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Buch - Ion - Platon

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Deutsche Übersetzung · Lesefassung

Ion

Platon

Der Rhapsode Ion erläutert Sokrates seine besondere Begeisterung für Homer. Das Gespräch fragt, ob dichterische und vortragende Kunst auf fachlichem Wissen oder auf Inspiration beruhen.

Philosophischer DialogKlasse 11–131 Abschnitte
Platon – antike Büste
Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗

Deutsche Übersetzung: Susemihl, Franz

Hinweise für den Unterricht
  • Historische philosophische, religiöse und naturkundliche Aussagen sowie zeitgebundene gesellschaftliche Wertungen kritisch einordnen. Diese Texte vermitteln keine heutigen wissenschaftlichen, medizinischen oder rechtlichen Handlungsempfehlungen. Klassenangaben sind eine redaktionelle Orientierung.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 1

Ion

1
Platon
2
Ion
3
(Iôn)
4
Sokrates · Ion
Vorlage S. 131
5
Sokrates: Dem Ion ein Willkommen! Von wo kommst du uns denn jetzt hergewandert? Doch was frage ich nur! Gewiss aus deiner Heimat Ephesos?
Vorlage S. 131
6
Ion: Keineswegs, Sokrates, sondern aus Epidauros vom Asklepiosfeste.
Vorlage S. 131
7
Sokrates: Wie? Stellen die Epidaurier dem Gotte zu Ehren auch einen Wettkampf von Rhapsoden an?
Vorlage S. 131
8
Ion: Ja freilich, und nicht das allein, sondern auch musische Wettkämpfe aller andern Art.
Vorlage S. 131
9
Sokrates: Nun, und wie? Da hat denn auch gewiss unser Freund Ion mitgekämpft? Und mit welchem Erfolge tat er es?
Vorlage S. 131
10
Ion: Den ersten Preis trugen wir davon, mein Sokrates.
Vorlage S. 131
11
Sokrates: Vortrefflich! Sorge denn dafür, dass wir auch in den Panathenaien siegen!
Vorlage S. 131
12
Ion: Das soll geschehen, so Gott will.
Vorlage S. 131
13
Sokrates: Wahrhaftig schon oft, lieber Ion, habe ich euch Rhapsoden wegen eurer Kunst beneidet; denn wie wäre es nicht beneidenswert, dass ihr einerseits, was euer Äußeres anlangt, dasselbe stets so, dass es der Würde eurer Kunst entspricht, herausschmücken und so stattlich wie möglich angetan auftreten müsst, andererseits in die Notwendigkeit versetzt seid, euch neben vielen andern trefflichen Dichtern mit dem Homeros, dem trefflichsten und göttlichsten von allen, zu beschäftigen, und dass ihr nicht bloß seine Worte auswendig wissen, sondern auch seinen Sinn und Geist kennen müsst! Es kann nämlich doch wohl keiner für einen Rhapsoden gelten, wenn er nicht versteht, was der Dichter meint; denn der Rhapsode soll doch gerade seinen Zuhörern den Sinn und Geist des Dichters zum Verständnis bringen, und das kann er unmöglich gehörig tun, wenn er selber nicht versteht, was der Dichter meint. Dies alles also ist an euch beneidenswert.
Vorlage S. 131
14
Ion: Sehr wahr, lieber Sokrates. Mir für mein Teil hat daher dies auch die meiste Mühe gemacht bei meiner Kunst. Dafür glaube ich aber auch, dass ich jetzt am besten von allen Menschen über den Homeros zu reden weiß, so dass weder Metrodoros aus Lampsakos noch Stesimbrotos aus Thasos noch Glaukon noch irgend ein anderer, so viele je gelebt haben, so viele schöne Gedanken über den Homeros vorzubringen vermocht hat, als ich es vermag.
Vorlage S. 131
15
Sokrates: Das ist ja herrlich, lieber Ion; denn ich darf sonach offenbar zuversichtlich hoffen, dass du mir ein Probestück von ihnen nicht vorenthalten wirst.
Vorlage S. 131
16
Ion: Gewiss nicht, und es lohnt auch schon der Mühe zu hören, wie schön ich den Homeros zu verherrlichen weiß, so dass ich wohl meine, ich verdiente von seinen Verehrern mit einem goldenen Kranze bekränzt zu werden.
Vorlage S. 131
17
Sokrates: Jedenfalls werde ich mir auch noch die Zeit nehmen, dergleichen von dir zu hören. Für jetzt aber beantworte mir nur die Frage, ob du bloß in bezug auf den Homeros zu solchen Auseinandersetzungen so geschickt bist oder auch in bezug auf Hesiodos und Archilochos?
Vorlage S. 131
18
Ion: Keineswegs, sondern nur in bezug auf Homeros, denn das scheint mir ausreichend.
Vorlage S. 131
19
Sokrates: Gibt es nun aber nicht Dinge, über welche Homeros und Hesiodos dasselbe sagen?
Vorlage S. 131
20
Ion: Ich sollte denken, und zwar viele.
Vorlage S. 131
21
Sokrates: Wirst du nun bei solchen Dingen besser das auslegen können, was Homeros sagt, oder das, was Hesiodos sagt?
Vorlage S. 131
22
Ion: Nun, wo sie so dasselbe sagen, offenbar beides gleich gut, lieber Sokrates.
Vorlage S. 131
23
Sokrates: Wie steht es nun aber bei Dingen, über welche sie nicht dasselbe sagen! So sagt doch wohl z.B. Homeros etwas über die Seherkunst und ebenso wieder Hesiodos etwas?
Vorlage S. 131
24
Ion: Allerdings.
Vorlage S. 131
25
Sokrates: Wie nun? Was diese beiden Dichter übereinstimmend mit einander und was sie abweichend von einander über die Seherkunst sagen, würdest du das besser auszulegen imstande sein oder einer von den tüchtigen Sehern?
Vorlage S. 131
26
Ion: Einer der letzteren.
Vorlage S. 131
27
Sokrates: Wenn nun aber du selbst ein Seher wärest, würdest du dann nicht, wie du dann das übereinstimmend von ihnen Gesagte auszulegen wüsstest, so auch ihre abweichenden Behauptungen auszulegen verstehen?
Vorlage S. 131
28
Ion: Offenbar.
Vorlage S. 132
29
Sokrates: Wie ist es nun aber da in aller Welt möglich, dass du trotzdem jetzt nur hinsichtlich des Homeros die in Rede stehende Geschicklichkeit besitzest, hinsichtlich des Hesiodos aber und der anderen Dichter nicht? Oder spricht Homeros etwa über andere Gegenstände als andere Dichter auch? Handelt er nicht meistens vom Kriege und vom gegenseitigen Verkehre guter und schlechter, unkundiger und kundiger Menschen, von der Art, wie die Götter mit einander, und wie sie mit den Menschen umgehen, von den Begegnissen im Himmel und in der Unterwelt, von den Geburten der Götter und der Helden? Sind das nicht so die Gegenstände, über welche Homeros seine Dichtungen verfasst hat?
