Die Stunde schlug - Storm, Theodor - Gedichtanalyse
Die Stunde schlug - Storm, Theodor - Gedichtanalyse
Kurzbeschreibung: In Die Stunde schlug von Theodor Storm beginnt ein besonderer Moment zwischen zwei Menschen. Das Gedicht hat 16 Verse in vier Strophen. Du liest den Text von 1885, lernst wichtige Wörter und deutest Gefühle mit Textbelegen.
Für Klasse 7–8 | Fach Deutsch | etwa 2 Unterrichtsstunden
Theodor Storm auf einem Foto von 1886 (Wikimedia Commons, gemeinfrei).
Einleitung
Theodor Storm (1817–1888) war ein deutscher Dichter und Erzähler. Er wurde in Husum geboren. Die Stunde schlug erzählt von Nähe, Unsicherheit und Sehnsucht.
Wichtig: Storm ist der Autor. Das lyrische Ich ist die Stimme im Gedicht. Wir wissen nicht, ob Storm selbst das Erzählte erlebt hat.

Storms Geburtshaus in Husum. Foto: Alexander Dreyer, gemeinfrei.
Lernziele
Nach dem Lernen kannst Du Strophen und Verse zählen, sprachliche Bilder erkennen und Deine Deutung mit kurzen Zitaten und Versnummern begründen.
Der Gedichttext
Quellfassung: Ausgabe von 1885
Theodor Storm: „Die Stunde schlug“
Die Stunde schlug, und deine Hand
Liegt zitternd in der meinen,
An meine Lippen streiften schon
Mit scheuem Druck die deinen.
Es zuckten aus dem vollen Kelch
Elektrisch schon die Funken;
O fasse Mut, und fliehe nicht,
Bevor wir ganz getrunken!
Die Lippen, die mich so berührt,
Sind nicht mehr deine eignen;
Sie können doch, solang du lebst,
Die meinen nicht verleugnen.
Die Lippen, die sich so berührt,
Sind rettungslos gefangen;
Spät oder früh, sie müssen doch
Sich tödlich heimverlangen.
Textgrundlage: Theodor Storm, Gedichte, siebte Ausgabe, Gebrüder Paetel, Berlin 1885, Erstes Buch. Digitaler Nachweis: TextGrid, „Die Stunde schlug“; siehe auch Zeno.org. Der Text ist gemeinfrei. 1885 ist das Jahr dieser Ausgabe, nicht das Entstehungsjahr. TextGrid nennt als Entstehung „wohl 1848“ und als Erstdruck 1852.
Lesefassung: einfach erklärt
Dies ist eine sinngemäße Lesehilfe, kein Originaltext und keine Übersetzung. Das Gedicht ist bereits auf Deutsch geschrieben. Zitate entnimmst Du immer der Quellfassung.
Strophe 1 (Verse 1–4): Zwei Menschen halten sich an den Händen. Eine Hand zittert. Ihre Lippen berühren sich vorsichtig.
Strophe 2 (Verse 5–8): Das lyrische Ich erlebt die Nähe als aufregend. Es fordert die andere Person auf, Mut zu haben und nicht wegzugehen.
Strophe 3 (Verse 9–12): Das Ich glaubt, dass der Kuss beide dauerhaft verbindet. Das ist die Sicht des Ichs.
Strophe 4 (Verse 13–16): Das Ich beschreibt diese Bindung mit dem Bild des Gefangenseins. Es erwartet starke Sehnsucht.
Wort-Hilfe: „scheu“ = schüchtern; „Kelch“ = Trinkgefäß; „eignen“ = eigenen; „verleugnen“ = abstreiten; „heimverlangen“ = sich sehr nach etwas oder jemandem sehnen.
Das Gedicht verstehen
Lernpunkt 1: Ein besonderer Augenblick
„Die Stunde schlug“ (Vers 1) zeigt: Jetzt passiert etwas Wichtiges. „zitternd“ (Vers 2) kann Aufregung oder Unsicherheit ausdrücken. „scheuem Druck“ (Vers 4) klingt vorsichtig.

