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Die Frankfurter Nationalversammlung - Deutschland

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Die Frankfurter Nationalversammlung - Deutschland




Die Frankfurter Nationalversammlung – Deutschland


Einleitung

Die Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49 war das erste gesamtdeutsche Parlament. Ihre Abgeordneten kamen am 18. Mai 1848 zu ihrer ersten Arbeitssitzung in der Frankfurter Paulskirche zusammen. Ihr großes Ziel war es, zwei Forderungen miteinander zu verbinden: Freiheit und nationale Einheit. Deutschland sollte eine Verfassung erhalten, Grundrechte sollten gesichert und aus den vielen Staaten des Deutschen Bundes sollte ein deutscher Nationalstaat entstehen.

Für die deutsche Demokratiegeschichte ist die Nationalversammlung besonders wichtig, weil hier erstmals Abgeordnete aus fast allen Teilen Deutschlands gemeinsam über eine gesamtdeutsche politische Ordnung berieten. Gleichzeitig war die Beteiligung nach heutigen Maßstäben deutlich eingeschränkt: Frauen besaßen weder aktives noch passives Wahlrecht, und die konkreten Wahlregeln unterschieden sich zwischen den Einzelstaaten.

Dieser aiMOOC führt Dich von den Ursachen der Revolution von 1848/49 über die Arbeit des Parlaments bis zu den zentralen Verfassungsfragen. Du lernst dabei auch, warum die Nationalversammlung trotz bedeutender Erfolge politisch scheiterte und weshalb ihre Ideen dennoch langfristig weiterwirkten.


Lernziele

Nach diesem aiMOOC kannst Du erklären, warum die Frankfurter Nationalversammlung entstand, wie sie gewählt wurde und welche politischen Gruppen dort miteinander stritten. Du kannst die Begriffe Konstitutionelle Monarchie, Republik, Volkssouveränität, Grundrechte, Großdeutsche Lösung und Kleindeutsche Lösung einordnen. Außerdem kannst Du die Paulskirchenverfassung untersuchen und begründet beurteilen, ob die Revolution von 1848/49 nur als Scheitern betrachtet werden sollte.


Historischer Hintergrund: Warum kam es 1848 zur Revolution?

Die Nationalversammlung entstand nicht aus dem Nichts. Nach dem Wiener Kongress von 1815 bestand Deutschland aus zahlreichen Einzelstaaten, die im Deutschen Bund locker miteinander verbunden waren. Einen einheitlichen deutschen Nationalstaat gab es nicht. Viele Menschen forderten jedoch politische Mitbestimmung, Pressefreiheit, Verfassungen und nationale Einheit.

Diese Forderungen prägten den Vormärz. Besonders im gebildeten Bürgertum, unter Studierenden, Journalisten, Juristen und politischen Vereinen verbreiteten sich liberale und nationale Ideen. Gleichzeitig verschärften wirtschaftliche Krisen und schlechte Ernten in den 1840er Jahren soziale Spannungen. Handwerker, Arbeiter und ärmere Bevölkerungsschichten litten unter steigenden Preisen, unsicheren Einkommen und den Veränderungen der beginnenden Industrialisierung.

Im Februar 1848 wurde in Frankreich König Louis-Philippe gestürzt. Die Nachricht von der Februarrevolution 1848 wirkte wie ein Signal für viele europäische Länder. Auch in den deutschen Staaten kam es zu Demonstrationen, Versammlungen und Aufständen. Zu den häufig erhobenen Märzforderungen gehörten Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Schwurgerichte, Volksbewaffnung, Verfassungen und ein gesamtdeutsches Parlament.

Die Karte zeigt, dass die Revolution von 1848 kein rein deutsches Ereignis war. In vielen Teilen Europas wurden politische und nationale Konflikte gleichzeitig sichtbar.


Der Deutsche Bund vor 1848

Der Deutsche Bund war seit 1815 ein Staatenbund. Zu ihm gehörten unter anderem Österreich, Preußen, Bayern, Sachsen, Hannover, Württemberg, Baden und zahlreiche kleinere Staaten. Die Mitgliedstaaten blieben weitgehend selbstständig. Eine demokratisch gewählte gesamtdeutsche Volksvertretung gab es nicht.

Die Karte macht ein zentrales Problem sichtbar: Wer sollte überhaupt zu einem künftigen Deutschland gehören? Teile des österreichischen Kaiserreichs lagen im Deutschen Bund, andere Teile nicht. Auch Preußen besaß Gebiete innerhalb und außerhalb der Bundesgrenzen. Die Frage nach den Grenzen eines Nationalstaats wurde deshalb später zu einer der schwierigsten Aufgaben der Nationalversammlung.


