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Buch - Über die Natur der Dinge - Lukrez

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Deutsche Übersetzung · Lesefassung

Über die Natur der Dinge

Lukrez

Lukrez erklärt in sechs Büchern die Welt aus Atomen und leerem Raum und untersucht Wahrnehmung, Seele, Kultur und Naturereignisse. Das Lehrgedicht verbindet anschauliche Bilder mit dem Anliegen, Menschen von unbegründeter Furcht zu lösen.

LehrgedichtKlasse 11–136 Abschnitte
Lukrez – Über die Natur der Dinge
Lukrez – Über die Natur der Dinge — Historische Ausgabe von Lukrez’ De rerum natura; Werkbild zur Textüberlieferung. · Lucretius, 94–55 B.C.E. · CC BY-SA 3.0 Bildquelle ↗

Deutsche Übersetzung: Diels, Hermann

Hinweise für den Unterricht
  • Historische philosophische, religiöse und naturkundliche Aussagen sowie zeitgebundene gesellschaftliche Wertungen kritisch einordnen. Diese Texte vermitteln keine heutigen wissenschaftlichen, medizinischen oder rechtlichen Handlungsempfehlungen. Klassenangaben sind eine redaktionelle Orientierung.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 6

Erstes Buch

1
Titus Lucretius Carus
2
Über die Natur der Dinge
3
(De rerum natura)
4
Erstes Buch
Vorlage S. 29
5
Die Prinzipien
Vorlage S. 29
6
Preis der Venus
Vorlage S. 29
7
Mutter der Äneaden, du Wonne der Menschen und Götter,
Vorlage S. 29
8
Lebensspendende Venus: du waltest im Sternengeflimmer
Vorlage S. 29
9
Über das fruchtbare Land und die schiffedurchwimmelte Meerflut,
Vorlage S. 29
10
Du befruchtest die Keime zu jedem beseelten Geschöpfe,
Vorlage S. 29
11
Dass es zum Lichte sich ringt und geboren der Sonne sich freuet.
Vorlage S. 29
12
Wenn du nahest, o Göttin, dann fliehen die Winde, vom Himmel
Vorlage S. 29
13
Flieht das Gewölk, dir breitet die liebliche Bildnerin Erde
Vorlage S. 29
14
Duftende Blumen zum Teppich, dir lächelt entgegen die Meerluft,
Vorlage S. 29
15
Und ein friedlicher Schimmer verbreitet sich über den Himmel.
Vorlage S. 29
16
Denn sobald sich erschlossen des Frühlings strahlende Pforte
Vorlage S. 29
17
Und aus dem Kerker befreit der fruchtbare West sich erhoben,
Vorlage S. 29
18
Künden zuerst, o Göttin, dich an die Bewohner der Lüfte,
Vorlage S. 29
19
Und dein Nahen entzündet ihr Herz mit Zaubergewalten.
Vorlage S. 29
20
Jetzt durchstürmet das Vieh wildrasend die sprossenden Wiesen
Vorlage S. 29
21
Und durchschwimmt den geschwollenen Strom. Ja, jegliches folgt dir
Vorlage S. 29
22
Gierig, wohin du es lenkest; dein Liebreiz bändigt sie alle;
Vorlage S. 29
23
So erweckst du im Meer und Gebirg und im reißenden Flusse
Vorlage S. 29
24
Wie in der Vögel belaubtem Revier und auf grünenden Feldern
Vorlage S. 29
25
Zärtlichen Liebestrieb in dem Herzblut aller Geschöpfe,
Vorlage S. 29
26
Dass sie begierig Geschlecht um Geschlecht sich mehren und mehren.
Vorlage S. 29
27
Also lenkst du, o Göttin, allein das Steuer des Weltalls.
Vorlage S. 29
28
Ohne dich dringt kein sterblich Geschöpf zu des Lichtes Gefilden,
Vorlage S. 29
29
Ohne dich kann nichts Frohes der Welt, nichts Liebes entstehen:
Vorlage S. 29
30
Drum sollst du mir auch Helferin sein beim Dichten der Verse,
Vorlage S. 29
31
Die ich zum Preis der Natur mich erkühne zu schreiben.
Vorlage S. 29
32
Ich widme Unserem Memmius sie, der dir es vor allem verdanket,
Vorlage S. 29
33
Allzeit allen voran sich in jeglichem Amt zu bewähren.
Vorlage S. 29
34
Drum so verleih, o Göttin, dem Lied unsterbliche Schönheit,
Vorlage S. 29
35
Heiß indessen das wilde Gebrüll laut tosenden Krieges
Vorlage S. 29
36
Aller Orten nun schweigen und ruhn zu Land und zu Wasser,
Vorlage S. 29
37
Da nur du es verstehst, die Welt mit dem Segen des Friedens
Vorlage S. 29
38
Zu beglücken. Es lenkt ja des Kriegs wildtobendes Wüten
Vorlage S. 29
39
Waffengewaltig dein Gatte. Von ewiger Liebe bezwingen
Vorlage S. 29
40
Lehnt sich der Kriegsgott oft in den Schoß der Gemahlin zurücke;
Vorlage S. 29
41
Während sein rundlicher Nacken hier ruht, schaut gierig sein Auge,
Vorlage S. 29
42
Göttin, zu dir empor und weidet die trunkenen Blicke,
Vorlage S. 29
43
Während des Ruhenden Odem berührt dein göttliches Antlitz.
Vorlage S. 29
44
Wenn er so ruht, o Göttin, in deinem geheiligten Schöße,
Vorlage S. 29
45
Beuge dich liebend zu ihm und erbitte mit süßesten Worten,
Vorlage S. 29
46
Hochbenedeite von ihm für die Römer den lieblichen Frieden.
Vorlage S. 29
47
Denn ich vermag mein Werk in den jetzigen Nöten des Staates
Vorlage S. 29
48
Sonst nicht mit Ruhe zu fördern, und du, des Memmierstammes
Vorlage S. 29
49
Rühmlicher Sproß, du könntest dich jetzt nicht entziehen dem Gemeinwohl.
Vorlage S. 29
50
Inhalt des Gedichtes, besonders der ersten Bücher
Vorlage S. 29
51
Leihe mir jetzt ein offenes Ohr, mein Gajus, und widme
Vorlage S. 29
52
Aller Sorgen entledigt den Geist der Erkenntnis der Wahrheit.
Vorlage S. 29
53
Leicht sonst könnt' es geschehen, dass, ehe du richtig verstanden,
Vorlage S. 29
54
Du mein emsig geschaffenes Werk nicht achtend verwürfest.
Vorlage S. 29
55
Denn es beginnt von dem Himmelssystem und dem Wesen der Götter
Vorlage S. 29
56
Völlig den Schleier zu ziehn und der Welt Elemente zu lehren.
Vorlage S. 29
57
Denn aus ihnen erschafft die Natur und ernähret und mehret
Vorlage S. 29
58
Alles; auf diese zuletzt führt alles sie wieder zurücke,
Vorlage S. 29
59
Wenn es vergeht. Wir nennen sie Stoffe und Keime der Körper
Vorlage S. 29
60
Oder die Samen der Dinge nach unserer Lehre Bezeichnung,
Vorlage S. 29
61
Oder wir sprechen wohl auch von ihnen als Urelementen,
Vorlage S. 29
62
Weil aus ihnen zuerst ein jegliches wurde gebildet.
Vorlage S. 29
63
Preis Epikurs
Vorlage S. 29
64
Als vor den Blicken der Menschen das Leben schmachvoll auf Erden
Vorlage S. 29
65
Niedergebeugt von der Last schwerwuchtender Religion war,
Vorlage S. 29
66
Die ihr Haupt aus des Himmels erhabenen Höhen hervorstreckt
Vorlage S. 29
67
Und mit greulicher Fratze die Menschheit furchtbar bedräuet,
Vorlage S. 29
68
Da erkühnte zuerst sich ein Grieche, das sterbliche Auge
Vorlage S. 29
69
Gegen das Scheusal zu heben und kühn sich entgegenzustemmen.
Vorlage S. 29
70
Nicht das Göttergefabel, nicht Blitz und Donner des Himmels
Vorlage S. 29
71
Schreckt' ihn mit ihrem Drohn. Nein, um so stärker nur hob sich
Vorlage S. 30
72
Höher und höher sein Mut. So wagt' er zuerst die verschlossnen
Vorlage S. 30
73
Pforten der Mutter Natur im gewaltigen Sturm zu erbrechen.
Vorlage S. 30
74
Also geschah's. Sein mutiger Geist blieb Sieger, und kühnlich
Vorlage S. 30
75
Setzt' er den Fuß weit über des Weltalls flammende Mauern
Vorlage S. 30
76
Und er durchdrang das unendliche All mit forschendem Geiste.
Vorlage S. 30
77
Dorther bracht' er zurück als Siegesbeute die Wahrheit:
Vorlage S. 30
78
Was kann werden, was nicht? Und wie ist jedem umzirket
Vorlage S. 30
79
Seine wirkende Kraft und der grundtief ruhende Markstein?
Vorlage S. 30
80
So liegt wie zur Vergeltung die Religion uns zu Füßen
Vorlage S. 30
81
Völlig besiegt, doch uns, uns hebt der Triumph in den Himmel.
Vorlage S. 30
82
Abwehr der Volksreligion
Vorlage S. 30
83
Abwehr der Volksreligion
Vorlage S. 30
84
Freilich beschleicht mich die Furcht hierbei, als ob du vermeinest,
Vorlage S. 30
85
Gottlosen Pfad zu betreten bei diesem System und des Frevels
Vorlage S. 30
86
Weg zu beschreiten. Doch grade die übliche Religion ist's,
Vorlage S. 30
87
Die oft gottlose Taten erzeugt und Werke des Frevels.
Vorlage S. 30
88
Haben doch solchergestalt die erlesenen Danaerfürsten
Vorlage S. 30
89
An Dianens Altar, der jungfräulichen Göttin, in Aulis
Vorlage S. 30
90
Iphianassas Blut in grausamem Wahne geopfert.
Vorlage S. 30
91
Als ihr die heilige Binde die Jungfraulocken umsäumend
Vorlage S. 30
92
In gleichmäßigem Falle die Wangen beide bedeckte,
Vorlage S. 30
93
Als sie zugleich am Altar den trauernden Vater erblickte
Vorlage S. 30
94
Und ihm nahe die Diener den Mordstahl unter dem Mantel
Vorlage S. 30
95
Bargen und jammerndem Volke der Anblick Tränen entlockte,
Vorlage S. 30
96
Da sank stumm sie vor Angst auf die Knie hinab zu der Erde.
Vorlage S. 30
97
Nichts vermochte der Armen in dieser Stunde zu helfen,
Vorlage S. 30
98
Dass sie den König zuerst mit dem Namen des Vaters begrüßte.
Vorlage S. 30
99
Denn von den Fäusten der Männer ergriffen, so wurde sie zitternd
Vorlage S. 30
100
Hin zum Altare geschleppt, nicht um nach dem festlichen Opfer
Vorlage S. 30
101
Dort in dem Hochzeitszug mit Jubel geleitet zu werden,
Vorlage S. 30
102
Nein, in der Brautzeit selbst ward sie, die Unschuldige, schuldvoll
Vorlage S. 30
103
Hingeschlachtet als Opferlamm von dem eigenen Vater,
Vorlage S. 30
104
Auf dass endlich die Flotte gewinne den glücklichen Auslauf.
Vorlage S. 30
105
Soviel Unheil vermochte die Religion zu erzeugen.
Vorlage S. 30
106
Warnung vor den Priestern
Vorlage S. 30
107
Jeweils denkst du vielleicht von den dräuenden Worten der Priester
Vorlage S. 31
108
Heftig bedrängt und bekehrt aus unserem Lager zu fliehen!
Vorlage S. 31
109
Denn was könnten sie dir nicht alles für Märchen ersinnen,
Vorlage S. 31
110
Die dein Lebensziel von Grund aus könnten verkehren
Vorlage S. 31
111
Und mit lähmender Angst dein Glück vollständig verwirren !
Vorlage S. 31
112
Und in der Tat, wenn die Menschen ein sicheres Ende vermöchten
Vorlage S. 31
113
Ihrer Leiden zu sehn, dann könnten mit einigem Grunde
Vorlage S. 31
114
Sie auch der Religion und den Priesterdrohungen trotzen.
Vorlage S. 31
115
Doch so fehlt für den Widerstand wie die Kraft so die Einsicht,
Vorlage S. 31
116
Da uns die Angst umfängt vor den ewigen Strafen der Hölle.
Vorlage S. 31
117
Wesen der Seele
Vorlage S. 31
118
Denn man weiß ja doch nichts von dem Wesen der Seele; man weiß nicht,
Vorlage S. 31
119
Ob sie schon mit der Geburt in uns eingeht oder ob dann erst
Vorlage S. 31
120
Sie entsteht und im Tod mit dem Leibe zusammen sich auflöst;
Vorlage S. 31
121
Ob sie im Orkus verschwindet und seinen geräumigen Schlüften
Vorlage S. 31
122
Oder ob Götterbefehl sie in andre Geschöpfe verbannet.
Vorlage S. 31
123
So sang Ennius einst, der erste der römischen Dichter,
Vorlage S. 31
124
Der von des Helikon Höhen sich ewig grünenden Lorbeer
Vorlage S. 31
125
Pflückte zum Kranz. Hell klinget sein Preis durch Italiens Lande.
Vorlage S. 31
126
Zwar verkündet der Dichter in seinen unsterblichen Versen,
Vorlage S. 31
127
Unten am Acheron seien wohl allerlei Räume, doch unsre
Vorlage S. 31
128
Wirklichen Seelen und Leiber gelangten da nimmer hinunter,
Vorlage S. 31
129
Sondern nur Schattengebilde und wunderlich bläßliche Schemen.
Vorlage S. 31
130
So sei einst aus der Tiefe des ewig jungen Homeros
Vorlage S. 31
131
Schatten im Traum ihm erschienen und habe mit Tränen im Auge
Vorlage S. 31
132
Ihm zu enthüllen begonnen im Lied das Geheimnis des Daseins.
Vorlage S. 31
133
Inhalt der späteren Bücher
Vorlage S. 31
134
Also es ziemt uns zunächst auf die himmlischen Dinge zu achten
Vorlage S. 31
135
Und mit Fleiß zu erforschen die Bahnen der Sonn' und des Mondes,
Vorlage S. 31
136
Wie sie laufen und welcherlei Kraft sich in allem betätigt
Vorlage S. 31
137
Hier auf Erden. Doch forschenswert vor allem bedünkt mich
Vorlage S. 31
138
Unsere Seele, woher sie stammt, und das Wesen des Geistes,
Vorlage S. 31
139
Und was unsere Seele im Wachen nicht minder zu schrecken
Vorlage S. 32
140
Pflegt wie im Krankheitsfall und wenn wir vom Schlafe betäubt sind,
Vorlage S. 32
141
Dass wir die Toten zu sehen und Stimmen von jenen zu hören
Vorlage S. 32
142
Meinen, deren Gebein schon längst von der Erde bedeckt wird.
Vorlage S. 32
143
Schwierigkeit der Aufgabe
Vorlage S. 32
144
Schwer zwar ist's, ich verhehl' es mir nicht, das entdeckte Geheimnis
Vorlage S. 32
145
Griechischer Weltweisheit in lateinischen Versen zu künden.
Vorlage S. 32
146
Auch bedarf es dazu Neuschöpfung vieler Begriffe;
Vorlage S. 32
147
Unsere Sprache versagt gar oft bei der Neuheit des Inhalts;
Vorlage S. 32
148
Doch dein adliger Sinn und die lockende Hoffnung der süßen
Vorlage S. 32
149
Freundschaft treibt mich dazu, mich vor keinerlei Mühe zu scheuen;
Vorlage S. 32
150
Ja sie verleitet mich oft die heiteren Nächte zu wachen,
Vorlage S. 32
151
Bis ich den richtigen Vers und die passenden Wörter gefunden,
Vorlage S. 32
152
Die klarleuchtende Helle vor deinem Verstande verbreiten,
Vorlage S. 32
153
Dass du das Dunkel der Dinge vollständig zu lichten vermöchtest.
Vorlage S. 32
154
Naturforschung als Erlösung
Vorlage S. 32
155
Jene Gemütsangst nun und die lastende Geistesverfinstrung
Vorlage S. 32
156
Kann nicht der Sonnenstrahl und des Tages leuchtende
Vorlage S. 32
157
Helle Scheuchen, sondern allein die Naturanschauung und Forschung.
Vorlage S. 32
158
Sie muss füglich beginnen mit folgendem obersten Leitsatz;
Vorlage S. 32
159
I. Lehrsatz. Nichts wird aus Nichts
Vorlage S. 32
160
Nichts kann je aus dem Nichts entstehn durch göttliche Schöpfung.
Vorlage S. 32
161
Denn nur darum beherrschet die Furcht die Sterblichen alle,
Vorlage S. 32
162
