. 318 209 Er die Greise berief,
Vorlage S. 318 210 Durch Heroldsruf es verkündend.
Vorlage S. 318 211 Kreon tritt auf.
Vorlage S. 318 213 Ihr Männer, endlich hat der Götter Macht die Stadt
Vorlage S. 318 214 Aus viel empörten Wogen uns emporgelenkt.
Vorlage S. 318 215 Euch aber sammelt ganz allein aus allem Volk
Vorlage S. 318 216 Hier meine Botschaft, weil ich weiß, dass Laios'
Vorlage S. 318 217 Machtvolle Thronen allezeit ihr treu verehrt,
Vorlage S. 318 218 Dann aber, während Ödipus die Stadt gelenkt,
Vorlage S. 318 219 Und da auch der verstorben, bei der Söhne Reich
Vorlage S. 318 220 In solcher Denkart bliebet unerschütterlich.
Vorlage S. 319 221 Da durch ein zwiefach Todeslos auch diese nun
Vorlage S. 319 222 An einem Tag hinsanken, selbst sich treffend und
Vorlage S. 319 223 Getroffen durch der Bruderhand Besudelung,
Vorlage S. 319 224 Sind mein die Thronen jetzo nebst der Obermacht
Vorlage S. 319 225 Um jener Toten nächste Blutsgenossenschaft.
Vorlage S. 319 226 Unmöglich freilich spähst du nun an jedem Mann
Vorlage S. 319 227 Gemüt und Denkart und Verstand recht aus, bevor
Vorlage S. 319 228 Ihn Amt und Herrscherwürde wohlgeprüft erwies.
Vorlage S. 319 229 Denn wer, zum Lenker eingesetzt der ganzen Stadt,
Vorlage S. 319 230 Nicht stets den besten Ratbeschluß ergreifen mag
Vorlage S. 319 231 Und aus Verzagtheit seine Zung einschließend birgt,
Vorlage S. 319 232 Der scheinet jetzt unwürdig mir und lange schon.
Vorlage S. 319 233 Und welcher andre Freunde je noch höher hält
Vorlage S. 319 234 Als sein Geburtsland, keines Werts eracht ich den.
Vorlage S. 319 235 Denn ich – vernehm es Zeus, der stets Allschauende –,
Vorlage S. 319 236 Ich würde nie stillschweigen, säh ich Schrecken je
Vorlage S. 319 237 Den Bürgern hernahn statt der Wohlbehaltenheit,
Vorlage S. 319 238 Noch macht ich irgend meiner Stadt Verfolger mir
Vorlage S. 319 239 Zum Freunde jemals, weil ich wohl erkenne, wie
Vorlage S. 319 240 Uns die allein behütet und auf dieser uns
Vorlage S. 319 241 Wir glücklich schiffend Freunde nur vereinigen.
Vorlage S. 319 242 Durch solche Sitten heb ich einst die Stadt empor;
Vorlage S. 319 243 Und dem Verwandtes hab ich jetzt auf Ödipus'
Vorlage S. 319 244 Zwei Söhn euch allen durch den Heroldsruf gesetzt:
Vorlage S. 319 245 Zwar wohl Eteokles, der, die Stadt verteidigend,
Vorlage S. 319 246 Hinsank und jeden besten Speeresruhm erwarb,
Vorlage S. 319 247 Ins Grab zu bergen, alles dem zu weihen, was
Vorlage S. 319 248 Den allerbesten Toten folgt zur Unterwelt;
Vorlage S. 319 249 Polyneikes aber, seinen Mitgebornen, der
Vorlage S. 319 250 Die Vaterlandschaft und die Landschutzgötter selbst,
Vorlage S. 319 251 Von seinem Bann heimkehrend, wollt in Feuerglut
Vorlage S. 319 252 Von Grund heraus wegsengen, wollt am Blute sich
Vorlage S. 319 253 Der Seinen sättgen, euch in Knechtschaftsbande ziehn,
Vorlage S. 319 254 Den solle niemand, wie der Heroldsruf gebot,
Vorlage S. 319 255 Mit Grabbestattung ehren noch mit Klageruf,
Vorlage S. 319 256 Vielmehr ihm grablos für die Hund und Vögel frei
Vorlage S. 319 257 Zu Fraß den Leichnam lassen und Verstümmelung.
Vorlage S. 320 258 So lautet mein Gedanke; denn ich reiche nie
Vorlage S. 320 259 Der Ehre Vorzug Schlechten vor Gerechten dar.
Vorlage S. 320 260 Doch welcher wohlwill dieser Stadt, der bleibet, tot
Vorlage S. 320 261 Und lebend gleichfalls, immerdar mir ehrenwert.
Vorlage S. 320 262 CHOR(F.).
Vorlage S. 320 263 Mir selbst gefällt dies, Sohn Menoikeus', Kreon, auch
Vorlage S. 320 264 Für dieser Stadt Verfolger und Verteidiger.
Vorlage S. 320 265 Und jede Satzung stehet dir zu geben frei
Vorlage S. 320 266 Den Toten wie uns allen, die am Leben sind.
Vorlage S. 320 268 Dass ihr die Aufsicht aber nun auf dieses führt!
Vorlage S. 320 270 Auf Jüngre lege lieber doch so schwere Last.
Vorlage S. 320 272 Schon sind dem Leichnam Späher auch hinzugestellt.
Vorlage S. 320 274 Und was verlangst du andres noch von uns dazu?
Vorlage S. 320 276 Niemand zu dulden, der sich unfolgsam erzeigt.
Vorlage S. 320 278 Ein solcher Tor ist keiner, dass er sterben will.
Vorlage S. 320 280 Dies ist der Lohn zwar sicher. Doch die Menschen hat
Vorlage S. 320 281 Schon oft Gewinnsucht lockend in den Tod gestürzt.
Vorlage S. 320 282 Ein Wächter kommt.
Vorlage S. 320 283 WÄCHTER.
Vorlage S. 320 284 O Fürst, mitnichten sag ich, dass ich atemlos
Vorlage S. 320 285 Vom Lauf, den eilig leichten Fuß erhebend, kam,
Vorlage S. 320 286 Indem mir vielfach mein Gedank entgegenstand
Vorlage S. 320 287 Und auf dem Herweg kreisend mich zurücketrieb.
Vorlage S. 320 288 Denn immer unaufhörlich rief die Seele mir:
Vorlage S. 320 289 Was gehst du, Armer, wo allein dir Strafe droht?
Vorlage S. 320 290 Und wieder, bleibst du? Aber hört von andern doch
Vorlage S. 320 291 Es endlich Kreon, wie entfliehst du dann der Not?
Vorlage S. 320 292 In solchen Ängsten kam ich schwer und träg heran,
Vorlage S. 320 293 Und lang in Wahrheit wurde so der kurze Weg.
Vorlage S. 320 294 Doch endlich siegte dieser Rat, hierherzugehn.
Vorlage S. 320 295 Und bring ich gleich nichts Liebes dir, so red ich doch.
Vorlage S. 320 296 Denn die Erwartung fing allein mich herzunahn,
Vorlage S. 320 297 Nichts andres würd ich leiden als verhängtes Los.
Vorlage S. 320 299 Was ist? Wodurch denn wurdest du so mutberaubt?
Vorlage S. 320 300 WÄCHTER.
Vorlage S. 320 301 Erst will ich sagen, welches mich betrifft. Gewiss
Vorlage S. 320 302 Nicht tat ich dieses, weder sah ich, wer es tat.
Vorlage S. 320 303 Deshalb mit Unrecht träfe drum ein Übel mich.
Vorlage S. 320 305 Scharf um dich blickend suchst du rings dich vor der Tat
Vorlage S. 321 306 Zu schirmen. Sicher bringst du schwere Neuigkeit.
Vorlage S. 321 307 WÄCHTER.
Vorlage S. 321 308 Viel Zagen wahrlich bringet so Entsetzliches.
Vorlage S. 321 310 Nun, wirst du reden und sodann von hinnen gehn?
Vorlage S. 321 311 WÄCHTER.
Vorlage S. 321 312 Nun wohl, ich sag es. Uns entkam, wer eben nur
Vorlage S. 321 313 Begrub den Leichnam und ihm leicht den durstigen
Vorlage S. 321 314 Staub aufgeschüttet und Bestattungsehren gab.
Vorlage S. 321 316 Wie? Wer der Menschen war es, der mir das gewagt?
Vorlage S. 321 317 WÄCHTER.
Vorlage S. 321 318 Nichts weiß ich. Denn von keinem Beil entdeckte sich
Vorlage S. 321 319 Ein Hieb und keiner Schaufel Wurf; dicht war das Land,
Vorlage S. 321 320 Der Boden undurchrissen, nicht befahren mit
Vorlage S. 321 321 Radspuren, sondern zeichenlos der Täter ganz.
Vorlage S. 321 322 Und als der erste Tageswächter uns die Tat
Vorlage S. 321 323 Wies, war es allen Wunder und Bekümmernis.
Vorlage S. 321 324 Denn jener war verschwunden; zwar nicht grabverhüllt –
Vorlage S. 321 325 Dünn, wie den Greul zu meiden nur, war Staub darauf.
Vorlage S. 321 326 Auch keines Untiers oder Hundes Spur erschien,
Vorlage S. 321 327 Der dort gekommen oder ihn herumgezerrt.
Vorlage S. 321 328 Drauf schollen Schmähungsworte gegeneinander, und
Vorlage S. 321 329 Der Wächter schalt den Wächter, und es endigte
Vorlage S. 321 330 Gewiss mit Schlägen; denn es hielt uns keiner ab.
Vorlage S. 321 331 Denn jeder war als Täter angeschuldiget,
Vorlage S. 321 332 Doch sicher niemand, weil er's auch zu wissen stritt.
Vorlage S. 321 333 Und willig wollten heißen Stahl wir fassen und
Vorlage S. 321 334 Durch Feuer durchgehn und den Göttern Eide tun,
Vorlage S. 321 335 Nicht schuld zu haben noch mit dem Mitwissenschaft,
Vorlage S. 321 336 Der solches ausgesonnen und hinausgeführt.
Vorlage S. 321 337 Doch endlich, weil uns nichts gewann des Forschens Qual,
Vorlage S. 321 338 Sprach einer, der uns allen erdewärts das Haupt
Vorlage S. 321 339 Durch Furcht daniederwandte. Denn wir hatten drauf
Vorlage S. 321 340 Ihm weder Einwurf weder sonst zu unserm Heil
Vorlage S. 321 341 Auskunft. Es lautet' aber so: Dir müsse man
Vorlage S. 321 342 Die Tat sogleich eröffnen, nicht verbergen mehr.
Vorlage S. 321 343 Und dieses siegt' auch; aber mich Unseligen
Vorlage S. 321 344 Verdammt' der Loswurf endlich zu so schönem Gut.
Vorlage S. 321 345 Unlustig, bring ich keine Lust; wohl weiß ich es.
Vorlage S. 321 346 Denn böser Botschaft Träger ist ja keinem lieb.
Vorlage S. 321 348 Fürst, ob die Gottheit etwa nicht es angeregt,
Vorlage S. 322 349 Darob beratet lange schon mein Innres sich.
Vorlage S. 322 351 Bevor mich Jähzorn ganz erfüllt, sei still, und nicht
Vorlage S. 322 352 Erzeig als Greis dich noch besinnungslos dazu.
Vorlage S. 322 353 Denn unerträglich sagst du, dass der Götter Sinn
Vorlage S. 322 354 Für diesen Leichnam Sorge noch bewahren soll.
Vorlage S. 322 355 Als Hochverdienten bargen sie verherrlichend
Vorlage S. 322 356 Wohl den, so ihren säulumringten Tempeln hier
Vorlage S. 322 357 Und ihren Weihungsschätzen Brand herangebracht
Vorlage S. 322 358 Und ihrem Schutzland und Gesetz Zertrümmerung?
Vorlage S. 322 359 Wann sahst du Bosheit ehrenwert den Göttern je?
Vorlage S. 322 360 Wohl nimmer. Aber lange mit Verdrossenheit
Vorlage S. 322 361 Dies tragend, murrten schon darum die Bürger mir,
Vorlage S. 322 362 Geheim die Häupter schüttelnd, und sie hielten nicht
Vorlage S. 322 363 Treu unterm Joch den Nacken, recht mir zugetan.
Vorlage S. 322 364 Von solchen wahrlich haben die, wohl seh ich es,
Vorlage S. 322 365 Durch Lohn verleitet, solche Freveltat verübt.
Vorlage S. 322 366 So schnöd' Erfindung ist gewiss den Menschen doch
Vorlage S. 322 367 Nie gleich dem Geld entsprossen. Dies kann Städte selbst
Vorlage S. 322 368 Ausrotten, dieses treibt den Mann vom Herd hinaus;
Vorlage S. 322 369 Dies lehret alles, dieses kehrt ganz um den Sinn
Vorlage S. 322 370 Rechtschaffner Menschen, böser Tat mit nachzustehn.
Vorlage S. 322 371 So unterwies es alle zur Durchtriebenheit,
Vorlage S. 322 372 Und Frevelhandlung jeder Art erlernen sie.
Vorlage S. 322 373 Doch welche, Lohn annehmend, dies mir ausgeübt,
Vorlage S. 322 374 Nun, die erwerben Strafe dermaleinst gewiss.
Vorlage S. 322 375 Und wenn Verehrung irgend Zeus von mir empfängt,
Vorlage S. 322 376 So wisse sicher, und ein Eid verpflichte mich,
Vorlage S. 322 377 Wofern ihr nicht aufspürend hier vor Augen mir
Vorlage S. 322 378 Der Grabbestattung Täter unverzüglich bringt,
Vorlage S. 322 379 Nicht Hades gnüg euch dann allein, bevor ihr nicht
Vorlage S. 322 380 Lebendig hangend diese Freveltat enthüllt,
Vorlage S. 322 381 Damit erlernend, wo Gewinn zu suchen sei,
Vorlage S. 322 382 Ihr mehr in Zukunft scharret und begreifet, dass
Vorlage S. 322 383 Man nicht den Vorteil überall verfolgen muss.
