Im trauernden Lande - Verlaine, Paul-Marie - Gedichtanalyse
Im trauernden Lande - Verlaine, Paul-Marie - Gedichtanalyse
Zielgruppe: Klasse 9–10, mit Vertiefungen für Klasse 11–13
Thema: Ein Gedicht über Kälte, Einsamkeit und eine rätselhafte Landschaft. Du untersuchst 24 Verse und lernst, wie Bilder, Klang und Wiederholungen wirken.
Wichtig: Die französische Quellfassung, die deutsche Übersetzung, eine gut lesbare Lesefassung und die Interpretation sind vier verschiedene Dinge.

Einleitung
Paul Verlaine (1844–1896) war ein französischer Dichter. Sein Gedicht Dans l'interminable ennui de la plaine erschien 1874 im Band Romances sans paroles. Die deutsche Fassung Im trauernden Lande stammt von Wolf von Kalckreuth und wurde 1906 veröffentlicht.
Das Gedicht gehört zum Umfeld des französischen Symbolismus. Es ist auch für die Internationale Moderne wichtig: Gefühle werden nicht einfach erklärt, sondern durch Klänge und Bilder angedeutet.
Deine Leitfrage: Wie verwandelt das Gedicht eine Winterlandschaft in ein Bild innerer Gefühle?
Quellfassung, Lesefassung und Übersetzung
Quellfassung: Das französische Original
Quellfassung bedeutet hier: der französische Wortlaut von Verlaine. Die folgende Fassung umfasst 24 Verse in sechs Strophen.
Strophe 1 – Verse 1–4
Dans l'interminable
Ennui de la plaine,
La neige incertaine
Luit comme du sable.
Strophe 2 – Verse 5–8
Le ciel est de cuivre
Sans lueur aucune.
On croirait voir vivre
Et mourir la lune.
Strophe 3 – Verse 9–12
Comme des nuées
Flottent gris les chênes
Des forêts prochaines
Parmi les buées.
Strophe 4 – Verse 13–16
Le ciel est de cuivre
Sans lueur aucune.
On croirait voir vivre
Et mourir la lune.
Strophe 5 – Verse 17–20
Corneille poussive
Et vous les loups maigres,
Par ces bises aigres
Quoi donc vous arrive?
Strophe 6 – Verse 21–24
Dans l'interminable
Ennui de la plaine,
La neige incertaine
Luit comme du sable.
Quelle: Französischer Gedichttext auf Wikisource. Die verlinkte Ausgabe stammt von 1891; die Erstveröffentlichung des Gedichtbandes erfolgte 1874.
Hören: Diese Aufnahme spricht das französische Original. Höre besonders auf die Wiederholungen.
Audioaufnahme auf Wikimedia Commons öffnen
Lesefassung: Der deutsche Text
Lesefassung bedeutet hier: eine übersichtlich angeordnete Wiedergabe der historischen deutschen Übersetzung. Sie ist keine neue Übersetzung.
Vorhandene Textseite: Gedicht – Im trauernden Lande – Verlaine, Paul-Marie
Strophe 1 – Verse 1–4
Im trauernden Lande,
Verwischt, ohne Grenzen
Sieht Schnee man erglänzen
Gleich scheinendem Sande.
Strophe 2 – Verse 5–8
Die Sterne versinken
Im kupfernen Äther.
Den Mond sah ich blinken,
Nun stirbt und vergeht er.
Strophe 3 – Verse 9–12
Die wogenden Eichen
Im Nebel, im grauen,
Wie Wolken zu schauen
In nächtlichen Reichen.
Strophe 4 – Verse 13–16
Die Sterne versinken
Im kupfernen Äther.
Den Mond sah ich blinken,
Nun stirbt und vergeht er.
Strophe 5 – Verse 17–20
Ihr Wölfe, ihr Krähen,
Ihr hungernden Horden!
Was bringt euch der Norden
Mit eisigem Wehen?
Strophe 6 – Verse 21–24
In trauerndem Lande,
Verwischt, ohne Grenzen,
Sieht Schnee man erglänzen
Gleich scheinendem Sande.
Textnachweis: Wolf von Kalckreuth, Ausgewählte Gedichte von Paul Verlaine, 1906. Siehe Projekt Gutenberg und Übersetzungsbibliografie UeLEX.
Genau lesen: Vers 1 beginnt mit „Im trauernden Lande“, Vers 21 jedoch mit „In trauerndem Lande“. Die beiden Verse sind ähnlich, aber nicht identisch.

