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Mitternächtige Selbsterforschung - Baudelaire, Charles - Gedichtanalyse

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Mitternächtige Selbsterforschung - Baudelaire, Charles - Gedichtanalyse

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Einleitung

Mitternächtige Selbsterforschung - Baudelaire, Charles - Gedichtanalyse

Zielgruppe: Klasse 9–10, Vertiefung für Klasse 11–13

Epoche: Internationale Moderne – Charles Baudelaire als Wegbereiter der modernen Lyrik

Eine Wanduhr kündet Mitternacht an. Ein lyrisches „Wir“ blickt auf den vergangenen Tag zurück und erkennt eigenes Fehlverhalten. Am Ende möchte es sich in der Dunkelheit verstecken.

In diesem Kurs untersuchst Du 32 Verse in vier Strophen. Du lernst, Aussagen über ein Gedicht mit echten Verszitaten zu begründen.

Lernziele: Du erkennst das lyrische Sprechen, beschreibst Form und Klang, erklärst sprachliche Bilder und entwickelst eine eigene Deutung.

Einstieg: Die animierte Uhr macht den Lauf der Zeit sichtbar. Das Bild zeigt keine besondere Szene aus dem Gedicht.

Hörauftrag: Höre das Ticken. Warum kann eine Uhr zum Auslöser für eine unangenehme Erinnerung werden?


Textgrundlage: Original, Übersetzung und Lesefassung

Lies zuerst den vollständigen Text:

Gedicht – Mitternächtige Selbsterforschung – Baudelaire, Charles

Die vorhandene Gedichtseite bleibt die zentrale Lesefassung. Hier wird keine zweite vollständige Fassung angelegt.


Französische Originalfassung

Charles Baudelaire schrieb L’Examen de minuit auf Französisch. Eine gesicherte Druckfassung steht in Les Fleurs du mal von 1868.

Französische Originalfassung bei Wikisource

Original, Vers 1: „La pendule, sonnant minuit,“

Die Uhr bildet schon im französischen Text den Ausgangspunkt der Selbstprüfung.


Historische deutsche Übersetzung

Der deutsche Titel Mitternächtige Selbsterforschung stammt aus der Übertragung von Wolf Graf von Kalckreuth. Sie erschien 1907 im Insel-Verlag.

Deutsche Quellfassung bei TextGrid

Übersetzung, Vers 1: „Die Wanduhr kündet Mitternacht,“

Wichtig: Die französische Originalfassung ist Baudelaires Text. Die deutsche Übertragung ist die sprachliche Gestaltung eines Übersetzers. Eine Lesefassung hilft beim Lesen. Eine Interpretation erklärt mögliche Bedeutungen. Diese vier Dinge sind nicht dasselbe.

Alle deutschen Verszitate in diesem Kurs beziehen sich auf die bei TextGrid dokumentierte Kalckreuth-Fassung. Die Verszählung beginnt mit „Die Wanduhr kündet Mitternacht,“ als Vers 1.


Autor und Epoche

Charles Baudelaire lebte von 1821 bis 1867. Seine Gedichte beschäftigen sich mit Schönheit, Schuld, Verfall, Zeit und inneren Widersprüchen.

Baudelaire schrieb im 19. Jahrhundert. Er war ein wichtiger Vorläufer des Symbolismus und der internationalen literarischen Moderne. Man sollte ihn deshalb nicht einfach einem späteren Jahrhundert zuordnen.

Eine von Baudelaire korrigierte Druckprobe der „Fleurs du mal“ von 1857. Das hier untersuchte Gedicht ist in der Ausgabe von 1868 nachweisbar.

Videokontext: Der folgende Film erklärt Baudelaire und seine Gedichtsammlung. Er behandelt nicht „Mitternächtige Selbsterforschung“ selbst.

„Les FLEURS du MAL : Introduction à la poésie de Baudelaire“, Un Cours de 5 Minutes.


Gedichtanalyse


Inhalt: Was geschieht?

Das Gedicht erzählt keine lange Handlung. Es zeigt eine Selbstprüfung: Die Sprechenden denken über ihre Fehler nach.

Am Anfang erinnert die Uhr an den vergangenen Tag. Danach folgen Vorwürfe gegen das eigene Verhalten. Am Schluss sucht das „Wir“ Schutz in der Dunkelheit.

Beleg: „Rasch, löschen die Lampe wir aus,“ (V. 31).

Deutung: Das Löschen der Lampe kann bedeuten, dass die Sprechenden ihre Fehler nicht länger ansehen wollen.


Lyrisches Sprechen: Wer spricht?