Vorlage S. 322 384 Aus schnöder Habsucht siehst du stets weit mehrere
Vorlage S. 322 385 Sich selber Unheil schöpfen als Erfreuliches.
Vorlage S. 322 386 WÄCHTER.
Vorlage S. 323 387 Vergönnst du noch zu reden? Oder geh ich so?
Vorlage S. 323 389 Erkennst du noch nicht, dass Verdruss dein Reden bringt?
Vorlage S. 323 390 WÄCHTER.
Vorlage S. 323 391 Und biss die Ohren oder dein Gemüt das Wort?
Vorlage S. 323 393 Wie? Untersuchst du lange, wo mich traf der Schmerz?
Vorlage S. 323 394 WÄCHTER.
Vorlage S. 323 395 Der Täter kränkte deinen Sinn, die Ohren ich.
Vorlage S. 323 397 Sieh, wie du trugvoll offenbar zu schwatzen weißt.
Vorlage S. 323 398 WÄCHTER.
Vorlage S. 323 399 Jedoch des Werkes Täter bin ich sicher nicht.
Vorlage S. 323 401 Und das, verkaufend deine Seel um Goldeslohn.
Vorlage S. 323 402 WÄCHTER.
Vorlage S. 323 404 Wie schrecklich, wer, argwöhnisch, noch das Falsche wähnt!
Vorlage S. 323 406 Sprich nur von Argwohn trügend. Wenn ihr aber nicht
Vorlage S. 323 407 Mir schafft des Frevels Täter, dann gesteht ihr noch,
Vorlage S. 323 408 Ein schnöder Vorteil ernte nur Bekümmernis.
Vorlage S. 323 409 WÄCHTER.
Vorlage S. 323 410 Ja, herzlich wünsch ich den entdeckt. Doch werd er dir
Vorlage S. 323 411 Gefangen oder nimmer, was das Glück bestimmt,
Vorlage S. 323 412 Mich siehst du niemals wieder hier zurückgekehrt.
Vorlage S. 323 413 Denn, wider mein Verhoffen und Erwarten noch
Vorlage S. 323 414 Entkommen, bring ich vielen Dank den Göttern dar.
Vorlage S. 323 415 Ab. Kreon geht in den Palast.
Vorlage S. 323 416 Erste Strophe
Vorlage S. 323 418 Vieles Gewaltge lebt, und doch
Vorlage S. 323 419 Nichts gewaltiger denn der Mensch;
Vorlage S. 323 420 Weil auf dunkele Flut der See,
Vorlage S. 323 421 Von Südstürmen umhergedrängt,
Vorlage S. 323 422 Er tritt des Wogengetoses
Vorlage S. 323 423 Empörten Schwall hindurch.
Vorlage S. 323 424 Die Erde selbst, der Götter höchste,
Vorlage S. 323 425 Nimmer zu tilgende, nie
Vorlage S. 323 426 Zu ermattende, müht er mit kreisendem Pflug,
Vorlage S. 323 Kontextbild zum Werk. Historische Illustration zu „Antigone“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · Nikiforos Lytras · Public domain Bildquelle ↗ 427 Mit der Rosse Geschlecht, von Jahr
Vorlage S. 323 428 Zu Jahr sie wendend.
Vorlage S. 323 429 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 323 430 Flüchtig gesinnter Vögel Art
Vorlage S. 323 431 Führt umstellend er leicht davon,
Vorlage S. 323 432 Auch im Walde des Wildes Volk
Vorlage S. 323 433 Und durch Meere das Seegeschlecht
Vorlage S. 323 434 In netzgesponnenen Kreisen,
Vorlage S. 324 435 Der witzbegabte Mensch;
Vorlage S. 324 436 Bezwingt auch, klug gestellt, der Waldkluft
Vorlage S. 324 437 Bergebeschreitendes Wild;
Vorlage S. 324 438 Und die mähnigen Rosse bedrücket er durch
Vorlage S. 324 439 Das umhalsende Joch und selbst
Vorlage S. 324 440 Den freien Bergstier.
Vorlage S. 324 441 Zweite Strophe
Vorlage S. 324 442 Und Red und des luftigen Sinns
Vorlage S. 324 443 Gedanken erlernet er, und
Vorlage S. 324 444 Staatlenkende Weisen, und leicht
Vorlage S. 324 445 Den unholden Frost
Vorlage S. 324 446 Regenbeladner Luftgeschoß auch zu fliehn,
Vorlage S. 324 447 Ratgeübt; ratentblößt
Vorlage S. 324 448 Betrifft ihn nimmerdar
Vorlage S. 324 449 Das Künftge. Nur Hades auch
Vorlage S. 324 450 Hat er nicht zu fliehn erlangt;
Vorlage S. 324 451 Doch harter Krankheit schwere Flucht
Vorlage S. 324 452 Ausgesonnen.
Vorlage S. 324 453 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 324 454 Mit listiger Künste Geschick
Vorlage S. 324 455 Auch über Verhoffen begabt,
Vorlage S. 324 456 Tritt bald er zum Argen und Gu-
Vorlage S. 324 457 Ten hin. Sieh, er pflegt
Vorlage S. 324 458 Des Landes Satzung und eidheilges Recht
Vorlage S. 324 459 Ehrenvoll; ehrentblößt
Vorlage S. 324 460 Sei, wer, dem Edlen nicht
Vorlage S. 324 461 Gesellt, mit Trotz Frevel übt.
Vorlage S. 324 462 Nimmerdar an meinen Herd
Vorlage S. 324 463 Gelang er noch in meinen Rat,
Vorlage S. 324 464 Tut er solches.
Vorlage S. 324 465 Ob göttergesandt mir erschein ein Gesicht,
Vorlage S. 324 466 Drob wank ich. Und kann ich es leugnen annoch,
Vorlage S. 324 467 Dass Antigone dort die Gefangene sei?
Vorlage S. 324 468 Weh, Unheilskind von dem Unheilssohn,
Vorlage S. 324 469 Weh, Ödipus' Blut, ich erblicke dich doch
Vorlage S. 325 470 Nicht unfolgsam
Vorlage S. 325 471 Den Geboten geführt des Beherrschers der Stadt
Vorlage S. 325 472 Und in törichtem Sinne befunden?
Vorlage S. 325 473 Der Wächter bringt Antigone.
Vorlage S. 325 474 WÄCHTER.
Vorlage S. 325 475 Die war es, diese, jener Tat Verüberin.
Vorlage S. 325 476 Die ward ertappt am Grabe. Doch wo blieb der Fürst?
Vorlage S. 325 477 CHOR(F.).
Vorlage S. 325 478 Rückkehrend kommt er eben recht vom Hause schon.
Vorlage S. 325 479 Kreon kommt.
Vorlage S. 325 481 Was gibt es? Was begab sich uns Erwünschtes hier?
Vorlage S. 325 482 WÄCHTER.
Vorlage S. 325 483 O Fürst, verschwören soll der Mensch sich nimmermehr,
Vorlage S. 325 484 Denn unsern Vorsatz straft die Reue spät, dieweil
Vorlage S. 325 485 Ich schwerlich jemals wieder herzukommen rief
Vorlage S. 325 486 Um deine Drohung, die mich sturmwindgleich vertrieb.
Vorlage S. 325 487 Doch – denn ein Glücksfall, welcher unverhofft erscheint,
Vorlage S. 325 488 Gleicht wohl an Umfang keiner andern Fröhlichkeit –
Vorlage S. 325 489 Ich komme, wenn ich's gleich versagt mit Eidesschwur,
Vorlage S. 325 490 Und führ die Jungfrau, die betroffen ward, das Grab
Vorlage S. 325 491 Ausschmückend. Jetzo wurde nicht das Los geschwenkt,
Vorlage S. 325 492 Und keinem andern, mir gebührt des Fundes Lohn.
Vorlage S. 325 493 Und nun, o König, wie du willst, ergreife sie
Vorlage S. 325 494 Und frag und überführe; doch ich selber mag
Vorlage S. 325 495 Mit Recht in Freiheit dieser Schreckensfurcht entgehn.
Vorlage S. 325 497 Auf welche Weise bringst du die? und wo erhascht?
Vorlage S. 325 498 WÄCHTER.
Vorlage S. 325 499 Sie hat den Mann begraben. Alles weißt du nun.
Vorlage S. 325 501 Bedenkst du alles? Sagst du das auch ganz gewiss?
Vorlage S. 325 502 WÄCHTER.
Vorlage S. 325 503 Den Toten, welchen du verbotest, sah ich die
Vorlage S. 325 504 Begraben. Sprach ich deutlich dir und sicher dies?
Vorlage S. 325 506 Wie aber ward sie dort belauscht und wie ertappt?
Vorlage S. 325 507 WÄCHTER.
Vorlage S. 325 508 Dies war der Hergang: Als ich kam zurückgeeilt,
Vorlage S. 325 509 Von deinen Drohungsreden bang hinweggeschreckt,
Vorlage S. 325 510 Und wir vom Leichnam allen aufgehäuften Staub
Vorlage S. 325 511 Gekehrt und gänzlich aufgedeckt den feuchten Leib,
Vorlage S. 325 512 Auf hohen Abhang hatten wir darauf, den Wind
Vorlage S. 325 513 Im Rücken, meidend seinen Dunst, uns hingesetzt
Vorlage S. 325 514 Und trieben oft einander durch anfahrende
Vorlage S. 326 515 Schmähreden, wenn sich einer unachtsam erwies.
Vorlage S. 326 516 So blieb es auch so lange, bis im Mittelraum
Vorlage S. 326 517 Des Äthers hellumstrahlet stand der Sonne Kreis
Vorlage S. 326 518 Und glühend brannte; da erfüllt urplötzlich Sturm,
Vorlage S. 326 519 Vom Boden wild aufwirbelnd, himmlischer Lüfte Pein,
Vorlage S. 326 520 Fürchterlich das Blachfeld, zausend ringsumher das Haar
Vorlage S. 326 521 Der Gebüsch im Tale, dass der Luftumkreis mit Staub
Vorlage S. 326 522 Sich füllt', und blinzelnd trugen wir dies Götterweh.
Vorlage S. 326 523 Und als es nachgelassen erst nach langer Zeit,
Vorlage S. 326 524 Erschien die Jungfrau, hellen, wehmutherben Laut
Vorlage S. 326 525 Des bangen Vogels jammernd, der zurückgekehrt,
Vorlage S. 326 526 Des leeren Bettes Lager sah, der Brut verwaist.
Vorlage S. 326 527 So klagte diese, weil sie nackt den Leib ersah,
Vorlage S. 326 528 Mit lautem Jammerstöhnen und verfluchte dann
Vorlage S. 326 529 Mit schweren Flüchen, wer daran ihr schuldig sei.
Vorlage S. 326 530 Und schnell mit Händen bringt sie durstgen Staub heran
Vorlage S. 326 531 Und krönt, von schöngetriebnem Erzgefäß herab
Vorlage S. 326 532 Dreifachen Ausguß spendend, die Beerdigung.
Vorlage S. 326 533 Wir aber, dies erblickend, eilten, und sie ließ
Vorlage S. 326 534 Sich bald erhaschen ohne Fassungslosigkeit.
Vorlage S. 326 535 Und jener ersten, wie der neuen Missetat
Vorlage S. 326 536 Geziehen, ward sie keiner zur Verleugnerin,
Vorlage S. 326 537 Zwar mir erfreulich, aber schmerzlich doch zugleich.
Vorlage S. 326 538 Denn aus dem Unheil freilich selbst davonzufliehn
Vorlage S. 326 539 Erfreut; den Freunden aber Weh zu schaffen auch
Vorlage S. 326 540 Bringt Schmerzen. Dennoch muss indes nach meiner Art
Vorlage S. 326 541 Das alles nachstehn meiner Wohlbehaltenheit.
Vorlage S. 326 543 Du, die zur Erde niederwärts die Stirne senkt,
Vorlage S. 326 544 Gestehest oder leugnest du das ganze Werk?
Vorlage S. 326 545 ANTIGONE.
Vorlage S. 326 546 Dies Werk gesteh ich, und ich leugn es nimmermehr.
Vorlage S. 326 548 Du wend entlassen dich davon, wohin du willst,
Vorlage S. 326 549 Befreit von dieser schweren Tat Beschuldigung.
Vorlage S. 326 550 Der Wächter ab.
Vorlage S. 326 551 Du aber sprich, nicht dehnend, sondern kurz gefasst,
Vorlage S. 326 552 War jener Ausruf dir bekannt, dies nicht zu tun?
Vorlage S. 326 553 ANTIGONE.
Vorlage S. 327 554 Bekannt. Und wie auch anders? Laut erscholl er ja.
Vorlage S. 327 556 Doch aber scheulos übertratst du dies Gesetz?
Vorlage S. 327 557 ANTIGONE.
Vorlage S. 327 558 Es war ja Zeus nicht, der den Heroldsruf gesandt,
Vorlage S. 327 559 Noch Dike, jener untern Macht Mitwohnerin,
Vorlage S. 327 560 Die solche Satzung stellten auf den Sterblichen.
Vorlage S. 327 561 Auch hielt ich niemals deinen Spruch von solcher Kraft,
Vorlage S. 327 562 Um über alle wandellos unschriftliche
Vorlage S. 327 563 Göttliche Gebote, sterblich nur, hinauszugehn.
Vorlage S. 327 564 Denn heute nicht und gestern, nein, es leben die
Vorlage S. 327 565 Ohn Ende, niemand wüsste, wann sie kamen, auch.
