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NWT9 - Prototyp testen und optimieren

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NWT9 - Prototyp testen und optimieren


NWT9 - Prototyp testen und optimieren


Einleitung

Ein Prototyp ist eine vorläufige Ausführung eines Produkts, an der sich Funktionen, Abmessungen, Bedienung, Stabilität oder andere Eigenschaften prüfen lassen. In dieser Lerneinheit arbeitest Du wie in einem technischen Entwicklungsprozess: Du nimmst vor dem Test festgelegte Kriterien ernst, planst geeignete Prüfungen, erhebst Testdaten, identifizierst Schwachstellen und leitest daraus konkrete Verbesserungen ab. Anschließend veränderst Du den Prototyp gezielt und prüfst erneut. Dieser wiederholte Zyklus aus Testen – Auswerten – Verbessern – erneut Testen heißt Iteration.

Ein technischer Prototyp mit Steckbrett und elektronischen Bauteilen
Ein technischer Prototyp mit Steckbrett und elektronischen Bauteilen

Ein Test ist nur dann aussagekräftig, wenn vorher klar ist, was geprüft wird, wie geprüft wird und wann ein Kriterium als erfüllt gilt. Die Aussage „Der Halter soll stabil sein“ ist noch zu ungenau. Prüffähig wird sie zum Beispiel als: „Der Halter darf bei einem Neigungswinkel von 10° mit eingesetztem Smartphone nicht kippen.“ So werden aus Wünschen überprüfbare Anforderungen.

Für Klasse 9 lässt sich die Arbeit auf drei Niveaus differenzieren. Auf dem G-Niveau beschreibst Du Funktion und Eigenschaften eines Produkts und vergleichst einfache Soll- und Istwerte. Auf dem M-Niveau bewertest Du Funktion und Eigenschaften anhand von Kriterien und Messdaten. Auf dem E-Niveau bewertest Du zusätzlich Zielkonflikte, entwickelst begründete Optimierungsansätze und planst einen aussagekräftigen Retest. Diese Staffelung orientiert sich am Bildungsplan Baden-Württemberg für NwT in Klassen 8/9 im Bereich Produktentwicklung.


Lernziele

Nach dem aiMOOC kannst Du einen Prototyp nicht nur „ausprobieren“, sondern systematisch untersuchen. Du kannst zwischen Beobachtung und Messung unterscheiden, geeignete Messmittel auswählen, Testdaten dokumentieren und aus Abweichungen nachvollziehbare Verbesserungen entwickeln.

  1. Kriterien festlegen: Du formulierst prüfbare Kriterien mit Sollwert, Toleranz und Testmethode.
  2. Tests planen: Du hältst Bedingungen möglichst konstant und führst bei schwankenden Messgrößen Wiederholungen durch.
  3. Testdaten auswerten: Du vergleichst Soll- und Istwerte und erkennst deutliche Abweichungen.
  4. Schwachstellen analysieren: Du trennst Symptom, mögliche Ursache und nachprüfbare Ursache.
  5. Verbesserungen entwickeln: Du leitest konkrete Änderungen aus Daten und Beobachtungen ab und begründest sie.
  6. Ergebnisse dokumentieren: Du hältst Versionen, Fotos, Messwerte, Entscheidungen und Retests nachvollziehbar fest.


Kriterien vor dem Test festlegen

Ein Kriterium beschreibt ein Merkmal, an dem Du die Qualität des Prototyps beurteilst. Gute Kriterien beziehen sich auf die Funktion des Produkts und auf die Anforderungen der Nutzenden. Je nach Produkt können zum Beispiel Stabilität, Maßhaltigkeit, Sicherheit, Bedienbarkeit, Masse, Energiebedarf, Herstellungszeit oder Materialeinsatz wichtig sein.

Ein Kriterium wird besonders brauchbar, wenn vier Punkte zusammenkommen: eine eindeutig benannte Prüfgröße, ein Sollwert oder klarer Sollzustand, ein Prüfverfahren und eine Entscheidungsschwelle. Die Entscheidungsschwelle verhindert, dass das Team nach dem Test die Regeln nachträglich so verändert, dass das Ergebnis besser aussieht.


