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D9 E - Sprechakte, Sprechabsichten und Körpersprache

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D9 E - Sprechakte, Sprechabsichten und Körpersprache




D9 E - Sprechakte, Sprechabsichten und Körpersprache

Dieser aiMOOC richtet sich an die Klasse 9 auf E-Niveau. Du untersuchst, wie Menschen mit Sprache handeln, welche Sprechabsichten sie verfolgen und wie sich die Wirkung einer Äußerung durch Wortwahl, Stimme und Körpersprache verändert. Im Mittelpunkt steht nicht das bloße Benennen von Fachbegriffen, sondern das genaue Analysieren von Gesprächen, Reden, Interviews, Konflikten und Alltagssituationen.


Einleitung

Wenn jemand sagt: „Das hast du ja toll gemacht“, ist noch längst nicht klar, was wirklich gemeint ist. Der Satz kann ein ehrliches Lob sein. Mit gedehnter Aussprache, auffälliger Betonung und einem Augenrollen kann dieselbe Formulierung aber ironisch oder spöttisch wirken. Kommunikation entsteht deshalb nicht allein aus Wörtern.

In diesem aiMOOC unterscheidest du drei miteinander verbundene Ebenen:

Ebene Typische Mittel Leitfrage
sprachlich / verbal Wortwahl, Satzbau, Anrede, Modalverben, Modalpartikeln, rhetorische Mittel, direkte oder indirekte Formulierungen Was wird gesagt und wie wird es sprachlich formuliert?
stimmlich / paraverbal Lautstärke, Sprechtempo, Pausen, Betonung, Intonation, Rhythmus, Stimmhöhe und Stimmklang Wie klingt die Äußerung?
nonverbal Mimik, Gestik, Blick, Körperhaltung, Bewegung, Orientierung und Distanz Was zeigt der Körper während der Äußerung?

Besonders anspruchsvoll wird die Analyse, wenn diese Ebenen zusammenwirken oder sogar widersprüchliche Signale senden. Genau darauf liegt der Schwerpunkt dieses E-Niveau-Kurses.


Lernziele

Nach der Bearbeitung kannst du Sprechakte und Sprechabsichten in konkreten Situationen erkennen, zwischen sprachlichen, stimmlichen und nonverbalen Mitteln unterscheiden und deren Zusammenspiel beschreiben. Du kannst begründet erklären, warum dieselbe Äußerung je nach Tonfall, Mimik, Gestik oder Situation unterschiedlich wirkt. Außerdem lernst du, Körpersprache vorsichtig und kontextbezogen zu deuten, statt einzelnen Gesten automatisch eine feste Bedeutung zuzuschreiben.


Sprache als Handlung: Was ist ein Sprechakt?

Die Sprechakttheorie gehört zur Pragmatik. Sie geht davon aus, dass wir mit Sprache nicht nur Informationen übermitteln, sondern gleichzeitig Handlungen vollziehen. Wer sagt „Ich verspreche dir, morgen zu helfen“, beschreibt nicht nur ein Versprechen, sondern gibt in einer passenden Situation tatsächlich ein Versprechen ab. Wer „Bitte schließ das Fenster“ sagt, versucht eine andere Person zu einer Handlung zu bewegen.

Zu den wichtigen Vertretern der Sprechakttheorie gehören John Langshaw Austin und John Searle.

Datei:Talking lips.gif


Drei Ebenen eines Sprechakts

Für die schulische Analyse ist Austins Unterscheidung besonders hilfreich:

Ebene Bedeutung Beispiel „Mach bitte das Fenster zu.“
Lokution Die konkrete sprachliche Äußerung mit ihrer wörtlichen Bedeutung Eine Person äußert einen verständlichen Satz über das Schließen des Fensters.
Illokution Die kommunikative Handlung beziehungsweise Absicht, die mit der Äußerung vollzogen wird Die Person bittet oder fordert jemanden auf, das Fenster zu schließen.
Perlokution Die tatsächliche Wirkung der Äußerung auf die angesprochene Person Die Person schließt das Fenster, fühlt sich unter Druck gesetzt oder ignoriert die Bitte.

Wichtig ist: Absicht und Wirkung sind nicht dasselbe. Du kannst jemanden beruhigen wollen und ihn trotzdem verärgern. Für eine genaue Gesprächsanalyse musst du deshalb zwischen dem beabsichtigten Sprechakt und seiner tatsächlichen Wirkung unterscheiden.


