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Buch - Wie Frauen werden - Dohm, Hedwig

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Originalwerk · Lesefassung

Wie Frauen werden

Dohm, Hedwig · 1831–1894

Wie Frauen werden von Dohm, Hedwig. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

ErzählungKlasse 9–10 · 11–131 Abschnitte
Porträt von Dohm, Hedwig
Porträt: Dohm, Hedwig · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 1 von 1

Hedwig Dohm

1
Hedwig Dohm
2
Wie Frauen werden
3
Katharina Böhmer, die junge Gattin des vielbewunderten Malers Michael Böhmer, ging unstät in ihrem Zimmer auf und ab. Sie war in einfachster Promenadentoilette, ein braunes Kapothütchen auf dem Kopf. Sie wartete auf ihren Mann. Er hatte versprochen, sie Punkt elf Uhr zur Ausstellung des Künstlervereins abzuholen, wo sein neuestes Bild »Die Geburt der Venus«, das sie noch nicht kannte, ausgestellt war. Sie wartete schon seit einer halben Stunde. Ob sie in das Atelier, das einige Stockwerke höher lag, hinaufstieg? Sie wagte es nicht. Sie wusste, er wollte nicht, dass sie in das Atelier kam, wohl der Modelle wegen. Seit Monaten war sie nicht oben gewesen. In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte sie häufig mit ihm Ausstellungen besucht, nicht besonders gern. Er pflegte sie nicht auf die guten, sondern auf die schlechten Bilder aufmerksam zu machen, jeden Mangel derselben scharf hervorhebend, um so schärfer, wenn es Künstler betraf, die seine Richtung vertraten.
Vorlage S. 9
4
Wenn er sie heute vergebens warten ließ, es wäre zu lieblos. Am Abend schon trat er eine, vermuthlich Monate umfassende Reise nach dem Rheinlande an, wo er ein Fürstenschloß auszumalen hatte.
Vorlage S. 9
5
Mißmuthig und erregt trat sie an's Fenster. Die Wohnung lag am Schöneberger-Ufer. Sie blickte hinab auf den Canal. Es war Ende October. Ein feiner Regen rieselte nieder. Die Blätter hingen schlaff und schmutzig an den Bäumen. Die abgefallenen bildeten eine bräunliche muffige Masse am Boden. Die Straße war menschenleer. Zwei Kähne mit Kohlen wurden von Ruderknechten geschleppt. Langsam, keuchend, maschinenartig bewegten sie sich vorwärts in der fröstelnden Nässe. Eine solche Lebensunlust war in Allem.
Vorlage S. 9
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Käthe trat in's Zimmer zurück, warf sich in einen Lehnsessel und nahm eine Zeitung in die Hand. Sie konnte nicht lesen. Ihre Blicke folgten dem Zeiger der Uhr. Allmählich wirkte das Starren auf die Uhr hypnotisirend auf sie, und sie versank in halbwaches Sinnen und Grübeln, das so oft schon ihre leeren Stunden ausgefüllt hatte.
Vorlage S. 9
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Und wieder, wie auch sonst, war es ihr vergangenes und ihr gegenwärtiges Leben und der trübe Ausblick in die Zukunft, die an der Seele der glücklosen jungen Frau vorüberzogen.
Vorlage S. 9
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Katharina war die Tochter des reichen Fabrikbesitzers Brand in Thüringen. Ihre Mutter, eine tüchtige und correcte Hausfrau, ging in der Haushaltung, in der Fürsorge für die Kinder, so lange sie klein waren, und in der Pflichterfüllung ihrem Gatten gegenüber völlig auf. Den kleinen Kindern gehörte die Liebe und das Interesse der Eltern; die heranwachsenden und noch mehr die ganz Erwachsenen rückten ihnen ferner, ohne dass sie sich dessen nur einmal bewusst gewesen wären. Katharina, die älteste von fünf Geschwistern, stand ihren Eltern, als sie erwachsen war, fast fremd gegenüber. Sie und ihre Geschwister hatten eine Erzieherin gehabt. Sie war gut und sorgfältig ernährt und gekleidet worden. Weder bedeutende Menschen noch interessante Bücher, die hätten wecken können, was etwa in ihr schlief, waren, als sie heranwuchs, in ihren Gesichtskreis getreten. Sie war zufrieden gewesen mit der conventionellen Regelmäßigkeit ihrer Existenz. Sie hatte sehr viel hübsche und feine Handarbeiten angefertigt und hatte, noch kaum erwachsen, Bewerber gehabt, junge Beamte des Städtchens, deren Werbung hauptsächlich dem Reichthum des Vaters galt. Katharina hatte den Ruf, stolz und zurückhaltend zu sein, das zog die jungen Leute des Oertchens, die es sich gern bequem machten, ebenso wenig an, als der eigenartige Reiz ihrer Erscheinung. Katharina war weder stolz noch zurückhaltend; sie gehörte nur zu den exclusiven Naturen, die still für sich sind, weil nichts in ihrer Umgebung sie anregt, nichts ihrem inneren Wesen und Träumen entspricht. Das Aufregendste in ihrer Existenz war gewesen, dass ihre einzige Freundin eines Tages durchgebrannt war, wie es hieß, um Schauspielerin zu werden, und dass diese Busenfreundin seitdem lieblos verstummt war. Den Mangel individueller Liebe von Seiten der Eltern hatte Käthe nie empfunden. Sie hatte ja den Onkel Carl, der von den fünf Geschwistern sie einzig und allein liebte. Onkel Carl hatte von jeher zu ihrem Leben gehört wie Vater, Mutter und Geschwister, ja noch mehr. Es hatte mit diesem Onkel, der eigentlich gar nicht ihr Onkel war, eine eigenthümliche Be wandtniß.
Vorlage S. 9
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Als achtzehnjähriger Jüngling war Carl Nort als Volontair in die Fabrik ihres Vaters eingetreten, der sich damals eben mit der Tochter des Schuldirectors verheirathet hatte. In seinem Hause lebte eine junge Schwester seiner Frau. Carl verliebte sich leidenschaftlich in das schöne Mädchen, das mit dem verliebten Knaben ein kokettes Spiel trieb und sich ein Jahr später mit einem Gutsbesitzer der Nachbarschaft verheirathete.
Vorlage S. 10
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Die Eltern Katharinens hatten alle Mühe, den heißblütigen jungen Mann von einem Selbstmord zurückzuhalten. In Folge dieser complicirten Beziehungen entwickelte sich zwischen ihnen und Carl ein wahres und herzliches Freundschaftsverhältniß. Letzterer siedelte sich in ihrer Nähe an. Er blieb unverheirathet und wurde von Brands als ein Familienmitglied betrachtet, ein Verhältnis, das sich lockerte, als politische und sociale Meinungsverschiedenheiten immer schärfer hervortraten, die Denkart Carls immer radicaler, die Brands zu immer engerer Stabilität sich entwickelte.
Vorlage S. 11
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Carl war Mitglied des Reichstages geworden und saß dort auf der äußersten Linken. Als Katharina an der Schwelle des Jungfrauenalters stand, war die völlige Lostrennung Carls von ihrer Familie nur noch eine Frage der Zeit. Oft war ihm die Versuchung nahe getreten, das geliebte Kind mit seinen Ideen vertraut zu machen. Er hatte ihre Gemüts- und Geistesart geprüft und ein herzig gutes, begabtes, aber willensschwaches Geschöpf gefunden, ihre Intelligenz ein unbeschriebenes Blatt. Sollte er darauf schreiben, was er für das Beste, das Wahrste hielt? Seine Gewissenhaftigkeit ließ es nicht zu, das Mädchen der Welt, in der es leben musste, zu entfremden.
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Indessen, mit der Zeit wurde die Versuchung für ihn in dem Maße stärker, als die Neigung für das reizvolle Kind sich vertiefte. Noch war er mit sich nicht einig, was er tun oder lassen sollte, als die Eröffnung des Reichstages ihn nach Berlin rief. Von den Eltern hatte er einen kühlen Abschied genommen. Er wusste, dass er in einer bestimmten Nachmittagsstunde sein Käthchen im Garten treffen würde. Dort suchte er sie auf und fand sie auf einer Bank unter einer Linde, mit einem Buch in der Hand, in dem sie nicht las. Sie hatte den Kopf gegen den Rücken der Bank gelehnt; traumverloren blickte sie in's Leere. Sie schrak zusammen, als er sie anredete, und auf seine Frage, wovon sie träume, hatte sie geantwortet: »Von einem Prinzen.«
Vorlage S. 12
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Er sagte ihr, dass er Abschied nehmen wolle. Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und sah recht von Herzen betrübt aus.
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Eine große Freude kam über ihn, und seine Lippen öffneten sich, um zu reden, wovon sein Herz voll war. Aber sie kam ihm zuvor und fragte, ob er nicht auf seiner Reise durch Weimar käme.
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»Warum?« fragte er befremdet.
Vorlage S. 12
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»Da wohnt er ja.«
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»Wer?«
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»Mein Prinz.« Natürlich sei es ja gar kein Prinz, sondern ein Maler, und schon ein ziemlich berühmter, wie der Papa ihr gesagt. Sie hätten ihn im vorigen Sommer in Friedrichsroda getroffen.
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Er holte tief Atem. Seine Lippen schlossen sich herb und fest. Er wandte sich ab. Nach einer Weile fragte er, ob sie den Maler liebe?
Vorlage S. 12
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Sie wisse es nicht. Und dabei lächelte sie mit einem süßen und verrätherischen Ausdruck.
Vorlage S. 13
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Ob er ein guter Mensch sei?
Vorlage S. 13
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Sie wisse es nicht.
Vorlage S. 13
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Er lehnte sich an einen Baum, umschlang rückwärts mit seinen Armen den Stamm, als müsste er die Brust erweitern, und blickte empor mit einer seltsamen Starrheit des Blickes.
Vorlage S. 13
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In dem instinctiven Gefühl, Onkel Carl verletzt zu haben, lehnte sie schmeichelnd ihr Köpfchen an seinen Arm.
Vorlage S. 13
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Er hatte mit seinen Lippen ihre Stirn berührt. Dann war er gegangen.
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Er war zu spät gekommen. Sein Käthchen, mit vulgären Liebesgedanken erfüllt, fand er schon auf der Bahn, die zu dem beschränkten Glück der Mutter führte.
Vorlage S. 13
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Er hatte eine Minute geschwankt, ob er sprechen solle. Nein, es wäre unredlich gewesen, die erregte Phantasie eines verliebten Mädchens überraschen zu wollen. Im Frühjahr, wenn er zurückkäme und die wildjungen Triebe seines Käthchens abgedorrt wären, ja – dann – vielleicht – –
Vorlage S. 13
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Drei Monate später theilte ihm Käthe in einem überglücklichen Schreiben ihre Verlobung mit Michael Böhmer mit.
Vorlage S. 13
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Der junge Mann war unter dem Vorwand, Malstudien zu machen, in Käthes Heimat und in das Haus ihrer Eltern gekommen, und nach kurzem Liebeswerben hatte er um die Hand des jungen Mädchens angehalten.
Vorlage S. 13
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Eine elegische, tieftraurige Stimmung kam über den reifen Mann, der ein stilles, heißes Hoffen begraben musste. Er sollte noch Schwereres erdulden.
Vorlage S. 14
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Carl Nort war für die rechte Seite des Hauses einer der gefährlichsten Gegner wegen seiner unverbrüchlichen Wahrheitsliebe. Man scheute kein Mittel, ihn unschädlich zu machen. Ja, man wagte es, seinen moralischen Charakter anzutasten, und ziemlich unverblümt auf sein Verhältnis zu den Brands hinzudeuten, wo er als Dritter im Bunde – das Standesamt umginge.
Vorlage S. 14
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Er ertrug diese Lästerungen mit schweigender Verachtung. Etwas Anderes aber traf ihn in's Herz: dass er nicht mehr an die Idealität derjenigen Partei glauben konnte, der er mit Leib und Seele angehörte. Er erkannte allmählich, dass sie mit denselben Waffen kämpfte wie andere Parteien auch. Auch sie hatte pfiffige und diabolische Taktiken, auch sie schmähte und verlästerte gegen besseres Wissen. Und was das Aergste war, sie schmeichelte dem Volk. Anstatt es zu belehren und zu läutern, bestärkte sie es in Haß und Urtheilslosigkeit und zog Hochmuth und Ueberhebung in ihm groß.
Vorlage S. 14
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Carl Nort hatte etwas vom Pathos eines Volkstribunen, von der strengen Wahrhaftigkeit eines Cato und zugleich von der Friedfertigkeit des Weisen.
Vorlage S. 14
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Er schrieb voll edlen Zorns an die betreffenden Zeitungsredactionen. In ihren Antworten las er den alten jesuitischen Spruch, dass der Zweck die Mittel heilige, zwischen den Zeilen, er las darin, dass zuerst und zuletzt, und über Allem der Sieg der Partei stehe. Alles Andere würde sich finden – später.
Vorlage S. 14
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Carl Nort zweifelte an diesem »später«, nach einem Siege, wo der Sieger nicht besser war als der Besiegte. Vor seinem inneren Auge entrollten sich Jahrzehnte voll wüster und blutiger Kämpfe. Er sah eine Sündfluth heraufkommen, die gleicherweise die Guten und die Bösen vertilgte. Und wenn die Wasser sich verlaufen haben werden, sind sie Alle wieder da – die Guten und die Bösen.
Vorlage S. 15
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Dazu empfand er die wüthende Ohnmacht eines Künstlers, der ein ideales Bild im Herzen trägt, und dem das Material fehlt, es zu gestalten. Und er empfand zugleich die tiefe Seelennoth des Apostels, der die Lehren, die ihm heilig sind, zu einem Parteimanöver entwürdigt sieht.
Vorlage S. 15
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Er erkrankte. In der Genesung las er Herzkas »Freiland«. Wie? war das vielleicht der rechte Weg, um für eine neue, reine Weltordnung neue, reinere Menschen zu gewinnen? Eine kleine Gemeinde, die sich allmählich ausbreitet, größer wird, immer größer, bis sie schließlich den Erdkreis umspannt?
Vorlage S. 15
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Er fasste einen Entschluss, rasch, freudig. Mit dem Wagemuth eines Jünglings hatte der fertige Mann den Staub Europas von seinen Füßen geschüttelt und war nach Südamerika ausgewandert, um am Saume der Prärieen und der Cultur frei zu werden von der Niedertracht der Menschen – Halbmenschen, wie er sie nannte, – und zu versuchen, ein Ganzmensch zu werden.
Vorlage S. 15
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Käthe hatte geweint, als sie seinen feierlich rührenden Abschiedsbrief las.
Vorlage S. 15
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Dass sie Onkel Carl nicht noch schmerzlicher vermisste, kam auf Rechnung ihrer Brautschaft.
Vorlage S. 15
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Ihre ganze Brautseligkeit und später das erste Glück ihrer jungen Ehe hatte sie treulich dem alten Freunde berichtet. Aus seinen Briefen hatte sie erfahren, dass er sich in Paraguay angesiedelt und mit den mühseligsten und beladensten aller Menschen, den grausam ausgetriebenen russischen Juden, seine Colonie bevölkert hatte.
Vorlage S. 16
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Um die Ansiedlung zu bewerkstelligen und den Aermsten die Ueberfahrt zu ermöglichen, hatte er einen großen Theil seines Vermögens geopfert. Seine Colonie nannte er »Tolstoi«.
Vorlage S. 16
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Diese Thatsachen hatten Käthe in Verwunderung gesetzt, ohne ihr tieferes Interesse zu erregen.
Vorlage S. 16
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Allmählich waren ihre Briefe seltener und seltener geworden und hatten endlich ganz aufgehört. Als sie ihm zwei bis drei Mal nicht geantwortet, verstummte auch er. Es widerstand ihr, ihm zu schreiben, wie nach und nach ihr Glück entschwand, ganz, völlig entschwand.
Vorlage S. 16
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Ja, sie war unglücklich. Sie liebte ihren Mann, und er hatte aufgehört sie zu lieben. Sie war überflüssig für ihn geworden, wenn er auch anerkennen musste, dass sie eine gute Hausfrau und Mutter, eine treue, vorsorgliche Gattin war. Hatte er sie überhaupt jemals geliebt?
Vorlage S. 16
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In der Langweile des kleinen Badeorts war sein unbeschäftigtes Gemüt durch einen Zufall auf Katharina Brand verfallen, eine oberflächliche Verliebtheit, die ohne Consequenzen geblieben wäre, wenn nicht die sehr bedeutende Mitgift des jungen Mädchens ihn schließlich zu der praktischen Werbung um ihre Hand veranlaßt hätte, nicht aus Geldgier, aus Sucht nach Wohlleben, sondern aus leidenschaftlicher Liebe zu seiner Kunst. Er war zu arm, um sich den Luxus erlauben zu dürfen, seinem Genius zu folgen, oder zu genußsüchtig, um ihm unter Entbehrungen treu zu bleiben. Das Bild einer hässlichen Parvenüfamilie, das zu malen die Armuth ihn gezwungen, und das ihn zur Verzweiflung trieb, gab den Ausschlag bei der Werbung um Katharina.
Vorlage S. 16
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Nach der Verheirathung, der Existenznoth enthoben, entfaltete sich seine geniale Begabung mit überraschender Schnelligkeit und Kühnheit. Seine Bilder versetzten das Publicum in Entzücken und trugen ihm Geldsummen ein, neben denen Käthes Mitgift bald nicht mehr in Betracht kam. Er bereute seine vorschnelle Ehe und trug Katharina nach, was sie nicht verschuldet hatte. Der Anfang seiner Verstimmung gegen sie war die Verständnißlosigkeit, die sie seinen Bildern gegenüber zeigte. Sie stand stumm, erröthend davor, er las in ihren Mienen, dass sie ihr mißfielen. Er war Impressionist, ein sinnlicher Mensch, der in Farben schwelgte. Ihre Temperamente stimmten nicht zusammen. Er hielt es für seine künstlerische Pflicht, Alles von sich fern zu halten, was seinen fröhlichen Schaffensdrang beirren konnte, und die Ansprüche seiner einfachen correcten Gattin an sein Gemüthsleben, an seine Zeit beirrten ihn. Und die arme Katharina gab sich eine so schmerzliche Mühe, ihn nie und nirgend zu belästigen. Bald hatte sie herausgefühlt, dass er lieber ohne sie als mit ihr in Gesellschaft ging. Er betonte so oft und so eindringlich, dass er ihr das Opfer, in Gesellschaft zu gehen, in denen sie sich augenscheinlich langweile, nicht zumuthen wolle; er leider dürfe aus künstlerischen und finanziellen Rücksichten die Gesellschaft nicht perhorresciren. Sie habe ja auch das Kind. Er sagte nie »mein Kind« oder »unser Kind«, immer nur »das Kind«.
Vorlage S. 17
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Und Käthe blieb zu Hause mit Groll und Gram im Herzen. Er hatte ja Recht. Sie fühlte sich deplacirt, gedemüthigt in diesen Kreisen, wo Niemand sie beachtete und sie froh sein musste, einige Frauen zu finden, mit denen sie in Gesprächen über Kinder und Wirthschaft ein paar Stunden hinfristete.
Vorlage S. 18
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Katharina liebte ihren Gatten, wie reine Frauen zu lieben pflegen, weil sie einmal angefangen hatte, ihn zu lieben, weil sie doch sein Weib geworden, und weil zu lieben für das zärtliche Geschöpf eine zwingende Notwendigkeit war, und andere als legale Beziehungen für ihren keuschen Sinn nicht existirten. Trotzdem fühlte sie eine Erkältung bis in's Mark, wenn Michael, ohne ein freundliches oder herzliches Wort an sie zu richten, in's Zimmer trat, und ihre sonst so weiche Stimme klang, wenn sie gleichgiltige Worte mit ihm wechselte, spitz und gereizt. Er bemerkte wohl, dass sie zürnte. Zuweilen, wenn sie einen allzu herben Accent nicht unterdrücken konnte, meinte er, halb scherzhaft, »in ihr käme der großväterliche Schuldirector zum Durchbruch«.
Vorlage S. 18
50
Als das Kind da war, brachte sie es ihm in der ersten Zeit ab und zu. Er beehrte es dann mit dem Prädicat »nettes Würmchen«, gab es ihr bald zurück und meinte, kleine Kinder seien nur für die Mütter da.
Vorlage S. 18
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Ihr Kind war erst ein Jahr alt. Sie hatte es nicht selbst nähren können. Die Amme war als Wärterin geblieben, und naturgemäß hing das Kind vorläufig mehr an der Amme als an der Mutter. Sie liebte das Kleine von Herzen. Sie tändelte und spielte mit ihm, aber sie begriff nicht, wie ein so kleines Geschöpf in seiner rein vegetativen Existenz ein Menschenherz ausfüllen könne. Und doch behauptete man, dass es so sein müsse. War sie vielleicht keine gute Mutter? Wenn diese Vorstellung sie peinigte, presste sie das Kleine an sich und saugte sich an seinem Anblick fest, bis ihr Herz ganz von Zärtlichkeit überfloß und sie sich nun gefeit glaubte gegen jede Unbill des Schicksals.
Vorlage S. 18
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Eine Stunde später waren all' ihre Gedanken wieder bei Michael. Die schmerzende Liebe zu dem Gatten drängte die Mutterliebe in den Hintergrund.
Vorlage S. 19
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Es vergingen zuweilen Tage, ohne dass sich die Gatten sahen. Michael war oft zu Tisch ausgebeten und pflegte dann selten vor Mitternacht nach Hause zu kommen, und er hätte seine Gattin vielleicht halb vergessen, wenn nicht das Bewusstsein, ein grollendes Wesen im Hause zu haben, ihm verdrießlich gewesen wäre, ein Wesen, vor dem er dies und das geheim halten musste, ein Zwang, der seiner souveränen, offenen und rücksichtslosen Natur widerstand.
Vorlage S. 19
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Während Käthe sich in trübes Träumen verlor, stand der, auf den sie wartete, ruhig vor seiner Staffelei, behaglich mit seinem Collegen und Freunde, Lorenz von Hellbach, plaudernd. Hellbachs Atelier lag auf demselben Corridor, unmittelbar neben dem Atelier Michaels.
Vorlage S. 19
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Beide waren positive, genußsüchtige Naturen. Was etwa unsterblich in ihnen war, entzündete sich an dem Feuer ihrer Kunstbegeisterung. Diese Begeisterung war echt. Sie hielten das Künstlerthum für die Achse, um die die Welt sich dreht. Gleichartiges in ihren Lebensschicksalen und in ihren künstlerischen Bestrebungen hatte sie zu einander geführt. Beide hatten, um die Arbeit mühsamen Emporklimmens zu sparen, reiche Frauen geheirathet. Beide stimmten darin überein, es müsse in der Malerei etwas Neues, noch nie Dagewesenes gemacht werden. Hellbach hatte es anfangs mit dem Ultra-Naturalismus versucht und mit Vorliebe alte Weiber und zerlumpte Bettler gemalt. Modelle dazu fanden nur in seinem Atelier Einlaß, wenn sie der Verpflichtung, sich acht Tage nicht zu waschen, nachgekommen waren. Er behauptete, es so weit in seinem Hypernaturalimus gebracht zu haben, dass man an einem Brotkrümchen im Bart seines Bettlers oder an einem Fleck auf seinem Rock unterscheiden könne, ob das Krümchen von Schwarz- oder Weißbrot, oder ob der Fleck von Obst oder Fett herrühre.
Vorlage S. 19
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Er hatte einige Erfolge zu verzeichnen gehabt, aber er wollte elektrisiren. Die Concurrenz auf diesem Gebiet war zu groß, und Größere als er errangen die Palme. »Ein mittelmäßiger Schuster ist erlaubt,« äußerte er einmal, »ein mittelmäßiger Künstler aber ist lächerlich.«
Vorlage S. 20
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Und er creirte ein neues Genre, er malte die Nacht, fast immer mit einer witzigen Pointe. »Nacht muss es sein, wo Hellbachs Sterne strahlen,« sagten seine Collegen von ihm. Seine Berühmtheit verdankte er einem Bilde, auf dem ein in tiefen Dämmer gehülltes Zimmer zu sehen, oder vielmehr kaum zu sehen war. Ob es die Dämmerung unmittelbar vor der Nacht oder das erste kaum wahrnehmbare Morgengrauen war, blieb dahingestellt. An der Wand etwas weißlich Schimmerndes, das ein Bild sein konnte, darunter die verschwommenen Umrisse eines Sophas und auf diesen Umrissen die schattenhaften Contoure eines Menschen, der etwas in der Hand hielt, das eine Cigarre zu sein schien. Und das war die Pointe des Bildes: der feurige Punkt der brennenden Cigarre, der, mitten aus dieser virtuos-gemalten Finsterniß herausblitzend, das Dunkel erhellte.
Vorlage S. 20
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Auf anderen seiner Bilder wurde die Nacht durch einsame Laternen, durch Irrlichter, Fisch- oder Katzenaugen, zarte Mondsicheln oder ähnliche lichtbringende Gegenstände gemildert.
Vorlage S. 21
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Michael war Impressionist bis an oder über die Grenze der Möglichkeit. Die ganze Wollust seiner sinnlichen, etwas brutalen Natur tobte er in Farbenfluthen aus. Die Farbe war für ihn die Ausgießung des heiligen Geistes. Aber nicht eine Taube, eher ein Colibri oder ein Pfau vermittelte die Lichteruption.
Vorlage S. 21
60
Beide Maler klügelten und grübelten mit feiner Berechnung über ihre Compositionen. In der Ausführung aber überkam sie wirkliche Begeisterung, und so trugen ihre Bilder einen zugleich ergrübelten und genialen Charakter.
Vorlage S. 21
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In Temperament und Geistesart gingen die Freunde weit auseinander. Hellbach war Skeptiker, ein Denker mit philosophischen Allüren, der zielbewußt handelte. Michael fielen die Lebensfreuden von selbst in den Schoß. Alle Weiber waren in den kraftvoll schönen Menschen vernarrt. Er hatte blondes, kurzgeschorenes Haar, das wie eine Sammetbürste an der Stirn emporstand, graublaue Augen und einen röthlichen Bart. Die Nase war stark und kräftig, der Mund schön geschnitten, mit vollen Lippen, der Teint von blühender Zartheit wie der eines Mädchens.
Vorlage S. 21
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Michael malte, während er mit seinem Freunde plauderte. Plötzlich fiel ihm ein, dass Käthe auf ihn warte.
Vorlage S. 22
63
Dann müsse er gehen, sagte Hellbach.
Vorlage S. 22
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»Ich muss? Und wenn ich keine Lust habe? Ueberdies ist's auch schon zu spät,« setzte er mit einem Blick auf die Uhr hinzu.
Vorlage S. 22
65
»Wie ich sie kenne, wartet sie noch auf Dich.«
Vorlage S. 22
66
»Mag sie.«
Vorlage S. 22
67
Hellbach machte ihm über die Rücksichtslosigkeit seiner Frau gegenüber Vorwürfe.
Vorlage S. 22
68
Michael zuckte die Achseln. Dass man die Dummheit einer unüberlegten Heirath nicht zurücknehmen könne, sei ein Fehler in der Weltordnung.
Vorlage S. 22
69
Er habe seiner Frau nichts vorzuwerfen, meinte Hellbach.
Vorlage S. 22
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»Nein, nur dass sie eine trockene und langweilige Madame ist, in der Liebe kalt, und Kunstverständniß hat sie nun schon gar nicht.«
Vorlage S. 22
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»Hättest Du ihr nicht das Verständnis dafür erschließen können?«
Vorlage S. 22
72
»Hieße leeres Stroh dreschen. Eine Frau, die mit einer braunen Kutte und einem Umschlagetuch im Hause umhergeht und sich vor einem decolletirten Kleide fürchtet –«
Vorlage S. 22
73
»Und eine femme modèle ist,« setzte Hellbach hinzu.
Vorlage S. 22
74
»Hilft ihr gar nichts. Ich will ein Weib, ein königliches, in Purpur, und wenn ich das nicht haben kann, eine Melusine, Elfe, Nixe, Bajadere, meinetwegen eine Lemure, nur nicht so'n nettes, kleines Frauchen. Ich will heiße, saugende Augen, wie die auf dem Bild unseres berühmten Collegen, der die Sünde malen wollte. Sünde! Sünde ist keine Farbe haben, kein Blut. Kein Temperament hat sie. Fahler Teint, der allenfalls zu rothem Haar möglich wäre, und sie hat eine schwarze Mähne. Weiß und schwarz – recht preußisch zwar, aber – unmalerisch. Höchstens bringt sie es einmal, wenn sie in Gala ist, zu einem matten Hauch von bleu mourante oder verhallendem Seegrün; keine Spur von gebrannter Terracotta, ultramarin, roth oder Kupfer. Das ist, was ich brauche. Wenn man da mit dem Pinsel hineinarbeiten könnte! Ihr Profil hat feine Linien. Das ist das Einzige.«
Vorlage S. 23
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Hellbach führte ihm zu Gemüt, dass er seiner Frau Dankbarkeit schulde, ohne ihre Mitgift hätte er seine künstlerische Eigenart nicht entfalten können.
Vorlage S. 23
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»Ach was! Ich hätte mich auch ohne ihr Geld durchgerungen. Uebrigens, Du hast gut reden. Deine Pauline, ja, die hat keine niobidenhafte Posen, keine Märtyrerblicke und stumme Gardinenpredigten, die sich Einem auf die Nerven legen. Und wie brav sie für Dich kocht.«
Vorlage S. 23
77
»Ich brauche sie auch wie das liebe Brot.«
Vorlage S. 23
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»Unter welchem lieben Brot Du Schnepfen, Trüffeln und dergleichen verstehst.«
Vorlage S. 23
79
Lorenz lachte. – »Du weißt ja, dass ich nicht wie Du die Wahl hatte zwischen einer reichen Frau und vorübergehender Armuth. Meine Alternative war: Pauline oder der Revolver.«
Vorlage S. 23
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Michael wusste es.
Vorlage S. 24
81
Lorenz Hellbach war Offizier gewesen. Einer Lappalie wegen hatte ihn ein Kamerad, der beste Schütze des Regiments, gefordert. Hellbach zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass sein Gegner ihn tödten würde. Er calculirte, dass das Leben mit zweifelhafter Ehre einem unzweifelhaften Tode vorzuziehen sei, und lehnte das Duell ab, worauf er selbstverständlich den Abschied nehmen musste. Er leistete sich den Schwur, dass er eines Tages seine Ehre wieder einlösen würde und zwar – durch Künstlerruhm.
Vorlage S. 24
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Schon als Offizier hatte er sich durch seine künstlerische Begabung ausgezeichnet. Eine geistreiche Caricatur, die er von jenem Kameraden angefertigt, war eben die Veranlassung zu der Herausforderung gewesen. Er war ganz mittellos. Es bedurfte einiger Jahre ernster, mühevoller Studien, wenn er sein Ziel erreichen wollte.
Vorlage S. 24
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Er kannte damals schon Pauline, die Tochter eines durch Terrainverkäufe in der Umgegend Berlins reichgewordenen Halbbauern. Das Mädchen hatte sich bei Gelegenheit eines Manövers, das den schmucken Offizier in ihr elterliches Haus führte, in ihn verliebt und hatte ihn seitdem nicht aus den Augen verloren. Er schlug jetzt aus seiner Verabschiedung Capital, indem er dem Mädchen einredete, dass er um ihretwillen den Abschied genommen.
Vorlage S. 24
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Nachdem er Pauline, die nur über einfache Volksschulbildung verfügte, geheirathet, wusste er durch raffinirt schlaue Taktik die naive und leichtgläubige Frau in eine Lebensweise hinein zu schmeicheln und zu lügen, die schließlich zur Zufriedenheit aller Betheiligten ausschlug. Er ließ ihr völlige Freiheit im Verkehr mit den Ihrigen und nahm für sich dieselbe Freiheit in Anspruch.
Vorlage S. 24
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»Warum,« setzte er das Gespräch mit seinem Freunde fort, »entwaffnest Du Deine Frau nicht durch Liebenswürdigkeit, durch Herzlichkeit, wie ich es thue.«
Vorlage S. 25
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»Weil Du ein Strick bist und ich nicht. Uebrigens ist unsere Lage auch eine ganz verschiedene.«
Vorlage S. 25
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»Gewiss. Ich brauche meine Frau, und Du brauchst die Deinige nicht mehr. Die verrückten Engländer bezahlen Dir ja Nabobspreise. Schade, dass wir nicht mit unseren Frauen tauschen können!«
Vorlage S. 25
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»Käthe gefällt Dir?«
Vorlage S. 25
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»Ja.«
Vorlage S. 25
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»Immerzu. Du bist ja mein Freund.«
Vorlage S. 25
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»In Betreff Deiner Frau zähle nicht auf meine Loyalität. Auf diesem Gebiet nehme ich, was ich kriegen kann.«
Vorlage S. 25
92
Michael lachte etwas gezwungen. Es thäte nichts, da er seiner tugendhaften Ehehälfte nur zu sicher wäre.
Vorlage S. 25
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»Eifersüchtig?«
Vorlage S. 25
94
»Auf meine Ehre höchstens.«
Vorlage S. 25
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Hellbach schnitt eine Grimasse.
Vorlage S. 25
96
Als Michael jetzt den Pinsel fortlegte, forderte ihn Hellbach auf, mit hinüber zu kommen, um ein Urteil über den Fortschritt an seiner neuesten »Nacht« abzugeben.
Vorlage S. 25
97
Einige Minuten später stieg Käthe die Stufen zum Atelier hinauf. In einer zornigen Aufwallung hatte sie sich ihrer Unterwürfigkeit geschämt. Wie konnte er der Gattin verbieten, sein Atelier zu betreten, das jedem Fremden offen stand. Vielleicht hatte er bei allzu eifrigem Malen sein Versprechen nur vergessen. Es konnte ihn nicht verletzen, wenn sie ihn daran erinnerte.
Vorlage S. 25
98
Sie öffnete langsam und zögernd die Thür des Ateliers. Ein herber, bitterer Zug zeigte sich auf ihrem Gesicht, als sie es leer fand. Wie hatte sie nur annehmen können, dass er sie heute nicht vergessen würde! vergaß er sie nicht immer?
Vorlage S. 26
99
Eine eigenthümliche, schwüle parfümirte Atmosphäre herrschte in dem Raum, die ihr den Atem beklemmte.
Vorlage S. 26
100
Ueber eine breite Ottomane, deren Lehne orientalische Kissen bildeten, war ein Pantherfell geworfen, dessen Krallen sich in den weichen Fußteppich verloren. Ein Sammetkissen am Kopfende der Ottomane war in der Mitte eingedrückt. Da hatte vermuthlich der Kopf eines Modells geruht. Sie wusste ja, er brauchte Modelle, dennoch wandte sie den Kopf mit Widerwillen von dem Ruhebett ab. Ihre Blicke irrten umher und hafteten schließlich an dem fertigen Bilde, das auf der Staffelei stand. Fast hätte sie gelacht. Was sollte das nun wieder vorstellen! Sie verstand es absolut nicht!
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Ein nacktes Weib mit feuerfarbenem Haar steht auf einem wiesenartigen Terrain in einer blühenden, glühenden blauen Farbentollheit, ein blaues schleierhaftes Gewand hinter dem Rücken haltend. Bäume, Himmel und Luft rieseln als bläuliche Farben nieder, und aus diesem Wolkenbruch von Farbe schimmern die perlmutterschillernden Glieder des Weibes. Der Kopf ist flüchtig behandelt. Das Haar ist die Hauptsache, es lebt, leuchtet, wallt und löst sich wie ein Knotenschweif in das fluthende Blau auf. Der Uebermuth dieser Farbenwollust wirkte wie schmetternde Fanfarenmusik. Die Farbe hatte sich bei Michael Böhmer vom Stoff emancipirt, sie war Selbstzweck geworden. Der eine hochgehaltene Arm des Weibes verdeckt einen Theil des Kopfes. Ein schmales Profil sieht aus dem Bilde heraus.
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Und dieses Profil! Käthes Augen, die immer größer werden, starren darauf. Sie drückt die geballten, kleinen Fäuste gegen die Schläfe, sie glaubt nicht recht gesehen zu haben. Mit aller Gewalt nimmt sie sich zusammen und prüft eingehend, sorgfältig. Kein Zweifel, es ist ihr Profil, Zug für Zug. Ihr Gesicht auf dem üppigen, strahlenden Leib des Weibes da. Wie hilfesuchend blickt sie im Zimmer umher, und dann – in nicht zu dämmendem Zorn ergreift sie einen Pinsel – der Kopf soll fort!
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Michael hat die Thür geöffnet. Sie hält den Pinsel noch hoch in der Hand. Erstaunt blickt er in ihr entstelltes Gesicht, auf den Pinsel in ihrer Hand.
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»Was willst Du hier? und der Pinsel da – –«
