Der Verfassungsgerichtshof - Baden-Württemberg

Der Verfassungsgerichtshof - Baden-Württemberg
Einleitung
Der Verfassungsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg ist das Verfassungsgericht des Landes. Er kontrolliert nicht allgemein, ob politische Entscheidungen „gut“ oder „schlecht“ sind, sondern prüft in den dafür vorgesehenen Verfahren, ob staatliches Handeln mit der Landesverfassung vereinbar ist. Damit ist er ein zentraler Baustein des Rechtsstaats: Auch Landtag, Landesregierung, Behörden und Gerichte sind an höherrangiges Recht gebunden.

Für das Verständnis ist eine Unterscheidung wichtig: Der Verfassungsgerichtshof ist kein oberstes Fachgericht für alle Rechtsstreitigkeiten und keine zusätzliche Berufungsinstanz. Er entscheidet grundsätzlich nur über verfassungsrechtliche Fragen, für die ihm die Landesverfassung oder ein Gesetz eine Zuständigkeit zuweist. Sein Prüfungsmaßstab ist vor allem die Landesverfassung.

Baden-Württemberg ist zugleich Teil der Bundesrepublik Deutschland. Deshalb existieren zwei Ebenen der Verfassungsgerichtsbarkeit: der Verfassungsgerichtshof des Landes und das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Welche Ebene zuständig ist, hängt unter anderem davon ab, ob ein Akt der Landesgewalt oder der Bundesgewalt angegriffen wird und welche Verfassung den Prüfungsmaßstab bildet.
Als Einstieg zeigt das folgende Video am Beispiel des Bundesverfassungsgerichts, wie Verfassungsgerichte Gesetze, staatliche Entscheidungen und Grundrechtsschutz miteinander verbinden. Übertrage die Grundidee anschließend auf die Landesebene.
Lernziele
Nach diesem aiMOOC kannst Du die Stellung des Verfassungsgerichtshofs im politischen System Baden-Württembergs erklären, zentrale Verfahren der Verfassungskontrolle unterscheiden und seine Bedeutung für Gewaltenteilung, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit beurteilen. Auf Oberstufen- und Studienniveau sollst Du außerdem begründen können, weshalb Verfassungsgerichtsbarkeit zugleich demokratisch legitimiert, rechtlich gebunden und institutionell unabhängig sein muss.
Stellung im Verfassungsstaat
Der Verfassungsgerichtshof besitzt eine Doppelstellung: Er ist Gericht und zugleich Verfassungsorgan. Als Gericht entscheidet er in rechtlich geregelten Verfahren durch unabhängige Richterinnen und Richter. Als Verfassungsorgan steht er institutionell neben anderen zentralen Landesorganen wie Landtag und Landesregierung.
Diese Stellung ist für den Rechtsstaat entscheidend. Eine Verfassung wäre politisch wesentlich schwächer, wenn ihre Regeln zwar auf dem Papier stünden, aber kein unabhängiges Gericht verbindlich feststellen könnte, ob staatliche Organe sie einhalten. Verfassungsgerichtsbarkeit macht den Vorrang der Verfassung praktisch wirksam.

Der Rechtsstaat verlangt dabei mehr als die bloße Existenz von Gerichten. Zu seinen Kernelementen gehören die Bindung staatlicher Gewalt an Recht, wirksamer Rechtsschutz, unabhängige Rechtsprechung, Verfahrensfairness und die Begrenzung staatlicher Macht. Der Verfassungsgerichtshof trägt zu mehreren dieser Elemente gleichzeitig bei.
Sitz und institutionelle Unabhängigkeit
Der Verfassungsgerichtshof hat seinen Sitz in Stuttgart. Seine Geschäftsstelle und die Verhandlungen befinden sich am Dienstsitz des Oberlandesgerichts Stuttgart. Daraus folgt jedoch keine Unterordnung unter das Oberlandesgericht: Der Verfassungsgerichtshof ist ein eigenständiges Verfassungsorgan mit eigenen Zuständigkeiten.
Die räumliche Nähe zu einem Fachgericht darf deshalb nicht mit einer gerichtlichen Instanzenhierarchie verwechselt werden. Ein Urteil des Oberlandesgerichts wird nicht automatisch vom Verfassungsgerichtshof „noch einmal“ auf seine gesamte juristische Richtigkeit geprüft. Verfassungsgerichtliche Kontrolle konzentriert sich auf spezifische Verletzungen der Landesverfassung.
