Der Springbrunnen - Baudelaire, Charles - Gedichtanalyse
Der Springbrunnen - Baudelaire, Charles - Gedichtanalyse
Zielgruppe: Klasse 9–10 und 11–13
Kurzbeschreibung: „Dein Auge, armes Lieb, ermattet“ – ein Gedicht über Liebe, Wasser und Traurigkeit. Du untersuchst 42 Verse, Bilder, Klang und Gefühle. Dazu gibt es Hörbeispiele, ein Lesequiz und Schreibaufgaben.
Lernziel: Du kannst Beobachtungen am Text belegen und zwischen Original, Übersetzung und eigener Deutung unterscheiden.
Einleitung
Charles Baudelaire (1821–1867) war ein französischer Dichter. Sein Gedicht Le Jet d’eau heißt auf Deutsch Der Springbrunnen. Die französische Fassung erschien 1866 in der Sammlung Les Épaves.
Im Gedicht spricht eine Person zu einem geliebten Menschen. Ein Springbrunnen wird zum Bild für starke Gefühle: Das Wasser steigt auf und fällt wieder herab.

Bild: Charles Baudelaire. Fotografie von Nadar, gemeinfrei. Quelle und Rechte bei Wikimedia Commons.
Quellfassung, Lesefassung, Übersetzung und Interpretation
Quellfassung: Das französische Original von 1866 ist die Grundlage dieser Analyse. Lies es bei Wikisource: Le Jet d’eau. Du findest dort alle 42 Verse.
Lesefassung: Nutze die bereits vorhandene Textseite Gedicht – Der Springbrunnen – Baudelaire, Charles. Der Gedichttext wird hier nicht ein zweites Mal angelegt. Prüfe auf der Textseite, welche Übersetzung verwendet wird.
Übersetzung: Der deutsche Anfang „Dein Auge, armes Lieb, ermattet“ ist in einer veröffentlichten deutschen Übertragung von 1907 belegt. Der Übersetzer wird dort nicht genannt. Stefan George hat eine andere Übertragung geschrieben: Der Springbrunnen bei Wikisource, 1901. Die deutschen Fassungen dürfen nicht miteinander vermischt werden.
Interpretation: Eine Deutung ist eine begründete Erklärung. Sie ist nicht dasselbe wie der Gedichttext. Jede wichtige Aussage braucht einen passenden Textbeleg.
Wichtig: Die Versnummern in diesem Kurs beziehen sich auf das französische Original von 1866. Eine Übersetzung kann andere Wörter, Rhythmen oder Zeilenumbrüche haben.
Gedichtanalyse
Lyrisches Sprechen und Inhalt
Das lyrische Ich spricht eine geliebte Person direkt an. Zu Beginn wirkt diese müde. Im Hof ist ein Springbrunnen zu hören.
Das Gedicht verbindet drei Bewegungen: Nähe zwischen zwei Menschen, Aufsteigen des Wassers und Herabsinken in Traurigkeit.
Leseauftrag: Lies die Verse 1–8, 15–22 und 29–36. Frage Dich: Wer spricht? Wen spricht die Person an? Welche Gefühle ändern sich?
Textbelege aus der Quellfassung
| Verse | Überprüfbarer Beleg | Beobachtung |
|---|---|---|
| V. 1–4 | Müde Augen der angesprochenen Person | Nähe, Ruhe und Erschöpfung |
| V. 5 | „jet d’eau qui jase“ | Der Brunnen scheint zu plaudern. |
| V. 9–14 | „De larges pleurs“ | Das fallende Wasser erinnert an Tränen. |
| V. 15–22 | Aufstieg und anschließendes Sinken der Seele | Freude und Traurigkeit stehen nebeneinander. |
| V. 35–36 | „miroir de mon amour“ | Die Natur wird zum Spiegel der Liebe. |
Zur deutschen Übertragung von 1907: Dort stehen unter anderem „Dein Auge, armes Lieb, ermattet“ am Anfang, „Der Springbrunn, der im Hofe flüstert“ in V. 5, „In einer Flut von bangem Schmerz“ in V. 20 und „Ist meiner Liebe Spiegelbild“ in V. 36.