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»Ich wollte,« – stammelt sie abgebrochen – »das Gesicht da, – mein Gesicht – es soll fort! fort! abscheulich! abscheulich!«
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Er reißt ihr den Pinsel aus der Hand und schleudert ihn zu Boden. Er hätte sie schlagen mögen. Mit aller Gewalt zwingt er einen aufsteigenden Jähzorn nieder.
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»Ja, Dein Profil, es passte mir gerade in den Farbenglanz da. Das farblose, ausdruckslose Profil ist ja völlig gleichgiltig in dem Bilde, kein Mensch wird es beachten.«
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Die Geringschätzung, die in seinen Worten liegt, bringt sie außer sich. Sie bricht in krampfhaftes Schluchzen aus. – »Ich ertrage es nicht, nein – nein, ich ertrage es nicht mehr!«
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»Wer zwingt Dich, es zu ertragen!« sagt er mit kalter Wuth, die an die Stelle des Jähzorns getreten ist. Dass sie aus alberner Prüderie fast sein Bild zerstört, verzeiht er ihr nie.
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Sie hört auf zu schluchzen und sieht ihn verständnißlos an.
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»Was – was meinst Du – damit?«
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»Lass Dich scheiden.«
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Ihr Atem stockt. – »Du willst – geschieden sein?«
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»Ja. Ich kann nicht zusammenleben mit einer Frau, die das chronische Bedürfnis hat, sich unglücklich zu fühlen.«
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»Und bin ich es nicht?« haucht sie kaum hörbar.
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Er überhört geflissentlich ihre Worte. – »Ich brauche Sonne, Licht, Farbe. Ich langweile Dich, Du mich! Du bist wie eine Trauerfahne auf meinem Hause, die die Freude abwinkt. Du verstehst das nicht. Du verstehst mich überhaupt nicht. Mager ist Alles in Dir – an Dir. Trennen wir uns. Du bist ja reich. Du brauchst mich nicht. Du hast ja das Kind.«
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»Michael! Michael! Es ist Deine Pflicht – –«
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»Pflicht! immer Pflicht! Es ist nicht alle Tage Aschermittwoch!«
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Er hatte angefangen in einer Studienmappe zu wühlen. Jetzt schlug er die Mappe mit Geräusch zu und griff nach seinem Hut. Sie starrte ihn wie abwesend an.
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»Du hast Zeit, nachzudenken. Meine Arbeit am Rhein wird drei bis vier Monate dauern. Du wirst einsehen, dass die Scheidung eine sittliche Notwendigkeit für uns ist. In einer Zwangsehe wirst Du nicht bleiben wollen, ich auch nicht. Adieu!«
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Damit ging er. Im Hinabgehen war ihm leicht und wohl zu Muthe, wie Einem, der eine lästige Bürde von sich geworfen. Er hatte ausgesprochen, was schon längst als ein geheimer Wunsch in ihm lebte, und was ohne diese günstige Gelegenheit nicht so bald zum Austrag gekommen wäre. Mit einem halben Lächeln auf den Lippen dachte er an die »sittliche Notwendigkeit«, die er so geschickt lancirt hatte. Uebrigens lag nicht wirklich Charakter-Noblesse darin, dass er eine reiche Frau aufgab?
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Auf der Straße zündete er sich eine Cigarette an und dachte an seine Herzallerliebste, und wie viel freier sich jetzt sein Verkehr mit ihr gestalten würde.
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Vor seiner Abreise, die in der Abendstunde erfolgte, sah er Käthe nicht wieder.
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Die arme, junge Frau blieb, wie gelähmt an allen Gliedern, im Atelier zurück. Sie wollte fort und sank doch auf die Ottomane zurück. Wie gleichgiltig war ihr nun, wer vor ihr da geruht.
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Scheidung! Von dem Manne, den sie liebte! Es war als wenn man ihr ein kaltes Messer in die Brust stieß. Sie fasste es nicht.
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An verhängnißvollen Wendepunkten des Lebens erinnern wir uns oft plötzlich an Thatsachen und Menschen, die dem Gedächtnis fast entschwunden waren. Vielleicht war es auch das drängende Sehnen nach einem Mitfühlenden, dass Käthe jetzt an Carl Nort denken musste. Onkel Carl, ja, den hatte sie nie gelangweilt, der hatte sie lieb gehabt, innig lieb, und er war auch der Einzige auf der ganzen, weiten Welt, der Einzige, der ihr rathen, ihr helfen konnte. Sie erinnerte sich seines Abschiedsbriefes. »Brauchst Du mich, Käthchen,« – so hieß es in dem Brief – so rufe mich. Ich komme.«
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Ja, sie brauchte ihn, er sollte kommen. Ohne sich die Zeit zu lassen, in ihr Zimmer zu gehen, trat sie an Michaels Schreibtisch. In fliegender Hast begann sie an Onkel Carl zu schreiben, heiße, beredte, schmerzgetränkte Worte – und ihre Tränen strömten über das Papier hin. So vertieft war sie in den Brief, dass sie das Oeffnen der Atelierthüre überhörte. Erst als Lorenz von Hellbach sie begrüßte, schrak sie empor. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stürzte sie auf das Bild zu und verhüllte es. Es fiel ihr nicht ein, dass er das Bild ja schon kennen musste. Ihm ihr thränenbethautes Gesicht zu verbergen, daran hatte sie nicht gedacht.
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Lorenz hatte nebenan in seinem Atelier die erhobene Stimme Michaels, er hatte das Aufschluchzen Käthes und die sich entfernenden Schritte des Collegen gehört. Er wusste, dass er Käthe allein treffen würde.
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»Frau Katharina!« Seine Stimme klang weich und gedämpft. Er hatte sie bis dahin nie mit Vornamen genannt. Es fiel ihr nicht auf.
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»Michael ist nicht da, was wollen Sie hier?« stieß sie heftig hervor.
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Er schwieg und sah sie an. Jetzt erst dachte sie an ihr verweintes Gesicht. Sich abwendend trocknete sie schnell und verstohlen die Augen und stotterte dann einige gleichgiltige Worte hervor, über die Ausstellung, in die sie eben gehen wollte, und ob er glaube, dass es heut draußen kälter sei als gestern.
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Mitten im Satz brach sie ab, und von Neuem flossen ihre Tränen.
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Sie entschuldigte sich, ihr wäre nicht wohl.
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»Weinen Sie doch, Katharina, weinen Sie, ich weiß ja längst, dass Sie unglücklich sind. Ich weiß auch, warum Sie es sind, und warum Sie es heut mehr als je sind.«
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»Er hat es Ihnen gesagt! Er selbst?«
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Sie bebte an allen Gliedern.
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Er schwieg. Sie nahm es für eine Bejahung. So war also die Scheidung ein wohlüberlegter Plan.
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»Ja,« sagte sie tonlos, mit weitgeöffneten Augen vor sich hinstarrend, »er will sich scheiden lassen.«
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Lorenz war fast gerührt, dass sie ihm so treuherzig verrieth, was er noch nicht wusste. Er brachte einige landläufige Tröstungen vor über Künstlerexistenzen, die sich mit gewöhnlichem Maßstab nicht messen lassen.
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»Er hat mich meiner Mitgift wegen geheirathet!«
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»Urteilen Sie nicht zu hart. Sie verurtheilen mich zugleich mit Ihrem Gatten.«
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Käthe wurde roth. Wie hatte sie daran nicht denken können.
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»So meinen Sie auch,« sagte sie ablenkend, »dass ein Künstler eine andere Moral haben darf als andere Menschen?«
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Er schwieg einen Augenblick wie in Verlegenheit.
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»Nein,« sagte er dann, »verzeihen Sie Katharina, dass ich Ihnen gegenüber eine Phrase gebrauchte.«
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»Was soll ich denn tun!« Mit rührender Hilflosigkeit sah sie zu ihm auf.
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Hellbach war seit Jahren der einzige Mensch, der ihr Teilnahme gezeigt, der sich in Gesellschaften ihrer angenommen, und dem sich in besonders freundlichen Momenten ihr sinnendes Wesen erschlossen hatte. Darum fasste sie jetzt Vertrauen zu ihm.
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»Sie sind so positiv, so praktisch, Michael sagt es –«
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»Sie meinen,« unterbrach er sie, »dass ich selbstsüchtig und vulgär bin. Nicht immer bin ich so praktisch, so positiv, wie Sie denken. Jeder Mensch, Frau Katharina, birgt in seinem Innern neben der berüchtigten bête humaine, umgekehrt auch einen Himmelsrest, ein Uebersinnliches, das er in einem Heiligenschrein hütet. Die Einen placiren in diesen Schrein die Kunst oder die Wissenschaft, die Anderen politische Schwärmerei oder die Religion. Mein Himmelsrest – was ich für Sie empfinde Katharina, das ist's!«
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»Erschrecken Sie nicht,« fuhr er fort, als er ihre abwehrende Bewegung sah. »Sie sind ja die Madonna in meinem Heiligenschrein. Ich male jetzt an einem Bilde. Unter blassen Sternen, aus weißen Linien schwebt ein engelgleiches Wesen, den Leib von Mondstrahlen verhüllt – Sie Katharina.«
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Mit raffinirter Berechnung hatte Lorenz Hellbach den Moment gewählt, wo Katharina gedemüthigt, gebrochen, sich an seiner Bewunderung aufrichten musste. Und in der That trank ihr in den Staub getretenes Herz mit Begierde seine Worte, die sie in jedem anderen Augenblick ihres Lebens indignirt zurückgewiesen hätte. An Michael dachte sie, nur an Michael. So konnte sie also verehrt, bewundert werden, und nicht etwa von dem ersten Besten, nein, von Lorenz von Hellbach, den Vielbegehrten, Vielgepriesenen.
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»Und er will sich doch von mir scheiden lassen.« Wie der Klageschrei einer verwundeten Taube klang es.
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Hellbach, etwas ermüdet von der Excursion auf die poetische Gefühlswiese, lenkte gern wieder in den Ton des praktischen Freundes ein.
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»Es wird nicht dahin kommen, Katharina, er soll Sie sehen, wie ich Sie sehe. Ich helfe Ihnen. Ich! Von heut an, mit Leib und Seele Ihr Freund!«
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Er drückte ihr, sich verabschiedend, herzlich die Hand.
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Katharina Böhmer, die unscheinbare, von Niemand beachtete, hatte Hellbach in der That von Anfang an angezogen. Das blasse Gesichtchen unter dem schwarzen, atlasglänzenden Haar, das sinnend Träumende ihres Blickes, die überschlanke, zarte Gestalt, ihre Weltunerfahrenheit, mit einem Wort, dass sie anders war als alle Frauen, die er kannte, das reizte seine Neugier und pochte zugleich an den Himmelsrest in ihm.
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Er war der groben Sprache der Cocotten und der lüsternen Hohlheit der Mondaines überdrüssig. Von den Letzteren hatte er einmal gesagt, sie wären wie Aushängeschilder, auf denen die feinsten Delicatessen versprochen würden, was aber wirklich geliefert würde, sei von geringer Qualität. Bis jetzt war kaum eine Hoffnung oder ein unlauterer Wunsch mit seinem Interesse für Käthe verknüpft gewesen. Nun aber, da die Situation sich so gänzlich zu seinem Vorteil verändert hatte, war er entschlossen das Abenteuer ihrer Eroberung zu bestehen.
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Als Hellbach gegangen war, blieb Käthe im Atelier stehen, erstaunt, erschreckt über die plötzliche Intimität zwischen ihm und ihr. Aber Michael ist es ja, der ihn zum Vertrauten gemacht hat, da kam die Intimität ganz von selbst. Und er will ihr ja helfen. Ob er es kann?«
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Ihre Gedanken kehrten zu Carl Nort zurück, dem einzigen Freund, der so klug ist und die Güte selber. Sie beendet in Hast den angefangenen Brief und eilt fort aus dem Atelier. Sie will den Brief selbst auf die Post bringen, als ob es auf einen Tag, auf eine Stunde ankäme. Was sie auch hinaustreibt aus dem Hause ist die vage Empfindung, als könne sie sich und ihre wirre Qual in dem Gewühl und Lärm der Straßen loswerden.
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Als sie den Brief in der Leipzigerstraße in die Hauptpost geworfen, biegt sie unwillkürlich in die Wilhelmstraße ein und bleibt vor dem Architektenhause stehen, wo das Bild ihres Mannes ausgestellt ist. Ja, sie will das Bild sehen, das bewunderte. Schon vom Eingang des Saales aus erkennt sie es. Betäubend, sinnverwirrend springt es ihr in die Augen. Eine elegante Dame steht vor dem Bilde. Käthe will warten, bis sich die Dame entfernt hat. Die Dame entfernt sich aber nicht. Sie bleibt unbeweglich. Käthe stellt sich neben sie, die großen erstaunten Augen auf das Bild heftend.
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Das Meer! als eine einzige wallende Rosengluth flutet es ihr entgegen, das Meer, wie ein dämonischer Choral beim Untergang der Götterwelt. Es stellt aber keinen Untergang dar, es ist die Morgenröthe des Wassers, die Geburt der Venus. Im Vordergrund klingt die Farbe in schmachtend zarte Süße aus, im Hintergrund verliert sich das Meer in purpurdämmerndes Violett von geheimnißreicher Pracht. Die Gestalt der Venus, die aus dem flüssig rosenfarbenen Gold emportaucht, von schattenhaften Tauben umflattert, ist nur Staffage. Wieder hat sie dasselbe feuerfarbene Haar wie die Sirene, das, in alle Winde wehend, im Widerschein des aufglühenden Meeres leuchtet.
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Unwillkürlich schüttelt Käthe langsam den Kopf. Die Dame neben ihr bemerkt es.
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»Wie? finden Sie das Bild nicht hinreißend,« »ist das nicht – –«
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Sie kommt nicht weiter. Sie starrt Käthe gerade ins Gesicht. Im nächsten Augenblick fühlt sich Käthe von ihren Armen umschlungen.
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»Käthe! Käthe!«
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Erst allmählich, mehr am Klange der Stimme, als an den Gesichtszügen erkennt Käthe sie, doch kommt der Name noch unsicher, zögernd von ihren Lippen.
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»Dörthe?«
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»Ja Dörthe! natürlich, wer denn sonst!«
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Beider Augen waren feucht geworden in der Freude des Wiedersehens. Rasch und lebhaft wurden Fragen und Antworten zwischen den Jugendfreundinnen ausgetauscht.
Vorlage S. 35
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Ob sie denn nicht Schauspielerin geworden? fragte Käthe.
Vorlage S. 36
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Ja natürlich, da sie doch »aus Liebe zur Kunst« durchgebrannt sei. Diese Liebe wäre aber nur die Sommerfliege einer Wintersaison gewesen. Ein Banquier, Mammonsknecht natürlich, habe sie bald den Brettern entführt.
Vorlage S. 36
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»Ich habe Dich auf den ersten Blick erkannt, Käthe, Du aber hast mich nicht erkannt.«
Vorlage S. 36
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Dörthe sagte es vorwurfsvoll. Käthe entschuldigte sich damit, dass die Freundin so viel schöner geworden sei, eine ganz Andere. Und sie blickte verlegen in das rosige Gesicht, auf das goldröthliche Haar Dörthes.
Vorlage S. 36
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Dörthe lachte auf. »Ach so, Du vermisst mein semmelblondes Zöpfchen und mein bräunliches Fell. Abgeschafft! abgeschafft! Und überhaupt, dass ich nicht mehr das kleine murkliche Ding bin. Na, sehe ich passabel aus? Was?« Käthe musterte sie mit einem Erstaunen, das an Erschrecken grenzte. In der That, Dörthe war eine auffallend hübsche Erscheinung mit dem vollen, röthlichen Haar, das sich über eine weiße Stirn kräuselte, mit den brennend rothen schwellenden Lippen und den etwas tiefliegenden Veilchenaugen, denen eine leichte dunkle Umsäumung ein listig funkelndes Licht verlieh. Ihre reiche und elegante Kleidung hatte einen kleinen Stich ins Phantastische, und vielleicht war sie ein wenig zu stark parfümirt.
Vorlage S. 36
175
Käthe fragte, ob sie ebenso glücklich wie schön geworden sei.
Vorlage S. 36
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Na, sie könnte ja so weit ganz zufrieden sein, wenn ihre Sentimentalität ihr nicht zuweilen einen Strich durch die Rechnung – oder eigentlich durch die Rechnungen machte, die immer enorm hoch wären, und doch – fügte sie mit einem Seufzer stärksten Kalibers hinzu – habe sie Augenblicke, wo sie sich nach dem kleinen Laden ihrer Eltern zurücksehne, nach dem dicken, schwarzgrauen Kachelofen, der so oft rauchte, nach dem Eierkuchen mit Speck, von dem sie leider nie genug kriegte, und vor Allem nach dem lieben alten Namen Dörthe. Wie lange habe sie das traute »Dörthe« nicht gehört! Sie hieße ja jetzt, je nach dem Geschmack derer, die das Recht hätten, sich ihres Vornamens zu bedienen, Dora oder Dorette, bei feierlichen Veranlassungen, wie z.B. bei häuslichem Zank oder Condolenzbesuchen, Dorothea; und Leute, die zu Verwechselungen geneigt seien, verstiegen sich sogar manchmal zu einer pathetischen »Theodora«.
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»Und Dein Mann?« fragte Käthe.
Vorlage S. 37
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»Ach der – ein guter Dicker – Schwamm drüber.«
Vorlage S. 37
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Die derbe Ausdrucksweise Dörthes verletzte Käthe; sie war zwar schon als Schulmädchen forsch und lustig gewesen, ihr burschikoses Wesen hatte sich aber bedenklich gesteigert.
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»Du hast also Deinen Mann geheirathet, ohne ihn zu lieben?«
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Dörthe blickte Käthe mit einem schäkernden Ausdruck von unten herauf an und sagte:
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»Na, denke einmal, ich hätte den kleinen Krämer, der mich damals zur Herrin seines Herzens und seiner Boutike machen wollte, geheirathet. O Gott! ich wäre jetzt vierzig Jahre alt, anstatt sechsundzwanzig, hätte Falten um die Augen, ein halbes Dutzend blühender, wenn auch etwas malproprer Kinder, und einen Mann in einem carrirten Schlafrock, der mich schlecht behandelte, wobei ihm eine Schwiegermutter helfend zur Seite stünde; und eines Tages wäre mir sachte die Puste ausgegangen, und ich hätte es kaum bemerkt, denn in einem solchen sogenannten Dasein ist der Unterschied zwischen ›Sein‹ und ›Nichtsein‹ unerheblich. Uebrigens, könnte ich nicht auch mein Herz auf dem Altar der Kindesliebe geopfert haben!«
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Sie räusperte sich. Sie that das jedes Mal, wenn sie sich einer Bildungsphrase aus der Zeit, wo sie noch eine höhere Schultochter war, bediente. Und plötzlich wurde sie weich. »Mutterchen hat mir geschrieben, wie Du Dich ihrer angenommen hast in der Zeit ihrer Noth und ihres Kummers um mich. Das vergesse ich Dir nie!« Und sie umarmte Käthe mit aufrichtiger Herzlichkeit. »Und nun sage mir, Du allerfeinster Tugendspiegel, bist Du denn so glücklich geworden, wie Du es verdient hast?«
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Käthes Blick trübte sich.
Vorlage S. 38
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»Was! das Schicksal hat Dich doch nicht etwa in Gestalt einer Glatze oder eines schlechten Charakters ereilt?«
Vorlage S. 38
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Käthes Augen füllten sich mit Tränen.
Vorlage S. 38
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»Ach so!« Dörthe schnalzte mitleidig mit der Zunge.
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In dem Saal, der bisher leer gewesen war, wurde auffallend laut gesprochen.
Vorlage S. 38
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Käthe sah sich erschreckt um.
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»Es sind nur Aristokraten,« sagte Dörthe. »Zwei Aristokraten machen mehr Spektakel als zwanzig Bürgerliche.«
Vorlage S. 38
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Sie schlug Käthe vor, mit ihr in den Thiergarten zu fahren, wo sie ungestört wären. Käthe war einverstanden. Im Thiergarten setzten sie sich auf eine einsame Bank unter die Statue der Flora.
Vorlage S. 38
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»So, nun wird Herzblättchen seine Herzensgeschichte in meinen treuen und verschwiegenen Busen ausschütten,« sagte Dörthe, indem sie Käthe zärtlich wie ein Kind umfasste. »Sprich! ist er ein Pascha? ein Othello? ein viveur oder ein Gigerl?«
Vorlage S. 39
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Käthes Tränen flossen jetzt unaufhaltsam, und in abgebrochenen Sätzen, unter Schluchzen erfuhr Dörthe Alles, was man ihr angethan, und auch das Letzte, die beabsichtigte Scheidung. Und daran würde sie sterben.«
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»So sehr liebst Du ihn.«
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»Ja, so sehr.«
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Plötzlich fiel Dörthe ein, dass sie ja noch nicht ein mal wisse, wer und was dieser Banause, der Käthes Liebe verschmähe, sei.
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»Michael Böhmer,« antwortete Käthe auf ihre Frage, »der Maler des Bildes, vor dem wir uns trafen.«
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Dörthe bekam einen starken Hustenanfall und wandte sich ab.
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»Lass nur,« sagte sie beschwichtigend zu Käthe, die sich um sie bemühte, »es wird vorübergehen.«
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Sie barg eine Weile den Kopf in ihren Arm, der auf der Lehne der Bank ruhte. Als sie sich wieder umwandte, war etwas Unsicheres, Flackerndes in ihren Augen.
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»Ich kenne Michael Böhmer.« Ein leichtes Zittern war in ihrer Stimme.
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»Woher?«
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»Ich erzähle es Dir ein ander Mal. Wer kennt übrigens den berühmten Maler nicht! Und Du liebst ihn sehr? wirklich sehr?« fragte sie noch einmal und mit einer gewissen Heftigkeit.
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Käthe sah mit einem hilflosen Blick zu ihr auf: »Verachte mich deshalb nicht.«
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»Ich Dich verachten!«
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Dörthe stand auf. Sie müsse jetzt nach Hause. Käthe wollte sie begleiten, sie lehnte es ab. Ihre Wohnung sei in der Mauserung, Alles drunter und drüber, Umbau – Kalk – Schutt. Sie wolle lieber zu Käthe kommen. Der berühmte Maler sei ja verreist.
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Woher sie das wisse?
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208
Käthe habe es ihr ja selber gesagt. Käthe erinnerte sich dessen nicht, zweifelte aber nicht an der Thatsache.
Vorlage S. 40
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»Ein solches Glück, dass ich Dich gefunden habe,« sagte Käthe, »ich habe ein Vorgefühl, es wird nun Alles besser werden. Du warst immer so gut! so gut!«
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»Ich gut? war ich das? wirklich?«
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211
Ein bitterer Zug spielte einen Augenblick um Dörthes volle Lippen. Dann nahm ihr rundes Gesicht einen sehr ernsten Ausdruck an, ihre Gestalt schien zu wachsen.
Vorlage S. 40
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»Ja, Käthe, ich helfe Dir, so wahr Du meiner Mutter geholfen hast. Er, Dein Michael soll Dich lieben, wie Du geliebt sein willst.«
Vorlage S. 40
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»Wie kannst Du das?«
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Sie lächelte mit einem etwas geringschätzig trüben Lächeln.
Vorlage S. 40
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»Qui vivra, verra.«
Vorlage S. 40
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Sie küssten sich noch einmal. Bei dem nächsten Droschkenstand trennten sie sich, nachdem sie für den folgenden Tag ein Rendezvous verabredet hatten.
Vorlage S. 41
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Käthe ging zu Fuß nach Haus.
Vorlage S. 41
218
Am Nachmittag des nächsten Tages, als Dörthe bei Käthe erschien, wurde sie von der Jugendfreundin mit liebevoller Herzlichkeit empfangen. Eine gemüthvolle Plauderei, voll Erinnerungen an ihre Kinderjahre, brach Dörthe mit dem Bemerken ab, dass sie nicht gekommen sei, um verflossene Gefühle aufzuwärmen, sondern um ihr zu helfen.
Vorlage S. 41
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Käthe fragte etwas ängstlich, ob sie etwa daran denke, wenn Michael wieder da sei, ihm Vorstellungen zu machen.
Vorlage S. 41
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Nein, daran dachte Dörthe durchaus nicht. Käthe selbst solle ihres Glückes Schmied sein, sie brauche nur zu sagen, auf welchen Grad und auf welches Genre von Liebe sie bei Michael reflectire. Käthe sah sie verständnißlos und fragend an.
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Dörthe ließ ihre Blicke über das Zimmer und über Käthes Erscheinung schweifen und schüttelte mißbilligend den Kopf.
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Porträt von Dohm, Hedwig
Kontextbild zum Werk. Porträt: Dohm, Hedwig · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
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»Höre Käthe, wer den Zweck will, darf die Mittel nicht scheuen. Hier muss Alles anders, wie wir Berliner sagen, verrunjenirt werden, von dem Salon angefangen, bis zu den Tiefen Deiner Seele herunter.«
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Käthe lehnte sich verwirrt in die Sophakissen zurück und lächelte matt.
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»Sprich nur!«
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»Grundprincip: Alles muss werden, wie Dein Mann es will, ich könnte auch sagen, wie die Männer es wollen. Sie wollen alle so ziemlich dasselbe. Fasse zunächst einmal diesen Salon, der seinen Beruf verfehlt hat, ins Auge, in's künstlerische Auge. Wo ist das sibirische Bärenfell? wo der persische Teppich? wo das Feuer im Kamin? keine Farbe, keine Form, dagegen ein Clavier, ein veritables, weitläufiges Clavier! Und Dein Schreibtisch, ein wahres Bureaukraten-Ungethüm mit Leder! brr! Die Polster – brauner Rips! warum nicht gar schwarzes Roßhaar! Fehlte nur noch ein Piepmätzchen und ein Epheugitter. Und die eingerahmten Photographien da aus dem Kaulbachalbum!«
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»Aber es sind Kupferstiche, ganz theure,« vertheidigte sich Käthe.
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»So verkaufe sie und schaffe Dir dafür etwas Rubens'sches an. Dein Salon ist ja ein ganz nettes Stübeken für einen ältlichen Geheimsecretär, um darin mit seinem Ehegespons Familienkaffee zu schlürfen; einen genialen Künster aber wie Böhmer, den graulst Du ja mit einem solchen Zimmer in – schönere Locale.«
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»Aber Dörthe! aber Dörthe!« Das war das Einzige, was Käthe ab und zu einzuwerfen vermochte.
Vorlage S. 42
229
Dörthe ließ sich in ihrem Redefluß nicht unterbrechen.
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230
»Und Du selbst,« fuhr sie fort, »Dein Exterieur! das reine Pendant zu Deiner ›Stube‹. Die Haarpuffen da oben auf Deinem Kopf, und der weggezogene Scheitel zu Deinem schmalen blassen Gesicht! Du verdienst gar nicht Dein rares, rabenschwarzes, atlasglänzendes Haar. – Wie eine kleine Bürgersfrau aus Berlin N. siehst Du aus. Diese Damen haben meist schlechtsitzende Kleider oder keine Taille, oder Beides Bei so einem Farbenfex, wie Dein Mann ist, musst Du auf die Sinne wirken, seien wir milde und sagen wir, auf die Schönheitssinne.«
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231
»Weine nur nicht Lämmchen,« tröstete sie Käthe, der die Tränen wieder über die Wange liefen. »Wir spielen Zaubermärchen. Aschenputtel wird Prinzessin und kriegt Kleider wie Sonne, Mond und Sterne. Du hast doch Geld?«
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232
Es zeigte sich, dass Käthe mehr Geld hatte, als das von Dörthe geplante Zaubermärchen erforderte. Ihrer Meinung nach bedurfte es gar keiner gediegenen Pracht, weder für die Wohnung, noch für die Toilette, nur ein bischen Flunkerei, so obenauf.
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Käthe warf schüchtern ein, dass Toilette sie nicht schöner machen würde, als sie von Natur sei.
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»Meinst Du? Ich sage Dir, um für schön zu gelten, braucht man nicht im Mindesten schön zu sein.«
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Käthe schüttelte ungläubig den Kopf.
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»Treten wir sofort den Beweis der Wahrheit an.« Damit zerrte Dörthe die Freundin vor einen Spiegel. Wer ist hübscher, Du oder ich? Vor Gott bist Du tausendmal schöner als ich. Vor den Menschen – worunter man doch eigentlich nur die Männer versteht – bin ich tausendmal schöner als Du. Warum? weil ich den Rummel kenne und gerissen bin, und weil Du den Rummel nicht kennst und nicht gerissen bist. Von Natur bin ich, – Du weißt das ganz gut – weder hübsch noch hässlich und sehe nach gar nichts aus. Fasse mich scharf in's Auge, ich nehme es nicht übel. Statt meines natürlichen belanglosen, fahlen Rattenschwänzchens, sieh – diese goldene Mähne! Wo einst mein brouillirter Teint mir Kummer machte – Lilien und Rosen. Ich bin noch nicht fertig,« sagte sie, als Käthe sie unterbrechen wollte. »Jotte doch, ich bin sans phrase mager. Wäre ich berühmt wie Sarah Bernhard, die Witze, die man aus meinen Ellbogen und Schulterknochen drechseln würde! Ich thue aber üppig. Sieh nur dieses Gepuffe und Gepumple an meiner Robe! Mein Mann weiß ganz gut, dass ich kein üppiges Weib bin, weil mich aber alle Anderen dafür halten, fühlt er sich seiner Sache nicht sicher. Hätte ich bleiben wollen, wie die Stiefmutter Natur mich gewollt, kein Hahn – worunter ich wieder die Männer verstehe – hätte nach mir gekräht.«
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Käthe fühlte sich durch Dörthes frivole Reden auf's peinlichste berührt, Dörthe sah es und suchte ihren Standpunkt zu vertheidigen.
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»Du hältst wohl gefärbtes Haar für unmoralisch? Und was sagst Du zu einem gefärbten Geist? zu gefärbten Gedanken, die doch alle Welt hat und haben muss? Unsere Reichstagsmitglieder z.B. Glaubst Du, dass da ein Einziger sagt, was er denkt – die Phönixe natürlich ausgenommen? – alle Tartüffs, kleinere und größere. Ich finde die Lilien und Rosen auf meinen Wangen moralischer als die Stilblüthen dieser Herren, die, wie Du es ja gedruckt in allen möglichen Journalen lesen kannst, das Volksleben vergiften. Ich schade doch mit meinem bischen Tünche Niemandem, nütze im Gegentheil nicht nur mir, sondern auch jedem ästhetisch fühlenden Menschenbruder, nicht zu verwechseln mit Menschenschwester.«
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»Und wenn Dein Mann dahinter kommt, dass Du Dich färbst?«
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Dörthe lachte hell auf.
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»O, Du kleiner Schatz, er weiß es und lässt sich nichtsdestoweniger von meinem Farbenreiz blenden. Merke Dir, die Männer sehen fast nie mit eigenen Augen, sondern nur mit den Augen der Anderen. Gefalle allen Anderen, so gefällst Du dem Einen auch. Und dann, sie haben gar kein Abstractionsvermögen; sie können sich gar nicht vorstellen, wie wir aussehen würden ohne unsere künstlichen Drumrums. Die Thatsache unseres Schönaussehens genügt ihnen.«
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Käthes Mißbehagen verstärkte sich. Sie wollte nichts mehr hören.
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»Aber Lämmchen, nimm doch Vernunft an. Wenn Du Deinen Mann haben willst, musst Du doch sein, wie er Dich will. So ein correctes, braves, decent angezogenes kleines Weibchen ist ja für viele Männer sehr erfreulich, ein Michael Böhmer verlangt mehr.«
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Dörthe fühlte, dass sie vorläufig nicht weiter gehen dürfe. Sie sprang lustig auf.
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»Genug für heut. Ich bin des trockenen Tons nun satt. Das nächste Mal spazieren wir von Deinem Exterieur zu Deinem Interieur herunter. Jetzt wollen wir vergnügt sein. Hast Du Wein?«
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Der Wein wurde gebracht. Dörthe trank wie ein Alter, rauchte eine Cigarette dazu und wurde immer aufgeräumter. Sie ahmte verschiedenen Leuten ihrer Bekanntschaft nach, sprach sächsisch, sang Couplets, und das Alles that sie mit einer unnachahmlichen Drollerie, so dass Käthe, trotz ihrer tiefen Verstimmung, einige Male laut lachen musste.
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Dörthe nutzte gern ihr schauspielerisches Talent, für das sie im Großen keine Verwendung hatte, zu kleinen pantomimischen Scherzen und Soloscenen aus. Allerliebst verstand sie es, die verschiedensten Affecte durch ihr Mienenspiel auszudrücken, gab aber dabei den pathetischen Masken den Vorzug. Sie drapirte sich mit dem ersten besten Lappen und genirte sich nicht, in Nothfällen Vorhänge von Fenstern und Decken von Tischen zu reißen. Dass sie die Ohren und die Kopfhaut wie eine echte Rothhaut bewegen konnte, kam ihr bei ihren mimischen Tollheiten sehr zu statten.
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Als sie sich endlich zum Gehen anschickte, forderte sie Käthe auf, mit ihr zu fahren, um die nötigen Toiletteneinkäufe zu besorgen; gleich darauf aber besann sie sich anders und meinte, sie führe doch lieber allein, sie habe Beziehungen zu verschiedenen Bazars und könne ohne Käthe Alles billiger einhandeln. Sie bat sich als Probekleid einen Anzug von der Freundin aus und nahm ihn gleich in der Droschke mit sich. Schon in der Thür, rief sie Käthe noch zu:
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»Und vergiss nicht, nimm täglich ein parfümirtes Bad.«
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Dörthe war direct in den betreffenden Bazar gefahren und wählte mit peinlicher Sorgfalt und raffinirtem Verständnis einige reizende Costüme für Käthe aus. Eine elegante Matinée für sich selbst legte sie dazu, um sie mit verrechnen zu lassen, schließlich aber warf sie die Matinée mit einem ethischen Druckser wieder zurück. Ihre liebe Käthe bemogeln, das fehlte noch. Als sie schon vor der Ladenthür war, kehrte sie aber doch noch einmal um und ließ eine unbedeutende, aber preiswürdige kleine Spitzenpelerine zu dem Costüm legen. Diese Kleinigkeit konnte sie schon als Provision auf ihr Gewissen nehmen.
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Käthe befand sich nachdem Dörthe sie verlassen, in einer eigenthümlichen Geistesverfassung, wie Jemand, der in seinem gewohnten Zimmer eingeschlafen, in einem andern fremden Raum erwacht, in dem er sich nicht zurechtfinden kann. Die Klugheitsregeln Dörthes, ihre vorgebliche Menschenkenntniß stießen sie ab, sie demüthigten, deprimirten, erschreckten sie. Ihr feinbesaitetes Gemüt gerieth in peinliche Schwingungen. Trotz ihrer nicht gewöhnlichen Intelligenz hatte sie von jeher an weicher Nachgiebigkeit und Unselbstständigkeit gekrankt, was sie fremden Einflüssen leicht zugänglich machte.
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Nein, Dörthe konnte nicht Recht haben – unmöglich! Und wenn doch! Selbst dann würde sie sich nie so perverser Mittel bedienen. Lieber Michael verlieren! Aber verlieren durch Scheidung!
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Und wieder kam die zitternde, herzbeklemmende Angst über sie vor dieser Trennung, die unwiderruflich sein würde. Und nach der Scheidung? Wohin sollte sie? Zu wem gehörte sie? Zu ihren Eltern? Nie! Sie würden die Geschiedene widerwillig, mit geringschätzigem Mitleid aufnehmen. Unerträglich!
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Am anderen Tage zählte sie die Minuten bis zur Ankunft Dörthes, und als diese endlich kam, stürzte sie ihr in die Arme, und vergessen war alles Abstoßende, das sie aus ihrem Munde gehört.
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Dörthe theilte ihr gleich mit, dass eins der Costüme, die sie ausgewählt, und an dem nur kleine Aenderungen vorzunehmen seien, am Abend in ihren Händen sein würde. Zur Anprobe und Herstellung der dazu passenden Haarfrisur würde sie ihre Jungfer schicken.
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Käthe lehnte das Anerbieten ab, doch war der Ton, in dem sie es that, schüchtern und schwankend.
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»So – na, wenn Du durchaus in Deiner Philisterkledage bleiben willst – immerzu. Des Menschen Wille ist zwar nicht sein Himmelreich, aber doch zuweilen seine – Scheidung.«
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Käthe gab nach.
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»Und Deine zwar schöne, aber romantisch angegangene Seele,« fuhr Dörthe fort, »muss auch umgekrempelt werden.«
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»Das ist ein trauriger Spaß, Dörthe. Seelenwanderungen giebt's nicht.«
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»Giebt's! Sei wie Du willst, meinetwegen nervös, capriciös, prätensiös, malitiös, nur nicht langweilig. Langweilig ist langweilig, und wenn es noch so ethisch, pathetisch, ästhetisch dabei zugeht, und amüsant ist amüsant, wenn auch Frivoles, Hohles, Gekohltes – habe ich Talent zum Reimen? – dabei mit unterläuft.«
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»Ich kann doch gar nicht amüsant sein.«
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»Du kannst es. Das ›Wie‹ hängt von dem Naturell und den Ansprüchen des Gegners, ich wollte sagen des Liebhabers, ich meine natürlich des Gatten, ab. Es giebt simple Herren, die sich schon amüsiren, wenn eine Frau mit weißen Zähnen – eigenen natürlich – und rothen Lippen – können geschminkt sein – lacht. Andere freilich sind anspruchsvoller; da musst Du Pralinés, Knallbonbons reden. Du hast es wohl schon gemerkt, ich habe eine Specialität. Ich bin furchtbar drollig. Das hat mein Glück gemacht.«
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Dörthe schlug vor, in Michaels Atelier hinaufzusteigen, sie müsse sein blaues Bild sehen, das ja in den nächsten Tagen für die Ausstellung abgeholt würde. Woher Dörthe das wisse. Käthe habe es ja selbst gesagt. Käthe erinnerte sich dessen nicht, die Thatsache war aber richtig. Sie gab widerwillig nach. Als sie oben waren, flog Dörthe wie ein Wiesel umher, beschnupperte Alles, ihre Hände glitten streichelnd über die Teppiche und Costüme, etwas wie Rührung, wie ein Abschiednehmen von lieben altbekannten Dingen war in ihren Blicken.
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»Ach ja,« seufzte sie, »hier ist gut weilen!« Und nach einer Pause: »Weißt Du was? lass ihn laufen Deinen Michael!«
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Ein solches Entsetzen spiegelte sich in Käthes Zügen, dass Dörthe sofort auf den schwarzen Kachelofen und den Speckeierkuchen, von dem sie nie genug kriegte, retirirte und behauptete, sie habe nur bildlich gesprochen. Und als Käthe sich noch immer nicht versöhnt zeigte, trippelte sie durch das Atelier, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, und mit den Ohren wackelnd wie ein junger Hund, der Schläge fürchtet. Schließlich schnappte sie nach Käthes Hand. Wenn Käthe sie nicht auf der Stelle wieder lieb hätte, so bisse sie ihr den Finger ab. Natürlich musste Käthe wieder lachen, und natürlich war sie ihr wieder gut.
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Sie wollte aber kein Wort mehr über das Thema hören. Sie trat an's Fenster, öffnete es und sog in langen Zügen die feuchte Herbstluft ein.
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»Auch gut,« hatte Dörthe gesagt und sich der Länge nach auf der Ottomane ausgestreckt, wo sie aus dem Dampf ihrer Cigarette kleine Ringe durch die Nase blies.
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Nach einer Weile fröstelte es Käthe. Sie schloss das Fenster, stellte sich mit dem Rücken dagegen und sagte obenhin: »Meinetwegen, rede nur immer zu.«
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»Also – hob Dörthe lächelnd und behaglich wieder an – ja, was wollte ich gleich sagen – richtig, es hat immer etwas in Dir gesteckt, Käthe.«
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Käthe sah mit einem unsicheren Blick zu ihr herüber. Allmählich näherte sie sich der Freundin wieder.
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»Was denn, Dörthe?
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Na, einmal die bekannten zwei Seelen, die wir als selbstverständlich nicht weiter in Betracht ziehen wollen. Männer begnügen sich mitunter mit einer, Frauen nie. Das en passant. Dein Hauptpech aber ist der Herr Vater und die Frau Mutter, die Du zu Deinen Erzeugern gewählt, und noch dazu in dem kleinen Nest. Deine patente, correcte Erziehung, das war die Pandorabüchse, der all Deine verderbenschwangeren Tugenden entstiegen.«
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Käthe begriff nicht, wie Dörthe darauf käme, dass etwas in ihr stecke. Sie wäre wirklich ein Philister, ein Spießbürger, sie möge nur Michael fragen.
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Es zuckte um ihre Lippen und sie kämpfte von Neuem mit Tränen.
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»Du ein Philister! wenn ich nicht gesehen hätte, wie Du Komödie spielst! Der Vulcan Deiner Seele spie da förmlich Flammen. Weißt Du noch am Jubiläumsfest unsrer Schulvorsteherin? Verblüfft hast Du uns Alle, geradezu verblüfft.«
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In Käthes Augen blitzte es auf.
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»Ja, da war ich wirklich eine Andere.«
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»Wo hast Du die Andere denn hergenommen? Posthorn Du, mit den eingefrorenen Melodien. Wir tun nichts als sie aufthauen.«
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Käthe grübelte eine Weile in sich hinein. Dann fragte sie mit einem Ausdruck, der zugleich schüchtern und gespannt war:
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»Dörthe, was meinst Du denn, was in mir steckt?«
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»Ein Philosoph würde vielleicht sagen, energische Bejahung des Lebens. Ich sage einfach, Lebenslust, Himmelslust, Höllenlust! Ueberhaupt Lust! Lust zum Tanzen, zum Lieben, zum Abenteuern, zum Reisen, was weiß ich. Lust an Schönheit, Champagner, an einem reizenden grünlichen Hut mit rosa Rosen und schwarzen Federn. Sage mal, für Toilette hast Du wohl gar keinen Sinn?«
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»Doch. Ich glaube es. Ich wage nur nicht – nein, ich wage nicht – –«
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»Sie wagt nicht! sie wagt nicht!« kreischte Dörthe auf. Sie soll sich begraben lassen, die Häsin! Wagen! Das ist ja überhaupt des Pudels Kern bei Allem. Du, ich habe einmal gehört, wenn man in einem Raum, in dem sich Gänse aufhalten, quer durch diesen Raum einen Kreidestrich macht, so halten die »Gänse« – Anführungszeichen – diesen Strich für eine unübersteigbare Schranke und bleiben hübsch diesseits des Striches. Die Nutzanwendung überlasse ich Dir.«
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Sie blies wieder einen allerliebsten Ring durch die Nase und wartete die Wirkung ihrer Beredsamkeit auf Käthe ab.
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»Aber Dörthe, was soll ich denn tun?« fragte Käthe nach einer langen Pause, unsicher, zögernd.
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»Ueber den Kreidestrich hupfen – unentwegt.«
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»Wohin denn?«
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»Wohin? in das gelobte und ersehnte Land, wo die Milch und der Honig – nein, wo der schäumende Most von Michaels Liebe Dir in's Herz braust, rauscht, tost, etc.«
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Käthe's Brust hob sich. Ihre Lippen öffneten sich.
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»Siehste, siehste, triumphirte Dörthe, der heimliche Vulcan –«
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»Ja, Dörthe, ich will, was Du willst. Aber was willst Du denn?«
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»Was ich will?« Sie sprang auf, reckte ihre kleine Gestalt empor und deutete auf einen kleinen Eckschrank.
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»Hole mal da aus dem Schrank das Fläschen Tokaier und zwei Gläser.«
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Käthe brachte das Verlangte.
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Dörthe schenkte die Gläser voll. »Stoßen wir darauf an: aus dem zahmen, braven Käthchen soll ein widerspenstiges Käthchen werden, weißt Du umgekehrt wie in dem Stück ›Die bezähmte Widerspenstige‹. Der alte Shakespeare hat sich nachgerade auch überlebt.«
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Klingend stießen sie mit den Gläsern aneinander.
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»Und nun Dörthe?«
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Dörthe legte den Finger an die Nase und bedeutete ihr, dass sie schweigen solle. Dann schritt sie, die Augenbrauen drollig finster zusammenziehend, die Arme auf dem Rücken verschränkt, schnell mehrere Male im Atelier auf und ab, als dächte sie tiefsinnig über etwas nach.
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Plötzlich blieb sie vor der Staffelei stehen.
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»Du – das ist nämlich die Hauptsache. Welche Stellung nimmst Du den Bildern Deines Mannes gegenüber ein?«
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Käthe stotterte etwas verlegen, dass ihr die Bilder nicht recht gefielen.
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»Und Du sagst es ihm?«
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»Ja.«
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»Du bist wohl verrückt? Und diese Frau wundert sich, dass ihr Mann sie los sein will. Du bist brav – ja. Du bist hübsch – ja, und klug. Das Alles aber fluscht nicht. Warum meinst Du, dass Dein Mann Dich eigentlich lieben soll?«
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Käthe brauste auf.
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»Warum? weil er mein Gatte ist, weil er mir Treue und Liebe geschworen hat, weil ich ihn liebe – –«
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»Auch Gründe?« Dörthe lachte frivol. So wie Du bist, passt Du für Michael wie die Faust auf's Auge. Ein Landpastor wäre Dein Fall gewesen, aber Michael – mit den Sonnenaugen!«
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Käthe war ganz geknickt.
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»Nicht böse sein, Liebling!« Dörthe streichelte ihre Wange. Aber Du siehst ein, wir müssen Klarheit in die Situation bringen, ehe wir sie ändern können. Uebrigens Lämmchen, ist denn Deine Liebe so überaus ethisch? um mich auch einmal eines vornehmen Wortes zu bedienen. Hand auf's Herz, Schätzchen, was liebst Du denn an oder in Michael? Seine Seele? aber die hältst Du ja für wurmstichig, und seine Bilder, die Spiegel seiner Seele, magst Du nicht. Was bleibt denn? seine männliche, etwas verjubelte Schönheit, das sinnliche Fludium, das ihn machtvoll umwittert. Von ihm verlangst Du Idealität und plantschst selber in der allerschönsten Sinnlichkeit umher.«
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»O nein, es ist nicht das, Dörthe, nicht das!« brachte Käthe auf's Tiefste verletzt, hervor. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber in meine Liebe zu Michael, da hinein ist Alles verwebt, was ich je Reines und Gutes empfunden, meine ganze Jugend, meine Träume von Glück, mein bestes Wollen – Alles – Alles – ach, Du verstehst mich nicht.«
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Nein, Dörthe verstand sie nicht, und nach ihrer Meinung wären auch diese psychologischen Finessen nichts für Michaels Gaumen. Sie wollte wissen, ob sie ihrem Gatten außer seiner Nichtliebe etwas vorzuwerfen habe. Ob er ein Tyrann sei? – Nein. Ob er sie als Sklavin behandle? Nein. Othello? – Nein. – Ob er eine Geliebte habe? – Sie glaube es.
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»Na, die wird den Kohl auch nicht fett machen. Also brauen wir den Zaubertrank, der Tristans Kälte in Gluth verwandeln soll. Erste Ingredienz:« – sie zählte an den Fingern ab – »Schmeichelei. Quäle, ärgere Deinen Mann als Mensch, wenn es Dir Spaß macht, an seinen Künstlerstolz aber rühre nicht. Schmeichele ihn getrost in den Größenwahn hinein, auf irgend eine Art hat oder kriegt er ihn doch.«
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»Ich kann doch nicht lügen.«
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»Dann bist Du überhaupt verloren. Die Sache ist aber gar nicht so schwer, wie Du sie Dir vorstellst. Deinen Geist brauchst Du dabei nicht in Unkosten zu stürzen.«
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Sie griff nach einem breitrandigen Künstlerhut, stülpte ihn sich keck und schief auf das Köpfchen, zog einen braunen Sammtrock, den sie dem Schrank entnahm, über ihr Kleid, zündete sich eine Cigarette an, stellte sich breit vor das Staffeleibild und kniff ein Auge zu.
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»So – jetzt bin ich der College so und so, gekommen, um zu loben. ›Donnerwetter, Freund, Du bist ja ein wahrer Columbus der Farbe! Oder: Prometheus, Du hast gestohlen – das Feuer vom Himmel!‹ Man kann nämlich nicht dick genug auftragen,« wandte sie sich wieder Käthe zu. »Nur Eins beachte: nie einen Künstler in Gegenwart eines andern Künstlers loben, immer nur unter vier Augen, denn natürlich findet Jeder die Bilder, die ein Anderer gemalt hat, nicht der Rede werth.«
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»Zweite Ingredienz zu dem Zaubertrank: Koketterie, aber eine, aus dem F F. Dazu gehören Toilette, amüsantes und pikantes Wesen und natürlich ein – noch besser mehrere Courmacher. Bist Du im Besitz eines solchen?«
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»Nein.«
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»Ah – wirklich nicht? merkwürdig! Wir brauchen aber einen Courmacher wie das liebe Brot. An den Charm einer Frau, der Niemand die Cour macht, glaubt kein Mann.«
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Käthe widersprach.
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Dörthe gab die Phönixe, die solider dächten, zu; leider aber wären die schon immer anderweitig vergeben, wenn man gerade heirathete. Ob Käthe wirklich nicht den kleinsten Courmacher an ihrem Horizont entdecken könne?
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Käthe blieb bei dem »Nein«. Der einzige Mann, der ihr etwas näher, stehe, Lorenz Hellbach, sei kein Courmacher.
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»Was denn?«
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»Ein Freund.«
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»Tut's auch. Uebrigens ist er ja zugleich Freund und College Deines Mannes.«
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Woher Dörthe das wisse?
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Als ob man in Berlin nicht Alles wüsste. Wer kenne übrigens nicht den Nachtmaler. Nach einer kleinen Pause fragte sie scheinbar ganz naiv:
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»Und hat er Dir schon seine Liebe erklärt?«
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»Wer?«
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»Lorenz Hellbach.«
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»Aber Dörthe – im Gegentheil, er will Alles tun, damit Michael sich nicht von mir trennt.«
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»Das ist doch nicht das Gegentheil. Was hätte er von einer Scheidung, da er Dich nicht heirathen kann.«
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Käthe erklärte bestimmt, dass sie sich niemals würde den Hof machen lassen. Dörthe wiegte ihren Goldkopf und sah Käthe mit dem ihr eigenthümlichen Blick von unten herauf an.
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»Ach, habe Du nur einmal Blut geleckt, das heißt, zappelt nur der erste Anbeter in Deinem Netz – wie heißt doch das französische Sprichwort – ja richtig: L'appétit vient en mangeant. – Käthe, hast Du mich noch lieb?«
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Sie fürchtete wieder zuweit gegangen zu sein.
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Ja, Käthe hatte sie noch lieb.
Vorlage S. 57
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»Und Du denkst nicht schlecht von mir.«
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»Nein Dörthe, aber ich glaube Dir nicht, dass so das Herz eines Mannes gewonnen wird.«
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»Du brauchst es nicht gerade das Herz zu nennen. Aber klauben wir nicht Worte. Auf den Namen kommt's nicht an. Probiren geht über Studiren. Probire!«
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»Und hättest Du Recht, was für eine dauerlose Liebe wäre das! Wir werden doch älter, alt sogar – und wie dann?«
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»Erstlich« – meinte Dörthe, indem sie die Arme nach hinten bog und die Brust herausstreckte wie im Vollgefühl gesunder Kraft – »so alt, dass Liebe und Amüsements aufhören, wird man selten. Wie nach dem bekannten französischen Wort jeder Soldat in seinem Tornister den Feldherrnstab trägt, so hat auch jede kluge Frau die Anwartschaft auf eine Ninon de l'Enclos, was die ewige Jugend betrifft. Erhält mich aber Gott wider Erwarten länger am Leben, als meine ewige Jugend vorhält, nun, so bleibt mir ja« – – Sie besann sich einen Augenblick.
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»Die Religion«, ergänzte Käthe.
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»Nein, so weit gehe ich nicht, höchstens Spiritismus. Ich habe schon vorgebeugt und mich auf das spiritistische Journal ›Sphinx‹ abonnirt. Dabei giebt es auch Unsterblichkeit, was ja bei jeder Religion die Hauptsache und das praktisch Verwendbare ist.«
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Als sie Käthes bestürzte Miene wahrnahm, setzte sie schnell begütigend hinzu, sie spreche ja natürlich nur bildlich.
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Und nun erging sie sich, wie am Tage vorher, wieder in drolligen Einfällen und Erzählungen. Ob Käthe wissen wolle, wie sie einmal ihrem Manne nach einer greulichen Scene, die er ihr, natürlich aus Eifersucht gemacht, mitgespielt habe. Käthe wollte es wissen.
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Die hergebrachten pädagogischen Kniffe, wie das Maulen z.B. hasse sie, schon weil es viel zu lange dauere.
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»Also – als mein Othello am Abend des Zankduetts in mein Zimmer tritt, findet er mich, alle Viere von mir gestreckt habend, auf dem Fußboden, natürlich auf einem Teppich; bequem wie ich bin, hatte ich mir auch noch ein Kissen unter den Kopf gelegt. Meine goldene Mähne fegt die Dielen, ganz büßende Magdalene. Weißes Negligée, hochanständig, bis auf eine belanglose kleine Blöße, wie eine büßende Magdalena sie mit sich bringt. Ich reiche ihm mit Grabesblick eine Tasse Thee; als er sie zur Hälfte geleert hat, entreiße ich sie ihm, schlürfe gierig den Rest und mache ihm die erfreuliche Mittheilung, dass wir vergiftet sind. Unter Todesschauern wechseln wir den – oder die Abschiedsküsse, und hinterher lache ich mich halbtodt, und schließlich lacht er mit und findet mich charmant, aber sehr charmant und schenkt mir – einen Schmuck. Drollig – nicht? Du hast mich doch lieb, Käthe?«
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Käthe nickte gefügig.
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»Zur Belohnung will ich Dir morgen einmal kommen, wie die Stiefmutter Natur mich gewollt hat, ein immenses Opfer, das ich meiner Freundschaft und Deiner Erziehung bringe. Erschrick nur nicht vor mir, Lämmchen!« Damit ging sie.
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Das bestellte Costüm kam gegen Abend. Es war einfach und poetisch. Graugrünlicher Halbsammet mit breiter Goldspitze besetzt, im Nacken tief ausgeschnitten. Noch stand Käthe unschlüssig davor, ob sie es behalten sollte, als Dörthes Jungfer sich melden ließ. Dieselbe fortzuschicken, hielt sie für eine Unart der Freundin gegenüber. So duldete sie, dass die Jungfer sie frisirte und ankleidete. So lange dieselbe da war, that sie gleichgiltig und blickte nicht einmal in den Spiegel. Kaum aber war die Jungfer gegangen, so trat sie vor den großen Toilettenspiegel. Ihr Herz fing an zu klopfen, sie wurde roth, als ob ihr Jemand eine grobe Schmeichelei gesagt hätte. Es war der Spiegel. Du bist schön, sagte er ihr. Die Jungfer hatte ihr Haar nach griechischer Art in einem leichtgeschlungenen Knoten, aus dem Locken quollen, am Hinterhaupt aufgesteckt. Sehr pikant fiel eine einzelne Locke über ihre weiße Stirn. Die herrliche Linie ihres Nackens trat frei aus der Goldspitze hervor
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Eine eigenthümliche Erregtheit bemächtigte sich Käthes, die sich allmählich fieberhaft steigerte. Zum ersten Mal ward sie sich ihrer Schönheit bewusst. Eine Frisur, ein Kleid hatten ihre unscheinbare Erscheinung in eine auffallend reizvolle verwandelt. Erst von diesem Moment an wurde sie den Einflüsterungen der Freundin zugänglich. So hatte also Dörthe nicht in's Blaue geredet! Und wenn sie in dieser einen Sache Recht gehabt, war dann vielleicht Alles wahr, was sie gesagt? Käthes Sinn war zu rein, als dass sie sich widerstandslos hätte hinabziehen lassen.
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Hastig entledigte sie sich ihres Kleides und zerrte die Frisur auseinander, als könne sie damit den Tropfen Gift, der in ihr Blut gedrungen, wieder loswerden. Was aber das Blut in sich aufgenommen, gährt fort, zersetzt, wenn nicht ein Gegengift da ist. Und es war keins da.
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Im Gegentheil, Lorenz Hellbach war da, der dem, was Dörthe praktisch lehrte, eine theoretische Unterlage gab. Er verfolgte eine ganz bestimmte Methode. Das Flexible, Unselbstständige in Käthes Geistesart war ihm nicht entgangen. Begabte, aber unsichere, unfertige Naturen ohne Selbstvertrauen sind eher auf Abwege zu führen als beschränkte, selbstbewusste, fertige Charaktere. Das wusste er.
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Er wollte sie frei machen von Vorurtheilen. Unter Vorurtheilen verstand er unter Anderem und hauptsächlich die eheliche Treue.
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Käthe hatte sich einige Male vor ihm verleugnen lassen, ohne eigentlichen Grund, in einem instinctiven Gefühle der Abwehr. Als er ihr aber bald darauf im Thiergarten auf einem Spaziergang begegnete, nahm sie gern seine Begleitung an, vermied aber anfangs die Intimität ihrer letzten Unterhaltung.
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Er fand etwas Neues und Fremdes an ihr, ohne zu wissen, worin es eigentlich bestand. Es waren kleine, unbedeutende Abweichungen von ihrer früheren Art, die das Gesammtbild änderten: Eine kleine schüchterne Locke auf der Stirn, ein Veilchentouffe auf dem Capothut, über dem dunklen Paletot ein spanischer Spitzenshawl, ein ängstlich Lauerndes in ihrem Blick. Sie merkte, dass er auf ihre Füße blickte, die auf's Zierlichste bekleidet waren, anders als früher, und unwillkürlich ging sie schneller, als könne sie ihm damit den Anblick derselben entziehen. Aus Verlegenheit wurde sie lebhaft, und lebhaft erzählte sie ihm von der schönen und lieben Jugendfreundin, die sie wiedergefunden, und wie seltsame Rathschläge diese ihr in Betreff Michaels gegeben. Sie hielt inne, gleich bereuend, was sie gesagt; hatte sie ja damit nun doch dem Gespräch die intime Wendung gegeben, die sie vermeiden wollte. Er fragte nach den Rathschlägen der Freundin, sie wollte erst die seinigen wissen.
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Er dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: »Suchen Sie seine Bilder zu verstehen.« Und nach einer Pause: »Machen Sie ihn eifersüchtig.«
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Käthe sah ihn groß und ängstlich an. War das nicht eigentlich dasselbe, was Dörthe ihr gesagt? Seine Bilder verstehen, hieß das nicht sie loben! Und ihn eifersüchtig machen, hieß das nicht sich den Hof machen lassen?
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Als läse er ihre Gedanken, fügte er gleich hinzu, indem er einen Zweig, der sich in den Saum ihres Kleides verwickelt hatte, losnestelte: »Das Kürzeste wäre, Sie gäben mir die Erlaubnis, Ihnen officiell den Hof zu machen, Katharina. Es würde für den Zweck, Michael eifersüchtig zu machen, ausreichen, und Sie liefen keine Gefahr dabei.«
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Er hatte das so einfach, halb lächelnd gesagt, dass kein Misstrauen in ihr aufkeimte. Doch antwortete sie nicht. Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander. Das Schweigen bedrückte sie schließlich. Sie blieb vor einem Baume stehen, an dem ein Eichhörnchen emporsprang, und that, als amüsire sie sich über seine possirlichen Sprünge. Das Eichhörnchen erinnerte sie an Dörthe. Lorenz versuchte das Eichhörnchen zu fangen. Nach einiger Mühe gelang es ihm. Er brachte es Käthe und parirte geschickt die Bisse des kleinen Thieres. Ueber seine drollige Wildheit musste Käthe laut lachen.
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»Ich lache ja,« sagte sie, plötzlich traurig werdend. »Wie kann ich nur lachen!«
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Er ließ das Eichhörnchen entschlüpfen.
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»Weil Sie keinen Grund haben, traurig zu sein, Katharina. Ich habe Ihre Sache zu der meinen gemacht. Was ich will, das kann ich.«
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Ein paar Regentropfen fielen. Er spannte sorglich den Schirm über sie aus und nahm, als wäre es selbstverständlich, ihren Arm. Mit kindlichem Vertrauen blickte sie zu ihm auf. Sie bemerkte vielleicht zum ersten Mal, dass er einen intelligenten, interessanten Kopf hatte. Das kurzgeschorene, dunkle Haar bildete eine Schneppe in der Stirn. Er hatte langgeschnittene Augen von dunklem Graublau, mit flimmernden langen Wimpern. Der Blick war müde und languissant und doch sicher und forschend, die Augen eines Kenners der Welt, des Lebens, der Frauen Ein eleganter, kurz und schmal gehaltener Vollbart ließ das längliche Gesicht noch schlanker erscheinen. Er war mittelgroß, von schmächtiger Gestalt.
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Ihr war wohl an seinem Arm. Die Abhängigkeit von einem starken Willen war ihr Bedürfnis.
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Auf Dörthe's Rath hatte Käthe kurz und kühl an Michael geschrieben, dass sie in die Scheidung willige, und ebenso kurz und kühl hatte er ihr für ihre Bereitwilligkeit gedankt.
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Als Dörthe das nächste Mal bei Käthe erschien, erkannte diese sie im ersten Augenblick nicht. Sie kam in der That ohne jede Verzierung. Sie trug das einfache Kleid, das Käthe ihr als Modell zur Besorgung des Costüms gegeben hatte; es passte ihr nicht recht und entstellte ihre Figur. Sie war ganz sie selbst. Alles war da: das dünne, semmelblonde Rattenschwänzchen, an Stelle des vollen röthlichen Zopfes, der bruillirte Teint, die weißlichen Augenbrauen, die schwachgefärbten Lippen. Sie setzte sich mit drolliger Gravität auf die Kante eines Stuhls und sagte: »Nun siehste, wie ich bin – auswendig; und was das Inwendige betrifft, die Haare sollen Dir gleich zu Berge stehen über die Moral, die ich verzapfen werde.«
Vorlage S. 63
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Es wurde an die Thür geklopft. Käthe öffnete. Hellbach stand auf der Schwelle. Käthe hätte ihn gern abgewiesen, sie wusste aber nicht, unter welchem Vorwand. So ließ sie ihn eintreten und stellte ihm Dörthe als ihre Jugendfreundin vor.
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Dörthe hatte in einem Instinct weiblicher Eitelkeit schnell den Vorhang des Fensters, in dessen Nähe sie saß, zugezogen, so dass ihre Züge nicht deutlich zu erkennen waren. Sie verneigte sich steif, und nachdem man die ersten conventionellen Höflichkeitsphrasen ausgetauscht, wusste sie bald das Gespräch auf Kindererziehung zu bringen. Sie dichtete sich im Umsehen nicht nur einen Sohn, sondern sogar einen Sextaner von Sohn an und sprach nun mit einem unverbrüchlich würdevollen Ernst über den Unterricht in den alten Sprachen. Sie sei für Beibehaltung des lateinischen Aufsatzes, und sie begründete ihre Ansicht in ebenso sachkundiger wie durchdachter Weise.
Vorlage S. 63
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Hellbach hörte kaum hin, und nur die Höflichkeit hinderte ihn, sofort den Rückzug anzutreten.
Vorlage S. 64
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Käthe, die die Ungeduld in seinen Mienen las, suchte das Gespräch in andere Bahnen zu lenken und fragte Dörthe, was sie zur Erziehung durch die Kunst meine, à la Rembrandt? Von da war nur ein Schritt bis zu der Frage, ob sie die Bilder Herrn von Hellbachs kenne.
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Ja, sie kannte sie. In ihrem Ton lag eine spitze Geringschätzung, die die herbste Kritik einschloß. Und gleich griff sie wieder auf den lateinischen Aufsatz zurück.
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Hellbach athmete sichtlich auf, als sie sich nach einer Viertelstunde empfahl. Vor der Thür flüsterte Dörthe schelmisch Käthe zu: »Frage doch den Herrn, ob er nicht entzückt von mir ist?«
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»Du hast aber wirklich wie ein Buch gesprochen, ich war ganz starr vor Staunen.«
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»Natürlich wie ein Buch,« lachte Dörthe, »ich habe ja Wort für Wort den berühmtesten Aufsatz citirt, der über diesen Gegenstand geschrieben worden ist; für Dich hatte ich ihn memorirt, um Dich anzuulken. Nun habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.«
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Als Käthe wieder zu Hellbach trat, äußerte sich sein Entzücken über Dörthe nicht sehr lebhaft. Er danke Gott, dass diese docirende Langeweile das Feld geräumt habe. Er wundere sich nur, wie dieser ältliche unschöne Blaustrumpf eine Jugendfreundin Käthes sein könne. Eine Frau, ohne eine Spur von Kunstgefühl, eine Frau, die sich vom Hintergrund lateinischer Aufsätze abhebe mit einem solchen Teint und einem solchen Capothut. Aufrichtig gesagt, er habe bei Käthe angeklopft, weil er gemeint, die reizende Freundin, von der sie ihm erzählt, zu treffen.
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»Dann kommen Sie morgen,« sagte Käthe, einem plötzlichen Einfall nachgebend. »Das war nicht die Freundin, von der ich Ihnen erzählt habe. Wir waren unsrer Drei.«
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»Morgen um dieselbe Zeit?«
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»Ja. Adieu, Herr von Hellbach, auf morgen.«
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»Bitte, noch zehn Minuten lassen Sie mich bleiben, ich muss mich doch erholen von der ausgestandenen Unbill.«
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Käthe warf ihm mit einiger Erregtheit sein hartes Urteil über ihre Freundin vor, das doch nur auf Aeußerlichkeiten beruhe. Nein, er wäre sicher kein guter Mensch, das hätte er immer bewiesen – –
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Sie hielt inne, mit Recht vermuthend, er könne ihre letzten Worte auf seine Heirath beziehen.
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»Sie denken an meine Geldheirath, Katharina, Sie halten mich –«
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»Für einen Mammonsknecht,« schaltete sie ein, sich unwillkürlich an Dörthes Wort erinnernd.
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»Knecht? nein. Im Gegentheil, das Geld meiner Frau hat mich frei gemacht, frei das Beste in mir, meinen Genius, wenn Sie mir das geschwollene Wort gestatten wollen. Ohne dieses Geld, ohne meine Frau wäre ich der Sklave des Kunsthändlers, des Publicums geworden, und ich, das heißt mein künstlerisches ›Ich‹ wäre längst todt, begraben.«
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»Und Ihre arme Frau – –«