Typische Sprechakte und Sprechabsichten

Eine schulisch hilfreiche Einteilung unterscheidet unter anderem folgende Gruppen:

Sprechakttyp Typische Sprechabsichten Beispiel
assertiv / feststellend informieren, behaupten, erklären, berichten „Der Bus fährt in zehn Minuten.“
direktiv / auffordernd bitten, auffordern, befehlen, raten, warnen „Bitte komm pünktlich.“
kommissiv / verpflichtend versprechen, zusagen, sich verpflichten „Ich helfe dir nach der Schule.“
expressiv / ausdrückend danken, gratulieren, sich entschuldigen, bedauern „Es tut mir leid.“
deklarativ / verändernd durch eine institutionell gültige Äußerung einen Zustand verändern „Die Sitzung ist eröffnet.“

Die genaue Einteilung kann in der Sprachwissenschaft je nach Modell unterschiedlich ausfallen. Für deine Analyse ist entscheidend, dass du die kommunikative Funktion einer Äußerung am Kontext begründest.


Direkte und indirekte Sprechakte

Nicht immer entspricht die grammatische Form der tatsächlichen Sprechabsicht. „Kannst du mir das Salz geben?“ ist formal eine Frage nach einer Fähigkeit. In einer Essenssituation wird sie normalerweise als Bitte verstanden. Das ist ein indirekter Sprechakt.

Vergleiche:

Äußerung Grammatische Form Wahrscheinliche Sprechabsicht im passenden Kontext
„Gib mir den Stift.“ Imperativsatz direkte Aufforderung
„Kannst du mir den Stift geben?“ Fragesatz höfliche Bitte
„Ich bräuchte noch einen Stift.“ Aussagesatz indirekte Bitte
„Hier fehlt noch ein Stift.“ Aussagesatz Hinweis oder indirekte Aufforderung

Ob eine indirekte Äußerung verstanden wird, hängt stark vom Kontext, vom gemeinsamen Wissen und von sozialen Erwartungen ab.


Video: Vier Seiten einer Nachricht als Ergänzung

Das Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun ist keine Sprechakttheorie, kann aber helfen, Äußerungen aus mehreren Perspektiven zu untersuchen. Prüfe beim folgenden Video besonders, wie eine Äußerung neben dem Sachinhalt auch Beziehung, Selbstoffenbarung und Appell transportieren kann.

Analyseauftrag: Wähle einen Beispielsatz aus dem Video und bestimme zusätzlich seine mögliche Sprechabsicht. Unterscheide dabei zwischen dem, was wörtlich gesagt wird, und dem, was die sprechende Person beim Gegenüber erreichen möchte.


Die stimmliche Ebene: Prosodie und paraverbale Mittel

Unter Prosodie versteht man lautliche Eigenschaften des Sprechens, die über einzelne Sprachlaute hinausgehen. Dazu gehören unter anderem Betonung, Intonation, Tempo, Rhythmus und Pausen. Im Unterricht wird für diese Wirkungsebene häufig auch der Begriff paraverbal verwendet.

Stimmliche Mittel können anzeigen, was besonders wichtig ist, ob eine Äußerung als Frage oder Aussage verstanden werden soll, ob jemand zögert oder Nachdruck erzeugt. Sie können außerdem Gefühle oder Einstellungen ausdrücken. Dabei gilt: Eine Beobachtung wie „die Person spricht leise und langsam“ ist sicherer als eine unbegründete Behauptung wie „die Person ist traurig“. Die Deutung muss aus dem Zusammenhang begründet werden.


Stimmliche Mittel im Überblick

Mittel Beobachtbare Veränderung Mögliche Wirkung im Kontext
Lautstärke leise, laut, wechselnd zurückhaltend, eindringlich, dominant oder emotional
Sprechtempo langsam, schnell, beschleunigt, verlangsamt ruhig, sorgfältig, hektisch, dynamisch
Pausen kurze oder lange Unterbrechungen Gliederung, Nachdruck, Spannung, Unsicherheit
Betonung einzelne Wörter oder Silben werden hervorgehoben Schwerpunkt und Bedeutungsunterschied
Intonation steigende, fallende oder wechselnde Satzmelodie Fragecharakter, Abschluss, Zweifel, Überraschung
Stimmhöhe und Stimmklang höher, tiefer, gepresst, weich, rau können die wahrgenommene Haltung oder Emotion beeinflussen


Audiofokus: Erst hören, dann sehen

Im folgenden TED-Vortrag demonstriert Julian Treasure mehrere stimmliche Gestaltungsmöglichkeiten. Für die erste Analyse sollst du nur zuhören: Decke das Bild ab oder wende dich vom Bildschirm weg. Notiere Veränderungen von Tempo, Lautstärke, Tonhöhe, Pausen und Betonung. Schau erst danach das Bild an und ergänze Mimik und Gestik.