Weil sie am Himmel und hier auf Erden gar vieles geschehen
Vorlage S. 32
163
Sehen, von dem sie den Grund durchaus nicht zu fassen vermögen.
Vorlage S. 32
164
Darum schreiben sie solches Geschehn wohl der göttlichen Macht zu.
Vorlage S. 32
165
Haben wir also gesehen, dass nichts aus dem Nichts wild geschaffen,
Vorlage S. 32
166
Dann wird richtiger auch die Folgerung draus sich ergeben,
Vorlage S. 32
167
Woraus füglich ein jegliches Ding zu entstehen im Stand ist
Vorlage S. 32
168
Und wie alles sich bildet auch ohne die Hilfe der Götter.
Vorlage S. 32
169
Gäb' es Entstehung aus Nichts, dann könnt' aus allem ja alles
Vorlage S. 32
170
Ohne weitres entstehen und nichts bedürfte des Samens.
Vorlage S. 33
171
So könnt' erstlich der Mensch aus dem Meer auftauchen, der Fische
Vorlage S. 33
172
Schuppiges Volk aus der Erde, die Vögel dem Himmel entfliegen,
Vorlage S. 33
173
Herdengetier und anderes Vieh wie die wilden Geschöpfe
Vorlage S. 33
174
Füllten beliebig entstanden das Fruchtland an wie das Ödland.
Vorlage S. 33
175
Auch auf den Bäumen erwüchsen nicht immer dieselbigen Früchte,
Vorlage S. 33
176
Sondern das änderte sich, kurz, alles erzeugte da alles.
Vorlage S. 33
177
Hätte fürwahr nicht jegliches Ding ureigene Keime,
Vorlage S. 33
178
Wie nur könnte für alles ein sicherer Ursprung bestehen?
Vorlage S. 33
179
Doch weil jegliches jetzt aus bestimmten Samen sich bildet,
Vorlage S. 33
180
Tritt es nur dort an den Tag und dringt zu den Räumen des Lichtes,
Vorlage S. 33
181
Wo sich der Mutterstoff und die Urelemente befinden.
Vorlage S. 33
182
Dadurch wird es unmöglich, dass alles aus allem entstehe,
Vorlage S. 33
183
Weil in besonderen Stoffen tut jedes gesondert die Kraft ruht.
Vorlage S. 33
184
Weshalb sehen wir ferner im Lenze die Rosen erblühen,
Vorlage S. 33
185
Sommerhitze das Korn und den Herbst die Trauben uns spenden?
Vorlage S. 33
186
Doch wohl, weil zu der richtigen Zeit sich die Samen der Dinge
Vorlage S. 33
187
Gatten und alles, was dann aus ihnen sich bildet, zu Tag tritt,
Vorlage S. 33
188
Wenn auch die Witterung hilft und die lebenspendende Erde
Vorlage S. 33
189
Sicher das zarte Gewächs in die Räume des Lichtes emporführt.
Vorlage S. 33
190
Kämen aus Nichts sie hervor, dann würden sie plötzlich entstehen
Vorlage S. 33
191
Ohne bestimmten Termin auch in anderen Zeiten des Jahres.
Vorlage S. 33
192
Denn dann gäb' es ja keine befruchtenden Urelemente,
Vorlage S. 33
193
Welche missgünstige Zeit an der Zeugung könnte verhindern.
Vorlage S. 33
194
Auch für das Wachstum wären befruchtende Zeiten nicht nötig,
Vorlage S. 33
195
Wenn aus dem Nichts hervor die Dinge zu wachsen vermöchten.
Vorlage S. 33
196
Denn dann würden sofort aus Säuglingen Jünglinge werden
Vorlage S. 33
197
Und mit urplötzlichem Schuss entwüchsen die Bäume dem Boden.
Vorlage S. 33
198
Aber dergleichen entsteht doch nichts: man sieht es ja deutlich;
Vorlage S. 33
199
Wie es sich schickt, wächst jedes gemach aus besonderem Keime.
Vorlage S. 33
200
Und so wahrt es die eigene Art auch im weiteren Wachsen.
Vorlage S. 33
201
Also man sieht: aus besonderem Stoff mehrt jedes und nährt sich.
Vorlage S. 33
202
Hierzu kommt, dass ohne geregelten Regen im Jahre
Vorlage S. 33
203
Keinerlei labende Frucht uns die Erde vermöchte zu spenden;
Vorlage S. 33
204
Fehlt dann das Futter, so könnten natürlich hinfort die Geschöpfe
Vorlage S. 33
205
Weder die Art fortpflanzen noch selbst ihr Leben nur fristen.
Vorlage S. 33
206
Drum ist's glaublicher, dass gar vielerlei Stoffelemente
Vorlage S. 33
207
Vielerlei Dingen gemeinsam sind, wie die Lettern den Wörtern,
Vorlage S. 33
208
Als dass irgendein Wesen der Urelemente beraubt sei.
Vorlage S. 33
209
Schließlich warum hat Mutter Natur nicht Riesen erschaffen,
Vorlage S. 33
210
Die wohl über das Meer mit den Füßen zu schreiten vermöchten,
Vorlage S. 34
211
Die mit den riesigen Händen die mächtigen Berge zerspellten
Vorlage S. 34
212
Und jahrhundertelang ihr leibliches Leben erstreckten,
Vorlage S. 34
213
Läge nicht für die Entstehung der Wesen jedwedem bestimmter
Vorlage S. 34
214
Urstoff vor, aus dem sich ergibt, was wirklich entstehn kann?
Vorlage S. 34
215
Also: Nichts entsteht aus dem Nichts. Dies ist nicht zu leugnen.
Vorlage S. 34
216
Denn es bedarf doch des Samens ein jegliches Ding zur Entstehung,
Vorlage S. 34
217
Wenn es hervorgehn soll in des Luftreichs dünne Gefilde.
Vorlage S. 34
218
Endlich sehen wir doch, wie bebautes Gelände den Vorzug
Vorlage S. 34
219
Hat vor dem wüsten und bessere Frucht dort erntet der Pflüger.
Vorlage S. 34
220
Siehe, der Erdenschoß birgt offenbar Urelemente,
Vorlage S. 34
221
Die wir zum Licht befördern, so oft wir die fruchtbaren Schollen
Vorlage S. 34
222
Wenden und pflügend die Schar den Boden der Erde durchfurchet.
Vorlage S. 34
223
Wären sie nicht, dann wären umsonst all' unsere Mühen;
Vorlage S. 34
224
Denn dann sähe man alles von selbst viel besser gedeihen.
Vorlage S. 34
225
Nichts wird zu Nichts
Vorlage S. 34
226
Nichts wird zu Nichts
Vorlage S. 34
227
Dazu kommt, dass Mutter Natur in die Urelemente
Vorlage S. 34
228
Wiederum alles zerstreut und Nichts in das Nichts wird vernichtet.
Vorlage S. 34
229
Denn wär' irgendein Wesen in allen Teilen zerstörbar,
Vorlage S. 34
230
Würd' es den Augen entschwinden im Nu, sobald es der Tod trifft.
Vorlage S. 34
231
Denn dann braucht es ja keiner Gewalt, die Teile desselben
Vorlage S. 34
232
Auseinanderzuscheiden und ihre Verbände zu lösen.
Vorlage S. 34
233
Doch nun ist ja ein jedes aus ewigem Samen entsprossen:
Vorlage S. 34
234
Darum scheint die Natur die Vernichtung keines der Wesen
Vorlage S. 34
235
Zuzulassen, solang nicht von außen zerstörend die Kraft wirkt
Vorlage S. 34
236
Oder ins Leere sich schleichend von innen die Bindungen lockert.
Vorlage S. 34
237
Weiter, wenn etwa die Zeit, was sie alt und entkräftet dahinrafft,
Vorlage S. 34
238
Völlig vernichtend träfe und gänzlich verzehrte den Urstoff,
Vorlage S. 34
239
Woher führte denn Venus die Gattungen lebender Wesen
Vorlage S. 34
240
Wieder zum Licht und woher verschaffte die Bildnerin Erde
Vorlage S. 34
241
Jedem nach seinem Geschlechte das Futter zu Nahrung und Wachstum?
Vorlage S. 34
242
Woher füllten das Meer die von fernher strömenden Flüsse
Vorlage S. 34
243
Wie auch die eigenen Quellen? Wie nährte der Äther die Sterne?
Vorlage S. 34
244
Müsste doch längst, was immer aus sterblichem Körper bestehet,
Vorlage S. 34
245
In der unendlichen Zeit und Vergangenheit alles erschöpft sein.
Vorlage S. 34
246
Wenn nun in jener Zeit und den längst vergangenen Tagen
Vorlage S. 34
247
Jene Stoffe bestanden, aus denen die Welt ist erschaffen,
Vorlage S. 34
248
Müssen sie sicher besitzen ein unzerstörbares Wesen.
Vorlage S. 35
249
Also kann in das Nichts auch das Einzelne nimmer zerfallen.
Vorlage S. 35
250
Endlich müsste der nämlichen Kraft und der nämlichen Ursach'
Vorlage S. 35
251
Überall alles erliegen, sofern nicht der ewige Urstoff
Vorlage S. 35
252
Hielte den ganzen Verband bald mehr bald minder vernestelt.
Vorlage S. 35
253
Denn schon die bloße Berührung genügte den Tod zu bewirken,
Vorlage S. 35
254
Weil ja die ewigen Körper dann mangelten, deren Verbindung
Vorlage S. 35
255
Jegliche Kraft erst müsste zuvor auflösend zerstören.
Vorlage S. 35
256
Aber da untereinander die Klammern der Urelemente
Vorlage S. 35
257
Völlig verschieden sie binden und ewiglich dauert der Urstoff,
Vorlage S. 35
258
Hält sich der Dinge Bestand solang, bis die einzelne Bindung
Vorlage S. 35
259
Einer genügenden Kraft, um jene zu sprengen, begegnet.
Vorlage S. 35
260
Nichts wird also zu Nichts, doch löst sich hinwiederum alles,
Vorlage S. 35
261
Wenn es zur Trennung kommt, in des Urstoffs Grundelemente.
Vorlage S. 35
262
Endlich die Regenergüsse verschwinden zwar, wenn sie der Vater
Vorlage S. 35
263
Äther zum Mutterschoße der Erde befruchtend hinabschickt,
Vorlage S. 35
264
Aber emporsteigt schimmernd die Frucht, und das Laub an den Bäumen
Vorlage S. 35
265
Grünt, und sie wachsen empor, bald senkt sich der Ast vor den Früchten.
Vorlage S. 35
266
Hiervon nähren sich wieder der Menschen und Tiere Geschlechter,
Vorlage S. 35
267
Hiervon sehen wir fröhlich die Kinder gedeihn in den Städten,
Vorlage S. 35
268
Und in dem Laubwald hört man der jungen Vögel Gezwitscher,
Vorlage S. 35
269
Hiervon strecken ermüdet die feisten, gemästeten Rinder
Vorlage S. 35
270
Nieder den Leib in das üppige Gras und aus strotzenden Eutern
Vorlage S. 35
271
Fließt ihr schneeweiß milchiger Saft. Hier trinkt nun das Jungvieh,
Vorlage S. 35
272
Und von der Milch wie berauscht, die den zarten Kälbchen zu Kopf steigt,
Vorlage S. 35
273
Spielen sie schwankenden Schrittes wie toll durch das sprossende Gras hin.
Vorlage S. 35
274
Also von dem, was man sieht, geht nichts vollständig zugrunde.
Vorlage S. 35
275
Denn die Natur schafft eins aus dem ändern und duldet kein Werden,
Vorlage S. 35
276
Wenn nicht des einen Geburt mit dem Tode des ändern verknüpft wird.
Vorlage S. 35
277
II. Lehrsatz. Die unsichtbaren Atome
Vorlage S. 35
278
Nunmehr, da ich gelehrt, dass nichts aus dem Nichts wird geboren,
Vorlage S. 35
279
Und dass ebenso auch das Gewordene nicht in das Nichts fällt,
Vorlage S. 35
280
Dass dich nicht Mißtraun etwa zu meinen Worten beschleiche,
Vorlage S. 35
281
Weil man die Urelemente mit Augen zu sehn nicht imstand ist:
Vorlage S. 35
282
Höre nun weiter von Körpern, die eingestandenermaßen
Vorlage S. 36
283
Zwar in der Welt sich befinden und doch sich nicht sichtbar bekunden.
Vorlage S. 36
284
Erstlich denk' an des Windes Gewalt! Wild peitscht er die Meerflut,
Vorlage S. 36
285
Senkt die gewaltigsten Schiffe hinab und zerspaltet die Wolken.
Vorlage S. 36
286
Oft durchsaust er die Felder in rasendem Wirbel und Sturme,
Vorlage S. 36
287
Fällt dort Riesen von Bäumen und geißelt die Gipfel der Berge
Vorlage S. 36
288
Wälder zerschmetternd im Wehn. So rast im grimmigen Schnauben
Vorlage S. 36
289
Durch das Gelände der Sturm und tobt mit bedrohendem Brüllen.
Vorlage S. 36
290
Was sind also die Winde? Doch wohl nichtsichtbare Körper,
Vorlage S. 36
291
Welche die Länder und Meere, nicht minder die Wolken des Himmels
Vorlage S. 36
292
Fegen und mit sich reißen in plötzlichem Wirbel verheerend.
Vorlage S. 36
293
Ebenso flutet auch plötzlich die sanfte Natur der Gewässer
Vorlage S. 36
294
Heftig empor und verpflanzt weithin das Werk der Zerstörung.
Vorlage S. 36
295
Wenn sie durch reichliche Regen geschwollen ihr Bette verlassen
Vorlage S. 36
296
Und von den Bergen herab ein gewaltiger Tobel herabstürzt
Vorlage S. 36
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Trümmer von Wäldern entführend und Riesen von Bäumen entwurzelnd.
Vorlage S. 36
298
Festeste Brücken vermögen des plötzlich kommenden Wassers
Vorlage S. 36
299
Übergewalt nicht zu hemmen. So stößt vom Regen geschwollen
Vorlage S. 36
300
Gegen die Dämme der Fluss mit übergewaltigen Kräften,
Vorlage S. 36
301
Alles zerstört er mit lautem Gebrüll und wälzt in den Wogen
Vorlage S. 36
302
Riesige Felsen: er stürzt, was gegen die Fluten sich anstaut.
Vorlage S. 36
303
So muss also sich auch das Wehen des Windes erklären.
Vorlage S. 36
304
Wie ein gewaltiger Strom so zermalmet er alles und wälzt es
Vorlage S. 36
305
Vor sich mit häufigem Stoße einher, wo immer er einfällt,
Vorlage S. 36
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Oder bisweilen ergreift er mit drohendem Strudel die Dinge
Vorlage S. 36
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Und trägt rasenden Fluges sie fort im rollenden Wirbel.
Vorlage S. 36
308
Also noch einmal: die Winde sind auch nichtsichtbare Körper,
Vorlage S. 36
309
Da sie in Taten und Sitten als Nebenbuhler erscheinen
Vorlage S. 36
310
Zu den gewaltigen Strömen, die sichtbare Körper besitzen.
Vorlage S. 36
311
Ferner empfinden wir auch gar manche Gerüche von Dingen,
Vorlage S. 36
312
Die doch nie in die Nähe der riechenden Nase gelangen.
Vorlage S. 36
313
Auch die glühende Hitze ist unsichtbar und die Kälte
Vorlage S. 36
314
Können wir sichtbar nicht sehn, noch pflegen wir Worte zu schauen,
Vorlage S. 36
315
Gleichwohl muss dies alles ein körperlich Wesen besitzen,
Vorlage S. 36
316
Da es die menschlichen Sinne ja doch zu erregen imstand ist;
Vorlage S. 36
317
Denn nichts kann, als der Körper, Berührung wirken und leiden.
Vorlage S. 36
318
Hängst du ferner ein Kleid an dem flutenumbrandeten Strand auf,
Vorlage S. 36
319
Feucht wird es dort, doch es trocknet auch wieder in glühender Sonne;
Vorlage S. 37
320
Aber man hat nicht gesehn, wie des Wassers Nässe hineinkam
Vorlage S. 37
321
In das Gewand, noch andererseits, wie sie floh vor der Hitze.
Vorlage S. 37
322
Also muss sich das Nass in winzige Teilchen zerteilen,
Vorlage S. 37
323
Die auf keinerlei Weise das Auge zu sehen imstand ist.
Vorlage S. 37
324
Ja auch der Fingerreif wird innen durch stetiges Tragen
Vorlage S. 37
325
Immer dünner im Laufe der wiederkehrenden Jahre.
Vorlage S. 37
326
