YOUR FACE

YOUR FACE
YOUR FACE
aiMOOC zu Bill Plymptons Animationskurzfilm für die Klassen 7–10
In diesem aiMOOC untersuchst Du, wie der Animationsfilm YOUR FACE ein scheinbar gewöhnliches Porträt in eine Folge fantastischer, grotesker und ironischer Verwandlungen überführt. Im Mittelpunkt steht ein singender Mann, dessen Gesicht während seines Liedes ständig seine Form verändert. Du lernst, die Verformungen genau zu beschreiben, ihre Wirkung zu deuten und zu erklären, warum gerade Animation die Grenzen eines gewöhnlichen Porträts spielerisch aufheben kann.
Du beschäftigst Dich dabei besonders mit den Begriffen Groteske, Metamorphose, Fantasie, Ironie, Bild-Ton-Beziehung und Filmanalyse. Wichtig ist: Eine Deutung ist dann überzeugend, wenn Du sie mit konkreten Beobachtungen aus dem Film belegst.
Einleitung
YOUR FACE ist ein US-amerikanischer handgezeichneter Animationskurzfilm von Bill Plympton aus dem Jahr 1987. Der Film dauert nur etwa drei Minuten, entwickelt in dieser kurzen Zeit aber eine ungewöhnlich dichte Folge visueller Verwandlungen. Ein Mann sitzt im Anzug auf einem Stuhl und singt ein gefühlvolles Lied über ein Gesicht. Während die musikalische Darbietung ruhig weiterläuft, beginnt sein eigenes Gesicht, sich immer stärker zu verändern: Es dehnt sich, zerlegt sich, wird neu zusammengesetzt, vervielfältigt sich und nimmt unmögliche Formen an.
Die Grundsituation erinnert zunächst an ein klassisches Porträt: Eine einzelne Person befindet sich im Zentrum des Bildes, der Hintergrund lenkt kaum ab, und das Gesicht ist der wichtigste Blickfang. Doch genau diese Stabilität wird Schritt für Schritt zerstört. Das Gesicht bleibt nicht länger ein festes Merkmal einer Person, sondern wird zu einem beweglichen Material, mit dem die Animation spielt.
Der Film eignet sich deshalb besonders gut, um eine grundlegende Frage der Filmkunst zu untersuchen: Was kann ein gezeichnetes Bild tun, was ein gewöhnliches Porträt nicht kann?
Arbeitsauftrag für die erste Sichtung: Sieh den Film zunächst einmal vollständig an, ohne sofort jede Verformung erklären zu wollen. Notiere anschließend drei Veränderungen des Gesichts, einen Moment, den Du komisch findest, und einen Moment, den Du eher seltsam oder unheimlich findest.
Filmsteckbrief
| Merkmal | Information |
|---|---|
| Titel | YOUR FACE |
| Regie | Bill Plympton |
| Erscheinungsjahr | 1987 |
| Produktionsland | USA |
| Form | Animierter Kurzfilm |
| Dauer | etwa drei Minuten |
| Musik und Gesang | Maureen McElheron |
| Animation | Bill Plympton |
| Besonderheit | Groteske Metamorphosen eines singenden Männergesichts |
| Auszeichnungskontext | Nominierung bei den 60. Academy Awards als bester animierter Kurzfilm |
Regie: Bill Plympton
Bill Plympton ist ein US-amerikanischer Illustrator, Cartoonist, Animator und Regisseur. Er ist besonders für einen stark zeichnerischen Animationsstil bekannt, bei dem Verformung, Übertreibung, Bewegung und schwarzer Humor eine wichtige Rolle spielen. YOUR FACE gehört zu den Werken, mit denen sein charakteristischer Animationsstil international bekannt wurde.

Das Foto zeigt Bill Plympton viele Jahre nach der Entstehung von YOUR FACE. Für die Filmanalyse ist wichtig, zwischen der Person des Regisseurs und der Wirkung des Films zu unterscheiden. Du kannst Aussagen über Bildgestaltung, Bewegung und Ironie direkt am Film belegen. Aussagen über Plymptons persönliche Absichten solltest Du dagegen nur dann machen, wenn dafür eine verlässliche Quelle vorliegt.
Handlung: Vom Porträt zur Metamorphose
Die Handlung ist sehr einfach aufgebaut. Ein elegant gekleideter Sänger sitzt im Bild und trägt ein ruhiges, gefühlvolles Lied vor. Seine Körperhaltung verändert sich zunächst kaum. Dadurch konzentriert sich Deine Aufmerksamkeit auf sein Gesicht.
