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Buch - Sonette - Shakespeare, William

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Deutsche Übersetzung · Lesefassung

Sonette

Shakespeare, William

Sonette von Shakespeare, William. Volltext der angegebenen historischen deutschen Übersetzung.

ErzählprosaKlasse 9–10 · 11–132 Abschnitte
Historische Textüberlieferung von „Sonette“
Historische Textüberlieferung von „Sonette“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · William Shakespeare · Public domain Bildquelle ↗

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Deutsche Übersetzung: Gottlob Regis

Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und zeitgebundene Wertvorstellungen gemeinsam einordnen. Klassenangaben sind redaktionelle Orientierung.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 2 von 2

Sonette 1–154

Die 154 nummerierten Sonette werden hier als zusammenhängender Zyklus gelesen. Diese Gruppierung dient der Navigation und dem gemeinsamen Kapitelquiz; Wortlaut, Reihenfolge und Gedichtnummern bleiben erhalten.

1
1
Vorlage S. 777
2
Von schönsten Wesen wünschen wir Vermehrung,
Vorlage S. 778
3
Damit der Schönheit Ros' unsterblich sei,
Vorlage S. 778
4
Und, wenn das Reife stirbt durch Zeitverheerung,
Vorlage S. 778
5
Sein Bild in zarten Erben sich erneu'.
Vorlage S. 778
6
Doch du, in eigner Augen Schein begnügt,
Vorlage S. 778
7
Nährst mit selbstwesentlichem Stoff dein Feuer,
Vorlage S. 778
8
Machst Hungersnot wo Überfülle liegt,
Vorlage S. 778
9
Dir selber Feind, des holden Ichs Bedräuer!
Vorlage S. 778
10
Der jungen Tage frische Zierde du
Vorlage S. 778
11
Und einz'ger Herold bunter Frühlingszeit,
Vorlage S. 778
12
Begräbst in eigner Knospe deine Ruh,
Vorlage S. 778
13
Vergeudest kargend, zarte Selbstigkeit!
Vorlage S. 778
14
Hab Mitleid mit der Welt! Verschling' aus Gier
Vorlage S. 778
15
Ihr Pflichtteil nicht in deinem Grab und dir.
Vorlage S. 778
17
Wenn vierzig Winter einst dein Haupt umnachten
18
Und tief durchfurchen deiner Schönheit Feld,
19
Dann ist dein Jugendflor, wonach wir itzt so trachten,
20
Ein mürbes Kleid, das unbemerkt zerfällt.
21
Ein ödes Lob, ein allverzehrend Schmähn
22
Wär's dann, dem Forscher nach den Reizen all,
23
Nach all dem frühen Reichtum, zu gestehn
24
Er sei dahin mit deines Auges Fall.
25
Weit rühmlicher wies deine Schönheit sich,
26
Könnt'st du erwidern »dies mein schönes Kind
27
Tilgt meine Schuld, vertritt im Alter mich,
28
Weil seine Reize Erben meiner sind«. –
Vorlage S. 779
29
Dies ist's, wodurch ein Greis sich neu verjüngt
Vorlage S. 779
30
Und kaltem Blut die Wärme wiederbringt.
Vorlage S. 779
32
Sieh in dein Glas! Zum Bild, das es dir weist,
33
Sprich: Bild, nun musst du auf dein Abbild denken.
34
Wenn du dich jetzt auffrischend nicht erneust,
35
Höhnst du die Welt, wirst Mutterrechte kränken.
36
Denn welcher Schönen unbestellter Schoß
37
Verschmäht den Pflug wohl deiner Feldwirtschaft?
38
Wer wär in eigner Meinung je so groß,
39
Der Selbstsucht Grab zu sein, der Enkel Haft?
40
Du, deiner Mutter Spiegel, zauberst ihr
41
Der Jugendtage holden Lenz herbei:
42
So, trotz der Runzeln auch erscheinet dir
43
Durch deines Alters Fenster einst dein Mai.
44
Doch, lebst du nur Vergessenheit zu erben,
45
Stirb einsam, und dein Bild wird mit dir sterben.
47
Anmut, unwirtliche! so musst du nur
48
Auf dich dein reizendes Vermächtnis wenden?
49
Doch schenket nichts, es leihet nur Natur,
50
Und leiht, freigebig selbst, nur freien Händen.
51
Warum mißbrauchst du schöner Karger dann
52
Dies reiche Gut, zum Geben dir gegeben?
53
Was brauchst du unbelohnter Wuchersmann
54
Der Summen höchste Summ', und kannst nicht leben?
55
Denn handeltreibend nur mit dir allein,
56
Beraubst du seiner selbst dein holdes Ich:
57
Wie kann dann deine Rechnung richtig sein,
58
Wenn einst Natur gebietet über dich?
59
Schönheit, die du nicht brauchst, lischt mit dir aus;
Vorlage S. 780
60
Gebraucht, bestellt sie hinter dir dein Haus.
Vorlage S. 780
62
Dieselben Stunden, die mit sanftem Kreisen
63
Den süßen Blick geformt, wonach uns so verlangt,
64
Sie werden ihm tyrannisch sich erweisen
65
Und das entstellen, was so herrlich prangt.
66
Denn Zeit, nie rastend, führt den Sommer fort
67
Zum finstern Winter, und verdirbt ihn da.
68
Es stocken Säfte, Blatt auf Blatt verdorrt,
69
Verschneit liegt Schönheit, Wüste fern und nah.
70
Blieb dann nicht Sommers abgezogner Sinn,
71
Der flüssige Gefangn' in Glases Mauern,
72
Wär mit dem Schönen Schönheitsfrucht dahin,
73
Nicht selbst, noch im Gedächtnis fortzudauern.
74
Doch abgezogne Blumen, ob auch Winter
75
Sie bleicht, ihr Wesen duftet drum nicht minder.
77
Drum, dass nicht Winters rauhe Hand hinfort
78
Unabgezogen deinen Sommer kränke,
79
Durchwürz' ein Fläschlein, häuf' auf einen Ort
80
Der Schönheit Schatz, eh' er sich selbst versenke!
81
Denn niemand rechnet dir als Wucher zu,
82
Wofür gern Zinsende beglückter scheinen.
83
Sie bringen Zins für dich ein ander du,
84
Und zehnfach glücklicher, wenn zehn für einen.
85
Zehnfach beglückter wär'st du als du bist,
86
Wenn zehn der deinen zehnfach dich erneuten.
87
Was dann vermöchte Todes Macht und List?
88
Lebendig gingst du auf die Folgezeiten.
89
O sei nicht eigenwillig! viel zu schön
90
Schuf dich Natur, im Moder zu vergehn.
92
Sieh! wenn von Osten her das Segenslicht
93
Sein Glanzhaupt zeigt, wie aller Augensphären
94
Ihm huldigen, dem kommenden Gesicht,
95
Mit Blicken seine heil'ge Hoheit ehren.
96
Und hat er auch den steilsten Himmelsplan,
97
Gleich rüst'ger Mitteljugend schon beschritten,
98
Noch beten Menschen seine Schönheit an,
99
Noch lauschen sie des Gottes goldnen Tritten.
100
Doch, wenn von höchster Höh' ermüdet dann
101
Tagabwärts wankt des schwachen Greises Wagen,
102
Gleich kehrt von seinem niedrigen Gespann
103
Der Blick sich weg, erst zu ihm aufgeschlagen.
104
So du, um Mittag schon dir selbst entflohn,
105
Stirbst unbemerkt, zeugst du dir nicht den Sohn.
107
Du selbst Musik, und hörst Musik so trübe?
108
Süßes kämpft nicht mit Süßem, Lust weckt Lust.
109
Liebst du etwas, damit es dich betrübe?
110
Eröffnest freudig deiner Qual die Brust?
111
Wenn dir das Ohr Einklang der rein gesellten,
112
In Einigkeit vermählten Töne stört,
113
So scheinen sie nur lieblich dich zu schelten,
114
Der seine Stimm' in Ledigkeit verzehrt.
115
Horch wie ein Klang die Saiten, gleiches Falles,
116
Wie teure Gatten wechselseits durchdringt;
117
Wie Vater, Kind, und frohe Mutter, alles
118
In eins, die eine muntre Note singt!
119
Ein sprachlos Lied, der vielen eine Pflicht,
120
Dir singt es: einsam gehest du zunicht.
122
Willst du dein Leben ehelos vergeuden,
123
Damit nicht eine Witwenträne fällt?
124
Ach! wenn du kinderlos dann müsstest scheiden,
125
Bangt um dich das verlaß'ne Weib: die Welt.
126
Die Welt wird deine Witwe sein, und weinen,
127
Dass sie von dir kein Ebenbild behält,
128
Wenn jede Erdenwitw' in ihren Kleinen
129
Des Gatten Gleichnis sich lebendig hält.
130
Sieh, was ein Wüstling in der Welt verschwendet,
131
Vertauscht die Stätte nur, es bleibt im Brauch;
132
Doch in der Welt verpraßte Schönheit endet:
133
Und sie zerstört verbrauchend Nichtgebrauch.
134
Das Herz liebt andre nicht, das solche Schmach
135
Selbstmordend an sich selber üben mag.
136
10
137
O Schmach! vernein' es irgendwen zu lieben,
138
Du, der du auf dich selbst so unbedacht!
139
Gib zu, du seist das Ziel von vieler Trieben,
140
Doch dass du niemand liebst, ist ausgemacht.
141
Denn dich beherrscht ein mörderischer Haß,
142
Dass du nicht zauderst, selbst dich zu bedräuen,
143
Das edle Haus zerrütten möchtest, das
144
Vor allen dir geziemte zu erneuen.
145
O ändre deinen Sinn, und meine Meinung!
146
Birgt Haß in holder Liebe Wohnung sich?
147
Sei mild wie deine liebliche Erscheinung:
148
Sei mindestens barmherzig gegen dich.
149
Erschaffe neu, aus Liebe dich zu mir,
150
Dass Schönheit leb' im deinen oder dir.
151
11
152
So schnell du abblühst, sprossest du heran
153
Aus dem, was dir entging, in deinen Zweigen,
154
Und was du jugendlich an Blut vertan,
155
Das nennst du, wenn die Jugend schwand, dein eigen.
156
Hierin lebt Weisheit, Schönheit, Nachwuchs fort;
157
Sonst, Torheit, Alter, eisiges Gerinnen.
158
Dächt' alles so, die Zeit wär längst verdorrt,
159
In sechzig Jahren diese Welt von hinnen.
160
Lass sterben unfruchtbar, die anmutleer,
161
Rauh von Natur und wüst nicht zur Vermehrung taugen;
162
Sieh ihre Bestbegabten; dir ward mehr;
163
So reiche Gabe sollst du reichlich brauchen!
164
Natur schnitt ihren Stempel dich, und sprach:
165
Lass ihn nicht untergehen, präg' ihn nach.
166
12
167
Zähl' ich die Glocke, die die Zeiten mißt,
168
Seh' ich den wackern Tag in Nacht verloren,
169
Und wie des Veilchens Lenz vorüber ist,
170
Wie sich mit Silber dunkle Haar' umfloren;
171
Erblick' ich hoher Wipfel dürres Laub,
172
Die erst ein Schattendach der Herde waren,
173
Geschürzt in Garben grünen Feldesraub
174
Weißbärtig, wie im Sarg, zur Scheuer fahren:
175
Dann kommt mir deine Schönheit in den Sinn,
176
Dass du der Zeiten Trümmer musst vermehren;
177
Weil Reiz und Jugendschmuck sich selbst entfliehn,
178
Sich selbst so schnell als andre blühn, zerstören,
179
Und vor dem Sensenhieb der Zeit nichts wahrt
180
Als, ihm zum Trutz, Fortzeugung deiner Art.
181
13
182
O wärest du dein eigen! Aber du
183
Gehörest nur in diesem Leben dir.
184
Darum bereit' auf diesen Schluss dich zu,
185
Gib einem andern deine holde Zier.
186
So geht der Schönheit Lehen, das du hast,
187
Zu Ende nicht: du bist derselbe wieder,
188
Wenn sich dein schönes Bild, nachdem du selbst erblaßt,
189
Einst fortgepflanzt auf schöne Kindesglieder,
190
Wer ließ verfallen ein so edles Haus,
191
Das Wirtlichkeit in Ehren halten könnte,
192
Gesichert gegen Wintersturmes Graus
193
Und ew'gen Todeskampf der Elemente?
194
O nur Verschwender! – Deinen Vater weißt
195
Du, Freund: gib, dass dein Sohn auch so den seinen preist.
196
14
197
Nicht in den Sternen schärf' ich meinen Blick,
198
Und denke doch ein Astronom zu sein;
199
Nicht weil ich gutes oder Missgeschick,
200
Pest, Hunger, Wittrung könnt prophezein:
201
Noch weiß ich auf ein Haar das Glück zu deuten,
202
Wann einen Donner, Wind und Regen trifft;
203
Der Fürsten Wohlergehn und Widrigkeiten
204
Les' ich nicht mühsam aus des Himmels Schrift:
205
Nein, deine Augen sind mein Quell der Klarheit;
206
Die sichern Sterne geben Kunde mir,
207
Dass Schönheit weiter blühen wird und Wahrheit,
208
Wenn du ein neu Geschlecht erweckst aus dir.
209
Wo nicht, dann sag' ich dies von dir voraus:
210
Mit dir stirbt Schönheit und lischt Wahrheit aus.
211
15
212
Bedenk' ich, alles Wachsende beharrt
213
Nur im Vollkommnen wenig Augenblicke,
214
Und dass des großen Balls Gestalten aller Art
215
Die Stern' umwittern mit geheimer Tücke:
216
Seh' ich den Menschen pflanzengleich genährt,
217
Wie ihn derselbe Himmel hegt und beuget,
218
Vollsaftig prangend, dann zurückgekehrt
219
Von höchster Höh', in ihm das Mark vertreuchet:
220
Dann führt das Bild von seiner Flüchtigkeit
221
Im höchsten Jugendflor dich mir vor Augen,
222
Wo räuberisch die trümmerfrohe Zeit
223
Bemüht ist deinen Tag in Nacht zu tauchen.
224
Und stets im Kampfe mit der Zeit, dir treu,
225
Wie sie auch von dir nimmt, pflanz' ich dich neu.
226
16
227
Doch warum kehrst du selbst nicht mächtigere Waffen
228
Auf diese blutige Tyrannin Zeit?
229
Suchst dir für deinen Herbst nicht wärmern Hort zu schaffen
230
Als dies mein unfruchtbares Lied dir beut?
231
Nun stehest du in voller Stunden G'nüge,
232
Da manch ein Mädchenbeet, noch unbelaubt.
233
Mit keuschem Wunsch dir gern lebend'ge Blumen trüge,
234
Weit ähnlicher als dein gemaltes Haupt.
235
Dann blieb in Lebenslinien jung dies Leben,
236
Das dir mein Schülerkiel am Zeitenschild,
237
Weil weder inn'rer Wert noch äußr'er Glanz ihn heben,
238
In Menschenaugen nimmer frisch erhielt.
239
Wie du dich weggibst bleibst du dein; du lebst,
240
Wenn du mit holder Kunst dich selbst zu zeichnen strebst.
241
17
242
Wer glaubt wohl künftig an mein Lied, erfüllet
243
Von deinem höchsten Wert? – Der Himmel zwar
244
Weiß, nur ein Grab ist's, das dein Leben hüllet,
245
Nicht halb dein Erbteil schildernd wie es war. –
246
Schrieb ich die Schönheit deiner Augenlichter,
247
In frischen Weisen jeden Reiz von dir,
248
Die Nachwelt spräch: ein Lügner ist der Dichter,
249
So himmlisch blickt kein Erdenauge hier.
250
So wäre dann, Greisen gleich von minder Witz als Worten,
251
Mein Blatt, vergilbt an ihrem Alter, schon
252
Zu Spott, dein gutes Recht ein Dichterwahnsinn worden,
253
Aus einem alten Sang ein übertriebner Ton!
254
Doch, hättest du ein Kind um jene Zeit,
255
Zwiefach wär'st du, in ihm, und meinem Reim erneut.
256
18
257
Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?
258
Anmutiger, gemäßigter bist du.
259
Des Maies Lieblinge jagt Sturmwind von den Zweigen,
260
Und nur zu früh gehn Sommers Pforten zu.
261
Bald scheint zu heiß des Himmels Auge, bald
262
Umdunkelt sich sein goldner Kreis; es weilet
263
Das Schöne nie in seiner Wohlgestalt,
264
Vom Zufall, vom Naturlauf übereilet.
265
Du aber sollst in ew'gem Sommer blühn,
266
Nie deiner Schönheit Eigentum veralten;
267
Nie soll dich Tod in seine Schatten ziehn,
268
Wenn ew'ge Zeilen dich der Zeit erhalten.
269
Solange Menschen atmen, Augen sehn,
270
So lang lebt dies, und heißt dich fortbestehn.
271
19
272
Stumpfe, du gierige Zeit! des Löwen Krallen,
273
Der Erde gib zum Fraß die eigne Kinderbrut;
274
Lass wildem Tigerschlund die scharfen Zähn' entfallen,
275
Flamm' auf den Phönix im uralten Blut:
276
Gib froh und bang auf deiner Flucht die Stunden
277
Der weiten Welt, tu was du willst mit ihr
278
Und allem Schönen drin entstanden wie verschwunden;
279
Nur einen ärgsten Frevel wehr' ich dir:
280
O furche nicht die schöne Stirn des Lieben!
281
Mit deinem grauen Kiel zieh keine Linien dort:
282
Ihn wolle nicht in deinem Laufe trüben!
283
Der Schönheit Muster leucht' er künft'gen Tagen fort.
284
Doch tu dein ärgstes, alte Zeit! es blüht
285
Trotz deiner Wut mein Lieb doch jung in meinem Lied.
286
20
287
Von eignen Händen der Natur geschminkt,
288
Ein Fraungesicht hast du Mann-Mädchen meiner Liebe!
289
Ein mildes Frauenherz, doch unbedingt
290
Durch falscher Frauen wechselvolle Triebe:
291
Ein Auge heller, minder falsch im Rollen,
292
Vergoldend wie es blickt. Von Farb' ein Mann,
293
Dem Huldigung der andern Farben zollen;
294
Der Männeraugen Dieb, der Frauenseelen Bann.
295
Auch warest du zum Weib geboren, machte
296
Natur nicht, in der Arbeit liebeblind,
297
Den Zusatz, der mein Hoffen um dich brachte,
298
Dir Gaben leihend, die mir nutzlos sind.
299
Doch da sie Frauengunst mit dir gesucht,
300
Gib deine Liebe mir, gib ihnen Liebesfrucht.
301
21
302
Nicht jene Muse hab' ich mir erwählt,
303
Die aus gemalten Reizen Lieder saugt,
304
Selbst nur zur Färbung braucht des Himmels Zelt,
305
In seine Schönheit alles Schöne taucht;
306
Die nur zusammenhäuft hochtrabende Vergleiche
307
Mit Sonn' und Mond, dem köstlichsten Gestein
308
In Erd' und See, mit Florens jüngstem Zweige,
309
Und was nur Seltnes hegt des Himmels Wölbung ein.
310
O lass mich, treu in Lieb', auch treu nur schreiben!
311
Dann glaube mir: so reizend ist mein Freund
312
Wie je ein Mutterkind, wenn er die goldnen Scheiben
313