Gleich wie der fallende Tropfen den Stein höhlt, also vernutzt sich
Vorlage S. 37
327
Auch an dem Pfluge die eiserne Schar unmerklich im Boden.
Vorlage S. 37
328
Ferner das steinerne Pflaster wird bald durch die Füße der Leute
Vorlage S. 37
329
Abgetreten, am Tore die ehernen Bilder der Götter
Vorlage S. 37
330
Zeigen verscheuerte Hände. Denn immer berühret in Andacht,
Vorlage S. 37
331
Wenn es vorüberwandert, das Volk zur Begrüßung die Rechte.
Vorlage S. 37
332
Also wir sehen nun klar: Dies mindert sich, weil es sich abnützt;
Vorlage S. 37
333
Doch was in jedem Momente an Körperchen gehet verloren,
Vorlage S. 37
334
Hat die Natur uns neidisch verwehrt mit den Augen zu schauen.
Vorlage S. 37
335
Schließlich, was Tag um Tag die Natur allmählich den Dingen
Vorlage S. 37
336
Zulegt, wie sie allmählich das Wachstum also befördert.
Vorlage S. 37
337
Das kann nimmer ein Auge erspähn mit gespanntestem Blicke.
Vorlage S. 37
338
Ebensowenig vermagst du zu sehn, was das dörrende Alter
Vorlage S. 37
339
Wegnimmt, oder am Meer, was die überhängenden Felsen,
Vorlage S. 37
340
Welche das Salz zernaget, in jedem Momente verlieren.
Vorlage S. 37
341
Unsichtbar sind also die Körper, durch die die Natur wirkt.
Vorlage S. 37
342
III. Lehrsatz. Das Vakuum
Vorlage S. 37
343
Aber es ist nicht alles gedrängt voll Körpermaterie
Vorlage S. 37
344
Allerseits. Denn es gibt noch im Innern der Dinge das Leere.
Vorlage S. 37
345
Dies ist zu wissen für dich in vielen Beziehungen nützlich;
Vorlage S. 37
346
Denn es lässt dich nicht schwanken und ratlos immerdar grübeln
Vorlage S. 37
347
Über das Ganze der Welt, statt unserem Wort zu vertrauen.
Vorlage S. 37
348
Also es gibt ein leeres, ein fühllos, stoffloses Wesen.
Vorlage S. 37
349
Wäre das Leere nicht da, dann könnt' auf keinerlei Weise
Vorlage S. 37
350
Irgendein Ding sich bewegen. Denn Widerstand zu entwickeln,
Vorlage S. 37
351
Das ist des Körpers Amt; dies würde beständig in allen
Vorlage S. 37
352
Dingen sich zeigen. Es könnte mithin nichts weiterhin vorgehn;
Vorlage S. 37
353
Denn nichts wollte zuerst Platz machen für andere Wesen.
Vorlage S. 37
354
Aber wir sehen doch jetzt vor den Augen sich vielerlei regen
Vorlage S. 38
355
Und in verschiedenster Art sich durch Länder und Meere bewegen
Vorlage S. 38
356
Wie an dem Himmelsgewölbe. Doch fehlte nun etwa das Leere,
Vorlage S. 38
357
Würde sich nicht nur nichts in reger Bewegung befinden,
Vorlage S. 38
358
Sondern es fehlte durchaus auch die Möglichkeit jeder Erzeugung,
Vorlage S. 38
359
Da sich der rings aufhäufende Stoff nicht zu rühren vermöchte,
Vorlage S. 38
360
Übrigens hält man zwar die Dinge für dicht und solide,
Vorlage S. 38
361
Aber wie locker ihr Körper, ersieht man aus folgendem Beispiel:
Vorlage S. 38
362
Durch das Grottengestein fließt Wasser in flüssigem Strome,
Vorlage S. 38
363
Überall rieseln herab die reichlich tropfenden Tränen.
Vorlage S. 38
364
Ferner: die Speise verteilt sich im ganzen Leib der Geschöpfe.
Vorlage S. 38
365
Auch die Bäume gedeihen und spenden zur Zeit uns die Früchte,
Vorlage S. 38
366
Weil sich der Nahrungssaft von den untersten Wurzeln nach oben
Vorlage S. 38
367
Wie durch den Stamm, so durch alles Gezweig vollständig verbreitet.
Vorlage S. 38
368
Mauern durchdringet der Schall und durchfliegt auch verschlossene Häuser,
Vorlage S. 38
369
Und der erstarrende Frost dringt durch bis zum Mark und den Knochen.
Vorlage S. 38
370
Wären die Räume nicht leer, durch welche die einzelnen Körper
Vorlage S. 38
371
Könnten hindurch sich bewegen, so wäre dergleichen unmöglich.
Vorlage S. 38
372
Endlich warum ist dies an Gewicht just schwerer als jenes,
Vorlage S. 38
373
Ohne dass ihre Gestalt an Umfang wäre verschieden?
Vorlage S. 38
374
Wäre von Körpermasse gleichviel vorhanden im Wollknäul
Vorlage S. 38
375
Wie in dem Klumpen von Blei, dann müssten sie gleichen Gewichts sein;
Vorlage S. 38
376
Ist doch des Körpers Amt nach unten hin alles zu drücken,
Vorlage S. 38
377
Wie es zum Wesen des Leeren gehört des Gewichts zu ermangeln.
Vorlage S. 38
378
Also was gleichgroß ist und dennoch leichter erscheinet,
Vorlage S. 38
379
Zeigt natürlich uns an, dass in ihm mehr Leeres sich birget;
Vorlage S. 38
380
Andererseits was schwerer erscheint, gibt uns zu erkennen,
Vorlage S. 38
381
Dass es an Masse wohl mehr, doch weniger Leeres enthalte.
Vorlage S. 38
382
Also es ist in den Dingen natürlich noch etwas enthalten,
Vorlage S. 38
383
Was wir spürsamen Geistes erforschen: wir nennen's das Leere.
Vorlage S. 38
384
Widerlegung des Gegenbeweises. Schwimmender Fisch
Vorlage S. 38
385
Eines muss ich hierbei zuvor noch erwähnen, damit nicht
Vorlage S. 38
386
Wahngebilde der Gegner vom Pfade dich lockender Wahrheit.
Vorlage S. 38
387
Vor den schuppigen Tieren (so sagen sie) weiche das Wasser,
Vorlage S. 38
388
Während sie schwimmen, zurück und eröffne die Bahn, weil sie hinten
Vorlage S. 38
389
Platz zum Zusammenströmen den weichenden Wellen gewährten.
Vorlage S. 39
390
So aneinander vorbei sich bewegend vermöchten auch andre
Vorlage S. 39
391
Dinge beliebig die Stellung zu tauschen, wenn alles auch voll ist.
Vorlage S. 39
392
Merke dir, dieser Beweis ruht ganz auf falscher Begründung.
Vorlage S. 39
393
Wohin sollten denn nur die schuppigen Fische vorangehn,
Vorlage S. 39
394
Machte das Wasser nicht Platz? Wenn ferner die Wellen zurückgehn,
Vorlage S. 39
395
Wie vermöchten sie das, wenn die Fische sich rühren nicht können?
Vorlage S. 39
396
Also man muss entweder jedwede Bewegung der Körper
Vorlage S. 39
397
Leugnen oder behaupten: es gibt ein Leeres in ihnen,
Vorlage S. 39
398
Welches den Anfang schafft jedwedem zu jeder Bewegung.
Vorlage S. 39
399
Endlich noch dies! Zwei breite, zusammenstoßende Körper
Vorlage S. 39
400
Prallen mit Wucht auseinander. Da muss nun die Luft in das Leere,
Vorlage S. 39
401
Das hierzwischen entsteht, eindringen und gänzlich es füllen.
Vorlage S. 39
402
Aber auch wenn sie sofort ringsum in beschleunigtem Zustrom
Vorlage S. 39
403
Flösse zusammen, so kann sie doch nimmer in einem Momente
Vorlage S. 39
404
Sämtlichen Raum ausfüllen. Sie muss erst jeden der Plätze
Vorlage S. 39
405
Nacheinander erobern, bis alles am Ende besetzt ist.
Vorlage S. 39
406
Glaubt man nun etwa, der Grund für der Körper gewaltsamen Abprall
Vorlage S. 39
407
Sei aus der Luft zu entnehmen und ihrer Verdichtung, so irrt man.
Vorlage S. 39
408
Denn es entsteht ja ein leerer Raum, der vorher nicht da war,
Vorlage S. 39
409
Ebenso füllt sich auch wieder die Leere, die vorher bestanden.
Vorlage S. 39
410
Niemals kann sich die Luft auf ähnliche Weise verdichten
Vorlage S. 39
411
Oder, wenn je sie es könnte, wie sollte sie ohne das Leere
Vorlage S. 39
412
Sich in sich selber zusammenziehn und die Teile vereinen?
Vorlage S. 39
413
Magst du dich drum bestreitend auch noch so drehen und wenden,
Vorlage S. 39
414
Musst du doch endlich gestehen: es gibt in den Dingen ein Leeres.
Vorlage S. 39
415
Mahnung an Memmius
Vorlage S. 39
416
Mahnung an Memmius
Vorlage S. 39
417
Vieles vermocht' ich dir noch zusammenzuscharren, um hierdurch
Vorlage S. 39
418
Unserer Lehre Beweis durch weitere Gründe zu stärken.
Vorlage S. 39
419
Aber dem spürsamen Geiste genügen auch diese geringen
Vorlage S. 39
420
Spuren der Fährte bereits, um das übrige selber zu finden.
Vorlage S. 39
421
Denn wie im Waldesrevier die Doggen mit witternder Nase
Vorlage S. 39
422
Häufig die Lager des Wildes, die laubverdeckten, erspüren,
Vorlage S. 39
423
Wenn sie nur erst einmal auf die sichere Fährte gelangt sind,
Vorlage S. 39
424
So wirst selber du nun bei derlei Fragen imstand sein,
Vorlage S. 39
425
Eins aus dem ändern zu lernen und in die verborgenen Winkel
Vorlage S. 39
426
Einzudringen, um hieraus hervorzuziehen die Wahrheit.
Vorlage S. 39
427
Säumst du jedoch und willst von der Sache dich etwas zurückziehn,
Vorlage S. 40
428
Geb' ich dir dieses Versprechen, mein Memmius, offen und ehrlich:
Vorlage S. 40
429
Aus dem gewaltigen Quell, der überreich mir im Innern
Vorlage S. 40
430
Quillt, wird mein süßer Gesang dir volle Pokale kredenzen.
Vorlage S. 40
431
Eher noch kommt, wie ich fürchte, das Alter mir langsam geschlichen
Vorlage S. 40
432
Und löst leise die Riegel, die schützend mein Leben verwahren,
Vorlage S. 40
433
Als ich dein Ohr mit der Fülle der formgerechten Beweise
Vorlage S. 40
434
Voll gesättigt, wie solche für jeglichen Fall mir zur Hand sind.
Vorlage S. 40
435
Nun gilt's fortzuspinnen den eben begonnenen Faden.
Vorlage S. 40
436
Nur zwei Prinzipien: Atom und Vakuum
Vorlage S. 40
437
Alle Natur, wie sie ist an sich, muss also bestehen
Vorlage S. 40
438
Aus zwei Dingen allein. Denn Körper nur gibt es und Leeres,
Vorlage S. 40
439
Welches die Körper umfängt und Bahn schafft jeder Bewegung.
Vorlage S. 40
440
Was nun die Körper betrifft, so lehrt der gewöhnliche Sinn schon,
Vorlage S. 40
441
Dass sie bestehn. Und wenn wir den Sinnen vor allem nicht trauen,
Vorlage S. 40
442
Fehlt uns der Grund, auf den wir gestützt die verborgenen Dinge
Vorlage S. 40
443
Irgendwie mit verständigem Geist zu erforschen vermögen.
Vorlage S. 40
444
Ferner der Ort und der Raum, den wir als das Leere bezeichnen,
Vorlage S. 40
445
Gab' es ihn nicht, so könnten ja nirgend die Körper sich lagern,
Vorlage S. 40
446
Oder sich irgend bewegen wohin nach verschiedener Richtung,
Vorlage S. 40
447
Was wir dir oben vor kurzem ausführlichst haben bewiesen.
Vorlage S. 40
448
Ein Drittes ausgeschlossen
Vorlage S. 40
449
Ferner gibt es ja nichts, was als völlig verschieden vom Körper
Vorlage S. 40
450
Nennen sich lässt und zugleich nicht minder vom Leeren geschieden,
Vorlage S. 40
451
Was sich gleichsam als dritte Natur zu den ändern gesellte.
Vorlage S. 40
452
Denn was immer nur ist, muss immer aus Etwas bestehen,
Vorlage S. 40
453
Mag es nun groß an Gestalt, mag endlich auch klein es erscheinen:
Vorlage S. 40
454
Wenn es Berührung erfährt auch nur in dem winzigsten Umfang,
Vorlage S. 40
455
Wird sich dadurch auch des Körpers Betrag und die Summe vermehren.
Vorlage S. 40
456
Wenn es jedoch nicht faßbar erscheint, da es nirgend verhindert,
Vorlage S. 40
457
Dass ein beliebiger Körper in voller Bewegung hindurchfährt,
Vorlage S. 40
458
Merke dir, das ist der Raum, den wir als das Leere bezeichnen.
Vorlage S. 40
459
Auch wird, was für sich selber besteht, selbst Wirkungen äußern,
Vorlage S. 40
460
Oder es wird an sich selbst die Wirkungen andrer erleiden,
Vorlage S. 40
461
Oder es bietet den Raum für der ändern Wirkung und Dasein.
Vorlage S. 41
462
Aber Wirken und Leiden ist ohne den Körper unmöglich,
Vorlage S. 41
463
Und es gewähret den Raum nur Körperloses und Leeres.
Vorlage S. 41
464
Drum kann neben den Körpern und neben dem Leeren ein Drittes
Vorlage S. 41
465
Nie und nimmer für sich bestehn in dem Reiche der Dinge,
Vorlage S. 41
466
Weder was irgendeinmal für unsere Sinne sei faßbar,
Vorlage S. 41
467
Noch was mit dem Verstande der Mensch zu erschließen vermöchte.
Vorlage S. 41
468
IV. Lehrsatz. Akzidenzen der Prinzipien
Vorlage S. 41
469
IV. Lehrsatz. Akzidenzen der Prinzipien
Vorlage S. 41
470
Alles, was Namen besitzt, hängt ab von den beiden Prinzipien.
Vorlage S. 41
471
Denn es gibt nichts als beider »Verbindung« oder »Ergebnis«.
Vorlage S. 41
472
Als ein Verbundenes gilt, was ohne vernichtende Scheidung
Vorlage S. 41
473
Niemals trennen sich lässt noch abgesondert bestehn kann.
Vorlage S. 41
474
So hat der Stein sein Gewicht, das Feuer die Glut und das Wasser
Vorlage S. 41
475
Nässe; den Körpern ist eigen Berührung, nur nicht dem Leeren,
Vorlage S. 41
476
Knechtschaft aber und Freiheit und ferner Armut und Reichtum,
Vorlage S. 41
477
Wie auch Frieden und Krieg und alles, was sonst noch hinzukommt
Vorlage S. 41
478
Oder verschwindet, doch ohne das Wesen der Dinge zu ändern:
Vorlage S. 41
479
All dies sind wir gewöhnt, wie es recht ist, Ergebnis zu nennen.
Vorlage S. 41
480
Auch ist die Zeit kein Ding an sich, nein, unsere Sinne
Vorlage S. 41
481
Nehmen erst ab von den Dingen, was in der Vergangenheit vorging,
Vorlage S. 41
482
Was uns soeben bedrängt, und endlich was später geschehn wird.
Vorlage S. 41
483
Niemand kann ja die Zeit an sich mit den Sinnen erfassen,
Vorlage S. 41
484
Wenn man die Ruhe der Dinge und ihre Bewegung nicht abmißt.
Vorlage S. 41
485
Wenn man die Sage vernimmt von Helenas Raub und von Trojas
Vorlage S. 41
486
Niederwerfung im Krieg, so muss man sich hüten zu meinen,
Vorlage S. 41
487
Jene Geschehnisse ständen für sich als wirkliche Dinge,
Vorlage S. 41
488
Weil ja die Menschengeschlechter, die jenes »Ergebnis« erfuhren,
Vorlage S. 41
489
Unwiderruflich hinab der vergangene Zeitraum geschlungen.
Vorlage S. 41
490
Denn von dem Land an sich ist das jedesmal'ge Ergebnis
Vorlage S. 41
491
Wohl zu trennen, das grade in dessen Bezirke sich abspielt.
Vorlage S. 41
492
Wäre nun gar in den Dingen der Stoff nicht vorhanden gewesen
Vorlage S. 41
493
Oder der Ort und der Raum, in welchem sich alles ereignet,
Vorlage S. 41
494