Vorlage S. 132
30
Ion: Ganz richtig, Sokrates.
Vorlage S. 132
31
Sokrates: Und wie? Handeln denn die anderen Dichter nicht von eben denselben Gegenständen?
Vorlage S. 132
32
Ion: Ja; aber doch, lieber Sokrates, Homeros und sie nicht gleich gut.
Vorlage S. 132
33
Sokrates: Also sie wohl mangelhafter?
Vorlage S. 132
34
Ion: Ja, und zwar bei weitem.
Vorlage S. 132
35
Sokrates: Und Homeros vortrefflicher?
Vorlage S. 132
36
Ion: Ja, beim Zeus, gewiss vortrefflicher.
Vorlage S. 132
37
Sokrates: Wenn nun aber, mein teueres Haupt Ion, unter vielen, die über eine Zahl sprechen, einer am besten spricht, da wird es doch auch wohl jemanden geben, der es zu beurteilen vermag, wer derjenige ist, welcher sich richtig über diesen Gegenstand äußert?
Vorlage S. 132
38
Ion: Freilich.
Vorlage S. 132
39
Sokrates: Und wird dies nicht derselbe sein, welcher es auch zu beurteilen vermag, wer diejenigen sind, welche sich verkehrt über ihn äußern, oder ein anderer?
Vorlage S. 132
40
Ion: Jedenfalls derselbe.
Vorlage S. 132
41
Sokrates: Und nicht wahr, der, welcher die Zahlen- und Rechenkunde inne hat, der ist dies?
Vorlage S. 132
42
Ion: Ja.
Vorlage S. 132
43
Sokrates: Und wie weiter? Wenn unter vielen, welche darüber reden, von welcher Beschaffenheit Speisen sein müssen, um der Gesundheit zuträglich zu sein, einer am besten spricht, – wird es da ein anderer sein, welcher diesen letzteren zu erkennen und zu beurteilen vermag, dass er wirklich am besten spricht, und ein anderer, welcher den mangelhafter Sprechenden als solchen erkennt, oder derselbe?
Vorlage S. 132
44
Ion: Nun, doch offenbar derselbe.
Vorlage S. 133
45
Sokrates: Und wer ist dieser? Wie wird der genannt?
Vorlage S. 133
46
Ion: Ein Arzt.
Vorlage S. 133
47
Sokrates: Sollen wir demnach nicht überhaupt sagen, dass stets da, wo viele über denselben Gegenstand sprechen, es ein und derselbe sein wird, welcher zu erkennen und zu beurteilen vermag, wer über ihn richtig, und wer verkehrt redet, und dass, wenn einer den letzteren nicht herauszuerkennen vermag, er offenbar auch den ersteren nicht herauserkennen wird?
Vorlage S. 133
48
Ion: So ist es.
Vorlage S. 133
49
Sokrates: Also ein und derselbe wird notwendig geschickt nach beiden Seiten hin sein.
Vorlage S. 133
50
Ion: Ja.
Vorlage S. 133
51
Sokrates: Sagtest du nicht, dass Homeros und die anderen Dichter, unter denen auch Hesiodos und Archilochos sind, über dieselben Gegenstände sprächen, aber nicht gleich gut, sondern jener vortrefflich, diese aber mangelhafter?
Vorlage S. 133
52
Ion: Und damit sagte ich auch die Wahrheit.
Vorlage S. 133
53
Sokrates: Wenn du nun aber jenen in jener Eigenschaft zu erkennen und zu beurteilen vermagst, so musst du sonach auch diese in dieser zu erkennen und zu beurteilen vermögen.
Vorlage S. 133
54
Ion: So scheint es.
Vorlage S. 133
55
Sokrates: Folglich, mein Bester, werden wir keinen Irrtum begehen, wenn wir behaupten, Ion sei gleich geschickt in der Beurteilung und Auslegung des Homeros und in der aller anderen Dichter, sofern er ja doch selbst zugesteht, dass ein und derselbe ein ausreichender Beurteiler aller sein werde, welche über dieselben Gegenstände reden, die Dichter aber redeten so ziemlich alle über dieselben Gegenstände.
Vorlage S. 133
56
Ion: Aber was ist denn da wohl in aller Welt der Grund davon, mein Sokrates, dass, wenn jemand über irgend einen anderen Dichter mit mir spricht, ich weder aufmerke noch auch imstande bin, irgend etwas zu diesem Gespräche beizusteuern, sondern geradezu wie im Traume bin, und dass dagegen, wenn jemand des Homeros erwähnt, ich sofort wach bin und aufmerke und nie in Verlegenheit darüber bin, was ich reden soll?
Vorlage S. 133
57
Sokrates: Das ist nicht schwer zu erraten, Freund; sondern jedermann leuchtet es ein, dass du mit Kunst und Wissenschaft über den Homeros zu sprechen unfähig bist; denn stände es anders, so müsstest du ebenso auch über alle andern Dichter zu reden imstande sein. Es gibt nämlich doch wohl eine Dichtkunst als Ganzes? Nicht wahr?
Vorlage S. 134
58
Ion: Ja.
Vorlage S. 134
59
Sokrates: Findet nun nicht, wenn man ebenso auch eine jede andere Kunst als ein Ganzes nimmt, bei allen Künsten immer dieselbe Betrachtungsweise statt? Doch wie ich das meine, wünschest du wohl erst genauer von mir zu hören, Ion?
Vorlage S. 134
60
Ion: Ja, beim Zeus, lieber Sokrates, ich ganz gewiss; denn ich habe meine Freude daran, die Auseinandersetzungen von euch weisen Leuten anzuhören.
Vorlage S. 134
61
Sokrates: Ich wollte, du nenntest mich mit Recht so, Ion. Allein weise mögt wohl ihr Rhapsoden und Schauspieler sein und diejenigen, deren Gedichte ihr vortragt; ich aber rede nur eben so schlichthin die Wahrheit, wie es sich eben für einen schlichten Laien geziemt. Wenn du nämlich gleich die Frage nehmen willst, welche ich jetzt eben an dich richtete, so sieh nur, wie schlicht und laienhaft und jedermann verständlich es ist, wenn ich meinte, ob, wenn man eine jede Kunst als ein Ganzes fasst, wohl nicht eine und dieselbe Betrachtungsweise in allen Künsten herrscht. Lass sie uns nur nämlich einmal so fassen in unserer Untersuchung: Es gibt doch wohl eine Malerei als Ganzes?
Vorlage S. 134
62
Ion: Ja.
Vorlage S. 134
63
Sokrates: Und auch viele gute und schlechte Maler gibt es und hat es gegeben?
Vorlage S. 134
64
Ion: Allerdings.
Vorlage S. 134
65
Sokrates: Sahst du nun schon jemanden, welcher bei dem Polygnotos, dem Sohne des Aglaophon, fähig dazu war, aufzuzeigen, was er gut und was er schlecht gemalt habe, bei allen andern Malern aber dazu unfähig war, und der, wenn ihm jemand die Werke anderer Maler vorzeigte, wie im Traume war und sich in Verlegenheit befand, was er sagen sollte, und seinerseits nichts zum Gespräche beizusteuern wusste, wenn er aber über den Polygnotos, oder welchen anderen einzelnen Maler du sonst willst, seine Meinung äußern sollte, dann wach war und aufmerkte und gar nicht darum verlegen war, was er zu sagen hatte?
