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Nosferatu – Sinfonie des Grauens – F. W. Murnau

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Nosferatu – Sinfonie des Grauens – F. W. Murnau



Nosferatu – Sinfonie des Grauens – F. W. Murnau

Nosferatu – Sinfonie des Grauens – F. W. Murnau ist ein aiMOOC zur Analyse von Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, dem 1922 uraufgeführten Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnau. Du untersuchst den Film als Werk des deutschen Expressionismus, als frühes Beispiel des Horrorfilms und als prägende Bearbeitung des Vampirmotivs. Im Mittelpunkt stehen die filmische Wirkung von Licht und Schatten, die Bildkomposition, die Sprache des Stummfilms sowie die Frage, warum Murnaus Bilder bis heute in Filmgeschichte und Populärkultur nachwirken.

Der aiMOOC richtet sich an Lernende der Klassen 8–13. Für jüngere Lerngruppen können die grundlegenden Beobachtungsaufgaben genutzt werden; für die Oberstufe eignen sich besonders die Aufgaben zu Filmästhetik, Literaturadaption, Symbolik, Montage, Mediengeschichte und Rezeptionsgeschichte.


Einleitung

Ein Mann reist zu einem fremden Grafen in ein abgelegenes Schloss. Der Gastgeber erscheint bleich, starr und körperlich unnatürlich. Später bringt ein führerloses Schiff Särge, Ratten und Tod in eine Hafenstadt. Am Ende wird nicht eine Waffe, sondern das Licht des Morgens entscheidend. Aus dieser vergleichsweise einfachen Handlung entwickelt Murnau eine Bildwelt, die sich tief in die Geschichte des Kinos eingeschrieben hat.

Der Originaltitel des Films lautet Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens. Regie führte Friedrich Wilhelm Murnau, das Drehbuch schrieb Henrik Galeen nach Motiven aus Bram Stokers Roman Dracula. Max Schreck spielt Graf Orlok, Gustav von Wangenheim Thomas Hutter und Greta Schröder Ellen. Produziert wurde der Film von der Berliner Prana-Film. Die ursprüngliche Musik komponierte Hans Erdmann. Die Laufzeit kann je nach überlieferter Fassung, Restaurierung und Abspielgeschwindigkeit variieren.

Der Film ist ein Stummfilm. Das bedeutet jedoch nicht, dass historische Aufführungen tatsächlich still waren. Stummfilme wurden üblicherweise musikalisch begleitet, und auch für Nosferatu existierte eine eigens komponierte Premierenmusik. Dialoge und Erzählinformationen werden außerdem über Zwischentitel vermittelt.


Lernziele

Nach diesem aiMOOC kannst Du:

  1. Deutschen Expressionismus an ausgewählten Gestaltungsmitteln beschreiben und auf Filmszenen beziehen.
  2. Stummfilmsprache als Zusammenspiel von Bild, Schauspiel, Montage, Zwischentitel und Musik untersuchen.
  3. Licht und Schatten als erzählerische und symbolische Mittel analysieren.
  4. Bildkomposition mit Begriffen wie Einstellungsgröße, Perspektive, Raumordnung, Blickführung und Kontrast untersuchen.
  5. Das Vampirmotiv in Murnaus Film mit Bram Stokers Dracula vergleichen.
  6. Filmhistorische Bedeutung argumentativ aus konkreten Gestaltungsmitteln und Wirkungsgeschichte ableiten.


Filmdaten im Überblick

Aspekt Information
Originaltitel Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens
Regie Friedrich Wilhelm Murnau
Drehbuch Henrik Galeen, nach Motiven von Bram Stokers Dracula
Produktion Prana-Film, Enrico Dieckmann und Albin Grau
Kamera Fritz Arno Wagner; in Quellen wird außerdem Günther Krampf genannt
Musik Hans Erdmann
Hauptrollen Max Schreck, Gustav von Wangenheim, Greta Schröder, Alexander Granach
Produktionsland Deutschland
Uraufführung 1922
Filmform Stummfilm, Horrorfilm, expressionistisch geprägter Film


Filmgeschichtlicher Kontext

Nosferatu entstand in der Weimarer Republik, einer Phase intensiver künstlerischer und technischer Entwicklung des deutschen Films. In den frühen 1920er-Jahren wurden Filme wie Das Cabinet des Dr. Caligari, Der Golem, wie er in die Welt kam und später Metropolis international mit dem deutschen Kino verbunden. Viele dieser Werke arbeiteten mit auffälligen Kulissen, starken Hell-Dunkel-Kontrasten, einer stilisierten Schauspielweise und einer Bildsprache, die nicht bloß Wirklichkeit abbilden, sondern innere Zustände sichtbar machen sollte.