Vom Wunsch zur messbaren Anforderung

Unklare Aussage Prüffähige Formulierung Geeignete Testmethode
„Der Halter soll stabil sein.“ Der Prototyp kippt mit eingesetztem Testgerät bis einschließlich 10° Neigung nicht. Neigungsbrett und Winkelmesser
„Die Nut soll passen.“ Die Nutbreite liegt zwischen 11,5 mm und 12,5 mm. Messschieber
„Der Aufbau soll schnell gehen.“ Eine eingewiesene Testperson montiert das Produkt in höchstens 60 s. Stoppuhr und festgelegte Start-/Endbedingung
„Das Produkt soll leicht sein.“ Die Gesamtmasse liegt bei höchstens 150 g. Waage
„Die Bedienung soll angenehm sein.“ Mindestens vier von fünf Testpersonen bewerten die Bedienung mit „gut“ oder „sehr gut“ auf einem vorher festgelegten Kurzfragebogen. Standardisierter Nutzertest
Messschieber als Beispiel für ein Messmittel zur Maßprüfung
Messschieber als Beispiel für ein Messmittel zur Maßprüfung

Ein Messgerät allein macht einen Test noch nicht gut. Du musst außerdem festlegen, wo gemessen wird, wann ein Messwert abgelesen wird und welche Einheit verwendet wird. Bei wiederholbaren Prüfungen sollten alle Gruppen dieselbe Prüfanweisung erhalten.


Kriterienraster für Deinen Prototyp

Übertrage dieses Raster vor dem ersten Test in Dein Heft, eine Tabelle oder Dein Projektdokument. Ergänze nur Kriterien, die für die Funktion und Nutzung Deines Produkts tatsächlich wichtig sind.

Kriterium Sollwert oder Sollzustand Toleranz Testmethode Messmittel / Beobachtung Ergebnis Erfüllt?
Funktion Hauptfunktion wird vollständig ausgeführt keine definierter Funktionstest Beobachtung / Messgröße
Stabilität produktspezifisch festlegen vorher festlegen Belastungs- oder Kipptest Gewicht / Winkelmesser / Federwaage
Maßhaltigkeit Zielmaß festlegen z. B. ± 0,5 mm Maßprüfung Messschieber / Lineal
Sicherheit keine scharfen Kanten oder ungesicherten Gefahrenstellen keine Sicht- und Tastprüfung nach Sicherheitsvorgabe Prüfliste
Bedienbarkeit vorher definierter Zielwert vorher festlegen Nutzertest Fragebogen / Beobachtung
Ressourcen Material- oder Massenlimit festlegen vorher festlegen Wiegen / Materialbilanz Waage / Materialliste


Testplanung

Ein guter Test beantwortet eine konkrete Frage. Statt „Wir testen den Prototyp“ formulierst Du zum Beispiel: „Erfüllt Version P1 das Kriterium Kippsicherheit?“ oder „Wie stark verändert sich die Montagezeit nach der Änderung der Steckverbindung?“


Fair testen

Für einen Vergleich zwischen zwei Versionen müssen die Prüfbedingungen möglichst gleich sein. Verändere beim Retest nach Möglichkeit nur den Faktor, dessen Wirkung Du untersuchen willst. Werden gleichzeitig Grundfläche, Material, Smartphone-Masse und Prüfwinkel verändert, kannst Du später kaum erkennen, welche Änderung den Unterschied verursacht hat.

  1. Bedingungen konstant halten: Nutze möglichst denselben Aufbau, dasselbe Testobjekt, dieselbe Messstelle und dieselbe Prüfdauer.
  2. Wiederholen: Führe Messungen mehrfach durch, wenn Streuungen möglich sind.
  3. Messgenauigkeit beachten: Notiere nur so genau, wie das Messmittel sinnvoll ablesbar ist.
  4. Rohdaten sichern: Bewahre Einzelmesswerte auf und notiere nicht nur einen gerundeten Mittelwert.
  5. Sicherheit beachten: Plane Tests so, dass keine Person durch fallende, elektrische, heiße oder scharfkantige Teile gefährdet wird.
Präzisionsmessung an einem technischen Bauteil
Präzisionsmessung an einem technischen Bauteil


Messmittel passend auswählen

Prüfgröße Mögliches Messmittel Typischer Fehler bei der Durchführung Verbesserung
Länge / Breite Messschieber schräges Ansetzen Messflächen parallel anlegen und Messstelle markieren
Zeit Stoppuhr unklare Start- und Endbedingung Start und Ende vor dem Test eindeutig definieren
Masse Waage zusätzliche Teile werden einmal mit- und einmal ohnegewogen immer dieselbe vollständige Produktversion wiegen
Winkel Winkelmesser / Neigungsmesser ruckartiges Kippen Neigung langsam und gleichmäßig erhöhen
Elektrische Spannung Multimeter falscher Messbereich oder falsche Kontaktstelle Messschaltung und Messbereich vorab prüfen
Messspitzen eines Multimeters an einem Steckbrett
Messspitzen eines Multimeters an einem Steckbrett


Belastungstests und zerstörende Prüfungen

Manche Eigenschaften werden durch Belastung geprüft. Ein Bauteil kann zum Beispiel gedrückt, gezogen, gebogen oder wiederholt belastet werden. Im Unterricht müssen Belastungsgrenzen und Sicherheitsabstände vorher festgelegt werden. Zerstörende Tests sind nur dann sinnvoll, wenn sie für die Fragestellung erforderlich und von der Lehrkraft freigegeben sind.