Genau dort beginnt das Unmögliche. Der Kopf verhält sich nicht mehr wie ein menschlicher Körper. Formen werden elastisch, Teile lösen sich voneinander, der Kopf kann sich aufspalten, vervielfachen oder in neue räumliche Formen übergehen. Trotz dieser Veränderungen bleibt der Sänger lange genug erkennbar, dass Du die Verwandlungen als Veränderungen derselben Figur wahrnimmst.
Am Ende greift die Fantasie sogar auf den Raum über: Der Boden wird selbst zu einem Mund und verschlingt den Sänger samt Stuhl. Damit verliert nicht nur das Gesicht seine gewöhnlichen Grenzen. Auch die Grenze zwischen Figur und Umgebung wird aufgehoben.
Beobachtung und Deutung trennen
Eine gute Filmanalyse beginnt mit genauer Beobachtung. Besonders bei einem so ungewöhnlichen Film ist es leicht, sofort zu sagen: „Das ist verrückt“, „Das ist lustig“ oder „Das ist gruselig“. Solche Wirkungen können stimmen, reichen aber als Analyse noch nicht aus.
| Schritt | Leitfrage | Beispiel |
|---|---|---|
| Beobachten | Was ist tatsächlich zu sehen oder zu hören? | Das Gesicht wird auseinandergezogen und anschließend wieder neu geformt. |
| Benennen | Welches filmische oder gestalterische Mittel erkennst Du? | Verformung, Metamorphose, Wiederholung, Bild-Ton-Kontrast. |
| Wirkung beschreiben | Was löst das Mittel bei Dir aus? | Die Veränderung wirkt komisch, überraschend oder irritierend. |
| Deuten | Welche Bedeutung könnte daraus entstehen? | Die scheinbar feste Identität eines Porträts wird als veränderbar dargestellt. |
| Belegen | Welche konkrete Stelle stützt Deine Deutung? | Die Figur bleibt dieselbe, obwohl ihr Gesicht immer neue Formen annimmt. |
Eine starke Analyse trennt also möglichst sauber zwischen „Ich sehe …“ und „Ich deute das als …“.
Das gewöhnliche Porträt als Ausgangspunkt
Ein Porträt versucht normalerweise, eine Person oder zumindest deren Gesicht wiedererkennbar darzustellen. Selbst ein stark stilisiertes Porträt arbeitet meist mit einigen stabilen Merkmalen: Augen, Nase, Mund, Kopfkontur und Proportionen bleiben so geordnet, dass eine Person als zusammenhängende Gestalt erscheint.

Die historische Zeichnung zeigt verschiedene Gesichtsausdrücke. Obwohl Mimik und Stimmung wechseln, bleibt die grundlegende Form des Kopfes erhalten. Genau dieser Unterschied hilft Dir beim Verständnis von YOUR FACE: Dort verändert sich nicht nur der Ausdruck eines Gesichts, sondern das Gesicht selbst wird zu einem beweglichen, formbaren Objekt.
Welche Grenzen hat ein gewöhnliches Porträt?
Ein unbewegtes Porträt ist an einen einzelnen Bildzustand gebunden. Es kann Bewegung andeuten, aber nicht wirklich vor Deinen Augen von einer Form in eine andere übergehen. Außerdem erwartet man bei einem Porträt meist eine gewisse anatomische Ordnung. Selbst eine Karikatur übertreibt Merkmale häufig so, dass die Person noch erkennbar bleibt.
YOUR FACE beginnt mit dieser Erwartung und unterläuft sie anschließend. Das Gesicht wird nicht nur dargestellt, sondern ereignet sich in der Zeit. Es ist nicht länger ein festes Bild, sondern ein Prozess.
