Die Musik kommt - Tucholsky, Kurt - Gedichtanalyse
Einleitung
Die Musik kommt - Tucholsky, Kurt - Gedichtanalyse
Zielgruppe: Klasse 9–10 und 11–13
Thema: Gedichtanalyse, Satire, Literarische Moderne und Expressionismus
Lernzeit: etwa 45–60 Minuten
Das Gedicht „Die Musik kommt“ von Kurt Tucholsky erschien am 9. Oktober 1913 unter dem Namen Theobald Tiger in der Zeitschrift Die Schaubühne. Es besteht aus 20 Versen.
Mit Humor und Ironie beschreibt Tucholsky die Welt der Musik. Er macht sich über laute Auftritte, angebliche Wunderkinder und das Geschäft mit Konzerten lustig.
Du lernst, den Text genau zu lesen, sprachliche Mittel zu erkennen und Deine Deutung mit Verszitaten zu begründen.

Kurt Tucholsky, Paris 1928. Quelle: Wikimedia Commons, Sonja Thomassen, GNU FDL 1.2.
Das Gedicht lesen
Quellfassung
Die erste Veröffentlichung erfolgte am 9. Oktober 1913 in Die Schaubühne, Nr. 41, Seite 981.
Eine überprüfbare historische Fassung steht im Gedichtband Fromme Gesänge von 1919, Seite 82.

Originalquelle: Die Musik kommt – Wikisource
Originalscan: Wikimedia Commons, Buchseite 82
Der Originaltext enthält ältere Schreibweisen wie „daß“. Auch ungewöhnliche Wörter und Schreibungen gehören zum Gedicht.
Wichtig: 1913 ist das Jahr der Erstveröffentlichung. 1919 erschien der spätere Sammelband.
Lesefassung
Hier findest Du die vorhandene Textseite mit dem Gedicht:
Die Musik kommt – vollständiger Gedichttext
Der Text wird hier nicht nochmals vollständig abgeschrieben. So bleiben Textgrundlage und Lernkurs getrennt.
Leseauftrag: Lies alle 20 Verse. Nummeriere sie von 1 bis 20. Achte auf Wörter, die besonders laut, komisch oder übertrieben klingen.
Vergleiche die Lesefassung bei Bedarf mit der historischen Quellfassung. Verändere bei Zitaten keine ungewöhnlichen Wörter des Originals.
Übersetzung und Worterklärungen
Das Gedicht wurde auf Deutsch geschrieben. Eine Übersetzung in eine andere Sprache ist für diesen Kurs nicht nötig.
Die folgenden Worterklärungen sind eine Lesehilfe, keine Übersetzung und keine neue Textfassung.
- Spinett: Ein historisches Tasteninstrument.
- Sopran: Eine hohe Singstimme.
- Tremolo: Das schnelle Wiederholen oder Schwanken eines Tons.
- Ironie: Man sagt etwas auf eine Weise, die eine andere, oft kritische Bedeutung erkennen lässt.
- Satire: Kritik an Menschen oder gesellschaftlichen Zuständen durch Spott, Übertreibung und Humor.
Das Wort „Muhsikpädagoge“ in Vers 15 spielt hörbar mit dem Wort „Musik“. Es kann zusätzlich an das Muhen einer Kuh erinnern.
Gedichtanalyse
Inhalt und lyrisches Sprechen
Das Gedicht zeigt eine Welt voller Musikunterricht, Künstler, Gesang und Konzerte.
Eine sprechende Figur beobachtet diese Welt mit Spott. Sie spricht Eleonore direkt an:
„Du siehst mich lächelnd an, Eleonore –“ (V. 9)
Die Stimme wirkt freundlich, ist aber häufig ironisch. In den Versen 11–12 macht sie sich über Eleonores Gesang lustig.
Merke: Das lyrische Ich ist die Stimme im Gedicht. Es ist nicht automatisch mit Kurt Tucholsky gleichzusetzen.
Form und Reim
Das Gedicht besitzt fünf Strophen mit jeweils vier Versen.
Die Strophen sind überwiegend im Kreuzreim gestaltet. In der ersten Strophe reimen sich „lehrte“ und „ehrte“ sowie „Krachkorsett“ und „Spinett“ (V. 1–4).
Der Rhythmus wirkt oft jambisch, ist aber nicht völlig gleichmäßig. Einige lange oder ungewöhnliche Wörter verändern den Lesefluss.