Universalprüfmaschine für mechanische Material- und Produktprüfungen
Universalprüfmaschine für mechanische Material- und Produktprüfungen

Ein professionelles Prüfgerät ist nicht nötig, um technisch sauber zu arbeiten. Entscheidend sind eine klare Prüffrage, nachvollziehbare Bedingungen, geeignete Messmittel und eine vollständige Dokumentation.


Beispielprojekt: Smartphonehalter P1

Die folgenden Daten sind fiktive Unterrichtsdaten. Sie zeigen, wie Du mit einem Kriterienraster arbeitest. Das Team hat vor dem Test fünf Kriterien festgelegt. Anschließend wird die erste Version P1 drei Mal geprüft, soweit eine Wiederholungsmessung sinnvoll ist.

3D-gedruckte Funktionsprototypen
3D-gedruckte Funktionsprototypen


Festgelegte Kriterien

Kriterium Soll Prüfverfahren
Kippsicherheit kritischer Kippwinkel mindestens 10° Neigung langsam erhöhen, bis der Halter kippt
Nutbreite 11,5 mm bis 12,5 mm an drei markierten Stellen mit Messschieber messen
Montagezeit höchstens 60 s gleiche Montageanleitung und gleiche Start-/Endbedingung
Gesamtmasse höchstens 150 g vollständigen Halter wiegen
Bedienbarkeit mindestens 4 von 5 Punkten im Median einer Kurzbewertung fünf Testpersonen nutzen dieselbe Aufgabe


Testdaten P1

Kriterium Messung 1 Messung 2 Messung 3 Zusammenfassung Kriterium erfüllt?
Kippwinkel 6,5° 7,0° 6,8° Mittelwert ca. 6,8° Nein
Nutbreite 10,7 mm 10,8 mm 10,7 mm Mittelwert ca. 10,7 mm Nein
Montagezeit 74 s 71 s 72 s Mittelwert ca. 72 s Nein
Gesamtmasse 132 g 132 g 132 g 132 g Ja
Bedienbarkeit 2 Punkte 3 Punkte 2 Punkte Median 2 Punkte Nein

Die Tabelle zeigt nicht nur, dass etwas nicht funktioniert, sondern wie groß die Abweichung ist. Der mittlere Kippwinkel liegt deutlich unter dem Soll von 10°. Die Nutbreite liegt unter dem zulässigen Bereich. Die Montagezeit ist länger als erlaubt. Die Masse erfüllt dagegen das Kriterium. Aus dieser Unterscheidung entsteht eine sachliche Prioritätenliste.


G/M/E-Auswertung am Beispiel

Niveau Auftrag Erwartete Leistung
G Beschreibe für jedes Kriterium, ob P1 das Soll erreicht. Du nennst Soll- und Istzustand und markierst erfüllt / nicht erfüllt.
M Bewerte P1 anhand der Daten und ordne die Schwachstellen nach ihrer Bedeutung für die Hauptfunktion. Du beziehst Dich auf Messwerte, Kriterien und die Nutzung des Produkts.
E Entwickle mindestens zwei konkurrierende Optimierungsansätze für die wichtigste Schwachstelle und begründe, welchen Du zuerst testest. Du berücksichtigst Daten, Ursache, Aufwand, mögliche Nebenwirkungen und einen geplanten Retest.


Schwachstellen systematisch analysieren

Eine Schwachstelle ist ein Bereich, in dem ein vorher festgelegtes Kriterium nicht erreicht wird oder bei dem im Test ein relevantes Problem sichtbar wird. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Symptom und Ursache. „Der Halter kippt bei 6,8°“ ist zunächst ein beobachtetes Ergebnis. Mögliche Ursachen wären eine zu kleine Grundfläche, ein zu hoher Schwerpunkt, ein rutschiger Untergrund oder eine ungünstige Position des Smartphones. Erst weitere Beobachtungen oder gezielte Tests zeigen, welche Ursache tatsächlich entscheidend ist.

