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Gedicht - Notgedrungene Epistel - Bürger, Gottfried August

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Originalwerk · Lesefassung

Notgedrungene Epistel

Bürger, Gottfried August

Wie kümmerlich, trotz seiner Göttlichkeit, · 78 Verse. Mit Quell- und Lesefassung, zitiergestütztem Lesequiz und offenen Schreibaufgaben.

GedichtKlasse 9–10 · 11–131 Abschnitte
Historische Darstellung von Gottfried August Bürger; Kontextbild zur Autorschaft.
Porträt · Gottfried August Bürger · Johann Heinrich Tischbein · Public domain Bildquelle ↗

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Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht kritisch einordnen. Die Stufenzuordnung ist eine Orientierung; Auswahl und Begleitung richten sich nach der Lerngruppe.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 1 von 1

Notgedrungene Epistel

1
Notgedrungene Epistel des berühmten Schneiders Johannes Schere an Seinen großgünstigen Mäcen
2
Wie kümmerlich, trotz seiner Göttlichkeit,
3
Sich oft Genie hier unterm Monde nähre,
4
Beweisen uns die Kepler, die Homere,
5
Und hundert große Geister jeder Zeit
6
Und jeder Erdenzone weit und breit:
7
Doch wahrlich nicht zu sonderlicher Ehre
8
Der undankbaren Menschlichkeit,
9
Die ihnen späte Dankaltäre
10
Und Opfer nach dem Tod' erst weiht.
11
Auch mir verlieh durch Schere, Zwirn und Nadel,
Vorlage S. 226
12
Minerva Kunst und nicht gemeinen Adel.
Vorlage S. 226
13
Allein der Lohn für meine Trefflichkeit
Vorlage S. 226
14
Ist Hungersnot, ein Haderlumpenkleid,
Vorlage S. 226
15
Ist oben ein der schwachen Seelen Tadel,
Vorlage S. 226
16
Und dann ein mal, nach Ablauf dürrer Zeit,
Vorlage S. 226
17
Des Namens Ruhm und Ewigkeit.
Vorlage S. 226
18
Allein was hilft's, wenn nach dem Tode
Vorlage S. 226
19
Mich Leichenpredigt oder Ode
Vorlage S. 226
20
Den größten aller Schneider nennt,
Vorlage S. 226
21
Und ein vergoldet Marmor-Monument,
Vorlage S. 226
22
An welchem Schere, Zwirn und Nadel hangen,
Vorlage S. 226
23
Und Fingerhut und Bügeleisen prangen,
Vorlage S. 226
24
Der späten Nachwelt dies bekennt?
Vorlage S. 226
25
Wenn lebend mich mein Zeitgenosse
Vorlage S. 226
26
Zu Stalle, gleich dem edlen Rosse,
Vorlage S. 226
27
Auf Stroh zu schlafen, von sich stößt,
Vorlage S. 226
28
Und nackend gehn und hungern lässt?
Vorlage S. 226
29
Der Stümper, der zu meinen Füßen kreucht,
Vorlage S. 226
30
Beschmitzet zwar mit seines Neides Geifer,
Vorlage S. 226
31
Weil nicht sein Blick an meine Höhe reicht,
Vorlage S. 226
32
Oft meinen Ruhm, und schreit: Ich sei ein Säufer;
Vorlage S. 226
33
Sei stets bedacht, mein Gütchen zu verthun,
Vorlage S. 226
34
Und lass' indes die edle Nadel ruhn.
Vorlage S. 226
35
O schnöder Neid! Denn überlegt mans reifer,
Vorlage S. 226
36
Gesetzt den Fall, die Lästerung sei wahr,
Vorlage S. 226
37
So ist dabei doch ausgemacht und klar,
Vorlage S. 226
38
Und es bestätigt dies die Menge der Exempel,
Vorlage S. 226
39
Dass solch ein Zug von je und je ein Stempel
Vorlage S. 226
40
Erhabener Genieen war.
Vorlage S. 226
41
Sie binden sich nicht sklavisch an die Regel
Vorlage S. 226
42
Der Lebensart, und fahren auf gut Glück,
Vorlage S. 226
43
So wie der Wind der Laun' in ihre Segel
Vorlage S. 226
44
Just stoßen mag, bald vorwärts bald zurück,
Vorlage S. 226
45
Und lassen das gemeine Volk lavieren.
Vorlage S. 226
46
Sie haben vor den selten Wundertieren
Vorlage S. 226
47
Ein Stärkerrecht, dass man sie sorgsam hegt,
Vorlage S. 226
48
Dankbar bekleidet und verpflegt,
Vorlage S. 226
49
Zu hoch und frei, sich selber zu genieren.
Vorlage S. 226
50
Und wenn der Überfluss verkehrter Welt
Vorlage S. 226
51
Oft Affen, Murmeltier' und Raben,
Vorlage S. 226
52
Und Kakadu und Papagei erhält:
Vorlage S. 227
53
So sollten sie den Leckerbissen haben,
Vorlage S. 227
54
Der von des reichen Tische fällt.
Vorlage S. 227
55
Allein wie karg ist die verkehrte Welt
Vorlage S. 227
56
Für ein Genie mit ihren Gaben!
Vorlage S. 227
57
Willst du davon ein redend Beispiel sehn,
Vorlage S. 227
58
So schau auf mich, großgünstiger Mäcen,
Vorlage S. 227
59
So guck' ein mal, nebst deinem teuern Weibe,
Vorlage S. 227
60
Auf meinen Rock, durch deines Fensters Scheibe,
Vorlage S. 227
61
Und sieh die Luft in hundert Hadern wehn,
Vorlage S. 227
62
Und meinen Leib dem Winter offen stehn!
Vorlage S. 227
63
Sprich selbst ein mal, ist's nicht die größte Schande,
Vorlage S. 227
64
Dass mich, der ich so oft mit seidenem Gewande
Vorlage S. 227
65
Bekleidete des Landes Grazien,
Vorlage S. 227
66
Die Welt nun lässt in Haderlumpen gehn?
Vorlage S. 227
67
Kann dies dich nicht zu mildem Mittleid reizen,
Vorlage S. 227
68
Mit einer Kleinigkeit mir hülfreich beizustehn?
Vorlage S. 227
69
Nein, Menschenfreund, du kannst nicht geizen!
Vorlage S. 227
70
Ich kann getrost auf deine Güte baun.
Vorlage S. 227
71
Mich stärkt von deinen Liebesthaten
Vorlage S. 227
72
So manches Beispiel im Vertraun.
Vorlage S. 227
73
Du kannst, du wirst am besten mich beraten.
Vorlage S. 227
74
So borge dann mir, für ein beßres Kleid,
Vorlage S. 227
75
Zu Schutz und Trutz in dieser rauhen Zeit,
Vorlage S. 227
76
Nur einen lumpigen Dukaten!
Vorlage S. 227
77
Mit Dank bin ich ihn jederzeit
Vorlage S. 227
78
Durch künstliche, durch dauerhafte Nahten,
Vorlage S. 227
79
Abzuverdienen gern bereit.
Vorlage S. 227