Vorlage S. 134
66
Ion: Nein, beim Zeus, gewiss nicht.
Vorlage S. 135
67
Sokrates: Oder wie? Steht es nicht ebenso bei der Bildhauerkunst? Oder sahst du schon jemanden, welcher beim Daidalos, dem Sohne des Metion, oder beim Epeios, dem Sohne des Panopeus, oder bei Theodoros aus Samos, oder bei sonst einem einzelnen Bildhauer fähig dazu war, auseinanderzusetzen, was er gut gearbeitet habe, bei den Werken aller anderen Bildhauer aber sich in Verlegenheit befand und wie im Traume war, indem er nicht wusste, was er sagen sollte?
Vorlage S. 135
68
Ion: Nein, beim Zeus, auch einen solchen habe ich noch nicht gesehen.
Vorlage S. 135
69
Sokrates: Und ferner sollte ich denken, auch beim Flöten- und Zitherspiel und beim Gesang zur Zither und bei der Rhapsodenkunst steht es nicht anders: auch da sahst du gewiss niemals einen Mann, welcher fähig dazu war, die Kunst des Olympos oder des Thamyras oder des Orpheus oder des Phemios, des Rhapsoden von Ithaka, auszulegen, bei der des Ion aus Ephesos aber sich in Verlegenheit befand und nichts darüber vorzubringen wusste, inwiefern dieser seine Sache als Rhapsode gut oder schlecht mache.
Vorlage S. 135
70
Ion: Ich kann dir darin allerdings nicht widersprechen, Sokrates; aber dessen bin ich mir trotzdem bewusst, dass ich über den Homeros am besten von allen Menschen zu sprechen verstehe und nie um Stoff verlegen bin, und dass auch alle andern mir zugeben, ich wisse gut über ihn zu reden, und dass es dagegen hinsichtlich aller andern Dichter mit mir anders steht. Und so siehe du denn zu, worin hiervon der Grund liegt!
Vorlage S. 135
71
Sokrates: Nun, das tue ich ja schon, Ion:‡ ich stehe ja schon im Begriffe, dir zu zeigen, worin mir derselbe zu liegen scheint. Wie ich eben bereits sagte, es ist nicht eine Kunst, indem es nicht in deinem eignen Vermögen liegt, über den Homeros gut zu reden; sondern es ist eine göttliche Kraft, welche dich dabei treibt, gerade wie sie in dem Steine liegt, welchen Euripides den Magneten nannte, während er gewöhnlich der herakleiische heißt. Auch dieser Stein nämlich zieht nicht bloß selber die eisernen Ringe an, sondern er legt dieselbe Kraft auch in diese Ringe hinein; so dass sie ebendasselbe wie der Stein selbst zu tun vermögen, nämlich andere Ringe anzuziehen, so dass bisweilen eine gar lange Reihe solcher Eisenstücke aneinanderhängt: diesen allen ist dann diese Kraft von jenem Steine angehängt. Ebenso schafft auch die Muse selbst Begeisterte, und indem diese solche Begeisterung weiterverpflanzen, hängt sich an sie eine Kette anderer Begeisterter. Denn alle guten epischen Dichter singen jene ihre schönen Gedichte alle nicht vermöge bewußter Kunst, sondern als Begeisterte und Verzückte, und ebenso steht es mit den guten lyrischen Dichtern: gerade wie die vom Korybantentaumel Befallenen nicht mit klarer Besinnung ihre Tänze und Sprünge machen, so dichten auch sie nicht mit solcher ihre schönen Lieder; sondern wenn die Gewalt der Harmonie und des Rhythmus über sie kommt, so geraten sie gleichsam in einen bakchischen Taumel, – und gerade wie die Bakchantinnen nur im Zustande der Verzückung aus den Strömen Milch und Honig schöpfen, nicht aber wenn sie ihres Bewusstseins mächtig sind, so vermag auch der Liederdichter Seele nur in Begeisterung und Verzückung ein Ähnliches zu tun, wie sie auch selbst behaupten. Denn sie selbst sagen uns ja, dass sie aus honigströmenden Quellen der Musen schöpfen. Sie sagen uns auch, dass sie aus den Gärten und Tälern der Musen Honig sammeln und uns so ihre Lieder bringen wie die Bienen den Honig. Sie sagen uns auch, dass sie gleich den Bienen umherflattern. Und sie haben recht darin. Denn ein Dichter ist ein luftiges, leichtbeschwingtes und heiliges Wesen und nicht eher imstande zu dichten, als bis er in Begeisterung gekommen und außer sich geraten ist und die klare Vernunft nicht mehr in ihm wohnt: solange er aber diese klare Besinnung noch besitzt, ist jeder Mensch unfähig zu dichten und zu weissagen. Indem die Dichter also nicht vermöge menschlicher Kunst dichten und viel Schönes über die von ihnen behandelten Gegenstände sagen, gerade wie du über den Homeros, sondern vermöge göttlicher Führung, so vermag ein jeder das schön zu dichten, wozu die Muse ihn antrieb, der eine bloß Dithyramben, der andere Lobgesänge, der dritte Tanzlieder, der vierte Epen, der fünfte Iamben; zu allem anderen aber ist er untüchtig. Oder wäre dies etwa nicht ein Zeichen, dass nicht menschliche Kunst, sondern göttliche Kraft sie zu ihren Schöpfungen befähigt? Wenn sie vermöge bewußter Kunst über einen Gegenstand schön zu reden wüssten, so müssten sie es doch wohl ebenso gut auch wohl über alle anderen können. Deswegen vielmehr bedient sich der Gott, indem er ihnen die klare Besinnung raubt, ihrer sowie auch der göttlichen Wahrsager und Seher als seiner Diener und Werkzeuge, damit wir, die wir sie hören, wissen, dass nicht sie selbst, denen ja ein klares Bewusstsein nicht innewohnt, es sind, welche so Wertvolles zu uns reden, sondern dass der Gott selber es ist, der da redet und durch sie zu uns spricht. Den stärksten Beweis für diese meine Behauptung gibt Tynnichos aus Chalkis, der nie irgend ein anderes Gedicht verfasste, welches jemand für der Erwähnung wert halten möchte, doch aber jenen Paian, welchen jedermann singt, fast von allen Liedern das schönste, geradezu, wie er selbst sagt, eine Erfindung der Musen. Eben an ihm vor allen scheint mir der Gott gezeigt zu haben, auf dass wir gar nicht daran zweifeln können, dass alle jene schönen Dichtungen nicht menschlicher Art noch Menschenwerk, sondern göttlicher Art und Götterwerk und dass die Dichter nichts anderes als Dolmetsche der Götter sind, jeder ein willenloses Werkzeug des Gottes, der in ihm Sitz genommen. Um dies zu zeigen, sang der Gott absichtlich durch den schlechtesten Dichter das schönste Lied. Oder scheine ich dir nicht recht zu haben, Ion?