Vom Vorparlament zur Wahl

Im März 1848 trafen sich liberale und demokratische Politiker zunächst im sogenannten Vorparlament in Frankfurt am Main. Es bereitete die Wahl einer gesamtdeutschen Nationalversammlung vor. Die Wahl fand in den einzelnen deutschen Staaten nach unterschiedlichen Verfahren statt. Grundsätzlich sollten volljährige, selbstständige Männer wählen können. Frauen blieben ausgeschlossen.

Für damalige Verhältnisse war die Beteiligung vergleichsweise breit. Sie entsprach aber nicht dem heutigen Verständnis eines allgemeinen Wahlrechts. Außerdem wurde nicht überall direkt gewählt. In einigen Staaten bestimmten zunächst Wahlmänner die späteren Abgeordneten.

Vorgesehen waren 649 Mandate. Wegen Wahlboykotten und anderer Schwierigkeiten wurden weniger als 600 Sitze tatsächlich besetzt. Besonders in einigen Gebieten mit nichtdeutschsprachiger Bevölkerung war umstritten, ob die Wahl zu einem deutschen Nationalparlament überhaupt akzeptiert werden sollte.


Wer saß in der Nationalversammlung?

Die Abgeordneten waren ausschließlich Männer. Viele von ihnen gehörten zum gebildeten Bürgertum. Juristen, höhere Beamte, Professoren, Lehrer, Geistliche und andere akademisch gebildete Männer waren stark vertreten. Deshalb wurde die Paulskirche später manchmal als Professorenparlament bezeichnet. Diese Bezeichnung ist jedoch verkürzend: Nicht alle Abgeordneten waren Professoren, und die Nationalversammlung befasste sich keineswegs nur mit theoretischen Fragen.

Arbeiter, Handwerksgesellen und Kleinbauern waren dagegen deutlich schwächer vertreten. Das Parlament spiegelte die soziale Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung also nur begrenzt wider.

Frauen konnten zwar nicht Abgeordnete werden, waren aber keineswegs völlig unpolitisch. Sie gründeten Vereine, sammelten Spenden, verfassten Texte, nahmen an Versammlungen teil und beobachteten die Debatten. In der Paulskirche befand sich eine Zuschauertribüne, die im zeitgenössischen Sprachgebrauch auch als Damengalerie bezeichnet wurde.


Der 18. Mai 1848: Das erste gesamtdeutsche Parlament tritt zusammen

Am 18. Mai 1848 zogen die Abgeordneten feierlich in die Frankfurter Paulskirche ein. Die Kirche war für den Parlamentsbetrieb umgebaut und mit schwarz-rot-goldenen Fahnen geschmückt worden. Über dem Präsidium hing die monumentale Darstellung der Germania von Philipp Veit. Schwarz-Rot-Gold stand für die nationale und liberale Bewegung.

Die Germania ist eine Allegorie, also eine bildliche Verkörperung einer abstrakten Idee. Sie steht hier für die deutsche Nation. Die gebrochenen Ketten symbolisieren Freiheit, die schwarz-rot-goldene Fahne die Nationalbewegung und das Schwert Wehrhaftigkeit. Solche Symbole zeigen, wie eng nationale Einheit und politische Freiheit 1848 miteinander verbunden gedacht wurden.

Zum ersten Präsidenten wählten die Abgeordneten den liberalen Politiker Heinrich von Gagern. Er wurde zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Nationalversammlung.


Wie arbeitete das Parlament?

Die Nationalversammlung musste parlamentarische Verfahren in großem Umfang erst einüben. Sie gab sich eine Geschäftsordnung, bildete Ausschüsse und diskutierte öffentlich. Die Sitzungen wurden protokolliert. Gleichzeitig standen die Abgeordneten unter enormem Zeitdruck: Die revolutionäre Bewegung erwartete schnelle Veränderungen, während die alten Regierungen, Verwaltungen und Armeen weiterhin bestanden.

In der Paulskirche entwickelten sich politische Gruppierungen, die nach den Gasthäusern und Versammlungslokalen benannt wurden, in denen sich ihre Mitglieder trafen. Moderne Parteien mit fester Mitgliedschaft und zentraler Organisation waren diese Gruppen noch nicht. Trotzdem entstanden erkennbare politische Lager.


