Die gelöschten Kerzen - Meyer, Conrad Ferdinand - Gedichtanalyse
Die gelöschten Kerzen - Meyer, Conrad Ferdinand - Gedichtanalyse
Zielgruppe: Klasse 9–10; Vertiefung für Klasse 11–13. Thema: Realismus, Lyrik, Gedichtanalyse. Umfang: 24 Verse. Erstdruck: 1889 (laut TextGrid).
Einleitung
Zwei Menschen sprechen am warmen Herd: ein alter Feldherr und sein junger Neffe. Erst brennen zwei Kerzen. Dann werden sie ausgeblasen und später wieder angezündet. Warum? Du findest die Antwort durch genaues Lesen.
Originaltext: Vorhandene Gedichtseite auf moocwiki.org. Der Text wird hier nicht ein zweites Mal vollständig abgedruckt.

Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898), Porträt von Karl Stauffer-Bern, 1887.
Quellfassung, Lesefassung, Übersetzung, Interpretation
Quellfassung: Der Wortlaut der TextGrid-Edition steht unter Die gelöschten Kerzen – TextGrid. Diese Edition beruht auf einer Ausgabe von 1968; sie nennt 1889 als Erstdruck. Die Verszahlen 1–24 dieses Kurses beziehen sich auf genau diesen Wortlaut.
Überprüfbare Quellzitate: V. 12: „Ein vergeßnes Flämmchen aus der Asche,“; V. 20: „»Du erlaubst? Nur daß ich nicht erröte!“.
Lesefassung (kleine Rechtschreibhilfe, kein zweiter Volltext): „Ein vergessnes Flämmchen aus der Asche,“ (V. 12) und „Du erlaubst? Nur dass ich nicht erröte!“ (V. 20). Der Sinn bleibt gleich; der erste Beispielsatz behält die verkürzte Versform „vergessnes“. Lies die übrigen Verse auf der verlinkten Textseite.
Übersetzung: Eine Übersetzung überträgt den Text in eine andere Sprache. Hier ist keine fremdsprachige Übersetzung enthalten. Die folgenden einfachen Sätze sind eine Lesehilfe, keine Übersetzung und keine Originalverse.
Interpretation: Eine Deutung erklärt, was Bilder und Handlungen bedeuten könnten. Sie muss mit Versen begründet werden.
Lesefassung in einfacher Sprache: Was geschieht?
V. 1–10: Ein alter Soldat erzählt seinem Neffen von früher. Die Kerzen leuchten.
V. 11–16: Ein kleines blaues Feuer wirkt wie ein „Irrwisch“. Der Neffe fragt plötzlich nach Camargo.
V. 17–21: Der Alte lächelt, bläst beide Kerzen aus und beginnt zu sprechen. Er möchte im Dunkeln nicht erröten.
V. 22–24: Der Neffe zündet beide Kerzen wieder an und fragt nun nach dem Sturm auf Düppel. Das ist die überraschende Wendung.
Wer spricht? Wie ist das Gedicht gebaut?
Ein außenstehender erzählender Sprecher beschreibt eine Szene. Ein „Ich“ als lyrische Hauptfigur steht nicht im Mittelpunkt. Der Feldherr und der Neffe sprechen in direkter Rede.
Der Text hat 24 Verse ohne getrennte Strophen und kein regelmäßiges Endreimschema. Viele Zeilen klingen rhythmisch und enden auf eine unbetonte Silbe. Der Grundrhythmus wirkt oft trochäisch; Betonungen im Gespräch unterbrechen ihn. Ein Zeilensprung verbindet etwa „Wissen willst du“ (V. 17) mit „Das mit der Camargo?“ (V. 18). Lies beide Zeilen ohne Pause.
Lernvideo: Versmaß, Reim und Kadenz – Die Merkhilfe. Es behandelt die Methode, nicht dieses Gedicht.
Licht, Klang und Bildsprache

Die Flamme hilft Dir, den Lichtwechsel zu beobachten.
Der „Irrwisch“ (V. 13–15) springt bildlich auf die Lippen des Jünglings. Das ist eine Personifikation: Ein Flämmchen wirkt wie ein lebendiges Wesen. Wörter wie „zuckt“ (V. 11), „Haucht“ (V. 19) und „glühn“ (V. 21) machen die Szene beweglich und sinnlich.

