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Buch - Philosophische Gespräche - Moses Mendelssohn

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Originalwerk · Lesefassung

Philosophische Gespräche

Moses Mendelssohn

Mendelssohns vier philosophische Gespräche erörtern Leibniz, Spinoza und die Grundlagen metaphysischer Systeme. Die Dialogform macht unterschiedliche Argumente über Erkenntnis, Weltordnung und göttliche Eigenschaften vergleichbar.

PhilosophieKlasse 11–135 Abschnitte
Moses Mendelssohn – historisches Bildnis
Moses Mendelssohn – historisches Bildnis — Historische Darstellung von Moses Mendelssohn. Bild zur Autorschaft; keine Illustration einer bestimmten Textszene. · After Anton Graff · Public domain Bildquelle ↗

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Hinweise für den Unterricht
  • Historische philosophische, religiöse und naturkundliche Aussagen sowie zeitgebundene gesellschaftliche Wertungen kritisch einordnen. Diese Texte vermitteln keine heutigen wissenschaftlichen, medizinischen oder rechtlichen Handlungsempfehlungen. Klassenangaben sind eine redaktionelle Orientierung.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 5

Erstes Gespräch

1
Moses Mendelssohn
2
Philosophische Gespräche
3
Erstes Gespräch
Vorlage S. 3
4
Philopon. Neophil.
Vorlage S. 3
5
PHILOPON: Und so hätte Leibnitz die vorherbestimmte Harmonie nicht erfunden?
Vorlage S. 3
6
NEOPHIL: Ich weis nicht, wie Sie dieses aus meinen Worten schliessen wollen.
Vorlage S. 3
7
PHILOPON: O! Es schließt sich von selbst. Sagten sie nicht, Leibnitz habe diese Hypothes angenommen, und in sein System gebracht?
Vorlage S. 3
8
NEOPHIL: Sie passen allzugenau auf meine Worte. Erlauben Sie, dass ich mich darf versprochen haben. Wir wollen unsere vorige Unterredung nicht unterbrechen.
Vorlage S. 3
9
PHILOPON: Nein, liebster Freund! so sollen Sie mir nicht entwischen. Es wäre nicht das erstemal, dass ich aus ihren kleinen Uebereilungen etwas gelernet hätte. Jezt muss ich Sie fest halten; wenn ich einen Gedancken erfahren will, den Sie mir vorsetzlich vielleicht nie würden entdekt haben.
Vorlage S. 3
10
NEOPHIL: Sie dringen allzusehr in mich. Ich sehe wohl, man muss mit Leuten von Ihrer Scharfsinnigkeit sehr behutsam sein. Ein einziges Wort entdekt ihnen unsern ganzen Sinn. Wohl an! es ist nicht mehr Zeit sich zu verstellen. Ich gestehe es Ihnen, ich halte Leibnitzen nicht für den ersten Erfinder der vorher bestimmten Harmonie, ob ich gleich weis, dass ihm noch niemand diesen Ruhm streitig gemacht hat, und dass ihm Bayle selbst im Namen der gelehrten Welt zu dieser grossen Entdeckung Glück wünschet.
Vorlage S. 3
11
PHILOPON: Und im Namen aller Leibnitzianer fordre ich von Ihnen den Beweis.
Vorlage S. 3
12
NEOPHIL: Den habe ich in Bereitschaft, ob ich gleich nicht geglaubt hätte, dass ich ihn heute brauchen würde. Allein merken Sie dieses. Teil behaupte nur, dass das Wesentliche dieser Meinung einen andern Weltweisen zum ersten Erfinder habe, und gestehe gern, dass sie Leibnitz am ersten mit denn Namen der vorherbestimmten Harmonie belegt.
Vorlage S. 3
13
PHILOPON: Ey nun ja! Mit dieser Einschränkung werden Sie es doch nicht wieder gut machen wollen? Ich dächte, ein Name sei keine sonderliche Erfindung. Ja ich habe mich jederzeit gewundert, dass sich Leibnitz die Mühe genommen hat, Baylen zu widersprechen, als dieser die Erfindung dieses Namens einem P. Lamy zuschreiben wollte[1].
Vorlage S. 3
14
NEOPHIL: Wahr ist es; Leibnitz hätte mit einer solchen Kleinigkeit gar leicht freygebig sein können. Es ist mehr als Sparsamkeit, wenn sich Leute von Millionen, auch nicht gern einen Heller wollen entwenden lassen. Und dennoch ist er hier zu entschuldigen. Sie dürfen nehmlich nur annehmen, dass er nicht gegen den philosophischen Bayle, sondern gegen den kritischen Bayle so eigennützig genau gewesen ist. Gegen den kritischen Bayle, sage ich, welcher nicht selten aus kleinern historischen Unrichtigkeiten Verbrechen gemacht hat – – Doch ich eile zum Beweise, den Sie mir im Namen aller Leibnitzianer aufgelegt haben. Nur lassen Sie uns vor allen Dingen zusehen, ob wir, was den Verstand dieser Meinung betritt, mit einander einig sind. Was verstehen Sie unter der vorherbestimmten Harmonie?
Vorlage S. 3
15