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»Ich weiß, was Sie sagen wollen, schlagen Sie es nicht gering an, dass Pauline mich liebt. Man wird auch an fremdem Feuer warm, besonders wenn es ein behagliches Herdfeuer ist. Freilich,« fuhr er in verändertem Ton, wie in sich hineinsprechend fort, »das Feuer in der eigenen Brust, das verzehrt, verbrennt – –«
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Er presste seine Hand auf die Brust, wie auf eine Wunde, die schmerzt.
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Die Plötzlichkeit, mit der Hellbach zuweilen aus dem Ton des lachenden Philosophen, des frivol espritvollen Causeurs in schwärmerisch heiße Accente überging, war außerordentlich effectvoll. Wie sehr eitle Frauen wohl beim Tode eines geliebten Menschen, dessen Verlust sie tief empfinden, dennoch die Kleidsamkeit des Trauer-Anzugs in Betracht ziehen, so waren bei ihm wirkliche Empfindung und berechnetes Spiel gemischt. Seine letzten Worte und seine Haltung hatten Käthe beklemmt, beunruhigt.
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»Auf morgen also,« sagte sie und verließ schnell das Atelier.
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Dörthe kam nun täglich zu Käthe, und allmählich überlieferte sie ihr den ganzen Schatz ihrer Erfahrung, das heißt, nicht den ganzen. Gewisse Excentricitäten behielt sie für sich. Käthe lernte alle die kleinen koketten Kniffe und Mätzchen – wie Dörthe sich ausdrückte – kennen, mit denen sie die Männer an ihren Triumphwagen spannte, welcher Wagen leider die einzige Equipage sei, über die sie zur Zeit verfüge. Dörthe nahm ihre Aufgabe, Käthe zu einem »star« zu erziehen, so ernst, dass sie über immer neue Lehrmittel nachdachte. Unter Anderm suchte sie aus ihrem früheren Bühnenrepertoire Scenen hervor, die Käthe mit ihr spielen musste, und die sie für geeignet hielt das Steifleinene aus ihr heraus, und was genialisch in ihr war, »auf die Beine zu bringen«. Nicht ausschließlich war es die Zärtlichkeit für Käthe und ihr Glück, die sie anspornte; die Genugthuung des Meisters, der einen Schüler erzieht, wirkte mit, auch etwas von der Schadenfreude war dabei, der Gesellschaft, die sie verfehmt hatte, ihre Erziehungsresultate zu octroyiren. Die Rendez-vous fanden auf Dörthes Wunsch jetzt immer im Atelier statt, obwohl der Salon die Kritik, dass er seinen Beruf verfehlt habe, nicht mehr verdiente. Ohne viel Schwierigkeit war in wenigen Tagen seine Metamorphose bewerkstelligt worden, Flunkerei zum großen Theil, wie Dörthe es vorausgesagt, wenig Gediegenes.
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Ueber der Chaiselongue ein weißlich sibirisches Bärenfell – Imitation – auf welches Fell sich Käthe, nach Dörthes Anweisung nur in duftigen Spitzen oder dunklem Sammt, – Beides Imitation – hingießen dürfe. Das ordinäre Tageslicht war durch Glasmalerei an den Fenstern poetisch gedämpft worden. Statt der geplanten Oelbilder, die sich zu theuer erwiesen, plastische Werke ersten Ranges, die man billig in Gyps haben konnte, welcher Gyps sich bei Tag unter phantastischem Grün in dämmernden Winkeln, Abends unter rothverhängten Hängelampen wie Marmor ausnahm. An Stelle des Ofens ein Kamin. Ein paar orientalische Teppiche, ein alter Lehnsessel mit verblichenem pfirsichfarbenem Sammt, von dem sich das rabenschwarze Köpfchen Käthes entzückend abzuheben, bestimmt war. Ein paar Antiquitäten: ein Ritter Georg mit dem Drachen in grünlich schillernder Bronze, ein alter Heiligenschrein, ein mystisch dunkelblinkendes Kupfergefäß mit Sonnenblumen gefüllt, Thonkübel – Imitation nach alten Mustern – mit vollen Sträußen von zottig wilden Chrysanthemen.
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Die abgeschlagenen Ecken, fehlenden Gliedmaßen, Scharten und Sprünge an den Antiquitäten, die auf Rechnung ihrer Billigkeit kamen, waren durch geschickte Aufstellung kritischen Blicken entzogen worden. Dörthe hatte von sich selber gesagt, dass sie ein gebornes Trödelgenie sei, und so hatte sie in der That den ganzen Krempel – ihr Ausdruck – in entlegenen Magazinen für kaum tausend Mark aufgetrieben und für sich selbst dabei so gut wie nichts profitirt.
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Auf Käthes Schreibtisch aber, so decretirte sie, müsse, coûte qui coûte, täglich ein frisches Veilchensträußchen prangen.
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Trotz der neuen Pracht des Salons fühlte sich Dörthe im Atelier in einem Chaos von Palmen, Staub, Unordnung, Skizzen, Oelgeruch, Gypsabgüssen u.s.w. am wohlsten.
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Am Tage, nachdem sie Hellbachs Bekanntschaft gemacht, betrat sie das Atelier in besonders animirter Stimmung. Sie wirthschaftete in dem Costümschrank umher und drapirte sich bald mit diesem, bald mit jenem Costüm. Schließlich war sie entzückt von einem orientalischen Gewand. Sie schlüpfte in dasselbe und behing sich mit allerhand glänzenden Münzen und Flittern. Mit ihrem Kleid, Hut und Shawl aber drapirte sie die Gliederpuppe und gab dem Kopfe einen kleinen Puff, so dass er sich in sittsam überbescheidener Haltung vornüber neigte.
Vorlage S. 68
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Dann setzte sie sich mit gekreuzten Beinen auf die Ottomane und nahm einen orientalischen Tschibuk zur Hand.
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»So – o Du Haifisch meines Herzens, pass auf! Jetzt bin ich die Rose von Schiras, rauche Haschisch und werde gleich den sublimsten morgenländischen Unsinn reden, und meine unsterbliche Seele wird taumeln, und ich taumle mit ihr und trinke rothen Wein und lache – Nachmittags um vier Uhr. Ich mache nämlich immer falsche Citate,« unterbrach sie sich, »weil das urdrollig ist.«
Vorlage S. 69
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Und sie trank wirklich sehr viel rothen Wein und taumelte und lachte. Und da trat Lorenz Hellbach ein.
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»Wir halten Probe zu einem Costümfest,« rief Käthe ihm ängstlich entgegen. Sie hatte vergessen, dass sie ihn eingeladen. »Meine Freundin –«
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»Frau von Loris« – stellte Dörthe sich selber vor, »die als Rose von Schiras von Hafis besungen werden will. Sind Sie vielleicht, großer Künstler, ein Verwandter des Hafis? Erschrick nicht, Lämmchen,« wandte sie sich zu Käthe, die erschrocken genug aussah. Herr Hellbach würde sicher nichts dagegen haben, wenn sie ihre Rollenübung fortsetzte. Berge mit Ozon und Ateliers mit Oelfarbengeruch, das seien die einzigen Locale, wo noch die Freiheit wohne. Besonders in Ateliers »lösten sich alle Bande frommer Scheu«, und die einzige dressirte Dame in diesem Paradiese sei – sie zeigte auf die Gliederpuppe – diese da. Und mit gekreuzten Armen und schelmischem Blick knixte sie vor der Puppe: »Pardon, Frau von Loris, dass Zuleika sich in Ihrer Gegenwart Freiheiten herausnimmt.«
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»Wenn hier das Paradies ist, woran ich nicht zweifle,« bemerkte Hellbach mit lächelnder Galanterie, »brauche ich zu sagen, dass ich Adam sein möchte.«
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»Ich aber nicht Eva,« lachte Dörthe.
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»Und warum nicht?«
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»Aus verschiedenen Gründen.«
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Erstens, aus Aepfeln mache sie sich nichts, und von Engeln mit flammenden Schwertern ausgetrieben zu werden, halte sie auch für kein Plaisir, und Kain als Sohn! Da wäre sie schon lieber die Schlange.
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»Um arglose Menschenkinder zu verlocken?«
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Es käme doch darauf an, wozu? sie würde die erwähnten Menschenkinder nicht aus dem Paradies hin aus, sondern in das Paradies hineinlocken.
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Und sie trank rothen Wein und lachte, und Hellbach trank auch rothen Wein und lachte.
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Käthe zupfte sie beängstigt am Gewand.
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»Aber, Lämmchen, ich bin ja Zuleika. Frau von Loris –« sie zeigt auf die Gliederpuppe – »wie immer comme il faut, die reine Tepperschürze.«
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Sie forderte Hellbach auf, das orientalische Costüm zu bewundern. Da wäre nichts von der ruckweisen, barbarischen Decolletirtheit der Europäerinnen, wo hier ein nackter Arm, da eine Schulter aus festen Draperieen hervorragte wie ein Wegweiser zu – – sie unterbrach sich mit einem blinzelnden Blick auf Hellbach.
Vorlage S. 70
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»Wir Orientalinnen dagegen sind mit unsern reizvollen, dünnen Gewändern gleichmäßig – –«
Vorlage S. 70
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»Decolletirt,« ergänzte Hellbach.
Vorlage S. 71
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»Halten Sie sich die Ohren zu, Frau von Loris, die Ohren zu!« rief sie neckisch der Gliederpuppe zu, »der Maler da ist ein kleiner noceur.«
Vorlage S. 71
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Und sie warf sich in den vergoldeten Lehnstuhl, steckte die kleinen Füße in den Löwenrachen, tändelte mit dem Dolch und fing an, von Hellbachs Nachtbildern zu schwärmen, und sie würde sich, sobald sie bei Kasse wäre, auch eine solche Nacht bei ihm bestellen.
Vorlage S. 71
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Er würde ihr mit Freuden die schönste seiner Nächte zur Verfügung stellen.
Vorlage S. 71
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Aber von Sternen müsse sie funkeln!
Vorlage S. 71
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Nein, er würde nur einen Stern hineinmalen, den Abendstern, die Venus.
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Und die Beiden wechselten so listige Blicke und so seltsame Worte, deren Sinn Käthe nicht erfasste, und sie tranken so viel rothen Wein und lachten so lustig, und schließlich heuchelte Dörthe, indem sie tänzelnd taumelte, mit verschwärmten Augen und einem schlangenhaft weichen Wiegen in den Hüften einen ganz allerliebsten kleinen Spitz.
Vorlage S. 71
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Und plötzlich mitten in ihrer Tollheit stieß sie den Dolch in die Scheide und warf ihn Hellbach zu: »Tödten Sie sich, Zuleika ist hin! Frau von Loris lebt!«
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Und langsam und gemessen nahm sie der Gliederpuppe ihre Kleider ab, und das Köpfchen seitwärts neigend, mit halbgeschlossenen Augen und kaum bemerkbarem, kühl vornehmem Grüßen an Hellbach vorübergehend, entschlüpfte sie in das Cabinet.
Vorlage S. 71
424
Käthe hatte während der ganzen Scene wie auf Nadeln gesessen und war nun ängstlich gespannt auf Hellbachs erstes Wort. Dörthe hatte ja in der That auf's Unglaublichste über die Stränge geschlagen, und er kannte ja nicht, wie sie, ihre Schelmenlaunen, und nun würde er den Stab über ihre Dörthe brechen.
Vorlage S. 72
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Aber zu ihrem Erstaunen sagte er nur: »Ihre kleine Orientalin ist ja ein entzückendes Persönchen, da ist Race, Temperament, Natur!«
Vorlage S. 72
426
»Ja – wirklich?« stotterte sie verwirrt und war nun wieder enttäuscht, dass er nichts an Dörthe auszusetzen fand. »O, sie wird auch als Berlinerin die Eroberung an Ihnen fortsetzen,« sagte sie kühl.
Vorlage S. 72
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Er fühlte, dass er nicht das Richtige getroffen. Er betonte jetzt, dass er gar kein persönliches Interesse an der Dame nähme. Sie habe ihm gefallen, wie einem ein pikantes Bild oder eine gelungene Scene aus einem Schwank gefalle; eine Stunde später dächte man nicht mehr daran.
Vorlage S. 72
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Er wäre gern geblieben, empfahl sich aber doch, weil er es für klüger hielt.
Vorlage S. 72
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Käthe hatte ab und zu bei Dörthes Besuchen das Gespräch auf die Bekanntschaft ihrer Freundin mit Michael gelenkt. Dörthe war ihren neugierigen Fragen jedes Mal ausgewichen. Eines Tages besann sie sich eines Andern.
Vorlage S. 72
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Nein, sie wollte kein Geheimnis mehr vor ihrer Käthe haben. Auf Gnade oder Ungnade wollte sie vor ihr die Mördergrube ihres Herzens entschleiern. Sie rechne auf Käthes echte Freundschaft. Echte Freundschaft müsse wie Benzin sein, das jeden Flecken mit dem Mantel der Liebe bedecke.
Vorlage S. 72
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Käthe musste über die absichtlich tollen Bilder Dörthes lachen, womit dem Ernst der Confession von vornherein die Spitze abgebrochen wurde.
Vorlage S. 73
432
»Du kannst Dir ja denken,« nahm sie wieder das Wort, indem sie Käthe kosend umfing, »dass mein Mann – na, dicke Mammonsknechte liebt man nicht. Dass ich einen Andern liebte, war sehr unrecht, aber nicht unnatürlich. Der Andere war ein Freund Deines Mannes, auch Maler. Er malte mich – selbstverständlich. Dabei geschah nämlich das Malheur, dass ich mich in ihn verliebte und auf heftige Gegenliebe stieß. Es fiel aber nichts vor, wahrhaftig nicht. Wir hatten die letzte Sitzung. Ich machte ihm die Mittheilung, dass wir uns nie wiedersehen würden, nie. Zum Abschied reichte ich ihm die Hand. Das war doch nichts Böses? Er aber, in der Zerstreutheit des Schmerzes, riss mich plötzlich an sich und hätte – wie ich es mir nicht verhehlen kann, Käthe – er hätte mich geküsst, wenn sich nicht die – leider unverschlossene Thür geöffnet hätte.
Vorlage S. 73
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Michael Böhmer stand auf der Schwelle. Mein Maler suchte ihm die Situation klar zu machen. An Böhmers Lächeln sahen wir, dass er ihm nicht glaubte. So sind die Menschen. Und siehst Du, Lämmchen, es wäre nun ja möglich, dass Dein Mann Dir, auf so einen bloßen Verdacht hin, den Umgang mit mir verböte, den Grund würde er Dir natürlich nicht sagen, da er seinem Freunde Verschwiegenheit gelobt hat. So, nun weißt Du Alles. Hast Du mich noch lieb, Käthe?«
Vorlage S. 73
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Sie fragte das jedes Mal, wenn Käthe allen Grund gehabt hätte, sie nicht mehr lieb zu haben. Wäre Käthe etwas welterfahrener gewesen, sie hätte längst gewusst, woran sie mit ihrer Dörthe war. Sie war aber nicht welterfahren. Trotzdem hatte Dörthes Beichte sie indignirt, mehr noch der frivole Ton derselben, als das Geschehniß selber. Da es Dörthe nicht gleich gelang, sie zum Lachen zu bringen, nahm sie zu einer Soloscene ihre Zuflucht. »Gretchen vor dem Muttergottesbild,« sagte sie dumpf. Und da lag sie schon auf den Knieen, und da hatte sie schon inbrünstig die Hände gefaltet und intonirte das: »Ach neige Dich, Du Schmerzensreiche,« mit so wimmernden Accenten, dass Käthe nun doch lachen und verzeihen musste.
Vorlage S. 73
435
Dörthe war sehr unzufrieden mit sich. Sie hatte ihre liebe Käthe belogen. Seitdem sie das neue, ihr bis dahin unbekannte Glück genoss, Jemandem ein wirkliches Opfer gebracht zu haben, und von diesem Jemand für gut gehalten zu werden, seitdem war ihr, wenn auch nur ganz oben auf, ein Gewissen gewachsen.
Vorlage S. 74
436
Käthe hatte eher als sie es dachte, Gelegenheit, Dörthes Rathschläge zu erproben. Vier Wochen nach der Abreise Michaels gab die Frau Geheime Commerzienräthin Möller sich die Ehre, Herrn und Frau Böhmer zu einer Soirée einzuladen. Frau Böhmer wurde eigentlich nur der Form wegen miteingeladen, man wusste, dass sie in den letzten Jahren Gesellschaften mied, und verzichtete gern auf sie. Am allerwenigsten versah man sich der Thatsache, dass sie in Abwesenheit ihres Mannes eine Einladung acceptiren könne. Und doch geschah es nun. Es war fast eine Verlegenheit für die Wirthin. Wer sollte diese unscheinbare, langweilige, kleine Frau zu Tische führen?
Vorlage S. 74
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Es waren nicht die besten, aber die flottesten Kreise, in denen Michael verkehrte, eine Verschmelzung der hautefinance-, Künstler- und Schriftstellerwelt und derjenigen Aristokratie, die sich aus der Welt, in der man sich langweilt, hinübergerettet hatte in die espritvolle Gesellschaft, in der man sich nicht langweilt, und die am leichtesten geneigt war, über die Stränge zu schlagen, natürlich in cavaliermäßigen Formen. Junge Mädchen waren nur in verschwindender Minderheit vorhanden. Den jungen Frauen bis zum fünfundvierzigsten Jahre gehörte das Feld, Frauen, die rauchten, die den gewagtesten bon mots volles Verständnis entgegenbrachten, die für irgend einen Schauspieler, Sänger oder Athleten schwärmten und mäßig decolletirte Kleider für unerlaubt anständig hielten. Einige unter ihnen trieben ein gefährliches Spiel mit Morphium oder Haschisch. Aeltere und alte Herren dieser Kreise waren wüthend, wenn sie eine ältliche Dame zu Tisch führen mussten. Das Ausland, inclusive Japan und China, stellte ein starkes Contingent zu den Gesellschaften, in denen der internationale Attaché die piéce de résistance war.
Vorlage S. 75
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Als Käthe in den Salon der Geheimrätin trat – sehr spät auf Dörthes Anordnung – klopfte ihr Herz zum Zerspringen. Die möglichst unscheinbare Toilette, die sie hatte anlegen wollen, war von Dörthe verworfen worden. Ihr erstes Debüt als Mondaine müsse prätentiös sein, es sei entscheidend. Mit einer allmählichen Metamorphose sei nichts getan. Die Zeit dränge; in wenigen Monaten werde Michael zurück sein, er müsse ein fait accompli vorfinden. Die Festung – das heißt die Gesellschaft – müsse im Sturm genommen werden, mit flatternden Fahnen – Trompetenstoß! Also: ein purpurnes Crêpe de chine-Kleid, purpurne Rosen im Haar, purpurrothe Lippen, purpurroth Alles vom Scheitel zur Sohle, inclusive die Strümpfe und der schleierartige Shawl, der, leicht um Nacken und Arme geschlungen, im rechten Augenblick, wenn er seine Schuldigkeit getan, fallen könne.
Vorlage S. 75
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Die Scheitel ihres Rabenhaares, von purpurnen Bändern getheilt, ließ ihr Dörthe etwas tief in die Stirn kämmen. Im Nacken ein voller Haarknoten, aus dem eine glatte Strähne des atlasglänzenden Haares über den Hals fiel. Nichts Gelocktes.
Vorlage S. 76
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Dörthe wusste, dass die Gesellschaft feine Fühlhörner hat und gleich aus der Toilette einer Frau Schlüsse zieht auf das, was sie will und erwartet, und was man von ihr wollen und erwarten kann.
Vorlage S. 76
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Wie Dörthe es vorausgesehen, erregte Käthe sofort bei ihrem Eintritt Aufsehen. Diejenigen Gäste, die sie nicht kannten, erkundigten sich sogleich nach der reizenden, pikanten jungen Frau.
Vorlage S. 76
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Hätte sich in der ersten Viertelstunde Niemand um sie gekümmert, oder hätte ihre Erscheinung Anstoß erregt, sie würde in Scham und Reue umgekehrt sein und jeden weiteren Schritt auf diesem Wege verweigert haben. Der Erfolg aber hat etwas Dämonisches, etwas von einem magnetischen Fluidum, das uns wie in einen glänzenden Nebel einspinnt und nicht wieder frei lässt.
Vorlage S. 76
Johannes Vermeer – Briefleserin in Blau, um 1663. Vergleichsbild zum Motiv des Lesens und Briefeschreibens, keine konkrete Buchszene.
Kontextbild zum Werk. Briefleserin in Blau · Johannes Vermeer · Public domain Bildquelle ↗
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Während sie früher mit einigen älteren Damen auf einem schwer zugänglichen Sopha zuzuschauen pflegte, wie die Andern sich amüsirten, sah sie sich an diesem Abend von jungen und älteren Herren umringt.
Vorlage S. 76
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Anfang war sie von einer springenden, fieberhaften Lebhaftigkeit. Im Laufe des Abends wurde sie ruhiger, und allmählich fand sie es viel leichter eine fließende Unterhaltung zu führen, als sie es sich vorgestellt hatte.
Vorlage S. 77
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Mit der Zeit begriff sie, warum sie früher so scheu und schwerfällig im Verkehr mit Menschen gewesen und kaum ein nichtssagendes, geschweige denn ein munteres oder geistreiches Wort auf die Ansprachen, die man an sie richtete, gefunden. Es waren eben nur Höflichkeitsphrasen gewesen, die man ihr huldvoll zukommen ließ, ohne Wunsch oder Interesse an einer Fortsetzung des Gesprächs. Ein Feinfühliger kann nicht reden, wenn er merkt, dass man keine Lust hat, ihm zuzuhören. Die Anerkennung aber, die Bewunderung, die er erntet, ist eine Flamme, an der sich sein Geist entzündet, und die Alles in Fluss bringt, was erstarrt oder verborgen in ihm ruhte.
Vorlage S. 77
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Je mehr Käthe gefiel, je lebhafter und bewegter wurde sie, und dabei hatte sie immer das Gefühl, als wäre Michael anwesend, und er hörte zu, und sie spräche für ihn.
Vorlage S. 77
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Wie hatte sie sich früher abgeängstigt, ehe sie in eine Gesellschaft ging, und war sie da, so fühlte sie sich deplacirt, einsam, und sehnte sich nach Hause zurück.
Vorlage S. 77
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Man tauschte in dieser Soirée seine Meinung aus über die merkwürdige Umwandlung, die mit der jungen Frau vorgegangen war. Ein Liebhaber meinten die Einen, die natürliche Entwickelung jeder hübschen Frau, die Anderen. Ein Dritter schrieb sie dem allmählichen Einfluss des genialen Gatten zu. Die Damen fanden ihr Wesen affectirt, ihre Toilette gesucht und herausfordernd.
Vorlage S. 77
449
In der That lag noch ein Zwang und etwas Mühsames in ihrer Art sich zu geben, ihr Lächeln war forcirt, ihr Blick ängstlich und scheu. Dieser erste Abend war eine große Anstrengung für sie gewesen, die sie erst fühlte, als sie erschöpft, unbefriedigt, degoutirt wieder zu Hause war. Sie fand keinen Schlaf und schwor sich zu, die Komödie nicht weiter zu spielen. Ein Unwillen gegen Michael stieg in ihr auf, dass sie um seinetwillen sich so erniedrigte, – zwecklos, ja zwecklos. Dass Dörthe Recht haben sollte, war ja unglaublich. Und doch – – hatte Dörthe nicht Lorenz gleich bezaubert? und alle die Menschen heut, unter denen tüchtige und ernste Männer gewesen? Gleichviel – gleichviel, sie wollte nicht! nein, sie wollte nicht! Es fiel ihr ein, dass ein Herr, der ihre nackten Arme bewundert, auf ihren Shawl zeigend gesagt hatte: er fände es nicht decent, dass sie ihre schönen Schultern verhülle. Sie vergrub ihren Kopf in die Kissen. Pfui! pfui! nein! nein!
Vorlage S. 78
450
Am andern Morgen sah sie die Dinge heiterer an, und der Gedanke der Scheidung trat wieder in den Vordergrund ihres Denkens. Wem schadete sie denn mit dieser Komödie? Sie hatte sich ja sogar stellenweis amüsirt, und stand es nicht in ihrem Belieben die Maske jeden Augenblick abzuwerfen? Es war auch etwas von einer brennenden Neugier in ihr, was nun werden würde.
Vorlage S. 78
451
Es regnete jetzt Einladungen für Käthe. Die Eifersucht der Frauen auf Käthe's Erfolge wurden von dem Ehrgeiz der Wirthinnen, die einen amüsanten Salon haben wollten, überboten.
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452
Käthe's Entwickelung zu einer reizenden und koketten Weltdame ging überraschend schnell von Statten. Was diesen Werdeproceß beschleunigte, war die andauernd starke innere Erregung, in der sich die junge Frau befand. Sie war wie Jemand, der lange geschlafen hat und nun frisch, kräftig das Tagewerk in Angriff nimmt. Sie fühlte einen fortwährenden Sporn, der sie reizte, vorwärts trieb, hin zu dem Ziel – dass er sich nicht sollte scheiden lassen. Vielleicht hatte auch Dörthe Recht, und die Rolle, die sie spielte, entsprach einigen Bedingungen ihrer Natur, ihrer lebhaften Phantasie, ihrer Lebensfreudigkeit.
Vorlage S. 79
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In der praktischen Anwendung der ihr von Dörthe überlieferten Lehren ließ sie bald nichts zu wünschen. Sie lernte mit liebenswürdiger Sicherheit die artigsten Complimente über die unartigsten Dinge sagen, z.B. über Gesangsvorträge ohne Stimme, über mißrathene Toiletten und Reden. Sie lernte den warmen Herzenston treffen bei Condolationen oder Gratulationen, deren Ursachen ihr vollkommen gleichgiltig waren, sie lernte über Witze zu lachen, die keine waren, ein Fest, wo alle Welt sich gelangweilt hatte, überaus charmant zu finden, und ihren Blicken, auch wenn sie nichts zu sagen hatten, eine beredte Sprache zu leihen.
Vorlage S. 79
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Was aber ihren Erfolg so schnell entschied, davon wusste, ahnte die Arglose nichts. Michael's blaues Bild – »das blaue Wunder«, hieß es im Volksmund – war jetzt ausgestellt. Dörthe hatte durch einige Freunde dahin gewirkt, dass man auf dem Bilde das Profil Käthe's erkannte und von dem Profil – zog man weitere Schlüsse.
Vorlage S. 79
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Als einmal ihr Ruf als eine der reizendsten Salondamen feststand, konnte sie tun und lassen, was sie wollte, ohne diesen Ruf zu gefährden. Sie durfte leeres Zeug reden und reüssirte. Sie erschien in der extravagantesten Toilette, z.B. schwarze Wolle, tief ausgeschnitten, mit einem goldenen Gürtel und reüssirte. Sie war launenhaft, capriciös, und reüssirte um so mehr. Die Gesellschaft ist wirklich nicht anspruchsvoll. Es kommt kaum darauf an, wirklich geistreich, kokett oder witzig zu sein, wenn man nur die Allüren dieser Qualitäten hat. Man nimmt meist den guten Willen für die That und merkt selten, wo der Esprit aufhört und die tändelnde Leerheit anfängt, wenn nur den Sinnen und der Eitelkeit Rechnung getragen wird.
Vorlage S. 80
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Was Käthe aber nie lernte, das war witzige Bosheiten zu sagen und drollig zu sein. Sie entschädigte für diesen Mangel durch eine berückende anmuthsvolle Naivetät. Dass ein Hauch von Poesie auf ihrer Erscheinung lag, der nicht auszulöschen war, nahm man mit in den Kauf.
Vorlage S. 80
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In ihre Denkweise kam allmählich etwas Geringschätziges und Bitteres. So also waren die Menschen! so dachten, so urtheilten sie! Und Dörthe hatte Recht, und sie in ihrer tugendsamen Prüderie hatte Unrecht gehabt.
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Eines Abends hatte sie einen besonderen Triumph gefeiert. Bei einem Diner war ihr von der Wirthin ein Tischnachbar zugewiesen worden, der sie bis jetzt ignorirt hatte, weil er in den Banden einer anderen Dame lag. Ein Zufall wollte es, dass diese, seine Coeur-Dame zu seiner Linken saß, was die Vernachlässigung seiner Dame zur Rechten zur Folge hatte. Käthes verletzte Eitelkeit revoltirte, und sie führte das ganze Arsenal ihrer gelernten Künste gegen den pflichtvergessenen Cavalier in's Gefecht: Blicke wie langgezogene Flötentöne, bezauberndes Lächeln, girrendes Lachen, Neckereien, seine Don Juan-Qualitäten betreffend, und, last nost least, Enthusiasmus für seine hypnotische Heilmethode (er war Arzt), welche Methode sie sich eingehend von ihm erklären ließ, während sie mit gespanntester Aufmerksamkeit an seinen Lippen zu hängen schien.
Vorlage S. 80
459
Nach einer Stunde sank die arme Ariadne zur Linken, geknickt auf ihrem Stuhl zusammen, und Käthe hatte auf der ganzen Linie gesiegt. Freilich bezahlte sie diesen Sieg am anderen Tage mit einer herben Unzufriedenheit, die an Ekel grenzte.
Vorlage S. 81
460
In solchen Stunden der Einkehr und der Reue über ihre armseligen Triumphe pflegte sie stundenlang einsam im Thiergarten umherzuwandeln.
Vorlage S. 81
461
Es war im November. Trübe blickte sie auf das Durcheinander von fahlen, verblichenen, zartverhauchenden, schmutzigtristen und feurigen Farben um sie her. Eine Unruhe war in dieser Herbstnatur, etwas Vielfarbiges und Wirbelndes, etwas Zerzaustes und Zerfahrenes, Flittriges und Flattriges. Und zwischen all dem Trüben und Welken hier und da eine Prachtgruppe rothgoldener Bäume. In Käthe war etwas dieser Herbstlandschaft Verwandtes, lose hin und her Flatterndes und allmählich sich Entblätterndes, und zwischendurch ein reiner, voller Gefühlsklang.
Vorlage S. 81
462
Während sie dahin wandelte, dachte sie, die Menschen sind in ihrem Herbst auch wie die meisten Bäume hier, trübe und flau und farblos, nur einzelne zeigen erst im Herbst ihres Lebens die ganze Pracht ihrer starken und schönen Natur, wie jene rothe Baumgruppe; zu denen würde sie nie gehören.
Vorlage S. 82
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Sie wurde irre an Allem. Sie wusste nicht mehr, was Recht und was Unrecht war. Das heißt, im tiefsten Innern wusste sie es doch. Sie wusste ganz bestimmt, was sie hätte tun müssen, und wusste auch, dass sie es nicht tun würde. Dörthe's Geschichte von den Gänsen, die sich nicht über den Kreidestrich wagen, fiel ihr ein. Der Kreidestrich, dachte sie, kann zweierlei bedeuten: aus dem Conventionellen hinauf zu einer freieren, reineren Sittlichkeit, oder hinab zur fin de siècle-Frivolität. Ob nicht zu beiden Sprüngen Muth gehörte? Ob sie den Muth finden würde – hinauf? oder hinab? Kaum. Gehörte sie nicht zu der Sorte, von der zwölf auf ein Dutzend kommen?
Vorlage S. 82
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»Aber ich will doch! ich will!« sagte sie, schnell vorwärtsschreitend, zu sich selber.
Vorlage S. 82
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Du thust es ja doch nicht!
Vorlage S. 82
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Ich thu' es!
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Wir werden ja sehen.
Vorlage S. 82
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Ermattet von dem kämpfenden Grübeln denkt sie gar nichts mehr. Und als sie sich Abends zur Gesellschaft ankleidet, fällt ihr ein: ich wollte doch nicht mehr in diese Art von Gesellschaften gehen, warum thu' ich's denn? Ach, weil ich ein elender, schwacher Charakter bin. Aber vielleicht hilft ein starker Charakter auch nichts. Man weiß ja doch nie, wie es kommt. Und sie muss doch auch dahinter kommen, ja, sie muss, ob Michael so ist wie die Andern, ob Dörthe Recht hat. Und wenn Dörthe Recht hätte, ob sie Michael noch so lieben könnte wie früher? Sie weiß es nicht.
Vorlage S. 82
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Oft noch hatte sie in der ersten Zeit solche Stunden der Auflehnung gegen die Rolle, die sie spielte. Wirklich eine Rolle? Wo das Spiel aufhörte und ihr eigentliches Wesen anfing, sie wusste es nicht mehr.
Vorlage S. 83
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In dem Uebermuth, in der blühenden Lust der Feste fühlte sie zuweilen eine Spannung aller Lebenskräfte, einen Zug und einen Schwung, den sie früher nicht gekannt hatte. In diesen Stimmungen machte sie den Eindruck eines vollbesegelten Schiffes, das frisch und kühn durch alle Winde fährt. Aber dann plötzlich, mitten in dieser Lust ein Umschlag: das zu tief decolletirte Kleid einer Dame, auf das ihr Blick fiel, das lüstern frivole Wort eines Cavaliers, sein weingeröthetes Gesicht oder sein Blick auf ihre nackten Schultern trieben ihr das Blut in's Gesicht.
Vorlage S. 83
471
Allmählich wurden die erweckenden Stimmen in ihr schwächer. Ihr Feingefühl stumpfte sich ab, die Gewöhnung trat in ihr Recht. Bald wandelte sie nicht mehr auf einsamen, verschneiten Wegen, um die Lösung ethischer Probleme zu suchen; sie hatte auch gar keine Zeit dazu. Da sie nicht reich genug war, um mit der modernen Pracht der meisten Damen zu rivalisiren, musste sie dieses Deficit durch poetische Arrangements und originelle Einfälle, die Zeit und Nachdenken kosteten, ersetzen. Und nun geschah es, dass sie zuweilen, während eines ganzen Abends, nicht ein einziges Mal an Michael gedacht, sondern sich ohne Hintergedanken, aus heiler Haut ausnehmend amüsirt hatte.
Vorlage S. 83
472
Oft, wenn sie Nachts nach Hause kam und das wachgewordene Kind hörte, beugte sie sich über sein Bettchen und wartete, dass es, kraft eines geheimnißvollen Instincts, sie vorwurfsvoll anblicken oder aufweinen sollte. Das Kind aber fuhr mit seinen Händchen, unter girrendem Lachen, in die Locken und Blumen der Mutter und hatte offenbar seine helle Freude an der kokett geputzten Frau. In der That, das Kleine litt nicht unter ihrer Weltlichkeit. Es schlief ja immer schon, wenn sie ausging. Es gedieh prächtig; ob sie anwesend war oder abwesend, machte keinen Unterschied.
Vorlage S. 84
473
Und was sie that, geschah es nicht auch des Kindes wegen? Sie wollte ihm ja den Vater zurückerobern. Später, wenn sie erst wieder festen Boden unter dem Fuß fühlen und die Scheidung sie nicht mehr ängstigen würde, dann wollte sie sich ausschließlich dem Kinde widmen.
Vorlage S. 84
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Lorenz' Art, der jungen Frau den Hof zu machen, wurde eindringlicher, wenn er auch keinen Augenblick die berechnende Vorsicht des Menschenkenners außer Acht ließ. Auf Käthes Charakterschwäche, auf ihre geistige Unselbstständigkeit, die sie immer geneigt machte, Anderen mehr als sich selbst zu vertrauen, gründete er seine Taktik. Er suchte zuerst ihre Intelligenz zu captiviren, ihren Geist zu corrumpiren, und erst ganz allmählich führte er die Leidenschaft in's Gefecht.
Vorlage S. 84
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Er übersah Eins: So gefügig und schmiegsam ihr Intellect war, ihre keusche Natur sträubte sich dagegen, leichtfertige Anschauungen, denen ihr Geist zugänglich war, in Handlungen umzusetzen.
Vorlage S. 84
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Lorenz wusste, wieviel auf das Milieu und auf die Stimmung ankommt, wenn man die Liebe eines Weibes gewinnen, oder vielmehr ihr Herz und ihre Sinne überraschen will. Er vermied, ihr bei naßkaltem oder unfreundlichem Wetter auf ihren Spaziergängen zu begegnen. Niemals besuchte er sie am hellen Vormittag. In der Dämmerung aber, ehe man die Lampen brachte, wenn er sicher war, sie am Kaminfeuer zu finden, da kam er oft zu einem Plauderstündchen herunter. In Gesellschaften, wenn das verwirrende Durcheinander von Musik, Blumenduft, Schönheit und fluthender Lust an ihre Sinne pochte, dann suchte er sie in irgend einem lauschigen Winkel in einem intimen Gespräch festzuhalten. Oder er redete an einem solchen Abend kein Wort mit ihr, nur seine Blicke folgten ihr, wohin sie sich bewegte. Sie sollte fühlen, dass er da war, da für sie allein, und dass er sie liebte – natürlich als das Madonnenbild im Heiligenschrein seines Herzens. Nie riskirte er im Gespräch mit ihr ein Wort der Liebe. Er wollte sie sicher machen und um jeden Preis eine Zurückweisung vermeiden.
Vorlage S. 85
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Sie gewöhnte sich an seine stille Bewunderung und an den Veilchenstrauß, den er ihr jeden Morgen schickte. Wäre das Eine oder das Andere ausgeblieben, sie hätte es vermisst.
Vorlage S. 85