Politische Richtungen und Fraktionen

Auf der politischen Rechten standen konservative Abgeordnete, die monarchische Rechte möglichst weit bewahren wollten. Die liberale Mitte unterstützte meist eine Konstitutionelle Monarchie, also einen Staat mit Monarch, Verfassung und gewähltem Parlament. Viele Liberale wollten politische Freiheit sichern, fürchteten aber zugleich eine radikale soziale Revolution.

Die demokratische Linke verlangte eine stärkere Volkssouveränität. Teile der Linken wollten eine parlamentarische Republik, andere waren zu Kompromissen mit einer monarchischen Staatsform bereit, wenn dafür demokratische Rechte gesichert wurden.

Zu den bekannten Fraktionen gehörten unter anderem Casino', Württemberger Hof, Westendhall und Donnersberg. Die Sitzordnung der Paulskirche trug dazu bei, dass sich die politischen Begriffe rechts, Mitte und links anschaulich festigten.


Robert Blum und die demokratische Linke

Robert Blum war einer der bekanntesten Vertreter der demokratischen Linken. Er setzte sich für Volkssouveränität, politische Freiheitsrechte und eine demokratische Entwicklung ein.

Im Herbst 1848 reiste Blum nach Wien und beteiligte sich dort auf Seiten der Revolutionäre. Nach der Niederschlagung des Wiener Aufstands wurde er verhaftet und am 9. November 1848 erschossen, obwohl er sich auf seine Immunität als Abgeordneter der Nationalversammlung berief. Sein Tod wurde für viele Demokraten zu einem Symbol dafür, wie begrenzt die Macht des Frankfurter Parlaments gegenüber den alten militärischen Gewalten war.


Die Provisorische Zentralgewalt

Eine Verfassung allein genügte nicht. Ein deutscher Staat brauchte auch eine Regierung. Deshalb beschloss die Nationalversammlung am 28. Juni 1848 das Gesetz über eine Provisorische Zentralgewalt.

Zum Reichsverweser wurde am 29. Juni Erzherzog Johann von Österreich gewählt. Er sollte vorläufig die Funktion eines gesamtdeutschen Staatsoberhaupts übernehmen und Reichsminister ernennen. Damit schuf die Nationalversammlung erstmals eine zentrale Exekutive für das entstehende Deutschland.

Die Zentralgewalt war jedoch schwach. Sie besaß keine eigene, unabhängig kontrollierte große Armee und war bei vielen Entscheidungen auf die Zusammenarbeit der Einzelstaaten angewiesen. Genau dieses Problem sollte sich in mehreren Krisen zeigen.


Die Schleswig-Holstein-Frage und die Septemberkrise

Eine besonders schwierige außenpolitische Frage betraf die Herzogtümer Schleswig und Holstein. Nationalbewegungen und unterschiedliche staatsrechtliche Ansprüche führten zu einem Konflikt mit Dänemark. Preußische Truppen kämpften gegen Dänemark, schlossen aber 1848 den Waffenstillstand von Malmö.

Viele Abgeordnete und Teile der Bevölkerung empfanden den Waffenstillstand als nationale Niederlage. Die Nationalversammlung lehnte ihn zunächst ab, musste ihn aber schließlich akzeptieren, weil sie kaum eigene Machtmittel besaß. Im September 1848 kam es in Frankfurt zu schweren Unruhen und Barrikadenkämpfen.

Diese Krise zeigte ein Grundproblem des Parlaments: Es konnte beraten und Gesetze beschließen, aber seine Fähigkeit, Entscheidungen gegen mächtige Einzelstaaten durchzusetzen, war begrenzt.


Die zentrale Aufgabe: Eine Verfassung für Deutschland

Die Nationalversammlung war vor allem eine verfassungsgebende Versammlung. Sie musste entscheiden, wie der zukünftige deutsche Staat aufgebaut sein sollte. Dabei ging es nicht nur um einzelne Gesetze, sondern um Grundfragen politischer Herrschaft.

Vier Fragen standen besonders im Mittelpunkt:

  1. Grundrechte: Welche Freiheiten und Rechte sollen alle Bürger besitzen?
  2. Staatsform: Soll Deutschland Republik oder Monarchie werden?
  3. Gewaltenteilung: Wie sollen Parlament, Regierung, Staatsoberhaupt und Gerichte zusammenwirken?
  4. Deutsche Frage: Soll Österreich Teil des neuen deutschen Nationalstaats sein?


Grundrechte des deutschen Volkes

Bereits im Sommer 1848 begann die intensive Beratung eines Grundrechtskatalogs. Am 21. Dezember 1848 verabschiedete die Nationalversammlung die Grundrechte des deutschen Volkes. Das entsprechende Reichsgesetz wurde Ende Dezember verkündet.