Verfassungsrechtliche Grundlagen
Die zentrale Norm ist Artikel 68 der Landesverfassung. Dort sind Existenz, Kernzuständigkeiten und Zusammensetzung des Verfassungsgerichtshofs verankert. Ergänzend regelt das Gesetz über den Verfassungsgerichtshof das Verfahren im Einzelnen.
Besonders wichtig ist außerdem Artikel 2 Absatz 1 der Landesverfassung. Baden-Württemberg hat keinen vollständig eigenständigen, vom Grundgesetz getrennten Grundrechtskatalog. Vielmehr werden die im Grundgesetz festgelegten Grundrechte und staatsbürgerlichen Rechte durch Artikel 2 Absatz 1 in die Landesverfassung einbezogen. Dadurch können bundesverfassungsrechtlich bekannte Grundrechte auch als Bestandteil der Landesverfassung für die Landesverfassungsgerichtsbarkeit Bedeutung gewinnen.
Daraus entsteht eine mehrstufige Normordnung:
| Ebene | Beispiel | Bedeutung |
|---|---|---|
| Verfassungsrecht des Bundes | Grundgesetz | Bindet alle staatliche Gewalt und bestimmt die bundesstaatliche Ordnung. |
| Verfassungsrecht des Landes | Verfassung des Landes Baden-Württemberg | Bindet die Landesgewalt und ist zentraler Prüfungsmaßstab des Verfassungsgerichtshofs. |
| Einfaches Landesrecht | Landesgesetze und Rechtsverordnungen | Muss mit der Landesverfassung und höherrangigem Bundesrecht vereinbar sein. |
| Einzelakte | Verwaltungsakte und gerichtliche Entscheidungen | Können unter bestimmten Voraussetzungen verfassungsgerichtlich überprüft werden. |
Verfassungskontrolle: Wer kontrolliert wen?
Verfassungskontrolle bedeutet, dass staatliches Handeln am Maßstab der Verfassung überprüft wird. Dabei ist der Verfassungsgerichtshof nicht von sich aus eine allgemeine politische Kontrollinstanz. Er wird nur in den vorgesehenen Verfahren und auf einen zulässigen Antrag hin tätig.
Zu den wichtigsten Verfahren gehören:
| Verfahrensart | Leitfrage | Typische Funktion |
|---|---|---|
| Organstreit | Hat ein Verfassungsorgan oder ein verfassungsrechtlich berechtigter Beteiligter die Rechte eines anderen verletzt? | Klärung von Kompetenzen und Organrechten |
| Abstrakte Normenkontrolle | Ist Landesrecht unabhängig von einem konkreten Gerichtsfall mit der Landesverfassung vereinbar? | Kontrolle von Normen |
| Konkrete Normenkontrolle | Ist ein entscheidungserhebliches Landesgesetz, das ein Gericht für verfassungswidrig hält, mit der Landesverfassung vereinbar? | Verbindung von Fachgerichtsbarkeit und Verfassungsgerichtsbarkeit |
| Landesverfassungsbeschwerde | Verletzt ein Akt der baden-württembergischen öffentlichen Gewalt verfassungsmäßige Rechte? | Individueller Grundrechtsschutz |
| Kommunale Normenkontrolle | Verletzt Landesrecht verfassungsrechtlich geschützte Rechte einer Gemeinde oder eines Gemeindeverbands? | Schutz kommunaler Selbstverwaltung |
| Wahl- und Abstimmungssachen | Sind bestimmte Entscheidungen zu Wahlen, Volksbegehren oder Volksabstimmungen verfassungs- und gesetzmäßig? | Sicherung demokratischer Verfahren |
Hinzu kommen besondere Verfahren, etwa Abgeordneten- und Ministeranklagen sowie Verzögerungsbeschwerden. Die Vielfalt zeigt: Verfassungsgerichtsbarkeit schützt nicht nur individuelle Grundrechte, sondern auch die Funktionsordnung des demokratischen Staates.