Murnau gehört zu den bedeutenden Regisseuren des deutschen Stummfilms. Seine Filme zeichnen sich durch sorgfältige Bildgestaltung, atmosphärische Räume, Lichtführung und eine zunehmend bewegliche Kamera aus. Nosferatu ist dabei besonders interessant, weil der Film expressionistische Wirkungen nicht nur in künstlichen Studiowelten erzeugt. Viele Außenaufnahmen wurden an realen Orten gedreht. Architektur, Landschaft, Wege, Wasser, Himmel und Wälder werden so gestaltet, dass die reale Welt selbst unheimlich erscheint.

Arbeitsimpuls: Achte im Video darauf, welche Merkmale des deutschen Expressionismus genannt werden. Prüfe anschließend, welche davon Du in Nosferatu tatsächlich wiederfindest und bei welchen Murnaus Film von stark künstlich gebauten expressionistischen Welten abweicht.


Stummfilm als eigenständige Filmsprache

Ein Stummfilm ist nicht einfach ein heutiger Film ohne Tonspur. Er arbeitet mit einer anderen Gewichtung filmischer Mittel. Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gesten müssen oft besonders gut lesbar sein. Räume, Requisiten, Kostüme und Licht übernehmen zusätzliche erzählerische Funktionen. Zwischentitel geben Informationen, aber der Film kann wichtige Zusammenhänge auch vollständig visuell erzählen.

Bei Nosferatu entsteht Spannung häufig dadurch, dass Murnau Informationen im Bild verteilt. Eine Tür, ein Fenster, ein langer Korridor oder ein schmaler Durchgang kann zur Grenze zwischen Sicherheit und Gefahr werden. Graf Orlok muss dabei nicht ständig in Großaufnahme gezeigt werden. Schon seine Position im Raum, seine Silhouette oder sein Schatten kann die Szene dominieren.

Musik ist für die Wahrnehmung eines Stummfilms besonders wichtig. Unterschiedliche musikalische Begleitungen können dieselbe Szene bedrohlich, traurig, grotesk oder sogar komisch erscheinen lassen. Deshalb lohnt es sich, bei einer Filmanalyse zwischen dem historischen Bildmaterial und einer später hinzugefügten oder rekonstruierten Musikfassung zu unterscheiden.


Deutscher Expressionismus und Nosferatu

Der Expressionismus zielt nicht in erster Linie auf eine neutrale Wiedergabe der Außenwelt. Formen, Farben, Kontraste und Bewegungen werden gesteigert oder verfremdet, damit Gefühle, Ängste und Konflikte sichtbar werden. Im expressionistischen Film können Räume wie psychische Zustände wirken.

Bei Nosferatu zeigen sich expressionistische Tendenzen besonders in folgenden Zusammenhängen:

  1. Licht und Schatten: Harte Kontraste und dunkle Silhouetten machen Bedrohung sichtbar.
  2. Körper und Bewegung: Orloks steife Haltung und seine langen, krallenartigen Hände lassen ihn unnatürlich erscheinen.
  3. Raumgestaltung: Türen, Treppen, Fenster und schmale Gänge rahmen Figuren ein oder schließen sie optisch ein.
  4. Symbolik: Schatten, Ratten, Särge, Krankheit, Nacht und leere Straßen verdichten die Handlung zu einem Netz wiederkehrender Zeichen.
  5. Naturdarstellung: Landschaften erscheinen nicht bloß dokumentarisch, sondern können Vorahnung, Fremdheit oder Gefahr vermitteln.

Wichtig ist eine differenzierte Betrachtung: Nosferatu sieht nicht in jeder Szene so künstlich aus wie Das Cabinet des Dr. Caligari. Gerade die Verbindung realer Orte mit expressionistischer Lichtführung und symbolischer Bildordnung macht Murnaus Film besonders.


Handlung und Figuren

Hinweis: Die folgende Zusammenfassung verrät das Ende des Films.