Im Gedicht spricht nicht nur ein einzelnes lyrisches Ich. Die häufige Form „Wir“ verbindet mehrere Menschen oder zeigt, dass sich die sprechende Stimme selbst mitanklagt.

Beleg: „Wir lästerten Jesum Christ,“ (V. 9).

Eine mögliche Deutung lautet: Die Kritik gilt nicht nur einer Einzelperson, sondern auch einer Gesellschaft, die ihre eigenen Werte verletzt.

Merke: Die sprechende Stimme in einem Gedicht ist nicht automatisch mit dem Autor gleichzusetzen.


Form: Strophen, Verse und Reime

Das Gedicht hat vier Strophen mit jeweils acht Versen. Die Reime sind regelmäßig angeordnet. Häufig erscheinen umarmende Reime, beispielsweise das Muster ABBA.

Beleg: „Mitternacht“ (V. 1) reimt sich auf „gemacht“ (V. 4). Dazwischen stehen „frage“ (V. 2) und „Tage“ (V. 3).

Die feste Form steht im Gegensatz zum unruhigen Inhalt. Das kann die Selbstprüfung besonders eindringlich wirken lassen.

Hilfe: Ein Vers ist eine Gedichtzeile. Eine Strophe besteht aus mehreren Versen. Beim umarmenden Reim schließen zwei äußere Reimwörter zwei innere ein.


Klang und Sprache

Der wiederkehrende Gebrauch von „Wir“ und die vielen Vorwürfe lassen das Gedicht wie ein strenges Schuldbekenntnis klingen.

Beleg: „Wie ein Schmarotzer und Spötter,“ (V. 11).

Die ähnlichen Anlaute von „Schmarotzer“ und „Spötter“ verstärken den spöttischen Klang.

Arbeitsidee: Lies die Verse 9–16 laut. Achte darauf, welche Wörter beim Sprechen besonders scharf wirken.


Bildsprache: Uhr, Stier und Finsternis

Die Uhr als menschliche Figur: In Vers 2 heißt es „Als ob sie höhnend uns frage,“. Die Uhr scheint zu fragen und zu spotten. Das ist eine Personifikation.

Der Stier als Vergleich: Die Dummheit erscheint mit einer Stirn „wie ein Stier“ (V. 20). Das macht sie zu einer großen, bedrohlichen Macht.

Die Finsternis als Zeichen: Das Gedicht endet mit „In der Finsternis uns zu verstecken!“ (V. 32). Dunkelheit kann hier für Verdrängung stehen.

Wichtig: Ein sprachliches Bild hat nicht immer nur eine Bedeutung. Deine Erklärung muss zum Vers und zum gesamten Gedicht passen.


Deutungsmöglichkeiten

Selbstkritik: Das „Wir“ erkennt, dass es gegen eigene Werte gehandelt hat.

Gesellschaftskritik: Die Verse können auch Menschen kritisieren, die Macht verehren und Schwache schlecht behandeln.

Kritik am Künstler: Das „Wir“ bezeichnet sich als „stolzen Priester der Leier“ (V. 27). Die Leier steht für Dichtung. Vielleicht fragt die Stimme, ob auch Künstler ihrer Aufgabe untreu werden.

Leitfrage: Ist das Löschen des Lichts am Ende ein Zeichen von Reue oder der Versuch, der Wahrheit zu entkommen?


Hören und Vergleichen

Hörvergleich: Augustin Brunault liest Baudelaires französisches Gedicht Hymne à la beauté. Es handelt sich ausdrücklich um ein anderes Gedicht. Achte auf Rhythmus, Betonung und Klang der französischen Sprache.

Musikalische Bearbeitung des behandelten Gedichts:

Jean-Louis Murat singt „L’Examen de minuit“ nach Baudelaire. Das ist eine musikalische Interpretation, keine historische Originalaufnahme.

Frage: Wie verändert die Musik die Stimmung des Gedichts?

Vertiefung zum Symbolismus:

„Le symbolisme – Spécial bac de français“, Amélie Vioux. Das französischsprachige Video erklärt den Epochenhintergrund.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Die Fragen beziehen sich auf die historische deutsche Kalckreuth-Fassung. Lies die angegebenen Verse bei Bedarf erneut auf der verlinkten Textseite.