Hätte der Helena Schönheit wohl nimmer das Feuer der Liebe
Vorlage S. 41
495
Bei Alexander entfacht und ins Phrygierherz sich gestohlen,
Vorlage S. 41
496
Hätt' auch die Fackel des wilden, von allen besungenen Krieges
Vorlage S. 41
497
Nimmer entzündet. Dann hätte das hölzerne Pferd und die Griechen,
Vorlage S. 41
498
Die es nächtens gebar, auch nimmer die Veste zerstöret.
Vorlage S. 42
499
Daraus kannst du ersehn, dass alle Geschehnisse durchweg
Vorlage S. 42
500
Nicht auf sich selber beruhn und nicht wie der Körper bestehen,
Vorlage S. 42
501
Noch auch so wie das Leere besondre Benennung verdienen,
Vorlage S. 42
502
Sondern nur so, dass man richtig vielmehr von »Ergebnissen« redet,
Vorlage S. 42
503
Die an den Körper und Ort, wo jedes geschieht, sind gebunden.
Vorlage S. 42
504
Atomstruktur und Vakuum
Vorlage S. 42
505
Körper zerfallen nun teils in Urelemente der Dinge,
Vorlage S. 42
506
Teils in das, was entsteht durch Verbindung der Urelemente.
Vorlage S. 42
507
Aber die Urelemente sind allen Gewalten zum Trotze
Vorlage S. 42
508
Unvertilgbar. Sie schützt ihr undurchdringlicher Körper.
Vorlage S. 42
509
Freilich es scheint recht schwierig zu glauben, es sei in den Dingen
Vorlage S. 42
510
Irgend etwas zu finden mit undurchdringlichem Körper.
Vorlage S. 42
511
Denn es durchdringt ja der himmlische Blitz die Gefache der Häuser,
Vorlage S. 42
512
Ganz wie der Stimmen Geräusch; weiß glühet das Eisen im Feuer,
Vorlage S. 42
513
Und es zerbersten die Felsen, wenn Dampf sie heftig erglühn lässt.
Vorlage S. 42
514
Wie die Starre des Golds durch die Glut wird erweicht und geschmolzen,
Vorlage S. 42
515
So wird der Spiegel des Erzes besiegt von der Flamme verflüssigt.
Vorlage S. 42
516
Wärme durchströmet das Silber wie tiefeindringende Kälte.
Vorlage S. 42
517
Beides fühlen wir deutlich, sobald die ergreifende Rechte
Vorlage S. 42
518
Fasst den Pokal, in den sich ergießt das Getränke von oben.
Vorlage S. 42
519
So sehr scheint in der Welt nichts Undurchdringliches denkbar.
Vorlage S. 42
520
Aber es treibt mich die lautre Vernunft und das Wesen der Dinge;
Vorlage S. 42
521
Darum höre nun jetzt, wie in wenigen Versen ich zeige,
Vorlage S. 42
522
Dass es in Wahrheit Keime von festem und ewigem Stoff gibt,
Vorlage S. 42
523
Die man betrachten muss als die Urelemente des Weltalls;
Vorlage S. 42
524
Alles entstand und besteht auch jetzt noch einzig aus ihnen.
Vorlage S. 42
525
Erstlich nun muss notwendig, da diese Prinzipien beide,
Vorlage S. 42
526
Körper und leerer Raum, in welchem sich alles beweget,
Vorlage S. 42
527
Gänzlich verschiedne Natur, wie man längst entdeckt hat, besitzen,
Vorlage S. 42
528
Jedes für sich selbständig bestehn und rein sich erhalten.
Vorlage S. 42
529
Denn wo immer der Raum sich erstreckt, den Leeres wir heißen,
Vorlage S. 42
530
Ist kein Körper vorhanden, und wiederum, wo sich der Körper
Vorlage S. 42
531
Ausdehnt, fehlt vollständig das Körperlose, das Leere.
Vorlage S. 42
532
Drum sind die Urelemente solid und ermangeln des Leeren,
Vorlage S. 42
533
Da sich nun ferner das Leere in allem Erschaffenen findet,
Vorlage S. 42
534
Muss ringsum sich ein dichterer Stoff um das Leere erstrecken.
Vorlage S. 43
535
Denn bei keinem der Wesen vermag man mit richtigem Schlüsse
Vorlage S. 43
536
Darzutun, dass das Leere in ihm sich verbirgt und versteckt hält,
Vorlage S. 43
537
Wenn man zugleich nicht den dichten, umfassenden Stoff noch dazunimmt.
Vorlage S. 43
538
Dies kann füglich nichts anderes sein als vereinigter Urstoff,
Vorlage S. 43
539
Der in den Dingen vermag das Leere zusammenzuschließen.
Vorlage S. 43
540
Also der Urstoff selbst, der aus dichtestem Körper bestehn muss,
Vorlage S. 43
541
Kann urewig nur sein; das übrige löst sich im Tod auf.
Vorlage S. 43
542
Ferner, wenn das nicht wäre, was Raum verstattet, das Leere,
Vorlage S. 43
543
Wäre ja alles solid, und wiederum, gab es die Körper
Vorlage S. 43
544
Nicht, die sicher die Orte besetzten und völlig erfüllten,
Vorlage S. 43
545
Dann war' unsere Welt nichts andres als ödeste Wüste.
Vorlage S. 43
546
Also Körper und Leeres ist wechselweise geschieden;
Vorlage S. 43
547
Dies ist klar, da weder das Volle ausschließlich für sich steht
Vorlage S. 43
548
Noch auch das Leere. Somit gibt's eben besondere Körper,
Vorlage S. 43
549
Welche den leeren Raum von dem Vollen zu scheiden vermögen.
Vorlage S. 43
550
Diese lassen sich nicht durch Schläge von außen zertrümmern,
Vorlage S. 43
551
Noch löst irgendwie sich ihr festes Gefüge von innen,
Vorlage S. 43
552
Noch bringt irgendein anderer Fall sie erschütternd ins Wanken,
Vorlage S. 43
553
Was ich schon oben vor kurzem dir deutlich zu zeigen vermochte.
Vorlage S. 43
554
Wo das Leere nicht ist, da erscheint auch jede Verbeulung,
Vorlage S. 43
555
Jedes Zerbrechen unmöglich, wie jegliche Teilung in Hälften.
Vorlage S. 43
556
Nässe berührt sie nimmer, noch tief einwirkende Kälte,
Vorlage S. 43
557
Noch eindringendes Feuer, die alleszerstörenden Feinde.
Vorlage S. 43
558
Aber je mehr von dem Leeren ein Ding in dem Innern beherbergt,
Vorlage S. 43
559
Um so leichter erliegt es dem Eingriff jener Gewalten.
Vorlage S. 43
560
Sind nun also, so wie ich's gelehrt, die Urelemente
Vorlage S. 43
561
Dicht und ohne das Leere, dann müssen sie ewig bestehen.
Vorlage S. 43
562
Übrigens: wär' in der Welt nicht vorhanden der ewige Urstoff,
Vorlage S. 43
563
Wäre schon alles wohl längst in das Nichts vollständig versunken,
Vorlage S. 43
564
Und was wir irgend erblicken, müsst' immer von neuem erstehen.
Vorlage S. 43
565
Aber ich habe schon früher gelehrt, nichts könne sich bilden
Vorlage S. 43
566
Aus dem Nichts, noch zurück in das Nichts das Geschaffene sinken;
Vorlage S. 43
567
Deshalb müssen unsterblichen Leibs die Urelemente
Vorlage S. 43
568
Sein, in welche zuletzt jedwedes Geschaffne sich auflöst,
Vorlage S. 43
569
Um dann wieder den Stoff zu erneuten Geburten zu liefern.
Vorlage S. 43
570
Also die Urelemente sind einfach stets und solide,
Vorlage S. 43
571
Und sie können nicht anders auf ewig sich selber bewahren
Vorlage S. 43
572
Und seit undenklicher Zeit stets neue Geburten erschaffen.
Vorlage S. 43
573
Unteilbarkeit der Atome
Vorlage S. 43
574
Hätte nun ferner Natur kein Ende gesetzt der Zerstörung
Vorlage S. 44
575
Unter den Dingen, dann wären schon lange die Körper des Urstoffs
Vorlage S. 44
576
Durch der vergangenen Zeiten Verderb so völlig vernichtet,
Vorlage S. 44
577
Dass keins ihrer Geschöpfe von Stunde der Zeugung ab könnte
Vorlage S. 44
578
Binnen bestimmter Frist zu des Lebens Höhe gelangen.
Vorlage S. 44
Lukrez – Über die Natur der Dinge
Kontextbild zum Werk. Lukrez – Über die Natur der Dinge — Historische Ausgabe von Lukrez’ De rerum natura; Werkbild zur Textüberlieferung. · Lucretius, 94–55 B.C.E. · CC BY-SA 3.0 Bildquelle ↗
579
Denn wir sehen, wie alles sich schneller zu lösen imstand ist
Vorlage S. 44
580
Als aufs neue zu bilden. Darum auch könnte sich niemals,
Vorlage S. 44
581
Was die unendliche Zeit in der Reihe vergangener Tage
Vorlage S. 44
582
Bis auf die jetzige Stunde zerstreut hat oder zertrümmert,
Vorlage S. 44
583
Wieder aufs neue gestalten im Laufe der künftigen Zeiten.
Vorlage S. 44
584
Doch jetzt bleibt ja natürlich ein festeres Ziel der Vernichtung
Vorlage S. 44
585
Abgesteckt, da wir sehen, wie jegliches Ding sich erneuert,
Vorlage S. 44
586
Und wie für jedes Geschlecht zugleich auch besondere Fristen
Vorlage S. 44
587
Feststehn, innerhalb deren des Lebens Blüte sich aufschließt.
Vorlage S. 44
588
Struktur der vier Elemente
Vorlage S. 44
589
Struktur der vier Elemente
Vorlage S. 44
590
Dazu kommt noch das Neue, dass, ob auch die Körper des Urstoffs
Vorlage S. 44
591
Völlige Dichte besitzen, trotzdem die entstehenden Dinge
Vorlage S. 44
592
Luft, Feu'r, Erde und Wasser von lockrer Beschaffenheit werden.
Vorlage S. 44
593
All dies lässt sich verstehn durch das Leere, das allem sich beimischt.
Vorlage S. 44
594
Wären dagegen schon locker die Grundelemente der Dinge,
Vorlage S. 44
595
Woher stammten dann Eisen und härtlicher Kiesel, wie wären
Vorlage S. 44
596
Diese geworden, wo bliebe die Kraft, dies alles zu schaffen?
Vorlage S. 44
597
Niemand könnte das sagen. Es würde die ganze Natur dann
Vorlage S. 44
598
Völlig und ganz ermangeln des grundsteinlegenden Anfangs.
Vorlage S. 44
599
Also die Grundelemente sind einfach zwar und solide,
Vorlage S. 44
600
Aber durch ihren Verband, wenn sie fest aneinander sich schließen,
Vorlage S. 44
601
Können die vielen zusammen gewaltige Kräfte entfalten.
Vorlage S. 44
602
Wäre sodann kein Ende gesetzt der Vernichtung der Körper,
Vorlage S. 44
603
Müssten doch einige Körper zum mindesten übrig geblieben
Vorlage S. 44
604
Sein, die aus ewiger Zeit sich bis jetzt in den Dingen erhielten
Vorlage S. 44
605
Und entronnen zu sein aus allen Gefahren sich rühmten.
Vorlage S. 44
606
Aber da längst feststeht, sie seien zerbrechlichen Wesens,
Vorlage S. 44
607
Ist es ein Widerspruch, dass jene die ewige Zeit durch
Vorlage S. 44
608
Trotz unzähliger Stöße sich könnten am Leben erhalten.
Vorlage S. 44
609
Endlich ist festgestellt, dass jedem Geschlechte das Ende
Vorlage S. 44
610
Seines Wachsens und Lebens von vornherein ist gegeben,
Vorlage S. 45
611
Und was jedes vermag den Naturgesetzen zu Folge
Vorlage S. 45
612
Oder was nicht, steht längst schon fest nach ewiger Satzung.
Vorlage S. 45
613
Daran ändert sich nichts, vielmehr bleibt alles beständig,
Vorlage S. 45
614
So, dass stets nach der Reihe die buntgefiederten Vögel
Vorlage S. 45
615
Je nach ihrem Geschlecht dieselbigen Tupfen vererben;
Vorlage S. 45
616
Also müssen sie wohl den nimmer sich ändernden Urstoff
Vorlage S. 45
617
Schon in dem Körper besitzen. Denn könnten die Urelemente
Vorlage S. 45
618
Irgendwie in den Dingen beliebig Veränderung leiden,
Vorlage S. 45
619
Dann wär' auch nicht klar, was eigentlich könnte entstehen
Vorlage S. 45
620
Oder was füglich auch nicht; und wie jedwedem umzirkt sei
Vorlage S. 45
621
Seine wirkende Kraft und der grundtief ruhende Markstein.
Vorlage S. 45
622
Nie auch könnten ererben nach Sippen getrennt die Geschöpfe
Vorlage S. 45
623
Bildung, Bewegung, Gesittung und Lebensführung der Eltern.
Vorlage S. 45
624
Gibt's ein Minimum?
Vorlage S. 45
625
Weil nun ein äußerster Punkt bei jenem Urelemente
Vorlage S. 45
626
Ist, das unseren Sinnen schon nicht mehr zu schauen vergönnt ist,
Vorlage S. 45
627
So kann dieser natürlich nicht weitere Teilchen besitzen,
Vorlage S. 45
628
Sondern ist schlechthin das Kleinste, das nie für sich hat bestanden
Vorlage S. 45
629
Als selbständiger Teil und nie als solcher bestehn wird.
Vorlage S. 45
630
Denn es ist selbst nur des anderen Teil, und zwar nur das eine
Vorlage S. 45
631
Erste, wie andere dann und andere ähnliche Teilchen
Vorlage S. 45
632
Dicht aneinander sich reihen, um so das Atom zu gestalten.
Vorlage S. 45
633
Da sie für sich nicht können bestehn, so müssen sie alle
Vorlage S. 45
634
Unauflösbar in jedem Bezug aneinander sich ketten.
Vorlage S. 45
635
Also die Grundelemente sind einfach stets und solide,
Vorlage S. 45
636
Da sie mit winzigsten Teilchen zwar eng aneinander geschlossen,
Vorlage S. 45
637
Doch nicht entstanden sind aus einzelner Teilchen Verbindung,
Vorlage S. 45
638
Sondern durch Einheit mächtig, die ewiges Leben verbürget.
Vorlage S. 45
639
Davon lässt die Natur nichts abtun oder vermindern;
Vorlage S. 45
640
Denn sie muss ja die Keime zu künft'gen Geburten bewahren.
Vorlage S. 45
641
Nimmt man sodann dies Kleinste nicht an, so würden doch wieder
Vorlage S. 45
642
Aus unzähligen Teilen die winzigsten Körper bestehen.
Vorlage S. 45
643
Denn stets würde die Hälfte sich weiter in Hälften zerteilen,
Vorlage S. 45
644
Und so würde das Teilen ja nirgends ein Ende erreichen.
Vorlage S. 45
645
Größtes mithin und Kleinstes, wie unterschiede sich beides?
Vorlage S. 45
646
Rein durch nichts. Denn ließe sich auch das All in Gesamtheit
Vorlage S. 45
647
Wirklich unendlich teilen, so würde doch ebenso wieder
Vorlage S. 46
648
All das Kleinste bestehn aus unendlich teilbaren Teilen.
Vorlage S. 46
649
Doch die gesunde Vernunft verwirft dies gänzlich und leugnet,
Vorlage S. 46
650
Dass es unserm Geist je glaublich erschiene. So musst du
Vorlage S. 46
651
Überwunden gestehn: es ist wirklich ein Kleinstes vorhanden,
Vorlage S. 46
652
Das nicht teilbar mehr ist. So musst du denn weiter gestehn,
Vorlage S. 46
653
Dass es unsterblichen Wesens infolge der dichten Struktur ist.
Vorlage S. 46
654
Endlich wenn die Natur, die Schöpferin, alles Geschaffne
Vorlage S. 46
655
Wieder in kleinste Partikeln sich ganz zu verflüchtigen zwänge,
Vorlage S. 46
656
Könnte sie nimmer aus diesen die alten Gebilde erneuern
Vorlage S. 46
657
Deshalb, weil ja doch diese unteilbar kleinsten Partikeln
Vorlage S. 46
658
Nicht das können besitzen, was zeugende Stoffe besitzen
Vorlage S. 46
659
Müssen: Gewicht und Stöße, Zusammenprall und Bewegung
Vorlage S. 46
660
Wievielfache Verbindung; denn so nur betätigt sich alles.