Des Sternenplanes gleich nicht überscheint.
314
Mehr sage, wer mit Worten abzuspeisen:
315
Ich, der ich nichts verkaufe, mag nichts preisen.
316
22
317
Dem Spiegel glaub ich noch mein Alter nicht,
318
So lang verbunden du und Jugend grünen.
319
Doch säh ich Runzeln dir im Angesicht,
320
Wüßt' ich, nah wär mein Tod, der Tage Schuld zu sühnen.
321
Denn alle Schönheit, wie sie lebt an dir,
322
Deckt nur mein Herz mit saubrer Hülle zu,
323
Das dir im Busen wohnt, wie deins in mir:
324
Wie könnt' ich denn nun älter sein als du?
325
O darum, Freund, sei für dich selbst so wachsam
326
Wie ich für dich, nicht für mich selbst will sein;
327
Der ich dein Herz will hegen so bedachtsam
328
Wie zarte Ammen ihre Kindelein.
329
Bau' auf dein Herz nicht mehr, wenn meins erliegt!
330
Zum Wiedergeben gabst du deins mir nicht.
331
23
332
Wie auf der Bühn' ein ungeübter Held,
333
Wenn ihn die Furcht in seiner Rolle hindert,
334
Oder ein wild Geschöpf, das Wut zu hitzig schwellt
335
Und übermächtig ihm die eigne Stärke mindert:
336
So ich vergess' es, zaghaft, auszusprechen,
337
Was von mir fordert voller Liebe Pflicht;
338
In eigner Liebe Macht schein' ich mich abzuschwächen,
339
Zu Boden drückt mich eigner Glut Gewicht.
340
O dann nimm meine Blick' als Redekünste
341
Und stumme Deuter der beredten Brust!
342
Die flehn um Lieb' und schmachten um Gewinnste
343
Mehr als ein Mund mit Worten je gewusst.
344
Was Liebe schweigend schrieb, o lern' es lesen!
345
Mit Augen hören ziemt der Liebe feinem Wesen.
346
24
347
Mein Auge war ein Maler, der dein Bild
348
In meines Herzens Grund gezeichnet tief.
349
Mein Leib umzirkt es wie ein Rahmenschild,
350
Und Malers beste Kunst ist Perspektiv:
351
Denn durch den Maler durchsehn musst du sein Geschick,
352
Wenn du dein armes Bild willst finden, wo es liegt:
353
In meines Busens Schrein bis diesen Augenblick,
354
Darein dein Auge sich als Fenster schmiegt.
355
Sieh nun wie gut ein Auge dient dem andern!
356
Meins malt dein Bild, dafür, in meiner Brust
357
Wird deins zum Fenster, wo die Sonnenstrahlen wandern,
358
Durchblickend dich belauschen drin mit Lust.
359
Nur dass das Aug' entbehret eines Lichts:
360
Es malt nur, was es sieht, vom Herzen weiß es nichts.
361
25
362
Lass, wem ein günstiges Gestirne tagt,
363
Mit öffentlicher Ehr' und Titeln prunken.
364
Ich, dem das Glück so hohen Glanz versagt,
365
Bin, unbemerkt, von andrer Ehrfurcht trunken.
366
Wie bunte Primeln an der Sonne Blick,
367
Entfalten Fürstengünstlinge die Blume,
368
Begraben in sich selbst ihr stolzes Glück;
369
Ein Schmollen tötet sie in ihrem Ruhme.
370
Der mühevolle Krieger, kampfbekannt,
371
Nach tausend Siegen einmal überwunden,
372
Ist aus dem Buch der Ehre wie verbannt,
373
Vergessen ganz die Früchte saurer Stunden:
374
Darum wohl mir! Ich lieb' und bin geliebt,
375
Wo's kein Verdrängen noch Verdrungenwerden gibt.
376
26
377
Herr meiner Liebe! Der zum Sklaven du
378
Durch dein Verdienst mich ganz gemacht dein eigen,
379
Dir send' ich die geschriebne Botschaft zu,
380
Ergebenheit, nicht Geisteskraft zu zeigen:
381
Ergebenheit so groß, dass sie mein schlichter Geist,
382
Dem Worte fehlen, dir nur dürftig beut,
383
Wenn ich nicht hoffen darf, im guten Herzen seist
384
Du auch die nackende zu kleiden mir bereit;
385
Bis das Gestirn, das meine Tage lenkt,
386
Wie es auch heiße, mit versöhntem Strahl
387
Mir winkend, zarter Liebe Kleidung schenkt,
388
Mich wert zu zeigen deiner süßen Wahl.
389
Dann wag' ich laut zu rühmen wie ich dein:
390
Bis dahin soll mein Haupt vor dir verborgen sein.
391
27
392
Ich eil' ins Bett, ermüdet von Beschwer,
393
Zur holden Ruhstatt weitgereister Glieder:
394
Doch auf den Weg macht sich das Haupt nunmehr,
395
Wach wird die Seele, sinkt der Leib darnieder.
396
Denn jetzo suchen die Gedanken dich,
397
Aus weiter Fern' auf frommer Pilgerschaft;
398
Weit offen halten Augenlider sich,
399
Ich blick' in Dunkel, wie ein Blinder gafft.
400
Nur meines Geistes Aug' einbildsamlich
401
Stellt dein Phantom unsehenden Augen dar:
402
Dort hängt's in Nächten ein Juwel für mich,
403
Verklärt das alte Dunkel wunderbar.
404
Sieh, wie am Tag den Leib, nachts das Gemüt,
405
Um dich und mich, ersehnte Ruhe flieht!
406
28
407
Wie soll es dann nun besser mit mir werden,
408
Wenn mir der Ruhe Wohltat bleibt versagt?
409
Wenn Nacht nicht heilen will des Tags Beschwerden,
410
Und Tag an Nacht, und Nacht am Tage nagt?
411
Wenn jedes zwar dem Reich des andern gram,
412
Nur mich zu martern sich die Hände reicht,
413
Der Tag mit Müh, die Nacht mit Seelengram;
414
Dass all mein Mühen nur mich weiter von dir scheucht.
415
Dem Tag zu kosen sag' ich, du bist klar,
416
Du zierst ihn, wenn am Himmel Wolken dunkeln:
417
Dann schmeichl' ich auch der Nacht im Rabenhaar,
418
Dass du den Abend stirnst, wenn keine Sterne funkeln.
419
Doch täglich länger spinnt der Tag mein Leid;
420
Allnächtlich enger schnürt die Nacht mein Folterkleid.
421
29
422
Wenn ich, vom Glück verschmäht und Menschenblicken,
423
Mein ausgestoßnes Dasein still bewein',
424
Und, mich betrachtend, fluche den Geschicken,
425
Dass taub der Himmel bleibt bei meinem Schrei'n,
426
Und wünsch', ich wär an Hoffnungen so reich
427
Wie mancher, so befreundet, so geboren,
428
In Kunst, in Freiheit dem und jenem gleich,
429
Am mind'sten froh bei dem, was ich erkoren:
430
Doch – denk' in solchem Selbstverachtungstraum
431
Von ungefähr ich deiner, jauchzt mein Leben
432
Wie Lerchen, die vom dumpfen Erdenraum
433
Frühjubelnd sich zum Himmelstore heben.
434
So macht Erinnrung an dein Lieben reich,
435
Dass ich's nicht hingäb' um ein Königreich.
436
30
437
Wenn ich in schweigender Gedanken Rat
438
Erinnrung des Vergangnen traulich lade,
439
Beseufzend was entflohn mir nie mehr naht,
440
Neu klagend alte Weh'n versunkner Lebenspfade:
441
Dann netz' ich wohl versiechte Augenlider
442
Um teure Freund' in Todesnacht gehüllt;
443
Es weinen, längst erstickt, der Liebe Schmerzen wieder,
444
Der Gram um manch dahingeschwunden Bild.
445
Dann kann ich leiden um vergangnes Leid,
446
Die trübe Summe vorbeklagter Klagen
447
Von Weh zu Weh ziehn mit Betrübsamkeit,
448
Sie zahlend wie noch niemals abgetragen.
449
Doch, teurer Freund! gedenk' ich dein dabei,
450
Ersetzt ist alles, und ich atme frei.
451
31
452
Die Herzen aller, die ich für begraben,
453
Weil sie mir fehlten, hielt, bereichern deine Brust.
454
Da wohnen Lieb' und alle Liebesgaben,
455
Und jeder Freund, den ich mir tot gewusst.
456
Wie manche heilige fromme Träne lernte
457
Mein Aug' aus treu andächt'ger Liebe weinen
458
Zum Zoll den Toten, die nun wie entfernte,
459
In dir verborgne Wesen mir erscheinen!
460
Lebend'ger Liebe Grab bist du erbaut,
461
Prangst mit Trophäen meiner toten Lieben,
462
Die all' ihr Teil an mir dir anvertraut:
463
Der vielen Gut, dir ist's allein verblieben.
464
Die einst geliebten Bilder zeigst du mir,
465
Und du, ihr Inbegriff, mein alles eignet dir.
466
32
467
Wenn, überlebend meiner Tage Ziel,
468
Nachdem schon dies Gebein ein Raub des alten Feindes,
469
Durch Zufall noch einmal dir in die Augen fiel
470
Dies arme rohe Blatt des hingeschiednen Freundes;
471
Vergleich' es mit der Zeiten Besserung,
472
Und wenn auch aller Federn es besiegen,
473
Bewahr' es mir zu lieb, nicht um des Reimes Schwung,
474
Den glücklichere Geister überfliegen.
475
Dann denke liebend nur von mir: »O wäre
476
Des Freundes Mus' in reif'rer Zeit erblüht,
477
Wohl eine köstlichere Frucht gebäre
478
Mir seine Lieb' und stolzer kläng sein Lied:
479
Doch da er starb und Dichter höher gehn,
480
Will ich an ihnen Kunst, an ihm nur Liebe sehn.«
481
33
482
Wie manchen stolzen Morgen sah ich schon
483
Mit Herrscherblick der Berge Häupter grüßen:
484
Sein goldnes Antlitz küsst den bleichen Strom,
485
Mit Himmelsalchimie vergoldet er die Wiesen.
486
Und bald darauf, wenn feiger Nebel schwillt,
487
Wie lässt er trüben seine Götterwange,
488
Entzieht sein Haupt dem trauernden Gefild
489
Und eilt mit Schmach, verhüllt zum Untergange.
490
So fiel von meiner Sonn' auch nur ein früher Schein
491
Mit allem Siegesglanz mir auf die Brauen:
492
Doch ach! er war nur eine Stunde mein;
493
Nun birgt mir ihn der Heimatnebel Grauen.
494
Doch meine Liebe drum irrt's ewig nicht:
495
Was Himmelssonnen bleicht, trübt wohl ein Erdenlicht.
496
34
497
Warum verhießest du so heitern Tag,
498
Und ließest ohne Mantel mich verreisen,
499
Dass unterwegs mich trifft der Wolken Schmach,
500
Die deine Pracht mit faulem Dunst umkreisen?
501
Nicht ist's genug, dass du den Regen mir
502
Durch Wolken brechend hauchst von sturmgepeitschten Wangen;
503
Denn niemand dankt wohl für den Balsam dir,
504
Der Wunden heilt und nicht des Unglimpfs Bangen:
505
Noch kann dein Schämen meinen Gram zerstreun.
506
Wie leid dir sei, mein bleibt doch der Verlust.
507
Nur schwachen Trost gewährt des Schädigers Bereu'n
508
Dem, der des Schadens Dorn trägt in der Brust.
509
Doch ach! die Träne, die dein Auge netzt,
510
Wie reiche Perl' ist's nicht, die allen Fehl ersetzt!
511
35
512
Sei nicht mehr bang um das, was du getan.
513
Die Ros' ist dornig, Schlamm trübt silberhelle Quellen,
514
Wolk' und Verfinst'rung, Sonn' und Mondenbahn,
515
Die schönsten Knospen darf ein ekler Wurm entstellen.
516
Wir fehlen all', und eben hierin ich,
517
Dass ich mit Gleichnis nähre dein Vergehn,
518
Den Fehl beschönend, selbst bestechend mich,
519
Mehr Sünd' entschuld'gend als du je versehn.
520
Denn deiner Sinnenschuld dien' ich mit Sinn;
521
Dein Gegner wird dein Anwalt, ich bestreite
522
Rechtskräftig meines Rechtes Eigensinn.
523
So spornen Lieb' und Haß zum Bürgerkrieg mich beide,
524
Dass ich muss Hehler sein dem lieben Haupt
525
Des holden Diebes, der mich schlimm beraubt.
526
36
527
Gesteh' ich's nur: gesondert bleiben wir,
528
Wie auch unteilbar unsre Herzen schlagen.
529
So kann ich ohne Hülfe dann von dir
530
Die Flecken meines eignen Wesens tragen.
531
In unsern Herzen ist nur ein Gefühl,
532
In unsern Leben zwistiger Verdruss:
533
Zwar irrt er nicht der Liebe reines Ziel,
534
Doch süße Stunden raubt er dem Genuss.
535
Nicht überall darf ich mich zu dir kehren,
536
Wo mein beweint Vergehn dir Schmach zu bringen schien;
537
Noch du mit öffentlicher Gunst mich ehren,
538
Willst du nicht deinem Namen Ehr' entziehn.
539
Doch, tu' es nicht! Ich halte so dich wert,
540
Dass, wie du selbst, mein auch dein Ruf gehört.
541
37
542
Wie ein verlebter Vater freudevoll
543
Sich labt an seines Sohnes Jugendklarheit,
544
Erblüht auch mir, durch Glückes ärgsten Groll
545
Gelähmten, all mein Trost aus deines Wertes Wahrheit.
546
Denn, ob Geburt, Witz, Schönheit, Reichtum nun,
547
Gesondert oder alle, ja noch mehr,
548
In deiner Gaben Flor gekrönet ruh'n,
549
Pfropf' ich mein Lieben auf dies Tugendheer.
550
So bin ich denn nicht lahm, arm noch verstoßen,
551
Wenn so der Schatten mir zum Wesen sich verkehrt;
552
Wenn, deines Überflusses Mitgenossen
553
Mich schon ein Teil von deinen Gütern nährt.
554
Sieh! Was es Bestes gibt, wünsch' ich in dir.
555
Mir ward's gewährt: wohl dann, zehnmal wohl mir!
556
38
557
Wie könnt' es meiner Mus' an Stoffgebrechen
558
Solang du atmest, der du mein Gedicht
559
Durchströmst mit deines Wesens holden Bächen,
560
Das jeden niedern Kiel hoch überfliegt?
561
O danke du dir selbst, wenn lesenswert
562
In deinen Augen etwas scheint an mir.
563
Wer wär' so stumm, den du nicht Schrift gelehrt?
564
Leiht nicht Erfindung selbst ihr Licht von dir?
565
Sei du die zehnte Muse, zehnmal reicher
566
Als jene alten neun, zu denen Reimer flehn;
567
Und wer dich anruft, ew'ge Lieder zeug' er,
568
Die aller Zeit Verwüstung überstehn!
569
Behagt mein leichter Sang der feinen Zeit,
570
Sei mein die Müh, dein die Zufriedenheit.
571
39
572
Wie mag ich sittsam denn von deinem Werte singen,
573
Wenn du der bess're Teil nur bist von mir?
574
Was kann mein Selbstlob mir für Ehre bringen?
575
Und ist's nicht Selbstlob, was ich lob' an dir?
576
Lass eben darum uns gesondert leben,
577
Lass zwei für eine treue Liebe sein;
578
So kann ich dir in dieser Trennung geben,
579
Was dir dem einzigen gebührt allein.
580
Entfernung, quälende! wie wär'st du trübe,
581
Wär nicht der süße Trost in deiner sauern Frist:
582
Dass uns die Zeit entflieht in Sorgen zarter Liebe,
583
Die Zeit und Sorgen anmutvoll versüßt,
584
Und lehrtest du nicht zwei aus einem werden,
585
Dass der Verlassne preise den Entbehrten.
586
40
587
Nimm meine Lieben alle, mein Gespiele:
588
Welch neues Eigentum erwirbst du dran?
589
Nicht Liebe, die als Liebchen dir gefiele;
590
Denn meine ganze war vorlängst dir untertan.
591
Nimmst du für meine Liebe nun mein Lieb,
592
Kann ich's nicht schelten. Nutze meine Liebe!
593
Doch schelt ich's, wenn dein launenhafter Trieb
594
Selbsttrüglich kostete, was dir zuwider bliebe.
595
Verziehn soll, süßer Dieb, dein Raub dir sein.
596
Zwar stahlst du meiner Armut letztes Gut;
597
Und, Liebe weiß es! Liebestyrannei'n
598
Sind schmerzlicher als Hasses offne Wut. –
599
Mutwillige Anmut, reizend noch im Schlimmen!
600
Kränke mich tot, du kannst mich nicht verstimmen.
601
41
602
Die art'gen Sünden, die dein froher Mut
603
Zuweilen, mein vergessend, wohl begeht,
604
Stehn deiner Schönheit, deinen Jahren gut,
605
Weil, wo du gehst, Versuchung mit dir geht.
606
Du magst gewonnen werden; bist gelind;
607
Zum Angriff reizest du; denn du bist schön:
608
Und wenn ein Weib wirbt, welches Weibes Kind
609
Ließ mürrisch ungewährt sie weitergehn?
610
Ach mir! und doch, Kind, möchtest du beizeiten
611
Die Schönheit zügeln und der Jugend Lust,
612
Die dich in ihrem Taumel noch verleiten,
613
Dass du zwiefält'ge Treue brechen musst:
614
Die ihre, denn du reizest sie zu dir;
615
Die deine, denn dein Reiz macht dich zum Dieb an mir
616
42
617
Dass du sie hast, ist nicht mein ganzer Schmerz;
618
Und habe doch fürwahr sie treu geliebt.
619
Dass sie dich hat, ist meines Kummers Herz,
620
Ein Liebesraub, der tiefer mich betrübt.
621
Euch Liebessünder will ich so verteid'gen:
622
Du liebst die, weil du weißt, dass sie mir wert;
623
Und so auch sie muss mich um meinethalb beleid'gen,
624
Erhörend meinen Freund, der meinethalb sie ehrt.
625
Verlier' ich dich, mein Liebchen nimmt die Beute;
626
Verlier' ich sie, gleich findet sie mein Freund:
627
Sie beide finden sich, und ich verliere beide,
628
Zu meiner Qual um meinethalb vereint.
629
Doch, Glück! Sind wir nicht eins, er mein, ich sein?
630
Holdsel'ger Traum! dann liebt sie mich allein.
631
43
632
Am besten dient mein Auge blinzend mir;
633
Denn unbeachtet geht der Tag an ihm vorüber:
634
Allein im Schlaf, im Traume sieht's nach dir
635
Aus Nacht in Helligkeit, nachthell hinüber.
636
Du, dessen Schatten nun die Schatten so erhellt,
637
Wie wird am Tag erst deines Schattens Wesen
638
Mit seinem höchsten Licht erfreun die Welt,
639
Wenn blinde Augen schon am Schatten so genesen!
640
Wie selig, sag' ich, wär mein Auge nun,
641
Hätt' ich am heitern Tag erst dich gewahrt,
642
Wenn öde Nacht den Augen, wie sie ruhn,
643
Dein schönes bleiches Trugbild offenbart.
644
Mir scheint Nacht jeder Tag, getrennt von dir,
645
Und Nächte hell wie Tag, zeigst du im Traum dich mir.
646
44
647
Wär meines Fleisches zäher Stoff Gedanke,
648
Dann hielt mich neidische Entfernung nicht;
649
Denn allem Raum zum Trotz entflöh ich jeder Schranke,
650
Die mich verbannt aus deinem Angesicht.