Abstrakte und konkrete Normenkontrolle
Bei der abstrakten Normenkontrolle steht eine Rechtsnorm selbst im Zentrum. Es muss nicht zuerst einen individuellen Rechtsstreit geben. Die Frage lautet vereinfacht: Ist das angegriffene Landesrecht mit der Landesverfassung vereinbar?
Die konkrete Normenkontrolle entsteht dagegen aus einem laufenden Gerichtsverfahren. Hält ein Gericht ein für seine Entscheidung erhebliches Landesgesetz für unvereinbar mit der Landesverfassung, kann die Verfassungsfrage dem Verfassungsgerichtshof vorgelegt werden. Dadurch wird verhindert, dass jedes Fachgericht eigenständig ein förmliches Landesgesetz endgültig für nichtig erklärt.
Dieses Verfahren verdeutlicht die Idee der konzentrierten Verfassungskontrolle: Die verbindliche verfassungsgerichtliche Entscheidung über die Gültigkeit eines Gesetzes wird einem dafür besonders zuständigen Gericht übertragen.
Organstreit und Gewaltenteilung
Im Organstreitverfahren geht es nicht primär um Bürgerinnen und Bürger, sondern um verfassungsrechtliche Rechte und Pflichten staatlicher Organe oder anderer verfassungsrechtlich mit eigenen Zuständigkeiten ausgestatteter Beteiligter. Ein typischer Konflikt kann zwischen Landtag, Landesregierung, Fraktionen oder anderen Beteiligten entstehen.
Solche Verfahren sind für die Gewaltenteilung besonders wichtig. Gewaltenteilung bedeutet nicht, dass die Staatsgewalten völlig voneinander isoliert sind. Sie wirken zusammen, kontrollieren sich gegenseitig und sind zugleich an ihre jeweiligen Kompetenzen gebunden. Der Verfassungsgerichtshof entscheidet, wenn aus einem politischen Konflikt eine justiziable Verfassungsfrage wird.
Das Video der Bundeszentrale für politische Bildung behandelt das Bundesverfassungsgericht. Nutze es als Vergleich: Welche Funktionen eines Verfassungsgerichts lassen sich auf Baden-Württemberg übertragen und wo liegen die bundesstaatlichen Unterschiede?
Landesverfassungsbeschwerde
Seit dem 1. April 2013 können Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg eine Landesverfassungsbeschwerde erheben. Sie ist ein Instrument des individuellen Verfassungsschutzes. Angegriffen werden können grundsätzlich Akte der baden-württembergischen Gesetzgebung, Verwaltung oder Rechtsprechung, wenn eine Verletzung verfassungsmäßiger Rechte geltend gemacht wird.
Eine Landesverfassungsbeschwerde ist jedoch kein allgemeines Rechtsmittel. Der Verfassungsgerichtshof prüft eine fachgerichtliche Entscheidung nicht vollständig neu. Er fragt vielmehr, ob spezifisches Verfassungsrecht verletzt wurde. Deshalb wird häufig gesagt, ein Verfassungsgericht sei keine „Superrevisionsinstanz“.
Wichtige Zulässigkeitsgedanken sind:
- Beschwerdegegenstand: Es muss grundsätzlich um einen Akt der öffentlichen Gewalt des Landes Baden-Württemberg gehen.
- Beschwerdebefugnis: Die beschwerdeführende Person muss nachvollziehbar eine mögliche Verletzung eigener verfassungsmäßiger Rechte darlegen.
- Rechtswegerschöpfung: Vor der Verfassungsbeschwerde müssen grundsätzlich die vorgesehenen fachgerichtlichen Rechtsmittel genutzt worden sein.
- Subsidiarität: Zumutbare Möglichkeiten, eine Grundrechtsverletzung bereits auf anderem Weg zu verhindern oder zu beseitigen, müssen grundsätzlich ausgeschöpft werden.
- Frist: Bei Verfassungsbeschwerden gegen gerichtliche Entscheidungen ist regelmäßig eine Monatsfrist zu beachten; bei bestimmten unmittelbaren Beschwerden gegen Rechtsnormen gelten andere Fristen.
Eine Verfassungsbeschwerde kann nicht gegen Akte der Bundesgewalt gerichtet werden. Bundesrechtliche Regelungen oder Entscheidungen von Bundesgerichten sind nicht Gegenstand einer Landesverfassungsbeschwerde zum baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof.