Thomas Hutter arbeitet für den Makler Knock in der fiktiven Hafenstadt Wisborg. Knock schickt ihn in die Karpaten, wo Hutter mit Graf Orlok über den Kauf eines Hauses verhandeln soll. Ellen, Hutters Frau, reagiert mit großer Sorge auf die Reise. Unterwegs wird Hutter mehrfach vor dem Grafen gewarnt, nimmt die Hinweise aber zunächst nicht ernst.

Auf Orloks Burg bemerkt Hutter zunehmend, dass sein Gastgeber kein gewöhnlicher Mensch ist. Orlok interessiert sich für Hutters Blut und für ein Bild Ellens. Hutter entdeckt schließlich, dass der Graf tagsüber in einem Sarg liegt. Orlok verlässt die Burg und reist mit mehreren Särgen in Richtung Wisborg.

Auf einem Schiff sterben die Besatzungsmitglieder nach und nach. Als das führerlose Schiff Wisborg erreicht, breiten sich Ratten und Krankheit in der Stadt aus. Die Bevölkerung deutet die Todesfälle als Pest. Ellen erkennt schließlich, dass sie selbst eine entscheidende Rolle bei der Überwindung des Vampirs spielen kann. Sie hält Orlok bis zum Morgen bei sich. Mit dem Tagesanbruch verschwindet der Vampir.


Zentrale Figuren

Figur Funktion in der Handlung Ansatz für die Analyse
Graf Orlok Vampir und Quelle der Bedrohung Körper, Schatten, Blick, Raumwirkung, Verbindung zu Krankheit und Tod
Thomas Hutter Reisender und Vermittler des Hauskaufs Neugier, Unwissenheit, Grenzüberschreitung, Bewegung zwischen vertrauter und fremder Welt
Ellen Hutters Frau und zentrale Figur des Finales Vorahnung, Handlungsmacht, Opfermotiv, Blickbeziehungen, Licht
Knock Hutters Arbeitgeber und Verbindung zu Orlok Wahnsinn, Abhängigkeit, Doppelung des Vampirmotivs


Licht und Schatten

Licht ist in Nosferatu nicht nur notwendig, damit etwas sichtbar wird. Es strukturiert die Bedeutung des Bildes. Helles und Dunkles können Sicherheit und Gefahr, Wissen und Unwissen, Leben und Tod oder Nähe und Fremdheit gegeneinander setzen.

Besonders berühmt ist Orloks Schatten. Der Vampir wird dadurch zugleich körperlich und unkörperlich. Sein Schatten kann größer wirken als sein Körper, Wände und Treppen besetzen und in einen Raum eindringen, bevor die Figur selbst vollständig sichtbar ist. So entsteht der Eindruck, dass die Bedrohung Grenzen überschreiten kann.

Für eine genaue Analyse reicht es nicht zu sagen: „Die Szene ist dunkel.“ Frage stattdessen:

  1. Woher scheint das Licht zu kommen?
  2. Welche Bildbereiche sind hell, welche dunkel?
  3. Welche Figur hebt sich vom Hintergrund ab?
  4. Verändert sich der Schatten im Verlauf der Einstellung?
  5. Wird etwas verborgen, enthüllt oder nur angedeutet?
  6. Welche Wirkung hat die Lichtverteilung auf Deine Wahrnehmung?


Der Schatten als filmisches Zeichen

Ein Schatten ist ein Zeichen, weil er auf etwas verweist, das nicht vollständig sichtbar sein muss. In Nosferatu kann Orloks Schatten als visuelle Verlängerung seiner Macht gelesen werden. Er macht Anwesenheit spürbar, ohne den Körper vollständig zu zeigen.

Für die Interpretation sind mehrere Deutungen möglich. Der Schatten kann für das Unbewusste, für Angst, für Krankheit, für eine nicht kontrollierbare Bedrohung oder für die Auflösung sicherer Grenzen stehen. Entscheidend ist, dass Du solche Deutungen mit konkreten Bildern aus dem Film belegst.


Bildkomposition

Bildkomposition beschreibt, wie Bildelemente innerhalb eines Filmkaders angeordnet sind. In Nosferatu ist die räumliche Ordnung oft sehr streng. Figuren stehen in Türrahmen, vor Fenstern, an langen Wegen, auf Treppen oder in tief gestaffelten Räumen. Dadurch wird Dein Blick gelenkt.