651
Dann gält mir gleich, ob auch am fernsten Strande
652
Mein Fuß stünd, weit von dir; denn unumschränkt
653
Springt der Gedanke über Meer und Lande
654
So schnell als er den Ort, wohin er fliehn will, denkt.
655
Doch ach! Tod ist dies Denken: nicht Gedanke
656
Zu sein, um Welten weit dir nachzufliehn;
657
Und dass ich so am Gram der lahmen Zeiten kranke,
658
Wenn Erd' und Wasser mich zu Boden ziehn,
659
Die trägen Elemente, die mich nur
660
Mit Tränen nähren, ihres Jammers Spur.
661
45
662
Die andern, lose Luft und läuternd Feuer, hangen,
663
Wo ich auch sein mag, immerfort an dir;
664
Luft, mein Gedanke; Feuer, mein Verlangen,
665
Im schnellsten Flug sind sie bald dort, bald hier.
666
Wenn sie, die leichtern Elemente, eben
667
Mit zarter Liebesbotschaft zu dir ziehn,
668
Sinkt mein aus vieren gleichgeschaffnes Leben
669
Mit zween allein in Todesschwermut hin:
670
Bis sich die Lebensstoffe neu vereinen,
671
Mit jener raschen Boten Wiederkehr,
672
Die eben jetzt von dir zurück erscheinen,
673
Von deinem Wohlsein bringend sichre Mähr.
674
Entzückt vernehm' ich's, aber froh nicht lang,
675
Send' ich sie gleich zurück, und bin gleich wieder bang.
676
46
677
Mein Herz und Aug' entbrennen zwiegespalten
678
Um deines Anblicks Beute zum Gefecht.
679
Das Auge will dein Bild dem Herzen vorenthalten,
680
Dem Auge wehrt das Herz dies freigeborne Recht.
681
Das Herz gibt vor, du wohnst in ihm, dem Schrein,
682
Den kein kristallnes Auge noch gespalten:
683
Dagegen sagt der Widersacher, nein,
684
Dein schönes Gleichnis sei in ihm enthalten.
685
Ihr Recht zu prüfen wird ein Rat ernennt,
686
Gedanken, die dem Herzen untertan:
687
Und siehe, deren Richterspruch erkennt
688
Zu gleichen Hälften für befugt sie an:
689
Dass dein auswendig Teil den Augen bliebe,
690
Wenn sich das Herz erfreut der innern Herzensliebe.
691
47
692
Bündner sind Aug' und Herz nun: jedes achtet
693
Das andre treuer Liebesdienste wert:
694
Denn wenn das Aug' um einen Blick verschmachtet,
695
Das Herz in Liebesseufzern sich verzehrt:
696
Dann labt das Auge mit gemalter Kost
697
Das Herz, einladend auf des Freundes Bild:
698
Und wieder wird das Herz des Auges Wirt und Trost,
699
Wenn es ihm einen Teil von seiner Lieb' enthüllt.
700
Und so erhält dein Bild, wie meine Liebe,
701
Auch wenn du fern bist, ewig nah dich mir;
702
Denn weiter kannst du nicht als meine Triebe,
703
Und ich bin stets mit ihnen, sie mit dir.
704
Auch wenn sie schliefen, gleich erwacht die Brust
705
Vor deinem Bild zu Aug- und Herzenslust.
706
48
707
Wie sorgsam barg ich jeden kleinen Tand,
708
Als ich auf Reisen ging, in Kofferwände,
709
Damit ich unberührt von falscher Hand
710
Zu eignem Zweck ihn sicher wiederfände!
711
Und du, dem Tand nur meine Perlen sind,
712
Mein teurer Trost, und nun mein größter Gram auf Erden,
713
Du einzig höchstes Gut, das meine Seele minnt,
714
Kannst jedes schnöden Diebes Beute werden!
715
Dich schließt kein Koffer mir noch Kasten ein,
716
Als der, wo du nicht bist – und doch fühl ich dich drinnen –
717
Hier in der Brust, dem trauten Kämmerlein,
718
Wo du, nach freier Lust, kannst kommen und entrinnen:
719
Und da noch, fürcht' ich, stiehlt man mir mein Lieb;
720
Denn um so teuern Preis wird Treue selbst zum Dieb.
721
49
722
Für jene Zeit, käm je die Zeit heran,
723
Da ich dich finster säh auf meine Mängel schmollen;
724
Wenn deine Lieb' ihr höchst Gebot getan,
725
Rücksichtlich klug bedacht die Rechnung abzuzollen:
726
Für jene Zeit, wenn fremd an mir dahin
727
Du wandeln wirst, dein Sonnenauge kaum
728
Noch hergewandt, entflohn der Liebe Sinn,
729
Gemessne Förmlichkeit an ihrem Raum:
730
Für jene Zeit will ich geduldiglich
731
Hier aufs Bewusstsein meines Werts mich stützen;
732
Ja, diese Hand erheb' ich wider mich,
733
Dein klares Recht an deinem Teil zu schützen.
734
Nach des Gesetzes Kraft kannst du mich Armen fliehn;
735
Dass ich dich lieben darf, ist mir kein Grund verliehn.
736
50
737
Wie bang mein Weg mir däucht, wenn selbst der Lohn,
738
Die Ruh und Rast am Reiseziel des Müden,
739
Mir zuruft: so viel lange Meilen schon
740
Bist du von ihm, von deinem Freund geschieden!
741
Das Lasttier, das mich trägt, der Mitgeplagte
742
Von meinem Gram, trabt schwer und trägt die Last in mir,
743
Als wenn ein dunkler Trieb dem Armen sagte:
744
Sein Reiter liebt nicht Eil, die ihn entführt von dir.
745
Ihn können blut'ge Sporen nicht beschwören,
746
Die Unlust dann und wann ihm in die Seite schlägt;
747
Ein banges Stöhnen nur lässt er zur Antwort hören,
748
Das tiefer mich, als ihn der Sporn bewegt.
749
Denn bei dem Stöhnen muss ich nur empfinden:
750
Mein Schmerz liegt vor mir, meine Freude hinten.
751
51
752
So kann ich meines Trägers trägen Mut
753
Liebreich entschuld'gen, trägt er mich von dir:
754
Wo du bist wegzueilen tut nicht gut;
755
Was soll die Eil als bei der Rückkehr mir?
756
O, wie wird dann mein Tier Entschuld'gung finden,
757
Wenn schnellste Schnelligkeit nur scheint Verzug?
758
Dann müsst' ich spornen, säß ich auf den Winden;
759
Bewegungslos schien mir des Fittigs Flug:
760
Dann hält kein Roß mit meiner Sehnsucht Schritt;
761
Und Sehnsucht, die vollkommner Lieb' entsproß,
762
Nicht träges Fleisch, wieh'rt feueratmend mit,
763
Und Lieb' um Lieb' entschuldigt so mein Roß:
764
Weil ich's von dir hinweg freiwillig zögern sehn,
765
Will ich zu dir nun laufen, es mag gehn.
766
52
767
So bin ich wie der Reiche, der sich still
768
Am Schlüssel labt zu heimlichem Besitze,
769
Den er nicht alle Stunden zählen will,
770
Um nicht zu stumpfen seltnen Reizes Spitze.
Historische Darstellung von William Shakespeare
Kontextbild zum Werk. Historische Darstellung von William Shakespeare — Spätere künstlerische Darstellung; kein gesichertes Bildnis aus dem Leben. · Martin Droeshout · Public domain Bildquelle ↗
771
Daher der Feste Würd' und Herrlichkeit,
772
Weil sie nur sparsam in des Jahres Reigen,
773
Wie größ're Edelstein' im Halsgeschmeid,
774
Wie reinste Perlen dünngesät sich zeigen.
775
So ist die Zeit, die dich mir birgt, der Schrein
776
Und Kasten, der ein gut Gewand verwahrt,
777
Für einen Ehrentag erlesner Schmuck zu sein,
778
Wenn es verborgnen Glanz von neuem offenbart.
779
Heil dir und deinem Wert! denn du beseelst
780
Zum Jubel, wo du bist; zum Hoffen, wo du fehlst.
781
53
782
Was ist dein Stoff? Woraus bestehest du,
783
Dass Scharen fremder Schatten dich umschweben?
784
Gehört doch nur ein Schatten jedem zu:
785
Du einzelner kannst jeden Schatten geben.
786
Beschreibt Adonis, und das Konterfei
787
Gleicht dürftig dir: haucht auf Helenens Wangen
788
Den ganzen Zauberschmelz der Malerei,
789
Und neu wirst du im Schmuck der Griechin prangen.
790
Rühmt Frühling oder Jahres Überfluss,
791
Sie sind die Schatten deiner Schönheit bald,
792
Bald deines Reichtums fröhlicher Erguß:
793
Dich kennen wir in jeder Wohlgestalt.
794
Ein Teil ist dein von jeder äußern Zier,
795
An Treu nur gleichst du keinem, keiner dir.
796
54
797
O, wie ist Schönheit zwiefach schön und hehr,
798
Wenn sie der Wahrheit goldner Schmuck erhebt!
799
Die Ros' ist lieblich, aber lieblicher
800
Macht sie der Wohlgeruch, der in ihr lebt.
801
Die Hagebutten sind so zart gemalt,
802
Wie duft'ger Rosen hohe Purpurglut,
803
Bedornt wie sie; am West entfaltet prahlt
804
Ihr Knösplein mit demselben Übermut.
805
Doch, weil ihr Wert nur Schein ist, leben sie
806
Unangesehn, verwelken unempfunden
807
Zu stillem Tode; süße Rosen nie:
808
Aus ihrem süßen Tod wird süß'rer Duft entbunden.
809
So auch aus dir, du Schöner, Lieber! zieht
810
Aus dir die Wahrheit, wenn du welkst, mein Lied.
811
55
812
Nicht Marmor, nicht das Gold an Königssäulen
813
Kann überdauern dieses Reimes Macht:
814
Denn heller strahlst du einst in meinen Zeilen,
815
Als grauer Stein, den Zeit unkenntlich macht.
816
Wenn Mauerwerke wilder Rotten Wut,
817
Standbilder Krieg verderblich wird zerstören,
818
Soll weder Ares Schwert, noch Krieges hurt'ge Glut
819
Dein lebendes Gedächtnismal versehren.
820
Durch Tod, durch neidische Vergessenheit
821
Dringst du hindurch; dein Ruhm wankt ewig nicht,
822
Selbst in den Augen aller Folgezeit,
823
Die diese Welt abnutzt bis zum Gericht.
824
So, bis du selbst erstehest, lebst du denn
825
Hier, und in Augen deiner Liebenden.
826
56
827
Erneu', o Liebe, deine Macht! Man schilt
828
Dich stumpfer sonst, als Hungers Leidenschaft,
829
Die heute zwar mit Speise wird gestillt,
830
Doch morgen wiederkehrt in alter Kraft.
831
So musst du, Liebe, sein! und hätt auch dies Gericht
832
Des Sehns zum Sinken dir dein hungrig Auge heut
833
Erfüllt, sich morgen wieder! töte nicht
834
Der Liebe Geist in steter Schläfrigkeit.
835
Die trübe Zwischenzeit sei wie ein Meer,
836
Das Ufer sondert, wo zwei Neuverbundne
837
Sich täglich sehn, der Liebe Wiederkehr
838
Zu feiern, zwiefach froh um die gefundne.
839
Ja, nenne Winter sie, des bange Nacht
840
Des Sommers Gruß dreimal ersehnter macht.
841
57
842
Dein Sklave, der ich bin, wie wär' ich freier,
843
Als wenn ich Stund' und Zeit wahrnehme, die du liebst?
844
Sonst acht' ich keinen Dienst und keine Stunde teuer,
845
Als wenn du etwas mir zu dienen gibst:
846
Noch wag' ich, Stund' auf Stund' am Seiger nach dir zählend,
847
Mein Fürst, die endlos lange Zeit zu schmähn;
848
Der Trennung Bitterkeiten mir verhehlend,
849
Wenn scheidend dich dein Knecht nur einmal grüßen sehn:
850
Noch grübl' ich eifersüchtig nach der Spur,
851
Wohin du gehst, was deine Absicht ist;
852
Still harrend sinnt der arme Diener nur,
853
Wie glücklich die sein werden, wo du bist.
854
Ein so gutherz'ger Narr ist Liebe; sei
855
Auch was es sei dein Tun, er hat kein Arg dabei.
856
58
857
Verhüt' es Gott, der mich zum Knecht dir ordnete,
858
Dass ich im Herzen schmollt' um deine frohen Stunden,
859
Dass ich von dir Zeitrechnung forderte,
860
Der ich als dein Vasall an deine Zeit gebunden.
861
O lass mich, deines Winks gewärtig, leiden;
862
In deiner Freiheit Kerkerferne sich
863
Gelassne Langmut leidenszahm bescheiden!
864
Kein Murren, kein Verschulden fall' auf dich.
865
Sei wo du willst, dein Freibrief ist so groß,
866
Du kannst die Stunden dir zum voraus wählen.
867
Tu, was du immer magst, dir ward das Los,
868
Von selbstbegangner Schuld dich frei zu zählen.
869
Mir ziemt zu harren, wär' im Harren Qual
870
Der Höll; ob gut ob bös, nie schelt' ich deine Wahl.
871
59
872
Wenn neu nichts ist, wenn nur Vergangnes bringend
873
Die Gegenwart sich um uns her bewegt;
874
Wie schwindelt unser Hirn, das, nach Erfindung ringend,
875
Uralter Kinder Bürden wieder trägt!
876
O könnte nur Geschicht' auf einen Flug
877
Fünfhundert Sonnenbahnen rückwärts, zeigen
878
Dein Konterfei in einem alten Buch,
879
So weit zurück nur Geistes-Chiffern reichen!
880
Damit ich sähe, was die alte Zeit
881
Von deiner Bildung Wunderwerke dächte,
882
Ob damals Schön're waren, oder heut;
883
Ob gleicher Umschwung Gleiches wiederbrächte.
884
O, sicher weiß ich dies, dass Witzlingslob
885
In jener Zeit Gering're hoch erhob.
886
60
887
Wie Wellen an des Ufers Kieseln bersten,
888
So eilen unsre Stunden an ihr Ziel:
889
Die folgende tritt an den Platz der ersten;
890
Vor, immer vorwärts drängt sie das Gewühl.
891
Geburt, einmal zu Tag entlassen, kriecht
892
Der Reife zu; damit gekrönt, umschweben
893
Gekrümmte Finsternisse schon ihr Licht,
894
Und Zeit verwüstet selbst, was sie gegeben.
895
Zeit unterwühlet Jugendflores Spur,
896
Gräbt in der Schönheit Stirnen tiefe Zeilen,
897
Nährt sich von allem Seltnen der Natur;
898
Nichts stehet, das nicht fiel vor ihren Pfeilen.
899
Und dennoch dauert, deinem Ruhm geweiht,
900
Mein Lied trotz ihrer Wut, durch alle Zeit.
901
61
902
Ist es dein Wille, dass in öden Nächten
903
Dein Bild mein müdes Auge wach erhält?
904
Begehrest du den Schlummer mir zu brechen
905
Mit einem Schatten, der wie du sich stellt?
906
Ist es dein Geist, den du als Spürer meiner Werke
907
So weit vom Hause sendest unbefugt,
908
Dass er auf meine Scham und eiteln Stunden merke,
909
Zum Ziel und Zunder deiner Eifersucht?
910
O nein! so feurig liebst du nicht, wie brav
911
Auch immer. Meine Liebe heißt mich wachen;
912
Mein eignes treues Herz raubt mir den Schlaf,
913
Um dich den Wächter immerfort zu machen.
914
Weit von dir lieg' ich wachend um dich da:
915
Du wachst woanders, andern viel zu nah.
916
62
917
In Aug' und Seel' und allen meinen Teilen
918
Bin ich der Eigenliebe mir bewusst;
919
Und diese Sünd' in mir ist nicht zu heilen,
920
So wurzelt sie in meiner tiefsten Brust.
921
So reizend scheint mir kein Gesicht, so fein
922
Kein Wuchs wie meiner, keine Treu so echt:
923
Und schätz' ich mein Verdienst für mich allein,
924
Als wär kein andres neben mir gerecht.
925
Doch wenn mich dann mein Spiegel selbst mir weist,
926
Von fahler Zeit zerrüttet und verbogen,
927
Dann les' ich erst was Eigenliebe heißt;
928
Denn nur ein Tor blieb so sich selbst gewogen.
929
Du bist's, mein Selbst, das mich als Ich entzückt,
930
Mit deinem Jugendreiz mein Alter schmückt!
931
63
932
Wenn einst mein Lieb wie ich jetzt, welk, gebeugt
933
Von rauher Zeiten Hand wird sein, verborgen
934
In Runzeln seiner Stirne Glanz, vertreucht
935
Durch Stundenflucht sein Blut, sein Jugendmorgen
936
Zu Alters Dämmernächten hingeflohn,
937
Und alle Reize, die ihn jetzt umlauben,
938
Verschwindend oder längst verschwunden schon,
939
Der Schätze seines Frühlings uns berauben:
940
Auf solche Zeit gerüstet schütz' ich mich
941
Vor Alters Mordstahl und Vertilgersünde,
942
Dass, wenn des Lieblings Leben auch verblich,
943
Nicht seiner Schönheit Angedenken schwinde:
944
In diesen schwarzen Zeilen lebt sein Licht;
945
Er grünt in ihnen, denn sie sterben nicht.
946
64
947
Sah ich der Alten stolze Wunderpracht
948
Durch Wütrichshand der Zeit gestürzt verwittern,
949
Der Erde hohe Türme gleichgemacht,
950
Unsterblich Erz vor Menschenwut erzittern:
951
Sah ich die gierige See am Königreich
952
Der Meeresküsten überflutend zehren,
953
Die Feste dann, an Wasserschätzen reich,
954
Fülle mit Raub, und Raub mit Fülle mehren:
955
Wenn ich dies Wandelleben übersah,
956
Ja Leben selbst zum Untergang getrieben,
957
Kam unter Trümmern mir dies Grübeln nah:
958
Einst kommt auch Zeit und fordert deinen Lieben. –
959
Solch ein Gedank' ist wie ein Tod; er treibt
960
Zum Weinen, dass du hast, was dir nicht bleibt.
961
65
962
Wenn Erz, Stein, Erde, weite Meeresflut
963
Der trüben Sterblichkeit Gewalten weicht;
964
Wie mäße Schönheit sich mit solcher Wut,
965
Sie, deren Kraft der Blume Kräften gleicht?
966
O, wie soll Sommers honigsüßer Flor
967
Verwüsterischer Jahre Sturm bestehn,
968
Wenn weder Urgebirg noch Eisentor
969
So mächtig sind, dem Wandel zu entgehn?
970
Furchtbare Vorstellung! Wo soll vorm Sarge
971
Der Zeit ihr best Juwel gesichert sein?
972
Wer hält am schnellen Fuß zurück die arge?
973
Wer steuert ihren Schönheitsräuberein?
974
O, niemand: wird dies Wunder nicht gewährt,
975
Dass dunkle Tinte hell den Freund verklärt.
976
66
977
Müde von alle diesem wünsch' ich Tod:
978
Verdienst zum Bettler sehn geboren werden,
979
Und hohle Dürftigkeit in Grün und Rot,
980
Und wie sich reinste Treu entfärbt auf Erden,
981
Und goldnen Ehrenschmuck auf Knechteshaupt,
982
Und jungfräuliche Tugend frech geschändet,
983
Und Hoheit ihres Herrschertums beraubt,
984
Und Kraft an lahmes Regiment verschwendet,