Diese Zitate gehören zu dieser deutschen Übertragung, nicht zum französischen Wortlaut und nicht zur Übersetzung Stefan Georges.
Form und Klang
Das Original besteht aus drei achtzeiligen Strophen und einem dreimal wiederkehrenden sechszeiligen Refrain. Das sind zusammen 42 Verse.
Der Refrain steht in den Versen 9–14, 23–28 und 37–42. Wiederholungen und Reime erzeugen einen musikalischen Klang. Der Brunnen selbst wird ebenfalls als klingend beschrieben.
Eine genaue Untersuchung von Reim und Rhythmus muss immer an der gewählten Sprachfassung erfolgen.

Foto: Fontaine des Innocents in Paris, Dudva, CC BY-SA 4.0. Wikimedia Commons. Dieses heutige Foto zeigt nicht nachweislich den Brunnen des Gedichts.
Bildauftrag: Welche Geräusche erwartest Du bei diesem Brunnen? Wie könnte daraus ein Gedichtrhythmus entstehen?
Bildsprache und Deutungsmöglichkeiten
Der Springbrunnen lässt sich als Symbol für die Liebe lesen. Sein Wasser steigt auf wie ein Glücksgefühl. Es fällt zurück wie Tränen.
Die Personifikation lässt den Brunnen sprechen und klagen. Die Umgebung aus Nacht, Wasser und Bäumen spiegelt die Stimmung der sprechenden Person.
Zwei mögliche Deutungen: Die Liebe kann zugleich glücklich und schmerzhaft sein. Oder das Auf und Ab des Wassers kann zeigen, dass schöne Augenblicke vergänglich sind.
Die Figur Phœbé im Refrain lässt mythische und nächtliche Vorstellungen anklingen. Ihre genaue Bedeutung ist nicht eindeutig. Behaupte deshalb nicht ohne Begründung, sie sei eine bestimmte Mondgöttin.

Animation: StuRat, CC BY-SA 3.0. Wikimedia Commons.
Beobachtung: Verfolge die Richtung des Wassers. Welche Textstellen passen zum Aufstieg und welche zum Fallen?
Hörvergleich: Wie klingt Wasser?
Tonaufnahme eines Brunnens: Secretlondon, CC BY-SA 3.0. Wikimedia Commons.
Brunnenaufnahme aus Freiburg in der Schweiz: Martin Thurnherr, CC BY-SA 4.0. Wikimedia Commons.
Hörauftrag: Höre beide Aufnahmen. Schreibe drei Klangwörter auf. Entscheide dann, welche Aufnahme eher zu der ruhigen, traurigen Stimmung des Gedichts passt. Begründe Deine Wahl.
Epochenkontext: Internationale Moderne
Baudelaire gilt als wichtiger Wegbereiter der Moderne und des Symbolismus. Seine Gedichte zeigen, dass Bilder und Klänge mehrere Bedeutungen haben können.
Einfach erklärt: Ein Springbrunnen ist hier nicht nur ein Gegenstand. Er kann zugleich Wasser, Musik, Freude, Schmerz und Erinnerung bedeuten.
Das Gedicht erschien 1866. Es gehört damit in die Vorgeschichte der späteren internationalen literarischen Moderne.
Musik: Claude Debussys Vertonung
Claude Debussy vertonte Le Jet d’eau 1889 als Teil seiner Cinq Poèmes de Baudelaire. Er veränderte den Wortlaut des Refrains und übernahm nicht alle Wiederholungen der Gedichtfassung. Eine Vertonung ist also keine unveränderte Quellfassung.

Historische Fotografie von Claude Debussy; laut Commons: Société des Auteurs Photographes, Paris. Gemeinfrei. Quelle und Rechte.
Video 1: Debussys Cinq Poèmes de Baudelaire mit Partitur. Le jet d’eau beginnt bei 12:23. Gesang: Nathalie Stutzmann, Klavier: Catherine Collard. Video: Contemporary Classical.
Video 2: Eine weitere Aufnahme von Debussys Le jet d’eau mit Dawn Upshaw und James Levine.
Musikauftrag: Höre einen Ausschnitt. Welche Stimmung hörst Du? Vergleiche Deine Beobachtung mit den Versen 29–36.