Damit verändert sich die Funktion des Porträts:
| Gewöhnliche Porträterwartung | Aufhebung in YOUR FACE | Mögliche Wirkung |
|---|---|---|
| Das Gesicht besitzt eine stabile Form. | Die Form verändert sich ständig. | Identität wirkt beweglich und unsicher. |
| Körperteile bleiben anatomisch verbunden. | Teile können sich lösen, verdrehen oder neu zusammensetzen. | Der Körper erscheint wie formbares Zeichenmaterial. |
| Die Person bleibt innerhalb ihrer körperlichen Grenzen. | Gesicht und Kopf überschreiten ihre normalen Grenzen. | Fantasie ersetzt physikalische Regeln. |
| Der Hintergrund bleibt Hintergrund. | Am Ende wird der Boden selbst zu einem handelnden Mund. | Die gesamte Bildwelt scheint lebendig zu werden. |
| Das Porträt hält einen Moment fest. | Die Animation verwandelt das Porträt fortlaufend. | Das Porträt wird zum Ereignis. |
Das Gesicht als Material
Im Alltag behandeln wir ein Gesicht als wichtigen Teil einer Person und ihrer Identität. In YOUR FACE wird das Gesicht zusätzlich zu etwas anderem: zu zeichnerischem Material. Linien, Flächen und Formen können gedehnt, gestaucht, geteilt, vervielfältigt und neu verbunden werden.
Das ist ein zentraler Unterschied zwischen einem realistischen Körperbild und einer gezeichneten Animation. Die Zeichnung muss nicht gehorchen, weil Knochen, Haut oder Schwerkraft es verlangen. Sie gehorcht den Regeln, die der Animator Bild für Bild erzeugt.
Groteske Verformungen
Der Begriff Groteske bezeichnet in Kunst und Literatur häufig eine Verbindung von Übertreibung, Verzerrung, Komik, Fremdheit und manchmal auch Unheimlichkeit. Grotesk bedeutet deshalb nicht einfach „hässlich“ oder „eklig“. Etwas Groteskes kann gleichzeitig komisch und verstörend wirken.
In YOUR FACE entsteht diese Wirkung vor allem dadurch, dass ein vertrautes menschliches Gesicht Dinge tut, die ein reales Gesicht niemals tun könnte. Der Kopf kann sich verformen, ohne dass die Figur im realistischen Sinn verletzt erscheint. Gerade dieser Widerspruch erzeugt eine besondere Mischung aus Körperkomik und Irritation.
Die Verformungen lassen sich in verschiedene Typen einteilen:
- Dehnung und Stauchung: Gesicht und Kopf verlieren ihre normalen Proportionen und werden elastisch.
- Zerlegung und Neuordnung: Teile des Kopfes können getrennt und anschließend anders zusammengesetzt werden.
- Vervielfältigung: Aus einem Gesicht können weitere Formen oder zusätzliche Köpfe hervorgehen.
- Formwechsel: Der Kopf nähert sich geometrischen oder gegenständlichen Formen an, statt menschliche Anatomie zu bewahren.
- Grenzüberschreitung: Am Ende wird sogar die Umgebung selbst körperlich und verschlingt die Figur.
Komisch, unheimlich oder beides?
Die Wirkung der Verformungen ist nicht für alle Zuschauerinnen und Zuschauer gleich. Manche Veränderungen können wie ein visueller Witz wirken. Andere erinnern an Kontrollverlust, Zerfall oder körperliche Bedrohung. Gerade weil die Animation die Verformungen ohne realistische Verletzungsfolgen zeigt, entsteht ein Zwischenbereich: Du erkennst etwas Körperliches, weißt aber gleichzeitig, dass Du eine Zeichnung siehst.
Diese Doppelheit ist für die Groteske typisch. Das Vertraute bleibt sichtbar, wird aber so stark verändert, dass es fremd erscheint.
Eine mögliche Deutung lautet daher: Der Film macht aus dem vertrautesten Erkennungsmerkmal eines Menschen – dem Gesicht – eine Bühne für das Unmögliche.
Eskalation der Verwandlungen
Die Verformungen wirken besonders stark, weil sie nicht bei einer einzigen Idee bleiben. Der Film steigert das Prinzip immer weiter. Nach jeder Veränderung ist eine neue möglich. Dadurch entsteht eine Erwartung: Du weißt bald, dass wieder etwas passieren wird, aber Du weißt nicht, was.
Diese Struktur nennt man Eskalation. Ein Witz oder ein gestalterisches Prinzip wird wiederholt und dabei gesteigert. Die Wiederholung gibt Orientierung, die Variation erzeugt Überraschung.
Fantasie im Zeichentrick
Fantasie bedeutet in YOUR FACE nicht einfach, dass „irgendetwas Verrücktes“ passiert. Fantasie zeigt sich vielmehr darin, dass die Zeichnung neue Regeln für Körper, Raum und Bewegung erfinden kann.