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Hellbach hatte außerdem einen Vorwand gefunden, um täglich einige Zeit mit ihr zusammen zu sein. Er bemalte die Wände ihres Salons. Die Flächen theilte er in Felder und da hinein dichtete er poetisch-phantastische Einfälle: In Blumen- und Blättergerank ein Mädchen, das die Flöte bläst, und die Vögel kommen alle herbei. Ein schönes Kind ruht träumend auf einer Riesenblume, und Blüthen rieseln auf sie nieder. Unter einem Baum sitzt sinnend ein Jungfräulein, über ihr auf einem Zweig hockt ein Rabe. Auf eins der größten Felder aber hatte er eine Landschaft gemalt, eine märchenhafte Einsamkeit. Auf einer, in weißem grellen Sonnenlicht glitzernden Brücke stand eine schwarzverhüllte Frauengestalt, die sich über das Geländer neigte, so dass man ihr Gesicht nicht sah. Ueber ihr thürmten sich Felsen auf Felsen.
Vorlage S. 85
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Er hatte Käthe gebeten, ihm ein paar Mal zu der Gestalt, die er »die Melancholie« nannte, zu sitzen. Gelegentlich einer dieser Sitzungen betonte er wieder auf's Nachdrücklichste, wie er es schon oft getan, die Unzuträglichkeit einer Scheidung. Die Position einer Geschiedenen sei für eine junge hübsche Frau eine unmögliche, nur rathsam und denkbar als Uebergang zu einer zweiten Ehe. Und wer bürgte einer Frau dafür, dass die zweite Ehe glücklicher ausfallen werde, als die erste? Selbst wenn sie Michael nicht liebte, würde er die Scheidung widerrathen.
Vorlage S. 86
480
Wie? auch wenn sie ihn nicht liebte? Was für eine öde, traurige Ehe das sein müsse! Treue ohne Liebe!
Vorlage S. 86
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Er lächelte sarkastisch. Treue! was für ein Missbrauch mit dem Wort getrieben würde! Treue könne unter Umständen schamlos sein. Was hieße treu sein? Etwas immer lieben, weil wir es einmal geliebt haben? etwas immer denken, weil wir es einmal gedacht haben? Er hätte einmal für einen Bazar Glühlichter gedichtet, eins derselben hätte ihm selbst so gut gefallen, dass er es im Gedächtnis behalten: »Willst steigen Du von Stuf' zu Stufe, – widerrufe.« Untreu seien wir Alle, untreu unsern Meinungen, untreu unsern Freunden, denn diese Freunde selbst seien dem Wechsel unterworfen. Unsere Intelligenz dieses Jahres wachse über die des vorigen Jahres hinaus. Jeder Fortschritt sei Untreue. Treue hieße Untreue gegen uns selbst, kurz und gut, sie sei ein geistiger Schimmel.
Vorlage S. 86
482
Käthe war ganz verwirrt.
Vorlage S. 87
483
»Aber Untreue in der Ehe,« entgegnete sie, »das sei doch ganz etwas Anderes, das sei – –«
Vorlage S. 87
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»Ehebruch!« unterbrach er sie. »Immer noch besser als Herzensbruch.«
Vorlage S. 87
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Und in beredten Worten setzte er ihr auseinander, dass es eine Moral gäbe, die lebe, und eine andere, die nur ein todtes Wort sei. Das todte Wort »Ehebruch« sei eine Art Vogelscheuche, die die Ehemänner aufstellten für ihre eigenen Frauen, bei Leibe nicht für die Frauen ihrer Mitbrüder. In Zeiten, wo man die Ehebrechenden köpfte, spießte, an den Pranger stellte oder sie sonstigen Martern unterzog, da wäre der Begriff des Ehebruchs lebendig gewesen, lebendig bis zu den blutigsten Consequenzen in Indien, wo die lebendige Gattin zu dem todten Gatten in's Grab stieg.
Vorlage S. 87
486
Käthe wusste nicht, wie sie sich solchen Aeußerungen gegenüber verhalten sollte. Nahm sie dieselben für Ernst, so musste sie dem Freunde ihr Haus verbieten. Sie zog vor, was er sagte, als geistreichelnde, frivole Paradoxen gelten zu lassen. Sie hielt sich die Ohren zu und betheuerte, dass sie ihm nicht ein Wort glaube, sie glaube nicht an die Liebhaber verheiratheter Frauen, sie glaube aber an seine satanische Natur, die auf einen Faust lauere, um ihn zu verderben. Gott sei Dank sei sie kein Faust.
Vorlage S. 87
487
Er vertheidigte sich damit, dass er ja keineswegs seine eigenen Ansichten ausspräche, er zöge nur die Consequenzen aus den Handlungen der Majorität der exclusiven Gesellschaftsklassen. Und wenn er ihr, der naiv Unerfahrenen, die Welt zeige, wie sie sei, so geschähe es, um sie vor den Gefahren, die Weltunerfahrenheit für eine junge Frau mit sich bringe, zu bewahren.
Vorlage S. 88
488
Dass aber die hergebrachte Form der Ehe nicht die richtige sein könne, das sei allerdings seine Ueberzeugung. Ob Käthe einmal eine Sitten- oder Culturgeschichte gelesen habe, eine übersichtliche, in gedrängter Form?
Vorlage S. 88
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Käthe erinnerte sich nicht.
Vorlage S. 88
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So möge sie eine solche lesen, und sie werde sehen, dass vom Anfang aller Cultur bis zur Gegenwart, auf und ab, in den Beziehungen der Geschlechter immer dasselbe Spiel gewesen, dieselbe Unmoral mit geringen Abweichungen nach der besseren oder schlechteren Seite. Auf der einen Seite, im Uebertretungsfalle: harter Gesetzeszwang, öffentliche Brandmarkung, Gift und Revolver von Seiten des beleidigten Gatten, und auf der andern Seite – einzig und allein Aphrodite mit ihren Hilfsgeistern, die der Gesetze spotte und spielend über sie triumphire. Die Natur, explosiv wie Dynamit, sprenge die ehernsten Gesetzestafeln.
Vorlage S. 88
491
Und was er daraus folgere?
Vorlage S. 88
492
Dass wir noch nicht das Richtige gefunden für den Verkehr der Geschlechter, dass wir noch auf den Solon für die Regelung dieser Gesetze warten und dass wir bis dahin – auf Compromisse angewiesen seien.
Vorlage S. 88
493
»Ihre Reden sind ja förmlich Leichenreden für die Moral,« rief Käthe nun doch erregt und außer Stande, bei der scherzhaften Auffassung zu verharren.
Vorlage S. 89
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»Oder Bergpredigten für die Allliebe der Natur.«
Vorlage S. 89
495
Sie sprang auf.
Vorlage S. 89
496
Nur ein paar Minuten möchte sie noch still halten. Da er sie als Melancholie male, könne er nur Melancholisches denken. Es käme ja auch wirklich bei solchen Reflexionen nichts heraus. Wozu überhaupt all das Grübeln und Moralisiren, wenn wir doch sterben müssten, wo es dann bekanntlich keine Rosen und keine Liebe mehr gäbe und es dann ganz gleichgiltig sein würde, ob wir uns hienieden moralisch geschunden hätten.
Vorlage S. 89
497
Sie wollte wieder auffahren.
Vorlage S. 89
498
»Bitte, den Kopf senken.«
Vorlage S. 89
499
Sie sprachen nicht mehr, aber ihre Gedanken waren bei einander.
Vorlage S. 89
500
Was Hellbach im Anfang für Käthe empfunden, war nichts gewesen als eine neugierige Sympathie. An ihrer Weltlichkeit hatte sich die Sympathie zu einem starken Verlangen entwickelt.
Vorlage S. 89
501
Er verschaffte Käthe Einladungen zu Kreisen, eleganten selbstverständlich, die seinen Zwecken dienten, Kreise, in denen die Bourgeois-Tugend ein überwundener Standpunkt war. So hatte er sie bei Frau von Sallet eingeführt, die ein licentiöses Leben führte und von deren Liebhabern man so ungenirt sprach, wie von den Männern anderer Frauen.
Vorlage S. 89
502
An der Persönlichkeit der Wirthin mochte es liegen dass dieser Kreis, obwohl jeder der Anwesenden in der besten Gesellschaft durchaus reçu war, ein wenig Eindruck von monde à côté machte. Sehr viel Aristokratie und Offiziere. Sehr viel teils durch den Tod, teils durch andere weniger natürliche Umstände auseinandergerissene Ehepaare. Die Damen alle unendlich decolletirt. Sie rauchten sämmtlich sehr viel Cigaretten, knabberten sehr viel Süßigkeiten und waren unbändig fidel. Die meisten von ihnen hatten eine Vergangenheit oder waren im Begriff, sich eine zu beschaffen. Die Frau vom Hause war von rührender, unverfrorener Tactlosigkeit und extravagirender, etwas gesuchter Originalität; dabei voll Bonhommie und herzlicher Gastfreundschaft. Sie affichirte ihre Liebhaber, teils aus Schlauheit, teils weil es ihr bequem war. Ihr unbedeutender Mann sonnte sich in ihrer Schönheit und war einigermaßen stolz auf ihre Anbeter, an deren ernsten Charakter er nicht glaubte.
Vorlage S. 90
503
Käthe fühlte sich an ihrem ersten Gesellschaftsabend in diesem Kreise unbehaglich. Ein junger französischer Attaché, an den die Frau vom Hause Rechte hatte, machte ihr auffallend den Hof und benutzte seine mangelhaften Sprachkenntnisse, um unglaublich gewagte Worte zu lanciren.
Vorlage S. 90
504
Als er sich entfernte und Hellbach seine Stelle einnahm, trat die Wirthin zu Käthe heran und drohte ihr scherzhaft: »Sie kleine Teufelin, wenn Sie sich von dem da (sie zeigte auf den Attaché) die Cour machen lassen, kratze ich Ihnen die Augen aus.«
Vorlage S. 90
505
»Frau Böhmer,« antwortete Hellbach für Käthe, »lässt sich leider überhaupt nicht die Cour machen.«
Vorlage S. 91
506
»Warum denn nicht?« fragte Frau von Sallet mit naivem Erstaunen.
Vorlage S. 91
507
»Einmal schützt sie Talentlosigkeit auf diesem Gebiet vor, und dann – Frau Böhmer ist in ihren makellosen Ruf verliebt.«
Vorlage S. 91
508
»Ruf! Ruf!« lachte Frau von Sallet, »aber Ruf ist, was man sich selbst zuzieht – durch Ungeschicklichkeit.«
Vorlage S. 91
509
Käthe sah Hellbach mit einer ängstlichen Frage in den Augen an. Er nahm eine Rose aus einer Schale.
Vorlage S. 91
510
»Diese duftende Rose hat Dornen und Stacheln, nicht wahr? Der Geschickte entfernt die Dornen.«
Vorlage S. 91
511
Er that es und reichte Käthe die Rose. Sie schüttelte den Kopf; sie wollte die Rose nicht.
Vorlage S. 91
512
Frau von Sallet, die einen neu angekommenen Gast begrüßt hatte, wandte sich wieder zu ihnen.
Vorlage S. 91
513
»Ja – also, nur nicht pater peccavi sagen, wenn man hinter die Schule gegangen ist, keine Armensündermiene! Den Kopf hoch! meine Coeurbuben sind meine internste Angelegenheit, und Niemand – –«
Vorlage S. 91
514
Eine auffallend schöne, etwas passirte Dame in einem weißen Tuchkleid mit Purpursaum ging vorüber.
Vorlage S. 91
515
»Aber Frau von Herzen,« rief ihr die Wirthin zu, »Sie sind ja heut schöner als ich, alle Welt findet es. Wenn Sie es nicht wären, ich würde vor Neid platzen.«
Vorlage S. 91
516
Die geschmeichelte Dame antwortete mit einem Compliment.
Vorlage S. 91
517
Hellbach wollte Näheres von der schönen Frau wissen, die augenscheinlich zu den Gefeiertsten unter den Anwesenden gehörte.
Vorlage S. 92
518
»Was, Sie kennen Frau von Herzen nicht? Eine Frau mit einer so schönen Vergangenheit. Ihr Mann hat sich von ihr scheiden lassen, weil sie in wenigen Jahren mit ihrem Liebhaber eine und eine halbe Million verputzt hat, und der Liebhaber verdiente es natürlich nicht.«
Vorlage S. 92
519
»Und man nimmt keinen Anstoß daran?« fragte Hellbach mit einem Blick auf Käthe.
Vorlage S. 92
520
»I wo! Ich erzählte es vorhin dem Professor da (sie zeigte auf einen würdig aussehenden berühmten jüngeren Gelehrten), und wissen Sie, was der darauf bemerkte? An dem Abenteuer dieser Frau sähe man, dass es noch Romantik in der Welt gäbe. Allerdings hat Frau von Herzen aus ihrem Schiffbruch noch mehrere Millionen gerettet.«
Vorlage S. 92
521
Sie wurden durch einen Gesangsvortrag unterbrochen. Eine Dame sang eines jener Lieder, die die Nerven in wollüstig sehnsüchtige Schwingungen versetzen.
Vorlage S. 92
522
Den Kopf leicht hintenüber gelehnt, ein halbes Lächeln auf den Lippen, mit geschlossenen Augen, versenkte sich Käthe ganz in die Stimmung der Musik. Sie fuhr zusammen, als sie Hellbachs Stimme hinter sich hörte.
Vorlage S. 92
523
»Warum, Katharina, verstopfen Sie Ihre Ohren nicht vor dieser zaubersüßen Musik?«
Vorlage S. 92
524
»Eben deshalb nicht, weil sie zaubersüß ist.«
Vorlage S. 92
525
»Ich habe Sie auch im Verdacht, dass Sie vor der herrlichsten Landschaft Ihre Augen nicht verschließen.«
Vorlage S. 92
526
»Warum sollte ich es?«
Vorlage S. 93
527
»Und warum verschließen Sie Ihr Herz vor Empfindungen, die berauschender sind als ein Sonnenuntergang, weltentrückend seliger als Musik?«
Vorlage S. 93
528
Er warf ihr die Rose, die er noch in der Hand hielt, in den Schoß. Sie nahm sie mechanisch und drückte ihr Gesicht hinein.
Vorlage S. 93
529
Der Duft der Blumen stieg ihr zu Kopfe. Es war schwül in dem Raume. Die weiche Gluth seiner Stimme, der Champagner, der in der Gläsern perlte, die Diamanten auf den schwellenden Formen der Frauen, das Leuchten ihrer Augen – – der Flügelschlag der Lust rauschte durch den Saal.
Vorlage S. 93
530
Ihre Aufmerksamkeit wurde auf eine Gruppe gelenkt, in der man sich ausnehmend zu amüsiren schien, und deren Mittelpunkt ein hervorragender Bildhauer bildete. Dieser Künstler, Inhaber eines krankhaft empfindlichen Schönheitssinnes hatte soeben die langen Aermel in dem weißen purpurgesäumten Kleid der Frau von Herzen als langweilig und entstellend zum Tode verurtheilt, und mit einer Scheere, die er sich verschafft, überfiel er hinterrücks die Dame und schnitt ihr, unter dem Jubel der übrigen Gäste, die Aermel kurz an der Schulter ab. Natürlich hielt Frau von Herzen still, um nicht durch die Scheere verletzt zu werden, wie sie sagte. Einige liebreiche Damen eilten herbei, um eine klaffende Lücke an der Schulter mit Spitzen, und was sonst zur Stelle war, zu verstopfen. Neues Entzücken.
Vorlage S. 93
531
Käthe, einem Impulse reuevollen Unmuths folgend, verließ plötzlich, ohne sich von Jemand zu verabschieden, die Gesellschaft. Vor der Thür fand sie keinen Wagen. Ein Schneesturm tobte. Mühsam kam sie nur Schritt vor Schritt vorwärts. Sie hörte, dass Jemand in der einsamen Straße hinter ihr herkam, und obgleich es kaum zehn Uhr war, empfand sie Furcht.
Vorlage S. 93
532
»Katharina!«
Vorlage S. 94
533
Es war Hellbach.
Vorlage S. 94
534
Sie hätte aufjubeln mögen. Fest hing sie sich in seinen Arm und ließ es geschehen, dass er, sie schützend, den Arm um ihre Schulter legte. Sie konnten bei dem Unwetter nicht mit einander sprechen. Endlich fanden sie einen Wagen. Er setzt sie sorgsam hinein. Ein anderer Wagen war nicht da, er wollte den Weg zu Fuß forsetzen. Sie zögerte einen Augenblick, dann forderte sie ihn auf, mit einzusteigen. Er küsste die Hand der Samariterin. Im Wagen sprachen sie kein Wort. Sie fühlte aber seine intensiven Blicke durch die geschlossenen Lider. Sie fröstelte. Er zog den Pelz fester um sie zusammen; seine Hände zitterten. Sie drückte sich in die äußerste Ecke des Wagens und wagte kaum zu athmen. Sie hatte die Empfindung, dass sie sich wehren müsse gegen ein unsichtbares Etwas, das sich schwer und schwül auf ihre Brust legte, dagegen, dass etwas gesprochen würde, etwas Unwiderrufliches, Schicksalschweres, was nie gesprochen werden durfte.
Vorlage S. 94
535
Wie langsam der Wagen fuhr! Sie fühlte, dass seine Hand, suchend, leise an ihrem Pelz hinabglitt, wie ein inirritirendes Streicheln. Sie ließ ihm ihre Hand, nur um keine Bewegung zu machen, kein Wort reden zu müssen.
Vorlage S. 94
536
Sie kamen in die Siegesallee, der Schneesturm hatte aufgehört. Die Wolken rissen aus einander. Der Vollmond ergoß sich über den weißen Schnee, und eine Geisterlandschaft, in zarten Dunst getaucht, von traumhaftem Reiz, that sich vor Käthe auf. Es ging wie ein Orgelklang durch ihre Seele. Sie zog ihre Hand aus der seinen und athmete befreit auf. Ruhig wandte sie sich Hellbach zu und sagte mit heller, lauter Stimme:
Vorlage S. 94
537
»Finden Sie nicht, lieber Hellbach, dass Michael lange ausbleibt?«
Vorlage S. 95
538
Er antwortete nicht. Vor ihrem Hause hob er sie aus dem Wagen und verneigte sich zum Gruß, ohne ein Wort des Abschieds. Er war erkältet bis in's Mark. Als sie im Hausflur verschwunden war, ballte er unwillkürlich die Faust gegen den Mond. Der war Schuld, dass nicht geschehen war, was er gewollt. Gleich darauf aber lächelte er in sich hinein über sein romantisches Gebahren.
Vorlage S. 95
539
Früher oder später, dachte er, was tut's! und zündete sich eine Cigarre an.
Vorlage S. 95
540
An einem Februartag war Michael vom Rhein zurückgekehrt. Er war in sein Atelier hinaufgestiegen, ohne seine Gattin begrüßt zu haben. Er wollte zuerst von seinem Freunde Hellbach erfahren, ob während seiner Abwesenheit sich etwas Bemerkenswerthes zugetragen. Hellbach theilte ihm Allerlei aus dem Kunst- und Künstlerleben der letzten Monate mit und erwähnte auch nebenher, dass Frau Katharina jetzt viel in Gesellschaft gehe, die sie vermuthlich als Lethetrank benutze, um zu vergessen, was hinter ihr oder vielmehr vor ihr läge – die Scheidung.
Vorlage S. 95
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Michael fragte, ob sie sehr deprimirt wäre?
Vorlage S. 96
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Sie würde es vielleicht mehr sein, meinte Lorenz, wenn sie nicht eine Jugendfreundin gefunden hätte, mit der sie täglich zusammenhocke, übrigens, ein reizendes Geschöpf, diese Wiedergefundene, wenn er ihre Bekanntschaft machen wolle, sie sei gerade unten im Salon.
Vorlage S. 96
543
Michael beschloss, sogleich hinunterzugehen, weniger der reizenden Freundin wegen, als weil es ihm angenehm war, seine Frau, die er doch einmal begrüßen musste, in Gegenwart eines Dritten wiederzusehen.
Vorlage S. 96
544
Er öffnete die Thür des Salons. Sein erster Blick traf Dörthe. Fassungslos blieb er auf der Schwelle stehen. Käthes ganzes Herz flog ihm entgegen. Zitternd, stockend brachte sie ein Wort des Willkommens über ihre Lippen, das er nicht beachtete. Er starrte nur immer auf Dörthe.
Vorlage S. 96
545
Auch sie hatte bei seinem Eintritt die Farbe gewechselt, aber schnell ihre Geistesgegenwart wiedergewonnen.
Vorlage S. 96
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»Dass Du mich Deinem Mann nicht vorzustellen brauchst –« wandte sie sich an die junge Frau, »weißt Du, liebe Käthe. Wir sind alte Bekannte. Und doch, Meister Böhmer,« fuhr sie mit verbindlichem Lächeln fort, »habe ich Sie kürzlich von einer ganz neuen Seite kennen gelernt. Ihre Geburt der Venus! Hut ab! oder sagen wir lieber gleich: auf die Knie vor dem Messias der Farbe.«
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Und sie fing an, das Bild in allen Tonarten zu loben. Sie wollte ihm durch ihre Rede Zeit geben, sich zu fassen, und zugleich wollte sie Oel in die Wogen seines Zornes gießen. Sie erreichte ihren Zweck, er stotterte einige Worte des Erstaunens, sie bei seiner Frau zu finden.
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»Wir wollen nur gleich Licht in die Irrungen und Wirrungen bringen,« sagte Dörthe entschlossen. »Ihre Frau weiß Alles.«
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Michael starrte von Dörthe zu Käthe. Seine Lippen zuckten. Der Blick, der Dörthe traf, war so wild, dass Käthe erschrak.
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»Es scheint, Du urtheilst strenger als ich,« sagte sie schüchtern.
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»Wie – Du – Du – könntest, aber das ist ja – –«
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Käthe suchte ihn zu beschwichtigen.
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»Sie wird den Maler, in dessen Atelier Du sie überraschtest, niemals wiedersehen.«
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Dörthe, die fürchtete, dass Michael die Herrschaft über sich verlieren könnte, fügte schnell hinzu:
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»Vor meiner lieben Käthe habe ich kein Geheimnis, sie weiß von jenem Maler, Ihrem Collegen – Namen habe ich nicht genannt! – mit dem Sie mich in einem so schwarzen Verdacht hatten – wo Sie so plötzlich – ohne anzuklopfen – der reine Atelier-Friedensbruch. Sie weiß aber auch, dass diese – illegitime Passion überhaupt nur die Ausgeburt einer schwachen Stunde war, wie Schiller schon sagt: ›Die Leidenschaft flieht, die Freundschaft lebe‹!«
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Sie drückte, wie um sich einen moralischen Halt zu geben, Käthes Kopf an ihre Brust.
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»Und denke Dir Käthe, ich habe erfahren, dass er eine ganz reizende Frau hat, viel zu gut für ihn, und die hatte er mir als ein belangloses, dürres Trauerfähnchen geschildert.« Und sich wieder zu Michael wendend: »Käthe hat sich embellirt? nicht? Mein Werk.«
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Michael starrte sie sprachlos an, zwischen Wuth und Lachen schwankend.
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Dörthe wies neckisch mit dem Finger auf ihn.
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»Siehste, siehste, Käthe, ich habe es Dir gleich gesagt, er hat nichts vergessen. Sieh nur, was er blickt, ist Schrecken, und was er sinnt ist – mich vor die Thür zu setzen.«
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Michael fühlte sich in einer lächerlichen Position. Er wollte das Zimmer verlassen.
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»Noch ein Wort, Meister Böhmer. Ich habe mit jenem Illegitimen, Sie wissen schon, den ich liebte – Imperfectum – gebrochen.«
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Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken und sah ihn von unten herauf melancholisch an.
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Er trat rasch auf sie zu. Seine Augen flammten in die ihren.
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»Das glaube ich nicht. Ich kenne Sie, ich kenne ihn.«
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»Nicht genug, o Meister Böhmer.«
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Und sie erhob die Hand wie zum Schwur.
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»Und wenn jener – lebhafte Courmacher zum Stamme der Asra gehörte, welche sterben, wenn sie nicht mehr geliebt werden, zwischen ihm und mir – farewell, auf nevermore. Und ich schwöre – da ich kein Schwert habe, schwöre ich auf meiner liebsten Käthe schwarzes Haupt, dass ich und er – Sie kennen das Heine'sche Gedicht – er Palme, ich Fichte – oder umgekehrt.« – –
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Kurz und geringschätzig unterbrach er sie:
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»Was wollen Sie noch hier?«
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»Abschied nehmen von Käthe. Ich reise ja nach Rußland.«
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»Mit wem?«
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»Natürlich mit meinem Mann. Sie kennen ihn ja. Oder nicht? Es macht nichts.«
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»Wir wollen Sie nicht länger in Deutschland zurückhalten.« Er wandte sich der Thür zu, als wolle er sie ihr öffnen.
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»Der Courierzug geht erst Abends um elf Uhr.«
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Sie erhob sich aber und drappirte sich mit ihrem Shawl.
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»Wissen Sie Meister Böhmer, was ein coup de foudre ist?«
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Und ohne eine Antwort abzuwarten, und ihn halb schelmisch, halb sentimental anblinzelnd, fuhr sie fort: »Z.B. wenn plötzlich Jemand Einen für gut hält, nachdem alle Andern – – – Als mir das geschah, da durchquerte ich ganze Urwälder schlechter Gedanken und versumpfter Gefühle, bis ich an eine Lichtung kam, und da – da blühten blaue Vergißmeinnicht, wie wir als Kinder so viele gepflückt, weißt Du noch, Käthe? Und da – – da gehe ich nun eben nach Rußland. Immer schlecht sein ist auch eine Gottesgabe wie die Dummheit. Ich habe sie nicht. Käthe, hast Du mich noch lieb?«
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Käthe hing an ihrem Halse. »Und Du willst wirklich nach Rußland? Du willst – – –«
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»Aus dem Lethe trinken,« murmelte sie mit dumpfem Pathos. Und mit einer heroinenhaften Geberde, an der die Ohren wider ihren Willem participirten, verschwand sie von der Bildfläche, nicht ohne Michael mit einem schielend verliebten Seitenblick gestreift zu haben.
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Käthe begleitete sie hinaus.
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Ein Porcellanpüppchen, das auf dem Kothurn trippelt, dachte Michael. Er musste laut lachen. Das Dorettchen moralprotzend! Dorette Käthes Jugendfreundin!
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Käthe trat wieder ein. Er fuhr sie hart an.
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»Ich will nicht, dass Du diese Dame empfängst, sie ist eine abgefeimte Kokette, sie ist« – –
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»Meine Freundin. Ich werde sie empfangen.«
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Er ist so betroffen von ihrem Ton, dass er weniger heftig und sicher entgegnet:
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»Ich darf von meiner Gattin verlangen, dass sie ihren Ruf und meinen Namen respectirt.«
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»Ich bin nur noch so kurze Zeit Deine Gattin.«
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»Gleichviel, so lange Du meinen Namen trägst. Ich verbiete Dir, Dorette zu empfangen.«
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»Dorette?«
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Eine dunkle Röthe ergoß sich über Michaels Gesicht. Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zimmer.
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Käthes ganzes Wesen hatte sich beim ersten Anblick Michaels gegen den frivolen Plan, den Dörthe ihr suggerirt, empört, jetzt aber drängte sein brüskes und despotisches Auftreten, seine Härte gegen die Freundin ihre feinere Einsicht zurück. Ja, sie will tun, voll und ganz, was Dörthe ihr gerathen.
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Auf's Höchste verstimmt stieg Michael in sein Atelier hinauf. Er nahm den Pinsel zur Hand und wollte gleich frischweg malen, um seine Stimmung zu klären. Was bedeutete denn das? Dorette, die ihn rasend liebt, giebt ihm den Abschied. Und Käthe? als er abreiste, in heller Verzweiflung und jetzt so gleichmüthig. Ach was! er würde Beide entbehren können.
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Nach einer Weile warf er den Pinsel fort. Nein, er würde Dorette nicht entbehren können.
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Er saß eine Weile in sich versunken, und Dorette in ihrem ganzen Charm, mit all ihren entzückenden Drollerien und ihrer schmeichelnd katzenwilden Zärtlichkeit, beschäftigte seine Phantasie.
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Unmöglich, dass sie ihm den Stuhl vor die Thür setzte, und warum? Um Käthes willen? Dorette, die in Ethik macht! Er lacht gezwungen auf. Nein, Eifersucht ist der Grund, Eifersucht auf Käthe, die sie anders gefunden, als er sie geschildert. Und plötzlich kommt ihm zum Bewusstsein, dass Käthe in der That anders ausgesehen als sonst, und auch das Zimmer. Was es für eine Veränderung war, weiß er nicht, weil seine ganze Aufmerksamkeit sich auf Dorette concentrirt hatte. Diese Frechheit, in sein Haus zu kommen! Er beschwichtigt sich damit, dass es aus unsinniger Liebe zu ihm geschehen sei. Diese Vorstellung erheitert ihn sogar schließlich.
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Wie hatte er nur einen Augenblick an Dorettes Ernst glauben können? Der Schelm hatte mit ihm eine ihrer beliebten Komödien aufgeführt. Ein Wort, eine Liebkosung von ihm – und in den Armen lägen sich Beide. Er warf sich in eine Droschke und fuhr zu ihr. Sie war ausgezogen, erst vor einigen Tagen, man wusste nicht, wohin. Er gerieth in heftige Erregung. In seiner Unruhe besuchte er die Ateliers einiger Collegen. Wo er hinkam, schwärmte man von seiner Frau, zog ihn auf als Othello, der seine arme Desdemona versteckt gehalten u.s.w.
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Verstimmter als er fortgegangen, kehrte er nach Hause zurück. Und dieser unangenehme Vorfall ließ nicht einmal das Glücksgefühl über seine bevorstehende Freiheit in ihm aufkommen. Dörthe war ja ein Hauptfactor gewesen in seinen Zukunftsplänen.
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Am nächsten Tage ließ Käthe anfragen, ob er nicht zu Hause speisen wolle, die Eltern hätten ein Reh geschickt. Er kam dieser Aufforderung gern nach. Das Reden über seine Gattin, der vage Eindruck von etwas Fremdem, Unbekanntem, den er am Tage vorher empfangen, reizten seine Neugierde.
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Käthe kam ihm im Speisezimmer mit anmuthiger Heiterkeit entgegen. Der Tisch war wie zu einem kleinen Fest arrangirt; eine Schale mit Blumen in der Mitte, ein zierliches Service, das er nicht kannte, die Speisen ausgezeichnet zubereitet. Sie sprach gleich ganz unbefangen mit ihm von ihrer Scheidung und meinte, es sei doch nicht nötig, dass einer Trennung immer eine Verbitterung vorangehe. Wenn er dächte wie sie, so gingen sie freundlich auseinander. Von ihrer Seite wäre auch etwas Eitelkeit dabei. Sie möchte nicht, dass er später gehässig ihrer gedächte.
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Er antwortete irgend etwas Zustimmendes und betrachtete dabei Käthe ganz verwundert. Die schwere schwarze Flechte im Nacken war mit einem Pfeil zusammengehalten. Hinter dem Ohr stahlen sich ein paar verirrte Löckchen über den feinen Hals. Sie trug das graugrüne Sammtkleid mit der Goldspitze. Ein zarter rosiger Schimmer war auf ihren Wangen.
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Ja, sie war eine völlig Andere geworden, in der Erscheinung und im Wesen. Er sagte es ihr. Sie antwortete lächelnd, dass ihr nichts Anderes übrig geblieben wäre, als sich zu verändern; bis jetzt wäre sie nur seine Gattin gewesen, nichts weiter, und sie hätte auch nichts weiter sein wollen. In wenigen Monaten nun würde sie auf sich selbst angewiesen sein, da brauche sie die Andern. Schon um ihres Kindes willen dürfe sie sich nicht dem Trübsinn hingeben.
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Er meinte, sie habe dabei eine bewunderungswürdige Eile an den Tag gelegt.
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Die Eile wäre nötig gewesen, sie hätte sich eine Stellung erobern müssen, bevor man von ihrer Scheidung Kenntnis erhalten. Er kenne ja die Welt. Später hätte sie Zurückweisungen riskirt.
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Michael begriff noch immer nicht, wie ein Mensch so aus seiner Haut fahren könne, selbst wenn er es wolle.
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Es zuckte wie von wehmüthigem Spott um ihre Lippen: Geschwindigkeit sei keine Hexerei. Marie Antoinette's schwarzes Haar wurde bekanntlich in einer Nacht weiß – vor Gram, ihr weißes Herz in vier Monaten schwarz, oder wenigstens schwärzlich, auch vor – sie unterbrach sich und fiel in den heiteren Ton zurück. Dörthe freilich, die behauptete, es sei in ihr nur aufgethaut, was eingefroren war.
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Sie fragte ihn zwischendurch, ob er das Reh nicht zart fände, und forderte ihn auf, von dem ausgezeich neten Orangengelée zu nehmen. Sie bediente ihn auf's Aufmerksamste und führte die Conversation mit ruhiger Liebenswürdigkeit.
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Michaels Erstaunen wuchs, als er in den Salon trat, wo Käthe den Kaffee servirte. Am Tage vorher war er zu aufgeregt gewesen, um dem Raume irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken.
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Hellbachs Bilder, die gemalten Fenster, all diese gedämpften und doch intensiv wirkenden Farbentöne schmeichelten seiner Farbenlüsternheit.
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»Dein Werk?«
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»Mein Werk.«
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Er stand eine Weile vor der Wandmalerei, die ihm ausnehmend gefiel, besonders das einsame Weib an der Brücke. »Man hat immer den Wunsch, dass sie sich umwenden möge, sagte er, um an ihrem Ausdruck zu sehen, ob sie sich in's Wasser stürzen wird, oder ob sie blos so vor sich hinträumt. Dass sie eine Unglückliche vorstellen soll, sieht man an der Haltung.«
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»Ich habe ihm dazu gesessen.«
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Der traurige Ton, in dem sie es sagte, war ihm peinlich. Sie hatte sich, nachdem sie ihm den Kaffee gereicht, in den pfirsichfarbenen Fauteuil geschmiegt. Der flackernde Schein vom Kamin her streifte ihr Haar und tauchte es in kupferfarbene zarte Gluth. Sie hatte gelernt, fein zu fragen, und ließ ihn seine künstlerischen und persönlichen Eindrücke und Erlebnisse vom Rhein her erzählen, und wie Jeder sich behaglich fühlt, wenn er von dem, was ihn bewegt und interessirt, vor einem aufmerksamen Hörer reden darf, so kam auch Michael in die beste Laune und war ärgerlich, als sie durch einen Besuch unterbrochen wurden.
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Oben in seinem Atelier dachte er wieder an Hellbachs Bild, und unwillkürlich indentificirte er das Weib auf dem Bilde mit Käthe, und Käthes trauriger Blick verfolgte ihn. Mitleid regte sich in ihm. Ob Lorenz das Bild gemalt hatte als eine Mahnung für ihn?
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Als ihn aber der Gedanke streifte, dass die Scheidung noch nicht eingeleitet, also nicht unwiderruflich sei, wies er ihn zurück. Thöricht, unmännlich wäre es, einer Regung des Mitleids nachzugeben. Das, was er beschlossen, sollte geschehen. Um fest zu bleiben, ließ er sich einige Tage im Salon nicht sehen, litt aber unter der Einsamkeit.
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Als er endlich Dorettes neue Wohnung ausgekundschaftet, traf er sie auch dort nicht mehr an. Sie war endgiltig für ihn verloren. Er brachte in Erfahrung, dass sie mit einem russischen Nabob das Weite gesucht. Die Verworfenheit dieses Mädchens, an deren Liebe er geglaubt, empörte ihn.
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Er that der guten Dörthe Unrecht. Sie hatte mit dieser Excursion nach Rußland ihrer Käthe abermals ein Opfer gebracht. Sie liebte Michael, so sehr sie zu lieben fähig war, und wusste, ihn wiedersehen hieße ihm wieder gehören, und darum war sie sehr contre coeur die Ehe à gauche mit dem Nabob eingegangen. An Käthe hatte sie einen drollig wehmüthigen Abschiedsbrief geschrieben mit lauter falschen Citaten.
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Ja, Michael fühlte sich vereinsamt. Seine feurige Natur verlangte nach dem Weibe. Seit Dorette ihn so schmählich im Stich gelassen, grollte er der Kategorie von Frauen, zu der sie gehörte.
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Von den Damen der Gesellschaft waren diejenigen, die ihm gefielen, auf legale oder unlegale Weise versorgt. Auch scheute er das Anknüpfen einer neuen Liaison mit all dem umständlichen, zeitraubenden und nervenabspannenden Apparat von Heimlichkeiten, Rendezvous etc., denn nichts fehlte ihm jetzt mehr, nach der langen Abwesenheit, als Zeit. Darum wollte er auch künftig zu Hause speisen. Er ließ es Käthe wissen. Sie bedauerte, ihm in den nächsten Tagen nicht Gesellschaft leisten zu können, da sie ausgebeten sei, und als er auf ihre Pflicht als Gattin und Hausfrau hindeutete, antwortete sie nicht ohne Schelmerei, sie hinge ja kaum noch mit einem Faden an der Ehe, sie würde aber dafür sorgen, dass er die Hausfrau nicht vermisse. Uebrigens müsse er es ihr hoch anrechnen, dass sie sich ihm jetzt schon so viel wie möglich aus dem Wege räume.