Was kündet nach Vers 1 Mitternacht an? (Die Wanduhr) (!Ein Kirchturm) (!Ein Erzähler) (!Ein Vogel)




Was zeigt die Wendung „Als ob sie höhnend uns frage“ in Vers 2? (Eine Personifikation) (!Eine sachliche Zeitangabe) (!Einen Ortswechsel) (!Eine Naturbeschreibung)




Welche Sprecherform fällt in „Wir lästerten Jesum Christ“ in Vers 9 auf? (Die Wir-Form) (!Die Du-Form) (!Die Er-Form) (!Die Sie-Form)




Wie ist das Gedicht aufgebaut? (Vier Strophen mit je acht Versen) (!Zwei Strophen mit je acht Versen) (!Acht Strophen mit je zwei Versen) (!Vier Strophen mit je vier Versen)




Welche Wörter bilden in Vers 1 und Vers 4 einen Reim? (Mitternacht und gemacht) (!Mitternacht und frage) (!Tage und gemacht) (!Freitag und Mitternacht)




Welchen Vorwurf drückt „Und was uns lieb war, geschlagen“ in Vers 16 aus? (Das Wir verletzt das eigene Geliebte) (!Das Wir beschützt seine Freunde) (!Das Wir findet eine neue Heimat) (!Das Wir besiegt einen Feind im Krieg)




Womit wird die Dummheit in Vers 20 verglichen? (Mit einem Stier) (!Mit einer Schlange) (!Mit einem Löwen) (!Mit einem Adler)




Wofür steht die Leier in Vers 27 besonders? (Für die Dichtung) (!Für ein Gericht) (!Für eine Uhr) (!Für eine Kirche)




Was möchte das Wir nach Vers 31 tun? (Die Lampe auslöschen) (!Ein Fenster öffnen) (!Ein Buch verbrennen) (!Die Uhr anhalten)




Was lässt der Schlussvers über die Finsternis als Deutung zu? (Das Wir möchte sich vor der Selbsterkenntnis verstecken) (!Das Wir sucht einen verlorenen Gegenstand) (!Das Wir beginnt eine Reise bei Nacht) (!Das Wir beobachtet den Sternenhimmel)





Memory

Finde die passenden Begriffspaare.

Wanduhr Erinnerung an die vergangene Zeit
Wir-Stimme Gemeinsame Selbstanklage
Stiervergleich Bedrohliche Dummheit
Leier Zeichen der Dichtkunst
Lampe Licht vor dem Verstecken
Finsternis Mögliches Bild der Verdrängung





Drag and Drop

Ordne jedem Fachbegriff die passende Erklärung zu.

Ordne die richtigen Begriffe zu. Erklärung
Personifikation Ein Gegenstand erhält menschliche Eigenschaften
Lyrisches Wir Mehrere Personen werden sprachlich verbunden
Umarmender Reim Äußere Reimwörter schließen innere ein
Vergleich Zwei Bereiche werden mit einem Vergleichswort verbunden
Symbol Ein Gegenstand weist auf eine weitere Bedeutung hin





Kreuzworträtsel

Wanduhr Was kündet in Vers 1 Mitternacht an?
Ketzer Als was hätten die Sprechenden laut Vers 8 gelebt?
Stier Mit welchem Tier wird die Dummheit verglichen?
Leier Welches Instrument steht für die Dichtkunst?
Lampe Was möchten die Sprechenden am Ende auslöschen?
Finsternis Worin möchten sie sich am Schluss verstecken?





LearningApps

Finde weitere Übungen zum Thema:


Lückentext

Vervollständige den Text.
Das Gedicht beginnt mit einer

.
Es umfasst insgesamt

Verse.
Die Verse sind auf vier

verteilt.
Die historische deutsche Übersetzung stammt von Wolf von

.
Die sprechende Stimme verwendet häufig das Wort

.
Eine Uhr, die zu fragen scheint, ist eine

.
In Vers 20 wird die Dummheit mit einem

verglichen.
Die Leier ist ein Zeichen für die

.
Am Ende wird die

gelöscht.
Die Sprechenden möchten sich in der

verstecken.
Eine Erklärung möglicher Bedeutungen heißt

.




Offene Aufgaben

Bearbeite eine Aufgabe passend zu Deinem Niveau oder steigere Dich von Leicht bis Schwer. Nutze immer die vorhandene Gedichtseite für genaue Zitate.


Leicht

  1. Mitternächtiger Tagebucheintrag: Schreibe einen kurzen Eintrag aus Sicht des lyrischen „Wir“ mit etwa 80 Wörtern. Beschreibe einen Fehler und die Gefühle in der Nacht. Hilfe 1: Beginne mit „Es ist Mitternacht ...“. Hilfe 2: Nutze die Wörter Schuld, Erinnerung und Dunkelheit. Hilfe 3: Baue ein echtes kurzes Zitat aus Vers 1 oder Vers 31 ein.


Standard

  1. Analyseabsatz: Schreibe etwa 150 Wörter zur Frage, wie Uhr und Finsternis zusammenwirken. Erkläre zwei sprachliche Mittel und verwende zwei nachprüfbare Versbelege. Hilfe 1: Beginne mit einer Deutungsthese. Hilfe 2: Verwende „In Vers ... wird deutlich, dass ...“. Hilfe 3: Schließe mit einer Wirkung auf die Lesenden.