Vergleichsfrage: Welche Wirkungen konntest du bereits durch die Stimme erkennen? Welche zusätzlichen Informationen liefert erst das Bild?


Mini-Audioexperiment

Sprich den Satz „Du bist also wirklich gekommen“ viermal ein: einmal erfreut, einmal misstrauisch, einmal überrascht und einmal gelangweilt. Der Wortlaut bleibt unverändert. Verändere ausschließlich stimmliche Merkmale. Tausche die Aufnahmen anschließend mit einer Partnerin oder einem Partner und lass die vermutete Sprechhaltung begründen.


Körpersprache: nonverbale Kommunikation

Zur Körpersprache gehören unter anderem Mimik, Gestik, Körperhaltung, Bewegungen, Blickkontakt und Distanzverhalten. Körpersprache beeinflusst, wie Äußerungen wahrgenommen werden. Sie ist jedoch kein zuverlässiger Gedankenleser. Eine einzelne Geste besitzt nicht automatisch überall dieselbe Bedeutung. Situation, Person, Kultur, Gewohnheiten und das Zusammenspiel mehrerer Signale müssen berücksichtigt werden.


Mimik

Mimik bezeichnet sichtbare Bewegungen und Veränderungen des Gesichts. Augenbrauen, Mund, Augenpartie und Gesichtsspannung können die Wirkung einer Äußerung unterstützen oder verändern.

Beobachtungsregel: Beschreibe zuerst sichtbar Wahrnehmbares, bevor du deutest. Schreibe also zunächst „Die Augenbrauen sind angehoben und die Augen weit geöffnet“ und erst danach eine vorsichtige Interpretation wie „Das kann im Kontext überrascht wirken“.


Gestik und Körperhaltung

Gestik umfasst kommunikativ bedeutsame Bewegungen, besonders der Hände und Arme. Körperhaltung betrifft zum Beispiel die Ausrichtung des Oberkörpers, Kopfhaltung oder Spannung des Körpers. Gesten können Sprache begleiten, einzelne Begriffe hervorheben, Gesprächsbeiträge strukturieren oder eine Äußerung ersetzen.


Blick und Distanz

Blickkontakt kann Aufmerksamkeit oder Gesprächsbereitschaft anzeigen, kann aber je nach Situation auch als unangenehm oder bedrängend wahrgenommen werden. Das räumliche Distanzverhalten wird als Proxemik bezeichnet. Welche Distanz als angemessen gilt, hängt unter anderem von Beziehung, Situation und kulturellen Konventionen ab.


Videoanalyse: Blick, Mimik, Gestik und Stimme

Das folgende Video behandelt Kommunikation über Augen, Stimme, Mimik, Körpersprache und Gestik. Nutze es nicht als Liste starrer Regeln, sondern als Beobachtungsmaterial.

Analyseauftrag: Erstelle eine Tabelle mit den Spalten „beobachtbares Mittel“, „mögliche Wirkung“, „Kontext“ und „alternative Deutung“. So vermeidest du vorschnelle Schlussfolgerungen.


Zusammenspiel: kongruente und inkongruente Signale

Von Kongruenz kann man sprechen, wenn sprachliche, stimmliche und nonverbale Mittel zueinander passen. Eine freundliche Begrüßung mit warmer Stimme, zugewandtem Blick und entspannter Haltung wirkt meist stimmig.

Inkongruenz liegt vor, wenn verschiedene Ebenen widersprüchlich erscheinen. Ein gesprochenes „Natürlich freue ich mich“ kann durch monotone Stimme, fehlenden Blickkontakt und abgewandte Körperhaltung anders wirken als der Wortlaut erwarten lässt.

Inkongruenz ist aber kein sicherer Beweis für Lüge oder Ablehnung. Sie kann viele Ursachen haben: Unsicherheit, Müdigkeit, Nervosität, Ironie, soziale Anpassung oder schlicht eine persönliche Sprechweise.


Analysebeispiel: „Na toll.“

Variante Stimme Körpersprache Mögliche Sprechabsicht Mögliche Wirkung
A lebhaft, steigende Melodie Lächeln, offener Blick ehrliches Lob oder Freude unterstützend
B gedehnt, tiefer, deutlich betont Augenrollen, Kopf leicht abgewandt Ironie oder Kritik spöttisch oder abwertend
C leise, langsam Schultern gesenkt, Blick nach unten Enttäuschung resigniert
D kurz, laut gespannte Haltung Ärger oder Vorwurf konfrontativ

Dasselbe sprachliche Material kann also durch Stimme und Körper eine andere illokutionäre Funktion erhalten oder zumindest anders interpretiert werden.