Für die juristische Vertiefung kannst Du das folgende Video zur Struktur einer Verfassungsbeschwerde nutzen. Es behandelt die bundesrechtliche Verfassungsbeschwerde; vergleiche das dortige Prüfungsschema kritisch mit der Landesverfassungsbeschwerde.
Zusammensetzung und demokratische Legitimation
Der Verfassungsgerichtshof besteht aus neun Mitgliedern. Die Landesverfassung sieht drei Gruppen vor: drei Berufsrichterinnen oder Berufsrichter, drei Mitglieder mit der Befähigung zum Richteramt und drei Mitglieder, bei denen diese Voraussetzung nicht besteht.
Die Mitglieder werden vom Landtag Baden-Württemberg gewählt. Ihre Amtszeit beträgt grundsätzlich neun Jahre. Das System ist rollierend organisiert: Aus jeder der drei Gruppen wird im Drei-Jahres-Rhythmus jeweils ein Mitglied neu gewählt. Für jedes Mitglied wird außerdem eine Stellvertretung gewählt.

Diese Konstruktion verbindet zwei Prinzipien. Die Wahl durch das demokratisch gewählte Parlament vermittelt demokratische Legitimation. Nach der Wahl sind die Mitglieder des Gerichts jedoch unabhängig und nicht Vertreterinnen oder Vertreter einer Partei oder Fraktion. Gerade diese Trennung ist für den Rechtsstaat entscheidend: Politische Organe wirken an der personellen Besetzung mit, dürfen aber keine Weisungen für konkrete Entscheidungen erteilen.
Das Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Verfassungsgerichtsbarkeit
Verfassungsgerichte können Entscheidungen demokratisch gewählter Parlamente beanstanden und unter bestimmten Voraussetzungen Gesetze für mit der Verfassung unvereinbar oder nichtig erklären. Daraus entsteht eine klassische verfassungstheoretische Frage: Wie kann ein nicht direkt vom Volk gewähltes Gericht demokratisch beschlossene Gesetze begrenzen?
Eine Antwort liegt in der Bindung des Gesetzgebers an die Verfassung. Demokratie bedeutet im Verfassungsstaat nicht unbegrenzte Mehrheitsmacht. Die demokratische Mehrheit handelt innerhalb einer Ordnung, die Zuständigkeiten, Verfahren und Grundrechte festlegt. Das Verfassungsgericht setzt deshalb nicht seine eigene politische Zweckmäßigkeit an die Stelle des Parlaments, sondern kontrolliert die Einhaltung des höherrangigen Verfassungsrechts.
Gleichzeitig ist richterliche Zurückhaltung wichtig. Weil viele Verfassungsnormen auslegungsbedürftig sind, kann Verfassungsrechtsprechung politische Gestaltungsspielräume beeinflussen. Die Qualität ihrer Begründungen, transparente Verfahren und die methodische Bindung an Recht sind deshalb wesentliche Voraussetzungen ihrer Legitimität.
Entscheidungen und ihre Wirkung
Der Verfassungsgerichtshof entscheidet grundsätzlich in einem gesetzlich geregelten Verfahren. In vielen Verfahrensarten findet eine öffentliche mündliche Verhandlung statt; Verfassungsbeschwerden werden dagegen häufig ohne mündliche Verhandlung entschieden. Unzulässige oder offensichtlich unbegründete Verfassungsbeschwerden können durch eine aus drei Mitgliedern bestehende Kammer einstimmig zurückgewiesen werden.
Urteile werden nach geheimer Beratung gefällt und schriftlich begründet. Bestimmte Entscheidungen haben Gesetzeskraft, insbesondere wenn eine Rechtsvorschrift für gültig, mit der Verfassung unvereinbar oder nichtig erklärt oder verbindlich festgestellt wird, wie eine Verfassungsbestimmung auszulegen ist.
Das bedeutet nicht, dass jedes verfassungswidrige Gesetz in jeder Situation sofort ersatzlos entfällt. Je nach Fall kann ein Verfassungsgericht zwischen einer Nichtigerklärung und einer Unvereinbarkeitserklärung unterscheiden. Damit können Rechtsstaatlichkeit, Rechtssicherheit und die Verantwortung des Gesetzgebers für eine Neuregelung miteinander in Ausgleich gebracht werden.