Vorlage S. 327 566 Für diese möcht ich nimmer, keines Sterblichen
Vorlage S. 327 567 Bedünken scheuend, bei den Göttern Züchtigung
Vorlage S. 327 568 Ausstehn. Der Tod war sicher mir; wie anders auch?
Vorlage S. 327 569 Und wenn du nichts ausriefest. Doch wenn vor der Zeit
Vorlage S. 327 570 Er nun mich hinnimmt, halt ich für Gewinn es nur.
Vorlage S. 327 571 Denn wer in mannigfaltger Not, der meinen gleich,
Vorlage S. 327 572 Lebt, wie verschaffte diesem nicht der Tod Gewinn?
Vorlage S. 327 573 So bringet mir auch dieser Schicksalsschlag gewiss
Vorlage S. 327 574 Mitnichten Schmerzen. Trüg ich das, den toten Sohn
Vorlage S. 327 575 Der eignen Mutter so bestattungslos zu sehn,
Vorlage S. 327 576 Dann müsst ich klagen; dies jedoch beklag ich nicht.
Vorlage S. 327 577 Wenn aber töricht jetzo dir mein Tun erscheint,
Vorlage S. 327 578 Mag wohl der Torheit mich ein Tor bezichtigen.
Vorlage S. 327 580 Hart will vom harten Vater sich des Mädchens Art
Vorlage S. 327 581 Erweisen; Übeln auszuweichen weiß sie nicht.
Vorlage S. 327 583 Doch wiß, es stürzet allzustarre Sinnesart
Vorlage S. 327 584 Zuerst, und immer wirst du allerhärtestes
Vorlage S. 327 585 Geglühtes Eisen, durch das Feur gekräftiget,
Vorlage S. 327 586 Zerspringen und zerbrechen grad am meisten sehn.
Vorlage S. 327 587 Doch kleiner Zügel, weiß ich, kann aufbrausende
Vorlage S. 327 588 Roßfüllen unterwerfen. Denn nicht ziemt es dem,
Vorlage S. 327 589 Zu hoch zu denken, der ein Knecht von andern ist.
Vorlage S. 327 590 Und seht, zu trotzen wusste die schon meisterlich,
Vorlage S. 327 591 Erst übertretend jenes Obrigkeitsgebot;
Vorlage S. 327 592 Und nun ist dieses, nach der Tat, der zweite Trotz,
Vorlage S. 327 593 Sich des zu rühmen und darob zu lachen noch.
Vorlage S. 327 594 Ja, wahrlich, dann ist diese Mann und ich ein Weib,
Vorlage S. 327 595 Wofern sie schmerzlos dieses Frevels Sieg erkämpft.
Vorlage S. 327 596 Nein, mag die Schwester, mag die Blutverwandteste
Vorlage S. 328 597 Aus unsers ganzen Hauses Zeus ihr Mutter sein,
Vorlage S. 328 598 Sie nebst der Mitgebornen auch entschlüpfe nie
Vorlage S. 328 599 Dem schlimmsten Schicksal. Denn es trifft Beschuldigung
Vorlage S. 328 600 Die andre gleichfalls, dass sie mit dies Grab ersann.
Vorlage S. 328 601 Und ruft sie her. Denn eben, sah ich, schweifte sie
Vorlage S. 328 602 Schon drinnen angstvoll und besinnungslos herum.
Vorlage S. 328 603 So pflegt der Trugsinn vor der Zeit sich selbst zu fahn,
Vorlage S. 328 604 Nachdem er Unrecht ausgedacht in Finsternis.
Vorlage S. 328 605 Jedoch mit Abscheu seh ich, wer, auf Übeltat
Vorlage S. 328 606 Ertappt, sie nochmals noch herauszuschmücken denkt.
Vorlage S. 328 607 ANTIGONE.
Vorlage S. 328 608 Gedenkst du mehr noch als den Tod mir anzutun?
Vorlage S. 328 610 Nichts weiter. Alles hab ich, wird mir dieses nur.
Vorlage S. 328 611 ANTIGONE.
Vorlage S. 328 612 Was also Aufschub? Denn von deinen Worten ist
Vorlage S. 328 613 Mir keins gefällig, noch gefällt mir eines je.
Vorlage S. 328 614 Und so die meinen werden dir auch nimmer lieb.
Vorlage S. 328 615 Wie konnt indes mein Name ruhmgepriesener
Vorlage S. 328 616 Je sein, als weil ich meines Leibesbruders Grab
Vorlage S. 328 617 Geschüttet? Wie auch diesen hier es wohl gefällt,
Vorlage S. 328 618 Vernähmst du, schlösse nicht die Furcht die Zungen ein.
Vorlage S. 328 619 Nur hat die Herrschaft anders viel Erfreuliches
Vorlage S. 328 620 Und auch der Wort und Taten Ungezwungenheit.
Vorlage S. 328 622 Du siehest einzig dieses im Kadmeervolk.
Vorlage S. 328 623 ANTIGONE.
Vorlage S. 328 624 Ein jeder sieht es, aber schmiegt vor dir den Mund.
Vorlage S. 328 626 Und fühlst du Scham nicht, andren Sinns denn die zu sein?
Vorlage S. 328 627 ANTIGONE.
Vorlage S. 328 628 Nicht schändlich ehrt man teure Blutsgenossenschaft.
Vorlage S. 328 630 War's nicht ein Blutsfreund, welcher gegenüber fiel?
Vorlage S. 328 631 ANTIGONE.
Vorlage S. 328 632 Blutsfreund, vom Vater wie der Mutter gleich erzeugt.
Vorlage S. 328 634 Wie hegst du dem zum Greuel denn die andre Gunst?
Vorlage S. 328 635 ANTIGONE.
Vorlage S. 328 636 Kein solches Urteil gibt gewiss der Tote selbst.
Vorlage S. 328 638 Nicht? Wenn den Abscheuwerten ihm du gleich verehrst?
Vorlage S. 328 639 ANTIGONE.
Vorlage S. 328 640 Kein Knecht ja war es; nein, es starb mein Bruder mir.
Vorlage S. 328 642 Das Land verwüstend, aber der verteidigend.
Vorlage S. 328 643 ANTIGONE.
Vorlage S. 328 644 Und Hades dennoch heischt der gleichen Pflicht Gebühr.
Vorlage S. 328 646 Doch nicht mit Schlechten Gleiches will der Treffliche.
Vorlage S. 328 647 ANTIGONE.
Vorlage S. 328 648 Wer weiß, ob unten dieses so geheiligt ist?
Vorlage S. 328 650 Der Feind ist niemals, auch im Tode nicht, geliebt.
Vorlage S. 329 651 ANTIGONE.
Vorlage S. 329 652 Mitfeindin war ich nimmer, nur Mitliebende.
Vorlage S. 329 654 Hinabgesendet liebe, wenn du lieben musst,
Vorlage S. 329 655 Die dort. Im Leben aber zwingt mich nie ein Weib!
Vorlage S. 329 656 CHOR(FÜHRER).
Vorlage S. 329 657 Dort naht von dem Tor auch Ismene daher,
Vorlage S. 329 658 Und der Schwester vergießt sie bekümmertes Nass;
Vorlage S. 329 659 Es entstellt ein Gewölk, um die Brauen gehüllt,
Vorlage S. 329 660 Ihr frisches Gesicht
Vorlage S. 329 661 Und benetzt holdselige Wangen.
Vorlage S. 329 662 Ismene kommt.
Vorlage S. 329 664 Du, welch, im Hause lauernd in Verborgenheit,
Vorlage S. 329 665 Mich Nattern gleich aussogest, der unwissentlich
Vorlage S. 329 666 Zwei Plagen aufzog und des Throns zwiefältgen Sturz:
Vorlage S. 329 667 Auf, red heraus nun; sagst du auch, an diesem Grab
Vorlage S. 329 668 Anteil zu haben, oder schwörst Unwissenheit?
Vorlage S. 329 670 Die Tat beging ich, stimmet nur die Schwester ein,
Vorlage S. 329 671 Und trage gleichfalls und verdiente mit die Schuld.
Vorlage S. 329 672 ANTIGONE.
Vorlage S. 329 673 Nein, dies gestattet nimmer dir das Recht, dieweil
Vorlage S. 329 674 Du weder wolltest weder ich dir Teil verlieh.
Vorlage S. 329 676 In deinem Unfall aber bin ich unbeschämt
Vorlage S. 329 677 Dir Fahrtgenossin durch der Not Gefährlichkeit.
Vorlage S. 329 678 ANTIGONE.
Vorlage S. 329 679 Wer's übte, zeugen Hades und die Unteren,
Vorlage S. 329 680 Doch wer mit Worten liebet, ist mir nie geliebt.
Vorlage S. 329 682 Nicht wolle, Mitgeborne, mich verschmähn, mit dir
Vorlage S. 329 683 Zu sterben und den Toten mit zu heiligen.
Vorlage S. 329 684 ANTIGONE.
Vorlage S. 329 685 Nicht stirb mit mir zusammen; nenn auch nimmer, was
Vorlage S. 329 686 Du nie berührt, das Deine nun. Mein Tod genügt.
Vorlage S. 329 688 Welch Leben bleibt mir, wenn ich dich verlor, geliebt?
Vorlage S. 329 689 ANTIGONE.
Vorlage S. 329 690 Hier, frage Kreon! Diesen nur beachtest du.
Vorlage S. 329 692 Was sagst du nutzlos solche Kränkungsworte mir?
Vorlage S. 329 693 ANTIGONE.
Vorlage S. 329 694 Schmerzvoller Hohn mir ist es, der dich jetzt verhöhnt.
Vorlage S. 329 696 Was mag ich anders aber dir zum Nutzen tun?
Vorlage S. 329 697 ANTIGONE.
Vorlage S. 329 698 Dich selbst errette. Dein Entfliehn beneid ich nicht.
Vorlage S. 329 700 O weh der Leiden! Dein Geschick entziehst du mir?
Vorlage S. 329 701 ANTIGONE.
Vorlage S. 329 702 Du suchtest nur das Leben, ich den Tod allein.
Vorlage S. 329 704 Doch meine Worte blieben nicht dir ungesagt.
Vorlage S. 329 705 ANTIGONE.
Vorlage S. 330 706 Gut sprachst du freilich. Aber mir schien dieses recht.
Vorlage S. 330 708 Und gleichen Fehltritt teilen wir ja beide nun.
Vorlage S. 330 709 ANTIGONE.
Vorlage S. 330 710 Mut! Du ja lebest, meine Seel ist aber längst
Vorlage S. 330 711 Gestorben, hilfreich unsern Toten nur zu sein.
Vorlage S. 330 713 Der Mädchen wahrlich zeiget die jetzt eben sich
Vorlage S. 330 714 Sinnlos und jene, seit sie nur geboren ward.
Vorlage S. 330 716 Selbst da, o König, wo Verstand entsproß, verbleibt
Vorlage S. 330 717 Er nicht den Unglückselgen; Not zerrüttet ihn.
Vorlage S. 330 719 Dir freilich, welche böses Los mit Bösen wählt!
Vorlage S. 330 721 Wie bleibt das Leben ohne sie mir lebenswert?
Vorlage S. 330 723 Nur sage »sie« nicht ferner. Denn nicht ist sie mehr.
Vorlage S. 330 725 Dem eignen Sprößling mordest du die Ehe denn?
Vorlage S. 330 727 Auch andrer Fluren bleiben ihm beackerbar.
Vorlage S. 330 729 Nicht gleich erfreulich, wie es ihm und dieser ist.
Vorlage S. 330 731 Ein schnödes Ehweib hass ich stets für meinen Sohn.
Vorlage S. 330 733 O teurer Haimon, wie verhöhnt dein Vater dich!
Vorlage S. 330 735 Unleidlich bist du selber und dein Ehebund.
Vorlage S. 330 737 Sie raubst du also deinem eignen Blut dahin?
Vorlage S. 330 739 Zu hemmen diesen Ehebund ist Hades da.
Vorlage S. 330 741 Unwiderruflich, scheint es, steht ihr Untergang.
Vorlage S. 330 743 Ja, dir und mir auch. Kein Verzug denn, sondern führt
Vorlage S. 330 744 Hinein sie eilig, Sklaven, und ihr lasset mir
Vorlage S. 330 745 Nicht mehr die Weiber unbewacht von dannen gehn!
Vorlage S. 330 746 Denn auch die Trotzgen fliehen gern, sobald sie erst
Vorlage S. 330 747 Sehn, dass dem Hades nahe tritt ihr Lebensziel.
Vorlage S. 330 748 Antigone und Ismene werden in den Palast geführt.
Vorlage S. 330 749 Erste Strophe
Vorlage S. 330 751 Glückselige, deren Geschick
Vorlage S. 330 752 Nie Weh gekostet! Welcher Haus
Vorlage S. 330 753 Je Götter erschütterten, niemals
Vorlage S. 330 754 Lässet Fluch die los, von Geschlecht
Vorlage S. 330 755 Zu Geschlechte wandelnd;
Vorlage S. 330 756 Gleichwie der Salzgewässer Wogenflut,
Vorlage S. 330 757 Schwellend, wann der Thrakerhauch
Vorlage S. 330 758 Mächtig das verborgenste Meeresdunkel herausgewühlt,
Vorlage S. 330 759 Empor nachtschwarzen Sand des Abgrunds
Vorlage S. 330 760 Wirbelt und im Sturmgestöhn
Vorlage S. 330 761 Die flutgeschlagnen Küsten dumpf erbrüllen.