Vorlage S. 135
72
Ion: Ja, beim Zeus; denn du ergreifst mir, ich weiß nicht wie, mit deinen Reden meine Seele, Sokrates, und es scheinen mir in der Tat die guten Dichter unter göttlicher Führung lediglich die von den Göttern ihnen eingegebenen Gedanken zu verkündigen.
Vorlage S. 137
73
Sokrates: Verkündigt nun nicht ihr Rhapsoden uns wiederum die Worte der Dichter?
Vorlage S. 137
74
Ion: Auch darin hast du recht.
Vorlage S. 137
75
Sokrates: Ihr werdet also Verkündiger der Verkündiger und Dolmetscher der Dolmetscher?
Vorlage S. 137
76
Ion: Allerdings.
Vorlage S. 137
77
Sokrates: Halt, Ion, sage mir auch noch dies und beantworte mir unverhohlen, was ich dich fragen will: Wenn du epische Dichtungen wohl vorträgst und deine Zuhörer am meisten hinreißest, sei es nun, dass du vom Odysseus vorträgst, wie er auf die Schwelle springt, sich den Freiern zu erkennen gibt und die Pfeile vor seinen Füßen ausschüttet, oder vom Achilleus, wie er auf den Hektor losstürmt, oder auch etwas Rührendes von der Andromache oder Hekabe oder von Priamos: bist du dann deines völligen Bewusstseins mächtig, oder gerätst du außer dir, so dass deine Seele in ihrer Verzückung bei jenen Ereignissen gegenwärtig zu sein glaubt, mögen sie nun in Ithaka oder in Troia vor sich gehen oder wohin sie sonst das Gedicht versetzt?
Vorlage S. 137
78
Ion: Einen wie augenscheinlichen Beweis, lieber Sokrates, gibst du mir da für deine obige Behauptung! Denn ich will ganz unverhohlen zu dir sprechen. Ja doch, freilich, wenn ich etwas Rührendes vortrage, füllen sich meine Augen mit Tränen, und wenn ich vielmehr etwas Furchtbares und Schreckliches vortrage, dann sträuben sich mir die Haare vor Furcht, und es klopft mir das Herz.
Vorlage S. 138
79
Sokrates: Und was sollen wir da sagen, Ion? Etwa, derjenige Mensch sei seiner Besinnung mächtig, der da weint, während er doch mit buntem Gewände und goldenen Kränzen geschmückt und, ohne von diesen Herrlichkeiten etwas verloren zu haben, mitten unter frohen Opfern und Festen sich befindet, oder der sich fürchtet, während er doch unter mehr als zwanzigtausend befreundeten Leuten steht und ihn niemand berauben oder ihm sonst eine Unbill zufügen will?
Vorlage S. 138
80
Ion: Nein, beim Zeus, Sokrates; das würde sich, um die Wahrheit zu sagen, nicht wohl behaupten lassen.
Vorlage S. 138
81
Sokrates: Nun weißt du aber, dass ihr auch bei den meisten eurer Zuhörer ganz denselben Eindruck hervorbringt.
Vorlage S. 138
82
Ion: Sehr wohl weiß ich das; denn ich sehe sie mir jedesmal oben von meiner Bühne herab an, wie sie weinen und finster dreinblicken und meine Erregung über den Inhalt des Vorgetragenen teilen. Es ist nämlich wohl natürlich, dass ich recht genau auf sie acht gebe, da ich, wenn ich sie gehörig zum Weinen gebracht habe, hinterher meinerseits lachen kann, weil ich dann Geld einnehme, wenn ich sie aber zum Lachen gebracht habe, dann hinterher meinerseits weinen muss, indem ich dann Geld einbüße.
Vorlage S. 138
83
Sokrates: Erkennst du nun, dass ein solcher Zuhörer der letzte von jenen Ringen ist, die, wie gesagt, die von dem Magneten ausgegangene Kraft wiederum von einander annehmen, der mittlere aber ein Rhapsode und Schauspieler, wie du, und der erste der Dichter selbst; Der Gott aber zieht durch alle diese Mittelglieder die Seele der Menschen, wohin er will, indem er seine Kraft auf den einen und dieser wieder auf den andern überträgt und so einer immer am anderen hängt. Und eine gar lange Kette von Ringen ist es auch hier, welche an die Muse als ihren Magnet sich anhängt; denn eine gar lange Reihe von Chorsängern und Chorlehrern und Unterlehrern hängt noch seitwärts neben euch an den Dichtern als den unmittelbar an der Muse hangenden Ringen. Und zwar hängt der eine Dichter an dieser, der andere an jener Muse; wir nennen das zwar: ›er ist von ihr ergriffen‹, aber dies läuft ja auch ziemlich auf dasselbe hinaus, denn er wird doch eben auch von ihr festgehalten. Und ebenso geht es nun auch mit den folgenden Ringen. Andere hängen an anderen Dichtem und werden von ihnen begeistert, ein Teil am Orpheus, ein anderer am Musaios, die meisten aber werden vom Homeros ergriffen und festgehalten. Von diesen bist du, Ion, einer, bist gleichsam ein von Homeros Ergriffener und Besessener, so dass, wenn jemand von irgend einem anderen Dichter etwas vorträgt, du wie im Schlafe bist und nichts darüber zu sagen weißt, wenn aber jemand eine Weise von diesem Dichter ertönen lässt, sogleich wach bist und deine Seele jubelt und dir der Rede Fülle zu Gebote steht. Denn eben, wie gesagt, nicht vermöge menschlicher Kunst und Einsicht vermagst du über den Homeros zu sagen, was du vermagst, sondern vermöge göttlicher Führung und Begeisterung; und gleichwie die vom Korybantentaumel Ergriffenen nur für eine solche Weise ein scharfes Ohr haben, welche von dem Gotte herstammt, von dem sie besessen sind, und wenn eine solche ertönt, in immer neue Gebärden, Bewegungen und Worte ausbrechen und nie um sie in Verlegenheit sind, um alle anderen Weisen aber sich gar nicht kümmern, – ebenso bist daher auch du, Ion, wenn jemand des Homeros gedenkt, nicht in Verlegenheit, was du sagen sollst, wohl aber bei anderen Dichtern. Ich wiederhole also: der Grund dessen, wonach du mich fragst, nämlich weshalb du über den Homeros zu reden gar nicht in Verlegenheit bist, wohl aber über die anderen Dichter, – ist der, dass du nicht durch Kunst, sondern durch göttliche Führung ein so gewaltiger Lobredner des Homeros bist.
Vorlage S. 138
84