Zu den zentralen Rechten gehörten die Gleichheit vor dem Gesetz, die Aufhebung ständischer Vorrechte, persönliche Freiheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit sowie Freizügigkeit. Auch der Schutz vor staatlicher Willkür wurde gestärkt.

Diese Grundrechte waren für die deutsche Verfassungsgeschichte wegweisend. Gleichzeitig darfst Du sie nicht einfach mit den heutigen Grundrechten des Grundgesetzes gleichsetzen. Die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen von 1848 waren andere, und Frauen besaßen weiterhin kein politisches Wahlrecht.


Republik oder Monarchie?

Die demokratische Linke bevorzugte häufig eine Republik. Viele Liberale hielten dagegen eine konstitutionelle Monarchie für realistischer. Sie wollten die Fürsten nicht vollständig beseitigen, sondern ihre Macht durch eine Verfassung und ein Parlament begrenzen.

Am Ende setzte sich die Idee einer erblichen Kaiserwürde durch. Der Kaiser sollte Staatsoberhaupt sein, Reichsminister ernennen und bestimmte politische Rechte besitzen. Zugleich sollte seine Macht durch Verfassung, Parlament und Ministerverantwortung eingeschränkt werden.


Großdeutsche oder kleindeutsche Lösung?

Eine der schwierigsten Fragen war die territoriale Gestalt Deutschlands.

Die großdeutsche Lösung wollte die deutschsprachigen Gebiete Österreichs in einen deutschen Nationalstaat einbeziehen. Das Problem bestand darin, dass die Habsburgermonarchie ein Vielvölkerreich war. Die österreichische Regierung wollte ihre deutschsprachigen Gebiete nicht aus dem Gesamtstaat herauslösen.

Die kleindeutsche Lösung sah deshalb einen deutschen Nationalstaat ohne Österreich vor. In diesem Modell wäre Preußen die stärkste Macht gewesen.

Schließlich entschied sich die Mehrheit für die kleindeutsche Lösung. Damit verlagerte sich die entscheidende Frage auf den preußischen König: Würde er bereit sein, die Spitze eines von einem Parlament geschaffenen deutschen Verfassungsstaats zu übernehmen?


Die Paulskirchenverfassung von 1849

Ende März 1849 war das Verfassungswerk fertig. Die Nationalversammlung verabschiedete die Verfassung in der Schlussphase am 27. März; am 28. März 1849 wurde sie als Verfassung des Deutschen Reiches verkündet. Sie wird heute meist Paulskirchenverfassung oder Frankfurter Reichsverfassung genannt.

Die Verfassung verband monarchische, föderale und demokratische Elemente. Deutschland sollte ein Bundesstaat werden. An der Spitze sollte ein erblicher Kaiser der Deutschen stehen. Die Gesetzgebung sollte durch einen Reichstag mit zwei Kammern erfolgen.

Das Volkshaus sollte vom Volk gewählt werden. Das Staatenhaus sollte die Einzelstaaten vertreten. Damit versuchte die Verfassung, zwei Prinzipien zu verbinden: die demokratische Vertretung der Bürger und die föderale Mitwirkung der deutschen Staaten.

Der Kaiser sollte Gesetze nicht dauerhaft blockieren können. Vorgesehen war ein suspensives Veto: Er konnte einen Beschluss aufschieben, aber nicht unbegrenzt verhindern. Das war ein wichtiger Kompromiss zwischen monarchischem und parlamentarischem Prinzip.

Die Verfassung sah außerdem ein Reichsgericht vor. Grundrechte sollten dadurch nicht nur politische Versprechen bleiben, sondern rechtlich abgesichert werden.


Das Reichswahlrecht

Kurz vor Abschluss der Verfassung entschied sich die Nationalversammlung für ein für die Zeit vergleichsweise demokratisches Wahlrecht zum Volkshaus. Wahlberechtigt sollten erwachsene, unbescholtene deutsche Männer ab 25 Jahren sein. Die Wahl sollte allgemein, gleich und direkt erfolgen.

Auch hier gilt: allgemein bedeutete 1849 nicht allgemein im heutigen Sinn, denn Frauen waren ausgeschlossen.


Die Kaiserfrage und Friedrich Wilhelm IV.

Am 28. März 1849 wählte die Nationalversammlung den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zum Kaiser der Deutschen. Eine Deputation reiste nach Berlin, um ihm die Kaiserwürde anzutragen.

Der König lehnte ab. Für ihn beruhte legitime monarchische Herrschaft nicht auf einer Wahl durch ein revolutionär entstandenes Parlament. Außerdem wollte er eine solche grundlegende Neuordnung Deutschlands nicht gegen die anderen Fürsten und insbesondere nicht unter den Bedingungen der Revolution akzeptieren.