Ishikawa-Diagramm zur strukturierten Suche nach Fehlerursachen
Ishikawa-Diagramm zur strukturierten Suche nach Fehlerursachen


Ursachenfelder

Bei technischen Fehlern lohnt es sich, verschiedene Ursachenfelder zu prüfen: Konstruktion, Material, Fertigung, Montage, Messmethode, Nutzung und Umgebung. Dadurch vermeidest Du, vorschnell nur das Bauteil zu verändern, obwohl der Fehler vielleicht aus einer ungenauen Fertigung oder einem ungeeigneten Prüfverfahren stammt.


Fünfmal-Warum als Denkwerkzeug

Beispiel: Die Nut ist zu schmal. Warum? Weil die gedruckte Nut kleiner als im CAD-Modell ausfällt. Warum? Weil Fertigungstoleranzen beim 3D-Druck nicht berücksichtigt wurden. Warum? Weil das Nennmaß ohne Probedruck übernommen wurde. Daraus entsteht eine prüfbare Verbesserung: Das CAD-Maß wird kontrolliert vergrößert, anschließend wird ein kurzer Probedruck vermessen. Die Methode soll keine künstlichen fünf Antworten erzwingen; wichtig ist, vom sichtbaren Symptom zu einer überprüfbaren Ursache zu gelangen.


Interaktive Fehleranalyse 1: Ursache oder Symptom?

Ordne die passende Kategorie zu. Aussage
Symptom Der Prototyp kippt bereits bei etwa 7°.
Mögliche Ursache Die Grundfläche ist im Verhältnis zur Höhe zu klein.
Symptom Die Montage dauert im Mittel rund 72 s.
Mögliche Ursache Zwei Verbindungsteile müssen mehrfach nachjustiert werden.
Prüfbare Ursache Nach Vergrößerung der Grundfläche steigt der Kippwinkel bei sonst gleichen Bedingungen deutlich.




Interaktive Fehleranalyse 2: Daten richtig deuten

Ordne die passende Schlussfolgerung zu. Beobachtung
Kriterium sicher verfehlt Alle drei Kippwinkel liegen deutlich unter 10°.
Messung wiederholen Ein Einzelwert weicht stark von zwei fast gleichen Messwerten ab.
Testmethode prüfen Verschiedene Gruppen verwenden unterschiedliche Startpunkte bei der Zeitmessung.
Ursache noch offen Das Produkt erfüllt ein Kriterium nicht, aber es wurden noch keine Ursachen getestet.
Verbesserung bestätigt Eine gezielte Änderung verbessert denselben Messwert in einem fairen Retest reproduzierbar.




Verbesserungen entwickeln und begründen

Eine gute Verbesserung ist konkret. „Stabiler bauen“ ist zu allgemein. „Grundfläche um 20 mm verbreitern und den Auflagepunkt des Smartphones um 15 mm absenken“ beschreibt dagegen eine umsetzbare Änderung. Die Begründung verbindet drei Ebenen: Testbefund, vermutete beziehungsweise geprüfte Ursache und erwartete Wirkung.


Verbesserungsmatrix für P1

Schwachstelle Datenbefund Vermutete / geprüfte Ursache Konkrete Änderung Erwartete Wirkung Retest
Kippsicherheit ca. 6,8° statt mindestens 10° Grundfläche zu klein und Schwerpunkt relativ hoch Grundfläche verbreitern und Smartphoneauflage tiefer setzen höherer Kippwinkel gleicher Neigungstest mit gleichem Testgerät
Nutbreite ca. 10,7 mm statt 11,5–12,5 mm Fertigungstoleranz nicht berücksichtigt CAD-Nut gezielt vergrößern und Probedruck messen Passung innerhalb der Toleranz drei Messstellen mit demselben Messschieber
Montagezeit ca. 72 s statt höchstens 60 s fummelige Verbindung und Nachjustieren Verbindung vereinfachen und eindeutige Lageführung ergänzen kürzere Montagezeit drei Durchgänge mit gleicher Anleitung
Bedienbarkeit Median 2 von 5 Punkten scharfe Übergänge und ungünstige Kabelöffnung Kanten abrunden und Kabelkanal versetzen bessere Handhabung identische Nutzungsaufgabe mit neuem Prototyp


Zielkonflikte erkennen

Optimieren heißt nicht automatisch, jede Eigenschaft maximal zu verbessern. Eine größere Grundfläche kann die Kippsicherheit erhöhen, aber Materialverbrauch und Masse vergrößern. Eine sehr enge Steckverbindung kann stabil sein, aber die Montage erschweren. Auf dem E-Niveau wägest Du solche Zielkonflikte anhand der zuvor festgelegten Prioritäten ab.

