Zum Inhalt springen

Buch - Von Geschlecht zu Geschlecht - Lewald, Fanny

Aus MOOCsWiki Staging

← Bücher-Welt

Originalwerk · Lesefassung

Von Geschlecht zu Geschlecht

Lewald, Fanny · 1811–1871

Von Geschlecht zu Geschlecht von Lewald, Fanny. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–133 Abschnitte
Porträt von Lewald, Fanny; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Lewald, Fanny · Eurhinosaurus · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 2 von 3

Erste Abtheilung. Der Freiherr

1
Erstes Capitel
Vorlage S. 3
2
Die Herrschaft Richten war eine der reichsten Besitzungen in der Monarchie, und die Freiherren von Arten, denen sie gehörte, eines der ältesten Geschlechter des inländischen Adels. Sie waren am Hofe wohlgelitten, in der Provinz, in welcher ihre Besitzungen lagen, geachtet und beliebt, und jene ruhige Vornehmheit, welche die alten Geschlechter kennzeichnete, hatte in den Freiherren von Arten stets ihre würdigsten Vertreter gefunden.
Vorlage S. 5
3
Es war damals aber auch das goldene Zeitalter für den Adel. Die Standesunterschiede wurden in der Gesellschaft noch aufrecht erhalten, und hatten doch aufgehört, eine Schranke für den Edelmann zu sein, wenn er geneigt war, sich gelegentlich über dieselbe fortzusetzen. Sie schützten ihn, ohne ihn zu hindern. Die Vorrechte des Adels waren groß im Staate, seine Pflichten und Lasten für das Allgemeine sehr gering. Der Grundbesitz war fast ausschließlich in seinen Händen, und man hatte trotzdem bereits angefangen, die Güter gewerblich zu benutzen und ihren Ertrag dadurch zu erhöhen. In den Fürstenschlössern, in den Richter-Collegien, in der Verwaltung und im Militär, überall herrschte der Adel vor, und daneben hatte er sich vielfach eine Bildung erworben, die zu besitzen er stolz war. Er hatte sich den Gelehrten, den Schriftstellern, den Künstlern und Dichtern genähert und befreundet, da er selbst bedeutende Menschen und schöne Talente in seinen Reihen zählte, und während man sich auf diese Art völlige Freiheit für jedes Streben und Tun zu sichern verstand, wagten die bürgerlichen Klassen es noch nicht, dem Adel die Vorrechte streitig zu machen, welche er sich angeeignet hatte und nun seit Jahrhunderten besaß.
Vorlage S. 5
4
Kamen diese Glücksgüter und Privilegien rohen Naturen in die Hände, so boten die eigene Gerichtsbarkeit und die theilweise noch zu Recht bestehende Leibeigenschaft den Gutsherren die Mittel zu einer Tyrannei, unter welcher das Land und die Leute schwer zu leiden hatten; und Selbstsucht und Willkür auf der einen Seite erzeugten dann auf der anderen einen Haß und eine Aufsässigkeit, die um so erbitterter wurden und um so tiefer wurzelten, je weniger sie sich kund zu geben vermochten. Gelangten aber wohlwollende und gebildete Edelleute zu dem Gebrauch solcher aristokratischen Rechte und Macht, so bildete sich durch ihren vorsorglichen und mäßigen Gebrauch zwischen der Gutsherrschaft und ihren Hörigen ein Verhältnis des Schutzes und der anhänglichen Dankbarkeit heran, welches in den Edelleuten das Gefühl einer gewissen Souverainetät entstehen ließ und ihnen neben dem Bewusstsein ihrer großen persönlichen Freiheit eine würdevolle Herablassung verlieh, die sie beliebt und dadurch liebenswürdig machte.
Vorlage S. 5
5
Der Freiherr Franz von Arten, welcher die Herrschaft Richten zu Ende der achtziger Jahre im vorigen Jahrhundert besaß, war in diesem Sinne das Musterbild eines Edelmannes. Er hatte eine vortreffliche Erziehung genossen, hatte viele Jahre seiner Jugend auf Reisen zugebracht, lange und mit großem Erfolge an den verschiedenen Höfen von Europa verweilt, und sich dadurch jene weltmännische Gewandtheit zu eigen gemacht, welche ihm den Anspruch gab, unter seinen Standesgenossen für einen vollkommenen Cavalier zu gelten. Aber neben den leichten, gefälligen Formen hatte er, wie die Richtung jener Zeit es eben mit sich brachte, sich auch eine schönwissenschaftliche und künstlerische Bildung erworben, und Schloß Richten, das von seiner mäßigen Höhe weithin über das rundum flache Land bis zu den fernen Gebirgen hinabsah, zeigte in seinem Aeußern wie in seiner inneren Einrichtung, dass es von einem eben so prachtliebenden als gebildeten Edelmanne bewohnt werde.
Vorlage S. 5
6
So lange sein Vater lebte, hatte der Baron sich trotz aller Vorstellungen desselben nicht zur Ehe überreden lassen. Er fühlte sich nach den Erfahrungen, welche er bei den Frauen gemacht hatte, nicht geneigt, seine Zu friedenheit und seine Zukunft weiblichen Händen dauernd anzuvertrauen, und erst das Ableben seines Vaters, das den Baron als den letzten Arten von der Linie Richten antraf, brachte ihm mit der Pflicht, für das Fortbestehen seines Stammes zu sorgen, den Entschluss, sich zu vermählen.
Vorlage S. 6
7
Der Baron war damals in der Mitte seiner vierziger Jahre und ein schöner Mann. Hätte er bis dahin weniger Erfolg bei den Frauen gehabt, so würde er vielleicht in diesem Alter noch das Verlangen gefühlt haben, eine Heirath zu schließen, an welcher das Herz lebhaften Anteil genommen. Er hatte aber viel geliebt und zweifelte gar nicht daran, Neigung zu erwecken, wo er solche anzuregen und zu gewinnen wünschte. Er schritt daher sehr kaltblütig zu einer Wahl und hielt sich bei derselben nicht eben lange auf.
Vorlage S. 6
8
Nächst den Freiherren von Arten waren die Grafen Berka das angesehenste Geschlecht der Provinz. Die Ahnenreihe der Herren von Arten reichte allerdings weiter in die Vergangenheit zurück, dafür hatten aber die Grafen Berka dem Lande in dem letzten Jahrhundert einen seiner bedeutendsten Feldherren und einige einflußreiche Staatsmänner gegeben, und reich waren die Häuser, eines wie das andere. Nur ein wesentlicher Unterschied waltete zwischen ihnen ob. Die Grafen Berka waren, wie der ganze Adel der Provinz und wie das ganze Landvolk, protestantisch; die Herren von Arten hingegen hatten in den Heeren des deutschen Kaisers gefochten bis zum Ende des dreißigjährigen Krieges und waren Katholiken geblieben für und für.
Vorlage S. 6
9
Indeß der Adel war im Allgemeinen in jenen Tagen, von denen wir erzählen, nicht orthodox, und Baron Franz fand in sich kein Bedenken gegen eine Ehe mit einer nichtkatholischen Frau. Die Frauen des Berka'schen Geschlechtes waren zudem fast alle schön, es umgab sie der Ruf strengen Wandels, und die Verehrung, welche sie genossen, hatte ihnen jene Ruhe und Sicherheit in der äußeren Erscheinung gegeben, welche den Frauen des hohen Adels so viel anmuthige Freiheit verleiht.
Vorlage S. 7
10
Mit einer Gräfin Berka glaubte der Baron am wenigsten zu wagen. Die einzige Tochter des Hauses zeigte sich ihm nach kurzer Bewerbung geneigt, die Eltern gaben mit Freuden ihre Einwilligung; noch ehe der Herbst herankam, wurde die Zeit der Hochzeit festgesetzt, und der erste Nachtreif ruhte auf dem Lande, als man in Berka eines Abends den Ehevertrag des Barons mit Comtesse Angelika unterzeichnete.
Vorlage S. 7
11
Der Baron befand sich dabei in der angenehmsten Verfassung. Die zurückhaltende Zärtlichkeit seiner Braut hatte einen eigenthümlichen Reiz für ihn, die Aussicht, das schöne Mädchen bald sein eigen zu nennen, regte ihn angenehm auf. Er war von den mancherlei Festen hingenommen, welche man zu Ehren der Verlobten in den beiderseitigen Familien auf den verschiedenen Besitzungen derselben veranstaltete, und dazwischen beschäftigten ihn die Vorkehrungen, die er in seinem Schlosse traf, um es vor der Ankunft seiner jungen Gattin in einer Weise einrichten zu lassen, die ihrer und seiner Bequemlichkeit, ihrem und seinem Geschmacke genügen konnte.
Vorlage S. 7
12
Etwa vierzehn Tage vor seiner Hochzeit befand er sich eines Mittags in dem für seine Frau bestimmten Wohnzimmer. Sein Caplan war bei ihm, und sie überlegten gemeinschaftlich, ob man die beiden antiken Statuen des Amor und der Venus, welchen man neue Postamente gegeben hatte, neben dem Kamine oder in den Ecken des Zimmers aufstellen lassen solle. Als der Baron sich eben für das Letztere entschieden hatte, weil Kunstwerke, wenn sie neben dem Kamin stehen, die Aufmerksamkeit, welche den Lebenden, welche der Gesellschaft zukommt, auf sich zu lenken pflegten, brachte der Diener ihm einen Brief.
Vorlage S. 7
13
Der Freiherr blickte das Schreiben an, steckte es, ohne es zu öffnen, in die Tasche und versetzte kurz: Sag' Er, ich sei beschäftigt!
Vorlage S. 8
14
Dem Diener schien diese Abfertigung des Briefes nicht aufzufallen, der Baron war offenbar in seiner heiteren Stimmung gestört worden. Er trat noch ein paar Mal hieher und dorthin, die Wirkung der Statuen zu beurtheilen, dann entließ er die Diener, welche dabei behülflich gewesen waren, und ging langsam im Zimmer auf und nieder, als wolle er den Eindruck prüfen, welchen es auf den Beschauer bei einem ersten Anblicke machen würde.
Vorlage S. 8
15
Er war mit seiner Einrichtung zufrieden. Die gediegene Pracht that der Wohnlichkeit keinen Abbruch, es stimmte Alles zusammen, und was die Schönheit des Raumes noch erhöhte, das war der unbegrenzte Blick in die Ferne, den das Zimmer aus seinen hohen Bogenfenstern darbot.
Vorlage S. 8
16
Der Tag war sonnig, die Luft so fein, dass sie dem Blicke nirgend ein Hindernis entgegenstellte. Auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse lag stellenweise noch der weiße Reif, unter welchem das Gras sommerlich grün und frisch hervorsah. Die weithin sich erstreckenden gradlinigen Hecken von Buchsbaum, die scharf zugespitzten Obelisken und Taxus-Pyramiden hatten durch die späte Jahreszeit noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren. Sie entsprachen auch jetzt noch der architektonischen Absicht: die herrschaftliche Wohnung über die Grenze des Hauses hinaus in das Freie fortzusetzen, und am Ende des Gartens hoben sich die Bäume des sogenannten Bosquets empor, majestätische Kiefern, deren braunrothe Stämme, wie die Pinien, breite, grüne Kronen trugen, und prächtige Eichen, noch voll von ihrem üppigen und jetzt goldgelb gefärbten Laube.
Vorlage S. 8
17
Der Baron ging an das eine, dann an das andere Fenster. Er hatte Neigung genug für seine Braut gewonnen, um sich von ihrer Zufriedenheit Genuss zu versprechen, und es freute ihn, seiner edlen Gattin diese Heimath bieten zu können. War es Zufall oder Absicht, sein Blick fiel in den Spiegel, als er sich zurück in's Zimmer wendete, und ohne daran zu denken, richtete er sich dabei mit Selbstgefühl empor.
Vorlage S. 9
18
Er war ein Mann, der gefallen konnte, gefallen musste. Die große, breitbrüstige Gestalt entsprach dem stolzen Kopfe vollkommen. Der prächtige Haarbeutel fiel vornehm über den kräftigen Nacken auf den niedrigen Kragen des gestickten, breitschößigen Tuchrockes herab; die fein gepuderten Seitenlocken machten die Gesichtsfarbe noch brauner und frischer, die dunkeln Augen noch lebendiger aussehen, und als der Baron sich nach dieser unwillkürlichen Musterung der persönlichen Vorzüge, die er seiner Erwählten darzubieten hatte, auf dem Kanapee niederließ, hätte Jeder ihn in der besten Stimmung glauben müssen, der ihn weniger lange kannte, weniger genau zu beobachten gewohnt war, als sein Caplan.
Vorlage S. 9
19
Nur um einige Jahre älter als der Baron, war er einst als Erzieher desselben in das von Arten'sche Haus gekommen und hatte später den jungen Freiherrn als Gouverneur auf dessen erster großer Reise begleitet. Er war es denn auch gewesen, der den Geschmack des jungen Edelmannes für die schönen Wissenschaften und für die Künste entwickelt und gepflegt hatte. Was aber den gebildeten und ehrgeizigen jungen Geistlichen später bewogen, sein Leben ganz dem Dienste des freiherrlichen Hauses zu weihen, statt an irgend einem Collegium oder in der Kirche die Laufbahn zu verfolgen, für die er sich vorbereitet hatte und welche seinen Fähigkeiten und Kenntnissen entsprechend gewesen wäre, das war eigentlich selbst der freiherrlichen Familie ein Räthsel geblieben. Indeß sie hatte zu benutzen gewusst, was sich ihr dargeboten hatte. Der Freiherr besaß in seinem Caplan neben einem sehr formvollen und gelehrten Gesellschafter zugleich einen Bibliothekar und Archivar, und die Familie von Arten hatte in ihm einen geistigen Berather, dessen Treue, dessen umsichtige Verlässlichkeit sich bei den verschiedensten Gelegenheiten eben so tröstend als klug vermittelnd und versöhnend bewährt hatte.
Vorlage S. 9
20
Gemeinsame Jugenderinnerungen und ein langes gemeinsames Leben hatten den Baron und den Caplan zu Freunden gemacht, so weit Herr und Diener, so weit ein auf seine Standesvorrechte stolzer Edelmann und ein auf seine Würde achtsam haltender Geistlicher, so weit ein freier Lebemann und ein Mann von Selbstbeherrschung und von dem strengsten Lebenswandel Freunde sein konnten.
Vorlage S. 10
21
Der Baron war ein Freidenker in Bezug auf die Dogmen der Religion, aber er hatte eine lebhafte Phantasie, und während er die biblischen Wunder leugnete, war er sehr geneigt, nach der Weise seiner Zeit, an das Wunderbare zu glauben. Der Caplan seinerseits war ebenfalls nicht streng orthodox, indeß er war ein eifriger und treuer Bekenner seiner Kirche und hielt für seine Person unwandelbar an dem Moral- und Sittengesetze derselben fest. Er hatte Anfangs die Verbindung des Barons mit einer Protestantin, so weit es an ihm lag, zu verhindern gesucht. Als er dann aber gesehen, dass der Entschluss desselben einmal gefasst sei, hatte er sich durch die vortrefflichen Eigenschaften der jungen Gräfin mit der Absicht des Freiherrn ausgesöhnt, und zufrieden, dass derselbe überhaupt zur Ehe schreite, das Weitere vertrauensvoll der Zukunft überlassen.
Vorlage S. 10
22
Wenn der Baron sich dem Geistlichen überlegen fühlte, weil er sich das Recht zuerkannte, sein Leben nach seinem Ermessen zu führen und zu genießen, so gaben dem Caplan seine makellosen Sitten und seine gründliche Gelehrsamkeit ein moralisches Uebergewicht über den Baron, das um so schwerer in die Wage fiel, als ruhige Menschenbeobachtung und Welterfahrung den Geistlichen milde und nachsichtig für fremde Schwäche gemacht hatten. Da nun der Baron von weichem Herzen war und das Gute liebte und that, sofern es ihm keine großen Opfer kostete, und da er in seinem Leben auf äußern Anstand hielt, so hatte der Caplan unter dem Schutze seines Herrn vielfach nützlich wirken, viel Gutes fördern, manches Unrecht verhindern oder vergüten können, und beide waren in der Regel mit einander auch wohl zufrieden gewesen. Der Caplan wusste viel Lobenswerthes an seinem Herrn zu würdigen; der Baron rühmte sich, einen verlässlichen Freund und einen wahren Schatz an Jenem zu besitzen, und eben diesen Morgen hatten sie bei Aufstellung der Statuen wieder eine recht angenehme Stunde mitsammen zugebracht.
Vorlage S. 11
23
Auch jetzt, als der Baron dem Caplan gegenüber Platz genommen hatte, sagte er, noch einmal nach den beiden Ecken des Gemaches hinblickend, als habe ihn bis dahin nichts Anderes beschäftigt:
Vorlage S. 11
24
Die beiden Figürchen behaupten sich doch überall! Sie werden, denke ich, meiner Frau in diesem Zimmer Vergnügen machen, wenn schon ich freilich an eine Frau nicht dachte, als ich sie damals in Neapel erstand.
Vorlage S. 11
25
Gewiss! sie nehmen sich hier noch besser aus, als in der Bibliothek. Die halbe Lebensgröße schrumpfte in dem hohen Saale zu sehr zusammen, bestätigte der Caplan, der schon früher mehrmals vorgeschlagen hatte, die Statuen aus dem Bibliotheksaale zu entfernen und hier aufzustellen.
Vorlage S. 11
26
Eine kleine Weile saßen die beiden Männer schweigend sich gegenüber. Des Barons Blicke glitten von einem Gegenstande auf den anderen, selbst seine Stellung wechselte er ungewöhnlich oft. Dem Caplan entging das nicht. Er lehnte gelassen in seinem Sessel. Den Kopf auf die Hand gestützt, sah er dem Spiele der Flammen im Kamine zu, es ruhig erwartend, was der Baron ihm mitzutheilen haben werde. Denn dass dieser ihm eine Eröffnung zu machen gedenke, davon hielt er sich überzeugt.
Vorlage S. 12
27
Wissen Sie, lieber Freund, nahm der Baron denn auch mit einem Male das Wort, ich fange an, mit einer Art von Vergnügen an die Ehe zu denken, so schwer mir der Entschluss dazu Anfangs auch geworden ist. Ja, ich habe Stunden, in denen ich es bedauern könnte, mich nicht früher verheirathet zu haben.
Vorlage S. 12
28
Dieses Bedauern ist vielversprechend für die Zufriedenheit Ihrer Zukunft, gnädiger Herr, versetzte der Caplan verbindlich.
Vorlage S. 12
29
Ich glaube das selbst, fuhr der Baron fort. Wäre es freilich nach meinem verstorbenen Vater und nach Ihnen gegangen, so hätte ich mich schon vor zwanzig Jahren verheirathen müssen, und es mag vielleicht recht gut sein, wenn man sich in der Jugend mit aller Schwärmerei der ersten Liebe zur Ehe entschließt. Sie hat uns dann für das Opfer, für das nicht hoch genug anzuschlagende Opfer unserer Freiheit, neue Genüsse und große Entzückungen zu bieten, die sie uns später, wenn wir die Frauen kennen und den Werth der Ungebundenheit erst völlig schätzen lernten, nicht mehr zu gewähren hat. Ein fertiger Mann befindet sich einem jungen Mädchen gegenüber doch immer in der Lage, ohne alle eigenen Illusionen großen Illusionen entsprechen zu sollen, und Sie müssen mir zugeben, dass dies seine bedenkliche Seite hat.
Vorlage S. 12
30
Der Caplan blickte mit dem Ausdrucke einer gewissen Verwunderung den Sprechenden an, dessen Worte etwas ganz Anderes aussagten, als die Einleitung hatte vermuthen lassen. Der Freiherr bemerkte dies, und schnell einlenkend, sprach er: Trotz dieser Einsicht, die sich ein Mann wie ich nicht fortphilosophiren kann, ist meine bevorstehende Gebundenheit mir erwünscht. Auch die Lust an der Freiheit, an der Selbstbefriedigung erschöpft sich, und ich stelle es mir angenehm vor, das Glück eines jungen Wesens zu machen, das mir vertrauensvoll sein Leben in die Hand giebt. Es mag in solchem Gefühle sich das herannahende Alter verkünden, aber in der That, ich empfinde so!
Vorlage S. 12
31
Ein kaum merkliches Lächeln in seinen Mienen widersprach jedoch dieser Behauptung über sein alter, und der Caplan wusste zudem, dass der Freiherr es nie mals ernstlich meinte, wenn er desselben erwähnte, ja, dass er in solchen Fällen immer auf einen Widerspruch rechnete. Aber diesmal fand der Caplan es nicht angemessen, ihm die Genugthuung eines solchen Widerspruches zu gewähren. Er bemerkte daher nur, dass die junge Gräfin liebreich und liebebedürftig erscheine, dass der Baron also darauf rechnen könne, für seine beabsichtigte Hingebung durch eine schöne Zärtlichkeit belohnt zu werden, und dass überdies seine reife Erfahrung ihm neben der jungen Frau die Möglichkeit gewähren werde, dieselbe nach seinen Wünschen und Bedürfnissen zu erziehen.
Vorlage S. 13
32
Gewiss! gewiss! rief der Baron mit einer Ungeduld, die bei dem ruhigen Gange dieser Unterhaltung nicht berechtigt schien; aber grade mit dem Erziehen ist es ein eigenes Ding!
Vorlage S. 13
33
Er brach davon ab, und sprach dann nach einer Pause mit sichtlicher Ueberwindung: Sie wissen, dass ich nichts halb zu tun liebe. Ich bin also genöthigt – er stand auf, rückte ein Bild an der gegenüber liegenden Wand zurecht und sagte darauf mit einer gewissen Heftigkeit, als wollte er sich zwingen, es auszusprechen: Ich muss den Handel in Rothenfeld zu Ende bringen! Pauline muss fort!
Vorlage S. 13
34
Es war ihm lieb, dies ausgesprochen zu haben; es kam ihm damit festgestellt und also halb geschehen vor. Er nahm eine Prise aus der goldenen Dose, auf welcher das Bild seiner Braut gemalt war, und bot sie darauf dem Caplan dar.
Vorlage S. 14
35
Dieser griff behutsam hinein, und während er den feinen Taback mit gespitzten Fingern langsam zur Nase führte, sagte er, den Kopf beim Schnupfen senkend, dass er den Freiherrn nicht anzublicken brauchte: Das wird allerdings eben so unerläßlich als zweckmäßig sein! Er säuberte darauf leichthin das schwarze eng anliegende Gewand von dem Taback, der etwa darauf verschüttet sein konnte, knipste mit den feinen Fingern die paar Körnchen hinunter, welche auf dem seidenen Beinkleide liegen geblieben waren, und sah mit seinem klaren, ernsten Auge dem Freiherrn nach, der im Zimmer hin und wieder ging.
Vorlage S. 14
36
Seit vollen sechs Jahren war der Name Pauline zum ersten Male zwischen ihnen genannt worden, und es dünkte dem Baron, als sei er durch das bloße Aussprechen dieses Namens dem alten Freunde näher gebracht, als seit langer Zeit; denn ein Lebensgenosse, dem wir geflissentlich vorenthalten, was uns beschäftigt, rückt uns in demselben Grade fern und ferner, in welchem der Gegenstand unserer verborgenen Theilnahme uns näher tritt.
Vorlage S. 14
37
Weil der Baron aber die ihm peinliche Mittheilung baldmöglichst abgethan zu haben wünschte, sagte er: So verschieden unsere Ansichten in Manchem, und eben auch in diesen Dingen sind, so werden Sie mir doch zugeben müssen, mein Freund, dass über dem Menschen eine Unfreiheit liegt, gegen die er – mögen Sie dieselbe Geschick, Schicksal, Verhängnis, Vorsehung oder wie Sie immer wollen, nennen – ohnmächtig ist. Das macht es mir so entmuthigend, in die Vergangenheit zurückzublicken. Unser Wollen und unser Vollbringen decken sich so selten, unsere Absichten und unsere Taten entsprechen einander oftmals so wenig. Und dabei bilden fremdes Empfinden und der Zufall noch so unabweisliche Faktoren in jedem Menschenleben, dass man oft fragen möchte: Was war That und was Erleiden? Was war Schicksal und was freier Wille? Wo endet das Verdienst, wo beginnt die Schuld? Wo haben wir zu sühnen, wo uns selber zu bewahren? Denn die Moral, welche Kirche und Staat als Canon aufstellen, kann nur äußere Entscheidungen und Entschlüsse hervorrufen; den inneren Zwiespalt lösen ihre Gesetze nicht.
Vorlage S. 14
38
Mich dünkt aber, hob der Caplan an, welcher dem Baron bis dahin mit Achtsamkeit gefolgt war und der den Seelenzustand desselben deutlich übersah – mich dünkt aber, der Fall, dessen Sie gedenken, ist nichts weniger als verwickelt, wenn schon er ....
Vorlage S. 15
39
Und wieder ließ der Baron ihn nicht vollenden. Urteilen Sie nicht, lieber Freund, und vor Allem verdammen Sie nicht, ehe Sie nicht die Reihe von besonderen Thatsachen und die einander widerstrebenden Empfindungen kennen, die hier mitwirken und mich peinigen, sprach er, jede Einwendung des Geistlichen im Voraus abwehrend. Denn bedrängt, wie er sich fühlte, wünschte er doch Herr des Gespräches zu bleiben und mit seinem Vertrauen vorzugehen oder einzuhalten, wie es ihm im Augenblicke passend scheinen würde. Es war auf eine Herzenserleichterung und allenfalls auf Beistand, nicht auf eine Selbstanklage oder eine Ermahnung von ihm abgesehen, welche der Caplan in früheren Jahren, als der Baron sich noch bisweilen zu den kirchlichen Ceremonien entschlossen, ihm nicht erspart hatte.
Vorlage S. 15
40
An und für sich, als nackte Thatsache betrachtet, fuhr der Baron mit absichtlich zur Schau getragener Leichtigkeit fort, ist die Sache im Grunde der einfachsten eine. Der unverheirathete Gutsherr hat die Tochter seines Jägers, hat ein Mädchen von seinen Gütern zur Geliebten gehabt und denkt dasselbe aufzugeben, es abzufinden, weil er sich verheirathen will, verheirathen muss. Das kommt, wie Sie, mein Freund, es von Ihrem Standpunkte aus auch tadeln mögen, doch alle Tage vor und ist etwas so Gewöhnliches, dass es in der That kaum die Rede darüber werth wäre! Und doch – können Sie es Sich denken? habe ich mir den Entschluss zu meiner Heirath förmlich abringen müssen! Doch habe ich es auch noch bis heute, wo meine Hochzeit vor der Thüre steht, nicht über mich gewinnen können, dem armen Geschöpfe zu sagen: Nimm dein Kind und geh'! – Abrahams Handlungsweise gegen Hagar ist mir stets als eine rohe Grausamkeit erschienen.
Vorlage S. 15
41
Der Caplan ließ eine kleine Weile in Schweigen verstreichen, dann versetzte er bestimmt und gemessen wie immer: Ich kann mir wohl vorstellen, wie eben Sie Sich schwer zu einem solchen Schritte entschließen können. Hier aber, wo ein beklagenswerthes Ereignis unabänderlich feststeht, wo eine zwingende Notwendigkeit zur Entscheidung drängt, gilt es allein, um jeden Preis ein neues und größeres Uebel zu verhüten! Mich dünkt, Herr Baron, Sie haben gar keine Wahl in diesem Augenblicke!
Vorlage S. 16
42
Keine Wahl? Wie meinen Sie das? fragte der Freiherr mit jener halben Zerstreutheit der Vornehmen, die selten achtsame Zuhörer sind und mit ihren Gedanken umherzuschweifen beginnen, sobald sie selbst nicht sprechen. Keine Wahl? Wie meinen Sie das?
Vorlage S. 16
43
Ich meine, dass Ihre Verheirathung für Sie eine Notwendigkeit geworden ist. Ihre Wahl ist eine in jedem Betrachte glückliche und vortreffliche zu nennen. Die künftige Frau Baronin hat neben ihren anderen seltenen Vorzügen ein weiches Herz und eine schöne, reine Seele. Sie hat für diese eine eben so reine Lebensatmosphäre zu verlangen, und Paulinen's Nähe würde diese ohne alle Frage bald beeinträchtigen. Ganz abgesehen davon, dass für den verheiratheten Mann ...
Vorlage S. 16
44
Ich weiß das, ich weiß das! Ich habe mir das alles längst und selbst gesagt! rief der Baron mit schnell erwachter Ungeduld lebhaft aus. Sie sehen ja auch, mein Entschluss steht fest! Ich habe im Leben ähnliche Händel, ich habe tiefere Herzensverbindungen sonst auch mit raschem Entschlusse, mit fester Hand zerrissen und mich damit beruhigt, dass Selbsterhaltung eine gebietende Pflicht, und jeder Mann in der Lage sei, für sein Wohlbefinden selbst zu sorgen! Ja, ich bekenne Ihnen, ich finde es eigentlich eine unbegreifliche Schwäche von mir, dass es mir so widerstrebt, das Natürliche, das Sittlichgebotene zu tun, und wenn ich mein innerstes Herz befrage, so ist es außer der wirklichen Zuneigung, welche ich für das Mädchen und für den Knaben hege, eine Art von Aberglauben, der mich an Paulinen festhalten, eine unheimliche Ahnung, die mich zögern macht, die Arme von hier fortzuschicken!
Vorlage S. 17
45
Diesen letzten Einflüssen, Herr Baron, hätte ich Sie in der That nicht mehr, und am wenigsten in diesem Falle unterworfen geglaubt, bemerkte der Caplan mit vieldeutigem Lächeln.
Vorlage S. 17
46
Der Baron beachtete das kaum, er hing schweigend seinen Gedanken nach. Ich habe sie einst als ein Pfand des Glückes angesehen, habe im Geiste meinen Stern an den ihrigen geknüpft, als sie noch ein hülflos Kind gewesen ist, sagte er nach einer Pause, gleichsam in sich selbst hineinredend, und, fuhr er dann nach einem neuen, kurzen Schweigen lebhafter fort, Sie können sich in der That nicht denken, lieber Freund, in welcher Verfassung ich nach meinem zweiten Aufenthalte in Dresden in die Heimath zurückkehrte. Die traurige Angelegenheit mit der Gräfin, das unglückliche Duell mit ihrem Manne lagen mir auf der Seele. Mein Herz war verzagt, mein Sinn beschwert, mein Ehrgefühl durch den herzlosen Leichtsinn der Gräfin, die mich über dem Sarge ihres Gatten einem jungen Laffen aufopferte, empfindlich gekränkt. Ich glaubte, der großen Welt, der Höfe, der Frauen müde zu sein. Ich fühlte einen Widerwillen gegen die Unnatur aller der Verhältnisse, die wir uns als Convenienzen auferlegen, und als ich von der Höhe der Berge Schloß Richten erblickte, als ich so einsam dahinfuhr und die Bäche rieseln, die Halme sich im Morgenwinde wiegen sah, als die Bäume unserer Wälder mir ihren Schatten spendeten und ihren Willkomm zuflüsterten, da erwachte in mir eine nie gefühlte Freude an der Natur, und ich gelobte mich in der Stille meines Herzens ihr und ihren einfachen Freuden und Pflichten an. Es war eine Stunde, deren ich mich lebenslang als einer schönen, feierlichen erinnern werde.
Vorlage S. 17
47
Und doch war gerade jener Zeitpunkt einer der traurigsten für diese Gegend, wendete der Geistliche ein. Wenigstens haben Alle, die ihn hier durchlebten, ihn schwer genug empfunden. Die Berichte, welche man der verstorbenen Frau Baronin nach Italien sandte, klangen, obschon man gewiss sich in denselben vorsichtig geäußert hatte, untröstlich genug.
Vorlage S. 18
48
Mir in meiner Stimmung, entgegnete der Baron, kam das allgemeine Unglück nur wie ein Mahnruf für mich selber vor. Die Seuche, welche die Provinz heimsuchte, hatte auch bei uns große Verheerungen angerichtet. Ganze Familien waren dem Typhus erlegen, ganze Häuser ausgestorben und leer. Selbst in unserm Hause fand ich fast ein neues Dienstpersonal vor, und gerade am Tage meiner Ankunft war die Frau meines Jägers ihrem Manne in das Grab gefolgt.
Vorlage S. 18
49
Sie war, wie man uns bei unserer Rückkehr sagte, die letzte Person, welche im Schlosse starb, bemerkte der Caplan.
Vorlage S. 18
50
Sie war überhaupt die letzte Person, die auf unseren Gütern starb, bestätigte der Baron, und tief aufathmend fügte er hinzu: Und eben daran knüpft sich für mich das Verhängnißvolle. – Er blieb stehen, setzte sich dann wieder vor dem Kamine nieder und sagte: Sie waren mit meiner Mutter und Schwester abwesend, und mein Vater nicht geneigt, sich irgendwie auszusetzen. Die Angst vor der Ansteckung war also maßlos geworden, als ich nach Hause kam. Man hatte in der letzten Woche Noth gehabt, die Leichen unter die Erde zu bringen, oder den Kranken auch nur die nothdürftigste Pflege und Wartung zu verschaffen. Als die Frau des Jägers nun auch gestorben war, wollte mein Vater das ebenfalls erkrankte Kind derselben nicht mehr im Hause leiden, und überall weigerte man sich, das kleine, kranke Geschöpf aufzunehmen. In einer Stimmung, wie die meine damals war, und mit siebenundzwanzig Jahren schlägt man das Leben nicht eben hoch an. Es fiel mir also nicht sonderlich schwer, ein gutes Beispiel zu geben. Trotz aller Bitten und Warnungen meines Vaters half ich die Frau bestatten, fuhr ich selbst das kranke Kind, dem der Arzt das Leben abgesprochen hatte, zu meiner Amme, die damals noch eine rüstige, unverzagte Frau war, und sich mir zu Liebe, seiner Pflege zu unterziehen versprach.
Vorlage S. 18
51
Der Baron hielt einen Augenblick inne, dann sagte er, an seinen früheren Ausspruch anknüpfend: Diese That war Freiheit; was ihr folgte, möchte ich Verhängnis nennen. Denn als ich mit dem kranken Kinde durch den Wald fuhr und es so elend in seinen Kissen auf dem Rücksitze des Wagens vor mir liegen sah, schoss mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf: wenn das Kind wider alles Erwarten genese, wenn es mir die tödtliche Krankheit nicht übertrage, so solle mir das ein Zeichen sein, dass mir noch Freude und Wirksamkeit hienieden bestimmt sei, und wie ein Pfand meines Glückes wolle ich dann die Kleine ansehen und in meiner Nähe behalten.
Vorlage S. 19
52
Der Baron hatte das alles in eigenem Rückerinnern gesprochen. Jetzt blickte er dem Caplan fest ins Auge, als wolle er dessen innerste Meinung erforschen, ohne dass er um dieselbe zu fragen oder sie anzuhören brauchte, und sagte: Ich weiß, was Sie über solch ein Würfelspielen mit dem Zufalle denken. Sie nennen es unchristlich; ich nenne es thöricht, und doch übte es damals, übt es noch in dieser Stunde seinen Einfluß auf mich aus. – Um des Beispiels willen, so sagte ich mir damals, in der That jedoch mehr, um mein Schicksal zu erproben, fuhr ich im Laufe der nächsten Woche häufiger nach Rothenfeld hinüber, um nach dem Kinde zu sehen. Was der Mensch aber zu beobachten anfängt, darauf richtet er seine Neigung, und hatte ich doch ohnehin meine eigene Zukunft in meiner Phantasie an dieses Kind geknüpft! Ich sorgte mich um dasselbe, sein Ergehen beschäftigte mich lebhafter, als ich es für möglich gehalten hätte, ja ich empfand eine große Freude und Beruhigung, als die Kleine sich zu erholen begann und endlich vollständig genas. Ich glaubte von jenem Zeitpunkte ab wieder an die Zukunft, ich hoffte für mich wieder etwas von der Zukunft.
Vorlage S. 19
53
Ihre Theilnahme an dem Kinde hatte, als wir von Venedig heimkehrten, für die verstorbene Frau Baronin und auch für mich allerdings etwas Auffallendes. Wir wussten uns Ihr Verhalten nicht zu enträthseln und fanden Sie überhaupt ganz ungemein verändert. Indeß die Mittheilungen, welche Sie mir eben zu machen belieben, erklären mir jene Theilnahme wie jene Veränderung, bemerkte der Caplan, der immer nur dann sich in die Rede des Freiherrn mischte, wenn er befürchtete, dass sie ins Stocken gerathen, und die Angelegenheit, um welche es sich handelte, dadurch nicht zu ihrem Ende geführt werden möchte.
Vorlage S. 20
54
Die Wandlung in meinem Wesen war natürlich genug, meinte der Baron. Der Wechsel der Umgebungen und der Zustände war für mich sehr grell gewesen. In Dresden ein Leben des Genusses, welches mir das Herz zerrissen, hier Noth und Elend, an denen ich mich aufgerichtet hatte. Nun kamen Sie mit meiner Mutter von dem Sterbebette meiner Schwester aus Venedig heim ....
Vorlage S. 20
55
Ja, fiel der Caplan ihm mit einer Weise in die Rede, als wünsche er bei dieser Erinnerung nicht zu verweilen, der Verlust, welchen die Frau Baronin, welchen das Haus erlitten hatte, machte dieselbe nur geneigter, sich der Unglücklichen auf den Gütern anzunehmen. Das kam Ihrem Schützlinge damals sehr zu Statten.
Vorlage S. 21
56
Gewiss! Auch verlor ich Pauline, so lange meine Mutter lebte, mehr und mehr aus den Augen, sprach der Baron, der sich von dem Caplan schnell wieder zu seiner Erzählung zurückgeführt fand. Mein Sinn hatte sich allmählich erheitert, ich überließ mich wieder den Neigungen meines damaligen Alters. Ich wechselte öfter den Aufenthalt, und wenn ich dazwischen die Kleine einmal wiedersah, so freute ich mich ihres Gedeihens, sah mit Vergnügen, wie hübsch sie sei, und ließ mir von meiner Mutter und von der alten Margarethe erzählen, dass das Kind mich wie seinen Herrgott verehre und liebe, während ich selbst es nicht vergessen konnte, dass ich es einst als Glückspfand betrachtet hatte. – Jahre gingen so hin. Man schickte Pauline in die Schule, in der freilich wenig genug zu lernen war; aber sie ließ sich gut an, und als man sie dann nach dem Tode meiner Mutter confirmirte – ich lebte eben wieder im Auslande –, fragte man mich, ob man sie jetzt in fremde Dienste tun oder versuchen solle, sie im Schlosse unter die Dienstboten einzureihen. Um der Anfragen ledig zu werden, bestimmte ich, dass sie bei Margarethe bleiben solle; und vor der Wohnung meiner Amme, unter ihrer Thüre sitzend, sah ich Pauline eines Abends zum ersten Male wieder, als ich nach längerer Abwesenheit von Hause einmal nach Rothenfeld hinüberritt, meine Amme zu besuchen. Mein Vetter Waldern begleitete mich auf diesem Ritte. Mich erblicken, auf mich zustürzen, meine Hände küssen war für Pauline, sobald ich vom Pferde gestiegen, das Werk eines Augenblickes. Es überraschte mich, sie so erwachsen zu sehen, wie meinen Vetter der ganze Vorgang überraschte. Um ihn aufzuklären, sagte ich, dass ich das Mädchen hätte erziehen lassen. Für sich? fragte er lächelnd, und ich ließ die Frage unbeachtet, weil sie mir zuwider war. Gutsherrliche Liebschaften waren niemals mein Geschmack, und meine Sinne haben mich nie beherrscht ohne die Mitwirkung meines Herzens. Trotzdem aber wurde ich das Bild des schönen Geschöpfes, das in seiner feurigen Dankbarkeit mir nur noch reizender erschien, nicht wieder los, und ich musste mir bald sagen, dass es so gar leicht für mich sei, es zu besitzen, um mich in dem Vorsatze, das Mädchen zu meiden, aufrecht zu erhalten. Hätte Paulinen's Zuneigung sie mir nicht immer wieder in den Weg geführt, ich würde meinem Vorsatze treu geblieben sein.
Vorlage S. 21
57
Der Caplan wurde von dieser Aeußerung betroffen. Der Baron musste sehr erregt, sehr erschüttert sein, dass er sich vor sich selbst in solcher Weise zu rechtfertigen suchte, dass er es nicht fühlte, wie nahe es an das Gebiet des Komischen grenzte, wenn er, der erfahrene, herzenskundige Lebemann, es unternahm, sich halbwegs als durch die Liebe eines Kindes verleitet, darzustellen. Er mochte wohl auch etwas von dieser Verwunderung in den Mienen des Caplans bemerken, denn er brach plötzlich ab und sagte dann: Was soll ich Ihnen erzählen, wie ein unerwartetes Begegnen in einsamer Stunde einmal meine Sinne anfachte, wie des Mädchens Hingebung es mir in die Arme warf!
Vorlage S. 22
58
Er erhob sich nach diesen Worten und begann wieder im Zimmer umherzugehen. Dem Genusse folgte die Reue auf dem Fuße, sagte er kurz und schnell, als wolle er bald beenden, was ihm zu erzählen noch übrig blieb. Das Mädchen war mein Schützling gewesen; ich konnte das nicht vergessen. Unzufrieden mit mir selbst, dachte ich dem Handel keine weitere Folge zu geben. Ich hatte fest beschlossen, Pauline sogleich zu entfernen, und suchte nur nach einem Orte, nach dem ich sie schaffen, oder nach einem Manne ihres Standes, mit dem ich sie verheirathen und von welchem ich eine gute Behandlung des armen Geschöpfes erwarten konnte, denn ich wollte ihr in jedem Falle ein möglichst gutes Loos bereiten. Aber die Leidenschaft des Mädchens hatte etwas Dämonisches. Sie hing sich mit einer Gewalt der Liebe an mich, die ich in ihrem Alter und in ihrem Stande nicht für möglich gehalten hätte. Wie an meine Schritte gebannt, folgte sie mir mit einer Art von Instinkt. Sie schien meine Gedanken, meine Absichten im Voraus zu errathen; wohin ich kam, fand ich sie; wo ich sie nicht vermuthen konnte, erschien sie plötzlich. Sie wurde mir eine Art von psychologischem Räthsel. Wir wissen ja so wenig von der verborgenen Macht, welche die Wesen aneinander kettet! Ich konnte mich der Vorstellung nicht erwehren, dass ein geheimnißvoller Zusammenhang dieses Mädchen mir verbinde; aus Mitleid, aus einer menschenfreundlichen Grille und, ich mag mich Ihnen nicht besser darstellen, als ich bin, aus Genußsucht endlich behielt ich sie.
Vorlage S. 22
59
Ich verbot ihr jedoch, mir zu folgen oder jemals nach Richten zu kommen; ich versprach, sie aufzusuchen. Ihre Freude war groß, ihr Gehorsam unbedingt, und bald war mir das Idyll, bald war sie selbst mir in das Herz gewachsen. Ich unterhielt mich damit, ihren Verstand zu entwickeln; ich wollte sehen, was Erziehung aus einem Naturkinde zu machen vermöge. Ich wollte einmal eine ungekünstelte, ungeheuchelte Liebe genießen, mich an der reinen, einfachen Natur erfreuen. Ich wies den neuen und tüchtigen Schullehrer an, ihren früh abgebrochenen Unterricht wieder aufzunehmen. Paulinen's Wißbegier, durch das Verlangen, mir näher zu rücken, gesteigert, war so unermüdlich, als ihr Fleiß. Ihre Fortschritte überraschten mich. Neben den geistreichsten Frauen hat mich oftmals das Gefühl einer Ermüdung beschlichen; neben Pauline habe ich das nie empfunden. Ihre Ursprünglichkeit machte sie mir immer reizend, sie ist durch aus eigenartig. Ich habe viel Freude an ihr gehabt.
Vorlage S. 23
60
Der Caplan hatte durch sein Schweigen dem Freiherrn die Genugthuung vollen Aussprechens gewähren wollen, um danach zu berechnen, was geschehen müsse, ein gethanes Unrecht möglichst zu sühnen und neue, weiter fortgeführte Sünde zu verhüten. Nun, da der Baron anfing, sich in die Erinnerungen zu versenken, welche ihn an Pauline fesselten, dünkte es dem Geistlichen an der Zeit, diesen Erinnerungen ein Ziel zu stecken, und er fragte plötzlich nach Paulinen's Alter.
Vorlage S. 24
61
Sie war siebenzehn Jahre, als ich sie einrichtete, und neunzehn, als sie den Knaben gebar, der nun im sechsten Jahre steht, antwortete er. Die Frage des Caplans hatte den Baron aber unbehaglich aufgeschreckt; er setzte seinen Weg durch das Zimmer eine Weile lautlos fort.
Vorlage S. 24
62
Auch an dem Knaben hänge ich, sagte er dann mit einem Male. Er erschreckt mich oft durch seine Aehnlichkeit mit meinem Vater und mit mir. Dazu ist er an meinem Geburtstage, wie Pauline an dem Geburtstage meiner Mutter, geboren, deren Namen sie ja auch trägt, fügte er mit unverkennbarer Zärtlichkeit hinzu.
Vorlage S. 24
63
Und weiß sie es bereits, dass Sie sie entfernen wollen, entfernen müssen? fragte der Caplan, um den Baron von der Betrachtung dessen abzulenken, was er als das Dämonische anzusehen liebte.
Vorlage S. 24
64
Ja, sie weiß es. Als sie durch mich zuerst von meiner bevorstehenden Verheirathung erfuhr, nahm sie die Nachricht mit anscheinender Fassung auf, und weil ich sie verständig zu finden wünschte, hoffte ich, dass sie es sei und dass sie mir keine Schwierigkeiten bereiten würde. Ich belobte sie, ich sagte ihr, dass sie mir eine Beruhigung gewähre, mir einen Beistand leiste, dass ihre Zukunft mir sehr am Herzen liege, dass ich für den Knaben in jedem Betrachte sorgen würde, und ich verließ sie, sehr zufrieden, sie so fügsam gefunden zu haben. Ja, ich war ihr dankbar, recht eigentlich dankbar dafür, dass sie mir erleichterte, was mir selber so schwer fiel. Ich hatte aber nicht berechnet, dass sie nicht über den Augenblick hinaus zu denken pflegte, wenn ich bei ihr war.
Vorlage S. 25
65
Der Baron wollte die ihn drückende Angelegenheit gern wie ein Geschäft behandeln und zum Abschluss bringen. Aber wie sehr er sich auch dazu zwang, der Zwiespalt zwischen seiner Vernunft und seiner Empfindung, zwischen seinen Absichten und seinem Gewissen verrieth sich immerfort, und er hatte Pauline vielleicht nie zärtlicher im Herzen getragen, als in dieser Stunde, in der er sich für immer von ihr loszumachen strebte.
Vorlage S. 25
66
Paulinen's Knabe ist natürlich protestantisch, wie die Mutter, bemerkte der Caplan, der den Baron bei den Thatsachen festzuhalten wünschte und der es damit verrieth, dass er von den Vorgängen in Rothenfeld wohl unterrichtet sei.
Vorlage S. 25
67
Ja, sprach der Baron, aber ich bekenne Ihnen ehrlich, ich wünschte, dass es anders wäre; denn der Katholicismus kommt mit seinen Lehren dem Bedürfnisse der Schwachen, der Leidenden doch weit mehr, ich möchte sagen, sichtbarer, faßbarer zu Hülfe, als der Protestantismus es tut. Und auch hier trage ich eine Schuld. Es hätte mich nur ein Wort gekostet, den Knaben unserer Kirche zu übergeben; aber die Mutter würde ohne Zweifel dem Kinde dann nachgefolgt sein. Ich habe dies zu tun versäumt, und jetzt gäbe ich doch viel darum, wenn die arme Pauline unserer Kirche angehörte.
Vorlage S. 25
68
Ist sie denn überhaupt eine religiöse Natur? fragte der Geistliche.
Vorlage S. 26
69
Sie war es ganz unstreitig! Indeß die zelotische Strenge des Neudorfer Pfarrers hatte sie so beängstigt, dass ich sie, um sie zu beruhigen, nur leider von der Kirche entwöhnen musste. Das ist jetzt in der That ein großes Unglück für sie und für mich. Wenn Pauline Katholikin wäre, wenn sie einer Kirche vertrauensvoll angehörte, wenn sie sich aussprechen, beichten, Rath und Trost finden, ja, selbst büßen könnte, so würde das in diesem Augenblicke eine Wohlthat, es würde die größte Hülfe, es würde eine Rettung für sie sein. – Und ihr zu helfen, mir zu helfen, das ist es, was ich jetzt von Ihnen zu fordern genöthigt bin, mein alter Freund! schloß der Baron im Tone bittender Herzlichkeit.
Vorlage S. 26
70
Der Caplan zögerte zu antworten; er ging offenbar mit sich zu Rathe. Und was verlangen Sie von mir? Was wünschen Sie, dass ich für Pauline thue? fragte er danach.
Vorlage S. 26
71
Gehen Sie zu ihr, mein Freund! Zeigen Sie ihr, dass Sie Alles wissen, suchen Sie ihr Vertrauen zu gewinnen. Seit die alte Margarethe todt ist, hat sie Niemand mehr gehabt, der Theil an ihr genommen hat, sagte der Freiherr. Der Vorzug, den ich ihr einräumte – Sie kennen ja die Menschen – machte sie unbeliebt. Man mißgönnte ihr denselben von der einen Seite, und warf von der anderen den Stein auf sie. Man misstraute ihr und beneidete sie. Sie war also, mehr als gut ist, auf mich allein angewiesen. Stellen Sie ihr die Dinge vor, wie sie liegen. Machen Sie ihr meine und ihre Lage klar. Was Sie ihr sagen, wird uneigennütziger, milder scheinen, als meine Vorstellungen, und wird darum eindringlicher wirken. Sagen Sie ihr, dass sie, schon um ihrem Knaben eine gute Zukunft zu bereiten, sich früh mit ihm von hier entfernen müsse. Mit einem Worte, bester Freund! er ging auf den Caplan zu, ergriff seine Hände und sagte mit einer Bewegung, die er nicht mehr bemeistern konnte: Ich kenne Ihre Grundsätze, aber ich kenne auch Ihre Anhänglichkeit, Ihre Freundschaft für mich. Ich habe Ihre Gewandtheit und Rechtlichkeit vielfach schätzen zu lernen Ursache gehabt, und hier handelt es sich nicht einzig und allein um mich. Ein armes, unglückliches Weib hat Ihren erbarmungsvollen Beistand nötig, und Pauline liegt mir mehr am Herzen, als mir lieb ist. Beruhigen Sie sie um meiner Ruhe willen. – Und vor allen Dingen machen Sie, dass sie sich entfernt, denn ich bin das zu tun nicht im Stande – und fort muss sie!
Vorlage S. 26
72
Er wandte sich danach schnell ab, verließ das Zimmer, und der Caplan blieb allein zurück.
Vorlage S. 27
73
Er sah dem Freiherrn gedankenvoll nach. Immer der Alte, sagte er endlich, indem er eine Prise nahm, seinem Herzen wie seinen Sinnen und seinen Phantasmen unterthan. Eben so leicht geneigt, sich die Zügel schießen zu lassen, als sich dessen anzuklagen und sich davon freizusprechen. Wann wird die Stunde endlich für ihn schlagen?
Vorlage S. 27
74
Er blieb wie in Gedanken vor den Bildern stehen, welche die Hauptwand des Zimmers schmückten. Sie stellten die Eltern und die verstorbene Schwester des Freiherrn vor. Er betrachtete das Portrait der Letzteren lange und liebevoll.
Vorlage S. 27
75
Nur Etwas von ihrem klaren, festen Sinne, und welch ein Anderer wäre auch er geworden! rief er aus. Dann entfernte er sich ebenfalls, und nur die hellen Sonnenstrahlen belebten das schöne, würdige Gemach.
Vorlage S. 27
76
Zweites Capitel
Vorlage S. 28
77
Noch an demselben Abende ließ der Caplan sich den kleinen Wagen anspannen, der ihm seit langen Jahren zu seinem Privatgebrauche überwiesen worden war, und fuhr nach dem fast eine Stunde entlegenen Dorfe Rothenfeld hinüber, die Geliebte des Freiherrn aufzusuchen.
Vorlage S. 28
78
Vor dem Dorfe stieg er aus. Er wollte den Wagen nicht vor Paulinen's Thür stehen lassen. Das kleine Haus lag am Eingange des Dorfes. Es hatte, seit Pauline die Geliebte des Barons geworden war, einige Veränderungen erhalten, die es, so gering dieselben auch waren, doch vortheilhaft von den andern Häusern des Dorfes unterschieden. Es war sauber getüncht, die Fenster höher ausgebrochen, hatte grüne Läden vor denselben, und ein Gärtchen, in welchem noch einzelne Stockrosen farbig über ihre bereits braun gewordenen Blätter emporragten. Auch noch jetzt im Herbste und trotz des vielen abgefallenen Laubes verrieth es eine liebevolle Pflege.
Vorlage S. 28
79
Die Hausthüre stand offen, der kleine Vorplatz war sauber mit Sand bestreut, das Feuer auf dem Heerde brannte hell. Es beleuchtete die Reihen weiß und blauer Fayence-Teller und blanker Zinngeräthschaften auf dem Simse und in den Borden. Eine ganz junge Magd spann bei seinem Scheine. Als der Schritt des Caplans auf dem knisternden Sande der Schwelle hörbar wurde, öffnete sich die Stubenthüre und Pauline kam heraus. Aber kaum hatte sie den Geistlichen erkannt, so trat sie erschreckend zurück, und mit einer Miene, in der sich ihre Enttäuschung aussprach, sagte sie: Herr Caplan! Sie sind es, Herr Caplan? Sie hier? Sie fasste sich jedoch schnell und nöthigte ihn mit feiner Handbewegung zum Eintritt.
Vorlage S. 28
80
Das Zimmer war bescheiden und freundlich wie das Haus. Ein Canapé mit grünem Rasch überzogen, ein Lehnstuhl daneben, Tische, Stühle und Schränke von Nußbaumholz mit weitgeschweiften Füßen, und ein kleiner Spiegel in zinnernem, vielgeschnörkeltem Rahmen gaben ihm eine hübsche Behaglichkeit. Auf dem Tische stand sauberes Kaffeegeräth neben dem Nähkästchen, von welchem die Arbeit niedergeglitten war. Trockene Eicheln und Kastanien, in Häufchen gesondert, bedeckten den andern Theil des Tisches. Sie machten das Spielzeug des Knaben aus, der, auf einem Stuhle knieend, den ungewohnten Gast mit neugierigen Blicken betrachtete.
Vorlage S. 29
81
Sie hier, Hochwürden? wiederholte Pauline. Was ist dem gnädigen Herrn zugestoßen?
Vorlage S. 29
82
Sie erwarteten also den Herrn Baron? fragte der Geistliche und ließ sich auf den großen Lehnstuhl nieder, den sie ihm trotz ihrer Verwirrung mit guter Manier angeboten hatte.
Vorlage S. 29
83
Ich dachte – ich hatte heute Morgen an den gnädigen Herrn geschrieben – und ich hoffte also immer noch – sprach sie, unentschlossen, was sie sagen solle, und sich deßhalb selbst fortwährend unterbrechend. Dann nahm sie sich plötzlich zusammen und sagte sehr bestimmt: Hochwürden, was ich hören soll, das sagen Sie mir gleich und grade heraus. Sie sind zu mir nicht bloß von ungefähr gekommen!
Vorlage S. 29
84
Sie hob dabei den Knaben vom Stuhle herunter und hieß ihn in die Küche zu dem Mädchen gehen. Als er sich entfernt hatte, setzte sie sich vor ihre Arbeit hin, die Hände auf den Tisch gelegt und offenbar auf eine schwere Mittheilung gefasst.
Vorlage S. 29
85
Der Caplan hatte sie nicht in der Nähe gesehen und nicht gesprochen, seit sie nicht mehr nach Richten und in das Schloß gekommen war. Er fand sie daher in jedem Betrachte verändert. Sie hatte die Kleidung der Landleute abgelegt und trug sich wie die städtischen Frauen bürgerlichen Standes. Das enganliegende Leibchen des großblumigen Kattunrockes, das weiße Busentuch, das Nacken und Kehle freiließ, die kleine Dormeusenhaube, die, ihr auf dem Hinterkopfe sitzend, die Fülle ihres braunen Haares nicht zu fassen vermochte, kleideten sie vortrefflich. Sie war wirklich schön zu nennen, ihre Züge waren rein und sehr weiblich, nur die kleine Stirn mit den nahe zusammengewachsenen und scharfgezeichneten Brauen gab dem Kopfe etwas Finsteres und Hartes, und erklärte dem Caplan die Gewalt, welche Pauline über den Baron besaß, und die geheimnißvolle Macht, durch die er sich an das Mädchen gebunden glaubte.
Vorlage S. 29
86
Der Caplan hatte es sich auf der Fahrt nach Rothenfeld ruhig zurecht gelegt, was er ihr sagen und wie er sie behandeln wolle, aber wie es auch den Gescheutesten manchmal zu begegnen pflegt, dass sie ihr einstiges Wissen und ihre Vorstellungen von den Personen festhalten, wenn diese längst nicht mehr dieselben sind, so hatte er trotz seiner sonstigen Lebensklugheit es außer Acht gelassen, dass er die jetzige Pauline gar nicht kannte, dass der natürliche Verlauf der Zeit, dass der langjährige vertraute Umgang mit dem Freiherrn sie verändert haben mussten. Als er sie denn jetzt plötzlich vor sich sah, fand er, dass Alles, was er ihr vorzuhalten beabsichtigt hatte, für sie und ihren gegenwärtigen Zustand nicht mehr passte. Es war ihm daher recht erwünscht, dass ihre lebhafte Besorgniß ihm die Mühe ersparte, sie auf seine Mittheilungen vorzubereiten, und dass sie ihn ohne sein Zuthun als den Boten übler Kunde ansah.
Vorlage S. 30
87
Ich komme allerdings nicht zufällig hieher, sagte er, aber dem Herrn Baron ist kein Unglück zugestoßen. Er befindet sich wohl und wird morgen in aller Frühe auf einige Tage nach der Stadt reisen, jedoch noch einmal hieher zurückkommen.
Vorlage S. 30
88
Das war immer sein Vornehmen, versetzte sie, und weil ich das wusste, schrieb ich eben heute. – Beide sprachen dabei das Wort von der Vermählung des Barons geflissentlich nicht aus.
Vorlage S. 31
89
Was machte Sie also eine üble Nachricht vermuthen, als ich kam? fragte der Caplan.
Vorlage S. 31
90
Sie sah ihn mit raschem Blicke forschend an, als wolle sie erspähen, was sie etwa von ihm zu erwarten habe; dann zuckte sie leise mit den Schultern und meinte seufzend: Sie werden das wohl wissen, Hochwürden, dass mir jetzt vom Schlosse nichts Gutes mehr kommt. Sie sind ja auch niemals hier gewesen, seit ich hier allein im Hause wohne!
Vorlage S. 31
91
Sie wurde roth, als sie diese Worte sprach, und der Caplan hätte die Aeußerung für seine Zwecke nicht besser wünschen können. Das ist leider wahr und sehr erklärlich, sagte er. Als die verstorbene Frau Baronin noch am Leben war und Sie im Schlosse noch aus-und eingingen, war es freilich anders, und die gnädige Frau hat sicherlich nicht erwartet, was hernach geschehen ist.
Vorlage S. 31
92
Hochwürden, rief Pauline und hob die Hände unwillkürlich bittend zu ihm empor, sprechen Sie davon nicht, jetzt nicht! Seit neun Tagen ist der Herr Baron nicht mehr hier gewesen, obschon er auf dem Schlosse war die ganze lange Zeit; seit neun Tagen ist mein Leben ein einziges Warten gewesen Tag und Nacht! Ich weiß vor Angst und Qual nicht mehr, wie mir zu Muthe ist; ich habe genug auf dem Herzen, auch ohne dass ich an die selige Frau Baronin denke!
Vorlage S. 31
93
Und hoffen Sie denn, dass Sie hier in Rothenfeld, so lange Sie in der Nähe des Schlosses leben, jemals zur Ruhe kommen werden? fragte er nachdrücklich.
Vorlage S. 31
94
Sie war bis dahin äußerlich gefasst und ruhig gewesen, bei dieser Frage aber fuhr sie augenblicklich leidenschaftlich empor. So lange ich in der Nähe des Schlosses bin? Wo soll ich denn anders sein als hier, als hier, wo ich geboren bin und hingehöre? Ich gehe auch nicht fort von hier, gewiss und bestimmt nicht! Ich habe ihm das selbst gesagt seit all den Wochen und Wochen, und wenn Sie nur deßhalb hergekommen sind, Hochwürden, so .... Sie vermochte seinem ruhigen Blicke gegenüber das trotzige Wort nicht zu vollenden, und plötzlich abbrechend rief sie: Alles, alles, was er will – nur nicht fort von hier!
Vorlage S. 31
95
Sie nannte den Namen des Barons auch jetzt wieder nicht, indeß die Art, in welcher sie ihn bezeichnete, gab deutlich das Verhältnis kund, in dem sie seit Jahren zu ihm gestanden, und das Gefühl der Berechtigung, dass sie dadurch neben ihm gewonnen hatte. Sie dauerte den Caplan; er sah sie an, um in ihrem gramerfüllten und doch stolzen Antlitz die Züge des einst so freundlichen und heiteren Kindes wiederzufinden, und unwillkürlich gab er ihr schweigend die Hand. Das machte einen erschütternden Eindruck auf sie. Sie schlug die Augen nieder und schien sich ihrer Heftigkeit zu schämen.
Vorlage S. 32
96
Es tut mir leid, sagte er, dass ich Sie so wiederfinde und dass ich mit solchem Auftrage, wie der meine, zu Ihnen kommen muss; denn allerdings ist es die Notwendigkeit Ihrer Entfernung, die ich Ihnen begreiflich zu machen wünsche. – Er hielt inne, sein Blick lag fortdauernd mit demselben ruhigen Ernste über ihr. Sie waren solch ein gutes Kind, solch braves Mädchen! sagte er nach einer Weile.
Vorlage S. 32
97
Ein Zug von Schmerz flog über ihre Mienen, sie antwortete und regte sich nicht.
Vorlage S. 32
98
Als ich es dem Herrn Baron verhieß, zu Ihnen zu gehen und mit Ihnen zu sprechen, fuhr der Caplan fort, brachte ich ein Opfer damit. Jetzt freut es mich, dass ich gekommen bin, denn ich hoffe, auch Ihnen soll es zu Gute kommen.
Vorlage S. 32
99
Mir? Was können Sie mir helfen, wenn Sie es auch wollten? unterbrach sie ihn. Der gnädige Herr allein ....
Vorlage S. 33
100
Der Caplan ließ sie nicht weiter sprechen. Es ist fern von mir, fuhr er fort, Ihnen Vorstellungen, Vorwürfe zu machen, welche Ihr eigenes Gewissen Ihnen in ruhigen Stunden sicherlich nicht erspart. Es ist eben so fern von mir, Ihnen den Weg nennen zu wollen, auf dem Sie bisher gegangen sind. Sie haben Verstand, Sie haben ein Herz, Sie müssen also den Unsegen Ihrer Lage selbst empfunden haben, und Ihr Kind wird den Makel seiner Geburt durch sein ganzes Leben tragen. Aber Sie waren jung, als Sie den ersten Schritt zur Sünde thaten, und ....
Vorlage S. 33
101
Sünde? wiederholte sie, indem sie sich aufrichtete, was habe ich denn gesündigt?
Vorlage S. 33
102
Pauline! rief der Geistliche mit Strenge, wen wollen Sie jetzt täuschen, sich oder mich?
Vorlage S. 33
103
Nicht Sie, nicht mich! entgegnete sie fest und mit einer Sicherheit, welche ihrem Wesen einen großen Adel verlieh. Es ist wahr, ich bin seit Jahren die Geliebte des gnädigen Herrn! Soll das mein Verbrechen sein? – Wer sich einen Baum groß zieht, dem gehört der Baum, der kann damit schalten und walten, wie's ihm gutdünkt, und wenn der Baum von sich wüsste, wie ein Mensch, so müsst's ihm recht und lieb sein, wenn sein Herr sich an ihm freut. Als ich klein war, fuhr sie mit wachsender Lebhaftigkeit und Freiheit fort, kleiner und hülfloser als jetzt sein Kind, da hat er sein Leben daran gesetzt, mir das meine zu erhalten. Obdach und Nahrung, Kleidung und Wartung, Pflege und Lehre habe ich gehabt, und Alles durch ihn, und habe keinen andern Menschen auf der Welt gehabt, als ihn. Was er mich hat tun heißen, das habe ich getan von Kindesbeinen an. Als ich groß geworden war, hat er mir gesagt, dass er mich liebte und dass er mich nie verlassen würde, und ich habe ihm das geglaubt, denn ich habe an ihm gehangen, seit ich denken kann, und was er mir versprochen hat, das hat er auch immer gehalten. Es hat mir mein Gewissen auch nicht beschwert, als das Kind gekommen ist und hat mich mit seines Vaters Augen angesehen. Gar nicht! – Ja, wenn ich eine Dame gewesen wäre! – Aber mich konnte der gnädige Herr ja doch nicht heirathen!
Vorlage S. 33
104
Sie schwieg, als müsse dieser letzte Grund den Geistlichen selbst ohne Weiteres überzeugen, und erstaunt über die besondere Richtung, welche diese Natur genommen hatte, fragte dieser: So hat Ihr Gewissen Ihnen nie gesagt, dass Sie auf falschem Wege gingen?
Vorlage S. 34
105
Niemals! antwortete sie bestimmt. Ich habe getan, was ich nicht anders konnte. Er hat mir immer versichert, dass er nicht heirathen würde, dass ich immer bei ihm bleiben solle und dass er nicht von mir lassen werde. Wenn es dann manchmal auch geheißen hat, dass er eine Frau nehmen würde, und ich mir darüber Sorgen und Gedanken gemacht habe, so ist das immer eine unnöthige Sorge gewesen. Und ich bin ja auch immer glücklich und wie im Himmel gewesen, bis – bis nun in diesem Sommer. Sie konnte das Wort von der Verlobung des Barons nicht über ihre Lippen bringen.
Vorlage S. 34
106
Und der Pfarrer, der Pfarrer von Neudorf, bei dem Sie ja eingepfarrt sind, hat er Sie nie zur Rede gestellt, Sie nie gewarnt?
Vorlage S. 34
107
Hochwürden, weßhalb wollen Sie das wissen? fragte sie misstrauisch.
Vorlage S. 34
108
Weil ich finde, dass Ihnen ein ehrlicher, wahrhaftiger Freund gefehlt hat! erwiederte er mit immer steigendem Antheile an dem jungen Weibe.
Vorlage S. 34
109
Sie meinen also, der Herr Pastor hätte als solch ein Freund an mir handeln sollen?
Vorlage S. 34
110
Es würde das wenigstens seine Pflicht und eine Wohlthat für Sie gewesen sein.
Vorlage S. 35
111
Nun, rief sie mit einem Anflug von Spott, dann hat er seine Pflicht nicht gut verstanden! Und eine Wohlthat für mich hätte es sein sollen? Das heißt doch nicht wohlthun, wenn man einem das Herz im Leibe bricht und einem sagt, dass man diesseits und jenseits verdammt und verloren sei, weil man getan hat, was man nicht anders konnte, was man ... Sie stockte, wollte weiter sprechen, besann sich wieder und sagte endlich: Was hätte er denn auch mit mir machen sollen?
Vorlage S. 35
112
Er hätte Sie wenigstens darauf aufmerksam machen sollen, dass nichts Bestand hat, was wider Gottes Gebot und wider die Sitte der Menschen ist, antwortete der Caplan ihr sanft und ernsthaft. Sie würden es dann, deß bin ich gewiss, weit weniger schwer gefunden haben, sich jetzt in das Notwendige zu schicken, und würden nicht so rathlos und verzweifelt sein, als ich Sie leider finde.
Vorlage S. 35
113
Sie blieb ruhig sitzen, seufzte leise und sah ihn nachdenklich an. Er fragte sie, was sie beschäftige.
Vorlage S. 35
114
Ich denke darüber nach, dass es besser wäre, Sie wären gar nicht hergekommen! entgegnete sie ihm.
Vorlage S. 35
115
Und doch kam ich in der besten Absicht! bedeutete er sie.
Vorlage S. 35
116
Sie sagte, davon sei sie überzeugt, aber statt sich dadurch gekräftigt zu fühlen, rief sie plötzlich mit der ihr eigenthümlichen unterdrückten Heftigkeit: Sehen Sie mich nicht so an, Hochwürden, ich halte das nicht aus!
Vorlage S. 35
117
Sind Sie der menschlichen Theilnahme, der wohlgemeinten Sorge denn so sehr entwöhnt? fragte er mit großer Weiche des Tones und der ganzen Milde seines Herzens.
Vorlage S. 35
118
Ja, sehr entwöhnt! wiederholte sie klanglos; und mit hervorquellenden Thränen rief sie: Ach, Hochwürden, machen Sie mir das Herz nicht weich, dann kann ich mir gar nicht mehr helfen, und weiß jetzt erst recht nicht, was aus mir werden soll!
Vorlage S. 35
119
Sie wollte aufstehen, er nahm sie bei der Hand und nöthigte sie dadurch, sich niederzusetzen; widerstrebend gab sie nach.
Vorlage S. 36
120
Weine nur, Pauline! sprach der Caplan, dem sie mehr und mehr beklagenswerth erschien und der sie in dem Gedanken an ihre Vereinsamung zum ersten Male wieder wie in den Tagen ihrer Kindheit Du und mit ihrem Namen anredete. Weine Dich aus! Es mag lange her sein, dass Du nicht von Herzen um Dich selbst geweint hast! – Sie regte sich nicht, nur ihre Thränen brachen neu hervor. – Das Weinen wird Dir das Herz erleichtern, und Du musst viel gelitten haben, ehe Du Dich so gegen die Stimme Gottes, die Jeder in seinem Gewissen in sich trägt, verhärtet hast! fuhr der Caplan fort.
Vorlage S. 36
121
Sie weinte bitterlich. Mit Einem Male jedoch trocknete sie ihre Thränen, und sich auflehnend gegen die Wirkung, welche sein Zuspruch auf sie übte, rief sie: Wenn Gott es zulassen kann, dass ich so ohne Grund und ohne meine Schuld verstoßen werde, so giebt es keinen gerechten, keinen barmherzigen Gott mehr in der Welt! – Aber kaum hatte sie diese wilden Worte ausgesprochen, so schlug sie die Hände vor dem Gesichte zusammen und der Klageruf: Es wird mich noch von Sinnen bringen! rang sich aus ihrem gequälten und verzweifelnden Herzen hervor.
Vorlage S. 36
122
Armes Weib! sagte der Caplan, ergriffen von ihrem Schmerze, und sich ihm plötzlich zu Füßen werfend, flehte sie: Helfen Sie mir! Ach, helfen Sie mir, Hochwürden! Auf Sie hört er, zu Ihnen hat er Vertrauen; er hat das hundert und aber hundert Mal gesagt! Sie können das Alles durchsetzen bei dem Herrn Baron! Wenn Sie nur wollten! Sie könnten mir helfen!
Vorlage S. 36
123
Er ließ sie absichtlich auf ihren Knieen vor sich liegen, denn dem herzbeladenen Menschen tut es wohl, sich vor demjenigen zu beugen und zu demjenigen empor zu sehen, von dem er Beistand erwartet, und mit tiefem Erbarmen fragte er sie, was sie wünsche und was sie denn verlange.
Vorlage S. 36
124
Hier bleiben will ich! sagte sie mit einem Tone, der, so leise er war, doch unheimlich wie der Wahnsinn klang, hier bleiben will ich, weiter nichts!
Vorlage S. 37
125
Der Caplan war sehr erschüttert. Er sah mit Schrecken, wie gut der Freiherr den Charakter und den Seelenzustand seiner Geliebten beurtheilt hatte und wie gründlich er Paulinen's religiöses Bewusstsein untergraben, als sie, durch die Vorstellungen des Pfarrers angeregt, über ihr Verhältnis zu dem Baron unsicher geworden war, und Reue gefühlt haben mochte. Jetzt, da derselbe sie, wenn auch mit Bedauern, zu entfernen beabsichtigte, wünschte er allerdings, sie gläubig und unter dem Einflusse sittlicher Begriffe zu finden, um sie auf einen höheren Trost und eine innere Belohnung verweisen zu dürfen; aber der Geistliche kannte das Menschenherz genugsam, um ihm irgend eine Sammlung oder Erhebung zuzumuthen, wenn es sich so bedrängt und so im Aufruhr befindet. Alles, was er daher in diesem Augenblicke anstreben konnte, war, Pauline über denselben fortzuhelfen und sie zu der Entfernung zu bestimmen, die ihm für alle Theile unerläßlich schien. War das erreicht, so konnte man nachher versuchen, ein neues Leben in der Verlassenen aufzuerbauen und sie auf den Weg zu leiten, auf welchem nach der Ueberzeugung des Geistlichen allein Heil und Trost für sie zu finden war.
Vorlage S. 37
126
Du willst hier bleiben, Pauline, sprach er, und ich begreife es, dass Du dieses wünschest. Aber hast Du Dir auch bedacht, was Dir hier bevorsteht? Er machte eine kurze Pause und sagte danach im Tone ruhiger Erzählung: Heute in vierzehn Tagen, in drei Wochen, wird vielleicht die Frau Baronin an der Seite des Herrn Barons durch das Dorf fahren, und er wird ihr sagen, wer in diesem und wer in jenem Hause wohnt, und er wird sie dann bitten, seinen Unterthanen eine gütige Herrin, den Kindern des Dorfes eine Mutter zu sein, wie die selige gnädige Frau es Dir und allen Andern auch gewesen ist. – Und wieder schwieg er einen Moment, da er merkte, wie achtsam und gespannt sie seinen Worten folgte. Wenn der Herr Baron dann an Dein Haus kommen wird, fuhr er fort, indem er sie scharf dabei ansah, was soll er ihr dann sagen? Wenn sie Deinen Knaben sieht, was wird er von seiner Frau für denselben erbitten können, mit welchem Herzen wird er ihn in Zukunft betrachten? Und Du selbst, Pauline! Wünschest Du der Frau Baronin zu begegnen? Oder lüstet's Dich, Dich zu verbergen, wenn sie mit ihrem Manne hier vorüberkommen wird? – Willst Du es hinter den Vorhängen Deines Fensters mit ansehen, wie der Baron vor Deiner Thür das Auge niederschlägt und den Blick abwendet, wenn Dein Sohn ihm in den Weg tritt? – Willst Du den Knaben lehren, den Herrn Baron zu meiden, dem er jetzt zutrauensvoll seine Arme entgegenstreckt? Und was soll Dein Sohn der Frau Baronin antworten, wenn sie ihn einmal fragen wird, wer er sei und wem er angehöre?
Vorlage S. 37
127
Pauline war schon lange von ihren Knieen aufgestanden. Bleicher und bleicher werdend, das Auge finster und starr auf den Fußboden gerichtet, hatte sie den Worten des Geistlichen zugehört. Das leise Zucken ihrer Lippen, das Zusammenziehen ihrer Augenbrauen verriethen, was in ihr vorging.
Vorlage S. 38
128
Ueberlege es Dir wohl, Pauline, hob er noch einmal an, überlege es Dir wohl, was Dein Verlangen, hier zu bleiben, Dir eintragen wird. Furcht, Schrecken, Eifersucht, Verzweiflung für Dich, Heuchelei und Lüge für den Knaben, Verachtung für Euch Beide, das ist es, was Du Dir hier bereiten willst, was Dein Theil sein wird, bis der Kummer und die gerechte Forderung der Frau Baronin Dich früher oder später doch von hier forttreiben werden!
Vorlage S. 38
129
Nein, nein, das ist unmöglich! rief sie. Sie ist ja auch ein Weib! Wenn sie ein Herz hat, wird sie, muss sie Mitleid mit mir haben! – Und es schien, als gehe der Unglücklichen mit diesem Gedanken ein neuer Stern der Hoffnung auf.
Vorlage S. 39
130
Der Caplan schüttelte verneinend das Haupt. Du irrst Dich, sagte er; sie wird Deine Nähe fürchten, und was wir fürchten, das bemitleiden wir nicht, das beklagen wir nicht, das hassen wir viel eher!
Vorlage S. 39
131
O, ich hasse sie auch! stieß Pauline leidenschaftlich hervor, und ihre Augen funkelten in wildem Feuer.
Vorlage S. 39
132
Wie solltest Du nicht, da Du nur Dich im Auge hast, da Du nach Recht und Unrecht, nach Schuld und Unschuld nicht mehr fragst! sprach der Geistliche, einen neuen Weg zu Paulinen's Verstand und Herz versuchend.
Vorlage S. 39
133
Hochwürden! rief Pauline flehend.
Vorlage S. 39
134
Beharre in der Härtigkeit Deines Herzens! fuhr er fort, ohne ihren Ausruf zu beachten; weide Dich daran, das Leben der jungen, schuldlosen Gutsherrin zu beunruhigen; zwinge den Baron, sich immer wieder daran zu erinnern, was er gegen Dich und mit Dir gesündigt hat, verbittere ihm den Frieden der Ehe, die er eingehen will! Aber sage dann nicht, dass Du jemals Dankbarkeit, dass Du Liebe für ihn empfunden hast, dass etwas Anderes, als Dein eigenes Gelüsten und Deine Selbstsucht Dich ihm angeeignet haben! Der Zeitpunkt, verlaß Dich darauf, wird dann nicht lange auf sich warten lassen, in welchem er mit Schrecken an Dich denken und, Selbstsucht gegen Selbstsucht setzend, sich berechtigt fühlen wird, auch ohne Deine Zustimmung Dich von hier fortzuschicken!
Vorlage S. 39
135
Und wenn ich gehe? fragte sie nach langem Schweigen; wenn ich gehe – und vergessen werde? – Sie barg ihr Gesicht in ihre Hände, der Schmerz gewann wieder eine wohlthätige Herrschaft über die Erbitterung in ihr.
Vorlage S. 39
136
Du wirst nicht vergessen werden, kannst nicht vergessen werden! tröstete der Caplan. Reue und Bedauern werden den Baron an Dich erinnern; Dank für den Frieden, welchen Deine Entfernung allein ihm in seiner Ehe möglich macht, Neigung und Sorge für den Knaben werden ihn Dir dauernd verbunden halten, und Du ganz allein sollst über Deine Zukunft zu entscheiden haben, in welcher Reue und Buße auch Dich hoffentlich zur Einkehr in Dich selbst, zum Frieden führen werden!
Vorlage S. 40
137
Aber Pauline hatte in ihrer Herzenszerrissenheit seine letzten Worte wieder nicht beachtet, und sich immer nur an das Nächste haltend, rief sie: Meine Zukunft? Was kümmert mich die! – und abermals versank sie in ihr Brüten.
Vorlage S. 40
138
Der Caplan sah, je länger er mit ihr sprach, es immer deutlicher ein, dass hier mit Einem Schlage nichts auszurichten sei, und dass man ihr Zeit lassen müsse, sich durch Aufregen und Nachdenken zu erweichen und zu ermüden; denn er hielt sie für einen der Charaktere, welche nur dann zum Nachgeben bewogen werden können, wenn ihre Kraft erschöpft ist. Er erhob sich also, um zu gehen.
Vorlage S. 40
139
Ich habe Dir die beiden Wege gezeigt, zwischen denen Du zu wählen hast! sagte er eindringlich. Deine Entfernung ist notwendig und darum unabänderlich beschlossen! An Dir ist es, zu wählen, wozu sie sich für Dich gestalten soll: zu einer Buße und Erhebung, oder zu einer Strafe und neuen Pein! An Dir ist es, zu wählen; von Dir allein wird es abhangen, wie der Herr Baron in Zukunft Deiner gedenken soll! Ueberlege Dir das wohl, ehe Du entscheidest!
Vorlage S. 40
140
Er gab ihr die Hand und ging der Thüre zu. Als er dieselbe bereits geöffnet hatte, fragte Pauline schnell und unerwartet: Hochwürden, ist die Gräfin schön, ist sie sehr schön?
Vorlage S. 40
141
Hast Du nichts Anderes zu denken? versetzte er, von dieser Wendung ihres Sinnes überrascht.
Vorlage S. 41
142
Ist sie schön? Liebt er sie denn sehr? wiederholte sie dringend.
Vorlage S. 41
143
Der Caplan sah, dass er ihr diese Fragen beantworten müsse. Die Comtesse ist jung und schön und edel, sagte er; sie verdient die Neigung, welche der Herr Baron ihr zugewendet hat, in vollem Maße.
Vorlage S. 41
144
Pauline schwieg darauf. Der Caplan wusste nicht, was in ihr vorging, was er von ihr denken sollte. Er stand zögernd an der Thüre still; sie stützte sich mit der Hand auf den Tisch.
Vorlage S. 41
145
Willst Du sonst nichts weiter? fragte er nach einem längern Abwarten.
Vorlage S. 41
146
Nein! Nichts!
Vorlage S. 41
147
So lebe wohl!
Vorlage S. 41
148
Leben Sie wohl, Hochwürden! erwiderte sie ihm mit anscheinender Ruhe, aber gleich darauf wallte das Herz ihr auf, und mit einer Innigkeit des Tones, welche sehr abstach gegen ihre letzten Worte, sagte sie: Hochwürden, kommen Sie wieder! Mein Unglück ist so groß, so grenzenlos groß, dass ich es nicht begreifen kann!
Vorlage S. 41
149
Sie hielt, als schwindle ihr, die Hände gegen den Kopf und setzte sich nieder. Der Caplan versprach ihr, sie bald wiederzusehen, ermahnte sie nochmals zum Nachdenken, und verließ sie weit besorgter, als er gekommen war.
Vorlage S. 41
150
Nun er Pauline kannte, hielt er ihre Entfernung erst vollends für unerläßlich. Bei der Schwäche des Barons, bei der Gewohnheit, welche ihn an sie kettete, war Alles für das Glück seiner Ehe und für den Frieden der jungen Frau zu fürchten, wenn Pauline blieb. Und doch sah er noch nicht ein, wie man sie auf dem Wege der Güte in so wenig Tagen zur Abreise werde bestimmen können, während er wusste, dass der Baron vor jeder offenen Gewaltthätigkeit und Härte zurückschrecken würde, wennschon er es sonst eben nicht scheute, Andere leiden zu machen, sofern ihm selbst nur das persönliche Einschreiten und der Anblick des von ihm erzeugten Leidens erspart blieben.
Vorlage S. 41
151
Bei der Abendtafel saßen der Freiherr und der Caplan sich allein gegenüber, denn es waren keine Gäste im Schlosse, weil des Freiherrn Abreise so nahe bevorstand. Der Freiherr sprach von lauter äußerlichen Dingen, obgleich es ihm nicht entging, dass der Caplan sich ernster und stiller zeigte, als gewöhnlich. Indeß er war nicht eilig, die Ursache von dem Nachdenken desselben zu erfahren, und erst als die Dienerschaft sich entfernt hatte und auch jener sich zurückziehen wollte, fragte der Baron ganz beiläufig, ob der Caplan vielleicht schon in Rothenfeld gewesen sei. Dieser bejahte es.
Vorlage S. 42
152
Nun, und wie haben Sie Pauline gefunden? fuhr der Baron in der früheren leichten Unterhaltungsweise fort. Sie war außer sich, nicht wahr? Ich kenne das an ihr, und eben darum wünschte ich, dass grade Sie mit ihr verhandeln sollten. Haben Sie etwas ausgerichtet?
Vorlage S. 42
153
Der Caplan versetzte, Pauline sei allerdings sehr aufgeregt gewesen, wie das bei einer solchen ersten Unterredung mit einem Manne, der ihr in diesem Falle ein Fremder sei, nicht fehlen könne. Es lasse sich aber eben darum von diesem Zusammentreffen nichts Bestimmtes sagen, man müsse Geduld haben und weiter zusehen. Er hoffe und wünsche, dass man zu einem verständigen Uebereinkommen gelangen werde, weil man kein Mittel sparen dürfe, ein solches zu erreichen.
Vorlage S. 42
154
Er sprach dabei nichts Bestimmtes aus; der Baron war auch sehr zufrieden damit, nichts Näheres hören zu müssen. Er war stets bereit, seine Last auf die Schultern seiner Untergebenen zu laden und ihnen ihre Mühewaltung als eine Ehrensache anzurechnen. Er versicherte daher dem Caplan, dass er volles Zutrauen zu seiner Einsicht und zu seiner Freundschaft hege; dass er zu jeder Forderung, welche Pauline für ihre äußeren Umstände mache, im Voraus seine Bewilligung ertheile, und dass er also die ganze Leitung und Läuterung der peinlichen Verhältnisse dem Freunde überlasse.
Vorlage S. 42
155
Ich habe Ihnen heute den höchsten Beweis von Vertrauen gegeben, lieber Freund, den ein Mann dem andern zu geben im Stande ist, sagte er. Ich habe Sie gebeten, in einer mir äußerst wichtigen und schmerzlichen Angelegenheit statt meiner zu handeln. Was Sie für nötig erachten, werde ich unbedenklich tun, was geschehen wird, wird allein Ihr Werk sein! –
Vorlage S. 43
156
Er betonte dieses Letztere, als gebe er im Voraus seinen Dank zu erkennen; aber der Caplan wusste, dass der Baron sich dieser Wendung ohne Zweifel sehr wohl erinnern würde, wenn es etwa darauf ankommen sollte, dem Vermittler die ganze Verantwortlichkeit für ein Mißlingen oder für irgend eine unangenehme Verwicklung zuzuwenden, und als wolle er ihm gar nicht Zeit zu irgend einer Entgegnung einräumen, fügte der Baron mit wiedergekehrtem Gleichmuthe leichtfertig hinzu: Nur das Eine halten Sie fest, dass der Gedanke an das arme Geschöpf mir wehe tut, weil es mich in der That mehr liebt, als Männer meiner Art eigentlich in ähnlichen Verbindungen geliebt zu werden wünschen.
Vorlage S. 43
157
Darauf gab er einige Aufträge, die er hier im Schlosse während seines Aufenthaltes in der Stadt vollzogen zu sehen wünschte, und empfahl dieselben dem Caplan eben so angelegentlich, als er ihm Pauline empfohlen hatte. Seine Wiederkehr und die Abreise zur Hochzeit wurden auf Tag und Stunde festgesetzt, und in aller Frühe des nächsten Morgens brach der Freiherr von seinem Schlosse auf.
Vorlage S. 43
158
Es war noch nicht völlig hell, als er durch Rothenfeld fuhr und an Paulinen's Haus vorüberkam. Er bog aus Gewohnheit den Kopf ein wenig hervor; die Hausthüre, die Fensterladen waren noch geschlossen. Er hatte in ihrem Schutze manche Stunde voll Genuss durchlebt. Die Erinnerung daran bewegte ihn, aber in einer Weise, als läge die Zeit, in der es geschehen war, ein halbes Menschenleben hinter ihm. Er hatte jetzt nur die nächsten Tage, nur die Verbindung mit Gräfin Angelika im Sinne. Mit der Vergangenheit hatte er sich gestern abgefunden, als er dem Caplan davon ausführlich gesprochen hatte. Pauline zu befriedigen und zu trösten war nun dessen Sache.
Vorlage S. 44
159
Als der Wagen um die Ecke bog, sah der Baron das Haus noch einmal von der andern Seite vor sich. Es fiel ihm ein, dass es, wenn Alles nach seinen Wünschen gehe, bei seiner Heimkehr bereits verlassen sein werde, und noch einmal überschlich ihn die Wehmut, die ihn gestern zu den Mittheilungen an den Caplan bewogen hatte. Aber er verscheuchte sie schnell mit dem erfreulichen Gedanken, dass er für sein Alter doch noch eine große Frische der Empfindung besitze. Als feiner Egoist verstand er es vortrefflich, sich selbst seinen Schmerz in eine gewisse Befriedigung zu verwandeln, und wie er sich am gestrigen Tage im Hinblicke auf seine junge Verlobte, seiner Wohlgestalt gefreut hatte, so erfreute es ihn jetzt, dass die Trennung von einer Geliebten ihn noch wirklich im Gemüte leiden mache. Seine Braut konnte sich nach seiner Meinung des Besten zu einem Manne versehen, der neben den Erfahrungen der reifen Jahre alle Vorzüge der Jugend bewahrt hatte.