Die Ablehnung war ein schwerer Schlag für die Nationalversammlung. Ohne den König von Preußen fehlte dem kleindeutschen Verfassungsmodell die entscheidende Machtbasis.


Warum scheiterte die Nationalversammlung?

Das Scheitern hatte nicht nur eine Ursache. Mehrere Probleme verstärkten sich gegenseitig.

Erstens fehlten der Nationalversammlung eigene Machtmittel. Die großen Armeen, Verwaltungen und Finanzmittel blieben im Wesentlichen unter Kontrolle der Einzelstaaten. Wenn Preußen oder Österreich Beschlüsse nicht unterstützten, konnte Frankfurt sie nur schwer durchsetzen.

Zweitens verloren die revolutionären Bewegungen im Verlauf des Jahres 1848 an Kraft. Viele Monarchien stabilisierten ihre Herrschaft wieder. Preußen und Österreich gewannen politischen und militärischen Handlungsspielraum zurück.

Drittens stritten die Abgeordneten über grundlegende Fragen: Republik oder Monarchie, großdeutsch oder kleindeutsch, starke Zentralgewalt oder starke Einzelstaaten, weitgehende Demokratie oder begrenzte politische Beteiligung. Diese Debatten waren für eine Verfassung notwendig, kosteten aber Zeit und erschwerten gemeinsame Entscheidungen.

Viertens zerbrach zunehmend das Bündnis zwischen gemäßigten Liberalen und radikaleren Demokraten. Während Liberale häufig Ordnung und einen Kompromiss mit den Fürsten suchten, verlangten Demokraten eine konsequentere Durchsetzung der Volkssouveränität.

Fünftens lehnte Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserwürde ab. Damit verlor die kleindeutsche Lösung ihre wichtigste monarchische Stütze.


Reichsverfassungskampagne und Rumpfparlament

Nach der Ablehnung der Kaiserkrone versuchten Demokraten und Anhänger der Verfassung, die Paulskirchenverfassung doch noch durchzusetzen. In verschiedenen deutschen Staaten kam es zur Reichsverfassungskampagne. Besonders in Sachsen, der Pfalz und Baden entwickelten sich bewaffnete Aufstände.

Gleichzeitig zogen zahlreiche Abgeordnete aus der Nationalversammlung ab oder wurden von ihren Regierungen zurückgerufen. Die verbliebenen Abgeordneten verlegten ihren Sitz nach Stuttgart. Dieses sogenannte Rumpfparlament wurde am 18. Juni 1849 durch württembergisches Militär aufgelöst.

Damit war die parlamentarische Revolution von 1848/49 endgültig beendet.


War 1848/49 nur ein Scheitern?

Kurzfristig scheiterte das wichtigste Ziel: Ein freiheitlich verfasster deutscher Nationalstaat auf Grundlage der Paulskirchenverfassung entstand 1849 nicht. Die alten monarchischen Mächte setzten sich durch, viele Revolutionäre wurden verfolgt, verurteilt oder gingen ins Exil.

Langfristig ist die Bilanz differenzierter. Die Nationalversammlung sammelte wichtige Erfahrungen mit öffentlicher parlamentarischer Debatte, Fraktionsbildung, Ausschussarbeit, Regierungskontrolle und Verfassungsgebung. Besonders der Grundrechtskatalog und verschiedene staatsrechtliche Ideen wirkten in späteren deutschen Verfassungen weiter.

Die Karte zeigt, dass die Frankfurter Reichsverfassung keineswegs überall ohne Unterstützung blieb. Mehrere Staaten und Volksvertretungen akzeptierten sie. Entscheidend war jedoch, dass mächtige Staaten wie Preußen und Österreich sie nicht dauerhaft durchsetzten.

Die Weimarer Reichsverfassung von 1919 und das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland von 1949 entstanden unter völlig anderen historischen Bedingungen. Trotzdem griffen spätere Verfassungsdiskussionen auf Erfahrungen und Grundrechtsideen von 1848/49 zurück.


Historische Bedeutung

Die Frankfurter Nationalversammlung steht für einen entscheidenden Versuch, politische Freiheit und nationale Einheit durch Verfassung und Parlament zu schaffen. Sie war weder eine moderne Massendemokratie noch ein machtloser Debattierklub. Ihre historische Bedeutung liegt gerade in diesem Spannungsverhältnis.