Achsen, Rahmen und Raumtiefe

Türrahmen und Fenster erzeugen Bilder im Bild. Wenn Orlok in einem Türrahmen erscheint, wird er optisch isoliert und zugleich wie eine unentrinnbare Erscheinung präsentiert. Solche inneren Rahmen können Enge und Gefangenschaft ausdrücken.

Diagonalen können Bewegung und Unsicherheit verstärken. Wege, Dächer, Treppen oder Schattenlinien führen den Blick durch den Raum. Symmetrische Kompositionen können dagegen Starrheit, Ritual oder Unausweichlichkeit erzeugen.

Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund helfen Murnau, Informationen zu staffeln. Eine Figur kann klein im Hintergrund erscheinen und trotzdem bedrohlich wirken, wenn alle Linien des Bildes auf sie zulaufen.


Einstellungsgröße und Perspektive

Eine Totale zeigt Figuren in ihrem räumlichen Zusammenhang. Sie eignet sich besonders, um Einsamkeit, Distanz oder die Macht eines Ortes zu vermitteln. Eine Nahaufnahme lenkt den Blick auf Gesicht, Hand oder Gegenstand. In Nosferatu gewinnen etwa Orloks Hände, sein Gesicht oder einzelne Objekte dadurch eine besondere Bedeutung.

Auch die Perspektive verändert Machtverhältnisse. Ein Blick von unten kann eine Figur größer und dominanter erscheinen lassen; ein hoher Kamerastandpunkt kann eine Figur verkleinern. Entscheidend ist immer die Kombination aus Perspektive, Licht, Bewegung und räumlicher Position.


Bewegung, Rhythmus und Montage

Stummfilm arbeitet stark mit sichtbarer Bewegung. In Nosferatu wirkt Graf Orlok oft anders als die menschlichen Figuren. Seine Bewegungen können steif, reduziert oder mechanisch erscheinen. Dadurch entsteht Fremdheit.

Montage verbindet einzelne Einstellungen zu größeren Bedeutungszusammenhängen. Besonders wichtig ist die Parallelführung von Ereignissen: Während Orlok sich Wisborg nähert, geraten andere Figuren und Räume in den Sog der Bedrohung. Der Film kann dadurch räumlich getrennte Vorgänge miteinander verknüpfen.

Murnau nutzt außerdem filmische Verfremdungen, um Übernatürliches sichtbar zu machen. Beschleunigte Bewegungsabläufe, ungewöhnliche Bildwirkungen und abrupte Veränderungen lösen die Welt zeitweise aus der gewohnten Wahrnehmung. Für Deine Analyse ist weniger wichtig, jeden technischen Trick sofort zu benennen, als seine Funktion zu untersuchen: Was wird durch die Verfremdung unheimlich?


Zwischentitel, Farbe und Musik

Zwischentitel strukturieren die Erzählung und vermitteln Schriftstücke, Warnungen, Tagebucheinträge oder Dialoge. Sie sind deshalb Bestandteil der Bildsprache und nicht bloß Ersatz für gesprochenen Ton.

Ein verbreitetes Missverständnis lautet: Stummfilme seien immer vollständig schwarzweiß gewesen. Historische Kopien konnten viragiert oder getönt sein. Restaurierungen von Nosferatu rekonstruieren solche Farbstimmungen teilweise anhand überlieferter Materialien. Farbwechsel können Tageszeit, Atmosphäre und Erzählabschnitt markieren.

Auch die Musik verändert den Film. Für die historische Premiere komponierte Hans Erdmann eine Begleitung. Heute existieren unterschiedliche musikalische Fassungen. Wenn Du zwei Versionen derselben Szene mit unterschiedlicher Musik vergleichst, kannst Du besonders gut beobachten, wie Ton die Wahrnehmung eines identischen Bildes verändert.


Das Vampirmotiv

Der Film basiert ohne Autorisierung auf Motiven aus Bram Stokers Roman Dracula von 1897. Um die Vorlage zu verändern, wurden Namen, Orte und einzelne Handlungselemente umgestaltet. Aus Dracula wurde Graf Orlok, aus Jonathan Harker wurde Thomas Hutter und aus der britischen Welt des Romans eine stärker nach Mitteleuropa verlagerte Filmhandlung.