Vorlage S. 44
160
Was aber Pauline anbetraf, so gestand er es sich im Vertrauen, dass sie an Anziehungskraft für ihn verloren habe, dass sie nicht mehr dieselbe sei, als vor fünf Jahren. Was sie an Entwicklung gewonnen, das hatte sie an Ursprünglichkeit eingebüßt, und es war im Grunde nicht übel, dass seine Heirath ihm die Pflicht auflegte, sich von ihr zu trennen. Dass es ewig währen könne zwischen ihr und ihm, hatte sie ja selbst nicht glauben können. Aber er wollte in jeder Weise für sie sorgen, für sie und für sein Kind, und wenn er das that, so war ihr doch immer ein ganz anderes Loos gefallen, als ihr ohne sein Dazwischentreten jemals hätte zu Theil werden können. Er war also beruhigt und durchaus mit sich zufrieden.
Vorlage S. 44
161
Drittes Capitel
Vorlage S. 46
162
Die Hälfte der Zeit, welche der Baron für seine Abwesenheit angesetzt hatte, war bereits verflossen, ohne dass der Caplan zu einem befriedigenden Abschlusse mit Pauline hätte gelangen können. Denn mit dem Eigensinn des Herzens, welchen die Halbbildung sich als Charakterstärke auslegt, wies sie Alles von sich, was ihrem Empfinden widersprach, hielt sie an ihren Vorstellungen fest, und alle diese Vorstellungen kamen ihr von dem Baron; nur dass in seiner Geliebten sich zu einem Ganzen gestaltet hatte, was in ihm unverbunden neben einander herging, und dass in ihr zur Glaubenssache geworden, was in ihm stets mehr oder weniger ein Spiel und die Wirkung zufälliger Stimmungen geblieben war.
Vorlage S. 46
163
Der Baron war kein Wüstling, kein gewöhnlicher Lebemann, kein herzloser Aristokrat, kein schwärmender Phantast. Er hatte aber von allen diesen Arten einzelne Züge in seinem Charakter, und dabei eine Eitelkeit, welche seine Herzensgüte, seinen Verstand beeinflußte und es ihm zu einem Bedürfnisse machte, immerdar Etwas vorzustellen und dafür mindestens von sich selbst Bewunderung einzuernten.
Vorlage S. 46
164
In der großen Welt hatte er früher durch seine Prachtliebe und durch seine Abenteuer geglänzt, im Felde oder im Staatsdienste würde seine Eitelkeit ihn vielleicht zu Anstrengungen getrieben haben, die ihm Ehre gebracht und Ruhm erworben hätten. In der Stille des Landlebens konnte es ihm geschehen, dass er sich, wenn es sich eben so fügte, aus der Erziehung eines schönen Waisenkindes ein Bewusstsein machte, dass die Anbetung, welche dasselbe ihm zollte, ihm für eine Zeit lang genügte, und dass er sich von einem solchen Mädchen ganz und gar gefesselt fühlte, weil er es gänzlich als sein Geschöpf betrachten durfte. Er hatte mit voller Wahrheit gegen den Caplan behaupten können, Pauline sei das einzige Frauenzimmer, neben welchem er nie Langeweile gefühlt habe, denn Alles, was sie wusste und sprach, kam ihr von ihm oder durch ihn, und war daher sicher, ihm immer zu gefallen.
Vorlage S. 46
165
Einige Jahre hindurch hatte er Pauline gegenüber die Wirkung seiner Großmuth oder seines Geistes genossen, wenn sie sich verständig und immer fortschreitend bewies, und sich daneben lächelnd ihrer Einfalt und seiner Ueberlegenheit gefreut, so oft die Schranke ihrer Natur und ihres Wesens ihm bemerklich wurde. Diese Zeit jedoch war jetzt vorüber. Pauline hatte sich an ihren Platz neben dem Baron gewöhnt, sie hatte seine Schwächen kennen und, um ihn in guter Stimmung zu erhalten, dieselben benutzen und ihn dadurch beherrschen lernen. Sie hing an ihm noch immer mit leidenschaftlicher Liebe, sie vergaß es auch niemals, was sie ihm schuldete; aber weil sie die geistige Kluft nicht ermessen konnte, welche den Freiherrn von ihr trennte, hatte sie sich mehr und mehr in seinem Besitze sicher gefühlt, und die von ihm oft wiederholte Aeußerung, dass ihr Leben dem seinigen in räthselhafter Weise verbunden sei, hatte sie in dem Glauben bestärkt, dass der Baron sie nie verlassen könne, dass sie notwendig zu seinem Leben, zu seinem Glücke gehöre.
Vorlage S. 47
166
Sie war daher wie vernichtet gewesen, als sie die Nachricht von seiner bevorstehenden Verheirathung erhalten hatte. Der Baron selbst hatte sie ihr mitgetheilt, ohne deshalb, nach den leichten Grundsätzen seiner Zeit, gleich Anfangs an die Notwendigkeit ihrer Entfernung zu denken. Erst ihr leidenschaftlicher Schmerz und die heftigen Ausbrüche ihres Zornes, erst ihre Drohung, dass sie seine Heirath zu hintertreiben wissen werde, hatten ihm gezeigt, dass er sie nicht in Rothenfeld behalten könne, und hatten ihn gegen sie verstimmt. Indeß schwach und nachgiebig gegen sie wie gegen sich selbst, hatte er mit der Entscheidung gezögert, bis der Tag seiner Hochzeit heran nahte, bis er sich der Aussicht auf die schöne junge Gattin zu erfreuen, und sich über den Verlust seiner Geliebten mit dem ihm schmeichelnden Gedanken fortzuhelfen begann, dass er seinem Gewissen und seiner Verlobten ein großes Opfer bringe, und dass er als Edelmann die Pflicht habe, für sein edles Geschlecht ein würdiges Familienleben in seinem Hause aufzubauen.
Vorlage S. 47
167
Er war mit sich auf diese Weise leicht genug fertig geworden. Der Caplan hatte dafür mit Pauline einen um so schwereren Stand. Sie misstraute ihm als katholischem Geistlichen, als Abgesandten des Barons, und verlangte doch nach seiner Nähe, weil sie sich verlassen fühlte und weil sie mit ihm von demjenigen sprechen konnte, was ihr allein am Herzen lag.
Vorlage S. 48
168
So oft er zu ihr kam, musste er sich von ihr die einfache Geschichte ihres Lebens erzählen lassen. Sie wiederholte ihm jene Grundsätze eines Naturrechts, auf das der Baron sie verwiesen, als er sie durch die Ermahnungen des Pfarrers beunruhigt gesehen hatte. Sie gab ihm ihre Eifersucht und Verzweiflung zu erkennen, und der Gedanke an die baldige Anwesenheit der künftigen Baronin, den der Caplan ihr so eindringlich vorgehalten hatte, wirkte nun unablässig in ihr nach. Sie verlangte Rath von ihm und verwarf denselben; sie verlangte Trost und Hülfe, aber sie wendete sich ab, sobald er sie auf einen Trost verweisen wollte, den sie in ihrem eigenen Innern sich zu bereiten habe. Sie wollte weder von kirchlichen noch von staatlichen Geboten reden hören, aus Furcht, daran erinnert zu werden, dass sie dieselben übertreten habe, und dass sie diese Uebertretung sühnen und büßen müsse. Mehr oder weniger gebildet und aufgeklärt, würde sie leichter zu bestimmen gewesen sein, als jetzt; und es waren schließlich nicht die Vorstellungen ihres Berathers, nicht seine Moral und seine Vernunftgründe, welche Eindruck auf Pauline machten. Es waren seine Geduld mit ihr und seine Milde, die ihr das Gemüt bewegten und sie allmählig dahin brachten, dass ihr Zorn und ihre Verzweiflung dem reinen Schmerze wichen, der nicht mehr sich zu rächen, sondern nur noch sich selbst zu helfen trachtet.
Vorlage S. 48
169
Eines Morgens, als der Caplan wieder zu ihr kam, fand er sie vor ihrer großen Nußbaum-Commode sitzen. Um sie her lagen verschiedene Kleidungsstücke ausgebreitet, daneben Bänder, Zierathen, Nähbestecke und viele jener Kleinigkeiten, mit denen man die Frauen zu beschenken pflegt, deren eigentliche Bedürfnisse ohnehin befriedigt werden. Sie schien Musterung zu halten, und der Caplan fragte sie, weshalb sie dieses thue.
Vorlage S. 49
170
Weshalb ich das thue? wiederholte sie. Ja! wenn ich das wüsste, Hochwürden! Ich kann nicht sagen, wie ich darauf verfiel, die Schubladen aufzumachen und die Sachen zu besehen. – Die Commode ist mein Lieblingsstück! bemerkte sie nach einer Weile, während sie die Sachen forträumte, die auf derselben gelegen hatten. Sehen Sie einmal das Geäder in dem Nußbaume. Es sieht wie Bäume aus; und dann der schwere Messingbeschlag und die großen Griffe! Ich weiß den Tag, an welchem ich die Commode bekommen habe. Die alte Margarethe gönnte sie mir gar nicht, und ich habe zuerst viel bittere Worte darüber hören müssen und manche Träne darüber vergossen!
Vorlage S. 49
171
Sie erzählte darauf, wie schwer die Alte ihr bisweilen das Leben gemacht habe, und in die Art und Weise, mit welcher sie ihre Schätze wieder an Ort und Stelle brachte, mischte sich der Stolz auf den Besitz derselben mit einer unverkennbar wehmüthigen Erinnerung. Der Caplan ließ sie ruhig gewähren.
Vorlage S. 49
172
Wenn ich das Alles so vor mir sehe, sagte sie mit einem Male, ist's mir grade, als ob ich die ganzen vergangenen Jahre wieder vor mir hätte. Von jedem Stücke kann ich sagen, wann er es mir geschenkt hat, wann ich es zuerst getragen und gebraucht, und wie Alles damals gewesen ist. Manches liegt noch ganz neu da, Manches ist nicht mehr zu gebrauchen, und ich könnte es doch nicht fortgeben. Sie bückte sich bei den letzten Worten, nahm aus der untersten Lade eine Jacke von Kattun hervor, hielt sie dem Caplan hin und sagte: Sehen Sie, Hochwürden, das war der erste Anzug, den er mir nach seiner Rückkehr kaufte. Ich war damals noch nicht ausgewachsen und so mager! Aber ich hätte es nicht mit ansehen können, dass ein Anderer mir nachgetragen, was er mir einmal gegeben hat.
Vorlage S. 50
173
Der Caplan warf einen Blick auf das bezeichnete Kleidungsstück und machte die Bemerkung, dass es ihr auch künftig an Nichts fehlen und der Baron für alle ihre Bedürfnisse auch künftig sorgen lassen werde.
Vorlage S. 50
174
Sie hörte nicht darauf, denn sie war viel zu sehr mit sich und der Vergangenheit beschäftigt. So oft er nach der Stadt fuhr, brachte er mir Etwas mit, nahm sie wieder das Wort. Zuletzt dieses große, rothe Umschlagetuch. Ich sollte mich darüber freuen, ich sollte sehen, wie schön es sei. Schön genug war es, aber freuen konnte ich mich nicht mehr darüber. Ich wusste ja schon, was hier bevorstand.
Vorlage S. 50
175
Die Freude an Deinem Hab und Gut wird wiederkommen, sagte der Caplan, wenn Du erst wieder in Ruhe und unter Menschen sein wirst, denen Du Deine Sachen zeigen kannst.
Vorlage S. 50
176
Sie schüttelte verneinend das Haupt. Wer so unglücklich gemacht werden soll, wie ich, den freut Nichts mehr, und aus dem Unglück darf man nicht zurückdenken an die guten Tage, wenn's einem das Herz nicht brechen soll. Ich wollte, ich hätte die Commode gar nicht aufgemacht!
Vorlage S. 50
177
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, schloß die sämmtlichen vier Schubladen zu und steckte die Schlüssel in die Tasche von weißem Piqué, die sie unter ihrem Kattunrocke trug.
Vorlage S. 51
178
Der Caplan stand auf; das schien sie zuerst auf den Gedanken zu bringen, dass sie mit dem Aufräumen in seiner Gegenwart etwas Ungehöriges getan hätte. Sie bat ihn deßhalb um Entschuldigung. Aber, fügte sie hinzu, wenn Sie nur ein einziges Mal erfahren hätten, wie einem Menschen zu Muthe ist, dem so wie mir der Todesstoß gegeben wird, so würden Sie wissen, auf was man da Alles verfällt. Elend muss man kennen, damit man's versteht!
Vorlage S. 51
179
Die Worte kamen ihr von Herzensgrund und rührten den Caplan durch den Ausdruck, mit welchem sie gesprochen wurden. Er seufzte unwillkürlich, sah Pauline an, zögerte einen Augenblick und sagte dann mit ganz verändertem Tone: Und wenn ich es nun verstände, was Elend ist, wenn ich es wüsste, wie Dir Armen zu Muthe ist?
Vorlage S. 51
180
Sie richtete ihre dunkeln Augen forschend auf seine Miene. Hochwürden, was soll das sagen? fragte sie danach. Sie sollten wissen, wie mir zu Muthe ist? So wie Sie, Hochwürden, sieht man nicht aus, so still und ruhig nicht, wenn man so zerschmettert worden ist und sein Alles verloren hat, wie ich.
Vorlage S. 51
181
So still und ruhig wird man, kann man werden, wenn man sich vorhält, dass Alles, was wir leiden, uns von Gott kommt, und dass der Heiland selbst sein Kreuz getragen, dass Christus selbst den Kelch des Leidens ausgekostet hat bis auf den letzten Tropfen! entgegnete er ihr.
Vorlage S. 51
182
Pauline schwieg, als stände sie an geweihter Stätte, als sei ein Vorhang vor ihr aufgezogen, der ihr ein Allerheiligstes offenbarte. Sie faltete die Hände, ihr Blick hing mit einer ganz neuen, liebevollen Empfindung an dem milden Antlitze des geistlichen Herrn, und näher zu ihm tretend, während sich ihre Wangen rötheten von der Scheu, mit welcher sie die Frage an ihn richtete, sprach sie leise: Hochwürden, sind Sie denn auch verlassen und verstoßen worden?
Vorlage S. 51
183
Nein! entgegnete er.
Vorlage S. 52
184
Was ist Ihnen denn geschehen? forschte sie weiter, und ihre Stimme wurde weicher, ihr Blick von Theilnahme gesänftigt.
Vorlage S. 52
185
Er nahm sie bei der Hand, setzte sich und nöthigte sie damit, sich ebenfalls niederzulassen; dann sagte er ruhig: Ich habe mich überwunden!
Vorlage S. 52
186
Freiwillig? rief sie aus.
Vorlage S. 52
187
Freiwillig! wiederholte er, und sie schwiegen Beide. Pauline war wie umgewandelt, sie vergaß sich selbst in diesem Augenblicke. Das Vertrauen des Caplans hatte sie erhoben. Ihn aber hatte es eine neue, große Ueberwindung gekostet, vor Pauline von seinem eigenen Geschicke zu sprechen; indeß er hatte richtig erkannt, dass man auf diese Frau nur wirken könne, indem man ihre Theilnahme auf einen Anderen richte und ihr ein Beispiel aus dem Bereiche vorhielt, den sie kannte und übersah. Das Verlangen, mehr von dem Schicksale des Geistlichen zu hören, ließ ihr nun keine Ruhe. Sie wollte vergleichen können, und doch band die Ehrfurcht ihr die Zunge, bis sie endlich die Frage wagte: Und jetzt, Hochwürden, sind Sie denn jetzt nicht mehr unglücklich, haben Sie verschmerzt, was Sie gelitten, was Sie geopfert haben?
Vorlage S. 52
188
Ja, ich habe es verschmerzt! Ich habe wieder Freude an dem Leben, ich habe Menschen, deren Wohl und Wehe mir sehr am Herzen liegt ....
Vorlage S. 52
189
Und Sie können also wirklich wieder glücklich sein? fragte sie noch einmal.
Vorlage S. 52
190
Ich bin freudig in meiner Arbeit, in der Erfüllung meiner Pflicht! Mit einem Worte, ich lebe gern, versetzte er – und ich habe doch keinen Sohn, für den ich leben könnte!
Vorlage S. 52
191
Sie fasste den Gedanken offenbar bereitwillig auf. Ja, sagte sie, es ist ein gutes Kind, und Sie glauben nicht, wie klug er ist. Weit über seine Jahre klug! Er merkt Alles und weiß Alles, ohne dass man es ihm sagt. Wenn er mich traurig findet, sieht er mich an, dass man denkt, es sei eine Sünde, ihn merken zu lassen, was man aussteht. Er lässt dann keinen Blick von mir, und seine Augen sind ganz wie die des Vaters. Sie sprach darauf von der Absicht des Barons, den Knaben früh einer männlichen Leitung zu übergeben, und klagte sich an, dass sie denselben bisher nicht genug geliebt habe. – Ich habe immer und immer nur an den Vater gedacht, sagte sie; der Knabe würde mich bald vergessen, nähme man ihn fort von mir, und der Vater wird mich noch schneller vergessen! setzte sie mit erneuter Klage hinzu.
Vorlage S. 53
192
Der Caplan mochte es ihr nicht bemerken, dass sie damit zum ersten Male ihre indirecte Zustimmung zu den Absichten des Barons kundgegeben hatte, aber die Thatsache war ihm wichtig, und obschon er bei Paulinen's schnell wechselnden Stimmungen auf diese plötzliche Sinnesänderung nicht allzu viel vertraute, fing er doch an, mit ihr von einem der nächstgelegenen Städtchen und von dem Leben in demselben zu sprechen. Pauline wusste es, dass der Baron sie dorthin senden wollte. Sie fragte, wie weit der Ort von Richten entfernt sei und wie viel Zeit man brauche, um von dort nach der Hauptstadt der Provinz zu kommen, in welcher nach dem oftmals ausgesprochenen Plane seines Vaters der Knabe später erzogen werden sollte. Dann erkundigte sie sich, ob ihrem Sohne seine Geburt bei der Aufnahme in eine Erziehungsanstalt keine Hindernisse in den Weg stellen würde, wie sie einmal gehört zu haben glaubte, und sie blieb überhaupt nur mit der Zukunft des Knaben beschäftigt, bis der Caplan sich entfernte. Es war aber ersichtlich dass ihr Etwas auf dem Herzen lag, für das sie den Ausdruck oder den Moment nicht zu finden wusste, und der Geistliche hielt schon den Drücker der Thüre in der Hand, als sie sich ihm näherte und schüchterner, als es ihre Art war, die Frage aufwarf: Sie haben sich überwunden, sich aufgeopfert, Hochwürden, hat Ihnen das gute Frucht gebracht? Haben sie es Ihnen gedankt, diejenigen, für welche Sie sich geopfert haben?
Vorlage S. 53
193
Ein Opfer, für das man Lohn erwartet, ist kein Opfer mehr! entgegnete er ihr.
Vorlage S. 54
194
Sie verstummte darauf und ließ ihn gehen. Aber er war ihr menschlich näher getreten, seit sie wusste, dass auch er gelitten und verzichtet habe; und es gelang ihm nach einigen Tagen endlich, ihre Einwilligung zu der Uebersiedelung nach der Stadt zu erhalten. Sie erklärte jedoch, dass sie den Baron noch einmal sehen wolle, ehe sie Richten verlasse. Sie müsse aus seinem eigenen Munde das Versprechen erhalten, dass er sie besuchen werde, wenn er nach ihrem künftigen Wohnorte komme; dass er selbst über den Lebensweg ihres Sohnes wachen wolle, und der Caplan ging, so weit er es vermochte, auf alle ihre Wünsche ein.
Vorlage S. 54
195
Neben diesen Stunden voll ruhiger Ueberlegung gab es aber auch viele andere, in welchen sie sich nur mit der Hochzeit des Barons und der künftigen Baronin beschäftigte, und in denen sie völlig wieder in ihren Schmerz versank. Sie betheuerte dann unaufhörlich, dass sie ja verzichten möchte, dass sie es aber nicht könne, und dass es über ihre Kräfte gehe. Es war ein Auf und Nieder in ihren Empfindungen, dem schwer zu folgen, dessen Ursachen oft nicht zu erspähen waren; und oftmals, wenn die Vorstellungen und Gespräche des Caplans sie so weit gebracht hatten, dass ein Schuldbewußtsein und der Gedanke, dass man ein Verschulden büßen müsse, in ihr rege wurden, warf sie mit der ihr eigenthümlichen Plötzlichkeit gewisse Aeußerungen über die ihr einzig angemessene Art von Buße hin, welche er aufs Neue zu bekämpfen hatte.
Vorlage S. 54
196
Am Freitag Abend ging er nochmals zu ihr. Man erwartete in der Nacht die Ankunft des Barons, der sich am Sonntag in aller Frühe zu seiner Braut begeben wollte. Der Caplan wünschte ihm bei seiner Heimkehr sagen zu können, dass er Alles geordnet habe und dass Pauline in ihr Schicksal ergeben sei. Er war daher sehr zufrieden, als er Abends, da er zu ihr kam, sie damit beschäftigt fand, die Kleider und das Spielzeug ihres Sohnes in einen kleinen Koffer zusammen zu packen. Sie sprachen fortdauernd von der Reise und von der Stadt.
Vorlage S. 55
197
Als der Caplan sie fragte, für welche Zeit er ihr die Pferde bestellen solle, gab sie den Sonntagmorgen an, und wünschte, dass der alte Kämmerer bewogen werden möge, sie zu begleiten. Sie habe Richten nie verlassen und es bange ihr vor der Fremde. Der Caplan versprach ihr, dies zu vermitteln und Alles nach ihrem Wunsche einzurichten. Nur als sie auf die begehrte Unterredung mit dem Baron zurückkam und auf dieselbe bestand, erklärte er ihr, er zweifle, dass derselbe geneigt sein werde, sie in diesem Augenblicke wiederzusehen. Von ihrer Forderung zu Bitten übergehend, flehte sie zuletzt den Caplan mit Thränen, ihr diese einzige Gunst zu erwirken, und er sagte ihr zu, dem Baron ihren Wunsch mitzutheilen.
Vorlage S. 55
198
Indeß gleich die erste Begegnung mit demselben ließ ihn erkennen, dass er hier auf Widerstand stoßen werde und dass für die Erfüllung von Paulinen's Bitte Nichts zu hoffen sei. Der Baron war sehr aufgeräumt und in der That auch viel beschäftigt. Er fragte Anfangs gar nicht nach Pauline, und da er es später that, geschah es in einer Weise, die kaum eine Antwort zu verlangen schien. Dennoch, und obschon der Caplan selbst eine Unterredung oder einen Abschied zwischen dem Baron und Pauline für zwecklos ansah, sprach er dem Ersteren davon, um seiner Zusage nachzukommen; indeß der Baron lehnte den Vorschlag entschieden ab.
Vorlage S. 55
199
Ich kenne des guten Geschöpfes Liebe und Leidenschaft, sagte er, und ich kenne auch meine Schwäche. Es ist nicht Fühllosigkeit oder Härte gegen das arme Weib, das ich meinen Verhältnissen und meiner sittlichen Ueberzeugung opfern muss, es ist die unerläßliche Nothwehr gegen mich selbst, wenn ich mir in dem Augenblicke der Abreise zu meiner Braut eine Scene erspare, die mir, sie mag ausfallen wie sie immer wolle, das Herz zerreißen wird, ohne nach der andern Seite hin irgend etwas zu nützen.
Vorlage S. 56
200
Es fiel dem Caplan auf, dass der Baron auch dieses Mal Paulinen's Namen auszusprechen vermied und sich mit anderer Bezeichnung dafür behalf. Er kannte das an seinem Herrn und wusste, was es zu bedeuten habe. So kam er denn auch nicht mehr auf den Wunsch Paulinen's zurück, aber der Baron erbot sich später aus freiem Antriebe, ihr noch einmal zu schreiben, was der Caplan für zweckmäßig erachtete. Auch schrieb er ihr noch in derselben Stunde und sandte den Brief sogleich durch einen Boten ab.
Vorlage S. 56
201
»Ich danke Dir«, lauteten die Zeilen, »dass Du Dich entschlossen hast, in die Stadt zu ziehen. Du kennst mich genugsam, um zu wissen, dass ich Dir dies lohnen werde. Es soll Dir dort, darauf kannst Du Dich verlassen, ein ganz sorgenfreies Leben bereitet werden, und Paul wird nicht aufhören, ein Gegenstand meiner treuen Sorgfalt zu sein. Der hochwürdige Herr Caplan, der sich in diesen Tagen Deiner so gütig und väterlich angenommen hat, wird auf meine Bitte Dir auch ferner mit seinem Rathe zur Seite stehen und dafür sorgen, dass Du Dich nach Deinem Ermessen einrichten kannst. Dass ich nicht zu Dir komme, geschieht aus Rücksicht für Dich sowohl als auch für mich. Wozu ein Wiedersehen, wenn man vergessen will? Und vergessen lernen musst Du! Folge in Allem ganz dem Rathe und den Anordnungen des verehrten Herrn Caplans. Was Du in Zukunft etwa von mir wünschest, was ich von Dir erfahren soll, theile ihm mit. An mich selbst schreibe nicht. Meine Theilnahme und mein Schutz werden Dir und Paul nie entgehen, und ich werde mich Dir verpflichtet fühlen, wenn Du Dich mir in diesen Anordnungen pünktlich fügsam zeigst. Somit lebe denn wohl! Sei Gott mit Dir, und möge er uns Allen in seiner Gnade eine ruhige Zukunft verleihen!«
Vorlage S. 56
202
Pauline empfing den Brief gegen Mittag aus den Händen des damit beauftragten Reitknechtes. Sie hieß ihn warten und durchflog das Schreiben. Aber es schien, als könne sie den Inhalt nicht gleich fassen. Ihre Augen, ihr Herz suchten nach einem freundlichen Worte, suchten endlich nur nach der Anrede mit ihrem Namen, nach irgend einem Zeichen der Bewegung in der Seele dessen, der diesen Brief geschrieben hatte. Es war vergebens. Als sie das Blatt zum zweiten Male beendet hatte, ließen ihre bebenden Hände es zur Erde fallen.
Vorlage S. 57
203
Ihr Knabe, der dabei stand, glaubte, ein Zufall habe das Papier den Händen der Mutter entgleiten machen, und bückte sich, es ihr zu reichen. Sie hielt ihn davon zurück. Rühre das Blatt nicht an, sagte sie mit befehlendem Tone, rühre es nicht an!
Vorlage S. 57
204
Der Knabe war erschrocken; er lehnte sich auf den Schooß der Mutter, die sich niedergesetzt hatte, weil die Kniee ihr versagten. Sie küsste ihm den lockigen Kopf, ihre Thränen flossen auf ihn nieder. Er wollte bei dem Unbehagen, das ihn peinigte, gern Etwas tun, es los zu werden, wusste aber nicht, was, und fragte also, ob der Ludwig, der den Brief gebracht habe, fortgehen solle. Sie bejahte das, und der Knabe brachte dem Diener die Weisung.
Vorlage S. 57
205
Ist nichts zu bestellen, Mamsell? fragte der Reitknecht, die Thür öffnend.
Vorlage S. 57
206
Nichts! antwortete sie fest, und er ging davon. Der Knabe drängte sich an sie. Du weinst immer! sagte er, und da sie ihm nicht antwortete, setzte er nach einer Weile hinzu: Weine nicht, ich kann's nicht leiden, wenn Du weinst! – Die Worte klangen herrisch in dem Munde eines Kindes, aber der Kleine schmiegte sich zärtlich an ihr Knie, während er sprach.
Vorlage S. 58
207
Dieses Mal indeß machte die Liebkosung des Sohnes keinen Eindruck auf die Mutter. Sie schob ihn leise von sich. Lehne Dich nicht immer an mich! Lerne allein stehen, Du wirst's nötig haben! sagte sie finster und streng.
Vorlage S. 58
208
Das verdroß den Knaben. Ich bin Dir nicht gut, Mutter! schmollte er.
Vorlage S. 58
209
Du hast auch keinen Grund dazu, entgegnete sie ihm. Ihre finstere Weise machte Paul bange. Es wurde ihm unheimlich bei der Mutter und in der Stube, und er lief zur Magd hinaus.
Vorlage S. 58
210
Als Pauline allein war, fing sie laut und heftig zu weinen an. Das währte eine geraume Zeit. Bisweilen war es, als wolle sie sich besänftigen, aber dann nahm sie den Brief wieder vor, den sie nach der Entfernung des Kindes von dem Boden aufgehoben hatte, und ihre Thränen flossen auf's Neue.
Vorlage S. 58
211
Sie ließ beim Mittagessen die Speisen unberührt, war aber mit dem Knaben freundlich und legte ihm reichlich zu essen vor. Nach der Mahlzeit ging sie wieder daran, verschiedene Sachen einzupacken, indeß sie kam damit nur langsam vorwärts, denn sie setzte sich oftmals nieder, ihre Hände gegen die Stirn pressend, weil der Kopf sie schmerzte. Nach einer Weile stellte sie die Arbeit gänzlich ein und blieb wohl eine Stunde hindurch ruhig aufgestützt am Fenster sitzen. Dann stand sie auf, zog sich zum Ausgehen an, hieß den Knaben seine Mütze nehmen und verließ mit ihm das Haus.
Vorlage S. 58
212
Gleich am Eingange des Dorfes bog sie von der großen Fahrstraße ab und schlug einen Feldweg ein. Er führte durch den Wald in den Park des Schlosses. Durch eine Hecke trat sie in denselben ein. Es war hell unter den großen Bäumen, aber die Luft wehte stark und die Blätter rauschten mit leisem Klingen, sofern sie noch an den Bäumen hielten. Der ganze Boden war mit welkem, vielfarbigem Laube wie mit einem dichten Teppiche bedeckt, dass die Schritte bald unhörbar darüber hinglitten, bald es raschelnd nach sich zogen, je nachdem es trocken oder feucht war. Hier und da flog ein Vogel auf, hier und da kamen ein Hirsch oder ein paar Rehe aus dem Unterholze hervor und streckten zutraulich die feinen Köpfe mit den klaren, neugierigen Augen aus der leichten Umzäunung hervor. Die Mutter hatte dem Knaben oft von den schönen, schlanken Rehen und von den Hirschen mit ihren großen Geweihen erzählt, aber er hatte sie niemals gesehen, und seine Freude an den Thieren war sehr lebhaft. Er hatte den Rest seines Vesperbrodes in der Tasche und wollte sie füttern. Die Mutter gab es nicht zu.
Vorlage S. 58
213
Lass es gut sein, sagte sie, das ist Nichts für Dich; hier werden andere Kinder die Rehe füttern! – Sie hielt ihn an der Hand fest, um schneller mit ihm vorwärts zu kommen, und zeigte ihm im Vorübergehen die Statuen im Garten, welche große Blumenkörbe und schwere Füllhörner in den Armen trugen. Ein Ende weiter standen auf den Postamenten Knaben-und Mädchengestalten aus Stein gehauen, welche die Flöte bliesen und Guitarre spielten. Es war das Alles neu für Paul und machte ihm Freude; aber seine Freude konnte nicht aufkommen vor dem finstern Ernst der Mutter. Er fragte mehrmals: Wem gehören die Rehe? Wem gehören die Hirsche? Wem gehört das Alles? Sie antwortete ihm kurz: Dir nicht!
Vorlage S. 59
214
In der Nähe des Schlosses sah sie der Gärtner, der die Orangeriehäuser zur Nacht decken ließ. Er blickte ihr verwundert nach, weil sie seit Jahren nicht im Schloßgarten gewesen war, bot ihr den Guten Abend, sagte aber Nichts. So kam sie bis zu der Stelle, an welcher der kleine Fluss sich durch die Ausgrabungen zu einem großen Teiche verbreiterte und von wo sich das Schloß auf seiner Terrasse am stolzesten ausnahm. Die Sonne war schon zum Sinken geneigt, sie spiegelte sich in den Fenstern, dass sie leuchteten, als wäre Feuer dahinter. Auf den Terrassen standen, wie in Paulinen's Garten, auch noch einige Stockrosen, die der Nachtfrost verschont hatte und die dem Knaben als etwas Bekanntes Vergnügen gewährten. Aber obschon die Terrasse durch das Schloß vor dem Winde geschützt war, waren auch hier die Bäume schon entlaubt. Die letzten acht Tage hatten sie sehr mitgenommen, ihre Blätter schwammen auf dem Wasser, von dem der Nebel aufzusteigen begann, denn die Luft war klar und kalt.
Vorlage S. 59
215
Die vielen Schornsteine des Schlosses, die sich, drei, vier aneinandergelehnt, emporhoben, fielen dem Knaben auf.
Vorlage S. 60
216
Zähle die Schornsteine und merke Dir Alles, denn hier wohnt Dein Vater! Das ist Deines Vaters Haus! sagte die Mutter mit dem kurzen, nachdrücklichen Tone, der alle ihre Worte auf diesem Wege dem Kinde auffallend und eindringlich machte, ohne dass es wusste, weshalb ihm Alles so besonders klang.
Vorlage S. 60
217
Zähle die Schornsteine, wiederholte sie, und zähle, wie viel blanke Fenster das Schloß hat, und wie viel große Thore und Thüren. Hinter den blanken Fenstern, in denen die Sonne sich so golden spiegelt, werden glückliche Kinder wohnen und spielen, aber Du wirst nicht hineinkommen in das Haus. Merke es Dir gut. Das ist Schloß Richten! Hörst Du, Paul! Das ist Schloß Richten, das gehört dem Baron von Arten, dem Onkel Baron, und der Onkel Baron ist Dein Vater! Der Baron von Arten ist Dein Vater, Paul!
Vorlage S. 60
218
Sie sah den Knaben an, sein ernstes Gesicht, in dem sich ein großer Scharfsinn kundgab, befriedigte sie. Weißt Du's jetzt? fragte sie.
Vorlage S. 60
219
Ja; das ist Schloß Richten, das gehört dem Onkel Baron, und der Baron von Arten ist mein Vater! sprach der Kleine ihr halb verwundert und halb im Schrecken nach.
Vorlage S. 61
220
Merk' Dir's, Dein Vater heißt Herr Baron von Arten! wiederholte sie. Sage das noch einmal nach!
Vorlage S. 61
221
Mein Vater heißt Herr Baron von Arten! sprach das Kind; und ich komme nie hinein! setzte er aus freiem Antriebe hinzu, denn es that ihm leid, dass er nicht hinein sollte in das schöne Schloß zu den glücklichen Kindern, die einst hinter den goldenen Fenstern spielen würden.
Vorlage S. 61
222
Mache, dass Du hineinkommst! rief die Mutter mit unterdrückter Stimme, denn Dir kommt es zu, dort in dem Schlosse zu wohnen. Dir kommt es zu! Hörst Du, Dir! Du bist der älteste Sohn! Dir kommt es zu, dieses Schloß!
Vorlage S. 61
223
In dem Augenblicke hörte sie Schritte. Sie fuhr zusammen, fasste ihres Sohnes Hand, und als sie sich umwendete, stand der Caplan vor ihr. Er hatte sie aus dem Fenster seines Zimmers auf der Terrasse gesehen und kam besorgt herab, sie zu fragen, was sie hierher geführt habe.
Vorlage S. 61
224
Paul soll doch wenigstens einmal sehen, wo sein Vater wohnt, antwortete sie trocken. Da er den Park und das Schloß nie hat betreten dürfen, so lange wir hier lebten, soll er es sich genau betrachten, ehe wir von hier scheiden.
Vorlage S. 61
225
Der Caplan machte keine Einwendungen dagegen. Er sprach ihr und dem Kinde freundlich zu, aber er suchte sie, indem er vorwärts ging, von der Terrasse, auf welche auch die Fenster von dem Zimmer des Barons hinaussahen, fortzubringen, und weil die Achtsamkeit des Knaben sich auf die Schwäne unten im Flusse hinwendete, gelang es Jenem leicht, Mutter und Sohn dorthin zu leiten. Am Flusse blieb Pauline stehen. Die Sonne war herunter, das Wasser sah schon ganz finster und schwarz aus, die Schwäne zogen mit ihren weißen gehobenen Flügeln langsam darauf hin.
Vorlage S. 61
226
Sieh', wie breit der Fluss hier ist! sagte Pauline, der geht durch das ganze Land, und ist tief, sehr tief. Noch ein paar Wochen, dann wird er gefroren sein. Vergiss das nicht, Paul! Oben liegt das große, helle Schloß und unten fließt das tiefe, finstere Wasser! Wirst Du das behalten?
Vorlage S. 62
227
Ja! versicherte der Knabe.
Vorlage S. 62
228
Nun, dann können wir gehen! rief die Mutter, blieb aber doch noch einmal stehen, um noch einen Blick auf das Schloß zu werfen, und sagte: Da oben ist auch Alles leer, all die Stuben von der seligen gnädigen Frau und von dem gnädigen Fräulein! Die haben auch Platz machen müssen!
Vorlage S. 62
229
Sie seufzte, wollte noch Etwas sagen, unterließ es jedoch und wünschte dem Caplan eine gute Nacht, wobei sie ihm dankte, dass er so viel Geduld und Nachsicht mit ihr gehabt habe und dass er sie und den Knaben hier nicht gestört. Er versuchte, mit ihr von ihrer Reise, von ihrer Einrichtung in der Stadt zu sprechen, und geleitete sie während dessen bis zum Parke hinaus. An der Pforte desselben bat er sie, sie möge das Wort halten, das sie ihm neulich gegeben, den Baron nicht weiter zu beunruhigen.
Vorlage S. 62
230
Was ich versprochen habe, das habe ich versprochen und das werde ich halten! Was der Herr Baron von mir noch hören soll, das erfährt er durch Sie, Hochwürden! betheuerte sie.
Vorlage S. 62
231
Der Caplan lobte das, sie boten sich nochmals gute Nacht, und Pauline schritt mit ihrem Sohne durch die hereinbrechende Dunkelheit gen Rothenfeld nach Hause.
Vorlage S. 62
232
Viertes Capitel
Vorlage S. 63
233
Als der Geistliche in das Schloß zurückkehrte, sagte man ihm, dass der Baron nach ihm gefragt habe, und er verfügte sich nach dessen Zimmer.
Vorlage S. 63
234
Ein freundliches Licht, eine behagliche Wärme strömten ihm entgegen, als er in dasselbe eintrat. Im Kamine knisterte und flackerte das Feuer und warf seine Streiflichter nach den Genien von Marmor empor, die von der hochgegiebelten Spitze desselben Kränze und Palmenzweige herniederreichten. An dem großen Schreib-Bureau, oben, gegen das Fenster hin, saß der Baron. Bei dem klaren Lichte der Wachskerzen, die auf den silbernen Armleuchtern brannten, ordnete er verschiedene Briefschaften und Papiere, und die im Kamine auffliegenden leichten Feuerflocken verriethen, dass er auch Papiere verbrannt haben musste.
Vorlage S. 63
235
Als er den Caplan gewahrte, stand er auf und ging ihm ein paar Schritte entgegen. Es ist gut, dass Sie da sind, Bester, sagte er dann; mir wurde allmählig bange vor diesem Schreibtische. Alte Papiere durchzusehen, ist mir beinahe noch quälender, als auf einem Kirchhofe umher zu wandeln. Der Kirchhof, so traurig seine Mahnung an unsere Vergänglichkeit ist, zeigt sich uns doch immer als die Ruhestätte für man ches Leiden, und wir selber empfinden uns auf demselben mit Behagen als die Lebenden, wir sind für den Augenblick wenigstens noch die Bevorzugten. Aber vor solchen Papieren – er wies mit der Hand darauf hin – fühlen wir selbst uns schon in gewissem Sinne als Vergangene. Wir kennen uns selbst nicht in den durchlebten Zuständen wieder, wir belächeln das, was uns einst wichtig schien, wir sehen auf uns selbst wie auf etwas Fremdes zurück, und daneben wälzt sich uns die ganze Masse von Irrthümern und Verschuldungen auf, die man sich nicht ableugnen kann und mit denen man sich selbst und Andere leiden machte. Die vergangenen Freuden sind uns keine rechten Freuden mehr, die Menschen, die vor uns auftauchen, sind teils wirklich todt, teils todt für uns, und weil wir auf so viel Vergangenes blicken, verlieren wir das Zutrauen zu demjenigen, was wir jetzt wünschen und erstreben. Der grüne Rasen des Kirchhofes ist lange nicht so melancholisch, als solche Päcke vergilbter Papiere. Sie müssten uns alle Lust am Leben nehmen, wären wir nicht wie die Kinder geneigt, uns das Kommende, das Unbekannte, trotz aller unserer Erfahrungen, doch immer wieder schöner und verlässiger, als das Bekannte vorzustellen. Wer seines Lebens froh werden will, muss eigentlich gar keine Zeugnisse seiner Vergangenheit aufbewahren, denn damit allein gewinnt man die Möglichkeit, sich nur dessen zu erinnern, was man festzuhalten wünscht, und Alles zu vergessen, was man vergessen möchte.
Vorlage S. 63
236
Der Caplan widersprach dieser Ansicht. Wer das Bestreben der Selbstvollendung hat, meinte er, muss sich vor sich selbst als Einheit aufzurichten wünschen und hat als Grundlage für seinen eigenen Fortschritt den genauen, klaren Ueberblick über seine ganze Vergangenheit nötig. Mich dünkt, sagte er, ein jeder Irrthum, aus dem wir belehrt hervorgegangen sind, wird uns zu einem Antriebe, weiter in dem Streben nach Wahrheit fortzuschreiten; jede Versuchung, jede üble Neigung, die wir besiegten, ist eine Ermuthigung für uns, jedes Unterliegen eine Mahnung zum Mißtrauen gegen uns selbst, und wenn ich auf meine ganze Vergangenheit zurückschaue, so möchte ich nicht eine Stunde derselben vermissen.
Vorlage S. 64
237
Der Baron war von der Aeußerung überrascht. Ich kenne Sie doch nun über ein Vierteljahrhundert, sagte er, aber für so glücklich hätte ich Sie nicht gehalten. Nach Ihren Aeußerungen müssen Sie von dem Leben, von den Menschen keine Enttäuschungen erlitten haben; dann freilich wären Sie zu beneiden, wären Sie glücklicher als ich gewesen bin; aber ich habe das nicht geglaubt.
Vorlage S. 65
238
Er brach damit plötzlich das Thema ab, als sei es völlig erschöpft, wenn er seine Ansicht darüber ausgesprochen habe, und der Caplan hatte keine Neigung und keinen Grund, es weiter fortzusetzen. Aber der Baron war aufgeregt und warf mit einer gewissen Heftigkeit noch einige Päcke Papiere in das Feuer, die hell aufflammten und bald als ein Häufchen Asche zwischen den großen Holzbränden versanken.
Vorlage S. 65
239
Das wäre abgethan! sagte er, und als sei mit diesen schriftlichen Zeichen entschwundener Jahre auch all dasjenige vernichtet, was der Baron nicht erlebt und gelebt zu haben wünschte, so erleichtert wandte er sich von dem Feuer ab. Er ging an sein Bureau, schloß eines der Fächer desselben auf, nahm einen Schmuckkasten von violettem Sammet heraus, der auf seinem Deckel das Wappen der Familie Arten trug, und zeigte, den Kasten öffnend, seinem Freunde den darin enthaltenen Schmuck.
Vorlage S. 65
240
Sehen Sie einmal, sagte er, was Fassung tut! Sie kennen ja unsern Familienschmuck; aber wie viel schöner sieht er in seiner jetzigen Fassung aus, als in der früheren, in welcher meine Mutter ihn trug! Er hielt ihn dabei gegen das Licht, dass die Flamme der Kerzen sich tausendfach in den schön facettirten Brillanten spiegelte, und schien große Freude an ihrem Glanze zu haben.
Vorlage S. 65
241
Mich dünkt, der Schmuck ist größer und reicher, als ich ihn früher gesehen habe, meinte der Caplan.
Vorlage S. 65
242
Das ist er auch. Sie wissen ja, dass es ein Uebereinkommen oder vielmehr eine Sitte unter uns ist, bei jeder neuen Uebertragung des Schmuckes auf eine neue Frau von Arten, den Schmuck zu vergrößern. Ich habe die fünf Solitaire, welche die Mitte des Colliers bilden, dazu gekauft, und die ganze Aigrette ist neu. Ich denke, dass sie Gräfin Angelika vortrefflich kleiden wird. Die fünf Steine, welche durch meinen Ankauf an der hinteren Seite des Halsbandes übrig geworden sind, habe ich als Pendeloques für die Brust-Agraffe fassen lassen, und so schön die Steine an und für sich sind, muss man es dem Juwelier, dem Jakob Flies, doch lassen, dass er ihnen durch die Art der Zusammenstellung einen ganz besonderen Glanz gegeben hat. Er ist fraglos einer der geschicktesten Juweliere und der honneteste Jude, der mir vorgekommen ist.
Vorlage S. 66
243
Er blieb mit der Betrachtung des Schmuckes beschäftigt, nahm die einzelnen Theile mit einer fast weiblichen Genugthuung aus dem Etui heraus, hielt sie gegen das Licht und rief endlich: Keine Königin dürfte sich dieses Schmuckes schämen! Dann legte er Alles in dem Etui zurecht, deckte das wattirte weiße Atlaskissen über die Brillanten und schloß das Kästchen mit dem goldenen Schlüssel wieder behutsam zu. Ehe er es aber in das Bureau setzte, ließ er den Caplan noch einmal die Arbeit des Etuis betrachten, welche sehr geschickt das alte, jetzt zu klein gewordene Schmuckkästchen nachahmte, und mit dem doppelten Behagen des Kenners und des Besitzers holte er noch vier, fünf ältere Schmuckkasten herbei, welche die Vorgänger des jetzigen gewesen waren.
Vorlage S. 66
244
Man hatte durch alle Generationen die Form und Zeichnung des ersten Schmuckkästchens festgehalten, das einst einer der Herren von Arten seiner Braut als Hochzeitsgabe dargebracht hatte. Es machte sich also von selbst, dass der Baron dabei seiner Mutter und Großmutter, seiner Vorfahren überhaupt gedachte, und er, der sich eben noch gegen alle und jede persönliche Rückerinnerungen ausgesprochen hatte, fand sich bald in das liebevollste Gedenken an seine Eltern, in den stolzesten Rückblick auf sein Geschlecht versenkt. Er sprach von seiner Mutter, von seinem Vater, er verglich die Eigenschaften und den Charakter seiner verstorbenen Schwester mit denen seiner Braut, er entwarf Lebensplane für die Zukunft und war, wie sanguinische Menschen bei einem neuen Abschnitte in ihrem Leben es pflegen, voll guten Glaubens und voll guter Vorsätze.
Vorlage S. 66
245
Er kam darauf noch einmal, als er dem Caplan die Trauringe zeigte, auf den jüdischen Juwelier zurück. Ich kenne ihn seit langen Jahren, mein Vater bediente sich seines Vaters schon, sagte er, aber ich habe mir niemals die Mühe genommen, mich weiter mit ihm einzulassen, als unser eigentliches Geschäft es nötig machte. Jetzt, da ich ausführlicher mit ihm zu verhandeln hatte, habe ich ihn näher kennen lernen, und ich finde nun vollkommen bestätigt, was man mir von ihm gerühmt hat. Er ist ein anständiger Mann und von einer Bildung, die ich bei Leuten seines Gleichen in der That nicht vorausgesetzt haben würde.
Vorlage S. 67
246
Ich hatte Ihnen das immer gesagt, bemerkte der Caplan. Verwandte von mir, die vor Jahren in seinem Hause wohnten, hielten einen gewissen Verkehr mit ihm, und ich habe dadurch bei meinen früheren Besuchen in der Stadt die Gelegenheit gehabt, ihn und seine Frau kennen zu lernen. Es sind äußerst brave und recht gebildete Leute.
Vorlage S. 67
247
Mich freut es, diese Bestätigung Ihrer Ansicht durch meine eigene Erfahrung gewonnen zu haben, erklärte der Baron; denn ich hege nicht üble Lust, den Mann als meinen Agenten in der Stadt zu benutzen. Er hat Waarenkenntniß aller Art und viel Geschmack. Er ist daneben klug, umsichtig, ein sehr gewandter Geschäftsmann, und die Weise, in welcher er seine Frau und seine einzige, beiläufig sehr schöne Tochter behandelte, gefiel mir sehr. Discret scheint er mir auch zu sein.
Vorlage S. 67
248
Der Caplan hatte Anfangs nicht recht einsehen können, was den Baron bewogen, grade jetzt, wo seine Zeit beschränkt war, die nähere Bekanntschaft des Juweliers zu machen; noch weniger konnte er begreifen, wozu er eines Agenten in der Stadt bedürfe und weßhalb er sich zu einem solchen eben einen Juden ausersehe. Indeß die letzten Worte, welche der Verschwiegenheit des Herrn Flies gedachten, klärten für den Caplan den Vorgang alsbald auf. Die ganze Maßregel konnte sich nur auf Pauline oder auf den Knaben beziehen, den der Freiherr dem Schutze und Rathe des Juweliers anzuvertrauen beabsichtigen mochte, weil er mit demselben auf sehr leichte und unverfängliche Weise im Zusammenhange bleiben konnte. Da der Baron aber mit keinem Worte Paulinen's gedachte, hielt der Caplan es für angemessen, ihrer ebenfalls nicht zu erwähnen, und der Abend ging mit ruhigen, meist heiteren Gesprächen hin, als säße nicht eine halbe Stunde von ihnen ein unglückliches, verlassenes Weib in all seinem Jammer da, die langsam dahingleitenden Minuten mit seinen Herzschlägen qualvoll durchmessend.
Vorlage S. 68
249
Am andern Morgen kam der künftige Schwager des Barons, ein junger Militär, nach Richten, um den Bräutigam seiner Schwester zur Hochzeit zu begleiten. Er diente in einem Cavallerie-Regimente, dessen eine Schwadron unfern in Garnison lag. Es war ein prächtiger Tag. Das Pferd des Cornets wieherte vor Freude, als es, dampfend von dem scharfen Ritte durch den kalten, klaren Morgen, das Schloß erreichte, dessen wohlversorgte Ställe ihm bekannt und lockend winkten. Die beiden ihn begleitenden langhaarigen Windhunde sprangen in großen Sätzen vor ihm her, als ahnten sie in der klaren Herbstluft die nahe Jagd.
Vorlage S. 68
250
Der Cornet war pünktlich gewesen, um keinen Aufenthalt in der Abreise zu verursachen, und kaum hatte ein Diener sein Pferd weggeführt, so trat gleich ein zweiter heran, dem Reitknechte des jungen Grafen das Gepäck abzunehmen, welches dieser für seinen Herrn auf dem Pferde hatte. Denn die Reisewagen waren bereits zum Anspannen fertig und man hatte nur noch die Mantelsäcke des jungen Grafen unterzubringen.
Vorlage S. 69
251
Der Baron hatte, am Fenster stehend, schon eine ganze Weile nach seinem Schwager ausgesehen. Er hatte vortrefflich geschlafen, war heiter erwacht und am Morgen unter verschiedenen Vorwänden durch das ganze Schloß gegangen, das ihm heute zum ersten Male so leer erschien, als habe die Gefährtin, die er zu holen beabsichtigte, es schon lange mit ihm bewohnt und ihn eben jetzt erst verlassen. Er sah daran, wie viel er in dieser Zeit an sie gedacht hatte, wie sehr er sich ihres nahen Besitzes freute und wie sehr er sie bereits in sein Leben aufgenommen habe. Er begrüßte und umarmte dann den Jüngling, der ihn mit den schönen Augen seiner Schwester anlachte, mit der größten Freude, aber er war so eilig, fortzukommen, dass er trotz seiner Gastlichkeit, noch während der Cornet beim Frühstück saß, den Befehl zum Anspannen der Wagen ertheilte.
Vorlage S. 69
252
Der Cornet wollte davon nichts hören. Er hatte sich vor Tagesanbruch auf den Weg gemacht, nun verlangte er Zeit, sich auszuruhen, denn er wollte sein Haar, das von dem mehrstündigen Ritte in Unordnung gerathen war, frisch frisiren und pudern lassen, um am Abende sich in seiner Familie gebührend präsentiren zu können. Er neckte daher den Baron mit aller kecken Laune eines jungen Militärs und mit allem Uebermuthe eines verwöhnten Günstlings über die große Eile, mit welcher derselbe zur Abreise trieb. Der Baron ließ sich das von dem Bruder seiner Braut mit Heiterkeit gefallen, ja, er willigte endlich darein, dem jungen Grafen noch die ganze neue Einrichtung des Schlosses zu zeigen, und es vergingen damit nahezu zwei Stunden, die man in der angenehmsten und behaglichsten Weise verbrachte.
Vorlage S. 69
253
Endlich fuhren die beiden Reisewagen vor das Schloß. Den einen sollten bei der Heimkehr die Vermählten, den anderen der Cornet und der Caplan benutzen. Die Dienerschaft stand vor der Thüre, der Haushofmeister sah dienstbeflissen noch einmal die Taschen des Wagens nach, sich zu überzeugen, dass die mitgegebenen Vorräthe wohl untergebracht wären, der Kammerdiener legte die Fußsäcke und Pelzdecken zur Vorsicht in den Wagen, und nahm dem Gärtner die Schachtel ab, in welcher das Bouquet von Orangenblüthen, das der Baron seiner Braut als Willkommsgabe aus seiner Orangerie mitzubringen wünschte, vorsichtig in Moos verpackt war.
Vorlage S. 70
254
In dem Augenblicke trat der Baron mit seinen beiden Begleitern aus dem Portal des Schlosses heraus, und der Cornet machte unwillkürlich die Bemerkung, wie schön sein Schwager in dem violetten, mit Goldschnüren besetzten Sammetüberrocke aussehe. Mit klarem Auge selbstzufrieden umherschauend, drückte der Baron den flachen, gleichfalls mit Goldschnüren verzierten dreieckigen Hut auf das Haupt und wollte eben den Wagen besteigen, als sich unten am Flusse eine unruhige Bewegung zeigte. Der Gärtner mit seinen Burschen und einige Arbeiter waren am Wasser beschäftigt, man holte Stangen herbei, und der Gärtner bestieg das Boot, mit dem man nach dem Schwanenhäuschen überzufahren pflegte.
Vorlage S. 70
255
Was giebt's da unten? fragte der Freiherr.
Vorlage S. 70
256
Man wusste es in seiner Umgebung nicht und schickte hinunter, es zu erkunden.
Vorlage S. 70
257
Aber noch ehe der Bote zurückkam, brachte der Gärtnerbursche dem Caplan einen Brief.
Vorlage S. 70
258
Was geht da vor? wiederholte der Freiherr.
Vorlage S. 71
259
Gnädiger Herr, sagte der Bursche, es hat sich Einer in's Wasser gestürzt!
Vorlage S. 71
260
Wer? Wann? rief der Freiherr mit einem Schrecken, der aus irgend einer furchtbaren Ahnung hervorgehen musste.
Vorlage S. 71
261
Ich weiß nicht! antwortete der Gärtnerbursche auf ein Zeichen des Caplans, von dessen Wangen alles Blut gewichen war.
Vorlage S. 71
262
Der Freiherr wollte die Terrasse hinuntereilen, der Caplan hielt ihn zurück. Bleiben Sie, bleiben Sie! Es ist vergebens, es ist zu spät! sagte er eilig und selbst nach Fassung ringend.
Vorlage S. 71
263
Den Brief, den Brief! drängte darauf der Baron und entriss dem Widerstrebenden das Papier. Es enthielt die folgenden, kurzen Zeilen:
Vorlage S. 71
264
»Was ich von Dir erfahren soll, das theile dem Herrn Caplan mit! hat er mir geschrieben. – Sagen Sie ihm also, Hochwürden, dass ich nicht anders konnte. Ich habe fortgehen wollen, nun der Tag da ist, geht's über meine Kräfte. Ich will ihn ja nicht stören in seinem Glücke, aber hier bleiben muss ich! Wenn er heruntersieht auf das Wasser, werde ich ihm wohl einfallen, und er wird dann auch wohl an den Paul denken, der nun keinen Menschen mehr auf der Welt hat, als ihn! Sagen Sie ihm das, Hochwürden! – Wenn's Tag wird und Sie den Brief bekommen, dann ist's lange mit mir vorbei!«
Vorlage S. 71
265
Das war Alles. Der Brief war kurz und ohne alle Weichheit, wie Paulinen's Charakter in sich abgeschlossen, und ihr Entschluss schnell gewesen war. Sie hatte nicht einmal ihren Namen unterschrieben.
Vorlage S. 71
266
Während der Baron las, hatte seine ganze Dienerschaft erfahren, was geschehen war. Die Blicke seiner Leute waren auf ihn gerichtet, er beachtete es nicht. Seine Hand zitterte, seine Kniee versagten ihm den Dienst, er musste sich auf einer der Bänke vor dem Schlosse niedersetzen, und im furchtbaren Schmerze schloß er die Augen. Es war eine vollkommene Unthätigkeit in seine Umgebung gekommen, Niemand schien zu wissen, was er tun solle.
Vorlage S. 71
267
Mit einem Mal richtete er sich auf. Abspannen! befahl er und wollte sich in das Schloß begeben. In dem Augenblick kam aber der Cornet zurück, welcher mit der Lebhaftigkeit seines Alters bei der ersten Kunde von dem Unfalle nach dem Wasser hinuntergegangen war.
Vorlage S. 72
268
Es hat sich ein Frauenzimmer aus dem Dorfe ertränkt! sagte er gleichgültig, und sie meinen, es müsse schon viele Stunden her sein, denn der Mantel und die Schuhe, die man auf dem Rasen gefunden hat, waren schon festgefroren, als Ihr Gärtner sie bemerkte. Unter den Schuhen soll ein Brief an den Herrn Caplan gelegen haben. – Ah, Sie haben den Brief schon! rief er, als er das Blatt in den Händen seines Schwagers und zugleich mit dessen Verstörung es bemerkte, dass der Kammerdiener die Pelzdecken wieder aus dem Wagen herausnahm.
Vorlage S. 72
269
Was haben Sie, Baron? Sie lassen ausspannen? fragte er verwundert. Fahren wir denn nicht?
Vorlage S. 72
270
Ja, bald, gleich! erwiederte der Baron, sich gewaltsam beherrschend. Ich muss nur erst sehen ....
Vorlage S. 72
271
Ob Sie Todte lebendig machen können? rief der Cornet. Wenn wir darauf warten sollen, wird Angelika heute eine schlaflose Nacht haben und sich Sorgen um uns machen, wobei Sie natürlich für zwei zählen und ich für Nichts! Vor Abend kommen wir jetzt ohnehin nicht mehr nach Berka, und der Caplan ist ja unten. Ueberlassen Sie ihm doch den Rettungsversuch, das ist sein Amt, und – fügte er übermüthig hinzu – wer weiß, ob der hochwürdige Herr, an den der Brief gerichtet war, nicht am Ende ohnehin mehr von der Sache weiß.
Vorlage S. 72
272
Er lachte über seinen Einfall; der Baron hatte nichts von diesen frechen Worten des jungen Mannes gehört; aber er kam allmählig aus seiner Versunkenheit zurück, fuhr sich mit der Hand mehrmals über die Stirn, und als er sich dann umsah, waren seine Mienen wieder ruhig geworden.
Vorlage S. 72
273
Sie haben Recht, sprach er; ich kann hier in der That Nichts helfen, und Ihre Schwester soll nicht ohne Grund beunruhigt werden. Kommen Sie, lieber Gerhard, lassen Sie uns einsteigen! – Während der junge Graf sich dem Wagen näherte, winkte der Baron den Haushofmeister heran und sagte: Ich lasse den Herrn Caplan ersuchen, alles Nötige, verstehen Sie mich, alles Nötige, zu besorgen und mir baldmöglichst nachzukommen! Und dass ich hier Alles finde, wie ich's angeordnet habe!
Vorlage S. 73
274
Der Haushofmeister verneigte sich, die Dienerschaft, welche eben so bestürzt gewesen war, als ihr Gebieter, trat beflissen hinzu, und der Baron stieg ein. Als der Cornet sich zu ihm niedersetzte und der Kammerdiener ihnen die Decken von schwarzem Bärenpelz über die Kniee gebreitet hatte, lehnte der Baron sich in die Ecke zurück, wie einer, der zu schlafen beabsichtigt.
Vorlage S. 73
275
Sie werden heute keinen unterhaltenden Gesellschafter an mir haben, sprach er zu dem jungen Manne. Freude und Erregung haben mich die Nacht nicht schlafen lassen, und nun ist der Schrecken mir auf die Nerven gefallen, dass ich einen Ansatz von Migraine fühle, den ich mir wegschlafen möchte, um Ihre Schwester heiter und frei umarmen zu können.
Vorlage S. 73
276
Kannten Sie das Frauenzimmer, das sich ertränkt hat? fragte gleichgültig der junge Mann.
Vorlage S. 73
277
Ja, versetzte der Baron, und es überlief ihn eiskalt, dass er zusammenschauerte und sein Begleiter ihn, aufmerksam werdend, betrachtete. Dem Baron entging das nicht, und die Achtsamkeit seines Schwagers von dem rechten Pfade abzulenken, sagte er: Mit aller seiner Philosophie kann man sich des Aberglaubens in entscheidenden Momenten doch recht schwer er wehren. Dass solch ein Unglück vor meinen Augen geschah, grade als ich den Wagen besteigen wollte, um an das Ziel meiner Wünsche zu gelangen, hat mir einen äußerst peinlichen Eindruck gemacht, und ich möchte um Alles in der Welt nicht, dass Ihre Schwester Etwas davon erführe.
Vorlage S. 73
278
O, bewahre! Wozu auch? erwiederte der Bruder; aber dass Sie sich so Etwas derart zu Herzen nehmen könnten, hätte ich mir nicht gedacht! Mich lässt dergleichen völlig ruhig. Wer sich das Leben nimmt, tut es zu seinem eigenen Schaden.
Vorlage S. 74
279
Er machte dazu ein ganz ernsthaftes Gesicht, lehnte sich ebenfalls zurück, wickelte sich fest in seinen Reitermantel ein und war, da er mit Tagesanbruch ausgeritten, bald eingeschlafen, während der Baron, von Schmerz und Gewissensbissen gefoltert, von Sorgen und Unglücksahnungen gepeinigt, mit Schrecken daran dachte, dass er am Abend seine Braut begrüßen und sie bald als seine Gattin in sein Haus führen sollte, vor dessen Fenster das dahin fließende Wasser ihn ewig an den Untergang Paulinen's mahnen musste.
Vorlage S. 74
280
Fünftes Capitel
Vorlage S. 75
281
Die ganze gräfliche Familie war bereits im Schlosse beisammen, als der Baron in Berka eintraf. Der Schwiegervater, die neuen Vettern, kamen ihm bis in die Halle entgegen. Bei dem Scheine der Windleuchter, welche die geschäftige Dienerschaft herbeigetragen, hieß man ihn mit aller Feierlichkeit willkommen, und dem Baron war jeder Aufenthalt, war Alles erwünscht, was ihm die Veranlassung zum eignen Handeln ersparte, was die erste Begegnung mit seiner Braut, wenn auch nur für Minuten, hinausschob.
Vorlage S. 75
282
Oben in seinen Zimmern, in die man ihn geführt hatte, um ihm Zeit für seine Umkleidung zu geben, warf er sich erschöpft auf das Canapé, und die Herzbeklemmung, die er den ganzen Tag ertragen und überwunden hatte, machte sich in Thränen Luft.
Vorlage S. 75
283
Gut geschult, verließ sein Kammerdiener ihn, sobald er die Gemüthsbewegung seines Herrn gewahrte, und es dauerte eine Weile, ehe der Baron demselben schellte, um sich ankleiden zu lassen. Er war sonst äußerst sorgsam für seine Toilette, heute blieb dieselbe gänzlich dem Kammerdiener überlassen.
Vorlage S. 75
284
Der Baron beachtete es nicht, in welcher Weise jener ihm die vollen Seitenlocken puderte; er sprach kein Wort, während der Diener ihm das Haar flocht und die Schleifen des breiten Bandes an dem Haarbeutel befestigte. Er merkte es kaum, als er ihm das kleine, goldene Messer reichte, den Puder von der Stirne fortzubringen, und wäre der Diener nicht selbst stolz gewesen auf die vornehme Erscheinung seines Herrn, so hätten die weißseidenen Strümpfe sich ziehen können, wie sie mochten, und weder die kantenbesetzte weiße Halsbinde, noch das Jabot und die Spitzenmanschetten würden die rechten vollen, vornehmen Falten geworfen haben. Erst als der Baron das Zimmer verlassen wollte, um sich zu seiner Braut zu verfügen, und der Diener ihm den Parfümerie-Kasten hinreichte, damit er für sein Taschentuch den Parfüm nach Wohlgefallen wählen könne, erlaubte sich derselbe die Anfrage, ob der gnädige Herr nicht in den Spiegel sehen wolle, und sein zufriedenes Lächeln schien von diesem Vorschlage Erheiterung für den Baron zu erwarten. Indeß der Blick desselben wendete sich kalt von dem Spiegel ab, nachdem er ihn flüchtig darauf gerichtet hatte, und mit einem Seufzer, den er nicht zu unterdrücken vermochte, verließ er das Zimmer.
Vorlage S. 75
285
Er hatte keine Sylbe gesprochen, er hatte es nicht einmal für nötig gehalten, dem Diener Verschwiegenheit zu befehlen. Er kannte sich und seine Leute. Er wusste, dass sie treue Diener waren, weil er sie immer empfinden ließ, dass er ihr Herr sei.
Vorlage S. 76
286
Langsam und schwerer, als es seine Art war, schritt er die Treppe hinab, durch die Vorzimmer, an der teils wartenden, teils beschäftigten Dienerschaft vorbei, bis die Flügelthür des Saales vor ihm geöffnet wurde. Aber das Licht, das helle Licht, welches ihm aus demselben entgegenstrahlte, war ihm unangenehm. Es blendete ihn heute zum ersten Male in seinem Leben und erinnerte ihn damit, wie heiße Thränen er geweint hatte. Indeß es blieb ihm keine Zeit, an sich zu denken. Er hatte seine Braut zu begrüßen, er musste ihr sagen, was er in diesem Augenblicke leider ganz und gar nicht empfand, dass er glücklich sei, sie wiederzusehen.
Vorlage S. 76
287
Wie hold sie ist! hörte er ausrufen, als Gräfin Angelika ihm mit unverhehlter Freude und Zärtlichkeit entgegenkam.
Vorlage S. 76
288
Die schlanke Gestalt sah so leicht aus in dem Kleide von rosenfarbener Seide. Das schöne Haar, nur von einem rosa Bande gehalten, puffte sich hoch über ihrer schmalen Stirne empor und fiel hinter beiden Ohren in langen Locken weich und schwer auf ihren Hals und ihren Busen hinab.
Vorlage S. 77
289
In jedem anderen Momente würden ihre Jugend und ihre Schönheit dem Baron eine Entzückung bereitet haben; heute bewegten sie ihn nicht, obschon er sie gewahrte. Er küsste Angelika's Hand und umarmte sie, aber sie musste die Begrüßung nicht gefunden haben, wie sie dieselbe erwartet hatte, denn es legte sich ein Schatten über ihr Gesicht und ihr Auge blieb ängstlich auf den Baron gerichtet, als man sich nach kurzer Zeit in den Speisesaal verfügte.
Vorlage S. 77
290
Die Unterhaltung belebte sich an der Tafel schnell. Man befand sich noch in den Zeiten, in welchen Männer und Frauen es kein Hehl hatten, dass sie in die Gesellschaft gingen, um einander zu treffen und dass sie einander zu gefallen wünschten. Die Geselligkeit, die Unterhaltung wurden noch als eine Kunst betrachtet, in welcher geübt und geschickt zu sein für einen Gebildeten als eine Ehrensache galt. Der Baron, als trefflicher Gesellschafter gerühmt, hatte seinen Ruf aufrecht zu erhalten und hätte ihn selbst in seiner gegenwärtigen Stimmung, in dem Kreise seiner neuen Familie und unter den Augen seiner Braut nicht einbüßen mögen. Er nahm sich also zusammen, und da man für den Moment durch Ueberreizung seiner Kräfte ihre Abspannung am leichtesten besiegt und verbirgt, so steigerte er sich allmählich zu einer Lebhaftigkeit, welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn richtete und ihn zum Mittelpunkte des ganzen Kreises machte.
Vorlage S. 77
291
Er kam aus der Stadt, war vor nicht langer Zeit in Berlin gewesen und hatte viel Gutes von den Freunden zu erzählen, welche er an beiden Orten gesehen. Er konnte, weil ihm die hervorragendsten Persönlichkeiten des Hofes und der Diplomatie bekannt waren, genaue Auskunft über den Stand der Welthändel geben, welche damals noch nicht so offen und so schnell vor aller Leute Augen gebracht wurden, als in unsern Tagen, und was die Literatur anbelangte, an der man zu jener Zeit in der guten Gesellschaft weit mehr Anteil nahm als heute, so führte er als das Neueste und Bedeutendste in seinem Reisewagen außer Goethe's Geschwistern noch die ersten veröffentlichten Bruchstücke des Don Carlos mit sich. Er musste vom Könige erzählen, von der Gräfin Lichtenau, deren Charakter und deren Tun und Treiben seit der neuerdings erfolgten Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's des Zweiten eine noch größere Wichtigkeit bekommen hatten, und wie sehr er die Abneigung seiner Zuhörerinnen gegen die königliche Maitresse auch berücksichtigte und schonte, konnte er doch nicht umhin, sie als eine Frau von Geist, von Geschmack und von Kunstsinn zu bezeichnen. Hier und da verrieth ein Blick, ein Wort es den Männern, dass er noch mancherlei Besonderes zurückbehalte, was den Vertrautesten mitzutheilen sich wohl eine gute Stunde finden lassen werde, und selbst die Frage der Damen nach den neuen Moden in Kleidung und Wohnungseinrichtung freundlich zu befriedigen, ließ der Baron sich gefällig herbei, bis alle Anwesenden voll von seinem Lobe waren, bis er selbst sich fortgehoben hatte über seinen verstörten Sinn. Er hatte die Gesellschaft für sich eingenommen und sich durch die Betrachtung erheitert, wie viel Herrschaft er über sich habe und über welche Mittel er gebiete, sich die Neigung und Bewunderung der Menschen zu gewinnen; das genügte ihm für den Augenblick und half ihm vorwärts.
Vorlage S. 77
292
Nur Eine Person in der Gesellschaft schien die allgemeine Zufriedenheit und den allgemeinen Frohsinn nicht zu theilen, nur Comtesse Angelika blieb ernst und schweigsam. Das fiel dem Baron auf, und, besorgt und ein wenig empfindlich zugleich, fragte er sie: Fehlt Ihnen etwas, meine Beste, oder was ist geschehen, das Lächeln von Ihrem lieben Antlitze zu verscheuchen?
Vorlage S. 78
293
Da richteten sich ihre sanften Augen ruhig forschend auf die seinen, und mit leiser Klage sagte sie: Sie erzählen so viel Schönes, aber Sie sagen mir Nichts!
Vorlage S. 79
294
Der Scharfblick des jungen Mädchens erschreckte, der Vorwurf traf ihn, indeß schnell gefasst neigte er sich zu ihr und sprach flüsternd: Wollen Sie, dass ich hier inmitten der Familie und der Gäste die Selbstbeherrschung verliere, die mir Ihnen gegenüber, Süßeste, zu behaupten so schwer wird, dass ich, um Herr über mich zu bleiben, mich mit Plaudern beschwichtigen muss? Was soll ich Ihnen sagen, das Sie nicht wüssten, meine holde Braut?
Vorlage S. 79
295
Sie lächelte und erröthete, ohne jedoch durch seine Schmeichelrede beruhigt zu werden. Sagen Sie mir, dass Sie sich freuen, bei mir zu sein, dass ich Ihnen gefalle! bat sie mit einem Tone, der scherzend sein sollte, der aber ihre Besorgniß nicht verbergen konnte.
Vorlage S. 79
296
Angelika, rief der Baron und sah sie mit einem Blicke an, vor dem sie erglühend die Augen senkte, bestes, theuerstes Mädchen, was ficht Sie an, wie kommt Ihnen dieser Zweifel? Ich begreife Sie nicht!
Vorlage S. 79
297
Sie lächelte verwirrt, sie schalt sich selbst ein verwöhntes Kind, sie bat ihren Verlobten, ihr zu verzeihen, und reichte ihm die Hand hin, die er zärtlich drückte; aber er wusste jetzt, dass er sich vor Angelika zu hüten habe, und seine Stimmung ließ ihm heute nur Einen Weg, auf dem er sich behaupten konnte.
Vorlage S. 79
298
Er hatte bis dahin seine Braut mit all der strengen Zurückhaltung behandelt, welche Reinheit und Unschuld von dem Manne zu fordern berechtigt sind. Jetzt, da er im Innersten erschüttert und bedrängt, keiner freien Empfindung mächtig, seine Braut beunruhigt und zum Argwohn geneigt sah, jetzt musste der Schein der Leidenschaft und des Verlangens ersetzen, was Angelika an ihm vermisste, und es fiel dem erfahrenen Frauenkenner nicht schwer, das Herz des jungen Mädchens lebhaft zu beschäftigen. In den folgenden Tagen gab es der Zerstreuungen, welche ihm zu Hülfe kamen, auch mancherlei, denn die große Familie, welche jetzt im Schlosse zusammen lebte, nahm beide Verlobten sehr in Anspruch. Das neue Eintreffen des einen oder des anderen noch fehlenden Gastes brachte immer neue Zwischenfälle, welche dem Freiherrn seine Haltung wesentlich erleichterten, und da Angelika, aus ihrer friedlichen Ruhe aufgeschreckt, das Alleinsein mit ihm zwar suchte, aber es eben so schnell wieder floh, so verfloß die ganze Woche ohne besondere Störungen. Die Männer zogen in der Frühe auf die Jagd, man speis'te gemeinsam und am Abend vereinigten Unterhaltung und Spiel die Gesellschaft in verschiedenen Gruppen, während die Jüngeren hier und da zum Tanze ihre Zuflucht nahmen.
Vorlage S. 79
299
Am Vorabende der Hochzeit hatte man länger als gewöhnlich bei der Mittagstafel verweilt und sich dann in das Nebenzimmer begeben, um dort den Kaffee einzunehmen. Der Baron stand, den Rücken gegen die Stubenthüre gekehrt, die kleine Tasse von meißener Porzellan in der Hand, mit einigen Herren in lebhafter Unterhaltung an dem Kamine. Man sprach von Diesem und Jenem, man neckte den Baron damit, dass er zerstreut sei, weil die bevorstehende Hochzeit ihm im Sinne liege; und der Gedanke an dieselbe führte die Männer, welche zum Theil Jugendfreunde und Lebensgenossen des Freiherrn waren, auf die Erinnerungen an ihre eigenen Hochzeiten und auf manches gemeinsame Erlebnis zurück. Es fehlte dabei nicht an einer Menge jener kleinen Züge, welche man einander, vorsichtig nach den Frauen hinüber schauend, mit Lächeln und Flüstern erzählte, und wie das zu geschehen pflegte, waren die Männer, welche am ruhigsten das friedliche Joch ihrer Ehe ertrugen, unter denjenigen, die am eifrigsten gegen den Zwang der Beständigkeit protestirten und sich am dreistesten des Uebermuthes berühmten, mit dem sie die Tage ihrer Freiheit und Ehelosigkeit genossen haben wollten.
Vorlage S. 80
300
Sie waren der Klügste von uns Allen, Baron! sagte einer seiner Verwandten, der mit ihm gleichen Alters war. Sie haben sich Ihre Freiheit nach Gebühr zu Nutze gemacht, und nun, da ich armer Thor bereits meines Sohnes Erstgebornen aus der Taufe gehoben habe, nun führen Sie, als ob das eben so sein müsste, das schönste Mädchen des Landes heim, um das die ganze Schaar unserer jungen Edelleute sich vergebens bemühte. Ihre Frau wird großes Aufsehen machen, wenn Sie sie am Hofe präsentiren.
Vorlage S. 81
301
Das könnte sein, versetzte der Baron, ich habe aber nicht die Absicht, an den Hof zu gehen, und meine Braut hat vollends keine Neigung für das Leben in der Residenz.
Vorlage S. 81
302
Weil sie es nicht kennt! meinte einer der jüngern Männer, denn ich halte es für unmöglich, sich nicht von dem schwungvollen Sinne, von dem Geiste und von der Bildung gefesselt zu fühlen, welche sich dort zur Verschönerung des Lebens und zum Genuss desselben verbinden.
Vorlage S. 81
303
Schon die große Zahl von Franzosen und Engländern, von Fremden überhaupt, machen den Hof jetzt anziehender, als er seit lange gewesen ist, bemerkte der Edelmann, der zuerst gesprochen hatte, und sich zu dem Freiherrn wendend, sagte er: und nicht allein Fremde erscheinen dort, auch Geister lassen sich sehen. Was haben Sie denn über die Sache erfahren?
Vorlage S. 81
304
Sie meinen die Erscheinung des Grafen von der Mark, welche man dem Könige bereitet hat? fragte der Freiherr.
Vorlage S. 81
305
Eben diese! versetzte der Andere, und der Freiherr berichtete, was er davon gehört und wie sehr der König sich durch den Anblick dieses von ihm geliebten und als Kind verstorbenen Sohnes erschüttert gefühlt haben sollte.
Vorlage S. 82
306
Einige der Männer, feste, alte Voltairianer, zuckten mitleidig und verächtlich die Achseln, als die Unterhaltung sich nach dieser Seite wendete. Indeß die Geisterseherei war Mode geworden, Jeder hatte seine Meinung über ihre Möglichkeit, und die Frauen, deren weichem Herzen der Tod ja fast immer als eine Grausamkeit erscheint, sprachen sich zum Theil sehr lebhaft für eine Ansicht aus, welche ihnen einen fortdauernden Zusammenhang mit ihren dahingegangenen Lieben in Aussicht zu stellen versprach.
Vorlage S. 82
307
Der Baron, dessen Meinung man zu verschiedenen Malen herausgefordert hatte, vermied es, sie zu äußern. Er war zurückhaltender, als er es sonst über ähnliche Materien zu sein pflegte, und weil sich Niemand in der Gesellschaft befand, der die Unterhaltung verständig leitete und beherrschte, verlor sich dieselbe, je mehr die Dämmerung hereinbrach, immer tiefer in das Gebiet des Geheimnißvollen und Sentimentalen. Man erzählte die Erfahrungen, die man selbst von dem Uebergreifen der Geisterwelt in den Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren gemacht zu haben glaubte, man erinnerte an die damals vielbesprochene Geschichte der jungen Schauspielerin, der ihr verrathener Geliebter sich auf die wundersamste Weise kundgegeben haben sollte.
Vorlage S. 82
308
Das Für und Wider äußerte sich noch einmal und noch lebhafter, als zuvor, bis einer der älteren Edelleute, welchem diese weichlich mysteriöse Unterhaltung nicht behagen mochte, ihr mit einem Scherze ein Ende zu machen beschloss.
Vorlage S. 82
309
Man könnte sich es schon gefallen lassen, sagte er, einer ungetreuen Schönen zu einem allgegenwärtigen und unvermeidlichen Memento mori zu werden, wenn man nur vor Repressalien sicher wäre! Stellen Sie sich doch aber vor, meine Herren, was sollte aus uns Ehemännern und aus dem Frieden unseres Hauses werden, wenn jedes hübsche Lärvchen, das uns einmal das Herz gerührt hat, so ganz ad libitum in unserem häuslichen Kreise erscheinen und unsere eheliche Eintracht stören könnte? Unsere Damen, die jetzt so sehr für diese neue Weltanschauung schwärmen, würden ja die Ersten sein, um Gottes willen gegen einen solchen sichtbaren Zusammenhang mit der Geisterwelt zu protestiren.
Vorlage S. 82
310
Man lachte, man belobte hier und da den gesunden, heiteren Einfall des alten Herrn, man sagte, dass der rechte Frohsinn jetzt nur noch bei den Alten zu finden sei, und stachelte damit den Ehrgeiz des jungen Grafen Gerhard auf, den Witz und die Heiterkeit der Jugend kund zu tun. Unglücklicher Weise waren aber Maß halten und ruhiges Ueberlegen nicht eben seine Sache. Der reichlich genossene Wein hatten ihn heute noch unbesonnener und kecker als gewöhnlich gemacht, und sich an seinen Schwager wendend, dessen Ernst und dessen Schweigen ihm aufgefallen sein mochten, rief er: Der Onkel Kammerherr hat wahrhaftig Recht! Stellen Sie sich doch vor, Baron, was aus Ihnen werden sollte und was Angelika sagen würde, wenn alle die Frauen, denen Sie um Angelika's willen das Herz gebrochen, Ihnen erscheinen sollten? Stellen Sie sich vor, wenn – er wies mit dem Kopfe nach dem Eingange des Zimmers und der Baron und die Anderen folgten unwillkürlich seinem Winke – wenn dort sich zum Beispiel plötzlich die Thür öffnete und ...
Vorlage S. 83
311
Ein Schauer durchflog die Glieder des Barons, denn die Thüre that sich wirklich wie mit Einem Schlage plötzlich auf, ein blendendes Licht strömte herein, und mit krampfhafter Bewegung den Arm des ihm Nächststehenden ergreifend, sank der Baron auf den Sessel am Kamine nieder.
Vorlage S. 83
312
Aber nur wenige wurden das gewahr, denn die Diener brachten eben jetzt die vielarmigen Leuchter in das Zimmer, deren helles Licht die Mehrzahl der Anwesenden blendete, und der Eintritt des Caplans, dessen Ankunft man kurz vorher gemeldet hatte, nahm die Anderen in Anspruch. Der Graf und die Damen des Hauses bewillkommten den neuen Gast, und der Baron gewann inzwischen Zeit, sich zu sammeln und sich zu erholen. Dennoch neckte man ihn mit seiner Ueberraschung, mit seinem Schrecken; man wollte wissen, welche Erscheinung er gehabt habe, indeß der Baron entzog sich mit guter Art und großer Selbstbeherrschung allen darauf zielenden Fragen und Neckereien, und mitten in der allgemeinen Unterhaltung, zu der er sich genöthigt fand, fragte er, als der Caplan an ihn herangetreten war, denselben leise und beklommen: Hat man sie gefunden?
Vorlage S. 84
313
Alle Mühe war vergeblich! antwortete jener ebenso.
Vorlage S. 84
314
Und Paul? fragte der Baron mit derselben Dringlichkeit.
Vorlage S. 84
315
Ist fürs Erste wohl aufgehoben in der Stadt.
Vorlage S. 84
316
Wer brachte ihn dorthin?
Vorlage S. 84
317
Ich selbst! versetzte der Caplan.
Vorlage S. 84
318
Der Baron drückte ihm schweigend die Hand, andere Personen traten mit Ansprache und Bewillkommung dazwischen, der Abend verging in bewegter Geselligkeit und der Baron fand sich erst wieder mit seinem Hausgenossen zusammen, als dieser ihn am späten Abende noch in seinen Gemächern besuchte. Er traf den Baron, der sonst noch vor dem Schlafengehen lange in seinem Zimmer zu lesen pflegte, bereits im Bette.
Vorlage S. 84
319
Wundern Sie sich nicht, dass ich mich schon niedergelegt habe, redete der Baron den eintretenden Caplan an, ich bin sehr müde. Der Stand eines Bräutigams ist an und für sich eine Unnatur und legt uns eine abgeschmackte Rolle auf. Wenn ein fertiger Mann ein Mädchen zur Frau begehrt, so sollte man es ihm geben und ihn mit der Erwählten ziehen lassen. Was soll dieses wartende Verlangen von der einen und von der anderen Seite? Es ist so viel Zwang und Heuchelei darin, ja, es liegt im Brautstande, wenn man von einer Gesellschaft umgeben ist, wie die hier im Schlosse versammelte, sogar eine Art von Cynismus, der mich beleidigt. Ich wollte, wir wären zwei Tage weiter und fort von hier. – Er machte eine kleine Pause und warf dann die Bemerkung hin: Ich schlafe auch schlecht! Am Tage Ermüdung, in der Nacht wenig Schlaf und während desselben quälende Träume! Wahrhaftig, man könnte .... er vollendete den Satz nicht, fuhr mit der Hand, wie es seine Gewohnheit war, ein paar Mal über Stirn und Gesicht und stieß dann ein Ach! hervor, in welchem sich sein ganzer Zustand offenbarte.
Vorlage S. 84
320
Der Caplan fand ihn übel aussehend, auch die Stimmung des Barons kam ihm bedenklich vor. Weil es spät war und er die Weise seines Freundes kannte, sich möglichst lange auf Umwegen von dem Gegenstande fern zu halten, den zu erörtern er Scheu trug, kam er ihm zuvor, indem er ohne Vorbereitung davon zu sprechen begann.
Vorlage S. 85
321
Sie fragten mich heute, hob er an, wo Paul sich befinde, und ich sagte Ihnen, dass ich selbst ihn nach der Stadt gebracht habe. Da es an dem Morgen nicht gelang, die Mutter aufzufinden, so machte ich mich noch am Abende mit dem Knaben auf den Weg, weil ich ihn nach dem Vorgegangenen nicht eine Stunde unnöthig in Rothenfeld verweilen lassen wollte. Unentschieden, wo ich ihn unterbringen solle, da er bei seinem Alter noch für kein öffentliches Pensionat geeignet ist, fiel es mir ein, mich, weil ich keine Zeit zu verlieren hatte, an Herrn Flies zu wenden.
Vorlage S. 85
322
Und Sie sagten ihm, wem der Knabe gehöre? unterbrach ihn der Baron.
Vorlage S. 85
323
Ich hatte das nicht nötig, obschon er Anfangs mit der Zurückhaltung, welche Sie an ihm rühmten, nicht merken ließ, was der erste Anblick des Knaben ihm verrathen hatte.
Vorlage S. 86
324
Also Sie finden auch, dass der Knabe mir so ähnlich sieht? fragte der Baron in einer Weise, die schwer erkennen ließ, welcher Empfindung sie entsprossen war, und ohne des Caplans Antwort abzuwarten, wollte er wissen, ob sein Sohn sich jetzt bei dem Juwelier befinde.
Vorlage S. 86
325
Nein, entgegnete der Andere; ihn dauernd in einer jüdischen Familie zu lassen, wäre doch nicht wohl thunlich gewesen, und ich zweifle auch, dass Herr Flies sich dazu verstanden haben würde, ihn aufzunehmen, da ....
Vorlage S. 86
326
Und Ihr Vetter, der früher in dem Flies'schen Hause wohnte? unterbrach ihn der Baron; ich habe an Ihren Vetter und dessen Frau gedacht ....
Vorlage S. 86
327
Die Leute sind kinderlos, bemerkte der Caplan.
Vorlage S. 86
328
Eben deshalb! meinte jener lebhaft.
Vorlage S. 86
329
Meine Verwandten sind so sehr an eine ruhige Häuslichkeit gewöhnt, dass eine Störung derselben ihnen durch Nichts aufgewogen werden könnte, sagte der Caplan ablehnend.
Vorlage S. 86
330
Der Baron verstand ihn, das bewies das unwillkürliche Zusammenpressen seiner Lippen; der Caplan ließ ihm aber zu seiner Mißempfindung nicht lange Zeit, denn er berichtete, wie der Juwelier Rath geschafft und ihn an die Familie gewiesen habe, welche jetzt den dritten Stock seines Hauses als Miether bewohnte.
Vorlage S. 86
331
Wer sind die Leute? fragte der Baron dazwischen, der sich im Bette aufgerichtet und den Kopf auf die weiße, wohlgepflegte Hand gestützt hatte, die vornehm aus den Spitzenmanschetten des weitärmeligen Nachthemdes hervorsah.
Vorlage S. 86
332
Eine ebenfalls kinderlose Beamtenfamilie, wie meine Verwandten. Die Frau zeigte sich ohne Weiteres bereit, auf den Vorschlag einzugehen, da das Gehalt des Kriegsrathes nur beschränkt und die Familie doch zu einem gewissen Aufwande genöthigt ist. Eine Vermehrung der Einnahmen schien ihr also sehr erwünscht. Der Kriegsrath hatte Bedenken, sie wurden aber von der Gewandtheit des Juweliers ohne all mein Zuthun besiegt.
Vorlage S. 86
333
Bedenken? wiederholte der Baron mit einem Anfluge jenes empfindlichen Stolzes, der sich wundert, wenn sich Jemand seinen Wünschen nicht gefügig zeigt.