Einerseits waren politische Teilhabe und gesellschaftliche Repräsentation begrenzt. Frauen waren ausgeschlossen, soziale Unterschichten waren kaum vertreten, und nationale Konflikte wurden teilweise aus einer deutsch-nationalen Perspektive betrachtet.

Andererseits entstanden moderne parlamentarische Praktiken, ein weitreichender Grundrechtskatalog und ein Entwurf für einen deutschen Bundesstaat mit gewählter Volksvertretung. Die Paulskirche wurde deshalb zu einem wichtigen Erinnerungsort der deutschen Demokratiegeschichte.

Für Deine historische Beurteilung ist es sinnvoll, zwischen kurzfristigem politischem Erfolg und langfristiger Wirkung zu unterscheiden. Genau diese Unterscheidung hilft Dir, das Jahr 1848 differenziert zu bewerten.


Zeitleiste

Zeitpunkt Ereignis Bedeutung
Frühjahr 1848 Märzrevolutionen in deutschen Staaten Fürsten machen Zugeständnisse; Forderungen nach Freiheit und Einheit gewinnen politischen Druck.
März/April 1848 Vorparlament in Frankfurt Wahl einer gesamtdeutschen Nationalversammlung wird vorbereitet.
18. Mai 1848 Erste Arbeitssitzung in der Paulskirche Beginn des ersten gesamtdeutschen Parlaments.
28./29. Juni 1848 Zentralgewalt und Wahl Erzherzog Johanns Versuch, eine gesamtdeutsche Exekutive aufzubauen.
September 1848 Krise um den Waffenstillstand von Malmö Begrenzte Macht der Nationalversammlung wird sichtbar.
9. November 1848 Erschießung Robert Blums Symbol für die Schwäche des Parlaments gegenüber militärischer Gewalt.
Dezember 1848 Grundrechte des deutschen Volkes Freiheits- und Bürgerrechte erhalten reichsgesetzliche Form.
27./28. März 1849 Abschluss und Verkündung der Reichsverfassung Konstitutionelle Erbmonarchie und Zweikammerparlament werden vorgesehen.
April 1849 Friedrich Wilhelm IV. lehnt die Kaiserwürde ab Der Verfassung fehlt die wichtigste machtpolitische Stütze.
18. Juni 1849 Auflösung des Rumpfparlaments in Stuttgart Ende der Frankfurter Nationalversammlung.


Zentrale Begriffe

Begriff Erklärung
Nationalversammlung Gewählte Versammlung mit dem Auftrag, für ganz Deutschland politische Entscheidungen zu treffen und eine Verfassung auszuarbeiten.
Paulskirchenverfassung Verfassung des Deutschen Reiches von 1849, die von der Frankfurter Nationalversammlung ausgearbeitet wurde.
Volkssouveränität Grundidee, dass politische Herrschaft letztlich vom Volk ausgeht.
Konstitutionelle Monarchie Monarchie, in der die Herrschaft des Monarchen durch eine Verfassung begrenzt ist.
Reichsverweser Vorläufiges gesamtdeutsches Staatsoberhaupt 1848/49; das Amt übernahm Erzherzog Johann.
Großdeutsche Lösung Modell eines deutschen Nationalstaats unter Einbeziehung deutschsprachiger Gebiete Österreichs.
Kleindeutsche Lösung Modell eines deutschen Nationalstaats ohne Österreich und mit starker Stellung Preußens.
Suspensives Veto Recht, einen Gesetzesbeschluss zeitweilig aufzuschieben, ohne ihn dauerhaft verhindern zu können.
Rumpfparlament Bezeichnung für die nach Stuttgart ausgewichene Restversammlung der Nationalversammlung im Juni 1849.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Wann trat die Frankfurter Nationalversammlung zu ihrer ersten Arbeitssitzung zusammen? (18. Mai 1848) (!18. März 1848) (!28. Juni 1848) (!28. März 1849)




Wo tagte die Nationalversammlung hauptsächlich? (In der Frankfurter Paulskirche) (!Im Berliner Schloss) (!Im Wiener Hofburgtheater) (!Im Reichstag in Berlin)




Wer war der erste Präsident der Frankfurter Nationalversammlung? (Heinrich von Gagern) (!Otto von Bismarck) (!Friedrich Wilhelm IV.) (!Erzherzog Johann)




Welche Person wurde 1848 zum Reichsverweser gewählt? (Erzherzog Johann) (!Robert Blum) (!Heinrich von Gagern) (!Friedrich Wilhelm IV.)