Ausgeblasene Kerzen: Was ändert sich, wenn Licht fehlt?
Mögliche Deutung A: Das Dunkel bietet dem Alten Schutz vor Verlegenheit. Dafür sprechen das Ausblasen (V. 18–19) und „Nur daß ich nicht erröte!“ (V. 20).
Mögliche Deutung B: Mit dem erneuten Anzünden wechselt das Gespräch von einer wohl privaten Erinnerung zu einem Kriegsthema (V. 22–24). Welche Absicht der Neffe hat, bleibt offen. Der Schluss wirkt deshalb ironisch.
Commons-Zeitlupe: Kerze und Streichholz. Vergleiche die Handlung mit V. 22–23.
Datei:Rauchfaden-Zünd-Versuch.webm Commons-Kurzvideo: Eine gelöschte Kerze wird neu entzündet. Es ist ein Anschauungsbeispiel, kein Film zum Gedicht.
Historischer Kontext: Realismus
Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898) zählt zu den Schweizer Autoren des poetischen Realismus. Um 1850–1890 beschrieben viele Autoren Menschen, Dinge und Alltag genau. Sie gestalteten Wirklichkeit aber auch mit Humor, Symbolen und überraschenden Wendungen. Hier wird eine kleine Gesprächsszene zur Kunst.
Camargo war eine berühmte Tänzerin (1710–1770). Der Sturm auf Düppel gehört zum Deutsch-Dänischen Krieg von 1864. Die beiden Namen verweisen auf weit auseinanderliegende Zeiten. Das Gedicht sagt nicht, was der Feldherr tatsächlich selbst erlebt hat.

Marie Camargo, Stich von Laurent Cars nach Nicolas Lancret, 1731.

Wilhelm Camphausen: Kampf um eine Düppeler Schanze, 1864.
Lernvideo: Realismus als Literaturepoche – Learning by Watching.
Hörprobe und gestufte Hilfen
Hörprobe von Rolf Kaiser: „Zwei Segel“ von Meyer, nicht „Die gelöschten Kerzen“. Achte auf Pausen und Betonung; lies dann das hier behandelte Gedicht selbst.
Hilfe 1 – leicht: Markiere „Kerze“, „Flämmchen“, „Dunkel“ und die beiden Fragen des Neffen.
Hilfe 2 – mittel: Teile die Handlung in V. 1–10, 11–16, 17–21 und 22–24. Notiere pro Abschnitt eine Handlung.
Hilfe 3 – anspruchsvoll: Schreibe: „Das Löschen kann ... bedeuten, denn in V. ... steht ...“. Formuliere danach eine andere mögliche Deutung.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen am Text
Lies zu jeder Frage die angegebene Versstelle in der Quellfassung.
Was wird in „Ein gewalt'ger Herd mit glühnden Kohlen“ (V. 1) beschrieben? (Ein Herdfeuer) (!Ein Schiffsdeck) (!Ein Marktplatz) (!Ein Garten)
„Und zwei hellen Kerzen“ (V. 2): Wie viele Kerzen sind anfangs genannt? (Zwei) (!Drei) (!Vier) (!Fünf)
Wen meint „ein narb'ger Feldherr“ (V. 3)? (Den älteren Gesprächspartner) (!Den jungen Neffen) (!Einen Tänzer) (!Einen Erzähler im Publikum)
„Von Verschollnem oder halb Verschollnem“ (V. 8): Wovon erzählt der Greis? (Von Vergangenem) (!Von einem morgigen Ausflug) (!Von einem Theaterprogramm) (!Von einem neuen Buch)
„Ein vergeßnes Flämmchen aus der Asche“ (V. 12): Woher kommt das Flämmchen? (Aus der Asche) (!Aus einem Fenster) (!Aus einer Laterne) (!Aus einem Brunnen)
„Auf des Jünglings blühend kecke Lippen“ (V. 15): Wohin springt der Irrwisch im Bild? (Auf die Lippen des Jünglings) (!Auf die Hand des Greises) (!Auf das Dach des Hauses) (!Auf einen Säbel)
„Ohm, wie war es denn mit der Camargo?“ (V. 16): Was spricht der Neffe an? (Camargo) (!Düppel) (!Den Herd) (!Die Kerzen)
„Haucht er aus und auch die andre Kerze“ (V. 19): Was tut der Feldherr? (Er löscht beide Kerzen) (!Er öffnet das Fenster) (!Er legt Holz nach) (!Er verlässt das Zimmer)
„Kerze flammt er an und dann die andre“ (V. 23): Was tut der Jüngling? (Er zündet beide Kerzen an) (!Er löscht den Herd) (!Er setzt sich schlafen) (!Er schließt die Tür)
„Ohm, wie war's denn mit dem Sturm auf Düppel?“ (V. 24): Wovon handelt die Schlussfrage? (Von einem Kriegsereignis) (!Von einer Ballettaufführung) (!Von einer Hochzeitsfeier) (!Von einem Hausbau)
Memory
| Camargo | Tänzerin |
| Düppel | Kriegsschauplatz |
| Greis | alter Feldherr |
| Irrwisch | lebhaftes Flämmchen |
| Neffe | junger Gesprächspartner |
| Kerzen | Lichtquellen |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Funktion im Gedicht |
|---|---|
| Herd mit Kohlen | Schauplatz |
| Von weiland | Rückblick |
| Blaues Flämmchen | Anstoß zur neugierigen Frage |
| Kerzen ausblasen | Verdunkelung |
| Sturm auf Düppel | Wechsel zum Kriegsthema |
Kreuzworträtsel
| Kohlen | Was glüht auf dem Herd? |
| Kerzen | Welche Gegenstände löscht der Greis? |
| Neffe | Wie heißt der junge Verwandte des Greises? |
| Asche | Woher kommt das vergessene Flämmchen? |
| Camargo | Welchen Namen nennt der Jüngling zuerst? |
| Düppel | Welcher Ort erscheint in der letzten Frage? |
LearningApps
Die Suche zeigt vorhandene Übungen; sie erstellt keinen zweiten Kurs.
Lückentext
Offene Aufgaben
Wähle eine Aufgabe oder bearbeite alle drei. Nutze nur belegte Verse. Schreibe Zitate genau ab.
Leicht – Beobachten
- Licht-Protokoll: Zeichne drei kleine Felder: Kerzen an, Kerzen aus, Kerzen wieder an. Erkläre jedes Feld mit einem kurzen Satz und passenden Verszahlen. Hilfe: V. 2, 18–19 und 22–23.
Standard – Schreiben
- Dialogvergleich: Schreibe einen Absatz mit sechs bis acht Sätzen über den Greis und den Neffen. Erkläre den Stimmungswechsel mit zwei genauen Verszitaten. Hilfe: V. 16 sowie V. 20–24.
Schwer – Deuten
- Deutungsabsatz: Vergleiche zwei Deutungen der Dunkelheit. Ist sie Schutz vor Scham, ein humorvoller Trick oder beides? Schreibe 180–250 Wörter. Prüfe auch, warum die Frage nach Düppel den Schluss verändert. Hilfe: V. 17–24.