Zwei Fallbeispiele
Beispiel 1 – Gleichheit und Besoldungsrecht: In einer Entscheidung vom 12. Juli 2024 beanstandete der Verfassungsgerichtshof Teile einer landesrechtlichen Regelung zum kinderbezogenen Besoldungsbestandteil für bestimmte Teilzeitbeschäftigte. Der Fall zeigt, wie ein Landesgesetz am Gleichheitsschutz der Landesverfassung gemessen werden kann.
Beispiel 2 – Faires Verfahren bei Geschwindigkeitsmessungen: In Entscheidungen vom 27. Januar 2025 befasste sich der Verfassungsgerichtshof mit der Einsicht in Unterlagen zu Geschwindigkeitsmessgeräten in Bußgeldverfahren. Die Verweigerung bestimmter Unterlagen konnte den verfassungsrechtlichen Anspruch auf ein faires Verfahren verletzen. Das Beispiel macht deutlich, dass Verfassungsrecht nicht nur große Konflikte zwischen Staatsorganen betrifft, sondern auch konkrete Verfahrensrechte Einzelner.
Geschichte
Der Verfassungsgerichtshof geht auf den 1955 eingerichteten Staatsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg zurück. Lange Zeit trat das Gericht vergleichsweise selten zusammen. Eine grundlegende Veränderung brachte 2013 die Einführung der Landesverfassungsbeschwerde, durch die der individuelle Grundrechtsschutz erheblich an Bedeutung gewann.
Am 5. Dezember 2015 wurde der Staatsgerichtshof in Verfassungsgerichtshof umbenannt. Die neue Bezeichnung macht deutlicher, dass das Gericht für die verbindliche Auslegung und Durchsetzung der Landesverfassung zuständig ist.
Die Entwicklung von einem eher punktuell angerufenen Staatsgerichtshof zu einem stärker sichtbaren Verfassungsgericht zeigt, wie sich institutioneller Grundrechtsschutz und Verfassungskontrolle im Land ausgebaut haben.
Verfassungsgerichtshof und Bundesverfassungsgericht

Der baden-württembergische Verfassungsgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht erfüllen ähnliche Grundfunktionen, gehören aber verschiedenen staatlichen Ebenen an.
| Merkmal | Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg | Bundesverfassungsgericht |
|---|---|---|
| Staatliche Ebene | Land Baden-Württemberg | Bund |
| Zentraler Prüfungsmaßstab | Landesverfassung | Grundgesetz |
| Typische Normenkontrolle | Landesrecht am Maßstab der Landesverfassung | Bundes- und Landesrecht am Maßstab des Grundgesetzes |
| Verfassungsbeschwerde | Gegen Akte der baden-württembergischen öffentlichen Gewalt im Rahmen der Landeszuständigkeit | Gegen Akte öffentlicher Gewalt nach Maßgabe des Grundgesetzes und Bundesverfassungsgerichtsgesetzes |
| Sitz | Stuttgart | Karlsruhe |
Die beiden Ebenen konkurrieren nicht einfach miteinander, sondern sind Teil des föderalen Verfassungsstaates. Landesverfassungsgerichtsbarkeit ermöglicht eine eigenständige verfassungsrechtliche Kontrolle der Landesgewalt, während das Bundesverfassungsgericht die Einhaltung des Grundgesetzes sichert.
Das Video des Bundesverfassungsgerichts eignet sich besonders für einen Strukturvergleich. Achte darauf, welche Zuständigkeiten auf Bundesebene anders ausgestaltet sind als in Baden-Württemberg.
Verfassungsgerichtsbarkeit als Element des Rechtsstaats
Die Bedeutung des Verfassungsgerichtshofs lässt sich in vier Funktionen zusammenfassen:
- Normenkontrolle: Landesrecht kann an der Landesverfassung gemessen werden.
- Kompetenzkontrolle: Verfassungsorgane können klären lassen, ob ihre Rechte und Zuständigkeiten verletzt wurden.
- Grundrechtsschutz: Einzelne können unter den gesetzlichen Voraussetzungen Landesverfassungsbeschwerde erheben.
- Demokratiesicherung: Bestimmte Wahl-, Volksbegehrens- und Volksabstimmungsverfahren unterliegen verfassungsgerichtlicher Kontrolle.