Vorlage S. 46
661
Wider Heraklit und Genossen
Vorlage S. 46
662
Deshalb scheinen mir jene, die Feuer zum Grundstoff wählten
Vorlage S. 46
663
Und aus dem Feuer allein sich das Weltall dachten entstanden,
Vorlage S. 46
664
Ganz und gar von der Wahrheit Weg in die Irre zu gehen.
Vorlage S. 46
665
Diesen voran als erster begann Herakleitos das Treffen,
Vorlage S. 46
666
Dessen dunkele Sprache in griechischen Landen berühmt ist,
Vorlage S. 46
667
Mehr bei den Gecken jedoch als den ernsteren Forschern der Wahrheit.
Vorlage S. 46
668
Denn die Toren bewundern und lieben just alles am meisten,
Vorlage S. 46
669
Was sie unter dem Mantel verschrobener Worte versteckt sehn,
Vorlage S. 46
670
Und sie halten für wahr, was hübsch um die Ohren sie kitzelt
Vorlage S. 46
671
Und was auf ist geschmückt mit dem Wohllaut witziger Rede.
Vorlage S. 46
672
Denn ich frage, warum nur die Dinge so mannigfach wären,
Vorlage S. 46
673
Wenn ihr Ursprung wäre das lautere Feuer alleine?
Vorlage S. 46
674
Denn es nützte ja nichts, dass des Feuers Glut sich verdünnte
Vorlage S. 46
675
Oder verdichtete, hätten die Teile des Feuers dasselbe
Vorlage S. 46
676
Wesen, das ebenso schon das Feuer im ganzen besitzet.
Vorlage S. 46
677
Zwar wenn enger die Teile zusammen sich pressen, wird schärfet
Vorlage S. 46
678
Werden die Glut und gelinder, wenn diese zerstreut und getrennt sind.
Vorlage S. 46
679
Aber an weitere Wirkung ist doch bei solchem Verhältnis
Vorlage S. 46
680
Gar nicht zu denken, geschweige, dass solche Verschiedenheit könnte
Vorlage S. 46
681
Aus dem Feuer entstehn durch Verdichtung oder Verdünnung.
Vorlage S. 46
682
Ferner noch dies: wenn das Leere sie noch zu den Dingen gesellten,
Vorlage S. 46
683
Könnte sich leichter das Feuer verflüchtigen oder verdichten.
Vorlage S. 47
684
Freilich erkennt sein Buch, dass vieles mit seinen Gedanken
Vorlage S. 47
685
Streitet; und da er sich scheut, an das lautere Leere zu glauben,
Vorlage S. 47
686
So verliert er den richtigen Weg aus Angst vor der Steilheit.
Vorlage S. 47
687
Auch dies sieht er nicht ein, dass, wenn man das Leere beseitigt,
Vorlage S. 47
688
Alles sich dichtet und klumpet zu einem ureinzigen Körper,
Vorlage S. 47
689
Der nichts könnte mit Wucht aus dem Innern entsenden und schleudern,
Vorlage S. 47
690
Wie glutwirkend das Feuer das Licht und die Dämpfe entsendet.
Vorlage S. 47
691
Daraus sieht man: das Feuer besteht aus lockeren Teilchen.
Vorlage S. 47
692
Meinet man nun etwa gar, dass das Feuer auf anderem Wege
Vorlage S. 47
693
Könn' als Ganzes vergehn und sein eigenes Wesen verändern
Vorlage S. 47
694
(Wenn man sich nämlich bedenkt, an teilweise Löschung zu glauben),
Vorlage S. 47
695
Löste sich selbstverständlich das Ganze der Glut in ein Nichts auf,
Vorlage S. 47
696
Und aus dem Nichts dann würde, was irgend entsteht, sich entwickeln.
Vorlage S. 47
697
Denn was immer sich ändert und seine bisherigen Sitze
Vorlage S. 47
698
Wechselt, erleidet sofort die Vernichtung des früheren Zustands.
Vorlage S. 47
699
Drum muss etwas bestehn, was unzerstörbar darin bleibt,
Vorlage S. 47
700
Soll dir nicht alles zumal in das Nichts vollständig versinken
Vorlage S. 47
701
Und aus dem Nichts sich erheben aufs neue die Fülle der Dinge.
Vorlage S. 47
702
Da es nun jetzt feststeht, dass es völlig bestimmte Atome
Vorlage S. 47
703
Gibt, die immer und ewig dasselbige Wesen behalten,
Vorlage S. 47
704
Die durch wechselnde Ordnung und Zugang oder auch Abgang
Vorlage S. 47
705
Alle Naturen verändern und diese zu neuen gestalten,
Vorlage S. 47
706
Weiß man, dass nimmer aus Feuer bestehen die Körper der Dinge.
Vorlage S. 47
707
Denn gleichgültig erschien es, ob etliches wich' und verschwände,
Vorlage S. 47
708
Andres hinzu sich gesellte und manches die Ordnung verkehrte,
Vorlage S. 47
709
Wenn nur des Feuers Glut sich in allem stetig erhielte;
Vorlage S. 47
710
Denn dann war' es doch Feuer, was allerwegen entstünde.
Vorlage S. 47
711
Doch, wie ich meine, so ist's: es gibt Urkörperchen, deren
Vorlage S. 47
712
Ordnung, Lage, Gestalt und Zusammenstoß und Bewegung
Vorlage S. 47
713
Feuer erzeugt; und verändert die Lage sich, ändert sich gleichfalls
Vorlage S. 47
714
Ihre eigne Natur; dann gleichen sie nimmer dem Feuer
Vorlage S. 47
715
Noch auch anderen Dingen, die unseren Sinnen Atome
Vorlage S. 47
716
Zuzusenden vermögen und unser Gefühl zu erregen.
Vorlage S. 47
717
Ferner behaupten zu wollen: nur Feuer ist alles in allem
Vorlage S. 47
718
Und nichts Wirkliches gibt's in dem Reich der Natur als das Feuer,
Vorlage S. 47
719
Wie Herakleitos es lehrt, das scheint mir der Gipfel des Wahnsinns.
Vorlage S. 47
720
Denn von dem Sinnlichen auskämpft selber er wider die Sinne
Vorlage S. 47
721
Und erschüttert ihr Zeugnis, auf dem doch der Glaube beruhn muss,
Vorlage S. 47
722
Und wodurch er doch selber das Feuer erkannt und benannt hat.
Vorlage S. 47
723
Denn er vermeint durch die Sinne das Feuer wohl richtig zu fassen,
Vorlage S. 48
724
Aber was sonst nicht minder gewiss, das mag er nicht glauben.
Vorlage S. 48
725
Dies will nichtig fürwahr und ganz wahnsinnig mir scheinen.
Vorlage S. 48
726
Wem denn sonst ist zu trauen? Was kann denn als sicher uns gelten
Vorlage S. 48
727
Außer den Sinnen, durch die wir bemerken, was wahr und was falsch ist?
Vorlage S. 48
728
Ferner: weshalb denn soll man von all dem anderen absehn,
Vorlage S. 48
729
Um nur des Feuers Natur allein noch übrig zu lassen,
Vorlage S. 48
730
Statt vom Feuer zu schweigen und irgendwas andres zu wählen?
Vorlage S. 48
731
Scheint mir doch eins wie das andre ein Satz von der gleichen Verrücktheit!
Vorlage S. 48
732
Jene mithin, die im Feuer den Grundstoff sämtlicher Dinge
Vorlage S. 48
733
Sehn und das Weltall lassen allein aus dem Feuer entstehen,
Vorlage S. 48
734
Ferner auch, die in der Luft den Urquell alles Entstehens
Vorlage S. 48
735
Setzen, und die in dem Wasser den einzigen Schöpfer erblicken,
Vorlage S. 48
736
Oder auch jene, die glauben, die Erde verehren zu müssen
Vorlage S. 48
737
Als Allmutter, die wechselnd in alle Naturen sich wandle,
Vorlage S. 48
738
Scheinen mir alle sich weit von dem richtigen Weg zu verirren.
Vorlage S. 48
739
Nimm nun noch jene hinzu, die Doppelprinzipien lehren,
Vorlage S. 48
740
Da sie Feuer der Luft und Erde dem Wasser gesellen,
Vorlage S. 48
741
Und nicht minder, die alles aus vier Elementen entstanden
Vorlage S. 48
742
Glauben, aus Feuer und Erde, dem luftigen Hauch und dem Feuchten.
Vorlage S. 48
743
Wider Empedokles
Vorlage S. 48
744
Ihnen schreitet voran Empedokles, Akragas' Sprößling,
Vorlage S. 48
745
Welchen die Insel gebar mit dem dreifach gezackten Gestade,
Vorlage S. 48
746
Die das ionische Meer in schweifenden Bogen umflutet
Vorlage S. 48
747
Und aus den bläulichen Wogen mit salzigem Schaume bespritzet.
Vorlage S. 48
748
Hier trennt reißend die See mit dem enger sich schließenden Sunde
Vorlage S. 48
749
Jener Insel Gebiet von Italiens Festlandsküsten,
Vorlage S. 48
750
Hier haust wüst die Charybdis und hier droht brüllend der Ätna,
Vorlage S. 48
751
Flammenden Zorn aufs neue im grollenden Busen zu sammeln,
Vorlage S. 48
752
Um aus des Kraters Schlund dann wieder das Feuer zu speien
Vorlage S. 48
753
Und zum Himmel empor die flammenden Blitze zu schleudern.
Vorlage S. 48
754
Mancherlei prächtige Wunder umschließt dies herrliche Eiland,
Vorlage S. 48
755
Das bei den Völkern der Erde als schauenswürdig bekannt ist;
Vorlage S. 48
756
Reichtum an Gütern besitzt es und Wehr und Waffen der Männer:
Vorlage S. 48
757
Doch nichts Schöneres barg dies Eiland je in dem Schöße,
Vorlage S. 48
758
Nichts, was heiliger, teurer und wunderbarer erschiene
Vorlage S. 48
759
Als der Prophet, deß Lied aus göttlich begeisterter Brust drang
Vorlage S. 49
760
Und so herrliche Lehren des Weisen uns offenbarte,
Vorlage S. 49
761
Dass er uns kaum noch erscheint als Sprößling sterblichen Stammes.
Vorlage S. 49
762
Aber obwohl auch dieser und die viel kleineren Geister,
Vorlage S. 49
763
Die weit unter ihm stehn (wir haben sie oben besprochen),
Vorlage S. 49
764
Manchen vortrefflichen Fund vom göttlichen Geiste getrieben
Vorlage S. 49
765
Öfter getan und aus ihres Gemüts hochheiligem Tempel
Vorlage S. 49
766
Sprüche verkündet, die uns weit hehrer und wahrer erklingen,
Vorlage S. 49
767
Als was die Pythia spricht von Apollos Lorbeer und Dreifuß,
Vorlage S. 49
768
Bei den Prinzipien doch da kamen sie alle zum Sturze;
Vorlage S. 49
769
Langhin schlugen sie auf, im gewaltigen Fall noch gewaltig.
Vorlage S. 49
770
Denn sie vermeinen zum ersten, dass ohne das Leere Bewegung
Vorlage S. 49
771
Könne entstehn; sodann erwählen sie weiche und lockre
Vorlage S. 49
772
Stoffe, wie Luft, Nass, Feuer und Erde, wie Tiere und Pflanzen,
Vorlage S. 49
773
Ohne doch allen den Körpern zugleich auch das Leere zu geben.
Vorlage S. 49
774
Ferner vermeinen sie auch, dass alles unendlich sich teilen
Vorlage S. 49
775
Lasse, so dass kein Ende der weiteren Spaltung zu sehn sei.
Vorlage S. 49
776
So sei auch in den Dingen durchaus kein Kleinstes vorhanden.
Vorlage S. 49
777
Wo doch ein äußerster Punkt in jedem der Körper sich darstellt,
Vorlage S. 49
778
Den dann unsere Sinne als Kleinstes noch eben erblicken;
Vorlage S. 49
779
Daraus zieh du den Schluss, dass die unsichtbaren Atome
Vorlage S. 49
780
Auch ein Äußerstes haben, was wirklich das Kleinste bedeutet.
Vorlage S. 49
781
Auch kommt dies noch hinzu: da sie Grundelemente der Dinge
Vorlage S. 49
782
Wählen, die weich und vergänglich wir sehn, nicht minder geschaffen
Vorlage S. 49
783
Als der Vernichtung geweiht, so müsste doch sicher das Weltall
Vorlage S. 49
784
Völlig zurück in das Nichts zerfallen, und wieder geboren
Vorlage S. 49
785
Aus dem Nichts sich von neuem die Fülle der Dinge beleben.
Vorlage S. 49
786
Beide Gedanken (du weißt es) entfernen sich weit von der Wahrheit.
Vorlage S. 49
787
Auch erweisen sich vielfach die vier Elemente als feindlich
Vorlage S. 49
788
Untereinander und tödlich. Drum wenn sie sich einen, vergehn sie
Vorlage S. 49
789
Oder zerstieben ins Weite, wie wenn wir im Sturmesgewitter
Vorlage S. 49
790
Sehen, wie Blitz, Wind, Regen sich ballen und wieder zerflattern.
Vorlage S. 49
791
Endlich, wenn alles zumal aus den vier Elementen entstehn soll
Vorlage S. 49
792
Und auch wieder zerfallen in ganz die nämlichen Stoffe,
Vorlage S. 49
793
Wie darf jemand nur jene als Urelemente der Dinge
Vorlage S. 49
794
Ansehn? Kann man nicht ebensogut das Verhältnis auch umdrehn?
Vorlage S. 49
795
Denn von jeher erzeugt sich der Stoff und die Dinge im Wechsel,
Vorlage S. 49
796
Und sie verändern die Farbe so gut wie das übrige Wesen.
Vorlage S. 49
797
Wenn du nun aber vermeinst, falls Feuer und Erde sich gatten
Vorlage S. 49
798
Und die Winde der Luft mit des Wassers flüssigem Nasse,
Vorlage S. 49
799
Werde sich gar nichts ändern am Wesen bei dieser Verbindung,
Vorlage S. 50
800
Dann kann nie dir entstehn ein Geschöpf aus den vier Elementen,
Vorlage S. 50
801
Mag es beseelt, mag leblos es sein wie der Baum auf der Heide.
Vorlage S. 50
802
Denn es behauptet ja doch in der Mischung verschiedener Stoffe
Vorlage S. 50
803
Jegliches seine Natur, und vermischt mit der Erde wird immer
Vorlage S. 50
804
Bleiben die Luft, was sie war, und das Feuer sich halten im Wasser.
Vorlage S. 50
805
Aber beim Zeugungswerk darf nur in den Urelementen
Vorlage S. 50
806
Heimlich und unsichtbar die Natur sich bekunden, damit nicht
Vorlage S. 50
807
Irgend etwas erscheine, was gegen das eigene Wesen
Vorlage S. 50
808
Jeglichen neuen Geschöpfes sich hemmend und feindlich erweise.
Vorlage S. 50
809
Ja, aus dem Himmel sogar und seiner feurigen Lohe
Vorlage S. 50
810
Holen sich manche den Stoff und lassen zuerst sich das Feuer
Vorlage S. 50
811
Wandeln in Luft, dann Regen daraus, dann Erde sich bilden
Vorlage S. 50
812
Aus dem Regen, und alles sodann sich rückwärts verwandeln
Vorlage S. 50
813
Erst in das Wasser, sodann in die Luft und endlich ins Feuer.
Vorlage S. 50
814
Nimmer erschöpfe sich so der Verwandlungen ewiger Kreislauf
Vorlage S. 50
815
Nieder vom Himmel zur Erde und wieder von hier zu den Sternen.
Vorlage S. 50
816
Doch dies darf durchaus nicht geschehn bei den Urelementen.
Vorlage S. 50
817
Etwas Beharrliches muss in dem Kreis der Verwandlungen bleiben,
Vorlage S. 50
818
Soll dir nicht alles zuletzt in das Nichts vollständig versinken.
Vorlage S. 50
819
Denn was immer sich ändert und seine bisherigen Sitze
Vorlage S. 50
820
Wechselt, erleidet sofort die Vernichtung des früheren Zustands.
Vorlage S. 50
821
Deshalb müssen natürlich die eben bezeichneten Stoffe,
Vorlage S. 50
822
Da sie Verändrung erleiden, aus anderen Stoffen bestehen,
Vorlage S. 50
823
Und zwar solchen, die nie Verwandlungen können erleiden,
Vorlage S. 50
824
Soll dir nicht alles zumal in das Nichts vollständig versinken,
Vorlage S. 50
825
Nein, du musst dir vielmehr nur solche Prinzipien denken,
Vorlage S. 50
826
Die, nachdem sie vielleicht das Feuer zum ersten geschaffen,