Ein handgezeichnetes Bild muss nicht erst einen realen Vorgang filmen. Der Animator kann jede einzelne Phase einer Bewegung entwerfen. Wenn zwischen zwei Zeichnungen ein Kopf seine Form verändert, entsteht beim Abspielen die Wahrnehmung einer fließenden Metamorphose.

Ein Daumenkino veranschaulicht dieses Grundprinzip: Einzelne Bilder unterscheiden sich nur leicht voneinander. Werden sie schnell nacheinander gesehen, nimmt das Auge Bewegung wahr. In einem Animationsfilm kann dieses Prinzip viel komplexer eingesetzt werden.
Metamorphose als Animationsprinzip
Eine Metamorphose ist eine Verwandlung von einer Form in eine andere. In der Animation ist sie besonders wirkungsvoll, weil nicht nur Anfangs- und Endform gezeigt werden müssen. Auch die Zwischenstufen können gestaltet werden.

Das Bild zeigt ein sogenanntes Zwischenbild einer 2D-Animation. Solche Zwischenstufen tragen dazu bei, dass eine Bewegung als zusammenhängend erscheint. Bei einer Metamorphose können sie außerdem dafür sorgen, dass eine eigentlich unmögliche Veränderung visuell glaubwürdig fließt.
In YOUR FACE entsteht dadurch ein bemerkenswerter Effekt: Die Formen sind unrealistisch, aber die Bewegung kann trotzdem überzeugend wirken. Du glaubst nicht, dass ein echter menschlicher Kopf sich so verhalten könnte. Du akzeptierst aber innerhalb der Animation, dass eine gezeichnete Form in die nächste übergeht.
Fantasie ist nicht Beliebigkeit
Auch eine sehr freie Animation braucht Zusammenhalt. In YOUR FACE entstehen die Verwandlungen nicht in einem völlig chaotischen Film. Mehrere Elemente bleiben relativ stabil:
- Der Sänger bleibt lange das Zentrum des Bildes.
- Das Lied läuft als zeitliche Klammer weiter.
- Das Gesicht bleibt Ausgangspunkt der meisten Verwandlungen.
- Viele Veränderungen führen wieder zu einer erkennbaren Kopf- oder Gesichtsform zurück.
- Die Steigerung der Verformungen erzeugt eine nachvollziehbare Dramaturgie.
Gerade diese Mischung aus Stabilität und Veränderung macht die Fantasie wirksam. Wenn alles ständig völlig unverbunden wäre, gäbe es kaum eine Erwartung, die der Film überraschen könnte.
Ironie: Wenn Ton und Bild gegeneinander arbeiten
Ironie entsteht häufig dadurch, dass zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten, zwischen Erwartung und Ergebnis oder zwischen zwei Darstellungsebenen ein auffälliger Widerspruch besteht. Ironie ist nicht dasselbe wie Sarkasmus. Sie muss niemanden verspotten. Sie kann auch aus einer überraschenden Gegenüberstellung entstehen.
In YOUR FACE liegt eine besonders deutliche Form der audiovisuellen Ironie vor. Der Sänger trägt ein gefühlvolles Lied über die Schönheit eines Gesichts vor. Gleichzeitig wird sein eigenes Gesicht auf groteske Weise deformiert.
Der Ton vermittelt also Ruhe, Gefühl und melodische Geschlossenheit, während das Bild ständig die körperliche Ordnung zerstört. Genau dieser Gegensatz erzeugt Humor.
| Ebene | Eindruck | Ironische Spannung |
|---|---|---|
| Gesang | gefühlvoll, ruhig, liedhaft | Ein Lied über Schönheit begleitet extreme Verformung. |
| Körperhaltung | relativ ruhig und präsentierend | Das Gesicht verhält sich gleichzeitig völlig unkontrollierbar. |
| Bildaufbau | zunächst wie ein einfaches Porträt | Das Porträt zerfällt in immer neue Formen. |
| Wiedererkennbarkeit | dieselbe Figur bleibt Bezugspunkt | Ihre äußere Form ist dennoch nie sicher. |
| Schluss | die Darbietung scheint abgeschlossen | Der Boden wird zum Mund und verschlingt die Figur. |
Die Stimme als zweite Verformung
Die Gesangsstimme stammt von Maureen McElheron. Für den Film wurde die Aufnahme verlangsamt, sodass die Stimme tiefer und männlicher wirkt.