985
Und Kunst im Zungenbande der Gewalt,
986
Und Schulenunsinn, der Vernunft entgeistert,
987
Und schlichte Wahrheit, die man Einfalt schalt,
988
Und wie vom Bösen Gutes wird gemeistert:
989
Müde von alle dem, wär Tod mir süß;
990
Nur, dass ich sterbend den Geliebten ließ!
991
67
992
Ach, warum muss er mit Verdorbnen leben,
993
Dass Sündern seine Gegenwart gedeiht,
994
Ruchlose freventlich sich überheben,
995
Verlarvt in seines Umgangs Lieblichkeit!
996
Warum soll Farbentrug nachahmen seine Wangen?
997
Was stiehlt man toten Schein von seinem Lebensrot?
998
Wird arme Schönheit schlau mit Schattenrosen prangen,
999
Wo seiner echten Rosen Purpur droht?
1000
Nun lebt er! Da Natur am Bettelstab, verdorrt,
1001
Nicht mehr erröten kann mit frischer Adern Blute:
1002
Denn in ihm spart sie ihren letzten Hort,
1003
Nährt sich, auf viele stolz, nur noch von seinem Gute. –
1004
Ja, ihn begabend, zeigt sie wie erlesen,
1005
Wie reich in bess'rer Zeit, lang vor uns sie gewesen.
1007
So ist sein Angesicht die Karte voriger Zeiten,
1008
Da Schönheit, wie jetzt Blumen, lebt' und starb;
1009
Eh' man um jene Heuchelaußenseiten
1010
Für Stirnen Lebender sich noch bewarb:
1011
Eh' man der Toten goldne Locken stahl,
1012
Das Eigentum der Gräber zu beleben
1013
Auf einem zweiten Haupt zum zweiten Mal,
1014
Eh' toter Reiz sein Vlies zu andrer Putz gegeben.
1015
Er zeigt der alten heiligen Tage Bild,
1016
Der lautern, zieratlosen, ungemischten,
1017
Die nicht in welker Sommer Grün gehüllt,
1018
Mit altem Raub die Schönheit neu erfrischten:
1019
Und ihn als reiche Kart' entwarf Natur,
1020
Dem Schein zu zeigen erster Schönheit Spur.
1022
Nichts fehlt den äußern Gaben, die dem Licht
1023
Du zeigst, das Menschenwitz verbessern könnte;
1024
Wie aller Mund, durch den die Seele spricht,
1025
Ja selbst dein Feind dies wahre Lob dir gönnte.
1026
So wird für äußern Reiz dir äuß'rer Lohn;
1027
Doch eben jener Mund, der, was dein eigen
1028
Dir gab, zerstört dies Lob aus anderm Ton,
1029
Und spüret weiter als die Augen reichen.
1030
In deiner Seele Schönheit tauchen sie;
1031
Die mißt Vermutung ab nach deinen Taten:
1032
Kargmütig, augengütig hauchen sie
1033
Auf deinen Blumenflor des Unkrauts geilen Schwaden.
1034
Doch dass dein Duft nicht gleicht dem Augenschein,
1035
Daran ist schuld: du machst dich selbst gemein.
1037
Dass du geschmäht wirst, nicht verübl' ich's dir;
1038
Denn stets war Anmut der Verleumdung Ziel.
1039
Verdacht und Argwohn sind des Schönen Zier,
1040
Im Himmelblau ein schwarzes Krähenspiel.
1041
Wenn gut du bist, bewährt Verleumdung deine Güte
1042
Nur desto reiner, weil dich Welt umkost:
1043
Denn Lasters Wurm liebt sich die schönste Blüte,
1044
Und dein Lenz zeigt sich rein und fleckenlos.
1045
Durch Jugendhinterhalte bist du dicht,
1046
Bald unberührt, bald siegreich durchgedrungen;
1047
Und dennoch fesselt dieser Ruhm dir nicht
1048
Die ewig losgelassnen bösen Zungen.
1049
Du einzig müsstest, ohne schlimmen Schein,
1050
Von Herzenskönigreichen Meister sein.
1052
Wenn ich gestorben, traure länger nicht
1053
Als dumpfer Grabeglocken Trauerton
1054
Der Welt von meinem Scheiden gibt Bericht,
1055
Und dass zu armen Würmern ich entflohn.
1056
Ja, liesest du dies Wort, vergiss die Hand,
1057
Die's niederschrieb; denn so sehr lieb' ich dich,
1058
Dass ich mich gern aus deinem Sinn verbannt',
1059
Empfändest du im Denken Leid um mich.
1060
O kommt dir, ruf' ich, dieser Vers ins Haus,
1061
Lange vielleicht nach meines Leibs Vermodern,
1062
Sprich meinen armen Namen selbst nicht aus,
1063
Lass mit dem Leben Liebe gleich verlodern:
1064
Sonst prüft die kluge Welt der Tränen Sinn,
1065
Und höhnt dich um mich, wenn ich nicht mehr bin.
1067
O, dass die Welt dir nicht mit Fragen droht,
1068
Welch ein Verdienst du in mir lieben können,
1069
Vergiss mich, Lieber, ganz nach meinem Tod;
1070
Denn nichts Vollkommnes kannst du an mir nennen:
1071
Es wäre denn, dass fromme Lügen du
1072
Erfändest, mehr als mein Verdienst ertrüge;
1073
Mit Kränzen schmücktest meine Totentruh,
1074
Die karge Wahrheit gern herunterschlüge.
1075
O, dass nicht falsch dein wahres Lieben nun,
1076
Wenn du nun Liebe lögest, wird erfunden,
1077
Lass bei dem Leibe meinen Namen ruhn!
1078
Uns beiden zum Gewinn sei er verschwunden.
1079
Denn meine Früchte, sie beschämen mich;
1080
Und so wär Tand zu lieben, Schmach für dich.
1082
Die Zeit des Jahres kannst du an mir sehn,
1083
Wenn, kaum mit wenig gelbem Laub behangen,
1084
Die Zweige zittern in der Fröste Wehn,
1085
Verfallnen Chören gleich, wo einst die Vögel sangen.
1086
Ein solches Dämmerlicht stell' ich dir vor,
1087
Wie, wenn die Sonne sank, im Westen bleichet;
1088
Allmählich hüllt's die Nacht in trüben Flor,
1089
In Todes Schein, der alles Leben scheuchet.
1090
Du siehst in mir des Feuers Überdruß,
1091
Das auf der Asche seiner Jugend liegt
1092
Wie auf dem Todbett, wo es sterben muss,
1093
Und an dem Stoff, der es ernährt, versiecht.
1094
Du siehst es ein, und deine Lieb' umfasst
1095
Noch feuriger, was du nicht lang mehr hast.
1097
Doch, fürchte nicht! Wenn jenes Schergen Wut,
1098
Der keinen Bürgen duldet, mich vertreibt,
1099
Lebt etwas fort von meiner Lebensglut
1100
In dieser Schrift, das dir zum Denkmal bleibt.
1101
Wenn du sie liesest, findest du darin
1102
Den Teil, das eben was sich widmet dir.
1103
Denn Erd' ist irden, geht zur Erde hin:
1104
Mein Geist ist dein, der bess're Teil von mir.
1105
So nur des Lebens Schutt verlierst du, bloßes
1106
Wurmeigentum mit dieses Leichnams Spur;
1107
Das Feiglingsopfer eines Mörderstoßes,
1108
Zu niedrig, dass du sein gedächtest nur.
1109
Der Wert von dem ist das, was es enthält;
1110
Und das ist dies, und dies bleibt dir gesellt.
1112
Was Brot dem Leben, was lauwarmer Regen
1113
Dem Erdreich ist, das bist du meinem Geist:
1114
Und solches Kämpfen führ' ich deines Friedens wegen,
1115
Wie zwischen Geizigen und ihrem Gut sich weist.
1116
Bald jubl' ich im Genuss, bald muss ich sorgen,
1117
Ob nicht ein Dieb mein Kleinod mir entrückt:
1118
Bald wär ich gern allein mit dir geborgen,
1119
Bald wollt' ich, jeder säh was mich entzückt.
1120
Von deinem Augenschmaus bisweilen vollgefüllt;
1121
Um einen einz'gen Blick dann wieder wie verschmachtet,
1122
Auf keine Lust bedacht, von keinem Glück gestillt,
1123
Das nicht von dir kommt oder zu dir trachtet.
1124
So flutet's Tag um Tag, und so gebricht's:
1125
Ich prass' und darb' im Allen, und im Nichts.
1127
Warum ist mein Gesang so arm und stumm
1128
An jungem Prunk, an flinken Neuigkeiten?
1129
Was seh' ich mich nicht mit den Zeiten um
1130
Nach neuerfundnen fremden Ohrenweiden?
1131
Was schreib' ich immerfort dieselben Züge,
1132
In dem gewohnten Kleid das alte Lied,
1133
Dass jedes Wort fast meinen Namen trüge,
1134
Und jeder leicht, woher es käm, erriet?
1135
O wisse, süßer Freund! Du bist allein
1136
Mein Lied, und Lieb' und du mein einzig Wort.
1137
So kann ich ewig Altes nur erneu'n,
1138
Und schon Gegebnes geb' ich wieder fort.
1139
Denn, wie die Sonne täglich auf und nieder,
1140
Sagt meine Liebe stets Gesagtes wieder.
1142
Dein Spiegel zeigt dir deiner Schönheit Flucht;
1143
Die Uhr, wie schnell die edeln Stunden schwinden:
1144
Das weiße Blatt hegt deines Geistes Frucht,
1145
Und diese Wissenschaft kann dir dies Buch verkünden.
1146
Die Runzeln, die dein Spiegel wahrhaft zeigt,
1147
Sie werden dich an offne Gräber mahnen:
1148
Und wie des Weisers Schatten vorwärts schleicht,
1149
Lässt er der Zeiten Drang zur Ewigkeit dich ahnen.
1150
Was dein Gedächtnis nun nicht bergen kann,
1151
Wirf es in diese Tafeln, und du findest
1152
Wie du die Kinder, die dein Hirn ersann,
1153
Durch Seelenwiedersehn dir neu verbindest.
1154
Gebrauch' es so! Mit jedem Blicke steigert
1155
Sich dein Gewinn, und wird dein Buch bereichert.
1157
So oft rief ich als meine Muse dich,
1158
So mild behülflich war sie mir zum Singen,
1159
Dass jeder Fremdlingsmund nun tut wie ich,
1160
In deinem Namen aller Reime klingen.
1161
Dein Auge, das den Stummen Jubellieder,
1162
Beschränkter Trägheit Himmelsflug gelehrt,
1163
Gab Dichterflügeln neues Schwunggefieder,
1164
Der Anmut Majestät und Siegeswert.
1165
Doch sei am stolzesten auf meine Blätter!
1166
Die sind dein Einfluss, sind von dir gesät:
1167
An andern machst du nur die Weisen glätter,
1168
Vollendest Künste, die dein Reiz erhöht:
1169
Doch meine ganze Kunst bist du; sie beut
1170
Mir Rohen Schätze der Gelehrsamkeit.
1172
Als ich allein um deinen Beistand bat,
1173
War all dein Herz allein mit meinem Dichten:
1174
Nun aber welkt der Lieder holde Saat,
1175
Und scheu vor andern muss die Muse flüchten.
1176
Gesteh' ich's nur: Du, süßer Gegenstand,
1177
Verdienest würdigerer Meister Streben.
1178
Doch, was dein Dichter je von dir erfand,
1179
Nahm er von dir, um dir's zurückzugeben.
1180
Er leiht dir Tugend, und von deinem Wert
1181
Stahl er dies Wort; rühmt deiner Schönheit Prangen,
1182
Das deine Wang' ihm bot: wie er dich ehrt,
1183
So war's in dir lebendig aufgegangen.
1184
Drum dank' ihm nicht für das, was er gemalt.
1185
Was er dir schuldig, hast du selbst bezahlt.
1187
O, wie verzag' ich, wenn ich, von dir dichtend,
1188
Weiß, wie ein bess'rer Geist dich hoch erhob,
1189
Auf deinen Ruhm all seine Kräfte richtend,
1190
Dass ich verstummen muss mit meinem Lob.
1191
Doch, weil dein Wert, weit wie der Ozean,
1192
Die ärmsten Segel trägt wie reichste Schiffe,
1193
Wagt sich mein kecker, weit gering'rer Kahn
1194
Mutwillig in die Fluten deiner Tiefe.
1195
Mir macht zur Fahrt dein kleinster Beistand Bahn,
1196
Wenn er auf deiner vollsten Woge ruht:
1197
Und scheitr' ich, bin ich nur ein schlechter Kahn;
1198
Er aber lang gebaut, und bläht sich gut.
1199
Nun, wenn ich sänk', und er geborgen bliebe,
1200
Was läg daran! – Mein Tod war meine Liebe.
1202
Entweder leb' ich, dir die Grabschrift zu ersinnen,
1203
Oder du dauerst noch, wenn Moder mich verzehrt.
1204
Dein Angedenken rafft kein Tod von hinnen,
1205
Wenn auch von mir kein Lebender mehr hört.
1206
Fortan unsterblich wird dein Name leben,
1207
Wenn mich auf ewig Staub der Welt verbarg.
1208
Mir kann die Erd' ein schlechtes Grab nur geben;
1209
Du ruhst in Menschenaugen eingesargt.
1210
Mein Freundesvers wird sein dein Monument,
1211
Dass dich noch ungeborne Augen lesen
1212
Und kommender Geschlechter Mund dich nennt,
1213
Wenn alle Atmer dieser Welt verwesen.
1214
So hält dich da, wo Odem nie versiegt,
1215
Auf Menschenlippen atmend mein Gedicht.
1217
Ich geb' es zu: du meiner Muse nicht
1218
Betrauter, durftest Widmung übersehn,
1219
Wie sie ein Schreiber gern in Bücher flicht,
1220
Des Inhalts Wert gefällig zu erhöhn.
1221
So klug als reizend, bis du dir bewusst,
1222
Wie arm ich lobe deines Sternes Scheinen,
1223
Wie du nach frischern Stempeln suchen musst
1224
In diesen Tagen, die den Tag verfeinen.
1225
Und tu es, Lieber! Aber wenn sie wild
1226
Auf dich geschüttet ganze Blumenbeete,
1227
Bleibt deiner wahren Schönheit Gegenbild
1228
Doch deines wahren Freundes schlichte Rede.
1229
Ihr grobes Schminken wär, wo Wangenrot
1230
Verschwand, am Ort: es tut bei dir nicht not.
1232
Nie sah ich Farbe dich bedürfen; nie
1233
Färb' ich dein Schönes drum mit Malertinten.
1234
Für ödes Flitterlob der Poesie
1235
Fand – oder glaubt' ich dich zu groß zu finden.
1236
Und darum schildr' ich dich beredsam nicht,
1237
Damit an dir, dem Lebenden, sich zeigt.
1238
Wie weit ein heut'ger Dichter unterliegt,
1239
Wenn er Verdienst malt, das dem deinen gleicht.
1240
Dies Schweigen machtest du zur Sünde mir,
1241
Und doch mein Stolz ist's eben; denn verkleinert
1242
Wird vom Verstummenden kein Reiz an dir,
1243
Wenn mancher, der beleben will, versteinert.
1244
In einem deiner schönen Augen brennt
1245
Mehr Leben als dein Dichterpaar erfänd.
1247
Und wer das meiste sagt – wer überbietet
1248
Dies reiche Lob: du bist du selbst allein?
1249
In des Bezirk sich aller Wert umfriedet,
1250
Wonach zu messen wer dir gleich soll sein.
1251
Unfruchtbar dürftig wär fürwahr der Mann,
1252
Dem nicht der kleinste Schmuck für seinen Stoff sich böte:
1253
Doch wer, von dir berichtend, sagen kann,
1254
Dass du du bist, der adelt seine Rede.
1255
Er bilde nach nur, was an dir sich weist,
1256
Entkräfte nicht der Schöpfung schöne Stärke;
1257
Und solch ein Abbild lobt dann seinen Geist,
1258
Dass alle Welt sich beugt vor seinem Werke.
1259
Du fluchst der Schönheit Segen, dir gefällt
1260
Lob, das dein Lobenswertes nur entstellt.
1262
Noch immer bleibt die Muse still bescheiden,
1263
Wenn goldne Federn in ein Prunkgewand
1264
Des Ruhmes dich mit stolzen Zügen kleiden,
1265
In Schmuck, gewebt von aller Musen Hand.
1266
Wo andre gute Worte schreiben, denk' ich
1267
Gute Gedanken: wie ein Sakristan,
1268
Zu jedem feinen Sang gewandter Geister schenk' ich
1269
Mein armes ungelehrtes Amen dran.
1270
Hör' ich dich loben, sag' ich: so ist's gut,
1271
Ist wahr! – Zum höchsten Lob muss ich noch etwas schreiben:
1272
Doch tu' ich's in Gedanken, deren Glut
1273
Doch vorgeht, wie das Wort auch mag zurückebleiben.
1274
So ehr' in jenem denn des Odems Pflicht,
1275
Das Wort: in mir den Sinn, der schweigend Wahrheit spricht.
1277
War es sein großer Vers, mit stolzer Segel Schwinge,
1278
Entbrannt auf deines Selbst viel, viel zu teuern Fang,
1279
Der mir im Hirn begrub wohl überlegte Dinge,
1280
Dass sie ihr Mutterschoß als Grabesschoß verschlang?
1281
War es sein Geist, von Geistern aufgeschlossen
1282
Zu überird'scher Kunst, der mich besiegt?
1283
Nein, weder er, noch seine Nachtgenossen,
1284
Die ihm geholfen, lähmten mein Gedicht.
1285
Nicht er, noch jener Puck, sein flinkes Dienerlein,
1286
Das ihn mit Zeitung nächtlich äfft und füttert,
1287
Sie dürfen stolz auf mein Verstummen sein;
1288
Nicht Furcht von dorther hat mein Herz erschüttert.
1289
Da aber, als dein Beifall aus ihm sprach,
1290
Da fehlt' es mir, da ward mein Odem schwach.
1292
Lebt wohl! Dich halt' ich nicht; bist mir zu teuer;
1293
Und, fürcht' ich, deines Wertes wohl gedenk.
1294
Der Freibrief deines Selbst wird dein Befreier,
1295
Mein Recht an dich ist allzu eng beschränkt.
1296
Denn wie besäß ich dich als durch dein Geben?
1297
Welch ein Verdienst erwürb mir solche Güter?
1298
Der Grund so holder Gunst fehlt meinem Leben:
1299
Und so kehrt mein Geschenk zum Eigner wieder.
1300
Fremd war dein Wert dir selbst, als du dich brachtest;
1301
Ich, der Beschenkte, wohl zu hoch gemessen;
1302
So fällt die Gabe, die im Wahn du machtest,
1303
Dir wieder heim nach reiferem Ermessen.
1304
So hab' ich dich gehabt nur wie im Fieber,
1305
Im Traum ein König! wachend ist's vorüber.
1307
Wenn dir gefallen wird, mich zu verschmähn,
1308
Dem Hohn und Unglimpf mein Verdienst zu weihn,
1309
Will ich, mich selbst befehdend, zu dir stehn,
1310
Trotz deines Meineids dein Verteid'ger sein.
1311
Am besten kundig meiner eignen Schwächen,
1312
Kann ich von stillen Fehlern, die mich beugen,
1313
Zu deinen Gunsten dir Bericht versprechen;
1314
Dass dir mein Abschied soll zum Ruhm gereichen.
1315
Und mir auch wird's Gewinn sein, der ich dir
1316
Mich liebend ganz gewidmet; denn es frommt
1317
Das Unrecht, das ich selbst verüb' an mir,
1318
Mir zwiefach, wenn es dir zugute kommt.
1319
So lieb' ich dich, so bin ich dein, dass ich
1320
Gern jedes Unrecht für dein Recht ertrüg.
1322