Vorlage S. 331 762 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 331 763 Uralt in der Labdaker Haus
Vorlage S. 331 764 Erblick ich Leid, ohn Ende stets
Vorlage S. 331 765 Der Erloschenen Leiden verfolgend;
Vorlage S. 331 766 Nimmerdar auch löst ein Geschlecht
Vorlage S. 331 767 Das Geschlecht. Hinabwirft
Vorlage S. 331 768 Sie stets ein Gott, der keine Sühne kennt.
Vorlage S. 331 769 Denn der letzten Wurzel nun
Vorlage S. 331 770 Schimmerte beglückteres Licht im Hause des Ödipus,
Vorlage S. 331 771 Und nun mäht diese selbst der blutgen
Vorlage S. 331 772 Untergötter Schärfe noch,
Vorlage S. 331 773 Des Rates Unsinn und der Seel Erinnys.
Vorlage S. 331 774 Zweite Strophe
Vorlage S. 331 775 Wer mag deine Gewalt, o Zeus, denn
Vorlage S. 331 776 Mit frevelem Mut bezwingen?
Vorlage S. 331 777 Die nimmer der Schlaf fahet, der Allveralter,
Vorlage S. 331 778 Weder der Götter stete
Vorlage S. 331 779 Monden? Und niemals in der Zeit gealtert,
Vorlage S. 331 780 In Olympos' hellem,
Vorlage S. 331 781 Schimmerndem Strahle wohnst du.
Vorlage S. 331 782 Und vergangen und künftig bleibet
Vorlage S. 331 783 Und ewiglich wandellos
Vorlage S. 331 784 Solches Gesetz; es fließet
Vorlage S. 331 785 Den Sterblichen nichts Reichliches sonder Unheil.
Vorlage S. 331 786 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 331 787 Denn vielschweifend gebiert die Hoffnung
Vorlage S. 331 788 Zwar vielen der Menschen Stärkung,
Vorlage S. 331 789 Doch vielen der leichtsinngen Begier Verblendnis,
Vorlage S. 331 790 Nahend dem Unbewussten,
Vorlage S. 331 791 Ehe der Brandglut er den Fuß hinansetzt.
Vorlage S. 331 792 Es erscholl mit Weisheit
Vorlage S. 331 793 Drum ein gepriesner Ausspruch:
Vorlage S. 331 794 Es bedünke schön das Arge
Vorlage S. 331 795 Wohl jeglichem, dem ein Gott
Vorlage S. 332 796 Wende den Mut zum Unheil,
Vorlage S. 332 797 Und wenige Zeit wandelt er sonder Unheil.
Vorlage S. 332 798 (CHORFÜHRER.)
Vorlage S. 332 799 Und Haimon erscheint, der in deinem Geschlecht
Vorlage S. 332 800 Dir zuletzt aufsproß; wohl kummergebeugt
Vorlage S. 332 801 Um Antigones Los,
Vorlage S. 332 802 Der Gespielin und Braut, eilt dieser daher,
Vorlage S. 332 803 Um des Bettes Betrug in Betrübnis?
Vorlage S. 332 804 Haimon tritt auf.
Vorlage S. 332 806 Bald wissen besser dieses wir als Seher selbst. –
Vorlage S. 332 807 O Sohn, du kommst doch, weil das Endurteil der Braut
Vorlage S. 332 808 Du schon vernahmest, nicht empört dem Vater her?
Vorlage S. 332 809 Und was geschehn sei, bleiben wir dir immer lieb?
Vorlage S. 332 811 Dein, Vater, bin ich. Immer richtest du mich ja
Vorlage S. 332 812 Mit weiser Leitung, und ich folg unweigerlich.
Vorlage S. 332 813 Auch keiner Heirat dürfte je bei mir gewiss
Vorlage S. 332 814 Mit Rechte nachstehn deines Rats Vortrefflichkeit.
Vorlage S. 332 816 So grade, Söhnlein, muss die Brust bestellet sein
Vorlage S. 332 817 Und allem vorgehn deines Vaters Ratbeschluß.
Vorlage S. 332 818 Deshalb ja beten Männer stets, Nachkommen sich
Vorlage S. 332 819 Folgsamer Sinnart ihren Häusern aufzuziehn,
Vorlage S. 332 820 Damit vergeltend Böses sie dem Feinde tun,
Vorlage S. 332 821 Jedoch den Freund hoch ehren gleich dem Vater selbst.
Vorlage S. 332 822 Wer aber undankbare Kinder ausgesät,
Vorlage S. 332 823 Was meinst du, hat der anders als sich selber Not
Vorlage S. 332 824 Gebaut, den Feinden aber viel Gelächter noch?
Vorlage S. 332 825 Drum stoße niemals weisen Sinn aus Üppigkeit,
Vorlage S. 332 826 Des Weibes halben aus, o Sohn, bedenkend, dass
Vorlage S. 332 827 Nur kaltes Liebumfangen du erwarten musst,
Vorlage S. 332 828 Der schlechten Hausfrau beigesellt. Wie möchte je
Vorlage S. 332 829 Dich schlimmre Wunde quälen als ein böser Freund?
Vorlage S. 332 830 Drum lass mit Abscheu solche widerwärtige
Vorlage S. 332 831 Jungfrau zum Hades, eines andern Weib zu sein.
Vorlage S. 332 832 Denn weil ich die nur aus der ganzen Stadt allein
Vorlage S. 332 833 Mir ungehorsam eben offenbar befand,
Vorlage S. 332 834 So werd ich Lügner nimmer vor der Stadt und will
Vorlage S. 333 835 Sie töten. Mag sie aller Sippschaftsbande Zeus
Vorlage S. 333 836 Dann immer rufen. Denn erwächst mein eignes Blut
Vorlage S. 333 837 Unbändig, wieviel mehr das Unverwandte dann?
Vorlage S. 333 838 Denn wer sich rechtlich seiner Hausgenossenschaft
Vorlage S. 333 839 Nur zeigt, die Stadt auch siehet den gewiss gerecht;
Vorlage S. 333 840 Doch wer gewaltsam so Gesetz entheiliget
Vorlage S. 333 841 Wie seinen Oberherren vorzuschreiben denkt,
Vorlage S. 333 842 Der möchte niemals einges Lob von mir empfahn.
Vorlage S. 333 843 Nein, wen die Stadt einsetzte, dem gehorche man,
Vorlage S. 333 844 In Kleinem und Gerechtem und dem Gegenteil.
Vorlage S. 333 845 Und solchem Mann auch traut ich nur voll Zuversicht,
Vorlage S. 333 846 Gut werd er herrschen und beherrscht gern folgen auch
Vorlage S. 333 847 Und stets in Speeresstürmen unerschütterlich
Vorlage S. 333 848 Ausharren, treulich seinen Platz verteidigend.
Vorlage S. 333 849 Kein Übel gleicht ja wilder Ordnungslosigkeit;
Vorlage S. 333 850 Die stürzet oftmal Städte, die verödet oft
Vorlage S. 333 851 Der Menschen Häuser, diese pflegt im Speereskampf
Vorlage S. 333 Kontextbild zum Werk. Historische Illustration zu „Antigone“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · Jean-Joseph Benjamin-Constant · Public domain Bildquelle ↗ 852 Zur Flucht hinauszubrechen; doch Geordneten
Vorlage S. 333 853 Bewahrt die Leiber sicher Unterwürfigkeit.
Vorlage S. 333 854 So müssen wir beschützen die Ergebenheit
Vorlage S. 333 855 Und nimmer weichen vor des Weibes Übermacht.
Vorlage S. 333 856 Denn wenn es sein muss, stürz ein Mann uns lieber hin;
Vorlage S. 333 857 Nur heiß es niemals, dass ein Weib uns unterwarf.
Vorlage S. 333 859 Uns, wenn ein hohes Alter uns nicht irreführt,
Vorlage S. 333 860 Scheint sehr verständig, was du sagtest, vorgestellt.
Vorlage S. 333 862 Die Götter, Vater, pflanzen Sinn den Menschen ein
Vorlage S. 333 863 Als aller Gaben, die es gibt, vortrefflichste.
Vorlage S. 333 864 Dass du gewiss auch recht und gut dies alles sagst,
Vorlage S. 333 865 Nicht abzuleugnen weiß ich und vermag ich das.
Vorlage S. 333 866 Doch auch ein andrer träfe wohl, was gut erscheint.
Vorlage S. 333 867 Für dich geziemt nun immer mir zu spähen, was
Vorlage S. 333 868 Man spricht und handelt oder dir zu tadeln hat.
Vorlage S. 333 869 Dein Auge schreckt wohl jeden Bürgersmann zurück,
Vorlage S. 333 870 Solch Wort zu reden, welches nicht dein Ohr erfreut.
Vorlage S. 333 871 Ich aber hör im Dunkel leicht auch solcherlei:
Vorlage S. 333 872 Wie diese Jungfrau von der Stadt bejammert wird,
Vorlage S. 333 873 Dass sie, der Weiber allerunverdienteste,
Vorlage S. 334 874 Am schlimmsten hinfällt für das nachruhmwertste Werk,
Vorlage S. 334 875 Die so den Miterzeugten, der in Mordgewalt
Vorlage S. 334 876 Hinstürzte, grablos nimmer ließ zerfleischen von
Vorlage S. 334 877 Rohfräßgen Hunden oder vom Gevögelschwarm:
Vorlage S. 334 878 »Hat goldnen Ruhmglanz diese nicht gewiss verdient?«
Vorlage S. 334 879 Ein solches Urteil wandelt still und dunkel um.
Vorlage S. 334 880 Mir aber, wenn es, Vater, dir nur wohlergeht,
Vorlage S. 334 881 Ist kein Besitztum irgend achtungswürdiger.
Vorlage S. 334 882 Was ist den Kindern, wenn im Glück der Vater blüht,
Vorlage S. 334 883 Dann schönre Lust auch, und dem Vater, wenn das Kind?
Vorlage S. 334 884 Nur solche Denkart hege nun auch nicht in dir,
Vorlage S. 334 885 Was du gesagt, nichts andres, sei nur wohl bedacht.
Vorlage S. 334 886 Denn wer allein und einzig weise glaubt zu sein
Vorlage S. 334 887 An Reden wie kein andrer und an klugem Sinn,
Vorlage S. 334 888 Die haben, aufgefaltet, oft sich leer gezeigt.
Vorlage S. 334 889 Nein, keinem Mann ist, wär er noch so weise, viel
Vorlage S. 334 890 Zu lernen schändlich oder nicht zu starr zu sein.
Vorlage S. 334 891 Denn sieh, am herbstgeschwollnen Waldungsstrom, soviel
Vorlage S. 334 892 Der Bäume nachgibt, unverletzt an Zweigen stehn,
Vorlage S. 334 893 Doch was sich anstemmt, grundheraus dahingerafft,
Vorlage S. 334 894 So wie des Schiffs Gebieter, der den Segeltau
Vorlage S. 334 895 Anspannt und nicht nachlässet, umgestürzt, empor-
Vorlage S. 334 896 Gekehrt die Seiten fernerhin von dannen schifft.
Vorlage S. 334 897 Drum weich im Unmut und verleih Nachgiebigkeit.
Vorlage S. 334 898 Denn wenn in mir auch, zwar dem Jüngern, kluger Sinn
Vorlage S. 334 899 Je wohnet, halt ich immer vorzugswert gewiss,
Vorlage S. 334 900 Wem alle Weisheit selber angeboren ward;
Vorlage S. 334 901 Wo nicht – und dieses pflegt ja nimmer so zu gehn –,
Vorlage S. 334 902 So ziemt von dem zu lernen, der verständig spricht.
Vorlage S. 334 904 O Herrscher, billig lernst du, was er treffend sagt,
Vorlage S. 334 905 Und du von diesem. Weise spracht ihr beide ja.
Vorlage S. 334 907 Uns so Bejahrte käme denn Verstand annoch
Vorlage S. 334 908 Ein Mann von solchen Jahren schon zu lehren her?
Vorlage S. 334 910 Niemals im Ungerechten. Bin ich jung indes,
Vorlage S. 334 911 So musst du mehr die Sache denn die Jahre schaun.
Vorlage S. 334 913 Ist unsre Sache, Widerspenstgen Ruhm zu leihn?
Vorlage S. 335 915 Ich fordre niemals heilgen Ruhm dem schlechten Mann.
Vorlage S. 335 917 Riss aber Unsinn dieser Art nicht die dahin?
Vorlage S. 335 919 Nicht meinet Thebes vaterstädtisch Volk es so.
Vorlage S. 335 921 So soll die Stadt mir sagen, was ich ordnen soll?
Vorlage S. 335 923 Erkennst du, wie du dieses allzu jung gesagt?
Vorlage S. 335 925 Hat anders jemand oder ich des Landes Macht?
Vorlage S. 335 927 Nicht wäre Stadt mehr, welche nur ein Mann besitzt.
Vorlage S. 335 929 Wird nicht des Herrschers Eigentum die Stadt geschätzt?
Vorlage S. 335 931 Gut. Froh beherrsche dann allein das öde Land.
Vorlage S. 335 933 Er kämpft im Bunde, scheint es, mit dem Weibe gar.
Vorlage S. 335 935 Wenn du ein Weib bist; denn ich sorg um dich allein.
Vorlage S. 335 937 O schlechtes Kind, mit deinem Vater rechtest du?
Vorlage S. 335 939 Nur weil ich unrecht eben dich verirren sah.
Vorlage S. 335 941 Verirr ich also, ehrend nur mein Königtum?
Vorlage S. 335 943 Nicht ehrst du dieses, trittst du hin der Götter Recht.
Vorlage S. 335 945 O schnöde Denkart, welche schwach dem Weibe weicht!
Vorlage S. 335 947 Doch nie den Schlechten unterworfen triffst du mich.
Vorlage S. 335 949 Doch deine Rede war allein für jene nur.
Vorlage S. 335 951 Für dich und mich auch und die untern Götter selbst.
Vorlage S. 335 953 Nie soll lebendig diese dir zu freien sein.