Eine einfache Gewichtung kann helfen: Hauptfunktion und Sicherheit erhalten zum Beispiel eine höhere Bedeutung als eine rein optische Eigenschaft. Die Gewichtung muss vor der abschließenden Bewertung festgelegt und begründet werden, sonst besteht die Gefahr, das Raster nachträglich an ein gewünschtes Ergebnis anzupassen.


Iteration: P1 wird P2

Für Version P2 verändert das Team gezielt die wichtigsten Schwachstellen. Danach wird nicht nur geprüft, ob P2 „besser aussieht“, sondern ob die relevanten Messwerte unter vergleichbaren Bedingungen besser werden. Ein erfolgreicher Retest liefert Evidenz dafür, dass die Änderung wirkt. Ein negativer Retest ist ebenfalls nützlich: Er zeigt, dass die vermutete Ursache möglicherweise nicht entscheidend war oder die Verbesserung neue Probleme erzeugt hat.


Unterschiedliche Prototypen erfordern unterschiedliche Tests

Nicht jeder Prototyp ist mechanisch. Bei elektronischen Prototypen können Spannung, Stromstärke, Sensorwerte, Reaktionszeit oder Zuverlässigkeit wichtig sein. Bei Konstruktionen können Last, Durchbiegung, Kippwinkel oder Masse im Mittelpunkt stehen. Bei einem Bedienkonzept ist dagegen ein Nutzertest entscheidend.

Arduino mit Steckbrett als elektronischer Prototyp
Arduino mit Steckbrett als elektronischer Prototyp


Elektronischer Prototyp

Bei einer Sensorschaltung könntest Du prüfen, ob der Sensor im festgelegten Messbereich ausreichend zuverlässig reagiert. Eine Schwachstelle kann dabei im Code, in der Verdrahtung, in der Stromversorgung, in der Sensorposition oder im Testaufbau liegen. Deshalb dokumentierst Du bei jeder Messreihe auch die Version des Programms und den Schaltungszustand.


Mechanischer Prototyp

Bei einem Bauteil oder einer kleinen Konstruktion sind oft Maßhaltigkeit, Steifigkeit und Belastbarkeit wichtig. Auf dem E-Niveau kannst Du eine Messkurve interpretieren und überlegen, ob eine Veränderung am Querschnitt, am Material oder an der Geometrie sinnvoller ist.

Spannungs-Dehnungs-Diagramm als Beispiel für die Auswertung eines Materialtests
Spannungs-Dehnungs-Diagramm als Beispiel für die Auswertung eines Materialtests


Aerodynamischer Prototyp

Modelle in Windkanälen zeigen, warum Prototypen häufig nur bestimmte Eigenschaften des späteren Produkts abbilden. Ein verkleinertes Modell kann genutzt werden, um Strömungseinflüsse zu untersuchen, bevor ein vollständiges Produkt gebaut wird.

Fehler beim Erstellen des Vorschaubildes:
Modellversuch in einem Windkanal


Dokumentation: Aus einem Test wird nachvollziehbare Entwicklung

Ohne Dokumentation ist später schwer zu erkennen, welche Änderung zu welchem Ergebnis geführt hat. Eine gute Dokumentation verbindet Version, Foto, Testbedingungen, Rohdaten, Bewertung, Änderung und Retest. Sie darf knapp sein, muss aber so vollständig sein, dass eine andere Gruppe den Gedankengang nachvollziehen kann.


Fotodokumentation

Fotografiere den Prototyp vor und nach wichtigen Änderungen aus möglichst vergleichbaren Perspektiven. Lege bei Maßproblemen einen Maßstab oder ein geeignetes Messmittel sichtbar an. Markiere die getestete Stelle und gib die Versionsnummer an. Fotos sollen den technischen Sachverhalt zeigen; vermeide unnötige personenbezogene Aufnahmen und beachte schulische Datenschutzregeln.


Testprotokoll-Vorlage

Datum Version Kriterium Testbedingungen Rohdaten Bewertung Änderung Retest-Ergebnis
P1
P2


Änderungslog

Version Schwachstelle Änderung Begründung Erwartete Wirkung Tatsächliche Wirkung
P1 → P2
P2 → P3

Ein Änderungslog verhindert, dass Verbesserungen nur aus dem Gedächtnis rekonstruiert werden. Besonders auf dem M- und E-Niveau ist die Begründung wichtig: Sie zeigt, dass Du nicht zufällig umbauen, sondern aus Daten lernen kannst.


G/M/E-Differenzierung

Die drei Niveaus unterscheiden sich nicht dadurch, dass einige Lernende „mehr basteln“. Sie unterscheiden sich vor allem in der Tiefe von Beschreibung, Bewertung, Begründung und Optimierung.