Bildfrage: Auch Claude Monet zeigt eine verschneite Landschaft. Welche Stimmung entsteht durch den Schnee? Achtung: Auf dem Gemälde ist eine Elster zu sehen; Verlaines deutsche Übersetzung nennt Krähen. Bild und Gedicht zeigen nicht dieselbe Szene.
Übersetzung ist nicht Interpretation
Übersetzung: Wolf von Kalckreuth überträgt Verlaines französisches Gedicht ins Deutsche. Dabei verändert sich manches.
Vergleich der Verse 5–8: Im Original steht „Le ciel est de cuivre / Sans lueur aucune“. Das bedeutet ungefähr: Der Himmel ist kupfern und ohne Lichtschein. In der deutschen Fassung heißt es dagegen: „Die Sterne versinken / Im kupfernen Äther.“ Die Sterne stehen nicht in diesen französischen Versen.
Vergleich der Verse 7–8: Das französische „On croirait voir vivre / Et mourir la lune“ beschreibt einen Eindruck, den man haben könnte. Der deutsche Vers „Den Mond sah ich blinken“ fügt ein ausdrückliches Ich hinzu.
Interpretation: Eine Deutung erklärt, was solche Bilder bewirken könnten. Sie ist keine weitere Textfassung. Jede Deutung braucht Belege.
Gedichtanalyse in kurzen Schritten
Wer spricht?
Die deutsche Lesefassung verwendet „man“ in Vers 3 und „ich“ in Vers 7. Das lyrische Ich ist die Stimme im Gedicht. Es ist nicht automatisch mit Paul Verlaine gleichzusetzen.
Textbeleg: „Den Mond sah ich blinken“ (V. 7 und 15).
Deutung: Die Stimme erlebt die Landschaft persönlich. Das kann Einsamkeit verstärken.
Video: Studyflix – Lyrisches Ich einfach erklärt.
Form und Klang
Das Gedicht hat sechs Strophen mit jeweils vier Versen. In der deutschen Fassung kehren die Verse 5–8 als Verse 13–16 vollständig wieder.
In der ersten Strophe hörst du einen umarmenden Reim: „Lande“ passt zu „Sande“, „Grenzen“ zu „erglänzen“. Das Muster lautet abba.
Die zweite Strophe ist näher am Kreuzreim aufgebaut. In der Übersetzung klingt die Verbindung von „Äther“ und „vergeht er“ jedoch nicht ganz rein.
Die Wiederholung kann wirken, als würde die Landschaft stillstehen. Das Gedicht bewegt sich, aber seine bedrückende Stimmung bleibt.
Video: Diego Hagen – Gedichtanalyse: Reimschema bestimmen.
Bilder der Natur
Schnee: „Sieht Schnee man erglänzen / Gleich scheinendem Sande“ (V. 3–4). Der Vergleich macht die Landschaft weit und schwer erkennbar.
Mond: „Nun stirbt und vergeht er“ (V. 8). Das ist eine Personifikation: Der Mond erscheint wie ein Lebewesen. Er stirbt nicht wirklich.

Vergleich mit der Naturwissenschaft: Die Animation zeigt die Mondphasen. Das Gedicht beschreibt dagegen einen subjektiven Eindruck. Erkläre den Unterschied.
Nebel: Die Eichen sind „Wie Wolken zu schauen“ (V. 11). Feste Bäume wirken plötzlich unsicher und schwebend.

Tierwelt: „Ihr Wölfe, ihr Krähen“ (V. 17) ist eine direkte Anrede. Die folgenden Worte „hungernden Horden“ (V. 18) erzeugen ein Gefühl von Gefahr.

Wirkung: Die Bilder müssen nicht einen tatsächlichen Ort zeigen. Sie können Angst, Fremdheit oder eine innere Leere ausdrücken.
Anfang und Ende
Die letzte Strophe greift die erste fast vollständig wieder auf. Im Französischen sind Anfangs- und Schlussstrophe identisch. In der deutschen Fassung gibt es kleine Unterschiede.
Deutungsmöglichkeit: Es scheint keinen Ausweg aus der Winterlandschaft zu geben. Die Stimmung kehrt zurück.