Vorlage S. 335 955 So wird sie sterben und vertilgt im Sterben wen.
Vorlage S. 335 957 Zu solcher Drohung brichst du achtungslos heraus?
Vorlage S. 335 959 Was ist die Drohung, die zu leerem Sinn ergeht?
Vorlage S. 335 961 Mit Tränen wirst du meistern, selbst an Sinne leer.
Vorlage S. 335 963 Unsinnig schält' ich, wärst du nicht mein Vater, dich.
Vorlage S. 335 965 O Weibersklave, nicht beschwatz ohn Ende mich.
Vorlage S. 335 967 Nur sprechen willst du, hören nicht der andern Wort?
Vorlage S. 335 969 Wahrhaftig? Niemals, beim Olympos wisse dies,
Vorlage S. 335 970 Zu deinem Glücke fährst du mich verhöhnend an.
Vorlage S. 335 971 Führt hin den Abscheu; mag sie gleich vor Augen ihm,
Vorlage S. 335 972 In ihres Bräutgams Gegenwart zum Tode gehn!
Vorlage S. 335 974 Mitnichten wahrlich, glaube das doch nimmermehr,
Vorlage S. 335 975 Stirbt dies' in meiner Gegenwart; und nimmer soll
Vorlage S. 335 976 Dein Aug in Zukunft dieses Haupt je wiederschaun.
Vorlage S. 335 977 Vor Freunden, welche gern es dulden, rase dann!
Vorlage S. 335 980 Der Mann, o Fürst, enteilet aufgebracht dahin.
Vorlage S. 336 981 Schwer wird von Unglück solcher Jünglingssinn empört.
Vorlage S. 336 983 Er sinn, er tu enteilend Übermenschliches;
Vorlage S. 336 984 Doch diese Jungfraun soll er nicht dem Fall entziehn!
Vorlage S. 336 986 Und hast du beiden gleiches Todeslos bestimmt?
Vorlage S. 336 988 Nicht der, so nicht gefrevelt. Wohl erinnerst du.
Vorlage S. 336 990 Und jener hast du welche Todesart erdacht?
Vorlage S. 336 992 Fern, wo nur einsam Menschentritt erschallet, soll
Vorlage S. 336 993 Ein Felsenabgrund bergen die Lebendige;
Vorlage S. 336 994 Und wenig Speis empfängt sie, nur den Greul zu fliehn,
Vorlage S. 336 995 Dass vor Befleckung unsre Stadt verwahret sei.
Vorlage S. 336 996 Dort mag vom Hades, welchen Gott sie einzig ehrt,
Vorlage S. 336 997 Sie dann Befreiung etwa sich vom Tod erflehn;
Vorlage S. 336 998 Vielleicht indessen endlich auch einsehn, bemüht
Vorlage S. 336 999 Sei immer fruchtlos, wer verehrt, was Hades hält.
Vorlage S. 336 1001 Erste Strophe
Vorlage S. 336 1003 O Eros, allsiegender Gott!
Vorlage S. 336 1004 O Eros, Aufstürmer der Herden!
Vorlage S. 336 1005 Der nächtlich der zarten Jungfrau
Vorlage S. 336 1006 Holdselige Wangen einnimmt
Vorlage S. 336 1007 Und schweift in Meergründen und durch
Vorlage S. 336 1008 Wildeste Waldhöhlung;
Vorlage S. 336 1009 Kein unsterblicher Gott
Vorlage S. 336 1010 Entweichet dir jemals,
Vorlage S. 336 1011 Noch unseres Taggeschlechts ein Mensch;
Vorlage S. 336 1012 Und ergriffen, rast er!
Vorlage S. 336 1013 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 336 1014 Du zeuchst in Untaten dahin
Vorlage S. 336 1015 Gerechter rechtlose Gelüste.
Vorlage S. 336 1016 Auch diesen verwandten Zwist hier
Vorlage S. 336 1017 Der Männer empörtest du nur.
Vorlage S. 336 1018 Zum Bett der lustreizenden Braut
Vorlage S. 336 1019 Sieget des Blicks offne
Vorlage S. 336 1020 Sehnsucht, welche dem Rat
Vorlage S. 336 1021 Der höchsten Gesetze
Vorlage S. 336 1022 Beithront; und es spielt uns kampflos mit
Vorlage S. 337 1023 Aphrodites Gottheit.
Vorlage S. 337 1024 Antigone wird hergeführt.
Vorlage S. 337 1025 (CHORFÜHRER.)
Vorlage S. 337 1026 Doch weit führt schon dies Anschaun hier
Vorlage S. 337 1027 Selbst über Gesetz mich hinaus; nicht mehr
Vorlage S. 337 1028 Halt ich den Quellstrom mir der Tränen zurück,
Vorlage S. 337 1029 Anschauend, wie schon zu dem Grabesgemach
Vorlage S. 337 1030 Unsäumig Antigone forteilt.
Vorlage S. 337 1031 Zweite Strophe
Vorlage S. 337 1032 ANTIGONE.
Vorlage S. 337 1033 O seht mich hier, Bürger der Vaterlandschaft,
Vorlage S. 337 1034 Schleunig den letzten Gang
Vorlage S. 337 1035 Dahingehn und den letzten Schimmer
Vorlage S. 337 1036 Anschaun des sonnigen Strahls
Vorlage S. 337 1037 Heut auf ewig. Lebend entführt Hades'
Vorlage S. 337 1038 Alleinhüllender Gott
Vorlage S. 337 1039 Acherons Ufern
Vorlage S. 337 1040 Mich zu, nie der Vermählung
Vorlage S. 337 1041 Erfreut und nimmer im Feiergesang
Vorlage S. 337 1042 Bräutlicher Reigen
Vorlage S. 337 1043 Erhöht; in Acherons Brautgemach wandl ich!
Vorlage S. 337 1045 Doch ruhmvoll nun und mit Lobe geziert
Vorlage S. 337 1046 Eilest du dorthin zu der Toten Verschluss,
Vorlage S. 337 1047 Nicht schwindend zernagt von der Krankheit Pein,
Vorlage S. 337 1048 Nicht erntend das Schwert zu vergeltendem Lohn;
Vorlage S. 337 1049 Nach eignem Gesetz, von den Menschen allein,
Vorlage S. 337 1050 Wirst lebend zu Hades du hingehn.
Vorlage S. 337 1051 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 337 1052 ANTIGONE.
Vorlage S. 337 1053 Die Fremde sank jammerbehäuft, vernahm ich,
Vorlage S. 337 1054 Tantalos' phrygisch Blut,
Vorlage S. 337 1055 Die auf Sipylos' Felsenabhang,
Vorlage S. 337 1056 Gleich Efeuranken, des Steins
Vorlage S. 337 1057 Harter Wuchs anhaftend bezwang; welche
Vorlage S. 337 1058 Rastlos Regen verzehrt,
Vorlage S. 337 1059 Lautet die Sag uns,
Vorlage S. 338 1060 Und Schnee nimmer entblößet;
Vorlage S. 338 1061 Den Hals auch badet ihr tränengedrängt
Vorlage S. 338 1062 Immer die Wimper:
Vorlage S. 338 1063 Der ähnlich bettet auch mich ein Graunschicksal!
Vorlage S. 338 1065 Doch die war Göttin und göttergezeugt –
Vorlage S. 338 1066 Wir Sterbliche nur und von Menschengeblüt.
Vorlage S. 338 1067 Drum bleibet im Tod ruhmwürdig, ein Los
Vorlage S. 338 1068 Gleich göttlicher Art zu empfangen.
Vorlage S. 338 1069 Dritte Strophe
Vorlage S. 338 1070 ANTIGONE.
Vorlage S. 338 1071 O weh! Du lachst meiner! Warum,
Vorlage S. 338 1072 Ihr Vatergötter,
Vorlage S. 338 1073 Verhöhnst du im Licht des Tages,
Vorlage S. 338 1074 Eh ich versank, mich?
Vorlage S. 338 1075 Stadt und der Stadt, auch ihr,
Vorlage S. 338 1076 Besitzfroheste Männer!
Vorlage S. 338 1077 O ihr, Quellströme Dirkes!
Vorlage S. 338 1078 Du, wettfahrtprangender Thebe Lusthain!
Vorlage S. 338 1079 Als Zeugende ruf ich rings alles,
Vorlage S. 338 1080 Wie unbeweint, nach welchem Urteil,
Vorlage S. 338 1081 Ich nun zum grabgehöhlten Kerker
Vorlage S. 338 1082 Niedersteig in unerhörte Gruft!
Vorlage S. 338 1083 O weh, Unselge!
Vorlage S. 338 1084 Nicht bei den Toten, nicht Lebendgen,
Vorlage S. 338 1085 Noch unter Menschen noch unter Leichen!
Vorlage S. 338 1087 Zum Ziel des kühnsten Mutes auf,
Vorlage S. 338 1088 Zu Dikes Thron emporgedrängt,
Vorlage S. 338 1089 Gewaltig stießest du an, o Kind.
Vorlage S. 338 1090 Du büßest wohl des Vaters Streit aus!
Vorlage S. 338 1091 Dritte Gegenstrophe
Vorlage S. 338 1092 ANTIGONE.
Vorlage S. 338 1093 Du rührst die leidvolleste Qual,
Vorlage S. 338 1094 Des Vaters dreifach
Vorlage S. 338 1095 Weltkundiges Jammerschicksal
Vorlage S. 338 1096 Wie das gesamte
Vorlage S. 339 1097 Los, so den hohen Stamm
Vorlage S. 339 1098 Zerschlug Labdakos' Kindern!
Vorlage S. 339 1099 O trugvoll Mutterehbett!
Vorlage S. 339 1100 O weh, gleichblütiger Saat Umarmung,
Vorlage S. 339 1101 Dem Vater der Mutter Greulliebe!
Vorlage S. 339 1102 Von welchen ich zu schwerer Schickung
Vorlage S. 339 1103 Entsproß und welchen verflucht und ehlos
Vorlage S. 339 1104 Alsobald ich werde beigesellt.
Vorlage S. 339 1105 Oh, unheilvollem
Vorlage S. 339 1106 Ehbund, Bruder, auch du verbunden,
Vorlage S. 339 1107 Du Toter tilgst nun auch mich Lebendge!
Vorlage S. 339 1109 Wohl heilig Toter Heiligung;
Vorlage S. 339 1110 Doch dessen Macht, dem Macht gebührt,
Vorlage S. 339 1111 Zu übertreten geziemet nicht.
Vorlage S. 339 1112 Dich aber stürzt bewußter Zorntrieb.
Vorlage S. 339 1114 ANTIGONE.
Vorlage S. 339 1115 Unbeweinet, ungeliebt, unvermählet,
Vorlage S. 339 1116 Tret ich Leidvolle geführt
Vorlage S. 339 1117 An den schon fertgen Weg.
Vorlage S. 339 1118 Nimmer auch bleibet zu schaun mir der Fackel des Himmels
Vorlage S. 339 1119 Heiliges Aug. Ich Arme!
Vorlage S. 339 1120 Mein verlassenes Sterben aber
Vorlage S. 339 1121 Beseufzt der Freunde niemand!
Vorlage S. 339 1122 Kreon kommt aus dem Palast.
Vorlage S. 339 1124 O glaubt, das Wehschrein und die Klagelieder stillt'
Vorlage S. 339 1125 Kein Mensch am Todesrande, wenn das Reden hilft.
Vorlage S. 339 1126 Drum, wollt ihr eilen, diese mit umschattendem
Vorlage S. 339 1127 Grabdunkel einzuhüllen, wie geboten ward?
Vorlage S. 339 1128 Dann geht, und einsam lasst sie, mag sie sterben nun
Vorlage S. 339 1129 Und lebend auch bewohnen dort ihr Grabeshaus.
Vorlage S. 339 1130 Denn dieser Jungfrau wegen sind wir fleckenlos.
Vorlage S. 339 1131 Ihr aber mangle dieser Welt Genossenschaft!
Vorlage S. 339 1132 ANTIGONE.
Vorlage S. 339 1133 O Grab und Hochzeitskammer und gewölbetes
Vorlage S. 339 1134 Wohndach, befreiungsloses, wo hinab ich nun
Vorlage S. 339 1135 Den Meinen folge, deren allergrößte Zahl
Vorlage S. 340 1136 Schon Persephassas Totenreich daniederzog,
Vorlage S. 340 1137 Wovon zuletzt ich selbst am allerschrecklichsten
Vorlage S. 340 1138 Hinuntersteige vor des Lebensloses Ziel.
Vorlage S. 340 1139 Doch kommend, heg ich solchen Hoffnungstrost gewiss,
Vorlage S. 340 1140 Dem Vater lieb zu kommen und auch dir geliebt,
Vorlage S. 340 1141 O Mutter, dir auch teuer, mitgebornes Haupt!
Vorlage S. 340 1142 Weil euch, die Hingestorbnen, ich mit meiner Hand
Vorlage S. 340 1143 Gewaschen, ausgezieret, Opferspendenguß
Vorlage S. 340 1144 Euch zugetragen. Aber nun, Polyneikes, so
Vorlage S. 340 1145 Auch deinen Leichnam weihend, ernt ich solchen Lohn.
Vorlage S. 340 1146 Doch tat ich recht, dich ehrend, bei Verständigen.
Vorlage S. 340 1147 Denn wahrlich niemals, hätt ich Kinder selbst erzeugt
Vorlage S. 340 1148 Noch wär ein Ehmann sterbend mir dahingewelkt,
Vorlage S. 340 1149 Ergriff der Stadt zuwider ich so kühnes Werk.
Vorlage S. 340 1150 Und welch Gesetz befolgend sprech ich solches Wort?