Ion: Das klingt zwar recht schön, Sokrates; indessen sollte es mich doch wundern, wenn es so schön klänge, dass du mich überzeugtest, was ich zur Verherrlichung des Homeros zu sagen weiß, vermöchte ich nur in einem gleichsam besessenen und meiner Besinnung nicht mächtigen Zustande vorzubringen; und ich denke, auch du selbst würdest es nicht glauben, wenn du mich über den Homeros reden hörtest.
Vorlage S. 140
85
Sokrates: Nun, ich will dich ja auch hören; zuvor jedoch musst du mir noch erst folgende Frage beantworten: Über welche von den Gegenständen, von denen Homeros handelt, weißt du gut zu reden? Gewiss doch nicht über alle?
Vorlage S. 140
86
Ion: Ja, sei überzeugt, lieber Sokrates, über alle ohne Ausnahme.
Vorlage S. 140
87
Sokrates: Doch wohl auch nicht über die, von denen du gerade nichts verstehst und von denen Homeros doch handelt?
Vorlage S. 140
88
Ion: Und was wären denn das für Gegenstände, von denen Homeros handelt, ich aber nichts verstehe?
Vorlage S. 140
89
Sokrates: Spricht denn nicht Homeros über allerlei Künste an vielen Stellen und vielerlei? Wie z.B. über die Kunst des Wagenlenkens? Wenn ich mich der Verse noch erinnere, will ich sie dir hersagen.
Vorlage S. 140
90
Ion: Nein, lass mich sie hersagen, denn ich habe sie im Gedächtnis.
Vorlage S. 140
91
Sokrates: So sage mir denn, was Nestor zu seinem Sohne Antilochos spricht, indem er ihn zur Vorsicht im Umlenken beim Wagenrennen zu Ehren des Patroklos ermahnt!
Vorlage S. 140
92
Ion:
Vorlage S. 140
93
Beuge dich selbst alsdann (sagt er) in dem zierlich geflochtenen Sessel
Vorlage S. 140
94
Weniges links vom Gespann, und das Roß zur Rechten ermuntre,
Vorlage S. 140
95
Treib' es zugleich mit der Geißel und lass ihm freier die Zügel;
Vorlage S. 140
96
Aber am Zielstein streife das Roß zur Linken so dicht dir,
Vorlage S. 140
97
Dass beinahe die Nabe des künstlich gebildeten Rades
Vorlage S. 140
98
Vorn zu berühren ihn scheint; doch hüte dich, dass du den Stein triffst!
Vorlage S. 140
99
Sokrates: Genug! Ob nun, Ion, in diesen Versen Homeros richtig spricht oder nicht, wer wird das besser verstehen, der Arzt oder der Wagenlenker?
Vorlage S. 140
100
Ion: Jedenfalls der Wagenlenker.
Vorlage S. 141
101
Sokrates: Weil er diese Kunst inne hat, oder aus irgend einem anderen Grunde?
Vorlage S. 141
102
Ion: Aus keinem anderen.
Vorlage S. 141
103
Sokrates: Nicht wahr, jeder Kunst nämlich ist von der Gottheit eine bestimmte Verrichtung zugewiesen, auf welche sie sich versteht? Denn worauf wir uns vermöge der Steuermannskunst verstehen, darauf verstehen wir uns doch wohl nicht auch vermöge der Heilkunst?
Vorlage S. 141
Platon – antike Büste
Kontextbild zum Werk. Platon – antike Büste — Antikes Bildnis zur Autorschaft; Fotografie von Osama Shukir Muhammed Amin. · Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg) · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
104
Ion: Gewiss nicht.
Vorlage S. 141
105
Sokrates: Und auch nicht, worauf vermöge der Heilkunst, darauf auch vermöge der Baukunst?
Vorlage S. 141
106
Ion: Gewiss nicht.
Vorlage S. 141
107
Sokrates: Und so verhält es sich nun doch wohl mit allen Künsten: worauf wir uns vermöge der einen Kunst verstehen, darauf werden wir es nicht vermöge der andern? Nun beantworte mir aber noch erst folgende Frage: Nimmst du an, dass eine Kunst von der andern verschieden sei?
Vorlage S. 141
108
Ion: Ja.
Vorlage S. 141
109
Sokrates: Und stimmst du nun auch meiner Erklärung bei, wenn ich die eine Kunst von der anderen insofern unterscheide, als die eine die Kunde von den einen und die andere von anderen Gegenständen ist?
Vorlage S. 141
110
Ion: Ja.
Vorlage S. 141
111
Sokrates: Denn wenn eine jede Kunde von denselben Gegenständen wäre und man also durch eine jede dieselben Gegenstände kennenlernte, aus welchem Grunde sollte man dann wohl die eine mit diesem und die andere mit jenem Namen bezeichnen? Zum Beispiel so gut wie ich weiß, dass dies fünf Finger sind, ebenso gut weißt du hierüber ganz dasselbe wie ich, und wenn ich dich nun fragen wollte, ob wir beide dies vermöge einer und derselben Kunst, nämlich vermöge der Rechenkunst, wissen oder vermöge einer anderen, so würdest du jedenfalls antworten: vermöge einer und derselben.
Vorlage S. 141
112
Ion: Ja.
Vorlage S. 141
113
Sokrates: Was ich also vorher bereits im Begriffe stand dich zu fragen, das beantworte mir nun, ob du nämlich in bezug auf alle Künste der Meinung bist, dass wir vermöge derselben Kunst notwendig dasselbe erkennen, vermöge einer andern aber nicht dasselbe, sondern, wenn sie wirklich eine andere ist, auch notwendig etwas anderes?
Vorlage S. 141
114
Ion: Allerdings bin ich dieser Meinung, lieber Sokrates.
Vorlage S. 142
115
Sokrates: Wer also irgend eine Kunst nicht inne hat, der wird auch die Lehren oder Leistungen dieser Kunst nicht richtig zu erfassen vermögen?
Vorlage S. 142
116
Ion: Du hast recht.
Vorlage S. 142
117
Sokrates: Wirst also hinsichtlich der Verse, welche du eben hersagtest, du oder ein Wagenlenker sich besser darauf verstehen, ob Homeros in ihnen sich richtig ausdrückt oder nicht?
Vorlage S. 142
118
Ion: Ein Wagenlenker.
Vorlage S. 142
119
Sokrates: Du bist nämlich eben ein Rhapsode und kein Wagenlenker.
Vorlage S. 142
120
Ion: Ja.
Vorlage S. 142
121
Sokrates: Und die Kunst des Rhapsoden ist eine andere als die des Wagenlenkers?
Vorlage S. 142
122
Ion: Ja.
Vorlage S. 142
123
Sokrates: Und wenn eine andere, so ist sie auch eine Kunde von anderen Gegenständen.
Vorlage S. 142
124
Ion: Ja.
Vorlage S. 142
125
Sokrates: Und wie weiter: wenn Homeros erzählt, dass dem verwundeten Machaon Hekamede, das Kebsweib des Nestor, einen Mischtrank gereicht habe, und wenn er sich dabei ungefähr folgendermaßen ausdrückt:
Vorlage S. 142
126
Mischte von pramnischem Wein und rieb mit der ehernen Raspel
Vorlage S. 142
127
Käse von Ziegen dazu, nebst trunkeinladender Zwiebel, –
Vorlage S. 142
128