Diese Funktionen zeigen zugleich eine Grenze: Der Verfassungsgerichtshof ist kein politischer Ersatzgesetzgeber. Er kann verfassungsrechtliche Grenzen bestimmen, aber politische Programme grundsätzlich nicht nach eigener Zweckmäßigkeit auswählen. Innerhalb des verfassungsrechtlich zulässigen Rahmens bleibt die politische Gestaltung vor allem Aufgabe der demokratisch legitimierten Organe.
Zugang, Verfahren und Barrierefreiheit
Verfahren werden grundsätzlich durch einen begründeten Antrag eingeleitet. Für unterschiedliche Verfahrensarten gelten unterschiedliche Antragsberechtigungen und Fristen. Das Verfahren ist grundsätzlich kostenfrei; bei missbräuchlicher Rechtsverfolgung oder bestimmten unzulässigen beziehungsweise offensichtlich unbegründeten Verfassungsbeschwerden können jedoch Kostenfolgen eintreten.
Seit 2024 ist beim Verfassungsgerichtshof auch der elektronische Rechtsverkehr eröffnet. Für bestimmte professionelle Nutzergruppen gelten seit 2025 gesetzliche Nutzungspflichten. Eine einfache E-Mail ersetzt dabei keinen zugelassenen elektronischen Übermittlungsweg.
Der Verfassungsgerichtshof stellt Informationen außerdem in barrierearmen Formaten bereit. Das folgende Video zeigt wesentliche Inhalte seines Internetauftritts in Deutscher Gebärdensprache.
Quellen und Vertiefung
- Verfassungsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg: Offizielle Informationen zu Stellung, Zuständigkeiten, Verfahren, Mitgliedern und Entscheidungen.
- Landesrecht Baden-Württemberg: Zugang zur Landesverfassung und zum Gesetz über den Verfassungsgerichtshof.
- Wikipedia: Verfassungsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg: Überblick zur Institution und ihrer Entwicklung.
- Bundeszentrale für politische Bildung: Verfassungsbeschwerde: Begriffliche Vertiefung zur Funktion der Verfassungsbeschwerde.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Welche Hauptaufgabe hat der Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg? (Er kontrolliert verfassungsrechtliche Fragen der Landesgewalt am Maßstab der Landesverfassung) (!Er erlässt alle Landesgesetze) (!Er leitet die Landesregierung) (!Er entscheidet über jede zivilrechtliche Berufung)
Welche institutionelle Stellung hat der Verfassungsgerichtshof? (Er ist Gericht und eigenständiges Verfassungsorgan) (!Er ist eine Abteilung des Landtags) (!Er ist eine Behörde des Innenministeriums) (!Er ist ein Senat des Bundesverfassungsgerichts)
Aus wie vielen Mitgliedern besteht der Verfassungsgerichtshof? (Neun) (!Sechs) (!Zwölf) (!Sechzehn)
Welches Organ wählt die Mitglieder des Verfassungsgerichtshofs? (Der Landtag von Baden-Württemberg) (!Die Landesregierung) (!Der Bundesrat) (!Das Bundesverfassungsgericht)
Wie lange dauert die reguläre Amtszeit eines Mitglieds des Verfassungsgerichtshofs? (Neun Jahre) (!Vier Jahre) (!Fünf Jahre) (!Zwölf Jahre)
Was wird bei einer abstrakten Normenkontrolle geprüft? (Die Vereinbarkeit von Landesrecht mit der Landesverfassung) (!Die Popularität eines Gesetzes) (!Die Höhe kommunaler Steuern in jedem Einzelfall) (!Die politische Zweckmäßigkeit eines Regierungsprogramms)
Wann spielt die konkrete Normenkontrolle eine zentrale Rolle? (Wenn ein Gericht ein entscheidungserhebliches Landesgesetz für verfassungswidrig hält) (!Wenn eine Partei ein neues Wahlprogramm beschließt) (!Wenn eine Behörde eine Pressekonferenz abhält) (!Wenn der Bundestag einen Ausschuss einsetzt)
Seit wann gibt es in Baden-Württemberg die Landesverfassungsbeschwerde für Bürgerinnen und Bürger? (Seit 2013) (!Seit 1949) (!Seit 1955) (!Seit 2015)