Medienhinweis: Die YouTube-Aufnahmen sind fremde Veröffentlichungen und werden nur eingebettet. Eine freie Weiterverwendung der Videos wird nicht behauptet.
Gestufte Hilfen
Hilfe 1 – Leicht: Suche zuerst Wörter für Augen, Wasser, Nacht und Gefühle. Notiere dazu die Versnummer.
Hilfe 2 – Standard: Markiere eine Bewegung nach oben und eine nach unten. Erkläre, welches Gefühl Du damit verbindest.
Hilfe 3 – Schwer: Formuliere nach diesem Muster: Deutung – Textbeleg – Wirkung – mögliche andere Deutung. Prüfe, ob Dein Beleg aus dem Original oder aus einer Übersetzung stammt.
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Lesequiz: Die Fragen beziehen sich auf die französische Quellfassung von 1866. Schlage die genannten Verse nach.
Was bedeutet „Tes beaux yeux sont las“ in Vers 1 für die Szene? (Die Augen der geliebten Person sind müde) (!Die Person sucht einen verlorenen Gegenstand) (!Die Person betrachtet einen Sonnenaufgang) (!Die Person verlässt die Stadt)
Wer ist mit „ton âme“ in Vers 15 gemeint? (Die Seele der angesprochenen geliebten Person) (!Die Seele des Brunnens) (!Die Seele des Dichters Debussy) (!Die Seele einer unbekannten Menschenmenge)
Wo steht der Brunnen nach „Dans la cour“ in Vers 5? (Im Hof) (!Auf einem Berg) (!Im Meer) (!Auf einer Bühne)
Welches Stilmittel zeigt das Wort „jase“ in Vers 5? (Personifikation) (!Sachlicher Bericht) (!Zeitangabe) (!Namensnennung)
Was bezeichnet „La gerbe“ in Vers 9 bildhaft? (Die aufsteigende Wasserfontäne) (!Eine geschlossene Haustür) (!Einen Vogel im Flug) (!Eine brennende Kerze)
Womit verbindet das Wort „pleurs“ in Vers 14 das fallende Wasser? (Mit Tränen) (!Mit Schnee) (!Mit Staub) (!Mit Feuer)
Welche Bewegung beschreibt die Seele in den Versen 15–22? (Sie steigt auf und sinkt anschließend) (!Sie bleibt unverändert stehen) (!Sie bewegt sich nur nach links) (!Sie verschwindet sofort im Meer)
Wohin führt die „invisible pente“ in den Versen 21–22? (In das Herz der sprechenden Person) (!In ein fremdes Haus) (!Auf einen Berggipfel) (!In einen Wald ohne Menschen)
Wie oft erscheint der sechszeilige Refrain im 42 Verse langen Original? (Dreimal) (!Einmal) (!Zweimal) (!Viermal)
Was spiegelt die Melancholie der Natur nach den Versen 35–36? (Die Liebe und Stimmung der sprechenden Person) (!Den Bauplan des Brunnens) (!Eine wissenschaftliche Messung) (!Die Meinung einer Reisegruppe)
Memory
| Baudelaire | Französisches Originalgedicht |
| Debussy | Musikalische Vertonung |
| Refrain | Wiederkehrender Gedichtteil |
| Personifikation | Vermenschlichung |
| Pleurs | Tränen |
| Symbol | Bild mit weitergehender Bedeutung |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Anrede | Lyrisches Sprechen |
| Sechszeiler | Refrain |
| Wiederholung | Klanggestaltung |
| Aufstieg | Freude |
| Spiegelbild | Selbstaussage |
Kreuzworträtsel
| Baudelaire | Wer schrieb das französische Originalgedicht? |
| Debussy | Welcher Komponist vertonte das Gedicht? |
| Refrain | Wie heißt der mehrfach wiederkehrende Gedichtteil? |
| Personifikation | Wie nennt man die Vermenschlichung eines Brunnens? |
| Melancholie | Wie nennt man eine nachdenkliche und traurige Stimmung? |
| Wasser | Welches Element verbindet Naturbild und Gefühle? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Drei Schreibprojekte mit je vier Arbeitsschritten. Wähle ein Niveau oder bearbeite alle drei.
Leicht: Mein Wasserbild
- Wortfeld: Sammle fünf Wörter zum Geräusch und zur Bewegung eines Springbrunnens.