Motiv Dracula Nosferatu
Vampirfigur Graf Dracula Graf Orlok
Erscheinung aristokratischer Vampir mit unterschiedlichen Beschreibungen kahl, hager, krallenartige Hände, stark körperlich verfremdet
Reise des Vampirs Verlagerung nach England Reise nach Wisborg
Krankheit Vampirismus als körperliche und übernatürliche Bedrohung besonders starke Verbindung von Vampir, Ratten, Pest und Massentod
Tageslicht schränkt Dracula ein, vernichtet ihn aber nicht unmittelbar der Morgen wird im Finale tödlich für Orlok

Murnaus Orlok unterscheidet sich deutlich vom später populären Bild des eleganten, verführerischen Vampirs im Abendanzug. Seine Gestalt erinnert eher an Krankheit, Verfall, Tierhaftigkeit und den unheimlichen Körper eines Wiedergängers. Diese Bildidee wurde für spätere Darstellungen des Vampirs äußerst einflussreich.

Besonders folgenreich ist das Finale. Nosferatu etablierte wirkungsmächtig die Vorstellung, dass der Vampir durch den anbrechenden Tag vernichtet werden kann. Dieses Motiv wurde später zu einem festen Bestandteil vieler Vampirfilme.


Vampir und Seuche

Orlok kommt nicht allein. Seine Ankunft ist mit Ratten, Särgen und einer Pestwelle verbunden. Dadurch wird der Vampir zugleich individuelles Monster und Bild einer kollektiven Bedrohung. Die Angst betrifft nicht nur eine einzelne Person, sondern eine ganze Stadt.

Diese Verbindung eröffnet verschiedene Interpretationen. Der Vampir kann als Verkörperung von Krankheit, Fremdheit, Tod oder unkontrollierbarer Ansteckung gelesen werden. Solche Deutungen müssen historisch sensibel formuliert werden: Eine Filmanalyse sollte zwischen dem, was im Bild tatsächlich gezeigt wird, und späteren politischen oder gesellschaftlichen Interpretationen unterscheiden.


Ellen und das Opfermotiv

Ellen ist nicht nur die Person, die gerettet werden muss. Im Finale trifft sie selbst eine Entscheidung. Sie hält Orlok bei sich, bis der Morgen anbricht. Damit verschiebt sich die Handlungsmacht: Nicht Hutter besiegt den Vampir, sondern Ellen führt die entscheidende Handlung aus.

Für die Analyse stellt sich deshalb die Frage, ob Ellen als aktive Heldin, als Opferfigur oder als Verbindung beider Rollen inszeniert wird. Ihre Entscheidung kann als Mut, Selbstopfer, tragische Notwendigkeit oder problematisches Geschlechtermodell gelesen werden. Die filmische Gestaltung liefert Hinweise: Blickrichtungen, Licht, Körperpositionen und Montage bestimmen, wie ihre Handlung wahrgenommen wird.


Urheberrechtsstreit und Überlieferung

Die Produktionsfirma Prana-Film besaß keine Verfilmungsrechte an Bram Stokers Dracula. Nach der Veröffentlichung klagte Stokers Witwe Florence Stoker gegen den Film. Der Rechtsstreit führte zu der Anordnung, Filmkopien zu vernichten. Dennoch überlebten Exemplare in verschiedenen Ländern und Fassungen.

Gerade diese Geschichte zeigt, dass Filmgeschichte auch Archivgeschichte ist. Alte Filme existieren nicht automatisch in einer einzigen, unveränderten Fassung. Kopien können gekürzt, umgeschnitten, neu betitelt, anders eingefärbt oder mit neuer Musik versehen werden. Spätere Restaurierungen versuchen, aus erhaltenen Materialien eine historisch möglichst gut begründete Fassung zu rekonstruieren.

Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung ließ Nosferatu 2005/2006 restaurieren. Grundlage waren mehrere überlieferte Materialien, darunter eine viragierte Nitratkopie. Auch die ursprüngliche Musik von Hans Erdmann wurde rekonstruiert.


Filmgeschichtliche Bedeutung

Nosferatu ist filmgeschichtlich bedeutend, weil mehrere Entwicklungen in einem Werk zusammentreffen. Der Film verbindet literarischen Schauerroman, expressionistische Ästhetik, reale Landschaften, Stummfilmsprache und eine neue visuelle Form des Vampirs.

Seine Wirkung zeigt sich besonders in der Geschichte des Horrorfilms. Orloks Silhouette, sein Schatten, seine Hände und sein starrer Körper wurden zu wiedererkennbaren Bildern. Die Idee, Bedrohung nicht vollständig zu zeigen, sondern über Schatten, Raum und Rhythmus entstehen zu lassen, wirkt weit über den Stummfilm hinaus.