Vorlage S. 340 1151 Mir würd ein andrer Ehemann, wenn dieser fiel,
Vorlage S. 340 1152 Und auch vom andern Mann ein Kind, verlor ich dies;
Vorlage S. 340 1153 Doch weil mir Vater und Mutter birgt des Hades Nacht,
Vorlage S. 340 1154 Entsprießt ja niemals wiederum ein Bruder mir.
Vorlage S. 340 1155 Und weil ich deshalb mit Bestattungsehren dich
Vorlage S. 340 1156 Erhob, benennet Kreon dies verbrecherisch
Vorlage S. 340 1157 Und freches Wagstück, mein geliebtes Bruderhaupt!
Vorlage S. 340 1158 Und nun, gewaltsam hingerafft, entführt er mich
Vorlage S. 340 1159 Ehlos und mannlos, eh der Hochzeitsfreuden ich
Vorlage S. 340 1160 Anteil empfangen noch der Kinderpflege Glück.
Vorlage S. 340 1161 Nein, so verwaist von Freunden, ich Unselige,
Vorlage S. 340 1162 Gelang ich lebend zu des Todes Höhlenkluft.
Vorlage S. 340 1163 Und gegen welches Götterrecht verstieß ich denn?
Vorlage S. 340 1164 Was aber mag ich Arme nach den Göttern noch
Vorlage S. 340 1165 Hinschaun, zum Beistand rufen wen, da mir den Lohn
Vorlage S. 340 1166 Der Gottverachtung Götterfurcht herbeigeführt!
Vorlage S. 340 1167 Doch wenn in Wahrheit dieses recht den Göttern ist,
Vorlage S. 340 1168 So lasst den Fehl mich büßen ohn Erbitterung;
Vorlage S. 340 1169 Wenn aber diese fehlen, dann betreffe sie
Vorlage S. 340 1170 Nicht Schlimmres, als sie ungerecht an mir geübt.
Vorlage S. 340 1172 Noch rastlos treibt sie beständig empor
Vorlage S. 341 1173 Des Gemüts machtvoll aufregender Sturm.
Vorlage S. 341 1175 Drum stehn auch bald den Geleitenden dort,
Vorlage S. 341 1176 Der Verzögrung Lohn, viel Tränen bevor!
Vorlage S. 341 1177 ANTIGONE.
Vorlage S. 341 1178 Ach wehe, dem Tod ganz nahe bereits
Vorlage S. 341 1179 Lautete dies Wort!
Vorlage S. 341 1181 Auch geb ich dir nicht Trostzuspruch mehr,
Vorlage S. 341 1182 Dass kraftlos sei das verhängte Gebot.
Vorlage S. 341 1183 ANTIGONE.
Vorlage S. 341 1184 Weh, thebische Burg! Weh, Götter umher
Vorlage S. 341 1185 Des Geschlechts, nun seht!
Vorlage S. 341 1186 Er entführt schon ohne Verzug mich!
Vorlage S. 341 1187 Und des thebischen Volks Landhäupter, beschaut
Vorlage S. 341 1188 Euere Königin, die allein noch blieb,
Vorlage S. 341 1189 Welch schrecklicher Lohn und von wem mich betrifft,
Vorlage S. 341 1190 Weil heiliges Recht ich geheiligt!
Vorlage S. 341 1191 Erste Strophe
Vorlage S. 341 1193 So litt Danaes Leib, wo, von des Himmels
Vorlage S. 341 1194 Lichtstrahl fern, sie der erzdichte Bezirk
Vorlage S. 341 1195 Umschloß, untergehüllt in
Vorlage S. 341 1196 Des grabdunkelen Ruhgemachs Einschluß,
Vorlage S. 341 1197 Die doch an Geburt würdig, o Kind, Kind, war,
Vorlage S. 341 1198 Und barg hegend dem Zeus selber
Vorlage S. 341 1199 Die goldströmende Saat.
Vorlage S. 341 1200 Doch streng waltet gewiss hohen Geschicks Obmacht,
Vorlage S. 341 1201 Noch mag ihr Ares noch der Trotz
Vorlage S. 341 1202 Noch Türme noch das dunkle Schiff,
Vorlage S. 341 1203 Von Meerflut rings umrauscht, enteilen!
Vorlage S. 341 1204 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 341 1205 Auch band strafend den Obherrn der Edonen,
Vorlage S. 341 1206 Den scharfgalligen Sohn Dryas', zum Dank
Vorlage S. 341 1207 Der Hohnlust Dionysos,
Vorlage S. 341 1208 In felsstarrende Fessel einpanzernd.
Vorlage S. 341 1209 So triefet von unsinniger Wut kräftger
Vorlage S. 341 1210 Und frisch blühender Zorn. Jener
Vorlage S. 341 1211 Ersah, wie in der Wut
Vorlage S. 341 1212 Ihm antastend die Hohnzunge den Gott anfiel.
Vorlage S. 341 1213 Denn gotterfüllter Weiberschar
Vorlage S. 342 1214 Auch schweigt' er und den Flammenglanz
Vorlage S. 342 1215 Und stört' euch, flötenholde Musen!
Vorlage S. 342 1216 Zweite Strophe
Vorlage S. 342 1217 In dem kyanischen Wogengebiet
Vorlage S. 342 1218 Der Geschwisterflut,
Vorlage S. 342 1219 Da liegt Bosporos' Strand,
Vorlage S. 342 1220 Da der Thraker Salmydessos,
Vorlage S. 342 1221 Wo Ares, der Landpflegende dort,
Vorlage S. 342 1222 An Phineus' zwei Sprossen
Vorlage S. 342 1223 Sah die verruchte Wunde,
Vorlage S. 342 1224 Womit die grimmvolle Gattin blendend
Vorlage S. 342 1225 Des Gesichts gesichtberaubte Sterne jammervoll
Vorlage S. 342 1226 In blutger Mordhand mit ihren Speeren
Vorlage S. 342 1227 Zerriß, des Webschiffs geschärften Spitzen.
Vorlage S. 342 1228 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 342 1229 Und es verschmolzen die Armen in Leid,
Vorlage S. 342 1230 Der Gebärerin
Vorlage S. 342 1231 Unheil weinend, dieweil
Vorlage S. 342 1232 Unvermählt ihr Stamm erlosch, die
Vorlage S. 342 1233 Doch hoch zu dem uralten Geschlecht
Vorlage S. 342 1234 Erechtheus' aufreichte.
Vorlage S. 342 1235 Auch in entlegnen Höhlen
Vorlage S. 342 1236 Bei Stürmen wuchs sie einst auf des Vaters,
Vorlage S. 342 1237 Die roßereilende Boread', auf steilen Höhn,
Vorlage S. 342 1238 Ein Götterkind. Doch erreichten die auch
Vorlage S. 342 1239 Fehllos die uralten Moiren, Kindlein!
Vorlage S. 342 1240 Antigone wird abgeführt. Teiresias kommt, von einem Knaben geleitet.
Vorlage S. 342 1241 TEIRESIAS.
Vorlage S. 342 1242 Ihr Herrscher Thebens, einen Weg vollenden wir,
Vorlage S. 342 1243 Durch einen beide schauend. Denn dem Blinden ist
Vorlage S. 342 1244 Der Wege jeder durch die Führungshand allein.
Vorlage S. 342 1246 Was bringst du Neues, edler Greis Teiresias?
Vorlage S. 342 1247 TEIRESIAS.
Vorlage S. 342 1248 Ich will es lehren. Doch dem Seher folge du.
Vorlage S. 342 1250 Von deiner Weisheit hab ich nie mich abgewandt.
Vorlage S. 343 1251 TEIRESIAS.
Vorlage S. 343 1252 Drum fuhrst du glücklich als des Landes Steuermann.
Vorlage S. 343 1254 Ja, stets empfing ich, zeug ich selbst, Zufriedenheit.
Vorlage S. 343 1255 TEIRESIAS.
Vorlage S. 343 1256 Denk, auf des Messers Spitze steht nun alles dir.
Vorlage S. 343 1258 Was ist? Mit Schauder fasset mich dein Mund bereits.
Vorlage S. 343 1259 TEIRESIAS.
Vorlage S. 343 1260 Vernimm die Voranzeigen meiner Kunst sogleich.
Vorlage S. 343 1261 Denn als ich dort auf altem Vogelschauersitz
Vorlage S. 343 1262 Saß, wo der Schwärme jeder einzulaufen pflegt,
Vorlage S. 343 1263 Vernahm der Vögel fremden Laut ich da, Gekrächz
Vorlage S. 343 1264 Voll bösen Zorningrimmes und Verworrenheit.
Vorlage S. 343 1265 Auch spürt ich, wie sie mordempört sich rissen mit
Vorlage S. 343 1266 Den Klaun, und nicht undeutlich scholl der Flügel Schwung.
Vorlage S. 343 1267 Und ich, erschrocken, prüfte gleich den Opferbrand
Vorlage S. 343 1268 Auf lohentflammten Herden; doch dem Weihetier
Vorlage S. 343 1269 Entstrahlte nicht Hephaistos, nein, in Asche ward
Vorlage S. 343 1270 Der Schenkel Fettsaft siedend mir hinweggezehrt
Vorlage S. 343 1271 Und dampfte dick, aussprudelnd; auch emporgespritzt
Vorlage S. 343 1272 Verflog die Gall' in Lüften, und herausgeschmelzt
Vorlage S. 343 1273 Lag jedes Hüftbein aus der Fettumwickelung.
Vorlage S. 343 1274 Von diesem Knaben hört ich das, wie gänzlich mir
Vorlage S. 343 1275 Undeutend hinschwand dieser Weihn Verkündigung.
Vorlage S. 343 1276 Denn dieser muss mich leiten wie die andern ich.
Vorlage S. 343 Kontextbild zum Werk. Historische Illustration zu „Antigone“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · Eugène Lenepveu · CC0 Bildquelle ↗ 1277 Und so erkrankt nur diese Stadt um deinen Sinn.
Vorlage S. 343 1278 Denn unsre Weihaltäre nebst den Herden rings
Vorlage S. 343 1279 Sind durch der Vögel angefüllt und Hunde Fraß,
Vorlage S. 343 1280 Von Ödipus' unselig hingestürztem Kind.
Vorlage S. 343 1281 Drum nehmen niemals unsrer Opferbitten Flehn
Vorlage S. 343 1282 Nun an die Götter noch der Schenkelbeine Strahl,
Vorlage S. 343 1283 Noch tönt ein Schicksalsvogel glückandeutend uns,
Vorlage S. 343 1284 Von jenes Menschenmordes fettem Blute satt.
Vorlage S. 343 1285 Bedenke, Sohn, dies alles. Denn den Sterblichen
Vorlage S. 343 1286 Ist zwar Verirrung freilich allezeit gemein;
Vorlage S. 343 1287 Doch wer verirrte, dieser wird kein Törichter
Vorlage S. 343 1288 Und Ratentblößter bleiben, wenn, in Übel er
Vorlage S. 343 1289 Gestürzt, es heilet und den Sinn sich wenden lässt.
Vorlage S. 343 1290 Halsstarrge trifft des Unverstands Beschuldigung.
Vorlage S. 343 1291 So weiche drum dem Toten; nach Ermordeten
Vorlage S. 343 1292 Stich nicht; Gestorbne wieder morden, welcher Ruhm?
Vorlage S. 343 1293 Aus guter Meinung rat ich gut; zu lernen ist
Vorlage S. 344 1294 Ein gutes Wort noch süßer, wenn es Nutzen bringt.
Vorlage S. 344 1296 O Alter, gleich den Schützen zielt nach einem Ziel
Vorlage S. 344 1297 Auf diesen Mann, ihr alle; selbst die Seherkunst
Vorlage S. 344 1298 Blieb nicht an mir vergessen, deren Art bereits
Vorlage S. 344 1299 Mich längst hinausgetauschet und verhandelt hat.
Vorlage S. 344 1300 Treibt euren Handel, schafft der Sarder köstliches
Vorlage S. 344 1301 Elektron, wenn ihr wünschet, und den indischen
Vorlage S. 344 1302 Goldsand; den Toten aber birgt euch nie das Grab;
Vorlage S. 344 1303 Nicht, wollten gar Zeus' Adler ihn zum Fraße sich
Vorlage S. 344 1304 Wegraubend aufwärts führen an des Gottes Thron –
Vorlage S. 344 1305 Auch so, mitnichten scheuend die Besudelung,
Vorlage S. 344 1306 Lass ich ihn nicht eingraben. Denn ich weiß ja wohl,
Vorlage S. 344 1307 Dass keine Gottheit je ein Mensch besudeln kann.
Vorlage S. 344 1308 Doch stürzen wahrlich, alter Greis Teiresias,
Vorlage S. 344 1309 Auch Hochbegabte schnöden Fall, woferne sie
Vorlage S. 344 1310 Um eignen Vorteil schnödes Wort zum Guten drehn.
Vorlage S. 344 1311 TEIRESIAS.
Vorlage S. 344 1313 Weiß einer wohl der Menschen, sieht wohl einer ein –
Vorlage S. 344 1315 Was aber? Was so Allgemeines sagest du?
Vorlage S. 344 1316 TEIRESIAS.
Vorlage S. 344 1317 Wieviel der Güter höchstes ist Besonnenheit?
Vorlage S. 344 1319 Soviel die Torheit, dünket mich, das Schlimmste sei.
Vorlage S. 344 1320 TEIRESIAS.
Vorlage S. 344 1321 Von dieser Krankheit eben bist du angefüllt.
Vorlage S. 344 1323 Dem Seher geb ich lieber nicht sein Schmähn zurück.
Vorlage S. 344 1324 TEIRESIAS.
Vorlage S. 344 1325 Du schmähest, sagend, dass ich Lug verkündigte.
Vorlage S. 344 1327 Goldgierig aber war ja stets der Seher Art.