Vorlage S. 87
334
Sie galten der Herkunft des Knaben, der möglichen Ungelegenheit, welche dieselbe verursachen könnte, und endlich auch der Sicherheit der Pensionszahlungen, für die Herr Flies sich dann natürlich alsobald verbürgte, während er zugleich auf die Förderung hin deutete, welche dem Kriegsrathe durch Ihre Vermittlung zu Theil werden könnte.
Vorlage S. 87
335
Sie glauben also, dass der Knabe dort gut aufgehoben ist? fragte der Baron, über die Antwort des Caplans leicht hinweggehend.
Vorlage S. 87
336
Der Juwelier versicherte es mir, und eilig, wie ich war, fand ich es am besten, ihn in dem Hause zu lassen, da Herr Flies und seine Frau ein Auge auf ihn zu haben versprachen.
Vorlage S. 87
337
Der Baron nickte zustimmend. Ich danke Ihnen, sagte er, Sie haben mir einen Dienst geleistet; ich bin über den Knaben beruhigt, wenn Flies ihn in seiner Nähe und Aufsicht behält. Wollte Gott, ich könnte mich auch sonst beruhigen! Man hätte vielleicht der Unglücklichen Zeit lassen, Sie hätten ihr nachgeben, ihr gestatten sollen, den Winter oder wenigstens noch einige Wochen in Rothenfeld zu bleiben. Ich beurtheilte Pauline richtiger, als Sie!
Vorlage S. 87
338
Der Caplan war, wie er den Baron kannte, darauf vorbereitet gewesen, dass er es zu seiner Selbstberuhigung versuchen würde, dem Freunde einen gewissen Anteil an dem Unheile aufzubürden, welches er selber angerichtet hatte. Er ließ also diese Aeußerungen absichtlich unbeachtet, und dadurch genöthigt, sich weiter kund zu geben, sagte der Baron, von dem Thatsächlichen der traurigen Angelegenheit abbrechend:
Vorlage S. 87
339
Gewisse Erfahrungen muss man an sich selber ma chen, und so theuer man sie erkauft, bezahlt man sie doch wahrscheinlich nicht zu hoch. Sie werden sich künftig, mein werther Freund, über mich nicht mehr zu beklagen haben!
Vorlage S. 88
340
Der Caplan bat um eine Erklärung dieser Worte.
Vorlage S. 88
341
O, versetzte jener, mich dünkt, darüber könnten Sie nicht in Zweifel sein! Ich habe wohl sonst Ihre strengen Morallehren als unnatürliche Beschränkungen, Ihre ganze Weltanschauung und Lebensführung als die Frucht eines furchtsamen Aberglaubens angesehen, und Sie in meinem Innern beklagt, dass Sie sich in Folge Ihrer Gelübde nicht zu genießen erlaubten, was uns zum Genusse ladet und für denselben geschaffen ist. In den letzten Tagen, sagte er mit einem schweren Seufzer, habe ich mich aber oftmals des Gedankens nicht erwehren können, dass Sie jetzt der Glücklichere von uns beiden sind. Ja, ich habe Sie recht eigentlich um Ihre Gemüthsruhe, um Ihren Seelenfrieden beneidet und oft gedacht, dass man schon aus Selbstsucht und Berechnung ein einfaches, reines Leben führen müsste. Wenn ich daher in meiner Ehe mit Gräfin Angelika Kinder haben sollte, so will ich sie Ihnen und Ihrer Führung ausschließlich anvertrauen, und Sie sollen mich an diese Stunde erinnern, lieber Freund, wenn ich gegen dieses Versprechen handle. Es ist sicher ein köstlich Ding um ein unbeflecktes Gewissen und um die Möglichkeit des Glaubens und des Gebetes!
Vorlage S. 88
342
Der Geistliche sah ihn prüfend an. Er wusste, welcher schnell wechselnden Ansichten der Baron fähig war, und pflegte deßhalb auf seine Aeußerungen, sofern sie aus einer ungewöhnlichen Stimmung hervorgingen, kein großes Gewicht zu legen. Es däuchte ihm aber, als sei es Pflicht des Christen und vor Allen des Geistlichen, einem Schwerbeladenen und Niedergebeugten, und ein solcher war der Freiherr jetzt in jedem Betrachte, in der Stunde der Noth die Hand zu reichen, und ihm den Trost zu bieten, an welchem man sich in der eigenen Ohnmacht gehalten und an dem man sich aufgerichtet hat.
Vorlage S. 88
343
Haben Sie es denn versucht, fragte er ihn deßhalb sanft und ernst, sich einmal innerlich Ihr ganzes bisheriges Leben darzulegen? Haben Sie es versucht, recht in sich zu gehen und sich mit dem Gedanken an die Folgen Ihres Handelns Rechenschaft über dasselbe zu geben, als wäre diese Rechenschaft von einer Macht gefordert, die den Zusammenhang der Dinge besser kennt, als wir? Haben Sie sich denn in letzter Zeit wohl jemals der Religion mit dem Bedürfnis um Erlösung zugewendet?
Vorlage S. 89
344
Sie wissen, bester Freund, sagte der Baron zögernd und mit Bedauern, dass dies leider nicht geschehen ist. Bei meinem lebhaften Sinne und einem starken Selbstgefühle ist mir die Religion seit lange nur als eine Stütze und ein Heilmittel erschienen, deren der Gesunde und Kräftige entrathen und nach denen mich persönlich niemals verlangen könne. Indeß die Erfahrungen, welche ich jetzt an mir und in dem Leben überhaupt gemacht, und ein Eindruck, eine räthselhafte Erscheinung, die ich gehabt, eben heute gehabt habe – Er brach ab und sagte: Ich wiederhole Ihnen, ich wollte, ich könnte heute glauben und beten wie Sie, mein Freund, und mir damit das Herz entlasten.
Vorlage S. 89
345
Und was hindert Sie daran? fragte der Caplan, ihm fest ins Auge blickend.
Vorlage S. 89
346
Mir fehlt die Zuversicht, der Glaube, dass Gebet mich trösten könne, dass für mich auf diesem Wege die begehrte Hülfe zu finden sei, wendete der Freiherr mit einer Weise ein, die sehr von jener Leichtigkeit abwich, mit welcher er solche Materien sonst zu behandeln gewohnt war.
Vorlage S. 89
347
Der Caplan schwieg eine Weile wie im Nachdenken versunken, dann sprach er ernsthaft und bewegt, wie man eine tiefe Ueberzeugung, eine an sich selbst erprobte Erfahrung kund giebt: Mich müsste Alles trügen, oder Sie stehen auf einem jener Wendepunkte des Lebens, Herr Baron, auf welche der Mensch, nach meiner festen Ueberzeugung, nur dann gestellt wird, wenn das Einschlagen eines völlig neuen Weges für ihn das einzige Rettungsmittel geworden ist. – Er machte darnach wieder eine Pause und sagte endlich, als habe er lange nach der Form gesucht, in welcher er seinen Glauben dem Freiherrn zugänglich machen könne: Sie haben vor nicht langer Zeit selbst gegen mich über die mystische Grenze gesprochen, welche in unseren Handlungen das freie Wollen von dem Müssen und Erleiden scheidet, und ich erinnere Sie an diese Ihre eigene Ansicht, um in derselben Ihnen ein Gleichnis und in gewissem Sinne auch die Erklärung für Ihren jetzigen Zustand zu bieten. Ist irgendwo eine solche mystische Grenze zwischen der Freiheit des Menschen und der Führung des Höchsten vorhanden, so offenbart sich dieselbe, wenn wir Ihr Leben einheitlich überschauen, an Ihnen. Alles, was Sie unternahmen, sich eine höchste Befriedigung im weltlichen Sinne zu schaffen, erfüllte den Zweck nicht, Sie innerlich wahrhaft zufrieden zu stellen. Da fallen Sie auf einen Gedanken der Menschenliebe, aber auch ihm liegt ein weltliches Element zu Grunde. Sie machen ein Geschöpf Gottes, das Ihnen durch eine Verknüpfung von Umständen zur Pflege zugeführt wird, nicht zu einem Gegenstande Ihrer selbstlosen Sorgfalt, sondern zu einem Spiele Ihrer Phantasie, zu einem Glückspfande, und nur zu bald wird das arme Wesen Ihr Opfer, wird durch Sie um Unschuld, Glauben und Hoffnung gebracht. Jetzt kommt der Augenblick, in welchem Sie selbst das Bedürfnis fühlen, sich ein neues und geläutertes Leben in Ihrem Hause aufzuerbauen, und nun erwächst Ihnen aus Ihrer Vergangenheit, aus früherem Verschulden ein Unheil, das Sie selbst wie einen Fluch empfinden, vor dessen Anmahnung Sie sich nicht zu bergen, gegen dessen Last Sie sich nicht zu wehren und vor dem Sie keine Rettung zu finden wissen, von dem Sie auch nirgends Rettung und Erlösung finden werden, als an der Quelle, aus welcher alle Erlösung und alle Gnade quillt. –
Vorlage S. 90
348
Er machte eine Pause. Der Baron hatte noch immer das Haupt auf den Arm gestützt und sah, in tiefes Sinnen versunken, vor sich nieder. Der Caplan wartete, ob Jener zu sprechen beginnen würde, indeß nur die Traurigkeit und Weichheit seiner Mienen verrieth, was in seinem Herzen vorging, und der Caplan hielt es für seine Pflicht, dem Bereuenden weiter entgegen zu kommen.
Vorlage S. 91
349
Sie sind in diesem Augenblicke, sagte er, wie der verlorene Sohn, wie der Sohn, der im Uebermuthe seiner Kraft es verlernt hat, sich als Kind in seines Vaters Arme zurück zu flüchten. Sie wissen, Sie kennen den Weg, der Sie an das Ziel Ihrer Sehnsucht führen kann, aber Sie scheuen sich, ihn zu betreten, weil Sie verlernt haben, ihn zu gehen. Sie möchten beten können; heißt das nicht beten? Sie möchten sich zu Gott, zu Ihrem Erlöser wenden; heißt das nicht zu ihm gewendet, zurückgekehrt sein zu ihm? Sie verlangen nach Hülfe, nach Beistand, nach Gnade – aber die göttliche Gnade ist so unerschöpflich, dass das bloße brünstige Verlangen nach ihr, wenn es ein fortgesetzter Zustand der Seele wird, schon die Bürgschaft für ihre Gewährung in sich trägt, denn der Allhelfer fehlt dem Menschen niemals, wenn es von ihm ist, dass man Hülfe und Erlösung erwartet.
Vorlage S. 91
350
Der Freiherr hatte den Kopf erhoben; er sah den Caplan forschend an, und mit dem unverkennbaren Verlangen, eine Widerlegung seines noch nicht überwundenen Zweifels zu erhalten, fragte er: Könnte Unglauben so rasch zum Glauben werden?
Vorlage S. 92
351
Moses schlug voll Glaubens gegen den Fels, und aus dem harten, verschlossenen Gestein sprang die helle Flut des Lebens hervor, sein ganzes Volk zu erquicken. – Der Caplan rückte bei diesen Worten seinen Sessel nahe an den Baron heran, neigte sich zu ihm und sagte, indem er mit sichtlich bewegtem Herzen die Hand desselben ergriff: O, könnte ich Ihnen doch klar und eindringlich machen, was als feste, erhebende Ueberzeugung in mir lebt! Der Glaube, der Ihren Vater, Ihre Mutter durch das Leben leitete, der Ihre verklärte Schwester in einer Weise sterben machte, welche ihrem Leben erst die volle Weihe verlieh, dieser Glaube hatte Sie verlassen, und so nahe wir beide durch alle die Jahre neben einander lebten, Herr Baron: wir standen einander ferner, als es zwischen so alten Lebensgenossen hätte sein sollen! Aber glauben Sie mir, mein Freund, wie gering der Anteil auch gewesen ist, den Sie mir bisher an Ihrem Seelenleben gönnten, ich habe nicht aufgehört, um dasselbe zu sorgen; ich habe nicht aufgehört, zu hoffen, dass der Erlöser Sie zu finden wissen werde! Und nun, da das Entsetzliche hereinbrach, habe ich mit Ihnen gelitten Tag für Tag, ich habe für Sie gedacht, für Sie in meinem Herzen gebetet und in die Zukunft zu blicken gestrebt, nach Beruhigung für Sie! Da ist mir der Gedanke an die wunderbaren Wege und Fügungen des Himmels tröstlich zu Hülfe gekommen! Wer von uns will es ermessen, ob Gott nicht das junge Weib, ob er nicht Pauline, die das Opfer Ihrer Sinnlichkeit geworden war, sich ausersehen hat als ein Werkzeug zu Ihrer Bekehrung? Ob nicht Pauline sterben musste, das eigene Vergehen zu büßen und Sie hinzuführen an die Gnadenquelle, aus der das Geschlecht, welches fortzupflanzen Sie morgen Ihre Ehe schließen, sich erquicken und erstarken soll zu neuem Glauben, zu neuem Wandel auf dem rechten Wege?
Vorlage S. 92
352
Der Baron hatte dem Freunde mit steigender Erschütterung zugehört. Weichherzig wie er war, hatten schon die tiefe und ernste Bewegung, die fromme Liebe und die feste Treue des alten Lebensgenossen ihn gerührt und aufgerichtet, aber bei des Caplans letzten Worten erhellten die ganzen Mienen des Barons sich wundersam. Der zuversichtliche Glaube an die räthselhaften Wege einer allweisen Vorsehung, welcher dem Caplan den Gedanken eingegeben hatte, dass Pauline nach Gottes Rathschluß habe sterben müssen, um den Freiherrn und sein Haus dem Glauben wiederzugeben, trug für den Letzteren schon eine halbe Erlösung in sich und leuchtete ihm ein, da er seiner persönlichen Eigenliebe wie dem Stolze auf sein Geschlecht plötzlich in der erwünschtesten Weise entgegenkam. Er war, nach solcher Annahme von den Fügungen des Himmels, nicht mehr völlig und ausschließlich verantwortlich für seine That und ihre schwere Folge. Er war nicht mehr der allein Schuldige, der Frevler, welcher Pauline in den Tod gestürzt. Nur ein Werkzeug war er gewesen, wie sie, in der starken Hand des Herrn. Nicht mehr ein Sünder war er, der sich demüthigen musste, um die Verdammung von sich abzuwenden, er war ein Auserwählter, ein Begnadigter; denn Gott hatte das Leben eines armen Weibes bestimmt und darangegeben zum Opfer für ihn und sein Geschlecht, und erleichterten Herzens und nach Beruhigung dürstend, fragte er: Und hegen Sie den Glauben, dass Reue ganz versöhnt?
Vorlage S. 93
353
Ja, ich hege diese Zuversicht! rief der Caplan mit festem, innig vertrauendem Glauben. Ja, ich hege die Zuversicht, dass Reue, dass büßende und zugleich fruchtbar tätige Reue eine Erlösung in sich verbürgt! Wollten Sie sich in dumpfem Schmerze der Erinnerung an das von Ihnen verschuldete Unglück überlassen, so würde damit sicher Nichts geholfen, Nichts gebessert sein. Aber wenn Sie die Möglichkeit der erlösenden Versöhnung nicht nur auf sich selbst beziehen, wenn Sie dieselbe zugleich als eine Aussöhnung mit dem eigenen Bewusstsein betrachten; wenn Sie sich sagten, ein Mädchen, das mich liebte, ist untergegangen durch mich, dafür soll das Weib, das ich mir erwählte, um so glücklicher werden; wenn Sie mit Selbstvergessenheit für die Frau, für die Familie zu leben versuchten, welche sich um Sie her bilden wird, wenn Sie die Seelen, welche die Vorsehung Ihnen anvertraut, im Glauben und in Heiligung erziehen – mich dünkt, mein Freund, das würde so viel Licht über Ihr Dasein ausbreiten, dass davor die Schatten, welche jetzt Ihr Leben umdüstern, allmählich weichen können. Gebet und Reue sind erlösend, wenn sie eine Selbsterkenntniß und ein Gelöbniß, zugleich demüthig und mutig sind.
Vorlage S. 93
354
Der Caplan hielt inne, denn der Baron hatte sonst immer eine große Ungeduld bewiesen, wenn sein geistlicher Freund ähnliche Gespräche oder ähnliche Erörterungen herbeizuführen gesucht hatte. Heute war das anders. Es that ihm wohl, die Stimme des Freundes und seinen ermuthigenden Zuspruch zu hören, denn sie waren milder, als sein eigenes Gewissen, und fast bittend sagte er: Sie sind nicht zu Ende, enthalten Sie mir Nichts vor, mein Freund!
Vorlage S. 94
355
Was könnte ich noch hinzufügen, entgegnete der Caplan, das nicht in dem Gesagten schon enthalten wäre, das Ihr eigenes Herz Ihnen nicht kund giebt? Jede Sünde ist eine Verfehlung gegen das Gute und gegen das Recht! Machen Sie sich von diesen Verfehlungen frei, stellen Sie sich als Sünder Ihrem Schöpfer, als tadelloses Familienoberhaupt, als tadelloser Gutsherr den Menschen gegenüber, und ich zweifle nicht, dass sich zwischen diesen beiden Polen für Sie der Weg und die Mittel zu einer Befreiung Ihres Herzens und Ihres Gewissens finden lassen werden, dass Sie eines Glückes theilhaftig und einer dauernden Zufriedenheit fähig werden können, von der Ihre Vergangenheit Ihnen noch kein Bild gegeben hat!
Vorlage S. 94
356
Der Freiherr athmete auf. Er richtete sich empor, er sah die Möglichkeit vor sich, wieder erhobenen Hauptes zu leben, da er den Vorsatz hegte, sein Haus im Geiste des Christenthumes aufzubauen. Er konnte in diesem Augenblicke selbst an Pauline wieder denken, ohne die herzzerreißenden Gewissensbisse zu empfinden, welche ihm seit ihrem Tode keine Ruhe mehr gelassen hatten. Er versank noch einmal in ein tiefes Sinnen. Der Caplan, dessen innere Wahrhaftigkeit in diesem Falle die Selbsttäuschungen des Freiherrn nicht voraussah, saß ihm, seinen eigenen ernsten Betrachtungen nachhangend, schweigsam gegenüber. Seine ganze Seele war Gebet. Endlich reichte der Baron dem Geistlichen die Hand.
Vorlage S. 95
357
Ich danke Ihnen, sagte er, ich danke Ihnen von Herzen, und Sie haben Recht! Ja! Sie haben Recht! Es ist eine große Wohlthat des Himmels, er brauchte diesen Ausdruck mit Selbstgenuß, es ist ein Segen von Gott, einen Freund, wie Sie in der Nähe zu haben, sich mit einem Freunde wie Sie recht von Herzen aussprechen zu können; und wie selten habe ich mir in der Zerstreutheit der vergangenen Jahre diese Befriedigung gewährt! – Er bog sich ein wenig nach hinten über, dehnte Brust und Rücken, und meinte: Ich glaube in der That, diese Nacht werde ich schlafen können. Ich fühle mich ruhiger, freier als in den verwichenen Tagen. Nur der Gedanke an Richten quält mich unaufhörlich; und ich gäbe viel darum, wenn ich es jetzt noch nicht wiederzusehen, es noch nicht mit meiner Frau wiederzusehen brauchte.
Vorlage S. 95
358
Und giebt es dafür keinen Ausweg? fragte der Caplan, dem die Beruhigung seines Freundes, von welcher er sich die sittliche Erhebung desselben versprach, lebhaft am Herzen lag. Sie haben ja das Haus, welches Fräulein Esther Ihnen hinterlassen hat, eigentlich noch gar nicht bewohnt. Wie wäre es ....
Vorlage S. 96
359
Wenn wir nach der Residenz gingen? fiel der Baron ihm in die Rede, daran habe ich selber schon gedacht; nur dass Alles, wie Sie wissen, auf unsern Aufenthalt in Richten angelegt und angeordnet war und dass in der Stadt gar Nichts für unsere Aufnahme vorbereitet ist. Ich habe das Haus meiner Tante, als ich es bei meinem letzten Aufenthalte in der Residenz übernahm, doch recht vernachlässigt und traurig gefunden, und man würde es vollständig erneuern müssen, um es angenehm und uns angemessen zu machen. Indeß davon zu reden wird morgen Zeit sein, mein lieber Freund! Für heute wünsche ich gesammelt zu bleiben und noch eine Weile mit mir allein zu sein. Schlafen Sie wohl! Gewiss, ich hoffe auch endlich wieder eine gute Nacht zu haben.
Vorlage S. 96
360
Er gab dem Geistlichen nochmals die Hand und dieser verließ ihn mit dem beruhigenden Bewusstsein, getan zu haben, was ihm oblag. Er hatte den Zerknirschten nicht mit harter Verdammung niedergeschmettert, sondern ihn aufzurichten gesucht, da er seine Erhebung anstrebte und ersehnte; und es eröffnete sich ihm jetzt dafür die Aussicht, der Kirche ein ihr entfremdetes Glied, das Haupt einer einflußreichen und vornehmen Familie, dem Glauben und der Sitte einen Menschen von vielen Gaben und von einem an sich guten Herzen wieder zuzuführen, während ihm selbst der Freund zurückgegeben zu werden schien, an dem er immer mit warmer Neigung gehangen hatte, seit der Baron einst sein Zögling gewesen war.
Vorlage S. 96
361
Der Caplan betete also an dem Abende noch länger und noch inniger als sonst, und der Freiherr schlief seit Paulinen's Tode in dieser Nacht den ersten traumlosen und ruhigen Schlaf. Das setzte ihn wieder völlig in den Gebrauch seiner Kräfte ein. Er fühlte sich erfrischt und befreit, er erschien sich verjüngt, als er sich im Spiegel betrachtete, und er sah mit wachsender Spannung und freudiger Bewegung der bevorstehenden Ceremonie entgegen.
Vorlage S. 97
362
Am Mittage wurde die Trauung des Barons mit der Gräfin Angelika, wie es in den Ehepacten festgesetzt worden war, nach katholischem Ritus vollzogen. Der Baron hatte am Morgen noch eine lange Unterredung mit dem Caplan gehabt, und beide waren bemüht gewesen, sich auf dem Wege zu erhalten, auf welchem der Freiherr gestern die erste trostreiche Beruhigung gefunden. Er hatte dem Caplan die feierliche Zusage gegeben, dahin zu wirken, dass auch seine Töchter, falls er deren haben sollte, in der katholischen Kirche auferzogen würden, und er war danach während der Trauung ernster und feierlicher gestimmt, als die Gesellschaft, welche ihn im Schlosse umgab, es von ihm erwartet hatte. Die Eltern der Braut erfreuten sich dessen als einer Bürgschaft für das Glück der Tochter; die junge Gräfin selber war gegenüber der Innigkeit, mit welcher ihr Gatte sich gegen sie bezeigte, voll demuthsvoller Zärtlichkeit und Liebe, und es war sicherlich Niemand unter den anwesenden Gästen, welcher diesem von dem Schicksal so vielfach bevorzugten schönen Paare nicht eine glückliche Zukunft vorausgesagt hätte.
Vorlage S. 97
363
Bei der Tafel, als eine der Tanten den Schmuck bewunderte, mit welchem der Baron seine Braut zur Hochzeit beschenkt hatte, erklärte dieser, dass er seiner Frau noch ein anderes Angebinde, oder vielmehr noch eine Ueberraschung vorbereitet habe, welche ihr, wie er hoffe, willkommen sein werde. Er bat sie, zu errathen, was er für sie im Sinne führe, aber sie traf das Rechte nicht, und endlich fragte er: wie würde es Dir gefallen, meine Beste, wenn wir morgen, statt unsern Weg nach Richten einzuschlagen, uns nach der entgegengesetzten Seite wenden und nach der Residenz begeben würden, um dort den Winter zuzubringen?
Vorlage S. 97
364
Der Vorschlag erregte bei Allen ein großes Erstaunen, denn seit der Verlobung hatte man es festgesetzt gehabt, dass die Neuvermählten das erste Jahr ihrer Ehe in Richten verleben sollten. Alle Plane des Barons waren darauf begründet, alle seine Briefe voll gewesen von der Schilderung der Annehmlichkeiten, welche er sich von dieser Einrichtung versprochen hatte. Nun sollte das plötzlich Alles anders werden. Man wusste sich nicht gleich in eine so unerwartete Veränderung hineinzudenken, wusste sich ihre Ursache nicht zu deuten, und besonders Angelika vermochte bei diesem Vorschlage des Barons, der ihren Neigungen und Hoffnungen gleichmäßig widersprach, vollends keine Freude zu empfinden.
Vorlage S. 98
365
Die gräflich Berka'sche Familie gehörte zu jenen alten guten Adelsgeschlechtern, welche das Leben im eigenen Hause und auf eigenem Grund und Boden als die einem Edelmanne am meisten zuständige Lebensweise erachteten. Nur einmal und nur für eine kurze Zeit hatte Angelika in der Stadt verweilt, als eine Krankheit der Mutter die Berathung eines dortigen berühmten Arztes notwendig gemacht hatte. In der Residenz war sie niemals gewesen, und an ein ruhiges Dasein, an eine einförmige Folge der Tage gewöhnt, reizte das Neue sie weniger, als das Fremde sie beunruhigte. Alle die idyllischen Hoffnungen, welche sie für ihre nächste Zukunft gehegt, sanken vor dem neuen Plane ihres Gatten in Nichts zusammen, und rasche Uebergänge aus einem Gedanken- und Vorstellungskreise in den andern zu machen, war ihr nicht gegeben. Ihre Mienen verriethen daher nichts weniger als Freude bei der Eröffnung des Barons, und als er ihr im Besondern die Frage vorlegte, ob er ihrer Neigung mit seiner Absicht begegnet sei, verneinte sie es mit der Bemerkung, es schmerze sie, dass ihr auf diese Weise das erste ruhige Beisammensein mit ihm verkümmert und ihr die Gelegenheit genommen werde, sich ihm in der neuen Heimath als Hausfrau angenehm und lieb zu machen.
Vorlage S. 98
366
Er suchte ihr das auszureden, er bemühte sich, ihr begreiflich zu machen, dass sie in gewissem Betrachte in der Residenz weit mehr auf einander angewiesen sein würden, als in Richten, wo Familienbesuche sie vielfach beansprucht und ihnen die Zeit einsamen Verkehrs beschränkt haben würden, und sie ließ das endlich gelten. Aber der Baron hatte bei diesen Auseinandersetzungen zum ersten Male Gelegenheit, sich zu überzeugen, dass seine Frau zwar ihre liebsten Hoffnungen freundlich seinen Wünschen unterzuordnen wusste, dass es jedoch nicht leicht sei, sie ihren Sinn ändern zu machen oder ihr fremde Gedanken unterzuschieben.
Vorlage S. 99
367
Man speiste lange, man tanzte nachher. Die Braut fand allmählig ihre Heiterkeit wieder, sie war lieblicher und anmuthiger, als je zuvor, und der Baron sah schön aus in der freudigen Erregung, die ihn durchglühte. Die Töne der Gavotte und der Quadrille à la Reine erklangen noch immer, nachdem er schon lange seine junge Gattin in den stilleren Theil des Schlosses entführt hatte, in welchem die Zimmer für die Neuvermählten eingerichtet worden waren.
Vorlage S. 99
368
Ihre Abreise sollte am nächsten Mittage vor sich gehen. Nach der Gewohnheit des Hauses frühstückten die Gäste auf ihren Zimmern. In dem Wohngemache der gräflichen Hausherrin war das neue Ehepaar mit den Eltern und dem Grafen Gerhard, dem jüngsten Bruder der Braut, beisammen; der ältere Bruder und Majoratserbe befand sich bei einer Gesandtschaft außer Landes. Man wünschte, sich der scheidenden Tochter noch einmal in Ruhe zu erfreuen.
Vorlage S. 99
369
Der Graf sah es mit Vergnügen, wie zärtlich sein Schwiegersohn der jungen Frau begegnete, wie er vor Entzücken aufflammte, wenn sein Auge sich auf die schöne Gattin richtete. Die eigene Erinnerung wurde ihm dabei lebendig, er war dadurch mit der Gräfin auch liebevoll und zärtlich, und er verargte es derselben ganz entschieden, dass ihre Blicke so ängstlich und so fragend auf die Tochter geheftet blieben. Er verargte es der Tochter, dass sie so schweigend da saß, dass sie die liebevolle Zuvorkommenheit ihres Mannes nicht wärmer aufnahm, sie nicht ein einziges Mal erwiderte.
Vorlage S. 99
370
Sie ist nicht wie ihre Mutter! dachte der Graf, und in seinem Innern sagte er ihr jene völlige Herrschaft über den Baron voraus, welche kalte Frauen über warmherzige Männer stets gewinnen. Aber er hatte Angelika nicht für so kalt gehalten, er hatte erwartet, sie am ersten Tage ihrer Ehe eben so heiter und zärtlich zu finden, als der Baron sich bezeigte.
Vorlage S. 100
371
Je näher der Augenblick der Trennung kam, je weniger verbarg sich die Schwermuth der beiden Frauen. Keine von ihnen sprach sich über ihre Empfindungen aus; indeß die Mutter hatte von jeher so klar in dem Herzen der Tochter gelesen, dass sie wusste, der trübe Ernst in dem Auge derselben, die festgeschlossenen Lippen müssten noch etwas Anderes zu verbergen haben, als den Schmerz des Scheidens von dem Vaterhause, den einzugestehen Kindespflicht und Dankbarkeit ihr fast geboten. Angelika aber bedurfte des Wortes von dem Munde ihrer Mutter nicht, um sich von ihr verstanden zu fühlen. Was geschehen sei, vermochte die Gräfin nicht zu enträthseln; nur das stand für sie fest, ihre Tochter sah anders aus, wenn Glück und Zuversicht aus ihren Mienen lächelten.
Vorlage S. 100
372
Endlich schlug die zur Abreise angesetzte Stunde. Mitten aus dem Kreise der nächsten Familie und der männlichen Gäste, welche der Tochter des Hauses bis hinab auf die Rampe das Geleite gaben, hob der Baron seine Frau in den Wagen. Noch ein letzter Blick von dem Auge der Mutter, noch ein Zuruf von Vater und Bruder, noch Grüße und Grüße von der alten, treuen Dienerschaft, noch ein Peitschenknall durch die frische Luft, ein kräftiger Ansatz der vier feurigen Rosse, und das Vaterhaus war verlassen für immer. Die Baronin von Arten hatte fortan auf eigenen Wegen zu gehen, Angelika hatte sich eine Heimath in dem Hause und in dem Herzen ihres Mannes zu errichten.
Vorlage S. 100
373
Aber still und traurig, wie sie den ganzen Morgen hindurch gewesen war, saß sie in dem Reisewagen an der Seite ihres Gatten, und all seine Zärtlichkeit, all seine Betheuerungen, dass er für sie leben, dass er sein Glück darin suchen wolle, sie glücklich zu machen, waren nicht im Stande, die Schwermuth von ihrer Stirne zu bannen oder den Zug des Schmerzes von ihrem Munde zu vertilgen. Es war umsonst, dass der Baron sich damit tröstete, die Trauer einer Tochter bei dem Abschiede von den Eltern sei natürlich; umsonst, dass er sich sagte, diese starke Liebe für die Eltern verspreche ihm Gutes. Es beschlich ihn eine Unruhe, es bemeisterte sich seiner eine Ungeduld, die ihn allmählig verstimmten; und als am Nachmittage die Sonne sank und der Abend sein bleiches Grau über die weiten, kahlen Flächen des Landes auszubreiten begann, war das Herz ihm beklommen, und sein niedergedrückter Geist hatte Mühe, sich von den Erinnerungen fern zu halten, denen er seit der Unterredung mit dem Caplan entfliehen zu können gehofft hatte.
Vorlage S. 101
374
Eine geraume Zeit war vergangen, in welcher weder der Baron noch Angelika ein Wort gesprochen hatten, als diese ganz plötzlich mit anscheinender Ruhe die Frage that: Heißt Jemand Pauline unter den Frauen, die Du kennst?
Vorlage S. 101
375
Den Baron traf es wie ein Stich durch's Herz, das Räthsel begann sich ihm in erschreckender Weise zu lösen. Pauline? wiederholte er, den Schauer niederkämpfend, der ihn beim Aussprechen dieses Namens überfiel, wie kommst Du zu der Frage, Geliebteste?
Vorlage S. 101
376
Angelika war unsicher, ob sie antworten solle, endlich sagte sie: Weil Du mich mehrmals so genannt hast.
Vorlage S. 102
377
Es war ein Glück, dass die Laternen des Wagens noch nicht angezündet waren und dass Angelika die Blässe und den Ausdruck seines Gesichtes nicht sehen konnte, als er sich bemühte, sie an einen Irrthum, an ein Mißhören von ihrer Seite glauben zu machen. Aber obschon sie schwieg, war er gewiss, sie nicht überzeugt zu haben, und in die Notwendigkeit versetzt, ähnlichen Möglichkeiten vorzubeugen, sagte er: Es kann wohl sein, dass ich den Namen ausgesprochen habe, denn eine Frau, die ihn trug, ist mir einst werth gewesen, und es ist leicht möglich, dass in Deiner lieben Nähe die Erinnerung an sie mich unwillkürlich überschlich. Aber Du hast von dieser Erinnerung nichts mehr zu fürchten, fügte er mit einem schweren Seufzer hinzu, und Du, meine Angelika, bist zu vernünftig, bist zu klug, als dass Du hättest hoffen können, die Gedächtnißtafeln eines Mannes so rein und unbeschrieben zu finden, als die Deinen es zu meiner Freude sind, Du süßes Weib!
Vorlage S. 102
378
Die Baronin sah ihn an, der Schein der Laternen, die man inzwischen mit Licht versehen hatte, zeigte ihr seine Mienen ruhig und gefasst. Und wer ist diese Pauline? wo lebt sie? fragte sie, um Beruhigung bittend.
Vorlage S. 102
379
Sie lebt nicht mehr! antwortete der Baron, und wieder überflog der Schauer des Entsetzens seine Glieder. Sie lebt nicht mehr! lass Dir das genügen. Meine Zukunft ist Dein, Dein ausschließlich, das gelobe ich Dir! so wahr ein Gott über uns waltet. Die Vergangenheit, die nicht Dein war, ist nicht mehr, und es ruht allein in Deiner lieben Hand, sie mich völlig vergessen zu machen.
Vorlage S. 102
380
Er sprach das mit großer Aufrichtigkeit, mit fester Zuversicht; indeß er sah, dass er Angelika nicht befriedigt hatte, und es war ihm ein ungewohntes und peinliches Gefühl, sich für alle Zeiten gebunden zu denken, sich eingestehen zu müssen, dass in der That das Glück und der Friede seiner kommenden Jahre von dem Willen und den Eigenschaften einer jungen Frau abhingen, von welcher man bis dahin kaum die Wahl der eigenen Kleidung und sicherlich keine ihrer eigenen Handlungen abhängig gemacht hatte. Ohne dass er es verrieth, drückte ihn der erste Ring der Fessel, mit welcher er sich gebunden hatte. Es wäre ihm sehr erwünscht gewesen, jetzt ein freundliches Wort von der Baronin zu vernehmen, und daneben verdroß ihn die Bemerkung, dass er eben auf ein gutes Wort zu warten sich genöthigt fand. Angelika jedoch blieb in sich gekehrt in ihrer Ecke sitzen, und weil sie dabei so gar traurig aussah, nahm er sie in seine Arme, schloß sie an sein Herz und fragte sie, ob sie ihm denn nicht glaube, nicht vertraue?
Vorlage S. 102
381
Ja! versetzte sie, o ja! ich glaube Dir, aber –
Vorlage S. 103
382
Aber? wiederholte er besorgt.
Vorlage S. 103
383
Sie wollte sprechen und fand den Ausdruck nicht, bis sie, in Thränen ausbrechend und in Scham erglühend, mit einer ihr fremden Hast die Worte hervorstieß: Sie stehen zwischen mir und Dir, diese unglückseligen Erinnerungen, und ich kann und kann es nicht vergessen, wenn Du mich in Deine Arme, an Dein Herz nimmst, dass schon Andere an Deiner Brust geruht, an welcher ich meines Lebens heilige Zufluchtsstätte zu finden hoffte!
Vorlage S. 103
384
Sie schien sich in diesem Augenblicke wirklich so unglücklich zu fühlen, dass sie dem Baron Mitleid einflößte. Er bedauerte sie, er bedauerte auch sich selbst und dachte mit aufrichtiger Reue an seine Vergangenheit zurück; aber vor Allem machte der Vorgang ihn doch verdrießlich. Die reine Seele seiner Frau und ihre Wahrhaftigkeit waren ihm achtungswerth und erfreulich, nur mussten sie ihn nicht belästigen; und wie er es auch vorhatte, ein gewissenhafter Ehemann zu werden, so war ihm die Aussicht, dass Angelika zur Eifersucht geneigt sein könne, vollends unbehaglich.
Vorlage S. 103
385
Er hatte Ruhe, Frieden, Erheiterung, Zerstreuung nötig, hatte sie von dieser Reise mit seiner jungen Frau erwartet, und sollte nun als Angeschuldigter da sitzen, sollte sich rechtfertigen, Trost sprechen und Vernunft predigen! Das dünkte ihn bald widerwärtig und bald lächerlich. Er fühlte sich in einzelnen Augenblicken zu dem Wunsche, den er sich selbst als einen lästerlichen bezeichnete, veranlaßt, dass er eine weniger sittenstrenge Gattin besitzen möge, vorausgesetzt, dass sie nur leichtlebiger und fröhlicher sei; denn als der Baron sich zu verheirathen beschloss, hoffte er, nicht nur zufrieden gestellt zu werden, sondern auch zufrieden zu stellen; und er hatte nach seiner Meinung ein Recht, dies als eine notwendige Ausgleichung für seine aufgegebene Ungebundenheit und Freiheit zu begehren.
Vorlage S. 104
386
Er schwankte, ob er sich gegen Angelika erzürnt zeigen oder ob er sie besänftigen solle, aber die ernsten und guten Vorsätze, welche er für seine Ehe gefasst hatte, trugen den Sieg davon. Er machte seiner Frau einige von jenen allgemeinen unbestimmten Bekenntnissen über seine Vergangenheit, welche Nichts verriethen und doch hinreichten, einer liebevollen und sittenreinen jungen Frau Gelegenheit zum Beklagen des Schuldigen, zum Verzeihen gegen den Bereuenden zu bieten; und als das unerfahrene, liebende Herz der Baronin den geliebten Mann nur beklagen und ihm verzeihen und eine zärtliche Versöhnung mit ihm genießen konnte, war es für den Augenblick gar leicht beschwichtigt und über seine Zweifel fortgetragen.
Vorlage S. 104
387
Sechstes Capitel
Vorlage S. 105
388
Die Erfahrung, welche der Baron an dem ersten Tage seiner Ehe gemacht hatte, ward ihm eine Anmahnung zur Selbstbeherrschung, aber grade die Notwendigkeit derselben ließ ihn erkennen, wie sehr er durch Paulinen's Tod erschüttert war, und während die anmuthigste und liebenswürdigste Frau an seiner Seite saß, von deren Tugend und Bildung er selbst sich ein reines Glück erhoffte, konnte er das Bild des unglücklichen Geschöpfes nicht verscheuchen, das ihm in willenloser Leidenschaft, in ausschließlicher Liebe zu eigen gewesen war und, durch ihn selbst von jedem andern Anhalte losgelöst, keinen Ausweg für sich gefunden hatte, als den Tod, da er sich von ihr abgewendet.
Vorlage S. 105
389
Der Wagen führte ihn vorwärts, aber alle seine Gedanken gingen nach Richten und in die Vergangenheit zurück, und obschon er mit großer Anstrengung die Heiterkeit und Zufriedenheit zur Schau trug, welche jeder herzensfreie Mann an der Seite Angelika's empfunden haben würde, die sich wieder zutrauensvoll und fröhlich an ihn zu schließen begann, hätte er bisweilen viel darum gegeben, eine Stunde des Alleinseins, eine Stunde zwanglosen Leidens und Ausruhens genießen zu können. So drückend ihm der Gedanke an die Rückkehr nach Richten Anfangs auch gewesen war, er fand, dass er nicht klug getan habe, indem er sich in seiner gegenwärtigen Stimmung zu dem unausgesetzten Beisammensein mit seiner Frau verdammt hatte, und er erschrak doch vor sich selber, als er sich eben dieser Empfindung bewusst ward.
Vorlage S. 105
390
Dazu hatte er die Fahrt nach der Residenz auf kurze Tagereisen anlegen müssen, um dem vorausgesandten Kammerdiener Zeit zu den unerläßlichsten Vorkehrungen in dem Hause von Fräulein Esther zu lassen, und obgleich die Tage noch sehr hell und freundlich blieben, war die Jahreszeit doch schon weit vorgerückt. Die Abende waren lang, die Orte, in denen man zu rasten hatte, boten keine Zerstreuungen, die Gasthöfe nicht einmal eine gewisse Behaglichkeit dar. Ohne die Anspruchslosigkeit und den jugendlichen Sinn der Baronin, die niemals gereist war und die daher in manchen Dingen noch einen Reiz und eine Belustigung zu finden vermochte, welche ihrem Gatten nur als Unbequemlichkeiten erschienen, wäre diese Fahrt nach ihrem neuen Aufenthaltsorte nicht danach angethan gewesen, der jungen Frau als eine ihr von ihrem Gatten gewährte Ueberraschung oder Vergünstigung zu erscheinen.
Vorlage S. 106
391
In der Regel aber steigert sich die Erwartung, mit welcher wir einem unbekannten Zustande entgegen gehen, durch die Dauer der Zeit wie durch die Mühe, mit welcher wir zu demselben zu gelangen haben, und besonders die Jugend, welche noch an ein nothwendiges Gleichgewicht zwischen Mühe und Erfolg glaubt, hält sich berechtigt, ihre Hoffnungen und Ansprüche je nach der Zeit des Wartens höher zu spannen. Die erste Ankunft in der Residenz war jedoch nicht dazu geeignet, den Vorstellungen zu entsprechen, mit welchen die Baronin ihr in den letzten Tagen und Stunden entgegen gesehen hatte.
Vorlage S. 106
392
Es war ein unfreundlicher Nachmittag, an welchem der Reisewagen des Barons durch das Frankfurter Thor in Berlin einfuhr und nach langem Wege vor dem Hause von Fräulein Esther Halt machte. Nach mehreren Wochen des schönsten, hellsten Wetters hatten Regen und Nebel des Herbstes sich ganz plötzlich eingestellt und fielen deshalb um so widerwärtiger auf. Das Haus lag in einer Straße, welche zu den vornehmsten gezählt hatte, ehe die Erweiterung der Stadt hier wie überall die schöne Welt nach dem Westende übersiedeln machte, und die dunkeln Mauern sahen bei der trüben nassen Luft noch grauer als gewöhnlich aus.
Vorlage S. 106
393
Breit für seine Höhe, auf weitem Hofe hingestreckt, mit eisernem Gitter gegen die Straße abgeschlossen und von den Bäumen des Gartens überragt, übte das Haus auf die Baronin eine überraschende Wirkung aus, indeß der Verfall desselben drängte sich ihr trotz der beginnenden Dämmerung deutlich auf, und das Innere des Gebäudes entsprach dem Aeußern nur zu sehr.
Vorlage S. 107
394
Die öde, mit schwarzen Fliesen ausgelegte Eintrittshalle, die breiten Steintreppen mit den altersgeschwärzten Eisengallerien, die hohen, mit stumpffarbigen Seidenstoffen und gepreßtem Leder tapezierten Gemächer, der Hausrath, dem man es ansah, dass er seit gar langen Jahren nicht erneuert worden war, hatten etwas Trauriges. Die Brocatüberzüge der Möbel, die Gardinen und Thürvorhänge waren farblos, die reichen Vergoldungen ohne Glanz, die prächtigen Spiegelgläser waren blind geworden. Die gestickten Tischdecken, die Teppiche und Polster sahen fahl aus, und von den Oelgemälden und Pastellbildnissen, deren sich eine große Anzahl in den Zimmern vertheilt befanden, waren die Farben ebenfalls verblichen, dass sie blass und gespenstisch auf die Eintretenden herniederschauten.
Vorlage S. 107
395
Zwar brannten in den herabhängenden altmodischen Messing-Laternen der Halle die Lichter, und in den Räumen, welche man zu ebener Erde auf die ganz unerwartete Nachricht von der bevorstehenden Ankunft des Barons geöffnet und für ihn hergerichtet hatte, flammten die Feuer lustig in den großen Kaminen, aber trotz der Mühewaltung des vorausgesandten Dieners war und blieb der melancholische Hauch, der über dem Hause lag, unzerstörbar.
Vorlage S. 107
396
Das widerwillige Bellen der beiden alten Hunde, welche den fremden Eindringlingen den Eingang verwehren zu wollen schienen, erschreckte die Baronin, und die steifen Verbeugungen und Knixe der in dem Hause waltenden Kammerfrau von Fräulein Esther, die mit kaltem Auge, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ein Wort des herzlichen Willkomms zu äußern, ehrerbietig und feierlich wie der Aufseher eines Grabgewölbes Zimmerthüre um Zimmerthüre öffnete, waren vollends niederschlagend.
Vorlage S. 108
397
Dem Baron war selbst dabei nicht wohl zu Muthe. Das Hôtel kam ihm fremd und wie verwandelt vor, da er es jetzt mit dem Auge seines jungen Weibes und als dessen nächsten Aufenthalt betrachtete. Er war des Hauses und seiner ganzen Einrichtung von seiner ersten Kindheit an gewohnt gewesen; seitdem hatte sich nichts in demselben verändert, und er hatte daher, wenn er Tante Esther sonst aufgewartet, kaum noch auf ihre Umgebung geachtet. Alles hatte, so wie es da war, mit der blassen, stolzen Greisin zusammengehört, Allem hatte das alte Fräulein seinen Charakter aufgeprägt, und so einheitlich lebte Esther's Bild mit diesem Hause in dem Geiste ihres Neffen fort, dass er immer meinte, wenn er den Kopf zurückwende, werde Tante Esther in dem steifen, schwarzen Kleide, mit dem schwarzen Spitzentuche über der thurmhohen Frisur wieder an dem Kamine sitzen, unwillig darüber, dass der Baron sich unterfangen habe, die fremde, junge Frau ohne ihre besondere Erlaubnis hierher zu führen, und dass er daran denke, in dem Hause seiner Tante Anordnungen zu treffen, ehe er deren Meinung darüber eingeholt. Es fehlte nicht viel, so hätte er Angelika gebeten, sich von dem Sessel am Kamine zu erheben, weil die Tante es niemals geduldet hatte, dass Jemand anders sich ihres Armstuhles bediente oder sich auf einem der Plätze niederließ, auf denen sie gewöhnlich zu sitzen pflegte.
Vorlage S. 108
398
Jetzt erst, da er in der Residenz zu leben und das Haus nach seinen Bedürfnissen umzugestalten dachte, wurde ihm die Herrschaft der Verstorbenen, die ihm bis dahin nur in komischem Lichte erschienen war, drückend und lästig. Er hatte nichts dagegen, dass sie ihrem Erben die Verwerthung dieses Hauses, welches mit seinen Gärten in der aufblühenden Stadt ein bedeutendes Vermögen darstellte, durch ihr Testament wesentlich erschwert hatte. Er war reich und hatte den Sinn des Edelmannes, dem der liegende Besitz, das eigentliche Haben, neben dem Genießen die Hauptsache ist. Aber der Eigenwille der alten Dame, welche nicht nur ihrer Kammerfrau, sondern auch ihren Hunden und Katzen ein fortdauerndes Asyl in ihrem Hause gesichert hatte, ohne seinem jetzigen Besitzer auch nur die Möglichkeit einer Ablösung dieser Last zu gestatten, sofern er sie nicht nach Richten übersiedelte, empörte ihn; und die Verpflichtung, die alten Bilder und gewisse Zimmer und Möbel für immer unverändert zu belassen, so lange das Haus in seinem Besitze blieb, hemmte daneben den Baron bei den Planen für die Umgestaltung desselben mehr, als er es erwartet hatte. Es war in dem Hause Alles stets so ausschließlich auf Fräulein Esther und auf deren Bedürfnisse und Gewohnheiten berechnet gewesen, dass der Bann, den ihre Willkür bei ihrer Lebzeit um sie her verbreitet hatte, auch jetzt noch auf dem Hause lastete, nachdem sie selbst es bereits mit der stillen Ahnengruft ihrer Familie in dem Garten von Schloß Richten hatte vertauschen müssen.
Vorlage S. 109
399
Der Baron befand sich in einer sehr unangenehmen Lage. Seit Monaten hatte er sich damit beschäftigt, das schöne Stammschloß seiner Familie zu würdiger Aufnahme der jungen, schönen Herrin einzurichten. Mündlich und schriftlich war zwischen ihm und seiner Braut vielfach darüber verhandelt worden, und obschon er ihr die Art der Einrichtung mehrfach geschildert, hatte er doch gehofft, sie durch den heitern Glanz der kunstgeschmückten Räume, in welchen sie künftig zu leben hatte, angenehm zu überraschen. Statt dessen hatte er sie in die Residenz gebracht, und er begriff es jetzt kaum, wie der vorsichtige und kluge Freund ihm diesen Vorschlag habe machen und wie er selbst darauf habe eingehen mögen.
Vorlage S. 109
400
Wo er Freude zu erregen beabsichtigte, rief er unabweislich eine trübe Stimmung hervor. Statt in breitem Behagen sorgenfrei und leicht mit seiner jungen Frau zu leben, sollte und musste sie jetzt notwendig mancherlei Mühen und Arbeiten übernehmen, und statt des Dankes, den er von ihr zu ernten gewünscht, hatte er wegen einer plötzlichen Abänderung des festgestellten Planes, für die sich nicht der geringste haltbare Grund anführen ließ, Entschuldigungen zu machen und um Vergebung zu bitten.
Vorlage S. 110
401
Er konnte nicht aufhören, sich diese Uebelstände zu wiederholen, und doch vermochte er es nicht einmal völlig zu ermessen, wie sehr Angelika von ihrer neuen Umgebung litt, und wie der Hauch der Vergänglichkeit, der hier Alles umwitterte, auf die Phantasie einer jungen Frau wirken musste, die mitten in ihren Glücksträumen ihren ersten großen Schmerz, ihre erste bittere Erfahrung in sich zu überwinden gehabt hatte.
Vorlage S. 110
402
Angelika fühlte sich in dem Hause wie in der Verbannung, wie in der Gefangenschaft. Es war das ihrige geworden, ohne dass sie sich gewöhnen konnte, es als solches zu betrachten, denn überall, in welches Zimmer sie kam, fand sie entweder das Bild der Tante mit dem verschleierten, weltabgeschlossenen Blicke, oder eines jener verblichenen Portraits von Esther's Freunden, die nach der Testaments-Vorschrift an ihren Plätzen verbleiben mussten. Verließ sie diese Zimmer, so begegnete ihr auf der Treppe bald die schleichende Katze, bald das altersgraue Windspiel, bald der schwerfällige Mops des verstorbenen Fräuleins, oder es kam ihr gar Mamsell Marianne entgegen, die, in das obere Stockwerk des Seitenflügels verwiesen, aus demselben nur herunterstieg, um hier und da mit mißvergnügten Blicken die beginnende neue Einrichtung und das erneute Leben im Hause zu betrachten und krittelnd zu mustern.
Vorlage S. 110
403
Angelika konnte sich eines Schreckens nicht erwehren, wenn Mamsell Marianne, die es abgelehnt hatte, in die Dienste der neuen Haushaltung zu treten, plötzlich wie aus der Erde gewachsen vor ihr stand. Dieses Wesen, das nicht Herr, nicht Diener war, das kein Mitlebender sein wollte und das man doch nicht verbannen konnte, verleidete der Baronin das Haus nur noch in höherem Grade, während die neue Dienerschaft eine wirkliche Furcht vor Mamsell Marianne empfand und von dem Glauben nicht abzubringen war, dass es überhaupt in dem Hause nicht richtig sei, und dass Fräulein Esther allnächtlich, ja, selbst bis zum hellen Tage, in demselben umgehe. Der Eine wollte es gesehen haben, wie das Fräulein noch im Morgengrauen auf dem Lehnstuhle am Kamine gesessen und ihre Hunde und Katzen um sich gehabt habe; ein Anderer wollte ihr begegnet sein, wie sie mühsam athmend um Mitternacht nach der Stube von Mamsell Marianne hinaufgestiegen war, und dass es ihre Bilder wie mit unsichtbaren Händen an den Mauern festgehalten, als man sie habe abnehmen wollen, um sie nur zu säubern, das ließen sämmtliche Arbeiter und Dienstboten sich nicht ausreden.
Vorlage S. 111
404
Angelika schämte und schalt sich, wenn sie solchen Gerüchten Gehör gab. Aber sie selbst konnte ihr Auge nicht von den verschiedenen Bildern der Tante abwenden, und je öfter sie auf denselben verweilte, um so lebendiger erschienen sie ihr. Es war ihr, als ob das Bild ihr mit seinen großen, schwarzen Augen folgte; es ließ ihr selbst im Schlafe keine Ruhe. Sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass die Tante noch in ihrem Hause weile und dass sie mehr Herrschaft in demselben besitze, als Angelika und ihr Gemahl.
Vorlage S. 111
405
Indeß diese unheimlichen Empfindungen begannen theilweise zu weichen, je weiter die Erneuerung der Einrichtung gedieh, und Angelika und der Baron beeilten sich, sie zu vollenden. Diese Beschäftigung war den Eheleuten heilsam. Die kleinen gemeinsamen Sorgen und Mühen für ihren Haushalt führten sie auf die natürlichste Weise zusammen. Der Baron konnte dabei die angenehme Erfahrung machen, dass es seiner Frau an Umsicht und Gewandtheit nicht gebreche. Der sichere Besitz, die berechtigte Liebe zeigten sich ihm bald als etwas sehr Bequemes, und die Jugend und Schönheit seiner Frau erfreuten ihn doppelt, da man sie nach ihrem Eintritte in die Gesellschaft und in die große Welt auch in dieser auszeichnete und bewunderte. Sein Herz, sein Verstand, sein Ehrgeiz und seine Eitelkeit fanden sich in gleichem Maße durch seine Frau befriedigt; er gefiel sich darin, sich der Wahl zu rühmen, die er getroffen hatte, und sich ein Verdienst aus den Eigenschaften seiner Erwählten zu machen.
Vorlage S. 112
406
Dazu kam er hier in der Residenz in eine Gesellschaft, die ihm vertraut und lieb war und in der er lange mit Erfolg gelebt hatte. Der Menschenkreis, der sich am Hofe und um den Hof bewegte, war ihm bekannt. Wie in einer zweiten Heimath empfingen ihn dort die Genossen seiner früheren Jahre, so männliche als weibliche, mit Vergnügen, und dass er eben jetzt noch zu dem eigenen reichen Besitze das ansehnliche Vermögen und Haus seiner Tante ererbt hatte, in welchem seine junge Frau die Wirthin machen sollte, gereichte ihm bei seinen Freunden nur zum Vortheil.
Vorlage S. 112
407
Der Baron hatte ausgebreitete Verbindungen in allen Kreisen der Gesellschaft, er fand in jedem derselben etwas, das einer oder der andern Seite seines Wesens entsprechend war, und Angelika sah sich dadurch bald in eine endlose Reihe von Zerstreuungen gezogen, die ihr jedoch, nachdem der erste Rausch der Ueberraschung vorüber war, schon darum keinen Genuss gewährten, weil dieselben sie von ihrem Manne fern hielten, auch wenn sie beide daran Anteil nahmen. Sie war überhaupt in ihren Anlagen und Neigungen eigentlich der völlige Gegensatz von dem Wesen ihres Gatten. Sie war weder eitel noch vergnügungssüchtig, sondern eine ganz innerliche, zum Ernst und Nachdenken geneigte Natur. Für ein abgeschlossenes Leben in der Familie erzogen und durch geistige Bildung für die Genüsse einer beschaulichen Zurückgezogenheit vorbereitet, war es eben die Bildung des Barons gewesen, welche das junge Mädchen zuerst an ihm schätzen lernte, und als Angelika seine Braut geworden war, hatte sie nach dem Ausspruche ihres Verlobten eine häusliche Ehe wie die ihrer Eltern mit ihm zu führen gehofft. Von dem Allem wurde ihr das Gegentheil geboten, und ihre Liebe für ihren Mann ließ sie dies als einen Nachteil betrachten.
Vorlage S. 112
408
Die Menschen, unter denen sie zu leben hatte, waren ihr kein Ersatz für den stillen Verkehr mit ihrem Gatten; sie waren und blieben ihr fremd, und der unter ihnen herrschende Ton war nicht danach angethan, einem jungen, reinen Weibe Beifall abzugewinnen. Wenn sie ihr Missfallen an den freien Sitten äußerte, von denen sie sich umgeben sah, wenn sie es als eine Demüthigung und eine Unwürdigkeit empfand, wie man sich vor den beiden erklärten Maitressen des Königs beugte und die Frauen, welche die gleiche Stellung ohne diesen Titel einnahmen, mit besonderem Eifer suchte und mit besonderer Zuvorkommenheit behandelte, so stimmte der Baron ihr darin bei; aber er gab ihr daneben zu bedenken, dass die Welt nicht überall ihrem Vaterhause gleichen könne, dass man nicht überall die strengen Grundsätze desselben voraussetzen und als Maßstab nehmen dürfe. Er forderte Duldsamkeit von Angelika, und er vergaß, dass die Jugend nicht duldsam sein kann, weil nur die Erfahrung jene Nachsicht mit der Schwäche des Menschen und jene Weltklugheit erzeugt, die in den meisten Fällen schon ein Abweichen von dem Moralgesetze in sich schließt. Angelika hätte von sich selbst abzufallen geglaubt, wenn sie duldsam gegen das Unrecht gewesen wäre, und sie konnte nicht aufhören, sich die Frage vorzulegen, was ihren Gatten bewogen haben möge, eben jetzt, da sie seine Frau geworden war, mit ihr eine Gesellschaft aufzusuchen, deren Sittenlosigkeit so offenkundig war, und in welcher keine ihr bekannte Ursache sein Verweilen forderte. Er büßte dadurch in ihren Augen einen Theil der Würdigkeit ein, unter welcher er ihr bisher erschienen war, und sie wusste es ihm keinen Dank, dass er sie ruhig der galanten Bewerbung der Männer überließ, dass er ihr im Vertrauen auf ihre Jugend große Freiheit für ihr Handeln gewährte, ja, es schien ihr dies eine Gleichgültigkeit zu verrathen, welche sie betrübte.
Vorlage S. 113
409
Was man daneben in der zur Gewohnheit gewordenen Leichtfertigkeit jener Tage, selbst im Beisein der jungen Frau, von dem früheren Leben und von den Abenteuern des Barons bald erzählte, bald errathen ließ, verstimmte oder verletzte sie eben so sehr. Sie sah, dass er auch jetzt noch um die Frauen bemüht war, dass sie seine Huldigungen mit Vergnügen aufnahmen, dass sie ihm mit Zuvorkommenheit begegneten und dass er sich daran erfreute; und sie hatte leider Niemanden in ihrer Nähe, der es ihr begreiflich gemacht hätte, wie viel dem älteren Manne, ganz abgesehen von seiner angeborenen Neigung zur Galanterie, daran gelegen sein musste, seinem jüngeren Weibe darzuthun, dass er auch anderen Frauen noch zu gefallen und überall noch Beifall zu erringen vermöge.
Vorlage S. 114
410
Indeß jedes Alter trägt seine Bedingungen in sich, und der glänzenden Erscheinung, welche der Baron noch immer in der Gesellschaft machte, stand die unausbleibliche Abspannung in der Ruhe des Hauses bedenklich gegenüber. In Gegenwart von Fremden stets heiter angeregt, überfiel ihn oft plötzlich eine tiefe Niedergeschlagenheit, wenn er sich mit Angelika allein befand, und mehrmals, wenn er sich von ihr unbeachtet glaubte, nahm sie einen Ausdruck von Kummer und Schmerz in seinen Mienen wahr, vor dem sie erschrak. Mit all der Liebe, welche sie für ihn hegte, bemühte sie sich, den Grund dieses Wechsels zu erkennen, aber dieses gutgemeinte Bestreben verbesserte den Zustand nicht, sondern machte den Baron in der Regel nur noch trüber, ja, es beunruhigte ihn offenbar. Er zwang sich dann zu einer Heiterkeit, welche ihn ermüdete, ohne Angelika zu täuschen, und wie sehr sie es sich wegzuleugnen wünschte, konnte sie es sich nicht verbergen, dass sie nicht den ihr gebührenden vollen Anteil an dem Leben ihres Mannes besitze. Sie sah, dass er einen Kummer hatte, den er ihr verschwieg; ihn erheiterten Vergnügungen, für welche ihr der Sinn gebrach, ihn zogen Menschen an, von denen sie sich zurückgestoßen fühlte; er suchte Gesellschaft, sie wünschte ihn für sich allein zu haben, und der Gedanke, dass sie ihm jetzt ferner stehe, als vor ihrer Hochzeit, drängte sich ihr oftmals entmuthigend auf.
Vorlage S. 115
411
Sie wurde dadurch irre an sich selbst. Sie beneidete die Frauen, welche er ihr als seine früheren Bekannten bezeichnete, welche es so trefflich verstanden, ihn bei guter Laune zu erhalten, und doch mißfielen sie ihr, doch mißfiel ihr selbst die spielende Weise, in welcher ihr Gatte mit ihnen verkehrte. Eine Abneigung gegen den Hof, gegen die große Welt und gegen die Frauen in derselben erfüllte Angelika's Herz. Sie waren es, davon hielt sie sich überzeugt, welche zwischen ihr und ihrem Manne standen; auf sie, auf Eine von ihnen mussten sich die Erinnerungen und das Geheimnis beziehen, die den Freiherrn bedrückten, und die Frage, ob eine der Damen dieser Gesellschaft und welche von ihnen Pauline heiße oder eine Verwandte dieses Namens habe, war stets die erste, die ihr bei jeder neuen Begegnung mit fremden Frauen in den Sinn kam.
Vorlage S. 115
412
Der Baron bemerkte die Veränderung, welche sich in Angelika's Seele vollzogen hatte, aber er fand es nicht gerathen, sich gegen sie darüber zu äußern. An ein Uebel, dem man keine Abhülfe zu bringen im Stande ist, müsse man, meinte er, nicht rühren, und da er sich ohnedem der Hoffnung hingeben durfte, dass die Zeit ihm für seine Reue Linderung bringen, dass er allmählich aufhören werde, daran zu denken, wie Pauline umgekommen sei, und dass Angelika ihn dann gleichmäßiger finden und die alte volle Hingebung sich zwischen ihnen wieder feststellen werde, so war er nur darauf bedacht, seiner jungen Gemahlin so wenig Zeit als möglich für ihr einsames Brüten und Grübeln frei zu lassen.
Vorlage S. 116
413
Die Residenz war damals voll von Fremden, denn der König liebte das Vergnügen und war nichts weniger als schwierig in der Wahl desselben. An einem Hofe aber, an welchem die größte Unsittlichkeit und ein phantastischer Wunderglaube sich die Hand reichten, an dem jeder ernste Gedanke gemieden und jedes Spiel mit dem Geheimnißvollen eifrig aufgesucht wurde, konnte es nicht fehlen, dass ein betäubender, hastiger Lebensgenuß als die höchste Aufgabe der Gesellschaft angesehen wurde. Feste folgten den Festen, kleine, vertraute Zusammenkünfte füllten die Pausen aus, und innerhalb der großen, bunt durch einander wirbelnden Gesellschaft, die sich um den König gebildet hatte, trugen die verschiedenen engeren Zirkel jeder ein besonderes Gepräge, je nach der Person, die in ihnen hervorragte.
Vorlage S. 116
414
Ein solcher kleiner Zirkel, in welchem der Baron seit langen Jahren heimisch war, kam an jedem Dinstage bei einer seiner entfernten Verwandten, der immer noch schönen Frau von Uttbrecht, zusammen. Sie hatte viele Reisen gemacht, sprach fremde Sprachen mit großer Leichtigkeit und galt bei aller Welt für eine ausgezeichnete, geistvolle und dabei höchst liebenswürdige Frau, weil sie ganz ohne eigene Ansichten, ganz ohne bestimmten Charakter und darum im Stande war, sich der Meinung eines Jeden gefällig anzupassen. Freigeistig und devot, leichtfertig und splitterrichterisch, je nach der Stimmung derer, mit welchen sie eben verkehrte, hatte sie sich in den letzten Jahren, wie sie es nannte, einer Beschäftigung mit ernsten Dingen hingegeben, und der große Gedanke von einer notwendigen Wiedergeburt des Menschen zu seiner eigenen Erlösung und zur Veredlung der ganzen Menschheit, welcher damals angefangen hatte, die Geister edelgesinnter Menschen zu bewegen, war auch in den Sälen der Frau von Uttbrecht auf das Register der beliebten Unterhaltungen gesetzt worden. Da man aber sehr gesellig war und da Frau von Uttbrecht vollends das Alleinsein nicht ertragen konnte, so dachte man sich auch die Selbsterlösung nicht als eine That, die der Mensch an sich allein und allmählich zu vollziehen habe, sondern man verband sich zu Gemeinschaften, man legte einander seine Schwächen und Fehler, so weit man es für gut befand, in schriftlichen Bekenntnissen vor, man vereinte sich, wenn sich eben ein begeistertes Gemüt in dem Kreise befand, zu Gebeten für den Irrenden, und man umarmte sich in gerührter Erhebung, wenn man des überirdischen Glückes gedachte, dessen die befreiten Seelen einst theilhaftig werden müssten. Man war viel zu aufgeklärt, um nicht gegen die Rosenkreuzer und Illuminaten, viel zu gut protestantisch, um nicht gegen die Jesuiten und, wenn keine Katholiken in der Gesellschaft waren, auch gegen den Katholicismus zu eifern. Man glaubte aber an den Mesmerismus, man war, wie der Baron selber, von der geheimnißvollen Wechselwirkung der Menschen auf einander überzeugt, und fast Jeder versicherte, mancherlei Erfahrungen in dem eigenen Leben und in dem Leben seiner Freunde ge macht zu haben, die auf geheimnißvolle Kräfte in der Menschenseele schließen ließen, und vor denen man sich respectvoll einer Prüfung enthielt, da sie, wie man behauptete, keine befriedigenden Erfolge gewähren konnte.
Vorlage S. 116
415
Angelika liebte Frau von Uttbrecht nicht. Die Gefühlserregtheit, die unablässige Beobachtung aller seelischen Zustände, wie dieselbe sie an den Tag legte, kamen ihr zu absichtlich und deßhalb beängstigend vor. Sie war von aller Ueberspannung, von allem Aberglauben frei, und bei dem gesunden Sinne ihres Vaterhauses waren ihr religiöse Zweifel eben so fremd geblieben, als überschwängliche Gefühlsseligkeit und Mysticismus. Man hatte auf Schloß Berka in herzlicher Liebe und Eintracht ein ruhiges Leben geführt, hatte die Pflichten gegen einander, ohne darüber viel nachzudenken, in Freundlichkeit geübt, an jedem Tage das Notwendige vollbracht, hatte sich daneben an den Werken der großen Dichter, deren hell leuchtendes Doppelgestirn damals strahlend an dem Horizonte Deutschlands aufgegangen war, mit dankbarer Erhebung erfreut, und wenn man sich dann am Ende der Woche sagen konnte, dass man in der Familie das Seinige geleistet habe und dass den Bewohnern der Güter, wie den Dienstleuten des Hauses, das Zukömmliche nicht gefehlt, so war man an den Sonn-und Feiertagen heiter und zufrieden, und mehr oder weniger gesammelt in die Kirche gegangen. Der wöchentliche Gottesdienst hatte einen Theil des gewöhnlichen Familienlebens ausgemacht, wie die würdige Haushaltung, wie die ausgebreitete Gastfreundschaft und die stattliche Repräsentation, die man eben auch als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten gewohnt war.
Vorlage S. 118
416
Angelika hörte es daher nur mit Widerstreben an, als Frau von Uttbrecht, nachdem man eines Abends, an welchem man ebenfalls bei ihr versammelt war, eine Weile von den gleichgültigsten Dingen gesprochen hatte, plötzlich von der Erbauung zu reden anfing, welche sie in dem einsamen Gebete finde.
Vorlage S. 118
417
Wenn ich dem Heilande alle Falten meines Herzens eröffne, sagte sie, damit er klar hineinschauen kann, wenn ich mir alle meine Fehler deutlich mache und ihn anflehe, mich von ihnen zu erlösen, so erwächst mir daraus eine wahrhaft himmlische Ruhe. Nach solchen Momenten habe ich die beglückendsten Träume. Fast immer sehe ich dann meine gute Mutter vor mir, aber nicht hinfällig und krank, wie sie in den letzten Jahren unter uns geweilt hat, sondern jung und schön, und doch ohne alle Erdenschwere, ohne die starke Farbe, welche in der Sinnenwelt den Dingen anhaftet. Ich sehe sie auch nicht eigentlich mit dem körperlichen Auge. Es ist eine feinere, edlere Art der Wahrnehmung. Der Geist berührt den Geist, und wäre es nicht zu kühn, so würde ich sagen: so müssen die Jünger den Heiland erkannt haben, als er nach seiner Auferstehung wieder unter ihnen zu wandeln begann.
Vorlage S. 119
418
Und spricht sie zu Ihnen? fragte einer der Anwesenden.
Vorlage S. 119
419
Ja, Gottlob! rief Frau von Uttbrecht und hob die schönen, reich beringten Hände andächtig gefaltet empor, während ihre seelenvollen Augen sich dankbar gen Himmel richteten. Ja, Gottlob, sie spricht zu mir, aber ihre Rede ist mir oft im ersten Augenblicke nicht deutlich. Später erst habe ich es bisweilen an meinen Erlebnissen erkannt, dass es Worte der Verkündigung gewesen sind, die sie zu mir geredet hatte. Wenn aber meine Seele sich nicht ganz frei gerungen hat, so vermag ich die Selige nicht zu erschauen, und nur in einer Ahnung, in gewissen unbeschreiblichen Gefühlen kann ich dann empfinden, dass sie auch ungesehen in Liebe neben mir verweilt.
Vorlage S. 119
420
Man pries Frau von Uttbrecht glücklich, solch feiner Empfänglichkeit fähig zu sein. Jeder gab danach seine geheimnißvollen Beobachtungen zum Besten, nur der Baron schwieg, bis man ihn ausdrücklich aufforderte, sich über seine Ansicht von diesen Materien auszusprechen.
Vorlage S. 119
421
Er wich Anfangs einer bestimmten Antwort aus. Ich finde es auffallend, sagte er, dass Sie fast Alle diese besonderen Wahrnehmungen den allgemeinen Wahrnehmungen als etwas davon ganz Verschiedenes oder gar als etwas Uebernatürliches entgegensetzen.
Vorlage S. 120
422
Und sind sie das nicht? Sind sie nicht etwas von unserem gewöhnlichen Leben völlig Getrenntes, etwas durchaus Uebernatürliches? fragte eine der Damen.
Vorlage S. 120
423
Gewiss nicht! erwiederte der Baron. Der Kurzsichtige könnte die Beobachtungen des Fernsichtigen mit dem gleichen Rechte als übernatürliche Wahrnehmungen bezeichnen. Wenn das Wort Uebernatürlich nur bekunden soll, dass ein bestimmtes Etwas über das Maß der Fähigkeit einer bestimmten Menschennatur hinausgeht, so giebt es unzählige übernatürliche Dinge für den Einzelnen. Wollen Sie mit jenem Worte aber andeuten, dass es wahrnehmbare Erscheinungen giebt, welche der Menschennatur im Allgemeinen nicht zugänglich sind, so müssen wir uns vor Allem dahin verständigen, dass es keine allgemeine, keine abstracte Menschennatur giebt, wohl aber Menschen von den verschiedensten Begabungen, denen also auch ein sehr verschiedener Grad der Wahrnehmungen zuzuerkennen sein wird.
Vorlage S. 120
424
Das Gespräch bewegte sich in dieser theoretischen Weise eine Weile fort. Alle Anwesenden betheiligten sich daran, und da man sich zwischen lauter Lehrsätzen und Problemen hielt, ohne einander feste Anhaltspunkte zu bieten, so blieb es jedem überlassen, sich die Lehren auf seine Weise auszudeuten.
Vorlage S. 120
425
Angelika allein hatte nichts zu sagen, nichts mitzutheilen. Der Baron bemerkte das, und weil ein Schweigender in der Mitte einer Gesellschaft von Erzählenden sich in doppeltem Sinne im Nachtheile befindet, so lenkte er aus dem Bereiche der Geisterwelt geschickt in das Alltagsleben ein und hatte bald das Gespräch auf die völlige Umwandelung gebracht, die er genöthigt gewesen sei, in dem von seiner Tante ererbten Hause vorzunehmen. Er wollte seiner Frau damit die Gelegenheit geben, sich geltend zu machen und aus der Vereinsamung hervorzugehen. Weil sie sich aber in einer ihr ganz fremden Atmosphäre befand, fühlte sie sich verwirrt und befangen, und wusste sich nicht gleich zurecht zu setzen. Frau von Uttbrecht gewann dadurch Zeit, die Bemerkung zu machen, sie wundere sich, dass der Baron und seine Frau, die beide doch fein organisirte Menschen wären, es über sich gewonnen hätten, die Heimath einer Gestorbenen so schnell und so gewaltsam zu verändern, und sie damit für die Gestorbene zur Fremde zu machen.
Vorlage S. 120
426
Angelika wurde stutzig. Sie wusste, wie großen Werth ihr Gatte auf das Urteil ihrer Wirthin legte, und wünschte also nicht, ihr offen zu widersprechen; sie wollte dieselbe auch nicht gern an ihrer feinen Organisation und Empfindung irre werden lassen, und bemerkte also nur freundlich, es sei doch sehr natürlich, dass man es sich bei aller Liebe und Ehrfurcht für seine Vorfahren in den vier Wänden behaglich zu machen suche, in denen man zu leben habe.
Vorlage S. 121
427
O, natürlich ist's gewiss, versetzte Frau von Uttbrecht darauf, indem sie sich langsam fächelte und mit ihren halbgeschlossenen Augen träumerisch umhersah, natürlich ist's gewiss, in so fern als die Natur grausam und unbarmherzig ist. Der Mensch aber, der denkende und empfindende Mensch, der es weiß, dass er selbst sterblich ist, sollte nicht so grausam sein wie die Natur, sollte nicht so unbarmherzig gegen seine Todten sein wie jene. Ich könnte nicht in diesen Räumen leben, wüsste ich, dass meine verklärte Mutter sich hier in ihrem Hause nicht mehr heimisch fühlte.
Vorlage S. 121
428
Der Baron nahm diese Aeußerung nicht gut auf. Unbarmherzigkeit und Egoismus, das sind zwei schlimme Fehler, sagte er, und wir, die wir uns derselben nach Ihrer Meinung jetzt schuldig gemacht haben, müssten versuchen, uns gegen Ihre Anschuldigung zu vertheidigen, wenn ich mich nicht überzeugt hielte, Cousine, dass es mit Ihrem Ausspruche so ernstlich nicht gemeint war.
Vorlage S. 122
429
Sie irren sich, bester Vetter, es war mein völliger, auf innerste Ueberzeugung gegründeter Ernst! entgegnete Frau von Uttbrecht, und ich bin gewiss, dass einst eine Stunde kommen wird, in der Sie mir beipflichten und Ihre Härte selbst bereuen werden.
Vorlage S. 122
430
Aber von welcher Härte sprechen Sie, liebe Cousine? fragte Angelika, mehr und mehr betroffen von dem Ernste, mit welchem Frau von Uttbrecht ihre Behauptung aufrecht erhielt.
Vorlage S. 122
431
Von der Härte, welche Sie und Ihr Herr Gemahl gegen die arme Tante Esther begangen haben, indem Sie dieselbe so gewaltsam der irdischen Fortdauer beraubten, die sie sich in einem richtigen Drange ihrer armen Seele, dort, wo sie gelebt hat, zu sichern gewünscht. Jung und lebensfrisch, wie Sie es sind, beste Angelika, hätten Sie der armen, alten Verwandten wohl die Zeit vergönnen mögen, sich allmählich von dem Orte loszulösen, mit welchem lange Gewohnheit und innige Vorliebe sie verbunden hatten. Wäre mir das Haus der Tante zugefallen, nicht einen Stuhl hätte ich verrücken lassen. Ich hätte mich beschieden, ihr Gast zu sein, bis irgend ein Zeichen es mir kund gegeben hätte, dass ihr Geist sich von dem Hause abgewendet habe und dass mir damit ein freies Schalten in demselben wohl verstattet sei.
Vorlage S. 122
432
Sie sprach das völlig wie einen Vorwurf und einen Tadel aus. Angelika, viel jünger als ihre Wirthin, wagte nicht, ihr entgegen zu treten, und wartete darauf, ob der Baron es nicht für sie tun werde. Indeß zu ihrem größten Erstaunen sagte er:
Vorlage S. 122
433
Es bestimmt zu leugnen, dass die menschliche Seele sich nur allmählich von dem Körper und von der Körperwelt loslöse, möchte unmöglich sein. Und ohne mich zu der Zahl unserer modernen Geisterseher zu rechnen, räume ich ein, dass ein Reich der Mitte, dass ein über den Tod fortgesetzter Zusammenhang der Geschiedenen mit den Lebendigen denkbar ist, aber ....
Vorlage S. 123
434
Das glaubst Du, das glaubst Du, lieber Franz? rief Angelika mit erschreckendem Erstaunen.
Vorlage S. 123
435
Ich habe ganz unleugbare Beweise dafür in meinem Leben gehabt! antwortete er ihr mit großer Sicherheit und Bestimmtheit.
Vorlage S. 123
436
Angelika verstummte, denn sie stellte ihren Mann hoch über sich und war es nicht gewohnt, ihm entgegen zu treten, wo er so bestimmt eine Meinung geäußert hatte. Frau von Uttbrecht aber fragte, ob der Freiherr seine Erfahrungen nicht mittheilen könne.
Vorlage S. 123
437
Unmöglich! versetzte er, und es kam Angelika vor, als überlaufe ihn ein Schauer, denn er zuckte zusammen bei seinen eigenen Worten. Die Anwesenden mussten das auch bemerkt haben; es entstand eine Pause, die Gespräche nahmen eine andere Richtung, und man ging zeitig auseinander, ohne noch einmal auf die vorher angeregten Gegenstände zurückgekommen zu sein.
Vorlage S. 123
438
Siebentes Capitel
Vorlage S. 124
439
Wären Aeußerungen wie diejenigen, welche Angelika bei Frau von Uttbrecht vernommen, in dem Hause ihrer Eltern, in den Tagen ihrer glücklichen Unbefangenheit an sie herangekommen, so würde sie dieselben nicht sonderlich beachtet oder sie als die Erzeugnisse einer thörichten Phantastik von sich abgewiesen haben. Jetzt aber, in einer auf das Romantische und Phantastische gerichteten Umgebung, wirkten sie beängstigend auf sie ein, und als sie vollends aus dem Munde ihres Gatten eine Annahme bestätigen hörte, die sie noch vor Kurzem als Ausgeburt des Aberglaubens verspottet haben würde, war es ihr, als lege sich ein unsichtbares Netz um sie. Sie hätte den Baron um Auskunft, um Erklärung bitten mögen, und wagte nicht, es zu tun. Sie wollte nichts wissen, was sie beirren, nichts hören, was sie an der vorurtheilsfreien Einsicht ihres Gatten zweifeln machen konnte. Sie wollte an keine Wunder glauben, weil ihr dies als eine Folge des Katholicismus erschien, den sie zwar respectirte, da es der Glaube ihres Mannes war, den sie aber für ihr Theil nicht zu bekennen sich innerlich vorgenommen hatte; denn sie war fest entschlossen, ihren protestantischen Glauben und die Aufklärung ihres Vaterhauses in sich zu erhalten. Und doch über lief es sie eiskalt, doch blickte sie ängstlich um sich, als sie bei der Heimkehr den Fuß in das Gemach setzte, in welchem Fräulein Esther sich gewöhnlich aufgehalten hatte, und das jetzt Angelika's Wohnzimmer geworden war.
Vorlage S. 124
440
Sie war froh, dass sie an diesem Abende nicht mehr lange in demselben zu verweilen brauchte, denn es war Zeit sich zur Ruhe zu begeben. Sie war müde und benommen von dem Halblichte und von den starken Wohlgerüchen, welche immer in den Zimmern der Frau von Uttbrecht herrschten, und an die Unterhaltung denkend, die sie bei der Cousine vernommen hatte, schlief sie ein.
Vorlage S. 124
441
Es war mitten in der Nacht, als ein herzzerreißender Schrei von den Lippen ihres Gatten sie erweckte. Sie fuhr auf, rief ihn beim Namen, ergriff seine Hand, aber der Traum musste ihn sehr fest umfangen, denn er stieß sie von sich und rief mit dem Tone des äußersten Entsetzens: Fort, fort! Klammere Dich nicht so an mich! Komm nicht herauf! – Die starren Augen! Die starren Augen!
Vorlage S. 125
442
Angelika klopfte das Herz in furchtbarer Angst, ihre Glieder bebten. Sie neigte sich zu ihm, sie rief ihn nochmals dringend an, da richtete er sich empor, sah verwirrt umher, fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und sagte endlich, als habe er Mühe, sich ihre Anwesenheit zu erklären und sich zu fassen: Habe ich Dich erschreckt? Vergieb! Ich hatte einen bösen Traum!
Vorlage S. 125
443
War es Tante Esther? fragte sie leise.
Vorlage S. 125
444
Nein, entgegnete er ihr, nein! Denke nicht weiter daran, mein Kind. Es war nichts. Die heutige Unterhaltung hat mich nur aufgeregt; man sollte in der Gesellschaft solche Gespräche vermeiden.
Vorlage S. 125
445
Er legte sich darauf abermals zur Ruhe nieder; aber Angelika konnte nicht schlafen, und bei dem Scheine der Lampe sah sie, dass auch der Baron noch lange wach blieb und dass er einmal seine Augen trocknete.
Vorlage S. 125
446
Von ihren Gedanken gepeinigt, lag die junge Frau auf ihrem Lager. Das Haus war todtenstill, ihr Gatte endlich wieder ruhig eingeschlafen. Sie hörte seine leisen Athemzüge, sie konnte das Heben und Senken seiner Brust bemerken. Er sah milder aus, als sie ihn je gesehen hatte, aber sehr traurig. Ihr Auge verweilte mit großer Liebe auf seinem Angesichte. Sie fasste zum ersten Male den Gedanken an die ganze, ihr fremde Vergangenheit ihres Mannes als ein Feststehendes auf; sie hielt sich überzeugt, dass irgend eine traurige Erinnerung aus den Tagen der Vergangenheit ihn noch belaste, und ohne zu wissen, welch einen Schritt sie damit auf dem Wege der Entsagung vorwärts that, beklagte sie es, so jung und unerfahren zu sein, dass sie ihm nicht helfen konnte. Sie sehnte sich nach Jemand, der ihr rathen, ihr sagen möchte, was sie tun müsse, ihrem Manne die frühere Ruhe und seine alte, gleichmäßige Selbstzufriedenheit wieder zu verschaffen, die er neben ihr verloren hatte. Sie hatte schon oftmals den Vorschlag gemacht, den Caplan in die Stadt kommen zu lassen oder auf das Land hinaus zu gehen, damit der Baron seinen gewohnten Gesellschafter nicht länger zu entbehren brauche; aber Beides hatte der Freiherr abgelehnt. Wie des Menschen Ideen und Gedanken aber ihre wunderlichen Wege nehmen, wenn sie sich in das Unbestimmte verlieren, so fiel ihr plötzlich ein, es wäre am Ende gar nicht so schlimm gewesen, wenn Fräulein Esther noch hier im Hause gelebt hätte, wenn sie und der Baron von Anfang an nicht so allein in dem Hause gewesen wären.
Vorlage S. 125
447
Kaum aber hatte sie das gedacht, als sie plötzlich einen starken Lavendelgeruch zu spüren glaubte. Sie richtete sich auf, blickte umher, die Thüren waren geschlossen, die Damastvorhänge vor denselben herabgelassen, es regte sich kein Lüftchen im Zimmer, die Nachtlampe brannte ohne alle Bewegung. Sie legte sich also wieder in die Kissen zurück, und abermals strömte der Lavendelgeruch, den Fräulein Esther vorzugsweise geliebt hatte, und den man noch vielfach in den Schränken und Schubladen bemerken konnte, über Angelika's Antlitz hin. Sie überlegte, woher der Duft jetzt eben kommen könne, und als sie im Zimmer umhersah, bemerkte sie, dass von der großen Bronce-Vase, welche auf dem Kamine stand, der Deckel verschoben war. Das fiel ihr auf, denn sie hatte nie gesehen, dass die Vase zu öffnen sei, sondern sie für eine jener alterthümlichen Zierathen von Bronce gehalten, die eben nur als Zierath dienen. Behutsam stand sie auf, warf ihr Morgengewand über und ging an den Kamin, um den Inhalt der Vase kennen zu lernen. Als sie den Deckel abhob, fand sie auf einer dicken, weich wattirten Unterlage, die mit welken Lavendelblättern überstreut war, ein uraltes, kleines katholisches Gebetbuch, in Sammet gebunden, ein elfenbeinernes Crucifix und einen Rosenkranz von emaillirten Goldkugeln, der an einem kostbaren antiken Betringe befestigt war.
Vorlage S. 126
448
Wie man diese Gegenstände hier habe unbeachtet liegen lassen können, wenn sie Fräulein Esther im Gebrauch gehabt hatte, konnte Angelika sich nicht erklären. Sie trat an die Lampe heran, zu sehen, ob sich vielleicht ein Name oder ein Wappen auf dem Ringe befinde; es war aber nichts der Art vorhanden. Nur in dem Gebetbuche standen unter dem Bilde des Heilandes in kaum leserlicher Schrift, als habe ein Kranker sie mit zitternder Hand geschrieben, die Worte: »Mein Freund in der Noth! Der Stab, der mich hielt, da ich schwankte, die Stütze, an der ich mich erhob, das Licht, dessen Leuchten mir einst die lange Nacht erhellen wird! Möge es zu rechter Stunde in die rechten Hände fallen und Segen bringen, wie es mir Segen gebracht hat! Das ist das kostbarste Vermächtniß, das ich zu hinterlassen habe. Mein Gebet wird bei Dir sein in der Stunde Deiner höchsten Noth, bete auch Du für meine Seele, wenn ich nicht mehr bin.«
Vorlage S. 127
449
Angelika las die Worte wieder und wieder; sie erschütterten sie durch ihre einfache und innerliche Kraft. Sie hatte nie zuvor ein Crucifix und einen Rosenkranz in Händen gehalten. Unwillkürlich legte sie ihre Hände zum Gebet zusammen, und es bewegte ihr das Herz, dass sie mit ihrem Glauben nicht zu ihrem Manne gehörte.
Vorlage S. 127
450
Sie musste immerfort an Esther denken, und das Bild der Verstorbenen, welches ihr bisher durch seinen kalten Ausdruck so unheimlich gewesen war, übte plötzlich eine solche Anziehungskraft auf Angelika aus, dass sie ein lebhaftes Bedauern darüber fühlte, die Tante nicht gekannt zu haben, dass sie Verlangen trug, von ihr zu hören und zu wissen.
Vorlage S. 128
451
Sie konnte den Morgen kaum erwarten, um dem Baron ihre Entdeckung mitzutheilen. Auch er war überrascht. Es war ihm auffallend, dass er diese werthvollen Gegenstände bei Lebzeiten seiner Tante nie gesehen, dass er nie von ihnen gehört hatte. Angelika fragte, ob es Esther's Handschrift sei; der Baron verneinte es. Er glaubte eher die Handschrift seiner Schwester darin zu erkennen, aber die Züge waren so weit ausgedehnt, die Buchstaben durch das Zittern der Hand entstellt, und wie diese Sachen hierher gekommen waren, wenn sie seiner Schwester angehört, war ihm eben so unklar, da seine Mutter Alles, was Amanda besessen, wie Heiligthümer aufgehoben hatte.