PHILOPON: Nichts anders, als was, meines Erachtens, Leibnitz selbst darunter verstanden hat. Eine Lehrmeinung, nach welcher alles was in unserer Seele vorgehet, auf Veranlassung des Körpers, durch ihre eigene ursprüngliche Kraft, und nicht durch die Wirckung einer andern Substanz, in ihr entstehet; gleichwie alles was in unserm Körper vorgehet, durch keine andere, als körperliche mechanische Kräfte, auf Veranlassung der Seele, in ihm hervorgebracht wird. Fraget man also einen Leibnitzianer wodurch Leib und Seel miteinander vereiniget sind? so antwortet er: Gott habe, von Ewigkeit her, zwischen ihnen eine solche Harmonie angeordnet, dass auf gewisse Vorstellungen in der Seele, gewisse Bewegungen in dem Körper erfolgen, die ihren zureichenden Grund in beiden zugleich haben; nehmlich den Grund, wodurch sie entstehen, in den mechanischen Kräften des Körpers; den Grund aber warum oder zu welchem Ende sie entstehen, in dem Zustande unserer Seele. Hingegen erfolgen wiederum auf gewisse Bewegungen in unserm Körper gewisse damit harmonirende Vorstellungen in unserer Seele, die den Grund wodurch sie entstehen in der ursprünglichen Kraft unserer Seele und in ihrem vorhergehenden Zustande, den Grund aber, warum sie entstehen, in den Bewegungen unsers Körpers haben. Das Leibnitzische Gleichnis von zwei Uhren ist bekannt.
Vorlage S. 3
16
NEOPHIL: Sie haben diese Meinung vollkommen begriffen. Ja ich sehe, dass Sie über alle Einwürfe hinweg sind, die Bayle wider sie vorgebracht hat. Bayle, der sie nach meinem Urteile, unter allen ihren Gegnern, die sich nach der Zeit wider sie aufgelehnt haben, am besten begriffen, und selbst nach dem Geständnisse des Herrn von Leibnitz, von der rechten Seite angefochten hat.
Vorlage S. 4
17
PHILOPON: Ehe wir aber weiter gehen, bitte ich mir folgende Erklärung aus. Hat es Ihnen nicht geschienen, als wenn Leibnitz, in Ansehung dieser Meinung, mit sich selbst nicht einig gewesen wäre? Zum Exempel, in seiner Monadologie trägt er sie gantz anders vor, als in dem Tagebuche der Gelehrten, wo er sie der Welt zum erstenmale bekannt gemacht hat. Ja ich glaube, er hätte Baylens Einwürfen weit stärckere Gründe entgegen setzen können, wenn er sein eigenes System beständig vor Augen gehabt hätte.
Vorlage S. 4
18
NEOPHIL: Leibnitz hat seine Meinung nur unter verschiedenen Gestalten vorgetragen, so wie es jedesmal seine Absicht erforderte. In der Monadologie zeigt er sie als eine Folge aus seinem System von den Monaden. Hier ist es, wo sie in ihrem völligen Lichte strahlet. Hansch hat dieses sehr wohl auseinander gesetzt[2]. Was hat sie aber von dieser Seite für Gegner finden können? Keine, ohne Zweifel, als die, welche ihre Waffen gegen die Grundfeste derselben, ich meine gegen die Monaden selbst, gerichtet haben. Sobald man diese in dem Verstande, in welchem sie Leibnitz genommen hat, zugiebt; sobald haben die Vertheidiger der Harmonie gewonnen Spiel. – – Nun können Sie aber leicht glauben, dass unserm Weltweisen das Vorurtheil nicht werde unbekannt gewesen sein, nach welchem man diejenige Wahrheit nur halb für Wahrheit hält, zu welcher man bloß auf einem Wege gelangen kann, oder welche bloß in eine Kette passt. Was war daher natürlicher, als dass er sie auch ausser seinem System gültig zu machen suchte? Dieses unternahm er in dem Tagebuche der Gelehrten. Und hier sehen Sie wohl, konnte er sich wider Baylen nur derjenigen Waffen bedienen, die ihm die gemeine Philosophie an die Hand gab. Die Vorstellungskraft, die er den Monaden beylegte, aus welcher die Ausdehnung der Körper so wohl als ihre Bewegungskraft entspringt, konnte ihm wider diesen Gegner zu nichts helfen, ob sie schon in dem Zusammenhange seines Lehrgebäudes den Grund abgiebt, daraus die vorherbestimmte Harmonie als eine richtige Folge fließt.
Vorlage S. 5
Moses Mendelssohn – historisches Bildnis
Kontextbild zum Werk. Moses Mendelssohn – historisches Bildnis — Historische Darstellung von Moses Mendelssohn. Bild zur Autorschaft; keine Illustration einer bestimmten Textszene. · After Anton Graff · Public domain Bildquelle ↗
19
PHILOPON: Diese Anmerkung finde ich gegründet, und nunmehr begreife ich auch, warum Wolf die vorherbestimmte Harmonie nur so angenommen hat, wie sie von Leibnitzen wider Baylen ist verteidigt worden[3]. Denn da er sich nicht zu bestimmen getraute, worinn die Kraft der einfachen Dinge eigentlich bestehe: so konnte er es auch nicht für ausgemacht halten, ob alle einfache Dinge Vorstellungen hätten, und ob sich daraus ihre Ausdehnung und Bewegungskräfte erklären liessen.
Vorlage S. 5
20
NEOPHIL: Sie haben vollkommen recht, und können hieraus sehen, mit wie vieler Scharfsinnigkeit man einen systematischen Schriftsteller beurtheilen muss, ehe man ihm Vorwürfe machen, oder gar seine Gründe widerlegen kann.
Vorlage S. 6
21
PHILOPON: Gut! Und also wären wir, was den Verstand dieser Lehre betritt, vollkommen einig – – Werden wir es auch in dem übrigen sein? – Meine Neugierde ist so stark, dass sie mir endlich zur Last fällt, wenn ich nun nicht bald denjenigen erfahre, der vor Leibnitzen in diesem Puncte ein Leibnitzianer gewesen ist.
Vorlage S. 6
22