Bereich G – grundlegendes Niveau M – mittleres Niveau E – erweitertes Niveau
Kriterien vorgegebene Kriterien verstehen und einzelne Sollwerte ergänzen Kriterien selbst passend formulieren und Testmethoden zuordnen Kriterien priorisieren, Toleranzen begründen und Zielkonflikte berücksichtigen
Test nach klarer Prüfanweisung messen und dokumentieren Prüfplan erstellen und Wiederholungsmessungen sinnvoll einsetzen Testqualität kritisch prüfen und Störgrößen kontrollieren
Auswertung Soll und Ist vergleichen und Funktion / Eigenschaften beschreiben Funktion und Eigenschaften anhand von Daten bewerten Bewertung durch Gewichtung, Unsicherheit und konkurrierende Anforderungen vertiefen
Fehleranalyse sichtbare Schwachstellen benennen plausible Ursachen mit Beobachtungen begründen Ursachenhypothesen durch gezielte Zusatztests prüfen
Optimierung eine passende Verbesserung umsetzen eine Verbesserung aus Daten begründet auswählen mehrere Ansätze vergleichen, Zielkonflikte abwägen und Retest planen
Dokumentation Tabelle und Fotos vollständig führen Entscheidungen mit Messwerten belegen Entwicklungsschritte, Alternativen und Grenzen der Aussagekraft reflektieren


Satzstarter zur Unterstützung

G M E
„Das Kriterium ... ist erfüllt / nicht erfüllt, weil ...“ „Im Vergleich zum Sollwert zeigt der Messwert ..., dass ...“ „Die Daten sprechen für ..., allerdings könnte ... als Störgröße wirken.“
„Eine Schwachstelle ist ...“ „Als Ursache vermuten wir ..., weil ...“ „Um die Ursache zu prüfen, verändern wir nur ... und halten ... konstant.“
„Wir verbessern ... durch ...“ „Wir wählen diese Verbesserung, weil ...“ „Ansatz A verbessert ..., verschlechtert aber möglicherweise ...; deshalb priorisieren wir ...“


Praxisauftrag: Prototyp prüfen, optimieren und belegen

Arbeite in einem Team mit einem vorhandenen oder selbst entwickelten Prototyp. Nutzt einen klaren Versionsnamen wie P1, P2 und P3. Die Aufgabe gilt nicht als abgeschlossen, wenn der Prototyp nur verändert wurde. Entscheidend ist, dass Ihr die Veränderung begründet und ihre Wirkung durch einen Retest belegt.

  1. Kriterien sichern: Übernehmt die zuvor festgelegten Anforderungen und verändert sie nicht nachträglich ohne dokumentierte Begründung.
  2. Prüfplan erstellen: Legt Testmethode, Messmittel, Wiederholungen, Testbedingungen und Sicherheitsregeln fest.
  3. P1 testen: Erfasst Rohdaten und Beobachtungen.
  4. Kriterien prüfen: Markiert erfüllt / nicht erfüllt und beschreibt die Größe wichtiger Abweichungen.
  5. Schwachstellen analysieren: Formuliert mindestens eine prüfbare Ursache für die wichtigste Schwachstelle.
  6. Verbesserung festlegen: Entwickelt eine konkrete Änderung und begründet ihre erwartete Wirkung.
  7. P2 erneut testen: Wiederholt denselben Test möglichst unter denselben Bedingungen.
  8. Entwicklung dokumentieren: Stellt P1 und P2 mit Fotos, Daten, Entscheidung und Reflexion gegenüber.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Warum müssen Kriterien vor dem Test festgelegt werden? (Damit klar ist, woran der Prototyp unabhängig vom Ergebnis bewertet wird) (!Damit nach dem Test nur erfolgreiche Kriterien ausgewählt werden können) (!Damit Messwerte nicht dokumentiert werden müssen) (!Damit jede Gruppe andere Regeln verwenden kann)




Welche Formulierung ist am besten prüfbar? (Der Prototyp darf bei 10 Grad Neigung nicht kippen) (!Der Prototyp soll ziemlich stabil sein) (!Der Prototyp soll hochwertig wirken) (!Der Prototyp soll möglichst gut sein)




Was ist ein Istwert? (Ein tatsächlich gemessener oder beobachteter Wert) (!Ein gewünschter Zielwert) (!Eine nachträglich erfundene Toleranz) (!Eine Vermutung ohne Test)




Warum sind Wiederholungsmessungen nützlich? (Sie zeigen, ob ein Ergebnis stabil ist oder streut) (!Sie garantieren automatisch ein richtiges Ergebnis) (!Sie machen einen Sollwert überflüssig) (!Sie ersetzen die Dokumentation der Testbedingungen)