Vorlage S. 344 1328 TEIRESIAS.
Vorlage S. 344 1329 Und schnöden Vorteil liebet die der Herrschenden.
Vorlage S. 344 1331 Bedenkst du, dass du von den Machtbegabten sprichst?
Vorlage S. 344 1332 TEIRESIAS.
Vorlage S. 344 1333 Wohl. Denn du schütztest diese Stadt durch mich allein.
Vorlage S. 344 1335 Tief schaust du, aber liebest Ungerechtigkeit.
Vorlage S. 344 1336 TEIRESIAS.
Vorlage S. 344 1337 Aufregen wirst du, was im Sinn mir ruhig liegt.
Vorlage S. 344 1339 So reg es; aber nach Gewinn nur rede nicht.
Vorlage S. 344 1340 TEIRESIAS.
Vorlage S. 344 1341 Dies also pfleg ich immer wohl, wie dich bedünkt?
Vorlage S. 344 1343 Niemals verkaufst du meinen Sinn, dies wisse nur.
Vorlage S. 344 1344 TEIRESIAS.
Vorlage S. 344 1345 Du wisse dies auch sicher, dass die Sonne nicht
Vorlage S. 344 1346 Viel ihrer Umlaufskreise mehr vollenden wird,
Vorlage S. 344 1347 Bevor aus deinem eignen Blut du selber noch
Vorlage S. 344 1348 Hin einen Leichnam Leichen zum Ersatze bringst,
Vorlage S. 345 1349 Dieweil du, niederhaltend, was der Obern ist,
Vorlage S. 345 1350 Ins Grab ein Leben ohne Scheu verpflanzetest
Vorlage S. 345 1351 Und hältst den Untergöttern hier hinwiederum
Vorlage S. 345 1352 Entzogen, unbestattet, jenen entweihten Leib,
Vorlage S. 345 1353 Der weder dir zukäme noch den oberen
Vorlage S. 345 1354 Gottheiten, sondern ihnen zwingst du diesen auf;
Vorlage S. 345 1355 Weshalb gedächtnisschwere Frevelzüchtiger
Vorlage S. 345 1356 Dich spüren, Hades' und der Götter Erinnyen,
Vorlage S. 345 1357 Dich selber einzufangen in das gleiche Weh.
Vorlage S. 345 1358 Sieh aber selbst nun, ob ich goldgewonnen dies
Vorlage S. 345 1359 Gesagt. Es zeigt dir keiner langen Zeit Verzug
Vorlage S. 345 1360 Im Haus der Männer und der Weiber Wehgeheul;
Vorlage S. 345 1361 Und alle Städte treibt Erbittrungsmut empor,
Vorlage S. 345 1362 Von wo zerstückte Leiber hier die Hunde nur,
Vorlage S. 345 1363 Untier und flüchtge Vögel eingeweiht, der Stadt
Vorlage S. 345 1364 Den Geruch des Abscheus bringend zum entweihten Herd.
Vorlage S. 345 1365 So sandt ich, denn du kränktest mich, dem Schützen gleich
Vorlage S. 345 1366 Im raschen Jähzorn deiner Brust unfehlende
Vorlage S. 345 1367 Geschosse, deren Brand dich nicht entrinnen lässt.
Vorlage S. 345 1368 O Knab, entführe mich schnell zurück nach Hause, dass
Vorlage S. 345 1369 Auf Jüngre dieser seinen Mut entlaß und sich
Vorlage S. 345 1370 Die Zunge künftig lern erziehn bedächtiger
Vorlage S. 345 1371 Und beßre Denkart, als er nun im Sinne trägt!
Vorlage S. 345 1374 Der Mann, o Fürst, enteilte, Graun verkündigend;
Vorlage S. 345 1375 Und wir erfuhren nimmer, seit mir weißes Haar
Vorlage S. 345 1376 Anstatt des schwarzen dieses Haupt umgossen hat,
Vorlage S. 345 1377 Dass dieser jemals Lügen für die Stadt gesagt.
Vorlage S. 345 1379 Ich selber weiß es, und es bebt mein Mut darum.
Vorlage S. 345 1380 Denn feige wär zu weichen; doch der Widerstand
Vorlage S. 345 1381 Droht unserm Mute schwerer Unheilstrafe Schlag.
Vorlage S. 345 1383 Es heischt Beratung, Sohn Menoikeus, Kreon, dies.
Vorlage S. 345 1385 Was also tu ich? Rede, gern gehorch ich dir.
Vorlage S. 345 1387 Geh hin; das Mägdlein aus dem tiefgehöhlten Dach
Vorlage S. 345 1388 Entlaß; bestatt auch jenen ausgeworfnen Leib.
Vorlage S. 345 1390 Und dieses rätst du? Heißest nachzugeben mir;
Vorlage S. 346 1392 Sobald, o Fürst, wie möglich; denn es holen bald
Vorlage S. 346 1393 Der Götter Schäden bösen Sinn schnellfüßig ein.
Vorlage S. 346 1395 O weh, mit Schmerzen! Doch das Herz entsinket mir.
Vorlage S. 346 1396 Dies will das Schicksal; meid ich denn so schweren Kampf!
Vorlage S. 346 1398 So geh und tu es. Keinem andren leg es auf.
Vorlage S. 346 1400 Ja, wie ich bin, enteil ich. Ihr, o Diener, lauft,
Vorlage S. 346 1401 Die etwa hier sind oder nicht, nehmt Beile mit
Vorlage S. 346 1402 Und eilet schleunig nach dem wohlbekannten Ort.
Vorlage S. 346 1403 Doch ich, dieweil sich mein Gemüt herumgewandt,
Vorlage S. 346 1404 Will, die ich selbst gebunden, nun entfesseln auch.
Vorlage S. 346 1405 Denn sehr befürcht ich, immer die bestehenden
Vorlage S. 346 1406 Gesetze schützen sei des Lebens bester Gang.
Vorlage S. 346 1407 Kreon mit den Dienern ab.
Vorlage S. 346 1408 Erste Strophe
Vorlage S. 346 1410 Vielnamiger, Lust und Zier
Vorlage S. 346 1411 Der Kadmostochter, du, des schwer
Vorlage S. 346 1412 Erdonnernden Zeus Geschlecht!
Vorlage S. 346 1413 Du Hort Italias,
Vorlage S. 346 1414 Der edlen, allumfangenden
Vorlage S. 346 1415 Eleusis Pfleger zugleich
Vorlage S. 346 1416 Am Herzblatt Deos!
Vorlage S. 346 1417 Vernimm, Bakchos, weil Thebe, die Stadt deiner
Vorlage S. 346 1418 Bakchanten, dich hegt, die Woge
Vorlage S. 346 1419 Des Ismenos und rings
Vorlage S. 346 1420 Des grimmen Drachen Aussaat!
Vorlage S. 346 1421 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 346 1422 Auf doppelgespitztem Fels
Vorlage S. 346 1423 Erblickt dich Flammendampf, allwo
Vorlage S. 346 1424 Korykischer Mädchen Schwarm
Vorlage S. 346 1425 Bakchantentanz begeht,
Vorlage S. 346 1426 Der volle Guß Kastalias
Vorlage S. 346 1427 Und tief in nysischen Höhn
Vorlage S. 346 1428 Dein Efeuabhang!
Vorlage S. 346 1429 Auch frischgrüner volltraubiger Strand singt dich,
Vorlage S. 346 1430 Die unsterblichen Wort aufjauchzend,
Vorlage S. 347 1431 Wenn Thebes Bezirk
Vorlage S. 347 1432 Du heimzusuchen wandelst!
Vorlage S. 347 1433 Zweite Strophe
Vorlage S. 347 1434 Die du mit deiner
Vorlage S. 347 1435 Hinabgeblitzten Mutter ja stets
Vorlage S. 347 1436 Hoch erhebst vor jeder Stadt!
Vorlage S. 347 1437 Auch nun, weil gewaltvoll
Vorlage S. 347 1438 Die gesamte Stadt krankes Weh
Vorlage S. 347 1439 Ängstiget, eil heran
Vorlage S. 347 1440 Dein Retterfuß, ob Parnassos' Berghang
Vorlage S. 347 1441 Hindurchwandelnd, ob
Vorlage S. 347 1442 Das Gestöhn der Meerflut!
Vorlage S. 347 1443 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 347 1444 O feurumhauchter
Vorlage S. 347 1445 Gestirne Reigenführer, der Nacht
Vorlage S. 347 1446 Jubelstimmen vorgesatzt,
Vorlage S. 347 1447 Zeusgesäter Jüngling!
Vorlage S. 347 1448 In entzücktem Schwarm naxischen
Vorlage S. 347 1449 Mägdegefolges komm,
Vorlage S. 347 1450 Die stets in umschwärmender Wut Nächte durch
Vorlage S. 347 1451 Dem Ausspender dir,
Vorlage S. 347 1452 Dem Jakchos, tanzen!
Vorlage S. 347 1453 Ein Bote kommt.
Vorlage S. 347 1455 Ihr, welche Kadmos' und Amphions Haus umwohnt,
Vorlage S. 347 1456 Nun will ich keines Menschen ungeschlossen Los
Vorlage S. 347 1457 Je mehr in Zukunft loben noch verachten je.
Vorlage S. 347 1458 Es hebt ja Tyche, Tyche stürzt hinwiederum
Vorlage S. 347 1459 Den Hochbeglückten wie den Tiefbetrübten stets;
Vorlage S. 347 1460 Und was bevorsteht, saget kein Weissager uns.
Vorlage S. 347 1461 Denn Kreon war beneidet, scheint es mir, zuvor,
Vorlage S. 347 1462 Der erst von Feinden dieses Kadmosland erlöst
Vorlage S. 347 1463 Und dann, vereinend dieser Stadt Beherrschermacht,
Vorlage S. 347 1464 Sie lenkte, blühend durch der Kinder edle Saat.
Vorlage S. 347 1465 Nun ging dahin das alles. Ward Zufriedenheit
Vorlage S. 348 1466 Dem Menschen erst abtrünnig, dann eracht ich nicht,
Vorlage S. 348 1467 Er lebe, sondern sei beseelte Leiche nur.
Vorlage S. 348 1468 Denn habe Reichtums, wenn du willst, im Hause viel
Vorlage S. 348 1469 Und leb in Herrscherglanz erhöht – doch fehlt dabei
Vorlage S. 348 1470 Die Lust, so kauf ich für des Rauches Schatten dir
Vorlage S. 348 1471 Nicht ab das andre gegen die Zufriedenheit.
Vorlage S. 348 1472 CHOR(F.).
Vorlage S. 348 1473 Und welches Unheil unsrer Könige bringst du denn?
Vorlage S. 348 1475 Tot sind sie; und es brachten Tod die Lebenden.
Vorlage S. 348 1477 Wer war der Mörder? Welcher liegt erschlagen? Sprich!
Vorlage S. 348 1479 Es liegt Haimon, überströmt von eignem Blut.
Vorlage S. 348 1481 Wie? Durch des Vaters oder durch selbsteigne Faust?
Vorlage S. 348 1483 Zu eignen Händen, zürnend um des Vaters Tat.
Vorlage S. 348 1485 O Seher, wie du jenes Wort so wahr gesagt!
Vorlage S. 348 1487 Bei solchem Unfall heischet Rat das übrige.
Vorlage S. 348 1489 Und dort erblick ich jammervoll Eurydike,
Vorlage S. 348 1490 Die Gattin Kreons, kommend. Aus dem Hause tritt
Vorlage S. 348 1491 Sie, ob durch Zufall, ob vom Sohn vernehmend, her.
Vorlage S. 348 1492 Eurydike kommt.
Vorlage S. 348 1493 EURYDIKE.
Vorlage S. 348 1494 Ihr Bürger alle, was geschah, vernahm ich schon,
Vorlage S. 348 1495 Indem ich eben eilte, nach dem Heiligtum
Vorlage S. 348 1496 Der Göttin Pallas mit Gebet hinanzugehn.
Vorlage S. 348 1497 Und eben löst ich meiner festverwahrten Tür
Vorlage S. 348 1498 Das Schloß, indem mir mit betrübtem Laut das Ohr
Vorlage S. 348 1499 Des Hauses Weh schlug, und ich sank zurückgebeugt
Vorlage S. 348 1500 Auf meine Mägde durch Besinnungslosigkeit.
Vorlage S. 348 1501 Doch wie die Nachricht lautet, sagt mir wiederum;
Vorlage S. 348 1502 Denn nicht vom Leiden unberührt vernehm ich sie.
Vorlage S. 348 1504 Ich komme, teure Frau, von dort und sag es dir;
Vorlage S. 348 1505 Und dir verschweigen will ich kein wahrhaftes Wort.
Vorlage S. 348 1506 Weswegen auch dir schmeicheln, dass wir künftig uns
Vorlage S. 348 1507 Als Lügner zeigten? Immer steht das Wahre fest.
Vorlage S. 348 1508 Als Führer folgt ich deinem Ehgemahl dahin
Vorlage S. 348 1509 Zum hohen Blachfeld, wo erbarmungslos verhöhnt
Vorlage S. 348 1510 Polyneikes' hundzerrißner Leib noch immer lag.
Vorlage S. 348 1511 Und als die Wegegöttin tief wir angefleht
Vorlage S. 348 1512 Und Pluton, milden Mutes dies mit anzuschaun,
Vorlage S. 349 1513 Ihn badend erst im heilgen Bad, verbrannten wir
Vorlage S. 349 1514 Auf frischgebrochnen Zweigen dann den Überrest;
Vorlage S. 349 1515 Und ihm der Vatererde steilgestirntes Mal
Vorlage S. 349 1516 Geschüttet, gingen nach des Mädchens steinernem
Vorlage S. 349 1517 Und hohlem Brautbett Hades' wir hinabgewandt.