NEOPHIL: Ich werde Ihnen Anfangs nur die Worte dieses Weltweisen anführen, ohne seinen Namen zu nennen. Das Werk daraus sie genommen sind, ist im Jahre 1677. Und folglich 18. Jahr eher gedruckt, als Leibnitz seine Hypothes der gelehrten Welt bekannt machte. Hören Sie nunmehr eine Stelle, die ich mir zu wohl gemerkt habe, als dass ich sie nicht gleich aus dem Gedächtnisse sollte übersetzen können. »Der Körper kann die Seele nicht zum Denken und die Seele den Körper weder zur Bewegung noch zur Ruhe oder zu sonst etwas (wenn noch etwas möglich ist) bestimmen – –« Und in der Anmerkung setzt der Verfasser hinzu – – »Wo ich dieses nicht durch die Erfahrung bestätige; so glaube ich schwerlich, jemanden bereden zu können, dass er meine Gründe ohne Vorurtheil überlege. So sehr glauben die Menschen überzeugt zu sein, dass der Körper, nach dem Winke der Seele und durch ihre Wirkung, bald in Bewegung und bald in Ruhe gesetzt werde. Allein es hat noch niemand bestimmt was der Körper vermag, das heißt: es ist noch niemand durch die Erfahrung inne worden, wozu der Körper, vermöge der Gesetze der Bewegung, in so weit sie als körperlich betrachtet werden, aufgelegt sei, und wozu er von der Seele bestimmt werden müsse. Niemand kennet die innerliche Structur des Körpers so gut, dass er alle Fähigkeiten desselben begreifen könnte. Ja bey den Thieren bemerkt man Dinge, die alle menschliche Scharfsinnigkeit übertreffen. Die Nachtwanderer tun vieles im Schlafe, was sie im Wachen zu tun, sich nicht unterstanden haben würden; woraus deutlich zu ersehen ist, dass der Körper nach den Gesetzen der Bewegung vieles vermag, was die Seele nachher selbst bewundert.«
Vorlage S. 6
23
PHILOPON: Wo ich nicht irre; so glaube ich an diesen Worten Spinosen zu erkennen.
Vorlage S. 7
24
NEOPHIL: Sie irren nicht, liebster Freund! Es ist der 2te Lehrsatz in dem 3ten Theile seiner Sittenlehre, und der unmittelbar darauf folgende lautet also: »Die Wirkungen der Seele entspringen aus ausführlichen, (ideis adaequatis) und die Leidenschafften aus unausführlichen Begriffen.« Er beweiset diesen Satz dadurch, weil das Wesen der Seele in ihren Gedancken bestehet. Alle Gedancken hingegen sind aus ausführlichen und unausführlichen Begriffen zusammen gesetzt Was nun aus der Natur der Seele folget, das heißt, was die Seele zur nächsten Ursache hat, daraus es sich erklären lässt; muss entweder aus einem, ausführlichen oder aus einem unausführlichen Begriffe folgen. Da er aber in dem 3ten Theile seiner Sittenlehre erwiesen, dass aus unausführlichen Begriffen nichts als Leidenschaften entstehen können: so schließt er hieraus; dass die Wirkungen der Seele aus ihren ausführlichen Begriffen entspringen müssen.
Vorlage S. 7
25
PHILOPON: Ich sehe hier noch nichts, was das Wesentliche der Leibnitzischen Harmonie verrathen sollte. Wenn Spinosa gleich behauptet, dass Seele und Körper nicht wechselsweise in einander wirken; so kann er vielleicht dem System der veranlassenden Ursachen zugethan gewesen sein.
Vorlage S. 7
26
NEOPHIL: Unmöglich! Nichts kann Spinosens Weltweisheit mehr zuwider laufen, als das System der veranlassenden Ursachen. Die Vertheidiger dieser Meinung müssen notwendig dem Wesen, durch dessen Vermittelung Leib und Seele mit einander verknüpft sind, einen freien Willen zugestehen; und wie konnte Spinosa hierein willigen? Er der Verstand und Willen für einerley hielt? Sie sehen auch, dass er ausdrücklich behauptet, es liessen sich alle Veränderungen, die in dem Körper vorgehen, aus blossen mechanischen Gründen, oder mit ihm zu reden, aus den Gesetzen der körperlichen Natur begreifen: eine Meinung, mit welcher die Verfechter der veranlassenden Ursachen unmöglich zufrieden sein können. Ja Spinosa bedient sich so gar aller Ausflüchte der Leibnitzianer. Er beruft sich, wie sie, auf die Unwissenheit, darinn wir von der innerlichen Structur unsers Körpers stecken, und endlich darauf, dass noch niemand die Unmöglichkeit einer solchen Maschine gezeigt, die mechanischer Weise alle Verrichtungen hervorbringen könnte, zu welchen dieser oder jener eintzelner Körper bestimmt ist.
Vorlage S. 7
27
PHILOPON: Allein durfte Spinosa seine Zuflucht, so wie Leibnitz, zu der Weisheit Gottes nehmen? Sie wissen, wie sehr der letzte sich auf diese göttliche Eigenschaft beruft, die Spinosen zu nichts helfen konnte.
Vorlage S. 8
28
NEOPHIL: Ich habe Ihnen gleich Anfangs gesagt: Leibnitz hat diese Hypothes in sein System gebracht; das heißt, er hat sich aller Vorteile dabei bedient, die ihm sein Lehrgebäude darbot.
Vorlage S. 8
29
PHILOPON: Gesetzt nun. Ich müsste Ihnen zugeben, Spinosa habe das System der veranlassenden Ursache nicht annehmen können; so hat er sich doch nur von der einen Seite zu der Harmonie bekannt, nehmlich was die Veränderung des Körpers und die Art ihrer Folge auf einander betritt. Er hat hingegen, wie ich glaube, von allem, was die Seele und die Folge ihrer Gedanken anbelangt, ein vollkommenes Stillschweigen beobachtet. Und wer weis, was für eine ungereimte Erklärung er aus seinem widersinnigen System würde erzwungen haben, wenn er auf diese Frage hätte antworten sollen.
