Die Siechenden - Lichtenstein, Alfred - Gedichtanalyse
Einleitung
Die Siechenden - Lichtenstein, Alfred - Gedichtanalyse
Kurzbeschreibung: „Verschüttet ist unser Sterbegesicht“ – ein Gedicht mit 16 Versen über Krankheit, Betäubung und die Nähe des Todes. Du liest den Wortlaut, untersuchst die Sprache und entwickelst eine eigene Deutung.
Für wen? Klasse 9–10; mit Vertiefungsaufgaben auch Klasse 11–13. Zeitbedarf: etwa 45–60 Minuten. Hinweis: Der Text spricht über Krankheit und Sterben.

Alfred Lichtenstein (Foto von 1914; Wikimedia Commons, Fotograf unbekannt, gemeinfrei).
Gedichttext und Textsorten
Quellfassung: geprüfter Text
Vorhandene Gedichtseite: Gedicht – Die Siechenden – Lichtenstein, Alfred.
Textquelle: TextGrid: „Die Siechenden“. Die digitale Edition gibt das Gedicht mit 16 Versen wieder. Laut TextGrid entstand es 1912; der Erstdruck erschien am 1. September 1913 im Berliner Tagblatt. Die angezeigte TextGrid-Edition beruht auf einer späteren Ausgabe (1962), nicht auf einem hier abgebildeten Originaldruck von 1913.
Wichtig: Eine Quellfassung nennt die Herkunft des Wortlauts. Die folgende Lesefassung ergänzt nur Versnummern. Alle zitierten Verse beziehen sich auf den nachgewiesenen TextGrid-Wortlaut.

Titelblatt von Lichtensteins Gedichtheft „Die Dämmerung“ (1913). Das Bild zeigt nicht den Erstdruck von „Die Siechenden“. Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Lesefassung: 16 Verse mit Nummern
- V. 1 Verschüttet ist unser Sterbegesicht
V. 2 Von Abend und Schmerzen und Lampenlicht.
- V. 3 Wir sitzen am Fenster und sinken hinaus,
V. 4 Fern schielt noch Tag auf ein graues Haus.
- V. 5 Unser Leben spüren wir kaum ...
V. 6 Und die Welt ist ein Morphiumtraum ...
- V. 7 Der Himmel senkt sich nebelblind.
V. 8 Der Garten erlischt im dunklen Wind –
- V. 9 Kommen die Wächter herein,
V. 10 Heben uns in die Betten hinein,
- V. 11 Stechen uns Gifte ein,
V. 12 Töten den Lampenschein.
- V. 13 Hängen Gardinen vor die Nacht ...
V. 14 Sind verschwunden sanft und sacht – – –
- V. 15 Manche stöhnen, doch keiner spricht,
V. 16 Schlaf versargt uns das Gesicht.
Lies erst langsam. Markiere Wörter für Dunkelheit, Krankheit und Schlaf.
Übersetzung, Verständnishilfe und Interpretation
Übersetzung: Das Original ist bereits deutsch. Hier gibt es keine geprüfte Übersetzung in eine andere Sprache.
Verständnishilfe in einfacher Sprache (keine Übersetzung): Schwer kranke Menschen sprechen gemeinsam. Sie fühlen sich benommen. Andere bringen sie zu Bett, geben ihnen Spritzen und löschen das Licht. Am Schluss erinnert der Schlaf an den Tod.
Interpretation bedeutet mehr als Nacherzählen: Du erklärst, wie Wörter wirken, und belegst Deine Idee mit Versnummern. Zum Beispiel lässt „versargt“ (V. 16) an einen Sarg denken. Das heißt nicht, dass der Tod im Gedicht eindeutig eingetreten ist.