Du flohest mich. Nenn' einen schlimmen Streich,
1323
Warum? und ich beweise meine Sünde.
1324
Sprich, ich sei lahm, und sieh! ich hinke gleich:
1325
Mit keinem Wort bestreit' ich deine Gründe.
1326
Du kannst mir, Herz, nicht halb so kalt begegnen,
1327
Ersehnte Trennung zu beschönigen,
1328
Als ich mir selber, deines Friedens wegen,
1329
Will sein, Bekanntschaft würgen, fremde sehn,
1330
Fern deinen Wegen sein will. – Lippen, schweiget,
1331
Nennt künftig nur den teuern Namen nicht!
1332
Damit der Ungeweihte ihn nicht bleichet,
1333
Wenn er vielleicht von alter Freundschaft spricht.
1334
Für dich hier biet' ich Krieg der eignen Brust;
1335
Denn nimmer lieb' ich, wen du hassen musst.
1337
So hasse mich denn, wann du willst; gleich nun,
1338
Jetzt, da die Welt mich kreuzt in meinen Taten:
1339
Hilf dem Verdruss des Glücks mir weh zu tun,
1340
Und triff nicht spät mich mit verspartem Schaden.
1341
Ach komm, wenn ich entronnen diesen Dolchen,
1342
Im Nachtrab schon bezwungner Sorgen nicht!
1343
Lass keinen Regentag auf nächt'ge Stürme folgen,
1344
Dass ich versiech' am vorgemischten Gift.
1345
Willst du mich lassen, lass mich nicht zuletzt,
1346
Wenn schon die andern kleinen Schmerzen schweigen:
1347
Im Anlauf komm! Dann auf einmal versetzt
1348
Das Glück den schärfsten mir von seinen Streichen;
1349
Und Qual, die jetzt wie Qual mir scheint, entweicht,
1350
Zerschmilzt, wenn dein Verlust sich ihr vergleicht.
1352
Der prahlt mit seinem Adel, der mit Kunst,
1353
Mit Reichtum jener, der mit Leibeskraft;
1354
Mit Kleidern, wie auch Mode sie verhunzt,
1355
Mit Falk' und Hund, mit stolzer Reiterschaft;
1356
Und jeder Laun' ist ihre Lust gegeben,
1357
Worin sie gern vor andern sich behagt.
1358
Ich aber mag nach solchen Ziel nicht streben,
1359
Weil mir ein Höchstes über alle ragt.
1360
Dein Herz ist höher mir als hohes Blut,
1361
Teurer als Gold, Gewänder, edle Steine,
1362
Beglückender als Pferd- und Hundebrut,
1363
Und hab' ich dich, ist aller Stolz der meine.
1364
Unselig darin nur, dass du mir's ganz
1365
Entziehn, und mich höchst elend machen kannst!
1367
Doch tu dein Ärgstes nur, mir zu entgehn:
1368
Auf Lebenszeit bleibst du mir doch geschenkt.
1369
Und Leben ohne Liebe muss vergehn,
1370
Weil es an dieser deiner Liebe hängt.
1371
Dann fürcht' ich nicht die ärgste Schmach der Erden,
1372
Wenn an der kleinsten schon mein Leben stirbt.
1373
Ich seh', ein bess'rer Zustand muss mir werden,
1374
Als den dein Launenwechsel hier verdirbt.
1375
Du kannst mich nicht durch Unbestand verwunden,
1376
Weil dein Verrat mein Leben selbst bedroht.
1377
O welch ein selig Los hab' ich gefunden,
1378
In deiner Liebe fröhlich, froh im Tod!
1379
Und doch – welch süßes Glück wär ohne Sorgen?
1380
Du könntest falsch sein, und mir blieb's verborgen.
1382
So lebt' ich nur im Wahne deiner Treu,
1383
Wie ein betrogner Gatte; die Gebärde
1384
Nur noch der Liebe Trugbild, die vorbei;
1385
Der Blick bei mir, das Herz auf andrer Fährte.
1386
Denn weil kein Groll sich deinem Auge naht,
1387
Kann ich darin nicht deinen Wandel schaun.
1388
Aus manchem Blick spricht falscher Herzen Rat
1389
Durch Unmut, Ingrimm, Furchen, finstre Brau'n:
1390
Dir aber gab des Himmels Schöpfersegen
1391
Zu ew'ger Liebe Wohnung das Gesicht;
1392
Dass, wie auch Herz und Sinn sich dir bewegen,
1393
Nur Holdes uns von dort entgegenspricht.
1394
Wie Evas Apfel gleich wär deine Jugend,
1395
Glich deinem Schein nicht deine holde Tugend!
1397
Wer, wo er Macht hat, keine Streiche führt,
1398
Was ihm zumeist gegeben scheint, nicht tut;
1399
Selbst felsenhart bleibt, wo er andre rührt,
1400
Starr, unverführbar kühl, von trägem Blut:
1401
Er ist fürwahr der Liebling höchster Geister,
1402
Behütet vor Verschwendung die Natur;
1403
Bleibt seines Angesichtes Herr und Meister,
1404
Die andern seines Pomps Lakaien nur,
1405
Die Sommerblum' erfreut die Sommerwelt,
1406
Und müsst' auch einsam sie für sich verblühn:
1407
Doch wenn die Blum' ein gift'ger Tau befällt,
1408
Wär' ihr das ärmste Unkraut vorzuziehn.
1409
In Sauerstes kehrt Süßestes sein Wesen.
1410
Unkraut riecht lieblicher als Lilien, die verwesen.
1412
Wie lieb und hold die Schmach gekleidet ist,
1413
Die, wie ein Wurm in duft'gen Hyazinthen,
1414
Die Knospenschönheit deines Namens frisst!
1415
O, welchen Reiz umgibst du deinen Sünden!
1416
Die Zunge, die von deinem Wandel spricht,
1417
Leichtfertig deutend dein Vergnügen tadelt;
1418
Ihr Leumund selbst ist ohne Beifall nicht,
1419
Weil sie dich nennend, böse Sagen adelt.
1420
O, welch ein Wohnhaus fiel den Fehlern zu,
1421
Die ihren Aufenthalt in dir sich wählten!
1422
Da schleiert Anmut jeden Makel zu:
1423
Was Augen sehn, es muss für lieblich gelten.
1424
Dies weite Vorrecht fürchte, teures Herz!
1425
Denn Missbrauch stumpft der schärfsten Messer Erz.
1427
Der sagt, dein Fehl ist Jugend, Übermut;
1428
Der rechnet Scherz und Jugend dir zur Zier:
1429
Doch Zier wie Fehler, alle finden's gut;
1430
Fehl wird zu Schmuck, wenn er sich zeigt an dir.
1431
Wie an der Hand gesalbter Königinnen
1432
Des kleinsten Kleinods Wert zu steigen pflegt,
1433
So gilt an dir ein tadelhaft Beginnen
1434
Für recht und wird zu Tugend umgeprägt.
1435
Wie viele Lämmer könnt' ein Wolf verzehren,
1436
Wenn er des Lamms Gebärden sich verschafft:
1437
Wie viele Gaffer könntest du betören,
1438
Gebrauchtest du des ganzen Wesens Kraft!
1439
Doch, tu es nicht! Ich halte so dich wert,
1440
Dass, wie du selbst, mein auch dein Ruf gehört.
1442
Wie ist von dir, dem Stern des flücht'gen Jahrs,
1443
Die Trennung mir zum öden Winter worden!
1444
Wie schüttelte mich Frost, wie dunkel war's,
1445
Wie dürr dezemberschaurig aller Orten!
1446
Und doch war Sommer diese Trennungszeit,
1447
Fruchtbarer Herbst, der schwellend überfloß,
1448
Beladen mit des Frühlings Üppigkeit,
1449
Wie nach des Gatten Tod der Witwe Schoß.
1450
Doch vaterlose Frucht, Verwaisungszeichen
1451
Sah ich in dieser Segensfülle nur:
1452
Denn dir folgt Sommer und sein Glück; es schweigen
1453
Wo du fehlst, selbst die Vögel auf der Flur.
1454
Und sängen sie, es wär so bang zu hören,
1455
Dass Blätter, winterscheu, ihr Grün verlören.
1457
Im Frühling war ich fern von dir, wenn bunter
1458
April im vollen Schmuck mit Jugenddrang
1459
Auf Erden alles neu erfüllt, dass munter
1460
Saturn, der träge, mit ihm lacht' und sprang.
1461
Doch nicht der Vögel Lieder, nicht der Auen
1462
Vielduft- und farbenreiches Blumenspiel,
1463
Sie konnten mir ein Sommerwort vertrauen:
1464
Ich ließ sie stehn auf ihrem stolzen Stiel.
1465
Kein Wunder war mir mehr der Lilien Weiße,
1466
Der Rose tiefen Purpur pries ich nie;
1467
Für liebliche, nach deinem Muster leise
1468
Entworfne Bilder nur erkannt' ich sie.
1469
Doch immer schien mir's Winter ohne dich:
1470
Nur wie dein Schattenspiel erquickt' es mich.
1472
So schalt ich früher Veilchen Übermut:
1473
Wo stahlt ihr süßen Diebe euern Hauch,
1474
Wenn nicht von seinem Mund? Die Purpurglut
1475
Auf euern samtnen Wänglein habt ihr auch
1476
Nur schwach gefärbt in seiner Adern Blut!
1477
Den Lilien warf ich deine Hände vor;
1478
Dass er dein Haar bestahl, dem Majoran.
1479
Furchtsam auf Dornen stand der Rosen Chor,
1480
Teils vor Verzweiflung weiß, teils rot vor Scham:
1481
Und eine, weder rot noch weiß, vermaß
1482
Von beidem sich, und stahl noch deinen Atem:
1483
Allein zur Strafe kam ein Wurm und fraß
1484
Im vollsten Prangen sie für ihre Taten. –
1485
Nicht eine war von aller Blumen Zahl,
1486
Die dir nicht Farben oder Düfte stahl.
1487
100
1488
Wo bist du, Muse? Säumest du so lang
1489
Von dem zu reden, was allein dich kräftigt?
1490
Verzückst, verdunkelst dich in schlechtem Sang,
1491
Dem Niedrigen dein Licht zu leihn beschäftigt?
1492
Heran, Vergeßliche! Die unbesorgt
1493
Verlorne Zeit gib wohllautsvoll zurück:
1494
Singe dem Ohr, das deinen Weisen horcht,
1495
Das deiner Feder Stoff gibt und Geschick.
1496
Auf, Träge! Im Gesicht des holden Freundes spüre,
1497
Ob Zeit gegraben eine Furche da:
1498
Und wenn – sei der Vergänglichkeit Satire,
1499
Gib ihre Wut dem Hohn preis, fern und nah.
1500
Verklär' ihn schneller als Zeit Leben mäht,
1501
So kommt ihr Stahl und Sensenhieb zu spät.
1502
101
1503
Saumsel'ge Muse! wie wirst du dein Schweigen büßen
1504
Vom Wahren, das im Schönen sich verklärt?
1505
Wahrheit und Schönheit sind auf meinen Freund gewiesen;
1506
So bist auch du, und darin ruht dein Wert.
1507
Gib Antwort, Muse! sagst du nicht vielleicht:
1508
»Wahrheit braucht Schmuck nicht, ihre Farb' ist feste;
1509
Schönheit nicht Pinsel, der ihr Wahres zeigt;
1510
Am besten ist ganz unvermischt das beste«?
1511
So willst du schweigen, weil ihm Lob nicht not?
1512
Entschuld'ge so dich nicht! Du kannst ihn weit
1513
Erheben über goldnes Grab und Tod.
1514
Dass ihm noch rühmt die ungeborne Zeit.
1515
So, Muse, tu dein Amt! Wie wir ihn finden,
1516
Lehr' ich dich späten Enkeln ihn verkünden.
1517
102
1518
Mein Lieben, scheinbar schwächer, ist vermehrt;
1519
Nicht lieb' ich minder, weil sich's mehr verhehlt;
1520
Die Lieb' ist Ware, deren reichen Wert
1521
Des Eigners Zunge aller Welt erzählt.
1522
Im Lenz war unsre Liebe neu; und helle
1523
Hab' ich sie da mit meinem Lied begrüßt,
1524
Wie Philomele singt auf Sommers Schwelle,
1525
Und spätern Tagen ihre Kehle schließt.
1526
Nicht weil mir Sommer minder jetzt gefällt
1527
Als da ihr Festlied noch die Nächte weihte;
1528
Nein, weil Musik itzt wild aus allen Zweigen gellt,
1529
Und am Gewöhnlichen erstarrt die Freude.
1530
Darum, wie sie, bin ich zuweilen still,
1531
Weil ich mit Sang dich nicht betäuben will.
1532
103
1533
Wie arme Blüten, ach! die Muse treibt,
1534
Dass, mit so reichem Stoff mich zu befeuern,
1535
Der Gegenstand, ganz einfach, edler bleibt
1536
Als wenn ihn rühmend meine Lieder feiern!
1537
O schilt nicht, wenn ich mehr nicht schreiben kann!
1538
Sieh in dein Glas, es wird dir Augen zeigen,
1539
Die, meinem blöden Dichten weit voran,
1540
Den Stab ihm brechen und die Farben bleichen.
Historische Textüberlieferung von „Sonette“
Kontextbild zum Werk. Historische Textüberlieferung von „Sonette“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · William Shakespeare · Public domain Bildquelle ↗
1541
Wär's dann nicht Sünde, wo man will erheben,
1542
Was gut vorher schon, zu verkleinlichen?
1543
Denn nur nach einem Ziel geht all mein Streben:
1544
Dein Gutes, Schönes zu verkündigen.
1545
Und mehr, weit mehr als je mein Vers verschließt,
1546
Zeigt dir dein Spiegel, wenn du in ihn siehst.
1547
104
1548
Mir kannst du, Herz, nicht altern; denn so schön,
1549
Wie da zuerst mein Aug' in deines blickte,
1550
Bist du noch heute. Dreier Winter Wehn
1551
Stahl Waldes Schmuck, womit ihn Sommer dreimal schmückte:
1552
Drei holde Lenzen in der Zeiten Lauf
1553
Hab' ich zu falben Herbsten sehn entfliehn;
1554
Dreimal sog Juniglut Aprilenbalsam auf,
1555
Seit ich dich frisch fand, der noch immer grün.
1556
Und doch, ach! Schönheit, wie ein Zeiger, schleicht
1557
Von Zahl zu Zahl mit unbemerktem Tritt.
1558
So hat dein Liebreiz, der zu stehn mir däucht,
1559
Auch wohl Bewegung, die mein Blick nicht sieht?
1560
Dies fürchtend, hört ihr ungezeugten Ohren:
1561
Der Schönheit Sommer starb eh' ihr geboren!
1562
105
1563
Nicht Götzendienst nennt meine Liebe! Nimmer
1564
Betrachtet als mein Götzenbild den Freund:
1565
Denn all mein Singen, all mein Loben, immer
1566
Von einem, nur auf einen ist's gemeint.
1567
Gut ist mein Liebling heut, ist morgen gut;
1568
Ein seltnes Wunder treuer Freundespflicht;
1569
Und so, erfüllt von immer gleichem Mut,
1570
Bedarf nicht der Verändrung mein Gedicht.
1571
Schön, gut, und wahr ist all mein Gegenstand;
1572
Schön, gut, und wahr, verändert nur nach Namen;
1573
In einem drei: welch weites Wunderland!
1574
In ihrem Wechsel aller Dichtung Samen.
1575
Schön, gut, und wahr; sie lebten oft zerstreut:
1576
In einem nimmer, bis auf unsre Zeit.
1577
106
1578
Wenn ich in Chroniken versunkner Zeit
1579
Der schönsten Helden Konterfei erblickt,
1580
Wo Schönheit mit des Reimes Ehrenkleid
1581
Entseelte Fraun, holdsel'ge Ritter schmückt:
1582
Dann sah ich wie in reinster Schönheit Golde
1583
Ihr alter Kiel Hand, Augen, Mund und Brau'n
1584
Mit eben solchen Reizen schildern wollte,
1585
Wie wir an dir in unsern Tagen schaun.
1586
So war ihr Loben nur ein Prophezei'n
1587
Von unsrer Zeit, es bildet dich nur vor:
1588
Sie blickten durch der Zukunft Dämmerschein,
1589
Besangen drum nur dürftig deinen Flor.
1590
Sind uns doch, die ein Licht mit dir beschien,
1591
Zum Staunen Augen nur, kein Mund zum Lob verliehn!
1592
107
1593
Nicht eigne Sorgen, kein prophetisch Denken
1594
Des weiten Erdballs, der von Zukunft träumt,
1595
Kann meiner treuen Liebe Frist beschränken,
1596
Als hätt' ein Richterspruch sie eng umzäumt.
1597
Heil blieb der Mond in Todesfinsternis.
1598
Ernsthafte Augurn spotten eigner Kunde;
1599
Unsichres krönt sich selbst nun als gewiss,
1600
Und Friedens Ölzweig lächelt ew'gem Bunde.
1601
Nun, in den Tropfen dieser Balsamzeit
1602
Steht meine Liebe frisch: Tod ist ihr hold;
1603
Ich leb' in armen Reimen ihm zum Neid,
1604
Wenn er sprachlosen, dunkeln Herden grollt.
1605
Und darin will ich fest dein Denkmal gründen,
1606
Wenn eh'rne Gräber, wenn Tyrannenschilde schwinden.
1607
108
1608
Was wär im Hirn, in Tinte nur zu kleiden,
1609
Das dir mein ganzes Herz nicht schon beschrieb?
1610
Was könnt' ich Neues sagen, was bedeuten,
1611
Das deinem Wert entspräch und meinem Trieb?
1612
Nichts, teurer Knab'! und drum nur eines alle Stunden,
1613
Wie fromm Gebet zu sagen bleibt mir süß.
1614
Nichts Altes gilt mir alt, sind wir verbunden,
1615
Wie da zuerst dein schön Gestirn ich pries.
1616
So ew'ge Lieb' in frischen Liebesbanden,
1617
Wägt keines Alters Staub noch Feindlichkeit:
1618
Notwend'ge Runzeln sind ihr nicht vorhanden;
1619
Zum Knecht auf immer macht sie sich die Zeit:
1620
Sie, deren Keim sich da geboren fühlt,
1621
Wo Zeit und Außenwelt für tot ihn hielt.
1622
109
1623
O nimmer sprich zu mir: »Treulose Seele!«
1624
Schien Trennung gleich zu wandeln meine Glut:
1625
Weil ich so leicht mir selber ja mich stöhle
1626
Als meinem Geist, der dir im Busen ruht.
1627
Da ist mein Freundeshaus! Schwärmt' ich vom Ziel,
1628
Doch kehr' ich heim von langen Wegesstrecken:
1629
Der Zeit gehorchend, nicht ihr Launenspiel,
1630
Bring' ich das Wasser selbst für meine Flecken.
1631
O halte nicht, und wär es gleich bedeckt
1632
Mit jeglichem Gebrechen jedes Blutes,
1633
Mein Wesen so unselig für befleckt,
1634
Dass es um nichts dahingäb' all dein Gutes!
1635
Denn nichts nenn' ich der weiten Welt Gewinn:
1636
Du, meine Rose, du mein alles drin!
1637
110
1638
Ach, wohl ist's wahr, ich schwärmte her und hin,
1639
Bot mich der Welt zum Spielwerk; in die Seele
1640
Schnitt ich mir selbst, gab Höchstes wohlfeil hin;
1641
Mit neuen Trieben mehrt' ich alte Fehle.
1642
Sehr wahr ist's: fremd und schielend und bedingt
1643
Sah ich die Wahrheit. Doch, bei allen Mächten!
1644
Dies Straucheln hat mein Herz mir nur verjüngt;
1645
Dich besten Freund erprobt' ich unter Schlechten.
1646
Nun ist es alles, bis auf eins getan,
1647
Das ewig währt. Nie kommt zu neuer Probe
1648
Des alten Freundes mehr der Trieb mich an,
1649
Des Liebesgottes, dem ich mich gelobe.
1650
Gib nächst dem Himmel denn die höchste Lust,
1651