Animierte Uhr von Grufo: Die Bewegung zeigt das Vergehen der Zeit. Falls das Bild stillsteht, öffne die Originaldatei.
Höre den Glockenklang. Was passt besser zur Stimmung: ein ruhiger oder ein schneller Vortrag?
Glockenklang von Achim55 (CC0); kein Vortrag des Gedichts.

Symbolbild für die Berührung in Vers 1–2: Foto von William Stitt (CC0); keine historische Abbildung des Gedichts.
Lernpunkt 2: Sprachliche Bilder
Der „volle Kelch“ (Vers 5) kann für starke Gefühle stehen. Die „Funken“ (Vers 6) lassen die Nähe spannend erscheinen. Das sind mögliche Deutungen, keine sichtbaren echten Funken im Gedicht.

Ein echter Kelch als Vergleich zum Sprachbild (The Metropolitan Museum of Art, CC0).

Echter elektrischer Funke im Experiment: Foto von Sagadattolembay (CC0). Im Gedicht sind Funken bildlich zu verstehen.
Merkhilfe: Eine Metapher ist ein bildlicher Ausdruck. Frage Dich: Was steht im Text? Was könnte es bedeuten?
Lernpunkt 3: Wer spricht?
An „meinen“ (Vers 2) und „mich“ (Vers 9) erkennst Du die lyrische Stimme. Sie spricht ein „Du“ an. Dieses Du antwortet im Gedicht nicht selbst.
„O fasse Mut, und fliehe nicht“ (Vers 7) klingt wie eine Bitte, kann aber auch drängend wirken. „Sind nicht mehr deine eignen“ (Vers 10) klingt besitzergreifend. Ein Gedicht zeigt die Sicht seiner Stimme; es macht keinen Anspruch auf einen anderen Menschen richtig. Nähe braucht Zustimmung.
Lernvideo von Studyflix zum lyrischen Ich, nicht speziell zu Storm.
Lernpunkt 4: Form und Wirkung
Vier Strophen mit je vier Versen ergeben 16 Verse. Die Endwörter in Vers 2 und 4 klingen oft ähnlich: „meinen“ / „deinen“, „Funken“ / „getrunken“, „gefangen“ / „heimverlangen“. „eignen“ / „verleugnen“ ist kein ganz reiner Reim.
„Die Lippen“ steht am Anfang von Vers 9 und 13. Diese Wiederholung betont die Nähe. „rettungslos gefangen“ (Vers 14) und „tödlich“ (Vers 16) wirken übertrieben stark. Sie müssen nicht wörtlich gemeint sein.
Lernvideo von Diego Hagen: Verse, Strophen und Reime. Übung: Vergleiche die Beispiele mit Storms Versenden.
Lernpunkt 5: Bilder vergleichen