Vorlage S. 8
30
NEOPHIL: Spinosens Meinungen sind nach dem Geständnisse aller Welt sehr ungereimt. Eigentlich aber sind sie es nur in so weit, als er sie auf diese ausser uns sichtbare Welt hat anwenden wollen. In Betrachtung derjenigen Welt hingegen, die, mit Leibnitzen zu reden, vor dem Rathschlusse Gottes, (antecedenter ad decretum) als ein möglicher Zusammenhang verschiedener Dinge, in seinem Verstande existirt hat; kann vieles von Spinosens Meinungen mit der wahren Weltweisheit, ja sogar mit der Religion bestehen. Doch hiervon ein andermal. Ich begnüge mich vor jetzo ihnen zu zeigen, was Spinosa von der Folge unserer Gedanken auf einander behauptet hat. In dem siebenden Lehrsatze des zweiten Theils seiner Sittenlehre sagt er: »Die Ordnung und die Verknüpfung der Begriffe ist mit der Ordnung und der Verknüpfung der Dinge einerley.« Erinnern sie sich nunmehr, was Leibnitz zu seiner Vertheidigung wider Baylen vorbringt, wenn ihm dieser den Einwurf macht, dass es, ohne die Wirkung einer andern Substanz auf die Seele, unbegreiflich wäre, wie sie öfters unmittelbar von Lust zur Unlust und von Traurigkeit zur Freude übergehen könne? Gab er nicht auch vor, dass sich die Veränderungen in der Seele durch eben den Grund erklären liessen, durch welchen die Veränderungen in der sichtbaren Welt begriffen werden können? dass alles in der Seele eben so auf einander folge, wie es in dem Zusammenhange der Dinge auf einander folget? Was heißt dieses anders, als was Spinosa in den angeführten Worten sagt: »Die Ordnung und die Verknüpfung der Begriffe ist mit der Ordnung und der Verknüpfung der Dinge einerley?«
Vorlage S. 8
31
PHILOPON: Wie wunderbar ist es mit dem menschlichen Verstande beschaffen! Spinosa geräth durch irrige und abgeschmackte Grundsätze fast auf eben die Meinung, auf welche Leibnitzen die richtigsten und gesundesten Begriffe von Gott und der Welt geleitet haben – – Allein nunmehr sagen Sie mir auch, was soll man von einer Meinung halten, die sich aus entgegen gesetzten Grundsätzen mit gleicher Richtigkeit schliessen lässt?
Vorlage S. 9
32
NEOPHIL: Ich habe ihnen schon gesagt, die meisten Lehrsätze des Spinosa sind weniger falsch, als unvollständig. Er irrete; denn er begnügte sich, so zu sagen, mit der einen Hälfte der Weltweisheit, die doch ohne die andere Hälfte nicht bestehen kann. Was Wunder also, dass er vermittelst der richtigen Grundsätze, die in seinem System enthalten sind, viele andere Wahrheiten entdecken und in die Folge seiner Schlüsse einflechten konnte? Wer sie genauer besiehet, der merket gleichwohl, dass sie mit dem Ungereimten, welches in seinem Lehrgebäude anzutreffen ist, gar nicht zusammenhängen.
Vorlage S. 9
33
PHILOPON: Wissen Sie, dass Sie mich nunmehr in eine ziemliche Verlegenheit wegen der Aufrichtigkeit unsers Leibnitz gesetzt haben? Wie hat er zugeben können, dass ihm die gelehrte Welt zu dieser Entdeckung Gluck wünschte, da er doch wusste, dass sie ihm nicht allein zugehörte.
Vorlage S. 10
34
NEOPHIL: So unanständig dieses Verfahren einem Weltweisen, als Leibnitz war, bey allen andern Gelegenheiten gewesen wäre; so glaube ich gleichwohl, dass er in diesem Falle zu entschuldigen sei. Wir würden noch weit in die Nacht hineinplaudern müssen, wann ich mich umständlich darüber erklären sollte. Genug, dass es Leute giebt, welche auch die Wahrheiten nach einer gewissen Genealogie beurtheilen. Eine Lehre zu verwerfen, brauchen sie nur zu wissen, dass sie bey dem oder jenem Schriftsteller in einer schlechten Verwandschaft mit andern Lehren gestanden habe. Sie können sich nicht einbilden, dass man sie herausreissen, und von alle dem Gifte saubern könne, welches durch Ansteckung derjenigen Irrthümer in sie gekommen, die mit ihr ein Ganzes ausgemacht. – – Sagen Sie mir, würden diese Leute, wenn es Leibnitz frei gestanden, dass er das Wesentliche seiner Harmonie von dem Spinosa entlehne, würden diese Leute, nicht schon in dem Namen Spinosa, die Widerlegung derselben zu finden, geglaubt haben? Ganz gewiss; ja sie würden nicht ermangelt haben, die Einfalt zu erinnern, dass man sich hüten müsse, auch den geringsten Hausrath eines Menschen, der von der Pest dahin gerissen worden, zu brauchen. Und dass solche Gleichnisse Eindruck machen, wusste Leibnitz; er, der nicht allein der größte, sondern auch der behutsamste Philosoph war. – – Doch später darf ich Ihnen nicht beschwerlich fallen. Sie wissen, wie unentbehrlich es unserer denkenden Monade ist, sich von Zeit zu Zeit einige Grade herunter zu setzen, um in den Zustand der schlafenden Monade zurück zu kehren. – – Metaphysischer kann ich Ihnen nicht rathen, gute Nacht zu nehmen.
Vorlage S. 10