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Das thue er auch. Und er werde, wie sie es zu wünschen scheine, die Scheidungsangelegenheit beschleunigen. Er machte sich auch wirklich auf den Weg zum Rechtsanwalt, stieg aber unterwegs in das Atelier eines Freundes hinauf und vergaß – so glaubte er selbst wenigstens – den Rechtsanwalt.
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Herr und Frau Böhmer wurden jetzt gemeinschaftlich eingeladen, und er sah seine Gattin mehr in Gesellschaft als zu Hause.
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Begab er sich zuweilen gegen Abend unter irgend einem Vorwand in ihren Salon, so traf er dort meist schon Hellbach installirt. Bei dem Geplauder am Kamin fühlte er sich im Nachteil. Alles Abstracte war ihm antipathisch, und aus einer Art Groll und Opposition warf er unverständige Paradoxen in's Gespräch. Er ärgerte sich über Hellbachs Gewandtheit und hatte die vage Empfindung, dass Hellbach spräche, um Käthe zu erobern und ihn in den Schatten zu stellen.
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»Ein schöner Freund bist Du!« sagte Michael einmal nach einer solchen Plauderstunde zu Lorenz.
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»Ein ausgezeichneter!« antwortete Hellbach. »Mir verdankst Du die Gefügigkeit Deiner Gattin in Betreff der Scheidung. Ich habe das Spießbürgerliche aus ihr herausgebracht. Ich bin ganz uninteressirt dabei. Für mich fällt nichts ab. Wohlhabend wie Katharina ist, wird sie sich im Umsehen wieder verheirathen.«
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»Oho, so weit sind wir noch nicht,« fuhr Michael auf.
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Mit der Zeit überredete er sich selbst, dass die Idee der Trennung nichts als ein Ausbruch seines Zornes gewesen sei. Wie kindisch, trotzig von Käthe, dass sie ihn gleich beim Wort nahm. Gott ja! er wollte ja die Sache zurücknehmen, nur musste sie ihm doch etwas entgegenkommen! Sie etwa um Verzeihung bitten? Das fehlte! O, diese Weiber! alle Sphinxe mit ihren langweiligen Räthseln. Als ob ein Mann wie er Zeit und Lust hätte, Räthsel zu rathen. Auf das Einfachste kam sie nicht: ihm um den Hals zu fallen. Damit wäre die ganze lästige Scheidungsfrage erledigt gewesen. Oft, wenn man an seine Atelierthür klopfte, rief er mit halb erstickter Stimme: »Herein!« in der Erwartung, dass sie es sein würde.
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Allmählich trat Käthe in seinen Gedanken an Dorettes Stelle. Wie merkwürdig sie sich entwickelt hatte. Selbst ein respectables Kunstverständniß war ihr aufgegangen. Hatte sie doch neulich von seiner Sirene gesagt: sie sei ein Bild, wie eine Illustration zu dem Schöpferruf: Es werde Licht.
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Zweifellos, Käthe war eine der hübschesten und pikantesten Frauen, und sie war seine Frau, und sie sollte es bleiben.
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Er suchte sie nicht mehr zu vermeiden. Im Gegentheil, in Gesellschaften hielt er sich mit Vorliebe in dem Raume auf, in dem sie sich befand. Er wusste es so einzurichten, dass er bei Tische einen Platz ihr gegenüber erhielt, und wenn er dann in der Unterhaltung lebhaft und warm wurde, hatte es den Anschein, als spräche er nur für sie. Er zeigte sich unruhig, launenhaft. Begegnete sie seinen Blicken, so las sie darin entweder Bewunderung und Wunsch, oder einen verhaltenen Zorn, der ihrer Koketterie galt. Einmal brach er plötzlich zu einer frühen Stunde in einer Gesellschaft auf, so dass sie im besten Amüsement gezwungen war, ihm zu folgen.
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Zuweilen, wenn er Abends in ihren Salon trat, um sie zu einer Gesellschaft abzuholen, machte er diese oder jene kleine Ausstellung an ihrer Toilette. Er galt für ein Schneidergenie, und die elegantesten Damen holten sich in Toilettenangelegenheiten bei ihm Rath. Er bat Käthe dann um Erlaubnis, kleine Mängel an ihrem Costüm corrigiren zu dürfen; er steckte etwa einen Aermel, der zu lang war, in die Höhe, gab einer Faltengruppe einen graziöseren Wurf, einer Spitze eine künstlerisch freiere Bewegung.
Vorlage S. 108
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Berührte er dabei ihren Arm, ihre Schulter, so überwand er mühsam das Verlangen, sie in seine Arme zu schließen, und war selbst erstaunt und gereizt darüber, dass er es nicht that. Einmal, in einer Wallung sinnlich zorniger Ungeduld hatte er sie halb absichtlich mit einer Stecknadel, die er in der Hand hielt, in die Schulter gestochen und eine Art grausamer Befriedigung empfunden, als ein kleiner Tropfen Blut herausquoll. Sie zuckte nicht und gab sich den Anschein, den Stich nicht zu bemerken.
Vorlage S. 108
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»Ich begreife nicht,« fuhr er sie an, »wie Frauen so decolletirt in Gesellschaften gehen können.«
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»Und früher begriffst Du nicht, dass ich nicht decolletirt in Gesellschaft ging.«
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»Damals! Das war etwas Anderes!«
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Warum es etwas Anderes war, die Erklärung blieb er ihr schuldig.
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Käthe beobachtete Michael gespannt. Wie alle einfachen Naturen, die aus einem Stück sind, war er leicht zu durchschauen. Dörthes dringende Warnung, sich jedes kleinsten Zeichens von Zärtlichkeit oder Kummer Michael gegenüber zu enthalten, beherzigte sie und war nun selbst überrascht von dem Erfolg dieser Taktik. Es war fast, als ginge etwas von der Kühle, mit der sie ihn behandelte, in ihre Empfindung über. Er meinte, sie sei kalt und zurückhaltend aus Stolz und ahne nicht, was in ihm vorgehe. Sie ahnte es aber nicht nur, sie wusste es ganz genau.
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Eines Abends hatte Michael, als wäre das etwas ganz Einfaches und Natürliches, drei Billets zu Tristan und Isolde besorgt. Das eine derselben war für Hellbach bestimmt. Er schien nicht zu bemerken, dass Käthe darüber verwundert war. In dem instinctiven Bedürfnis, sich einen Bundesgenossen zu verschaffen, war er auf Wagner'sche Musik verfallen.
Vorlage S. 109
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In der That, schon im ersten Act vibrirte Käthes Nervenseele. Sie gab sich ganz der Empfindung eines süßen Verlierens im Weltenraum hin, jenem vagen Entzücken einer vagabondirenden Psyche, die schrankenlos in seligem Aether schwebt.
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In der langen Zwischenpause der Oper begaben sich die Drei in den eleganten Restaurationsraum, um eine Erfrischung einzunehmen. Anfangs ließ die tiefe seelische Erregung kein Gespräch aufkommen, und schweigend nippten sie von dem Rheinwein, bis Hellbach schließlich den Zauberbann abzuschütteln versuchte. Er hob das gefüllte Glas gegen das Licht, dass das flüssige Gold des Weines darin auffunkelte, und behauptete, dass nicht nur im Rausch des Weines Wahrheit sei, auch im Rausch der Seele, den man sich an Musik, vor Allem an Wagner'scher Musik trinke. In dithyrambischen Seelenstimmungen reiße uns die Wahrhaftigkeit, die elementare Kraft unserer Natur unaufhaltsam über alle Schranken hinweg – –
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Er hielt inne. Käthe sah ihn gespannt an.
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»Wohin?« fragte Michael.
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»Je nachdem. In der politischen Welt an den Galgen oder auf den Präsidentenstuhl, in der Kunst – zum Olymp, und in der Liebe – Frau Mette zu Peter Nielsen, unaufhaltsam, zaubergewaltsam, wie es in den Heine'schen Versen so schön zu lesen ist. Nicht blos durch Wagner'sche Musik, durch die ganze Weltharmonie oder Disharmonie hindurch tönt ein Leitmotiv, eine Melodie von raphaelischer Süße – der Zaubertrank Isoldes.«
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»Ikarus,« rief ihm Michael spöttisch zu, »verbrenne Dir nur an Deinem eigenen Feuer nicht die Flügel.«
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Michaels Spott verdroß Käthe.
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Bekannte traten zu ihnen heran, und das Gespräch war unterbrochen.
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Michael fuhr mit Käthe in einer offenen Droschke, in der milden Märznacht, nach Hause. Ihre Blicke hingen am gestirnten Himmel, die seinen an ihrem Antlitz. In Beiden klang die Stimmung von Tristan und Isolde nach.
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»Käthe!«
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Sie sah nicht zu ihm auf. Seine Stimme bebte, als er fortfuhr:
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»Käthe, ich war damals hart – ungerecht – bei meiner Abreise. Es widersteht mir, Jemand unglücklich zu wissen. Ich wusste ja auch nicht, was in Dir steckt, soviel Esprit, Temperament. Ich nahm Dich, wie Du Dich gabst. Warum verstecktest Du Dich!«
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Er wartete auf eine Antwort, einen Blick, – nichts.
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»Käthe,« hob er noch einmal an, fast heftig, mit aufsteigendem Zorn darüber, dass sie nicht zu fühlen schien, welche Ueberwindung ihm sein Entgegenkommen kostete, »ich hatte Unrecht, Käthe.«
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»Nein,« antwortete sie endlich, noch immer den Blick nach oben gerichtet, mit einer Müdigkeit im Ton, wie Jemand, der sich ungern in ein Gespräch einläßt. »Du hattest Recht. Wir gehören nicht zusammen, der geniale Künstler und die farbenblinde Bourgeoise, der kerngesunde Mann und die hysterische Frau. Du hattest ganz Recht. Und dass ich Dir meine philiströse Liebe aufdrängen wollte! degoutant war's! Ich bin zu Verstande gekommen.«
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Der ruhige Gleichmuth, mit dem sie sprach, reizte ihn.
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»Wenn Du zu Verstande gekommen bist,« sagte er hart, »so solltest Du diesen Verstand benutzen, um Dein auffälliges Benehmen in der Gesellschaft zu corrigiren. Du compromittirst mich.«
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»Das tut ja nichts. Wenn wir geschieden sind, kann ich, wenn Du es wünschest, Deinen Namen ablegen. Käthe Brand klingt nicht schlechter als Käthe Böhmer.«
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»Oder Käthe so und so, – irgend ein anderer Name den Du wahrscheinlich schon in petto hast.«
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Dass sie bei jeder Veranlassung auf die Scheidung zurückkam, machte ihn rasend.
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»Uebrigens,« fügte sie mit Malice hinzu, dass wir uns trennen ist ja eine sittliche Notwendigkeit für Dich. Und ich habe ja auch das Kind.«
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Er ließ die Droschke halten und sprang hinaus. Nun erschrak Käthe doch. Warum hatte sie nicht genug sein lassen des grausamen Spiels, ja – warum nicht?
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Weil er den falschen Moment gewählt? weil er sie aus so schönen Träumen gerüttelt? Wovon hatte sie nur geträumt? von Tristan und Isolde? oder – von etwas Aehnlichem.
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Am anderen Morgen packte Michael seinen Koffer, um zu verreisen. Er verschob die Abreise von einem Zuge zum andern, und einige Tage später packte er den Koffer wieder aus.
Vorlage S. 112
Carl Spitzweg – Der Bücherwurm, um 1850. Motivvergleich zu Lesen und Wissen; keine Darstellung einer Figur dieses Buches.
Kontextbild zum Werk. Der Bücherwurm · Carl Spitzweg · Public domain Bildquelle ↗
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An Onkel Carl, dem Käthe vor einem halben Jahre geschrieben, dachte sie kaum noch. Sie hielt es für das Wahrscheinlichste, dass der Brief gar nicht in seine Hände gelangt sei. Was war das auch für ein excentrischer, unerhört selbstsüchtiger Einfall, zu verlangen, dass ein Mensch, um ihr zu helfen, ihr einen Rath zu geben, die Reise um die halbe Welt machen sollte. Dass sie ihm geschrieben, er solle sie zu sich holen, diesen Schmerzensruf einer momentanen Verzweiflung hatte sie factisch vergessen.
Vorlage S. 112
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Käthes Brief aber war in Carl Norts Hände gelangt. An einem Märztage erhielt sie eine Depesche von Southampton, die ihr seine Ankunft für den zweitnächsten Tag meldete. Für diesen Tag gerade hatte Käthe eine Gesellschaft eingeladen. Das war fatal! Eine große nervöse Aufregung bemächtigte sich ihrer. Sie wartete den ganzen Tag auf ihn. Am Abend, als sie eben ihre Gesellschaftstoilette beendet hatte, kam er. Mit einem Gemisch von Schreck, Freude und Verwirrung stürzte sie ihm zwischen Lachen und Weinen in die Arme.
Vorlage S. 113
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»Mein Käthchen! Ja, leg' Dein liebes Haupt an meine Brust.« Er strich ihr das Haar aus der Stirn und blickte ihr unverwandt, mit unaussprechlicher Zärtlichkeit in die Augen.
Vorlage S. 113
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Als dann auch Käthe ihm prüfend in's Gesicht sah, fand sie, dass er jünger geworden war, auch größer und stärker schien er ihr als früher. Sein sonst farbloses Gesicht war gebräunt, was einen eigenthümlichen Contrast zu den hellen Augen bildete, die wie ein Licht auf dunklem Hintergrund wirkten. Sein starkes, lockiges Haar, das er ziemlich lang trug, war leicht ergraut. Eigenthümlich war, dass in der Bildung und im Ausdruck seines Gesichtes das entschieden Männliche fehlte. Der Kopf hätte fast auch ein weiblicher sein können. Zum Theil mochte es an seiner Bartlosigkeit liegen, zum andern Theil aber daran, dass vor dem Gepräge des reinen, schönen Menschenthums in dieser Physiognomie, das Geschlecht als Nebensächliches zurücktrat.
Vorlage S. 113
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Käthe fuhr spielend mit den Fingern durch sein Haar, und an ihn geschmiegt, bat sie, er solle nicht böse sein, dass sie ein so immensens Opfer von ihm verlangt hatte.
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»Einmal noch hätte ich ja doch mein Käthchen wiedersehen müssen, ehe ich in die Grube fahre,« sagte er lächelnd. »Und nun, mein Kind – –« er hielt inne, jetzt erst bemerkend, wie schön sie geschmückt war. Sie trug ein lichtrosa Tuchkleid, am Saum und am Ausschnitt mit einer breiten Silberborte garnirt. Ihr Haar, hinten leicht aufgesteckt, fiel in freiem Gelock über die Schulter. Wie reizend sie war. Ob seinetwegen? Es war, als erröthe er, so warm war der Schein, der über sein Gesicht flog. Unwillkürlich wich Käthe seinen Blicken aus. Er wundere sich gewiss, er hätte natürlich gedacht, sie ganz anders zu finden. Später solle er Alles erfahren. Zu dumm, dass sie gerade heute Gesellschaft erwarte. – Ein Schatten löschte das Licht aus seinen Zügen. Sie würde aber so unliebenswürdig sein, dass all' die lästigen Menschen bald wieder fortgingen, und dann hätte sie ihn, den einzigen lieben Onkel Carl ganz für sich allein. Er bliebe doch gleich da, den ganzen Abend über?
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Nein, er könne nicht bleiben, er müsse erst noch, seines Gepäcks wegen, in's Hotel zurück, später käme er wieder, vielleicht wären dann die Gäste schon fort.
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Käthe fühlte, dass sie ihm gleich etwas Aufklären des sagen müsse, und immer noch zögerte sie, und erst, als die Klingel ertönte, die den ersten Gast ankündigte, theilte sie ihm in hastiger, überstürzter Weise mit, was zwischen ihr und ihrem Gatten vorgefallen, und wie ganz und gar verzweifelt sie gewesen, als sie den Brief an ihn geschrieben. Und während sie von ihrer Verzweiflung sprach, stand sie vor dem Spiegel und ordnete ihre verschobene Frisur.
Vorlage S. 115
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Michael trat ein, um sie in das Gesellschaftzimmer zu rufen.
Vorlage S. 115
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»Also heut Abend noch, Du liebster Wiederauferstandener. Das ist nämlich mein lieber Onkel, Carl Nort aus Paraguay,« sagte sie, zu Michael gewendet, »und hier – der berühmte Michael Böhmer.«
Vorlage S. 115
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Sie ging, die Gäste zu empfangen. Die Männer drückten sich die Hände. Michael bot seine ganze Liebenswürdigkeit auf, um einen günstigen Eindruck auf den Mann zu machen, von dem er hoffte, dass er Käthe zu seinen Gunsten beeinflussen würde, und er bat ihn so aufrichtig herzlich, gleich dazubleiben, dass Carl nach einigem Zögern nachgab.
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Gäste traten jetzt in den kleinen Salon, Michael begrüßte sie, und Carl zog sich in einen Erker zurück, der halb von einem Vorhang verdeckt war, und als bald darauf auch Käthe in dem Salon erschien, hefteten sich seine Blicke an sie und folgten ihr überall hin. Was bedeutete das? Diese glänzende, kokettirende Weltdame – sein Käthchen? Das die unglückliche, verzweifelte Gattin! Er sann darüber nach und glaubte bald die Lösung des Räthsels gefunden zu haben. Sie hatte sich mit ihrem Gatten ausgesöhnt. So würde es sein. Er nickte resignirt mit dem Kopfe. Und doch – warum dieses fremde, kokette Wesen?
Vorlage S. 115
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Käthe saß jetzt in dem pfirsichfarbenen Fauteuil, das Köpfchen seitwärts in den Sammt geschmiegt, das Gesicht halb von einem Fächer versteckt, die zierlichen Füße in rosaseidenen Strümpfen etwas von sich gestreckt, und sie lachte und scherzte.
Vorlage S. 116
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Um Michael schien sich Käthe nicht zu kümmern, er aber bekümmerte sich augenscheinlich um sie. Ab und zu trat er zu ihr heran, machte sie auf dieses und jenes aufmerksam, und das geschah jedesmal in einem Moment, wo sie einer übermüthigen Laune die Zügel schießen ließ.
Vorlage S. 116
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Einmal bemerkte Carl an seinen Gesten, dass er sie auf eine ältliche Dame hinwies, die verlassen in einer Sophaecke saß. Sie nickte freundlich, winkte einen Herrn heran – es war Hellbach – und flüsterte ihm etwas zu. Der Herr begab sich zu der älteren Dame und unterhielt sich längere Zeit mit ihr. Dann kehrte er zu Käthe zurück, die ihn mit einem Dankesblick empfing. Er setzte sich auf ein Tabouret und sprach lebhaft in sie hinein. Carl bemerkte, dass sie jetzt, während sie vorher selbst die Unterhaltung geführt hatte, schwieg und zu lauschen schien. Sie sah den Herrn nicht an, sie spielte nur langsam und geräuschlos mit dem Fächer.
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Sie hörte ihm zu, wie Jemand, der eine Musik ganz in sich aufnehmen will und die Augen schließt, um seine Aufmerksamkeit zu concentriren.
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Carl empfand ein Unbehagen. Ein eleganter junger Mann näherte sich Käthe. Hellbach trat zurück, und Käthe verfiel gleich wieder in den heiter witzelnden Ton der routinirten Weltdame. Sie rief dem Herrn entgegen, er habe ihr ja versprochen, heut ohne Bart zu kommen.
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Er bat um Verzeihung. Er habe an seinem Kinn ein Grübchen entdeckt, für eine Frau reizend! für einen Mann – drollig.
Vorlage S. 117
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Aber Käthe bestand darauf. Sie wollte unter allen Umständen die Bartlosigkeit, die unter Friedrich dem Großen selbstverständlich war, als neueste Mode wieder einführen. Ihr Prestige in der Gesellschaft wäre hin, wenn es ihr nicht gelänge. Sie sei außerdem überzeugt, dass man in kommenden Zeitaltern die Cultur nicht nach dem Verbrauch der Seife, sondern nach dem Aussterben der Bärte bemessen würde.
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»Und die Neger?« warf der Herr ein.
Vorlage S. 117
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Kohlschwarze Haut sei nichts Anderes, als ein nicht reüssirter Bart, meinte Käthe. Sie sähe auch nicht ein, warum Männer ungestraft hässlich sein dürften, indem sie sich mit einem spitzen Kinn, viereckigen Backen und einem endlosen Hals hinter einem Bart verkröchen. Wasserblaue Augen allein thäten's nicht.
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Der Herr machte sie darauf aufmerksam, dass die seinigen rehbraun wären.
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Höchstens hasenbraun.
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Die gnädige Frau spickten ihn ja förmlich mit Pfeilen.
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Was doch die einzige Aussicht für ihn wäre, in den Himmel zu kommen – als heiliger Sebastian.
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In diesem neckisch koketten Ton hatte Käthe das Gespräch noch eine Weile fortgeführt, als sie plötzlich Onkel Carl bemerkte. Sie wurde roth und trat schnell zu ihm. Sie habe Unsinn geredet, aber das thäte man heut zu Tage so. Er wundere sich gewiss recht über ihre Art und Weise.
Vorlage S. 117
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Er gab die Verwunderung zu.
Vorlage S. 118
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Es wäre ja Alles nur Komödie, Maske. Sie spiele ja nur das Weltkind. Und nun berichtete sie ihm abgebrochen, überhastet wie vorhin, wie Alles gekommen, ihr Wiedersehen mit Dörthe Wenglein, Dörthes Rathschläge, die sie nun schon seit Monaten befolge, und die phänomenalen Erfolge, die sie ihnen verdanke. Dabei deutete sie mit dem Blick auf Michael, der unruhig von einem Zimmer in's andere lief und Jemand zu suchen schien.
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»Weißt Du, wen er sucht? mich. Böte ich ihm nur den kleinen Finger, er nähme die ganze Hand. Dörthe hat aber gesagt: ›ihn zappeln lassen, erst ihn ganz klein kriegen‹; sie brauchte immer etwas vulgäre Ausdrücke, die liebe Dörthe. Siehst Du, und darum bin ich nicht so unglücklich, wie Du gedacht hast. Warum sollte ich denn unglücklich sein? Ich bin ja fast am Ziel. Habe ich nicht recht getan, Onkel Carl?«
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Statt aller Antwort fragte er: »Wer ist der Herr dort?« Er zeigte auf Hellbach.
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Eine jähe Röthe stieg ihr in's Gesicht. Carl sah es.
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»Ein Freund Michaels und auch der meine. Wenn ich Michael behalte, ihm und Dörthe verdanke ich es.«
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»Verheirathet?«
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»Ja.«
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Sie war etwas ärgerlich über seine Fragen, sie wusste selbst nicht recht, warum, und schmeichelnd, etwas zaghaft, fragte sie noch einmal, ob er ihre Handlungsweise nicht billige.
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»Warum fragst Du, Du weißt es ja selbst.«
Vorlage S. 119
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»Ja, ich weiß es. Wärst Du da gewesen! – Ich wusste doch nicht, was ich tun sollte. Die Männer wollen nun doch einmal die Frauen so.«
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»Welche Männer?«
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»Nun – alle.«
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»Ich auch?«
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»Nein, Du nicht.«
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»Warum sollte ich eine Ausnahme sein?«
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»Nachher, wenn die Gäste fort sind, wollen wir weiter darüber sprechen.«
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»Nein, Käthchen, nicht heut und auch nicht in den nächsten Tagen. Lass mir Zeit. Ich bleibe wochenlang bei Dir. Es gilt vielleicht das Glück Deines Lebens. Ich muss erst Dich und die Andern kennen lernen.«
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»Wie Du willst,« sagte Käthe offenbar erleichtert.
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In der That, in den nächsten Tagen wurde die Angelegenheit, um derentwillen Carl die Reise um die halbe Welt gemacht, nicht zur Sprache gebracht. Carl erwies sich überhaupt schweigsam. Er ließ Käthe sprechen, hielt sich viel in Michaels Atelier auf, mit dessen Bildern er sich eingehend beschäftigte. Er besuchte auch öfter Hellbach, der ihn besonders zu interessiren schien. Er ließ sich auch bei einigen Familien, mit denen Böhmers intim verkehrten, einführen.
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Wenn Käthe mit Carl allein in ihrem Zimmer war, oder auf Spaziergängen im Thiergarten, wo die Luft jetzt vom Wohlgeruch frischer Erde durchtränkt war, dann erzählte er ihr von seiner Ansiedelung in Paraguay. Er erzählte ihr von dem herrlichen Klima dort und seiner grandiosen Natur, von der reinen durchsichtigen Atmosphäre, die wie der Odem Gottes berühre. Er erzählte von der Pracht der Urwälder, von der vornehmen Schönheit der Palmenhaine, von den Sternennächten, die er in großer, wilder Einsamkeit am Ufer rauschender Flüsse zugebracht, von seinen Ritten über endlos unbewohnte Strecken, wo er die entlegensten Indianerstämme aufgesucht und tagelang in die Irre geritten war, von Wetterstürmen, von Tigern und Schlangen bedroht. Er erzählte von den Prairieen, den grenzenlosen, und von den anmuthig stillen Waldthälern. In einem dieser Waldthäler hatte er mitten in einen Orangenwald hinein sein Haus gebaut, aus Lehmstein, das Dach mit Stroh bedeckt. Das Haus in diesem paradiesischen Landstrich sei nur ein Schirmdach gegen Regen und Sonnenbrand. Das eigentliche Haus sei unter Gottes freiem Himmel. Selbst Nachts schliefe er meistens vor dem Hause in einer Hängematte. Er schilderte, wie er einmal in einem Schiff stundenlang an Urwäldern entlang gefahren, die noch nie eines Menschen Fuß betreten, Urwälder, rauschend wie die Wogen des Meeres und ohne Grenzen wie das Meer, und ebenso furchtbar und groß und einsam und schön. Europas Civilisation wäre ihm dagegen vorgekommen wie ein Flitterkleid, das man einer griechischen Götterstatue übergezogen, und die Städte Europas wie Riesengefängnisse.
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Dann sprach er von seinen Ansiedlern. Er hatte sie in Viehzucht und Ackerbau und im Handel mit den kostbaren Hölzern des Waldes und anderen Landesproducten unterwiesen. Und jetzt wollte er neue Nährpflanzen von Europa mit hinüberbringen, die sie anpflanzen sollten. Sein Ton steigerte sich zu enthusiastischer Wärme, als er von der Entwickelung dieser verkommenen, unwissenden Halbbarbaren zu tüchtigen, braven Menschen sprach. Und die Kinder dieser Generation, die in Freiluft aufwüchsen, würde er zu frohen, starken Individuen erziehen in einer Religion, die noch nie geübt worden sei, in der Religion Christi. Seine Colonie hatte er »Tolstoi« genannt.
Vorlage S. 120
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Käthe hörte ihm zu wie Einem, der Märchen erzählt. Es war ja auch ungefähr dasselbe, was sie als Kind schon in den Indianerbüchern ihrer Brüder gelesen. Das Alles aber lag ihr so fern, als wären es Geschichten aus dem Monde. Zuweilen hörte sie kaum hin. Sie fühlte sich aber so wohl und geborgen neben ihm wie ein Müder, der endlich das ersehnte Ruheplätzchen gefunden und unter Vogelsang und Veilchenduft sanft hindämmert. Von dem Erbtheil so vieler Frauengenerationen, dem Sklavensinn, war ihr ein gut Theil zugefallen. Sie fühlte immer das Bedürfnis, sich anzuschmiegen, von Jemand abhängig zu sein.
Vorlage S. 121
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Traf Carl, was häufig geschah, Nachmittags in ihrem Salon mit Hellbach zusammen, dann fühlte Käthe sich unbehaglich. Carls heller Blick erschien ihr dann grell wie Sonnenlicht, vor dem man sich gern schützt. Instinctiv fühlte sie, dass er etwas in ihr schaue, was sie selbst nicht sah oder nicht sehen woll te. Sie liebte seit einiger Zeit das Dämmernde, Gedämpfte, die gebrochenen Töne.
Vorlage S. 121
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Und Onkel Carl konnte nicht Licht und Luft genug haben.
Vorlage S. 121
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Carl wusste bald, was er wissen wollte. Er blickte in die geheimsten Falten von Käthe's Seele und fand dort, was ihn traurig stimmte. Er gab sich niemals leidenschaftlichen Empfindungen hin. Sein tiefstes Grollen war wie Gewölk, durch das die Sonne schimmert. So erfüllte ihn auch jetzt die Vorstellung, dass er sein Käthchen zum zweiten Mal verlieren könne, nur mit wehmuthsvoller Betrübniß. Und am meisten schmerzte ihn, dass dieselbe Welt, die ihn aus der Heimat getrieben, hier wieder einmal ein Kleinod in den Staub trat.
Vorlage S. 121
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Er erkannte, dass Käthe an einem Scheidewege stand: hinab oder hinauf. Was an ihm war, wollte er tun, dass sie hinauf fand. Und er wusste, wer sie hinabzog, war – Hellbach, nicht Michael.
Vorlage S. 122
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Käthe konnte nicht umhin zu bemerken, dass Lorenz sich neben Onkel Carl dürftig, kränklich ausnahm, sogar älter, obgleich er zwölf Jahre jünger war. Glich Carl Nort nicht dem goldrothen Baume unter den mißfarbigen Herbstbäumen, den sie im Herbst so bewundert hatte?
Vorlage S. 122
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Und doch hatte sie Momente, wo das Kraftvolle, Markige in Carls Wesen ihre Nerven afficirte, wie die unvermittelt rauhe Luft, die ein Mensch, der plötzlich aus der Winterkälte in unser parfümirtes Zimmer tritt, mit sich bringt. Und Käthe war in der letzten Zeit sehr nervös geworden.
Vorlage S. 122
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Zuweilen, in einer Art Opposition gegen das drückende Unbehagen, das Carl ihr in Hellbachs Gegenwart verursachte, überbot sie dann ihr weltliches Wesen und entfaltete sich ganz im Geiste Hellbachs und Dörthes. Und gleich darauf, wenn Hellbach gegangen war, bat sie Carl mit kindlicher, bittender und bettelnder Geberde um Verzeihung, diese hässliche Rolle liege ihr nun einmal im Sinne wie ein Gassenhauer, den man, weil man ihn überall höre, nicht wieder los werden könne. Die Tage der Komödie seien ja nun aber gezählt.
Vorlage S. 122
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»Es ist keine Komödie.«
Vorlage S. 123
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»Sondern?«
Vorlage S. 123
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»Eine Tragödie.«
Vorlage S. 123
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»Was meinst Du?«
Vorlage S. 123
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»Denke selbst.«
Vorlage S. 123
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Sie schüttelte den Kopf. Er sollte ihr doch rathen, helfen; dazu war er doch von Südamerika herübergekommen.
Vorlage S. 123
725
Dass Carl und Hellbach sich abstießen, war offenbar, während in Carl und Michael etwas Wahlverwandtes war. Beide waren ganze und einfache Naturen.
Vorlage S. 123
726
Hellbach lenkte in Käthes Salon, wenn Carl anwesend war, das Gespräch mit Vorliebe auf die Fahnenflucht Carls, wie er seine Auswanderung nach Amerika nannte.
Vorlage S. 123
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Er sei nicht viel, hatte ihm dieser einmal geantwortet, aber er wolle nicht weniger sein, als er sein könne. Darum hätte er in der alten Welt unter den alten Menschen nicht leben wollen, wo plötzlich atavistisch das Mittelalter unheimliches Leben gewonnen, und Gespenster sich materialisirt hätten.
Vorlage S. 123
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Hellbach blieb dabei, dass es unter allen Umständen »erhabener« sei (er betonte das Wort ironisch), sich in Europa an der Lösung letzter und vorletzter Fragen zu betheiligen, als dort drüben unter verkommenen Halbbarbaren sich mit der Lösung erster und zweiter Fragen abzuquälen.
Vorlage S. 123
729
Carl Nort meinte, dass es gleichgiltig sei, wo man eine Linie verlängere, am Anfang oder am Ende. Wäre ein sich stetig entwickelndes und veredelndes Menschenthum die Aufgabe aller Culturen, so sei es gleichwerthig, ob man Halbbarbaren zu Culturmenschen, oder Norddeutsche zu Kosmopoliten mache. Uebrigens schließe in seinem Fall die Lösung erster Fragen die der letzten nicht aus. Wozu sei die Buchdruckerkunst erfunden? Er könne ja das Kühnste, Freieste, was er denke, drucken lassen. Wo Tinte genüge, warum Herzblut?
Vorlage S. 123
730
»Ist in Ihren parlamentarischen Kämpfen Herzblut geflossen?«
Vorlage S. 124
731
»Es ist geflossen. Alles kann ich ertragen, nur nicht den Schmutz, den klebrigen, der sich uns an die Sohlen heftet, dass wir nicht vorwärts können. Die Verleumdung, die hinterlistige Bosheit, die freche, absichtliche Lüge! Widrig ist's! ekelhaft!«
Vorlage S. 124
732
Und der sonst so mild und ruhig sich zeigte, schauderte vor Entrüstung.
Vorlage S. 124
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Nach einer Weile fuhr er ruhiger fort:
Vorlage S. 124
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»Ich halte auch die Zeit für zu kostbar, um sie mit dem Reinigen von Schmutz zu vergeuden, wenn wir uns vor dem Schmutz bewahren können. Jeder hat das Recht, sein Leben zu gestalten, wie es seiner inneren Natur entspricht. Mir fehlen die Ellenbogen für den Kampf mit dem sittlichen Pöbel. Ich bin kein sich Wehrender, ich bin ein Stillschaffender.«
Vorlage S. 124
735
»Und doch ein jugendlicher Heißsporn,« nahm Hellbach, voll Verlangen, ihn rhetorisch zu übertrumpfen, mit überlegener Miene das Wort. »Sie expatriiren sich, weil der Baum, den Sie fällen wollen, nicht auf den ersten Hieb fällt. An der Welt kann doch ein Einzelner ebenso wenig etwas ändern, wie der Zeitraum eines Jahres an der Formation der Berge. Nur Jahrtausende können es oder ein Erdbeben. Wer gegen den Stachel – die Welt meine ich – lökt, ist ein Don Quixote, der verlacht wird, oder ein Robinson Crusoe, der sich eine eigene Welt zurechtzimmert und doch recht froh ist, wenn er in das gemeinsame Jammerthal zurückkehren darf. Tolstoi hat von Beiden etwas. Und Sie, Herr Nort, Sie sind ein Bellamyist, ein Individualist, in jedem Fall ein Unicum.«
Vorlage S. 124
736
Der Spott der letzten Worte war unverkennbar. Er prallte an Carl ab, der einfach erwiderte:
Vorlage S. 125
737
»Ein Unicum, weil ich ein ehrlicher Mensch sein will? Auch die Zeit der Ehrlichen wird kommen, jetzt freilich ist die Zeit – der Andern.«
Vorlage S. 125
738