Animation von Klaviertasten. Quelle: Wikimedia Commons, Adwiii, gemeinfrei.
Hörauftrag: Lies die Verse 5–8 laut. Wie verändert sich Deine Stimme bei „Pranken“ und „Mischka“?
Klang und Wortwahl
Tucholsky verwendet auffällige Wörter:
„mit ihren Pranken auf die Flügel ein“ (V. 6)
„Pranken“ erinnert an die Vorderpfoten großer Tiere. Die Klavierspieler wirken dadurch grob und übermächtig.
„und auch der Muhsikpädagoge selber / stund auf und tremolieretee …“ (V. 15–16)
Die verlängerte Wortform „tremolieretee“ erzeugt einen komischen Klang. Sie lässt sich beim lauten Lesen als übertriebener musikalischer Effekt gestalten.

Animation einer schwingenden Saite: Ilya Voyager, Wikimedia Commons, CC0.
Hörvergleich: Die folgenden Aufnahmen sind heutige beziehungsweise spätere Klangbeispiele, keine historischen Tonaufnahmen des Gedichts.
Johann Sebastian Bach – Präludium in c-Moll, BWV 847
Joseph Haydn – Gott erhalte Franz den Kaiser, Klavierbearbeitung
Ludwig van Beethoven – Violinsonate Nr. 2, erster Satz
Denke nach: Welche Unterschiede gibt es zwischen der Musik selbst und der übertriebenen Darstellung der Musiker im Gedicht?
Bildsprache und Ironie
Tucholsky übertreibt bewusst.
In Vers 5 nennt er die Pianisten „löwenmähnige Meister“. Das kann an wilde, beeindruckend auftretende Künstler erinnern.
In den Versen 7–8 erscheint „Mischka“, der angeblich erst sieben Jahre alt ist. Das Wort „soll“ zeigt, dass diese Altersangabe als Behauptung wiedergegeben wird.
Am Ende stehen die Worte:
„doch mit Gewinn: nur sechseinhalb Prozent.“ (V. 20)
Plötzlich geht es um Geld. Die Musik erscheint auch als Geschäft.
Die Zahl ist eine Pointe im Gedicht. Sie darf nicht ohne weitere Quelle als echte historische Gewinnangabe verstanden werden.
Deutungsmöglichkeiten
Deutung 1 – Kritik am Musikbetrieb: Tucholsky verspottet übertriebene Auftritte und musikalische Selbstdarstellung. Dazu passen die „Pranken“ in Vers 6.
Deutung 2 – Gesellschaftskritik: Vielleicht kritisiert das Gedicht Menschen, denen Ansehen und Erfolg wichtiger sind als die Musik selbst.
Deutung 3 – Kritik am Geschäft: Die letzten Verse lenken den Blick auf die große Zahl von Konzerten und den Gewinn.
Diese Aussagen sind Interpretationen. Du kannst sie vertreten, wenn Du passende Verse als Beleg verwendest.
Epochenkontext: Moderne und Expressionismus
Das Gedicht erschien 1913 und gehört damit zeitlich zur literarischen Moderne.
Zur gleichen Zeit entwickelte sich der Expressionismus. Viele expressionistische Autoren beschäftigten sich mit Großstadtleben, Unruhe, gesellschaftlichen Konflikten und starken Gefühlen.
Auch Tucholsky verwendet zugespitzte Bilder und kritisiert gesellschaftliche Gewohnheiten.
Aber: Sein Gedicht ist vor allem satirisch. Es lässt sich nicht allein wegen seines Erscheinungsjahres eindeutig als expressionistisches Gedicht einordnen.
Video: Literaturepochen im Überblick – musstewissen Deutsch.
Video: Gedichtanalyse am Beispiel von Georg Heyms „Der Gott der Stadt“ – How to Deutsch.
Vergleichsfrage: Wie unterscheiden sich eine bedrohliche Darstellung der Großstadt und Tucholskys spöttischer Blick auf das Kulturleben?
Gestufte Hilfen
Hilfe 1 – Verstehen
Lies den Text abschnittsweise. Frage Dich: Wer tritt auf? Was passiert? Welche Wörter klingen komisch?