Lernkontrolle
- Perspektivwechsel: Erzähle den Schluss aus der Sicht des Neffen. Trenne klar zwischen Textbeleg und erfundenen Gedanken.
- Lichtsymbol: Erkläre, wie sich die Wirkung der beiden Kerzen durch Löschen und Anzünden verändert.
- Ironie erkennen: Begründe mit zwei Versstellen, warum der Schluss zum Schmunzeln bringen kann.
- Epochenbezug: Zeige, wie eine anschauliche Alltagsszene und eine deutungsoffene Bildsprache zusammenpassen.
- Gegenlesart: Behaupte zunächst, der Neffe sei taktvoll; widersprich Dir danach selbst. Belege beide Sichtweisen.
Lernnachweis
Zeige, dass Du die Szene in eigenen Worten wiedergeben, Sprecher unterscheiden, 24 Verse und den fehlenden Endreim benennen, Lichtbilder und Zeilensprünge erkennen sowie eine Deutung mit mindestens zwei wortgetreuen Zitaten und Verszahlen begründen kannst. Trenne Beobachtung und Vermutung. Nenne Quellfassung und Lesefassung als unterschiedliche Textformen.
OERs zum Thema
Text, keine doppelte Kursseite: Vorhandene Gedichtseite.
Nachprüfbare Quellen: TextGrid-Edition mit vollständigem Gedicht; Historisches Lexikon der Schweiz: Meyer; Royal Academy of Dance: Camargo; Bundesarchiv: Düppel.
Weitere frei zugängliche Hilfe: Wikisource: „Zwei Segel“ mit Hörfassung (ein anderes Meyer-Gedicht).
Wikipedia zum Autor (für dieses einzelne Gedicht ist hier kein eigener Artikel behauptet):
Mediennachweise und Nutzungsrechte
Alle Commons-Dateien sind unverändert eingebunden und über ihre Dateiseiten überprüfbar. Auch bei gemeinfreien Bildern nennen wir die Urheber.
- Meyer-Porträt: Karl Stauffer-Bern, 1887; gemeinfrei (Public Domain).
- Kerzenanimation: Qwestor; gemeinfrei, vom Urheber freigegeben.
- Kerzenrauch: Amos777eligius; CC BY 4.0.
- Kerze und Streichholz: LoKiLeCh; CC BY-SA 3.0 (alternativ GFDL).
- Rauchfaden-Video: Rhetos; CC BY-SA 4.0.
- Camargo-Stich: Laurent Cars nach Nicolas Lancret, Rijksmuseum; CC0 1.0.
- Bild Düppel: Gemälde von Wilhelm Camphausen; gemeinfrei.
- Hörprobe „Zwei Segel“: Rolf Kaiser, LibriVox; gemeinfrei. Nicht als Aufnahme von „Die gelöschten Kerzen“ ausgeben.
Textrechte: Meyers Gedicht ist gemeinfrei. TextGrid stellt seine annotierten Daten unter CC BY 3.0 Deutschland mit Namensnennung „TextGrid“ bereit; diese Lizenz betrifft nicht den zugrunde liegenden gemeinfreien Gedichttext.
Die beiden YouTube-Videos stammen von Die Merkhilfe und Learning by Watching. Sie sind nur eingebettet; eine freie Lizenz für diese Videos wird nicht behauptet. Bei einer Weiterverwendung der Commons-Medien sind die verlinkten Lizenzbedingungen maßgeblich.
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