Welche Staatsform sah die Paulskirchenverfassung vor? (Eine konstitutionelle Erbmonarchie) (!Eine absolute Monarchie) (!Eine Militärdiktatur) (!Einen lockeren Staatenbund ohne Verfassung)




Was bezeichnet die kleindeutsche Lösung? (Einen deutschen Nationalstaat ohne Österreich) (!Einen deutschen Nationalstaat nur aus Kleinstaaten) (!Die Auflösung Preußens) (!Eine Republik unter österreichischer Führung)




Welche Aussage zu Frauen im Jahr 1848 trifft zu? (Sie besaßen kein Wahlrecht zur Nationalversammlung) (!Sie stellten die Hälfte der Abgeordneten) (!Sie durften wählen aber nicht kandidieren) (!Sie stellten den Parlamentspräsidenten)




Was gehörte zu den Grundrechten des deutschen Volkes? (Meinungsfreiheit) (!Unbegrenzte Fürstenherrschaft) (!Verbot politischer Versammlungen) (!Wiedereinführung der Zensur)




Warum war die Ablehnung der Kaiserwürde durch Friedrich Wilhelm IV. so folgenreich? (Der kleindeutschen Verfassung fehlte damit eine entscheidende Machtstütze) (!Die Nationalversammlung erhielt dadurch eine eigene Armee) (!Österreich trat dadurch sofort aus Europa aus) (!Die Republik wurde dadurch automatisch eingeführt)




Was war das Rumpfparlament? (Die verbliebene Nationalversammlung nach ihrem Umzug nach Stuttgart) (!Die erste preußische Regierung nach 1871) (!Ein Ausschuss des Wiener Kongresses) (!Eine österreichische Militärregierung)





Memory

Paulskirche Tagungsort des Parlaments
Heinrich von Gagern Erster Parlamentspräsident
Erzherzog Johann Reichsverweser
Robert Blum Demokratische Linke
Grundrechte Freiheitsgarantien
Kleindeutsche Lösung Deutschland ohne Österreich
Staatenhaus Vertretung der Einzelstaaten
Volkshaus Gewählte Parlamentskammer





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Märzrevolution Politischer Druck für Freiheit und nationale Einheit
Nationalversammlung Beratung einer gesamtdeutschen Verfassung
Zentralgewalt Versuch einer gesamtdeutschen Regierung
Paulskirchenverfassung Verfassungsentwurf für den deutschen Bundesstaat
Kaiserdeputation Angebot der Kaiserwürde an den preußischen König
Rumpfparlament Letzte Phase der Versammlung in Stuttgart






Kreuzworträtsel

Paulskirche In welchem Gebäude tagte das erste gesamtdeutsche Parlament hauptsächlich?
Gagern Wie lautet der Nachname des ersten Präsidenten der Nationalversammlung?
Johann Wie hieß der Erzherzog mit Vornamen, der Reichsverweser wurde?
Grundrechte Wie nennt man staatlich garantierte grundlegende Freiheitsrechte?
Kleindeutsch Wie heißt die Lösung für einen deutschen Nationalstaat ohne Österreich?
Blum Wie lautet der Nachname des 1848 in Wien erschossenen demokratischen Abgeordneten?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.

Die Frankfurter Nationalversammlung trat hauptsächlich in der

zusammen.
Ihr erster Präsident war Heinrich von

.
Die Abgeordneten wollten eine gesamtdeutsche

schaffen.
Zum vorläufigen Staatsoberhaupt wurde Erzherzog

gewählt.
Im Dezember 1848 verabschiedete das Parlament die

des deutschen Volkes.
Bei der deutschen Frage setzte sich schließlich die

Lösung durch.
Die Verfassung sah einen erblichen

als Staatsoberhaupt vor.
Der gewählte preußische König Friedrich Wilhelm IV. lehnte die angebotene

ab.
Die verbliebenen Abgeordneten zogen 1849 nach

.
Trotz ihres politischen Scheiterns wurde die Paulskirche zu einem wichtigen Ort der deutschen

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Paulskirche beschreiben: Untersuche eine historische Darstellung des Innenraums. Notiere fünf sichtbare Merkmale und erkläre, was sie über die politische Bedeutung des Ortes aussagen.
  2. Schwarz-Rot-Gold: Gestalte eine kleine Infografik zur Bedeutung der Farben und Symbole in der Paulskirche.
  3. Begriffskarte 1848: Erstelle eine Concept-Map mit den Begriffen Freiheit, Einheit, Verfassung, Parlament und Grundrechte.
  4. Historische Person vorstellen: Wähle Heinrich von Gagern, Robert Blum oder Erzherzog Johann und erstelle ein kurzes Personenporträt.