Francesco Hayez: „Der Kuss“ (1859), gemeinfrei. Das Gemälde ist ein Vergleichsbild, keine Illustration Storms.
Vergleichsfrage: Was zeigt das Bild deutlich? Was erfahren wir nur durch Storms Wörter? Trenne Bildbeobachtung und Gedichtdeutung.
Drei Hilfen für Deine Analyse
Hilfe 1 – Finden: Suche ein Wort zu Gefühlen. Markiere die Stelle und notiere die Versnummer.
Hilfe 2 – Erklären: Schreibe: „In Vers ... steht ,...‘. Das könnte ... bedeuten.“
Hilfe 3 – Deuten: Ergänze: „Dadurch wirkt die Stimmung auf mich ...“. Auch eine andere Deutung ist möglich, wenn Du sie begründest.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Zitiergestütztes Lesequiz: Lies die genannten Verse der Quellfassung. Wähle jeweils eine richtige Antwort.
Wie viele Verse hat das Gedicht in der Quellfassung? (Sechzehn) (!Zwölf) (!Acht) (!Zwanzig)
Wessen Hand liegt laut Vers 1–2 zitternd in einer anderen Hand? (Die Hand des angesprochenen Du) (!Die Hand eines Kindes) (!Die Hand eines Königs) (!Die Hand eines Fremden am Meer)
Welche Körperteile berühren sich in Vers 3–4? (Die Lippen) (!Die Füße) (!Die Stirnen) (!Die Schultern)
Welche Stimmung kann „scheuem Druck“ in Vers 4 ausdrücken? (Vorsicht und Unsicherheit) (!Offenen Zorn) (!Großen Übermut) (!Völlige Gleichgültigkeit)
Welches Gefäß nennt Vers 5 ausdrücklich? (Einen Kelch) (!Einen Krug) (!Eine Schale) (!Einen Eimer)
Was zuckt laut Vers 5–6 aus dem vollen Kelch? (Funken) (!Blumen) (!Federn) (!Blätter)
Wozu fordert die Stimme in Vers 7 auf? (Mut zu fassen) (!Laut zu lachen) (!Ein Lied zu singen) (!Sofort zu schlafen)
Welche Wörter stehen am Anfang von Vers 9 und 13? (Die Lippen) (!Die Stunde) (!Deine Hand) (!O fasse)
Was kann „rettungslos gefangen“ in Vers 14 bildlich ausdrücken? (Eine sehr starke Bindung) (!Eine echte Gefängnisstrafe) (!Einen schweren Sturm) (!Eine Reise mit der Bahn)
Was ist bei „mich“ in Vers 9 zu beachten? (Es spricht die lyrische Stimme und nicht automatisch der Autor) (!Es ist sicher ein Tagebucheintrag von Storm) (!Es spricht eine Uhr) (!Es gibt gar keine sprechende Stimme)
Memory
Finde die sechs passenden Begriffspaare.
| Vers | Einzelne Gedichtzeile |
| Strophe | Abschnitt aus mehreren Versen |
| Lyrische Stimme | Sprechende Instanz im Gedicht |
| Kelch | Bild für starke Gefühle |
| Funken | Bild für aufregende Nähe |
| Textbeleg | Kurzes Zitat mit Versangabe |
Drag and Drop
Ordne jedem Wort aus dem Gedicht eine passende Bedeutung oder Wirkung zu.
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Mögliche Bedeutung |
|---|---|
| zitternd | Unsicherheit |
| Kelch | Gefühlsfülle |
| Funken | Aufregung |
| O fasse Mut | Aufforderung |
| heimverlangen | Sehnsucht |
Kreuzworträtsel
| Storm | Wie heißt der Nachname des Autors? |
| Lippen | Was berührt sich in der ersten Strophe? |
| Kelch | Welches Trinkgefäß wird bildlich genannt? |
| Funken | Was zuckt in der zweiten Strophe? |
| Strophe | Wie heißt ein Abschnitt aus mehreren Gedichtzeilen? |
| Sehnsucht | Welches Gefühl kann das Wort heimverlangen ausdrücken? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Diese Schreib- und Gestaltungsaufgaben werden nicht automatisch bewertet. Entscheidend sind Deine Ideen und passende Textbelege. Nutze bei Bedarf die drei Hilfen weiter oben.
Leicht
- Vorlesen: Lies eine Strophe langsam und danach schnell. Schreibe zwei Sätze über die andere Wirkung.
- Wörter erklären: Wähle „scheu“, „Kelch“ und „heimverlangen“. Schreibe je eine einfache Erklärung.
- Strophentitel: Gib jeder Strophe eine kurze Überschrift. Erkläre eine Deiner Entscheidungen.
- Gefühlswörter: Schreibe drei Gefühle auf, die zur ersten Strophe passen könnten. Belege eines mit einem Wort aus dem Text.
Standard
- Kurzinhalt: Gib das Gedicht in vier eigenen Sätzen wieder, ohne es wörtlich abzuschreiben.
- Bild und Gedicht: Vergleiche das Gemälde von Hayez mit Vers 3–4. Schreibe zwei Gemeinsamkeiten und einen Unterschied.
- Antwort des Du: Schreibe eine kurze Antwort aus der Sicht des angesprochenen Du. Es darf zustimmen, zweifeln oder ablehnen.
- Kelch und Funken: Erkläre beide Bilder in je zwei Sätzen. Nenne die Versnummern.
Schwer
- Mini-Interpretation: Schreibe 100 bis 130 Wörter zur Stimmung des Gedichts. Nutze mindestens zwei kurze Zitate.
- Gegenstrophe: Schreibe vier Verse aus der Sicht des Du. Zeige dabei deutlich seine eigene Entscheidung.
- Zwei Deutungen: Schreibe einen kurzen Text: Wirkt „fliehe nicht“ eher liebevoll oder drängend? Begründe beide Sichtweisen und entscheide Dich.
- Fassung vergleichen: Vergleiche die Quellfassung und die einfache Lesefassung. Nenne zwei Details, die beim Vereinfachen verloren gehen.