Videoexperiment: Viel Wirkung bei wenig Inhalt

Der folgende satirische TEDx-Vortrag von Will Stephen eignet sich besonders gut, um die Wirkung paraverbaler und nonverbaler Mittel getrennt vom sachlichen Gehalt zu untersuchen.

Stummfilm-Auftrag: Sieh zunächst etwa zwei Minuten ohne Ton. Notiere, welche Wirkung durch Haltung, Gestik, Bewegung, Blick und Mimik entsteht. Höre danach denselben Ausschnitt ohne Bild. Vergleiche schließlich mit der vollständigen audiovisuellen Version. Welche Wirkung entsteht erst aus dem Zusammenspiel?


Sprechabsichten in verschiedenen Kontexten

Eine Äußerung kann nur sinnvoll analysiert werden, wenn die Situation berücksichtigt wird. Besonders wichtig sind Rollen, Beziehung, Öffentlichkeit, Ziel, Vorwissen und mögliche Folgen.

Kontext Typische Sprechabsichten Auffällige sprachliche Mittel Auffällige stimmliche und nonverbale Mittel
Gespräch unter Freunden informieren, scherzen, trösten, überzeugen Umgangssprache, Ellipsen, Insiderwissen spontane Gestik, Nähe, wechselnder Blick
Konflikt kritisieren, rechtfertigen, beschwichtigen, Grenzen setzen Vorwürfe, Ich-Botschaften, Forderungen Lautstärke, Pausen, Distanz, gespannte Haltung
Unterrichtsgespräch erklären, fragen, begründen, widersprechen Fachbegriffe, vollständige Begründungen Meldesignale, Blickkontakt, strukturierte Sprechweise
Präsentation informieren, überzeugen, motivieren klare Gliederung, Beispiele, rhetorische Fragen deutliche Stimme, Pausen, Raumverhalten, Blick ins Publikum
Bewerbungsgespräch Kompetenz zeigen, informieren, überzeugen formelle Sprache, präzise Beispiele kontrolliertes Tempo, zugewandte Haltung, angemessener Blickkontakt
Videokonferenz informieren, nachfragen, koordinieren klare Sprecherwechsel, explizite Bezugnahmen Kamerablick, sichtbare Mimik, bewusste Pausen


Video: Gesprächsführung und Zuhören

Im folgenden TED-Vortrag geht es um gute Gesprächsführung. Beobachte neben den inhaltlichen Ratschlägen auch, wie die Sprecherin selbst ihre Stimme, Pausen, Blickführung und Gestik einsetzt.

Transfer: Welche Verhaltensweisen würden in einem Streitgespräch helfen, welche in einer mündlichen Prüfung und welche in einem Interview?


Ironie, Sarkasmus und Mehrdeutigkeit

Bei Ironie kann die wörtliche Bedeutung von der gemeinten Bedeutung abweichen. Entscheidend sind häufig Kontext, Vorwissen, Tonfall, Betonung und Mimik. Der Satz „Das war ja eine fantastische Idee“ kann ernst gemeint sein oder das Gegenteil ausdrücken.

Modalpartikeln wie „ja“, „doch“, „mal“, „eben“ oder „wohl“ können Sprechhandlungen ebenfalls verändern. Vergleiche „Komm her“, „Komm doch her“ und „Komm mal her“. Der Kern der Aufforderung bleibt ähnlich, die soziale Wirkung kann sich aber verschieben.


Kommunikation analysieren: Das E-Niveau-Verfahren

Nutze bei anspruchsvollen Gesprächsanalysen die folgende Reihenfolge:

Schritt Analysefrage Beispielhafte Formulierung
Situation Wer spricht mit wem, wo, wann und mit welchem Anlass? „Die beiden sprechen in einem Konflikt unter Mitschülern.“
Sprechakt und Absicht Welche sprachliche Handlung wird vollzogen? „Die Sprecherin formuliert formal eine Frage, beabsichtigt aber eine Aufforderung.“
sprachliche Mittel Welche Wörter, Satzformen oder rhetorischen Mittel fallen auf? „Die Modalpartikel ‚doch‘ verstärkt die Erwartung.“
stimmliche Mittel Wie werden Tempo, Lautstärke, Pausen, Betonung und Intonation eingesetzt? „Das verlangsamte Tempo und die Pause vor dem Schlüsselwort erzeugen Nachdruck.“
nonverbale Mittel Welche Mimik, Gestik, Blickrichtung, Haltung oder Distanz ist beobachtbar? „Der Körper ist abgewandt, während der Blick kurz zum Gegenüber zurückkehrt.“
Zusammenspiel Unterstützen oder widersprechen sich die Ebenen? „Wortlaut und Stimme wirken freundlich, die Körperhaltung dagegen distanziert.“
Wirkung Welche Wirkung ist plausibel und woran lässt sie sich begründen? „Die Äußerung kann dadurch höflich formuliert, aber dennoch zurückweisend wirken.“

Eine starke E-Niveau-Analyse benutzt nicht nur Fachbegriffe, sondern verbindet Beobachtung, Beleg, Deutung und Wirkung.