Standard

  1. Fraktionen vergleichen: Vergleiche zwei politische Gruppen der Nationalversammlung hinsichtlich Staatsform, Wahlrecht und politischer Ziele.
  2. Verfassungsdiagramm erklären: Nutze das Schaubild zur Paulskirchenverfassung und erkläre in einem selbst produzierten Audio oder Video das Zusammenspiel von Kaiser, Reichstag und Reichsgericht.
  3. Zeitungsbericht 1849: Verfasse einen fiktiven Zeitungsbericht über die Ablehnung der Kaiserwürde durch Friedrich Wilhelm IV. Trenne dabei Nachricht und Kommentar.
  4. Grundrechte damals und heute: Vergleiche drei Grundrechte von 1848/49 mit entsprechenden Regelungen des heutigen Grundgesetzes und beschreibe Gemeinsamkeiten und Unterschiede.


Schwer

  1. Debatte Großdeutsch Kleindeutsch: Führt eine strukturierte Klassendebatte durch. Eine Gruppe vertritt die großdeutsche, eine andere die kleindeutsche Lösung. Bewertet danach die historischen Handlungsmöglichkeiten.
  2. Urteil zum Scheitern 1848: Verfasse ein begründetes historisches Urteil zur Aussage: Die Frankfurter Nationalversammlung scheiterte nur, weil sie zu viel diskutierte.
  3. Quellenprojekt Robert Blum: Recherchiere zeitgenössische Darstellungen und Texte zu Robert Blum. Untersuche, wie aus einer historischen Person ein politisches Symbol wurde.
  4. Erinnerungsort Paulskirche: Entwickle ein Konzept für eine schulische Ausstellung mit dem Titel Von 1848 zum Grundgesetz. Begründe die Auswahl von mindestens fünf Exponaten oder Medienstationen.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Macht und Legitimation: Erkläre, warum eine gewählte Nationalversammlung politisch einflussreich sein konnte und trotzdem gegenüber den Einzelstaaten strukturell schwach blieb.
  2. Verfassungskompromiss: Untersuche, welche Elemente der Paulskirchenverfassung monarchisch, demokratisch und föderal waren. Beurteile anschließend, ob die Verfassung eher ein Kompromiss oder ein Widerspruch war.
  3. Revolution und Parlament: Erkläre den Zusammenhang zwischen revolutionärem Druck auf der Straße und parlamentarischer Verfassungsarbeit in Frankfurt. Zeige auch, warum sich dieses Verhältnis im Verlauf von 1848 veränderte.
  4. Deutsche Frage als Problem: Beurteile, weshalb die Entscheidung zwischen großdeutscher und kleindeutscher Lösung nicht nur eine geografische, sondern auch eine machtpolitische Frage war.
  5. Grundrechte im Vergleich: Wähle zwei Freiheitsrechte von 1848/49 und erkläre, warum ihre rechtliche Sicherung für einen Verfassungsstaat wichtig ist. Stelle einen Bezug zur Gegenwart her.
  6. Scheitern und Wirkung: Formuliere ein differenziertes Urteil zur Revolution von 1848/49, in dem Du zwischen kurzfristigem Scheitern und langfristiger Wirkung unterscheidest.




Lernnachweis

Für einen Lernnachweis zu diesem Thema ist wichtig, dass Du nicht nur Jahreszahlen wiedergeben kannst, sondern historische Zusammenhänge erklärst und begründet urteilst.

  1. Du kannst die Frankfurter Nationalversammlung in die Deutsche Revolution 1848/1849 einordnen.
  2. Du kannst erklären, wie die Nationalversammlung gewählt wurde und welche Gruppen von politischer Teilhabe ausgeschlossen waren.
  3. Du kannst zentrale politische Richtungen und Konflikte innerhalb des Parlaments unterscheiden.
  4. Du kannst die Funktion der Provisorischen Zentralgewalt und des Reichsverwesers erklären.
  5. Du kannst die Grundzüge der Paulskirchenverfassung darstellen.
  6. Du kannst großdeutsche und kleindeutsche Lösung vergleichen.
  7. Du kannst mehrere Ursachen für das Scheitern der Nationalversammlung gewichten.
  8. Du kannst die langfristige Bedeutung von Grundrechten, Parlamentarismus und Verfassungsstaatlichkeit beurteilen.
  9. Du kannst historische Bilder, Karten und Verfassungsschaubilder als Quellen beziehungsweise Darstellungen kritisch auswerten.
  10. Du kannst zwischen zeitgenössischer Perspektive und späterer historischer Bewertung unterscheiden.




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