Vorlage S. 128
452
Man ließ also Mamsell Marianne rufen; man befragte sie, und diese kannte die Gegenstände allerdings, aber sie schien selbst überrascht, sie wieder einmal zu sehen, und wusste auch nichts Näheres darüber anzugeben. Mein gnädiges Fräulein, sagte sie, hat sie freilich einmal vor sich liegen gehabt, als ich in das Zimmer getreten bin; das ist aber viele Jahre her, und ich habe die Sachen seitdem niemals wieder zu Gesicht bekommen. Dazu werden der gnädige Herr sich auch erinnern, dass das Fräulein Tante nicht gefragt zu werden liebten, wenn sie nicht von selber sprachen. Benutzt hat mein Fräulein den Rosenkranz und das Crucifix niemals. Sie hat immer nur mit dem kleinen goldenen Crucifix gebetet, das sie schon auf der Brust getragen hat, als ich vor dreißig Jahren zu ihr kam, und das hat sie auch in der Hand gehalten an dem Morgen, an welchem wir sie eingeschlafen gefunden haben.
Vorlage S. 128
453
Aber warum machten Sie mich nicht aufmerksam darauf, dass diese werthvollen Andenken in der Vase lägen? fragte die Baronin.
Vorlage S. 129
454
Mamsell Marianne entgegnete, sie habe das selbst gar nicht gewusst. Ich habe die Vase ja alltäglich beim Abstäuben in der Hand gehabt, obschon sie schwer genug zu rücken ist, fügte sie hinzu, aber ich habe nie gehört, dass sich irgend etwas darin bewegte. Den Deckel aufzumachen, dessen Feder sich schwer öffnete, hatte ich natürlich keinen Grund, eben weil ich sie für leer hielt.
Vorlage S. 129
455
So musst Du, Liebe, gestern beim Auskleiden, als Du an dem Kamine beschäftigt warst, zufällig die Feder des Schlosses aufgedrückt haben, sagte der Baron gleichmüthig, indem er den Rosenkranz betrachtete und die schöne Arbeit des Betringes mit Kennerblick besah. Der Ursprung dieser Kostbarkeiten blieb trotz alles Untersuchens auch ferner in ein Dunkel gehüllt, das Angelika's Phantasie lebhaft beschäftigte, während der Freiherr bald den Vorgang vergessen zu haben schien. Als Angelika später das Verlangen äußerte, den Fund zu besitzen, bewilligte ihr Gatte ihr denselben ohne Weiteres. Sie legte den Rosenkranz und das Crucifix in einen besonderen Kasten und schloß diesen bei ihren werthvollsten Angedenken ein, denn das Auffallende des Vorganges, weit entfernt, sie zu beunruhigen, gab ihr ein tröstliches Gefühl. Sie kam sich nicht mehr so fremd in dem Hause vor, in welchem der Zufall ihr in einer schweren Stunde so wunderbar günstig gewesen war. Es freute sie, etwas Besonderes erlebt zu haben, das doch wieder mit dem Hause und seiner verstorbenen Bewohnerin in einem nahen und geheimnißvollen Zusammenhange zu stehen schien; und wenn sie bisher eine Scheu vor der Erinnerung an Fräulein Esther getragen hatte, so dachte sie jetzt mit immer wachsender Neigung an die Tante, bis sich die Vorstellung in ihr festsetzte, dass die Selige ihr mit jenem Funde ein Zeichen ihrer Theilnahme, ihrer Wünsche habe geben wollen, dass Esther ihr mit diesem Rosenkranze und diesem Crucifixe die Weisung ertheilt habe, auf welchem Wege für Angelika die volle Uebereinstimmung mit ihrem Gatten, nach welcher sie sich sehnte, zu finden sei.
Vorlage S. 129
456
Mit ihrer Scheu vor Fräulein Esther verschwand auch das geheime Abmahnen, welches sie gegen Mamsell Marianne gehegt hatte, und diese begann, sich allmählich der neuen Herrin des Hauses zu nähern und zu fügen, seit sie von derselben öfter und immer antheilvoller um Auskunft über Fräulein Esther angegangen wurde. Sie kam freilich Anfangs nur auf besonderen Befehl zu der Baronin herab, indeß sie fing doch an, dienstbarer und hülfreicher zu werden, je länger die junge Baronin in dem Hause weilte, und da die Letztere bald nach Neujahr unpäßlich wurde und das Haus und ihr Zimmer nicht verlassen durfte, erwies Mamsell Marianne sich plötzlich als eine so unermüdliche und erfahrene Pflegerin, dass es sich für die Baronin erklärte, wie unschätzbar die treue Dienerin für das oft kränkelnde Fräulein Esther gewesen sein müsse.
Vorlage S. 130
457
Nun war Mamsell Marianne plötzlich wieder an ihrer rechten Stelle. Sie hatte sich alt werden lassen, so lange sie einer alten Dame gedient hatte; jetzt schien sie sich zu verjüngen, um der jungen Baronin nicht unbehülflich zu dünken, und je mehr man ihr Herrschaft über die andere Dienerschaft einräumte und zugestand, um so hingebender bewies sie sich gegen diejenigen, welche sie als ihre Herren erkannte, und denen sich unterzuordnen sie als ihre wahre Ehre ansah.
Vorlage S. 130
458
Die Baronin gewahrte es mit Erstaunen, dass Mamsell Marianne die alten, steifen Hauben ablegte, welche sie auf Befehl von Fräulein Esther die ganzen dreißig Jahre lang getragen, während welcher sie in deren Dienst gestanden hatte; sie konnte es kaum glauben, dass Marianne noch nicht fünfzig Jahre alt sei, und es war auch in der That nicht leicht, in der jetzt so rührigen Aufseherin und Pflegerin die alte, steife, wort- und blicklose Castellanin wiederzuerkennen, als welche sich dieselbe der Baronin bei ihrer ersten Ankunft dargestellt hatte.
Vorlage S. 130
459
Inzwischen hatten die Festlichkeiten des Carnevals in der Residenz ihren Anfang genommen, und da sich der Baron der ihm zusagenden zerstreuenden Geselligkeit desselben nicht gern entziehen wollte, machte er jetzt selbst den Vorschlag, den Caplan zu einem Besuche in der Stadt aufzufordern.
Vorlage S. 131
460
Angelika begrüßte die Ankunft des bewährten Mannes mit Freude. Seine Ruhe und sein Ernst, seine Milde und seine Duldsamkeit hatten ihr bei den früheren Begegnungen Zutrauen zu ihm eingeflößt, und sie konnte nicht umhin, von seiner Anwesenheit sich Gutes für sich und ihren Gatten zu versprechen.
Vorlage S. 131
461
Der Caplan war denn auch noch nicht zwei Tage in der Stadt, als er es bemerkte, wie die Stimmung des Freiherrn verändert und dass die junge Frau nicht glücklich sei; ja, es dünkte ihn bald, der Baron bereue es, seine Gegenwart gefordert zu haben. Er war schon wieder über die Verfassung hinweg, in welcher er sich in den Tagen vor seiner Hochzeit, und nach dem Tode Paulinen's befunden hatte. Er dachte nicht mehr daran, eine neue Lebensrichtung einzuschlagen. Er fühlte kein Bedürfnis mehr, zu sühnen und zu büßen, er hatte, wenn ihn seine bösen Träume auch noch öfter quälten, die Hoffnung gewonnen, vergessen zu können; und wie er in den Stunden seiner Zerknirschung das Alleinsein mit dem alten Freunde gesucht, so vermied er es jetzt geflissentlich. Er fragte auch gar nicht nach dem Ergehen des Knaben, dessen Versorgung ihm doch vor wenig Monaten so sehr am Herzen gelegen hatte; indeß man hatte nicht nötig, den Freiherrn so lange zu kennen, als dies bei dem Caplan der Fall war, um zu sehen, dass im Grunde sein Inneres nicht geheilt war und dass er sich nur zu übertäuben suchte.
Vorlage S. 131
462
Was ihn von der Baronin entfernte, was dieser den Frieden genommen hatte, war nicht minder leicht zu ergründen. Aber schonend und vorsichtig, klug und erfahren zugleich, hütete der Caplan sich wohl, diese Einsicht, die er gewonnen hatte, irgend kund zu geben. Er ließ den Freiherrn unbehindert seinen Weg verfolgen; er hielt sich bei Angelika auf, so oft sie es begehrte, und war man bei den Mahlzeiten oder in den frühen Abendstunden bei der Baronin zu Dreien zusammen, so wusste er dem Gespräche freundlich die Wendung zu geben, welche die Eheleute von sich selber abzog und es ihnen nicht fühlbar machte, wie weit sie von einander entfernt worden waren.
Vorlage S. 132
463
Eines Abends, als Sturm, Schnee und Hagel das Haus recht winterlich umsausten, erschien der Baron, zu einem Hof-Concerte gekleidet, früher als gewöhnlich bei seiner Gattin. Man hatte die Thüre, um die Baronin gegen den Zugwind zu schützen, mit Schirmen verstellt, auf denen, nach dem Geschmacke jener Tage, langzöpfige Chinesen mit ihren Schönen unter Palmen und wunderlichen Thürmen einherspazierten, während Diener ihnen mit großen Fächern Kühlung zuwehten und buntes, reich gefiedertes Gevögel sich in goldenen Ringen unter den Zweigen der Bäume schaukelte.
Vorlage S. 132
464
Schnell und sich die Hände reibend trat der Baron in Angelika's Zimmer ein. Er fragte nach ihrem Befinden, und auf die Antwort, dass es ihr nicht übel gehe, versetzte er: Nun, wenn Du Dich sonst leidlich fühlst, so kann man Dich heute um die Ruhe und um die freundliche Wärme Deiner Zimmer beneiden, denn es ist ein Wetter, das mir einmal wieder recht lebhaft die nie erloschene Sehnsucht nach dem Süden wachruft.
Vorlage S. 132
465
Er erinnerte darauf den Caplan, wie wenig diesen zu Anfang der Charakter des Südens angemuthet habe, rühmte sich der Einsicht, mit welcher er gleich bei dem Eintritt in Italien die richtige Schätzung des Landes und des Volkes besessen, und kam dadurch auf das Thema von der Gewalt und der Bedeutung der ersten Eindrücke zu sprechen, auf die er, wie seine Zuhörer es wussten, ein großes Gewicht legte. Er pries dabei seine Menschenkenntniß, nannte dieselbe eines der schätzenswerthesten Güter, welche das reife Alter vor der Jugend, der Mann in der Regel vor der Frau voraus habe, und schloß diese Bemerkung mit dem Geständnisse, dass er diese Menschenkenntniß den Besitz Angelika's verdanke; denn Sie, lieber Caplan, fügte er hinzu, Sie können es nicht leugnen, Sie haben die Baronin Anfangs nicht mit dem günstigen Vorurtheile angesehen, wie ich.
Vorlage S. 133
466
Der Caplan lächelte, und mit jener Würde und Sicherheit, die es weiß, dass sie solchen Anschuldigungen die Stirne bieten kann, sagte er: Den Werth der Frau Baronin zu unterschätzen, konnte mir wohl nicht begegnen, mein Bedenken gegen Ihre Wahl lag auf einer anderen Seite, Herr Baron!
Vorlage S. 133
467
Angelika wusste, was damit gemeint sei. Sie wurde verlegen, und wie man in solchen Augenblicken leicht etwas Ungehöriges tut, um nur von sich selber abzukommen, sprach sie lächelnd: Man darf aber doch in keinem Falle den ersten Eindrücken zu viel Bedeutung einräumen, denn hätte ich das getan, so wäre ich jetzt auch nicht hier.
Vorlage S. 133
468
Nicht hier? fragte der Freiherr; was meinst Du damit, meine Liebe?
Vorlage S. 133
469
Ich meine, dass ich dann nicht Deine Frau geworden sein würde. Denn ich entsinne mich ganz deutlich, dass, als ich Dich, lieber Franz, zuerst gesehen habe, mir Deine Erscheinung zwar sehr imponirte, dass ich aber doch eine Art von Unbehagen, von Scheu, von innerem Abmahnen Dir gegenüber fühlte.
Vorlage S. 133
470
Der Baron wurde ernsthaft. Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, so würde ich Dich gemieden haben! sagte er.
Vorlage S. 134
471
Bester, rief die Baronin erschrocken aus, wie kannst Du das nur denken, wie kannst Du das nur sagen!
Vorlage S. 134
472
Warum nicht? fragte der Baron sehr ernsthaft. Es handelt sich hier, ganz abgesehen von uns, um ein Princip, um eine Erfahrungs- oder Ueberzeugungssache. Der Mensch hat, das ist keine Frage, nichts so sehr zu beachten, auf nichts so zuversichtlich zu bauen, als auf die Stimme seines Innern, auf diesen geheimnißvollen, weisen, ahnungsvollen Rathgeber, der ihn, nach meinen Erfahrungen, fast niemals trügt.
Vorlage S. 134
473
Lieber Mann, rief die junge Frau noch einmal und erhob bittend ihre Hände zu ihm, strafe mich nicht so hart für das thörichte Aussprechen einer kindischen Empfindung!
Vorlage S. 134
474
Ich Dich strafen, entgegnete er, wie käme ich dazu? Wie käme ich dazu eben jetzt, da mich die Sorge erfüllt, dass ich Dir doch noch Unheil bringen könne.
Vorlage S. 134
475
Der Caplan machte eine abwehrende Bewegung mit dem Haupte. Wie oft, gnädiger Herr, sagte er, haben Sie auch schon die gegentheilige Erfahrung an sich selbst zu machen die Veranlassung gehabt, dass der geheime Zug, der Menschen auf einander hinzuweisen oder sie von einander fern zu halten schien, Sie täuschte!
Vorlage S. 134
476
Die habe ich niemals gemacht! versicherte der Baron, der nur auf Widerspruch zu stoßen brauchte, um sich in einer Vorstellung zu befestigen.
Vorlage S. 134
477
Niemals? fragte der Caplan mit Bedeutung.
Vorlage S. 134
478
Niemals! wiederholte der Freiherr sehr bestimmt.
Vorlage S. 134
479
So waren Sie glücklicher, als ich es glaubte, bemerkte der Geistliche gelassen.
Vorlage S. 134
480
Vielleicht war ich nur achtsamer, meinte der Freiherr, denn man hat sich sehr davor zu hüten, nicht irgend eine augenblickliche Aufwallung oder einen sinnlichen Anreiz für jenen wundervollen Zug der Sympathie zu halten, den schon die Alten kannten und verehrten.
Vorlage S. 135
481
Er brach damit plötzlich ab, wendete sich freundlich zu der Baronin und fragte, indem er ihre Hand ergriff: Und was hattest Du denn eigentlich gegen mich, Du Kind?
Vorlage S. 135
482
O, weßhalb willst Du das wissen? versetzte die Baronin. Es hieße ja nur einen Irrthum eingestehen, und seiner Irrthümer hat man sich zu schämen!
Vorlage S. 135
483
Der Caplan wünschte diese Unterhaltung nicht weiter fortsetzen zu lassen, weil er wusste, wie leicht die Eitelkeit des Freiherrn zu kränken und wie sehr er dann geneigt war, das Unschuldigste zu mißdeuten. Er nahm also die letzten Worte Angelika's auf und sagte: In solch scherzhaften Dingen ist das Eingestehen oder Verschweigen eines Irrthums an und für sich etwas ganz Gleichgültiges, bei ernsthaften Anlässen ist es aber ein Anderes. Einen Irrthum vor Anderen eingestehen, heißt erst, ihn förmlich von sich abthun, ihn förmlich überwinden; denn das gesprochene Wort hat eine loslösende und befreiende Kraft. Ein Irrthum, den Sie schweigend und ohne Eingeständniß an einen Andern in sich bekämpfen, bleibt immer noch mit Ihnen im ausschließlichen Zusammenhange, bleibt immer noch Ihr Irrthum. Sobald Sie ihn aber vor einem Andern ausgesprochen haben und dieser Unbetheiligte Ihnen in der Erkenntnis und Beurtheilung Ihres Irrthums beistimmt, so ist eine Rückkehr in denselben Irrthum für Sie nicht mehr leicht möglich, wenn Sie eine solche nicht absichtlich ausführen wollen, was doch zu den Seltenheiten gehört.
Vorlage S. 135
484
Gewiss, sagte der Baron; auf diese Wahrheit von der befreienden Kraft des Wortes gründet sich die Taktik aller der Menschen, welche sich vor Andern ihrer Fehler anklagen, weil sie sich dadurch auf eine bequeme Weise ihres sie drückenden Bewusstseins zu entäußern hoffen.
Vorlage S. 135
485
Alles Vertrauen überhaupt, bemerkte der Geistliche, lässt sich auf die jedem Menschen bewusst oder unbewusst innewohnende Ueberzeugung von der befreienden Kraft des gesprochenen Wortes zurückführen; und als komme ihm das zufällig in den Sinn, fügte er noch hinzu: Darauf beruht ja auch die erlösende Kraft der Beichte in unserer Kirche, welche der Protestantismus ohne alle Kenntnis des menschlichen Herzens, ohne Mitleid für den Schuldbeladenen, den Bedrückten und den Irrenden, einem abstracten Princip, dem Mißtrauen gegen die Gewalt und den Einfluß der Geistlichkeit, zum Opfer gebracht hat.
Vorlage S. 136
486
Er ging aber auch über diese Aeußerung schnell hinweg, denn er wusste, dass ein sicher gestreutes Samenkorn, wenn es auf den rechten Boden fällt, seine Frucht trägt; und es war ihm daher unlieb, dass der Baron sich mit diesen Erörterungen nicht genügen ließ, sondern noch einmal auf den Ausgangspunkt der Unterhaltung zurückkam und nun bestimmt die Frage that: was seine Frau für ein Abmahnen gegen ihn gefühlt habe.
Vorlage S. 136
487
Sie wehrte sich abermals, es zu bekennen, und erst als er mit Bitten und mit scherzendem Zureden in sie drang, sagte sie: Es war, als ich Dich zum ersten Male sah, von irgend welchen eben geschehenen Wundern die Rede, deren Wahrheit Du aufrecht erhieltest; ich konnte mir nun gar nicht denken, dass ein Mann wie Du an Wunder zu glauben vermöge, und ....
Vorlage S. 136
488
Und? fragte der Freiherr.
Vorlage S. 136
489
Und so hielt ich Dich halbwegs für einen Heuchler, ohne begreifen zu können, weßhalb Du heucheln solltest! sagte sie schnell, als wolle sie damit fertig sein.
Vorlage S. 136
490
Sie hatte erwartet, einen Scherz oder einen Tadel zur Antwort zu bekommen, aber keines von beiden traf zu. Der Baron blieb ernsthaft und ruhig und fragte nur, was sie unter dem Worte Wunder verstanden haben wolle.
Vorlage S. 136
491
Nun, zum Beispiel jene auf der Erde wahrnehmbare Fortdauer der Verstorbenen, sagte Angelika, von welcher man auch bei Frau von Uttbrecht als von einer Thatsache zu reden liebt, und an die man doch nicht im Ernste glauben kann.
Vorlage S. 137
492
Du irrst, sprach der Freiherr mit großer Bestimmtheit, und es ist also, wie ich sehe, noch ein wesentlicher Ueberzeugungssatz zwischen uns unaufgeklärt, was mir wirklich leid ist. Ich glaube an die wahrnehmbare Fortdauer der Geschiedenen so gewiss, als ich an die Unsterblichkeit unserer Seele und an unsere persönliche Fortdauer nach dem Tode glaube. Nur ein unlogischer Kopf, so dünkt mich, kann auf den Einfall gerathen, dass eine Wesenheit, die sich von ihrem ersten Keime an in strenger Folgerichtigkeit zur Individualität entwickelt, plötzlich und mit Einem Schlage als Individualität zu sein aufhören könne. Abgesehen aber davon, so hat ja Christus uns die persönliche Fortdauer, ja die Auferstehung des Fleisches verheißen, und der Caplan wird Dir nachweisen können, dass in alter und neuer Zeit bevorzugte Menschen der unwiderleglichsten Offenbarungen, Ermahnungen und Tröstungen durch das Erscheinen Verstorbener gewürdigt worden sind.
Vorlage S. 137
493
An der Unsterblichkeit unserer Seele zweifle ich gewiss nicht! betheuerte Angelika, eingeschüchtert durch den Ernst des Freiherrn. Ihr protestantisches Bewusstsein ließ sich jedoch so leicht nicht zur Ruhe bringen, und wenn auch zaghaft, fragte sie dennoch: was haben aber die Geistererscheinungen mit unserer Unsterblichkeit gemein?
Vorlage S. 137
494
Der Baron blickte sie an, als komme ihm eine solche Frage sehr auffallend vor, dann entgegnete er belehrend: Allmähliches Werden und Vergehen ist das Gesetz aller Organismen. Es tritt nichts plötzlich in die Erscheinung, es verschwindet nichts plötzlich aus ihr; und wie der Mensch im Schooße seiner Mutter allmählich werdend zum sichtbaren Dasein erwächst, so verschwindet er, das ist mir zweifellos, auch nur allmählich von der Erde, von der Stätte, die er geliebt, und aus dem Gesichtskreise derjenigen, in deren Leben er seine eigentliche Heimath gehabt hat. Erst wenn diese Loslösung, die sich je nach den verschiedenen Persönlichkeiten in längerer oder kürzerer Zeit vollzieht, ganz und gar beendet ist, kann vernunftgemäß der Läuterungsproceß der Seele beginnen, den unsere Kirche als ein Dogma aufstellt und der die Seele endlich für die reine Atmosphäre der ewigen Seligkeit vorbereitet.
Vorlage S. 137
495
Er sprach das mit der Bestimmtheit aus, mit welcher ein Mathematiker seine Formel hinstellt. Sicherheit aber hat, wenn wir ihr bei einem Menschen begegnen, dem wir sonst Bedeutung zugestehen, immer etwas Bannendes und Beherrschendes. Er erwartete auch offenbar, Glauben bei Angelika zu finden, und nur, als gebe er noch eine ganz überflüssige Notiz, fügte er hinzu: dieser Glaube von dem allmählichen Verschwinden des Menschen aus dem Bereiche der Sichtbarkeit liegt ja übrigens, wie alle großen und unumstößlichen Wahrheiten, als ein Eingeborenes in dem menschlichen Geiste. Die Spur davon findet sich bei den rohesten wie bei den cultivirtesten Völkern aller Welttheile und aller Zeiten. Von Zoroaster bis zu Plato, von den ältesten jüdischen Traditionen bis zu Origines, von dem wüsten Heidenthume der Wilden bis zu den erhabensten Vorstellungen unserer Kirche geht derselbe Zug, derselbe Glaube an ein vermittelndes Zwischenreich; und selbst Euer Martin Luther, so sehr er aller feineren geistigen Erkenntnis durch seine grobsinnliche Organisation verschlossen war, konnte sich jener Einsicht nicht ganz entziehen, wenn er bei seiner bäuerisch plumpen Natur auch nichts Anderes zu erkennen vermocht, als die Erscheinung eines ihn plagenden Teufels.
Vorlage S. 138
496
Der Baron erhob sich bei den Worten mit der Selbstzufriedenheit eines Professors, der sein Collegium beendet hat, und dass seine Zuhörer beide schwiegen, steigerte seine Genugthuung. Er sah nach der Uhr, es war Zeit für ihn, sich zu entfernen. Er schellte dem Kammerdiener, befahl den Wagen vorfahren zu lassen, und als er dann das Zimmer seiner Frau verließ, die ganz gedankenvoll geworden war, sagte er zu dem Geistlichen gewendet: Sie müssen die Baronin durchaus gewöhnen, lieber Freund, recht scharf über geistige Dinge nachzudenken. Es ist bei ihr – und das liegt in ihrer Jugend, die ein großer Vorzug ist – noch Alles Gefühl, noch Alles Empfindung; aber es kommt ja für sie hoffentlich bald die Zeit, in welcher sie Andern Rechenschaft über ihr Denken geben, Andern ein Führer werden muss, und ich möchte, dass diese Zukunft sie einig mit sich selbst und recht im Einklange mit mir finden möge. Trachte danach, Geliebteste, diesen Standpunkt zu erreichen.
Vorlage S. 139
497
Er umarmte hierauf seine Frau, küsste ihr die Hand, gab auch dem Caplan die Hand, und verfügte sich in bester Laune an den Hof, dem Concerte beizuwohnen.
Vorlage S. 139
498
Achtes Capitel
Vorlage S. 140
499
Es war eine eigenthümliche Lage, in welcher der Caplan sich jetzt gegenüber der freiherrlichen Familie befand. Er glich dem Manne, welchen man zu einem Gastmahle eingeladen hat, und der bei seinem Eintritte in das Zimmer an dem Qualm und Rauch, die ihm entgegenströmen, den nahen Ausbruch eines im Verborgenen glimmenden Brandes erkennt. Es galt hier, zu helfen, nicht zu genießen, und Hülfe zu leisten war ja sein Beruf.
Vorlage S. 140
500
Er fand Angelika unzufrieden mit sich selbst, beunruhigt durch die Stimmung ihres Gatten, durch den Einfluß, den Frau von Uttbrecht und ihr Mysticismus über ihn gewonnen hatten, und fand sie selbst auf das lebhafteste beschäftigt durch eine Menge von religiösen und mystischen Eindrücken, welche sie, eben um ihrer Fremdheit willen, bald anzogen, bald abstießen und ihr den Frieden raubten. Sie sehnte sich nach einem Menschen, dem sie ihr Herz erschließen, den sie zu Rathe ziehen konnte. Sich ihrer Mutter zu entdecken, hielt die Liebe für ihren Gatten sie ab. Die Gräfin würde ihre Tochter für unglücklich, ihren Schwiegersohn für schuldig gehalten haben, und unglücklich fühlte die Baronin sich nicht. Sie wusste nur nicht, was sie tun solle, um wieder zu der Ruhe zu gelangen, die sie bis zu ihrem Hochzeitstage stets beseelt, um sich wieder in dem Einklange mit dem Freiherrn zu befinden, von dem sie beide das Heil ihrer Ehe und ihrer Zukunft erhofft hatten. Sie konnte sich nicht recht klar machen, was eigentlich geschehen sei, was zwischen ihr und ihrem Gatten stehe, aber es war anders geworden, als sie es erwartet hatte; es war geworden, wie es nicht hätte sein sollen, wie sie nicht geglaubt hatte, dass es jemals werden könne,
Vorlage S. 140
501
Die Worte des alten, aufgefundenen Gebetbuches tönten immer in ihrem Herzen. Ihr fehlte ein Stab, der sie stützte, ein Licht, das ihr das Dunkel erhellte. Sie musste oftmals an dasjenige denken, was der Baron, was der Caplan ihr von der befreienden Kraft des Wortes gesagt hatten. Es lag, so fern ihr die Vorstellung sonst gewesen war, jetzt für sie etwas Verlockendes in dem Vertrauen, in der Zurechtweisung und Belehrung, welche man in der Beichte gewährt und empfängt. Sie fühlte bisweilen ein wahrhaftes Verlangen danach, dem Caplan Alles zu sagen, was sie drückte, von ihm Rath zu begehren, und es hätte nur einer Ermuthigung von seiner Seite bedurft, ihr den Mund zu erschließen; aber er gewährte ihr diese nicht. Er wollte reifen lassen, was er emporkeimen sah, und die Frucht nicht vorzeitig brechen, so sehr er sich ihrer erfreute.
Vorlage S. 141
502
Es war nicht lange nach jenem Concert-Abende, als er in den Händen der Baronin ein Kästchen erblickte, das sie mit einer gewissen Hast verschloss und auf die Seite stellte, da er bei ihr erschien. Sie sah, dass er es bemerkt hatte, dass er darüber lächelte, und plötzlich zu einem Entschlusse gelangt, fragte sie ihn ganz unumwunden, ob er den Glauben theile, den sie im Hause der Frau von Uttbrecht häufig aussprechen hören, den Glauben, dass die Gottheit noch in unseren Tagen dem Menschen sichtbare Zeichen gebe, wenn er ihres Beistandes bedürfe oder sich sonst in ungewöhnlichen Lebenslagen befinde.
Vorlage S. 141
503
Gewiss! sagte der Caplan, davon bin ich überzeugt! Es ist kein Wandel in dem Unwandelbaren, und was Gott einst in seinem Erbarmen für die Menschheit getan hat, das kann und muss sich bei dem gleichen Anlasse immer wiederholen.
Vorlage S. 141
504
Angelika sah ihn ernsthaft an. Sie glauben also an wunderbare Ereignisse, an wunderbare Zeichen? forschte sie weiter.
Vorlage S. 142
505
Unbedenklich! versicherte er ihr. Aber was bewegt Sie zu diesen Fragen, meine gnädige Frau?
Vorlage S. 142
506
Sie antwortete ihm nicht darauf; sie wollte jedoch wissen, ob er je etwas der Art erlebt, ob er irgend eine Erfahrung gemacht habe, welche seine Aussage bestätigen oder einen Beweis für die Lehren von dem geistigen Zusammenhange der Todten mit den Lebenden gewähren könne.
Vorlage S. 142
507
Er zögerte eine Weile, indeß er sah die Spannung, mit welcher sie an seinem Mund hing, und mit feierlichem Ernste sagte er: Es begegnet, des bin ich sicher, nicht eben oftmals, dass die Gottheit es für nötig findet, dem Menschen durch ein sichtbares Zeichen ihrer Vorsehung und Allgegenwärtigkeit zu Hülfe zu kommen; wo es aber geschieht, da hat man es als die höchste Gnade anzusehen, und wem es begegnet, dem legt es die doppelte Pflicht der eigenen Heiligung und der Werkthätigkeit für Andere auf. Mir ist diese Gnade einst geworden, als ich auf dem Wege war, sie weniger denn jemals zu verdienen.
Vorlage S. 142
508
Die Gehobenheit, mit welcher er sprach, umleuchtete sein edles Antlitz und seine ganze würdige Gestalt, dass Angelika der Raum des Zimmers durch sein bloßes Dasein wie geweiht schien. Es wurde ihr feierlich zu Muthe, als befinde sie sich in der Kirche, und es war nicht Neugierde, sondern ein heißes Verlangen nach Wahrheit, dass sie zu der Bitte antrieb, der Caplan möge ihr, wenn er das könne, mittheilen, was ihm einst widerfahren sei.
Vorlage S. 142
509
Ja, versetzte er nach kurzem Schweigen, das will ich tun. Sie sollen vernehmen, was bisher Niemand von mir gehört hat, und wovon jetzt kein Lebender außer mir noch Zeugnis geben kann. Ich will es tun, so schwer es mir auch ankommt, von den Verirrungen meiner Jugend zu sprechen. Nur im büßenden Gebete hatte ich seit langen Jahren jener Zeiten noch gedacht, und ich hatte nicht gemeint, dass jemals wieder über meine Lippen kommen würde, was ich einst in bitterer Reue dem verschwiegenen Ohre meines Seelsorgers und Beichtvaters anvertraut, um durch ihn Vergebung für eine Sünde zu erlangen, welche für mich, für den geweihten Priester unseres Gottes schwerer als für einen Andern in die Wage des Gerichtes fiel. Aber es erscheint mir als eine Mahnung des Herrn, dass ich veranlaßt werde, noch einmal vor einem Andern mich meiner Schuld zu zeihen. Gott will, ich soll sie nicht begraben in meines Herzens stillem Schrein, ich soll mich zu meiner Schuld bekennen, vor denen, mit denen ich lebe, sie sollen mich kennen in meiner ganzen menschlichen Gebrechlichkeit, damit sie es immerdar empfinden, dass es der Herr ist und nicht ich, der in mir wirkt und schafft, wenn ich sie zu erheben trachte. Und – die Wege des Allweisen sind so unerforschlich! Wer will es sagen, zu welchem Zwecke er jene schmerzlichen Erinnerungen wieder so lebhaft in den Vorgrund meiner Seele drängt? Weshalb mir der Glaube so gebieterisch das Herz erfasst, ich müsse eben zu Ihnen und eben zu dieser Stunde davon reden? – Er hielt inne, als bedürfe er der Sammlung, und fing dann mit unverkennbarer Selbstüberwindung seine Erzählung also an:
Vorlage S. 142
510
Ich hatte eben die priesterlichen Weihen erhalten, als ich in das freiherrliche Haus, in das Vaterhaus Ihres Herrn Gemahls eintrat. Aus der Abgeschiedenheit des Collegiums, aus der Stille und Zurückgezogenheit, an die ich gewohnt war, sah ich mich in einen viel bewegten, glänzenden Haushalt versetzt. Ich hatte bis dahin nur zu lernen und zu gehorchen gehabt; jetzt sollte ich Lehrer, Führer und Leiter eines lebhaften Jünglings werden, der mir an Jahren nur wenig untergeordnet, an Lebenserfahrungen aller Art mir weit vorauf war. Wollte ich leisten, was man von mir erwartete, so bedurfte es des festen Willens von meiner Seite und des festen Glaubens, dass wir von der Vorsehung an keinen Platz gestellt werden, den auszufüllen über unsere Macht geht. Der Wille und der Glaube fehlten mir nicht; ich arbeitete an mir selbst, ich erzog mich, um ein Erzieher zu werden, und die Familie, der ich diente, war mit mir zufrieden, zufrieden, wie ich selbst es mit mir war. Man bewies mir ein ehrenvolles Vertrauen, die Eltern meines Zöglings behandelten mich wie einen Anverwandten, seine Schwester war für mich selbst wie eine Schwester freundlich. – Er machte eine Pause, und die Baronin glaubte zu bemerken, dass eine Röthe das Antlitz des würdigen Mannes überflog, als er seine Erzählung wieder aufnahm.
Vorlage S. 143
511
Sie haben das Bild von Fräulein Amanda in Ihrem Zimmer, gnädige Frau. So wie der Maler sie dortge schildert hat, so sah sie aus, als ich sie zuerst erblickte, so edel und so ernst, so sanft und so mild. Sie war achtzehn Jahre alt. Man hatte sie den sämmtlichen Unterricht ihres nur um ein Jahr jüngeren Bruders theilen lassen, und man vergönnte mir, auch ihr Lehrer zu werden, aber mehr als das, wir wurden – oder wir glaubten, Freunde zu werden. Um ihr Neues zu bieten, um ihren Anteil zu gewinnen, wurde ich eifriger als je in meinen Studien. Ein leidenschaftliches Verlangen und ein Durst nach Wissen und nach Erkenntnis der Wahrheit bemächtigten sich meiner, ich wollte dem genügen, was Fräulein Amanda von sich selber verlangte, was sie in mir voraussetzte. Es giebt nichts Großes, nichts Heiliges, das uns nicht bewegte, nichts Edles, nach dem wir nicht strebten. Wir fühlten uns frei einander gegenüber, und wir trennten uns wie Freunde und Geschwister sich trennen, als der junge Freiherr seine Reisen antrat, auf denen ich ihn begleiten sollte.
Vorlage S. 144
512
Es war ausgemacht worden, dass ich dem Fräulein schreiben dürfe. Niemand hatte ein Arg daran, am wenigstens wir selber. Ich wusste, dass alle meine Briefe von der Mutter gelesen wurden, ich vermuthete, dass sie auch die Antworten ihrer Tochter an mich las, und doch blühten auf der offenen Heerstraße dieses Briefwechsels die Blumen auf, deren Duft uns den Sinn verwirrte, deren Ranken uns umstrickten.
Vorlage S. 144
513
Der junge Baron und ich, wir blieben zwei Jahre im Auslande. Voll Freude und Zuversicht kehrten wir in die Heimath zurück, aber es war vorüber mit dem friedensvollen Glücke, das ich vor der Reise in dem freiherrlichen Hause genossen. Ich hatte nicht mehr das Herz, dem Fräulein wie sonst zu begegnen, ihr fehlte der Muth, mir zu nahen; wir vermieden einander. Ich fragte mich nicht, was geschehen sei; jeder Athemzug sagte es mir. Die Trennung von ihr hatte eine wilde Leidenschaft in mir angeregt, eine Leidenschaft, die in doppeltem Sinne für mich eine Sünde in sich schloß. In heißen Kämpfen, in brünstigen Gebeten rang ich nach Frieden. Er wollte mir nicht kommen. Ich musste die Ursache meiner Leiden fliehen. Ich forderte meine Entlassung. Baron Franz bedurfte meiner Begleitung auch ferner in der That nicht mehr.
Vorlage S. 145
514
In den Tagen fand sich ein Bewerber um des Fräuleins Hand. Amanda bewies sich demselben nicht geneigt. Ahnungslos, nur an das Zutrauen denkend, das die Tochter mir gewährte, wandten die Eltern, welche diese Verbindung wünschten, sich an mich. Ich sollte Amanda bestimmen, dem Verlangen ihrer Eltern nachzugeben, und ich beschloss, da ich selbst den Mann hoch schätzte, der das Fräulein zur Frau begehrte, die schwere Pflicht, die man mir auferlegte, als erste Buße über mich zu nehmen. Ich betete auf meinen Knieen um die Kraft der Selbstbeherrschung, und Gott schenkte sie mir. Ich bezwang mein Herz, ich konnte Amanda sagen, was man von ihr verlangte und was zu Gunsten ihres Bewerbers sprach. Ich rieth ihr, dem Wunsche ihrer Eltern nachzukommen; ich rieth ihr, den Weg zu gehen, auf den die Vorsehung sie führen zu wollen schien.
Vorlage S. 145
515
Sie hörte mich an, still aber entsetzt, als spräche ich eine Gotteslästerung aus. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, und die Hände vor der Brust faltend, fragte sie mich mit strafendem Tone: Das verlangen Sie, grade Sie von mir? Das wagen Sie mir als Tugend, als Pflichterfüllung vorzuzeichnen? Und als ich verwirrt und sprachlos vor ihr stand, hob sie ihre gefalteten Hände gegen mich empor und fragte schluchzend: Giebt es denn keinen Ausweg aus dem unheilvollen Labyrinthe, keinen Ausweg als den Meineid, an dem der Mensch zeitlich und ewig zu Grunde gehen muss?
Vorlage S. 146
516
Und wieder schwieg der Caplan. Angelika reichte ihm die Hand; er drückte sie ihr leise und fuhr dann fort: Der Stunde folgte eine Zeit voll schwerer Verblendung, voll großer Noth, voll tiefer Verwirrung. Als Selbstüberwinder, wenn auch herzzerrissen, gingen wir beide daraus hervor. Ich verließ das Haus, Amanda verlangte in ein Kloster einzutreten. Die Zärtlichkeit der Eltern, die Vorsicht des Arztes wollten davon nicht hören, denn ihr Körper war dem Seelenleiden nicht gewachsen; sie verzehrte sich in ihrem Schmerze. – Niemand wusste, was ihr fehle; wir hatten einander ewige Trennung und ewiges Schweigen gelobt. Ich hörte nichts von ihr, als in den seltenen Fällen, in denen Baron Franz mir schrieb und ihrer Erwähnung that. Aber er lebte damals nicht im Vaterhause und hatte auch nur brieflich Nachricht von der Schwester.
Vorlage S. 146
517
Drei Jahre waren so hingegangen, fuhr der Caplan fort; ich kehrte von einer Missionsreise aus dem Innern von Südamerika zurück, als ich von Amanda's Vater die Anfrage erhielt, ob ich mich entschließen könne, seine Frau und Tochter auf einer Reise zu begleiten. Ein furchtbarer Schrecken kam über mich. Ich wusste, wie es stand, da Amanda mich zu sich rief. Ich fuhr Tag und Nacht. Es war früher Morgen, als ich in dem Schlosse eintraf. Alles schlief. Ich befand mich wieder in ihrer Nähe; ich wagte nicht, nach ihr zu fragen. Als man sich im Hause erhoben hatte, ließ die Baronin mich rufen. Ihre ersten Worte bestätigten mir, was ich bereits wusste. Sie werden mein armes Kind verändert finden, sehr verändert, sagte die Baronin, indeß Gott ist ja allmächtig und kann Wunder tun! Die Aerzte vertrösten uns auf die Luft des Südens. Meine Tochter theilt unsere Hoffnungen für ihre Genesung nicht, aber sie wünschte Ihre belehrende Begleitung, und wir waren sicher, dass Sie uns nicht fehlen würden, da wir Ihrer nötig hatten.
Vorlage S. 146
518
Eine Stunde später führte man mich zu Amanda. Welch ein Wiedersehen war das! – Die Reise wurde nach wenig Tagen angetreten. Noch vor dem Beginne des Herbstes erreichten wir Italien, ließen wir uns in Venedig nieder. Ich war immer bei ihr. Niemand wehrte es uns. Sie war freien Geistes, sie fing an, wieder Muth zu fassen, und es schien eine Weile, als kehre das schwindende Leben wirklich noch einmal in sie zurück, als könne das Leiden sich noch besiegen lassen. Aber diese Hoffnung, schwach wie sie war, stürzte meine Seele in den alten Kampf zurück. Die Angst, die Verzweiflung, welche mich bei dem Gedanken an ihren nahen Tod erfüllt hatten, die auftauchende Möglichkeit, sie gerettet zu sehen, die Frage, was dann aus uns werden solle, machten mich fast sinnlos. Meiner selbst nicht mächtig, brach ich das Gelöbniß des Schweigens, das ich ihr einst gegeben hatte, und bekannte ihr, dass es mir nicht möglich sei, in ihrer Nähe zu weilen, ohne zurückzufallen in die sündhafte Verwirrung, der ich mich einst kaum zu entziehen vermocht hatte.
Vorlage S. 147
519
Er fuhr sich mit den Händen über die Augen. Dann seufzte er und sagte: Sie hielt eine weiße Rose in ihrer Hand in jener Stunde. Die Rose sank entblättert zur Erde nieder, als ich, vernichtet von Amanden's Thränen, um Vergebung flehend, ihre Hand ergriff. Amanda sah trauernd auf mich hin und schwieg, aber sie blieb ruhig und thränenlos. Sie hätten der Rose die paar armen Lebensstunden nicht zerstören sollen! sagte sie dann endlich. Denken Sie an diese Rose, wenn ich nicht mehr sein werde – und das wird nicht lange auf sich warten lassen!
Vorlage S. 147
520
Sie hatte in den letzten Wochen nicht mehr von ihrem Tode gesprochen, ich beschwor sie, diese düstern Vorstellungen zu verbannen; sie wollte nicht, dass ich dieselben düster nannte.
Vorlage S. 148
521
Der Tod ist für uns kein Leid, er ist ein Engel des Friedens für uns, der uns Erlösung bringt! sprach sie. Sie müssen mit mir den Himmel dafür danken, dass er mich bald abberufen wird. Wir haben schöne, schöne Tage hier miteinander gelebt, wir werden uns einst rein und geläutert wiedersehen, um unzertrennlich bei einander zu bleiben. Die Spanne Zeit, die noch dazwischen liegt, was ist sie neben der Ewigkeit, die uns erwartet?
Vorlage S. 148
522
Mein Sinn war verdüstert, meine Leidenschaft band mich an die Erde, ich konnte mich zu ihrer Entsagung nicht erheben. Ich konnte meinem Schmerze, meinen Thränen nicht gebieten, ich weinte bitterlich. Sie sah mich lange an. Weinen Sie nicht, sagte sie, ich werde Sie nicht verlassen, ich werde immer bei Ihnen sein, mein Freund!
Vorlage S. 148
523
Was hilft mir das, wenn ich Sie nicht sehe! rief ich in der Wildheit meines Herzens.
Vorlage S. 148
524
Oh! versetzte sie, und ihr Ton klang mild wie keines andern Menschen Stimme, Sie sollen mich auch sehen, wenn Gott es zuläßt, dass wir den Lebenden erscheinen. Heiligen Sie Ihr Leben! Leben Sie es im Dienste Gottes und vergessen Sie der weißen Rose nicht! Sie soll Ihnen ewig eine Mahnung an die menschliche Schwachheit und ein Zeichen meiner Nähe sein. Sind Sie das zufrieden?
Vorlage S. 148
525
Ich hatte keine Antwort, als meinen stummen Schmerz. Sie ließ mich versprechen, dass ich ihr die Augen schließen und täglich für sie beten, dass ich ihre Mutter nicht verlassen, dass ich über ihren Bruder wachen und ihm ein Bruder bleiben wolle. Sie trug mir auf, ihre Asche nach Richten zu schaffen und weiße Rosen pflanzen zu lassen vor der Thüre der Familien-Gruft.
Vorlage S. 149
526
Von der Stunde ab war ich Herr geworden über mich für alle Zeit, sagte der Erschütterte mit Ergebung.
Vorlage S. 149
527
Im Frühjahr neigte sich ihr Leben zur Ruhe. Der Mai war zu Ende, als sie starb. Ihr Wille geschah. Wir brachten ihr Sterbliches nach der Heimath, ich habe die Rosenbüsche selbst gepflanzt, ich habe auch ihrer Mutter das Auge geschlossen und bin ein Hüter des Grabes geworden, das sie deckt. All mein Wünschen war am Ende, und der Ehrgeiz, das Verlangen nach weltlichem Ansehen und nach weltlicher Macht, die mich sonst zuweilen beseelt, waren damit für immer in mir erloschen. An dem Orte zu weilen, wo sie gelebt hatte, zu wirken, wo ihre Milde gewaltet, das war Alles, was ich begehrte; und mit inbrünstigem Verlangen, mit täglichem Gebet erwartete ich es, ob sie mir kein Zeichen geben würde. – So kam der Jahrestag ihres Todes heran. Ich hatte an seinem Vorabende lange im Gebet gewacht; am Morgen eingeschlummert, weckt mich ein Klopfen an der Thüre. Ich rufe herein, ein Knabe aus dem Dorfe kommt in mein Zimmer, und das Erste, was ich erblicke, ist ein Strauß von weißen Rosen, der mir in seiner Hand entgegenwinkt.
Vorlage S. 149
528
Er schwieg, von seiner Empfindung überwältigt, und blieb lange in seinen Erinnerungen versunken. Dann richtete er sich empor und sagte mit sanfter Rührung: die weiße Rose hat mich seitdem durch mein ganzes Leben begleitet. Im Wachen und im Traume ist sie mir plötzlich entgegengebracht worden, wenn mein Sinn verdüstert war. Sie hat mich ermahnt und erhoben, und es wird sich ja wohl Jemand finden, sie auch mir einst auf den Sarg zu legen und sie auch auf mein Grab zu pflanzen.
Vorlage S. 149
529
Er erhob sich und trat an den Kamin, die Lichter zurecht zu rücken. Mit feuchtem Auge, unfähig, den Empfindungen, die sie bewegten, Worte zu leihen, sah Angelika ihm nach. Sie hatte in den ernsten, stillen Zügen des Caplans diese Vergangenheit nie gelesen; sie wusste jetzt, was ihn an der Arten'schen Familie festgehalten, was ihn bewogen hatte, in Richten zu bleiben, ihn, dem eine größere Wirksamkeit nicht hätte fehlen können, wäre er gegangen, sie auf weiterem Felde zu suchen.
Vorlage S. 150
530
Von einer Vorstellung zu der anderen, von einem Gedanken zu dem anderen schreitend, fragte sie nach langem Schweigen plötzlich: Und wer war der Knabe, woher brachte er Ihnen jene ersten weißen Rosen?
Vorlage S. 150
531
Er war der Sohn einer Witwe, den Fräulein Esther aus der Taufe gehoben hatte und den ich auf ihren Wunsch in einer gewissen Aufsicht hielt.
Vorlage S. 150
532
So war es Fräulein Esther, welche ihnen jene Rosen sendete?
Vorlage S. 150
533
Durchaus nicht! Die Mutter des Knaben, die ich in einer Krankheit hier und da besucht, schickte sie mir als Erstlinge des Jahres.
Vorlage S. 150
534
Und wieder schwieg die Baronin eine Weile; dann sagte sie: Sie erwähnten der Tante Esther, haben Sie dieselbe näher gekannt?
Vorlage S. 150
535
Ja, versetzte der Caplan. Sie hatte für ihre Nichte die größte Zärtlichkeit, und Amanda hing an ihr mehr noch als an der eigenen Mutter. Auch war sie die Einzige, welcher Amanda, ohne dass ich's ahnte, in früher Zeit ihr Geheimnis anvertraut hatte, und fest und treu hat sie es ihr bewahrt.
Vorlage S. 150
536
So wusste Tante Esther also auch von der Verheißung der weißen Rose?
Vorlage S. 151
537
Sie hat nie davon gehört! versicherte der Caplan; ich selbst habe mich davon überzeugt.
Vorlage S. 151
538
Angelika war betroffen. Sie hatte noch während der Erzählung des Caplans mehrmals nach dem Kästchen geblickt, das sie bei seinem Eintreten in der Hand gehabt. Jetzt nahm sie es hervor, schloß es auf, und dem Caplan den Rosenkranz hinreichend, den sie in der Vase in Esther's Zimmer gefunden hatte, fragte sie ihn, ob er denselben vielleicht jemals bei der Tante gesehen habe.
Vorlage S. 151
539
Gott im Himmel, und grade heute! Heute grade, da die Geschichte jener Tage zum ersten Mal über meine Lippen kommt! Heute muss ich dieses Pfand in meinen Händen halten! rief der Caplan und blickte mit Rührung auf die Perlen nieder.
Vorlage S. 151
540
Die Baronin wiederholte die Frage. Sie wollte wissen, von wem die Gegenstände stammten, sie zeigte das Crucifix und das Gebetbuch vor; der Caplan betrachtete beides lange und still.
Vorlage S. 151
541
Dass die Sachen uns so überleben! sagte er nach einer Weile. Amanda hatte das Gebetbuch mit Rosenkranz und Crucifix von einem der armenischen Mönche auf San Lazzaro bei Venedig zum Geschenk erhalten. Sie fand eine große Erhebung in dem Gedan ken, dass schon seit Hunderten von Jahren gläubige Herzen ihr Gebet daran geknüpft, und sie starb mit diesem Rosenkranze in der Hand, mit diesem Crucifix auf ihrer Brust. Die Worte in dem Buche hat sie selbst geschrieben mit letzter Kraft und bebender Hand, als sie mir auftrug, Alles dies nach ihrem Tode ihrer Tante zu senden. Ich würde, hätte ich's nicht mit angesehen, ihre klare, feine Schrift sonst nicht in diesen schwankenden Zügen wieder zu erkennen vermögen. – Er hielt das Buch lange in seiner Hand. Dann legte er es nieder und sagte gedankenvoll: Und grade Sie, Frau Baronin, mussten diese Heiligthümer finden! Grade heute musste ich dieselben wiedersehen! – O, wie können Sie zweifeln, dass Gott denen, die er seiner Gnade würdigt, wundervolle Zeichen schickt?
Vorlage S. 151
542
Er sprach nicht weiter, die Baronin fragte nicht weiter. Aber sie löste den kleinen Ring von dem Rosenkranze ab und steckte ihn an ihre Hand, die sie dem Caplan reichte. Denken Sie, mein Freund, sagte sie, wenn Sie dieses Zeichen an meiner Hand erblicken, dass zwei edle Herzen, dass Amanda und Esther mir es zugewendet, dass sie mich Ihrer Gunst damit empfohlen haben, und stehen Sie mir bei, wenn ich einmal – sie sprach die Worte mit tiefer Erschütterung –, wie jene geprüften und bewährten Seelen, einen Stab brauche, mich darauf zu stützen, und ein Licht, mir zu leuchten durch das Dunkel!
Vorlage S. 152
543
Ja, das will ich, versetzte der Caplan; aber Sie bedürfen meiner nicht. Wer ihn suchet, den Erlöser, der findet ihn; wer nach seinem Lichte ruft, dem erhellt er den Pfad. Er hat Sie bereits zu sich gerufen; geben Sie sich ihm zu eigen, und sein Friede wird über Sie kommen hier und dort.
Vorlage S. 152
544
Er legte seine Hände segnend auf ihr Haupt und ließ sie zurück in stillem, eifrigem Gebet.
Vorlage S. 152
545
Neuntes Capitel
Vorlage S. 153
546
Der Winter entschwand auf diese Weise, ohne dass der Baron an die Rückkehr auf das Land gedachte. Er fand Behagen an der Residenz, an der Folge immer neuer Zerstreuungen, und Alles, was er sich noch vor wenig Monaten von seiner Ehe, von seiner Häuslichkeit auf Schloß Richten versprochen hatte, ja, Schloß Richten selbst trat davor so sehr in den Hintergrund, dass es Angelika oftmals bedünken wollte, als mache es ihn unmuthig, wenn man ihn daran erinnere. Ein Mann, der, wie der Baron sein Leben hindurch auf äußere augenblickliche Erfolge gestellt gewesen, findet sich auf die Länge nicht leicht durch die Ruhe in seiner Ehe und in seinem Hause befriedigt, auch wenn er nicht Zerstreuung bedarf, um Vergessenheit dadurch zu erlangen.
Vorlage S. 153
547
Endlich, als die Mehrzahl der adeligen Gesellschaft in der Residenz sich anschickte, aus ihrem städtischen Winteraufenthalte wieder auf die Landsitze zurückzukehren, wurden auch in dem freiherrlichen Hause die Anstalten zur Abreise getroffen. Indeß der Baron fand immer noch einen Grund, einen Tag und wieder einen Tag zu zögern, und die Ungeduld seiner Gattin, die sich in die Stille ihres Schlosses hinaussehnte, steigerte sich daran bis zu einem krankhaften Verlangen nach der freien Natur. Als dann aber die Stunde der Abreise herankam, bemerkte der Baron, dass seine Gattin sich mit Wehmut von dem Hause trennte, in das sie mit Widerstreben eingetreten war. Sie fühlte nicht mehr die Zuversicht zum Leben, sie hatte nicht mehr die volle Hoffnung auf Glück, welche sie an ihrem Hochzeitstage beseelte; und seit sie dahin gekommen war, an ihren Brautstand und an ihre Jugend wie an eine glücklichere Vergangenheit zurück zu denken, flößte das ererbte Haus, in welchem Alles von einer Vergangenheit sprach, ihr keine sie befremdende Empfindung mehr ein. Zudem war ihr Gutes und Heilsames in dem Hause widerfahren. Sie hatte tiefer in ihr eigenes Innere blicken und sich an einen Helfer wenden lernen, der stärker war, als sie. Sie hatte in dem Caplan einen väterlichen Freund und Berather gefunden und den Glauben gewonnen, dass die verstorbenen Lieben den Lebenden verbunden und nahe bleiben. Das waren so viele Quellen neuen Hoffens, dass sie Muth für ihre Zukunft daraus schöpfte. Und als sie dann endlich sah, mit wie ungeheuchelter Betrübniß Mamsell Marianne von ihr Abschied nahm, als sie dieser immer noch einmal versprechen musste, sie holen zu lassen, wenn die Baronin ihrer Pflege bedürfe, so schied sie endlich selbst nur mit Thränen und mit dem festen Vorsatze häufiger Wiederkehr von Tante Esther's Haus und von den Bildern derselben, die so manchen stillen Seufzer von ihren Lippen gehört, so manche heimlich geweinte Träne aus ihren Augen hatten fließen lassen.
Vorlage S. 153
548
Indeß die Frühlingssonne will im Freien genossen sein, und der Baronin, die von Kindheit an sich in Garten, Feld und Wald bewegt, ging das Herz auf, als die Thore der Residenz endlich hinter ihr lagen und ihr Auge, nicht mehr von den Häuserreihen beschränkt, sich in weiter Ferne ergehen konnte. Je näher sie auf ihrer Reise der Heimath ihres Gatten kamen, um so leichter wurde ihr zu Sinn, ja, sie empfand es in ihrer fröhlichen Erregung kaum, dass die Zufriedenheit ihres Mannes nur eine getheilte war und dass er sich ihrer beginnenden Heiterkeit zwar erfreute, dass die frische, offene Zärtlichkeit, welche sie ihm lange nicht zu zeigen vermocht hatte, ihm zwar Vergnügen bereitete, aber dass er sie im Grunde seines Herzens nicht mit ihr theilte, wie sie es erwartete. Er war nicht mehr derselbe, der er als Bräutigam gewesen war.
Vorlage S. 154
549
Gegen den Abend des sechsten Tages erreichten sie die Grenze der Herrschaft Richten. Der Baron machte Angelika darauf aufmerksam, und da sie ihn liebevoll und gerührt umarmte, bewegte es auch ihn.
Vorlage S. 155
550
Die Schulzen der Dörfer, die Schullehrer mit der ganzen Kinderschaar hatten sich unter einem für den Empfang der Gutsherrschaft errichteten Ehrenbogen aufgestellt, und der greise Pfarrer selbst war herbeigekommen, der jungen Gutsherrin mit ernster und freundlicher Ansprache an das Herz zu legen, was man von ihr für die Güter und ihre Bewohner erwarte und hoffe. Der Baron, obschon seinen Insassen und Untergebenen ein läßlicher Herr, hatte von jeher solche Akte und Feierlichkeiten als herkömmliche Huldigungen mit einer eben so herkömmlichen Herablassung hingenommen, und was sich etwa bei derlei Anlässen in seinem Gemüte menschlich geregt, damit hatte er bisher leicht fertig zu werden gewusst. Heute war das anders. Er bemerkte die tiefe Bewegung seiner Frau, er sah ihre Freude darüber, dass sie in Richten war, wo sie weit sicherer heimisch zu werden hoffte als in der Residenz; es fiel ihm ein, dass diese Kinder um ihn her, die ihn und Angelika hier an der Grenze seiner Herrschaft willkommen hießen, einst den Sohn zum Herrn haben würden, den er von seiner Gemahlin erwartete, und heute hörte er mit anderem Ohr und anderem Herzen zu als sonst. Er war selbst gerührt, er hielt die Hand seines jungen Weibes fest und zärtlich gefasst, er dachte seit langer Zeit zum ersten Male wieder daran, welch ein reines Herz, welch einen Schatz von Liebe und Güte er in Angelika besitze, ja, er begriff es kaum, weßhalb er alle diese Monate in einer Umgebung mit ihr zugebracht habe, die ihr nicht erwünscht gewesen und durch die sie ihm selbst entzogen worden war. Er fühlte Lust, ihr dies zu sagen, aber er stand davon ab, weil es geheißen hätte, ihr einen Irrthum einzugestehen. Indeß er versprach sich, diesen Irrthum gut zu machen; er war glücklich, dass dies noch in seiner Macht stand, und in die Zärtlichkeit, mit welcher er Angelika an seine Brust drückte, mischte sich ein stolzes Gefühl, als man bald darauf, nachdem der Wagen das geschmückte Dorf passirt hatte, Schloß Richten auf seiner Höhe vor sich liegen sah.
Vorlage S. 155
551
Die Tage waren schon wieder lang, die Sonne noch nicht untergegangen, und die blasse Sichel des Neumondes schimmerte, von ihr erhellt, silbern und leicht an dem blauen Himmel. Alles war klar und eintönig in der Natur, nichts stach besonders beleuchtet hervor. Das nackte Erdreich der Heide, die brach liegenden Felder, die kahlen Weiden am Bache und die lange Linie des großen, sich weithin erstreckenden Waldes hatten alle denselben röthlich-braunen Ton, über den der bläuliche Nebel sich zu verbreiten anfing, und doch zeichneten sich die Gegenstände in der leichten Luft noch so bestimmt und deutlich, dass das Auge seine Freude daran hatte, dass die sanfte Einförmigkeit der Landschaft den Sinn beruhigte und man es sich gern vorstellen mochte, wie der vorschreitende Frühling hier bald schalten und walten und Alles mit seiner reichen Fülle schmücken und verschönen werde.
Vorlage S. 156
552
Die Baronin war von dem Anblicke des Schlosses überrascht, als hätte sie es nicht zuvor gesehen. Es übertraf an Stattlichkeit noch bei Weitem das Bild, das sie in ihrer Vorstellung davon bewahrt hatte, und dass der Bau in seiner Unregelmäßigkeit die Spur des Bedürfnisses oder der Laune an sich trug, welche die Herren von Arten von Geschlecht zu Geschlecht bewogen hatten, ihn zusetzend umzugestalten, das gab ihm den Charakter des Historischen, gab ihm sein feudales Ansehen, indem es den Glauben an die Selbstherrlichkeit seiner Besitzer verstärkte.
Vorlage S. 156
553
Von der uralten, auf steiler Höhe rechts über dem Schlosse liegenden Stammburg, welche einst die Ebene und den Fluss beherrscht und reichen Zoll von der Schifffahrt auf demselben gezogen hatte, waren nur noch die Hälfte der Außenmauern und die beiden Thürme erhalten, die sich, breit und verbunden mit einer von vielen Fenstern durchbrochenen Zwischenmauer, unverkennbar als ein Bauwerk aus der Zeit der deutschen Ritter darstellten. Diese Burg war aber schon zur Zeit der Reformation verlassen worden, und man konnte es an der Architektur des jetzigen Schlosses noch deutlich wahrnehmen, dass die Herren von Arten, als sie aus ihrer Burg in das Thal hinabstiegen, weder die Macht jener Vorfahren gehabt hatten, welche einst die Burg gegründet, noch den Reichthum, mit welchem der Großvater des jetzigen Besitzers das Schloß im Style der Renaissance vergrößert und verschönert hatte. Die lange Hauptfronte desselben mit dem thurmartigen Aufsatze in der Mitte, den der Vater des Barons sich für seine astronomischen Liebhabereien hatte errichten lassen, daneben die beiden Seitenflügel, welche sich weitgreifend, wie vorgestreckte Arme, zur Rechten und zur Linken ausbreiteten und den großen, mit alten Bäumen umgebenen Rasenplatz umfassten, machten einen schönen Eindruck.
Vorlage S. 157
554
Hier werde ich glücklich sein! rief die Baronin aus; hier, wo nichts mich von Dir trennt, wo nicht kalte gleichgültige und genußsüchtige Menschen sich zwischen uns stellen! Hier wirst Du mich lehren, was ich tun muss, Dir zu gefallen, Dir zu genügen und Dich zu beglücken! Hier, wo Du und Deine Vorfahren als Kinder spielten, hier ist unsere Heimath, hier gehören wir hin, und hier –
Vorlage S. 157
555
Sie verbarg ihr erglühendes Gesicht verschämt an ihres Gatten Brust, aber ihre Worte ergänzend, fügte er mit gehobener Stimmung hinzu: Hier sollen Deine Kinder, unsere Kinder und Kindeskinder ihre Heimath haben und das Geschlecht aufrecht erhalten, das nun schon über vierhundert Jahre seinen Wohnsitz auf diesem Grunde und Boden hat.
Vorlage S. 157
556
Das walte Gott! sprach Angelika aus vollem, gläubigem Herzen und bog im nächsten Augenblicke den Kopf zum Fenster hinaus, als sie in das zweite Dorf der Herrschaft einfuhren.
Vorlage S. 158
557
Das ist Rothenfeld, sagte der Baron, und wie ein Schleier zog es über seine Mienen.
Vorlage S. 158
558
Es war vorbei mit der frohen Erhebung, die ihn noch eben erfüllte. Er hätte die Augen schließen mögen, um nicht den Weg zu sehen, den er so oft gekommen war; er hätte es nicht sehen mögen, das kleine Haus am Ende des Dorfes, dessen schmuckes Ansehen der Baronin auffiel und dessen geschlossene Laden ihrem Manne das Blut aus den Wangen weichen machten, als Angelika die Frage aufwarf, wem das Haus gehöre und warum es nicht bewohnt sei.
Vorlage S. 158
559
Mein Amme hat darin gelebt! antwortete der Baron, und mit plötzlichem Entschlusse setzte er hinzu: Aber es ist baufällig; ich muss es niederreißen lassen.
Vorlage S. 158
560
Angelika war zu sehr beschäftigt, um dies auffallend zu finden, denn die einzelnen Theile des Schlosses traten immer deutlicher hervor. Der Baron wies ihr die Fenster der Zimmer, die für sie bestimmt waren; die Grenze des Parkes wurde erreicht, und man langte noch zeitig genug im Schlosse an, um die Reihe der Gemächer bei Tageslicht zu durchwandern, um die junge Herrin die Aussicht aus dem Wohnzimmer genießen zu lassen, das der Baron ihr mit den antiken Statuetten ausgeschmückt hatte, um ihr lebhafte Aeußerungen der Freude über ihre neue Heimath und über die Landschaft um sie her zu entlocken.
Vorlage S. 158
561
Zehntes Capitel
Vorlage S. 159
562
Zu einer Wirksamkeit auf ihre Umgebung gehört für eine Frau ein besonderer Sinn. Gaben des Geistes und Güte des Herzens tun es nicht allein. Es ist dazu eine Beobachtung nötig, welche das Bedürfen der Andern versteht und erräth, und jener selbstlose gute Wille, der das eigene Bedürfen im Verhältnisse zu dem fremden nicht überschätzt. Angelika war von einer Mutter erzogen, welche diese Eigenschaften in hohem Grade besaß und welche es verstand, ihren Gutsinsassen eine hülfreiche Herrin zu sein, wie sie ihren Kindern eine treffliche Mutter war. So hatte Angelika es früh gelernt, für Andere zu sorgen, und jetzt, da sich ihr in Richten ein eigener Wirkungskreis eröffnete, wie ihn ihre Mutter von je gehabt hatte, fing sie erst an, sich recht als Hausfrau und als Herrin zu empfinden.
Vorlage S. 159
563
Die alte Dienerschaft der Familie war ihr zusagender als die Lakaien, welche der Baron für die Dauer ihres Aufenthaltes in der Hauptstadt angenommen hatte; die großen, hellen Säle, die man theilweise in ihrer alterthümlichen Pracht belassen, die wohlerhaltenen, schweren und geschnitzten Eichenmöbeln derselben waren ihr noch lieber als die Zimmer, welche man modisch erneuert, und sie sprach es bald nach ihrer Ankunft in Richten zuversichtlich aus, dass sie sich hier nie einsam fühlen könne. Es sei ihr, als lebten alle die verehrten Vorfahren mit ihr, die hier in ununterbrochener Reihenfolge geschafft und gewaltet, um ihr den Wohnsitz zu bereiten, auf den sie stolz sei und den für die Zukunft zu erhalten und zu schmücken ihr wie ein Priesterdienst erscheine. Sie besaß jenen lebendigen, historischen Sinn, der eine große Stütze für den Menschen, und den ererbter Besitz in bevorzugten Naturen zu entwickeln geeignet ist.
Vorlage S. 159
564
Es verging daher nur kurze Zeit, bis sie die Lebensverhältnisse der Leute kannte, welche ihr dienten, bis sie wusste, was geschehen müsse, sie zufrieden zu stellen, und was im weiteren Kreise in der Herrschaft ihres Mannes für das Wohl ihrer Bewohner noch zu leisten und zu schaffen sei. Es war das nicht Folge neugieriger, gewaltsamer Fragen, nicht absichtliches Erforschen. Weil sie theilnehmend war, kam ihr überall das Vertrauen entgegen, und der Caplan stand ihr mit Rath und Aufschluß überall zur Seite. Die ersten Tage in Richten flogen ihr auf solche Weise wie Stunden schnell dahin, und das schöne Frühlingswetter erhöhte ihr Behagen.
Vorlage S. 160
565
Der Baron, der es seit dem Tode seiner Mutter entbehrt hatte, eine Hausfrau im Schlosse walten zu sehen, hatte Freude an der stillen Tätigkeit seiner jungen Gattin, ja, er gestand ihr, dass sie hier erst recht an ihrem Platze sei, dass sie ihm nie zuvor besser gefallen habe, als hier in seinem Schlosse. Er verließ sie auch wenig, sein Auge folgte ihr überall, aber es kam Angelika bisweilen vor, als ziehe oft plötzlich ein schwermüthiger Ernst durch sein Gesicht, wenn er sie betrachte, als sei es nicht nur seine Liebe für sie, welche ihn in ihrer Nähe festhalte, sondern als bewache er sie und die Personen, welche sie bedienten, mit einer ihr unerklärlichen Achtsamkeit. Sie neckte ihn damit, er ließ es gelten; indessen von Tag zu Tag fiel es der Baronin mehr und mehr auf, dass in dem Betragen ihres Mannes auch hier in Richten ein fortdauernder Wechsel herrschte, dass er oft sehr reizbar, oft noch schwermüthiger war, als in der Stadt, ja, dass er recht eigentlich launenhaft geworden und eine Unruhe über ihn gekommen sei, welche sie früher nicht an ihm wahrgenommen hatte.
Vorlage S. 160
566
Er machte im Hause Anordnungen, für welche sich kein Grund absehen ließ. Er fand die ganze Eintheilung der Zimmer, welche er vor seiner Verheirathung selbst veranlaßt hatte, unzweckmäßig. Bald wurde Dieses geändert, bald Jenes, und man war noch nicht vierzehn Tage im Schlosse, als der Baron seine nach der Terrasse und dem Flusse hinaussehenden Gemächer ein für alle Mal verließ und ein paar andere Zimmer für sich auswählte, welche nach der entgegengesetzten Seite gelegen waren.
Vorlage S. 161
567
Jede Frage, welche Angelika in diesem Betrachte an ihn richtete, verschlimmerte seine Stimmung, so dass sie sich in ihrer Sorge an den Caplan wendete, um von seiner Erfahrung sich Rath zu erholen. Der aber schob die Veränderung, welche mit dem Freiherrn vorgegangen sei, leichthin auf eine Hypochondrie, mit der man Nachsicht haben müsse, und ersuchte die Baronin, es ihren Gatten nicht merken zu lassen, dass man seine gesteigerte Reizbarkeit und seine Unruhe bemerke und beobachte. Geduld und Zeit würden Alles wieder heilen.
Vorlage S. 161
568
Angelika ließ sich die Trostgründe des Caplans gefallen, und der treue, herzenskundige Mann wusste sie so vielfach zu beschäftigen, so zuversichtlich auf bessere Tage hinzuweisen, dass seine Nähe ihr mehr und mehr zum Bedürfnis wurde. Auch der Freiherr schien die Gesellschaft seines alten Freundes jetzt in Richten nicht entbehren zu können. War er allein in seinem Zimmer, so forderte er fast immer die Anwesenheit des Caplans, und selbst wenn er sich bei der Baronin befand, zog er ihn meistens als Dritten hinzu.
Vorlage S. 161
569
Seine Lust an Geselligkeit, an Zerstreuungen schien er in der Residenz völlig gesättigt zu haben, denn er verließ das Schloß sehr selten, und selbst die notwendigen Besuche in der Nachbarschaft, von denen häufig die Rede war, wurden immer noch hinausgeschoben. Der Baronin fiel es nicht auf, wie einsam und still man in dem sonst so gastlichen Schlosse lebte. Sie war hingenommen von den neuen Verhältnissen, in denen sie sich bewegte, von der Sorge um ihren Gatten, von der Hoffnung auf ihr Kind, und der Verkehr mit den beiden Männern gab ihrem Herzen und ihrem Geiste reiche Nahrung aller Art.
Vorlage S. 161
570
Es waren bald literarische, bald künstlerische Gegenstände, welche die Unterhaltung bildeten, aber vor Allem liebte der Freiherr es jetzt, die großen Grundsätze der sittlichen Weltordnung in den Bereich des Gespräches zu ziehen. Ethische und dogmatische Fragen, die angeborne Sündhaftigkeit des Menschen und die Notwendigkeit seiner sittlichen Erhebung lagen ihm offenbar sehr am Herzen, während der Gedanke an den Tod, an die Unsterblichkeit und an die Art der Fortdauer, welche dem Menschen gegeben sei, ihn jetzt nicht minder lebhaft als in Berlin, wennschon in weniger phantastischer Weise beschäftigte. Aber auch das Nächstliegende wurde erwogen. Angelika und der Caplan fanden nach solchen Gesprächen den Gutsherrn meist geneigt, Verbesserungen in der Lage seiner Leute zu bewilligen und manchen vorhandenen Mißständen Abhülfe zu bereiten.
Vorlage S. 162
571
Es war seit Monaten festgesetzt worden, dass die gräfliche Familie von Berka zu dem Osterfeste, das diesmal spät im Jahre fiel, ihren ersten Besuch bei der Tochter machen sollte, und man fing bei Zeiten an, sich darauf vorzubereiten. Der Baron, dessen Stimmung sich nicht bessern wollte, ließ seiner Gattin in allen ihren Vorkehrungen freie Hand, ja, er willigte endlich sogar darein, die lange verschobenen Antrittsbesuche zu machen, damit es seinen Schwiegereltern bei ihrer Anwesenheit nicht an Gesellschaft fehlen möge. Indeß er ließ sich zu allen diesen Dingen nur bestimmen, er hatte, wie es schien, für den Augenblick alle Lust und Kraft zu irgend welchem selbstständigen Entschlusse verloren. Wo aber der Hausherr krank, wo das Oberhaupt der Familie selbst der Schonung bedürftig ist, muss die Hausfrau notwendig an seine Stelle treten, und Angelika fand sich unter des Caplans Beistand schnell und leicht in diese Pflicht.
Vorlage S. 162
572
Je näher die Ankunft der Ihrigen herankam, um so freudiger sah sie ihr entgegen. Sie wünschte, vor ihrer Familie Ehre mit den Besitzungen ihres Mannes einzulegen, als deren Theilnehmerin sie sich jetzt fühlte, und sie hatte eben die lange Reihe der Zimmer mit Wohlgefallen an ihnen durchschritten, als sie sich zu ihrem Manne begab, um ihn zu einer gleichen Besichtigung aufzufordern. Bei dem Freiherrn eintretend, fand sie ihn aber mit dem Caplan in einem Gespräche, das plötzlich abgebrochen wurde. Der Caplan steckte einen Brief in seine Tasche, der Baron wendete sich flüchtig ab, Jener verließ das Zimmer, und voll Bestürzung fragte Angelika, ob etwas Unangenehmes gemeldet, etwas Schlimmes vorgefallen sei?
Vorlage S. 163
573
Der Freiherr versicherte, dass dies nicht der Fall sei; sie ersuchte ihn, ihr zu sagen, wovon er eben jetzt mit dem Caplan gesprochen habe, und dies zu tun, schlug er ihr ab. Weil sie aber grade heiter und guten Muthes war, wollte sie ihren Willen durchsetzen. Sie bat, sie schmeichelte, sie umarmte ihren Mann, es half ihr nicht, und wie man denn, eben wenn man in guter Laune ist, eine abschlägige Antwort oft um so schwerer fühlt, rief sie plötzlich betrübt und gegen ihre Gewohnheit heftig werdend, die Worte aus: Es ist aber wirklich, als sollte ich mich nie mehr recht von Herzen freuen!
Vorlage S. 163
574
Ihr Ton, ihre Mienen waren noch bezeichnender für ihre Traurigkeit, als ihre Worte. Der Freiherr wurde davon gerührt. Er ging an sie heran, nahm ihre beiden Hände, sah ihr lange und prüfend in die Augen, und fragte dann mit einem Ausdruck ernster Trauer: Siehst Du wohl, dass Deine Ahnung Dich nicht betrogen, dass Dein erstes Empfinden bei dem Begegnen mit mir Dich nicht getäuscht hat?
Vorlage S. 163
575
Sie war auf solche Frage nicht vorbereitet, und dieselbe fand sie daher fassungslos. Was musste seither in dem Herzen des Freiherrn vorgegangen sein, dass er diese Frage an sie richten konnte? Sie hätte ihm mit einem Worte sagen mögen, was sie fühlte, aber das war mit einem Worte nicht auszusprechen. Hatte er denn nicht gesehen, wie sie ihn liebte, nicht gemerkt, wie sie sich um ihn sorgte? Beachtete er denn nur ihr äußeres Tun? Der Gedanke, dass er vielleicht seit langer Zeit zum ersten Male an ihr Empfinden denke, überwältigte sie, und verstummend lehnte sie den Kopf an seine Brust.
Vorlage S. 164
576
Er zog sie an sich und küsste ihre Stirne. Armes Weib! sagte er, ja! Du hättest ein heiteres Loos, einen anderen Mann verdient!
Vorlage S. 164
577
Angelika erschrak vor dieser Gedankenfolge des Barons, und beide Arme um seinen Hals schlingend, rief sie: Franz! Um Gotteswillen, das sage, das denke nicht! Was fehlt mir denn, als nur Dich wieder heiter zu sehen? Was peinigt mich denn, als die Sorge, Dich von einem Kummer beherrscht zu wissen, den Du mich nicht theilen lässt? Ich sehe, dass Dich etwas drückt, dass Du mir etwas verbirgst, dass auf Deinem Leben etwas lastet, und ich darf Niemanden fragen, was es ist, da Du es mir verschweigst. Oft ist es mir, als wisse es ein Jeder außer mir, als könne, als müsse ich es erfahren, es ablesen können von diesen Wänden, es geschrieben finden in den Mienen derer, die mir nahen, und ich verzage dann an mir selbst, an meinem Herzen, an meinem Verstande, an meiner Liebe zu Dir; denn ich meine, die Liebe müsse mich seherisch machen – aber es ist Alles umsonst! Du bist und bleibst unglücklich, seit wir hier sind, und ich ahne nicht, wodurch!
Vorlage S. 164
578
Die Thränen traten ihr in die Augen, der Baron sah finster aus und war sehr bleich geworden. Kaum bemerkte sie das, so fielen ihr die Rathschläge des Caplans ein. Sie nahm sich zusammen, warf scherzend den Kopf zurück, zerdrückte die Thränen in ihren Augen und sagte mit lächelndem Munde: Aber wie komme ich mir denn vor? Ich wollte Dir erzählen, wie glücklich und wie stolz ich bin, die Eltern übermorgen hier in unserem Schlosse zu empfangen, und ich weine, weil Du es mir verweigerst, mir einen Brief zu zeigen, der mich sicherlich nichts angeht. Vergieb mir, geliebter Mann, und sei wieder gut!
Vorlage S. 164
579
Sie reichte ihm ihren Mund zum Kusse, er drückte ihr ernst die Hand. Armes Weib, wiederholte er, Du duldest, was Du nicht verschuldet hast, und wir sprechen von einer himmlischen Gerechtigkeit!
Vorlage S. 165
580
Er wendete sich von ihr und entfernte sich schnell. Rathlos blickte sie ihm nach. Die Ahnung, dass irgend eine schwere Verschuldung das Gewissen ihres Mannes belaste, regte sich wieder in ihr. Aber was konnte es sein? Was war geschehen? Wann war es geschehen?
Vorlage S. 165
581
Sie wollte ihm nacheilen, ihn auf ihren Knieen beschwören, ihr zu vertrauen. Jung, wie sie war, fühlte sie die Kraft, Alles mit dem Manne zu tragen, den sie liebte; indeß die Gewohnheit der Achtung hielt sie ab, ihrem Gatten auszusprechen, dass sie ihm ein Schuldbewußtsein zuerkenne, und selbst dem Caplan wagte sie nicht zu entdecken, was sie beschäftigte und bekümmerte.
Vorlage S. 165
582
Die Nacht verging ihr ohne Ruhe, und da die Jugend vor langen, unausgesetzten Qualen zurückschreckt, fing sie am andern Morgen wieder an, die Gedanken auf die Ankunft der Ihrigen hinzuwenden. Das erschloss ihr das Herz. Sie suchte Gründe hervor, sich zu beweisen, dass sie zu schwarz gesehen habe, sie wollte selbst ihre Sorgen verscheuchen, um den Ihrigen ein heiteres Angesicht zu zeigen.
Vorlage S. 165
583
Am Mittage, als es warm und schön war, trat die Baronin aus dem großen Saale des Erdgeschosses auf die Terrasse hinaus und blieb eine Weile unter der Thüre stehen, sich des Anblicks zu erfreuen. Leer und weit, wie die Terrasse ohne den Schmuck der Orangenbäume sich ausnahm, hatte sie in ihrer Anlage doch etwas Großartiges, das auch in solchem Zustande gefallen und imponiren konnte. Die Hermen mit den Köpfen der griechischen und römischen Dichter standen feierlich auf der Höhe und sahen ernsthaft auf den Beschauer hin, aber rund um sie her waren die Bäume noch kahl, und der Blick schweifte, durch die Freiheit in die Ferne gelockt, bald von den Steingebilden zu dem Lebendigen hinüber, das sich in der Natur zu regen begann.
Vorlage S. 166
584
Während die Baronin die Treppe hinabstieg, hielt sie sich mehrmals damit auf, die Sträuche und Büsche zu beiden Seiten derselben zu betrachten, denn überall färbten die Stengel sich schon röthlich oder grün, überall waren die Knospen geschwellt, dass man meinte, gleich heute müsse der warme Sonnenstrahl sie zum Aufbrechen bringen, gleich heute müssten die Blätter sich entfalten und den ersten wunderbaren Duft des frischen Grüns durch die Lüfte strömen.
Vorlage S. 166
585
Unten an der Buchsbaum-Einfassung der sternförmig sich wie ein Teppich ausbreitenden Beete schimmerten weiße Köpfchen hervor. Die Schneeglöckchen hatten sich in der Frühe herausgemacht, und Angelika bückte sich, die halberblühten zu brechen, um sie zu schnellerem Erschließen in ihre Zimmer mitzunehmen, und sie dann ihrem Gatten zu bringen, wie sie seit ihrer ersten Kindheit alljährlich den kleinen Strauß von Schneeglöckchen der Mutter als Liebesgabe, als erstes Zeichen des Frühlings zu bringen gewohnt gewesen war. Das bewegte ihr im Innersten das Herz, das ohnehin von all dem quellenden Werden um sie her bei dem Gedanken an das junge Leben, das sie ihrem Manne nun bald selbst als Erstlingsgabe ihrer Ehe in die Arme legen werde, in schnelleren Schlägen pochte. Ihre ganze Seele war ein Gebet. Sie war voll Dank gegen den Schöpfer, der ihr Lebensloos bestimmt und geleitet, voll Liebe für die Eltern, voll Sorge und Zärtlichkeit für ihren Gatten und voll der seligsten Freude bei der Hoffnung auf ihr Kind.
Vorlage S. 166
586
Alles, was sie umgab, hatte jetzt dreifachen Werth für sie, Alles, was sie liebte, ward in ihrem Geiste neben einander nur noch enger verbunden durch das ersehnte Kind. Sie sah es schon wachsen und gedeihen und spielen auf diesen Plätzen, unter dem Schatten der Bäume, der hier Geschlecht nach Geschlecht beschirmt; es dünkte ihr unmöglich, dass der Sinn des Vaters sich nicht an seinem Kinde erheitern sollte. Hoffnung und Zuversicht reichten sich in ihrem Herzen die Hand, dass die Freude ihre Schritte beflügelte und sie weiter und weiter am Ufer des Flusses vorwärts ging, mit sich selbst beschäftigt und doch fortgelockt von jedem neuen Anreize, den der Frühling darbot.
Vorlage S. 167
587
Hart am Wasser, wo das dichte Gebüsch den Sonnenstrahlen wehrte, lag am Rande noch eine leichte Eisschicht als Zeichen, dass die Nacht noch kalt gewesen sei. Bedächtige Dohlen hüpften prüfend darüber hin, wendeten die Köpfe mit den klugen Augen vorsichtig nach allen Seiten, tranken kräftig schluckend ein wenig, und schwangen sich dann in die Höhe, um bald darauf an anderer Stelle niederzufallen und das gleiche Treiben zu wiederholen. Aber mitten in dem befreiten Wasser, da, wo die Sonne es erwärmte und vergoldete, schossen schon pfeilschnell die kleinen Fische aus der Tiefe herauf, sich zu sonnen und der neuen Wärme zu genießen, während die neuangekommenen Schwalben mit schnellem Flügelschlage sich bis tief auf die Fluth herabsinken ließen und im Streifzuge über das Wasser wieder die erste Jagd versuchten.
Vorlage S. 167
588
Angelika sah dem Naturleben lange sinnend zu. Mit einem Male schien es ihr, als hinge an der Wurzel einer Weide, die sich weithin in das Wasser erstreckte, etwas, das sich hin und her bewegte, ohne doch von der Stelle zu kommen. Sie betrachtete es genauer, es dünkte sie ein Stück Zeug zu sein, das sich von dem Wasser aufblähte, und bald kam es ihr vor, als sähe sie unter der Hülle und unter dem Wasser die Formen einer menschlichen Gestalt. Sie ging erschrocken vorwärts nach der Brücke, wo der Gärtner beschäftigt war, und machte ihn aufmerksam. Er blickte hin, erschrak gleichfalls, und sagte, es werde wohl irgend ein alter Lumpen sein, den man, Gott weiß wo, in das Wasser geworfen und den der aufgehende Strom bis hierher mit sich geführt habe. Dabei versuchte er aber, indem er sich nach der anderen Seite wendete, die Baronin zum Mitgehen und zum Verlassen des Platzes zu bewegen; indeß diese ließ sich so leicht nicht bestimmen, wo sie ihrem Auge trauen zu können glaubte. Sie hieß den Gärtner, ihr zu folgen; es waren inzwischen auch ein paar der Frauen, welche die Wege für die erwartete Ankunft der Gäste reinigten und harkten, bis an das Ufer angelangt, und als die Baronin mit dem Gärtner zum zweiten Male die Stelle am Flusse erreichte, hatten schon die Frauen sich hinabgebückt, und zogen mühsam den Leichnam eines Weibes aus dem Wasser, der kaum noch menschliche Züge verrieth.
Vorlage S. 168
589
Um Gottes willen, gnädige Frau Baronin, kommen Sie fort von hier, das ist nichts für Sie! rief der Gärtner dringend.
Vorlage S. 168
590
Aber Angelika, obschon sie vor Entsetzen schauderte, meinte sich überwinden zu müssen.
Vorlage S. 168
591
Ist hier denn Jemand ertrunken? fragte sie.
Vorlage S. 168
592
Der Gärtner verneinte es. Wer weiß, von wo die Leiche herabgekommen ist! sagte er, und auch die Frauen schwiegen vorsichtig. Aber ein kleines Mädchen, die Tochter eines Gartenarbeiters, das von der anderen Seite neugierig herbeigelaufen war, als es den ungewöhnlichen Vorgang bemerkte, sagte ganz verwundert: Kennt Er denn die Pauline nicht mehr, Herr Weißhold? Das ist ja die Pauline aus Rothenfeld, die sich ins Wasser gestürzt hat, den Morgen, wie der Herr Baron zur Hochzeit gefahren ist!
Vorlage S. 168
593
Unsinn, Unsinn! rief der Gärtner und schob das Kind mit heftigem Stoße auf die Seite.
Vorlage S. 169
594
Aber die Baronin, welche keine Sylbe von den Worten der Kleinen verloren hatte, hielt sie zurück, und bleich, mit erstarrenden Zügen fragte sie: Aus Rothenfeld ist diese Todte?
Vorlage S. 169
595
Ja wohl, aus dem Hause, das jetzt eingerissen wird, versetzte das Kind mit aller Bestimmtheit, welche Kinder in ihre Rede zu legen wissen, wenn man dieselbe bezweifelt. Ja wohl, es ist die Mamsell aus Rothenfeld.
Vorlage S. 169
596
Und Pauline heißt sie? wiederholte die Baronin, aber es waren die letzten Worte, welche sie sagen konnte. Sie griff mit der Hand nach dem Gärtner, als suche sie eine Stütze, und sank ohne Laut besinnungslos zusammen.
Vorlage S. 169
597
Man trug die Ohnmächtige in das Schloß; der Schrecken, die Aufregung waren allgemein. In wenigen Minuten wusste die ganze Dienerschaft, was vorgegangen war. Die Sorge um die junge Herrin, das Mitleid mit ihr ließen sich vernehmen, wo zwei Menschen beisammenstanden. Ein reitender Bote ward zum Arzte in die nächste Stadt geschickt, man spannte den Wagen an, der jenem folgen sollte. Die Kammerfrau und der Caplan waren um die Leidende beschäftigt, der Baron stand, ein Bild der Vernichtung, an ihrem Lager.
Vorlage S. 169
598
Es währte lange, ehe ein leiser Seufzer den Geängstigten verrieth, dass Angelika dem Leben wiedergegeben sei. Als sie erwachte, fielen ihre ersten Blicke auf den Baron. Er hatte sich zu ihr geneigt und küsste, niederknieend, leise ihre Hände. Sie wehrte es ihm nicht, aber ihr Auge ruhte mit einem Ausdruck der Trauer auf ihm, der ihm das Herz durchbohrte. Er wagte kaum zu fragen, wie sie sich fühle, denn ihre Klage wäre eine Anklage für ihn gewesen, und gleichsam um sie zu beruhigen, sagte er ihr, dass nach dem Arzte gesendet sei und dass er sicher nicht auf sich warten lassen werde.
Vorlage S. 169
599
Sie bewegte leise verneinend das Haupt: Ich bedarf des Arztes nicht, entgegnete sie. Das ist der Arzt, den wir brauchen, und er wird uns nicht verlassen! – Sie reichte dabei dem Caplan die Hand, er legte sie in die ihres Gatten, so blieben sie eine Weile schweigend beisammen. Es war ein Unabänderliches geschehen, man musste versuchen, zu sich selber zu kommen, und die Baronin war es, welche sich zuerst ermannte. Sie hatte kein Urteil über die Zeit, welche seit ihrer Ohnmacht verflossen war, und fragte danach. Man sagte ihr, dass es Mittag sei.