Sprachliche Analyseformulierungen

Statt „Er ist genervt“ formulierst du genauer: „Die kurzen Hauptsätze, das erhöhte Sprechtempo und die abrupten Pausen können im Konfliktkontext gereizt wirken.“

Statt „Sie lügt, weil sie wegschaut“ formulierst du wissenschaftlich vorsichtiger: „Der wiederholt abgewandte Blick steht im Kontrast zur betont sicheren Wortwahl. Daraus allein lässt sich jedoch keine Lüge ableiten.“


Kritischer Faktencheck: Die 7-38-55-Regel

Im Internet wird häufig behauptet, Kommunikation bestehe allgemein zu 7 Prozent aus Wörtern, zu 38 Prozent aus Stimme und zu 55 Prozent aus Körpersprache. Diese Aussage ist als allgemeine Regel nicht korrekt. Die oft zitierten Werte gehen auf spezielle Untersuchungen von Albert Mehrabian zu widersprüchlichen Botschaften über Gefühle und Einstellungen zurück und lassen sich nicht auf jede Kommunikationssituation übertragen.

Gerade bei einer Wegbeschreibung, mathematischen Erklärung oder Sicherheitsanweisung ist der sprachliche Inhalt offensichtlich unverzichtbar. Für deine Analyse gilt deshalb: Nicht Prozentzahlen auswendig lernen, sondern untersuchen, welche Ebene in einer konkreten Situation welche Funktion erfüllt.

Das folgende Video verwendet die bekannten Prozentwerte sehr weitgehend. Nutze es deshalb als Quellenkritik-Aufgabe und nicht als gesicherte allgemeine Kommunikationsregel.

Faktencheck-Auftrag: Trenne im Video Beobachtungen von Verallgemeinerungen. Formuliere anschließend eine sachlich genauere Aussage zur Bedeutung von Sprache, Stimme und Körpersprache.


Verbindung zu Kommunikationsmodellen

Paul Watzlawick betont in seinem Kommunikationsmodell unter anderem, dass Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt besitzt. Für diesen aiMOOC ist besonders interessant, dass Beziehungen nicht nur durch Wörter, sondern auch durch Tonfall und nonverbales Verhalten signalisiert werden können.

Vertiefung: Untersuche ein Beispiel aus dem Video mit dem Analyseverfahren dieses aiMOOCs. Benenne Sprechabsicht, sprachliche Form, stimmliche Gestaltung und nonverbale Wirkung.


Fallanalysen


Fall 1: Bitte oder Befehl?

Eine Schülerin sagt zu einem Mitschüler: „Kannst du jetzt endlich dein Handy weglegen?“ Sie spricht deutlich lauter als zuvor, betont „endlich“, hält den Blick fest auf die andere Person gerichtet und lehnt sich nach vorn.

Analyse: Grammatisch liegt ein Fragesatz vor. Im Kontext wirkt die Äußerung jedoch als direktiver Sprechakt. Das Wort „endlich“ signalisiert, dass die Sprecherin die Handlung bereits länger erwartet. Die erhöhte Lautstärke, Betonung und vorgebeugte Haltung können den Aufforderungscharakter verstärken. Die Wirkung kann dadurch deutlich schärfer sein als bei einer neutral gesprochenen Bitte.


Fall 2: Entschuldigung ohne überzeugende Wirkung

Ein Schüler sagt: „Tut mir leid“, spricht sehr schnell, schaut währenddessen auf sein Handy und wendet den Körper bereits zur Tür.

Analyse: Sprachlich wird ein expressiver Sprechakt der Entschuldigung vollzogen. Die nonverbalen und stimmlichen Mittel können jedoch als wenig zugewandt wahrgenommen werden. Daraus folgt nicht sicher, dass die Entschuldigung unehrlich ist. Für die angesprochene Person kann sie aber weniger glaubwürdig oder weniger respektvoll wirken.


