Chancengerechtigkeit - Ethik


Chancengerechtigkeit - Ethik
Chancengerechtigkeit - Ethik

Einleitung
Chancengerechtigkeit fragt, ob Menschen nicht nur dieselben Rechte haben, sondern auch eine faire Möglichkeit, diese Rechte zu nutzen. In der Schule kann dieselbe Aufgabe für alle formal gleich sein. Sie kann trotzdem unfair wirken, wenn Lernende sehr unterschiedliche Voraussetzungen haben. Chancengerechtigkeit kann deshalb zusätzliche Unterstützung, Barrierefreiheit oder einen Nachteilsausgleich verlangen.
Lernziele
- Gerechtigkeit: Du unterscheidest Gleichheit, Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit.
- Gerechtigkeitsprinzipien: Du wendest Gleichheits-, Bedürfnis-, Leistungs- und Ausgleichsprinzip an.
- Diskriminierung: Du erkennst individuelle und strukturelle Benachteiligung.
- Ethik: Du begründest ein eigenes Urteil zu fairer Förderung in der Schule.
Grundbegriffe

Gleichheit bedeutet, dass Menschen in einer wichtigen Hinsicht gleich behandelt werden. Chancengleichheit meint gleiche formale Zugänge und Regeln. Chancengerechtigkeit bezieht zusätzlich ungleiche Startbedingungen und tatsächliche Handlungsmöglichkeiten ein.
Gleich oder gerecht?

Ein Wettbewerb kann für alle dieselben Regeln haben und trotzdem durch frühere Nachteile geprägt sein. Daher musst Du fragen:
- Ausgangsbedingungen: Konnten sich alle ähnlich gut vorbereiten?
- Barrierefreiheit: Können alle das Angebot tatsächlich nutzen?
- Unterstützung: Erhalten Lernende Hilfe nach nachvollziehbaren Kriterien?
- Verfahren: Sind Regeln transparent und Entscheidungen überprüfbar?
- Teilhabe: Können Betroffene ihre Perspektive einbringen?
Vier Gerechtigkeitsprinzipien
- Gleichheitsprinzip: Alle erhalten das Gleiche.
- Bedürfnisprinzip: Wer mehr Unterstützung braucht, erhält mehr Hilfe.
- Leistungsprinzip: Eine Verteilung richtet sich nach einer erbrachten Leistung.
- Ausgleichsprinzip: Unverschuldete Nachteile werden soweit möglich ausgeglichen.
Kein Prinzip löst jeden Fall. Eine faire Entscheidung muss erklären, welches Prinzip warum wichtiger ist.
Menschenrechte und Schule

Artikel 3 des Grundgesetzes schützt Gleichheit und verbietet bestimmte Benachteiligungen. Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nennt Bildung als Menschenrecht. Für Schule folgt daraus ein ethischer Auftrag: Zugang, Förderung und Beteiligung dürfen nicht von sachfremden Merkmalen abhängen.
Mögliche Barrieren
- Soziale Herkunft: Geld, Wohnraum, Zeit und Bildungswissen der Familie sind ungleich verteilt.
- Behinderung: Gebäude, Materialien oder Prüfungen können unzugänglich sein.
- Sprache: Fachsprache kann Wissen verdecken, obwohl ein Gedanke verstanden wurde.
- Geschlecht: Erwartungen und Rollenbilder können Entscheidungen beeinflussen.
- Wohnort: Schulwege, Angebote und digitale Infrastruktur unterscheiden sich.
- Digitale Teilhabe: Geräte, Internetzugang und Unterstützung sind nicht selbstverständlich.

Ethische Perspektiven
John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness

John Rawls schlägt den Schleier des Nichtwissens als Gedankenexperiment vor. Du legst Regeln fest, ohne zu wissen, ob Du später reich oder arm, gesund oder krank, gefördert oder benachteiligt sein wirst. Dadurch sollen Regeln unparteiischer werden. Soziale Ungleichheiten sind nach Rawls nur dann vertretbar, wenn faire Chancen bestehen und die am wenigsten Begünstigten davon profitieren.
Amartya Sen und Martha Nussbaum: Befähigung

Amartya Sen und Martha Nussbaum lenken den Blick auf reale Möglichkeiten. Es reicht nicht, allen dasselbe Angebot zu machen. Entscheidend ist, was ein Mensch damit tatsächlich tun und erreichen kann. In der Schule betrifft das zum Beispiel Zeit, Gesundheit, Sicherheit, Sprache, Lernmittel und Unterstützung.