Vorlage S. 170
600
Morgen um diese Stunde werden sie kommen! meinte sie, ihrer Eltern gedenkend. Dann richtete sie sich auf und verlangte, sich zu erheben. Der Baron wünschte sie davon zurück zu halten, auch der Caplan und ihre Kammerfrau machten Einwendungen, sie wollte nicht darauf hören.
Vorlage S. 170
601
Ich muss wohl sein, wenn meine Eltern kommen, sagte sie, und ich habe auch keine Schmerzen. Lasst nicht mehr davon die Rede sein; aber ich habe Ruhe nötig, ich möchte allein bleiben für einige Stunden.
Vorlage S. 170
602
Man fügte sich ihrem Wunsche. Als der Caplan und ihre Kammerfrau sich entfernt hatten, trat der Baron an sie heran, um ihr die Hand zu geben und ihr zuzusprechen, ehe er sie verließ; aber sie nahm die dargebotene Hand nicht an.
Vorlage S. 170
603
Es hat keinen Segen gebracht, sagte sie, dass wir uns die Hände reichten, und wenn es wieder geschieht, so muss es in einem anderen Sinne und in einem anderen Geiste sein. Auf dem alten Wege kann ich nicht weiter gehen ....
Vorlage S. 170
604
Höre mich, Angelika, bat der Baron.
Vorlage S. 171
605
Nein, jetzt nicht! versetzte sie mit großer Festigkeit. Ueberlege auch Du, was uns beiden frommt. Ich hatte mir geschworen, mich ganz und überall Deiner Führung zu überlassen, als ich Dir Treue gelobte. Den ersten Eid kann ich nicht mehr halten, den zweiten werde ich halten, und Gott wird mir helfen und mir sagen, auf welche Weise ich es tun, auf welche Weise ich Dir meine Treue bezeugen soll. Lass mich mit mir und meinem Gott allein! –
Vorlage S. 171
606
Der Baron blieb vor ihr stehen; es überkam ihn die Ahnung, dass in dieser jungen Frau eine Stärke des Willens und des Charakters verborgen liege, die er nicht in ihr vermuthet hatte, und in die widersprechenden Gefühle, die ihn erschütterten, in das Entsetzen, welches das Auftauchen der Leiche in ihm hervorgerufen, in den Schmerz und in die Sorge, welche die Ohnmacht seiner Gattin ihm verursacht hatte, in das Bangen vor der Zukunft seiner Ehe, in das Widerstreben endlich, mit dem er in diesem Augenblicke an das Eintreffen der gräflichen Familie gedachte, mischten sich eine Scheu und ein Widerwille gegen die Herrschaft, welche Angelika über ihn erlangen zu wollen schien.
Vorlage S. 171
607
Bedenke, was Du thust, sagte er nachdrücklich; bedenke, dass Verzeihen und Trösten die schönsten Vorrechte des Weibes sind, und dass man Geschehenes zum Guten wenden muss, da es unmöglich ist, es ungeschehen zu machen! Hilf mir in dem Zwiespalt, der mich bedrängt, und es wird mich glücklich machen, es Dir zu danken!
Vorlage S. 171
608
Er war bewegt, als er das aussprach; in Angelika's Mienen regte sich kein Zug. Ja, Gott gebe, dass ich uns helfen kann, so Dir wie mir, sagte sie seufzend, ihre Augen mit dem Ausdrucke tiefer Traurigkeit auf ihn gerichtet, aber keine Träne milderte ihren Ernst. Das peinigte den Baron. Er versuchte, sie zum Sprechen zu bringen, ihr Erklärungen zu geben – es war umsonst, sie wollte ihn nicht hören, ehe sie sich gesammelt hatte, und er musste endlich darein willigen, von ihr zu gehen, so ungern er sie sich selber überließ. Er fürchtete Angelika, das konnte er sich nicht verbergen, und eine Frau, welche er auch nur einen Augenblick gefürchtet hat, die liebt ein Mann wie der Baron nicht mehr.
Vorlage S. 171
609
Als Angelika sich allein in ihrem Zimmer fand, rang sich ein Aufschrei der Verzweiflung und des Jammers aus ihrer Brust hervor. Sie hätte beten mögen, aber sie vermochte es nicht. Das Herz in der Brust war ihr wie gelähmt. Sie hing an dem Baron stärker, leidenschaftlicher, als es ihr gegeben war, dies äußern zu können. Sie war sein Weib geworden in der reinsten Hingebung, mit dem Gefühle des Glückes, und er hatte sie an sein Herz geschlossen, einer Anderen, Paulinen's gedenkend, die eben in jenem Augenblicke, der Heirath des Barons fluchend, sich den Tod gegeben hatte!
Vorlage S. 172
610
Diese Vorstellung erdrückte die Baronin. Sie fühlte sich entwürdigt und mißhandelt, ihre Ehe wurde ihr dem eigenen Gatten gegenüber zu einer Schmach. Der Baron, zu dem sie einst mit verehrendem Vertrauen emporgesehen hatte, stand als ein Schuldbeladener vor ihr, und wie ihr Herz sie auch drängte und mahnte, sich dem Vater ihres Kindes zuzuwenden, wie es sie auch zog, Hülfe gegen all das Elend bei ihm selbst zu suchen, ein unüberwindliches Entsetzen hielt sie davon zurück. Wohin sie das Auge richtete, woran sie auch dachte, Paulinen's Schatten stieg überall vor ihr empor. Jetzt begriff sie es, warum der Baron die Zim mer gewechselt hatte, warum er es nicht hatte ertragen können, auf den Fluss hinab zu schauen. Bangte es doch ihr selbst am hellen Tage in ihrem eigenen Zimmer, dass sie nicht wagte, an das Fenster zu treten, aus Furcht, zu sehen, was sie nicht glaubte ertragen zu können. Das Alleinsein ängstigte sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, ihre Bedienung zurück zu rufen. Es wusste ja ein Jeder, was in diesem Hause vorgegangen, und auf welche Weise, über wessen Leiche sie als Herrin in dasselbe eingezogen war.
Vorlage S. 172
611
Beten, beten! rief sie immerfort, indeß das Gebet wollte ihrem Herzen nicht entströmen, sie vermochte ihren Geist nicht aus seiner Niedergeschlagenheit zu erheben. Sie kam sich selbst als eine schwere Sünderin vor, und doch wollte sie beten, nicht nur für sich, sondern auch für ihren Gatten und die Todte. Sie fühlte, als habe sie eine ihr unerreichbare Höhe zu erklimmen, sie sehnte sich nach einer hülfreichen Hand, sie empor zu führen, ihr das Thor des Himmels zu öffnen, in den sie ihre Gebete zu schicken wünschte; da fiel ihr Auge auf Amanda's Betring, den sie am Finger trug, und wie ein Labsal ertönten die Worte: »Mein Freund in der Noth, der Stab, der mich hielt, da ich schwankte, die Stütze, an der ich mich erhob, das Licht, dessen Leuchten mir die lange Nacht erhellen wird!« in ihrem Herzen plötzlich wieder.
Vorlage S. 173
612
Du sollst mein Beispiel sein; Du Heilige und Reine! rief sie aus. Selbstüberwindung und Entsagung! das ist's. – Sie sank auf ihre Kniee nieder, und ein heißes Gebet um Hülfe und Erlösung befreite ihr das Herz.
Vorlage S. 173
613
Sie blieb lange allein in ihrem Zimmer. Als sie dann aus demselben hervorkam, begab sie sich graden Weges zu dem Baron. Er ging ihr schweren Herzens entgegen, weil er nicht wusste, was er von ihr zu erwarten habe, und weil er Mitleid mit ihr fühlte. Auf seine Frage nach ihrem Ergehen sagte sie: Trage keine Sorge um mich, es ist mir besser, als in den Tagen angstvoller Ungewissheit. Ich weiß jetzt, was mein Beruf ist, und so gewiss als ich Dich liebe, ich werde trachten, ihn nach besten Kräften zu erfüllen.
Vorlage S. 173
614
Sie reichte ihm die Hand zum Zeichen ihres Versprechens; und da sie nicht weniger gerührt war, als er selbst, schloß er sie in seine Arme. Sie wehrte ihm das nicht, ja, es wollte ihn bedünken, als sei ihre Hingebung weicher und freier als seit langer Zeit. Er leitete sie zu einem Sessel und knieete an ihrer Seite nieder, sie sanft umfassend. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern, und da sie in sein ernstes Antlitz, in seine Augen blickte, die so fragend und schmerzlich auf sie gerichtet waren, fing sie noch einmal zu weinen an.
Vorlage S. 174
615
Siehst Du es wohl, dass Du ein besseres Loos, einen andern Mann verdient hättest, als eben mich? wiederholte er in der Erinnerung an ihr gestriges Gespräch.
Vorlage S. 174
616
Sie schüttelte leise das Haupt. Mir fehlte nichts als Dein Vertrauen, Dein volles, ganzes Vertrauen! betheuerte sie. O! wenn Du es gewusst hättest, wie bitter es mir oftmals ankam, mich als eine Fremde in Deinem Leben zu fühlen, während ich doch Dein Weib war! Wenn Du ahnen könntest – – Sie brach plötzlich ab und fragte leise: Wer war die Todte? wer war sie? das muss ich wissen.
Vorlage S. 174
617
Es kam dem Freiherrn hart an, das erste Wort zu sprechen, aber da er es getan hatte, erleichterte es ihm das Herz. Er erzählte ihr Alles, Alles, was er einst dem geistlichen Freunde gestanden hatte. Angelika hörte schweigend zu. Die Dämmerung brach allmählig herein, des Freiherrn Mittheilungen wurden dadurch begünstigt. Er konnte nicht sehen, welche Wirkung sie auf seine Gattin übten. Mit lebhaften Worten schilderte er ihr den Zustand, den Zwiespalt, in welchem er sich in den Tagen vor seiner Hochzeit befunden hatte.
Vorlage S. 174
618
Was ich in jenen Augenblicken auch an Dir verschuldet, wie sehr meine Verirrung Dich auch gepeinigt haben mag, sagte er, mein Leiden war noch unerträglicher. Ich konnte meine Gedanken nicht sondern, ich war, ein Verzweifelnder, umhergerissen zwischen den widersprechendsten Empfindungen. Wenn ich Dich sah, in Deiner Liebe, in Deiner Unschuld und in Deinem Vertrauen, so rief es in mir: Du bist ein Mörder und verdienst sie nicht! Wenn der Schmerz um Pauline mir das Herz vergiftete, so lockte es mich in Deine Nähe, und ich dachte: ihre Liebe wird dich erlösen, bei ihr wohnt Friede, bei ihr werde ich vergessen, an ihr werde ich sühnen, was ich dort verschuldet habe. Ich war meiner selbst nicht mächtig! Nur dass ich unglücklich war und dass ich Dich glücklich zu machen wünschte, das stand fest in mir. – Da, an dem Abende vor unserer Hochzeit, als man im grauen Saale den Kaffee eingenommen hatte, kam man auf die körperliche Erscheinung der Verstorbenen zu sprechen. Man wusste nicht, was man mir that, als man meine Ansicht darüber zu hören verlangte. Ich vermochte mich nicht zu überwinden, nicht auf die Scherze Deines Bruders einzugehen, als er mich neckend anrief, aber unwillkürlich sah ich nach der Stelle, auf die er zeigte, und als man die Thüre öffnete, als das Licht in den Saal einströmte, da sah ich unwiderleglich und völlig klar Pauline auf dem Hintergrunde dieses Lichtes vor mir, das Auge finster und klagend auf mich gerichtet.
Vorlage S. 174
619
Er hielt inne, und mit leisem, melancholischem Tone fuhr er nach längerem Schweigen fort: So habe ich sie gesehen, fast alltäglich in der Einsamkeit meiner Zimmer, so hat sie sich oft emporgerichtet zwischen mir und Dir. Nur unter dem Menschengewühl, nur in der völligen Zerstreuung war ich sicher vor ihr. Keine innere Kraft schützte mich gegen sie. Das war es, was mich in der Residenz von Dir entfernte, was mich die Gesellschaft als eine Befreiung suchen ließ; das war es, was mich hier bestimmte, die Zimmer zu verlassen, die mich mit dem Blicke auf den Strom an ihren Untergang erinnerten; das ist es, was mich zur Verzweiflung bringt. Ich habe sie mehr geliebt, als ich es ahnte und wusste; ich liebe Dich, Angelika, Dich, Du reines, edles Weib! mehr, als Du es ermessen kannst. Ich kann sie nicht vergessen, Dich nicht entbehren; sie habe ich in den Tod getrieben, Dein Leben habe ich vergällt! – Ich hatte immer gemeint, einen starken Geist zu haben, ich habe mich über mich selbst getäuscht. Schwach, wie ich mich fühle, möchte ich mich im Glauben erheben und sühnen und büßen; aber der Glaube versagt sich mir. Was bleibt mir übrig? Sage selbst – was bleibt mir übrig?
Vorlage S. 175
620
Angelika hörte den Ton seiner tiefen, verzweifelnden Verzagtheit, sie sah in dem letzten Scheine des Dämmerlichtes, der durch die Fenster drang, die Versunkenheit, in der ihr Gatte das Haupt auf seine Hände fallen ließ, und Alles vergessend, außer dem Leiden des Mannes, dem sie Treue gelobt für gute und für böse Stunden, rief sie: Dir bleibt die Barmherzigkeit Gottes, die büßende und sühnende Reue, und die Liebe! – Ja, die Liebe! wiederholte sie, und schloß ihn an ihre Brust, die Liebe, die mit Dir leiden und büßen und sühnen will, was Du verschuldet hast, um ihretwillen. Komm, richte Dich auf! Ich bin bei Dir, Franz! ich will bei Dir sein in jedem Augenblicke, und mit Dir beten um Beruhigung und Frieden, und Gott wird uns helfen. Er hat mir den Weg gezeigt! Nicht umsonst ist die Mahnung Deiner Schwester an mich erklungen, nicht umsonst ist Amanda's Angedenken in meine Hand gelegt worden. Ihr Wort hat mich heute aufgerichtet, es soll uns überall gegenwärtig sein. Wir haben einander! wir haben in dem Caplan einen treuen Freund und Führer, und unser Erlöser ist ja auch für uns gestorben. In seinem Namen reiche mir aufs Neue Deine Hand, in seinem Namen lass uns vorwärts gehen. Komm, komm, mein Freund! komm, und richte Dich auf!
Vorlage S. 176
621
Sie schlossen einander in die Arme, der Baron sah zu ihr wie zu einer Heiligen empor. Er knieete vor ihr nieder, er küsste ihre Hände voll inbrünstigen Dankes, er gelobte sich ihrer Führung für alle Zukunft an. So innig verbunden waren sie einander nie gewesen. Angelika erhob sich zuerst. Sie hing sich an ihres Gatten Arm, und ihn mit sich fortziehend, führte sie ihn in das erleuchtete Nebengemach, in welchem das helle Licht ihnen zu Hülfe kam, die Aufregung ihrer Herzen allmählich zu besiegen und sich äußerlich in das Geleise des alltäglichen Lebens zurückzufinden, während die Feier der verwichenen Stunde noch in ihrem Herzen nachzitterte.
Vorlage S. 177
622
Elftes Capitel
Vorlage S. 178
623
Am folgenden Morgen, ganz in der Frühe, begrub man Pauline, fern von den anderen Todten in einer Ecke an der Mauer, auf dem Kirchhofe von Neudorf. Am Vormittage fuhr der große Reisewagen der gräflich Berka'schen Familie auf den Hof des freiherrlichen Schlosses.
Vorlage S. 178
624
Die Baronin weinte vor Freude, als sie die Eltern wiedersah; aber man fand, dass sie wohl aussehe, dass sie etwas über ihre Jahre Ernstes und eine gebietende Haltung gewonnen habe. Mit großer Genugthuung führte sie ihre Eltern in dem Schlosse, in dem Parke umher, und sie verweilte am Mittage mit ihren Gästen lange auf der Terrasse, damit den Leuten aus dem Dorfe, wenn sie die Eltern ihrer Herrschaft sehen wollten, die Zeit und die Gelegenheit dazu nicht fehle.
Vorlage S. 178
625
Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen Ende der Terrasse ein Frühstück aufgetragen. Die Diener in ihrer Gala-Livrée standen bereit, es umher zu geben, während die Herrschaften noch auf und nieder gingen. Sie waren schön anzusehen, die vier hohen, stolzen, heiteren Gestalten. Der Graf und der Baron in ihren Sammetröcken, die goldbesetzten dreieckigen Hüte auf den wohlfrisirten Köpfen, die feinen, blanken Gala-Degen an der Seite; die Baronin an dem Arme der Mutter so freundlich plaudernd, die Mutter so voll Zärtlichkeit für ihre Tochter. Die seidenen Schleppkleider schimmerten in so hellen Farben, die kleinen Federhüte saßen so fröhlich auf den hochgetragenen Häuptern. Sie wussten die Fächer so schön zu handhaben, dass die Flittern in der Sonne glänzten. Es sah an ihnen Alles anders aus, als an anderen Leuten, und selbst das kleine Schooßhündchen der Baronin und der dicke Mops der Gräfin gingen hinter den Frauen so bedächtig einher, als wären sie eigens dazu angelernt.
Vorlage S. 178
626
Die Gräfin lobte ihre Tochter, dass sie die Rücksicht für die Leute nehme, ihnen ihre Eltern gleich zu zeigen. Der Graf sagte seinem Schwiegersohne, er müsse seinen Leuten wohl ein guter Herr sein, dass sie so begierig wären, seine Schwiegereltern kennen zu lernen. Es kam allmählich das halbe Dorf zusammen. Die Leute standen unten am Parke, nicht weit vom Flusse. Näher ließ der Gärtner sie nicht heran.
Vorlage S. 179
627
Sollt's Einer denken, sagte er zum Kämmerer, wie die gnädige Frau hier gestern erst gelegen hat, und was gestern hier passirt ist!
Vorlage S. 179
628
Der Kämmerer zuckte die Schultern. Ihre Schuld war's nicht, meinte er; und was soll sie machen? Es hängt Keiner gern seinen Schandfleck vor die Thüre.
Vorlage S. 179
629
Das ist schon wahr! rief die Gärtnersfrau; aber dass sie so vergnügt aussehen allesammt, der gnädige Herr sowohl als unsere gnädige Frau, die doch sonst so gut ist! Keine ruhige Stunde könnt' ich auf der Welt mehr haben, hätt' ich so etwas auf dem Gewissen!
Vorlage S. 179
630
Es ist ja kein vornehm Fräulein gewesen, sagte der Jäger und lachte spöttisch und bitter; 's war ja nur des Jägers Kind! Was macht das solch 'nem Herrn, und gar der gnädigen Frau! Die wird froh sein, dass sie die Pauline los ist. Ob Unsereiner umkommt oder lebt, wen kümmert das?
Vorlage S. 179
631
Der Gärtner hieß ihn still sein. Der Jäger ging mit einem Fluche davon. Sie sagten, er habe selber ein Auge auf die Pauline gehabt, ehe der Baron sie genommen.
Vorlage S. 179
632
Es kommt Ihnen doch einmal zu Haus und Dach! wandte Einer ein, der des Jägers Freund war.
Vorlage S. 179
633
Verbrennt Euch den Mund nicht! warnte drohend der Gärtner. Seine Frau aber meinte, so reich und so vornehm zu sein und Alles vollauf zu haben, ohne dass man seine Finger rühre, das sei doch das wahre Glück.
Vorlage S. 180
634
Und auch der Graf und seine Frau priesen in ihrem Innern das Loos ihrer Kinder, wennschon es ihnen als ein ganz natürliches erschien. Der Graf dachte, dass er sich nicht getäuscht habe, als er seiner Tochter die Herrschaft in der Ehe vorausgesagt, die Gräfin gestand sich mit Genugthuung, dass die Besorgniß, welche sie für Angelika's Zukunft bei deren Abreise aus der Heimath gehegt hatte, eine ungegründete gewesen sei. Die Anhänglichkeit, die Zärtlichkeit der Eheleute ließ nichts zu wünschen übrig, der Baron zeigte eine wahre Anbetung für seine Frau. Man sah es ihm allerdings noch an, dass seine Gesundheit gelitten hatte, aber er und Angelika versicherten beide, dass er sich auf dem Wege völliger Genesung befinde, und seine freundliche Zuvorkommenheit, seine sichtliche Zufriedenheit bestätigten die Aussage.
Vorlage S. 180
Porträt von Lewald, Fanny; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Lewald, Fanny · Eurhinosaurus · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
635
Man machte und empfing viele Besuche, das alte Leben kehrte nach Schloß Richten wieder zurück. Dass die Baronin sich Abends bisweilen früher als die Anderen in ihre Zimmer verfügte, dass sie am Morgen stets eine Stunde mit dem Caplan allein blieb, war dabei nicht auffallend. Eine Herrschaft wie Richten legt ihren Besitzern mancherlei Sorgen und Verpflichtungen auf; das wussten Angelika's Eltern, und sie freuten sich daran, wie sehr die junge Herrin ihrem Berufe entsprach, wie ruhig und klar sie aussah, wenn sie von der Arbeit kam, wie achtungsvoll und väterlich zugleich der Freund des Hauses, der Caplan, der offenbar ihr Helfer und ihr Beistand war, sich gegen sie bezeigte. Nur Eines machte die Eltern Angelika's besorgt: es war die Hinneigung zum Katholicismus, welche man an ihr zu bemerken glaubte. Aber man mochte dies nicht gegen sie aussprechen, um nicht in ihr wach zu rufen und zum Bewusstsein zu bringen, was man zu verhindern wünschte, und Graf und Gräfin Berka verließen nach einem vierzehntägigen Besuche ihre Tochter mit dem festen Glauben, dass das Glück derselben ein wohlbegründetes sei und auch ein dauerndes zu bleiben verspreche.
Vorlage S. 180
636
Der Baron begleitete seine Schwiegereltern zu Pferde bis an die Grenze seiner Besitzungen. Es war seit langer Zeit das erste Mal, dass er ein Pferd bestieg. Angelika stand in ihrem Zimmer am Fenster und sah ihnen nach; der Caplan war bei ihr. Als der letzte Wagen um die Ecke gebogen war, wendete sie sich zu dem Geistlichen in das Zimmer zurück.
Vorlage S. 181
637
Das ist vollbracht, sagte sie, nun helfen Sie mir weiter! Sie setzte sich dabei nieder, als wenn sie müde, sehr müde sei.
Vorlage S. 181
638
Gott hat bis hieher geholfen, Gott wird weiter helfen! ermuthigte der Caplan.
Vorlage S. 181
639
Ja, das hat er und das wird er! rief die Baronin. Und ernte ich nicht schon jetzt die Früchte der Selbstüberwindung in der Ruhe, die aus meines Gatten Mienen zu mir spricht? Fühle ich nicht schon jetzt die Befreiung, die mir geworden ist, seit ich Ihnen mein ganzes Herz enthüllte, seit Sie mir klar gemacht haben, auf welchem Leidenspfade Gott mich suchen gekommen ist, und dass er den züchtigt mit seiner strengen Hand, den er einst zu sich zu rufen und zu erlösen gedenkt durch seine Gnade?
Vorlage S. 181
640
Der Caplan hörte ihr ernst und schweigend zu. Es ist ein großes Glück, sagte er endlich, einen Irrenden auf den rechten Pfad zu leiten. Man nennt dies Christenpflicht, und sollte es eine Gnade Gottes heißen, die uns zu Theil wird. Ich danke ihm, dass er sie mir vergönnt hat. Und nun ich Sie, meine Freundin, auf dem Wege sehe, der Sie zu Ihrem Ziele führen wird, nun lassen Sie uns darauf sinnen, wie wir dem Freiherrn zu der völligen Beruhigung verhelfen, deren er benöthigt ist. Seine Phantasie ist immer noch erregt, er bedarf der Ableitung von dem, was ihn gepeinigt hat, er bedarf einer neuen Idee, die ihn beschäftigt. Die Erinnerung an die Unglückliche muss ihm von außen her lebendig vor Augen gehalten werden, um ihre Schrecken für seinen Geist zu verlieren. In seiner inneren Zerrissenheit und Verzagtheit hat er das kleine Haus abbrechen lassen, welches sie einst bewohnte. Das war nicht wohlgethan. Es hätte erhalten, aber einer anderen Bestimmung gewidmet werden müssen. Man hätte dort ....
Vorlage S. 181
641
Eine Capelle gründen sollen, rief die Baronin, und das müsste man noch tun! Dort eine Capelle zu erbauen, das würde dem Sinne des Barons entsprechen, würde seine Tätigkeit in Anspruch nehmen ....
Vorlage S. 182
642
Der Caplan unterbrach sie. Sie vergessen, gnädige Frau, dass die Provinz nicht mehr zu den katholischen gehört, dass wir uns in einer protestantischen Provinz, unter einem protestantischen Volke, in ecclesia pressa, befinden. Die Freiherren von Arten haben sich deßhalb, seit die Reformation die Gotteshäuser unserer Kirche hier in der Provinz zerstörte, stets nur mit einer Capelle in ihrem Schlosse genügen lassen, um keinen Anstoß zu erregen.
Vorlage S. 182
643
Anstoß? fragte Angelika, die jung genug war, alle Hindernisse und Bedenken gering zu schätzen, wo es von ihr auf eine geistige Befriedigung abgesehen war. Haben die Leute doch ihren Gottesdienst, ihre Kirchen nach ihrer Lehre und nach ihrem Glauben. Wer kann uns hindern, Gott anzubeten nach unserer Weise und ihm eine Capelle zu erbauen, in der wir ihm dienen können nach unserer Ueberzeugung?
Vorlage S. 182
644
Wir? fragte der Caplan. Sie sind nicht katholisch, Frau Baronin, und mich will bedünken, als würden ihre Eltern, als würden der Herr Graf und die Frau Gräfin einem Wechsel Ihres Glaubensbekenntnisses nicht ruhigen Herzens zuzusehen vermögen.
Vorlage S. 182
645
Angelika zögerte zu antworten. Dann sagte sie: Was Sie mir einwenden, ist richtig, mein verehrter Freund! Meine Mutter und mein Vater haben Andeutungen gegen mich fallen lassen, die mir, wennschon sehr vorsichtig, ihre Besorgniß in dem Punkte verriethen. Aber die Schicksale der Menschen sind verschieden. Gott hat meiner Eltern Leben so geführt, dass sie nicht Gelegenheit hatten, ihre Unzulänglichkeit und die Schwäche unserer Natur kennen zu lernen. Sie hatten ihm nur zu danken für seine Huld und Gnade, und ich will hoffen, dass er es ihnen so vergönnen werde, bis er sie einst abruft. Mir ist das nicht zu Theil geworden.
Vorlage S. 183
646
Sie machte eine Pause, ihre Lippen zitterten leise von unterdrücktem Schmerze; aber sie überwand sich und fuhr gefasst und ruhig also zu sprechen fort: Gott hat mich einem von mir sehr geliebten Manne zur Gattin gegeben, dessen Leben nicht frei von Irrthum und von Schuld geblieben, dessen Sinn vom Glauben zum Aberglauben abgeirrt, dessen Gewissen schwer belastet ist, und der fast die Kraft verloren hatte zu der Umkehr, die ihm Genesung seines Herzens bringen soll. Er bedarf meiner, ich muss Eins mit ihm werden auch im Glauben, denn Mann und Weib sollen Eins sein; und schwach und sündhaft, wie wir Irrenden es sind, haben wir nach meiner festesten Ueberzeugung eines sichtbaren Vermittlers, einer sichtbaren Kirche, haben wir der Zeichen und Symbole nötig, uns täglich daran zu mahnen, was zu tun uns obliegt. Dass Sie, Hochwürden, das tiefste Innere unserer Herzen kennen, Sie, dessen Verschwiegenheit unverbrüchlich ist; Sie, den kein anderes Interesse an uns bindet, als die Liebe, deren Verkünder Sie sind, dass Sie uns rathen, uns zurechtweisen, das ist ein Bedürfnis für uns. Es ist ein Bedürfnis für uns, körperlich und geistig uns zu demüthigen, uns Bußen aufzuerlegen, denn das zerknirschte Herz verlangt seine Strafe, um sich mit dem Bewusstsein, gelitten zu haben, weil es leiden machte, wieder erheben zu können. Und dass ich weiß, durch sichtbare Zeichen weiß und es erfahren habe, wie die edelsten der Frauen unseres Hauses, wie meines Gatten früh verklärte Schwester und die fromme Tante Esther mir im Geiste nahe, wie sie meine Fürbitterinnen und Helferinnen sind bei dem Werke der Bekehrung, das mir an mir selbst und an meinem Gatten zu vollziehen obliegt, das ist mein Trost und meine Hoffnung. Ich ....
Vorlage S. 183
647
In dem Augenblicke hörte man das Pferd des Freiherrn in dem Hofe. Angelika trat an das Fenster, grüßte ihren Gatten freundlich mit der Hand, und sich dann zu dem Geistlichen wendend, sagte sie schneller, als sie vorhin gesprochen: Ich gehöre zu meinem Manne, ich gehöre in dieses Haus. Die Freiherren von Arten sind katholisch und sollen es bleiben durch alle Zeit, denn der Katholicismus bietet uns die göttliche, durch den Priester vermittelte Hülfe in unserer Sündhaftigkeit, in unserem Streben nach Erhebung viel erfaßlicher und tröstlicher, als ich es bisher gekannt habe. Der Mensch hat des sichtbaren Helfers nötig, um zu seinem unsichtbaren Helfer und Erlöser durchzudringen. In wenig Tagen hoffe ich mein Glaubensbekenntniß in Ihre Hände ablegen zu können und so Gott will, werden mein Mann und ich vereint in nicht ferner Zeit unsere Gebete um Vergebung an derselben Stelle zum Himmel emporschicken, an welcher so Schweres verschuldet und gelitten worden ist.
Vorlage S. 184
648
Das walte Gott! sagte der Caplan. Angelika knieete vor ihm nieder, er segnete sie. Die Saat, die er behutsam und liebevoll aus fester Ueberzeugung ausgestreut, war durch die Gunst der Verhältnisse weit schneller und weit vollständiger zur Reife gekommen, als er es hatte hoffen und erwarten können. Er fühlte sich dadurch erhoben, stark und mächtig. Er genoss den Lohn für die Beschränkung, in welcher er sein Leben zugebracht hatte, er empfand den Segen der einst Geliebten, die er in seinem Herzen als Heilige und als seinen Schutzgeist ehrte, als sein unverlierbares Glück.
Vorlage S. 184
649
Der Baron fand Angelika noch auf ihren Knieen. Bei seinem Eintritte erhob sie sich und warf sich an seine Brust.
Vorlage S. 185
650
Du Theurer! rief sie, ich danke Dir, dass Du meinen Eltern so gute, schöne, herzerquickende Stunden in unserem Hause bereitet hast. Und nun wir Eins sind, nun wir einander ganz und ungetheilt besitzen, nun lass uns vorwärts gehen auf dem Wege, den unser Freund, sie reichte dem Caplan ihre Hand, uns führen wird. Er hat es ausgesprochen: Es giebt nichts, was nicht durch tätige Reue zu sühnen wäre, nichts, wofür die Kirche aus dem reichen Schatze ihrer Gnade nicht die Vergebung spenden könne. Wir wollen sie erringen, erringen mit einander, und ....
Vorlage S. 185
651
Wie verdiene ich Dich? rief der Baron, und schloß sie mit Zärtlichkeit und Freude an sein Herz. Wie verdiene ich Dich?
Vorlage S. 185
652
Sehen Sie den Besitz dieses schönen Herzens, sagte der Caplan mit feierlichem Ernste, als ein Geschenk des Himmels, als ein Pfand der Gnade an, und überlassen Sie sich ihm, damit Sie und Ihr Haus sich im wahren und im neuen Sinne auferbauen.
Vorlage S. 185
653
Das will, das werde ich! betheuerte der Baron, und sein Auge leuchtete heller, sein Kopf hob sich freier und leichter, als es seit langer Zeit geschehen war.
Vorlage S. 185
654
Und nicht nur im Innern wollen wir uns auferbauen, rief Angelika, auch ein äußeres Zeichen unserer inneren Bekehrung, ein Zeichen der Reue, der Buße, der Versöhnung muss errichtet und hingestellt werden für alle Zeit. Daran hängt mein Herz, darauf richten sich meine schönsten Hoffnungen. Versprich mir, dass Du mir gewähren willst, was ich von Dir erbitte.
Vorlage S. 185
655
Sie strahlte in wahrer Begeisterung bei den Worten. Der Freiherr blickte sie mit Bewunderung an. Sage, was Du begehrst, Geliebte! es soll Alles, Alles geschehen! sprach er zärtlich und bestimmt,
Vorlage S. 186
656
Angelika's Mienen wurden ernsthaft, und ruhiger als vorher sagte sie: Du hast das Haus in Rothenfeld zerstören und niederreißen lassen, als Du noch glaubtest, Dir selbst entfliehen zu können. Nun Du einkehrst in Dich selber, nun wir gemeinsam die Einkehr in das Vaterhaus im Himmel suchen, richte dort in Rothenfeld eine Capelle auf, in der wir uns erinnern mögen, dass der Mensch ein Sünder, und dass Gott dem Sünder gnädig ist. Dort will ich mit Dir knieen, mit Dir beten, und dort wollen wir einst bei einander ruhen, wenn der Herr uns abruft!
Vorlage S. 186
657
Es lag etwas Unwiderstehliches in ihren Worten, in ihrer ganzen Erscheinung, denn Selbstüberwindung und Liebe haben eine verklärende Gewalt. Sie umleuchten den Menschen wie ein Heiligenschein. Der Freiherr war hingerissen von der Seelengröße, von der Liebe seiner Frau, der Caplan selbst war durch sie gerührt. So verschieden die drei Menschen waren, so verschieden sie auch in diesem Augenblicke empfanden, sie fühlten sich eng verbunden in einer gemeinsamen Idee, und grade die Hindernisse und Schwierigkeiten, welche der Gründung einer katholischen Capelle mitten in dem protestantischen Lande im Wege stehen konnten, reizten den Baron zunächst. Es begann mit diesem Plane ein neues Leben für ihn, weil sich ihm mit demselben wenigstens für einige Zeit eine lebhafte und vielseitige Tätigkeit darbot.
Vorlage S. 186
658
Die Bedenken der Behörden, die bittenden Einwendungen seines protestantischen Pastors regten seine angeborne Herrschsucht auf, und es galt endlich, vor Allem dem Zorne und der Betrübniß seiner Schwiegereltern zu widerstehen, die von einem Religionswechsel ihrer Tochter nicht reden hören wollten. Aber alle diese Hindernisse führten Mann und Frau nur näher zu einander und steigerten den Eifer der Neubekehrten. Angelika war eine starke enthusiastische Natur. Sie wuchs mit jedem Tage mächtiger zur Selbstbestimmung heran, sie stand bald neben ihrem Gatten, als wäre sie ihm gleich an Jahren und Erfahrung, und ihr fester Sinn fing an, ihn zu beherrschen, ohne dass er es gewahrte, ohne dass sie sich dessen klar bewusst war.
Vorlage S. 186
659
In Tätigkeit, in Liebe, in religiösen Uebungen kam der Herbst heran, und mit ihm der Jahrestag ihrer Hochzeit, der von dem Freiherrn und von Angelika zu einer dreifachen Feier ausersehen war.
Vorlage S. 187
660
Der Baron hatte die Wochen vor demselben teils in der Hauptstadt, teils in der Kreisstadt der angrenzenden katholischen Provinz, in welcher der Fürstbischof residirte, zugebracht. Er kehrte mit der frohen Nachricht heim, dass der Bau der Capelle zugestanden sei und dass der Fürstbischof selbst sich habe bereit finden lassen, der Weihung des Platzes und der Grundsteinlegung beizuwohnen. Weil man es wusste, wie wenig die Gutsleute dem Capellenbaue geneigt waren, hatte der Freiherr für die Einsenkung des Grundsteins einen Maurer mit seinen Gehülfen aus der Stadt nach Richten beordert.
Vorlage S. 187
661
Der Freiherr hatte viel zu melden von seinen Mühen und Erlebnissen, der Caplan wies mit Freude die Documente vor, welche man in das Fundament der Capelle zu versenken beabsichtigte. Es waren die Geschlechtstafeln der Herren von Arten und eine Chronik über das Geschlecht, die er während des Sommers ausgearbeitet hatte. Man beschäftigte sich lange damit, Angelika war von ganzer Seele dabei.
Vorlage S. 187
662
Und hast Du mir nichts Neues mitzutheilen? fragte er endlich die Baronin, nachdem die Männer ihre Angelegenheiten durchgesprochen hatten.
Vorlage S. 188
663
Nichts als diesen Brief und die Versicherung, dass ich ruhig bin in meinem Gewissen wie in meinem Herzen.
Vorlage S. 188
664
Sie reichte ihm den Brief; er war von dem Grafen, ihrem Vater, und von ihrer Mutter geschrieben. Die Mutter beschwor die Tochter noch einmal mit den dringendsten Bitten und Vorstellungen, nicht abzufallen von dem rechten Glauben. Was die Mutterliebe Zärtliches, was die religiöse Ueberzeugung Eifriges und Flehendes einem Kinde sagen konnten, war in dem Briefe enthalten. Der Graf hatte nichts als seinen Zorn. Er drohte der Tochter mit völliger Verstoßung, er erklärte, ihr soweit als möglich ihr Erbe entziehen zu wollen, wenn sie sich beikommen lasse, sich von dem protestantischen Bekenntnisse abzuwenden. Er wolle seine Enkel nicht als Pfaffenknechte sehen, schrieb er; er habe das Vermögen seines Hauses davor zu wahren, dass es durch sie nicht etwa einmal ein Raub der ultramontanen Kirche werde. Er sei ein Protestant, er könne nur eine Protestantin seine Tochter nennen, die Katholikin sei sein Kind nicht mehr.
Vorlage S. 188
665
Der Freiherr las das Schreiben und blickte Angelika voll Besorgniß an. Er wusste, mit welcher Liebe sie an ihren Eltern gehangen hatte, und war also bekümmert um den Eindruck, welchen das Schreiben auf sie gemacht haben würde. Aber sie ließ seiner Sorge keinen Raum.
Vorlage S. 188
666
Sei ohne Furcht für mich, sagte sie. Es steht geschrieben, das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen. Meine Eltern haben mich Dir gegeben, dass ich Dir folge in Deine irdische, vergängliche Heimath, wie sollte ich anstehen, Dir in die wahre, ewige Heimath zu folgen? Und habe ich nicht Vater, nicht Mutter mehr auf dieser Welt – ihre Stimme zitterte, in ihren Augen perlten Thränen –, so habe ich Dich und habe unsern Heiland, und werde, so Gott will, auch bald das Kind haben, es zu ihm hinzuführen. Ich bin nicht allein, nicht verzagt; ich bin glücklicher, als ich je zu werden glauben konnte.
Vorlage S. 188
667
Zwölftes Capitel
Vorlage S. 190
668
Am Morgen des Hochzeitstages schien die Herbstsonne hell über das Thal und über Schloß Richten. Es waren viele Gäste im Hause. Der Fürstbischof war gekommen, von seinen Vicaren begleitet, und auch die beiden Agnaten des Freiherrn waren gekommen, der Feier beizuwohnen. Es waren zwei alte, unvermählte Herren. Das Geschlecht stand in diesem Augenblicke nur auf sechs Augen, die Geburt eines Erben wurde sehr ersehnt.
Vorlage S. 190
669
Angelika war die Heldin des Festes. Liebe, Verehrung, Freundschaft und Theilnahme umgaben sie, wohin sie blickte. Ganz früh in der Stille ihres Gemaches hatte sie eine lange Unterredung mit dem Caplan gehabt. Er hatte ihr, nachdem sie ihm gedankt für die Belehrung und die Stütze, die er ihr gewährt, für die tragende Freundschaft, die er ihrem Manne bewiesen, einen peinlichen Auftrag auszurichten. Er sollte ihr die Absichten ihres Gatten in Bezug auf Paul, den Sohn Paulinen's, mittheilen und ihr die Erfüllung der Wünsche des Barons an das Herz legen. Der Freiherr wünschte den Knaben unter seinen Augen im Schlosse erziehen, ihn ebenfalls zum Katholicismus übertreten zu lassen, und ihn der Kirche zu weihen.
Vorlage S. 190
670
Bereitwillig, wie sich Angelika seither den Bedürfnissen und Verlangnissen ihres Mannes gezeigt hatte, lehnte sie doch diesen Vorschlag gleich und sehr entschieden ab. Es dürfe, sagte sie, im Hause ihres Gatten nicht ein Zeugnis seines Fehltrittes, ein Zeugnis seiner Schuld erhalten bleiben, das in seinen rechtmäßigen Kindern die unbedingte Verehrung für den Vater beeinträchtigen könne. Sie bat den Caplan, ihren Mann dahin zu bestimmen, dass für des Knaben Zukunft gewissenhaft gesorgt und seine Erziehung einem bewährten Manne übergeben werde; aber sie wies jede Gemeinschaft mit dem Kinde ein für alle Mal von sich ab, und der Caplan, der ohnehin ihrer Ansicht gewesen war, versprach ihr, die Zustimmung des Freiherrn für ihre Wünsche zu gewinnen, noch ehe man zu der heiligen Handlung schreiten werde.
Vorlage S. 190
671
Die Capelle des Schlosses war auf das reichste mit Blumen geschmückt. Die Decken, welche die verstorbene Mutter und die Schwester des Freiherrn mit eigener Hand gearbeitet hatten, zierten den Altar. Trotz des hellen Tages brannten die Kerzen auf den silbernen Leuchtern, als um zehn Uhr der Bischof, gefolgt von seinen beiden Vicaren, in die Capelle eintrat. Gleich darauf führte der Freiherr seine Gattin herein. Sie war weiß gekleidet und trug einen Strauß von weißen Rosen vor der Brust. Amanda's Rosenkranz und Crucifix hingen an ihrem Arme. Sie hatte das Gebetbuch, das ihr zu ihrer Erweckung geholfen hatte, in der Hand.
Vorlage S. 191
672
In tiefer Andacht verrichtete sie ihr Gebet. der Caplan, als Hausgeistlicher, las die Messe, der Fürstbischof selbst fungirte bei den Ceremonien in Bezug auf die Neubekehrte, welche, ernst und bleich, das schönste Bild einer jungfräulichen Mutter, die geweihte Kerze aus der Hand des Bischofs empfing. Sie erhielt die Firmung, das Chrisma, die weiße Stirnbinde, welche das heilige Tauföl vor der entweihenden Berührung der Hände bewahrt, wurde ihr umgelegt, der Caplan dankte in einer Rede, welche für den Freiherrn und seine Frau noch eine besondere, nur ihnen verständliche Bedeutung hatte, dem Herrn des Himmels und der Erde für die Gnade, welche dem freiherrlichen Hause durch die Bekehrung der Freifrau widerfahren sei, und Angelika's Lippen bebten nur leise, als sie sich mit einem Eide von ihren bisherigen Glaubensgenossen für immer schied.
Vorlage S. 191
673
Aufgelöst in begeisterter Erhebung, empfing sie gemeinsam mit dem Freiherrn die Absolution und das Abendmahl, und als sie sich so weit gesammelt hatten, um Herr über ihre Haltung zu werden, begab man sich nach Rothenfeld, um den Grundstein zu dem Gotteshause zu legen und einzuweihen.
Vorlage S. 192
674
Alles war schon am Tage vorher dafür vorbereitet worden. Die Maurer hatten ihr Werk getan, der Platz war vom Schloßgärtner mit jungen Bäumen abgesteckt, mit Blumen verziert. Aber die Gutsleute und die Bauern hielten sich fern. Sie sahen, wie der Zug in den vier Wagen durch das Dorf fuhr. Neugierig standen einige Frauen und die herzu gelaufenen Kinder, und starrten das bischöfliche Kreuz und den Bischof in seinem Ornate und die Vicare und den Caplan und den Meßner und die Chorknaben an, welche hier auf offener Straße die silbernen Weihrauchfässer schwangen und die lateinischen Gesänge und Gebete ertönen ließen. Es war Niemandem in den Dörfern wohl dabei zu Muthe.
Vorlage S. 192
675
Der Freiherr und seine Frau und der Caplan kamen den Leuten in der fremden Umgebung auch wie Fremde vor, und dem Freiherrn selber gefielen an dem Tage die Blicke nicht, mit denen man an ihm vorüberging. Aber er hatte nicht viel Zeit, daran zu denken; die Anerkennung, welche die geistlichen Herrschaften ihm zollten, die sichtliche religiöse Befriedigung Angelika's und die innere Genugthuung, welche er bei diesem Acte der Selbstherrlichkeit empfand, nahmen ihn völlig dahin.
Vorlage S. 192
676
Man speiste nach der Grundsteinlegung in dem großen Saale des Schlosses, der nur bei besonderen Festen geöffnet wurde. Noch während der Tafel musste die Baronin sich erheben. Sie befand sich übel, ihre Stunde war gekommen, ihr höchster Wunsch erfüllte sich früher, als sie geglaubt hatte.
Vorlage S. 192
677
An demselben Tage, an welchem sie in die Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen ward, an dem sie sich im Glauben ihrem Manne neu verbunden hatte und der Grundstein zu der Kirche gelegt worden war, gebar sie ihm den Sohn, den er ersehnt hatte.
Vorlage S. 193
678
Jetzt ist der letzte Schmerz von mir genommen! rief der Baron am Lager seiner Gattin niederknieend; jetzt sehe ich, dass mir verziehen ist! Ich bin neu geboren durch Dich und Deine Liebe, ich bin erlöst durch Dich! Dieses Kind ist mir das Pfand dafür – und Renatus Salvator soll er uns heißen!
Vorlage S. 193
679
Noch ehe der Bischof Schloß Richten verließ, ward an dem Neugebornen das Sacrament der heiligen Taufe vollzogen, und mit stolzer Freude blickte der Freiherr auf den Sohn, auf den Erben seiner Güter und seines Namens nieder.
Vorlage S. 193
680
Was konnte ihm neben diesem Kinde, neben dem jungen Freiherrn von Arten-Richten, neben dem Erstgebornen seiner Angelika jetzt noch der Knabe sein, der fern von ihm mit fremdem Namen aufwuchs und an dessen Mutter er nicht mehr zu denken hoffte?
Vorlage S. 193
681
Das Kind, welches hinter den goldenen Fenstern des stolzen Schlosses spielen, das hier seine Heimath und seine Zukunft haben sollte, schlummerte in seiner Wiege, wohl gebettet, wohl versorgt. Der Knabe Paul hatte seinen eigenen Weg zu suchen in der Welt, die nirgends eine Heimathstätte, nirgends ein Vaterhaus für ihn umschloß.
Vorlage S. 193
682
Die Bekehrung und der Uebertritt der Baronin von Arten bildeten, nachdem man dieselben erfahren hatte, eine Weile den Gegenstand der Unterhaltung in den Kreisen, welchen die Familien von Berka und von Arten angehörten; aber die Zeit war zu bewegt, die Menschen waren zu mächtig von den großen Ereignissen, welche sich jenseit des Rheines immer deutlicher und entschiedener entwickelten, erschüttert und hingenommen, als dass die Vorgänge in einer einzelnen Familie, wie angesehen dieselbe auch in ihrer Heimath sein mochte, nicht darüber hätten in den Hintergrund treten und bald vergessen werden sollen.
Vorlage S. 193
683
Was man in der nächsten Umgebung, auf den Gütern des Freiherrn davon dachte, wie die Gutsleute die Bekehrung der Baronin und den beabsichtigten Kapellenbau ansahen, darüber erfuhr man im Schlosse nichts Gewisses, und man kümmerte sich auch zuerst nicht viel darum. Allerdings hieß es, dass der protestantische Pfarrer in Neudorf, dessen Patron der Freiherr war, gegen seine vorgesetzte Behörde des beklagenswerthen Ereignisses Erwähnung getan und die Weisung erhalten habe, nur um so eifriger für das Seelenheil der ihm anvertrauten Gemeinde zu sorgen; aber wenn er sich dessen auch gegen seine benachbarten Amtsbrüder und gegen den Amtmann, der seinen Wohnsitz in Rothenfeld hatte, vielleicht auch gegen den Schulzen berühmte, so fand sich doch Niemand, der sich berufen gehalten hätte, diese Nachricht auf das Schloß zu bringen; und von den Tagen, in welchen Eisenbahnen und pfeilschnelle Telegraphen die Vorgänge aus den entlegensten Gegenden in die Zeitungen und mittelst derselben durch die ganze Welt verbreiten, war man damals noch weit entfernt. Die Zeitungen beschäftigten sich in jenen Tagen fast ausschließlich mit den Angelegenheiten der Potentaten, mit den eigentlichen Staatsactionen. Sie erschienen nur ein Paar Mal in der Woche, wurden von der Post nur ein Mal in der Woche nach der Kreisstadt befördert, aus welcher der reitende Bote des Freiherrn sie nach Richten abholte, und hatte man sie im Schlosse gelesen, so wanderten die kleinen Löschpapierblätter durch die Wohlgeneigtheit des Gutsherrn zu dem Pfarrer und zu dem Amtmann, kamen danach in die Hände des Schullehrers, des Schulzen und des Krügers, um endlich in das Schloß zurückzukehren, wo sie, nach Jahrgängen wohl geordnet, in dem Nebenzimmer des prächtigen Bibliotheksaales unter andern zurückgestellten Drucksachen ihre Ruhestätte fanden. Mochte man also auf den Gütern denken, was man wollte: im Schlosse ging Alles seinen ruhigen und würdigen Gang, seit die Gemüthsverfassung des Barons sich wieder gefestigt, und die Baronin ihr Kindbett überstanden hatte.
Vorlage S. 194
684
Der Winter, welcher im verwichenen Jahre die Eheleute ohne inneren Einklang in dem Hause von Fräulein Esther gefunden hatte, sah sie diesmal in jener Vereinigung und Lebensweise, welche der Baron für sich gehofft hatte, als er die Zusage von Angelika's Hand erhalten; und die Besitzesfreude, welche sich in ihm und in seiner Frau geregt, als sie in der Erwartung eines Erben von der Residenz auf ihre Güter zurückgekehrt waren, hatte jetzt, da der Knabe trefflich gedieh, erst ihre volle Kraft für beide Eltern gewonnen, eine Kraft, die sie zu rüstigem Schaffen, zum Säen, Bauen und Erhalten antrieb.
Vorlage S. 195
685
Alles, was man bisher geplant und gewünscht hatte, nahm man jetzt in Angriff und wollte man schnell vollenden. Man bedurfte jener Entsagung nicht, mit welcher der Besitzlose sein Tagewerk bewältigt, weil seine Vernunft ihm sagt, dass die Leistung eine für das Allgemeine und darum auch für ihn selber geforderte sei, wennschon er vielleicht nicht dazu berufen ist, ihre Frucht ausgiebig zu genießen. Man befand sich in der glücklichen Lage, mit dem Herzen schaffen, sich und den Seinen da eine Genugthuung, einen Erfolg, eine Glücksvermehrung sichern zu können, wo der weniger Begünstigte eine Pflicht erfüllt; und bei Allem, was man vornahm, erhöhte der Gedanke, dass es Renatus und seinen Kindern einst zu Gute kommen werde, den Eifer und den Aufwand, mit welchem man zu Werke ging.
Vorlage S. 195
686
Vor Allem war es natürlich die Gründung des Gotteshauses, welche der Baronin am Herzen lag, und da man an der Schwelle des Winters den Bau nicht mehr hatte in Angriff nehmen können, so beschäftigte man sich an den langen Abenden nur noch mehr mit den Planen für denselben. Dem Freiherrn erwuchs daraus eine vielseitige Anregung und Beschäftigung. Kunstliebend und prachtliebend wie er war, wollte er nicht nur einen dauerhaften Bau hinstellen, sondern zugleich in dieser Kapelle etwas Ansehnliches und Schönes schaffen, und auch die Baronin wünschte, dass das katholische Gotteshaus, welches man auf den Gütern begründete, schon in seiner äußeren Erscheinung jenen zugleich Ehrfurcht erweckenden und freundlich entgegenkommenden Charakter an sich tragen sollte, welchen sie in dem Geiste des Katholicismus für sich so beglückend kennen gelernt hatte. Man zog Baumeister, Bildhauer und Maler zu Rathe, ließ Zeichnungen und Kupferstiche kommen, änderte bald Dies, bald Jenes an dem ersten Plane, bis über dem vielen Sehen und Vergleichen des Bedeutendsten und Schönsten der erste Entwurf, welcher auf eine hübsche Kapelle, auf ein mäßiges Gotteshaus angelegt gewesen war, mehr und mehr zusammenzuschrumpfen und den Erbauern kleinlich zu dünken begann.
Vorlage S. 195
687
Erst hatte man sich gesagt, dass man, weil man keinen Thurm zu errichten beabsichtigte, die Kapelle mit einer würdigen Fronte ausstatten, dass man ihr eine angemessene Größe geben, sie mit einigen Säulen und einer Statue von außen schmücken müsse, und dass man ihr innen die Zierde eines guten Bildes über dem Altare nicht versagen dürfe. Nach einiger Zeit kam man zu der Ansicht, dass mit diesen Ornamenten auch ein größerer Bau ansehnlich zu verzieren sein würde, und da die Baronin sich an dem Gedanken zu erfreuen schien, so überraschte der Freiherr sie am Weihnachtsabende, an welchem sie die Trennung von ihren Eltern schmerzlicher als sonst empfinden musste, mit dem Anerbieten, den ersten Bauplan völlig aufzugeben und statt der Anfangs beabsichtigten Kapelle lieber gleich eine Kirche zu errichten, deren Thurm weithin sichtbar und durch Jahrhunderte ein Zeuge für die Bedeutung des Geschlechtes werden sollte, das ihn aufgerichtet hatte. Freilich musste man sich daran erinnern, dass eine Kirche eine Gemeinde fordere und dass eine solche unter den protestantischen Landleuten nicht vorhanden sei. Aber da man es überhaupt nicht auf ein gemeinnütziges Werk, sondern lediglich und ausschließlich auf eine Selbstbefriedigung abgesehen hatte, so ließ man sich durch den Gedanken an die einsame Kirche nicht abschrecken. Die Baronin sah im Gegentheil eine Hoffnung aus dem Baue empor keimen, der sie sich als Neubekehrte willig überließ, und sie wurde nicht müde, es sich vorzustellen, wie das goldene Kreuz des Thurmes, einst zum Ernste mahnend, über der Gegend leuchten und wie die zur Messe rufenden Glockenklänge dann heimathlich und ladend durch das Land ertönen würden.
Vorlage S. 196
688
Natürlich galt es nun, sich mit dem Architekten in ein neues Einvernehmen zu setzen. Es mussten ein neuer Plan, neue Kostenanschläge gemacht werden, und diese letzteren stiegen nach dem neuen Entwurfe fast um das Sechsfache; aber bei den Mitteln, über welche der Freiherr gebot, brauchte man davor eben nicht zu erschrecken. Wenn man die Summe auf die sechs Jahre vertheilte, welche der Architekt zur Vollendung des Baues gefordert hatte, so war es kaum nötig, sich irgend welche wesentliche Beschränkungen aufzulegen, und der Freiherr hob dies gegen Angelika ganz besonders hervor, weil er eben in diesem Augenblicke eine Veranlassung zu ausgedehnter Gastfreiheit zu haben glaubte.
Vorlage S. 197
689
Es war zu Ende des Januar, an einem scharfen, kalten Winterabende, als man dem Baron unter den Zeitungen und Postsachen, welche der Bote aus der Stadt abgeholt hatte, einen Brief überbrachte, dessen Handschrift und Wappen er zu kennen schien. Auf der Adresse stand die Weisung, dass der Brief durch einen Expressen nach Schloß Richten zu bestellen sei, und der Baron musste die Schreiberin des Briefes – denn derselbe stammte offenbar von einer Frauenhand – werth und in Ehren halten, weil es ihn so unmuthig machte, dass man trotz der ausdrücklichen Anweisung zu besonderer Beförderung, derselben nicht Folge geleistet und den Brief mehr als vierundzwanzig Stunden hatte liegen lassen. Er stampfte ärgerlich mit dem Fuße, und noch ehe er das Siegel eröffnete, schellte er seinem Schreiber, gab ihm in kurzen Worten den Befehl, den Postmeister sofort bei seiner Behörde zu belangen, und rief, als der Schreiber sich entfernte, ihm noch ausdrücklich nach, es dem Postmeister anzuzeigen, dass man eine Klage gegen ihn eingereicht habe. Er war es eben nicht gewohnt, auf Unpünktlichkeit und Versäumniß zu stoßen, wo er zu befehlen hatte.
Vorlage S. 197
690
Dann ließ er sich an dem kleinen Marmortische nieder, welcher vor dem Kamine stand, erbrach das Schreiben, und Angelika, welche, mit einer Filetarbeit beschäftigt, an der entgegengesetzten Seite des Tisches saß, bemerkte an den Mienen ihres Gatten, dass der Inhalt des Briefes ihm nahe ging und offenbar seine ganze Theilnahme in Anspruch nahm. Er schüttelte während des Lesens ein paar Mal leise das Haupt, seufzte danach und reichte endlich, nachdem er ihn beendet hatte, den Brief mit dem Ausrufe: Die arme Frau! der Baronin hin.
Vorlage S. 198
691
Von wem sprichst Du? fragte Angelika.
Vorlage S. 198
692
Von der Herzogin, entgegnete der Baron; aber lies nur selbst, denn die ruhige, würdevolle Fassung ihres Briefes wird Dir, ich weiß es, den gleichen Eindruck machen, wie mir.
Vorlage S. 198
693
Der Brief war in französischer Sprache geschrieben.
Vorlage S. 198
694
»Mein theurer Baron!« hieß es in demselben: »Trotz der langen Zeit, welche seit unseren letzten Spaziergängen in den friedlichen Gärten meines schattigen Vaudricour verflossen ist, haben wir sicherlich beide nicht aufgehört, mit jener Freundschaft und jener Achtung an einander zu denken, welche zu den unschätzbaren Gütern gehören, die kein äußeres Ereignis uns zu rauben vermag; und Sie werden, wenn Sie sich meiner erinnerten, sicherlich nicht geglaubt haben, dass ich in einem Lande geblieben sein könne, welches in den Grundvesten seiner religiösen, seiner politischen und seiner moralischen Existenz so gewaltig erschüttert, so völlig vernichtet worden ist, wie mein unglückliches Vaterland.
Vorlage S. 198
695
Ich habe Frankreich seit fast zwei Jahren verlassen, habe, weil ich den Ereignissen, welche nicht ermangeln können, sich in Frankreich zu vollziehen, nahe zu bleiben wünschte, zuerst in Coblenz, dann in Hannover und in Dresden gelebt. Aber die Zeit des Wartens, wie kurz oder lang sie sein mag, ist immer traurig und schwer zu tragen, und wennschon ich überzeugt bin, dass von Deutschland her unserem unglücklichen Könige jetzt endlich Hülfe und Befreiung, unserem Vaterlande Erlösung aus den Händen jener Rotte von gottlosen Empörern kommen wird und muss, welche es nicht scheuen, ihre Hand zerstörend an das Heiligste zu legen, so macht das Zögern mit dieser Hülfe mich doch sorgenvoll und oftmals so verzagt, dass ich mich nach der Nähe eines Freundes sehne, dessen Theilnahme mich trösten, dessen gleiche Weltanschauung mich im Hoffen und Ausharren ermuthigen kann.
Vorlage S. 199
696
Graf Veuilletot, der das Vergnügen gehabt hat, Sie im vorigen Jahre zu sehen, sagte mir in Dresden, dass Sie sich in Berlin niedergelassen, dass Sie sich verheirathet und an der Seite Ihrer jungen und edeln Gattin ein seltenes Glück gefunden hätten. Das gab mir zuerst den Gedanken, Sie und Ihre Nähe aufzusuchen und mit Ihrem Rathe nach irgend einem Asyle auszuspähen, in welchem ich mit meinem Bruder – denn der Marquis hat mich natürlich nicht verlassen – die Zeit bis zur Herstellung der Ordnung und Gesetzlichkeit in Frankreich, in einsamer Zurückgezogenheit erwarten kann.
Vorlage S. 199
697
Ich verließ also Dresden, um Sie wieder zu sehen. In Berlin erfuhr ich aber, dass Sie, des Stadtlebens bald müde geworden, Ihren Aufenthalt wieder auf Ihren Gütern genommen hätten, und wie sehr es mich auch schmerzte, Sie nicht in der Residenz zu finden, so freute ich mich doch an dem Gedanken, dass die Baronin trotz ihrer Jugend zu jenen Ausnahmenaturen gehöre, welche das zurückgezogene Leben an der Seite eines verehrten Gatten den Zerstreuungen und dem Geräusche der großen Welt vorzuziehen wissen.
Vorlage S. 200
698
Eine solche Frau wird einer Verwandten, einer alten Freundin ihres Mannes seine Freundschaft, wird einer aus ihrer Heimath Vertriebenen das Weilen in der Stille seines Schlosses nicht mißgönnen. Eine Frau wie die Baronin wird es fühlen, wie man sich nach einem langen Wanderleben auf ein Ausruhen unter einem friedlichen Dache sehnt, und ich frage daher ohne Weiteres bei Ihnen an, mein theurer Freund und Vetter, ob Sie mir und dem Marquis Ihre Gastfreundschaft gewähren wollen, bis wir in Ihrer Nähe in ländlicher Stille eine zeitweilige Heimath für uns gefunden haben werden. – Freilich bin ich nicht mehr die lebensfrohe Margarethe, die Sie einst in Vaudricour gekannt haben! Das Unglück hat mich schnell und früh gealtert, aber ich bringe Ihnen doch ein Herz mit, das noch nicht verlernt hat, sich an fremdem Glücke zu erfreuen.
Vorlage S. 200
699
Alles, wonach ich jetzt verlange, ist Ruhe! Deßhalb sende ich Ihnen meinen Brief durch einen Expressen und erwarte Ihre Antwort sobald als möglich. Haben Sie ein Obdach für mich und meinen Bruder, und ist die Baronin nicht unwillig, die Verwandten ihres Gatten kennen zu lernen, so folgen wir Ihrer Zusage auf dem Fuße, und wie Sorge und Kummer und Jahre mich auch verändert haben mögen, so werden Sie hoffentlich in mir stets wieder erkennen Ihre Freundin und Cousine
Vorlage S. 200
700
Margarethe, Herzogin von Duras,
Vorlage S. 201
701
geborene von Lauzun.«
Vorlage S. 201
702
Angelika faltete den Brief, nachdem sie ihn gelesen hatte, wieder zusammen, steckte ihn in sein Couvert und sagte, indem sie ihn dem Freiherrn hinreichte: Welch ein Schicksal, heimathlos zu werden mit einem der schönsten Namen Frankreichs!
Vorlage S. 201
703
Und heimathlos zu werden, fügte der Freiherr hinzu, wenn man in dem anmuthigsten der Schlösser, unter dem sonnig milden Himmel des südlichen Frankreichs gelebt hat! Ich vermag mir die Herzogin in ihrer jetzigen Lage kaum vorzustellen, so sehr ist ihr Bild in meiner Erinnerung mit der ganzen edelen und schönen Umgebung verschmolzen, in welcher ich sie sonst gesehen habe.
Vorlage S. 201
704
Er öffnete den Brief noch einmal, sah nochmals nach dem Datum desselben und bemerkte darauf: Wer mir es gesagt hätte, dass ich Margarethe von Duras hier in Richten als eine Flüchtige, als eine Heimathlose aufzunehmen haben würde; oder wer es unserm Urgroßvater hätte prophezeien wollen, dass eine Enkelin seiner Erdmuth, deren Verbindung mit den Duras ihn so sehr erfreute, einst nach Deutschland kommen würde, um Schutz zu suchen unter dem Dache ihres mütterlichen Geschlechtes!
Vorlage S. 201
705
Er versank in Schweigen, auch die Baronin war innerlich bewegt. Sie kannte die Herzogin nicht, aber sie hatte von ihr bisweilen sprechen hören, wenn der Baron sich seiner ersten Reisen erinnerte oder wenn gelegentlich von den Familienbeziehungen des Arten'schen Geschlechtes die Rede gewesen war. Sie wusste, dass eine Großtante ihres Mannes einen Herzog von Duras geheirathet, der einst in außerordentlicher Mission an einem der deutschen Höfe gelebt und das schöne Freifräulein in einem deutschen Badeorte kennen gelernt hatte. Ihr Nachkomme, der Herzog Edmund, hatte ein Fräulein von Lauzun geheirathet, war kurz nach seiner Hochzeit gestorben und hatte die Herzogin Margarethe als eine junge und kinderlose Wittwe zurückgelassen, die klug genug gewesen war, die Vorzüge ihrer Stellung zu würdigen und sie vorsichtig zu benutzen.
Vorlage S. 201
706
Als Baron Franz seine erste Reise gemacht hatte und auf dieser nach Frankreich gelangt war, hatte er von seinem Vater die Weisung erhalten, sich dort auch der verschwägerten herzoglichen Familie vorzustellen, und da man von beiden Seiten gern bereit war, eine Verwandtschaft anzuerkennen, von der man keinerlei unbequeme Ansprüche zu befahren hatte, während das verwandtschaftliche Verhältnis mancherlei Erleichterungen für den Verkehr darbot, so hatte die Herzogin sich den jungen deutschen Vetter gern gefallen lassen, ohne zu berechnen, in wie fernem Grade er zu ihr gehörte. Der Baron aber war entzückt gewesen, bei seiner Cousine eine so freundliche Aufnahme zu finden, ohne daran zu denken, dass mit dem Tode des jungen kinderlosen Herzogs der Zusammenhang der Herren von Arten mit den Herzogen von Duras eigentlich völlig erloschen war. Er hatte danach in seiner ersten Jugend einige sehr genußreiche Wochen in dem Schlosse der Herzogin zugebracht, man hatte sich auch später, als er abermals nach Paris gekommen war, in der Hauptstadt und am Hofe wiedergesehen und gelegentlich einen Brief mit einander gewechselt. Aber dieser Verkehr war allmählich seltener geworden und hatte endlich völlig aufgehört, obschon der Freiherr sich stets mit Vergnügen und mit Anteil der Herzogin erinnerte. Er liebte es, zu erzählen, wie sie fast immer Vaudricour bewohnt habe, wie selten sie nach Paris gekommen sei, obschon ihr, einer Duras-Lauzun, die beste Aufnahme und eine einflußreiche Stellung sicher gewesen wären, und wie sie es verstanden habe, ihr Schloß zu dem Sammelplatze alles dessen zu machen, was damals in Frankreich auf Jugend und Geist, auf Rang und Bildung Anspruch erheben dürfen.
Vorlage S. 202
707
Auch jetzt wieder war es eine Erinnerung an die Vergangenheit, welcher der Freiherr zuerst Worte gab. Die Herzogin war neunzehn Jahre, sagte er, als ich sie zum ersten Male sah, und schon damals geizte man nach dem Ruhme, ein Gast der Herrin von Vaudricour zu sein. Ich weiß ....
Vorlage S. 203
708
War die Herzogin schön? unterbrach ihn die Baronin.
Vorlage S. 203
709
Nein! entgegnete der Freiherr, aber sie war mehr als das, sie hatte in ihrer ganzen Erscheinung den Adel ihrer Geburt und die sichere Anmuth, welche dieser ihr verlieh. Sie war eine Fürstin im vollsten Sinne des Wortes.
Vorlage S. 203
710
Und Du bist Willens, sie zu uns einzuladen? fragte Angelika.
Vorlage S. 203
711
Der Freiherr schien durch diese Frage überrascht. Es fiel ihm etwas auf im Tone seiner Frau, aber er wollte das nicht beachten, und erwiderte nur: Hast Du für möglich gehalten, es nicht zu tun?
Vorlage S. 203
712
Nein! versetzte Angelika. Ihr Schicksal würde ihr einen bestimmten Anspruch an unsere Gastlichkeit geben, auch wenn sie keine Verwandte unseres Hauses wäre; aber die Schilderung, welche Du mir stets von ihr und ihrem Vaudricour gemacht hast, beunruhigt mich, mein theurer Franz! Ich fürchte, Deine Verwandte wird erwarten, was sie hier nicht finden kann, und wie warm und bereitwillig wir sie auch willkommen heißen, wir werden ihr den leichten Frohsinn ihres Volkes und den schönen Himmel ihrer Heimath nicht ersetzen können.
Vorlage S. 203
713
Der Freiherr lächelte. Deine Jugend macht Dich den Verlauf der Zeit vergessen, sagte er. Die Herzogin ist nicht mehr die junge Chatelaine von Vaudricour, und die Zeit war ernsthaft genug, auch ihre Heiterkeit in Ernst zu verwandeln. Ich höre in jedem Worte ihres Briefes den Ton einer tiefen Traurigkeit, und wer sollte diese in ihrer Lage nicht empfinden? Lass uns darauf denken, Beste, wie wir ihr beweisen, dass wir sie schätzen und ihr Unglück ehren! Ich möchte, sie würde es recht gewahr, dass sie hier in ihrer Familie von Freunden und Gesinnungsgenossen empfangen wird, und ich werde Dir es danken, wenn Du ihr hier bei uns vergiltst, was sie mir einst in ihrer Heimath gewährt hat! fügte er abschließend hinzu.
Vorlage S. 203
714
Angelika versprach, ihr Bestes mit Freuden zu tun. Ein Aufruf an ihre Großmuth war immer sicher, eine gute Statt bei ihr zu finden, und man kam daher überein, dass der Freiherr, um die Versäumniß des Posthalters möglichst auszugleichen, noch an diesem Abende einen Boten mit dem Antwortschreiben nach der Poststation senden solle, damit der Brief dann so schnell als möglich seine Weiterbeförderung finde. Der Freiherr, welcher in allen Dingen sich großer Pünktlichkeit befleißigte, rechnete es genau aus, wann die Herzogin auf diese Weise seine Antwort erhalten könne. Er gestand ihr die schickliche Zeit zum Aufbruch zu, er gab ihr auf das Genaueste den Weg, die Stationen, die Orte an, welche sie zu passiren hatte und an welchen sie übernachten sollte, er schrieb an die Gasthofsbesitzer, bei denen er abzusteigen gewohnt war, um für seine Cousine, die Frau Herzogin von Duras, das Quartier im Voraus zu bestellen, meldete ihr, dass sie für die letzte Tagereise an den geeigneten Orten Relaispferde aus seinen Stallungen finden werde, und schließlich bat er sie mit einnehmender Wendung, sie möge sich von dem Augenblicke ab, in welchem sie die Residenz verlasse, als seinen Gast und überhaupt als ein Familienmitglied ansehen, so lange sie ihm die Ehre erzeige, unter seinem Dache zu verweilen.
Vorlage S. 204
715
Mit einer Empfindung, die aus Rührung und Selbstzufriedenheit gemischt war, durchflog er den Brief und las ihn dann Angelika vor, die auf seinen Wunsch noch einige Worte herzlicher Einladung dazu schrieb und sich im Voraus der Freundschaft ihres künftigen Gastes empfahl.
Vorlage S. 204
716
Beide, der Freiherr sowohl als Angelika, empfanden, indem sie einer Flüchtigen ihr Haus anboten, das Glück, welches sie in ihren wohlbegründeten und unangetasteten Verhältnissen besaßen. In das Mitleid, welches die gegenwärtige Lage der erwarteten Gäste ihnen einflößte, mischte sich unmerklich eine gewisse Eitelkeit, der es erwünscht war, eine Herzogin zur Verwandten zu haben und diese Verwandte beschützen zu können, und der zornige Widerwille gegen diejenigen, welche in Frankreich die Herrschaft des Königs gebrochen und einen Theil des Adels dahin gebracht hatten, seinen Besitzungen und seinem Vaterlande den Rücken zu kehren, war von dem Freiherrn und von Angelika niemals mit so viel persönlicher Bitterkeit empfunden worden, als jetzt. Je mehr man aber mit der Welt unzufrieden war, um so besser war man mit sich selbst zufrieden, und in diesem Wohlgefühle war man sehr geneigt, sich von der Anwesenheit der Gäste die mannigfachsten Genugthuungen zu versprechen.
Vorlage S. 205
717
Dreizehntes Capitel
Vorlage S. 206
718
Entschlüsse, welche man unter dem Einflusse einer augenblicklichen Gefühlserregung fasst, sind bei den meisten Menschen wie ein Rausch, dem eine abspannende Ernüchterung folgt, und nachdem man am andern Morgen die Zimmer ausgewählt und eingerichtet hatte, welche die Herzogin mit ihrem Bruder bewohnen solle, begann sich in dem Baron wie in Angelika, ohne dass sie es einander eingestanden, eine gewisse Besorgniß in Bezug auf die am verwichenen Abende mit so froher Zuversicht erwarteten Hausgenossen zu regen.
Vorlage S. 206
719
Der Baron, welcher die Herzogin seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hatte, dachte unwillkürlich an die Veränderung, die durch einen solchen Zeitraum in ihrem wie in seinem Aeußern hervorgebracht sein musste, und ihm bangte vor dem Spiegel, welchen ihr Altwerden ihm entgegen halten konnte. Er erinnerte sich mit Vergnügen an den heitern Ton leichter Galanterie, in welchem er mit ihr zu verkehren pflegte, aber er musste sich sagen, dass Angelika für denselben kein Verständnis besitze, dass ihr derselbe missfallen habe, wo immer sie ihm begegnet war. Er hingegen dachte noch gern an jenes Federballspiel des Geistes und des Witzes, in welchem die französische Gesellschaft Meister gewesen war; er fand noch jetzt Vergnügen daran, und es fiel ihm plötzlich auf, dass er einen Theil seiner Fähigkeiten zu brauchen aufgehört, dass er an jener Liebenswürdigkeit, die man sonst an ihm bewundert, Abbruch gelitten habe, seit er sich der Führung des Caplans und der ernsten Richtung seiner jungen Frau überlassen hatte. Er ward dadurch verstimmt, denn er mochte sich nicht eingestehen, dass er die große Welt und ihre erheiternde Gesellschaft vermisse, und während er sich selbst in seiner jetzigen Gestalt wie ein Fremder erschien, that es ihm weh, sich auch die Herzogin als eine gebrochene und gewandelte Frau denken zu müssen.
Vorlage S. 206
720
Von dem Marquis hatte er nun vollends keine Vorstellung. Er war vor fünfzehn Jahren ein hübscher junger Mensch gewesen, mit aller Keckheit und Frühreife eines Provençalen, ein wenig prahlerisch, ziemlich unbesonnen und sehr verliebt; und obschon der Baron trotz seiner Hinwendung zur Kirche in seinen Urteilen nachsichtig genug gegen diejenigen zu sein pflegte, welche auf dem von ihm neuerdings verlassenen Wege gingen, so war ihm doch die Aussicht, einen jüngeren Mann von leichten Sitten, dem mancherlei Vorzüge nicht fehlen konnten, zum Hausgenossen zu bekommen, nicht eben erwünscht. Freilich zweifelte er durchaus nicht an der Tugend seiner Gattin, aber an der weiblichen Natur und Kraft im Allgemeinen. Weil er oft genug den Widerstand weiblicher Strenge besiegt hatte, machten seine eigenen Erfolge ihn vor den Erfolgen Anderer bange, und er litt jetzt unter dem Gedanken an früheres Glück, unter dem allgemeinen Missgeschick der Lebemänner.
Vorlage S. 207
721
Nicht minder bedenklich als ihr Gatte fühlte sich Angelika. Sie war zur Eifersucht geneigt, war sich dessen bewusst, und der Blick, der sich ihr in die Vergangenheit ihres Mannes eröffnet, war nicht danach angethan, ihr dieselbe werth zu machen. Sie hatte sich in die Anschauungen eingelebt, dass Gott sie mit ihrem Gatten zusammengeführt habe, damit er sich mit ihr vereint zu einem reinen und heiligen Leben erhebe und in einer makellosen und würdigen Zukunft seine Jugendsünden und die Fehltritte seines Mannesalters sühne. Sie hatte sich der Hoffnung hingegeben, dass er selbst jetzt mit Widerstreben in seine Vergangenheit zurückblicke, dass er abgeschlossen habe mit den Tagen, welche vor ihrer Ehe mit ihm lagen, und sie fand nun plötzlich, dass dem nicht so sei, sondern dass er sich ihrer und aller ihrer kleinen Einzelheiten mit einer Wärme erinnerte, welche eine noch ungebrochene Jugendlichkeit und Schnellkraft der Empfindung voraussetzen ließen.
Vorlage S. 207
722
Das beunruhigte Angelika. Sie fing an, es sich zum Vorwurfe zu machen, dass sie so schnell und so ohne weitere Ueberlegung in die Aufnahme der fremden Frau gewilligt hatte. Es fiel ihr ein, wie natürlich es gewesen wäre, der Herzogin das Haus in der Residenz wenigstens für die Dauer des Winters zum Aufenthalte anzubieten. Dann hätte man sie später zu einem Besuche in Richten auffordern, hätte sich gegenseitig kennen lernen mögen; und wenn es sich auf solche Art erwiesen, dass man zu einander passe, so wäre es ja dann noch immer an der Zeit gewesen, sie zu einem verlängerten Aufenthalte einzuladen, den man ihr jetzt in gewissem Sinne wie eine Wohlthat zugestand. Indeß Angelika verschwieg dem Freiherrn ihre Bedenken. Auch er hielt zurück, was sich Zweifelndes in ihm regte, und nur an den Caplan wendete sich die Baronin, um von ihm zu erfahren, was er von der Herzogin dachte und wusste.
Vorlage S. 208
723
Alles, was er von ihr berichten konnte, stammte aber aus der Zeit, in welcher der Caplan noch Reisebegleiter des jungen Freiherrn gewesen war. Er rühmte an der Herzogin ihre sichere Haltung bei völliger Freiheit des Betragens, ihre zuvorkommende Rücksichtnahme auf Andere bei einer entschiedenen Neigung zur Selbstbestimmung und bei einer gewissen Herrschsucht, welche mit ihrer Fröhlichkeit in Widerspruch zu stehen geschienen hätten. Er erzählte mit Wohlgefallen, wie einnehmend sie gewesen sei und wie sehr sie es verstanden habe, ihre Gäste an sich zu fesseln, obschon sie ihnen volle Freiheit gegönnt. Das klang Alles äußerst bestechend, machte aber der Baronin doch kein sonderliches Vergnügen, und auch der Caplan schien nicht grade erfreut über die Aussicht auf den bevorstehenden Besuch.
Vorlage S. 208
724
Er kannte noch besser als sie selbst den leicht beweglichen Sinn des Freiherrn und die Ansprüche, welche Angelika an die Gesinnungstreue der Menschen machte. Er dachte des schweren Zerwürfnisses, welches zwischen den Eheleuten Statt gefunden und das kaum noch Zeit gehabt hatte, auszuheilen; und obgleich er sich sagte, dass es sein Bedenkliches habe, wenn zwei sehr ungleiche Charaktere lange ausschließlich auf einander angewiesen blieben, und dass die Gegenwart zwischen ihnen stehender Personen oftmals einen Zusammenstoß verhindere, der sonst nicht wohl ausbleiben könne, so war es ihm, wenn er an das freiherrliche Ehepaar gedachte, doch zweifelhaft, ob eben die Herzogin dazu geeignet und wie weit ihr Bruder dazu gemacht sein würde, diese wohlthätige Wirkung auszuüben.
Vorlage S. 209
725
Indeß auch er behielt seine Besorgniß vorsichtig für sich und da sowohl der Freiherr als Angelika hülfreichen Herzens waren, so schämten beide sich innerlich der halben Abgeneigtheit gegen die erwarteten Gäste, Ja, sie zeigten sich eben deßhalb doppelt bemüht, es an keiner Vorsorge und Rücksicht für sie fehlen zu lassen, und für ihren Empfang und Aufenthalt Alles in einer Weise vorzubereiten, welche den eigenen Wohlstand und Rang, den Geschmack der Hausfrau, die dankbare Erinnerung des Barons und zugleich die Verehrung und den Anteil ausdrücken sollte, welche man für die unglücklichen und sich selbst getreuen Standesgenossen hegte. Man war alltäglich mit der Vorsorge für sie beschäftigt. Der Baron und Angelika wussten immer noch irgend eine kleine Bequemlichkeit, eine Zierath in die Gemächer zu schaffen, die man schon jetzt als die Zimmer der Herzogin bezeichnete, bis man sich an dem Tage, an welchem die Fremden zu erwarten standen, sagen durfte, dass man jetzt das Mögliche mit bestem Willen für sie getan habe.
Vorlage S. 209
726
Die ganze Woche hindurch hatte es sehr scharf gefroren, am Morgen war nach langer Zeit wieder einmal Schnee gefallen, und gegen den Abend hatte ein scharfer Nordwind, der eisig über die Felder und durch die Wälder hinsauste, die Wolken verjagt, so dass die Sterne an dem Himmel flimmerten und man trotz der Dunkelheit es aus den Fenstern sehen konnte, wie die weiße Fläche sich weithin ausbreitete und die mächtige Linden-Allee, welche zum Schlosse führte, ihre gewaltigen beschneiten Aeste zum Himmel erhob.
Vorlage S. 210
727
Draußen wurde der Wind immer heftiger. Bald zog er in langsamem Stöhnen über die Gegend hin, bald rang sich aus dem Stöhnen ein plötzlicher Sturmstoß hervor, unter dessen Wucht die Aeste der Bäume knarrten, die Wetterfahnen auf dem Schlosse sich kreischend auf ihren Stangen herumdrehten, und die Krähen, welche sich zur Nachtruhe darauf niedergelassen hatten, erschreckt aufflogen und krächzend eine neue Ruhestätte suchten. Einmal schlug eine Thüre zu, die man in dem Seitenflügel des Schlosses, in dem sich die Wirthschaftsräume befanden, offen gelassen hatte; dann hörte man, wie mühsam bei dem Froste das Rad am Ziehbrunnen sich bewegte und wie der Ruß in den Kaminen und Schloten leise klingend herniederrieselte.
Vorlage S. 210
728
Es mochte sieben Uhr sein. Um diese Zeit konnte die Herzogin eintreffen, und schon seit einer halben Stunde hatte man am Anfange der Allee die Pechtonnen angezündet, deren Feuer dem Gaste ein erstes Willkommen in die Ferne zurufen und die Nähe der befreundeten Wohnung anzeigen sollten. Unten in der Halle und auf den Treppen und Gängen war Alles festlich erleuchtet. Die Dienerschaft hatte ihre Galalivreen angelegt, Windlichter standen bereit, um bei dem ersten Peitschenknalle des Kutschers der Herzogin entgegengebracht zu werden, und oben in ihrem Wohnzimmer ging die Baronin auf und nieder, hier in müßiger Unruhe ein Buch zurecht legend, dort ein Bild grade richtend, bis sie sich ermüdet an dem Kamine niederließ, von dem sie sich bald wieder erhob, um an das Fenster zu treten und in die dunkle Nacht hinauszuschauen.
Vorlage S. 210
729
Der Baron hingegen saß ruhig lesend an dem Tische, der mitten in dem Zimmer stand. Nur von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf Angelika, wenn sie eben an ihm vorüberkam, und sah nach der Uhr hinüber, die in großem, vielschnörkligem Gehäuse auf dem Simse des Kamines stand, hell von den Kerzen der schweren Armleuchter beschienen.
Vorlage S. 211
730
Das verdroß Angelika, denn die Aufgeregte fühlte sich durch die Ruhe ihres Mannes getadelt, und als sie wieder eine Weile am Fenster gestanden hatte, wendete sie sich um und sagte: Ich fürchte, wir jagen der Herzogin einen Schreck mit unserm Freudenfeuer ein. Der Sturm erstickt es wieder und wieder, und der Qualm allein wird ihr entgegenkommen. Ich gäbe viel darum, wenn sie einen freundlicheren Abend für ihre Ankunft getroffen hätte.
Vorlage S. 211
731
Ja! versetzte der Freiherr, das Wetter ist sehr rauh! und nach der Fensterseite blickend, fügte er hinzu: Die Feuer scheinen aber doch eben jetzt erträglich zu brennen! Dann wendete er sich gelassen zu seinem Buche.
Vorlage S. 211
732
Indeß Angelika mochte des Schweigens müde sein, denn sie bemerkte: fremd, wie der Norden der Herzogin sei, müsse dieselbe doppelt widerwärtig von der Kälte berührt werden. Der Freiherr entgegnete, dass auch in der Provence heftige Winterstürme wütheten, und dass die Herzogin doch bereits zwei deutsche Winter durchlebt habe. Und wieder herrschte eine Weile das frühere Schweigen, und wieder ging Angelika auf und nieder, bis sie nicht ohne einen Anflug von übler Laune die Frage aufwarf: ob der Freiherr sich etwa vorgenommen habe, das Buch, mit welchem er sich beschäftige, noch vor der Ankunft ihres Gastes zu beenden.
Vorlage S. 211
733
Nein, o nein! antwortete der Freiherr, indem er sich erhob und das Buch zusammenlegte; ich liebe es nur nicht, mich unnöthig in den Zustand eines Wartenden zu versetzen.
Vorlage S. 212
734
Als ob man das in seiner Gewalt hätte! wendete Angelika ein.
Vorlage S. 212
735
Ich wüsste wirklich nicht, meinte der Baron, was so völlig von uns selber abhängt, nichts, was uns so schmählich um die Zeit betrügt, als jenes Warten, das mit seiner Ungeduld das Herankommen eines bevorstehenden Ereignisses beschleunigen möchte. Man verwandelt auf diese Art einen Zustand, in welchem wir uns notwendig leidend verhalten müssen, in einen gewisser Maßen tätigen, und man wird durch diese fruchtlose Anstrengung, die sich von Minute zu Minute steigert, so gequält, dass man dem erwarteten Ereignis oder der erwarteten Person, eben um deßhalb meist überreizt oder abgespannt, also jedenfalls nicht in wünschenswerther Verfassung entgegentritt.
Vorlage S. 212
736
Kann es denn Jemanden verletzen, fragte Angelika, ungeduldig und lebhaft erwartet worden zu sein?
Vorlage S. 212
737
Gewiss, meine Beste! denn es ist nicht angenehm, zu erfahren, wie man seinen Wirthen ein Unbehagen verursacht habe, und noch weniger angenehm, es gleich zum Willkommen betheuern zu müssen, dass man die Schuld der verzögerten Ankunft nicht trage. In allen Lebensverhältnissen sind ein gemächliches Gehenlassen und eine gewisse anspruchslose Gleichgültigkeit vortreffliche Unterlagen für ein behagliches Zusammenleben.
Vorlage S. 212
738
Soll das eine Anmahnung für mich sein? fragte die Baronin.
Vorlage S. 212
739
Ja! entgegnete er, eine Anmahnung für Dich, an die Du mich erinnern sollst, wenn Du sie mir nötig findest; denn in rechter Weise Gastfreundschaft zu üben, ist eine schwere Kunst, ist eine Selbstprüfung, der nur wenige Familien gewachsen sind. Und ich würde angestanden haben ....
Vorlage S. 212
740
Angelika blickte betroffen zu ihm empor, aber es blieb ihnen keine weitere Zeit für diese Erörterungen.
Vorlage S. 213
741
Das sind sie! rief der Baron, als fern im Dorfe ein Hund anschlug.
Vorlage S. 213
742
In demselben Augenblicke meldete ein Diener, dass die Herrschaften kämen, man könne bereits das Licht in den Wagenlaternen blinken sehen.
Vorlage S. 213
743
Angelika trat an das Fenster, es war im Hofe plötzlich lebendig geworden. Das Bellen der Hunde, das Zurückschlagen der großen eisernen Gitterthüren, die Stimme des Haushofmeisters ließen sich vernehmen. Im unteren Corridore öffnete man hier und dort ein Zimmer; der Kammerdiener des Barons hatte ihm den Hut und den pelzverbrämten Sammetrock herbeigeholt und stand wartend an der Thüre.
Vorlage S. 213
744
Angelika und ihr Gatte sahen zum Fenster hinaus. Er hatte den Arm um ihren Leib geschlungen, ihre Hand ruhte auf seiner Schulter und sie sprachen beide nicht. Endlich hörte man das Knallen der Peitschen; der Vorreiter, den man den Gästen des Schneefalles wegen bis zur nächsten Station entgegengesandt hatte, ritt in den Hof, und der Baron trat in das Zimmer zurück, um seinen Pelz anzulegen und der Herzogin entgegen zu gehen.
Vorlage S. 213
745
Da fasste Angelika schnell seine Hand. Franz, sagte sie, mich überfällt plötzlich eine kindische Angst!