Fall 3: Indirekte Kritik

In einer Gruppenarbeit sagt jemand nach längerer Unordnung ruhig: „Es wäre vielleicht hilfreich, wenn auch jemand die Ergebnisse aufschreiben würde.“ Die Person macht eine Pause vor „auch“, schaut in die Runde und hebt kurz die Augenbrauen.

Analyse: Formal handelt es sich um eine vorsichtige Feststellung. Im Kontext kann die Äußerung als indirekte Aufforderung oder Kritik funktionieren. Das Wort „vielleicht“ schwächt die Direktheit ab, während die Betonung von „auch“ und der Blick in die Gruppe Verantwortung verteilt.


Fall 4: Präsentation mit widersprüchlicher Wirkung

Eine Sprecherin beginnt mit „Ich freue mich sehr, euch unser Projekt vorzustellen“, spricht jedoch extrem leise, liest fast durchgehend vom Blatt ab und hält den Oberkörper stark nach unten gebeugt.

Analyse: Die sprachliche Ebene drückt Freude und Bereitschaft aus. Stimmliche und nonverbale Mittel können dagegen Unsicherheit oder geringe Präsenz vermitteln. Die Diskrepanz beeinflusst die Wahrnehmung, erlaubt aber keine sichere Aussage über das tatsächliche Gefühl der Sprecherin.


Medienlabor: Sehen, hören, vergleichen

Für eine anspruchsvolle Analyse trennst du die Kanäle künstlich. Dadurch erkennst du genauer, welchen Beitrag Stimme und Körpersprache leisten.

  1. Nur hören: Spiele einen geeigneten Videoausschnitt ab, ohne das Bild zu sehen. Protokolliere Tempo, Lautstärke, Pausen, Betonung und Intonation.
  2. Nur sehen: Spiele denselben Ausschnitt stumm ab. Protokolliere Mimik, Gestik, Blick, Körperhaltung und Distanz.
  3. Zusammenspiel: Spiele Bild und Ton gemeinsam ab. Markiere kongruente und inkongruente Signale.
  4. Wirkungshypothese: Formuliere mindestens zwei mögliche Wirkungen und belege sie mit konkreten Beobachtungen.


Videovergleich: Kommunikationsmodelle und reale Wirkung

Sieh dir nach dem eigenen Medienlabor erneut die beiden folgenden Erklärvideos an und prüfe, wie deren Sprecher selbst kommunikative Mittel einsetzen.

Vergleiche nicht nur den Inhalt, sondern auch Sprechtempo, Betonung, Blickführung, Gestik, Aufbau und die vermutete Wirkung auf Lernende.


Interaktive Aufgaben


Quiz: Teste Dein Wissen

Was bezeichnet die Illokution bei einem Sprechakt? (Die kommunikative Handlung oder Absicht der Äußerung) (!Die reine Lautstärke einer Äußerung) (!Nur die grammatische Zeitform eines Satzes) (!Die sichtbare Körperhaltung der hörenden Person)




Welche Aussage über die Perlokution ist richtig? (Sie bezeichnet die tatsächliche Wirkung einer Äußerung auf andere) (!Sie bezeichnet ausschließlich die Wortbedeutung) (!Sie ist immer mit der Absicht der sprechenden Person identisch) (!Sie beschreibt nur die Satzmelodie)




Welches Merkmal gehört zur stimmlichen Ebene? (Sprechtempo) (!Blickkontakt) (!Handbewegung) (!Satzbau)




Welches Merkmal ist nonverbal? (Körperhaltung) (!Modalverb) (!Nebensatz) (!Wortwahl)




Was ist ein indirekter Sprechakt? (Eine Äußerung, deren grammatische Form und gemeinte Handlung nicht unmittelbar übereinstimmen) (!Eine Äußerung ohne Sprechabsicht) (!Eine Äußerung, die grundsätzlich unverständlich ist) (!Eine Äußerung, die immer ironisch gemeint ist)




Welche Äußerung ist im passenden Kontext typischerweise ein kommissiver Sprechakt? (Ich verspreche dir, morgen zu helfen) (!Schließ bitte das Fenster) (!Wie spät ist es) (!Herzlichen Glückwunsch)




Was bedeutet Kongruenz in einer Kommunikationsanalyse? (Sprachliche, stimmliche und nonverbale Signale passen weitgehend zusammen) (!Eine Person spricht immer besonders laut) (!Eine Äußerung besteht nur aus Körpersprache) (!Eine Person verwendet ausschließlich Fachsprache)




Welche Analyseformulierung ist besonders sorgfältig? (Der abgewandte Blick kann im Kontext distanziert wirken) (!Der abgewandte Blick beweist eine Lüge) (!Eine verschränkte Haltung bedeutet immer Ablehnung) (!Körpersprache zeigt Gefühle eindeutig)