Käthe zuckte nervös zusammen. Mit einem gütigen Lächeln und ganz unmotivirt reichte sie Hellbach die Hand und sagte: »So wird auch unsere Zeit erst kommen, Herr von Hellbach.«
Vorlage S. 125
739
Hellbach quittirte gleich für den Dienst, den Carl ihm geleistet, und sagte auf's Liebenswürdigste: »Es bleibt bei dem Unicum. Den Don Quixote und den Robinson nehme ich zurück und setze an seine Stelle den Uebermenschen des Philosophen Nietzsche.« Er verneigte sich tief und ernst vor Carl Nort und ging.
Vorlage S. 125
740
– »Ein Saltimbanque, Dein Freund Hellbach,« sagte Carl, als er fort war. »Er jonglirt mit seinen rhetorischen Späßen recht hübsch vor Dir.«
Vorlage S. 125
741
Käthe fand Onkel Carl ungerecht dem Manne gegenüber, der eben erst eine solche Verehrung für ihn an den Tag gelegt hatte.
Vorlage S. 126
742
Als an einem der nächsten Tage das Gespräch auf die Reichstagsverhandlungen kam, sprach sich Carl energisch gegen die Verlogenheit und die Heuchelei aus, mit der Volksvertreter aus opportunistischen Gründen ihre Ueberzeugung verleugneten, Atheisten sich für Gläubige, Republikaner für Monarchisten ausgaben. Lorenz fand, dass diese Männer Recht hätten. Ohne das lange noch nicht genug gewürdigte Wort, dass der Zweck die Mittel heilige, könne es wohl Märtyrer und Redner, aber keine Politiker geben. Letztere hätten mit dem Realisirbaren zu rechnen.
Vorlage S. 126
743
Carl verwarf die Lüge absolut als pöbelhafte Eigenschaft des Knechtes.
Vorlage S. 126
744
Lorenz zuckte mitleidig die Achseln. Lüge! Lüge! er habe nichts gegen die Lüge. Sie sei vielmehr der Lazzo, mit dem man die bête humaine im Menschen zähme. Gräßlich wär's, wenn plötzlich ein jeglicher mit nackter Seele vor uns stände, ebenso indecent, wie mit nacktem Körper. Was sei denn Lüge? Warum dürfe man einem Sterbenden vorlügen, dass er leben wird? Um ihm Schmerz zu ersparen, nicht wahr? Aber thäten andere Schmerzen, durch bittere Wahrheiten verursacht, nicht ebenso weh? Und wo finge die Lüge an? wo hörte sie auf? Wenn ein Dichter in Versen spräche, nicht auch Lüge? Wenn wir unseren Haß und unseren Zorn verbergen, nicht auch Lüge? Ja, sei nicht der Gesang Lüge – –
Vorlage S. 126
745
Käthe unterbrach ihn, über seine Paradoxen lachend, und meinte, die Kunst sei hors de concours bei solchen Redetournieren.
Vorlage S. 127
746
»Und das Leben, ist es nicht auch eine Kunst und zwar die feinste, schwierigste? Die Lüge ist im Leben, was in der Kunst die Idealisirung.«
Vorlage S. 127
747
Carl verleugnete seine sonst so milde Art und Weise, als er ihm antwortete, dass die meisten Menschen sich eine Privatethik nach ihrer Lebenslage machten. Seien sie durch unmoralische Mittel emporgekommen, würden sie nothgedrungen Cyniker. Man liefere nicht gern selbst das Gedankenmaterial zu seiner Verurtheilung.
Vorlage S. 127
748
Der Pfeil traf. Hellbach bezwang seinen Ingrimm, und lässig mit seinem Kneifer spielend, sprach er sein ironisches Bedauern darüber aus, dass Berlin nicht in Paraguay läge; man könne aber unmöglich verlangen, dass paraguayische und berlinische Weltanschauungen sich deckten. Man könne nicht verlangen, dass wir alle als kategorische Imperative oder als geschlechtslose, unbärtige Engel umherwandelten. Wozu dann der Luxus von Herz, Sinn und Phantasie? wozu der blühende Leib? wozu all' die Frühlingssonne und Wonne?
Vorlage S. 127
749
Käthe, die am offenen Fenster saß und abwechselnd auf das Gespräch der Männer und auf die Töne einer Nachtigall gelauscht hatte, die draußen schlug – die erste verfrühte Nachtigall – sagte jetzt wie träumend: »Ja, wozu all das Grübeln und Moralisiren, wenn wir sterben müssen, wo es dann keine Rosen und keine Liebe mehr giebt, und es dann ganz gleichgiltig ist – –«
Vorlage S. 127
750
Sie hielt erschrocken inne. Was sagte sie denn da?
Vorlage S. 128
751
»Ob wir uns hienieden moralisch gefunden haben,« ergänzte Hellbach ihren Satz.
Vorlage S. 128
752
Carl verstand seinen triumphirenden Blick nicht, auch nicht, warum er jetzt, indem er sich verabschiedete, Käthe so bewegt und glücklich die Hand küsste. Die Nachtigall schlug wieder. Schon mit der Thür in der Hand, sagte Hellbach lächelnd: »Die Nachtigall lügt auch. Sie lügt uns im April den Mai vor. Ich bleibe dabei: Die Lüge ist – der Gesang der Intelligenz.«
Vorlage S. 128
753
Er empfahl sich gern mit einem bon mot oder wenigstens mit einem Wort, das wie ein bon mot klang.
Vorlage S. 128
754
An einem Nachmittag lag Käthe mit einem Buch in der Hand träumend auf der Chaiselongue, bis tiefe Dämmerung sie umfing. Ihre müden Augen schweiften im Zimmer umher und trafen einen säulenartigen Eckschrank von dunkelgebeiztem Holz, auf dem die Büste der Venus von Milo stand. Der Himmel war tief bewölkt gewesen. Plötzlich fiel ein Reflex der untergegangenen Sonne auf den Venuskopf und tauchte ihn in lächelnde Glorie, das ganze übrige Zimmer in noch tieferen Dämmer versenkend.
Vorlage S. 128
755
Das Buch entfiel Käthes Hand, und entzückt hingen ihre Blicke an dem holden Wunder, dem Kopf, der, alles Licht auf sich concentrirend, mit so geheimnißvollem Leben aus der dunklen Umgebung leuchtete, wie ein Gedanke, der über alles Irdische hinaus das Jenseits sucht.
Vorlage S. 128
756
Es war die Zeit, in der Carl zu kommen pflegte. Jemand trat ein.
Vorlage S. 129
757
»Still! still, Carl!« sagte sie, ohne nach der Thür zu sehen, als könnten Worte das Licht auslöschen. »Ist's nicht wunderschön?«
Vorlage S. 129
758
»Ja, Katharina.« Hellbach sagte es.
Vorlage S. 129
759
Nun stand er neben ihr.
Vorlage S. 129
760
Seine großen blauen Augen schienen zu gleicher Zeit sie und den leuchtenden Kopf zu umfassen. Sacht und langsam ließ er sich auf die Kniee vor ihr nieder.
Vorlage S. 129
761
»Aphrodite, die Seligste, Süßeste offenbart sich uns.« Er zog ihre Hand an seine Brust: »Käthchen!«
Vorlage S. 129
762
Seine Augen flammten in die ihren.
Vorlage S. 129
763
Ein Erschauern ging durch ihre Nerven, ein lähmendes Gefühl süß und doch fast widrig, eine zitternde Wonne und ein scheuer Schreck: Psyche, die Amor nackt gesehen.
Vorlage S. 129
764
Mühsam erhob sie sich von der Chaiselongue. Schleppend ermattet drängte sie zum Fenster hin. Er folgte ihr mit den verzehrenden Blicken. Sie fühlte sich wie von ihm umschlungen. Etwas Unaussprechlich Seltsames, seelisch und körperlich zugleich, wie sie es nie empfunden, durchdrang sie. Mit bebender Hand, wie Jemand, der in Angst ist, zu ersticken, öffnete sie das Fenster. Sie sah Carl die Straße heraufkommen. Aus tiefer Brust holte sie Atem. Sie winkte ihm zu und sah nicht in's Zimmer zurück, bis Carl eintrat. Lorenz war nicht mehr da.
Vorlage S. 129
765
Sie flog Onkel Carl entgegen, als hätte sie lange und ungeduldig auf ihn gewartet, und machte ihm Vorwürfe, dass er so spät komme. Er sah so glücklich aus bei ihren Worten und legte ihre Hand auf seine Augen, als wolle er sich ganz einspinnen in die stille, intime Freude, die ihm ihre Worte verursachten. Seine zarte Innigkeit beschwichtigte allmählich ihre Erregung.
Vorlage S. 129
766
Doch war sie anfangs wie abwesend. Er saß neben ihr auf der Chaiselonge. Sie spielte selbstvergessen mit seinen Fingern und ohne recht zu wissen, was sie that, steckte sie ihm in kindlich-neckischer Spielerei einen ihrer Ringe auf den kleinen Finger und lachte, als der Ring nur auf die Spitze des Fingers ging. Dabei fiel ihr etwas ein. Lebhaft sprang sie auf, setzte sich auf die Lehne der Chaiselongue und blinzelte schelmisch zu ihm herunter.
Vorlage S. 130
767
»Du, Onkel Carl, ich brauche einen Courmacher – einen platonischen natürlich – wie das liebe Brot – sagt Dörthe. Ich wüsste Einen.«
Vorlage S. 130
768
»Macht Dir Hellbach nicht den Hof?« Er sah sie forschend an.
Vorlage S. 130
769
Sie wurde roth und zog die Brauen zusammen. »Ja, aber ich will ihn nicht – es geht nicht – ich will ihn los werden.«
Vorlage S. 130
770
»Nicht platonisch genug?«
Vorlage S. 130
771
»Das ist's. Darum sollst Du mir den Hof machen. Und weißt Du, warum der Einfall so brillant ist? Wenn Du mir den Hof machst, so hätte das in Michaels Augen einen ernsten Hintergrund. Du könntest mich ja, unverheirathet wie Du bist, gleich nach der Scheidung heirathen. Und das wird er doch nicht wollen, dass ich – – so sind die Männer!«
Vorlage S. 130
772
»Und wäre ich Dir nicht zu alt?« fragte Carl lächelnd, es lag aber eine schüchterne Aengstlichkeit in seinem Ton.
Vorlage S. 131
773
»Du?« Sie sah ihn aufmerksam an, »nein, Du bist ja unheimlich jung für Dein ehrwürdiges Alter. Ja, Onkel Carl?«
Vorlage S. 131
774
Mit ihrer Hand neigte sie seinen Kopf, dass er zu nicken schien.
Vorlage S. 131
775
»Also ja – abgemacht, und nun lasse ich den Onkel weg und sage blos Carl zu Dir und falle Dir um den Hals.«
Vorlage S. 131
776
Er wehrte sie hastig ab und sagte nur:
Vorlage S. 131
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»Was haben sie aus Dir gemacht, mein Käthchen?«
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Die graziös neckische Art, in der sie Alles vorgebracht, war forcirt gewesen, eine versteckte Angst lauerte dahinter, und jetzt füllten sich ihre Augen mit Tränen.
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»Ach, Carl, es war doch nicht meine Wahl. Michael ist schuld daran; um seinetwillen bin ich doch so geworden.«
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»Und Du liebst ihn noch immer – Deinen Michael?«
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Sie starrte ihn verwundert an. Das war doch selbstverständlich. All ihr Tun und Denken in den letzten Monaten galt ja nur ihm. Wie konnte er das fragen.
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»Natürlich,« antwortete sie langsam, stockend. Schritte im Nebenzimmer ließen sich hören.
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»Er!« rief sie, und ihr Herz klopfte wild.
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»Michael?«
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Sie antwortete nicht. Sie hatte Hellbach gemeint. Aber es war in der That Michael, der eintrat.
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Michael forderte Käthe jetzt ab und zu auf, in sein Atelier zu kommen. Er hatte das blaue Bild von der Ausstellung zurückgezogen, um eine Aenderung daran vorzunehmen. Als Käthe eines Nachmittags der Einladung gefolgt war, blieb sie freudig überrascht vor dem Bilde stehen. Ihr Profil war daraus verschwunden. Sie reichte Michael mit einem dankbaren Blick die Hand, und wäre nicht in diesem Augenblick Hellbach eingetreten, vielleicht hätten die Beiden sich wieder zusammengefunden.
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Michael bat sie, ihm am nächsten Tage eine Stunde. zu sitzen. Der Ansatz des Haares am Hinterkopf bei dem Modell, das er für sein neuestes Bild benutze, sei unbrauchbar.
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Käthe sagte zu, forderte aber Carl auf, der Sitzung im Atelier beizuwohnen. Sie war nicht gern mit Michael allein, immer hatte sie ein instinctives Verlangen, das, was sie kommen sah, hinauszuschieben.
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Michael war noch nicht da, als Käthe und Carl das Atelier betraten. Käthe machte ihn auf den Kopf des Bildes aufmerksam, der nicht mehr ihre Züge trug. Die Wärme ihres Tones überraschte ihn, und er zweifelte nicht daran, dass ihre Versöhnung mit Michael nur noch eine Frage weniger Tage sein werde. So war jetzt die zwölfte Stunde für das, was er fest entschlossen war, Käthe mitzutheilen. Seit Tagen hatte er mit sich gekämpft, ob er ihr sagen solle, was er über Dörthe in Erfahrung gebracht. Sein vornehmer Sinn sträubte sich gegen Alles, was einer Denunciation glich. Musste aber eine solche Enthüllung nicht selbstbefreiend auf Käthe wirken? Auch ihm schien jetzt die Versöhnung zwischen ihr und Michael das Natürliche und Wünschenswerthe, aber nicht auf dem seichten Grunde dieser hässlichen Komödie sollte sie stattfinden. Als Bodensatz würde in Käthes Seele eine latente Verachtung Michaels zurückbleiben, die eine Ehe im besten Sinne des Wortes ausschließen musste.
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Die letzten Erwägungen gaben den Ausschlag. Mochte immerhin durch seine Aufklärung die Versöhnung verzögert werden. Und so sagte er ihr denn, was er von Dörthe wusste, und betonte, dass sie, Käthe, einer Dirne, die zuletzt die Geliebte ihres Mannes gewesen, die Lehren verdanke, nach denen sie seit Monaten gehandelt. Der Eindruck auf Käthe war ein tiefer, ein aus Zorn, Schmerz, Scham und Reue gemischter. Sie hatte sich noch nicht beruhigt, als Michael eintrat. Carl entfernte sich still. Sie bemerkte es kaum und nahm sofort die Stellung ein, die Michael brauchte, indem sie ihm den Rücken zuwendete. Sie nahm ein Buch in die Hand und gab sich den Anschein, als läse sie.
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Er fängt an zu malen. Er versenkt sich in diesen zarten, schlanken Hals, der blumenhaft aus der Goldspitze sich erhebt. Er glaubt nie etwas Reizenderes gesehen zu haben. Bald lässt er die Hand sinken. Er kann nicht malen. Seit Wochen arbeitet er nicht ordentlich. Er braucht Ruhe, Glück, Liebe. Alles das soll ihm seine Gattin gewähren. Lästig, unleidlich sind ihm nachgerade all' diese complicirten Gefühle. Zu dumm! Entweder – oder!
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Er tritt zu Käthe heran. Sie wendet sich nicht um und hält den Kopf gesenkt, damit er den Zorn in ihren Augen nicht lesen soll. Er bückt sich so tief, dass er halb kniet und sieht ihr von unten in's Gesicht.
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»Schön bist Du geworden, Käthe!«
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»Ja? wirklich? bin ich es?« In ihrer leise zitternden Stimme liegt eine verhaltene, tiefe Ironie. »Das kommt daher, weil die braune Kutte fort ist und die tugendsame Zimperlichkeit, und weil ich Alles gelernt habe, was – Dir gefällt, sogar – – male doch! male!« unterbrach sie sich, es belästigte sie, dass er die Spitze an ihrem Halse zurechtzupfte.
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Er ließ sich nicht stören und sagte so gleichmüthig, als er es in seiner Erregung vermochte: »Habe ich es Dir schon gesagt, Käthe, ich lasse mich nicht scheiden.«
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»Aber ich!« Sie war aufgesprungen.
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»Du?« er lächelte. »Weißt Du denn, warum ich mich nicht scheiden lasse?«
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»Und warum nicht?« Eine lauernde, heiße Neugier war in ihrem Blick.
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»Weil ich Dich liebe.«
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Da war es nun, was sie mit so bitter verzweiflungsvollem Schmerz so leidenschaftlich ersehnt hatte. Und kein Schauer des Glücks?
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Wie gut er aussah in der nervösen Erregung mit den brennenden Augen, der Mann, den sie so sehr geliebt hatte, ja noch liebte, lieben musste. Sie machte eine Bewegung zu ihm hin. Er riss sie an sich und er stickte sie fast in einem langen, inbrünstigen Kuß. Als er sie frei ließ, um ihr Gesicht zu sehen, erschrak er vor ihrem Blick. Er war eiskalt. Die Kälte war nicht nur in ihren Zügen, ihr Herz, ihr ganzes Innere war kalt geblieben unter seiner Liebkosung. Die Neugierde, die sie in Betreff ihrer eigenen Gefühle gehabt, war befriedigt, sie wusste, was sie wissen wollte.
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Er will sie wieder an sich ziehen. Sie wehrt ihn ab. Alles Blut strömt ihr zum Herzen und all der Gram, die Geringschätzung, die Verzweiflung, die sie jahrelang um dieses Mannes willen gelitten, schießen zusammen in einen leidenschaftlichen Ausbruch.
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»Du – Du liebst mich! Ich aber, ich liebe Dich nicht! und ich will geschieden sein – ich!«
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Die Hand, die er nach ihr ausstreckt, stößt sie fort.
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»Zurück! fort! Die gute Frau, die Dich treu geliebt hat, die keusche Frau hast Du von Dir gestoßen! die corrumpirte, die Alles gelernt hat, was unkeusch ist, hat Dich entzückt. Ich aber, ich will nicht die Maitresse meines Mannes sein. Weißt Du, wen Du in mir liebst? Die Dirne, die ich gespielt habe, die ich vorstellte. Ich bin nur Imitation, Talmi. Warum die Copie? Du kannst ja das Original haben – Dörthe. Um meinetwillen hat sie Dich verlassen. Ich gebe sie Dir wieder, Deine Geliebte! Nimm sie! nimm sie!«
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Sie stürzt fort. Er ergreift sie am Arm und zieht sie gewaltsam zurück.
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»Ich will sie nicht. Lass, was war! Aber was ist – Du weißt es Käthe. Dass ich Dich liebe, das ist!«
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Käthes Lippen zucken. »Die arme Dorette!«
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»Ich kann mich nicht anders machen, als ich bin. Leidenschaft ist mein Wesen. Und Feuer will brennen, um jeden Preis brennen. Und findet es keine gute Nahrung, so – – darum Dorette. Jetzt aber, jetzt« – – Er ergreift wieder ihre beiden Hände und hält sie, trotz ihres Widerstrebens fest in den seinigen.
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»Sperr Dich nur, mein süßer Schatz, Du gehörst mir ja doch. Und Du bleibst bei mir, Käthe – Kathrinchen.«
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»Auch wenn ich Dich nicht mag?«
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»Das glaube ich nicht. Du hast mich doch geliebt, wie ich war. Bin ich ein Anderer geworden?«
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»Nein. Aber ich. Ihr, Du, Dörthe, Alle, Ihr habt mir meine Treue, meine Gattinliebe gestohlen, getödtet.«
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»Unsinn Kathrinchen. Ich mache sie wieder lebendig. Ich hülle Dich in meinen Flammenmantel, und wir Beide – Beide« – –
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Seine Stimme sinkt zu einem schmeichelnd heißen Flüstern herab.
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Unsinnige, leidenschaftliche Worte kommen über seine Lippen, Worte, die an seine Bilder erinnern, purpurroth hinströmende. Sie stürzen über sie hin wie heißer, ermattender Wind und betäuben sie.
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Knieend drückt er sein Gesicht auf ihre Hände.
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Als er aufblickt, sieht Käthe, dass in seinen Augen Tränen stehen. Die Vorstellung, dass diese Tränen über sein Gesicht fließen könnten, ist ihr halb lächerlich, halb schrecklich. Und hastig, nur um ihm zu entgehen, sagt sie: »Lass mir Zeit! lass mir Zeit!«
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Ihre ganze Thatkraft hat sich in dem leidenschaftlichen Ausbruch erschöpft.
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Er presst sie wieder an sich, gewaltsam, und flüstert ihr etwas in's Ohr. Sie schüttelt den Kopf und eilt hinaus aus dem Atelier, die Treppe hinunter, als würde sie verfolgt.
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Sie verschließt sich in ihrem Ankleidezimmer. Wie eine wilde, rauschende Musik hallen seine leidenschaftlichen Worte in ihr wieder. In ihren Zorn mischt sich Mitleid. Nie in ihrem Leben bis jetzt hat sie einem Menschen wissentlich Schmerz zugefügt. War es nicht beinah roh, eine Leidenschaft so zu beantworten, wie sie es getan hat? Hätte sie in ihrer Abweisung nicht weiblicher, milder verfahren sollen? So sehr hatte sie ihn geliebt, und nun so plötzlich – nichts mehr – gar nichts, als wäre es nie gewesen. Wirklich plötzlich? Was Carl ihr von Dörthe gesagt, war das der Todesstoß ihrer Liebe gewesen? Nein. Sie will sich nicht belügen. Ganz sacht und allmählich ist ihr die Liebe für Michael entschwunden. Was zerbricht sie sich den Kopf darüber? Es ist nun einmal so, und sie kann es nicht ändern. Dieser Abschnitt ihres Lebens ist zu Ende. Hinweg mit dem frechen Spiel, das eine Dirne sie gelehrt, hinweg mit allen Requisiten dieser elenden Komödie.
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Heftig warf sie die zierliche Gesellschaftsrobe von sich Sie öffnete den Schrank, in dem die braune Kutte hing. Sie sollte wieder zu Ehren kommen – die braune Kutte. Sie nahm das Kleid heraus und hielt es eine Weile in der Hand. Dann hing sie es in den Schrank zurück. Das Kleid war wirklich hässlich. Wozu sich absichtlich entstellen? Was für eine kindische Vorstellung, dass unter einem schöneren Gewande ein schlechteres Herz schlagen müsse. Sie zog das Kleid, das sie eben abgelegt hatte, wieder an.
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Die Klingel wurde gezogen. Sie wusste, es war Carl. Sie eilte in den Salon, stürzte dem eintretenden Freunde entgegen und sagte ihm gleich Alles, was geschehen war, und dass sie Michael nicht mehr liebe, und dass sie – sie die Trennung wolle.
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»Wie gut, dass Du nun da bist,« schloss sie, »Du wirst Alles in die Hand nehmen, Alles ordnen, und Du wirst mir sagen, was nun aus mir werden soll.«
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»Mein Weib!«
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Sie erschrak und wiederholte, als hätte sie nicht recht gehört: »Dein Weib?«
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Eine unendlich zärtliche Weichheit lag in seinem Tone, als er wieder anhob:
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»Ich habe mein Käthchen geliebt, als es ein kleines Kind war, ich habe sie geliebt, als ich vor sechs Jahren von ihr Abschied nahm, und ich liebe sie heute mehr als je. Du bist und bleibst mein Käthchen. Mein in Trauer, wenn Du bleibst, mein in schönem, starkem Glück, wenn Du mit mir gehst!«
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»Aber – aber –« Sie brachte eine Weile weiter nichts heraus als immer wieder: »aber – aber –«
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In schnellem Strömen kamen und gingen ihre Gedanken und Empfindungen. Die skeptische Weltanschauung Hellbachs, die frivole Dörthes, die Leidenschaft Michaels und die reine Treue Carls, das Alles drang auf sie ein, betäubend, unentwirrbar. Ein Fieberschauer durchrieselte ihre Glieder, ihr Kopf sank herab. Als sie aufsah, traf sie Carls Blick, ein Blick von so leuchtender Klarheit, dass plötzlich das wüste Stimmgewirr in ihr schwieg, und wie man sich aus tosendem Wogenschwall an's Ufer rettet, so warf sie sich an seine Brust und verbarg ihr Haupt an seiner Schulter. Er legte seine Hand auf ihren Kopf: »Mein Käthchen.« Und er küsste ihre geschlossenen Augenlider. Dann machte er sich sanft von ihr los.
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»Da ich Dir das gesagt habe, darf ich Dich nicht mehr an meinem Herzen halten, es sei denn als mein Weib.«
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»Dein Weib! ja schön wäre es und gut, so gut! aber ich – ich bin nicht gut genug dazu. Und Du würdest mich immer lieb haben? immer? Ich habe ja Michael auch geliebt, und nun liebe ich ihn nicht mehr.«
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»Weil es nicht die rechte Liebe war, Käthchen.«
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»Und welches ist die rechte?«
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»Die ein Reis ist vom Stamme der Menschenliebe. Mit dieser Liebe liebe ich Dich, Käthchen.«
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»Ich liebe Dich auch, Carl, ja, aber mit welcher Liebe, ich weiß es nicht. Ein Reis vom Stamm der Menschenliebe? Nein, ich habe keine Menschenliebe.«
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Er suchte ihre Erregung zu beschwichtigen. Er zog sie sanft in den großen Fauteuil, setzte sich auf einen Sessel neben sie und nahm ihre Hände in die seinigen.
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»Ach, Carl, warum hast Du mir nicht das Alles damals gesagt, vor sechs Jahren?«
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»Ich dachte, Du fändest es allein. Du warst ein nachdenkliches Kind. Ich meinte, Du wüsstest, dass ich Dich liebte, und erwartete Alles von Dir selbst.«
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»Ich hätte Dich gewiss recht von Herzen geliebt. Mir ist nur der Gedanke nicht gekommen. Du hättest mich darauf hinweisen sollen. Dass ich mich in Michael verliebte, hättest Du gar nicht zugeben dürfen. Du bist schuld – Du – wenn ich jetzt – – Ich muss erst wieder gut werden. Weißt Du – der zähe Schmutz, von dem Du sprachst – etwas davon ist in mir. – Und nun ist's doch zu spät – ja – zu spät – –«
Vorlage S. 139
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»Es ist nie zu spät, und wärst Du anstatt fünfundzwanzig Jahr fünfzig Jahr alt, es wäre nicht zu spät. Hier, in Eurer Welt ist gut sein schwer, zu schwer für Dich, mein armes Käthchen. Dort drüben wirst Du mit mir arbeiten, mit mir lieben, mit mir gut sein. Willst Du Käthchen?«
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»Ich will wohl, ob ich auch kann?«
Vorlage S. 140
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»Du kannst. Nichts brauchst Du als Herzensgüte und ernstes Wollen. Du sollst sie kennen lernen, die Entzückungen, die wir der Menschenliebe verdanken. Abgezehrt, hohläugig, dem Hungertode nahe sind meine Ansiedler zu mir gekommen. Rosig, satt und glücklich sind sie jetzt. Wenn ich an ihren Hütten vorübergehe, rufen sie ihre Kinder heraus und zeigen auf mich – ihren Wohlthäter. Und die segnende Bewegung ihrer Hände, ihre strahlenden Blicke – ja, Käthchen, es giebt einen Gotteslohn im Diesseits. Willst Du ihn mit mir theilen?«
Vorlage S. 140
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Während er sprach, bekamen Käthes Augen den großen, weiten Blick eines Menschen, der jenseits der Schwelle des Alltagsbewußtseins ein Land schaut, das er nie gesehen und immer gesucht, »mit der Seele gesucht.«
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Aber ehe sie antworten konnte, trat das Mädchen ein und übergab ihr einen vollen Veilchenstrauß. Sein Duft erfüllte das Zimmer. Sie badete ihr Gesicht in dem feucht frischen Duft.
Vorlage S. 140
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»Giebt es auch dort drüben Veilchen?« fragte sie.
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»Nein. Aber andere Blumen, schönere.«
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Es that ihr leid. Andere! und sie liebte gerade die Beilchen so sehr.
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Er nahm ihr die Blumen wie spielend aus der Hand, trat an's Fenster und ließ sie, wie in Zerstreutheit hinunterfallen in den Garten, verwandte dabei keinen Blick von ihrem Gesicht und sah, wie ihre Augenbrauen sich zusammenzogen.
Vorlage S. 141
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»Du wolltest mir antworten, Käthchen?«
Vorlage S. 141
851
Aus ihren Augen war der große, weite Blick verschwunden.
Vorlage S. 141
852
»Nicht böse sein, Carl, ich bin so kindisch, ich kann es noch nicht fassen – so weit – weit weg von hier, und das Kind ist noch so klein – eine so weite Reise – –«
Vorlage S. 141
853
Sie ging, die Hände ineinandergepreßt, im Zimmer auf und ab. Dann blieb sie vor ihm stehen.
Vorlage S. 141
854
– »Hilf mir doch, Du Liebster, Bester! überlasse mir doch nicht Alles selbst, ich bin so hilflos. Entführe mich! brauche Gewalt! so dass ich gar nichts dreinzusprechen habe. Sage: ›Du sollst, Du musst!‹«
Vorlage S. 141
855
»Nein. Nur wenn ich Dich aus freier Entschließung habe, habe ich Dich wirklich. Von selbst musst Du kommen.«
Vorlage S. 141
856
Sie ließ matt die Arme sinken. Sie hatte keinen Muth. Krampfhaft umfasste sie die Lehne des Fauteuils, sie wendete sich von ihm ab und murmelte kaum verständlich:
Vorlage S. 141
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»Und wenn – wenn ich nun – Michael doch noch liebte!«
Vorlage S. 141
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»Käthchen!« Seine Stimme klang wie ein Schrei aus tiefer Seelennoth.
Vorlage S. 141
859
Er weiß, dass sie gelogen hat. Sie erschrickt und bricht in Tränen aus.
Vorlage S. 142
860
»Ich kann nicht! jetzt noch nicht. Ich bin ja noch nicht geschieden.« Das war der Strohhalm, an den sie sich klammerte. »Warte nur, bis ich geschieden bin, dann komme ich nach, mit dem Kinde, ich schwöre es Dir, ich komme nach, in einem Jahre etwa. Gieb mich nicht auf. Nur lass mir Zeit. Wann willst Du fort?«
Vorlage S. 142
861
Er sagte ihr, dass er am anderen Tage um die Mittagstunde abreisen würde, wenn er keine Nachricht von ihr erhielte.
Vorlage S. 142
862
»Du Bester, Du Einziger, wie finde ich nur, was recht ist?«
Vorlage S. 142
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»Gebet.«
Vorlage S. 142
864
Sie sah ihn erstaunt an. Sie hatten nie ein religiöses Gespräch gehabt. Sie hielt ihn auf diesem Gebiet für indifferent. Er las ihre Gedanken.
Vorlage S. 142
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»Ob Du zur Sonne betest, ob zu dem Evangelium eines Messias, oder zur reinen Weisheit eines Sehers, es ist dasselbe.«
Vorlage S. 142
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Er zog sie an's Fenster. Die Sonne war im Untergehen. Eine schwere, dunkle, purpurgesäumte Wolke rollte sich wie ein Vorhang auf, und in feuchtrothem Glanz, gedämpft durch einen leichten Dunst, hing die Sonne in reinster Pracht im Aetherblau und goß ihr Feuer weit hin über den Horizont.
Vorlage S. 142
867
»Die Gedanken, die Du bei Sonnenuntergang denkst, sind die rechten. Aus dem feurigen Busch sprach Gott zu Moses. So spricht er auch zu uns aus der flammenden Schönheit von Himmel und Erde. Ich glaube an Dich, Käthchen. Ich warte auf Dich.«
Vorlage S. 142
868
Er war so leise und spurlos aus dem Zimmer gegangen, dass sie erst nach einiger Zeit sich bewusst wurde, dass er gegangen war, um nicht wiederzukommen. Sie kroch in sich zusammen wie ein Schuldiger, dem das Urteil gesprochen ist. Aber es war ja noch nicht zu spät. Sie stürzte zum Schreibtisch und schrieb ihm, dass er nicht reisen dürfe, er solle auf sie warten. Als sie fertig war, behielt sie den Brief in der Hand. Ihre Gedanken kamen und gingen.
Vorlage S. 143
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»Soll ich? soll ich nicht?«
Vorlage S. 143
870
Stundenlang dämmerte sie so grübelnd auf der Chaiselongue hin. Schickte sie den Brief am anderen Morgen ab, so kam er noch zeitig genug in seine Hände. Sie verbrachte eine schlaflose Nacht, voll Haß gegen ihre eigene Unentschlossenheit. Gegen Morgen schlief sie ein und erwachte erst gegen elf Uhr. Ihr erster Blick fiel auf den Brief. Und sie zögerte immer noch. Endlich schickte sie den Brief mit dem Mädchen in's Hôtel. Er kam um eine halbe Stunde zu spät. Carl war abgereist.
Vorlage S. 143
871
Es war keine Enttäuschung für Käthe, vielleicht war es so am besten. Ueber Jahr und Tag würde sie bei ihm sein.
Vorlage S. 143
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Michael's Berühmtheit war durch sein letztes Bild, für das er die große goldene Medaille erhielt, noch um einige Grade gestiegen. Die Damen der Welt, derjenigen Welt, in der er lebte, umschwärmten ihn, teils platonisch, teils weniger platonisch. Er erwies sich nicht spröde, obwohl er seine Frau vergötterte. Sie beherrschte ihn und behandelte ihn wie eine launenhafte, kleine Despotin. Seine Bilder aber, mochten sie blau, gelb oder purpurfarben sein, lobte sie immer.
Vorlage S. 143
873
Käthe war auch ziemlich glücklich, so lange sie sich nicht auf sich selbst besann. In solchen Stunden der Einkehr aber kam ein tiefer, bitterer Groll über sie, der mehr der Welt im Allgemeinen galt, als ihrer eigenen feigen Verlogenheit. Es sei der Welt ganz recht, dass sie so geworden, so werden musste. Sie war eben diesseits des Kreidestrichs geblieben, – wie die andern Gänse auch.
Vorlage S. 144
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Zuweilen, mitten in einer glänzenden Gesellschaft ist ihr, als flöge ein Schatten vorüber, der sie mit eisigem Hauch berührt. Dann wird sie blass und still, bis er vorüber ist, und er ist bald vorüber.
Vorlage S. 144
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Oder wenn sie allein in ihrem Zimmer ist, ihr lachendes, holdlallendes Kind im Arme hält und die großen, seltsam rührenden Kinderaugen, als kämen sie aus der geheimnißvollen Tiefe einer anderen Welt, sie fragend anblicken, dann strömt es wie eine erfrischende Fluth über sie hin, dann denkt und träumt sie über ihr kleines Ich hinweg, und ihr inneres Auge schweift hinüber in die jungfräulichen Wälder und Prairien, durch die der beste der Menschen wandelt – einsam.
Vorlage S. 144
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Ja – sie will noch immer von Michael geschieden sein trotzdem, – trotzdem. In Scham verhüllt sie ihr Gesicht. Unrecht hat Carl an ihr gehandelt, unrecht. »Von selbst musst Du kommen!« hat er gesagt. Das ist ja eben, was sie nicht kann. Sie durchmaß gern große Strecken, aber zu Schiff oder zu Wagen. Sie mochte keine Berge besteigen, und sie hatte auch das Schwimmen nicht lernen können. So trug sie auch jetzt sehnsüchtiges Verlangen nach dem gelobten Lande Carl Nort's, aber es musste sie der starke Wille eines Andern hinübertragen. Hatte er sie doch von jeher sein Käthchen genannt, nie Katharina. So wusste er doch wohl, dass sie ein großes Kind war. Nur durch Hypnose war ihr zu helfen. Carl Nort wusste das nicht. Hellbach wusste es.
Vorlage S. 144
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Sie wartete und wartete auf irgend ein Erlebnis, auf etwas Außerordentliches, sie wartete auf den Rausch, in dem die Wahrheit sein sollte, sie wartete auf einen Sturm oder ein Erdbeben. Es geschah nichts Außerordentliches. Und zwischendurch hörte sie wieder und wieder, durch alle Weltdisharmonie die Flötentöne von raphaelischer Süße, die das Leitmotiv spielten aus Tristan und Isolde.
Vorlage S. 145
878
Von Hellbach hielt sie sich seit der Abreise Carls fern. Jede Annäherung von seiner Seite wies sie schroff zurück.
Vorlage S. 145
879
Ein Jahr ging hin. Da erhielt sie die Nachricht vom Tode Carl's. Auf einer Streiferei hatte ihn ein Schurke erschossen, der sein Pferd haben wollte.
Vorlage S. 145
880
Nun war Alles für Käthe aus, die Brücken hinter ihr abgebrochen. Wozu, wozu das Leben schwer nehmen, da es so enden konnte! Lohnte es sich denn überhaupt, besser, anders zu sein als die Uebrigen, wenn doch immer die Kains die Abels tödteten. Der arme, arme Carl!
Vorlage S. 145
881
Sie weinte lange und bitterlich um ihn. Große Schmerzen kräftigen starke Gemüter, die schwachen schädigen sie in der Wurzel. Das geschah Käthe. Sie erkrankte bis in das Mark ihres Lebens.
Vorlage S. 145
882
Bald nach Carl's Tode sagte man ihr eine intime Liaison mit Hellbach nach. Sie nahm aber keinen Anstoß daran – die Gesellschaft. Käthe wurde, wie die Andern auch, Eine vom Dutzend, auch ein armer Abel, den ein Kain getödtet – die Welt.
Vorlage S. 146