Vorlage S. 213
746
Vor der Herzogin? fragte der Baron lächelnd und wollte dem Diener folgen, der sich eben entfernt hatte.
Vorlage S. 213
747
O, lache nicht! rief sie, so wie jetzt, ist mir in meinem Leben nicht gewesen, und könnte ich mit den schwersten Opfern es verhindern, dass die Fremden mit uns leben, ich wollte diese Opfer bringen! – Die Thränen kamen ihr dabei in die Augen und ihre Aufregung war unverkennbar.
Vorlage S. 213
748
Der Freiherr war erschrocken, aber es war keine Zeit zu verlieren.
Vorlage S. 213
749
Ich beschwöre Dich, Kind, verbanne diese Gedanken! bat er dringend. Komm, gieb mir die Hand; sind wir doch Eins, waren wir doch Eins in der Ueberzeugung, dass wir der befreundeten fürstlichen Frau hier eine Zufluchtsstätte bereiten müssten – woher also diese Aufregung? Woher dieses thörichte, thörichte Bangen, Du liebes, zaghaftes Weib?
Vorlage S. 214
750
Er nahm sie in seine Arme, er küsste sie, und er liebte Angelika, weil sie ihn oft schwach gesehen hatte, stets am meisten, wenn sie sich hülfsbedürftig an ihn lehnte. Weine nicht, sei schön und heiter, bat er, als er dann eilig von ihr ging. Aber die Heiterkeit wollte ihr nicht kommen, und bangen Herzens schaute sie in den Hof hinunter, in welchen eben jetzt die Kutsche einfuhr.
Vorlage S. 214
751
Wenn jetzt ein Stern herniederschießt, sagte sie, plötzlich in die Höhe blickend, so soll mir das ein Zeichen sein, dass ich guten Muthes sein darf und dass es Freunde sind, die mir nahen!
Vorlage S. 214
752
Sie schaute empor, zur Rechten, zur Linken – es blieb Alles dunkel. Das bedrückte ihr das Herz, und eben wollte sie sich vom Fenster entfernen, um die Herzogin zu empfangen, da wandte sie den Kopf noch einmal zurück, und hell und strahlend schoss ein Lichtstreifen vom Zenith quer zum Horizont hinab. Gottlob! rief Angelika, und mit hellem Auge und freudiger Bewegung eilte sie auf die Herzogin zu, welche eben jetzt am Arme des Barons in das Zimmer eintrat.
Vorlage S. 214
753
Vierzehntes Capitel
Vorlage S. 215
754
Mitternacht war vorüber, als Angelika selbst die Herzogin nach ihren Gemächern geleitete und von dieser mit einer Umarmung entlassen wurde.
Vorlage S. 215
755
Nun, Angelika, fragte der Freiherr, als seine Gattin zu ihm zurückkehrte, wie gefällt Dir unser Gast?
Vorlage S. 215
756
Wie kann von Gefallen die Rede sein, rief die Baronin mit einer ihr ungewöhnlichen Lebhaftigkeit aus, wo man sich wie von einem Zauber umfangen fühlt? Ich hatte mir die Herzogin nach Deinen und des Caplans Schilderungen nicht schön gedacht, und schön ist sie auch nicht, wenigstens nicht in dem Sinne, den die Menge mit dem Worte verbindet; aber ich meine, wenn man einmal in diese sanften, blauen Augen geblickt hat, so kann man nicht mehr aufhören, sich nach ihnen hinzuwenden; sie sind so klug und dabei so mild, dass es mir leid that, wenn sie die Lider senkte und der dunkle Vorhang ihrer Wimpern mir die hellen, freundlichen Sterne entzog.
Vorlage S. 215
757
Der Freiherr lächelte. Du wirst dichterisch begeistert, meinte er, und ich habe Dich in der That noch nie für Jemanden so schnell und so entschieden günstig eingenommen gesehen. Uebrigens hat die Herzogin sich wirklich gut erhalten. Das ist ein Vorzug dieser feinen, kleinen Gestalten und der hellen Blondinen. Ihr Haar ist noch schön, selbst unter dem Puder, und der Contrast desselben mit den schwarzen Wimpern, der ihre Physiognomie reizend machte, als sie jung war, wirkt noch anziehend.
Vorlage S. 215
758
Und wie kleidet sie sich, wie spricht sie! rief Angelika mit der früheren Erregung. Es ist Alles Harmonie an ihr! Das schöne, weiche Haar, welches an ihrer Stirne herabfällt, und das weiche, graue Schleppkleid und ihr leises, sanftes Sprechen, Alles stimmt zusammen. Dieser Frau muss sich das Herz der Menschen öffnen, wie dem Frühlingslichte; diese Frau werde ich lieben, das fühle ich.
Vorlage S. 215
759
Der Freiherr hörte das mit Verwunderung. Er selbst war bewegt worden durch das Wiedersehen Margarethen's. Ihre edle Bildung, ihre einfache Würde hatten ihm jetzt in ihrem Unglücke einen erhöhten Eindruck gemacht, aber er war weltgewohnter, hatte in sich doch immer den Vergleich zwischen der jetzigen und der früheren Erscheinung seiner Freundin zu machen, und da er überhaupt in seinen Urteilen zurückhaltend war, wenn nicht eine leidenschaftliche Erregung seinen Sinn bewegte, so machte die außerordentliche Bewunderung, welche Angelika für die ihr noch fremde Frau an den Tag legte, eine entgegengesetzte Wirkung auf ihn. Er hätte nicht sagen können, weßhalb ihm die Begeisterung Angelika's mißfiel, aber er glaubte sie bekämpfen oder ihr doch wenigstens Schranken setzen zu müssen, und während er die Baronin bisher stets für die Herzogin zu gewinnen und einzunehmen gesucht hatte, erinnerte er sie jetzt daran, dass es nicht weise sei, in ein neues Verhältnis mit hochgespannten Erwartungen einzutreten, weil man damit nicht nur sich selbst Enttäuschungen vorbereite, sondern auch demjenigen Unrecht thue, von dem man Außerordentliches erwarte, ohne zu wissen, in wie weit er gewillt und fähig sei, ein solches zu leisten.
Vorlage S. 216
760
Diese Mahnung betrübte die Baronin. Du weißt, sagte sie mit einem Anfluge von Empfindlichkeit, wie gern ich bereit bin, mich Deiner mir überlegenen Erfahrung unterzuordnen; aber mich dünkt, bisweilen wäre es großmüthiger von Dir, mich den Irrthümern meines Alters zu überlassen. Es ist ein solches Glück, eine recht volle, große Bewunderung zu fühlen, und dass die Herzogin mir Gutes bringt, dafür habe ich ein Zeichen.
Vorlage S. 216
761
Der Freiherr wollte wissen, worin dieses Zeichen bestehe; Angelika verweigerte neckend, es zu sagen, da sie bemerkt hatte, dass ihre nicht absichtslose Erwähnung des Altersunterschiedes zwischen ihr und ihrem Manne diesem nicht angenehm gewesen war, und als er dann, ebenfalls scherzend, mit Bitten in sie drang, legte sie die Arme über einander, blickte ihm in die Augen und sagte: O, frage mich nicht!
Vorlage S. 217
762
Sie hatte dabei Bewegung und Ton der Herzogin nachgeahmt, und das stand ihr vortrefflich, denn Frauen von ernstem Sinne, die immer nur in der Wahrheit leben, immer nur sie selbst sind, bekommen leicht etwas Strenges in ihrer Physiognomie und Haltung, und das war Angelika's Fall. Sie verschmähte den Schein in jedem Betrachte, und doch ist der schöne Schein die eigentliche Form, in welcher der Mensch sein Wesen kund zu geben hat, wenn es nachhaltig wohlthuend und in jedem Augenblicke erfreulich auf Andere wirken soll. Auch das Höchste und Erhabenste kann der schönen, der durch Bildung und Achtsamkeit zur Natur gewordenen Form nicht entbehren, und es entzückte den Freiherrn, als er plötzlich gewahr wurde, dass Angelika, bestochen von der Anmuth der Herzogin, sich selber nicht mehr genügte, dass sie in neuer Weise ihm zu gefallen bemüht war, weil sie selbst ein lebhaftes Wohlgefallen empfunden hatte.
Vorlage S. 217
763
Er sagte ihr verbindlich, dass die kleine Coquetterie sie reizend mache, sie versicherte, dass er das Vergnügen, sie reizend zu finden, der Herzogin verdanke, und von Wort zu Wort, von Scherz zu Scherz fortgetragen, fanden die Eheleute sich in eine Art der Unterhaltung und in eine geistreiche Heiterkeit versetzt, wie sie nie zuvor zwischen ihnen Statt gefunden hatte. Als Braut war Angelika zu schüchtern dafür gewesen, und nach ihrer Verheirathung zu kummervoll. Dann hatte die Richtung auf das Religiöse sie gefangen genommen, und obschon der Baron sich in diese Richtung hineinziehen lassen, ja, zu Zeiten selbst Trost und Beruhigung aus ihr geschöpft hatte, so waren doch die alte Gewohnheit und Neigung des Welt- und Lebemannes nicht in ihm erloschen, und der Gedanke, dass Angelika zu ernst, zu streng, zu unjugendlich sei, war in ihm häufig aufgestiegen.
Vorlage S. 217
764
Er kam sich selbst verjüngt vor, und er schien auch Angelika jünger und liebenswürdiger, als sonst, da er sich in dem ihm natürlichen Tone freier Heiterkeit bewegen durfte, so dass er ihr aussprach, wie ihr Frohsinn ihn nicht nur um seinetwillen, sondern auch um ihres Knaben wegen freue.
Vorlage S. 218
765
Ich habe wirklich oftmals besorgt, sagte er, Deine ausschließliche Hinwendung auf das Ernste und Erhabene könne unserem armen Renatus, wenn er uns heranwächst, sein junges Leben trüben; und wenn ich mir vorstellte, dass mein Sohn, dass ein Arten ohne Freiheit, ohne Heiterkeit, ohne ein wenig Uebermuth und Tollheit, ohne die es nun einmal bei Unsereinem nichts werden kann, erzogen werden sollte, so habe ich wohl bisweilen den sündhaften Wunsch gehegt, Du möchtest unbedeutender und harmloser sein, und daran gedacht, den Caplan zu entfernen, wie hart mir das auch angekommen wäre. Denn ....
Vorlage S. 218
766
Denn Renatus geht Dir über Alles, schaltete Angelika ein, welche in der Stimmung war, selbst solche Aeußerungen ihres Mannes, da sie mit lachender Lippe und zärtlichem Auge gesprochen wurden, unbefangen aufzunehmen.
Vorlage S. 218
767
Ja, wiederholte der Baron, Renatus geht mir über Alles. Ist er nicht der Träger unseres Hauses und Dein Sohn?
Vorlage S. 218
768
Sie waren damit in das Nebengemach gegangen, in welchem das Kind in seiner Wiege schlief, und als die Wärterin die Gardine zurückschlug, damit die Eltern, wie sie es an jedem Abende thaten, den Kleinen noch einmal betrachten konnten, neigte sich die Mutter zu ihm hernieder, küsste sein Händchen, das auf der seidenen Decke lag, und sagte: Also Dir und Deinem Vater, Du lieber Engel, ist die gute Herzogin auch zu Hülfe gekommen! Nun, dafür wollen wir sie aber auch von Herzen lieben!
Vorlage S. 218
769
Sie hatte auch das wieder mit jenem ihr neuen Tone scherzender Coquetterie gesprochen, und sie gefiel sich darin selber. Noch ehe sie sich in das Schlafgemach zurückzog, gab sie ihrer Kammerfrau die Weisung, ihr für den Morgenanzug verschiedene Zierathen und Bänder zu beliebiger Auswahl bereit zu legen. Auch das war eine Neuerung. Die Huldigung und die Bewunderung, welche die Männer in der Residenz und am Hofe ihr gezollt, hatten sie völlig kalt gelassen, die bloße Erscheinung der Herzogin regte sie auf; denn sie gehörte zu jenen Frauen, die weniger durch die Neigung für den Mann als durch die Nebenbuhlerschaft mit ihrem eigenen Geschlechte in Bewegung gesetzt und geleitet werden, weil sie nicht einem Andern, sondern sich selbst genügen wollen, und die nicht lieben können ohne rückblickenden Vergleich auf sich, ja, die oft, ohne es zu wissen, sogar auf die Bewunderung eifersüchtig sind, welche sie einer Andern zollen.
Vorlage S. 219
770
Ueber dem Antheile, den man an der Herzogin nahm, hatte man ihres Bruders beinahe vergessen, obschon sich in dem Marquis das Bestreben, zu gefallen und die Aufmerksamkeit und Theilnahme der Andern auf sich zu ziehen, unverkennbar kund gab. Gelang ihm dies, so war er lebhaft und voll guter Laune, beschäftigte man sich nicht mit ihm, so versank er in eine Zerstreutheit, in eine Gleichgültigkeit, die es klar verriethen, dass er wohl die Rücksicht auf Andere, aber nie die eigene Befriedigung aus den Augen setzen könne.
Vorlage S. 219
771
Er war dreißig Jahre alt und sah noch jünger aus. Seine mittelgroße Gestalt war leicht und fein, sein Schritt vorsichtig wie der eines Hofmannes, und auf eine Laufbahn am Hofe hatte er es ursprünglich auch wohl abgesehen. Er sah ein wenig bleich, ein wenig ermüdet aus, aber er trug den Degen, den kleinen Haarbeutel und den seidenen Strumpf mit so viel Zierlichkeit, er scherzte und bewegte sich so heiter, dass man Mühe hatte, an seine Kränklichkeit zu glauben, von welcher die Herzogin stets sprach, oder ihre Sorgfalt für ihn so notwendig zu glauben, als sie dieselbe darzustellen liebte.
Vorlage S. 220
772
Seine Befriedigung und sein augenblickliches Behagen waren ihm unverkennbar das Wichtigste auf der Welt. Selbst der politische Zustand seines Vaterlandes schien ihm bisher nicht viel Kummer gemacht zu haben. Er hatte, als der jüngste von mehreren Brüdern, kein Vermögen; die Herzogin hatte für ihn gesorgt, und er überließ ihr diese Sorge auch jetzt und für die Zukunft. Freilich war es eine selbstsüchtige Liebe, welche sie für den Bruder hegte, denn sie wünschte sich in ihm einen Gesellschafter zu erhalten, der ihr angehörte und ihr doch völlige Freiheit ließ; aber sie musste es wenigstens verstanden haben, ihm die Bande leicht und die Abhängigkeit lieb zu machen, in denen sie ihn gefesselt hielt.
Vorlage S. 220
773
Er war ausgewandert, weil die Herzogin es so gewollt hatte, und diese war umsichtig genug gewesen, die Auswanderung rechtzeitig vorzubereiten. Bald nach dem Ausbruche der Revolution hatte sie bedeutende Capitalien flüssig gemacht und in sicheren Händen außer Landes niedergelegt. Weil man aber nach der Flucht aus Frankreich auf eine schnelle Rückkehr in die Heimath gerechnet, so hatte die Herzogin Anfangs auch in Deutschland das ihr gewohnte breite und fürstliche Leben fortgeführt, und der Augenblick war denn, da man an die Heimkehr nicht denken konnte, schnell genug gekommen, in welchem es sich absehen ließ, wann sie mit ihrem Bruder sich mittellos, wie so viele ihrer französischen Standesgenossen, aller Noth der Verbannung und Entbehrung anheimgegeben finden würde.
Vorlage S. 220
774
Da hatte sie zum ersten Male eine große Verzagtheit überfallen, und in ihren eigenen Verhältnissen und Verbindungen umherschauend, hatten ihre Gedanken sich auf den Freiherrn von Arten gerichtet. Dass sie bei diesem Manne sich keiner abschlägigen Antwort versehen durfte, wenn sie im Namen ihrer Stammesverwandtschaft seine Gastlichkeit und seinen Beistand in Anspruch nahm, davon hielt sie sich überzeugt, und ihre Erwartung hatte sie nicht getäuscht, ja, sie hatte dieselbe bei ihrem Empfange noch weit hinaus übertroffen gefunden. Nur in Einem Betrachte hatte die Herzogin sich geirrt: sie hatte die Bedeutung der Baronin unterschätzt und, nachdem sie dieselbe mit scharfem Blicke schnell erkannt, sich nicht der Hingebung versehen, welche Angelika ihr seit der Stunde ihrer Ankunft entgegenbrachte.
Vorlage S. 221
775
Die Baronin hatte den guten Geschmack, ihren Gästen nicht gleich in den ersten Tagen die Bekanntschaft der benachbarten Adelsfamilien, mit denen man, seit der Baron verheirathet war, ohnehin nur geringen Verkehr unterhalten hatte, anzubieten, oder besondere Zerstreuungen und Unterhaltungen für sie vorzubereiten. Denn wem man das Gute, das man besitzt, alles auf einmal und gleich bei seiner Ankunft darbringt, dem giebt man damit unwillkürlich zu verstehen, dass man ein langes Verweilen nicht von ihm erwarte; wem man aber die Zeit lässt, sich erst heimisch in dem Hause zu machen, dessen Gast er sein soll, wen man vor allen Dingen erst sich zu einem Hausgenossen einleben lässt, dem gewährt man die Möglichkeit, sich allmählich anzueignen, was ihm von dem Nächstliegenden wünschenswerth ist, und sich selbst nach demjenigen umzuschauen, was ihn von fern her lockend oder angenehm bedünkt.
Vorlage S. 221
776
Das Leben im Schlosse gewann nun auf diese Weise plötzlich einen neuen Mittelpunkt und das Alltägliche in demselben eine veränderte Bedeutung, weil man es mit dem Hinblicke auf die Gäste ansah und bedachte, und weil durch das Zusammensein einer größeren Menschenzahl dem schöpferischen Walten des Zufalls mehr Raum geboten wurde, als bisher. Der Freiherr und seine Gattin und der Caplan kannten einander so genau, Jeder wusste mit nie irrender Zuversicht, was er im gegebenen Falle von dem Anderen zu erwarten hatte. Was man besaß, hatte man genossen, und da man sich außerdem in der Lage befand, der Sorgen für des Lebens Nothdurft enthoben zu sein, so hatte man in der letzten Zeit im Schlosse, wenn nicht von Außen sich Anregungen boten, in einem Zustande der Ruhe gelebt, dessen Vorzüge man zwar zu würdigen wusste, der aber in seiner Einförmigkeit doch auch seine Gefahren barg.
Vorlage S. 221
777
Bei Personen von Bildung, wie die Schloßherrschaft und ihre Gäste, bei Menschen, die sich selbst zu achten verstanden, konnte es natürlich nicht leicht und nicht schnell zu jenen Mittheilungen über die eigenen Angelegenheiten kommen, welche bei Leuten, denen der Sinn für das Allgemeine abgeht, den eigentlichen Boden des gegenseitigen Antheilnehmens ausmachen. Aber da man die gleichen Ansichten über den Kampf hatte, der in Frankreich von dem Bürgerstande gegen den Adel und das von diesem getragene und ihn schützende Königthum ausgefochten wurde, da von dem Siege des Letzteren die Erhaltung der eigenen Vorrechte abhing, während durch seinen Sturz die eigene bisherige Existenz in Frage gestellt ward, so besaß man in diesen gemeinsamen Sorgen und Befürchtungen die erste sichere Annäherung und Verständigung, wenngleich der Freiherr und seine Gattin noch keinen Anlass gefunden hatten, an eine ihnen und ihrem Vaterlande drohende Gefahr zu glauben.
Vorlage S. 222
778
Fünfzehntes Capitel
Vorlage S. 223
779
Neben diesen Befürchtungen und Hoffnungen für die Monarchien und den Adel im Allgemeinen war es der Kirchenbau, welcher bald ein Gegenstand gemeinsamer Berathungen wurde, und auch in Bezug auf diesen fehlte es an Sorgen und an Hoffnungen nicht. Denn wie schon die erste Absicht dieses Unternehmens in der Herrschaft nicht mit gutem Auge angesehen worden war, so war die Abneigung gegen dasselbe nur gestiegen, seit man die Vorkehrungen dafür zu treffen angefangen hatte.
Vorlage S. 223
780
Seit mehr als einem Menschenalter und darüber hinaus waren in Richten keine Bauten ausgeführt worden, zu denen man genöthigt gewesen wäre, Fremde herbeizurufen. Die protestantische Kirche in Neudorf stand fest gegründet und wohl gefügt seit mehr als hundertundfünfzig Jahren, der Schloßbau war, so wie er sich gegenwärtig darstellte, auch schon vor der Geburt seines jetzigen Besitzers vollendet worden, und was man sonst an Baulichkeiten für das Beamtenpersonal, an Wirthschaftsgebäuden und an gelegentlichen Reparaturen nötig gehabt, das hatte der in Rothenfeld ansässige Maurer teils allein und nach eigener Einsicht mit den Gutsleuten, teils unter Anleitung und Aufsicht des Meisters aus der Kreisstadt mit dessen Arbeitern ausgeführt. Nun sollte endlich wieder einmal ein bedeutendes Bauwerk in Angriff genommen werden, und die Leute hatten sich, so wenig sie sich auch der Gründung einer katholischen Kirche erfreuten, doch der Hoffnung hingegeben, dass dabei ein Gewinn für sie nicht fehlen könne, wenn sie der Herrschaft auch zu bestimmten Tagesleistungen, deren Zahl nicht gering war, verpflichtet waren.
Vorlage S. 223
781
Aber gleich bei der Grundsteinlegung in Rothenfeld hatten sie die Erfahrung gemacht, dass es nicht bei dem guten Alten bleiben solle. Denn es waren Briefe nach auswärts geschrieben worden, und nach den Antworten, welche auf diese Briefe gekommen waren, hatte nicht der Maurer aus Rothenfeld, der das doch gewiss verstand, sondern der Meister aus der Kreisstadt die Arbeit verrichten müssen.
Vorlage S. 224
782
Die Mißstimmung war seitdem eine allgemeine gewesen. Sogar diejenigen, welche bei dem Baue selbst nichts zu leisten hatten, fanden eine angenehme Beschäftigung darin, die Betheiligten in dem Gedanken der Ehrenkränkung und in der Erbitterung über dieselbe zu bestärken und zu befestigen. Sie wollten doch wissen, wie die Betroffenen sich dabei benehmen würden, wenn ihnen so etwas geboten werde, denn in dem Aufstacheln und Hetzen, in dem eifrigen Zusprechen und in dem schlauen Besänftigen war eine Tätigkeit verborgen, durch die man sich unterhielt und in welcher man für seine Freunde und für die Gutsherrschaft zugleich, zu einer wichtigen Person wurde, ohne dass man selbst Kosten hatte oder Gefahr dabei lief; und sich ohne alle Gefahr zu einer wichtigen Person zu machen, ist den meisten Menschen ein Vergnügen.
Vorlage S. 224
783
Den Winter hindurch lag das Alles, wie die Saat in der Erde, still und verborgen. Als aber das Frühjahr heraufzog und man daran denken konnte, an den Bau zu gehen, dessen Beginn die Baronin kaum zu erwarten vermochte, änderte sich die Sache.
Vorlage S. 224
784
Es war im Anfang des Maimonats, als der fremde Baumeister in Schloß Richten erwartet wurde. Man hatte ihm einen Wagen bis in die nächste Stadt entgegengesendet, im Schlosse waren zwei Zimmer für ihn hergerichtet worden, und obschon man wusste, dass der Baron den Bau einem jungen Manne übertragen hatte, dessen Vater, einen tüchtigen Maler er zur Zeit seiner ersten Reisen in Italien kennen gelernt, und der dann später auch in Richten die Eltern und die Schwester des Barons gemalt hatte, so fand man dennoch, dass um eines bloßen Baumeisters, und noch dazu um eines so jungen Menschen willen, viel zu viel Aufhebens gemacht werde.
Vorlage S. 224
785
Als dann an dem festgesetzten Tage der Wagen, welcher den Architekten brachte, durch Neudorf fuhr, bemerkte die Pfarrerin, die den ganzen Nachmittag, als ob es Sonntag wäre, mit dem Strickzeug am Fenster gesessen hatte, dass der junge Herr sich das Verdeck der Kalesche habe zurückschlagen lassen.
Vorlage S. 225
786
Er macht's wie der Herr Baron, wenn er von Reisen kommt, sagte sie spöttisch lächelnd. Er gönnt uns das Vergnügen, gleich sein Antlitz anzuschauen! Ach! und er ist so höflich, gleich zu grüßen! bemerkte sie in demselben Tone, während sie jedoch nicht unterließ, mit der freundlichsten Miene zu danken und dabei die rechte Hand, wie die gute Sitte es mit sich brachte, an die unterste Krampe des Fensters zu legen, als stehe sie auf dem Punkte, es zu öffnen und den Vorüberfahrenden zur Einkehr aufzufordern.
Vorlage S. 225
787
Der Pfarrer, der sich nicht leicht von seinem Stuhle vor dem Studirtische fortlocken ließ, hob sich doch von seinem Sitze empor und hatte offenbar die Absicht, auf die Bemerkung seiner Frau an das Fenster zu treten. Aber das Gefühl seiner Würde trug es über seine Neugier schnell davon, und ruhig sitzen bleibend sagte er: Was lässt sich denn Anderes als Selbstverblendung erwarten von einem jungen Manne, der durch die Gnade Gottes in einer rechtschaffenen protestantischen Familie geboren worden ist und sich dazu hergiebt, dem Ball Tempel zu erbauen! Ich hoffe, er wird nicht die Stirne haben, sich in ein ehrbares protestantisches Pfarrhaus einzuführen. Ich mag nichts zu schaffen haben mit solchen Abtrünnigen.
Vorlage S. 225
788
Man wird ihn aber doch im Schlosse treffen, wenn man an den Feiertagen zur Mittagstafel eingeladen wird! wendete die Pfarrerin ein, die stets überlegt und vorsichtig an die Zukunft dachte und dabei nicht abgeneigt war, von dem Architekten auch einmal etwas Neues aus der Welt zu vernehmen.
Vorlage S. 226
789
Dann wird man ihn nach Gebühr zu behandeln wissen, erwiderte der Pfarrer, und schlimm genug, dass er nicht der einzige Abtrünnige ist, dem man jetzt auf dem Schlosse zu begegnen hat!
Vorlage S. 226
790
Mann! Aber um Gottes willen, lieber Mann! rief die Pfarrerin, der solche Aeußerungen ihres gestrengen Eheherrn immer die Kälte durch alle Glieder jagten, und die sich vorsichtig umsah, ob nicht etwa die Thüre nach der Küche offen sei. Bedenke doch, dass unseres Gotthold's ganze Zukunft von der Herrschaft abhängt, und dass ....
Vorlage S. 226
791
Mag er durch die Lande gehen, wie ich vielleicht es auch noch tun werde, und wie mancher Bessere als ich, wie ja auch der fromme Paul Gerhard es einst getan hat. Besser Hunger und Durst und Frost und Hitze tragen, als abfallen von der heiligen reinen Lehre, auf die wir getauft sind und die zu verkünden wir geschworen haben!
Vorlage S. 226
792
Er stand bei diesen Worten endlich von seinem Platze auf, und ging in der Stube auf und nieder, in so ernste Gedanken versenkt, dass die gutmüthige und ängstliche Frau, die zu ihrem Gatten wie zu dem Urquell aller Weisheit emporschaute und zu ihm als zu einem Muster gewissenhafter Redlichkeit aufsehen durfte, ihn nicht mehr unterbrach, und schweigend überlegte, wie es hier noch werden, und was ihr und ihrem Manne und ihrem Sohne noch für Unglück beschieden sein könne.
Vorlage S. 226
793
Während dessen fuhr der junge Mann, welcher, ohne es zu wissen, den Anlass zu dem Kummer der Pfarrerin gegeben hatte, in fröhlichster Stimmung durch das Dorf. Er freute sich des Sonnenscheins und der Wärme, er sah die weißen Wölkchen an dem hellen Himmel mit dem träumerischen Wohlgefallen eines Kindes über sich hingleiten, er warf, als er durch Rothenfeld kam, einen freundlichen Gruß nach dem Amtshause hinüber, aus dessen offenem Fenster die hübsche Schwester des jungen Amtmannes neugierig nach dem Fremden hinausguckte, und er gewahrte dann mit Behagen, wie das Schloß sich immer deutlicher vor seinen Augen entfaltete.
Vorlage S. 226
794
Seine Gedanken gewannen dadurch eine bestimmte Richtung, das hindämmernde Wohlgefühl machte ernsteren Ueberlegungen Platz. Er erkannte, nach den Zeichnungen, die man an ihm übersendet hatte, die Stelle, welche für den Kirchenbau bestimmt war, und die Ueberzeugung, die er schon brieflich mehrfach ausgesprochen, dass der geweihte Ort nicht der rechte Platz sei, dass die Kirche von dem Punkte aus lange nicht die Wirkung machen würde, die sie haben könnte, wenn man sie auf der kleinen Höhe aufrichtete, welche sich am Ende des Parkes, fast dem Schlosse gegenüber, erhob, stellte sich ihm jetzt als eine Gewissheit dar.
Vorlage S. 227
795
Dazu sah er, dass man ihm auch über das Terrain nicht mit der nötigen Sachkenntniß berichtet habe. Der Boden in Rothenfeld war keineswegs so trocken, als man ihn geschildert hatte und wie er sich an der Oberfläche zeigte. Ueberall, selbst ganz in der Nähe des Bauplatzes, kamen Quellen zum Vorschein, und wenn man auch bei der Grundsteinlegung für die Kapelle nicht auf Wasser gestoßen war, so konnte es nicht fehlen, dass man jetzt, da man für den Kirchenbau ein ganz anderes Fundament zu legen und deßhalb viel tiefer zu graben hatte, notwendig auf Wasser kommen musste, das zu beseitigen jedenfalls Schwierigkeiten und unnöthige und bedeutende Kosten veranlassen konnte.
Vorlage S. 227
796
Wer es mit einer Arbeit, einem Gewerbe oder Geschäfte zu tun hat, das seiner Natur nach die beständige Anwendung des streng urtheilenden Verstandes erfordert und in dem sich das Abweichen von dem Gesetze und der Regel stets augenblicklich und ersichtlich rächt, der gewöhnt sich, die Unterordnung unter das Vernünftige und Zweckmäßige, deren er sich zu befleißigen hat, auch bei anderen Menschen vorauszusetzen. Er wird, wie groß sein Gemüthsleben und sein Schönheitssinn daneben auch sein mögen, vor allen Dingen ein praktischer Mensch, und kann es sich nicht erklären, dass Andere sich mit launenhafter persönlicher Willkür gegen das von der Vernunft und Notwendigkeit Gebotene auflehnen mögen. So hatte denn Herbert das Schloß noch nicht erreicht, als es bei ihm feststand, dass man die Kirche nicht in Rothenfeld, sondern auf der Höhe in Richten erbauen müsse. Er erwog daher im Geiste nur die Aenderungen, welche sein Entwurf durch die ihm unerläßlich dünkende Verlegung der Kirche zu erleiden haben würde, und fuhr mit dem heiteren Bewusstsein, dem Baron zweckmäßige und darum willkommene Vorschläge machen zu können, in den Schloßhof ein.
Vorlage S. 227
797
Der Diener, welcher ihm sein Zimmer anwies, bemerkte ihm, dass man um ein Uhr speise, dass die Herrschaft ihn zur Tafel erwarte, und es blieb Herbert daher nur eben die Zeit, sich für sein erstes Erscheinen in der Familie des Freiherrn angemessen umzukleiden. Er war achtundzwanzig Jahre alt und ein schlanker braunäugiger Mann, voll heiterer Sicherheit im Betragen. Er war im Wohlstande aufgewachsen, hatte zu seiner künstlerischen Ausbildung Italien, England und Frankreich bereist und war, da er ein hübsches Vermögen durch seinen Vater für sich er worben wusste, durchaus darauf gestellt, seinen Platz in der Welt nach seinem Sinne auszufüllen und zu behaupten.
Vorlage S. 228
798
Verschiedene Bauten, die er trotz seiner Jugend in seiner Vaterstadt und in deren Umgebung bereits ausgeführt, hatten ihm einen guten Namen gemacht, so dass sein Vater ihn mit Fug und Recht dem Freiherrn hatte empfehlen können, als dieser bei dem alten Freunde um einen Architekten für seinen Kapellenbau nachgefragt. Man hatte sich dann schriftlich in Verbindung gesetzt, und Bauherr und Architekt waren mit dem gegenseitigen Verhalten so wohl zufrieden gewesen, dass Herbert sich der bevorstehenden persönlichen Bekanntschaft mit dem Freiherrn, von dem er, seit er denken konnte, hatte sprechen und Gutes sagen hören, lebhaft erfreute. Er war bereits selbstständig und Weltmann genug, um sich von der Begegnung mit vornehmen Leuten keine besondere Vorstellung zu machen, und doch noch in dem Alter, in welchem die Aussicht, mit einem gebildeten Edelmanne täglich zu verkehren und für eine längere Zeit der Hausgenosse der schönen Schloßherrin zu werden, ihn reizte und beschäftigte. So ging er denn nicht ohne Achtsamsamkeit daran, sich für die bevorstehende Zusammenkunft zu kleiden. Sein ungepudertes Haar wallte ihm frei um den Nacken, das erbsenfarbene Beinkleid und die niedrigen Klappstiefel zeigten, wie gut er gewachsen sei, der braune, weit vom Halse abfallende Frack ließ mit seinen langen schmalen Schößen den ganzen Vorderkörper frei, die Weste schlug in breiten, spitzen Rabatten auf der Brust zurück, das weiße Halstuch, das große Jabot, die dunkle Camee in demselben und die Uhrkette mit den vielen Berloques würden von jedem Incroyable in Paris als tadellos befunden worden sein. Auch gestand Herbert es sich mit unschuldiger Selbstgefälligkeit, dass er sich wohl sehen lassen dürfe.
Vorlage S. 228
799
Herzlich guten Muthes folgte er dem Diener, der ihn zur Tafel rufen kam, und es gefiel ihm, dass er auf diese Weise nicht erst jenes Examen des gesellschaftlichen Verkehrs zu bestehen haben sollte, welches vornehme Herren mit Jedem anzustellen sich für verpflichtet halten, dessen Kräfte sie irgendwie in ihrem Dienste verwenden, dessen Arbeit sie bezahlen.
Vorlage S. 229
800
Sechzehntes Capitel
Vorlage S. 230
801
Die breite Stiege hinauf geleitete der voranschreitende Diener den jungen Baumeister über den weiten Flur und durch ein Vorgemach nach dem Zimmer der Baronin, dann öffnete er ihm die Thüre desselben, um ihn eintreten zu lassen.
Vorlage S. 230
802
Der Baron stand auf, als er Herbert erblickte, ging ihm freundlich entgegen und sagte, indem er ihm die Hand reichte: Willkommen, lieber junger Mann, und doppelt willkommen, denn ich begrüße in Ihnen den Sohn eines werthen Jugendgefährten und zugleich den Mitarbeiter an einem Werke, dessen Ausführung mir und der Baronin eine Gewissenssache ist. Je eifriger Sie sich daran halten, es seiner Vollendung entgegen zu führen, um so mehr werden die Baronin und ich es Ihnen danken. – Er führte ihn damit Angelika zu, die ihn ebenfalls willkommen hieß; aber ihren Worten und ihren Mienen fehlte der Ausdruck der Freundlichkeit, die der Baron ihm bewiesen hatte, und wie ein erkältender Hauch fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn: dieser Frau mißfalle ich!
Vorlage S. 230
803
Wie dies geschehen könne, da er kaum noch ein Wort gesprochen und da er gewohnt war, durch seine Erscheinung sonst ein günstiges Vorurtheil für sich zu erwecken, das begriff er allerdings nicht; indeß er war sicher, sich in seiner Voraussetzung nicht zu irren. Der beobachtende Blick, mit welchem Angelika ihn betrachtete, dünkte ihm mit einem spottenden Zuge um ihre Lippen in Verbindung zu stehen, und obschon er sich es nicht leugnen konnte, dass sie schön sei, fühlte er sich dennoch von ihr eher abgestoßen, als angezogen. Die heitere Zuversicht, mit der er ihr genaht war, ging ihm dadurch verloren; er sagte sich, dass man mit dieser Frau auf seiner Hut sein müsse, und er nahm sich vor, ihrem adeligen Stolze sein unabhängiges bürgerliches Wesen und sein freies Künstlerbewußtsein mit fester Entschiedenheit entgegenzusetzen.
Vorlage S. 230
804
Der Baron fragte ihn nach seinem Vater, erinnerte daran, wie dieser, als er aus Italien zurückgekehrt, hier im Schlosse die Eltern und die Schwester des Freiherrn gemalt und dieselben Zimmer bewohnt habe, welche man Herbert jetzt angewiesen hatte. Er machte ihn dabei auf die erwähnten vortrefflichen Portraits aufmerksam, welche an den Wänden hingen; und da der Sohn Gelegenheit fand, des Vaters Arbeit von Herzen zu bewundern, würde er bei der Zuvorkommenheit, mit welcher der Baron ihn behandelte, sich sehr behaglich gefühlt haben, hätte nur die Baronin aufhören wollen, ihn zu betrachten, oder sich entschließen mögen, an dem Gespräche irgend einen Anteil zu nehmen.
Vorlage S. 231
805
Es war ihm daher wirklich eine Erleichterung, als endlich ein leises Lächeln über ihre Mienen flog und sie, gegen ihren Gatten gewendet, die Frage that, ob Monsieur Herbert geraden Weges von Paris komme.
Vorlage S. 231
806
Der junge Mann, den es schon verdroß, dass die Baronin diese Frage, die ihm auffallen musste, da er alle seine Briefe an den Baron aus seiner Vaterstadt geschrieben hatte, nicht an ihn selber richtete, übernahm eben deßhalb die Antwort selbst und sagte ihr, dass er schon über Jahr und Tag wieder in der Heimath gewesen sei.
Vorlage S. 231
807
So kleidet man sich also auch bei uns schon nach der neuen Sitte der revolutionären Franzosen! bemerkte sie weiter, und der Ausdruck ihres Mißfallens trat nun deutlich und bestimmt hervor.
Vorlage S. 231
808
Herbert musste ihn beachten, aber eben, weil er das that, entgegnete er: Die Mode, gnädige Frau Baronin, ist bei uns von den aus Frankreich entflohenen Edelleuten eingeführt worden, welche in dieser bürgerlichen Tracht über die Grenze zu uns gekommen sind. Und wenn sie es dann nachher auch für gut befunden haben, den Haarbeutel und den seidenen Strumpf wieder anzulegen, so sind für uns geringere Leute, für uns, die wir arbeiten müssen, das unfrisirte Haar und der Stiefel weit angemessener, als der Zopf und die Escarpins, die uns sogar zu Sclaven des Friseurs und der Witterung machen.
Vorlage S. 231
809
Er hatte das absichtlich mit ziemlicher Schärfe gesprochen und erwartete daher, eine Antwort zu erhalten, welche möglicher Weise jeden Zusammenhang zwischen ihm und den Herrschaften für immer zerstören konnte. Indeß die Baronin hatte Rücksichtnehmen von Jugend auf gelernt und war stolz genug, bei den Personen, welche sie nicht als Ihresgleichen ansah, nur dasjenige zu hören und zu verstehen, was ihr genehm war. Sie war als echte Aristokratin bisweilen nachsichtig aus Hochmuth und, wo es ihr passte, trotz ihrer Jugend duldsam aus Berechnung. Da sie nun obenein bemerkte, dass ihr Gatte mit dem Empfange, welchen sie dem Architekten bereitete, unzufrieden war, und da sie selbst es bedauern mochte, einen jungen Mann, auf dessen gute Dienste sie sich Rechnung gemacht hatte, gegen sich aufgebracht zu haben, so lenkte sie nun plötzlich ein und meinte: Sie haben Recht, mein Herr, und ich habe mich geirrt. Verzeihen Sie, dass ich Ihren besonderen Fall nicht bedacht und Ihnen meine Ueberraschung über die neue Mode, die ich zum ersten Male in der Wirklichkeit vor Augen sehe, ausgesprochen habe. Ich leugne es nicht, ich hege gegen diese Kleidung eine gewisse Abneigung, seit man uns neulich aus der Hauptstadt die Bilder der Männer zur Ansicht geschickt hat, welche sich in Paris als Vaterlandsfreuude und als Helden geberden, während sie doch Empörer und Rebellen sind. Zudem lebt eine verehrte Freundin, eine Verwandte von uns, die Frau Herzogin von Duras, in unserem Hause, welche genöthigt gewesen ist, aus ihrem unglücklichen Vaterlande zu entfliehen, und ich stellte mir vor, wie unangenehm der Anblick einer Kleidung sie berühren müsse, die in ihren und auch in meinen Augen, zu einem Symbol der – der Zustände geworden ist, vor denen Gott uns gnädig bewahren wolle.
Vorlage S. 232
810
Sie hatte die letzte Wendung offenbar beschönigend gewählt, denn der Ton ihrer Stimme verrieth, dass sie einen stärkeren und härteren Ausdruck zurückhalte, und weit davon entfernt, eine versöhnliche Wirkung auf Herbert hervorzubringen, erhöhte die Art von herablassender Schonung, die sie ihm angedeihen ließ, nur das Missfallen, das Angelika ihm einflößte. Er war fest entschlossen, dieser Frau nicht nachzugeben, und er schickte sich eben zu einer, wie es ihm schien, gebührenden Antwort an, als der Freiherr den unangenehmen kleinen Vorfall damit zu beenden versuchte, dass er ihn in das Scherzhafte zog.
Vorlage S. 233
811
Es wird also, sagte er lächelnd, unserem jungen Baumeister, wenn er sich anders Deiner Zustimmung und der Gnade der Frau Herzogin erfreuen will, nichts Anderes übrig bleiben, als ein habit habillé anzulegen, wenn er ein solches mit sich führt, und sich die Dienste meines Kammerdieners gefallen zu lassen.
Vorlage S. 233
812
Wenn die Gunst der Frau Baronin und der Frau Herzogin einzig durch einen solchen Kleidungswechsel zu erlangen ist, so bin ich leider in der übeln Lage, auf diese Gnade verzichten zu müssen, entgegnete der junge Mann gleichfalls im Tone des Scherzes, obschon er sich zu einem solchen nicht aufgelegt fühlte. Mit dem habit habillé, mit dem Puder und dem Zopfe habe ich ein für alle Mal gebrochen.
Vorlage S. 233
813
Die Baronin entschloß sich, diese Erklärung mit anscheinender Heiterkeit hinzunehmen und dem jungen Manne zu wiederholen, dass er für sich und von seinem Standpunkte aus sicherlich das Rechte thue. Aber er mißfiel ihr mehr und mehr, ja, er mißfiel ihr ganz besonders deßhalb, weil sie sich's eingestehen musste, dass er ein schöner Mann und in dem Vollbesitze derjenigen Vorzüge sei, welche sie sich gewöhnt hatte, als ein besonderes Erbtheil des Adels zu betrachten. Seine Haltung war vornehm, seine Redeweise besser, als die der meisten ihrer Standesgenossen, welche das Deutsche nur fehlerhaft zu sprechen wussten, und sie hatte im Grunde an ihm nichts auszusetzen, als dass er, der gekommen war, ihrem Hause bezahlte Dienste zu leisten, sich ihr als einen Ebenbürtigen und Freien gegenüber stellte. Und wie Herbert Anfangs sich gesagt hatte: dieser Frau mißfalle ich! so sagte er sich jetzt, dass ihm niemals eine Frau so sehr missfallen habe, als Angelika.
Vorlage S. 233
814
Es war gut für alle Theile, dass die Herzogin und ihr Bruder sich zu ihnen fanden und der Diener die Meldung machte, dass die Mahlzeit aufgetragen sei. Der Baron stellte Herbert seinen Gästen und dem Caplan vor, der sich inzwischen auch zu ihnen gesellt hatte, und wenn die Herzogin und der Marquis auch nicht sonderlich auf den jungen Baumeister achteten, so lag doch wenigstens nicht die abweisende Kälte in ihrer Begrüßung, mit der Angelika ihn aufgenommen hatte.
Vorlage S. 234
815
Beide, die Herzogin sowohl als der Marquis, waren es durch die Erfahrungen der letzten Jahre gewohnt worden, ihre Haltung nach den Umständen einzurichten, sich in der Fremde, in der sie lebten, mancherlei Annährungen und Ansprüche gefallen zu lassen, und zeitweise, wenn es sein musste, auf eine Ausschließlichkeit zu verzichten, die sich in ihrer jetzigen Lage nicht wohl behaupten ließ. Dadurch machte sich die Unterhaltung leichter. Der Freiherr hatte obenein die Absicht, zu vergüten, was seine Gattin dem jungen Manne zu Leide getan; sie selbst fand sich genöthigt, ihm bei Tische die hausfrauliche Zuvorkommenheit zu beweisen, die ihr zur Gewohnheit geworden war, bis Herbert allmählich der Zurückhaltung zu vergessen begann, welche er zu behaupten sich vorgenommen hatte. Der Baron kam absichtlich in Gegenwart der Herzogin noch einmal auf den Vater des Baumeisters zurück, welchen auch der Caplan in hohen Ehren hielt; das schloß dem jungen Manne das Herz auf, und noch während man bei Tafel war, fing man an, von der Angelegenheit zu sprechen, für welche man Herbert hergerufen hatte.
Vorlage S. 234
816
Darauf hatte er aber nur gewartet, denn wo ein Sachverständiger vor Laien von seinem Fache sprechen kann, ist er der Meister und der Herr, ist er dem Vornehmsten ebenbürtig, wenn nicht überlegen; und so erklärte der junge Mann denn ganz unumwunden, dass Alles, was er im Vorüberfahren gesehen, ihn in seiner bereits früher geäußerten Ueberzeugung bestärkt hätte, und dass man einen großen Fehler begehen würde, wenn man die Kirche auf dem Platze erbaute, auf welchem man den Grundstein für die ursprünglich beabsichtigte Capelle eingeweiht habe. Er entwickelte darauf mit einer Klarheit, die jeden Vorurtheilslosen für ihn einnehmen musste, alle die Uebelstände, mit denen ein Bau in Rothenfeld zu kämpfen haben würde, und stellte dagegen die Vorzüge auf, welche die Verlegung der Kirche nach der Höhe darbieten konnte. Er hielt den Herrschaften die größere Bequemlichkeit für sie selbst, er hielt ihnen auch die harmonische Wirkung vor, welche die Kirche machen musste, wenn man sie auf dem Hügel jenseit des Parkes aufführte, wo sie dann von der Westseite des Schlosses einen eben so schönen Anblick gewähren konnte, als ihn auf der Ostseite die Burgruine darbot. Er sprach von den bedeutend größeren Ausgaben, welche ein so ungünstiger Boden, wie der in Rothenfeld, erheischen würde, und weil er von der Richtigkeit seiner Angaben zweifellos überzeugt war, meinte er in dem Schweigen der Anderen ein Zeichen dafür zu finden, dass er sie ihres Irrthums überführt und des Besseren belehrt habe.
Vorlage S. 235
817
Aber Herbert verstand und kannte sein Fach doch noch besser, als er die Menschen kannte, obschon er sich vielfach und von früh auf in den verschiedensten Lagen zu bewegen gelernt hatte. Er wusste noch nicht, dass diejenigen, welche von Kindheit auf das Befehlen gewohnt sind, es nicht lieben, sich eines Irrthums überführen zu lassen, und er bedachte nicht, dass es einen Jeden schmerzlich ist, einen Plan, auf dessen Verwirklichung er seinen Sinn lange Zeit hindurch gerichtet hat, plötzlich und für immer aufgeben zu sollen. Er sah, dass der Freiherr ihm Gehör schenkte, er merkte an den Fragen, welche bald dieser, bald der Caplan während seiner Auseinandersetzungen an ihn richteten, dass seine Gründe ihnen einleuchteten und sie bedenklich machten, und er glaubte also auf dem besten Wege zu dem von ihm ins Auge gefassten Ziele zu sein, als der Baron ihm nachdenklich einräumte, dass die Sache allerdings noch einmal gründlich erwogen werden müsse und dass die frühzeitige Ankunft Herbert's ihm also doppelt erwünscht sei.
Vorlage S. 235
818
Da nahm Angelika, die bis dahin schweigend zugehört hatte, plötzlich das Wort. Ich weiß nicht, Bester, sagte sie zu dem Baron gewendet, wie in diesem Falle noch von Ueberlegung und Erwägung die Rede sein kann. Mich dünkt, davon dürfe man nur sprechen, wo man noch eine freie Wahl hat und wo es sich um die Befriedigung eines persönlichen Bedürfnisses handelt. Wo man aber ein Gelübde zu erfüllen hat, ist ja eine Erwägung und Abänderung, wie mir scheint unmöglich!
Vorlage S. 236
819
Der Ton, mit welchem sie diese Behauptung aussprach, war so scharf, dass er Herbert auffiel, und sein früheres Mißtrauen gegen sie schnell wieder wach rief. Wie kommt diese junge Frau dazu, dem älteren Gatten in solcher Weise zu entgegnen? fragte er sich unwillkürlich, und sein Erstaunen wuchs, als nicht der Freiherr, sondern der Caplan die Antwort übernahm.
Vorlage S. 236
820
Sie haben sicher Recht, Frau Baronin, sagte der Geistliche mit der vermittelnden Weise, welche aus seiner innersten Natur hervorging, Sie haben Recht, dass allzu ängstliche Erwägung überall die That verhindert und dass man am wenigsten in den Fällen zaghaft sein sollte, wo man ein Großes und Heiliges vollbringen will. Muth und Begeisterung helfen über manche Schwierigkeit hinweg, aber ....
Vorlage S. 236
821
Muth und Begeisterung, fiel der Freiherr ihm in die Rede, als finde er es jetzt, da der Caplan vorangegangen, leichter, seine Meinung auszusprechen, Muth und Begeisterung sind etwas sehr Erhabenes, und es ist eine schöne Eigenschaft der Frauen, dass sie derselben in so hohem Grade fähig sind. Indeß oftmals – und dieses Mal, beste Angelika, befindest Du Dich wohl in solchem Falle – haben die Frauen es leichter als wir, ihren Muth und ihre Begeisterung zu behaupten, weil die Unkenntniß der technischen und materiellen Hindernisse ihnen das Muthigbleiben sehr erleichtert.
Vorlage S. 237
822
Das mag wohl wahr sein, versetzte die Baronin anscheinend gelassen, aber von einem Muthe und einer Begeisterung, welche den Menschen über die Schranken verständiger Erwägung fortreißen könnten, ist ja in unserm Falle, wie mich dünkt, nicht die Rede. Wir haben, ich muss das wiederholen, ein Gelöbniß, eine heilige Pflicht zu erfüllen; das ist eben so unabweislich, und unabweislicher, als sein Wort einzulösen, wenn man es in einer Ehrensache einmal verpfändet hat.
Vorlage S. 237
823
Gewiss, rief der Freiherr, auch handelt es sich nicht um den Bau, sondern nur um den zweckmäßigsten Platz für denselben.
Vorlage S. 237
824
Und der Caplan, welcher eben so wie der Freiherr von Anfang an aus doppelten Gründen gegen den Kirchenbau in Rothenfeld und ganz besonders gegen den Bau auf der Stätte von Paulinen's Hause gewesen war, ergriff diese Gelegenheit, sich lebhaft zu Gunsten der Bauverlegung auszusprechen. Da der Baron es aber weder jetzt noch früher bekennen mochte, dass es ihm quälend dünke, künftig zum Gottesdienst nach Rothenfeld zu fahren, welches er jetzt geflissentlich vermied, und da der Caplan mit seinen oft wiederholten Ermahnungen, nicht eben dort die Stätte weihen zu lassen, bei der Baronin nie Gehör gefunden hatte, so bewegte die ganze Berathung sich in halben Andeutungen, welche den Architekten die wahre Lage der Sache nicht erkennen und ihn sowohl als die Herzogin und den Marquis doch vermuthen ließen, man müsse hierbei irgend etwas im Sinne haben, was man verbergen wolle. Das machte Herbert ungeduldig, und weil er ohnehin entschlossen war, seine Stellung zu behaupten, so sagte er plötzlich: Es giebt nur Einen Fall, in welchem der Platz in Rothenfeld nicht aufgegeben werden müsste!
Vorlage S. 237
825
Und welcher wäre das? fragte die Baronin.
Vorlage S. 238
826
Wenn sich eben dort dasjenige ereignet hätte, welches die Herrschaften zu dem Gelöbniß des Kirchenbaues bestimmt hat! antwortete er.
Vorlage S. 238
827
Des Freiherrn ganze Züge veränderten sich plötzlich, und die Baronin, deren Gesicht von einer flammenden Röthe überzogen wurde, sagte mit unverkennbarer Selbstüberwindung: Sie haben das Richtige getroffen, mein Herr! und Sie werden es also begreifen, dass hier von bloßen Schönheits- und Zweckmäßigkeits-Rücksichten nicht die Rede sein darf. – Sie hielt danach inne, als müsse sie sich erholen, als habe sie Alles geleistet, was in ihren Kräften gestanden. Die ganze Tischgesellschaft verstummte. Der Freiherr schien in unbegreiflicher Weise verletzt, auch dem Caplan konnte man es ansehen, dass die gewissensstrenge Aeußerung der jungen Herrin ihm wenigstens in diesem Augenblicke nicht angemessen däuchte, und trotz ihrer Weltgewandtheit wagte die Herzogin selbst es nicht, die Unterhaltung mit einem gleichgültigen Worte wieder in Gang zu bringen, weil eben die Gemüthsbewegung der Eheleute gar zu unverkennbar war. Es hatte sie schon oft bedünken wollen, als habe die große Gewalt Angelika's über den Baron noch andere Gründe, als die Macht, welche ihre Schönheit und ihre übrigen Vorzüge ihr über ihren Gatten natürlich sichern mussten, und klug und herzenskundig begriff die Herzogin, dass sie eben jetzt vor dem Punkte stehe, der ihr in dem Leben ihrer Gastfreunde bisher ein Räthsel geblieben war.
Vorlage S. 238
828
Während sie noch mit sich zu Rathe ging, ob es klüger sei, ihnen in der augenblicklichen Verlegenheit zu Hülfe zu kommen oder nicht, hatte die Baronin ihren Entschluss bereits gefasst, und sich gegen ihren Gatten wendend, sagte sie, indem sie ihm die Hand reichte und in völlig verändertem Tone zu ihm sprach: Gewiss, Bester, Du wirst mich noch böse machen und es dahin bringen, dass man mich für eigensinnig hält. Aber Du weißt es ja, wie meine ganze Seele an der Erfüllung unseres Gelöbnisses hängt, und wie sehnlich ich danach verlange, mich dereinst im Gebet in unserer Kirche vor dem Allmächtigen zu demüthigen, der auch mich zu finden gewusst hat. Ich werde nicht eher ruhig sein, bis dort die ewige Lampe über dem Altare brennt und die Messen dort gelesen werden. Wie kannst Du Deine Stirn denn verdüstern lassen durch den Hinweis auf eine Mehrausgabe, die nicht unerschwinglich, und auf Schwierigkeiten und Mühen, die nicht unbesiegbar sein können? Und auch Sie, Hochwürden, fügte sie hinzu, wie können Sie mich grade in diesem Falle im Stiche lassen?
Vorlage S. 239
829
Sie hob mit diesen freundlich gesprochenen Worten die Tafel auf. Der Baron, sehr zufrieden, von dem Gespräche loszukommen, begab sich mit dem Marquis in das Billardzimmer und lud Herbert ein, ihnen dahin zu folgen. Indeß diesem war die Lust an der freiherrlichen Gesellschaft vergangen. Er sprach davon, das schöne Wetter benutzen zu wollen, und der Baron schlug ihm darauf vor, einen Ritt durch die Gegend zu machen, was Herbert dankbar annahm.
Vorlage S. 239
830
Siebzehntes Capitel
Vorlage S. 240
831
Mehrere Tage waren in Verhandlungen und Berathungen vergangen, ohne dass man zu einem Abschlusse gelangt wäre. Da saßen an einem Nachmittage, als man sich eben auch wieder von der Tafel erhoben hatte und die Herren ihr Billard spielten, die Damen allein in dem Wohnzimmer der Gräfin. Sie hatten dem Fenster gegenüber Platz genommen und eine Weile über das zeitige Beginnen des Frühlings gesprochen, welches dem kleinen Renatus, den seine Wärterin unten auf der Terrasse im warmen Sonnenscheine umhertrug, so wohl zu Statten komme. Indeß die Unterhaltung wollte nicht gedeihen. Es währte nicht lange, so saß Angelika schweigend an dem Stickrahmen, auf welchem sie eine Altardecke für die Kirche arbeitete. Die Herzogin parfilirte ein Stück golddurchwirkten Seidenzeuges und legte die ausgezogenen Fäden so vorsichtig und gleichmäßig neben einander, als gälte es wirklich eine Arbeit und nicht einen müßigen Zeitvertreib. Dabei sah sie unter ihren dunklen Wimpern von Zeit zu Zeit nach Angelika hinüber, als erwarte sie, dass diese zu sprechen beginnen werde. Endlich, da sie bemerkte, dass die junge Frau leise seufzend den Kopf emporhob, sagte sie mit heiterem Tone: Was haben Sie, Beste? Sie seufzen! Und unseres Volkes Sprüchwort sagt: »Ein Herz, das seufzt, hat nicht, was es wünscht!« Mich dünkt, das Seufzen sollten Sie uns alten Frauen überlassen!
Vorlage S. 240
832
Es war das erste Mal, dass die Herzogin sich im Gespräche als eine alte Frau bezeichnete, und sie hatte in der That nicht Grund dazu. Angelika würde ihr dies in jedem anderen Augenblicke auch gesagt haben, sie war aber so verstimmt, dass sie sich unfähig fühlte, auf den Ton des Scherzes einzugehen, den die Herzogin angeschlagen hatte.
Vorlage S. 240
833
Ach, sagte sie, ich wollte, ich wäre älter, als ich bin!
Vorlage S. 241
834
Das ist ein Wunsch, den wenig junge Frauen mit Ihnen theilen werden, meinte die Herzogin lächelnd, und es müssen besondere Verhältnisse obwalten, wenn ein solcher Wunsch nicht Sünde sein soll, die – sie hielt inne und nahm ihren Goldbrocat wieder in die Hand.
Vorlage S. 241
835
Ihr plötzliches Abbrechen und Verstummen that seine beabsichtigte Wirkung. Sie hatte stets gefühlt, dass Angelika, die an den Umgang mit ihrer Mutter gewohnt gewesen war und diesen jetzt entbehren musste, sich nicht selbst zu genügen vermochte; indeß sie wollte sich ihr nicht zur Vertrauten anbieten, denn sie wusste, dass man nur das schätzt, was man sich selbst erworben hat, oder doch erworben zu haben meint.
Vorlage S. 241
836
Während die Herzogin sich also wieder an das Parfiliren machte, ließ die Baronin ihre Nadel ruhen, und mit ihren ernsten Augen die Herzogin anblickend, fragte sie: Sie brachen so plötzlich in Ihrer Rede ab, meine theure Herzogin, weßhalb vollendeten Sie nicht?
Vorlage S. 241
837
Weil ich mir das Recht nicht zuerkenne, Ihnen einen Vorwurf zu machen, liebe Angelika! – und auch Angelika hatte die Herzogin sie nie zuvor genannt.
Vorlage S. 241
838
O, ich versichere Sie, es kann mir Niemand härtere Vorwürfe machen, als ich selbst! Aber ich habe so wenig Menschenkenntniß!
Vorlage S. 241
839
Worauf beziehen Sie das? fragte Jene verwundert, denn sie war auf nichts weniger als auf diese Wendung gefasst gewesen.
Vorlage S. 241
840
Ich hätte es mir denken können, sagte die Baronin, dass von einem Manne, der selbst kein eigentlich religiöses Empfinden hat, der, wie dieser junge Architekt, nicht einmal unserer Kirche angehört, für unsere Zwecke nicht das richtige Verständnis zu erwarten sei, und ich hätte es von dem Baron verlangen müssen, dass er einen anderen Baumeister, einen Katholiken für unsern Bau gewählt. Ich kann nicht sagen, wie dieser junge Mann mir missfällt. Sein selbstbestimmtes, herausforderndes Wesen, sein Beharren auf seiner Meinung, sein ganzer Ton, ja, selbst seine Kleidung und sein Blick beleidigen mich, so dass ich im Stande wäre, aus bloßem Widerwillen gegen seine Anmaßung auf meinem Vorsatze zu beharren, selbst wenn unser Gelübde uns in dieser Beziehung nicht zur Beharrlichkeit verpflichtete.
Vorlage S. 241
841
Sie hatte das sehr lebhaft ausgesprochen; die Herzogin wusste nicht recht, was sie von Angelika's Worten denken sollte, und weil sie noch nicht entschlossen war, ob sie dies der Baronin sagen sollte oder nicht, schüttelte sie nur leise ihr Haupt.
Vorlage S. 242
842
Angelika fragte, was der Herzogin auffallend oder bedenklich an ihrer Aeußerung erschienen sei.
Vorlage S. 242
843
Auffallend ist mir nichts in Ihren Worten erschienen, bedenklich Manches, entgegnete die Herzogin mit feinem Lächeln, und ihr anmuthig mit dem Finger drohend, sagte sie scherzend: Seien Sie auf Ihrer Hut, liebe Freundin!
Vorlage S. 242
844
Auf meiner Hut? Und weßhalb? Wogegen?
Vorlage S. 242
845
Gegen Ihr allzu zorniges Herz! bedeutete die Französin, noch immer im Tone des Scherzes, obschon eine plötzlich auftauchende Idee sie zu beschäftigen und ihre Phantasie zu erregen begann.
Vorlage S. 242
846
Gegen mein Herz? Was hat denn das Alles mit meinem Herzen zu schaffen? fragte Angelika, die sich in ihrer Strenge durch den leichten Ton und den Blick der Herzogin verletzt fühlte.
Vorlage S. 242
847
Aber die Herzogin legte ihre Hand freundlich auf Angelika's Arm, und mit plötzlichem Entschlusse zu einem gewissen Ernste übergehend, sprach sie: Ich habe Sie heute nicht umsonst daran erinnert, dass ich im Vergleich zu Ihnen eine alte Frau bin, meine theure Angelika, und dass ich also das traurige Vorrecht mannigfacher Erfahrung vor Ihnen voraus besitze. Ich habe viel geirrt, viel gefehlt, viel geliebt und viel gelitten! Ich habe viel verloren und nur Eines gewonnen – ich habe sehen gelernt, wo ich mit dem Herzen sehe!
Vorlage S. 242
848
Sie bog sich bei den Worten zu der Baronin hinüber, und sie zärtlich anblickend, sagte sie: Wenn der gute Wille, zu vermitteln, auszugleichen und zu rathen, Ihnen und meinem theuren Vetter, denen ich so tausendfach verpflichtet bin, für Dank gelten kann, so bin ich dankbar! Sie haben Recht, theure Angelika! Sie sind sehr jung und – ich fühle das – Sie haben nie geliebt, Sie sind nicht glücklich, armes Kind! Darum seien Sie auf Ihrer Hut! Ein so heftiger Zorn, wie Sie ihn gegen den Architekten fühlen, ist oft die Knospe, in welcher ganz andere Empfindungen sich verbergen. Denken Sie daran!
Vorlage S. 243
849
Sie küsste die Baronin auf die Stirn und verließ das Zimmer.
Vorlage S. 243
850
Angelika aber blieb zurück, ohne recht zu wissen, was ihr geschehen war. Alle ihre Vorstellungen, alle ihre Gedanken waren unklar und drängten sich wirr durch einander. Sie fragte sich, was sie denn gesagt habe, um die Herzogin zu solchen Aeußerungen zu ermächtigen. Sie besann sich, ob sie jemals etwas über ihre Erlebnisse ausgesprochen oder von wem die Herzogin etwas über jene Vorgänge erfahren haben könne, welche ihren Uebertritt zur katholischen Kirche veranlaßt hatten. Indeß sie fand keinen Anhalt zu einem Vorwurfe gegen sich, keinen Anhalt für den Rath und die Ermahnung, welche ihr geworden war. Daneben klangen ihr immer wieder die Worte in den Ohren: »Sie sind nicht glücklich, Sie haben nie geliebt!« und ein plötzlicher, bitterer Schmerz in ihrer Seele gab diesen Worten Recht.
Vorlage S. 243
851
Ja, sie hatte im Grunde nie geliebt. Das Wohlgefallen, die Bewunderung, die dankbare Zärtlichkeit und die erwachende Sinnlichkeit, welche sie ihrem Gatten gegenüber gefühlt und die sie in ihrer Unschuld damals für Liebe gehalten hatte, das Alles hatte den Namen der Liebe nicht verdient. Jetzt wusste sie es lange schon, dass sie wohl einer anderen Liebe fähig gewesen wäre. Aber der Gedanke, dass in ihrem Herzen, in der Brust der verheiratheten Frau noch einmal jene große, starke Liebe, wie sie die Dichter schilderten und deren Darstellung sie immer bis zu Thränen rührte und entzückte, erwachen, für einen Andern erwachen könne – dieser Gedanke hatte ihr völlig fern gelegen, und sie erschrak vor der Vorstellung, welche die Herzogin in ihr heraufbeschwor.
Vorlage S. 244
852
Sie tröstete sich damit, dass es ein Scherz der Herzogin gewesen und dass sie eine Thörin sei, demselben irgend eine Bedeutung einzuräumen. Sie wollte darüber lachen, sich darüber erzürnen, sie wollte sich verspotten, und musste sich doch immer wieder fragen, wie die Herzogin denn auf den Einfall gerathen sei, ihr eben Herbert gegenüber eine solche Warnung zu ertheilen. Sie fühlte sich aufgeregt und wusste sich ihr Empfinden nicht zu deuten. Eine schmerzliche Sehnsucht wachte in ihr auf und unwillkürlich drängten sich ihr die Worte auf die Lippen: Wenn ich meine Jugend wieder hätte!
Vorlage S. 244
853
Da fiel ihr Auge auf das Bild Amanda's und auf Amanden's Ring, den sie am Finger trug, und sie richtete sich empor. War es denn nicht Gottes Fügung gewesen, die sie zu dem Baron geführt hatte? War es nicht Gottes Fügung gewesen, die sie und ihn der heiligen Mutter Kirche wiedergegeben? Wie durfte sie sich unglücklich fühlen, während sie das Werkzeug einer höheren Macht gewesen war, deren Einwirkung sie ja unablässig anerkannt und empfunden hatte! Und war es vielleicht der Wille dieser höchsten Fügung, dass eben jetzt in jenem jungen Manne, in Herbert eine Versuchung an sie herantrat? Wollte der Himmel sie prüfen, sie kämpfen, sie unterliegen oder siegen lassen?
Vorlage S. 244
854
Wie sehr sie sich dagegen sträubte, immerfort sah sie ihn vor sich, hoch aufgerichtet, stolz und schön und trotzig. Und was hatte er denn im Grunde genommen verbrochen? Er hatte eine Meinung geäußert, die abzugeben er als Fachmann verpflichtet war. Man bezahlte ihm sein bestes Wissen, er musste es also für diejenigen nutzen, denen zu dienen er sich anheischig gemacht hatte. Sie aber hatte ihm gleich Anfangs mit Herbigkeit widersprochen, ihn beleidigend behandelt, nur weil ihr seine Tracht unangenehme Vorstellungen erweckt, oder weil sie gefürchtet hatte, in ihren Gästen durch dieselbe unangenehme Erinnerungen erzeugt zu sehen. Sie fing an, sich vor sich selbst zu schämen. Sie gestand sich's ein, dass sie dem Architekten ein Unrecht zu vergüten habe. Aber mitten in der Ueberlegung, wie sie das anstellen solle, mitten in der Frage, was sie tun und ihm sagen und wie er das aufnehmen und dabei aussehen würde, erfasste sie der Gedanke: Woher kommt es, dass du dich so viel mit ihm beschäftigst? Ist das nicht schon jenes Gefühl, das jetzt Sünde für dich ist? Beginnt die Prüfung, welche der Himmel dir auferlegt hat, schon jetzt? – Und sie schlug an ihre Brust und gelobte sich, fest und stark zu bleiben und es der Herzogin nie zu vergessen, dass dieselbe sie wie eine Mutter treu gewarnt. Jetzt wusste sie es, jetzt wusste sie es zuversichtlich, dass die Sterne ihr nicht gelogen, als sie ihr in der Herzogin eine Freundin verheißen hatten!
Vorlage S. 245
855
Achtzehntes Capitel
Vorlage S. 246
856
In den Augenblicken, in welchen Angelika sich also mit ihrem Gewissen berieth und zweifelnd und bange auf ihr ganzes Dasein blickte, fühlte sich die Frau, welche die Baronin geneigt war als ihre mütterliche Freundin zu verehren, so heiter, wie sie es in Richten noch nicht gewesen war. Denn ein Zufall hatte ihr ganz plötzlich dargeboten, was sie bisher vergebens gesucht hatte: eine Handhabe zur Herrschaft über ihre jetzige Umgebung, eine Beschäftigung für ihre leere Zeit.
Vorlage S. 246
857
Das kühle und doch einschmeichelnde Wesen der Herzogin war zum Herrschen geschaffen, und sie hatte wie jeder Mensch das Bedürfnis, die Fähigkeiten zu brauchen, welche sie besaß. Während ihres Wanderlebens hatte der Wechsel ihrer Verhältnisse sie zerstreut, die Sorge sie gelegentlich gefangen genommen. Nun hatte das aufgehört, die Tage in dem Schlosse erschienen ihr sehr lang, und sie musste sich doch sagen, dass es für sie gerathen sei, sich in demselben möglichst festzusetzen. Indeß sie hatte bisher keinen Boden für die Ausführung dieser Absicht entdecken können, so auffallend Vieles ihr in der Ehe ihrer Gastfreunde auch erschien. Sie sah den Freiherrn, den sie als einen Lebemann gekannt, völlig unter der Herrschaft einer jungen Frau, die sich kaum die Mühe gab, ihm zu gefallen oder ihre Vorzüge geltend zu machen. Sie hörte Angelika häufig von ihrem und ihres Gatten Gelöbnisse reden, und neulich, als sich bei der Tafel das Gespräch zufällig darauf gerichtet, hatte der Baron, der in seinem früheren Leben sich in mancher Verlegenheit befunden und ihr ruhig Stand gehalten, seine Fassung ganz und gar verloren. Nicht er, nein, Angelika hatte es übernommen, die unangenehme Scene zu beenden. Die junge Baronin fühlte sich also offenbar den Ereignissen, dem Geschehenen gegenüber freier als ihr Gatte, und unwiderleglich hatte sich an jenem Mittag in der Herzogin die Gewissheit festgesetzt, wie irgend ein Unrecht gegen das, was Angelika die Heiligkeit der Ehe nannte, den Anlass zu dem Gelöbniß und der Baronin die Herrschaft über ihren Mann gegeben hatte.
Vorlage S. 246
858
Die Herzogin hatte sich des Lachens kaum erwehren können, als dieser Gedanke sich ihr aufgedrängt. Der Baron erschien ihr gegenüber der religiös-pedantischen Sittenstrenge seiner jungen Gemahlin beklagenswerth und komisch zugleich. Wie viele Kirchen hätte er gründen müssen, dachte sie, wenn er jede Gunst, deren er genossen, mit einem ähnlichen Gelöbnisse hätte bezahlen sollen. Wäre er noch der Alte gewesen, hätte in seinem Hause der Ton geherrscht, nach welchem er und die Herzogin in Frankreich einst mit einander verkehrt, so würde sie nicht angestanden haben, ihm augenblicklich dieses scherzende Wort zu sagen. Aber sie befanden sich in Deutschland, Angelika war, wie die Herzogin es nannte, eine fromme deutsche Schwärmerin, und die Fremde hatte die Sitten und den Brauch des Hauses schon aus Rücksichten der Klugheit so lange zu schonen – bis es ihr gelang, sie allmählich nach ihrem Bedürfnisse und nach ihrem Geschmacke umzuwandeln, wozu sie sehr entschlossen war. Noch ehe man sich an jenem Tage von der Tafel erhob, hatte sie beschlossen, dem Baron zu Hülfe zu kommen und ihren alten Freund, den liebenswürdigen frohen Genossen mancher schönen Tage und Stunden, aus der Knechtschaft seines Ehejoches zu befreien.
Vorlage S. 247
859
Sie war noch immer mit sich zu Rathe gegangen, wie dies zu machen sei, bis in dem stillen Beisammensein mit der Baronin die widerwilligen Aeußerungen, welche diese über den Baumeister aussprach, die Herzogin auf den Einfall brachten, gleich jetzt einmal die junge Frau an einen Scherz zu gewöhnen; denn nur als einen solchen hatte sie ihre Warnung vor Herbert ausgesprochen. Erst die Bestürzung und das Erschrecken Angelika's erinnerten die achtsame Französin daran, wie viel damit getan sei, wenn man einen Menschen in seinem Glauben an sich selbst erschüttert, wie schnell man in der Regel an das Ziel gelangt, wenn man die Personen, auf die man wirken will, selbst zu Werkzeugen und zu unbewussten Gehülfen für dasjenige macht, was mit ihnen und an ihnen getan werden soll.
Vorlage S. 247
860
Noch während sie Angelika umarmte und küsste, hatte sie, über dieselbe in das Freie hinausschauend, bemerkt, dass der Baron den Billardsaal bereits verlassen und sich auf die Terrasse hinaus begeben hatte. In der Nähe der Baronin war für den Augenblick nichts mehr zu tun. Die Herzogin drängte es also, den Freiherrn zu sehen und zu erfahren, in wie weit bei ihm ihre Voraussetzungen berechtigt sein möchten.
Vorlage S. 248
861
Leichten Schrittes eilte sie durch die Gemächer, durch den langen Corridor, stieg dann die Treppe, welche aus dem Seitenflügel auf die Terrasse führte, hinunter, als käme sie graden Weges aus ihren Zimmern, und trat an den Baron mit der Frage heran, wo ihr Bruder sei.
Vorlage S. 248
862
Der Baron, welcher seinen Knaben auf dem Arme hatte, gab ihr Bescheid und wollte das Kind der Wärterin reichen, aber die Herzogin hinderte ihn daran. Nicht doch, nicht doch, rief sie ihm zu, Sie sehen prächtig mit dem Kinde aus, lieber Freund! Der schöne kleine René kleidet Sie vortrefflich! – Sie kam mit diesen Worten, leicht auf ihren kleinen Absatzschuhen einherschreitend, an den Freiherrn heran, nahm ihm den Kleinen ab, drückte ihn an das Herz und meinte: Es ist sonderbar, ich liebe die Kinder, ich liebe sie sehr, und doch habe ich es nie bedauert, kinderlos zu sein!
Vorlage S. 248
863
Ein Beispiel Ihres widerspruchsvollen Geistes! meinte der Baron.
Vorlage S. 249
864
Durchaus nicht, mein Lieber! Es ist nur ein Beweis dafür, dass ich mich und mein Herz wohl kannte. Ich war nicht edel, nicht tugendhaft genug, um glücklich zu werden durch eine Selbstverleugnung ohne Ende, um mein Leben lang immer eine gute Mutter zu sein!
Vorlage S. 249
865
Und doch erzogen Sie nach dem frühen Tode Ihrer Mutter den Marquis! wandte der Freiherr ein.
Vorlage S. 249
866
O, das war etwas Anderes, das war nur ein Bruder; das verpflichtete zu nichts, den konnte man aufgeben wie jeden Anderen, wenn man seiner überdrüssig war! Aber ein Kind, das bleibt, das ist unser eigen, das hat unabweisliche Forderungen an uns und ist eine bindende Fessel; gewiss eine süße, aber auch eine schwere Fessel – gerade wie die Ehe! rief sie und fügte lachend hinzu: Ihnen darf man das freilich nicht mehr sagen, denn Sie sind auch tugendhaft und ernsthaft geworden, sehr tugendhaft, sehr ernsthaft, und ich allein bin die Alte geblieben, das alte Kind einer jüngeren und fröhlicheren Zeit! – Sie wiegte dabei den Knaben tändelnd in ihren Armen und reichte ihn danach der Wärterin. Geh', geh', du reizendes, kleines Memento mori, sagte sie, und erinnere uns nicht mit deinen hellen Augen daran, dass du den Frühling noch schauen wirst, wenn uns längst sein grüner Teppich deckt!
Vorlage S. 249
867
Dann nahm sie den Arm des Barons, der sie mit Ueberraschung betrachtete, und fing an, langsam mit ihm auf der Terrasse umher zu wandeln, während sie das schwarze Spitzencapuchon ihres Entredeux über die Frisur zog, dass die Kanten auf ihr leichtgepudertes Gelock herniederfielen. Sie rühmte die anmuthige Lage des Schlosses, die gute Luft dieser Gegend und pries ihr Wohlbefinden in derselben. Sie sprach von ihrer Heimath, von ihren gemeinsamen Erinnerungen und Bekannten, und schien es lange gar nicht zu bemerken, dass sie allein die Unterhaltung führte. Auch der Baron beachtete es nicht; er hatte seine eigenen Gedanken.
Vorlage S. 249
868
Wie er so neben ihr einherging in aller seiner Stattlichkeit, die kleine, feine Gestalt am Arme führend, war es ihm, als komme mit der Berührung dieses Armes, der sich so weich und leicht dem seinen anschmiegte, ihm eine langvergangene Zeit zurück, eine Zeit, in der er voll Feuer, voll Hoffnung, voll jugendlicher Wünsche und zugleich mit einer Freiheit in das Leben getreten war, die ihm – wie er sich dagegen auch sträubte – jetzt noch reizend und begehrenswerth erschien. Er sehnte sich nach den Empfindungen der Leichtlebigkeit, die er in der letzten Zeit in sich zu bekämpfen gestrebt, und er konnte nicht anders, er musste in seinem Innern der Herzogin darin Recht geben: die Ehe, wie notwendig ihre strenge Beschränkung auch sein mochte, war eine Fessel, die wohl drücken konnte.
Vorlage S. 250
869
Was denken Sie? fragte die Herzogin ihn endlich.
Vorlage S. 250
870
Der Baron nahm sich zusammen. Ich freue mich daran, wie wenig Gewalt die Zeit über Sie und Ihren Geist gehabt hat! gab er ihr zur Antwort. Sie sind noch heute ganz dieselbe, die Sie in Vaudricour gewesen sind!
Vorlage S. 250
871
Und Sie, Cousin?
Vorlage S. 250
872
Können Sie mich das fragen? erwiderte er, und die Herzogin hütete sich, ihm schnell eine Entgegnung darauf zu machen. Sie schritt jetzt nur, als sei sie des Auf- und Niedergehens müde, die breite Treppe der Terrasse hinunter und wendete sich dann einer der Alleen zu, welche vom Schlosse aus den ganzen Park in langen Linien durchschnitten.
Vorlage S. 250
873
Die Bäume waren noch blätterlos, aber die Knospen hatten sich bereits stark gefärbt und begannen zu platzen und sich zu entfalten, dass es wie ein farbiger Duft hier bräunlich roth, dort gelblich, und daneben auf den anderen Gipfeln wie ein leichter, grüner Schleier anzusehen war. Die Sonne schien warm, nur hie und da wehte ein leichter, kühler Hauch durch die Luft, und wohin das Auge sich wendete, verkündete der helle frische Rasen das neue Werden der Natur.
Vorlage S. 250
874
Die Herzogin ging wie in stillem Genießen versenkt langsam fort und fort. Erst als sie sich eine Strecke vom Schlosse entfernt hatten, hob sie den Kopf zu ihrem Begleiter empor, sah ihm mit ihren sanften Augen, aus welchen der Frohsinn ganz entschwunden schien, prüfend in das Antlitz und sagte: Sie haben Recht, mein Freund; und einem Manne, der so viel Philosophie besitzt, wie Sie, kann man das wohl aussprechen, ohne ihn damit zu verletzen: Sie sind allerdings älter geworden, als Ihre Jahre, welche auch die meinen sind, es nötig machen. Ich komme mir jünger vor, als Sie, aber mich dünkt, Sie tragen daran selbst die Schuld!
Vorlage S. 251
875
Von einem Anderen die Bestätigung eines Gedankens zu erhalten, der uns nicht angenehm ist und den man sich wegleugnen möchte, ist immer eine sehr peinliche Sache. Aber der Freiherr wollte sich nicht weniger philosophisch zeigen, als die Herzogin ihn nannte, und er fragte sie deshalb mit anscheinendem Gleichmuthe, in wie fern er nach ihrer Ansicht die Schuld an seiner Wandlung tragen könne.
Vorlage S. 251
876
Ich weiß nicht, meinte die Herzogin, ob ich mich irre. Es ist indeß mit uns Menschen wie mit den Pflanzen. Jedwede fordert ihr eigenes Erdreich, ihre eigene ihr angemessene Wärme und Behandlung, und auch wir sind nicht überall hin zu versetzen, nicht für jede Umgebung gemacht. Ich meine, Sie hätten sich nicht aus der großen Welt zurückziehen sollen.
Vorlage S. 251
877
Der Baron zuckte die Achseln. Ich war ihrer müde geworden, meinte er, und die Baronin ....
Vorlage S. 251
878
Die Baronin ist ein Engel, fiel die Herzogin ihm in die Rede, ein Engel an Güte und an Tugend! Sie besitzt in der That alle die Vorzüge, welche ein Mann wie Sie von einer Frau nur fordern kann, aber – denn eine alte Freundin darf ja wohl aufrichtig zu Ihnen sprechen? ....
Vorlage S. 252
879
Aber, rief der Freiherr in einem Tone, der nicht eben ermuthigend klang, den jedoch die Herzogin nicht zu beachten für gut fand.
Vorlage S. 252
880
Aber, sagte sie, mich dünkt, für Sie, eben für Sie, Cousin, war sie vielleicht nicht die glücklichste Wahl. Sie sind lebhaft, lebenslustig, beweglich, ein wenig eitel und ziemlich egoistisch. Solche Männer sind in der Regel nicht darauf gestellt, immerfort das Gleiche zu empfinden. Solche Männer wollen auch bewundert werden, wollen etwas zu erringen haben, und an dem Vollendeten bleibt ihm nichts zu erringen, nichts zu tun übrig, als fortdauernd zu bewundern und zu verehren. Die Baronin ist vielleicht zu gut für Sie!
Vorlage S. 252
881
Sie sprach das in einer Weise, die es ihm anheimstellte, ob er ihre Worte ernsthaft oder scherzhaft nehmen wollte. Auch zögerte der Baron, ihr zu antworten, und erst nach einer kleinen Pause erwiederte er: In gewissem Sinne könnten Sie Recht haben. Die Verehrung ist nicht immer ein Beförderer der Liebe, und Nachsicht finden, Nachsicht gewähren, Verzeihen und Verzeihung erhalten, kann sehr süß sein, kann die Herzen sehr nahe zusammenführen, sie sehr dauernd verbinden!
Vorlage S. 252
882
Er hatte das mit einer gewissen inneren Bewegung gesagt. Die Herzogin wusste jetzt, woran sie war; aber sie wollte auch hier nicht absichtlich, nicht zudringlich erscheinen, und sie beherzigte bei sich, dass man um zu herrschen nicht eilig sein, dass man verstehen müsse, zu warten, um sicher vorwärts zu kommen. Mit jenem spielenden Lächeln, das selten von ihren Lippen wich und das ihren feinen Zügen so wohl anstand, ging sie völlig wieder zum Scherze über. Nun, rief sie, in diesem Falle, mein Cousin, sind Sie durch reichliche Erfahrung competent! Zum Verzeihen haben Sie uns immerdar Anlass gegeben und – ich rühme Ihnen das nach – Sie waren liebenswürdig, wenn man Ihnen Nachsicht zeigte!
Vorlage S. 252
883
Und bedurften Sie der Nachsicht weniger als ich, theure Herzogin? fragte der Baron, dem mit diesem Lächeln und diesem Tone seiner Begleiterin eine Vergangenheit wach wurde, deren zu gedenken er bisher der Herzogin gegenüber nicht gewagt hatte. Die Treue ....
Vorlage S. 253
884
Treue! Wer spricht davon? Ich habe das Wort nie leiden mögen.
Vorlage S. 253
885
Weil Sie sich nie entschlossen, es zu einer Wahrheit zu machen!
Vorlage S. 253
886
Als ob es Ihnen Vortheil gebracht hätte, wäre ich treu gewesen wie die Heldinnen der Fabliaux! Treu sein, heißt beschränkt sein, Nichts weiter! In Einem Menschen sein ganzes Leben lang die ganze Welt sehen, das heißt ja sich Augen und Ohren verbinden und Herz und Geist ertödten! Treue ist ein halber Selbstmord. Warum denn von Treue sprechen in einer Welt, in welcher Alles wechselt ....
Vorlage S. 253
887
Und Alles eigentlich so schön ist! unterbrach sie der Baron, der sich mehr und mehr erheiterte. Der Frühling hat seine Blüthen, der Sommer seine Blumen und seine heiße Gluth ....
Vorlage S. 253
888
Und der Herbst? fragte sie, indem sie ihm mit einem langen Blicke, dessen Wirkung sie früher oft genug erprobt, in die Augen schaute, und der Herbst?
Vorlage S. 253
889
O, rief der Freiherr, der Herbst hat seine klare, heitere Wärme, der Herbst hat oft das Licht des Frühjahres und den Duft des Sommers, und darüber hinaus die süße, erquickende Traube des Weines, dessen Feuer beständig ist und dessen Werth sich steigert mit der Zeit.
Vorlage S. 253
890
Er hatte den Arm der Herzogin fester an sich gezogen, und – war es der magische Glanz des hellen Sonnenlichtes, das seinen glühenden Schein über das Gesicht der Herzogin ergoß, oder war es der Reflex des dunkelrothen, kleinen Fächers, mit dem sie ihre Augen überschattete – sie kam dem Baron noch jung vor und er fand sie noch reizend. Freilich sah er die Fältchen in ihren Augenwinkeln, aber sie erhöhten nur die Freundlichkeit ihres Blickes. Er sah auch die feinen Furchen auf ihrer Stirn und die tieferen Züge, welche die Leidenschaft und die Jahre um ihren Mund gezogen hatten, aber er sah sie nur mit dem Bedauern, dass auch diese einst so anmuthvolle Bildung der Vergänglichkeit zum Raube fallen müsse, und obschon weit davon entfernt, jetzt noch ein Gefühl der Liebe für die Herzogin zu fühlen, wie er es einst vorübergehend auch für sie gehegt, hatte er sie doch nie höher gehalten, als eben in dieser Stunde.
Vorlage S. 254
891
Sie war ihm werth, unschätzbar werth! Er sprach ihr das aus. Er gestand ihr, dass er in diesem Augenblicke, in welchem er finde, was er so lange entbehrt, erst inne werde, wie schwer er einen Menschen, eine Freundin vermisst habe, die seine Erinnerungen mit ihm theile, die durch Menschenkenntniß, durch Welterfahrung ihm nahe stehe, die in sich selbst die Schwäche des Herzens und der menschlichen Natur erfahren habe, die ihm helfen könne, den zu ernsten Sinn Angelika's zu erheitern, ihr Lust an den Freuden ihres Alters zu geben. Und, so schloß er, ich bin glücklich, theure Herzogin, dass ich in Ihnen, meine Freundin, jene Jugend des Geistes und des Herzens wiedergefunden habe, die auch mir noch nicht entschwunden ist, und die in meiner Angelika zu beleben mir sicherlich gelingen wird, wenn Sie, theure Margarethe, mir die Hand dazu bieten!
Vorlage S. 254
892
Er hielt ihr die Hand hin, sie reichte ihm die kleine zierliche Rechte, deren reichberingte Finger blendend aus dem schwarzen Halbhandschuh von Filet hervorsahen, und er führte sie an seine Lippen. Sie gefielen einander gar wohl in dieser Lage, denn sie betrachteten einander mit den Augen früherer Tage, und in den neuen Freundschaftsbund schlossen sie stillschweigend die einstige kurze Liebe mit ein.
Vorlage S. 255
893
Wie segne ich die Stunde, sagte der Baron, in welcher Sie sich entschlossen, uns hier aufzusuchen!
Vorlage S. 255
894
Machen Sie mir den Aufenthalt durch Ihre Freundschaft nicht zu werth, das Exil wird mir zu schwer und zu hart danach erscheinen!
Vorlage S. 255
895
O, rief der Freiherr, das muss feststehen zwischen uns, Cousine, dass Sie uns nicht verlassen, bis wir selbst Sie nach Vaudricour zurückgeleiten können! Ihr Wort darauf!