- Textbeleg: Suche im Gedicht zwei passende Verse und notiere ihre Nummern.
- Vergleich: Schreibe auf, welches Gefühl zum Aufsteigen und welches zum Fallen des Wassers passt.
- Kreatives Schreiben: Verfasse einen kurzen Text mit sechs Sätzen über Deinen Springbrunnen und seine Stimmung.
Standard: Eine begründete Gedichtdeutung
- Lyrisches Ich: Beschreibe in zwei Sätzen die Situation der sprechenden Person.
- Symbol: Wähle ein Wasserbild und erkläre eine mögliche Bedeutung.
- Gedichtinterpretation: Sammle zwei überprüfte Versbelege und erläutere ihre Wirkung.
- Interpretationsaufsatz: Schreibe einen Deutungsabsatz mit etwa 120 Wörtern und einer klaren Schlussaussage.
Schwer: Original, Übersetzung und Musik vergleichen
- Übersetzung: Vergleiche eine Stelle des französischen Originals mit der deutschen Übertragung von 1907.
- Sprachliche Mittel: Untersuche, wie sich Wortwahl und Klang zwischen beiden Fassungen unterscheiden.
- Vertonung: Prüfe anhand der Quelle zu Debussy, was er am Refrain verändert hat.
- Literarische Erörterung: Schreibe einen Essay von etwa 250 Wörtern zur Frage, ob der Brunnen eher Glück oder Vergänglichkeit ausdrückt. Begründe beide Seiten mit Versbelegen.


Lernkontrolle
- Textvergleich: Erkläre anhand eines Beispiels, warum Original und Übersetzung nicht wortgleich sein müssen.
- Form und Inhalt: Zeige, wie der wiederholte Refrain die Deutung des Wassers unterstützt.
- Bildsprache: Beurteile, ob die Wasseranimation die Gefühlsbewegung des Gedichts gut wiedergibt.
- Höranalyse: Vergleiche die Wirkung eines echten Brunnengeräusches mit der Vertonung Debussys.
- Mehrdeutigkeit: Entwickle zwei verschiedene Deutungen des fallenden Wassers und begründe beide.
- Quellenkritik: Erkläre, warum eine Aussage über das Gedicht mit einem überprüfbaren Versbeleg begründet werden sollte.
Lernnachweis
Für Deinen Lernnachweis solltest Du zeigen, dass Du den Inhalt selbstständig erklären und mit Versstellen begründen kannst.
- Du unterscheidest die französische Quellfassung, die vorhandene Lesefassung, eine Übersetzung und eine Interpretation.
- Du beschreibst das lyrische Sprechen, den Aufbau aus achtzeiligen Strophen und den dreifachen Refrain.
- Du erläuterst mindestens zwei sprachliche Bilder und ihre mögliche Wirkung.
- Du stellst eine eigene Deutung mit zwei korrekten Versbelegen vor.
- Du erklärst einen Zusammenhang zwischen Text, Klang und Stimmung.
- Du kennzeichnest die Herkunft verwendeter Texte und Medien.
OERs zum Thema
Vorhandene Text- und Kursseiten:
- Vorhandene Gedichtseite auf moocwiki.org
- Vorhandener Lernkurs zur Gedichtanalyse
- Vorhandener Lernkurs zum Interpretieren
- Symbolismus
Geprüfte Textquellen:
- Französische Quellfassung: Les Épaves, 1866
- Historisches Faksimile auf Wikimedia Commons
- Deutsche Übertragung von 1907 und Informationen zur Vertonung
- Andere deutsche Übersetzung von Stefan George, 1901
- Wissenschaftlicher Vortrag über Debussys Vertonung
Wikipedia – Charles Baudelaire:
Rechtehinweis: Die eingebundenen Commons-Dateien sind mit Urheber beziehungsweise Herkunft und Lizenz direkt am jeweiligen Medium gekennzeichnet. Für die beiden CC-BY-SA-Lizenzversionen gelten die dort verlinkten Bedingungen zur Namensnennung und Weitergabe unter gleichen Bedingungen. Es wurden keine eigenen Bilder, Tonaufnahmen, Animationen oder Videos erzeugt.
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