Vorlage S. 50
827
Dann auch die Luft erzeugen, indem sie ein weniges abtun,
Vorlage S. 50
828
Weniges auch zufügen, Bewegung ändern und Ordnung,
Vorlage S. 50
829
Und so eins aus dem ändern sich lassen in allem entwickeln,
Vorlage S. 50
830
»Aber es liegt auf der Hand«, so sagst du, »dass alles nach oben
Vorlage S. 50
831
In die Gefilde der Luft, von der Erde sich nährend, emporwächst:
Vorlage S. 50
832
Wenn nicht zu günstigen Zeiten das Wetter den Regen uns spendet,
Vorlage S. 50
833
Und vor den Wolkenergüssen die Äste der Bäume sich schütteln,
Vorlage S. 50
834
Wenn nicht an ihrem Teile die Sonne erwärmende Strahlen
Vorlage S. 50
835
Sendet, dann kann nicht gedeihn Korn, Obst und lebendes Wesen.«
Vorlage S. 50
836
Wisse, wenn trockene Speise und labendes Nass uns nicht hülfe,
Vorlage S. 50
837
Würde der Körper auch uns zernichtet und jegliches Leben
Vorlage S. 50
838
Schwänd' uns völlig dahin, da Sehnen und Knochen sich lösten.
Vorlage S. 50
839
Denn es befördern und nähren das Wachstum unseres Leibes
Vorlage S. 51
840
Klärlich gewisse Stoffe, und anderes nähret sich anders.
Vorlage S. 51
841
Denn da auf vielerlei Weise gemeinsame Grundelemente
Vorlage S. 51
842
Sich in den vielerlei Dingen natürlich zusammengesellen,
Vorlage S. 51
843
Ist bei verschiedenen Dingen die Nahrung auch selber verschieden.
Vorlage S. 51
844
Wichtig ist ferner auch dies, mit welcherlei Grundelementen
Vorlage S. 51
845
Diese selber verkehren, und wie die wechselnde Lage
Vorlage S. 51
846
Sich zueinander gestaltet und gegenseit'ge Bewegung.
Vorlage S. 51
847
Denn dieselbigen Stoffe begründen ja Himmel und Erde,
Vorlage S. 51
848
Meer und Ströme und Sonne wie Korn, Obst, lebendes Wesen.
Vorlage S. 51
849
Ihre Bewegung jedoch ist verschieden nach Mischung und Auswahl.
Vorlage S. 51
850
Ja auch in unseren Versen (du kannst es ja sehen) erscheinen
Vorlage S. 51
851
Vielfach dieselbigen Lettern verschiedenen Wörtern gemeinsam,
Vorlage S. 51
852
Und doch musst du gestehn, die Verse sind gleichwie die Worte
Vorlage S. 51
853
Ganz voneinander verschieden im klingenden Laut wie im Inhalt.
Vorlage S. 51
854
So stark wirkt bei den Lettern allein die veränderte Folge,
Vorlage S. 51
855
Und doch können fürwahr die Urelemente der Dinge
Vorlage S. 51
856
Weit mehr Möglichkeiten veränderter Schöpfungen schaffen.
Vorlage S. 51
857
Wider Anaxagoras
Vorlage S. 51
858
Lasst uns jetzt auch betrachten, was sich Anaxagoras dachte
Vorlage S. 51
859
Unter Homoeomerie. Dies griechische Wort ist uns leider
Vorlage S. 51
860
Wiederzugeben versagt in unserer ärmlichen Sprache,
Vorlage S. 51
861
Aber die Sache vermag ich mit Worten dir leicht zu umschreiben.
Vorlage S. 51
862
Erstlich Homoeomerie, was lehrt uns der Weise darüber?
Vorlage S. 51
863
Knochen entstünden natürlich aus kleinen und winzigen Knöchlein,
Vorlage S. 51
864
Fleisch nicht minder aus kleinen und winzigen Teilchen des Fleisches,
Vorlage S. 51
865
Ebenso bilde sich Blut aus vielen und winzigen Tropfen
Vorlage S. 51
866
Blutes, die untereinander zusammenfließend sich einen,
Vorlage S. 51
867
Aus Goldstäubchen sodann erklärt er die Bildung des Goldes,
Vorlage S. 51
868
Wie auch die Erde sich bilde aus winzigen Stäubchen von Erde,
Vorlage S. 51
869
Feuer aus Feuerfunken und Wasser aus Tröpfchen von Wasser.
Vorlage S. 51
870
Ähnlich erklärt er denn auch sich das Übrige weiter und glaubt dran.
Vorlage S. 51
871
Aber dem Leeren verstattet er nirgends ein Plätzchen im Weltall
Vorlage S. 51
872
Und setzt nirgends ein Ziel der unendlichen Teilung der Körper.
Vorlage S. 51
873
Darum erscheint er mir auch in den beiden Behauptungen gleich sehr
Vorlage S. 51
874
Irre gegangen wie jene, die früher schon wurden erledigt.
Vorlage S. 51
875
Weiter nun denkt er sich allzu schwächlich die Urelemente;
Vorlage S. 51
876
Wenn »Element« zu heißen verdient, was mit gleicher Natur ist
Vorlage S. 52
877
Ausgestattet wie alles, was draus sich entwickelt, und ähnlich
Vorlage S. 52
878
Leidet und stirbt und durch nichts vor dem endlichen Tode bewahrt bleibt.
Vorlage S. 52
879
Denn was kann denn von diesen dem mächtigen Drucke begegnen
Vorlage S. 52
880
Und dem Verhängnis entfliehn, wenn die Zähne des Todes es fassen?
Vorlage S. 52
881
Etwa Feu'r, Luft, Wasser? Was sonst? Blut oder die Knochen?
Vorlage S. 52
882
Nichts von diesen, vermut' ich; wenn gleichermaßen vergänglich
Vorlage S. 52
883
Sein soll jegliches Ding, wie das, was mit eigenen Augen
Vorlage S. 52
884
Untergehen wir sehen durch irgendwelche Gewalten.
Vorlage S. 52
885
Aber es kann Nichts wieder in Nichts zerfallen, noch etwas
Vorlage S. 52
886
Werden aus Nichts. Ich rufe das früher Erwies'ne zum Zeugnis.
Vorlage S. 52
887
Ferner, da Speise es ist, die den Körper ernähret und mehret,
Vorlage S. 52
888
Kann man erkennen, dass Adern und Blut und Knochen [und Nerven
Vorlage S. 52
889
Sämtlich in unserem Leib nur aus fremdem Stoffe sich bilden.]
Vorlage S. 52
890
Oder, sofern man die Speise durch Mischung verschiedener Körper
Vorlage S. 52
891
Bilden sich lässt, die in sich kleinwinzige Nervenpartikeln,
Vorlage S. 52
892
Ebenso Knochen- und Blut- und Adernteilchen besitzen,
Vorlage S. 52
893
Müssen auch sämtliche Speisen, die trocknen sowohl wie die feuchten,
Vorlage S. 52
894
Selbst als zusammengesetzt aus ganz fremdartigen Körpern,
Vorlage S. 52
895
Nämlich als Mischung von Blut, Saft, Knochen und Nerven uns gelten.
Vorlage S. 52
896
Ferner, wenn sämtlicher Stoff, der sein Wachstum danket der Erde,
Vorlage S. 52
897
In ihr wurzelhaft ist, dann muss auch selber die Erde
Vorlage S. 52
898
Aus fremdartigen Körpern bestehn, die der Erde entwachsen.
Vorlage S. 52
899
Wend es auf anderes an: es genügen die nämlichen Worte:
Vorlage S. 52
900
Wenn sich im Holze die Flamme verbirgt und der Rauch und die Asche,
Vorlage S. 52
901
Müssten die Hölzer bestehn aus ganz fremdartigen Körpern,
Vorlage S. 52
902
Aus fremdartigen das, was doch aus dem Holze hervorgeht.
Vorlage S. 52
903
Ferner auch muss, was die Erde nun weiter noch nähret und mehret,
Vorlage S. 52
904
[Ebenfalls wieder bestehn aus ganz fremdartigen Stoffen,
Vorlage S. 52
905
Und Fremdartiges lässt Fremdartiges also entstehen.]
Vorlage S. 52
906
Freilich hier bleibt zum Entkommen, so schmal er auch ist, noch ein Ausweg,
Vorlage S. 52
907
Den Anaxagoras wählt. Denn er meint, dass alles mit allem
Vorlage S. 52
908
Innig vermischt in den Körpern verborgen sich halte. Nur eines
Vorlage S. 52
909
Trete besonders hervor, von dem sich die meisten Partikeln
Vorlage S. 52
910
In dem Gemenge befänden und mehr sich im Vordergrund hielten,
Vorlage S. 52
911
Aber auch dies heißt weit von dem Wege der Wahrheit entfernt sein!
Vorlage S. 52
912
Denn dann müssten natürlich beim Korn oft, wenn es der Mühlstein
Vorlage S. 52
913
Rollend zerquetscht mit bedrohlicher Wucht, auch Spuren von Blut sich
Vorlage S. 52
914
Zeigen oder was sonst kraft unseres Körpers erzeugt wird.
Vorlage S. 53
915
Ähnlich müsste dann auch den Kräutern, die man im Mörser
Vorlage S. 53
916
Stein auf Stein, zerstampft, bisweilen entfließen ein Blutstrom,
Vorlage S. 53
917
Und aus dem Wasser ein süßes Getropf und von gleichem Geschmacke
Vorlage S. 53
918
Träufeln, wie solches dem Euter entquillt wolltragender Schafe.
Vorlage S. 53
919
Müssten nicht auch in den Schollen der Erde beim häufigen Ackern
Vorlage S. 53
920
Allerlei Kräuter und Früchte und Laubwerk treten zutage,
Vorlage S. 53
921
Welche in feiner Verteilung sich zwischen den Schollen verbergen?
Vorlage S. 53
922
Ferner müsst' in den Hölzern der Rauch und die Asche sich zeigen,
Vorlage S. 53
923
Wenn man in Stücke sie bricht, und kleine verborgene Fünkchen.
Vorlage S. 53
924
Da nichts derart geschieht (das liegt ja deutlich vor Augen),
Vorlage S. 53
925
Kann man ersehn, dass die Dinge nicht so miteinander vermischt sind,
Vorlage S. 53
926
Sondern dass vielfach gemischte, gemeinsame Keime zu vielen
Vorlage S. 53
927
Dingen verbergen sich müssen in all den verschiedenen Dingen.
Vorlage S. 53
928
»Aber«, so wirfst du ein, »auf hohen Gebirgen begibt sich's,
Vorlage S. 53
929
Dass hochragende Wipfel benachbart stehender Bäume,
Vorlage S. 53
930
Wenn sie ein heftiger Föhn dazu zwingt, aneinander sich reiben,
Vorlage S. 53
931
Bis sich die Blume des Feuers erhebt als flackernde Flamme.«
Vorlage S. 53
932
Richtig bemerkt. Und doch ist die Glut nicht im Holze verborgen,
Vorlage S. 53
933
Sondern die Keime des Feuers sind zahlreich. Wenn sie durch Reibung
Vorlage S. 53
934
Fließen in eins zusammen, erzeugen sie Brände der Wälder.
Vorlage S. 53
935
Hielte die fertige Flamme bereits sich verborgen im Holze,
Vorlage S. 53
936
Könnte die Feuersbrunst sich in keinem Momente verbergen,
Vorlage S. 53
937
Sondern sie fräße die Wälder umher und verbrannte die Stämme.
Vorlage S. 53
938
Siehst du nun, wie sich bestätigt, was dir vor kurzem gesagt ward,
Vorlage S. 53
939
Wichtig vor allem sei dies, wie dieselben Grundelemente
Vorlage S. 53
940
Untereinander verkehren und wie in wechselnder Lage
Vorlage S. 53
941
Sie zueinander sich stellen und gegenseit'ger Bewegung,
Vorlage S. 53
942
Siehst du, wie ebendieselben erzeugen mit wenig Verändrung
Vorlage S. 53
943
Stamm nicht minder wie Flamme? So sind die Wörter auch selber
Vorlage S. 53
944
Nur ganz wenig verändert bei ähnlichen Grundelementen,
Vorlage S. 53
945
Wenn wir Flamm' und Stamm mit verschiedenen Lauten bezeichnen.
Vorlage S. 53
946
Endlich noch, falls du vermeinst, bei den Dingen, die deutlich zu sehn sind,
Vorlage S. 53
947
Müsse man jedenfalls die Körper der schaffenden Stoffe
Vorlage S. 53
948
Mit ganz ähnlichem Wesen wie die der geschaffenen denken,
Vorlage S. 53
949
Nun, so verschwinden natürlich die »Urelemente« der Dinge.
Vorlage S. 53
950
Denn sie würden am Ende wie wir – vor Lachen sich schütteln
Vorlage S. 53
951
Und mit salzigen Tränen die Wimpern und Wangen benetzen!
Vorlage S. 53
952
Poetische Einlage. Dichterbekenntnis
Vorlage S. 53
953
Auf, nun lern auch das Übrige jetzt und vernimm es noch klarer!
Vorlage S. 54
954
Freilich entgeht es mir nicht, welch dunkles Gebiet ich betrete,
Vorlage S. 54
955
Aber die Hoffnung auf Ruhm hat den Geist mir mächtig erschüttert,
Vorlage S. 54
956
Wie mit dem Thyrsusstab, und sie weckte in meinem Gemüte
Vorlage S. 54
957
Süßeste Lust zum Gesang. Sie trieb mich, mit strebendem Geiste
Vorlage S. 54
958
Unwegsame, von niemand betretene Musengefilde
Vorlage S. 54
959
Zu durchwandern. Da freut's, jungfräuliche Quellen zu finden,
Vorlage S. 54
960
Draus ich schöpfe, da freut's, frischsprießende Blumen zu pflücken,
Vorlage S. 54
961
Und sie zum herrlichen Kranz um das Haupt mir zu winden, wie solchen
Vorlage S. 54
962
Keinem der Früheren je um die Schläfen gewunden die Musen.
Vorlage S. 54
963
Denn mein Gesang gilt erstlich erhabenen Dingen: ich strebe,
Vorlage S. 54
964
Weiter den Geist aus den Banden der Religion zu befreien.
Vorlage S. 54
965
Ferner erleuchtet mein Dichten die Dunkelheit dieses Gebietes
Vorlage S. 54
966
Hell, weil über das Ganze der Zauber der Musen sich breitet.
Vorlage S. 54
967
Denn auch der Versschmuck wurde mit vollem Bedachte gewählet.
Vorlage S. 54
968
Wie, wenn die Ärzte den Kindern die widrigen Wermutstropfen
Vorlage S. 54
969
Reichen, sie erst ringsum die Ränder des Bechers bestreichen
Vorlage S. 54
970
Mit süßschmeckendem Seime des goldigfarbenen Honigs,
Vorlage S. 54
971
Um die Jugend des Kindes, die ahnungslose, zu täuschen:
Vorlage S. 54
972
Während die Lippen ihn kosten, verschluckt es indessen den bittern
Vorlage S. 54
973
Wermutstropfen. So wird es getäuscht wohl, doch nicht betrogen,
Vorlage S. 54
974
Da es vielmehr nur so sich erholt und Genesung ermöglicht.
Vorlage S. 54
975
So nun wollt' ich auch selber, weil unsere Lehre den meisten,
Vorlage S. 54
976
Die noch nie sie gehört, zu trocken erscheint und der Pöbel
Vorlage S. 54
977
Schaudernd von ihr sich kehrt, mit der Dichtung süßestem Wohlklang
Vorlage S. 54
978
Unsere Philosophie dir künden und faßlich erläutern
Vorlage S. 54
979
Und sie gleichsam versüßen mit lieblichem Honig der Musen,
Vorlage S. 54
980
Ob es mir so wohl gelingt, dein Denken bei unseren Versen
Vorlage S. 54
981
Solang fesseln zu können, bis alles du völlig begreifest,
Vorlage S. 54
982
Welche Gestalt der Natur ureigenem Wesen zum Schmuck ward.
Vorlage S. 54
983
Das Unendliche
Vorlage S. 54
984
Doch nachdem ich gelehrt, dass des Urstoffs dichteste Körper
Vorlage S. 54
985
Ununterbrochen und unzerstört durch die Ewigkeit fliegen,
Vorlage S. 54
986
Lass mich entwickeln nunmehr, ob die Summe derselben begrenzt ist
Vorlage S. 54
987
Oder auch nicht, ob weiter das Leere, das oben wir fanden,
Vorlage S. 54
988
Und der Raum und der Ort, in dem sich die Dinge bewegen,
Vorlage S. 55
989
Aller Wege und völlig nach allen Seiten begrenzt ist
Vorlage S. 55
990
Oder sich endlos weitet in unergründliche Tiefe!
Vorlage S. 55
991
Hiernach hat alles, was ist, nach keinerlei Richtungen irgend
Vorlage S. 55
992