ist es da nun Sache der Heilkunst oder der Rhapsodenkunst, richtig zu erkennen oder zu beurteilen, ob Homeros sich hier angemessen ausdrückt oder nicht?
Vorlage S. 142
129
Ion: Der Heilkunst.
Vorlage S. 142
130
Sokrates: Und wie, wenn Homeros sagt:
Vorlage S. 142
131
Jäh in den Seegrund schoss sie hinab, zu vergleichen dem Senkblei,
Vorlage S. 142
132
Welches, zunächst am Horne des ländlichen Stieres befestigt,
Vorlage S. 142
133
Tief hinsinkt, das Verderben den gierigen Fischen zu bringen, –
Vorlage S. 142
134
wollen wir da behaupten, dass es mehr Sache der Fischer- oder mehr der Rhapsodenkunst sei, zu beurteilen, was er eigentlich meint, und ob es richtig ist oder nicht?
Vorlage S. 142
135
Ion: Offenbar, Sokrates, der Fischerkunst.
Vorlage S. 142
136
Sokrates: Erwäge nun, wenn jetzt du die Rolle des Fragenden übernähmest und an mich die Frage richtetest: »Da du also, Sokrates, in bezug auf alle diese Künste in Homeros etwas findest, was einer jeden von ihnen allein zusteht zu beurteilen, – wohlan, so mache mir auch in betreff des Sehers und der Seherkunst ausfindig, wie das beschaffen ist, in bezug auf welches diesen die Entscheidung darüber zukommt, ob es gut oder schlecht vom Dichter dargestellt ist«; erwäge, sage ich, wie leicht und zutreffend ich dir diese Frage beantworten werde: Denn an vielen Stellen in der Odyssee handelt Homeros auch von dergleichen Dingen, z.B. wenn er den Theoklymenos, den Seher aus dem Geschlechte des Melampus, zu den Freiern sagen lässt:
Vorlage S. 143
137
Ach, welch böses Geschick, unselige Männer, bedroht euch.
Vorlage S. 143
138
Nacht umhüllt euch Haupt und Gesicht und unten die Kniee,
Vorlage S. 143
139
Wehklagrufen ertönt, und betränt sind euere Wangen;
Vorlage S. 143
140
Schattengebilde umdrängen die Tür, umdrängen den Vorhof,
Vorlage S. 143
141
Die in den Erebos eilen zur Finsternis; Helios' Licht ist
Vorlage S. 143
142
Völlig am Himmel verlöscht, und heranzieht grausiges Dunkel! –
Vorlage S. 143
143
an vielen auch in der Ilias, wie z.B. im Mauergefecht, denn hier heißt es:
Vorlage S. 143
144
Nämlich ein Vogel erschien, da sie überzugehn sich entschlossen,
Vorlage S. 143
145
Ein hochfliegender Adler, das Kriegsheer streifend zur Linken,
Vorlage S. 143
146
Eine gewaltige Schlang' in den Klauen, mit purpurnem Rücken,
Vorlage S. 143
147
Lebend annoch und zappelnd, die Kampflust ließ sie nach jetzt nicht;
Vorlage S. 143
148
Denn wie jener sie hielt, durchstach sie die Brust ihm am Halse,
Vorlage S. 143
149
Rückwärts drehend das Haupt; da warf er sie weg auf die Erde,
Vorlage S. 143
150
Hart von Schmerzen gequält; und sie fiel in die Mitte der Heerschar;
Vorlage S. 143
151
Aber er selbst flog rauschend davon in dem Hauche des Windes.
Vorlage S. 143
152
Dies und dem Ähnliches, werde ich sagen, komme dem Seher zu, in Betracht zu ziehen und zu beurteilen.
Vorlage S. 143
153
Ion: Und daran tust du recht, lieber Sokrates.
Vorlage S. 143
154
Sokrates: Ja, und auch du tust ganz recht daran, lieber Ion, mir dies einzuräumen. Und wohlan nun, suche auch du mir, wie ich dir aus der Odyssee und Ilias herausgesucht habe, was Sache des Sehers und was des Arztes und was des Fischers ist, – so, sage ich, suche auch du mir, da du ja viel vertrauter mit den Gedichten des Homeros bist, aus ihnen heraus, was Sache des Rhapsoden, lieber Ion, und der Rhapsodenkunst ist, was sich für den Rhapsoden vor allen anderen Menschen in Betracht zu ziehen und zu beurteilen gebührt!
Vorlage S. 143
155
Ion: Ich, lieber Sokrates, behaupte: alles ohne Ausnahme.
Vorlage S. 144
156
Sokrates: Aber vorhin gabst du mir doch zu, Ion: nicht alles. Oder bist du so vergeßlich? Und doch möchte es sich für einen Mann, der als Rhapsode auftritt, nicht ziemen, vergeßlich zu sein.
Vorlage S. 144
157
Ion: Was vergesse ich denn?
Vorlage S. 144
158
Sokrates: Erinnerst du dich nicht, dass du zugabst, die Kunst des Rhapsoden sei eine andere als die des Wagenlenkers?
Vorlage S. 144
159
Ion: Ich erinnere mich.
Vorlage S. 144
160
Sokrates: Und gestandest du nicht demgemäß auch zu, dass sie als eine andere sich auch auf anderes verstehen müsse?
Vorlage S. 144
161
Ion: Ja.
Vorlage S. 144
162
Sokrates: Nicht auf alles also wird sich nach deinem eigenen Zugeständnis der Rhapsode und die Rhapsodenkunst verstehen.
Vorlage S. 144
163
Ion: Vielleicht aber nur auf solcherlei Dinge nicht, Sokrates.
Vorlage S. 144
164
Sokrates: Unter diesen solcherlei Dingen verstehst du ja aber notwendig geradezu die Gegenstände aller anderen Künste. Und auf welcherlei Dinge soll sie sich denn verstehen, sofern sie sich ja nicht auf alles versteht?
Vorlage S. 144
165
Ion: Darauf, was sich geziemt, dächte ich, für einen Mann zu sprechen und was für ein Weib, was für einen Sklaven, was für einen Freien, was für einen Untertanen, und was für einen Gebieter.
Vorlage S. 144
166
Sokrates: Wird sich nun aber darauf, nach deiner Meinung, was sich für den Gebieter eines auf dem Meere vom Sturme bedrängten Schiffes zu sprechen geziemt, der Rhapsode besser verstehen oder der Steuermann?
Vorlage S. 144
167
Ion: Darauf freilich der Steuermann.
Vorlage S. 144
168
Sokrates: Und was sich für den Gebieter eines Kranken geziemt, darauf der Rhapsode oder der Arzt?
Vorlage S. 144
169
Ion: Auch darauf der Rhapsode nicht.
Vorlage S. 144
170
Sokrates: Aber du meinst, auf das, was sich für einen Sklaven geziemt?
Vorlage S. 144
171
Ion: Ja.
Vorlage S. 144
172
Sokrates: Zum Beispiel, was sich für einen Sklaven, der ein Rinderhirte ist, zu sprechen geziemt, um die Rinder, wenn sie wild werden, zu beruhigen, darauf wird sich der Rhapsode verstehen, aber nicht der Rinderhirt?
Vorlage S. 145
173
Ion: Keineswegs.
Vorlage S. 145
174
Sokrates: Aber was sich für eine wollarbeitende Frau geziemt, über Bearbeitung der Wolle zu sprechen?
Vorlage S. 145
175
Ion: Nein.
Vorlage S. 145
176