Den Willkomm mir an deiner liebsten Brust!
1652
111
1653
Verklage nur des Glückes Göttin! Sie
1654
Ist an den Sündenschuld, die ich verübt;
1655
Weil sie nichts Bess'res mir zum Leben lieh
1656
Als feiles Brot, das feile Sitten gibt.
1657
So liegt auf meinem Namen wie ein Brand,
1658
So wird mein ganzes Wesen schier entweiht
1659
Von seinem Handwerk, wie des Färbers Hand.
1660
Hab Mitleid denn, und wünsch', ich würd' erneut!
1661
Und scharfe Essigtränke will ich trinken
1662
Als williger Kranker: was Entsühnung schafft,
1663
Das Bitterste soll mir nicht bitter dünken,
1664
Kein zwiefach Büßen, das die Strafe straft.
1665
Hab Mitleid denn! Und dein mitleid'ger Sinn,
1666
O glaub' es, Herz! reicht mich zu heilen hin.
1667
112
1668
Dein liebend Mitleid schließt die Wunde wieder,
1669
Die in die Stirn mir grub des Pöbels Dienst.
1670
Was kümmert mich mein Leumund für und wider,
1671
Wenn du mein Gutes ehrst, mein Schlimmes übergrünst?
1672
Du bist die Welt mir. Deinem Mund beständig
1673
Vertrau' ich all mein Lob- und Tadelsrecht.
1674
Für niemand bin ich sonst, niemand für mich lebendig,
1675
Der mir den eh'rnen Sinn links oder rechts bewegt.
1676
In tiefsten Abgrund werf' ich alle Sorgen
1677
Um Menschengunst. Mein taubes Otterohr
1678
Wird nicht auf Lästrer, nicht auf Schmeichler horchen, –
1679
Doch welchen Grund der Gleichmut leg' ich vor?
1680
Im Herzen fühl' ich dich so mächtig leben,
1681
Dass mir wie tot erscheint die Welt daneben.
1682
113
1683
Seit ich dir fern bin, ist mein Aug' im Sinn:
1684
Und jenes, das mich führt von Ort zu Ort,
1685
Teilt seine Tätigkeit; zum Teil ist's blind;
1686
Scheint sehend, doch in Wahrheit ist's verdorrt.
1687
Denn keine Formen, keinen Widerschein
1688
Von Blum' und Vogel, was sich zu ihm drängt,
1689
Nichts bringt sein schnelles Sehn dem Herzen ein,
1690
Ja seine Sehkraft hält nicht, was sie fängt.
1691
Denn schön und hässlich, was es schauen mag,
1692
Unförmlichkeit, wie süßestes Vergnügen,
1693
Berg oder Ozean, Nacht oder Tag,
1694
Taub' oder Kräh, es formt's nach deinen Zügen.
1695
So voll von dir und fähig sonst zu nichts,
1696
Wird so mein treuster Sinn Verführer des Gesichts.
1697
114
1698
Obwohl mein Sinn, mit dir gekrönt, vom Rauche
1699
Und Königsgift der Schmeichelei sich nährt?
1700
Wie? oder sagt die Wahrheit mir mein Auge,
1701
Dem solche Alchimie dein Lieben lehrt,
1702
Dass es die mißgeschaffnen rohen Dinge
1703
Zu Cherubinen, die dir gleichen, schafft,
1704
Zum Kleinod wandelt jegliches Geringe,
1705
Wie es begegnet seines Strahles Kraft?
1706
O jenes ist's, ist Augenschmeichelei!
1707
Die saugt höchst königlich mein großer Sinn.
1708
Wohl weiß mein Auge, was dem lieblich sei,
1709
Und reicht den Becher seinem Gaumen hin.
1710
Wenn er vergiftet war, du Auge leerst,
1711
Selbst lüstern, Sünde mindernd, ihn zuerst.
1712
115
1713
Was ich dir vormals schrieb, falsch muss ich's nennen:
1714
»Nie könnt' ich wärmer lieben dich als heut.«
1715
Denn wie die Glut je heller sollte brennen,
1716
Sah da mein Urteil keine Möglichkeit.
1717
Und doch: wenn Zeit und Zufall tausendfältig
1718
Gelübde lockert, fest Zwecke lähmt,
1719
Geweihte Schönheit schwärzt, der Fürsten Rat gewältigt,
1720
Dem Ungefähr die Störrigsten bequemt:
1721
Ach! durft' ich da, bang vor der Zeiten Hand,
1722
Nicht sagen: »Jetzt lieb' ich am meisten ihn.«
1723
Als ich gewiss war über Unbestand,
1724
Das Heut ergriff, weil Morgen dunkel schien?
1725
Lieb' ist ein Kind, das fort und fortgedeiht;
1726
Zu vollem Wachstum ließ mein Wort ihm Zeit.
1727
116
1728
Lass mich von keinen Hindernissen hören,
1729
Die treuer Seelen Ehebund bedräun!
1730
Lieb' ist nicht Liebe, wenn sie Störer stören,
1731
Wenn sie Zerstreuung irrend kann zerstreun.
1732
O nein! sie ist ein ewig sichres Ziel,
1733
Thront unerschüttert über Sturmeswogen;
1734
Ein Angelstern für jeden irren Kiel;
1735
Kein Höhenmaß hat seinen Wert erwogen.
1736
Lieb' ist kein Narr der Zeit, ob Rosenwangen
1737
Auch ihrer Sichel krumme Schneid' umspannt:
1738
In enger Stunden Lauf uneingefangen
1739
Beharrt sie bis an Weltgerichtes Rand.
1740
Wenn dies als Wahn, als Lüge sich ergibt,
1741
So schrieb ich nie, so hat kein Mensch geliebt.
1742
117
1743
Beschuld'ge mich, dass ich mit karger Gegengabe
1744
All deine beste Wohltat hab' erkannt,
1745
Dass ich dein liebstes Herz verabsäumt habe,
1746
Woran mich Tag für Tag mit allen Klammern band:
1747
Dass ich mich häufig ließ mit fremden Seelen finden,
1748
Dein teures Recht vergeudend, meine Pflicht;
1749
Dass ich die Segel aufzog allen Winden,
1750
Zu fernster Flucht aus deinem Angesicht.
1751
Verzeichne jeden Fehler, alle Launen,
1752
Verdächt'ge mich, wenn die Beweise voll;
1753
Nimm mich aufs Korn der finstern Augenbraunen,
1754
Nur feure nicht auf mich in deinem Groll!
1755
Weil meine Schutzschrift lautet: alle Tiefen
1756
Von deiner Treu und Liebe wollt' ich prüfen.
1757
118
1758
Wie man die Eßlust reizt mit scharfen Brüh'n,
1759
Wie, wenn wir reinigende Tränke nehmen,
1760
Um unbekannten Übeln zu entfliehn,
1761
Aus Krankheitsscheu zur Krankheit uns bequemen:
1762
So legt' auch ich, von deiner Süße krank,
1763
Die nimmer sättigt, mich auf bitt're Speisen.
1764
Wohllebens voll hab ich, den zwar nichts zwang,
1765
Mir etwas Dienliches hievon verheißen.
1766
So fiel der Liebe Schlauheit, vorbedacht
1767
Auf Übel, das nicht war, in wahre Sünden,
1768
Und der Gesunde, krank durch Überfracht
1769
Des Guten, wollt' im Übel Heilung finden.
1770
Doch daran lern' ich und mir leuchtet ein:
1771
Wer krank um dich ward, Gift muss Arznei ihm sein.
1772
119
1773
Was für Sirenentränen, abgezogen
1774
Auf höllischen Retorten sog ich ein!
1775
Wie zwischen Furcht und Hoffnung gleich betrogen,
1776
Erwarb ich statt Zufriedenheit mir Pein!
1777
Wie frevelte das Herz in seinem Wahn,
1778
Als wenn es reich und selig wär wie nie:
1779
Wie rollte wild das Aug' aus seiner Bahn,
1780
In jener wüsten Fieberphantasie! –
1781
O Arzenei des Schlimmen! Dies bewährt:
1782
Dass Übel Bess'res gut und besser macht;
1783
Und dass erloschne Liebe, frisch genährt,
1784
Nur heller, heißer als zuvor erwacht.
1785
Und so zum Liebsten flücht' ich mich voll Scham
1786
Und dreifach gibt mir Übel, was es nahm.
1787
120
1788
Dass du einst hart warst, schafft mir nun Genügen:
1789
Und, bei der damals tief empfundnen Pein,
1790
Müsst' ich notwendig meiner Schuld erliegen,
1791
Wenn meine Nerven nicht von Stahl und Stein.
1792
Denn, wenn dich meine Härte traf, wie mich
1793
Die deine, litt'st du Höllenqual indessen;
1794
Und ich Tyrann hab' unbedächtiglich
1795
Nicht, was ich damals von dir litt, ermessen.
1796
O, dass mich da in unsers Kummers Nacht
1797
Das tiefste Herz gemahnt, wie wahrer Gram verwundet!
1798
Dass wir einander gleich das linde Öl gebracht,
1799
Wovon verletzter Busen schnell gesundet.
1800
Doch wird dein Fehltritt nun zum Lösegeld,
1801
Und jedes Schuld tilgt, was der Freund gefehlt.
1802
121
1803
Besser schlecht sein als scheinen wo, wie sein,
1804
Das nicht sein Schmach gebiert, und zu entbehren
1805
Gerechter Freude dran, wenn sie der Schein,
1806
Nicht unser Selbstbewusstsein soll bewähren.
1807
Denn warum soll verschrobner Augen Tücke
1808
Mein wildes Blut belächeln? Was vereint
1809
Auf meine Schwächen schwäch'rer Späher Blicke,
1810
Die übel deuten, was ich gut gemeint?
1811
Nein! Ich bin, der ich bin, und was sie summen
1812
Von meiner Schuld, ist ihrer Schmach Bericht.
1813
Vielleicht bin ich gerad, und sie die Krummen:
1814
Ihr gift'ger Hauch schwärzt meine Taten nicht;
1815
So lang sie nicht die Welt erbaun auf Lügen,
1816
Dass alle schlecht sind und im Schlechten siegen.
1817
122
1818
Dein Täflein, dein Geschenk, ist mein Gemüt,
1819
Mit dauerndem Gedächtnis vollgeschrieben,
1820
Das alle dürft'ge Schranken überflieht,
1821
Der Zeit zum Trutz auf ewig fortzulieben:
1822
Solang zumindest, als Naturgeschick
1823
Gemüt und Hirn zum Leben mag verbinden.
1824
Bis beides nicht sein Teil an dir zurück
1825
Dem Moder gibt, kann nie dein Bild verschwinden.
1826
Zu eng war das Gefäß für solchen Zweck;
1827
Kein Kerbholz braucht's, dein Lieben einzuzeichnen;
1828
Darum war ich so kühn und gab es weg,
1829
Auf Tafeln stolz, die dich mir fester eignen.
1830
Braucht' ich, um dein zu denken, andrer Spur,
1831
Vergeßlichkeit in mir bewies es nur.
1832
123
1833
Nein, Zeit! nicht wandelbar sollst du mich schelten:
1834
Mir kann dein junger Pyramidenbau
1835
Nicht staunenswert, nicht für ein Wunder gelten;
1836
Sie sind nur Anputz einer ältern Schau.
1837
In enge Frist beschränkt, bewundern wir,
1838
Was du für altersgrau uns willst verkaufen,
1839
Vergessen früherer Kunde, voll Begier
1840
Nach eignem Wunsch beliebig sie zu taufen.
1841
Hohn biet' ich dir und deinen Chroniken:
1842
Nicht Gegenwärt'ges noch Vergangnes nimmt mich Wunder;
1843
Denn Lug ist dein Bericht, und was wir sehn:
1844
Ein ewig Eilen taucht es auf und unter.
1845
Dies eine schwör' und halt' ich treulich mir:
1846
Wahr will ich sein, trotz deiner Sens' und dir.
1847
124
1848
Ist meine Liebe nur ein Kind der Welt,
1849
Dann nennt sie Glücksbastard, den nie ein Vater küsst,
1850
Der Zeiten Haß und Liebe bloßgestellt,
1851
Wie man den Dorn zum Dorn, zu Rosen Rosen liest.
1852
Nein, sie erwuchs vom Zufall fern: ihr droht
1853
Kein prunkend Lächeln, nicht zu Boden schlagen
1854
Kann sie mit finstern Mienen ein Despot,
1855
Sie trägt nicht Fesseln, wie die Zeiten tragen.
1856
Nicht fürchtet sie den Ketzer Politik,
1857
Der kurzgemeßner Stunden Sold erkeuchet;
1858
Sie selber ist der Staatskunst Meisterstück,
1859
Das weder Wärme nährt noch Regen beuget. –
1860
Ihr Narr'n der Zeit, dies wisst ihr und bezeugt;
1861
Die ihr für Laster lebt, für Tugenden erbleicht.
1862
125
1863
Sollt' ich dir Baldachinen überbreiten,
1864
Dein Äuß'res durch mein Außen zu verehren?
1865
Sollt' ich Gebäude baun für Ewigkeiten,
1866
Die nicht so lang als Wurm und Moder währen?
1867
Hab' ich nicht Lüsterne nach Gunst und Schein,
1868
Schwer zinsend alles, alles opfern sehn?
1869
Sie tauschten süße Brüh'n für schlichte Nahrung ein;
1870
Und noch im Gaffen war's um sie geschehn.
1871
Nein! Deinem Herzen lass mich dienstbar sein,
1872
Und nimm du meine Gabe; arm, doch frei.
1873
Die ist von Nebenwerk und Künsten rein,
1874
Die kennt nur du um du, und Treu um Treu.
1875
Hinweg, bestochner Züngler! Den Geraden
1876
Verklage nur, hast ihm nicht Macht zu schaden.
1877
126
1878
O du mein süßer Knab', in dessen Hut
1879
Der Zeiten morsche Uhr und Sichel ruht,
1880
Der schwindend wuchs und durch sein holdes Sprießen
1881
Das Welken seines Freundes hat bewiesen:
1882
Wenn dich Natur, die allen Wandel lenkt,
1883
So wie du voreilst, immer rückwärts drängt,
1884
Verweilt sie dich, weil sie die Zeit betören
1885
Und hungrige Minuten will zerstören.
1886
Doch fürchte sie, du Liebling ihrer Lust!
1887
Aufhalten, nicht behalten an der Brust
1888
Darf sie ihr Kleinod. Spät, mit Widerstreben,
1889
Doch einmal ist's verhängt, dich muss sie geben.
1890
127
1891
Schwarz galt vor Alters nicht für schön: in Worten
1892
Führt' es zum mindesten den Namen nicht.
1893
Doch nun ist Schwarz der Schönheit Farbe worden,
1894
Und ein Bastard entstellt ihr Angesicht.
1895
Denn seit sich jede Hand Natur zu sein vermisst,
1896
Mit falschen Flittern Hässliches verschönt,
1897
Bleibt reine Anmut namenlos; vergisst
1898
Man ihren Dienst, lebt sie entweiht, verhöhnt.
1899
Drum hat mein Mädchen rabenschwarze Augen
1900
Und Rabenhaar, ihr Trauern zu gestehn
1901
Um jene Widrigen, die keine Schönheit brauchen,
1902
Weil sie mit falschem Schein die Schöpfung schmähn.
1903
Und doch, so steht dies Leid ihr zu Gesicht,
1904
Dass alle sagen: Ist das Schönheit nicht?
1905
128
1906
Wie oft, o meine Muse! wenn dein Finger
1907
Aus dem beglückten Holz Musik entspann
1908
Und jenen Wohllaut, meines Ohrs Bezwinger,
1909
Mit süßem Griff den Saiten abgewann,
1910
Beneidet' ich die Tasten, wie zu nippen
1911
Sie deinen zarten Händen eilig nah'n,
1912
Indes errötend meine armen Lippen
1913
An kühnes Holz ihr Recht verschwendet sah'n.
1914
Wie möchten sie um solch Berühren tauschen
1915
Mit jedem Spänlein, das sich tanzend bückt,
1916
Wenn deiner Wanderfinger leises Rauschen
1917
Mehr totes Holz als roten Mund beglückt!
1918
Wenn kecke Tasten denn so schwelgen müssen,
1919
Lass sie die Hand, lass mich die Lippen küssen.
1920
129
1921
Der Seelen Tod in schimpflicher Zerstörung
1922
Ist Lust in Tat: und bis zur Tat, ist Lust
1923
Meineidig, mörd'risch, blutig, voll Betörung,
1924
Roh, wild, wüst, grausam, ihrer unbewusst.
1925
Genossen kaum, und alsobald verachtet;
1926
Gejagt mit Unsinn, und, erbeutet kaum,
1927
Gehaßt mit Unsinn; wie ein Tier verschmachtet,
1928
Das man mit Gift betört im engen Raum.
1929
Toll im Bestreben, töricht im Genuss;
1930
Besitz, Erwerb ist Wahnsinn, sonst und jetzt.
1931
Im Schlürfen Seligkeit; geschlürft, Verdruss:
1932
Erst ein gehofftes Fest, ein Traum zuletzt.
1933
Wohl ist dies weltbekannt, doch selten meidet
1934
Die Welt den Himmel, der zur Hölle leitet.
1935
130
1936
Von Sonn' ist nichts in meines Liebchens Blicken:
1937
Wenn Schnee weiß, ist ihr Busen graulich gar:
1938
Weit röter glüht Rubin als ihre Lippen:
1939
Wenn Haare Draht sind, hat sie drahtnes Haar.
1940
Damaskusrosen weiß und rot erblickt' ich;
1941
Doch nicht auf Liebchens Wangen solchen Flor:
1942
Und mancher Wohlgeruch ist mehr erquicklich,
1943
Als der aus ihrem Munde geht hervor.
1944
Gern hör' ich, wenn sie spricht; doch zu gestehen
1945
Bleibt, dass Musik mir weit ein süß'rer Gruß.
1946
Zwar keine Göttin hab' ich schreiten sehen:
1947
Mein Liebchen, wenn es wandelt, geht zu Fuß.
1948
Und doch, gewiss, so hoch beglückt sie mich
1949
Als irgendeine, die man schlecht verglich.
1950
131
1951
Du bist so herrisch, Herz! für deine Gaben,
1952
Wie andre, die ihr Liebreiz grausam macht:
1953
Denn wohl weißt du, mir liebekrankem Knaben
1954
Bist du mein schönstes Kleinod, mein Smaragd.
1955
Und doch, traun, mancher sagt, der dein Gesicht
1956
Gesehn, dass es ein Herz nicht leicht betöre.
1957
Dies Wahn zu schelten, wag' ich freilich nicht,
1958
Wiewohl ich's heimlich bei mir selber schwöre.
1959
Und dass nicht falsch mein Schwur ist, zeugen dir
1960
Viel tausend Seufzer, die mir heiß entquellen,
1961
Wie ich nur denk' an dein Gesicht, und mir
1962
Dein Schwarz in meinem Sinn zu Gold erhellen.
1963
Denn schwarz an dir sind deine Werk' allein:
1964
So mag der Leumund dir entstanden sein.
1965
132
1966
Ich liebe deine Augen: ein Bedauern
1967
Les' ich Verschmähter drin: wohl kennen sie dein Herz
1968
Und tragen Schwarz, und scheinen mild zu trauern,
1969
Mit holdem Gram betrachtend meinen Schmerz.
1970
Und wahrlich, nicht des Ostens grauen Wangen
1971
Steht Himmels Morgensonne reizender,
1972
Noch blinkt der volle Stern mit abendlichem Prangen
1973
Vom kalten Westen halb so stolz daher,
1974
Wie jenes Traueraugenpärlein blickt.
1975
O dann lass Trauer auch dein Herz verschönen
1976
Um mich, wenn Trauer dich so reizend schmückt!
1977
Lass alle Teil' in Mitleid sich versöhnen.
1978
Dann schwör' ich, Schönheit selbst ist schwarz; und was
1979
Nicht deine Farbe trägt, verfolgt mein Haß.
1980
133
1981
O Schmach dem Herzen, das mein Herz entseelt
1982
Mit tiefer Wunde, mir, wie meinem Freund geschlagen.