Chancengerechtigkeit im Schulalltag
Fallbeispiele
- Hausaufgaben: Eine digitale Aufgabe ist nur fair, wenn alle Zugang zu Gerät, Internet und Hilfe haben.
- Prüfung: Ein Nachteilsausgleich verändert nicht das Lernziel, sondern beseitigt eine sachfremde Hürde.
- Förderung: Zusätzliche Unterstützung kann gerecht sein, obwohl nicht alle dasselbe erhalten.
- Bewertung: Kriterien müssen vorher bekannt, fachlich begründet und möglichst vorurteilsarm sein.
- Mitbestimmung: Lernende sollten Barrieren benennen und an Lösungen mitwirken können.
Spannungsfelder
- Gleichbehandlung und Individualisierung: Wie viel Unterschied ist fair?
- Leistung und Voraussetzung: Was kann einer Person zugerechnet werden?
- Förderung und Stigmatisierung: Wie hilft man, ohne jemanden festzulegen?
- Freiheit und Solidarität: Welche Unterstützung schulden wir einander?
- Ressourcen und Bedarf: Wie werden knappe Mittel gerecht verteilt?

Prüfschema für faire Entscheidungen
- Ziel: Welches Gut oder welche Chance soll verteilt werden?
- Betroffene: Wer trägt Vorteile, Nachteile oder Risiken?
- Barrieren: Welche Hindernisse sind sachfremd oder vermeidbar?
- Prinzip: Welches Gerechtigkeitsprinzip passt am besten?
- Folgen: Verbessert die Lösung die tatsächliche Teilhabe?
- Kontrolle: Ist die Entscheidung transparent und korrigierbar?
Interaktive Aufgaben
Quiz: Teste Dein Wissen
Was kennzeichnet Chancengerechtigkeit am besten? (Sie berücksichtigt ungleiche Voraussetzungen und reale Möglichkeiten) (!Sie verteilt immer exakt gleich) (!Sie bewertet nur Ergebnisse) (!Sie verzichtet auf gemeinsame Regeln)
Was bedeutet formale Chancengleichheit? (Für alle gelten dieselben Zugangsregeln) (!Alle erzielen dasselbe Ergebnis) (!Alle erhalten dieselbe Note) (!Nur Bedürftige dürfen teilnehmen)
Welches Beispiel zeigt eine Barriere? (Eine Lernplattform ist mit einem Screenreader nicht bedienbar) (!Eine Aufgabe hat klare Kriterien) (!Eine Prüfung wird angekündigt) (!Eine Lehrkraft erklärt ein Lernziel)
Welches Prinzip verteilt Hilfe nach notwendiger Unterstützung? (Bedürfnisprinzip) (!Leistungsprinzip) (!Zufallsprinzip) (!Mehrheitsprinzip)
Welches Prinzip orientiert sich an einer erbrachten Leistung? (Leistungsprinzip) (!Bedürfnisprinzip) (!Gleichheitsprinzip) (!Ausgleichsprinzip)
Wozu dient Rawls' Schleier des Nichtwissens? (Er soll unparteiische Regeln fördern) (!Er soll Wissen verbieten) (!Er soll Unterschiede unsichtbar machen) (!Er soll Prüfungen anonym ersetzen)
Wann können Ungleichheiten nach Rawls vertretbar sein? (Wenn faire Chancen bestehen und Benachteiligte profitieren) (!Wenn die Mehrheit allein profitiert) (!Wenn sie zufällig entstanden sind) (!Wenn sie nicht öffentlich erklärt werden)
Worauf richtet der Befähigungsansatz den Blick? (Auf tatsächliche Verwirklichungsmöglichkeiten) (!Auf identische Schulbücher) (!Auf reine Absichten) (!Auf Ranglisten ohne Kontext)
Welche Aussage passt zu Artikel 3 des Grundgesetzes? (Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich) (!Alle Menschen müssen gleich viel besitzen) (!Alle Schulnoten müssen gleich sein) (!Alle Berufe müssen gleich bezahlt werden)
Welche Maßnahme stärkt Chancengerechtigkeit in der Schule? (Barrierefreie Materialien und begründete Unterstützung) (!Gleiche Hilfe unabhängig vom Bedarf) (!Geheime Bewertungskriterien) (!Ausschluss langsamer Lernender)
Memory
| Chancengleichheit | Gleiche formale Ausgangsregeln |
| Chancengerechtigkeit | Ausgleich ungleicher Voraussetzungen |
| Bedürfnisprinzip | Unterstützung nach notwendigem Bedarf |
| Leistungsprinzip | Verteilung nach erbrachtem Beitrag |
| Barrierefreiheit | Zugang ohne vermeidbare Hindernisse |
| Rawls | Schleier des Nichtwissens |
| Befähigungsansatz | Tatsächliche Verwirklichungsmöglichkeiten |
| Diskriminierung | Ungerechtfertigte Benachteiligung |
Drag and Drop
| Ordne die richtigen Begriffe zu. | Thema |
|---|---|
| Nachteilsausgleich | Faire Prüfung bei einer Behinderung |
| Lernmittel-Ausleihe | Ausgleich einer finanziellen Hürde |
| Anonyme Bewertung | Verringerung persönlicher Vorurteile |
| Sprachförderung | Unterstützung beim Bildungszugang |
| Barrierefreie Plattform | Digitale Teilhabe |
Kreuzworträtsel
| Fairness | Wie nennt Rawls Gerechtigkeit in seiner Theorie? |
| Herkunft | Welcher soziale Faktor kann Bildungschancen prägen? |
| Barriere | Wie heißt ein vermeidbares Hindernis? |
| Rawls | Wer entwickelte den Schleier des Nichtwissens? |
| Teilhabe | Wie heißt das aktive Dabeisein in Schule und Gesellschaft? |
| Befähigung | Welcher Ansatz fragt nach realen Handlungsmöglichkeiten? |
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Lückentext
Offene Aufgaben
Leicht
- Gerechtigkeitsbeispiel: Beschreibe eine Situation aus der Schule, die gleichzeitig gleich und ungerecht wirkt.
- Bildanalyse: Erkläre die Aussage der Grafik zu Equality und Equity in eigenen Worten.
- Begriffsnetz: Gestalte ein Begriffsnetz mit Gleichheit, Bedarf, Leistung, Ausgleich und Teilhabe.
- Mini-Umfrage: Frage fünf Personen, was eine faire Schule ausmacht, und ordne die Antworten.
Standard
- Fallberatung: Entwickle für eine digitale Hausaufgabe drei Maßnahmen, die unterschiedliche Voraussetzungen berücksichtigen.
- Klassendebatte: Diskutiert, ob zusätzliche Förderung eine ungerechte Bevorzugung sein kann.
- Interview: Befrage eine Person aus der Schule zu Barrieren und dokumentiere Lösungsvorschläge.
- Erklärvideo: Produziere ein kurzes Video zum Unterschied zwischen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit.
Schwer
- Rawls-Experiment: Entwerft Schulregeln hinter dem Schleier des Nichtwissens und begründet jede Regel.
- Schulcheck: Untersucht Eure Schule auf räumliche, sprachliche, soziale und digitale Barrieren.
- Gerechtigkeitskonflikt: Vergleicht Bedürfnis- und Leistungsprinzip an einem Fall und formuliert ein Urteil.
- Projektplanung: Entwickelt eine realistische Maßnahme für mehr Chancengerechtigkeit mit Ziel, Zuständigkeit, Kosten und Erfolgskriterium.