Auch spätere Filme griffen Murnaus Werk direkt auf. Werner Herzog drehte 1979 Nosferatu – Phantom der Nacht. 2024 erschien mit Nosferatu – Der Untote von Robert Eggers eine weitere Neuinterpretation. Solche Wiederaufnahmen zeigen, dass Murnaus Film nicht nur historisches Dokument ist, sondern weiterhin als ästhetischer Bezugspunkt funktioniert.

Arbeitsimpuls: Notiere nach dem Video drei Gründe, warum Nosferatu bis heute analysiert wird. Ordne jeden Grund einem konkreten filmischen Mittel zu.


Vom Expressionismus zum Horrorfilm und Film noir

Der deutsche expressionistische Film beeinflusste spätere Bildwelten des Horrorfilms und des Film noir. Harte Kontraste, schräg einfallendes Licht, Schattenmuster, enge Räume und psychologisch aufgeladene Architektur wurden in anderen Kontexten weiterentwickelt.

Bei Nosferatu kannst Du deshalb eine grundlegende filmgeschichtliche Frage untersuchen: Wie wird aus einem technischen Mittel ein Stilmittel? Licht beleuchtet zunächst nur eine Szene. Sobald es aber Figuren trennt, Räume verfremdet, Schatten verselbstständigt und Erwartungen steuert, wird Beleuchtung zu erzählerischer Sprache.


Methode: Eine Szene systematisch analysieren

Eine gute Filmanalyse beginnt mit genauer Beobachtung und trennt zunächst Beschreibung und Deutung.

Schritt Leitfrage
Beobachten Was ist tatsächlich zu sehen und in welcher Reihenfolge?
Beschreiben Welche Einstellungsgrößen, Perspektiven, Lichtverhältnisse, Bewegungen und Raumordnungen erkennst Du?
Wirkung bestimmen Wie lenken diese Mittel Aufmerksamkeit, Spannung und Gefühle?
Deuten Welche Bedeutung könnte aus dem Zusammenspiel der Mittel entstehen?
Belegen Welche konkreten Bilddetails stützen Deine Deutung?
Einordnen Wie hängt die Szene mit Expressionismus, Vampirmotiv oder Filmgeschichte zusammen?

Vermeide Aussagen wie „Das ist gruselig, weil es gruselig aussieht.“ Präziser wäre zum Beispiel: Die dunkle Silhouette hebt sich stark von der helleren Wand ab. Dadurch wird der Körper zur flächigen Form; seine Individualität tritt zurück und die Figur wirkt wie eine übernatürliche Erscheinung.


Medien: Film und Vertiefung

Auf Wikimedia Commons steht eine Fassung des Films mit deutschen Zwischentiteln zur Verfügung. Nutze sie für genaue Szenenbeobachtungen. Beachte, dass unterschiedliche Fassungen in Länge, Zwischentiteln, Musik und Farbgebung voneinander abweichen können.

Datei:Nosferatu (1922).webm

Das folgende Videoessay untersucht Nosferatu als Wendepunkt in der Geschichte des filmischen Horrors.

Beobachtungsauftrag: Wähle eine kurze Szene von ungefähr einer Minute. Sieh sie zuerst ohne Notizen an. Beim zweiten Durchgang protokollierst Du Einstellungswechsel, Licht, Schatten, Bewegung und Musik. Formuliere anschließend eine Deutung, die mindestens drei beobachtete Details verbindet.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

In welchem Jahr wurde Murnaus Nosferatu uraufgeführt? (1922) (!1913) (!1931) (!1945)




Wer führte Regie bei Nosferatu? (Friedrich Wilhelm Murnau) (!Fritz Lang) (!Robert Wiene) (!Georg Wilhelm Pabst)




Auf welchem Roman basiert Nosferatu in nicht autorisierter Form? (Dracula) (!Frankenstein) (!Der Golem) (!Dr Jekyll und Mr Hyde)




Wie heißt der Vampir in Murnaus Film? (Graf Orlok) (!Graf Caligari) (!Graf Hutter) (!Graf Harding)




Welches Gestaltungsmittel ist für die Bedrohungswirkung des Films besonders charakteristisch? (Starke Licht Schatten Kontraste) (!Durchgehende Dialogszenen) (!Bunte Computereffekte) (!Dokumentarische Interviews)