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

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Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Hellbach hatte es anfangs mit dem Ultra-Naturalismus versucht …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Vielleicht war es auch das drängende Sehnen nach einem […], dass Käthe jetzt an Carl Nort denken musste.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Und gleich darauf, wenn Hellbach gegangen war, bat sie Carl mit kindlicher, bittender und bettelnder Geberde um Verzeihung, diese hässliche Rolle liege ihr nun einmal im Sinne wie ein Gassenhauer, den man, weil man ihn überall höre, nicht wieder los werden könne.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt verweist mit einer Zeitangabe ausdrücklich auf eine frühere Zeit? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Was bedeutet »Unwillkürlich« in diesem Ausschnitt? »Unwillkürlich schüttelt Käthe langsam den Kopf.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »An einem Märztage erhielt sie eine Depesche von Southampton, die ihr seine Ankunft für den zweitnächsten Tag meldete.« B: »Die abgeschlagenen Ecken, fehlenden Gliedmaßen, Scharten und Sprünge an den Antiquitäten, die auf Rechnung ihrer Billigkeit kamen, waren durch geschickte Aufstellung kritischen Blicken entzogen worden.« C: »Es konnte ihn nicht verletzen, wenn sie ihn daran erinnerte.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ein Wort, eine Liebkosung von ihm – …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sie gab sich ganz der Empfindung eines süßen Verlierens im Weltenraum hin, jenem vagen Entzücken einer […] Psyche, die schrankenlos in seligem Aether schwebt.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Was bedeutet »Unwillkürlich« in diesem Ausschnitt? »Unwillkürlich wich Käthe seinen Blicken aus.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Nie in ihrem Leben bis jetzt …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Katharina Böhmer, die junge Gattin des vielbewunderten Malers Michael Böhmer, ging unstät in ihrem Zimmer auf und ab. Sie war in einfachster Promenadentoilette, ein braunes Kapothütchen auf dem Kopf. Sie […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
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2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Dörthe schenkte die Gläser voll. »Stoßen wir darauf an: aus dem zahmen, braven Käthchen soll ein widerspenstiges Käthchen werden, weißt Du umgekehrt wie in dem Stück ›Die bezähmte Widerspenstige‹. Der alte […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

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  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
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3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Coeur-Dame zu seiner Linken saß, was die Vernachlässigung seiner Dame zur Rechten zur Folge hatte. Käthes verletzte Eitelkeit revoltirte, und sie führte das ganze Arsenal ihrer gelernten Künste gegen den pflichtvergessenen Cavalier in's […]«

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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Carl verwarf die Lüge absolut als pöbelhafte Eigenschaft des Knechtes.«

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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Michael starrte von Dörthe zu Käthe. Seine Lippen zuckten. Der Blick, der Dörthe traf, war so wild, dass Käthe erschrak.«

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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] der Geheimrätin trat – sehr spät auf Dörthes Anordnung – klopfte ihr Herz zum Zerspringen. Die möglichst unscheinbare Toilette, die sie hatte anlegen wollen, war von Dörthe verworfen worden. Ihr erstes Debüt als Mondaine müsse prätentiös […]«

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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Dörthe schenkte die Gläser voll. »Stoßen wir darauf an: aus dem zahmen, braven Käthchen soll ein widerspenstiges Käthchen werden, […]« und »Nach einer Weile warf er den Pinsel fort. Nein, er würde Dorette nicht entbehren können.«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »Bald nach Carl's Tode sagte man ihr eine intime Liaison mit Hellbach nach. Sie nahm aber keinen Anstoß daran – die Gesellschaft. Käthe wurde, wie die Andern auch, Eine vom Dutzend, auch ein armer Abel, den ein […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
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9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Katharina Böhmer, die junge Gattin des vielbewunderten Malers Michael Böhmer, ging unstät in ihrem Zimmer auf […]« / »Bald nach Carl's Tode sagte man ihr eine intime Liaison mit Hellbach nach. Sie nahm aber keinen Anstoß daran […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Katharina Böhmer, die junge Gattin des vielbewunderten Malers Michael Böhmer, ging unstät in ihrem Zimmer auf und ab.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Die Eifersucht der Frauen auf Käthe's Erfolge wurden von dem Ehrgeiz der Wirthinnen, die einen amüsanten Salon haben wollten, überboten.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Käthe wurde, wie die Andern auch, Eine vom Dutzend, auch ein armer Abel, den ein Kain getödtet – die Welt.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Wie Frauen werden von Dohm, Hedwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Wie Frauen werden

Hedwig Dohm: Wie Frauen werden. Werde, die du bist. Novellen, Breslau: Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlags-Anstalt v. S. Schottlaender, 1894. Dohm, Hedwig 9- Breslau

Das Werk Wie Frauen werden von Dohm, Hedwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.