1983
Ist's nicht genug, dass man allein mich quält,
1984
Muss mein Geliebtester noch Sklavenfesseln tragen?
1985
Mich hat mir selbst dein grausam Aug' entzogen;
1986
Mein zweites Selbst umspannst du fester noch:
1987
Um ihn, um mich, um dich bin ich betrogen,
1988
Und dreimal dreifach drückt mich dieses Joch.
1989
Schmiede mein Herz in deines Busens Stein,
1990
Doch dann nimm Freundes Herz für mein arm Herz zum Pfande:
1991
Wer auch mich hütet, ihm lass mein Herz Wächter sein;
1992
So musst du lockrer knüpfen meine Bande.
1993
Und wirst's doch nicht: denn ich, verwahrt in dir,
1994
Bin ewig dein, und alles was an mir.
1995
134
1996
So! Nun ich eingestanden, dass ich dein,
1997
Und deinem Willen ganz verfallen bin:
1998
Geb' ich mich dir, wenn du dies zweite Mein
1999
Zu ew'gem Troste mir erstattest, hin.
2000
Doch du sagst nein, und er will Freiheit nicht;
2001
Denn du bist lüstern, und er ist gelind.
2002
Er schreibt für mich, kennt nur des Bürgen Pflicht,
2003
Nach dem Vertrag, der ihn gleich fest umspinnt:
2004
Du wirst zum Vorrecht deiner Schönheit greifen,
2005
Du Wuch'rer, der in Nutzen alles kehrt;
2006
Auf meinen Freund, der für mich zahlt, dich steifen,
2007
Bist du um ihn hartherzig mich betört.
2008
Betört bin ich: für einen hast du zwei:
2009
Er zahlt das ganze – Werd' ich noch nicht frei?
2010
135
2011
Wird andrer Wunsch erfüllt, so hast du deinen Willen,
2012
Und Willen obenein, und Willen überviel,
2013
Und ich, dein Quälgeist, kann ihn mehr als gründlich stillen.
2014
Zu deinem holden Willen mach' ich dies Kodizill:
2015
Willst du, die weit und räumig ist gewillt,
2016
Nicht endlich meinen Willen aufnehmen in den deinen?
2017
Erhört man andrer Willen gern und mild,
2018
Und meinem soll kein Stern der Gnade scheinen?
2019
Den Regen nehmen Seen, Flüsse, Meere
2020
Zu ihrem Wasserreichtum dennoch ein:
2021
So lass auch du, dass sich dein weiter Wille mehre,
2022
O Willenreiche! noch dir meinen Willen weihn.
2023
Lass keinen sterben! Stürmisch oder still,
2024
Sie bitten nur was ich, der eine will.
2025
136
2026
Straft deine Seele dich, als käm' ich dir zu nah,
2027
Dann schwör': ich war dein Will', auf deine arme Seele;
2028
Und deine Seele weiß, Will' ist willkommen da.
2029
So wollt' ich, dass mein Leid sich deiner Lieb' empföhle.
2030
Will Will' in Liebe deinen Schatz bereichern
2031
Mit Willensüberfluß und seinem Willen mit,
2032
Ist es ein Körnlein nur zu vollgehäuften Speichern,
2033
Das nicht in Zahl und nicht in Rechnung tritt.
2034
So lass mich denn auch unbeziffert leben,
2035
Obwohl als Mitgenossen deiner Welt:
2036
Sei ich dir nichts, wenn dies mein Nichts nur eben
2037
Als angenehmes Etwas dir gefällt.
2038
Nimm meinen Namen nur zu ew'gem Liebesziel,
2039
So hast du mich lieb, denn mein Nam' ist Will.
2040
137
2041
Wie plagst du, Amor, töricht blinder Wicht,
2042
Die Augen! dass sie sehn, und was sie sehn, nicht schätzen?
2043
Sie kennen Schönheit, sehn wo Schönheit liegt,
2044
Und wagen Bestes Schlecht'stem gleichzusetzen.
2045
Wenn sich das Aug', entweiht von falschen Blicken,
2046
Zu jener Bucht, wo alle ankern, drängt;
2047
Was machst du Hamen aus des Auges Tücken,
2048
Daran das Urteil meines Herzens hängt?
2049
Wie hält das Herz für ein umzäuntes Gut,
2050
Wovon es weiß, es ist der Welt gemein?
2051
Färbt Wahrheitfarben ein so falsches Blut,
2052
Und widersetzt sich offnem Augenschein?
2053
Hat Aug' und Herz das lauterste verkannt,
2054
Und nun so ekler Pest sich zugewandt?
2055
138
2056
Wenn Liebchen spricht, dass nie ihr Herz erkalte,
2057
So glaub' ich ihr, wenn sie es schon erfand;
2058
Damit sie mich für einen Neuling halte,
2059
Mit Listen dieser Welt noch unbekannt.
2060
So, irrig wähnend, dass sie jung mich wähne,
2061
Wiewohl sie weiß, mein Frühling ist dahin,
2062
Leugn' ich's ihr nicht in ihre falschen Zähne,
2063
Und beiderseits verbirgt sich wahrer Sinn.
2064
Doch warum sagt sie nicht, dass sie nicht treu?
2065
Warum nicht ich, dass einst ich jung gewesen?
2066
O, Amors Lieblingslust ist Heuchelei,
2067
Und Lieb' in Jahren mag nicht Jahreszahlen lesen.
2068
Darum belüg' ich sie, belügt sie mich,
2069
Und unsre Lügensünden schmeicheln sich.
2070
139
2071
O, nicht Beschönigung des Unrechts brauche,
2072
Wenn du so lieblos meinem Herzen bist!
2073
Verwunde mit dem Mund, nicht mit dem Auge;
2074
Miß Kraft an Kraft; und triff mich nicht mit List!
2075
Sprich: Andre lieb' ich; doch das Seitenwenden
2076
Der Augen meide, Liebchen, wo ich bin.
2077
Wozu die Künste? Reicht des Müden Los zu enden,
2078
Dir nicht die offne Stärke mehr als hin?
2079
Ich will dein Anwalt sein: Wohl weiß die Dirne,
2080
Dass ihre art'gen Augen mich bekriegt;
2081
Drum wendet sie den Feind mir von der Stirne,
2082
Damit sein Pfeil nach andern Zielen fliegt. –
2083
Doch, lass es gut sein! halb schon bin ich tot;
2084
So blicke fort, und ende meine Not.
2085
140
2086
Sei klug, wie grausam! Sprenge nicht die Pforte
2087
Stummer Geduld mit allzu bitterm Hohn:
2088
Damit mir Gram nicht Worte leih', und Worte
2089
Dein unerweichtes Herz zu schildern drohn.
2090
Sollt' ich dir raten, besser wär's, wo nicht
2091
Zu lieben, doch mir Liebe vorzuheucheln;
2092
Wie bangen Kranken, wenn das Auge bricht,
2093
Die Ärzte noch mit Auferstehung schmeicheln.
2094
Wenn ich verzweifeln müsste, würd' ich toll;
2095
Und in der Tollheit könnt' ich dich verklagen:
2096
Und diese Spottwelt ist so ränkevoll,
2097
Dass tolle Lügen tollem Ohr behagen.
2098
Dies meide! flieh Verleumdung, halte stet
2099
Die Augen, wie auch weit dein stolzes Herz sich bläht.
2100
141
2101
Traun, nicht vom Auge kommt mein Liebesschmerz,
2102
Das tausend Mangelhaftes an dir sieht.
2103
Nein, was dem Auge widert, liebt das Herz,
2104
Das, trotz den Augen, sich um dich bemüht.
2105
Auch deine Stimme kann mein Ohr nicht reizen:
2106
Zu nieder'm Tasten regt in mir sich kein
2107
Gefühl: Geruch, Geschmack, sie alle geizen
2108
Nach keinem Sinnenschmaus mit dir allein.
2109
Doch nicht fünf Sinnen, nicht fünf Lebensgeister
2110
Entzögen deinem Dienst ein töricht Herz,
2111
Das leblos, larvengleich zurückläßt seinen Meister,
2112
Dein Joch zu tragen, deiner Fesseln Erz.
2113
Nur hierin dient zum Heil mir meine Pest:
2114
Dass die mich sünd'gen macht, mich büßen lässt.
2115
142
2116
Mein Sündigen ist Lieb', und Haß dein Tugendstreben,
2117
Haß meiner Sünd', in sünd'ger Lieb' ernährt.
2118
O nimm mein Tun, und stelle deins darneben,
2119
So findest du es nimmer scheltenswert.
2120
Und wenn: nicht scheltenswert durch deinen Mund,
2121
Der, seinen Scharlachschmuck entheiligend
2122
So oft als meiner, falschen Liebesbund
2123
Besiegelt, fremden Bettes Schwur getrennt.
2124
Lass mich mit Fug dich hegen, wie du die
2125
Anäugelst, die du liebst, wie ich dich hege;
2126
Pflanz' in dein Herz Erbarmen, dass es blüh',
2127
Und dir dein Mitleid Mitleid ernten möge!
2128
Willst du genießen, wo du nie erhört,
2129
Bleib' es, nach eignem Beispiel, dir verwehrt.
2130
143
2131
Wie eine Hausfrau sorgsam sich beeilt,
2132
Ein Federvieh zu fahn, das ihr entronnen,
2133
Den Säugling niedersetzt, und unverweilt
2134
Dem Vogel nachläuft, den sie gern gewonnen:
2135
Derweil mit Schrei'n ihr unberaten Kind
2136
Sie aufzuhalten ringt, die emsiglich
2137
Was vor ihr herläuft zu erhaschen sinnt,
2138
Unachtsam wie ihr Knäblein ängstet sich:
2139
So läufst du hinter dem, was dir entweicht,
2140
Und ich, dein Kind, dir nach in trübem Mut.
2141
Allein blick' um dich, wenn du's nun erreicht,
2142
Üb' Mutterpflichten, küsse mich, sei gut!
2143
So will ich bitten, dass dir's werd erfüllt,
2144
Kommst du zurück, und wird mein Schrei'n gestillt.
2145
144
2146
Zwei Flammen hab' ich, die im Doppelbann,
2147
Wie Geister, zwischen Trost und Qual mich lassen darben:
2148
Der bess're Engel ist ein schöner Mann,
2149
Der schlimmere Geist ein Weib von bösen Farben.
2150
Mein weiblich Unheil, bald dem Pfuhl mich zu gesellen,
2151
Lockt meinen guten Engel von mir fort:
2152
Zum Teufel möchte sie den Heiligen entstellen;
2153
Dem Reinen kost ihr falsches Schmeichelwort.
2154
Und, ob mein Engel nun schon eingefeindet,
2155
Besorg' ich; – zwar nicht völlig ist's bekannt; –
2156
Doch, da mich beide fliehn, und beide sich befreundet,
2157
Fürcht' ich, ein Engel ward des andern Höllenbrand.
2158
Und wie es steh', ich kann es nicht vermuten,
2159
Als bis mein böser Geist verschlingt den guten.
2160
145
2161
Der Mund, den Liebe bildete,
2162
Er sprach zu mir das Wort: »Ich hasse«,
2163
Der ich um sie verschmachtete.
2164
Doch als sie sieht wie ich erblasse,
2165
Kommt Mitleid in ihr Herz zurück,
2166
Sie schilt die Zunge, die mit süßem
2167
Gewähren sonst mir gab das Glück,
2168
Und lehrt sie so von neuem grüßen:
2169
Zum Hasse wird ein Wort getan,
2170
Das folget ihm wie Tageshelle
2171
Der Nacht, die von des Himmels Bahn
2172
Dämonen gleich, entfloh zur Hölle:
2173
Dem Haß entriss sie Hasses Sieg,
2174
Gab Leben neu, und sprach: »Nicht dich.«
2175
146
2176
O armer Geist, des sünd'gen Staubes Kern,
2177
Rebellischer Mächte Narr, die dich umschalen!
2178
Was stirbst du Hungers drin, und darbest gern,
2179
Um deine Außenwände bunt zu malen?
2180
Warum auf deines Hauses mürbe Scherben,
2181
O kurzer Pächter, wendest du so viel?
2182
Soll Wurm und Moder, der Verschwendung Erben,
2183
Dein Gut vertun? ist dies des Leibes Ziel?
2184
O lebe, Geist! von deines Knechts Verlust;
2185
Und lass ihn darben, dass dein Schatz sich mehre:
2186
Kauf Himmelsleben um verkauften Dust,
2187
Sei nicht mehr außenreich, dein Innres nähre!
2188
So zehrst am Tod du, der am Menschen zehrt;
2189
Und ist Tod tot, hat Sterben aufgehört.
2190
147
2191
Mein Lieben ist ein Fieber, es begehrt
2192
Nur was die Krankheit fristet; all sein Sehnen
2193
Geht auf den Zunder, der das Übel nährt,
2194
Dem kranken, launenhaften Reiz zu frönen.
2195
Vernunft, mein Liebesarzt, weil ich verschmäht
2196
Was er mir riet, hat mürrisch mich verlassen.
2197
Und hoffnungslos erkenn ich nur zu spät
2198
Die Mördertriebe, die den Zügel hassen.
2199
Unheilbar bin ich, nun Vernunft zerstoben,
2200
In ew'ger Unruh ein Besessener:
2201
Gedank' und Urteil, wie im Wahnsinn toben
2202
Blind um die Wahrheit irrend hin und her:
2203
Der ich dich schön gepriesen, hell gedacht,
2204
Die schwarz wie Höll' und finster wie die Nacht.
2205
148
2206
Weh! Welche Augen gab mir Venus Sohn,
2207
Die sich auf wahres Sehen nicht verstehn!
2208
Wo nicht: wo ist mein Urteil hingeflohn,
2209
Das falsch entscheidet, was sie richtig sehn?
2210
Ist schön, was meine falschen Augen ehren,
2211
Wie kann die Welt sie denn der Lüge zeihn?
2212
Und ist es nicht; dann kann uns Liebe lehren:
2213
Ihr Aug' ist nicht so wahr als jedes. – Nein!
2214
Wie könnt' es? o, wie wär ihr Auge wahr,
2215
Das sich so trübe weint, so müde wacht?
2216
Was Wunder, wenn mich trügt mein Augenpaar!
2217
Sieht doch die Sonne nicht eh' Himmel lacht.
2218
O list'ge Liebe! machst du weinend blind,
2219
Dass wir nicht merken, wie du falsch gesinnt?
2220
149
2221
Wie sagst du, Harte, dass ich lieblos sei,
2222
Wenn ich mich opfernd selbst für dich gefährde?
2223
Vergess' ich dich, wenn ich mir selbst nicht treu,
2224
Mein eigner Peiniger um deinetwillen werde?
2225
Wer will dir übel, dem ich freundlich wär?
2226
Wem grolltest du, vor dem ich mich gebogen?
2227
Wenn du mir finster sahst, hab' ich nicht schwer
2228
Die Rach' an mir mit strengem Gram vollzogen?
2229
Welch ein Verdienst in mir acht' ich so groß,
2230
Das deinen Dienst so stolz wär zu verschmähen,
2231
Da all mein Bestes deinen Mängeln kost,
2232
Befehligt schon von deiner Augen Drehen?
2233
Doch, hasse nur! ich weiß wie du gesinnt:
2234
Du liebst nur Sehende, und ich bin blind.
2235
150
2236
O welche Macht kann dir die Allmacht leihen,
2237
Mein Herz zu bändigen durch Dürftigkeit,
2238
Dass ich der Lüge muss die offnen Augen zeihen
2239
Und schwören, hellen Tag entstelle Helligkeit?
2240
Von woher kommt dir dieser Reiz des Bösen,
2241
Dass, wenn ich wählen sollte, selbst dein Gift,
2242
Dein Abschaum durch sein freies, sichres Wesen
2243
Das Edelste der andern übertrifft?
2244
Wer lehrte dich mehr Lieb' in mir entzünden,
2245
Je mehr ich Hassensgründe hör' und seh'? –
2246
O, lieb' ich gleich was andre schmählich finden,
2247
Mit andern solltest du nicht schmähn mein Weh!
2248
Wenn du durch Unwert mich zum Lieben triebst,
2249
Bin ich nur würdiger, dass du mich liebst.
2250
151
2251
Lieb' ist zu jung, sie weiß nichts von Gewissen;
2252
Und doch, wer weiß es nicht? Gewissen stammt von ihr.
2253
Drum lass mich, lieber Dieb, für meinen Fehl nicht büßen!
2254
Sonst teilt dein holdes Selbst die gleiche Schuld mit mir.
2255
Denn wie du mich verführst, verführ' ich wieder
2256
Mein bess'res Teil zu schnödem Sinnenwahn.
2257
Die Seele spricht zum Leib: Du kannst Gebieter
2258
Der Liebe sein! – Fleisch hört kein Warnen an:
2259
Dein Nam' erweckt es; seine Siegesbeute
2260
Sieht es in dir. Von solchem Stolz geschwellt,
2261
Wird es dein armer Knecht, der dir zur Seite
2262
In deinen Diensten willig steht und fällt.
2263
Lass mein Gewissen, wenn ich Liebesgruß
2264
Dir bringe, der zu Lieb' ich stehn und fallen muss.
2265
152
2266
Dass ich dich lieb' ist Meineid; weißt du: doch
2267
Zwiefach meineidig du, mir Liebe schwörend,
2268
Brachst mit der Tat dein Bettgelübde, noch
2269
Den neuen Liebesbund in neuem Haß zerstörend!
2270
Doch ich, der zwanzig Eide bricht, wie könnt' ich
2271
Dir zwei verübeln? Lüg' ich doch weit mehr;
2272
Und was ich schwören mag, mißhandelt dich beständig:
2273
Mein bestes Wort machst du bedeutungsleer.
2274
Denn ich beschwur mit teuern Seelenschwüren
2275
Dein teures Lieben, deine Güt' und Treu;
2276
Ich lieh der Blindheit Augen, dich zu zieren:
2277
Verleugnen mussten sie, dass wahr ihr Zeugnis sei:
2278
Denn ich schwur, du sei'st schön: o grober Trug,
2279
Natur zu lästern mit so schnödem Lug!
2280
153
2281
Cupido warf die Fackel hin, und schlief;
2282
Ein Mägdlein der Diana stahl den Fang,
2283
Und taucht der Liebe Feuerzunder tief
2284
In einen kalten Quell, der dort entsprang.
2285
Alsbald durchdrang vom heil'gen Brand die Wellen
2286
Für alle Zeit lebendig rege Glut,
2287
Und ward ein siedend Bad, in schlimmen Fällen
2288
Der Menschen letzte Hülf' und höchstes Gut.
2289
Doch – die an Liebchens Blick frisch angefachte Kerze
2290
Hielt mir aufs Herz der Knabe zum Versuch;
2291
Dass ich, erkrankend von dem heißen Schmerze,
2292
Ein trüber Gast, mich nach dem Bade trug.
2293
Doch half mir's nicht: Die Bäder, die mir taugen,
2294
Sind Amors Feuerquellen, Liebchens Augen.
2295
154
2296
Einst schlief der kleine Liebesgott; zur Seiten
2297
Lag neben ihm sein Herzensfeuerbrand,
2298
Und manche Nymphen, die sich keuschem Leben weihten,
2299
Umhüpften ihn. Mit ihrer Mädchenhand
2300
Ergreift die schönste Büßerin dies Feuer,
2301
Darin viel tausend Herzen sich verzehrt:
2302
So ward von Jungfraunhänden der Verleiher
2303
Heißatmender Begier im Schlaf entwehrt.
2304
Sie löscht den Brand in einem kühlen Bronnen,
2305
Den Liebesglut mit ew'ger Hitze traf:
2306
Er ward zum Bad, wo Kranke Heil gewonnen,
2307
Genesung trinkend. – Doch ich, Liebchens Sklav,
2308
Trink' ihn umsonst: die Welle rauscht und spricht:
2309
Wenn Liebe Wasser wärmt, kühlt Wasser Liebe nicht.
Vorlage S. 855