Warum ist die allgemeine 7-38-55-Regel problematisch? (Die zugrunde liegenden Werte lassen sich nicht auf jede Kommunikation übertragen) (!Weil Stimme grundsätzlich keine Wirkung hat) (!Weil Körpersprache immer bedeutungslos ist) (!Weil Wörter in Gesprächen nie wichtig sind)




Was gehört zu einer E-Niveau-Analyse besonders dazu? (Beobachtung, Beleg, Deutung und Wirkung nachvollziehbar zu verbinden) (!Nur möglichst viele Fachbegriffe aufzuzählen) (!Jede Geste sofort eindeutig zu deuten) (!Nur den Wortlaut eines Gesprächs abzuschreiben)





Memory

Illokution kommunikative Handlung
Perlokution tatsächliche Wirkung
Prosodie stimmliche Gestaltung
Mimik Gesichtsausdruck
Gestik Körperbewegung
Proxemik räumliche Distanz
Kongruenz stimmiges Zusammenspiel
Direktiv Aufforderungshandlung





Drag and Drop

Ordne die richtigen Begriffe zu. Thema
Frageintonation Satzmelodie
Augenrollen Mimik
Versprechen Kommissiv
Aufforderung Direktiv
Gesprächsabstand Proxemik




...


Kreuzworträtsel

Illokution Wie heißt die kommunikative Handlung, die mit einer Äußerung vollzogen wird?
Prosodie Wie heißt der Bereich von Betonung, Intonation, Tempo und Pausen?
Mimik Wie nennt man kommunikativ bedeutsame Gesichtsausdrücke?
Gestik Wie nennt man kommunikativ bedeutsame Körper- und Handbewegungen?
Kontext Welcher Begriff bezeichnet die Situation und den Zusammenhang einer Äußerung?
Kongruenz Wie heißt es, wenn sprachliche, stimmliche und nonverbale Signale zusammenpassen?





LearningApps


Lückentext

Vervollständige den Text.
Ein Sprechakt ist eine sprachliche Äußerung als Form des

.
Die kommunikative Funktion eines Sprechakts wird als

bezeichnet.
Die tatsächliche Wirkung einer Äußerung heißt

.
Eine Bitte kann grammatisch als Frage formuliert sein und trotzdem einen

Sprechakt bilden.
Betonung, Satzmelodie, Sprechtempo und Pausen gehören zur

.
Gesichtsausdrücke werden als

bezeichnet.
Kommunikativ bedeutsame Bewegungen der Hände und des Körpers heißen

.
Das räumliche Distanzverhalten wird als

bezeichnet.
Wenn verschiedene Kommunikationsebenen zueinander passen, spricht man von

.
Eine fundierte Deutung von Körpersprache muss immer den

berücksichtigen.
Die bekannten Mehrabian-Prozentwerte sind keine allgemeingültige

.
Eine gute Analyse verbindet Beobachtung, Beleg, Deutung und

.




Offene Aufgaben


Leicht

  1. Sprechabsichten sammeln: Finde zehn Äußerungen aus dem Schulalltag und ordne ihnen mögliche Sprechabsichten wie informieren, bitten, warnen, versprechen oder entschuldigen zu.
  2. Ein Satz vier Stimmen: Nimm einen neutralen Satz in vier verschiedenen stimmlichen Varianten auf und lasse Mitschülerinnen und Mitschüler die jeweilige Wirkung beschreiben.
  3. Körpersprache beobachten: Beobachte in einem selbst gewählten, öffentlich zugänglichen Video eine Minute lang nur Mimik, Gestik, Blick und Körperhaltung und notiere ausschließlich sichtbare Merkmale.
  4. Direkt oder indirekt: Formuliere fünf direkte Aufforderungen jeweils als indirekte Bitte um und vergleiche die mögliche Wirkung.


Standard

  1. Audioanalyse: Wähle einen kurzen Videoausschnitt aus diesem aiMOOC, höre ihn zuerst ohne Bild und analysiere Lautstärke, Tempo, Betonung, Intonation und Pausen.
  2. Stummfilmanalyse: Untersuche denselben oder einen anderen Ausschnitt ohne Ton und formuliere mindestens drei mögliche Deutungen der Körpersprache mit passenden Belegen.
  3. Konfliktszene gestalten: Entwickelt zu zweit eine 60-sekündige Konfliktszene. Spielt sie einmal eskalierend und einmal deeskalierend, ohne den Kerninhalt zu verändern.
  4. Interview führen: Führe ein kurzes Interview mit einer Person über gelungene Kommunikation. Analysiere anschließend zwei Stellen auf Sprechabsicht, Stimme und Körpersprache.