Welche Aussage beschreibt eine Grenze der Landesverfassungsbeschwerde richtig? (Akte der Bundesgewalt können nicht zum Gegenstand der Landesverfassungsbeschwerde gemacht werden) (!Jede privatrechtliche Streitigkeit kann unmittelbar vorgelegt werden) (!Der Verfassungsgerichtshof entscheidet als allgemeine Berufungsinstanz) (!Eine Verfassungsbeschwerde ersetzt immer den fachgerichtlichen Rechtsweg)
Warum ist die Verfassungsgerichtsbarkeit für den Rechtsstaat wichtig? (Sie macht die Bindung staatlicher Gewalt an die Verfassung gerichtlich kontrollierbar) (!Sie ersetzt politische Wahlen) (!Sie hebt die Gewaltenteilung auf) (!Sie macht Parlamente rechtlich ungebunden)
Memory
| Verfassungsbeschwerde | individueller Grundrechtsschutz |
| Organstreit | Kompetenzkonflikt |
| Normenkontrolle | Prüfung von Rechtsnormen |
| Landtag | Richterwahl |
| Landesverfassung | zentraler Prüfungsmaßstab |
| Rechtsstaat | Bindung staatlicher Gewalt an Recht |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Organstreit | Rechte und Pflichten von Verfassungsorganen |
| Abstrakte Normenkontrolle | Prüfung von Landesrecht ohne konkreten Ausgangsprozess |
| Konkrete Normenkontrolle | Vorlage eines Gerichts wegen eines entscheidungserheblichen Landesgesetzes |
| Landesverfassungsbeschwerde | Schutz individueller verfassungsmäßiger Rechte |
| Kommunale Normenkontrolle | Schutz verfassungsrechtlicher Positionen von Gemeinden und Gemeindeverbänden |
Kreuzworträtsel
| Organstreit | Welches Verfahren klärt verfassungsrechtliche Kompetenzkonflikte zwischen Staatsorganen? |
| Normenkontrolle | Wie heißt die verfassungsgerichtliche Prüfung von Rechtsnormen? |
| Rechtsstaat | Welches Staatsprinzip bindet staatliche Gewalt an Recht und Gesetz? |
| Landtag | Welches Landesorgan wählt die Mitglieder des Verfassungsgerichtshofs? |
| Stuttgart | In welcher Stadt hat der Verfassungsgerichtshof seinen Sitz? |
| Grundrechte | Welche Rechte stehen im Zentrum vieler Verfassungsbeschwerden? |
LearningApps
Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Begriffsnetz Verfassungsgerichtsbarkeit: Erstelle ein Begriffsnetz mit Landesverfassung, Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Grundrechten und Normenkontrolle und erläutere jede Verbindung in einem Satz.
- Gerichtsvergleich: Gestalte eine Tabelle, in der Du Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg, Bundesverfassungsgericht und ein Fachgericht nach Prüfungsmaßstab, Zuständigkeit und Funktion vergleichst.
- Medienanalyse Verfassungsgericht: Wähle eines der eingebetteten Videos und notiere drei Aussagen, die sich auf den baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof übertragen lassen, sowie zwei Unterschiede.
- Rechtsstaatsplakat: Entwirf ein digitales oder analoges Plakat mit der Leitfrage „Warum braucht eine Demokratie Verfassungsgerichte?“.
Standard
- Fallskizze Grundrechtsschutz: Entwickle einen fiktiven Fall, in dem eine Person eine Maßnahme einer baden-württembergischen Behörde für grundrechtswidrig hält, und prüfe, welche Schritte vor einer Landesverfassungsbeschwerde zu bedenken sind.
- Normenkontrolle Simulation: Formuliere einen kurzen fiktiven Gesetzestext und lasse zwei Gruppen Argumente für und gegen seine Vereinbarkeit mit der Landesverfassung entwickeln.
- Interview Rechtsstaat: Führe ein Interview mit einer Person aus Recht, Verwaltung, Politik oder politischer Bildung über die Bedeutung unabhängiger Gerichte und werte die Antworten aus.
- Entscheidungsanalyse: Suche in der offiziellen Entscheidungssammlung des Verfassungsgerichtshofs eine Entscheidung und fasse Sachverhalt, Verfassungsfrage, Entscheidung und Bedeutung auf einer Seite zusammen.