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich sehe wohl, man muss mit …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Ich dächte, ein Name sei keine […] Erfindung.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Es ist der 2te Lehrsatz in dem 3ten Theile seiner Sittenlehre, und der unmittelbar darauf folgende lautet also: »Die Wirkungen der Seele entspringen aus ausführlichen, (ideis adaequatis) und die Leidenschafften aus unausführlichen Begriffen.« Er beweiset diesen Satz dadurch, weil das Wesen der Seele in ihren Gedancken bestehet.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Und hier sehen Sie wohl, konnte er sich wider Baylen nur derjenigen Waffen bedienen, die ihm die gemeine […] an die Hand gab.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Sie wissen, wie sehr der letzte sich auf diese göttliche Eigenschaft beruft, die Spinosen zu nichts helfen konnte.« B: »Es wäre nicht das erstemal, dass ich aus ihren kleinen Uebereilungen etwas gelernet hätte.« C: »NEOPHIL: Leibnitz hat seine Meinung nur unter verschiedenen Gestalten vorgetragen, so wie es jedesmal seine Absicht erforderte.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Die Vertheidiger dieser Meinung müssen notwendig dem Wesen, durch dessen Vermittelung Leib …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sie wissen, wie sehr der letzte sich auf diese göttliche […] beruft, die Spinosen zu nichts helfen konnte.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Gab er nicht auch vor, dass sich die Veränderungen in der Seele …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