Hilfe 2 – Untersuchen
Suche zu jeder Beobachtung einen Vers. Schreibe beispielsweise: „Das Wort ‚Pranken‘ in Vers 6 lässt die Pianisten grob wirken.“
Hilfe 3 – Interpretieren
Verbinde Beobachtung, Beleg und Wirkung. Erkläre, warum Tucholsky gerade dieses Wort verwendet haben könnte und was er damit kritisiert.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Beantworte die zehn Fragen mithilfe der Originalverse. Die Versangaben beziehen sich auf die verlinkte Fassung.
Welches auffällige Wort steht in Vers 2? (Krachkorsett) (!Klanggewand) (!Klavierkostüm) (!Liedermantel)
Welche Komponisten werden in Vers 3 neben Koschat genannt? (Haydn und Bach) (!Mozart und Beethoven) (!Schubert und Wagner) (!Händel und Brahms)
Was bewirkt das Wort „Pranken“ in Vers 6? (Es lässt die Klavierspieler grob und tierhaft erscheinen) (!Es beschreibt eine zarte Handbewegung) (!Es bezeichnet ein historisches Instrument) (!Es erklärt eine Notenschrift)
Wie alt soll Mischka nach Vers 8 sein? (Sieben Jahre) (!Fünf Jahre) (!Zehn Jahre) (!Zwölf Jahre)
Wen spricht die lyrische Stimme in Vers 9 direkt an? (Eleonore) (!Mischka) (!Haydn) (!Koschat)
Welche Singstimme steht ausdrücklich in Vers 12? (Sopran) (!Tenor) (!Bass) (!Alt)
Welche Jahreszeit nennt Vers 13? (Herbst) (!Frühling) (!Sommer) (!Winter)
Warum ist das Wort „Muhsikpädagoge“ in Vers 15 auffällig? (Es ist eine komische Veränderung des Wortes Musikpädagoge) (!Es ist ein Fachwort für einen Geigenbauer) (!Es bezeichnet einen Musikverlag) (!Es ist der Name eines Komponisten)
Was wird in Vers 17 mit „Du Stadt der Lieder“ angesprochen? (Eine im Gedicht nicht ausdrücklich benannte Stadt) (!Ein bestimmter Sänger) (!Eine Musikschule mit genanntem Namen) (!Ein historisches Musikinstrument)
Welches Thema macht Vers 20 mit „sechseinhalb Prozent“ besonders deutlich? (Die wirtschaftliche Seite des Konzertbetriebs) (!Die Tonhöhe eines Sängers) (!Die Anzahl der Strophen) (!Die Dauer eines Musikstücks)
Memory
Ordne die Wörter ihren Bedeutungen zu.
| Pranken | Tierhafte Darstellung der Hände |
| Eleonore | Direkt angesprochene Geliebte |
| Spinett | Historisches Tasteninstrument |
| Sopran | Hohe Singstimme |
| Advent | Zeit vor Weihnachten |
| Kreuzreim | Wechsel zweier Reimklänge |
Drag and Drop
Ordne die Begriffe den passenden Wörtern aus dem Gedicht zu.
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Textbeispiel |
|---|---|
| Anrede | Eleonore |
| Tierbild | Pranken |
| Zeitangabe | Advent |
| Klangnachahmung | tremolieretee |
| Wirtschaft | Gewinn |
Kreuzworträtsel
Finde die Begriffe aus dem Gedicht.
| Tiger | Wie lautet der Nachname in Tucholskys Pseudonym Theobald Tiger? |
| Pranken | Welches Wort bezeichnet die tierhaft wirkenden Hände der Pianisten? |
| Sopran | Welche hohe Singstimme wird im Gedicht genannt? |
| Eleonore | Wie heißt die direkt angesprochene Geliebte? |
| Advent | Welche Zeit vor Weihnachten erwähnt das Gedicht? |
| Spinett | Welches historische Tasteninstrument wird genannt? |
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Finde weitere Übungen zum Thema.
Lückentext
Video zur Vertiefung: Gedichtanalyse – Reimschema bestimmen, Diego Hagen.
Offene Aufgaben
Leicht – Klasse 9 bis 10
- Text gestalten: Wähle drei besonders komische Wörter aus dem Gedicht. Schreibe einen kurzen Text mit fünf bis acht Sätzen. Erkläre, welche Bilder bei Dir entstehen. Nenne mindestens zwei passende Verszahlen.