Schwer

  1. Multimodale Gesprächsanalyse: Transkribiere eine Minute aus einem Interview oder Gespräch. Ergänze genaue Angaben zu Pausen, Betonung, Mimik, Gestik und Blick und analysiere deren Zusammenspiel.
  2. Ironie-Experiment: Produziere ein kurzes Audio oder Video, in dem derselbe Satz einmal ernst und einmal ironisch wirkt. Begründe exakt, welche sprachlichen, stimmlichen und nonverbalen Veränderungen die Wirkung erzeugen.
  3. Quellenkritik Mehrabian: Recherchiere die Herkunft der 7-38-55-Aussage und erkläre in einem kurzen Erklärvideo, warum sie nicht als allgemeine Prozentregel für Kommunikation verwendet werden sollte.
  4. Kommunikationsberatung: Analysiere eine erfundene Präsentations-, Konflikt- oder Bewerbungssituation und entwickle konkrete Verbesserungsvorschläge für sprachliche, stimmliche und nonverbale Mittel. Begründe jede Empfehlung mit ihrer erwarteten Wirkung.




Text bearbeiten Bild einfügen Video einbetten Interaktive Aufgaben erstellen



Lernkontrolle

  1. Kontextwechsel analysieren: Der Satz „Das kannst du ruhig noch einmal machen“ fällt einmal nach einer gelungenen Präsentation und einmal nach einem Regelverstoß. Erkläre, wie Kontext, Tonfall und Körpersprache die Sprechabsicht verändern können.
  2. Wirkung begründen: Zwei Personen äußern dieselbe Bitte. Person A spricht ruhig mit offenen Gesten, Person B laut und mit angespanntem Körper. Vergleiche die mögliche Wirkung, ohne aus Körpersprache sichere Aussagen über innere Gefühle abzuleiten.
  3. Sprechakt umformen: Verwandle eine direkte Aufforderung in zwei indirekte Varianten. Erkläre, in welchen sozialen Situationen die Varianten jeweils angemessen sein könnten.
  4. Inkongruenz untersuchen: Entwickle ein Beispiel, in dem Wortlaut und Körpersprache nicht zusammenpassen. Erkläre mindestens drei plausible Ursachen für diese Inkongruenz.
  5. Medienanalyse übertragen: Wähle einen kurzen öffentlichen Rede-, Interview- oder Gesprächsausschnitt. Analysiere sprachliche, stimmliche und nonverbale Mittel und bewerte, wie sie gemeinsam die Wirkung unterstützen oder abschwächen.
  6. Quellenkritik anwenden: Erkläre an einem selbst gewählten Beispiel, warum feste Bedeutungslisten für Gesten und pauschale Prozentregeln eine Kommunikationsanalyse verzerren können.




Lernnachweis

Für einen überzeugenden Lernnachweis solltest du zeigen, dass du nicht nur Begriffe kennst, sondern Kommunikation eigenständig untersuchen kannst.

  1. Sprechakt bestimmen: Du kannst Lokution, Illokution und Perlokution an einem konkreten Beispiel unterscheiden.
  2. Sprechabsicht begründen: Du kannst aus Wortlaut und Kontext eine plausible kommunikative Absicht ableiten.
  3. Sprachliche Mittel analysieren: Du belegst deine Aussagen mit konkreter Wortwahl, Satzform oder sprachlichen Signalen.
  4. Stimmliche Mittel analysieren: Du untersuchst Lautstärke, Tempo, Pausen, Betonung und Intonation.
  5. Nonverbale Mittel analysieren: Du beschreibst Mimik, Gestik, Blick, Körperhaltung und Distanz beobachtungsnah.
  6. Zusammenspiel erklären: Du erkennst Kongruenz und Inkongruenz zwischen verschiedenen Ebenen.
  7. Wirkung differenziert beurteilen: Du formulierst Wirkungen als begründete Deutungen und vermeidest unbelegte Gedanken- oder Lügenerkennung.
  8. Kontext berücksichtigen: Du beziehst Rollen, Beziehung, Gesprächssituation und Ziel in deine Analyse ein.
  9. Medien untersuchen: Du kannst Audio-, Video- oder Gesprächsmaterial systematisch auswerten.
  10. Quellen kritisch prüfen: Du erkennst unzulässige Verallgemeinerungen wie die pauschale Anwendung der 7-38-55-Prozentwerte.




OERs zum Thema

Wikipedia: Sprechakttheorie

Wikipedia: Körpersprache

Wikipedia: Prosodie


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