Gedichtanalyse
Lyrisches Sprechen und Ort
In V. 3 heißt es „Wir sitzen am Fenster“. Eine Wir-Stimme spricht für mehrere Kranke. Sie ist nicht automatisch mit dem Autor gleichzusetzen. „Wir sitzen am Fenster und sinken hinaus“ (V. 3) kann ein Gefühl des Weggleitens ausdrücken. „Betten“ (V. 10) und „Wächter“ (V. 9) lassen an eine Krankenstation denken. Das Wort Krankenhaus steht jedoch nicht im Gedicht.

Historische Krankenstation in Göteborg (1910): Vergleichsbild, keine Aufnahme zum Gedicht. Medizinisches Geschichtsmuseum Göteborg / Wikimedia Commons, Fotograf unbekannt, gemeinfrei.
Form und Klang
Der Text hat 16 Verse und wird in der TextGrid-Wiedergabe in acht Zweizeilern gesetzt. Oft reimen sich zwei Zeilen: „Sterbegesicht“ / „Lampenlicht“ (V. 1–2). In V. 9–12 häufen sich Endklänge auf „-ein“: „herein“, „hinein“, „ein“, „Lampenschein“. Die Zeilen werden dort kürzer. Das kann wie eine schnelle Folge von Handlungen klingen. Ein durchgehend gleichmäßiges Versmaß solltest Du nicht einfach voraussetzen.
Bildsprache und Wirkung
„Fern schielt noch Tag“ (V. 4) gibt dem Tag menschliche Eigenschaften: eine Personifikation. „Morphiumtraum“ (V. 6) ist ein starkes Bild für benommene Wahrnehmung. „Der Garten erlischt“ (V. 8) lässt die Natur wie ein Licht ausgehen. Das seltene Verb „versargt“ (V. 16) verbindet Schlaf mit einem Sarg. Das Wort „Gesicht“ in V. 1 und 16 rahmt das Gedicht. Auffällig: Obwohl „keiner spricht“ (V. 15), gibt es eine gemeinsame Stimme im Text.

Edvard Munch, „Das kranke Kind“ (Fassung von 1925). Vergleiche den Ausdruck von Krankheit und Schmerz mit V. 1–6. Munch-Museum / Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Deutungen: Was bleibt offen?
Mögliche Lesart 1: Die Kranken erleben Hilflosigkeit. Dafür sprechen „Unser Leben spüren wir kaum“ (V. 5) und die Handlungen der „Wächter“ (V. 9–14).
Mögliche Lesart 2: Das Gedicht zeigt eine Grenze zwischen Schlaf und Tod. „Schlaf versargt uns das Gesicht“ (V. 16) verbindet beide Vorstellungen.
Offene Frage: „Stechen uns Gifte ein“ (V. 11) zeigt die belastete Sicht der Sprechenden. Der Vers beweist nicht, dass Pflegekräfte absichtlich vergiften. Begründe Deine Lesart mit dem Text.
Moderne und Expressionismus
Alfred Lichtenstein (1889–1914) wird dem Expressionismus zugerechnet, einer Strömung der literarischen Moderne. Viele Werke zeigen Angst, Krankheit, fremde Wirklichkeit und starke Sprachbilder. Dieses Gedicht entstand vor dem Ersten Weltkrieg: Seine Krankenszene darf nicht ohne Beleg als Kriegserlebnis ausgegeben werden.

Ernst Ludwig Kirchner, „Die Straße“ (1913). Andere Szene, ähnliche Epoche: Wie wirken die Menschen im Bild? Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Studyflix: „Expressionismus Gedichte“ – Merkmale und Aufbau einer Gedichtanalyse.
musstewissen Deutsch: „Lyrisches Ich“ – Hilfe zum Unterschied zwischen Sprecher und Autor.
Hören und bewegte Bilder
Audio: Aussprache von „Expressionismus“, keine Lesung des Gedichts. Jeuwre, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Datei:Die geheimnisvolle Streichholzdose (1910).webm Historische Stop-Motion-Animation (1910) von Guido Seeber; nicht eine Verfilmung des Gedichts. Sie zeigt, dass Künstlerinnen und Künstler der Moderne auch mit bewegten Bildern experimentierten. Wikimedia Commons, gemeinfrei.
musstewissen Deutsch: „Literaturepochen im Überblick“ – zur zeitlichen Einordnung.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Beantworte jede Frage mithilfe der genannten Verse.