Standard – Klasse 9 bis 13
- Interpretation schreiben: Verfasse eine kurze Gedichtanalyse mit Einleitung, Hauptteil und Schluss. Untersuche das lyrische Sprechen, die Reime und zwei sprachliche Mittel. Belege Deine Aussagen mit mindestens drei genauen Verszitaten.
Schwer – Klasse 11 bis 13
- Vergleich und Stellungnahme: Vergleiche Tucholskys satirische Kritik am Musikbetrieb mit einer heutigen Kritik an Casting-Shows, Influencer-Kultur oder kommerziellen Musikveranstaltungen. Schreibe einen argumentierenden Text von etwa 400 Wörtern. Verwende mindestens drei überprüfbare Versbelege und unterscheide die historische Aussage von Deiner heutigen Bewertung.


Lernkontrolle
- Ironie: Erkläre, wie scheinbar freundliche Formulierungen eine spöttische Wirkung bekommen. Verwende einen Versbeleg.
- Bildsprache: Untersuche, wie die Darstellung der Pianisten die Wahrnehmung der Musik verändert.
- Gedichtform: Erkläre, wie regelmäßige Reime und ungewöhnliche Wörter gemeinsam eine komische Wirkung erzeugen.
- Literarische Moderne: Vergleiche die Kritik im Gedicht mit einem wichtigen Thema der Moderne oder des Expressionismus. Begründe auch einen Unterschied.
- Transfer: Beurteile, ob der Schluss des Gedichts auch zu einem heutigen Kulturereignis passen könnte. Unterscheide Textbeobachtung und eigene Meinung.
Lernnachweis
Für Deinen Lernnachweis kannst Du eine kurze schriftliche Gedichtanalyse abgeben.
Wichtig sind:
- Die korrekte Nennung von Autor, Titel und Erstveröffentlichung.
- Die sachliche Beschreibung von fünf Strophen und 20 Versen.
- Die Erklärung der lyrischen Sprechsituation.
- Die Untersuchung von mindestens zwei sprachlichen Mitteln.
- Mindestens drei richtige Verszitate mit Verszahlen.
- Eine nachvollziehbare Deutung der Ironie und Gesellschaftskritik.
- Die Unterscheidung zwischen Quelltext, Lesehilfe und eigener Interpretation.
- Ein begründeter Schluss mit einer eigenen Bewertung.
OERs zum Thema
Originaltexte und weiterführende Literatur:
- Wikisource – Die Musik kommt: Quellengeprüfte Textfassung aus Fromme Gesänge, 1919, mit Verweis auf den Erstdruck von 1913.
- Wikisource – Fromme Gesänge: Historischer Gedichtband.
- Textlog – Die Musik kommt: Weitere veröffentlichte Lesefassung.
- Wikipedia – Kurt Tucholsky: Informationen zum Autor.
- Wikipedia – Expressionismus: Informationen zur Literaturgeschichte.
Mediennachweise und Lizenzen
Die folgenden Medien wurden auf Wikimedia Commons mit ihren jeweiligen Quellen- und Lizenzangaben geprüft. Sie werden als vorhandene Medien eingebunden, nicht neu erstellt.
- Gedichtscan: Tucholsky Fromme Gesaenge 082.jpg – Kurt Tucholsky, Buchausgabe 1919, Scan nach Vorlage der ULB Düsseldorf, gemeinfrei, Public Domain Mark.
- Autorenporträt: TucholskyParis1928portrait.jpg – Originalaufnahme aus dem Bestand von Sonja Thomassen, Bearbeitung Fehlerteufel, GNU FDL 1.2.
- Tastenanimation: Piano Keys.gif – Adwiii, gemeinfrei.
- Saitenanimation: Vibrating string oscillation – Ilya Voyager, CC0 1.0.
- Bach-Hörbeispiel: Präludium BWV 847 – Interpretation von Jason M. C. Han, CC BY-SA 4.0.
- Haydn-Hörbeispiel: Haydn-Klavierfassung – Opus33, gemeinfrei.
- Violinaufnahme: Beethoven-Violinsonate – Carrie Rehkopf, CC BY-SA 3.0.
Videonachweise: Die eingebetteten YouTube-Videos stammen von musstewissen Deutsch, How to Deutsch und Diego Hagen. Für sie gelten die Rechte und Nutzungsbedingungen der jeweiligen Anbieter. Ihre Einbettung bedeutet keine Freigabe unter einer Creative-Commons-Lizenz.
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