Vorlage S. 255
896
Was hilft Ihnen das Versprechen einer Treulosen, die obenein wetterwendisch ist wie alle alten Frauen? meinte sie mit guter Laune, während sie umlenkte, um den Rückweg nach dem Schlosse anzutreten.
Vorlage S. 255
897
Nun denn, so appellire ich an die Vergangenheit, um mir die Zukunft zu sichern, meinte der Baron. Wir haben es uns einst versprochen, Freunde zu bleiben und einander nicht zu fehlen, wo wir einander nützen können. Denken Sie noch daran, Margarethe?
Vorlage S. 255
898
Ich denke daran, erwiederte sie anscheinend gerührt, denn ich erinnerte mich dieses Versprechens in der Stunde der Sorge, und ich kam zu Ihnen.
Vorlage S. 255
899
Wohlan denn, Herzogin, an der Seite meiner jungen Frau fehlte mir immer meine alte Freundin Margarethe. Ich verlange von ihr, dass sie nicht von mir geht, ehe ich sie entbehren kann! Wird sie mir das versagen?
Vorlage S. 255
900
Nein, o nein, gewiss nicht, mein alter theurer Freund, mein lieber Vetter, rief die Herzogin, als überwältigten sie das Zartgefühl und die Großmuth des Barons, aber gewähren auch Sie mir eine Bitte!
Vorlage S. 255
901
Befehlen Sie, theure Freundin! Ihnen einen Wunsch zu erfüllen, wird mich glücklich machen!
Vorlage S. 256
902
Nun denn, Baron, gönnen Sie es mir, die Vermittlerin zwischen Ihnen und den Wünschen unserer lieben Angelika zu machen. Die fromme Seele hat ihr Herz einmal an den Bau der Kirche in Rothenfeld gehängt, geben Sie ihr darin nach. Sie wünschen die Gute ein wenig leichtlebiger, ein wenig fügsamer zu finden; gehen Sie ihr mit gutem Beispiele voran und fordern Sie Nachgiebigkeit um Nachgiebigkeit.
Vorlage S. 256
903
Wie gern, meinte der Baron, nur dass wir eines schönen Effectes entbehren, wenn wir den Vortheil nicht benutzen, welchen der Bau auf der Höhe uns bieten würde.
Vorlage S. 256
904
O, Cousin, das ist Monsieur Herbert's Sache! Sie rühmen sein Genie, seine Erfindungsgabe; er wird einen anderen Vorschlag machen, er wird da oben eine Capelle, ein Kreuz errichten, und wenn die gute Angelika sich in ihrem heiligen Eifer genug getan hat, nun, so wird sie allmählich auch ihren Sinn mehr den Freuden des Lebens und ihres Alters zuwenden und das beschämende Gefühl von unseren Häuptern nehmen, dass wir jünger, o, weit jünger sind, als unsere liebe junge Schwärmerin.
Vorlage S. 256
905
Sie lachte und wandte ihr Haupt ab; ihr Nacken und ihr Ohr waren noch zierlich und sehr hübsch. Wie haben Sie es gemacht, Cousine, so jung zu bleiben? fragte der Baron.
Vorlage S. 256
906
Ich habe meine Freiheit nicht darangegeben, nachdem ich sie durch den Tod des Herzogs einmal wiedergewonnen hatte, entgegnete sie.
Vorlage S. 256
907
Der Baron antwortete ihr nicht darauf, aber sie glaubte ihn seufzen zu hören.
Vorlage S. 256
908
Am Abende erklärte der Freiherr seiner jungen Gattin, dass er sich hinsichtlich des Baues ihren Ansichten und Wünschen füge. Sie war davon gerührt und überrascht. Aber sie ahnte nicht, dass sie die Gewährung ihres Verlangens einer fremden Frau verdankte, die wohl wusste, was sie damit getan, als sie dem Freiherrn seinen und seiner Gattin Lebenswege als zwei von einander abweichende Pfade bezeichnet hatte.
Vorlage S. 257
909
Erstes Capitel
Vorlage S. 258
910
In dem grünen Parke von Schloß Richten hatten die zahmen Rehe und Hirsche sich bereits gewöhnt, das Brod aus den Händen des kleinen Renatus zu nehmen, wenn die Wärterin ihn an das Gitter des Geheges führte, und in Rothenfeld stieg die Kirche schon stattlich aus der Tiefe hervor, als die Kriegstrommel durch das Land rasselte, weil der Feldzug, mit welchem man dem bedrängten Könige von Frankreich zu Hülfe kommen wollte, nun eine beschlossene Sache war.
Vorlage S. 261
911
Ueberall im Lande gab es Truppenmärsche, in allen Häusern hatte man Einquartierung; auch das große, schön gelegene Haus des Juweliers Flies war natürlich nicht davon verschont. Angenehme Gäste waren diese, von Werbern aus allen vier Weltgegenden zusammengebrachten Truppen, diese Söldlinge, welche nur mit Gewalt bei der Fahne erhalten werden konnten, eben nicht, und der Kriegsrath Weißenbach hatte es von dem Juwelier Flies als einen Freundschaftsdienst gefordert, dass dieser die auf das Haus gewiesenen Gemeinen in sein Quartier nahm und dem Kriegsrathe die beiden Offiziere überließ, mit denen doch ein Verkehr und ein anderes Auskommen möglich war.
Vorlage S. 261
912
Der Kriegsrath, dem der Caplan vor einigen Jahren auf den Vorschlag des Juweliers den Sohn Paulinen's übergeben hatte, stand aber auch mit seinem Hausherrn immer auf dem besten Fuße. Herr Weißenbach war ein Mann, der seine Ruhe liebte, der seine festen Gewohnheiten hatte und der für das Muster eines ruhigen und fleißigen Beamten galt. An jedem Morgen ging er um die bestimmte Stunde in sein Bureau, an jedem Mittage kehrte er um die gleiche Stunde heim, und eben so regelmäßig pflegte er dann in den Laden des Juweliers zu treten, der schon lange neben seinem Gold- und Juwelenhandel ansehnliche Bankgeschäfte machte und von dem Gouverneur der Provinz, wie von dem hohen Adel mit mannigfachen Geld-Operationen beauftragt wurde. Dadurch war er meist wohl unterrichtet über alles, was in den Familien des Adels und des Bürgerstandes vorging. Der Kriegsrath seinerseits, obschon er sehr gewissenhaft über seinen Amtseid dachte, wusste doch immer Dies und Jenes von den Maßregeln der Regierung zu erzählen, was er freilich nur als Muthmaßungen bezeichnete, was aber dem scharfsichtigen und gut zusammenreimenden Kaufmanne gelegentlich doch zu Nutz und Frommen gereichte, und da man auf diese Weise für einander zugleich unterhaltend und förderlich war, so liebten beide Männer es, alltäglich ein Viertelstündchen zu sammen zu verplaudern. Sie sprachen daneben vor Fremden auch günstig von einander, und befestigten und steigerten auf diese Weise gegenseitig ihren guten Ruf und ihren Credit, ohne dass sie deshalb einen eigentlichen gesellschaftlichen Verkehr unterhalten hätten. Denn die Flies'sche Familie zu sich einzuladen, fand die Kriegsräthin nicht passend; aber sie verschmähte es deßhalb nicht, sie hier und da einmal allein zu besuchen, von ihr jeden Dienst zu fordern und anzunehmen, welchen dieselbe zu leisten nur irgend geneigt und im Stande schien, und beide Theile glaubten nicht, sich damit etwas zu vergeben. Der Kriegsrath, wie weit er auch von der höchsten Stufe der Macht entfernt war, fühlte sich doch als einen Theil der Beamtenwelt, die in des Königs Namen das Land regierte, und der Juwelier, welcher seinen Schwerpunkt in seinem wachsenden Vermögen hatte, gönnte dem Kriegsrath seinen Beamtenstolz und sein gemessenes feierliches Wesen. Konnte er doch berechnen, wie weit diese Vornehmheit ungefähr zu gehen vermochte!
Vorlage S. 261
913
Selbst die bewegten Zeiten änderten in diesem gegenseitigen Verhältnisse nichts. Denn wie abweichend der Hausherr und sein Miether auch über die Dinge dachten, welche in Amerika geschehen waren und in Frankreich eben jetzt geschahen, so waren beide doch vorsichtig genug, die obwaltende Meinungsverschiedenheit nicht scharf hervorzuheben oder auch nur ernst zu berühren. Der Kriegsrath wünschte es mit einem Manne nicht zu verderben, der nachzusehen wusste, wenn die Quartalszahlungen einmal etwas auf sich warten ließen. Auch um Paul's willen musste man mit Herrn Flies in gutem Vernehmen zu bleiben suchen, und dieser Letztere hielt beharrlich an der Erfahrung fest, dass man jeden Menschen einmal brauchen könne und also Niemanden unnöthig von sich weisen dürfe.
Vorlage S. 262
914
Herr Flies hatte seiner Zeit mit dem Kriegsrathe das Abkommen wegen des Knaben mit jener Schnelligkeit betrieben, mit welcher er alle seine Geschäfte abzumachen liebte, und er hatte dabei eine doppelte Absicht gehabt. Einmal hatte er gewünscht, sich dem Freiherrn von Arten gefällig zu erzeigen, der ihm ein guter Kunde war, und zweitens hatte er geglaubt, es könne ihm in jedem Betrachte nur vortheilhaft sein, wenn die Einnahmen seines Miethers sich um eine Summe steigerten, welche durch ihn ausgezahlt werden sollte und die mehr als den Betrag des Miethzinses ausmachte. Aber erst, als sie das Kind bereits im Hause hatte, war die Kriegsräthin auf die Frage gekommen, in welcher Weise sie dasselbe vor den Leuten aufzuführen haben werde. Eingestehen, dass sie den Bastard eines Edelmannes bei sich aufnehme, das mochte sie nicht gern, und ein Kind von solcher Herkunft für den Sohn eines seiner Verwandten auszugeben, verweigerte der Kriegsrath. Man gelangte also zu dem Auskunftsmittel, den Knaben als eine Waise darzustellen, deren man sich angenommen habe, und damit schienen die Schwierigkeiten nach allen Seiten auf einmal gelöst.
Vorlage S. 262
915
Man hatte eine Form, in welcher man den kleinen Paul den zahlreichen Bekannten und Freunden des Hauses vorstellen konnte, es war gerechtfertigt, wenn man den Knaben in allen Dingen sparsam hielt, es gab für die Großmuth und Herzensgüte der Pflegeeltern ein schönes Zeugnis, und es erzog, wie die Kriegsräthin sagte, ihren Pflegling auf die einfachste Weise zu der Fügsamkeit, die für ihn am angemessensten schien, weil seines Gleichen doch in der Regel keinen glatten Lebensweg zu haben pflegten.
Vorlage S. 263
916
Die Kriegsräthin war überhaupt eine gescheite und daneben eine hübsche Frau, die freilich nicht in allen Dingen mit ihrem älteren Manne zusammenstimmte. Er war ein wenig trocken und pedantisch; sie nannte sich gefühlvoll und poetisch. Er liebte die Arbeit, sie die Muße; er hielt auf seine Gewohnheiten, sie sehnte sich nach Wechsel und nach Neuem; ihm genügten sein Amt und seine Lebenslage, sie besaß den Ehrgeiz, für ihren Mann ein höheres Amt, für sich eine glänzendere gesellschaftliche Stellung zu begehren, und sie war der Meinung, dass eine hübsche, gescheite Frau ihrem Manne vielfach nützen könne. Es war ja nicht das Verdienst allein, dass man im Staate belohnte, nicht allein die Kenntnisse und die Tüchtigkeit, welche den Beamten vorwärts brachten. Vornehme Verwandtschaften und einflußreiche Bekanntschaften fielen ganz anders in die Wagschale, und Frau Weißenbach, welche sich eine Pflicht und eine Ehrensache daraus machte, ihrem Manne solche Bekanntschaften zu vermitteln, hatte sich eben deshalb auch so schnell bereit erklärt, das Kind des angesehenen Freiherrn von Arten bei sich aufzunehmen. Denn auf die förderliche Gunst eines Mannes, dem man ein Geheimnis bewahrte, meinte sie rechnen zu dürfen.
Vorlage S. 263
917
Wenn man aber mit einflußreichen Leuten in Berührung zu kommen wünschte, so musste man, wie die Kriegsräthin behauptete, einen gewissen äußern Anstand zeigen, weil sich mit einer Familie einzulassen, von welcher man in jedem Augenblicke irgend einer Anforderung gewärtig sein muss, der Angesehene und Vielvermögende, der wie jeder Andere um seiner selbst willen aufgesucht sein mag, überall Bedenken trägt; und der äußere Anstand war auch gar so schwer nicht zu behaupten. Eine gute Einrichtung, wenn sie einmal angeschafft ist, hält lange vor, und eine gebildete Frau weiß ihre Kleidung so zu tragen, dass alles an ihr einen besonderen Anstrich erhält. Es war auch gar nicht nötig, dass der Kriegsrath sich viel in der Gesellschaft zeigte und sich aus seiner Ruhe störte. Sah man die Frau nur im Theater, wenn die Schauspielertruppe sich am Orte aufhielt, traf man sie nur in dem Kaffeegarten, in welchem die angesehenen und gebildeten Familien der Stadt sich zusammenfanden, so konnte der Mann in Gottes Namen bei seiner Arbeit bleiben. Hier und da ein Abendbrod zu geben, oder einige Personen zum Spiel bei sich zu sehen, das konnte man leicht ermöglichen. Man schränkte sich dafür in der Familie ein wenig ein, und ließen die Ausgaben und Einnahmen sich dennoch einmal nicht in das Gleiche setzen, so verstand Laura es vortrefflich, den mahnenden Handwerkern mit dem Hinweise auf ihres Mannes einflußreiche Stellung Geduld zu predigen, und sie auf die mancherlei Lieferungen zu vertrösten, welche er zu vergeben hatte und von denen hier und da eine oder die andere ihnen auch zu Theil ward.
Vorlage S. 264
918
Auf solche Art geschah es, dass die Kriegsräthin ihre Handwerker und diese die Weißenbach'sche Familie lobten, dass Herr Weißenbach mit seiner Laura sehr zufrieden war, dass Laura mit heiterer Sicherheit ihre sämmtlichen Angelegenheiten leitete und dass man die Familie Weißenbach durchaus als eine sehr achtungswerthe bezeichnete. Wem die Menschen aber, sei es mit Grund oder ohne Grund, einmal wohlwollen, dem legen sie das Gute doppelt und dreifach als ein solches aus, und Frau Weißenbach hatte selbst nicht voraussehen können, welch ein Gewinn ihr durch die Aufnahme von Paul erwachsen sollte, da man einmal günstig für sie gestimmt war.
Vorlage S. 264
919
Die Leute, welche sich nur an die materiellen Verhältnisse hielten, meinten, dass verständige Personen sich nur dann die Sorge für eine Waise aufladen, wenn ihnen dies ein Leichtes sei. Die weichen Seelen rühmten das liebevolle Herz der Kriegsräthin, welches sich in der Hingebung an ihren Gatten noch nicht genug zu tun wisse, und kam dem Kriegsrath inzwischen doch einmal die Frage, wie seine Laura es nur anfange, mit seinen Mitteln so weit auszureichen, so wusste diese, seit Paul in ihrem Hause war, Alles auf die für ihn bezahlte Pension zu übertragen und es deutlich zu beweisen, was sich leisten und bestreiten lasse, wenn neben der ausreichenden Summe für das Unerläßliche noch eine sichere Einnahme zur Beschaffung des Ueberflüssigen und Angenehmen vorhanden sei. – Es machten sich also, wie gesagt, die Dinge alle ganz vortrefflich, und Jedermann war recht zufrieden, bis auf den Knaben, der in dem Weißenbach'schen Hause seine Heimath haben sollte und der es deutlich genug empfand, dass er von der Kriegsräthin, die sich seine Mutter nannte, nur geduldet, nicht geliebt ward; dass sie ihn entfernte, wenn sie konnte; dass sie ihn ängstlich bewachte, wenn man mit ihm sprach, und dass sie ihn zum Schweigen verwies, sobald er von seiner wahren Mutter und von seinen Erinnerungen zu reden begann.
Vorlage S. 265
920
Dieses Letztere währte jedoch gar nicht lange, denn er hatte des Neuen in der Stadt so viel zu sehen, dass es die alten Eindrücke zurückdrängte, und nachdem der Knabe in den ersten Wochen täglich nach seiner Mutter verlangt hatte, sprach er bald gar nicht mehr von ihr und schien es nach Jahr und Tag völlig vergessen zu haben, dass er je eine andere Heimath gehabt hatte. Aber mit seinen ersten Erinnerungen hatte Paul auch seine kindliche Fröhlichkeit verloren. Er war ein ernsthafter, still beobachtender Knabe geworden, der sich in den Willen und die Weise der Personen, von denen er abhängig war, früh zu schicken lernte.
Vorlage S. 265
921
Morgens, wenn der Kriegsrath sich in sein Bureau verfügte, und der alte, reiche Herr Präsident der schönen Laura seine alltägliche Morgenvisite machte, ging Paul bald ganz von selbst hinaus. Er hatte es ja auch schon so oft gesehen, wie der alte Herr der Pflegemutter zärtlich die vollen, weißen Hände küsste und ihr mit zierlicher Armbewegung und gespitzten Fingern den frischen Strauß oder die gefüllte Bonbonnière überreichte, in der neben dem Zuckerwerk wohl auch ein zierlich gefaltetes Briefchen oder ein kleines, werthvolles Geschenk sich verbargen. Abends hingegen, wenn die Herren Offiziere und die geputzten Damen mit den hohen Flatteusen auf dem Kopfe zum Spiele kamen, dann sollte Paul freilich in der Gesellschaft bleiben, aber er musste es dann stets aufs Neue rühmen hören, wie gut, wie großmüthig seine Pflegemutter, und wie sie zu beklagen sei, dass ihr Pflegesohn nicht freundlicher, nicht fröhlicher, dass er, trotz seiner schönen Augen und seines lebhaften Gesichtes, ein so verschlossener, ein so wenig liebenswürdiger Knabe sei.
Vorlage S. 266
922
Er war herzlich froh, wenn er endlich die Weisung erhielt, das Zimmer zu verlassen, wenn er aus den lichten Räumen sich über den Corridor in die letzte Stube der Wohnung flüchten konnte, in welcher der Kriegsrath, zwischen Actenstößen vergraben, bei seiner Arbeit saß, oder wenn er hinuntergehen durfte zu dem Hauswirthe in die große Stube, welche an den Laden anstieß.
Vorlage S. 266
923
Unten bei Herrn Flies, da kamen Morgens keine besonderen Besuche zu der Hausfrau und Abends war keine Gesellschaft zum Spiele dort. Da hieß man ihn nicht reden und nicht schweigen, da ließ man ihn nicht hart an, ohne dass er wusste, was er verbrochen habe, da küsste und lobte man ihn nicht vor Fremden, ohne dass er einsah, womit er dies verdient hätte. Herr Flies saß auch Abends niemals so, wie der Kriegsrath, ganz allein in einer stillen, dunkeln Arbeitsstube.
Vorlage S. 267
924
Freilich hatte Herr Flies auch vollauf zu tun von früh bis spät, aber sein Tun war lustiger, als das des Kriegsrathes, es war nicht einsam und nicht immer dasselbe. Denn vorn im Laden, der nach der Straße hinaussah, da standen die spiegelhellen Silbervasen, auf denen allerlei Figuren: Menschen, Thiere und Pflanzen nachgebildet waren, vor dem Fenster. Da führte der silberne Mohr mit goldenem Schurz den schneeweißen Elephanten an goldener Kette, da ringelten sich goldene Schlangen um silberne Palmbäume, da gab es in kostbaren Geschmeiden die rothen Korallen und die schimmernden Perlen, welche man, wie ihm Herr Flies sagte, aus der Tiefe des Meeres hervorholte, und daneben funkelte der rothe Rubin und leuchtete der blaue Saphir über dem strahlenwerfenden Diamanten und dem glänzenden Smaragd, die man in jenen Gegenden finden konnte, in denen die Schlange sich um den Palmbaum ringelte und der Neger und der Elephant und der Hindu und der Löwe zu Hause waren, die Paul am Fuße eines großen Tafelaufsatzes zu bewundern liebte.
Vorlage S. 267
925
Alles gefiel ihm in dem Laden. Er hatte immerfort etwas zu betrachten. Er hörte es gern, wenn Herr Flies den Käufern die Schönheit seiner Waaren rühmte, er sah ihm gern zu, wenn er das eingenommene Geld im Zählen so blitzschnell aus der Rechten in die Linke gleiten ließ, um es dann in gleichmäßigen Haufen neben einander aufzustapeln, oder wenn die Leute kamen, denen man Geld zu zahlen hatte, und der Cassirer es im Comptoir mit nie fehlender Sicherheit in richtigem Betrage auf den Zahltisch hinschießen machte. Die Handlungsgehülfen an den Stehpulten hinter den hölzernen Gittern, welche in den großen, schweren Büchern schrieben, der Hausknecht, der Päcke von Waaren nach der Post trug oder Säcke voll harter, blanker Thaler in das Haus brachte, das alles beschäftigte des Knaben Phantasie, das alles liebte er zu sehen. Mehr aber noch als alles das liebte er Seba, und Seba war es werth, dass man sie liebte.
Vorlage S. 267
926
Sie war das einzige Kind des Juweliers. Seinen größten Schatz nannte sie der Vater, einen wahren Edelstein nannte sie die Mutter, die schöne Seba Flies, die schöne Jüdin hieß man sie in der Stadt. Des Vaters namhaftes Vermögen war für sie erworben; was Liebe gewähren, Geld erkaufen konnte, Pflege und Unterricht aller Art waren ihr zu Theil geworden. In der Liebe ihrer Eltern hatte sich ihr Herz entfaltet, durch Bildung ihr Geist sich entwickelt, sie wusste, was sie werth war, und gerade darum lasteten die Verhältnisse, in denen sie geboren war und lebte, so schwer auf ihr.
Vorlage S. 268
927
Was half es ihr, dass sie weit schöner war, als die meisten der reichen Bürger- und Kaufmannstöchter und selbst als die Edelfrauen und Fräulein, welche in ihres Vaters Laden den Schmuck für ihre Feste und den Trauring für ihre Hochzeit kauften? Was half es ihr, dass sie nur zu sprechen, nur zu wollen brauchte, um die Edelsteine zu besitzen, welche ihr begehrenswerth erschienen? Keiner der Männer, für welche jene Frauen sich schmückten, war für die Jüdin vorhanden, keines von all den Festen, auf denen Jene sich vergnügten, öffnete seine Thüren für Seba, und sich zu schmücken und zu putzen für die Gesellschaft ihrer Stammes- und Standesgenossen machte ihr keine Freude. Die Verachtung, die Zurücksetzung, welche auf den Juden lasteten, drückten sie. Mit unerbittlicher Klarheit sah sie die Schwächen und Widrigkeiten, welche den von der Allgemeinheit ausgeschlossenen Juden anhafteten, und schon oftmals war ihr der Gedanke durch die Seele gegangen, dass Bildung und Erziehung zum Schönen und zum Edeln für denjenigen keine Wohlthat sein könnten, dem es nicht vergönnt sei, sich frei und gleichberechtigt unter den Gebildeten zu bewegen.
Vorlage S. 268
928
Eine heimliche Unzufriedenheit, die auszusprechen schon die Zärtlichkeit und Liebe für ihre Eltern sie abgehalten haben würde, arbeitete, seit sie herangewachsen war, in ihrem Innern fort, und ihre phantastische Hoffnung auf einen Wechsel ihrer Lebensverhältnisse, auf eine Aenderung der allgemeinen Zustände sog ihre Nahrung aus der großen gesellschaftlichen Umgestaltung, die sich jenseit des Rheines durch die Revolution vollzog und auf welche auch ihr Vater sein Auge und seine Erwartungen gerichtet hielt. Denn, wie Herr Flies auch gelegentlich zu schweigen wusste, wenn man sich mit Entrüstung über die Revolutionäre in Frankreich äußerte, welche weder vor göttlichen noch vor menschlichen Gesetzen Achtung hegten – in seines Herzens Innerem dachte er anders, und er hatte dessen vor seiner Familie und vor seinen Freunden auch kein Hehl.
Vorlage S. 269
929
Zweites Capitel
Vorlage S. 270
930
Im Flies'schen Hause erregten der bevorstehende Krieg gegen Frankreich und das Einrücken der Truppen, welche bestimmt waren, der revolutionären Bewegung in Frankreich wo möglich ein baldiges Ende zu machen, also keine Freude, denn man hatte allen Grund, der Sache den Sieg zu wünschen, die zu bekämpfen das Heer entsendet wurde, und es war dem Juwelier recht erwünscht, dass der Kriegsrath die Offiziere bei sich ins Quartier nahm. Brauchte Herr Flies es nun doch nicht mit anzuhören, wie verächtlich die jungen Edelleute von den Franzosen sprachen, wie sie die in Paris verkündigte Anerkennung der Menschenrechte verspotteten und mit welchen Schmähungen sie die Namen der großen Männer begleiteten, welche in Frankreich die Aufhebung aller Privilegien und Standesvorrechte ausgesprochen hatten!
Vorlage S. 270
931
Es waren aber schöne junge Männer, vornehme Offiziere, die oben bei der Kriegsräthin die großen Vorderstuben bewohnten. Sie gingen täglich vielmals durch das Haus und grüßten dabei Seba immer sehr verbindlich. Nur auf einige Tage hatte man die Einquartierung angemeldet, aber sie blieb und blieb, und wie man überall auch vom Kriege und von seinen Schrecken sprach, die Offiziere schienen ihn wie eine Vergnügung anzusehen. Das Leben, das man jetzt im Orte führte, war auch lustig genug. Die Offiziere stolzirten prächtig durch die Straßen, wurden gehegt und gepflegt, ritten und fuhren umher und saßen und scherzten mit den Frauen und Mädchen, die sich gar keine besseren Gesellschafter wünschen konnten, und sich schmückten, als wären es lauter Feiertage. Auch die Kriegsräthin trug jetzt immer ihre guten Kleider und war von früh bis spät in bester Laune, wenn die Offiziere, so nannte sie den Hauptmann und den Grafen, bei ihr im Zimmer waren. Abends gab es noch häufiger Besuch als sonst, man spielte oftmals, man tanzte auch bisweilen, und selbst der Kriegsrath schloß sich jetzt von der Gesellschaft selten aus, denn des Grafen Onkel war der Kriegs-Minister, von dessen Gunst und Meinung des Kriegsrathes ganze Zukunft abhing. Am Morgen fuhren die beiden jungen Edelleute die Kriegsräthin bisweilen spazieren, und nach einer solchen Ausfahrt war es, dass die schöne Laura eines Tages mit dem Grafen in den Laden des Juweliers hineinkam, als Seba dem Vater eben eine Schnur werthvoller Perlen wiederbrachte, die er ihr aufzureihen gegeben hatte.
Vorlage S. 270
932
Herr Flies fragte, womit er dienen könne, weil er annahm, der Graf wünsche irgend einen Kauf zu machen; aber die Kriegsräthin sagte, sie komme nur, um Paul zu suchen, der doch gewiss hier unten bei seiner Seba sein werde. Sie lächelte dabei sehr freundlich, und auch Seba lachte, denn der Knabe hatte wirklich wieder bei ihr unter den Wallnußbäumen im Garten gespielt, unter deren jungem Laube es am Mittage sehr schattig war.
Vorlage S. 271
933
Die Kriegsräthin ging über den Hof in den Garten hinaus, den Knaben zu holen, Seba begleitete sie und der Graf folgte ihnen nach. Madame Flies saß draußen und pflückte Rosenblätter und Lavendelblüthen zum Aufbewahren in einen Topf. Paul half ihr dabei, und obschon die Kriegsräthin ihm sagte, dass er hinaufkommen solle und dass sie gehen müsse, weil es bald Mittag sei, ließ sie sich doch auf der Bank unter den Bäumen nieder und schickte Paul ins Gartenhaus, für den Herrn Grafen einen Stuhl zu holen.
Vorlage S. 271
934
Der Graf fand den Garten äußerst angenehm. Er rühmte den Rasen und den Schatten und die Blumen, er sagte, dass es in seines Vaters Park nicht frischer sei, und er fragte die Kriegsräthin, weßhalb sie ihre Gäste bei diesem schönen Wetter nicht lieber in dem Gartenhause als oben in ihren Zimmern bewirthe?
Vorlage S. 271
935
Wir haben die Benutzung des Gartens nicht, Herr Graf, bedeutete die Kriegsräthin.
Vorlage S. 272
936
Er steht ja immer zu Ihrer Verfügung, verehrte Frau Kriegsräthin! versicherte dienstbeflissen und zuvorkommend die Hausfrau.
Vorlage S. 272
937
Die Eine dankte, die Andere meinte, es bedürfe des Dankes nicht, und dabei überhörten sie beide, was der Graf zu Seba sagte. Es musste aber etwas Angenehmes und nichts Gewöhnliches sein, denn Seba ward roth, obschon sie lächelte, und blickte den Grafen an, nachdem sie sich hatte abwenden wollen. Es lohnte auch der Mühe ihn anzusehen, denn er war schön, der schlanke junge Mann mit seiner zuversichtlichen Miene und den stolz geschwellten Lippen.
Vorlage S. 272
938
Die Kriegsräthin und der Graf blieben nicht lange im Garten, und doch war es Seba, da Jene sich entfernten, als hätte sie viel erlebt, als sei etwas ganz Besonderes geschehen. Sie überlegte, was der Graf zu ihr gesprochen, was sie ihm geantwortet habe. Sie hätte wissen mögen, wie sie ihm erschienen sei und ob ihre Redeweise, ihr Betragen, ihre Haltung die richtigen gewesen wären. Sie war so unsicher über sich selbst, sie genügte sich plötzlich nicht. Das war ihr sonst niemals geschehen.
Vorlage S. 272
939
Am Nachmittage kam Paul herunter.
Vorlage S. 272
940
Seba, sagte er, sieh' mich doch einmal an!
Vorlage S. 272
941
Wozu das? fragte sie.
Vorlage S. 272
942
Ich will nur sehen, ob Du schön bist!
Vorlage S. 272
943
Wie kommst Du darauf? entgegnete sie.
Vorlage S. 272
944
Der Graf hat es gesagt! versetzte Paul, weit entfernt, zu ahnen, was er seiner Freundin damit that.
Vorlage S. 273
945
Sie hätte sich den Anschein geben mögen, als achte sie nicht auf des Knaben Worte, aber sie konnte das Wohlgefühl, das sie durchströmte, nicht verbergen. Sie umfasste Paul, sie drückte ihn an ihr Herz, sie küsste ihn wieder und wieder. So lieb wie heute hatte sie ihn nie gehabt.
Vorlage S. 273
946
Sie sang und lachte, wo sie ging und stand. Nie zuvor war sie an einem Tage so oftmals an den Spiegel getreten, nie zuvor hatte ihre Schönheit sie so erfreut. Noch spät am Abend, ehe sie sich zur Ruhe legte, schlang sie bald dieses, bald jenes Band durch ihre Locken, hing sie bald dieses, bald jenes Geschmeide um Hals und Arme. Sie wollte erproben, was ihr am besten stände, um es morgen anzulegen, und sie dachte mit einer Wonne an den nächsten Morgen, an den nächsten Tag, dass sie den Schlaf darüber lange gar nicht finden konnte.
Vorlage S. 273
947
Morgen, sagte sie sich, als die Nebelgebilde des Traumes ihren Sinn zu umfangen begannen, morgen! Was wird morgen sein? – Und der Traum bemächtigte sich der heimlichen Gedanken und Hoffnungen, die sich in ihr regten, und spann sie aus und stellte sie ihr dar, und machte ihr deutlich, was sie fühlte; denn der Traum ist der verführerische Gefährte der aufdämmernden Liebe, der schneller und kühner als sie, ihr stets voraus ist und sie verlockt, ihm in Gebiete zu folgen, in die ihr Ahnen und Wünschen sich noch nicht gewagt hat, und von denen sie nicht mehr zurückkehrt, wenn sie sich erst darin verloren hat.
Vorlage S. 273
948
Und Seba hatte sich am folgenden Tage nicht vergebens geschmückt, und die Mutter hatte nicht vergebens der Kriegsräthin den Garten zur Verfügung gestellt, denn sie begann ihn fleißig mit ihren Gästen zu benutzen. Morgens spazierte sie mit dem Hauptmanne in den Alleen umher, Mittags suchte man unter seinen Bäumen den Schatten auf, Abends kam man noch hinunter, die Kühlung zu genießen, und der Graf war immer dabei.
Vorlage S. 273
949
Das ging Tag für Tag so fort. Die Kriegsräthin und Madame Flies wurden immer bessere Freundinnen, da sie sich näher kennen lernten, und Jene betheuerte, dass sie es sich gar nicht vergeben könne, so manche Jahre mit Madame Flies und mit der guten Seba unter einem Dache gelebt zu haben, ohne zu begreifen, welche Hausgenossen sie an ihnen besitze. Sie mochte sich von Seba kaum noch trennen. Sie versicherte, dass sie dieselbe wie eine jüngere Schwester, wie eine Tochter liebe; sie erzählte im Vertrauen, wie der Hauptmann und vor Allen der Graf die schöne Seba bewunderten, und es war im Grunde gar nicht nötig, dass sie ihr das sagte, denn der Graf hatte es Seba oft genug ausgesprochen und wiederholt, und Seba dachte schon lange an nichts mehr, als an ihn.
Vorlage S. 274
950
Dem Vater kam das Alles nicht gelegen. Er kannte die Edelleute und er kannte auch die Kriegsräthin. Er glaubte nicht an die plötzlichen Wandlungen und war klug genug, wo eine solche sich vor seinen Augen vollzog, nach der Ursache des Wunders zu fragen. Hier aber reichten der Name des Grafen und die sichtliche Bewunderung, welche derselbe für Seba an den Tag legte, vollkommen hin, dem Juwelier die Gefälligkeit der Kriegsräthin zu erklären, und weder diese noch der Graf wurden ihm dadurch lieber. Er hätte der ganzen Sache gern ein Ende gemacht; indeß Seba hatte solche Freude an der Geselligkeit, in welche sie durch die Kriegsräthin gezogen ward, und sie war ja klug genug, die Kluft zu ermessen, welche die Tochter ihres Vaters von einem Grafen Berka trennte. Mochte sie also die kurze Freude genießen, sich von einem Grafen bewundert zu sehen, da es ja obenein möglich war, dass sich aus den gegenwärtigen Verhältnissen zu der Weißenbach'schen Familie für Seba ein Umgang entwickelte, wie sie ihn sich lange ersehnt hatte, wie sie und ihre Eltern ihn wohl auch beanspruchen durften.
Vorlage S. 274
951
Aber nicht Seba allein war befriedigt durch die Besuche, welche sie bei der Kriegsräthin machte, auch Paul, ihr kleiner Freund, hatte seine Lust daran, denn sie sah gar zu schön aus, wenn sie Abends in ihren weißen Kleidern zur Gesellschaft herauf kam.
Vorlage S. 275
952
Einmal, am Geburtstage der Kriegsräthin, hatte man noch mehr Gäste geladen als gewöhnlich, und zum ersten Male waren auch Herr Flies und seine Frau dabei. Seba hatte rothe Korallen durch ihr schwarzes Haar geschlungen, und man lachte und scherzte und tanzte, und unter all den schönen Mädchen und Frauen war Seba bei Weitem die Schönste. Das sah Paul ganz deutlich, das sagte auch Jedermann, und das sagte ihr auch der Graf, dem die Uniform so straff saß, dem die Lebenslust aus seinen blauen Augen lachte und der heute gar nicht von Seba's Seite wich.
Vorlage S. 275
953
Paul konnte das nicht leiden. Er konnte den Grafen überhaupt nicht leiden, denn Seba beachtete den Knaben nicht, wenn Jener in ihrer Nähe war, ja, sie schien Paul überhaupt beinahe vergessen zu haben. Nachdenklich stand der Kleine in der Ecke und sah dem Grafen nach, wie dieser Seba in seinem Arme hielt und wie die beiden sich leise und sanft in den weichen Schwingungen des Schleifers durch den Saal bewegten. Niemand kümmerte sich um Paul, und Niemand wusste, wie sonderbar fremd ihm heute der Saal erschien, den man mit Guirlanden und Kränzen aufgeputzt hatte und der wie nie zuvor voll Menschen war. Die Hitze, der Geruch der Blumen, das Blinken der Uniformen, das Drehen und Wenden der Tanzenden verwirrten ihm den Blick und den Sinn, und doch musste er immerfort nach Seba und nach dem Grafen Berka hinsehen, musste er immerfort den Namen Graf Berka, Graf Berka in sich wiederholen. Seit Monaten hatte er diesen Namen täglich nennen hören, und nun mit einem Male, wie er neben dem Gewühl der Tanzenden, unter dem Klange der Musik, unter all dem Sprechen und Tönen und Duften so in seiner Ecke stand, meinte er, den Namen Berka habe er schon lange gekannt. Indeß er wusste nicht, wo er ihn gehört hatte, und er wusste auch nicht, was ihm dabei einfiel. Aber es tauchte etwas vor ihm auf, es kam ihm vor, als habe er einmal etwas gewusst, als sei einmal etwas geschehen, woran er lange nicht mehr gedacht habe, und immer wieder kam er dabei auf den Namen Berka zurück, den er doch nicht liebte.
Vorlage S. 275
954
Er war froh, als der Tanz zu Ende war und das Drehen um ihn her ihn nicht mehr quälte. Er sah, wie Seba in das Cabinet ging, welches an den Saal anstieß, und er folgte ihr nach. Sie hatte auf einem Sessel neben dem Ecktische Platz genommen, die Kriegsräthin, die ganz entzückt von ihr zu sein schien, hielt sie bei der Hand und der Graf saß an ihrer Seite. Das Cabinet war voll Menschen, denn man hatte im Saale die Fenster geöffnet, weil die Nacht trotz der frühen Jahreszeit so heiß war. Wein wurde umhergegeben und mit den Gläsern angeklungen. Auf das Wohl der Kriegsräthin tranken sie, und auf das Wohl der schönen Frauen und auf Sieg und baldige Heimkehr für die Truppen, vor Allem aber auf ein frohes Wiedersehen.
Vorlage S. 276
955
Sie sprachen oft Alle durch einander, dass Paul gar nicht recht verstehen konnte, was sie meinten. Einer freute sich darauf, in Frankreich Ruhe zu schaffen, ein Anderer auf das unruhige Kriegsleben, das ihnen bevorstand und in jedem Augenblicke beginnen konnte, und Graf Berka erzählte lachend, wie man ihn von Hause nur mit Thränen habe scheiden lassen, als gäbe es aus dem Kriege keine Wiederkehr.
Vorlage S. 276
956
Ja, sagte der Hauptmann, auch bei uns gab es, als wir aus der Garnison aufbrachen, eine Rührung, die uns hätte eitel machen können!
Vorlage S. 276
957
Und dazu, meinte Graf Berka, haben Sie sich noch das Vergnügen gegönnt, vorher in der ganzen Provinz umher zu reisen, um die Abschiedsthränen Ihrer sämmtlichen Frau Tanten und Ihrer sämmtlichen Cousinen einzuernten, wobei Sie gewiss nicht zu kurz gekommen sind!
Vorlage S. 277
958
Paul wusste nicht, was das heißen sollte und weßhalb das Alle so komisch fanden, denn ihm gefiel die Rede nicht, weil Seba darüber nicht lachte, wie die Andern. Sie hatte ihre Augen auf den Grafen gerichtet, und ihre Augen waren so ernst und still. Der Knabe wurde traurig und immer trauriger. Er kam sich so vergessen, so verlassen vor, dass er's endlich nicht mehr ertragen konnte. Er trat hervor aus seiner Ecke, ging an Seba heran und lehnte sich mit seinen Armen auf ihren Schooß.
Vorlage S. 277
959
Und er hörte immerfort, wie sie sprachen und lachten und lachten und sprachen, immer schneller, immer lauter, Alle durch einander; und dabei musste er immerfort nachsinnen und wusste noch nicht worüber, und immerfort an etwas denken, und wusste doch nicht woran. Er ward müde und betäubt von all dem Treiben. Nur bisweilen schlug ein einzelnes Wort, wie ein Ton aus der Ferne, stärker, vernehmlicher an sein Ohr, und mit einem Male hörte er, dass der Hauptmann sagte: Graf Berka, Sie sind doch gewiss auch noch bei Ihrem Schwager, bei dem Baron von Arten in Richten gewesen?
Vorlage S. 277
960
Da fuhr der Knabe auf, als falle ihm ein, was er bis dahin vergebens gesucht hatte, und sich emporrichtend, rief er laut und deutlich, dass Jedermann es hören musste: Das ist Schloß Richten, das gehört dem Baron von Arten, der Baron von Arten ist mein Vater – und meine Mutter liegt im Teich! ....
Vorlage S. 277
961
Alles verstummte, Alles sah nach dem Knaben hin. Sein Aufschrei, der ganze Vorgang waren wie ein Blitzstrahl in die Gesellschaft gefahren. Paul hatte, erschreckt von seinem eignen Tun, seine Arme um Seba's Hals geschlungen, die, noch mehr verwirrt als die Uebrigen, ihn fortzuführen suchte. Seba's Mutter und die Kriegsräthin und der Kriegsrath folgten ihnen nach, die Betroffenheit war allgemein.
Vorlage S. 278
962
Man fragte, was es mit dem Kinde auf sich habe, das man bis dahin bereitwillig für eine Waise gehalten hatte. Man drang in den Juwelier, der inzwischen herbeigekommen war, um eine Erklärung, man wendete sich an den Grafen, neugierig, zu sehen, wie er den Vorfall aufgenommen habe; und obschon Herr Flies und der Kriegsrath, der bald zurückgekehrt war, die Sache so gut es gehen wollte in das Gleiche zu bringen suchten, war die Heiterkeit der Gesellschaft doch ins Stocken gerathen. Die Verstimmung des jungen Grafen war gar zu unverkennbar, und wie sehr er sich auch mühte, sie zu verbergen, es gelang ihm nicht; denn auch in ihm waren Erinnerungen aufgestiegen, Erinnerungen, die er gern gemieden hätte.
Vorlage S. 278
963
Er stand mit einem Male deutlich vor ihm, der klare Herbstmorgen, an welchem er sich vor Jahren mit dem Freiherrn auf der Terrasse von Schloß Richten befunden hatte, um zur Hochzeit nach Berka zu fahren. Er erinnerte sich ganz genau, wie man in jener Stunde unten am Flusse nach einer Ertrunkenen gesucht hatte. Eine Menge von kleinen Thatsachen, welche sich auf das damalige Verhalten seines Schwagers, auf die ersten Monate von Angelika's Ehe, auf manche ihrer brieflichen Aeußerungen in jener Zeit, auf ihren Uebertritt zum Katholicismus und auf das Zerwürfniß mit ihrer Familie bezogen und an die er bisher immer nur wie an unzusammenhängende Ereignisse gedacht hatte, fingen an, sich in seinem Geiste zu einem Ganzen zu gestalten, von dem er seinen Sinn nicht abwenden konnte. Er übersah dasselbe nicht vollständig, nicht ganz klar, aber es erfüllte ihn mit Mitleid für die Schwester, es weckte seine Sehnsucht nach ihr auf, und er dachte mit erhöhtem Zorn an ihren Gatten.
Vorlage S. 278
964
Jetzt wusste er es plötzlich, was ihn so bekannt und doch so befremdlich aus Paul's Augen angesehen hatte und weßhalb der Knabe ihm so unheimlich gewesen war. Er begriff nicht, dass ihm die Aehnlichkeit mit dem Freiherrn nicht gleich deutlich gewesen sei. Es waren seine Augen, seine hohe, gewölbte Stirn, sein festgeformter Mund. Selbst den Nacken und den Kopf trug der Knabe so stolz wie der Freiherr, und weil der Graf seinen Schwager in diesem Augenblicke haßte, so haßte er auch dessen Bastardsohn.
Vorlage S. 279
965
Indeß dem Grafen vor allen Anderen musste daran gelegen sein, über den peinlichen Eindruck fortzukommen, die Scene vergessen zu machen, welche man eben erlebt hatte, und seine Keckheit und sein Leichtsinn kamen ihm dabei zu Hülfe. Er lachte über sein Erschrecken, über die Bestürzung der Gesellschaft, und wie er die Worte des Kindes verlachte und verspottete, so lachte er mit seinen Cameraden auch über die Familie des Kriegsraths, in welcher man den Knaben so geheimnißvoll erzog. Was war ihm denn auch diese ganze Gesellschaft? Was focht es ihn an, was man in derselben vermuthete und meinte? Er hatte oft genug mit seinen Cameraden Epigramme über diesen Kriegsrath gemacht, der in seiner rechtschaffenen Beschränktheit die ganze Welt für rechtschaffen und für eben so blind hielt, als er selber war. Es belustigte den Grafen in diesem Augenblicke, dass die Kriegsräthin ihm den Weg zu Seba gebahnt hatte, und dass sie so zufrieden und glücklich die Galanterien und Betheuerungen des Hauptmanns annahm, den er ihr als Lockspeise dargeboten hatte, um sich selber von ihr frei zu machen. Sie war ihm lächerlich, diese Kriegsräthin, und sie war ihm komisch, diese Madame Flies, die sich gar viel damit wusste, dass die vornehmen Cavaliere ihre Seba so schön fanden, dass ein Graf Berka mit ihrer Tochter, an deren Erziehung man nichts gespart hatte, die feinsten und erhabensten Unterhaltungen führte.
Vorlage S. 279
966
Auch über den klugen Kopf, über den Vater, musste er lachen, der Allem und Jedem vorsichtig misstraute, und dessen Vertrauen in die Tochter doch so groß war, als habe das schöne Kind nicht ein Weiberherz mit aller seiner mädchenhaften Sehnsucht und aller seiner thörichten Schwäche in der Brust.
Vorlage S. 280
967
Er hätte auch gern über Seba lachen mögen, die eben jetzt in das Zimmer zurückkehrte und deren Augen ihn suchten, ihn allein; aber über sie vermochte er niemals zu lachen – und sie war doch nichts als eine Jüdin und er war der Graf von Berka, der schöne Gerhard von Berka – eben er!
Vorlage S. 280
968
Er ging ihr entgegen, sie mit einem Scherze anzureden, doch konnte er das Wort nicht dazu finden. Sie sah ihn so fragend und so ängstlich an, dass er Mitleid mit ihr fühlte. Es war ihr gar so ernst mit ihrer Liebe, heiliger tiefer Ernst, das wusste er.
Vorlage S. 280
969
Süßes Herz, sagte er, von ihrem Blicke überwältigt, und nahm sie bei der Hand. Mehr bedurfte sie nicht. Sie meinte, er müsse verstehen, was eben jetzt in ihrer Seele vorging, und seine Zärtlichkeit wolle ihre Sorge beschwichtigen. Sie lächelte ihm freundlich zu, und leise den Druck seiner Hand erwiedernd, sprach sie: O, ich bin nicht traurig, sorge nicht!
Vorlage S. 280
970
Ihr Ton drang ihm zu Herzen; es war ihm lieb, dass man aufs Neue zum Tanzen rief, dass er sie in seine Arme schließen, sie nahe haben konnte. Er tanzte nur mit ihr; er hätte sie keinem Andern gegönnt.
Vorlage S. 280
971
Es war spät in der Nacht, als man sich trennte, aber schlafen konnte Seba nicht. Wort für Wort wiederholte sie sich die Liebesschwüre, welche der Graf ihr seit Wochen getan und heute leidenschaftlicher als jemals wiederholt hatte. Jede Stunde, jede Minute, die sie mit ihm durchlebt, wusste sie sich vorzustellen. Sie erinnerte sich, dass er sich einmal im Vergleiche zu seinem ältesten Bruder, dem Erben seines reichen Stammbesitzes, einen Mittellosen genannt hatte, und sie freute sich ihres Reichthums um seinetwillen. Sie hielt sich alle die Schranken und die Hindernisse vor, welche sie von dem Grafen trennten, um sie im nächsten Augenblicke mit den Schwingen der Liebeshoffnung spielend zu überfliegen. Vom Wahrscheinlichen zum Unwahrscheinlichsten war für sie der Weg nicht weit, und zwischen Hoffen und Wünschen, Fürchten, Sorgen und Verzagen blieb nur Eines in ihr fest bestehen, ihre Liebe für den Grafen, ihr Vertrauen zu seinen Schwüren und zu seinem Versprechen, dass er um sie werben und sie heimführen wolle, aller Welt zum Trotze.
Vorlage S. 280
972
Mitten aus ihren wachen Träumen schreckte sie empor. Die Trommeln rasselten durch die Gassen und auf den Plätzen, an den verschiedenen Häusern wurden die Thürglocken heftig gezogen, Alles gerieth in Aufregung, der Generalmarsch wirbelte durch die graue Morgenfrühe, die Regimenter hatten die lang erwartete Marschordre erhalten.
Vorlage S. 281
973
In allen Häusern war man wach. Die Thüren und Portale wurden geöffnet, die Soldaten mussten zum Appel.
Vorlage S. 281
974
Damit hatte nun Seba freilich nichts zu tun, aber sie stand am Fenster und sah hinab auf die Straße, wie sie herauskamen, die Soldaten, hüben und drüben aus den Häusern, und wie sie fortzogen, eilig, eilig, mit Sack und Pack.
Vorlage S. 281
975
Auch in ihrem Hause rüsteten sie sich, und im Stalle sattelte man die Pferde. Der Hauptmann, welcher im Zwischenstocke wohnte, war schon fort. Nun kam es von oben die Treppe hinunter. Den Tritt kannte sie. Es musste an ihrer Thüre vorüber.
Vorlage S. 281
976
Der Graf hatte nie ihr Zimmer betreten, indeß er wusste, wo es lag. Sie lauschte bange. Sie meinte, heute müsse er stehen bleiben, heute müsse er zaudern an ihrer Thüre; aber mit dem gleichmäßigen Schritt der Ruhe ging er vorüber, und sie eilte an das Fenster, um ihm nachzuschauen, um zu sehen wie er aufstieg und ob er nicht den Kopf hinwende nach der Stätte, an der sie weilte. Auch diese Hoffnung täuschte sie, und müde und traurig blickte sie nach dem Himmel empor, der zwischen den Reihen der Häuser, grau und kaum noch lichtdurchhaucht, herniedersah. Die Sterne waren untergegangen und die Sonne wollte noch nicht kommen. Wenn Gerhard mich vergessen könnte! seufzte sie.
Vorlage S. 282
977
Die Eltern hatten sich wieder zur Ruhe gelegt, Seba blieb am Fenster sitzen. Schlafen hätte sie doch nicht können; sie wollte seine Rückkehr abwarten, denn heute war er noch da, heute konnte sie ihn doch noch sehen.
Vorlage S. 282
978
Arglos wie ein Kind hatte sie sich dem Zauber hingegeben, den der Graf auf sie geübt. Seine Schönheit, sein fröhlich gebieterisches Wesen hatten sie entzückt. Er war ihr nicht genaht, wie mancher ihrer Glaubensgenossen, mit vorsichtiger Bewerbung, die ihr Zeit zum Ueberlegen ließ. Wie ein Göttersohn, wie die biblischen Könige der Magd aus ihrem Volke, so war er Seba erschienen, gebieterisch Liebe fordernd, weil er sie begehrte, und sie hatte ihm ihr Herz zu eigen und ihren Verstand gefangen gegeben und sich nicht gefragt: Wird er dir halten, was er dir gelobt, und wie kann das enden zwischen dir und ihm?
Vorlage S. 282
979
Aber jetzt, da die Trennungsstunde vor der Thüre stand, jetzt drängte sich mit dieser Frage der Zweifel an sie heran, und bange stand sie am Fenster und sah in die dunkle Nacht hinaus, nach der Seite hin, von wo die Sonne kommen musste. Die Dunkelheit beängstigte sie.
Vorlage S. 282
980
Der Tag dämmerte bereits, als die Truppen vom Appel wiederkehrten. Seba zog den Vorhang am Fenster zu; es sollte Niemand sehen, dass sie wachte, dass sie nach ihm ausschaute. Nur verstohlen gönnte sie es sich, auf den Geliebten hinzusehen. Sein Brauner tanzte leicht die Straße hinab, leicht und gewandt schwang der Graf sich aus dem Sattel. Als der Reitknecht ihm den Zügel abnahm, hob der Graf den Kopf empor zu ihrem Fenster.
Vorlage S. 283
981
Ob er es ahnt, dass ich hier warte und nach ihm spähe? fragte sie sich. Sie trug das größte Verlangen, ihm irgend ein Zeichen zu geben, dass sie wache, seiner denke; sie hatte ihm so viel zu sagen, sie sehnte sich so sehr nach einem letzten vertrauten Worte mit ihm, aber sie konnte sich nicht entschließen, sie zögerte. Da pochte es leise und vorsichtig an ihr Zimmer. Erschreckt, erfreut, eilte sie nach der Thüre und blieb doch auf halbem Wege regungslos stehen.
Vorlage S. 283
982
Es klopfte noch einmal. Seba, öffne, ich bin's! flüsterte eine Stimme, die ihr das Herz bewegte.
Vorlage S. 283
983
Sie faltete die Hände über ihre Brust; sie hoffte er werde vorübergehen, und doch lauschte sie ängstlich und sehnsüchtig auf noch einen Ton, auf noch ein Wort von außen, und sie ließen nicht lange auf sich warten.
Vorlage S. 283
984
Seba, bat es noch einmal, Seba, ich bin es!
Vorlage S. 283
985
Sie konnte dem Tone nicht widerstehen. Sie trat an die Thüre, öffnete, und mit dem Ausrufe: Wie habe ich Dich erwartet und ersehnt! reichte sie ihm ihre Hände entgegen.
Vorlage S. 283
986
Aber er breitete nicht wie sonst, wenn sie sich im Garten oder bei der Kriegsräthin allein gesehen hatten, die Arme aus, sie zu umfangen, und fast spöttisch sagte er: Erwartung und Sehnsucht haben Dich, wie es scheint, doch ruhig schlafen lassen. Ich bin schon lange an Deiner Thüre.
Vorlage S. 283
987
Schlafen lassen? wiederholte sie schmerzlich; wie könnte ich schlafen in dieser Nacht! Ich stand am Fenster und wartete auf Dich; ich sah Dich kommen und, fügte sie leise hinzu, das Auge schüchtern senkend, ich hörte Dich gleich!
Vorlage S. 284
988
Du hörtest mich, und Du öffnetest mir nicht, da Du doch wusstest, dass wir scheiden müssen?
Vorlage S. 284
989
Seba war ihrer selbst nicht Herr. Die Kälte des Grafen und der sonderbare Ausdruck seiner Mienen verwirrten sie. Sie konnte es sich nicht deuten, weßhalb er gekommen war, wenn er ihr nicht wie sonst die zärtlichen Worte seiner Liebe aussprechen oder ihr sagen wollte, was er für sie auf dem Herzen hatte. Nur sein Blick ruhte auf ihr unverwandt, und es dünkte sie, als freue, als weide er sich an ihrer Verwirrung und an ihrer Pein. Es wurde ihr immer beklommener um das Herz; endlich konnte sie die Stille nicht ertragen, es nicht ertragen, dass Gerhard so gebieterisch ihr gegenüber stand.
Vorlage S. 284
990
Ach, rief sie, als müsse sie wider ihren Willen ihm die Wahrheit sagen, ich fürchtete mich, ich wagte es nicht!
Vorlage S. 284
991
Seba! rief er vorwurfsvoll, als kränke ihn das Wort, während doch ein Strahl unheimlicher Freude über sein Gesicht flog, dass es ihr trotz seiner Schönheit wie verwandelt erschien. Aber er fasste sich schnell, und mit dem kühlen spöttischen Lächeln, das ihr so quälend war, fügte er hinzu: Du bist sehr vorsichtig und klug, liebe Seba, das rechte Kind Deines Volkes! Aber Du hast Recht, und vielleicht habe grade ich Dir am meisten dafür zu danken, dass Du überlegen konntest, wo mich meine Liebe und mein Verlangen unbesonnen hinrissen! Ich will auch gehen!
Vorlage S. 284
992
Jedes seiner Worte fiel schwer auf sie hernieder. Sie wollte sprechen, sich vertheidigen, er ließ sie nicht dazu kommen. Lebe denn wohl, sagte er, die Zeit drängt, und mögest Du bald den Mann finden, dem Du mehr vertraust als mir! Nur von Liebe hättest Du nicht sprechen sollen, Kind, einem Manne nicht sprechen sollen, der bereit war, Dir Alles zu opfern, und dessen letztes Wort Dein Name sein wird! Deine Kälte, Dein ruhig überlegender Verstand bringen auch mich zum Ueberlegen! Lebe denn wohl – und lass uns scheiden! Du hast Recht!
Vorlage S. 284
993
Er wandte sich von ihr, sie warf sich ihm zu Füßen. Nicht über diese Schwelle, rief sie, indem sie seine Hände erfasste, nicht über diese Schwelle, ehe Du mich nicht gehört, mir nicht verziehen hast! – Er that, als wolle er sich von ihr frei machen, sie hing sich nur fester an ihn. Nicht Dir misstraute ich, rief sie, nicht Dir!
Vorlage S. 285
994
Sie war außer sich, sie konnte vor Weinen und vor Erregung nichts weiter sprechen. Reizender hatte er sie nie gesehen, solcher Leidenschaft hatte er das schöne junge Geschöpf nicht für fähig gehalten. Dieser Flamme, dieser hingebenden Liebe gegenüber bedurfte es seines berechneten Schürens nicht.
Vorlage S. 285
995
Er schwor sich ihr zu mit den heiligsten Eiden, er war nahe daran zu glauben, was er ihr sagte und gelobte und beschwor, und der Tag mit seinem Leben war schon emporgekommen, als sie endlich schieden.
Vorlage S. 285
996
Drittes Capitel
Vorlage S. 286
997
Der Abmarsch der Truppen, die, erst zu einem Feldzuge gegen Rußland zusammengezogen und dann als Reserven für den Krieg in Frankreich bestimmt, den ganzen Winter und das halbe Frühjahr hindurch in der Stadt gewesen waren, verursachte an dem entscheidenden Tage viel Handel und Verkehr. Herr Flies hatte in seinem Comptoir mit Wechselgeschäften vollauf zu tun, die Mutter, welche sonst derlei Hülfe schon seit Jahren nicht mehr zu leisten brauchte, hatte heute wieder einmal den Verkauf im Laden übernehmen müssen, denn manch ein Ring und manch ein Andenken wurden noch erhandelt.
Vorlage S. 286
998
Die Hausthüre stand nicht still, die Thürklingel kam nicht viel zur Ruhe. Auch auf der Treppe war beständige Bewegung. Seba sah den Grafen mehrmals gehen und wiederkehren. Jetzt wird er kommen, jetzt ist er da, jetzt muss es sein! sagte sie sich, jedes Mal zusammenschreckend, wenn er sich ihrem Zimmer näherte, aber wieder ging er vorüber, und das angstvolle Hoffen und das Horchen und das Sinnen und das Grübeln begannen auf's Neue.
Vorlage S. 286
999
Draußen schien die Sonne strahlend hell, aber Seba vermochte sich nicht daran zu erfreuen. Es war ihr, als leuchte die Sonne heute so unerbittlich in ihr Herz, dass es sich ihr in der Brust krampfhaft zusammenzog. Sie hätte die Augen gern von sich selber abgewendet.
Vorlage S. 286
1000
Den ganzen Morgen blieb sie mit sich allein, nicht Vater, nicht Mutter fragten heut' nach ihr. Erst um elf Uhr, als die Kinder aus der Schule heimkehrten, kam Paul zu ihr und verlangte bei ihr zu bleiben, da die Kriegsräthin ausgegangen sei, den Abmarsch der Soldaten anzusehen.
Vorlage S. 286
1001
Ja, entgegnete Seba, bleibe bei mir! Aber er verlor beinahe die Lust dazu, denn ihr Gesicht war traurig, und noch ehe sie ihm ein anderes Wort gesagt hatte, trat der Graf zu ihnen ein. Ohne des Knaben Anwesenheit zu beachten, fiel Seba dem Grafen um den Hals, indeß auch dieser sah nicht so heiter und so selbstzufrieden aus, als sonst.
Vorlage S. 287
1002
Er umarmte Seba, er küsste sie, und küsste sie immer wieder. Er sprach leise mit ihr, dass Paul es nicht verstand, und endlich riss er sich aus Seba's Armen los, und Seba weinte bitterlich und laut.
Vorlage S. 287
1003
Als der Graf schon auf der Schwelle stand, schrie Seba auf. Es schnitt dem Knaben durch das Herz. Gerhard, rief sie, Gerhard, so kannst Du von mir gehen?
Vorlage S. 287
1004
Sie eilte ihm nach, sie klammerte sich an ihn, als wollte sie ihn ewig halten, und küsste ihn unter Thränen. Er war erschüttert, er bat sie, sich zu beruhigen, sich zu fassen, auf ihn zu bauen. Indeß sein Wort war eilig, sein Ton war kälter als sein Wort, und zum ersten Male glaubte sie ihm nicht.
Vorlage S. 287
1005
Da, als er sich entfernen wollte, fasste sie seine Hand, und mit einer Kraft, die aus dem Tiefsten ihres Herzens kam, sagte sie: Gerhard, Du weißt es, ich liebe Dich sehr, sehr, und – fügte sie klanglos und bebend hinzu – es ist furchtbar, aber mir ist heute, als fühlten wir beide jetzt nicht dasselbe! Wenn Du mich vergessen, mich verlassen könntest! O, nur das nicht, nur das nicht! rief sie flehend aus, indem sie ihre Hände ängstlich wie zum Gebet faltete.
Vorlage S. 287
1006
Der Graf blickte sie an, es zuckte durch sein Antlitz, er drückte sie noch einmal an sein Herz, und ohne ein Wort zu sprechen, eilte er von dannen.
Vorlage S. 287
1007
Seba blieb mitten in dem kleinen Gemache stehen. Sie hörte, wie er fortging, die Treppe hinunter, wie er die Hausthüre öffnete, sie hörte den Vater und die Mutter mit ihm sprechen, sie hörte den Hufschlag seines Pferdes, und hörte denselben weiter und weiter verhallen. Horchend, als hinge ihr Leben an dem Schalle, hatte sie die Augen geschlossen, die Arme hingen ihr schlaff herab.
Vorlage S. 287
1008
Das mißfiel dem Knaben. Er ging zu ihr, ergriff und schüttelte ihren Arm und sagte: Seba, mach' doch die Augen auf! Der Graf ist ja fort!
Vorlage S. 288
1009
Sie folgte dem Worte unwillkürlich, und wie sie um sich her blickte, wie sie sich mit dem Knaben allein fand, dessen dunkle Augen unverwandt in ihren Mienen zu lesen suchten, da fasste sie mit beiden Händen nach ihrem Herzen und entfloh aus dem Gemache. Sie konnte an dieser Stätte nicht mehr bleiben, sie konnte das Geräusch und das Pferdegetrappel und das Rollen der Wagen nicht aushalten, die sich von der Straße vernehmen ließen, sie konnte die Sonne und das Licht des Tages nicht ertragen.
Vorlage S. 288
1010
Paul hingegen sah zum Fenster hinaus, und das bunte Leben und Treiben belustigte ihn; es war kaum durchzukommen vor dem Hause. Die Packpferde, welche die Zelte und die Betten und die sonstigen Bequemlichkeiten der jungen Officiere trugen, die schweren Feld-Equipagen, welche den älteren Officieren nachgefahren wurden, die Fourgons und alles, was zum Train gehörte, kam zum Vorschein und machte sich breit, aber von den Truppen war noch nichts zu sehen.
Vorlage S. 288
1011
Seit dem frühen Morgen standen die Soldaten auf dem Paradeplatze, von unbarmherziger Disciplin zusammengehalten, dass kein Glied sich regte, keine Miene sich verzog, wie auch die Sonne ihnen senkrecht auf den Scheitel brannte und die Zunge ihnen am Gaumen klebte. Aber nur die Gemeinen hatten es so übel, die Herren Officiere waren besser daran.
Vorlage S. 288
1012
Schöne Frauen trippelten auf ihren Absatzschuhen unter den Bäumen umher, welche den Platz umgaben, und manches zärtliche Wort ward noch gewechselt, mancher heimlich geleistete Eidschwur heimlich wiederholt; denn sie hatten recht fröhlich und recht vertraut mit einander verkehrt, die fremden Herren Officiere und die Frauen und Mädchen der Stadt, und sie hatten deß kaum ein Hehl.
Vorlage S. 289
1013
Die Officiere rechneten es sich zur Ehre an, eine so schöne Begleitung zu haben, die Frauen waren stolz auf ihre vornehmen und prächtigen Verehrer. Wie zu einem Spiele zogen die jungen Herren aus, wie zu einer Lustreise gingen sie in den Krieg gegen die elende Rotte von Empörern jenseits des deutschen Rheines. Sie erbaten und erhielten Aufträge für Paris, das auch diese Herresabtheilung früher oder später zu erreichen hoffte.
Vorlage S. 289
1014
Die Kriegsräthin schärfte es ihrem Freunde, dem Hauptmanne, noch besonders ein, den Grafen Berka an den goldenen Chignonkamm zu erinnern, den er ihr aus Paris mitzubringen versprochen hatte, und sie that sicherlich wohl mit dieser Mahnung, denn der Graf, der auf der anderen Seite des Platzes eben vor seiner Schwadron hielt, sah nicht danach aus, als ob er an solchen Auftrag in diesem Augenblicke dächte.
Vorlage S. 289
1015
Er hatte die Kriegsräthin gar nicht bemerkt, als sie dem Vorüberreitenden ihren Gruß zugewinkt, er bemerkte überhaupt nicht viel von dem, was um ihn vorging. Nur zwei Augen sah er – zwei große, dunkle Augen schwebten ihm vor der Seele, die sich thränenschwer zu ihm erhoben, und zwei Arme streckten sich flehend gegen ihn aus, und er hörte den bangen Aufschrei eines verzweifelnden Herzens.
Vorlage S. 289
1016
Er hätte sie gern vergessen mögen, diese Augen und diesen Ton! Er hätte lachen mögen über die Scherze seiner Cameraden, die ihn fragten, warum er keine Begleitung habe und wie es mit der Wette von neulich stehe. Aber so leicht sein Sinn auch war, das Lachen und Scherzen gelang ihm heute nicht, und seine Gedanken wollten ihm nicht gehorchen. Sie kehrten, wie er sich auch vorwärts wendete, in jenes stille Gemach zurück, zurück zu eines armen Weibes Schmerz!
Vorlage S. 289
1017
Er athmete erst auf, als er die Stadt verlassen hatte, als das Thor schon lange hinter ihm lag und die Landstraße sich vor ihm in weiter Ferne aufthat. Seine Cameraden hatten ihn nie so finster und so still gesehen, und finster sah heute manche Stirne aus, still war es heut' in manchem Hause.
Vorlage S. 290
1018
Die ganze Stadt kam ihren Bewohnern nach dem Abzuge der Truppen recht verödet vor. Mit den Festtagskleidern, die man zu Ehren der kriegerischen Gäste getragen, legte man bald auch die Leichtlebigkeit ab, in der man sich die Zeit her bewegt hatte. Die Rührigsten schienen müde zu sein und ruhten unwillkürlich aus, ohne Freude an der Ruhe zu haben. Die Einen hatten mehr Kräfte, die Anderen mehr Zeit und mehr Geld aufgewendet, als sie gemerkt und gewollt, und in gar vielen Häusern, in denen man noch vor wenigen Tagen fröhlich, als ob die Heiterkeit gar kein Ende haben könnte, beisammen gewesen war, weilten jetzt die Frauen einsam in ihren Stuben, ohne Lust, ihre Freundinnen aufzusuchen, und ohne Neigung, sich es vom Gesichte ablesen zu lassen, wie ihnen eigentlich an diesem Aschermittwoch nach dem militärischen Carneval zu Muthe war.
Vorlage S. 290
1019
Die Zeit wurde den Frauen lang, nun sie nicht mehr so heiter unterhalten wurden, aber Seba wurde die Zeit nicht lang, wenn schon die Tage und die Stunden auf ihr lasteten, dass sie fast davon erdrückt ward. Finster und schweigend saß sie in ihrer Stube oder auf dem gewohnten Platze der Mutter gegenüber, die Lippen zusammengepreßt, den Kopf brennend und schwer von einem Denken, das ohne Ausweg sich mit zermalmender Schärfe immerfort im Kreise drehte, von zagender Hoffnung, von zweifelndem Vertrauen und schwerem Bangen umhergetrieben.
Vorlage S. 290
1020
Im Hause und in des Vaters Geschäften ging Alles den gewohnten Gang. Die Eltern sahen es wohl, dass Seba niedergeschlagen war, aber sie hofften, da nun des Grafen Besuche und Galanterien ein Ende hatten, werde sie ihn bald vergessen und sich mit ihrem guten Verstande den ganzen kleinen Liebeshandel aus dem Sinne schlagen. Man dachte darauf, sie einmal durch eine schon lange geplante Reise zu zerstreuen, und der Vater ergriff jetzt doppelt gern jede Gelegenheit, seine Tochter mit Fremden in Berührung zu bringen, von deren Unterhaltung er sich ein Vergnügen für sie versprechen konnte.
Vorlage S. 291
1021
Eines Morgens, es war nur wenige Wochen nach dem Abmarsch der Truppen, kam gegen den Mittag hin der Architekt zu ihm, der nun schon seit Jahr und Tag im Orte wohnte. Denn seit Herbert den Kirchenbau in Richten übernommen hatte, waren ihm auch andere Bauten in der Provinz übertragen worden, und in jedem Betrachte noch frei und ledig, hatte er sich aus seiner rheinischen Heimath in diese entlegene Provinz übergesiedelt, um seine mannigfachen Arbeiten auf diese Weise sicher leiten und beaufsichtigen zu können.
Vorlage S. 291
1022
Weil nun der Freiherr von Arten seine Geldgeschäfte alle dem Herrn Flies überantwortete, war Herbert mit demselben bereits hier und da im Auftrage des Freiherrn in Berührung gekommen, und einem Auftrage des Barons galt auch sein heutiger Besuch.
Vorlage S. 291
1023
Es war nämlich neuerdings in Richten mehrmals von einem mittelaltrigen Waschgeräthe gesprochen worden, welches die Herzogin in Vaudricour hatte zurücklassen müssen und dessen Verlust sie stets beklagte. Der Freiherr hatte es, da es ein Familien-Erb stück und ein hochgehaltenes Meisterwerk aus dem fünfzehnten Jahrhundert war, seiner Zeit in Vaudricour bewundert, und der Marquis bei der Unterhaltung eine ungefähre Zeichnung davon entworfen, die von dem Architekten vervollkommnet und unter dem Beirathe der Herzogin so lange umgemodelt worden war, bis sie zu ihrer Freude einen völlig richtigen Abriß des ihr werthen Gegenstandes vor sich zu haben erklärte. Aber eben das Betrachten der Zeichnung machte an jenem Abende das Bedauern der Herzogin über den Verlust und die wahrscheinliche Zerstörung des schönen Geräthes erst recht lebhaft. Auch die Baronin äußerte ihr Wohlgefallen an den edeln Formen und den sinnreichen Verzierungen, und so entstand in dem Freiherrn, der es liebte, den Personen seiner Umgebung Freude und eine Ueberraschung zu bereiten, der Gedanke, heimlich zwei solcher Waschgeräthschaften anfertigen zu lassen: das eine für die Herzogin, das andere, bei welchem an die Stelle des Duras'schen Wappens das Arten'sche angebracht werden sollte, für die Baronin. Aber das Arten'sche Wappen ließ sich seiner Gestalt nach nicht so leicht als das Duras'sche in die auf dasselbe berechneten Formen der Geräthschaften einfügen, und eben deßhalb hatte der Baron, der nicht leicht einen Einfall aufzugeben pflegte, von dem er sich eine Genugthuung versprach, sich schriftlich an Herbert gewendet, und ihn um eine genaue Besprechung der Arbeit mit dem Juwelier gebeten.
Vorlage S. 291
1024
Der Auftrag war in künstlerischer Hinsicht anziehend und in seinem Geldwerthe sehr bedeutend. Die beiden Sachverständigen ließen sich also Zeit bei ihrer Unterredung und Madame Flies kam, ihren Mann an die Mittagsstunde zu erinnern, ehe man noch zu einem völligen Abschlusse über die Arbeit gelangt war. Abbrechen mochte man die Unterhaltung nicht, und da man sie eben so gut bei Tische beenden konnte, thaten die gastfreien Eltern, deren Haus in letzter Zeit sich noch häufiger als früher unerwarteten Gästen aus den verschiedensten Lebenskreisen geöffnet hatte, dem Architekten den Vorschlag, ihre Mahlzeit zu theilen.
Vorlage S. 292
1025
Der Baumeister hatte Madame Flies und Seba noch nicht gesehen. Die Schönheit der Tochter zog ihn an, die etwas dringliche Gastlichkeit der Mutter fiel ihm komisch auf, ohne ihm jedoch unangenehm zu werden, und da sich ohnehin beim Essen und bei einem guten Glase Wein manches Ungefüge schneller fügt, so war man bald mit den Verabredungen über die Gefäße und Geräthschaften im Klaren. Herbert versuchte es also, Seba, welche an diesem Tage sich grade wieder doppelt unglücklich fühlte, weil die wöchentliche Post ihr noch immer keine Kunde von dem Geliebten gebracht hatte, in eine lebhaftere Unterhaltung zu ziehen, aber Herr Flies kam ihm mit einer Frage nach dem näheren Ergehen der freiherrlichen Familie und nach dem Leben der Herrschaften auf Schloß Richten unwillkürlich hindernd in den Weg.
Vorlage S. 293
1026
Herbert wusste davon gar Mancherlei zu melden. Er schilderte die glänzende Geselligkeit, welche dort herrschte, und den heiteren Ton, der durch die Herzogin in Richten eingeführt sei. Weil sie selbst sich in der Gegend und unter dem dortigen Adel wohlbefand, hatten sich auf ihren Rath in den benachbarten Städtchen verschiedene ihrer ebenfalls flüchtigen Landsleute niedergelassen, und diese ganze ausländische Gesellschaft hatte, wie Herbert erzählte, allmählich Richten und den Salon der Herzogin zu ihrem Mittelpunkte gemacht.
Vorlage S. 293
1027
Sie sprechen von dem Salon der Frau Herzogin, bemerkte Seba's Mutter, als ob sie die Herrin von Schloß Richten wäre!
Vorlage S. 293
1028
Nun, meinte Herbert lächelnd, in gewissem Sinne ist sie das in der That. Sie bestimmt und befiehlt dort ziemlich unumschränkt, und wenn der heimische Adel jetzt viel mehr als vor zwei, drei Jahren nach Richten eingeladen und in Richten gesehen wird, so geschieht dies, glaube ich, gleichfalls nur auf den Antrieb der Frau Herzogin, damit die französische Einwanderung dort nicht gar zu auffallend erscheine, und das Hofhalten der Herzogin ein wenig verdeckt werde.
Vorlage S. 293
1029
Herr Flies schüttelte mißbilligend das Haupt. Wäre es nicht eine so gute Sache, dass die Franzosen den verrotteten Zuständen in Frankreich zu Leibe gehen, und solch ein Glück für die ganze Welt, wenn sie in ihrem Lande eine vernünftige Staatsform begründeten, deren Rückwirkung auch auf uns nicht ausbleiben würde, sagte er, so möchte man wirklich wünschen, die deutsche Coalition könnte diese ganze Emigranten-Gesellschaft wieder über den Rhein zurückführen, nur damit wir sie los würden, und zwar je eher, je lieber!
Vorlage S. 294
1030
Herbert bemerkte, dass die Emigranten-Gesellschaft, welche sich im Schlosse zusammenfinde, den Freiherrn gewiss große Summen kosten müsse, denn man führe jetzt dort ein wahrhaft fürstliches Leben.
Vorlage S. 294
1031
Ja, versetzte der Juwelier in seiner kurzen und stets bestimmten Weise, der Herr Baron von Arten braucht jetzt viel, sehr viel.
Vorlage S. 294
1032
Und was sagt die Frau Baronin dazu? fragte Madame Flies, die sich nach Frauenweise augenblicklich in die Lage der Hausfrau versetzte, deren Rechte ihr bedroht erschienen.
Vorlage S. 294
1033
Die Frau Baronin ist schwer zu beurtheilen, antwortete Herbert zurückhaltend, und sowohl der Juwelier als seine Frau bemerkten, dass er eine nähere Erklärung vermeiden wolle. Indeß Herr Flies musste Gründe haben, das Gegentheil zu wünschen, und den Architekten bei dem Gegenstande festhaltend, rief er: Warum schwer zu beurtheilen? Die Berka's sind solide Leute, Leute, die, so viel ich von ihnen weiß, auf ihre Art still, man könnte sagen, bürgerlich in Berka leben. Einer Frau, die so erzogen ist, kann, glaube ich, der Train nicht recht gefallen, der jetzt in Richten geführt wird. Das französische Wesen ist nebenher auch nicht der Berka's Sache. Wir haben das ja, bemerkte er, sich gegen Frau und Tochter wendend, an dem jungen Grafen hier gesehen. Und für Herbert fügte er erklärend hinzu: Wir hatten hier im Hause den zweiten Bruder der Frau Baronin, den jüngsten Grafen Berka, im Quartier. Einen schönen Menschen! Etwas obenaus, wie all die jungen Herren, aber sonst ein artiger junger Mann!
Vorlage S. 294
1034
Seba hätte vergehen mögen. – Ihr Vater, ihr guter vertrauensvoller Vater, rühmte den Grafen!
Vorlage S. 295
1035
Herbert jedoch legte, wie es schien, auf dieses Lob des jungen Edelmannes kein Gewicht. Ja, ich kenne ihn, sagte er flüchtig: er ist ein schöner Officier. Schön, sehr schön ist seine Schwester auch, aber sie besitzen beide den Adelstolz und Hochmuth, der ja, wie ich höre, hier zu Lande von den Berka's sprüchwörtlich sein soll.
Vorlage S. 295
1036
Nun, doch mit Ausnahme, doch sehr mit Ausnahme, wendete die Mutter wohl- und selbstgefällig ein. Von dem Herrn Grafen Felix, dem Majoratsherrn, der manchmal bei uns im Laden gewesen ist, und von den alten Herrschaften mag das wahr sein, aber von dem jüngsten Herrn Grafen, der oben bei dem Kriegsrath im Quartier war, konnte man das nicht sagen. Er ist viel bei uns aus- und eingegangen; ein liebenswürdiger junger Mann und, wie mein Mann schon sagte, wirklich gar nicht stolz, im Gegentheil, man hätte sagen können ....
Vorlage S. 295
1037
Lass es gut sein, fiel der Vater ihr in die Rede, und ein bitteres Lächeln spielte um seinen fein geschnittenen Mund. Man kennt diese Herablassung der Herren Edelleute, und vielleicht haben der Herr Architekt auch schon gelegentlich etwas davon erfahren oder bekommen noch einmal davon zu reden. Ich habe Dir und Seba Euer Vergnügen an der Gesellschaft des Herrn Grafen und der anderen jungen Herren nicht stören mögen – warum sollte ich das auch? Aber es ist gut, dass Ihr nicht nötig gehabt habt, ihn auf die Probe zu stellen und zu sehen, ob er je vergessen hat, wer er ist und wer wir sind.
Vorlage S. 295
1038
Und dem Vater gegenüber saß seine Tochter, saß die arme Seba, die jedes dieser Worte wie ein Dolchstoß traf.
Vorlage S. 296
1039
Sie haben Recht, Herr Flies, mein Mann ist der Graf Berka auch nicht! rief der Architekt. Ich habe ihn vor Wochen, als ich hier in einem Speisehause zufällig mit Bekannten in seiner Nähe saß, in einer Weise von den Frauen und von seinen Eroberungen reden, und in der Weinlaune Wetten über den von ihm zu erreichenden Besitz eines jungen Mädchens eingehen hören, wie nur ein ganz frecher Wüstling sie zu machen vermag! Ob er daneben – Herbert hielt inne, eine plötzliche Ideenverbindung machte ihn verstummen. Auch die Eltern wurden achtsam, denn Seba wechselte die Farbe und fuhr matt mit ihren Händen nach der Brust.
Vorlage S. 296
1040
Sie ertrug es nicht länger. Der Tag, das Licht, das Leben ängstigte sie heute wieder so, wie an jenem Morgen. Das Dasein that ihr wehe. Es fasste nach ihrem Herzen, nach ihrem Hirn, von allen Seiten drang es auf sie ein – spottende Blicke, höhnisches Lachen und die ganze eigene Unseligkeit!
Vorlage S. 296
1041
Sie wollte fliehen, das Zimmer verlassen, aber die Glieder versagten sich dem Dienste, der Kopf schwindelte ihr. Sie stand auf, und sich mühsam aufrecht erhaltend, eilte sie davon.
Vorlage S. 296
1042
Viertes Capitel
Vorlage S. 297
1043
Es waren durch alle die Jahre hindurch immer sehr gemischte Empfindungen, mit denen Herbert nach Schloß Richten kam. Seine Bauarbeit versprach ein schönes Gelingen, aber sie schritt nicht so schnell vorwärts, als er es wünschte, weil die Schwierigkeiten alle zugetroffen waren, auf welche er gleich Anfangs aufmerksam gemacht hatte, und weil man ihm von Seiten der Gutsherrschaft nicht immer mit den zugesagten Arbeitskräften und Mitteln zur Seite stand, da sich die Kosten des Baues, wie Herbert es gleichfalls vorausgesagt hatte, eben durch die Ungunst des Terrains weit bedeutender gesteigert hatten, als der Freiherr es erwartet haben mochte. Indeß derselbe beschwerte sich darüber in keiner Weise; die wachsende Geldausgabe regte in ihm vielmehr nur das Verlangen an, nun auch etwas vollständig Gelungenes und Bedeutendes zu schaffen, und da er bei Beginn des Unternehmens von dem Baumeister einmal auf die gute Wirkung hingewiesen worden war, welche ein Bauwerk, vom Schlosse und von der Terrasse aus gesehen, auf der Höhe machen würde, so kam er immer wieder darauf zurück, dort oben irgend ein Monument als Aussichtspunkt zu errichten, bis er endlich auf den Gedanken gerieth, da man nun die Kirche in Rothenfeld erbaute, die zuerst beabsichtigte Capelle auf der Höhe im Parke aufzuführen. Es war dabei von ihm nur auf einen kleinen, aber mit seinem Kreuze weithin sichtbaren Bau abgesehen; dennoch stieß der Freiherr auch in diesem Falle auf ein abmahnendes Widerstreben bei Angelika.
Vorlage S. 297
1044
Ob die Baronin nicht zu übersehen vermochte, welchen den Gesammteindruck krönenden Abschluss man mit dem Capellenbau erzielen könnte, ob es richtige ökonomische Bedenken waren, oder ob irgend ein anderer Grund sie bestimmte, sich gegen den Plan auszusprechen, das konnte Herbert nicht ergründen. Er konnte überhaupt über diese Frau und namentlich über ihr Verhalten gegen ihn selbst durch all die Jahre nicht in das Reine kommen. Wenn er sich zu ihr hingezogen, von ihrer Theilnahme, ihrer Güte und Schönheit gefesselt, ja beherrscht fühlte, so stieß sie ihn im nächsten Augenblicke wieder einmal gewaltsam ab, und grade diese Ungleichheit ihres Betragens trug dazu bei, seine Phantasie mit ihrem Bilde zu beschäftigen. Er konnte ihr nur zürnen, wenn sie ihm gegenüberstand, wenn ihr kaltes Wort, ihr stolzer Blick ihn einmal trafen; war er fern von ihr, so erschien sie ihm stets in dem sanften Schimmer ihrer Schönheit, er freute sich darauf, sie bald einmal wiederzusehen, er hatte eine Genugthuung daran, etwas für ihren Dienst zu übernehmen, und wenn er sie auch fortdauernd im Vollbesitze aller Glücksgüter sah, ertappte er sich oft darauf, dass er sie in seinem Geiste immer nur die arme Baronin nannte, und dass er ihrer mit Hingebung gedachte, weil sie ihm, er wusste selber kaum weßhalb, beklagenswerth erschien.
Vorlage S. 298
1045
Anders verhielt es sich mit dem Baron. Er war völlig wieder der frühere, selbstgewisse Herr geworden, und hatte es kein Hehl, dass er diese günstige Stimmung der Gesellschaft seiner Freundin, der Herzogin, verdanke, deren leichtlebiger Gleichmuth ihn zur rechten Zeit daran erinnert habe, welche Quellen der Zufriedenheit jedweder Mensch besitze, der weise genug sei, sich den Sinn frei zu erhalten, sich nicht von Zufällen beunruhigen und sich nicht vor der Zeit altern zu lassen. Mit den Erinnerungen und Gewissensbissen der Vergangenheit hatte er vollkommen abgeschlossen, ja, er begriff es, Dank dem Zuspruche der Herzogin, kaum noch, wie sie ihn jemals in so sinnverwirrender Weise hatten peinigen können. War es denn seine Schuld, dass der gewaltsame Starrsinn Paulinen's sie verhindert hatte, sich nach hergebrachter Weise in das Vernünftige und Notwendige zu fügen, dass sie ihrer Leidenschaftlichkeit mehr als der Vernunft Gehör gegeben? Oder was konnte er dafür, dass ein unglücklicher Zufall seiner Gattin ein Geheimnis enthüllt hatte, welches ihr besser verborgen geblieben wäre?
Vorlage S. 298
1046
Er hatte Stunden, in denen er mit seiner Gattin um ihres Ernstes willen recht unzufrieden war, und wenn er auch von dieser Unzufriedenheit, welche sich nicht nur auf Angelika, sondern auch auf den Caplan erstreckte, der sich mehr und mehr von der im Schlosse herrschenden Geselligkeit zurückzog, nicht viel merken ließ, so kamen doch die Augenblicke immer häufiger, in denen die Herzogin ihm das Geständniß derselben abzulocken wusste. Das gute Einvernehmen zwischen den beiden alten Freunden knüpfte sich dadurch fest und fester, und, wie Herbert es bezeichnet hatte, die Herzogin bestimmte und leitete das Leben im Schlosse fast ausschließlich.
Vorlage S. 299
1047
Es war ein herrlicher Sommertag, an welchem der Baumeister nach jenem Mittage im Flies'schen Hause wieder in Richten eintraf. Die Fenster des unteren Geschosses, welche bis zum Boden herniedergingen, waren geöffnet, die Luft regte sich nicht, die Wolken schwebten wie flüssiges, durchsichtiges Silber an dem blauen Himmel. Ueberall hörte man Vogelsang, überall spielten aufsteigend und sich in sich selber drehend zahllose Mückenschwärme im warmen Sonnenscheine. Oben auf der First des alten Thurmes sah die junge Storchfamilie nach den heranfliegenden Alten aus, und aus dem fetten Grün des Rasens wuchsen, von der Wärme gelockt, die Butterblumen, die Campanula, die Scabiosen und eine Fülle farbiger Gräser hervor. Aus den Volièren auf der Terrasse tönte das Gezwitscher und das Singen ihrer gefiederten Bewohner, und die großen Windspiele des Barons sprangen in langen Sätzen neben einander her, ohne auf den kleinen Mops der Herzogin zu achten, der ruhig in der warmen Sonne da lag, leise und träge mit den großen, schwarzen Augen blinzelnd, wenn eines der Windspiele in raschem Sprunge über ihn fortsetzte.
Vorlage S. 299
1048
Wie immer hatte Herbert an der herrschaftlichen Tafel gespeist und seine kurze geschäftliche Unterhaltung mit dem Freiherrn gehabt, ehe dieser sich zurückzog. Nun war die Zeit der Mittagsruhe vorüber, die Wärme fing an nachzulassen, und der Kaffee sollte deßhalb im Freien eingenommen werden. Eine chinesische Strohmatte war auf dem Boden ausgebreitet, um gegen die Feuchtigkeit zu schützen, welche von dem Gewitterregen des frühen Morgens etwa noch im Erdreiche zurückgeblieben sein konnte.