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »O dann nimm meine Blick' als …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Wenn gut du bist, bewährt Verleumdung deine Güte Nur desto reiner, weil dich Welt umkost: Denn Lasters Wurm liebt sich die schönste Blüte,«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

4. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Nicht lieb' ich minder, weil sich's mehr verhehlt;«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Für dich hier biet' ich Krieg der eignen Brust;« B: »Dass all mein Mühen nur mich weiter von dir scheucht.« C: »Den Geraden Verklage nur, hast ihm nicht Macht zu schaden.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Den Stab ihm brechen …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Und doch, gewiss, so hoch beglückt sie …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗ Textstelle 7 ↗ Textstelle 8 ↗

10. Welcher Ausschnitt enthält ausdrücklich einen Grund oder eine daraus gezogene Folge? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗ Textstelle 7 ↗ Textstelle 8 ↗ Textstelle 9 ↗ Textstelle 10 ↗ Textstelle 11 ↗ Textstelle 12 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Von höchster Höh', in ihm das Mark vertreuchet:«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
Textstelle nachlesen ↗

2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Von höchster Höh', in ihm das Mark vertreuchet:« und »Als irgendeine, die man schlecht verglich«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Nur desto reiner, weil dich Welt umkost:«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
Textstelle nachlesen ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Von schönsten Wesen wünschen wir Vermehrung,«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »O, wie verzag' ich, wenn ich, von dir dichtend,«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Wenn Liebe Wasser wärmt, kühlt Wasser Liebe nicht.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Autor und namentlich belegte Übersetzung sind nach den geprüften Lebensdaten in Deutschland gemeinfrei. TextGrid und www.editura.de stellen Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE bereit.

Sonette

William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 2, Herausgegeben von Anselm Schlösser. Berlin: Aufbau, 1975. Shakespeare, William 777- Berlin

Das Werk Sonette von Shakespeare, William ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; underlying texts public domain per source Lizenz

Originalsprache · Englisch

Vollständiger Originaltext in der genannten digitalen Project-Gutenberg-Ausgabe. Die genaue historische Druckvorlage ist nicht im Katalog belegt. Wortlaut, Rechtschreibung und Interpunktion dieser Quelle bleiben erhalten; HTML-Layout wird in Lesetext übertragen. Unterschiedliche Ausgaben und Übersetzungen können abweichende Kapitelteilungen haben. Keine Behauptung einer Erstfassung oder Absatzparität.

Shakespeare, William: Shakespeare's Sonnets. Project Gutenberg eBook 1041.

Autorschaft und Ausgabe: Shakespeare, William

Originaltext und Ausgabe ↗ · Project Gutenberg · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.