10. Was bedeutet »behutsam« in diesem Ausschnitt? »Ich sehe wohl, man muss mit Leuten von Ihrer Scharfsinnigkeit sehr behutsam sein.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Es wäre nicht das erstemal, dass ich aus ihren kleinen Uebereilungen etwas gelernet hätte.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
Textstelle nachlesen ↗

2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Es wäre nicht das erstemal, dass ich aus ihren kleinen Uebereilungen etwas gelernet hätte.« und »Ganz gewiss; ja sie würden nicht ermangelt haben, die Einfalt zu erinnern, dass man sich hüten müsse, auch den geringsten Hausrath eines Menschen, der von der Pest dahin gerissen worden, zu brauchen.«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »NEOPHIL: Sie haben vollkommen recht, und können hieraus sehen, mit wie vieler Scharfsinnigkeit man einen systematischen Schriftsteller beurtheilen muss, ehe man ihm Vorwürfe machen, oder gar seine Gründe widerlegen kann.«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
Textstelle nachlesen ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »PHILOPON: Und so hätte Leibnitz die vorherbestimmte Harmonie nicht erfunden?«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Und also wären wir, was den Verstand dieser Lehre betritt, vollkommen einig – – Werden wir es auch in dem übrigen sein? – Meine Neugierde ist so stark, dass sie mir endlich zur Last fällt, wenn ich nun nicht bald denjenigen erfahre, der vor Leibnitzen in diesem Puncte ein Leibnitzianer gewesen ist.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Sie wissen, wie unentbehrlich es unserer denkenden Monade ist, sich von Zeit zu Zeit einige Grade herunter zu setzen, um in den Zustand der schlafenden Monade zurück zu kehren. – – Metaphysischer kann ich Ihnen nicht rathen, gute Nacht zu nehmen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Philosophische Gespräche – DTA DiBiPhil