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Weil« in diesem Textausschnitt? »Der Stümper, der zu meinen Füßen kreucht, Beschmitzet zwar mit seines Neides Geifer, Weil nicht sein Blick an meine Höhe reicht, Oft meinen Ruhm, und schreit: Ich sei ein Säufer;«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Wenn lebend mich mein Zeitgenosse Zu Stalle, gleich dem edlen Rosse,« B: »Allein wie karg ist die verkehrte Welt Für ein Genie mit ihren Gaben!« C: »Mich stärkt von deinen Liebesthaten So manches Beispiel im Vertraun.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Weil« in diesem Textausschnitt? »Weil nicht sein Blick an meine Höhe reicht,«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

10. Welcher Ausschnitt enthält ausdrücklich einen Grund oder eine daraus gezogene Folge? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗ Textstelle 5 ↗ Textstelle 6 ↗ Textstelle 7 ↗ Textstelle 8 ↗ Textstelle 9 ↗ Textstelle 10 ↗ Textstelle 11 ↗ Textstelle 12 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Beschreibe die Sprechsituation. Was erfährst du über Stimme, angesprochene Person und Umgebung? Belege zwei Beobachtungen mit kurzen Zitaten.

Impulse zur Selbstprüfung

Unterscheide die lyrische Stimme von der biografischen Person. Wo der Text keine eindeutige Angabe macht, formuliere eine begründete Vermutung.

Textstelle nachlesen ↗

2. Untersuche zwei sprachliche Bilder, Wiederholungen oder Klangwirkungen. Welche Wirkung ist an den jeweiligen Stellen plausibel?

Impulse zur Selbstprüfung

Nenne jeweils Vers oder Absatz und Wortlaut; Deutungen können sich unterscheiden, müssen aber zum Text passen.

Textstelle nachlesen ↗

3. Formuliere eine Deutungshypothese und eine mögliche Gegenlesart. Welche Stelle stützt oder begrenzt deine Deutung?

Impulse zur Selbstprüfung

Trenne Textbeobachtung und Interpretation. Eine begründete Gegenlesart ist kein automatisch falsches Ergebnis.

Textstelle nachlesen ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Wähle zwei Wörter aus dem Gedicht. Schreibe damit vier eigene Verse. Du kannst mit „Ich sehe …“ oder „Ich höre …“ beginnen. Reime sind freiwillig.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Kennzeichne den neuen Text als eigene Bearbeitung; belege deine Entscheidungen mit dem Gedicht.

  • Zwei Wörter aus der Vorlage werden aufgegriffen.
  • Eigene Verse und übernommene Zitate sind unterscheidbar.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Schreibe eine eigene Strophe aus einer anderen Perspektive. Übernimm ein sprachliches Bild und verändere es bewusst. Erkläre anschließend kurz, was sich an der Wirkung ändert.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Kennzeichne den neuen Text als eigene Bearbeitung; belege deine Entscheidungen mit dem Gedicht.

  • Die neue Perspektive ist erkennbar.
  • Ein genauer Textbeleg begründet die Gestaltung.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Entwirf ein Antwortgedicht mit einer Gegenposition oder einer heutigen Situation. Begründe zwei sprachliche Entscheidungen mit kurzen Zitaten aus der Vorlage. Unterscheide eigene Deutung und belegbare Beobachtung.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Kennzeichne den neuen Text als eigene Bearbeitung; belege deine Entscheidungen mit dem Gedicht.

  • Die Antwort setzt sich mit konkreten Stellen auseinander.
  • Zwei korrekt gekennzeichnete Zitate stützen die Begründung.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Autorenschaft nach dokumentierten Lebensdaten in Deutschland gemeinfrei. Quellenedition mit Namensnennung übernommen.

Notgedrungene Epistel

Bürgers Gedichte in zwei Teilen. Teil 1: Gedichte 1789. Herausgegeben von Ernst Cosentius, 2. Auflage, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart: Bong, 1914. Bürger, Gottfried August 226- Stuttgart

TextGrid, www.editura.de; Digitale Bibliothek. Die historischen Texte und Übersetzungen bleiben unverändert in der Quellfassung.

Quelltext und Ausgabe ↗ · Originaltext gemeinfrei in Deutschland; annotierte TextGrid-Ausgabe CC BY 3.0 DE Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.