Das ist für die Analyse besonders interessant: Nicht nur das Bild wird verändert, sondern auch der Ton. Das Gesicht verwandelt sich zeichnerisch, während die Stimme technisch verwandelt wurde. Daraus lässt sich eine weiterführende Deutung entwickeln: Der gesamte Film spielt mit der Veränderbarkeit von Identität – sichtbar im Gesicht und hörbar in der Stimme.
Diese Deutung solltest Du als Interpretation kennzeichnen. Sicher beobachtbar ist die starke Veränderung des Gesichts. Belegt ist außerdem die Bearbeitung der Gesangsaufnahme. Die Verbindung beider Ebenen ist ein analytischer Schluss.
Der Schlussgag: Der Boden bekommt einen Mund
Am Ende wird die bis dahin relativ klare Trennung zwischen Figur und Umgebung aufgehoben. Der Boden öffnet sich wie ein Mund und verschlingt den Sänger samt Stuhl.
Dieser Schluss ist mehr als nur ein zusätzlicher Witz. Er steigert die Grundidee des Films: Zuerst ist das Gesicht instabil. Dann wird deutlich, dass eigentlich nichts in dieser gezeichneten Welt an seine gewöhnliche Form gebunden sein muss.
Der Schlussgag verändert deshalb den Blick auf den gesamten Film. Nicht nur der Sänger besitzt einen verformbaren Körper. Auch der Raum selbst kann plötzlich zum Körper werden.
Wie Animation die Grenzen eines gewöhnlichen Porträts aufhebt
Die wichtigste Analysefrage des aiMOOCs lautet: Wie hebt die Animation die Grenzen eines gewöhnlichen Porträts spielerisch auf?
Eine mögliche Antwort lässt sich in mehreren Schritten entwickeln.
Erstens wird das Porträt zeitlich. Ein klassisches Porträt zeigt einen Zustand. YOUR FACE zeigt ein Gesicht als fortlaufenden Prozess.
Zweitens wird das Porträt plastisch. Linien und Formen sind nicht an anatomische Wirklichkeit gebunden. Das Gesicht kann zum Material der Zeichnung werden.
Drittens wird das Porträt fantastisch. Der Film kann unmögliche Übergänge zeigen, ohne sie realistisch erklären zu müssen.
Viertens wird das Porträt ironisch. Der gefühlvolle Gesang über ein Gesicht steht im Kontrast zu den grotesken Veränderungen des sichtbaren Gesichts.
Fünftens wird das Porträt selbstreflexiv. Die Animation macht sichtbar, dass ein gezeichnetes Gesicht aus Formen besteht, die ein Künstler verändern kann.
Kerngedanke
YOUR FACE verwandelt das Porträt von einer Darstellung einer Person in ein Ereignis. Das Gesicht ist nicht mehr nur etwas, das man betrachtet. Es wird zu etwas, das sich vor Deinen Augen verändert, zerlegt, neu erfindet und schließlich die Grenzen zwischen Körper und Bildraum überschreitet.
Gerade darin liegt die besondere Leistung der Animation: Sie muss die Wirklichkeit nicht bloß nachahmen. Sie kann zeigen, wie eine Wirklichkeit aussehen könnte, in der Linien, Formen, Körper und Räume anderen Regeln folgen.
Filmanalyse Schritt für Schritt
Mit der folgenden Methode kannst Du eine einzelne Verwandlung genauer untersuchen:
- Sichtung: Wähle eine kurze Stelle aus und sieh sie mehrfach.
- Beschreibung: Notiere möglichst genau, was sich an Kopf, Gesicht, Körper und Hintergrund verändert.
- Bewegungsanalyse: Untersuche, ob die Veränderung plötzlich, fließend, rhythmisch oder schrittweise geschieht.
- Bild-Ton-Analyse: Beschreibe, was gleichzeitig musikalisch und stimmlich passiert.
- Wirkungsanalyse: Erkläre, ob die Szene eher komisch, irritierend, überraschend, absurd oder unheimlich wirkt.
- Deutung: Formuliere eine Aussage darüber, was die Verformung mit den Erwartungen an ein Porträt macht.
- Beleg: Nenne mindestens zwei konkrete Beobachtungen, die Deine Deutung unterstützen.
Leitfragen für eine vertiefte Analyse
- Wiedererkennbarkeit: Woran erkennst Du die Figur noch, obwohl sich ihr Gesicht stark verändert?