Deutsches Textarchiv, BBAW, DiBiPhil-Korpus; Kuration Matthias Boenig, Susanne Haaf, Marius Hug und DTA-Team; ursprüngliche Digitalisierung Editura/Digitale Bibliothek. Historische Quellausgabe: Moses Mendelssohn. Gesammelte Schriften. Jubiläumsausgabe. In Gemeinschaft mit F. Bamberger, H. Borodianski, S. Rawidowicz, B. Strauss, L. Strauss herausgegeben von I. Elbogen, J. Guttmann, E. Mittwoch. Fortgesetzt von Alexander Altmann, Berlin: Akademie-Verlag, 1929 ff. [ab 1974: Stuttgart – Bad Cannstatt: Friedrich Frommann Verlag (Günther Holzboog)].

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY-SA 4.0 Lizenz

Originalsprache · Deutsch

Unveränderte deutsche Quellfassung; die andere Spalte bietet eine gesonderte Lesefassung. Beide Ansichten gehören zu demselben Werk.

Deutsches Textarchiv, BBAW, DiBiPhil-Korpus; Kuration Matthias Boenig, Susanne Haaf, Marius Hug und DTA-Team; ursprüngliche Digitalisierung Editura/Digitale Bibliothek. Historische Quellausgabe: Moses Mendelssohn. Gesammelte Schriften. Jubiläumsausgabe. In Gemeinschaft mit F. Bamberger, H. Borodianski, S. Rawidowicz, B. Strauss, L. Strauss herausgegeben von I. Elbogen, J. Guttmann, E. Mittwoch. Fortgesetzt von Alexander Altmann, Berlin: Akademie-Verlag, 1929 ff. [ab 1974: Stuttgart – Bad Cannstatt: Friedrich Frommann Verlag (Günther Holzboog)].

Autorschaft und Ausgabe: Moses Mendelssohn

Originaltext und Ausgabe ↗ · Deutsches Textarchiv · BBAW · DiBiPhil · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.