Welche Aussage beschreibt zunächst ein Symptom? (Der Halter kippt bereits bei etwa sieben Grad) (!Die Grundfläche verursacht das Kippen sicher) (!Das Material ist eindeutig die Fehlerursache) (!Eine breitere Grundfläche wird das Problem garantiert lösen)




Was ist bei einem fairen Retest besonders wichtig? (Möglichst gleiche Testbedingungen wie beim ersten Test) (!Möglichst viele Bedingungen gleichzeitig verändern) (!Nur das beste Einzelergebnis notieren) (!Den Sollwert nach dem Ergebnis anpassen)




Was macht eine Verbesserung technisch gut begründbar? (Sie verbindet Testbefund, Ursache, Änderung und erwartete Wirkung) (!Sie sieht anders aus als die erste Version) (!Sie wird ohne Messdaten sofort umgesetzt) (!Sie verändert möglichst viele Bauteile gleichzeitig)




Was ist auf dem E-Niveau zusätzlich besonders wichtig? (Optimierungsansätze entwickeln und Zielkonflikte begründet abwägen) (!Nur Eigenschaften des Produkts aufzählen) (!Messwerte ohne Vergleich notieren) (!Den Prototyp ohne Retest neu lackieren)




Was gehört in ein gutes Änderungslog? (Version, Änderung, Begründung und Wirkung) (!Nur der Name der Gruppe) (!Nur das schönste Foto) (!Nur der endgültige Messwert ohne Vorgeschichte)




Wann ist eine Verbesserung durch Testdaten gut bestätigt? (Wenn ein fairer Retest unter vergleichbaren Bedingungen eine reproduzierbare Verbesserung zeigt) (!Wenn eine Person die neue Version schöner findet) (!Wenn der Prototyp nach dem Umbau schwerer ist) (!Wenn das Team keine Rohdaten mehr besitzt)





Memory

Sollwert vorher festgelegter Zielwert
Istwert tatsächlich ermitteltes Ergebnis
Toleranz zulässiger Abweichungsbereich
Iteration wiederholter Entwicklungszyklus
Kriterium Merkmal für die Bewertung
Schwachstelle Bereich mit nicht erfüllter Anforderung
Messreihe Folge mehrerer Vergleichsmessungen
Retest erneute Prüfung nach einer Veränderung





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Prüfgröße
Messschieber Nutbreite
Stoppuhr Montagezeit
Winkelmesser Kippwinkel
Waage Gesamtmasse
Multimeter elektrische Spannung
Fragebogen wahrgenommene Bedienbarkeit






Kreuzworträtsel

Prototyp Wie heißt eine vorläufige Ausführung eines Produkts zum Erproben?
Messwert Wie heißt das Ergebnis einer einzelnen Messung?
Toleranz Wie heißt der erlaubte Bereich um einen Sollwert?
Iteration Wie heißt ein wiederholter Zyklus aus Testen und Verbessern?
Kriterium Wie heißt ein festgelegtes Merkmal für die Bewertung?
Fehlerursache Wie heißt der Grund, der hinter einer beobachteten Schwachstelle liegen kann?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.
Vor dem ersten Test wird für jedes wichtige Merkmal ein

festgelegt. Ein gewünschter Zielwert heißt

. Das tatsächlich gemessene Ergebnis wird als

bezeichnet. Ein zulässiger Abweichungsbereich heißt

. Mehrere Wiederholungsmessungen bilden eine

. Eine nicht erfüllte Anforderung weist auf eine mögliche

hin. Aus Daten und Ursachenanalyse wird eine konkrete

entwickelt. Die erneute Prüfung nach einer Änderung heißt

. Der wiederholte Zyklus aus Entwickeln, Testen und Verbessern wird

genannt.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Kriterienraster: Wähle vier passende Kriterien für einen vorhandenen Klassenraum-Prototyp und formuliere zu jedem Kriterium einen eindeutigen Sollzustand.
  2. Messprotokoll: Miss eine geeignete Größe an einem Prototyp dreimal, dokumentiere alle Rohdaten und vergleiche sie mit einem Sollwert.
  3. Fotodokumentation: Erstelle eine sachliche Vorher-Nachher-Fotoreihe mit Versionsangaben und kurzen Bildunterschriften.
  4. Fehlerbeschreibung: Beschreibe zwei sichtbare Schwachstellen, ohne sofort eine Ursache zu behaupten.