Wodurch vermittelt ein Stummfilm sprachliche Informationen? (Durch Zwischentitel) (!Durch Podcasts) (!Durch Untertitel gesprochener Dialoge) (!Durch Radiokommentare)




Was unterscheidet Nosferatu teilweise von stark kulissenbetonten expressionistischen Filmen? (Viele Außenaufnahmen entstanden an realen Orten) (!Der Film wurde vollständig digital produziert) (!Der Film verzichtet auf Bildkomposition) (!Der Film besteht nur aus Nahaufnahmen)




Welche Figur führt im Finale die entscheidende Handlung gegen Orlok aus? (Ellen) (!Knock) (!Harding) (!Der Schiffskapitän)




Warum kam es nach der Veröffentlichung zu einem Rechtsstreit? (Die Dracula Verfilmungsrechte lagen nicht bei der Produktionsfirma) (!Der Film war ein Tonfilm ohne Musikrechte) (!Murnau hatte keine Kameraerlaubnis) (!Die Hauptrolle war falsch besetzt)




Worin liegt ein Teil der filmgeschichtlichen Bedeutung von Nosferatu? (Seine Bildsprache prägte den späteren Horrorfilm) (!Er erfand den Farbfilm) (!Er war der erste Film mit digitalem Ton) (!Er beendete die Epoche des Stummfilms im Jahr seiner Premiere)





Memory

Murnau Regie
Max Schreck Graf Orlok
Henrik Galeen Drehbuch
Hans Erdmann Premierenmusik
Prana-Film Produktionsfirma
Wisborg fiktive Hafenstadt
Zwischentitel schriftliche Erzählinformation
Viragierung Farbtönung





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Licht-Schatten-Kontrast Bedrohliche Atmosphäre
Türrahmen Bild im Bild
Zwischentitel Sprachliche Information
Viragierung Farbstimmung
Montage Verbindung getrennter Einstellungen






Kreuzworträtsel

Murnau Wer führte bei Nosferatu Regie?
Orlok Wie heißt der Vampirgraf im Film?
Wisborg Wie heißt die fiktive Hafenstadt?
Galeen Wer schrieb das Drehbuch?
Schatten Welches Motiv macht Orloks Bedrohung häufig sichtbar?
Stummfilm Zu welcher historischen Filmform gehört Nosferatu?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Murnaus Film wurde im Jahr

uraufgeführt.
Regie führte Friedrich Wilhelm

.
Die Handlung basiert ohne Autorisierung auf Bram Stokers Roman

.
Der Vampirgraf trägt im Film den Namen

.
Sprachliche Informationen werden im Stummfilm häufig durch

vermittelt.
Ein besonders wichtiges Gestaltungsmittel ist der starke Einsatz von Licht und

.
Die fiktive Hafenstadt der Handlung heißt

.
Orloks Ankunft wird im Film mit Ratten und der

verbunden.
Im Finale führt

die entscheidende Handlung gegen den Vampir aus.
Der Film wird eng mit dem deutschen

verbunden.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Szenenprotokoll: Wähle eine kurze Szene und notiere, was Du in jeder Einstellung siehst, bevor Du eine Deutung formulierst.
  2. Schattenexperiment: Erzeuge mit einer Lampe, einem Gegenstand und einer Wand drei unterschiedliche Schattenwirkungen und fotografiere sie für eine kleine Vergleichsreihe.
  3. Zwischentitel: Gestalte drei neue Zwischentitel für eine stumme Alltagsszene und prüfe, wie stark sich die Bedeutung des Bildmaterials dadurch verändert.
  4. Figurenanalyse: Erstelle ein Figurenprofil zu Orlok, Hutter oder Ellen und belege jede Eigenschaft mit einer sichtbaren Handlung oder Bildgestaltung.


Standard

  1. Bildkomposition: Analysiere ein Standbild aus dem Film mit den Begriffen Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund, Blickführung, Kontrast und Rahmung.
  2. Stummfilm: Drehe in einer Kleingruppe eine einminütige Stummfilmszene, in der Bedrohung nur durch Bild, Bewegung, Licht und maximal zwei Zwischentitel entsteht.
  3. Dracula: Vergleiche eine ausgewählte Passage aus Bram Stokers Roman mit der entsprechenden Motivbearbeitung bei Murnau und erkläre zwei wichtige Veränderungen.
  4. Filmmusik: Unterlege dieselbe kurze Filmszene mit zwei deutlich unterschiedlichen Musikstücken und analysiere schriftlich, wie sich die Wirkung verändert.