Welche Begrenzung. Es müsste ja dann auch ein Äußerstes haben;
Vorlage S. 55
993
Aber ein Äußerstes gibt es nur dann, wenn irgendein Körper
Vorlage S. 55
994
Jenseits, der es begrenzt, vorhanden ist. Aber man sieht schon
Vorlage S. 55
995
Hiernach den Punkt, wo weiter das Wesen der Sinne nicht zureicht.
Vorlage S. 55
996
Weiter nun muss man gestehn, dass es nichts gibt außer dem Weltall;
Vorlage S. 55
997
So gibt's auch kein Äußerstes hier, kein Maß und kein Ende,
Vorlage S. 55
998
Auch ist's einerlei für den Raum, wohin du dich stellest.
Vorlage S. 55
999
Denn von dem Ort, wo gerade sich jeder befindet, erstreckt sich
Vorlage S. 55
1000
Überallhin gleichweit das unendliche All in die Runde.
Vorlage S. 55
1001
Denkst du nun aber begrenzt den ganzen vorhandenen Weltraum
Vorlage S. 55
1002
Und du vermöchtest zum letzten und äußersten Ende des Weltalls
Vorlage S. 55
1003
Vorzudringen und dort die beflügelte Lanze zu schleudern,
Vorlage S. 55
1004
Willst du da lieber behaupten, mit kräftigem Schwünge geschleudert
Vorlage S. 55
1005
Fliege sie weiter nun fort nach dem einmal gegebenen Zielpunkt,
Vorlage S. 55
1006
Oder vermeinst du, dass irgendein Halt sie zu hemmen vermöge?
Vorlage S. 55
1007
Denn eins oder das andre verbleibt dir nur zuzugestehen.
Vorlage S. 55
1008
Jedes von beiden verschließt dir den Ausweg. Also das All muss
Vorlage S. 55
1009
(Dies ist der zwingende Schluss) ohn' Ende sich weiter erstrecken.
Vorlage S. 55
1010
Denn mag irgendein Halt die beflügelte Lanze verhindern,
Vorlage S. 55
1011
Bis an das Ziel zu gelangen und dort am Ende zu ruhen,
Vorlage S. 55
1012
Oder fliegt sie so fort: nie nahm sie vom Ende den Ausflug.
Vorlage S. 55
1013
So verfolg' ich dich stets, und wo du auch immer das Ende
Vorlage S. 55
1014
Setzest der Welt, da frag' ich: was soll aus der Lanze nun werden?
Vorlage S. 55
1015
Also folgt: in dem All ist nirgends ein Ende zu finden,
Vorlage S. 55
1016
Und da Raum ist zur Flucht, so erweitert sich immer der Fluchtweg.
Vorlage S. 55
1017
Wäre nun außerdem die gesamte Masse des Weltraums
Vorlage S. 55
1018
Ringsumher umschlossen von festverrammelten Schranken
Vorlage S. 55
1019
Und so endlich begrenzt, dann wäre die Masse des Stoffes
Vorlage S. 55
1020
Überallher durch ihr schweres Gewicht in die Tiefe gesunken,
Vorlage S. 55
1021
Und nichts könnte geschehn hier unter dem Dache des Himmels,
Vorlage S. 55
1022
Ja es fehlte sogar mit dem Himmel die strahlende Sonne.
Vorlage S. 55
1023
Denn zusammengeklumpt lag' unten der sämtliche Weltstoff,
Vorlage S. 55
1024
Wo er sich niedergeschlagen seit unermesslichen Zeiten.
Vorlage S. 55
1025
Doch nun gibts in der Tat für die Körper der Urelemente
Vorlage S. 55
1026
Nirgends ein Ausruhn. Gibt es doch nirgends ein völliges Unten.
Vorlage S. 55
1027
Wo sie sich könnten vereinen und festere Sitze gewinnen.
Vorlage S. 55
1028
Alles regt sich und rühret sich stets in beständ'ger Bewegung
Vorlage S. 56
1029
Überallher, ja es schnellen von unten die Körper des Urstoffs
Vorlage S. 56
1030
Aus dem unendlichen Räume hervor und ersetzen die Lücken,
Vorlage S. 56
1031
Endlich liegt doch vor Augen, wie eins von dem ändern begrenzt wird.
Vorlage S. 56
1032
Luft grenzt ab das Gebirge, und Berg grenzt wieder die Luft ab,
Vorlage S. 56
1033
Land grenzt ab sich vom Meer, und das Meer grenzt wieder das Land ab.
Vorlage S. 56
1034
Aber das Weltall freilich, da gibts nichts, was es umschlösse,
Vorlage S. 56
1035
Also das Wesen des Raums und die gähnende Tiefe des Leeren
Vorlage S. 56
1036
Dehnt sich so weit, dass der funkelnde Blitz, selbst wenn er im Fallen
Vorlage S. 56
1037
Ewige Zeiten gebrauchte, doch niemals käme zum Ende,
Vorlage S. 56
1038
Dass er sogar nicht einmal die noch übrige Strecke verkürzte,
Vorlage S. 56
1039
So unendlich erstreckt sich die unermessliche Weite,
Vorlage S. 56
1040
Welche den Dingen den Raum nach jeglicher Seite gewähret.
Vorlage S. 56
1041
Weiterhin hält die Natur das Verbot: die Gesamtheit der Dinge
Vorlage S. 56
1042
Darf sich nicht selber die Schranken errichten; sie lässt drum den Körper
Vorlage S. 56
1043
Sich durch das Leere begrenzen und wieder das Leere durch jenen.
Vorlage S. 56
1044
So ist wechselseitig Unendlichkeit allem verbürget.
Vorlage S. 56
1045
Oder wenn eins von den beiden Prinzipien Schranken erhielte,
Vorlage S. 56
1046
Würde das andre durch seine Natur sich schrankenlos weiten.
Vorlage S. 56
1047
[Denn wenn beispielsweise das Leere im Raums beschränkt ist,
Vorlage S. 56
1048
Kann es nicht in sich fassen unendliche Stoffelemente;
Vorlage S. 56
1049
Wären diese hingegen beschränkt und das Leere unendlich,]
Vorlage S. 56
1050
Würden nicht Meer, nicht Land, nicht das leuchtende Himmelsgewölbe,
Vorlage S. 56
1051
Weder das Menschengeschlecht noch die heiligen Leiber der Götter
Vorlage S. 56
1052
Auch nur ein winziges Weilchen das Leben zu fristen vermögen.
Vorlage S. 56
1053
Denn dann würde die Masse des Stoffs aus dem eignen Verbande
Vorlage S. 56
1054
Ausgetrieben sich frei im unendlichen Leeren zerstreuen,
Vorlage S. 56
1055
Oder vielmehr sie könnte ja gar nicht sich sammeln und etwas
Vorlage S. 56
1056
Schaffen, dieweil das Zerstreute sich nimmer vereinigen ließe,
Vorlage S. 56
1057
Denn nicht mit Absicht haben die Urelemente der Dinge
Vorlage S. 56
1058
Jedes der Reihe gemäß sich zusammengeordnet mit Spürsinn
Vorlage S. 56
1059
Oder durch einen Vertrag die Bewegungen sämtlich vereinbart,
Vorlage S. 56
1060
Sondern da viele von ihnen auf vielerlei Weise sich ändernd
Vorlage S. 56
1061
Aus dem Unendlichen schwirren, wenn Stöße sie jagen, durch's All hin,
Vorlage S. 56
1062
Kommen sie, allerlei Art der Bewegung und Bindung versuchend,
Vorlage S. 56
1063
Endlich dabei wohl auch zu solchen Gestaltungen, wie sie
Vorlage S. 56
1064
Unser bestehendes All zu seiner Erschaffung bedurfte;
Vorlage S. 56
1065
Und nachdem es einmal in die rechte Bewegung geraten,
Vorlage S. 56
1066
Hielt es sich auch im Gang in unzähligen Weltperioden,
Vorlage S. 57
1067
Und sorgt stets, dass das gierige Meer mit reichlichem Zustrom
Vorlage S. 57
1068
Aus den Gewässern der Flüsse gespeist wird, dass auch die Erde
Vorlage S. 57
1069
Sonnenwärme belebt und die neu entsproßnen Geschöpfe
Vorlage S. 57
1070
Stetig gedeihn, und des Äthers umkreisende Feuer nicht ausgehn,
Vorlage S. 57
1071
All dies wäre nicht möglich, wofern nicht reichlicher Urstoff
Vorlage S. 57
1072
Aus dem unendlichen Raum sich könnte beständig erheben,
Vorlage S. 57
1073
Um die erlittnen Verluste zur richtigen Zeit zu ersetzen.
Vorlage S. 57
1074
Denn wie der Speise beraubt die Natur der beseelten Geschöpfe
Vorlage S. 57
1075
Schwindet dahin und den Körper verliert, so müsste auch alles
Vorlage S. 57
1076
Übrige schnell zerstieben, sobald sich der Stoff ihm versagte,
Vorlage S. 57
1077
Weil ihn irgendein Hemmnis vom richtigen Wege gelenket.
Vorlage S. 57
1078
Auch der Stöße Gewalt, die von außen her überall eindringt,
Vorlage S. 57
1079
Kann nicht ganz jedwede Atomenvereinigung retten.
Vorlage S. 57
1080
Denn sie können wohl häufig ein Teilchen verfest'gen und halten,
Vorlage S. 57
1081
Bis noch andere kommen und dadurch dem Ganzen Ersatz wird;
Vorlage S. 57
1082
Doch sie müssen zuweilen auch rückwärts weichen und hierdurch
Vorlage S. 57
1083
Raum und Zeit zur Flucht darbieten den Stoffelementen,
Vorlage S. 57
1084
Die dann frei von Verbindungszwang sich zu tummeln vermögen.
Vorlage S. 57
1085
Drum muss immer von neuem so vieles erstehn zum Ersatze.
Vorlage S. 57
1086
Aber damit es nun doch auch an Stößen nicht selber noch fehle,
Vorlage S. 57
1087
Braucht man von überallher unendliche Fülle des Urstoffs.
Vorlage S. 57
1088
Streben nach der Mitte
Vorlage S. 57
1089
Hierbei, o Memmius, musst du dem Glauben von Grund aus entsagen,
Vorlage S. 57
1090
Dass nach der Mitte der Welt (so redet man) alles sich dränge;
Vorlage S. 57
1091
Und so könne die Welt auch ohne die Stöße von außen
Vorlage S. 57
1092
Feststehn, ohne sich irgendwohin auseinander zu lösen.
Vorlage S. 57
1093
Alles, was oben und unten, sei stets auf die Mitte gerichtet.
Vorlage S. 57
1094
Danach glaubst du an etwas, das auf sich selber sich hinstellt,
Vorlage S. 57
1095
Glaubst, dass gewaltige Massen, die unter der Erde sich finden,
Vorlage S. 57
1096
Aufwärtsfliehn und verkehrt auf der Erde sich lagern und ruhen,
Vorlage S. 57
1097
Wie wir im Wasser verkehrt jetzt Spiegelbilder erblicken.
Vorlage S. 57
1098
Und auf ähnliche Weise (behauptet man) gingen dort aufrecht
Vorlage S. 57
1099
Alle Geschöpfe. Sie könnten auch nicht von der Erde gen Himmel
Vorlage S. 57
1100
Fallen dort unten, so wenig wie unsere Körper vermöchten
Vorlage S. 57
1101
Selbst und mit eigener Kraft zu den Räumen des Himmels zu fliegen,
Vorlage S. 57
1102
Jene bekämen die Sonne zu sehen, wenn wir die Gestirne
Vorlage S. 57
1103
Sehen der Nacht, und sie teilten mit uns die Zeiten des Himmels
Vorlage S. 58
1104
Wechselsweis: es entspräche ihr Tag so unserer Nachtzeit.
Vorlage S. 58
1105
Doch dies [alles] ist Wahn, [der den Irrtum zeugt] bei den Toren,
Vorlage S. 58
1106
Weil sie von Anfang an sich [in falsche Methoden] verstrickten.
Vorlage S. 58
1107
Denn [da alles sich dehnt ins Unendliche,] fehlt ihm die Mitte.
Vorlage S. 58
1108
Doch selbst [gäb' es die Mitte,] warum denn sollte man [glauben,]
Vorlage S. 58
1109
Dass nun grad' in die Mitte sich irgendein Körperchen drängte
Vorlage S. 58
1110
Eher, als weiter [zu schweifen] auf andrem beliebigen Wege.
Vorlage S. 58
1111
Denn ein jeglicher Ort und Raum, den [Leeres wir nennen,
Vorlage S. 58
1112
Muss] vor gewichtigen Massen in gleichem Verhältnisse weichen
Vorlage S. 58
1113
Ob zu mitten, ob nicht, wohin sie sich grade bewegen.
Vorlage S. 58
1114
Auch ist nirgend ein Punkt, wo die Körper, sobald er erreicht war,
Vorlage S. 58
1115
Könnten im Leeren sich halten, als ob sie die Schwere verloren,
Vorlage S. 58
1116
Auch darf nichts, was leer ist, für irgendwas Grundstein werden,
Vorlage S. 58
1117
Sondern es muss stets weichen, wie seine Natur es erfordert.
Vorlage S. 58
1118
Also können die Dinge nicht etwa, dem Drang nach der Mitte
Vorlage S. 58
1119
Folgend, nach diesem Gesetze den Zwang zur Vereinigung fühlen.
Vorlage S. 58
1120
Übrigens leihn sie ja doch durchaus nicht sämtlichen Körpern
Vorlage S. 58
1121
Jenen Drang nach der Mitte, vielmehr nur dem Nass und der Erde,
Vorlage S. 58
1122
Also den Wogen des Meers und den mächtigen Wassern der Berge
Vorlage S. 58
1123
Und was etwa im All erdartigen Körper besitze;
Vorlage S. 58
1124
Aber hingegen die Dünne der Luft und die Hitze des Feuers
Vorlage S. 58
1125
Strebe (so fahren sie fort) von der Mitte weg stetig nach oben;
Vorlage S. 58
1126
Darum flimmre der Äther ringsum vom Sternengefunkel
Vorlage S. 58
1127
Und auf der Weide des Himmels ergehe sich flammend die Sonne,
Vorlage S. 58
1128
Weil dort sämtliche Glut aus der Mitte entweichend sich sammle;
Vorlage S. 58
1129
Auch vermöge das Laub in den Kronen der Bäume durchaus nicht
Vorlage S. 58
1130
Zu ergrünen, sofern nicht die Erde die Nahrung für jeden
Vorlage S. 58
1131
[Mählich spendete, da sich der Saft von hier aus verbreite:
Vorlage S. 58
1132
Nun, dies Dogma der Gegner ist ganz unhaltbar und irrig,
Vorlage S. 58
1133
Wie ich an späterem Orte ausführlich werde beweisen.
Vorlage S. 58
1134
So will jetzt ich nur dies, damit du nicht irrest, erwidern:
Vorlage S. 58
1135
Wenn nicht besondere Kräfte die Körper in andere Richtung
Vorlage S. 58
1136
Treiben, muss alles nach unten der Schwerkraft folgend sich stürzen
Vorlage S. 58
1137
So ist zu fürchten, dass einst, wenn die Fugen der Welt nicht mehr halten,
Vorlage S. 58
1138
Ihre Atome zerflatternd hinab in das Endlose fallen,]
Vorlage S. 58
1139
Dass wie fliegende Flammen die Mauern des Firmamentes
Vorlage S. 58
1140
Plötzlich sich lösen und rasch im unendlichen Leeren zerstieben,
Vorlage S. 58
1141
Und auch die übrige Welt dem gegebenen Beispiel folge,
Vorlage S. 58
1142
Dass aus der Höhe herab lautdonnernd die Himmelsgewölbe
Vorlage S. 59
1143
Stürzen und plötzlich die Erde zu unseren Füßen sich senke
Vorlage S. 59
1144
Und in der Abgrundtiefe des Leeren sich gänzlich verliere,
Vorlage S. 59
1145
Während das All mit dem Himmel zerbracht in gemeinsamem Einsturz,
Vorlage S. 59
1146
Der die Körper zerstreut, um im Nu nichts übrig zu lassen
Vorlage S. 59
1147
Als den verwaisten Raum und die unsichtbaren Atome.
Vorlage S. 59
1148
Denn wo irgend zuerst ein wirklicher Mangel an Urstoff
Vorlage S. 59
1149
Eintritt, öffnet sich gleich für die Dinge die Pforte des Todes:
Vorlage S. 59
1150
Da wird wirbelnd ins Weite sich stürzen der sämtliche Urstoff.
Vorlage S. 59
1151
So bis ans Ende geführt wirst leicht du unsere Lehre
Vorlage S. 59
1152
Fassen; denn eins wird klar aus dem ändern, und finstere Nacht wird
Vorlage S. 59
1153
Nie dir den Pfad so verdunkeln, dass nicht auch das Letzte sich klärte
Vorlage S. 59
1154
In der Natur; so zündet das eine dem ändern ein Licht an.
Vorlage S. 59