Sokrates: Aber was sich für einen Mann zu reden geziemt, welcher als Heerführer seine Krieger aufmuntert, darauf muss er sich verstehen?
Vorlage S. 145
177
Ion: Ja, auf dergleichen wird und muss der Rhapsode sich verstehen.
Vorlage S. 145
178
Sokrates: So? Die Kunst des Rhapsoden ist also zugleich die des Heerführers?
Vorlage S. 145
179
Ion: Ich für meine Person würde mich wenigstens schon darauf verstehen, was sich für einen Heerführer zu reden geziemt.
Vorlage S. 145
180
Sokrates: Bist du doch vielleicht auch des Heerführens kundig, lieber Ion! Gesetzt nämlich, du verständest dich zugleich auf das Reiten und auf das Zitherspielen, so würdest du wissen, welches gut und welches schlecht zugerittene Pferde sind; wenn ich dich dann aber fragte, vermöge welcher von beiden Künsten weißt du dies zu unterscheiden, vermöge der, durch deren Besitz du ein Reiter bist, oder vermöge der, durch deren Besitz du ein Zitherspieler bist, – was würdest du mir da antworten?
Vorlage S. 145
181
Ion: Vermöge der, kraft deren ich ein Reiter bin, würde ich sagen.
Vorlage S. 145
182
Sokrates: Und ebenso würdest du, wenn du auch die guten Zitherspieler herauszuerkennen wüsstest, zugeben, es geschehe dies vermöge der Kunst, kraft deren du ein Zitherspieler und nicht ein Reiter bist?
Vorlage S. 145
183
Ion: Ja.
Vorlage S. 145
184
Sokrates: Wenn anders du dich nun aber auf das Kriegswesen verstehst, geschieht dies dadurch, dass du der Heerführung kundig bist, oder dadurch, dass du ein guter Rhapsode bist?
Vorlage S. 145
185
Ion: Das scheint mir für mein Teil keinen Unterschied zu machen.
Vorlage S. 145
186
Sokrates: Inwiefern meinst du keinen Unterschied? Glaubst du, dass die Kunst des Rhapsoden und die des Heerführers eine und dieselbe ist oder zweierlei?
Vorlage S. 145
187
Ion: Mir für mein Teil scheint es nur eine.
Vorlage S. 146
188
Sokrates: Wer sonach ein guter Rhapsode ist, der ist auch ein guter Heerführer?
Vorlage S. 146
189
Ion: Allerdings, lieber Sokrates.
Vorlage S. 146
190
Sokrates: Dann aber doch ist, wer ein guter Heerführer ist, auch ein guter Rhapsode?
Vorlage S. 146
191
Ion: Das scheint mir nun wieder nicht.
Vorlage S. 146
192
Sokrates: Aber jenes andere scheint dir doch wirklich so, dass, wer ein guter Rhapsode ist, auch ein guter Heerführer sei?
Vorlage S. 146
193
Ion: Gewiss.
Vorlage S. 146
194
Sokrates: Bist du nun nicht der Hellenen bester Rhapsode?
Vorlage S. 146
195
Ion: Und zwar bei weitem, mein Sokrates.
Vorlage S. 146
196
Sokrates: Dann, Ion, bist du also auch wohl der beste Heerführer der Hellenen?
Vorlage S. 146
197
Ion: Dessen sei gewiss, Sokrates, und zwar habe ich dies eben aus dem Homeros gelernt.
Vorlage S. 146
198
Sokrates: Wie geht es nun aber in aller Welt um Gottes willen zu, Ion, dass du, wenn du doch in beidem der beste unter den Hellenen bist, als Feldherr und als Rhapsode, dass du da als Rhapsode umherziehst und nicht vielmehr Heere führst? Oder dünkt dich etwa, dass ein mit goldenem Kranze geschmückter Rhapsode ein dringendes Bedürfnis ist unter den Hellenen, ein Feldherr aber nicht?
Vorlage S. 146
199
Ion: Unsere Stadt, Sokrates, wird ja von euch beherrscht und ihre Heere von euch geführt, und sie bedarf daher eines Heerführers schlechterdings nicht. Euer Staat aber und der der Lakedaimonier dürfte mich eben nicht zum Feldherrn wählen; denn dazu glaubt ihr selbst tüchtige Leute genug zu haben.
Vorlage S. 146
200
Sokrates: Aber, bester Ion, kennst du denn nicht Apollodoros aus Kyzikos?
Vorlage S. 146
201
Ion: Welchen denn?
Vorlage S. 146
202
Sokrates: Den, welchen die Athener oftmals zu ihrem Feldherrn gewählt haben, obwohl er ein Fremder war. Ferner den Phanosthenes aus Andres und den Herakleides aus Klazomenai, welche, obwohl sie Fremde sind, doch, nachdem sie sich als Männer gezeigt haben, die der Beachtung wert sind, von unserem Staat zu Feldherrnposten und anderen obrigkeitlichen Ämtern erhoben werden. Und doch sollte den Ion aus Ephesos unser Staat nicht zum Feldherrn wählen noch ihm Ehren und Würden übertragen wollen, auch wenn er ihm dazu geeignet erschiene? Und wie? Seid ihr Ephesier denn nicht ursprünglich selbst Athener, und stellt nicht Ephesos keiner anderen Stadt nach? Und wenn du, Ion, wirklich die Wahrheit sagst, dass du mit Kunst und Einsicht den Homeros zu verherrlichen vermagst, so tust du unrecht daran, dass du mir zuerst vorredest, wieviel schöne Dinge du über den Homeros zu sagen wüsstest, und mir ein Probestück davon zu geben versprichst, hinterher aber mich täuschest und, weit entfernt davon, mir ein solches wirklich zu geben, mir nicht einmal sagen willst, worin denn das besteht, worüber du so geschickt bist zu reden, solange ich dir auch darum angelegen habe, sondern geradezu wie Proteus alle möglichen Gestalten annimmst und alle möglichen Windungen nach oben und unten machst, bis du mir endlich entschlüpfst und mir als Heerführer wieder erscheinst, damit du mir eben nur kein Probestück abzulegen brauchst, wie stark du bist in der Weisheit des Homeros. Wenn du also wirklich als Kunstverständiger das eben Gesagte tust, mir erst ein Probestück hinsichtlich des Homeros versprichst und hinterher mich täuschest, so handelst du unrecht; wenn du aber kein Kunstverständiger bist, sondern vermöge göttlicher Führung am Homeros hangend ohne jede wirkliche Erkenntnis viel Schönes über den Dichter zu sagen weißt, wie ich von dir behauptete, so tust du kein Unrecht. Wähle also, ob du lieber von mir für einen ungerechten Mann gehalten sein willst oder für einen gottbegeisterten!
Vorlage S. 146
203
Ion: Das ist ein großer Unterschied, Sokrates, denn viel schöner ist es, für einen gottbegeisterten gehalten zu werden.
Vorlage S. 147
204
Sokrates: Dies Schönere wird dir demnach von mir zuteil, Ion, du seist ein gottbegeisterter, aber nicht ein kunstverständiger Lobredner des Homeros.
Vorlage S. 147