Vorlage S. 349 1518 Doch ferne Stimmen heller Leidbejammerung
Vorlage S. 349 1519 Vernahm ein Diener um des Graungemaches Tor
Vorlage S. 349 1520 Und eilt' zu Kreon, unserm Herrn, es kundzutun.
Vorlage S. 349 1521 Doch den erreicht' schon dunkel jener betrübte Schrei,
Vorlage S. 349 1522 Indem er vorwärts eilet', und erseufzend gab
Vorlage S. 349 1523 Er solche Wehlautsworte: »Weh mir Armem, ach!
Vorlage S. 349 1524 Weissagt der Sinn mir? Ist der unglückschwangerste,
Vorlage S. 349 1525 Soviel ich irgend je betrat, mir dieser Weg?
Vorlage S. 349 1526 Des Sohnes Laut begrüßt mich. Doch, ihr Diener, hört!
Vorlage S. 349 1527 Geht eilig vorwärts, und genaht dem Grabe, seht,
Vorlage S. 349 1528 Ganz dicht zur Mündung dieser Gruft hindurchgedrängt,
Vorlage S. 349 1529 Durch enger Felsenspalte Riss, ob Haimons Laut
Vorlage S. 349 1530 Mir eben herscholl oder mich ein Gott getäuscht.« –
Vorlage S. 349 1531 Und auf des mutlos bangen Herrn Geheiße schaun
Vorlage S. 349 1532 Wir hin, und tief im Hintergrund der Höhlenkluft
Vorlage S. 349 1533 Erspähn am Halse jene wir emporgeknüpft,
Vorlage S. 349 1534 Geschnürt in Schlingen zarter Hauptumschleierung;
Vorlage S. 349 1535 Ihn aber, welcher ihren Leib umschlingend liegt
Vorlage S. 349 1536 Und heult der tief entschwundnen Braut Unseligkeit,
Vorlage S. 349 1537 Des Vaters Untat und der Unglücksehe Bett.
Vorlage S. 349 1538 Doch der, ihn schauend, wandelt tief aufseufzend hin
Vorlage S. 349 1539 Zu ihm und ruft ihm unter Klagelaut hinein:
Vorlage S. 349 1540 »Unselger, welche Taten tatst du? Welcher Sinn
Vorlage S. 349 1541 Ergriff dich? Welches Schreckenslos vernichtet' dich?
Vorlage S. 349 1542 Komm, Sohn, heraus nur! Knieend fleh ich, erbarme dich!« –
Vorlage S. 349 1543 Doch mit Verzweiflungsblicken starrt ihn an der Sohn,
Vorlage S. 349 1544 Und Hohn im Antlitz, reißt er antwortlos heraus
Vorlage S. 349 1545 Des Schwertes Doppelschärfen. Doch hinausgestürzt,
Vorlage S. 349 1546 Entwich dem Stoß der Vater. Drauf sich selbst ergrimmt,
Vorlage S. 349 1547 Hinabgebeuget, trieb der Unglückselige
Vorlage S. 349 1548 Durch seine Seiten tief den Stahl; besonnen noch
Vorlage S. 349 1549 Um jene Jungfrau schlingt er fest den welken Arm,
Vorlage S. 350 1550 Und schnaubend stößt er scharfen Blutaushauch hervor,
Vorlage S. 350 1551 Auf weiße Wangen dunkler Purpurtropfen Rot.
Vorlage S. 350 1552 So liegt die Tote der Tote fassend, eingeführt
Vorlage S. 350 1553 Zur Eheweihung erst in Hades' Wohnungen,
Vorlage S. 350 1554 Den Menschen dies anzeigend: Unbedächtigkeit
Vorlage S. 350 1555 Sei weit das Schlimmste, was den Mann betreffen mag.
Vorlage S. 350 1556 Eurydike geht ab.
Vorlage S. 350 1558 Was magst du hiervon denken? Diese Frau verschwand
Vorlage S. 350 1559 Bereits, erwidernd weder gut noch böses Wort.
Vorlage S. 350 1561 Auch mich erschreckt' es. Doch es nährt mich dieser Trost:
Vorlage S. 350 1562 Des Kindes Leid vernehmend, würdge vor der Stadt
Vorlage S. 350 1563 Sie nicht zu jammern, sondern stimm im Haus allein
Vorlage S. 350 1564 Mit ihren Mägden eigne Klagelieder an.
Vorlage S. 350 1565 Denn stets verständig, wird sie nichts Verirrtes tun.
Vorlage S. 350 1567 Ich weiß es nicht. Mir aber zeigt auf schweren Mut
Vorlage S. 350 1568 Zu tiefes Schweigen, gleich dem allzuvielen Schrein.
Vorlage S. 350 1570 So wollten wir's erfahren, ob Verhaltenes
Vorlage S. 350 1571 Auch heimlich einschließt ihrer Brust Erbitterung,
Vorlage S. 350 1572 Zum Hause näher tretend. Denn du redest wohl;
Vorlage S. 350 1573 Zu tiefes Schweigen zeiget auch empörten Sinn.
Vorlage S. 350 1574 Bote ab. Kreon kommt, seinen toten Sohn tragend, mit Begleitern.
Vorlage S. 350 1576 Dort eilet ja selbst schon nahe der Fürst,
Vorlage S. 350 1577 Deutliches Denkmal in den Händen, zurück –
Vorlage S. 350 1578 Darf ich es kundtun? –, nicht fremden Vergehns
Vorlage S. 350 1579 Untat, nein, eigner Verirrung.
Vorlage S. 350 1580 Erste Strophe
Vorlage S. 350 1582 O wehe, sinnloser Sinn,
Vorlage S. 350 1583 Der blutvolle, grimme Verirrungen gebar!
Vorlage S. 350 1584 Weh, die Mord eben ihr
Vorlage S. 350 1585 Und Tod wechseln unter Blutsfreunden saht!
Vorlage S. 350 1586 Weh des verkehrten Rates Scheusäligkeit!
Vorlage S. 350 1587 O weh, Sohn, Sohn, den so früh frühes Los,
Vorlage S. 350 1588 Ach, ach! ach! ach!
Vorlage S. 350 1589 Mörderisch geschlagen!
Vorlage S. 351 1590 Es war mein und nimmer dein irrer Rat!
Vorlage S. 351 1592 O weh, du scheinest allzuspät das Recht zu sehn!
Vorlage S. 351 1594 Ach weh!
Vorlage S. 351 1595 Wohl lern ich nun durch Schmerzen! Doch dies Haupt betraf
Vorlage S. 351 1596 Noch gräßlicher ein Gott mit entsetzlicher Gewalt.
Vorlage S. 351 1597 Und schlägt es und erschüttert's voll Erbitterung,
Vorlage S. 351 1598 O weh, niederwälzend mein zertretnes Glück!
Vorlage S. 351 1599 Ach weh, weh, der Menschen mühvolle Mühn!
Vorlage S. 351 1600 Ein Diener kommt aus dem Hause.
Vorlage S. 351 1601 DIENER.
Vorlage S. 351 1602 O Herrscher, eigentümlich und besitzend trägst
Vorlage S. 351 1603 Du dieses selbst in der Hand heran; doch magst du bald,
Vorlage S. 351 1604 Ins Haus gelangend, noch ein andres Leiden schaun.
Vorlage S. 351 1606 Welch größres Leiden gibt es noch als dieses Leid?
Vorlage S. 351 1607 DIENER.
Vorlage S. 351 1608 Es starb die Gattin, diesem Toten muttertreu,
Vorlage S. 351 1609 An frischgeschlagenem Todesstreich bejammernswert.
Vorlage S. 351 1610 Erste Gegenstrophe
Vorlage S. 351 1612 O weh, o weh, unversühn-
Vorlage S. 351 1613 Lich Reich Hades', heute vertilgetest du mich!
Vorlage S. 351 1614 Wehe, Graunbote mir,
Vorlage S. 351 1615 Welch haßwerten Laut, welchen verkündest du?
Vorlage S. 351 1616 Weh, du erschlugest ganz den schon toten Mann!
Vorlage S. 351 1617 O was, Freund, sagst du? welches Entsetzenswort?
Vorlage S. 351 1618 Ach! ach! ach! ach!
Vorlage S. 351 1619 Jämmerlich geschlachtet
Vorlage S. 351 1620 Erfüll hingestreckt die Frau meine Not?
Vorlage S. 351 1622 Du magst es schauen. Nicht das Haus verbirgt es mehr.
Vorlage S. 351 1623 Eurydikes Leiche wird gebracht.
Vorlage S. 351 1625 Ach weh!
Vorlage S. 351 1626 Dies andre Leiden seh ich Armer neugehäuft!
Vorlage S. 351 1627 Wie schreckliches Geschick bedräuet mich annoch?
Vorlage S. 351 1628 In Händen trag ich eben nur mein teures Kind;
Vorlage S. 351 1629 Und schau, Armer, nun dazu der Mutter Leib.
Vorlage S. 351 1630 Ach weh, arme Mutter! Weh, armes Kind!
Vorlage S. 351 1631 DIENER.
Vorlage S. 352 1632 Sie selber, zorngeschärfet am Altaresfuß,
Vorlage S. 352 1633 Verdunkelt' ihre Wimpern, laut bejammernd noch
Vorlage S. 352 1634 Des erst gestorbnen Megareus berühmtes Bett,
Vorlage S. 352 1635 Dann wieder dieses, und zuletzt noch fluchte sie
Vorlage S. 352 1636 Auf dich, den Kindermörder, böses Lob herab!
Vorlage S. 352 1637 Zweite Strophe
Vorlage S. 352 1639 Ach! ach! ach! ach!
Vorlage S. 352 1640 Mich jagt Angst empor!
Vorlage S. 352 1641 Warum schlaget ihr
Vorlage S. 352 1642 Nicht tief meine Brust mit zweischneidgem Stahl?
Vorlage S. 352 1643 Schauet mich, o weh, o weh!
Vorlage S. 352 1644 In graunvolles Trauerlos eingetaucht!
Vorlage S. 352 1645 DIENER.
Vorlage S. 352 1646 Als Täter aller dieser Schreckenstaten hat
Vorlage S. 352 1647 Die Arme sterbend noch zuvor dich angeklagt.
Vorlage S. 352 1649 Durch welches Mordes Weise ward sie aufgelöst?
Vorlage S. 352 1650 DIENER.
Vorlage S. 352 1651 Sie schlug ihr Herz mit eigner Hand, sobald zu ihr
Vorlage S. 352 1652 Hindrang des Sohnes lautbeheultes Todeslos.
Vorlage S. 352 1653 Dritte Strophe
Vorlage S. 352 1655 O weh, weh! der Menschen sei keinem sonst,
Vorlage S. 352 1656 Nur mir einzig aufgewälzt alle Schuld!
Vorlage S. 352 1657 Denn ich selber, ich mordete rasend dich!
Vorlage S. 352 1658 Ja, ich wahrlich allein!
Vorlage S. 352 1659 Herbei, fasset mich!
Vorlage S. 352 1660 Fasset mich!
Vorlage S. 352 1661 Führet geschwind dahin,
Vorlage S. 352 1662 Führet in Eil mich fort,
Vorlage S. 352 1663 Der nicht anders mehr denn nichts heißen kann!
Vorlage S. 352 1665 Wohltat verlangst du, wenn ja Wohl im Leiden ist;
Vorlage S. 352 1666 Am liebsten freilich schauet man nur kurz das Leid.
Vorlage S. 352 1667 Zweite Gegenstrophe
Vorlage S. 352 1669 Herbei, herbei!
Vorlage S. 352 1670 Erschein endlich mir,
Vorlage S. 352 1671 O glückreichstes Los,
Vorlage S. 352 1672 Herbeiführend meines Schlußzieles Tag!
Vorlage S. 353 1673 Endige geschwind, o weh!
Vorlage S. 353 1674 Mir gib keinen andern Tag mehr zu schaun!
Vorlage S. 353 1675 DIENER.
Vorlage S. 353 1676 Dies harrt in Zukunft. Doch es heischt die Gegenwart
Vorlage S. 353 1677 Nun Rat. Befiehl doch, wem es ziemt, das Künftige.
Vorlage S. 353 1679 Wonach ich schmachte, fleht ich nur inbrünstiglich.
Vorlage S. 353 1680 DIENER.
Vorlage S. 353 1681 Nichts flehe jetzo. Denn es gibt den Sterblichen
Vorlage S. 353 1682 Nichts aus dem vorbestimmten Los Entledigung.
Vorlage S. 353 1683 Dritte Gegenstrophe
Vorlage S. 353 1685 Entführt nun den nichtgen Mann ungesäumt,
Vorlage S. 353 1686 Der, Sohn, nimmer dich mit Vorsatze schlug
Vorlage S. 353 1687 Noch dich, Weib, o weh! Schrecklich! Es bleibet mir
Vorlage S. 353 1688 Auf wen künftig annoch
Vorlage S. 353 1689 Zu schaun? was zu tun?
Vorlage S. 353 1690 Jämmerlich
Vorlage S. 353 1691 Halt ich in Händen dies,
Vorlage S. 353 1692 Und es bestürmt das Haupt
Vorlage S. 353 1693 Mir graunvoll verworrnes Unheilsgeschick!
Vorlage S. 353 1694 Kreon wird weggeführt.
Vorlage S. 353 1696 Hoch raget gewiss vor Gütergenuß
Vorlage S. 353 1697 Die Bedachtsamkeit. Frevle drum nie
Vorlage S. 353 1698 Gegen die Gottheit. Das gewaltige Wort,
Vorlage S. 353 1699 In gewaltigem Schlag doch büßend einmal
Vorlage S. 353 1700 Den Empörungsmut,
Vorlage S. 353 1701 Lehrt endlich im Alter Besinnung.
Vorlage S. 353