- Grenze: Wann hört ein Gesicht auf, wie ein gewöhnliches Gesicht zu funktionieren?
- Rhythmus: Wie hängen Dauer und Tempo der Verformungen mit dem Lied zusammen?
- Komik: Entsteht der Humor eher durch Überraschung, Übertreibung, Wiederholung oder Bild-Ton-Kontrast?
- Groteske: Welche Verformungen wirken zugleich lustig und unheimlich?
- Fantasie: Welche Regeln der realen Welt setzt die Zeichnung außer Kraft?
- Ironie: Welche Erwartungen erzeugt das Lied, und wie widerspricht das Bild diesen Erwartungen?
- Porträt: Ist der Film trotz aller Verformungen noch ein Porträt? Begründe Deine Antwort.
- Animation: Welche Wirkung wäre in einem unbewegten Bild nicht möglich?
- Schlussgag: Warum ist es bedeutend, dass am Ende nicht nur das Gesicht, sondern auch der Boden „lebendig“ wird?
Kontext und Rezeption
YOUR FACE wurde bei den 60. Academy Awards für den Oscar in der Kategorie bester animierter Kurzfilm nominiert. Gewonnen hat damals The Man Who Planted Trees von Frédéric Back.
Das folgende Video des offiziellen Oscar-Kanals zeigt die Preisvergabe. Für die Filmanalyse ist es vor allem als historischer Kontext interessant: Es macht sichtbar, in welchem internationalen Auszeichnungskontext YOUR FACE wahrgenommen wurde.
Das Academy Film Archive führt YOUR FACE außerdem innerhalb seiner Bill-Plympton-Sammlung. Dadurch ist der Film nicht nur als ungewöhnlicher Kurzfilm interessant, sondern auch als dokumentiertes Werk der US-amerikanischen Animationsgeschichte.
Quellen und Medienhinweise
- Academy Film Archive: Bill Plympton Collection
- Academy Awards 1988
- Wikipedia: Your Face
- Wikimedia Commons: Bill Plympton
- Offizieller YouTube-Upload von YOUR FACE auf Bill Plymton's Plymptoons
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Wer führte bei YOUR FACE Regie? (Bill Plympton) (!Frédéric Back) (!Walt Disney) (!Tim Burton)
Was geschieht mit dem Gesicht des Sängers im Verlauf des Films? (Es verwandelt sich immer wieder in groteske neue Formen) (!Es bleibt während des gesamten Films völlig unverändert) (!Es wird durch verschiedene Fotografien ersetzt) (!Es verschwindet unmittelbar nach dem ersten Bild)
Welcher Begriff beschreibt die Verwandlung einer Form in eine andere besonders passend? (Metamorphose) (!Dokumentation) (!Perspektive) (!Untertitelung)
Wodurch entsteht ein wichtiger ironischer Effekt in YOUR FACE? (Der gefühlvolle Gesang steht im Kontrast zu den grotesken Gesichtsverformungen) (!Der Film besitzt überhaupt keinen Ton) (!Der Sänger spricht ausschließlich über Landschaften) (!Das Bild zeigt nur einen unbewegten schwarzen Hintergrund)
Welche Grenze eines gewöhnlichen Porträts hebt der Film besonders deutlich auf? (Die Erwartung einer stabilen menschlichen Gesichtsform) (!Die Notwendigkeit eines Filmtitels) (!Die Existenz einer Tonspur) (!Die Verwendung eines Bildrahmens)
Was kennzeichnet die Groteske im Film besonders? (Die Verbindung von Übertreibung, Komik und möglicher Irritation) (!Die vollständige Vermeidung jeder Verformung) (!Die naturwissenschaftlich genaue Darstellung des Körpers) (!Die ausschließliche Verwendung realistischer Fotografie)
Warum eignet sich Animation besonders gut für die Verwandlungen in YOUR FACE? (Gezeichnete Formen können Bild für Bild frei verändert werden) (!Animation darf grundsätzlich keine menschlichen Figuren zeigen) (!Animation besteht immer nur aus einem einzigen Bild) (!Gezeichnete Filme müssen reale Körpergesetze exakt einhalten)
Was ist an der Gesangsstimme des Films besonders? (Die Aufnahme wurde verlangsamt und wirkt dadurch tiefer) (!Die Stimme wurde vollständig aus dem Film entfernt) (!Der Gesang besteht nur aus Flüstern) (!Die Stimme stammt aus einer Nachrichtensendung)