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

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Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Sokrates: Wie steht es nun aber bei …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »letzteren zu erkennen und zu beurteilen vermag, dass er wirklich am besten spricht, und ein anderer, welcher den […] Sprechenden als solchen erkennt, oder derselbe«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Deswegen« in diesem Textausschnitt? »Deswegen vielmehr bedient sich der Gott, indem er ihnen die klare Besinnung raubt, ihrer sowie auch der göttlichen Wahrsager und Seher als seiner Diener und Werkzeuge, damit wir, die wir sie hören, wissen, dass nicht sie selbst, denen ja ein klares Bewusstsein nicht innewohnt, es«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Welcher Ausschnitt enthält eine ausdrückliche Verneinung oder einen Ausschluss? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Ion: Vielleicht aber nur auf solcherlei Dinge nicht, Sokrates.« B: »Ion: Ja, sei überzeugt, lieber Sokrates, über alle ohne Ausnahme.« C: »Oder spricht Homeros etwa über andere Gegenstände als andere Dichter auch?«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Sokrates: Und wenn eine andere, so ist …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Denn wie jener sie hielt, […] sie die Brust ihm am Halse,«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »obwohl« in diesem Textausschnitt? »Sokrates: Den, welchen die Athener oftmals zu ihrem Feldherrn gewählt haben, obwohl er ein Fremder war.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ion: Dessen sei gewiss, Sokrates, und zwar …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »wie schön ich den Homeros zu verherrlichen weiß, so dass ich wohl«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
Textstelle nachlesen ↗

2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »wie schön ich den Homeros zu verherrlichen weiß, so dass ich wohl« und »Sokrates: Dies Schönere wird dir demnach von mir zuteil, Ion, du seist ein gottbegeisterter, aber nicht ein kunstverständiger Lobredner des Homeros.«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Sokrates: Und wenn eine andere, so ist «. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
Textstelle nachlesen ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Von wo kommst du uns denn jetzt hergewandert?«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »weiß, vermöchte ich nur in einem gleichsam besessenen und meiner Besinnung nicht mächtigen Zustande vorzubringen; und ich denke, auch du selbst würdest es nicht glauben, wenn du mich über den Homeros reden hörtest«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Sokrates: Dies Schönere wird dir demnach von mir zuteil, Ion, du seist ein gottbegeisterter, aber nicht ein kunstverständiger Lobredner des Homeros.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Ion – DTA DiBiPhil

Deutsches Textarchiv, BBAW, DiBiPhil-Korpus; Kuration Matthias Boenig, Susanne Haaf, Marius Hug und DTA-Team; ursprüngliche Digitalisierung Editura/Digitale Bibliothek. Historische Quellausgabe: Platon: Sämtliche Werke. Berlin: Lambert Schneider, [1940].

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY-SA 4.0 Lizenz

Originalsprache · Altgriechisch

Vollständiger altgriechischer Text der bezeichneten kritischen Edition. Quellschreibweise und editorische Zeichen bleiben erhalten; TEI-Struktur wird für die Anzeige umgesetzt. Abschnittsgrenzen folgen ausschließlich wirklichen Quellenunterteilungen. Historische deutsche Übersetzung und griechische Quellenedition haben eigenständige Gliederungen.

Platon; John Burnet (Quellenedition); Perseus Digital Library, Tufts University, CC BY-SA4.0.

Autorschaft und Ausgabe: Platon · John Burnet

Originaltext und Ausgabe ↗ · Perseus Digital Library, Tufts University · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.