Schwer
- Organstreit Moot Court: Simuliere in Gruppen ein Organstreitverfahren zwischen Landtag und Landesregierung. Verteile Rollen für Antragsteller, Antragsgegner und Gericht und entwickelt verfassungsrechtlich begründete Positionen.
- Demokratietheorie Verfassungsgericht: Verfasse einen Essay zur Frage, ob die gerichtliche Kontrolle parlamentarischer Mehrheiten demokratische Entscheidungen begrenzt oder gerade demokratische Verfassungsstaatlichkeit schützt.
- Föderaler Grundrechtsschutz: Untersuche an einem selbst gewählten Beispiel, wie sich Landesverfassungsbeschwerde und Verfassungsbeschwerde zum Bundesverfassungsgericht unterscheiden. Arbeite Zuständigkeit, Prüfungsmaßstab und mögliche Konflikte heraus.
- Exkursion Justiz Stuttgart: Plane eine Exkursion zum Justizstandort Stuttgart oder eine virtuelle Exkursion. Entwickle vorab Forschungsfragen zu Verfassungsgerichtsbarkeit, Öffentlichkeit gerichtlicher Verfahren und institutioneller Unabhängigkeit.


Lernkontrolle
- Fallanalyse Verfassungsbeschwerde: Eine Studentin verliert letztinstanzlich vor einem baden-württembergischen Gericht und hält die Entscheidung für ungerecht. Erkläre, warum allein die Behauptung einer falschen Rechtsanwendung noch keine erfolgreiche Landesverfassungsbeschwerde begründet.
- Normenkontrolle und Demokratie: Ein Landtagsabgeordneter behauptet, ein vom Parlament beschlossenes Gesetz dürfe von einem Gericht niemals beanstandet werden. Widerlege oder verteidige diese Aussage unter Einbeziehung von Verfassungsvorrang und demokratischer Legitimation.
- Institutionelle Unabhängigkeit: Erkläre, warum die Wahl der Verfassungsrichterinnen und Verfassungsrichter durch den Landtag mit richterlicher Unabhängigkeit vereinbar sein kann und welche Risiken dennoch diskutiert werden können.
- Bund und Land: Eine Person möchte eine Entscheidung eines Bundesgerichts unmittelbar beim Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg angreifen. Analysiere die Zuständigkeitsfrage und zeige einen möglichen verfassungsrechtlichen Denkfehler auf.
- Rechtsstaatlicher Zielkonflikt: Diskutiere, warum ein Verfassungsgericht eine verfassungswidrige Norm in bestimmten Konstellationen nicht zwingend sofort ersatzlos beseitigen muss. Beziehe Rechtssicherheit und Gestaltungsverantwortung des Gesetzgebers ein.
- Transfer auf einen Konflikt: Entwickle einen aktuellen oder fiktiven politischen Streit in Baden-Württemberg und entscheide begründet, ob er politisch, fachgerichtlich oder verfassungsgerichtlich zu lösen wäre.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis solltest Du zeigen können, dass Du nicht nur Begriffe kennst, sondern die Funktionslogik der Landesverfassungsgerichtsbarkeit verstanden hast.
- Du kannst die Stellung des Verfassungsgerichtshofs als Gericht und Verfassungsorgan erklären.
- Du kannst Organstreit, abstrakte und konkrete Normenkontrolle sowie Landesverfassungsbeschwerde unterscheiden.
- Du kannst den Zusammenhang zwischen Verfassungsvorrang, Grundrechtsschutz, Gewaltenteilung und Rechtsstaat herstellen.
- Du kannst die Zuständigkeit des baden-württembergischen Verfassungsgerichtshofs vom Bundesverfassungsgericht und von Fachgerichten abgrenzen.
- Du kannst einen einfachen verfassungsrechtlichen Fall strukturiert analysieren und zwischen Zulässigkeitsfragen und inhaltlicher Verfassungsprüfung unterscheiden.
- Du kannst das Spannungsverhältnis zwischen demokratischer Mehrheitsentscheidung und verfassungsgerichtlicher Kontrolle argumentativ beurteilen.
- Du kannst Entscheidungen oder Fallbeispiele aus der Rechtsprechung in ihrer Bedeutung für Staat und Gesellschaft einordnen.
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