Lernkontrolle
- Urteilsbildung: Beurteile, ob gleiche Prüfungszeit für alle immer gerecht ist. Nutze mindestens zwei Gerechtigkeitsprinzipien.
- Transfer: Übertrage Rawls' Schleier des Nichtwissens auf die Vergabe begrenzter Förderplätze.
- Fallanalyse: Untersuche eine Schulregel auf Ziel, Betroffene, Barrieren, Prinzip und Folgen.
- Perspektivwechsel: Formuliere die Sicht einer lernenden Person, einer Lehrkraft und einer Schulleitung auf dieselbe Fördermaßnahme.
- Abwägung: Entwickle eine Lösung, die Hilfe ermöglicht und zugleich Stigmatisierung vermeidet.
- Begründung: Erkläre, warum ein gerechtes Verfahren nicht automatisch ein gerechtes Ergebnis garantiert.
Lernnachweis
Für einen Lernnachweis ist wichtig:
- Du verwendest die Begriffe Gleichheit, Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit korrekt.
- Du erkennst Barrieren und unterscheidest persönliche von strukturellen Ursachen.
- Du wendest mindestens zwei Gerechtigkeitsprinzipien auf einen Fall an.
- Du erklärst Rawls' Gedankenexperiment oder den Befähigungsansatz verständlich.
- Du begründest ein eigenes Urteil und berücksichtigst Gegenargumente.
- Du entwickelst eine umsetzbare Maßnahme für mehr Teilhabe.
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