Schwer

  1. Expressionismus: Verfasse eine begründete Analyse zur Frage, inwiefern Nosferatu expressionistisch ist und inwiefern der Film über typische expressionistische Studiokulissen hinausgeht.
  2. Montage: Untersuche eine Sequenz mit parallel geführten Handlungen und zeige, wie Schnitt und Rhythmus räumlich getrennte Ereignisse miteinander verbinden.
  3. Rezeptionsgeschichte: Vergleiche Murnaus Orlok mit einer späteren Nosferatu- oder Vampirdarstellung und untersuche, welche visuellen Motive übernommen, verändert oder verworfen wurden.
  4. Ausstellungskonzept: Plane eine kleine Ausstellung mit dem Titel „Wie Nosferatu das Grauen sichtbar macht“ und entwickle Stationen zu Licht, Schatten, Körper, Raum, Musik und Vampirmotiv.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Lichtgestaltung: Analysiere eine Szene, in der Orlok nur teilweise oder als Schatten sichtbar ist. Erkläre, wie Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit zusammen Spannung erzeugen.
  2. Bildkomposition: Vergleiche zwei Einstellungen mit unterschiedlicher Raumordnung. Zeige, wie Rahmung und Tiefenwirkung die Machtverhältnisse zwischen Figuren verändern.
  3. Stummfilmsprache: Erkläre anhand einer konkreten Szene, welche Informationen auch ohne gesprochenen Dialog verständlich werden und durch welche filmischen Mittel dies gelingt.
  4. Literaturverfilmung: Beurteile, ob die Veränderungen gegenüber Dracula nur der Umbenennung dienen oder eine eigenständige Vampirfigur schaffen. Begründe mit mindestens drei Merkmalen.
  5. Filmgeschichte: Entwickle eine Argumentation dafür, warum ein mehr als hundert Jahre alter Stummfilm für die Analyse moderner Horrorfilme weiterhin relevant sein kann.
  6. Medienwirkung: Vergleiche zwei musikalische Begleitungen derselben Szene und erkläre, welche Wahrnehmungsunterschiede entstehen, obwohl das Bildmaterial gleich bleibt.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du nicht nur Filmdaten wiedergibst, sondern filmische Gestaltung an konkreten Beispielen untersuchst.

  1. Filmanalyse: Du beschreibst Einstellungen präzise und trennst Beobachtung von Interpretation.
  2. Licht und Schatten: Du erklärst, wie Beleuchtung, Kontrast und Schatten Bedeutung erzeugen.
  3. Bildkomposition: Du verwendest passende Fachbegriffe für Raum, Perspektive, Rahmung und Blickführung.
  4. Stummfilm: Du erläuterst das Zusammenspiel von Bild, Zwischentitel, Schauspiel, Montage und Musik.
  5. Vampirmotiv: Du vergleichst Orlok mit Stokers Dracula oder einer späteren Vampirdarstellung.
  6. Expressionismus: Du ordnest den Film differenziert in den deutschen Expressionismus ein.
  7. Filmgeschichte: Du begründest die Bedeutung des Films mit seiner Gestaltung und Wirkungsgeschichte.
  8. Argumentation: Du belegst Deutungen mit konkreten Szenen, Bilddetails oder nachvollziehbaren Vergleichen.




OERs zum Thema

Der Wikipedia-Artikel bietet einen Überblick zu Handlung, Produktion, Gestaltung, Rechtsstreit, Fassungen und Rezeption:

Auf Wikimedia Commons ist außerdem eine Filmfassung mit deutschen Zwischentiteln verfügbar:

Datei:Nosferatu (1922).webm


Quellen und Vertiefung

  1. Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung: Nosferatu: Filmdaten und Inhaltsangaben.
  2. Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung: 100. Geburtstag Nosferatu: Hinweise zu Murnau, Stil, Drehorten, Rechtsstreit und Restaurierung.
  3. Wikipedia: Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens: Überblick und weiterführende Literatur.
  4. Wikimedia Commons: Nosferatu: Freie beziehungsweise auf Commons bereitgestellte Medien zum Film.


Verknüpfte Lernbereiche


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