Schwer

  1. Deutungsvergleich: Schreibe etwa 250 Wörter zur Frage, ob der Schluss eher Reue oder Verdrängung zeigt. Stelle beide Deutungen fair dar, belege sie mit mindestens drei echten Zitaten und entscheide begründet. Hilfe 1: Trenne Beobachtung und Interpretation. Hilfe 2: Berücksichtige die Selbstanklage und das Bild des Lichts. Hilfe 3: Prüfe, ob der Schluss eine eindeutige Antwort gibt.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Perspektivwechsel: Erkläre, wie das Gedicht anders wirken würde, wenn statt „Wir“ überall „Ich“ stünde. Verwende einen Beleg.
  2. Symbolik: Übertrage das Bild der ausgeschalteten Lampe auf eine heutige Situation. Begründe, wo die Parallele liegt und wo sie endet.
  3. Vergleichende Gedichtanalyse: Vergleiche den französischen und den deutschen ersten Vers. Was bleibt gleich? Was verändert die Wortwahl?
  4. Gesellschaftskritik: Untersuche, ob die Vorwürfe gegen das „Wir“ auch heute verständlich sind. Belege Deine Ansicht am Gedicht.
  5. Literarische Interpretation: Formuliere zwei unterschiedliche Deutungen des Schlusses und entscheide, welche besser durch den Text gestützt wird.
  6. Lyrisches Sprechen: Begründe, warum die sprechende Stimme nicht einfach mit Charles Baudelaire gleichgesetzt werden sollte.


Lernnachweis

Für einen gelungenen Lernnachweis solltest Du:

  1. Inhaltsangabe: Den Gedankengang des Gedichts in eigenen Worten wiedergeben.
  2. Gedichtform: Vier Strophen, 32 Verse und ein passendes Reimbeispiel benennen.
  3. Sprachliche Mittel: Mindestens zwei sprachliche Mittel erklären und mit Versstellen belegen.
  4. Gedichtinterpretation: Eine Deutung zu Schuld, Selbsterkenntnis oder Verdrängung begründen.
  5. Quellenkritik: Französischen Originaltext, historische deutsche Übersetzung, Lesefassung und eigene Interpretation unterscheiden.

Bewertung: Verständliche Sprache, richtige Versangaben, genaue Zitate und eine schlüssige Begründung sind wichtiger als schwierige Fachwörter.


OERs zum Thema

Vorhandene Texte und freie Lernmaterialien:

  1. Lesefassung auf MOOCwiki
  2. Historische deutsche Textfassung bei TextGrid
  3. Französischer Originaltext bei Wikisource
  4. LibriVox: L’Examen de minuit, Aufnahme Nummer 89
  5. Charles Baudelaire
  6. Lyrik
  7. Symbolismus

Wikipedia-Hintergrundartikel:


Mediennachweise und Lizenzen

Die folgenden Angaben beziehen sich auf die eingebundenen Dateien von Wikimedia Commons. Die Originaldateien wurden nicht verändert.

  1. Porträt Baudelaires: Félix Nadar, um 1855, gemeinfrei. Datei und Rechteangaben.
  2. „Fleurs du mal“, korrigierte Druckprobe: Charles Baudelaire, 1857; Digitalisat aus der Bibliothèque nationale de France, gemeinfrei. Datei und Rechteangaben.
  3. Animierte Uhr: Fleshgrinder, 2010; vom Urheber als gemeinfrei freigegeben. Datei, Animation und Rechteangaben. Die Vorschau kann unbewegt sein.
  4. Uhrticken: natalie, 2007, über PDSounds; gemeinfrei. Audiodatei und Rechteangaben.
  5. Lesung „Hymne à la beauté“: Augustin Brunault, 2007; CC BY-SA 3.0. Quelle: Wikimedia Commons. Namensnennung und Lizenzlink sind erforderlich. Die hier eingebundene Aufnahme bleibt unverändert.

YouTube: Die drei Videos sind externe Einbettungen zu Baudelaire, zum behandelten Gedicht und zum Symbolismus. Ihre Rechte verbleiben bei den jeweiligen Berechtigten. Aus der Möglichkeit zum Einbetten folgt keine freie Lizenz zur Weiterverwendung.

Textquellen: Die historischen Gedichttexte sind gemeinfrei. Die digitale Aufbereitung und Metadaten von TextGrid unterliegen eigenen Nutzungsbedingungen; die TextGrid-Lizenzangaben findest Du auf der verlinkten Quellseite.


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