Standard

  1. Prüfplan: Plane einen Test für Stabilität, Maßhaltigkeit oder Bedienbarkeit mit Testmethode, Messmittel, Wiederholungen und Sicherheitsregel.
  2. Datenanalyse: Werte eine Messreihe aus, markiere erfüllte und nicht erfüllte Kriterien und priorisiere die wichtigste Schwachstelle.
  3. Ursachenanalyse: Entwickle zu einer Schwachstelle drei mögliche Ursachen und plane einen Zusatztest, mit dem sich mindestens eine Ursache prüfen lässt.
  4. Prototypoptimierung: Verändere genau ein wesentliches Konstruktionsmerkmal, begründe die Änderung und führe einen fairen Retest durch.


Schwer

  1. Zielkonflikt: Entwickle zwei unterschiedliche Optimierungsansätze für dieselbe Schwachstelle und vergleiche sie hinsichtlich Funktion, Material, Aufwand und möglicher Nebenwirkungen.
  2. Kriteriengewichtung: Entwirf eine begründete Gewichtungsmatrix, wende sie auf zwei Prototyp-Versionen an und diskutiere, wie die Gewichtung das Ergebnis beeinflusst.
  3. Versuchsdesign: Plane eine kontrollierte Testreihe, mit der Du den Einfluss einer einzelnen Konstruktionsgröße auf einen Messwert untersuchst.
  4. Technische Präsentation: Produziere ein kurzes Erklärvideo oder Poster, das P1, Testdaten, Fehlerursache, Änderung, P2 und Retest in einer nachvollziehbaren Argumentationskette zeigt.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Transferaufgabe Kriterien: Ein Team schreibt als Kriterium „Der Prototyp soll robust sein“. Überarbeite diese Aussage zu einer prüfbaren Anforderung für ein selbst gewähltes Produkt und begründe Deine Testmethode.
  2. Transferaufgabe Messdaten: Zwei Prototypen erreichen bei einem Belastungstest ähnliche Mittelwerte, aber einer zeigt sehr stark schwankende Einzelwerte. Erkläre, warum die Streuung für die Bewertung wichtig sein kann und welche weitere Prüfung Du planst.
  3. Transferaufgabe Fehlerursache: Ein Halter rutscht auf einem Tisch. Entwickle mindestens drei unterschiedliche Ursachenhypothesen aus den Bereichen Konstruktion, Material und Testumgebung und entwirf zu jeder Hypothese einen kurzen Prüfschritt.
  4. Transferaufgabe Optimierung: Eine größere Grundfläche verbessert die Kippsicherheit, erhöht aber Masse und Materialverbrauch. Entwickle eine Entscheidung, die mehrere Kriterien berücksichtigt, und begründe Deine Priorität.
  5. Transferaufgabe Retest: Nach einer Verbesserung erzielt P2 bessere Werte als P1. Im zweiten Test wurde jedoch ein leichteres Smartphone verwendet. Beurteile die Aussagekraft des Ergebnisses und plane einen faireren Vergleich.
  6. Transferaufgabe Dokumentation: Ein Team hat nur ein Endfoto und einen Endmesswert gespeichert. Erkläre, welche Informationen fehlen, damit die Entwicklung technisch nachvollziehbar wird, und entwirf eine bessere Dokumentationsstruktur.




Lernnachweis

Für den Lernnachweis soll sichtbar werden, dass Du einen technischen Entwicklungsprozess nachvollziehbar durchführen und reflektieren kannst.

  1. Ein vollständiges Kriterienraster mit vorher festgelegten Sollwerten oder Sollzuständen.
  2. Ein Prüfplan mit Testmethode, Messmitteln, Testbedingungen, Wiederholungen und Sicherheitsaspekten.
  3. Rohdaten des ersten Tests sowie eine nachvollziehbare Auswertung.
  4. Eine klar benannte Schwachstelle und eine begründete Ursachenhypothese.
  5. Mindestens eine konkrete, technisch begründete Verbesserung.
  6. Ein Retest unter möglichst vergleichbaren Bedingungen.
  7. Eine Gegenüberstellung von P1 und P2 mit Messwerten und Bewertung.
  8. Eine kurze Reflexion über Grenzen des Tests, mögliche Störgrößen und nächste Entwicklungsschritte.
  9. Auf G-Niveau steht die vollständige Beschreibung im Vordergrund, auf M-Niveau die kriterienbezogene Bewertung und auf E-Niveau zusätzlich die Entwicklung und Abwägung von Optimierungsansätzen.




OERs zum Thema

Der Wikipedia-Artikel zum technischen Prototyp bietet einen allgemeinen Einstieg in Begriff, Zweck und Formen von Prototypen.

Vertiefung zur Produktentwicklung im NwT-Bildungsplan Baden-Württemberg: Bildungsplan NwT – Produktentwicklung


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