Was geschieht am Ende des Films? (Der Boden wird zu einem Mund und verschlingt den Sänger mit dem Stuhl) (!Der Sänger verlässt ruhig die Bühne) (!Das Gesicht verwandelt sich in eine Fotografie und bleibt stehen) (!Der Sänger wird von einem Auto abgeholt)
Welche Vorgehensweise gehört zu einer guten Filmanalyse? (Beobachtung und Deutung unterscheiden und Deutungen mit Szenen belegen) (!Nur die persönliche Meinung nennen) (!Die Handlung nacherzählen und auf Fachbegriffe verzichten) (!Jede ungewöhnliche Szene sofort als bedeutungslos bezeichnen)
Memory
| Metamorphose | Formverwandlung |
| Groteske | komisch-unheimliche Verzerrung |
| Ironie | Widerspruch zwischen Erwartung und Wirkung |
| Porträt | Darstellung einer Person oder ihres Gesichts |
| Animation | Bewegung aus aufeinanderfolgenden Einzelbildern |
| Crooner | gefühlvoller Sänger |
| Eskalation | Steigerung eines gestalterischen Prinzips |
| Bild-Ton-Kontrast | gegensätzliche Wirkung von Sichtbarem und Hörbarem |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Anatomische Stabilität | gewöhnliches Porträt |
| Formverwandlung | Metamorphose |
| Gefühlvoller Gesang | Tonebene |
| Groteske Verzerrung | Bildebene |
| Verschlingender Boden | Schlussgag |
Kreuzworträtsel
| Plympton | Wie lautet der Nachname des Regisseurs von YOUR FACE? |
| Groteske | Welcher Begriff bezeichnet hier die Mischung aus Übertreibung, Komik und Fremdheit? |
| Ironie | Welcher Begriff beschreibt den Widerspruch zwischen gefühlvollem Lied und groteskem Bild besonders gut? |
| Animation | Welche Kunstform erzeugt Bewegung aus nacheinander gezeigten Bildern? |
| Porträt | Welche Bildgattung dient im Film als Ausgangspunkt? |
| Crooner | Wie nennt man einen Sänger, der gefühlvolle Lieder in einem weichen Stil vorträgt? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Verformungslexikon: Zeichne sechs kleine Gesichter und verändere bei jedem Gesicht nur ein Grundprinzip, zum Beispiel Dehnung, Stauchung, Teilung, Vervielfältigung, Verdrehung oder Formwechsel. Beschrifte anschließend, welche Wirkung jede Veränderung hat.
- Bild-Ton-Protokoll: Wähle ungefähr 20 bis 30 Sekunden aus dem Film. Notiere links, was Du siehst, und rechts, was Du hörst. Markiere anschließend Stellen, an denen Bild und Ton besonders stark zusammenpassen oder sich widersprechen.
- Porträtvergleich: Erstelle zwei Zeichnungen derselben erfundenen Figur. Die erste soll wie ein gewöhnliches Porträt funktionieren, die zweite soll die körperlichen Grenzen im Stil einer fantastischen Animation überschreiten. Erkläre die Unterschiede.
- Daumenkino: Gestalte ein kleines Daumenkino, in dem sich ein neutrales Gesicht in eine unerwartete Form verwandelt und anschließend wieder zurückverwandelt.
Standard
- Storyboard einer Metamorphose: Entwickle ein Storyboard aus mindestens acht Bildern, in dem ein Gesicht schrittweise in einen Gegenstand oder eine geometrische Form übergeht. Achte darauf, dass die Zwischenstufen nachvollziehbar sind.
- Ironieexperiment: Erstelle zu einer selbst gezeichneten kurzen Animation zwei unterschiedliche selbst produzierte Tonspuren. Eine soll harmonisch wirken, die andere im deutlichen Kontrast zum Bild stehen. Vergleiche die Wirkung.
- Groteskenanalyse: Wähle drei Verformungen aus YOUR FACE aus. Beschreibe sie genau und untersuche, wodurch sie komisch, irritierend oder gleichzeitig komisch und unheimlich wirken.
- Mini-Animation: Produziere mit Zeichnungen, Stop-Motion oder einer einfachen Animations-App einen etwa zehn Sekunden langen Clip, in dem ein Porträt seine stabile Form verliert. Schreibe anschließend eine kurze Analyse Deiner eigenen Gestaltungsmittel.