Was ist laut V. 1 „verschüttet“? (Unser Sterbegesicht) (!Der Garten) (!Das graue Haus) (!Der Himmel)
Welche Sprecherform erkennst Du an „Wir sitzen“ in V. 3? (Eine Wir-Stimme) (!Eine Er-Stimme) (!Eine direkte Anrede an ein Du) (!Eine reine Erzählerstimme in der dritten Person)
Welches Stilmittel steckt in „Fern schielt noch Tag“ in V. 4? (Personifikation) (!Sachliche Messung) (!Wörtliche Ortsangabe) (!Aufzählung von Personen)
Was sagen die Sprechenden über ihr Leben in V. 5? (Sie spüren es kaum) (!Sie feiern es laut) (!Sie verlassen freiwillig das Haus) (!Sie beginnen einen Spaziergang)
Mit welchem Wort wird die Welt in V. 6 beschrieben? (Morphiumtraum) (!Sommertraum) (!Feuersturm) (!Morgenlicht)
Was „erlischt“ in V. 8? (Der Garten) (!Das Fenster) (!Der Himmel) (!Das Haus)
Wer kommt in V. 9 herein? (Die Wächter) (!Die Kinder) (!Die Nachbarn) (!Die Dichter)
Wohin werden die Sprechenden nach V. 10 gehoben? (In die Betten) (!Auf die Straße) (!In den Garten) (!Auf das Dach)
Was wird in V. 12 „getötet“? (Der Lampenschein) (!Ein Fenster) (!Das graue Haus) (!Der Gartenzaun)
Woran erinnert das Wort „versargt“ aus V. 16 besonders? (An einen Sarg und den Tod) (!An einen hellen Morgen) (!An einen Spaziergang) (!An ein offenes Fenster)
Memory
| Wir-Stimme | Mehrere lyrisch Sprechende |
| Morphiumtraum | Benommene Wahrnehmung |
| Personifikation | Menschliche Eigenschaft für den Tag |
| Gardinen | Abgrenzung von der Nacht |
| Versargt | Bild des Sarges |
| Endreim | Gleicher Klang am Versende |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Bedeutung im Gedicht |
|---|---|
| Wir-Stimme | Eine Gruppe spricht |
| Wächter | Personen, die in den Raum kommen |
| Morphiumtraum | Bild für benommene Wahrnehmung |
| Personifikation | Der Tag bekommt menschliche Eigenschaften |
| Versargt | Der Schlaf wird mit Tod verbunden |
Kreuzworträtsel
| FENSTER | Wo sitzen die Sprechenden laut Vers drei? |
| GARTEN | Was erlischt laut Vers acht? |
| SCHLAF | Was versargt am Ende das Gesicht? |
| MORPHIUMTRAUM | Als was erscheint die Welt in Vers sechs? |
| GARDINEN | Was wird laut Vers dreizehn vor die Nacht gehängt? |
| LAMPENSCHEIN | Was töten die Wächter laut Vers zwölf? |
LearningApps
Suche nach vorhandenen Übungen. Es wird keine neue Kopie angelegt.
Lückentext
Gestufte Hilfen
Hilfe 1 – Finde: Markiere „wir“ (V. 3), „kaum“ (V. 5), „Wächter“ (V. 9) und „versargt“ (V. 16).
Hilfe 2 – Frage: Wer handelt? Wer wird behandelt? Welche Stimmung entsteht dadurch?
Hilfe 3 – Satzanfang: „Das Wort ‚…‘ in Vers … wirkt …, weil … . Deshalb könnte das Gedicht … zeigen.“
Offene Aufgaben
Leicht
- Inhalt in eigenen Worten: Schreibe 80–100 Wörter zum Ablauf des Gedichts. Nenne mindestens zwei genaue Versangaben. Nutze bei Bedarf Hilfe 1.