Denkfrage: Eine Animation bewegt sich ständig. Warum kann sich die Stimmung des Gedichts trotzdem wie Stillstand anfühlen?
Einordnung: Internationale Moderne
Symbolistische Gedichte arbeiten oft mit Klang, Andeutungen und vieldeutigen Bildern. Verlaine war ein wichtiger Wegbereiter dieser französischen Strömung.
Im größeren Zusammenhang der literarischen Moderne werden eindeutige Erklärungen häufig durch Eindrücke und offene Fragen ersetzt.
Drei mögliche Deutungen: Die Landschaft kann für Einsamkeit, für Angst oder für einen Zustand ohne Hoffnung stehen. Das sind Vorschläge, keine gesicherten Aussagen über das Leben des Dichters.
Merksatz: Schreibe nicht nur, was Du empfindest. Zeige, welcher Vers Deine Deutung stützt.
Gestufte Hilfen
Hilfe 1 – Leicht: Suche zuerst drei Wörter, die zur Kälte gehören. Beschreibe dann Deine Stimmung beim Lesen.
Hilfe 2 – Standard: Nutze das Muster: „In Vers ... steht ‚...‘. Das sprachliche Mittel ist ... . Es wirkt ... .“
Hilfe 3 – Schwer: Vergleiche eine französische und eine deutsche Stelle. Erkläre, wie die Übersetzung die Sicht auf die Landschaft verändert.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Lies die Versangaben genau. Die Fragen beziehen sich auf die oben gedruckte deutsche Lesefassung, sofern das Original nicht ausdrücklich genannt wird.
Was erglänzt laut Vers 3 in der Landschaft? (Schnee) (!Wasser) (!Feuer) (!Gras)
Was geschieht mit den Sternen in Vers 5? (Sie versinken) (!Sie beginnen zu tanzen) (!Sie fallen auf die Erde) (!Sie werden größer)
Welche Farbe klingt in „kupfernen Äther“ in Vers 6 an? (Kupferrot) (!Grasgrün) (!Schneeweiß) (!Tiefblau)
Welches Wort zeigt in Vers 7 ein persönliches Sprechen? (ich) (!man) (!euch) (!ihr)
Was wird in Vers 8 mit „Nun stirbt und vergeht er“ beschrieben? (Der Mond) (!Eine Eiche) (!Ein Wolf) (!Eine Krähe)
Womit werden die Eichen in Vers 11 verglichen? (Mit Wolken) (!Mit Steinen) (!Mit Wellen) (!Mit Sternen)
Welche Tiere spricht die Gedichtstimme in Vers 17 an? (Wölfe und Krähen) (!Hirsche und Rehe) (!Fische und Frösche) (!Bienen und Schmetterlinge)
Was fällt beim Vergleich der Verse 5–8 und 13–16 auf? (Die gesamte Strophe wird wiederholt) (!Die zweite Stelle ist eine neue Geschichte) (!Alle Tiere verschwinden aus dem Gedicht) (!Die Verse wechseln zur direkten Rede eines Kindes)
Wie ist die deutsche Lesefassung aufgebaut? (Sechs Strophen mit jeweils vier Versen) (!Vier Strophen mit jeweils sechs Versen) (!Drei Strophen mit jeweils acht Versen) (!Zwölf Strophen mit jeweils zwei Versen)
Welche Beobachtung ist beim Vergleich der französischen Verse 5–8 mit der Übersetzung richtig? (Die deutsche Fassung fügt Sterne hinzu) (!Das französische Original nennt ausdrücklich Sterne) (!Die deutsche Fassung lässt den Mond weg) (!Das französische Original beschreibt einen Sonnenaufgang)
Memory
Finde die sechs passenden Begriffspaare.
| Paul Verlaine | Französischer Dichter |
| Wolf von Kalckreuth | Übersetzer der deutschen Fassung |
| Vierzeiler | Strophe aus vier Versen |
| Refrain | Wiederkehr gleicher Verse |
| Personifikation | Vermenschlichung eines Gegenstandes |
| Symbolismus | Dichten mit Klang und Andeutungen |
Drag and Drop
Ordne die Bild- und Formbegriffe der passenden Erklärung zu.
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Erklärung |
|---|---|
| Schnee | Weiße, schwer erkennbare Landschaft |
| Mond | Bild eines scheinbar sterbenden Himmelskörpers |
| Eichen | Bäume, die wie Wolken wirken |
| Wölfe | Angesprochene Tiere der bedrohlichen Landschaft |
| Wiederholung | Erneutes Auftreten einer vollständigen Strophe |
Kreuzworträtsel
| Verlaine | Wie lautet der Nachname des französischen Dichters? |
| Kalckreuth | Wie lautet der Nachname des deutschen Übersetzers? |
| Schnee | Was erglänzt laut Vers drei? |
| Eichen | Welche Bäume erscheinen im Nebel? |
| Krähen | Welche Vögel werden in der deutschen Fassung angesprochen? |
| Norden | Welche Himmelsrichtung wird in Vers neunzehn genannt? |
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Suche weitere Übungen zu Gedichten, Verlaine und Gedichtanalyse. Der folgende Link führt zu einer Suche; er bezeichnet keine eigens erstellte Übung.
Lückentext
Offene Aufgaben
Drei Schreibprojekte in unterschiedlichen Niveaustufen. Jedes Projekt hat vier kleine Arbeitsschritte. Nutze für Zitate immer die oben angegebenen Verse.
Leicht: Mein Leseeindruck
- Leseeindruck: Schreibe fünf bis sieben Sätze darüber, wie die Winterlandschaft auf Dich wirkt.
- Textbeleg: Wähle einen Vers, der besonders gut zu Deinem Eindruck passt, und schreibe ihn genau ab.
- Wortfeld: Sammle vier Wörter aus dem Gedicht, die Kälte, Dunkelheit oder Unsicherheit ausdrücken.
- Überarbeitung: Ergänze Deinen Text um einen Satz mit „Das erkenne ich an Vers ...“.
Standard: Eine Strophe erklären
- Gedichtanalyse: Schreibe einen zusammenhängenden Absatz zur dritten oder fünften Strophe.
- Vergleich: Erkläre die Wirkung der Worte „Wie Wolken zu schauen“ (V. 11).
- Personifikation: Untersuche, wie das scheinbare Sterben des Mondes die Stimmung beeinflusst.
- Schreibkonferenz: Tausche Deinen Text mit einer anderen Person und prüft gemeinsam, ob Deutung und Zitat zusammenpassen.
Schwer: Original und Übersetzung vergleichen
- Übersetzungsvergleich: Schreibe eine kurze Vergleichsanalyse der französischen und der deutschen Verse 5–8.
- Lyrisches Ich: Erkläre, welche Wirkung das zusätzliche „ich“ in der deutschen Fassung hat.
- Symbolismus: Begründe mit zwei Textbelegen, warum das Gedicht zum symbolistischen Dichten passt.
- Argumentation: Beurteile in einem Schlussabsatz, ob die deutsche Fassung die Stimmung des Originals verändert.