Lernkontrolle
Arbeite schriftlich. Hier kommt es auf begründete Gedanken und nicht nur auf auswendig gelernte Wörter an.
- Beleg oder Deutung: Unterscheide in zwei eigenen Beispielen, was wörtlich im Gedicht steht und was Du daraus schließt.
- Andere Sicht: Erkläre, warum das Du Vers 7 anders verstehen könnte als das lyrische Ich.
- Wirkung: Ersetze die Funken-Metapher durch einen sachlichen Satz. Beschreibe, was dadurch verloren geht.
- Übertragung: Erkläre an einem anderen kurzen Gedicht, wie Du die sprechende Stimme erkennst. Setze sie nicht automatisch mit der Autorin oder dem Autor gleich.
- Historischer Text: Erkläre, warum Du aus der Ausgabe von 1885 nicht schließen darfst, dass das Gedicht erst 1885 entstand.
- Bild und Text: Begründe, warum das Gemälde von 1859 eine Vergleichshilfe, aber kein Beleg für den genauen Inhalt des Gedichts ist.
Lernnachweis
Zeige an einer selbst geschriebenen kurzen Gedichtanalyse, dass Du
- Autor, Titel und Ausgabe korrekt nennen kannst.
- vier Strophen und 16 Verse erkennst.
- die lyrische Stimme vom echten Autor unterscheidest.
- mindestens zwei sprachliche Bilder erklärst.
- eine eigene Deutung mit zwei kurzen Zitaten und Versnummern begründest.
- Quelltext und vereinfachte Lesefassung auseinanderhältst.
Tipp: Ein guter Satz lautet: „In Vers ... heißt es ,...‘. Das könnte zeigen, dass ...“.
OERs zum Thema
Originaltext und Nachweise:
- TextGrid: „Die Stunde schlug“, Ausgabe 1885
- TextGrid: Werkdaten mit Entstehungs- und Erstdruckhinweis
- Zeno.org: Ausgabe 1885
- Lesedusche: „Die Stunde schlug, und deine Hand“ (Track 03) – externe Hörlesung; keine freie Nachnutzungslizenz nachgewiesen, deshalb nur verlinkt.
Hintergrundartikel: Der Wikipedia-Eintrag handelt vom Autor, nicht speziell von diesem Gedicht.
Mediennachweise und Rechte
Die folgenden Medien stammen von Wikimedia Commons. Bilder und Klang sind Lernhilfen, keine Aufnahmen der geschilderten Szene. Die jeweilige Dateiseite nennt die Lizenz; Dateien wurden für diesen aiMOOC nicht verändert.
- Porträt, 1886 – Fotograf nicht benannt; gemeinfrei.
- Geburtshaus – Alexander Dreyer; gemeinfrei freigegeben.
- Animierte Uhr – Grufo; GNU LGPL 3.0 oder später. Animation kann in einer Vorschau stillstehen.
- Glockenklang – Achim55; CC0 1.0.
- Hände – William Stitt; CC0 1.0.
- Kelch – The Metropolitan Museum of Art; CC0 1.0.
- Elektrischer Funke – Sagadattolembay; CC0 1.0.
- Gemälde „Der Kuss“ – Francesco Hayez, 1859; gemeinfrei.
- YouTube: Studyflix: Lyrisches Ich und Diego Hagen: Reimschema bestimmen. Nur verlinkt/eingebettet, nicht als frei lizenzierte OER ausgegeben.
- Gedicht: Theodor Storm (gestorben 1888), gemeinfrei. TextGrid-Digitalisierung: Quellenangabe oben; die CC-BY-3.0-DE-Lizenz von TextGrid betrifft den annotierten Datenbestand, nicht Storms gemeinfreien Text.
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