Schwer
- Videoessay: Produziere einen zwei- bis dreiminütigen Videoessay zur Frage „Wie macht Animation aus einem Porträt ein Ereignis?“. Verwende eigene Zeichnungen, selbst erstellte Grafiken und eine klar formulierte These.
- Vergleichende Filmanalyse: Vergleiche YOUR FACE mit einem anderen Animationsfilm, in dem Körper oder Gesichter stark verändert werden. Untersuche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Metamorphose, Humor, Bild-Ton-Beziehung und Wirkung.
- Interview zur Animation: Befrage eine Person mit Erfahrung in Kunst, Animation, Illustration oder Mediengestaltung dazu, warum Übertreibung und Verformung in Zeichnungen anders wirken können als in Fotografien. Bereite Fragen vor, dokumentiere die Antworten und werte sie aus.
- Ausstellungsprojekt: Plane eine kleine Ausstellung unter dem Titel „Gesicht außer Kontrolle“. Entwickle eigene Porträts, die schrittweise ihre normalen Grenzen verlieren, und verfasse einen kuratorischen Text, der die Begriffe Porträt, Fantasie, Groteske und Ironie miteinander verbindet.


Lernkontrolle
- Transfer Porträtgrenze: Du siehst eine unbekannte Animation, in der ein Gesicht zunächst realistisch bleibt und sich dann in abstrakte Formen auflöst. Erkläre mit mindestens drei Fachbegriffen, welche Grenzen des Porträts dabei aufgehoben werden.
- Bild-Ton-Transfer: Stelle Dir vor, die Musik in YOUR FACE wäre hektisch und bedrohlich statt ruhig und gefühlvoll. Untersuche, wie sich dadurch Ironie, Komik und Groteske verändern könnten.
- Deutung mit Beleg: Formuliere die These „In YOUR FACE ist Identität zugleich stabil und instabil“. Entwickle zwei Argumente dafür und belege jedes Argument mit einer konkreten Beobachtung.
- Medienvergleich: Erkläre, wie dieselbe Gesichtsverformung als Zeichnung, Fotomontage und Realfilm-Spezialeffekt unterschiedlich wirken könnte. Beziehe Glaubwürdigkeit, Distanz und Körperwahrnehmung ein.
- Schlussanalyse: Begründe, warum der verschlingende Boden am Ende eine konsequente Steigerung der vorherigen Gesichtsverwandlungen darstellt und nicht nur ein zufälliger Schlusswitz ist.
- Eigene Gestaltungsentscheidung: Entwirf eine neue Metamorphose für den Film. Erkläre anschließend, wie sie gestaltet sein müsste, damit sie zum bisherigen Rhythmus, zur Groteske und zur Ironie von YOUR FACE passt.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis zu YOUR FACE ist wichtig, dass Du nicht nur Fakten zum Film wiedergeben kannst. Entscheidend ist, dass Du filmische Gestaltung beschreibst, Zusammenhänge erklärst und Deine Deutungen belegst.
- Filmbeschreibung: Du kannst eine Verformung präzise beschreiben, ohne Beobachtung und Interpretation zu vermischen.
- Fachbegriffe: Du kannst Metamorphose, Groteske, Ironie, Porträt und Bild-Ton-Kontrast passend verwenden.
- Porträtanalyse: Du kannst erklären, welche Erwartungen an ein gewöhnliches Porträt der Film übernimmt und anschließend aufhebt.
- Animationsanalyse: Du kannst erläutern, warum gezeichnete Animation besonders große Freiheit bei unmöglichen Körperveränderungen bietet.
- Bild-Ton-Beziehung: Du kannst den Gegensatz zwischen gefühlvollem Lied und grotesker Verformung analysieren.
- Wirkungsanalyse: Du kannst zwischen komischer, irritierender, fantastischer und grotesker Wirkung unterscheiden.
- Belegführung: Du kannst eine Deutung mit konkreten Szenen oder Gestaltungsmitteln begründen.
- Transfer: Du kannst die Analysebegriffe auf einen anderen Animationsfilm oder eine eigene Gestaltung übertragen.
OERs zum Thema
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Weitere frei nutzbare Bildmaterialien zu Animation, Mimik und Bill Plympton findest Du über Wikimedia Commons. Die in diesem aiMOOC verwendeten Commons-Dateien können außerdem als Ausgangspunkt für eigene Analyse- und Gestaltungsaufgaben genutzt werden, sofern die jeweilige Lizenz beachtet wird.
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