Lernkontrolle
Die folgenden Aufgaben prüfen Zusammenhänge und Deine Fähigkeit, eigene Deutungen zu begründen.
- Textinterpretation: Begründe mit zwei Versen, warum die Landschaft zugleich ruhig und bedrohlich erscheinen kann.
- Gedichtvergleich: Vergleiche das Winterbild des Gedichts mit dem Gemälde von Monet. Erkläre dabei auch einen wichtigen Unterschied.
- Literarische Übersetzung: Zeige an den Versen 5–8, warum eine Übersetzung nicht immer Wort für Wort dem Original entspricht.
- Formanalyse: Erkläre, wie die wiederholte zweite und vierte Strophe die Wahrnehmung von Zeit beeinflussen könnte.
- Medienkompetenz: Erläutere, warum die Mondanimation keine Erklärung für das bildliche „Sterben“ des Mondes im Gedicht ist.
- Deutungshypothese: Entwickle eine eigene Deutung des Schlusses. Berücksichtige den kleinen Unterschied zwischen Vers 1 und Vers 21.
Lernnachweis
Du kannst Deinen Lernfortschritt durch eine kurze schriftliche Gedichtanalyse nachweisen. Sie soll folgende Leistungen enthalten:
- Du nennst Autor, Entstehungszusammenhang und Übersetzer korrekt.
- Du unterscheidest Original, historische Übersetzung, Lesefassung und eigene Interpretation.
- Du beschreibst Strophenbau, Wiederholungen und mindestens ein Reimschema.
- Du erklärst mindestens zwei sprachliche Bilder.
- Du verwendest mindestens drei genaue Versbelege mit Versangaben.
- Du formulierst eine eigene, nachvollziehbare Deutung und begründest sie.
- Für Klasse 11–13 vergleichst Du zusätzlich mindestens eine Stelle im Original mit der Übersetzung.
OERs zum Thema
Vorhandene Gedichtseite: Im trauernden Lande – Gedichttext
Textquellen und Vertiefung: Original auf Wikisource, historische deutsche Gedichtsammlung, TextGrid-Repositorium und bibliografischer Nachweis.
Wikipedia: Der folgende Artikel behandelt den Dichter, nicht dieses einzelne Gedicht.
Mediennachweise und Lizenzen
Die folgenden Medien stammen von Wikimedia Commons. Die verlinkten Dateiseiten enthalten die jeweiligen Lizenz- und Quellenangaben. Die Bilder dienen zur Veranschaulichung und sind keine originalen Illustrationen des Gedichts.
- Paul Verlaine – Fotografie von Alcide Allevy: historische Fotografie, gemeinfrei.
- La Pie von Claude Monet: Gemälde, 1868/1869, gemeinfreies Werk.
- Rezitation des französischen Gedichts: Renhour48, CC0 1.0.
- Nebellandschaft mit Bäumen: LBM1948, CC BY-SA 4.0.
- Krähe im Flug: Rorolinus, CC BY-SA 4.0.
- Animation der Mondphasen: NASA, gemeinfrei als Werk einer US-Bundesbehörde.
- Schneeanimation: Oxana59, CC0 1.0.
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