Standard
- Bildsprache erklären: Schreibe 120–160 Wörter zu „Morphiumtraum“ (V. 6) und „versargt“ (V. 16). Beschreibe die Wirkung und entwickle eine Deutung. Nutze bei Bedarf Hilfe 2.
Schwer
- Deutung begründen: Schreibe 180–240 Wörter zur Frage „Sind die Wächter Helfer oder wirken sie bedrohlich?“. Unterscheide Beobachtung und Interpretation, zitiere mindestens drei Verse und prüfe eine Gegenlesart. Nutze bei Bedarf Hilfe 3.


Lernkontrolle
- Perspektivwechsel: Erkläre, wie sich die Wirkung ändern würde, wenn statt „wir“ ein einzelnes „ich“ spräche.
- Klang und Handlung: Deute, warum die vielen „-ein“-Klänge in V. 9–12 zur Handlung passen könnten.
- Bild und Bedeutung: Vergleiche die Deutungen von „Morphiumtraum“ (V. 6) und „versargt“ (V. 16).
- Beleg oder Behauptung: Prüfe den Satz „Die Wächter wollen die Kranken töten“ anhand von V. 9–12. Was ist belegt und was nicht?
- Epochenvergleich: Vergleiche ein Bild von Munch oder Kirchner mit der Stimmung im Gedicht, ohne beide Werke gleichzusetzen.
Lernnachweis
Für Deinen Lernnachweis verfasst Du eine kurze, verständliche Gedichtinterpretation. Sie enthält eine Einleitung mit Autor und Titel, eine begründete Aussage über die Wir-Stimme, mindestens drei richtige Versbelege, eine Erklärung zu Form oder Klang, eine Erklärung der Bildsprache und eine vorsichtig formulierte Deutung. Unterscheide Originaltext, Verständnishilfe und eigene Interpretation. Bei Bildnutzung nenne Quelle, Urheber und Lizenz.
OERs zum Thema
Bestehende Textangebote: Gedichttext auf moocwiki.org, TextGrid-Edition mit Quellenangaben, Planet Wissen: Expressionismus.
Wikipedia-Hintergrund: Alfred Lichtenstein, Expressionismus, Lyrik.
Medien- und Lizenznachweise
Die folgenden Werke sind von Wikimedia Commons eingebunden; sie wurden nicht neu erzeugt. Die Beschreibungsseiten dokumentieren Quelle und Rechte:
- Alfred Lichtenstein 1914.jpg: Fotograf unbekannt, 1914; gemeinfrei.
- Die Dämmerung, Titelblatt 1913: Alfred Lichtenstein, Reproduktion; gemeinfrei.
- Hospital ward 1910.tif: Fotograf unbekannt, Medizinisches Geschichtsmuseum Göteborg; gemeinfrei laut Commons.
- Das kranke Kind: Edvard Munch, 1925; Munch-Museum; gemeinfrei.
- Die Straße: Ernst Ludwig Kirchner, 1913; gemeinfrei.
- De-Expressionismus.ogg: Tonaufnahme von Jeuwre; CC BY-SA 4.0; unverändert eingebunden.
- Die geheimnisvolle Streichholzdose: Animation von Guido Seeber, 1910; gemeinfrei.
YouTube: Die Lernvideos stammen von Studyflix und musstewissen Deutsch; sie werden nur eingebettet, nicht als freie OER-Dateien ausgegeben. Die Nutzungsrechte liegen bei den jeweiligen Rechteinhabern.
Textrecht: Alfred Lichtenstein starb 1914; sein Gedicht ist gemeinfrei. TextGrid kennzeichnet seine Annotationen und Metadaten mit CC BY 3.0 DE (Namensnennung: TextGrid); dies gilt nicht für den gemeinfreien Gedichttext.
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