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Bargen und jammerndem Volke …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Welche […] Zeit an der Zeugung könnte verhindern.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Deshalb« in diesem Textausschnitt? »Deshalb scheinen mir jene, die Feuer zum Grundstoff wählten«

Eine Antwort ist richtig.

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4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

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5. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Diese lassen sich nicht durch […] von außen zertrümmern,«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Innig vermischt in den Körpern verborgen sich halte.« B: »Dies kann füglich nichts anderes sein als vereinigter Urstoff,« C: »Griechischer Weltweisheit in lateinischen Versen zu künden.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Als was die Pythia spricht …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Wie mit dem Thyrsusstab, und …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

10. Welcher Ausschnitt enthält ausdrücklich einen Grund oder eine daraus gezogene Folge? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »hebt der Triumph in den Himmel«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
Textstelle nachlesen ↗

2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »hebt der Triumph in den Himmel« und »Wie, wenn die Ärzte den Kindern die widrigen Wermutstropfen«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Dies kann füglich nichts anderes sein als vereinigter Urstoff,«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
Textstelle nachlesen ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Mutter der Äneaden, du Wonne der Menschen und Götter,«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Können die vielen zusammen gewaltige Kräfte entfalten.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »In der Natur; so zündet das eine dem ändern ein Licht an.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Über die Natur der Dinge – DTA DiBiPhil

Deutsches Textarchiv, BBAW, DiBiPhil-Korpus; Kuration Matthias Boenig, Susanne Haaf, Marius Hug und DTA-Team; ursprüngliche Digitalisierung Editura/Digitale Bibliothek. Historische Quellausgabe: Lukrez: Über die Natur der Dinge. Aus dem Lateinischen übersetzt von Hermann Diels, Berlin: Aufbau, 1957 (Philosophische Bücherei, Bd. 12).

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY-SA 4.0 Lizenz

Originalsprache · Latein

Vollständiger überlieferter lateinischer Text in sechs Büchern. Alle nummerierten Verse der Quellenedition einschließlich mitgeführter Varianten bleiben in ihrer Reihenfolge erhalten. Der Werkabschluss beschreibt die Pest in Athen. Perseus nennt in diesem XML keine genaue historische Druckedition (Lost information); eine solche wird hier nicht erfunden. Keine Gleichheit von Lesarten, Zeilen oder Anhängen mit der deutschen Übersetzung wird behauptet.

Lucretius; Perseus Digital Library, Tufts University. Digital source CC BY-SA4.0; bibliographical imprint not retained in the source XML.

Autorschaft und Ausgabe: Titus Lucretius Carus

Originaltext und Ausgabe ↗ · Perseus Digital Library, Tufts University · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.