Vorlage S. 300
1049
Die Herzogin, welche nur selten einmal geneigt war, sich Bewegung zu machen, saß ruhig im Sessel und drehte die kleine emaillirte Tabacksdose mit dem Bilde der Königin Marie Antoinette in der Hand, während die Diener mit den silbernen Theebrettern herbeikamen, um den Kaffee in kleinen Tassen von Sèvres-Porzellan herumzugeben. Sie war heller gekleidet als gewöhnlich, und als der Freiherr ihr die Bemerkung machte, dass ihr dies vortheilhafter stehe, meinte sie, man müsse es dem Wetter nachthun, das jetzt so freundlich sei, und es sei ihr hier ja auch so heiter, so völlig heimisch zu Sinne, dass sie es aus Dankbarkeit darauf angelegt habe, ihm zu gefallen.
Vorlage S. 300
1050
Der Baron machte ihr das Compliment, welches diese Aeußerung verlangte, man begann zu scherzen, und obschon Herbert dieses Mal nur wenige Wochen von Richten entfernt gewesen war, fiel es ihm doch wieder auf, wie das Leben und das Behaben seiner Bewohner sich immer mehr verändert hatten, seit er zum ersten Male dorthin gekommen war.
Vorlage S. 300
1051
Damals hatte der Freiherr doch mit seiner Gattin und mit dem Caplan seine Muttersprache geredet, jetzt sprach er, wo dies irgend thunlich war, das Deutsche nicht, während der Marquis, der sichtlich bemüht war, es zu erlernen, Herbert's Anwesenheit, mit welchem er fast gleichen Alters war, zur Uebung in der ihm neuen und fremden Sprache zu benutzen liebte. Sie waren auf diese Weise in eine Art von näherer Bekanntschaft gerathen und auch an dem Nachmittage auf der Terrasse plaudernd umhergeschlendert, bis ein Zufall sie in das geöffnete Billardzimmer führte, in welchem man die Rapiere, die Fleurets und überhaupt die Geräthschaften bewahrte, deren man zu körperlichen Uebungen bedurfte. Der Marquis, welcher ein Meister in denselben war, forderte den Architekten auf, ein paar Gänge zu machen, und nachdem man sich damit genug getan hatte, nahm der bewegliche Franzose schnell ein Racket in die Hand, Herbert zum Federballspiele einladend.
Vorlage S. 301
1052
Jeder Müßige nimmt, ohne es zu wollen, an der Beschäftigung Theil, welche er vor seinem Auge ausüben sieht, und bald hatte die Sicherheit der Spielenden die Zuschauer so lebhaft gefesselt, dass deren Unterhaltung sich nur noch auf sie bezog.
Vorlage S. 301
1053
Herbert schlägt den Ball so sicher, wie er den Zirkel und das Richtmaß führt, bemerkte der Freiherr, indem er dem Diener seine geleerte Tasse reichte.
Vorlage S. 301
1054
Ja, meinte die Herzogin, welche kurzsichtig war und das Glas vor die Augen genommen hatte, er ist Meister in dem Spiele, er übertrifft selbst den Marquis, den man sonst dafür bewunderte und der es, ich kenne diese kleine Eitelkeit an ihm, auch sicher nur in Vorschlag gebracht hat, um die gewohnte Bewunderung zu ernten.
Vorlage S. 301
1055
Kaum irgend eine andere Uebung ist so geeignet, die Schönheit und Anmuth der Gestalt zu zeigen, als eben dieses Spiel, hob der Freiherr nach einer Weile, in welcher man ihnen schweigend zugesehen hatte, wieder an, und Herbert ist in der That ein ungewöhnlich wohlgestalteter Mann. Sehen Sie, wie schlank der Oberkörper an den Hüften einsetzt und wie frei der kräftige Nacken sich auf den breiten Schultern bewegt. Er gleicht seinem Vater ungemein, der selbst in Italien, in dem Lande der schönen Mannesgestalten, noch durch seine Wohlgestalt Aufsehen erregte. Dazu hat er viel Verstand und ein schickliches Betragen.
Vorlage S. 301
1056
Gewiss, bekräftigte die Herzogin, die sich seit langer Zeit darin gefiel, Herbert's Beschützerin zu machen und seine Vorzüge an das Licht zu bringen. Finden Sie nicht, liebe Angelika, dass er wirklich die Tournüre eines Mannes aus unserer Gesellschaft besitzt? Und er hat mehr Geist, mehr Herz, mehr Schwung, als Mancher der Unserigen.
Vorlage S. 302
1057
Die Baronin hatte bis dahin schweigend da gesessen und offenbar der ganzen Unterhaltung nicht zugehört; denn erst, als man ihr die Frage wiederholte, fuhr sie wie aus tiefem Sinnen auf und bejahte sie flüchtig.
Vorlage S. 302
1058
Die Herzogin wollte wissen, was sie beschäftigt hätte; sie vermochte es aber nicht zu sagen. Sie meinte, das Werden des Frühjahres und die Herrlichkeiten des Sommers hätten sie stets gerührt, und ergriffen sie dieses Mal so gewaltig, dass sie sich versucht fühle, eine Ahnung darin zu erkennen. Man redete ihr das aus, der Baron pries ihr gutes Aussehen, ihre blühende Farbe, und die Herzogin rief: Es ist zu viel Gesundheit, zu viel Lebensfülle, lieber Freund, die unsere Angelika so schwermüthig machen. Gewiss, meine Theure, Sie dürfen um meinetwillen Ihre Jahre nicht vergessen, Sie haben starke Spaziergänge, Sie haben Bewegung nötig.
Vorlage S. 302
1059
Ich promenire täglich! versicherte die Baronin.
Vorlage S. 302
1060
Ja, Sie promeniren, so viel als meine Bequemlichkeit es zuläßt und begehrt, meinte die Herzogin. Aber fragen Sie Ihren Mann, wie leichtfüßig ich war, wie schnell zu Pferde, wie schnell zu jedem Spiel, als ich Ihr Alter hatte! Allons, meine schöne Cousine, dort ist ein Mittel, Ihre Schwermuth los zu werden. Schnell ein Racket, meine Herren, die Frau Baronin wünscht von der Partie zu sein.
Vorlage S. 302
1061
Die Spielenden wendeten sich bei dem Anrufe zu ihnen, der Marquis, welcher sich alle die Jahre hindurch vergebens bemüht hatte, der kalten Deutschen, wie er die Baronin nannte, eine wirkliche Theilnahme abzugewinnen, eilte in den Saal, das Racket zu holen, und obschon widerstrebend, ließ Angelika sich endlich von den Bitten der beiden jungen Männer und von dem Zureden des Freiherrn bestimmen, sich als Dritte zu den Spielenden zu gesellen.
Vorlage S. 303
1062
Es war lange her, dass sie sich einem solchen Vergnügen überlassen hatte. Die lebhafte Bewegung, der fröhliche Zuruf des Marquis erheiterten sie, die große Geschicklichkeit und die vollendete Anmuth Herbert's reizten sie, es ihm gleich zu tun, und der Beifall der Herzogin, das zustimmende Lachen ihres Mannes regten ihren Ehrgeiz auf. Sie wollte der Herzogin beweisen, dass auch eine Deutsche der Sicherheit und Grazie nicht entbehre, und wie sie sich in dem leichten, wallenden Gewande hinbewegte, wie die blaßblauen Bänder von ihrem schlanken Leibe niederflossen und vom Lufthauche bewegt in ihren blonden Locken spielten, sah sie so schön aus, dass ihr aus dem entzückten Auge Herbert's, der sich mit der Freude eines Künstlers und mit der heißen Seele eines jungen Mannes an ihrer Schönheit ergötzte, ein gewisses fröhliches Siegesgefühl durch das Herz zog.
Vorlage S. 303
1063
Sie vergaß es, wie schwermüthig sie sich eben erst gefühlt hatte, sie vergaß, dass es ein Sterben gäbe, so voll Leben klopfte es in ihren Adern.
Vorlage S. 303
1064
Immer rascher flogen die Bälle von Einem zum Andern, immer lebhafter wurden die Wendungen, mit denen man ihnen begegnen musste; da, als die Lust der Spielenden ihnen Allen Flügel geliehen zu haben schien, rief plötzlich die Herzogin, dass nun die Reihe der Vergnügungen auch an sie käme und dass man sie über das Ballspiel nicht vergessen möge.
Vorlage S. 303
1065
Sie war gewohnt, seit sie in Richten lebte, Nachmittags ihr Whist zu spielen. Der Baron und der Marquis machten dann ihre Partner, und wie dieser sich auch dagegen sträubte, wie jener auch für die Jugend sprach, da die Fröhlichkeit seiner Gattin ihm Freude gewährte, die Herzogin bestand mit scherzendem Eigensinne auf ihrem Willen. Der Spieltisch wurde in einem der Zimmer aufgestellt, der Baron führte sie hinein, und als der Marquis mit komischem Seufzer sein Racket aus der Hand legte, wollten auch die Baronin und Herbert ihr Spiel beenden, aber die Herzogin gab das nicht zu. Sie behauptete, auf ihre Kartenpartie verzichten zu müssen, wenn Angelika sich dadurch in ihrer Unterhaltung und im Genusse des schönen Tages stören lasse, und da auch der Baron seine Frau aufforderte noch im Freien zu bleiben, so gab sie nach.
Vorlage S. 304
1066
Indeß sie war durch die Unterbrechung, wie sie meinte, aus dem rechten Zuge gekommen, und das musste auch bei Herbert der Fall sein, denn nun sie ohne den Marquis und ohne ihre Zuschauer auf einander angewiesen waren, wollte es mit dem Spiele nicht mehr gehen. Die Baronin schlug nicht weit genug, der Ball verfehlte sein Ziel, sie fing ihn auch nicht immer so sicher, obschon Herbert sein Bestes that, und nach verschiedenen Versuchen, sich wieder in den früheren Gang zu bringen, reichte sie das Netz und ihren Ball dem Architekten hin, weil sie zu müde sei, das Spiel noch fortzuführen.
Vorlage S. 304
1067
Sie wollte sich niedersetzen, Herbert warnte sie davor, da sie sich erhitzt hatte, und nachdem sie eine Weile in mannigfach wechselndem Gespräche auf und nieder gegangen waren, kam Herbert, als sie die Höhe im Lichte der sinkenden Sonne vor sich liegen sahen, natürlich auf den Capellenbau zu sprechen. Da dem Baumeister die Ausführung seines Planes vor allen Dingen am Herzen lag, so erbat er sich von der Baronin die Gunst, sie durch den Park noch einmal auf die Höhe und an den für die Capelle bestimmten Platz hinaufgeleiten zu dürfen, weil er es seiner Beredtsamkeit zutraute, sie für das Vorhaben an Ort und Stelle gewinnen zu können. Sie zeigte sich jedoch Anfangs nicht geneigt dazu; da er aber seine Bitte wiederholte und der Freiherr selbst schon bei der Mahlzeit diese Besichtigung vorgeschlagen hatte, so willigte sie ein, und sie machten sich auf den Weg.
Vorlage S. 304
1068
Wie sie nun so durch den Garten hinschritten, ging Herbert gleich daran, der Baronin die Sache noch einmal vorzutragen, und sein Plan war so wohl erwogen, er setzte ihn so beredt und mit so viel Schönheitsgefühl auseinander, dass es fast unmöglich war, sich nicht dafür einnehmen zu lassen. Auch begriff Angelika ihn gar wohl, das verriethen die Zwischenfragen, welche sie that. Da aber jedes Verstehen und jedes Verstandenwerden eine Befriedigung in sich tragen, so wurde, je weiter man kam, sein Erklären wärmer, ihr Eingehen auf dasselbe lebhafter, und mit der geistigen Erregung der Beiden steigerte sich die Schnelligkeit ihres Ganges, bis Angelika, als man sich etwa auf der halben Höhe des Hügels befand, plötzlich stehen blieb und tief aufathmend eine kurze Rast verlangte.
Vorlage S. 305
1069
Sie lehnte sich an den Stamm einer jungen Birke, und wie die lang herniederhangenden Zweige derselben, an denen die warmen, duftigen Blätter mit ihrem hellfunkelnden Grün sich wie geflügelt an ihren Stengeln wiegten, das rosige, vom raschen Gange leicht gefärbte Antlitz der Baronin umspielten, gestand sich Herbert, dass er niemals eine schönere Frau gesehen habe. Er hätte es ihr gern sagen mögen, der Ausruf der Freude drängte sich ihm auf die Lippen; indeß er hielt ihn vor der hochgebornen Frau zurück, aber er hätte in dem Augenblicke viel darum gegeben, ihr aussprechen zu dürfen, wie ihr Anblick ihm das Herz entzücke.
Vorlage S. 305
1070
Es musste davon etwas in seinen Mienen zu lesen sein, denn Angelika lächelte ohne zu wissen weßhalb. Wie ihm ihre Schönheit wieder einmal so beseligend aufgefallen war, so fiel es ihr in demselben Momente plötzlich ein, dass sie ohne Begleitung mit ihm fortgegangen sei, und sie sagte, diesem Gedanken folgend: Kommen Sie, wir sind weit vom Schlosse und haben noch eine Strecke zu steigen. Es könnte dunkel werden, wenn wir uns nicht beeilen!
Vorlage S. 306
1071
Er ahnte ihre Befangenheit, wie sie seine Bewunderung errathen hatte, und das brachte sie ihm näher. Er fragte, ob sie ihm erlauben wolle, ihr seinen Arm anzubieten? Sie wagte nicht, seinen Beistand auszuschlagen, eben weil sie besorgte, er könne darin entweder eine Geringschätzung sehen. die sie dem jungen, von ihrem Manne hochgeschätzten und liebenswürdigen Künstler nicht anthun mochte, oder er könne etwa gar auf den Einfall gerathen, dass sie das Alleinsein mit ihm unsicher mache, und diese Möglichkeit widerstrebte ihr noch mehr. Sie gab ihm also den Arm, und wie er nun das schöne Weib an seiner Seite fühlte, wie ihr Schritt mit dem seinen rhythmisch zusammenfiel, ihr flatterndes Haar, da er sich zu ihr wendete, seine Wange, ihre Schulter die seine berührte, da vergaß er Alles, außer dem Vollgefühle seiner Jugend und seiner Kraft. Die Luft, das Licht, der Duft, welcher aus der frisch aufquellenden Erde und aus den tausend Blätterknospen strömte, der Vogelsang, der von allen Enden sich hören ließ, und die eigene Lebensfülle und der Wiederschein des Himmels aus Angelika's strahlenden Augen machten ihn von Herzen froh. Er ging schneller und schneller, aber Angelika beschwerte sich nicht darüber, denn auch ihr war der Fuß beflügelt und die Brust erweitert. Es schien ihr, als hebe er sie mit sich empor, es freute sie, sich von seiner Kraft getragen zu fühlen und gleichen Schritt mit seiner Rüstigkeit halten zu können.
Vorlage S. 306
1072
Sie hatten schon lange nicht mehr mit einander gesprochen, als sie die Höhe erreichten, und doch war ihnen beiden ganz anders zu Muthe, als da sie ihren Weg begonnen und als in dem Augenblicke, in welchem sie gerastet hatten. Sie befanden sich nun auf dem Punkte, auf den Herbert sie zu führen verlangt hatte. Die Sonne war schon im Sinken, oben auf der Höhe wehte die Luft frischer. Die Baronin blieb eine Weile in Betrachtung versunken stehen. Sie dachte nicht daran, dass ihr Arm noch auf dem Arme des jungen Mannes ruhe, und er hütete sich, sie daran zu erinnern. Mit dem Weben der Natur, mit dem Hinblick in die Ferne war eine Reihe von Gedanken in ihm rege geworden, und der schwungvollen Freude folgte ihre Schwester, die Wehmut. Es war ohnehin das erste Mal, dass er Angelika in allen den Jahren wahrhaft heiter und jugendlich froh gesehen hatte, und dass dieser Frohsinn so schnell entschwand, dass sich über ihr Antlitz schon wieder der Schleier der Melancholie herniedersenkte, das vermehrte seine elegische Bewegtheit.
Vorlage S. 307
1073
Wir sind an der Stelle, hier müsste die Capelle stehen! sagte er endlich, aber er konnte sich nicht überwinden, ihr hier die früheren Erklärungen zu wiederholen. Es kam ihm Alles so gering vor neben dem, was er empfand, was auch Angelika – er zweifelte nicht daran – empfinden musste, denn auch sie stand in sich versunken da. Als sie emporblickte, schaute sie ihn an, es däuchte ihr, als sähe er traurig aus. Sie machte sich von ihm los, aber sie wagte die Frage nicht, weßhalb er nicht mehr heiter sei, und er ließ ihr dazu auch nicht die Zeit. Dass wir so vergänglich sind! rief er aus, wir und der Frühling und die Jugend und die Schönheit! So vergänglich, während das Unbeseelte dauert!
Vorlage S. 307
1074
Sie mochte diesen Ausruf nicht erwartet haben, und er bewegte sie; aber sie nahm sich zusammen und entgegnete: Und doch wollen wir hier einen Bau errichten, der Dauer haben soll!
Vorlage S. 308
1075
Ja, rief er, indem er in die Ferne hinabwies, wo die Mauern der Kirche mächtig emporstiegen, ja, Dauer, Dauer so lange als möglich! Seit Jahren weilt mein Sinn an diesen Orten, noch Jahre lang wird er sich hierher wenden! All mein Können und Wissen ist diesen Stätten geweiht! Und wenn dann der Tag kommen wird, an welchem das goldene Kreuz drüben von dem Thurme und hier von der Höhe in die Ferne leuchtet, wenn diese Bauten vollendet sein werden, dann – werde ich gehen, um nicht wiederzukehren, dann ist meines Weilens hier nicht mehr! –
Vorlage S. 308
1076
Es war der Gedanke an das Untergehen des Meisters in seiner Arbeit, es war die alte Klage, dass der Mensch vergänglicher ist als das von ihm Geschaffene, welche ihm durch den Sinn zog, und in der Jugend überrascht uns die grausame Notwendigkeit des Untergehens, des Sterbenmüssens immer wieder auf das Neue.
Vorlage S. 308
1077
Er hielt inne, nachdem er gesprochen hatte, fasste Angelika's Hand und fuhr fort: Aber früh und spät, Sommer und Winter wird Ihr klares Auge sich hierher richten, wenn Sie an Ihr Fenster treten; hier werden Sie knieen im Gebet! O, möge nie die Stunde kommen, in welcher Sie hier Trost suchen müssten in dem Kummer Ihres Herzens – denn der Schönheit soll der Schmerz nicht nahen!
Vorlage S. 308
1078
Angelika war wie verzaubert. Das hatte sie nicht erwartet. Einen Ton des Herzens, wie er aus den Worten dieses Mannes erklang, hatte sie nie vernommen, und er erweckte in ihrer Seele ein Etwas, das noch nie in ihr so klar gesprochen hatte. Glück und Erschrecken, Freude und Pein, ein stolzes Aufjauchzen, eine herzbeklemmende Angst bestürmten sie auf einmal. Es kam ihr vor, als fühle sie eben jetzt zum ersten Male, dass sie lebe und welcher Seligkeit sie fähig sei. Es zog sie mit süßer, mächtiger Gewalt zu Herbert, und doch scheute sie diese Gewalt. Sie sehnte sich, seinen Blick zu genießen, und wendete sich von ihm ab; und wie sie sich von ihm wendete, da sah sie hinunter in das Thal, und weithin zogen sie sich, die langen Windungen des schnellen, tiefen Flusses, der so hell und so heiter dahinschoß durch das Land, und sie waren eben so hingeflossen über Paulinen's Leichnam und hatten ihn an das Ufer gespült, an das Ufer hier unten im Park, vor ihren eigenen Augen!
Vorlage S. 308
1079
Schrecklicher, furchtbarer als jemals stand das Bild jener Stunde vor ihrem Geiste, und heute zum ersten Male mischte sich in ihr Entsetzen und in ihre Verzweiflung über jenes Ereignis eine zornige Empörung gegen ihren Gatten, eine Auflehnung gegen ihr Geschick, gegen die Vorsehung.
Vorlage S. 309
1080
Warum war er in ihr Leben getreten, der ältere Mann mit der schuldbefleckten Vergangenheit, dem die Herzogin im Grunde mehr galt und näher stand als sie? Warum hatte der Himmel es ihr auferlegt, ein Verbrechen büßen zu helfen, das sie nicht begangen und das denjenigen, der es verübt hatte, jetzt lange nicht mehr so schwer bedrückte, als sie, die Schuldlose? Warum hatte Gott ihr das Glück versagt, die reine, die erste, heiße Liebe eines edeln Jünglings zu genießen und freien Herzens die Empfindung zu fühlen, die jetzt plötzlich wie ein belebendes Feuer ihr ganzes Wesen durchglühte?
Vorlage S. 309
1081
Es war das Alles kein langsames Denken, keine Folge von Ueberlegungen; es war jenes plötzliche, allumfassende Erkennen, das in einzelnen, entscheidenden Momenten dem Menschen gegeben ist und das ihm eine Art von Allwissenheit verleiht. Ueber sich hinausgehoben durch die Erregung des Augenblickes, überblickt er dann sein ganzes Dasein in dem weitesten Zusammenhange und begreift seine Zukunft mit einer seherischen Klarheit, die ihm das Ziel und das Ende derselben, die ihm sein künftiges Schicksal wie in einem untrüglichen Spiegelbilde darstellt.
Vorlage S. 309
1082
Angelika schauerte schweigend zusammen vor der Fluth der Gedanken und Empfindungen, welche sie überfiel. Mit einem unterdrückten Ausrufe des Schmerzes ließ sie sich, ihr Gesicht in ihre Hände verbergend, auf die Steinbank niedersinken, und unaufhaltsame Thränen entströmten ihren Augen.
Vorlage S. 310
1083
Wie außer sich warf der junge Mann sich ihr zu Füßen. Um Gottes willen, rief er, was ist geschehen? Reden Sie, reden Sie! Was habe ich getan? Was habe ich denn gesagt?
Vorlage S. 310
1084
Er hatte ihre Hände ergriffen. Sie wollte ihn nicht sehen lassen, dass sie weinte, und wendete das Antlitz von ihm, indem sie sich erhob. Aber der Ausdruck des Schmerzes in ihren Zügen nahm ihm alle Herrschaft über sich. Er schlang seine Arme um sie, und fragte, das Schicksal anklagend: Muss sie, muss dieser Engel weinen? –
Vorlage S. 310
1085
Das war mehr, als sie ertragen konnte, denn es sprach sympathetisch ihre eigenen Gedanken aus. Sie ließ ihr Haupt auf seine Schulter niedersinken und weinte an seinem Herzen heißer, schmerzlicher, als sie je zuvor geweint. Er hielt sie umfangen, er wusste selber nicht, wie ihm geschah. Er fühlte sich wie berauscht, aber er wagte es nicht, den Kuß auf ihr Haupt zu drücken, das seine Lippen berührten, ihr Unglück machte sie ihm heilig!
Vorlage S. 310
1086
Als sie sich endlich emporrichtete, war sie erschöpft und bleich. Die Sonne war nun völlig untergesunken, die Dämmerung spannte leise webend ihre duftigen Schleier über die Gegend aus. Langsam begann die Mondessichel, die im Nebel des Abends schwamm, aus ihm heraufzusteigen, sich aus dem Purpur seiner Dünste zu erheben und zum reinen, hellen Lichte zu verklären. Kein Laut regte sich, kein Vogel sang, selbst das leise Zittern und Flüstern des Laubes hatte aufgehört. Die Einsamkeit, die Stille waren vollkommen, es ward dem jungen Manne märchenhaft zu Muthe.
Vorlage S. 310
1087
Unten im Schlosse zündete man die Lichter in den Sälen an. Dorthin gehörte sie, dorthin musste sie wiederkehren, dorthin musste er sie geleiten, dorthin musste sie gehen.
Vorlage S. 311
1088
Sie hielt sich das vor, aber sie sagte sich innerlich: Hier auf dieser Stelle lasse ich meine Seele zurück! Hier, wo sie zum ersten Male aufgelodert in dem Feuer einer Liebe, die eine Sünde für mich ist!
Vorlage S. 311
1089
Sie hatten beide keine Worte mehr, sie standen fern von einander und hätten doch ewig hier weilen mögen, hätten vergessen mögen, dass es noch eine Welt und Menschen gäbe außer dieser Stelle und außer ihnen Beiden. Keiner fühlte den Muth, das Wort zu sprechen, das sie von diesem Platze scheiden hieß. Endlich machte Angelika sich auf den Weg und Herbert folgte ihr. Ihre Glieder, ihre Bewegungen waren kraftlos; er bot ihr schweigend seinen Arm, und schweigend nahm sie ihn wieder an. So ging sie neben ihm her in stiller, glücklich-unglückseliger Feier, voll Schmerz und ohne Hoffnung, und doch eine Flamme, eine Gluth in ihrem Herzen, die sie erwärmte, die sie vertröstete und sie in die Ferne, in die Zukunft hinauszuweisen schien, damit sie den Augenblick nur überstände.
Vorlage S. 311
1090
Als sie hinunterkamen in den Park, wo das Unterholz und die Gebüsche dicht belaubt waren, schlang Herbert seinen Arm wieder um den Leib Angelika's, und sie wehrte es ihm nicht. Ihr Auge hing an seinen Blicken, sie sah im Mondlichte wie verklärt aus. In den Hecken schlugen die Nachtigallen; der süße, flötende Ton löste ihnen die Seelen auf; er nahm ihre Hand und küsste sie wieder und wieder.
Vorlage S. 311
1091
Wie schön ist die Welt, wie schön die Nacht! sagte er endlich.
Vorlage S. 311
1092
Ja, für die Glücklichen! fügte sie seufzend hinzu – aber sie ist lang, lang und finster, wenn man sie durchweint!
Vorlage S. 312
1093
So kamen sie vor das Schloß. Sie werden doch nicht in den Saal gehen? fragte er, und es war ihm eine süße Empfindung, dass er für sie sorgte und ihr rieth, dass er ein Geheimnis mit ihr hatte.
Vorlage S. 312
1094
Nein, ich kann nicht! antwortete sie; sagen Sie, die Abendkühle habe mich unwohl gemacht!
Vorlage S. 312
1095
Die Diener hatten sie kommen sehen und öffneten die Thüre. Angelika reichte Herbert die Hand. Er küsste sie ihr, wie Abschied nehmend, und da er sich vor ihr neigte, sprach sie, nur ihm hörbar: Da oben dürfen wir keine Capelle bauen!
Vorlage S. 312
1096
Fünftes Capitel
Vorlage S. 313
1097
Margarethe, sagte der Marquis, als er an dem Abende, an welchem Herbert und die Baronin auf dem Hügel jenseit des Parkes gewesen waren, sich in den Zimmern seiner Schwester mit ihr allein zusammen fand, Margarethe, was hat denn dieser Baumeister heute gehabt, dass er so gesprächig und so witzig war?
Vorlage S. 313
1098
Die Herzogin lag schon halb entkleidet in ihren Pudermantel gehüllt auf ihrer Bergère. Sie ließ sich von Mademoiselle Lise die Puffen und das Chignon ihres Haarbaues auflösen und für die Nachtruhe ordnen, während sie den Orangenblüthen-Thee trank, der die Nerven beruhigen und dem Teint seine Frische erhalten sollte.
Vorlage S. 313
1099
Sie gab dem Bruder keine Antwort; er schien ihrer auch nicht zu bedürfen, denn er lächelte, nahm das emaillirte Pudermesser, welches auf dem Tische lag, trat damit an den Spiegel, dessen Lichter angezündet waren, und sagte, indem er sich behutsam die Schläfen säuberte: Und Madame, die sich zurückzieht! Sie ist sehr belustigend, diese verrätherische Unschuld!
Vorlage S. 313
1100
Weil ich sie kenne, diese Deutschen, meinte die Herzogin, rieth ich Dir, auf Deiner Hut zu sein. Ihre Poeten haben sie verdorben, sie sind schwerfällig und empfindsam, selbst in ihrer Freude, und sie verstehen das Genießen nicht!
Vorlage S. 313
1101
Eine so schöne Schülerin verdiente aber, dass man sie des Besseren belehrte! rief der Marquis, der sich der Schwester gegenüber in einen Sessel niedergeworfen hatte.
Vorlage S. 313
1102
Ein flüchtiger Blick, den die Herzogin nach ihrer Dienerin richtete, legte dem Bruder Schweigen auf, aber das Lächeln, welches um seine Lippen spielte, konnte er nicht unterdrücken, und während er mit der feinen Hand die Nadel in seinem Halstuche anders zu stecken versuchte, sagte er: Nur unter seines Gleichen kann man fröhlich leben, und es war Zeit, dass diese keusche Erhabenheit zu uns herniederstieg! Man könnte den Seladon beneiden, wenn seine strahlende Freude nicht auf die bisherige Armuth seines Lebens schließen ließe. Man könnte ihn beneiden, diesen armen Burschen!
Vorlage S. 313
1103
Und beneidenswerth kam Herbert sich auch vor, als er in der Stille der Nacht an seinem Fenster stand! – Er glaubte sie noch zu fühlen, die schlanke, volle Gestalt, die er in seinen Armen, an seiner Brust gehalten hatte. Sein Herz klopfte, sein Sinn war aufgeregt, aber hell und klar. Er erinnerte sich jeder ihrer Mienen, jedes ihrer Worte, er fühlte sich von frischem Leben durchdrungen, wie über sich und seine ganze Vergangenheit erhoben. Er hätte es laut ausrufen mögen, wie voll Freude und voll Wonne er sei.
Vorlage S. 314
1104
Das große, hohe Zimmer war ihm zu eng, er konnte nicht auf einem Flecke, nicht ruhig bleiben. Er musste in das Freie, auf die Terrasse hinaus. Mit schneller Hand öffnete er die Flügelthüren, die frische Luft strömte ihm voll entgegen, es war hell wie am Tage. Der Mond stand hoch am Himmel, Wölkchen, so klar, dass sie kaum die funkelnden Sterne verdeckten, zogen langsam schwebend vorüber. Der Sang der Nachtigallen lockte in weichen, herzlösenden Tönen aus den vollbegrünten Büschen. Herbert war es, als sei das Alles nur um seinetwillen da.
Vorlage S. 314
1105
Mit dem stolzen, frohen Empfinden, das der Besitz verleiht, ging er auf der Terrasse umher. Es schlief Alles im Schlosse, Niemand theilte mit ihm die Wonne dieser Stunde, dieser Nacht, sie war ganz sein. So allein, so einsam hatte er vor wenig Jahren die Nächte durchlebt, wenn es ihn nicht ruhen lassen, am leise rauschenden Meeresstrande zu Neapel und zu Bajä; so einsam war es gewesen auf den steinernen Sitzen des Colosseums zu Rom, und doch, es war ihm jetzt noch anders zu Sinne, als damals. Denn wie sich in der Stunde des Schmerzes alles Leid vergangener Jahre unabweislich an uns herandrängt, so nahen sich uns in dem Augenblicke, der uns günstig ist, wie von magnetischer Kraft herbeigelockt, die schönsten Erinnerungen unseres Lebens, dass wir unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart als Eines, als ein großes, ganzes Glück empfinden; und wer solche von guten Geistern umschwebte Wonnestunden nie gekannt hat, der geht arm aus der Welt und aus dem Leben!
Vorlage S. 314
1106
An seinen Vater dachte Herbert, und wie der ihn eingeführt in das erhabene und doch so offenbare Reich der Schönheit und der Kunst; seine Mutter hatte er neben sich und sie erzählte ihm, dem einzigen Kinde, wie da oben hinter den weißgeflügelten Wölkchen die unsichtbaren Englein im goldenen Himmelslichte sich wiegten und den guten Kindern rosige Träume herabträufelten mit dem Thaue der Nacht. Und die Lieder seiner Mutter hallten in seiner Seele nach und die Töne lösten sich auf und gestalteten sich neu, bis sie in jenen wunderbaren Melodien verklangen, in welchen die Gondoliere auf den Canälen von Venedig die Stanzen ihres Tasso singen. Und dann wieder umstrickte ihn die Stille der Nacht so sanft, dass kein Gedanke Form und Gestalt annehmen konnte und er nichts empfand, als ein liebevolles Glück, als die Wonne, zu leben und zu athmen inmitten der Natur.
Vorlage S. 315
1107
Vor einem der Gartentische blieb er stehen. Sein Auge heftete sich an das Federball-Spiel, welches auf demselben liegen geblieben war. Er nahm das Racket in die Hand, dessen Angelika sich bedient hatte. Der rothe Sammetreif umspannte das Netz von goldenen Schnüren, der Thau hatte es mit seinen Perlen übergossen. Das war der Zauberstab, der ihm den heutigen Abend, der ihm diese selige Stunde heraufbeschworen. Der gefiederte Ball lag noch darauf, er warf ihn fast absichtslos ein wenig in die Höhe und fing ihn mühelos wieder auf. So war es ihm heute überhaupt gegangen, so war ihm das wundervolle Abenteuer, das süße Erlebnis fast ohne sein Zuthun von der Stunde Gunst beschieden worden, und es dünkte ihm darum noch lieblicher und zauberischer.
Vorlage S. 315
1108
Aber sie irrten beide, der Marquis und dessen Schwester; Herbert war kein solcher Neuling im Leben und er liebte die Baronin nicht. Es war kein Liebesrausch, keine Verblendung durch ein eitles Hoffen gewesen, die ihn an dem Abende so gesprächig und so witzig gemacht, wie der Marquis die Erregtheit des Baumeisters bezeichnet hatte. Es war ein zärtliches Mitleid, eine großmüthige Sorge, die er für Angelika in seinem Herzen trug, und leise, aber doch erkennbar genoss er die Genugthuung, den Stolz dieser vornehmen Frau, der ihn manchmal beleidigt und verletzt hatte, so hingeschmolzen, und sie trostsuchend an seiner Brust gesehen zu haben. Er erinnerte sich des Augenblickes, da er mit freier Seele vor sie hingetreten war und sie ihm das Bewusstsein aufgedrängt hatte, dass er ihr mißfalle. Jetzt, deß war er sicher, dachte sie anders über ihn; aber wenn er sich auch fragte, was Angelika bestimmen mögen, einen Mann, den sie nicht geringschätzen konnte, alle die Jahre mit so wechselnder Launenhaftigkeit zu behandeln, so war er sich seines Werthes doch zu sehr bewusst und zu sehr gerührt von den Thränen der schönen Frau, als dass sich in sein befriedigtes Selbstgefühl und in seine Theilnahme für die Baronin ein Tropfen von Bitterkeit gemischt hätte.
Vorlage S. 316
1109
Er wollte versuchen, ihr näher zu treten, ihr Vertrauen zu gewinnen. Er stellte sich vor, dass sie gegen ihren Willen des weit älteren Mannes Frau geworden sei, dass man sie gezwungen habe, einer früheren Liebe zu entsagen. So wie mit ihm, mochte sie einst mit dem Geliebten ihres Herzens durch die duftende Dämmerung des Frühlings gewandelt sein, so mochte sie mit einem Geliebten von milder Höhe hinabgesehen haben in ein stilles Thal, und nun hatte Herbert ihr die Erinnerung an verlorenes Glück, an dauerndes Entbehren wach gerufen. Sie hatte dem Entfernten, dem Vermissten nachgeweint, Thränen der Erinnerung waren es sicherlich gewesen, welche sie an seiner Brust vergossen hatte; und wie er sich mehr und mehr in diese Vorstellung versenkte, so standen auch jene Frauen vor ihm, denen er in den verschiedenen Zeiten seines Lebens Neigung und Liebe und Leidenschaft entgegengebracht hatte. Die schöne Empfindung jener wechselnden Stunden erwärmte und durchglühte ihn, und er liebte seine Erinnerungen und die Frauen und das Lieben, und wenn er sich seiner fröhlichen Vergangenheit und seines Glückes freute, so dachte er dazwischen doch immer wieder der Baronin, die solchen Glückes Fülle sicher nicht gekannt hatte, und der Vorsatz, ihr beizustehen, ihr nahe zu bleiben, entzückte ihn, weil die Liebe ihn so entzückte.
Vorlage S. 316
1110
Der Tag kam herauf, als er endlich in sein Zimmer zurückkehrte, um sich zur Ruhe zu legen; aber er konnte nicht mehr schlafen, und hätte er es vermocht, es wäre ihm nicht viel Zeit dafür vergönnt gewesen. Er musste früh hinaus, da er mit dem Amtmanne nach einem Steinbruche reiten wollte, der noch innerhalb der Herrschaft, aber doch mehr als zwei Meilen von Richten entfernt lag und dessen Material man für den Bau zu verwenden gedachte.
Vorlage S. 317
1111
Durch den frischen Morgen ritt er über den weiten Hof, an den die große und lange Allee von Lerchen-und Ebereschen-Bäumen sich anschloß. Die thaufrischen Blätter und Spitzen der Zweige nickten, von dem leisesten Lufthauche bewegt, und sprühten ihre Thautröpfchen auf den Reiter herab. Zu beiden Seiten wogte das dichte, kurze Grün der lang sich hinstreckenden Hafer- und Gerstenfelder, dass es wie ein wallendes, glänzendes Wasser anzusehen war, wenn die Sonne sich in dem Thaue bespiegelte. Aus dem Walde von Aehren schossen die Lerchen empor und schwangen sich mit schwirrendem Flügel zum Himmel auf, die kleinen Kehlen in schmetterndem Gesange bewegend. An dem Rande der Gräben, an den Rainen blühte die Kornblume, nickte der rothe Mohn, und über die Dornhecken und die blühende wilde Rose schlang die Winde, sich weithin spannend, ihre Ranken. Wohin man blickte, war Alles voll Leben, voll Bewegung, voll Klang und Sang. Die Biene, der Käfer, der Schmetterling und der Vogel, jeder that sich was zu Gute in dem warmen Sonnenscheine, und selbst die Hunde vor den Häusern sprangen heraus, kläfften und bellten, liefen dem Pferde nach, liefen ihm voraus und wendeten wieder um, und man konnte es den klugen Thieren wohl anmerken, dass sie das Pferd und den Reiter nicht anzuhalten dachten, sondern nur ihr Spiel haben wollten.
Vorlage S. 317
1112
Nach der sanften Feier des letzten Abends, nach der magischen Stille der Nacht war dieser Morgen voll frischen Lebens dem jungen Manne ein doppeltes Vergnügen, und mit seinen strahlenden Augen hinaus in die Ferne schauend, ließ er das Pferd weit ausgreifen und athmete mit tiefem Behagen den Luftstrom ein, der ihm entgegenkam.
Vorlage S. 318
1113
Da, wo der Weg sich wendete und wo der Wegweiser stand, der nach Rothenfeld wies, blickte Herbert nach dem Schlosse zurück. Die grünen Fensterladen waren noch überall geschlossen. Der Baron und Angelika, der Marquis und die Herzogin, Alles lag sich er noch im tiefen Schlafe, und sammt und sonders thaten sie ihm leid. Es war ihm so wohl, er hätte überhaupt mit Niemandem tauschen mögen, und selbst Angelika's leise Mahnung: »Da oben bauen wir keine Capelle!« machte ihm keine Sorge. War es keine Capelle, so konnte man irgend einen Tempel, einen Freundschafts-Tempel da oben errichten, und zu einem solchen Angelika's Zustimmung zu gewinnen, hoffte er zuversichtlich, weil er ihre Freundschaft zu erwerben trachtete.
Vorlage S. 318
1114
Wohlgemuth ritt er durch das Thor des Amtshofes ein. Er war ein gern gesehener Gast auf demselben und es behagte ihm dort immer, wenn er von dem Schlosse kam. Denn wie das Stattliche und Schöne ihn erfreute, das Vornehme im Leben und in der Kunst ihm einen großen Eindruck machten, so hatte er daneben doch eine angeborene Freude an dem Nützlichen und Notwendigen, und nach der breiten Terrasse des Schlosses, nach dem hohen Porticus und den Bogenfenstern desselben, nach den Taxushecken und Springbrunnen gefielen ihm der Wirthschaftshof mit seinem Röhrbrunnen, an welchem die große Heerde getränkt ward, das schwerfällige, alte Haus mit der niedrigen Thüre und der breiten Rampe, über der sich die Aeste der Lindenbäume von beiden Seiten her dicht in einander verschlungen hatten, immer ganz besonders wohl.
Vorlage S. 319
1115
Man sah es den dicken Mauern auch an, dass das Haus im Winter warm, im Sommer kühl sein müsse. Gleich vor der Thüre luden die breiten Bänke und der große steinerne Tisch zum Sitzen und zum Verweilen ein, und die Blumenstöcke, welche auf den Fensterbrettern die volle Morgensonne genossen, die Rabatten des kleinen Gartens, aus deren fetter, brauner Erde sich schon die vollen Levkoien und die glänzenden, vielblätterigen Nelken hervorhoben, waren so wohlgepflegt, der gefleckte Jagdhund auf der Schwelle, der aufsprang, als der Reiter in den Hof ritt, und die gelbe Katze, welche nur blinzelnd die schläfrigen Augen öffnete und den dicken Kopf dann langsam niedersenkte, um die sonnenerwärmte Stelle wieder einzunehmen, waren so rund und so blank, dass man es merkte, hier leide Niemand Mangel.
Vorlage S. 319
1116
Auch dem Hausherrn, dem jungen Amtmanne, konnte man das ansehen. Er war fast gleichen Alters mit dem Baumeister und auf dem Gute geboren und erzogen. Schon sein Urgroßvater hatte die Arten'schen Güter bewirthschaftet und von Vater auf Sohn hatte sich das Amt, und mit ihm die Liebe für den Grund und Boden und die Anhänglichkeit an die Herrschaft vererbt. Die Steinert's waren hier zu Hause und angesehen, beinahe wie die Herren von Arten selbst. In der ganzen Umgegend hatten sie Verwandte, überallhin waren sie durch die Heirathen ihrer Töchter und Söhne mit den Amtleuten, den Gutsbesitzern, den Pfarrern und Förstern verschwägert, und wer im Lande Rath und That bedurfte, der ging zum Amtmanne nach Rothenfeld, denn die Steinert's waren Landwirthe, wie es wenige gab, und der jetzige Amtmann hatte es wohl bisweilen ausgesprochen, dass er einmal sehen möchte, was aus dem Herrn werden würde, wenn man im Amtshause nicht das Auge auf Alles hätte und gelegentlich die Hand auf Manches legte, was nicht angetastet werden dürfte, ohne dass dem ersten Capitalangriffe der zweite nachfolgen müsse.
Vorlage S. 320
1117
Ein treuer Diener muss auch widersetzlich sein, wo's Noth tut! hatte der Vater des jungen Amtmannes einmal gesagt, und sie lag so zu sagen den Steinert's im Blute, diese treue, ehrliche Widersetzlichkeit. Man brauchte die Männer nur anzusehen. Sie waren ein großes, starkes, vollblütiges Geschlecht, die Männer wie die Frauen, und der junge Amtmann und seine Schwester machten keine Ausnahme davon, wie er denn auch Adam hieß gleich seinem Vater und Großvater und gleich denen, die vorhergegangen waren. Weil aber Adam der einzige Sohn gewesen und erst neun Jahre nach ihm ein Mädchen in das Haus geboren worden war, so hatte der Vater gemeint, wenn der Adam doch einmal keine anderen Gesellen habe, so müsse er wenigstens in der Schwester seine Eva bekommen, und Adam und Eva waren auch die einzigen Kinder geblieben, waren mit einander groß geworden, hatten von Vater und Mutter den tüchtigen Sinn geerbt, die Arbeit und die Wirthschaft erlernt und befanden sich so wohl mit einander, dass noch keiner von ihnen an das Heirathen gedacht hatte, obschon der Amtmann dreiunddreißig Jahre alt war und die Eva auch schon in den ersten Zwanzigen stand.
Vorlage S. 320
1118
Sie glichen einander recht wie Bruder und Schwester. Beide waren sie groß, beide stark von Bau und von frischer Farbe mit hellen, blauen Augen. Des Amtmanns Krauskopf war eben so blond wie das dicke, gewellte Haar, welches Eva's Schläfen umgab, und beide sahen jung und lachend wie der Morgen aus, als sie bei Herbert's Ankunft vor die Thüre und auf die Rampe hinaustraten.
Vorlage S. 321
1119
Die grüne, breitschooßige Pekesche mit den blanken Knöpfen, die gelbe Lederhose und die faltigen Reitstiefel saßen dem Amtmanne wie aufgegossen. Man sah, dass er etwas auf sich hielt, dass er etwas auf sich wenden konnte, und obschon er sein Haar nicht mehr puderte, weil es damit, wie auch Herbert der Baronin bedeutet hatte, in Wind und Wetter nichts war, so hatte er es doch noch mit einem schönen Bande in breitem Haarbeutel zusammengebunden, grade wie der Herr Baron, und der kleine dreieckige Hut saß ihm keck auf dem Kopfe und warf seinen Schatten über seine starke, feste Stirne.
Vorlage S. 321
1120
Willkommen, werthester Herr Baumeister! rief er dem Reiter entgegen, als dieser vor der Thüre hielt. Sie sind ein Mann von Wort! Er zog die Uhr mit der schön gefleckten Schildpattkapsel hervor und hielt sie ihm hin. Halb sieben Uhr auf den Punkt. Damit trat er an das Pferd heran, und er und Herbert schüttelten einander die Hände.
Vorlage S. 321
1121
Man ist ja in dem Wetter froh, versetzte dieser, wenn man herauskommt, und den Mann möchte ich sehen, den's schlafen ließe, wenn er weiß, dass Mamsell Eva die Langschläfer nicht leiden mag! – Er nahm den Hut grüßend vom Kopfe; Eva nickte ihm freundlich zu und meinte, sie könne gar Vieles nicht leiden, zum Beispiel das Warten nicht.
Vorlage S. 322
1122
Haben Sie denn auf mich gewartet? fragte er.
Vorlage S. 322
1123
Gott bewahre, Mosje Herbert, dazu habe ich Morgens keine Zeit; aber ich warte jetzt auf Sie!
Vorlage S. 322
1124
Auf mich – wie das?
Vorlage S. 322
1125
Mit dem Frühstücke! entgegnete sie.
Vorlage S. 322
1126
Herbert meinte, es solle gleich fortgehen, indeß der Amtmann und Eva wollten davon nichts hören.
Vorlage S. 322
1127
Sie werden doch nicht der Erste sein wollen, Herr Architekt, meinte der Amtmann, der um die Frühstücksstunde hier ohne Imbiß fortgeht? Und Eva sagte: Sie können immer einmal die gnädigen Herrschaften im Muschelsaale ihre Chocolade allein einnehmen lassen und mit unser Einem frühstücken. Wenn man gute Gesellschaft am Morgen hat, giebt's immer einen guten Tag; denn daran glaube ich ganz fest, Gutes und Böses kommen nie allein!
Vorlage S. 322
1128
Schönen Dank, Mamsell, dass Sie mich für etwas Gutes halten! rief Herbert, während er vom Pferde stieg; der Amtmann hatte einen Knecht herbeigewinkt, der ihm das Pferd abnahm, und die beiden Männer folgten Eva in den Hausflur, in welchem auf dem großen Eichentische Brod und geräuchertes Fleisch aufgetragen waren, neben denen der zinnerne Bierkrug und die feine Flasche mit Kirschbranntwein nicht fehlten.
Vorlage S. 322
1129
Den Hausflur hatte Herbert gar so gern. Die großen, altersgeschwärzten Eichenschränke, welche auf ihren massiven Kugelfüßen die beiden Seitenwände des Flures einnahmen, der schwere Tisch in der Mitte, die alte, große Hausuhr, welche einen Monat ging und die seit mehr als fünfzig Jahren auf dieser Stelle stand, ohne je einer Reparatur bedurft zu haben, die handfesten Stühle und die dreifachen Reihen von Erntekronen und Erntekränzen, die an den Wänden hingen und deren Bänder zum größten Theile schon ganz verblichen waren, das Alles zeugte von Dauerhaftigkeit; und dazu warf das Sonnenlicht, welches durch die Blätter der Linden in den Flur hineinfiel und um die welken Aehrenkränze spielte, dass sie ganz frisch darunter aussahen, eben seine hellsten Strahlen auf das goldene Haar von Eva, welche, am Tische stehend, den Rücken der Hausthüre zugewandt, die beiden sitzenden Männer bediente.
Vorlage S. 322
1130
Sie haben übrigens Recht, Mamsell Eva, nahm Herbert das Wort wieder auf; ich finde auch, dass das Glück niemals allein kommt. Denn ich habe eine köstliche Nacht verlebt, und der Morgen beginnt mir eben so günstig und schön! – Er verneigte sich dabei, um ihr das Compliment anzueignen. Sie beachtete es aber nicht, sondern fragte: Was haben Sie denn die Nacht getan?
Vorlage S. 323
1131
O, ich habe sie fast ganz im Freien durchwacht, sie war so still und schön! – Eva sah ihn an, als erwarte sie eine Fortsetzung seines Berichtes, und da er nichts hinzufügte, fragte sie: Und das war Alles? Weiter nichts?
Vorlage S. 323
1132
Der Amtmann lachte, Herbert musste mitlachen; Eva's unbefriedigter Blick und der Ton ihrer Stimme forderten dazu heraus, aber Herbert war dabei doch nicht wohl zu Muthe. Es verdroß ihn, dass Eva komisch finden konnte, was ihn so hoch entzückt hatte, und dabei wusste er kaum, ob er mit dem Mädchen, oder mit sich selber nicht zufrieden wäre. Sie scheinen auch das Wachen also nicht zu lieben, meinte er, und er sagte das mit absichtlichem Spotte.
Vorlage S. 323
1133
Sie nahm es aber nicht so auf, sondern antwortete ruhig: Nein, gar nicht, wenn es zu nichts führt. In guter Gesellschaft und wenn's einen Tanz giebt, oder wenn es bei einem Kranken nötig ist – ja, dann ist's etwas Anderes. Aber sonst – sie hielt inne und sagte, als könne sie den rechten Ausdruck nicht finden und müsse sich auf andere Weise helfen: Nachts ohne alle Ursache wachen und am Tage schlafen, wie's im Schlosse oft geschieht, das wäre mir grade, als sollte ich den rechten Handschuh auf die linke Hand ziehen! Das geht mir wider den Strich!
Vorlage S. 324
1134
Sie wandte sich dabei von den Männern fort, um aus dem einen Schranke noch ein Messer herbeizuholen. Als Herbert ihr nachsah, fand er ihre kräftige, große Gestalt in dem aufgeschürzten blauen Zitzkleide, mit dem sauber gefalteten Tuche um Brust und Schultern außerordentlich schön, und die Röthe des Nackens und der Oberarme sah so gesund aus, dass er unwillkürlich den Ausruf that: Ich glaube, Sie könnten gar nicht anders als Eva heißen!
Vorlage S. 324
1135
Der Bruder, welcher seine Freude an dem Mädchen hatte, verstand, was Jener meinte, und gab ihm Recht; Eva aber stützte sich mit den Händen vor ihnen auf den Tisch und sagte: Mosje Herbert, ich glaube, für Sie ist's auch Zeit, dass der Bau bald fertig wird und dass Sie aus dem Verkehr mit dem lächerlichen Herrn Marquis fortkommen, der hier zuweilen wie eine Bombe einfällt! Sie lernen ihm nur seine Redensarten ab! Das mit dem Eva heißen habe ich nun schon zweimal hören müssen, und man möchte doch auch einmal etwas Neues haben!
Vorlage S. 324
1136
Sie nahm dabei eine schmollende Miene an, die sie vollends reizend machte, und Herbert fühlte so großes Vergnügen in ihrer Gesellschaft, dass der Amtmann ihn an den Aufbruch mahnen musste. Herbert dankte also für die genossene Gastfreundschaft, Eva entgegnete, wenn es ihm gefallen und geschmeckt habe, so möge er bald und vor allen Dingen zum Erntefeste wiederkommen. Er reichte ihr die Hand zum Abschiede, und als er schon im Fortgehen war, fragte sie, was denn die gnädige Frau mache und ob sie wohl sei. Er berichtete, dass die Baronin sich am Abende nicht gut befunden habe. Eva machte ein ernsthaftes Gesicht dazu und schüttelte bedenklich den Kopf.
Vorlage S. 324
1137
Die wird auch nie mehr ganz gesund, sie hat's nie verwunden, sagte sie seufzend und mitleidsvoll, und ich möchte auch nicht an ihrer Stelle sein! Herbert wollte wissen, weßhalb nicht. Sie antwortete nur, indem sie, ohne eine Erklärung zu geben, mit einem: O nein, gewiss nicht! ihre vorige Aeußerung bekräftigte, und da inzwischen die Pferde vorgeführt worden waren, so trennte man sich, ohne dass Herbert eine Antwort von dem Mädchen erhalten hatte.
Vorlage S. 325
1138
Während des Rittes bot sich Herbert keine rechte Gelegenheit zu weiteren Fragen dar, obschon Eva's Aeußerung ihm nicht aus dem Sinne wollte. Die Gegend, durch welche sie kamen, war Herbert neu, und der Amtmann hatte seine Genugthuung daran, den Fremden mit allen Vorzügen des Bodens bekannt und auf alle die Vorteile aufmerksam zu machen, welche eine sorgfältige Cultur diesem Boden abzugewinnen verstanden hatte. Dafür aber verlangte er dann auch von Herbert zu hören, wie es sonst in der Provinz und in der Welt aussähe, auf deren Händel und Entwickelungen das Auge des jungen Landwirthes wie das eines jeden Mannes in jenen Tagen gerichtet war. Indeß so lange man zu Pferde blieb, war an ein rechtes zusammenhängendes Sprechen nicht zu denken, aber als man in der Nähe des Steinbruches, wo der Boden aufstieg und das Thal sich verengte, absteigen musste, um den Rest des Weges am Ufer des Flusses fortzusetzen, ward die Gelegenheit zur Unterhaltung günstig. Man ließ die Pferde an dem Hause eines der Steinbrecher zurück, und wie man nun in dem kühlen Thale vorwärts ging, richtete der Amtmann seine Fragen auf sein Lieblingsthema, auf die Männer und die Ereignisse, von denen die Zeitungen ihrer Zeit berichtet hatten und noch berichteten. Herbert sollte ihm von den Helden der französischen Revolution erzählen, bei deren Beginn der Baumeister sich noch in Paris befunden hatte und deren wahrscheinlicher Aus gang jetzt alle Geister beschäftigte.
Vorlage S. 325
1139
Er sollte Mirabeau beschreiben, und schildern wie Camille Desmoulins aussehe, die er gesehen, er sollte erklären, wie ein Volksaufstand sich mache, und während der Amtmann mit leidenschaftlicher Spannung an seinen Berichten hing, erwärmte sich Herbert mehr und mehr an seinen eigenen Worten, bis beide junge Männer sich wieder einmal lebhaft für die Gleichheit der Stände, wider alle Vorrechte und wider jede Art von Vorurtheilen ausgesprochen hatten, die ihnen in ihrem Leben bereits hindernd entgegengetreten waren oder von denen sie später eine Beeinträchtigung fürchten konnten, wie verschieden ihre Berufsthätigkeiten und selbst ihr Bildungsgrad auch waren.
Vorlage S. 326
1140
Herbert, welcher in der Schloßgesellschaft beständige Rücksichten zu nehmen hatte, fand es angenehm, sich frei gehen lassen zu können und einen so dankbaren Zuhörer zu haben. Der Amtmann, der sich nach seinen Kenntnissen, seiner Tüchtigkeit und auch nach seiner Wohlhabenheit manchem der Edelleute überlegen wusste, die in der Nachbarschaft und zu Zeiten auch im Schlosse die großen Herren spielten, und vor denen er sich, wie gering er sie auch schätzte, zu demüthigen und zu beugen genöthigt war, fühlte sich stets gehoben in dem Verkehre und in der Unterhaltung des Architekten, welchen der Freiherr als seinen Gastfreund und Hausgenossen ehrte, während dieser sich als ein Gleicher neben den Amtmann stellte; und da die Jugend überhaupt zu geselligem Anschließen geneigt ist, fanden die beiden sich bald in einem Zwiegespräch begriffen, das ihnen recht von Herzen kam.
Vorlage S. 326
1141
Man war von den Mittheilungen über Frankreich und die Revolution auf die Emigranten im Allgemeinen zu reden gekommen und dadurch auch auf die Gäste im Schlosse geführt, und der Amtmann meinte: Es muss solchen Herrschaften spanisch vorkommen, wenn für sie das Befehlen und Besitzen auch einmal ein Ende hat. Wenn man aber hört, wie sie's dort getrieben haben, und weiß, wie's auch hier herum vieler Orten zugeht, so kann man sich denken, dass sie drüben kein groß Mitleiden mit ihnen fühlen. Ich wollte nicht sehen, was hier passirte, wenn's auch hier einmal zum Klappen käme!
Vorlage S. 327
1142
Glauben Sie denn, dass hier zu Lande das Material für eine Revolution vorhanden ist? fragte der Baumeister.
Vorlage S. 327
1143
Der Amtmann besann sich, ehe er antwortete, die Vorsicht des Bauers steckte auch ihm im Blute. Es kommt darauf an, sagte er dann nach reiflichem Ueberlegen, was man Revolution nennt!
Vorlage S. 327
1144
Nun! versetzte Herbert, mich dünkt, das wäre klar. Ist man hier unzufrieden? Hat man große Beschwerden gegen den König und sein Regiment?
Vorlage S. 327
1145
Gegen den König und sein Regiment? wiederholte der Amtmann, das könnte ich nicht sagen. An den König denken sie hier nicht viel, d.h. sie denken an ihn nur, wie an den lieben Herrgott, der ebenfalls weit weg ist und von dem sie auch nicht wissen, ob er sie hört oder nicht hört. Die Leute hier sehen nicht über die Feldmark hinaus. Jeder hat hier sein Theil Plage für sich und steht also meist auch nur für sich. Er hat's mit mir zu tun, der ich hier befehle, und mit der Herrschaft, für die ich befehle. Was er zu fürchten und zu hoffen hat, seine Anhänglichkeit und seine Aufsässigkeit, das liegt Alles hier, Alles dicht neben einander wie sein Haus und sein Grab. Darüber hinaus hat er sich sonst nicht leicht um etwas gekümmert, und wenn's ihm nicht allzu schlecht gegangen ist, ist er zufrieden gewesen.
Vorlage S. 327
1146
Und jetzt! ist's jetzt anders?
Vorlage S. 328
1147
Der Amtmann besann sich wieder eine Weile, dann sagte er sehr bestimmt: Ja! anders als vor fünf und vor zehn Jahren, als zu den Zeiten, da ich von der Schule und von der Universität kam, denn mein Vater hat mich anderthalb Jahre auf die Universität geschickt, schaltete er mit Selbstgefühl in seine Rede ein, anders ist's jetzt hier allerdings. Es ist, als ob's in der Luft läge. Sie pariren nicht wie sonst, sie raisonniren viel.
Vorlage S. 328
1148
Aber worüber?
Vorlage S. 328
1149
Ueber Alles!
Vorlage S. 328
1150
Also zum Beispiel? fragte Herbert.
Vorlage S. 328
1151
Ueber die Frohnen, über die Hand- und Spanndienste, über Alles! Und wie das geht, da sie immer zusammenstecken, hetzt Einer den Andern auf, und was der Eine nicht ausheckt, das klaubt der Andere hervor. Man wird bald Noth haben, sie zur Arbeit zu bekommen, denn um Ausreden sind sie ohnehin niemals verlegen.
Vorlage S. 328
1152
So etwas pflegte aber doch überall einen Ausgangspunkt zu haben, oder es pflegte irgend Jemand da zu sein, der den Anführer macht. Ist vielleicht ein bestimmter Anlass zu der Unzufriedenheit gegeben worden, ist irgend Einem ein besonderes Unrecht zugefügt?
Vorlage S. 328
1153
Sie gingen, als Herbert diese Frage that, über die lange und schmale, aus Knüppeln und Rasen gemachte Brücke, welche hier den Fluss überspannend auf die Seite desselben leitete, auf welcher der jetzt bearbeitete Steinbruch lag, und da Herbert seiner Freude an dem Schönen und Lieblichen in der Natur, wo er diesem begegnen mochte, nachgab, so blieb er stehen und betrachtete, wie die weichen Binsen und das Schilf sich nickend in dem Wasser spiegelten, dass es zu Zeiten aussah, als hingen die goldenen Sonnenreflexe wie strahlende Blumen an den schwankenden grünen Halmen. Er pflückte eine kleine breitblättrige Farre, die in dem Moose auf der Brücke gewachsen war, steckte sie an seinen Hut und folgte dann dem Andern, der ihn drüben am Ufer erwartete.
Vorlage S. 328
1154
Als Herbert sich wieder an des Amtmanns Seite befand, der offenbar mit der Frage seines Begleiters beschäftigt geblieben war, sagte Jener: Eine Ursache und einen Anfang muss freilich Alles haben, aber die Dinge haben meist mehr als Eine Ursache, und hier die Veränderung unter den Leuten hat deren viele. Und wieder brach er zögernd ab, bis der Baumeister ihn mit erneuter Frage zum Weitersprechen nöthigte.
Vorlage S. 329
1155
Sehen Sie, Herr Baumeister! fing nun der Amtmann an, als sei er nun zu dem Entschlusse gekommen, herauszusagen, was er eigentlich dachte: sehen Sie, unser Herr Baron ist ein guter Reiter, und wer ein guter Reiter ist und es weiß, dass kein Pferd ruhig bleibt, wenn man's heute gehen lässt, wie's eben mag, und morgen scharf zusammennimmt, ohne dass es was verfehlt hat, wer's aus Erfahrung weiß, dass man das beste, frommste Thier im Handumdrehen verreiten und stöckisch machen kann, der, meine ich, sollte das auch auf den Menschen appliciren. Es ist schwer auskommen mit dem Herrn Baron! Mein Vater hat's schon immer gesagt, es war besser unter dem seligen Herrn!
Vorlage S. 329
1156
Herbert bemerkte, dass der Freiherr ihm weder streng noch hart erscheine, dass er im Gegentheil nur wohlwollende und menschenfreundliche Aeußerungen von ihm vernommen habe.
Vorlage S. 329
1157
Der Amtmann machte eine zustimmende Bewegung mit dem Kopfe. Das ist's eben! meinte er. Streng und hart ist gar nicht das Schlimmste, dabei kann Alles gehen, denn der Mensch gewöhnt sich allmählich an das, was gleichmäßig geschieht, und besonders denkt der Bauer in solchem Falle: es könne denn eben nicht anders sein. Wäre der Herr Baron nur immer streng, und machte er es wie sein Vater und sein Großvater, die sich um gar nichts kümmerten, als um's Verzehren und Genießen, so ständen wir Alle uns besser. Aber er ist leider Gottes menschenfreundlich und hat ein weiches Gemüt, und dazu mag er im Grunde seines Herzens selbst zuweilen denken, dass es wohl nicht immer so auf der Welt bleiben werde, wie bisher. Da kommt's denn, dass er heute nachgiebt, was er morgen verweigert, dass er dem Einen erlaubt, was er dem Andern verbietet. Das macht böses Blut. Die Einen denken, wenn er das zugesteht, kann er auch mehr zugestehen; die Andern sind ihm aufsässig, weil sie ihre Forderung nicht durchgesetzt haben, und zuletzt bade ich es aus, denn zuletzt muss ich vor den Riss treten, und mit mir macht er's dann auch nicht besser. Man weiß nicht, wie man mit ihm daran ist. Seit er geheirathet und die Pauline sich ertränkt hat, ist das Alles schlimmer geworden, und seit wir nun gar den – verzeihen Sie, dass ich es einmal sage – verwünschten Kirchenbau hier haben, ist vollends der Teufel los!
Vorlage S. 329
1158
Der Amtmann sagte das offenbar mit fester Ueberzeugung. Indeß obschon dies Herbert nahe genug anging und ihn lebhaft beschäftigte, so erregte doch die Erwähnung eines Frauenzimmers, das sich ertränkt haben sollte und das offenbar in einem nahen Zusammenhange mit dem Freiherrn gestanden haben musste, um der Baronin willen vor allem Andern seine Neugier. Er fragte nach den näheren Umständen, erfuhr den ganzen Hergang der Sache und alle ihre Einzelheiten, wie man sie eben in der Umgebung und Dienerschaft des freiherrlichen Paares kannte und betrachtete.
Vorlage S. 330
1159
Herbert war sehr von dieser Kunde betroffen und ergriffen, denn jetzt glaubte er plötzlich den Schlüssel für alles dasjenige zu haben, was ihm gestern überhaupt in dem Wesen und in dem Verhalten der Baronin auffallend erschienen war. Das arme, arme Weib! rief er unwillkürlich aus, als der Amtmann geendet hatte.
Vorlage S. 330
1160
Der Amtmann stimmte ihm bei, denn er glaubte, Herbert spreche von Pauline, und er rühmte deren Schönheit und gute Eigenschaften.
Vorlage S. 331
1161
Herbert aber dachte nur an die Baronin. Er bedauerte, dass er dies Alles nicht schon gestern gewusst habe, er fürchtete, der Baronin nicht verständnißvoll genug begegnet zu sein, und machte sich Vorwürfe darüber, dass er durch seine Aeußerung ihr wundes Herz getroffen, oder dass sie gar in derselben eine unberechtigte Andeutung auf ihr schweres Schicksal gefunden haben könne.
Vorlage S. 331
1162
Während er mit dem Amtmann den Bruchstein besah und Farbe und Gehalt desselben prüfte, während man mit dem Aufseher und dem Meister überlegte, welcher Art von Bearbeitung und Polirung der Stein fähig sei und in wie viel Zeit man die geforderten Quadern und Säulen herstellen und beschaffen könne, blieb das Bild der Baronin ihm immer gegenwärtig, und die Vorstellung, dass er mit seinem Baue ihrem innersten Herzensbedürfnisse genüge, dass er ihr dazu helfe, ein Gelübde zu erfüllen, eine Buße zu üben, von der sie sich eine Befreiung ihrer Seele versprach, wurde ihm ganz besonders werth.
Vorlage S. 331
1163
Es fiel dem Amtmann auf, dass Herbert während der Verhandlungen so dringend wurde, dass er die Termine, welche er am Anfange der Unterredung und der Besichtigung leichthin als die früheste Ablieferungszeit bezeichnet hatte, bald als die letzte angesehen haben wollte, und er erinnerte ihn also daran, dass er ja selbst sechs Jahre für den Bau beansprucht, dass man also noch eine geraume Zeit vor sich habe. Auch der Baron habe, wie der Amtmann bestimmt wisse, bei seinen Geldmitteln und Geldbewilligungen mindestens an eine sechsjährige Dauer des Baues gedacht und auf die gleichmäßige Vertheilung der für denselben bestimmten Summe während dieser sechs Jahre gerechnet. Endlich, meinte er, hätten, um die Wahrheit zu sagen, diese ersten vier Jahre die ganze ursprünglich festgesetzte Summe verschlungen, so dass ein Innehalten und Zögern sehr geboten sei. Herbert hingegen machte geltend, dass er vor dem Baue der Kirche in Rothenfeld, eben der Kosten wegen, gewarnt habe und dass man um der auswärtigen Arbeiter willen nicht innehalten und nicht feiern dürfe.
Vorlage S. 331
1164
Das musste der Amtmann halbwegs zugeben, und nach mannigfachem Hin und Wider und nachdem Herbert einige Proben des Gesteins hatte abschlagen lassen, die er versuchsweise nach der Stadt mitnehmen wollte, um dort mit Sachkundigen über ihre Behandlung sich noch zu besprechen, trat man den Rückweg an. Indeß der Amtmann fand Herbert nicht so gesprächig als vorher. Er schob dies auf die eben gehabte Erörterung, auf die Wärme des Tages, und sie schlenderten dann, auch nur hier und da ein paar Worte mit einander wechselnd, langsam durch das Thal, bis sie zu der Stelle kamen, an welcher des Steinmetzen Bube mit den Pferden ihrer wartete. Hier mussten sie sich trennen. Der Amtmann, welcher noch vor dem Mittage in den Forst zu reiten dachte, lud den Baumeister ein, ihn zu begleiten, weil es dort im Nadelholze schattig und kühl sei; Herbert meinte jedoch, dass der Freiherr eine Auskunft von ihm erwarten könne, und wollte deßhalb bei guter Zeit wieder in Richten eintreffen.
Vorlage S. 332
1165
Er stieg also auf, der Amtmann that desgleichen; als dieser jedoch den Fuß in den Bügel setzte und sich aufschwingen wollte, bemerkte er, dass sein Sattel nicht fest saß, und stieg ab, um den Sattelgurt fester zu schnallen. Und während er sich dazu bückte, sagte er, Französisch sprechend, wie er das gelegentlich gern that, um seine gute Erziehung zu beweisen: Ich darf wohl darauf rechnen, dass Alles, was wir heute durchgesprochen haben, unter uns bleibt?
Vorlage S. 332
1166
Herbert versicherte, dass sich das von selbst verstände, und Jener fügte lächelnd hinzu: Es ist hier doch im Grunde immer noch so gut, wie rund herum, und wer die Herrschaften kennt, hängt ihnen an. Aber, lieber Gott! sie sind einmal, wie sie sind! Chien de chasse, chasse de race! Die Männer wollen leben, und die Frauen wissen sich denn auch auf eine oder die andere Art zu trösten!
Vorlage S. 333
1167
Er lachte dazu, denn er kam sich offenbar bei dieser Aeußerung wie ein Weltmann vor, und mit guter Manier den kleinen dreieckigen Hut zum Abschiedsgruße bewegend, während er dem Architekten ein: à revoir, Monsieur Herbert! zurief, sprengte er davon.
Vorlage S. 333
1168
Sechstes Capitel
Vorlage S. 334
1169
Langsam und zerstreut ritt Herbert die Straße zurück, welche er am Morgen in so heiterer Stimmung durchmessen hatte. Er dachte an den Bau und an gewisse Berechnungen, welche er dem Freiherrn aufzumachen hatte, aber er rechnete schwer, er verrechnete sich öfter; die Zahlen, die Maße wirrten sich ihm in einander, und dann ertappte er sich bisweilen auf jener Zerstreutheit, in welcher es uns scheint, als sei in unserem Denken ein Stillstand, eine Leere eingetreten, und in der wir uns fragen: Was habe ich denn eigentlich gedacht? – weil die Reihe unserer Vorstellungen so blitzschnell an uns vorüber zieht, dass wir sie nicht festzuhalten im Stande sind und uns nur, man möchte sagen, des unwillkürlichen Erleidens einer unwillkürlichen Tätigkeit bewusst werden. Das ist ein quälender Zustand, und auch unsere Sinne werden in der Regel von demselben ergriffen, denn was wir in solchen Augenblicken sehen und vernehmen, gleitet anscheinend auch unerfaßt an uns vorbei, und doch kann es geschehen, dass man sich nach Monaten, nach Jahren irgend eines Eindruckes bewusst wird, den man in solcher Stunde empfangen hat.
Vorlage S. 334
1170
Das Pferd, welches fühlte, dass es sich selber überlassen sei, machte sich das zu Nutze. Der Tag war so drückend heiß, und, den Schatten der Bäume suchend, ging das Thier in gleichmäßig ruhigem Schritte der wohlbekannten Heimath zu. Herbert hing nachlässig im Sattel. Die Sonne brannte hernieder, aber er schien sie nicht zu fühlen. Er dachte an den linden Abend und an die frische Kühle der letzten Nacht, oder vielmehr, er dachte nicht an sie, sondern er empfand sie noch erquickend. Es war ihm, als träume er, aber als träume er einen schönen, glücklichen Traum, und er wusste doch nicht, was dieser ihm bringe oder biete. Alles war nebelhaft, Alles warm und beseligend. Er hätte nur immerfort so weiter reiten mögen, immerfort, immerfort!
Vorlage S. 334
1171
Da mit einem Male wehte es ihn kühler und erfrischend an. Eine Wolke war über die Sonne hingezogen, sie verhüllte ihr Licht. Der ganze Himmel hatte angefangen sich zu bedecken, ein leiser trockener Wind erhob sich. Herbert sah umher: er war nicht weit mehr von Richten, er konnte das Schloß deutlich in allen seinen Einzelheiten unterscheiden. Grade so hatte er es damals erblickt, als er vor Jahren zuerst des Weges gekommen war. Damals!
Vorlage S. 335
1172
Es dünkte ihn sehr lange her zu sein, jener Tag, denn damals war Alles anders gewesen, als jetzt, Alles anders! Noch gestern war es anders gewesen – noch heute früh!
Vorlage S. 335
1173
Was hatte er denn gedacht seit gestern? Weshalb hatte er denn die Nacht so wundersam verträumt, und was hatte ihn so umgewandelt seit einer Stunde?
Vorlage S. 335
1174
Das Blut schoss ihm zu Kopfe, er fuhr auf. Das Pferd, durch einen straffen Zügelgriff aus seiner freien Lässigkeit aufgeschreckt, sprang, sich bäumend, in die Höhe. Der Widerstand kam Herbert eben recht, und mit scharfem Spornstoß das Thier zusammennehmend, trieb er es vorwärts, dass es weit ausgriff und ihn gestreckten Laufes leicht dahintrug.
Vorlage S. 335
1175
Zu ihr! das war die ganze Antwort, welche er sich zu geben wusste.
Vorlage S. 335
1176
Ein leidenschaftliches Verlangen brannte in seinem Blute, er musste lachen, wenn er sich erinnerte, welche Rolle er gestern neben Angelika gespielt hatte. Er war sehr entschlossen, nicht wieder als ein blöder Schäfer vor der vornehmen Dame zu erscheinen, welche sich über das Unglück ihrer Ehe zu trösten begehrte. Er musste darüber lachen, dass er dies nicht selbst gesehen hatte, dass ihm die Hingebung nicht auffallend gewesen war, mit welcher Angelika sich seiner Tröstung, sich seinem Schutze überlassen hatte; und, so wechselnd ist der Sinn des Menschen, so leicht bestimmbar die heiße Phantasie der Jugend: er, der gestern in reinster, verehrender Liebe sein Herz der unglücklichen Frau zugewendet hatte, er versprach sich jetzt mit leidenschaftlichem Feuer, es der schönen Baronin zu beweisen, dass er nicht mit sich spielen lasse und dass er der Mann sei, zu begehren und zu gewinnen, was ihre Hingebung ihm zu verheißen geschienen.
Vorlage S. 335
1177
Im Schlosse angelangt, konnte er die Stunde nicht erwarten, da er sie wiedersehen sollte. Der Freiherr, welcher von seiner Rückkehr unterrichtet worden war, ließ ihn rufen, um von ihm zu hören, wie er mit dem Steine und der Bearbeitung desselben durch seine Neudorfer Leute zufrieden gewesen sei. Herbert musste Auskunft geben, aber er hatte Mühe, dies mit der nötigen Ruhe zu tun, denn es war öfter vorgekommen, dass Angelika sich solchen Besprechungen in dem Zimmer ihres Gatten unerwartet zugesellt hatte, und er meinte von Minute zu Minute den Schritt der Baronin, das Rauschen ihrer Gewänder zu vernehmen. Indeß sie kam nicht. Das verdroß den jungen Mann. Er wünschte sie zu sehen, weßhalb gewährte sie ihm die Freude nicht?
Vorlage S. 336
1178
Als er von dem Freiherrn entlassen wurde, fragte er nach dem Ergehen der gnädigen Frau Baronin und sprach die Hoffnung aus, dass der Gang nach der Höhe ihr nicht geschadet haben werde. Der Freiherr nahm die Sache leicht. Es ist glücklicher Weise nur eine kleine Uebermüdung bei dem Spiel, sonst nichts, sagte er, und ich bin sicher, dass wir die Baronin heute wieder unter uns sehen werden, denn sie befand sich diesen Morgen wohl.
Vorlage S. 336
1179
Das hatte Herbert nur hören wollen, und er fing nun an, sich auf den Mittag zu vertrösten. Aber der Mittag kam, die Hausgenossen fanden sich zusammen und die Baronin fehlte. Was soll das bedeuten? fragte er sich.
Vorlage S. 337
1180
Er hatte seinen Platz, wenn sonst keine Gesellschaft vorhanden war, zwischen dem Marquis und dem Caplan. Er erkundigte sich bei diesem Letzteren nach dem Grunde, der die Baronin von der Tafel entfernt halte, und erhielt den Bescheid, dass Renatus sich nicht wohl befände und Muttersorge Angelika bei dem Kinde festhalte.
Vorlage S. 337
1181
Herbert musste seine Enttäuschung nicht gut verborgen haben, denn der Marquis sah ihn mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln an, von welchem Jenem das Blut in die Wangen stieg. Der Amtmann hatte sich also nicht geirrt, auch der Marquis dachte von Angelika nicht anders, als von den anderen Frauen seines Standes.
Vorlage S. 337
1182
Um der Baronin willen, die sich von dem Kinde nicht trennen mochte, blieb man nach dem Mittagbrode nicht beisammen; auch der Abend und der ganze folgende Tag verstrichen, ohne dass Herbert sie sah. Er fragte im Laufe desselben den Kammerdiener nach dem Knaben; der schien aber gar nicht daran zu denken, dass dem Kleinen etwas fehle, denn er sagte gleichgültig, der junge Herr spiele und sei munter.
Vorlage S. 337
1183
Herbert glaubte zu bemerken, dass der Freiherr mißmuthig sei, es kam ihm auch vor, als beobachte die Herzogin ihn mehr als sonst; indeß er war selbst zu aufgeregt, sehr darauf zu achten, denn jetzt erfuhr er es ja selbst, auch Angelika war nur eine herzlose Coquette, die, wie diese Frauen alle, ihre Freude daran hatte, seine Sehnsucht durch ihre berechnete Entfernung anzufachen und zu steigern.
Vorlage S. 337
1184
Der nächste Tag brachte den Sonntag, an welchem nach beendeter Roggenernte das kirchliche Dankfest für dieselbe gefeiert werden sollte. Da man seit der Bekehrung der Baronin auch strenger als früher auf die Kirchlichkeit der protestantischen Dienerschaft hielt, so hatte man Morgens die Dienstleute, welche man irgend entbehren konnte, in die Kirche nach Neudorf geschickt, und oben in der Schloßcapelle hielt der Caplan für die Herrschaften den gewöhnlichen Gottesdienst.
Vorlage S. 338
1185
Es war dadurch sehr still im Schlosse, und Herbert fühlte sich allein und innerlich gequält. Er sehnte sich noch immer nach einem Zusammensein mit der Baronin und sann doch darüber nach, wie er ihr die Pein vergelten wolle, die er eben um sie duldete. Er wusste nicht, ob er sie liebe oder hasse, und solches inneren Zwiespaltes ungewohnt, schalt er sich unmännlich, weil er sich aus demselben nicht sogleich befreite.
Vorlage S. 338
1186
Unzufrieden mit sich selbst, stand er am Fenster und beobachtete, wie vom Hofe die Leute nach der Kirche gingen, wie sie sich in Paaren, in Gruppen zusammenfanden, Jeder mit seinem Nächsten, seinem Freunde, und er war hier allein. Sein Zimmer, die alterthümlichen Möbel, die alten Oelgemälde sahen ihn so düster an, sein Aufenthalt in dem Schlosse ward ihm zuwider. Er war hier nicht heimisch, man brauchte ihn eben nur; es kam ihm eine Sehnsucht nach Zuständen an, in die er hineingehörte, nach Menschen, mit denen er frei verkehren konnte, und schnell, wie man sich im Mißmuthe zu entschließen pflegt, setzte er sich an den Schreibtisch und bat den Freiherrn, ihn für die nächsten Tage gnädigst zu beurlauben, da er ein wenig in der Umgegend umherzustreifen und sie kennen zu lernen wünsche. Der Besuch der Steinbrüche habe ihn dazu verlockt, und er werde nicht ermangeln, sich nach ein paar Tagen wieder einzustellen.
Vorlage S. 338
1187
Das Schreiben übergab er dem Kammerdiener des Barons, hing eine leichte Tasche über die Schulter, und trat mit lachendem Selbstbewusstsein den Weg nach dem Amthause an, entzückt über seinen schnellen Entschluss, erfreut über die Kränkung, welche er nun seinerseits der Baronin zuzufügen hoffte, und angenehm bewegt von der Aussicht auf den guten Empfang und die einfach frohen Stunden, die ihm im Amthause nicht fehlen konnten. Musste er sich doch ohnehin bei den Geschwistern, die das Haus voll Gäste hatten, entschuldigen, weil er, von seiner Aufregung hingenommen, ihrer Einladung zum Erntefeste ganz vergessen hatte.
Vorlage S. 339
1188
Im Schlosse nahm man nach dem Gottesdienste das Frühstück ein, als der Kammerdiener dem Freiherrn das Schreiben des Architekten brachte. Er las es und legte es bei Seite, aber da auf dem Lande ein Brief zu unerwarteter Stunde immer ein Ereignis ist, fragte Angelika, was es gebe.
Vorlage S. 339
1189
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, sagte der Baron scherzend. Herbert hat neben manchen anderen guten und tüchtigen Eigenschaften von seinem Vater offenbar auch die Anfälle von plötzlicher Wanderlust geerbt. Erinnern Sie sich, lieber Caplan, wie sein Vater uns in Italien bisweilen plötzlich zu verschwinden pflegte?
Vorlage S. 339
1190
Ist Monsieur Herbert abgereist? fragte der Marquis. Ich habe ihn in der Frühe gesprochen, und er hat an Reisen, so viel ich merken konnte, nicht gedacht.
Vorlage S. 339
1191
Er schreibt mir, dass er sich in der Umgegend umsehen wolle, und bittet mich, ihn für ein paar Tage zu beurlauben.
Vorlage S. 339
1192
Die Baronin schien auf den ganzen Vorgang nicht zu achten, aber sie wurde roth, als der Marquis sie ansah, und die Herzogin beobachtete, dass sie nach einiger Zeit das Billet in die Hand nahm, es las und es dann auf die Seite legte. Sie war sehr zerstreut, und der Marquis, dessen gute Laune sich daran steigerte, war eifrig um sie bemüht. Seine feinsten Complimente und seine witzigsten Einfälle vermochten sie jedoch nicht zu fesseln, und als der Baron einen Besuch in der Nachbarschaft vorschlug, wünschte Angelika sich von demselben auszuschließen, obschon ihr Gatte ihre Sorge um den Knaben eine völlig aus der Luft gegriffene und unberechtigte nannte. Wie sie aber bei ihrem Vorsatze beharrte, ließ es sich die Herzogin nicht ausreden, ihr Gesellschaft zu leisten, und eine Meisterin in der Unterhaltung, musste sie heute die Kosten derselben, als sie sich mit der Baronin dann allein fand, fast ausschließlich tragen, denn Angelika war und blieb zerstreut.
Vorlage S. 339
1193
Die Herzogin erzählte von ihrer Heimath, von ihren Freunden, von deren Schicksalen und Herzenserfahrungen, und kam so endlich auf sich selbst und auf ihre Jugendzeit zu sprechen. Indeß auf diesen Punkt gelangt, hielt sie mit einem Male inne, als gewahre sie erst jetzt, dass die Baronin ihr nicht folge. Es entstand also eine Pause. Angelika, durch dieselbe auf ihre Zerstreutheit aufmerksam gemacht, rückte, um ihre Unhöflichkeit zu verbergen, ihren Sessel an den Lehnstuhl der Herzogin heran und fragte, weßhalb sie ihre Mittheilungen so plötzlich unterbreche.
Vorlage S. 340
1194
Die Herzogin reichte ihr die Hand, so dass Angelika genöthigt wurde, sich ihr vollends zu nähern, schlug den Arm um den Hals der jungen Frau und sagte: Ich dachte an Sie, meine Theure, denn meine eigenen Erinnerungen geben mir den Maßstab für das, was Sie bewegt. Armes Kind, wenn Sie Vertrauen zu mir hätten, Sie, die ich Einsame wie eine Tochter liebe! Wenn Sie das Vertrauen theilen könnten, welches der Baron mir treu erhalten hat und das ich zu verdienen weiß!
Vorlage S. 340
1195
Angelika war von dieser Wendung des Gespräches überrascht. Vertrauen? rief sie; o gewiss, meine Freundin, ich vertraue Ihnen! Aber was bestimmt Sie zu der Frage?
Vorlage S. 340
1196
Sie wollte, von innerer Unruhe getrieben, sich erheben, die Herzogin hielt sie davon zurück. Der Zustand, in welchem ich Sie sehe, meine theure Angelika, die Gemüthsbewegung, in der Sie sich unverkennbar befinden! sagte sie und brach abermals in ihrer Rede ab, denn sie wollte der Aufregung, in die sie Angelika versetzt hatte, Zeit zum Wachsen lassen und abwarten, wozu diese selbst sich entschließen würde. Aber die Baronin war strenger gegen sich, als Jene erwartet hatte. Sie schien sprechen zu wollen, schwieg dann wieder und sagte endlich mit einer Fassung, die ihr offenbar schwer wurde, ihrem edeln Wesen aber sehr wohl anstand: Ich glaube an die Freundschaft, theure Herzogin, die Sie für uns hegen; gewiss, ich glaube fest daran! Es giebt jedoch Dinge, die man nur mit sich selbst, mit sich selbst und mit seinem Gotte zu berathen und abzumachen hat, und was mich bewegt, gehört eben in den Bereich solcher Dinge. Denken Sie also nicht übel von mir und halten Sie mich nicht für undankbar, wenn ich die Hülfe, welche Sie mir bieten, in diesem Augenblicke nicht benutze.
Vorlage S. 341
1197
Sie drückte dabei der Herzogin zum Zeichen des Dankes die Hand, aber sie erhob sich. Die Herzogin, welche es Jemandem nicht leicht verzieh, wenn er ihren Voraussetzungen nicht entsprach, presste unmerklich die schmalen, feinen Lippen zusammen, und unter den halbgeschlossenen Augenlidern schoss ein Blick hervor, der gewillt schien, nicht von dem Gegenstande abzulassen, welchen er sich zur Beute ausersehen hatte. In ihren Sessel zurückgelehnt, den Kopf gegen seine Kissen gestützt, so dass sie Gelegenheit hatte, den noch immer schönen Fuß weit von sich gestreckt unter dem Falbalas ihres Kleides hervorsehen zu lassen, nahm sie aus dem Strauße, der in der chinesischen Vase an ihrer Seite stand, eine volle Rose hervor, die sie bald gegen ihr Gesicht drückte, als kühle sie sich damit die Stirne und athme den Duft ein, und bald an der Spitze des Stengels zwischen ihren Fingern auf und nieder bewegte, wie Jemand, der an sein äußeres Tun nicht denkt.
Vorlage S. 341
1198
So verging eine geraume Zeit. Angelika, die sich nicht hatte entfernen wollen, um nicht den Schein des Mißmuthes auf sich zu laden, saß wieder vor ihrem Stickrahmen; aber ihre Gedanken arbeiteten schneller, als ihre Hand, und sie mussten weitab von dieser Stelle gewesen sein, denn sie erschrak, als die Herzogin sie sanft mit ihrem Namen anrief.
Vorlage S. 342
1199
Angelika, wollen Sie mir erlauben, mich zu rechtfertigen? fragte sie. Die Baronin versicherte, dass es keiner Rechtfertigung bedürfe, aber die Herzogin beharrte bei ihrer Absicht. Denn, sagte sie, ich bin gezwungen, aus Neigung und Dankbarkeit gezwungen, meine theure Angelika, mich in das Vertrauen zu drängen, das Sie mir verweigern. Ich habe, wenn auch nicht im Auftrage, so doch in Bezug auf Ihren Gatten mit Ihnen zu sprechen. Der Baron hat mir vor längerer Zeit es einmal mitgetheilt ....
Vorlage S. 342
1200
Die Baronin wollte sie unterbrechen, aber die Herzogin wiederholte schnell und bestimmt: Der Baron hat mir einmal mitgetheilt, in wie grausamer Weise der Friede und die Heiterkeit Ihrer Flitterwochen getrübt worden sind, mein liebes, armes Kind, und ich weiß Alles, was zwischen Ihnen damals vorgegangen ist ....
Vorlage S. 342
1201
Ich bitte Sie, rief die Baronin, der das Roth des Zornes und der Scham die Wangen färbte, ich bitte, Frau Herzogin, schonen Sie mein Empfinden! – Sie stand abermals auf, um nun wirklich das Zimmer zu verlassen, aber auch die Herzogin hatte sich erhoben, und die junge Frau bei der Hand nehmend, sprach sie mit leisem ernstem Tone: Nicht um die Schonung eines augenblicklichen Empfindens, es handelt sich um die Zufriedenheit des Mannes, dessen Namen Sie tragen, um seine und Ihre Zukunft, wenn Sie es nicht lernen, sich zu fassen, sich zu beherrschen und der Welt zu verbergen, was ihr verborgen bleiben muss!
Vorlage S. 342
1202
Nichts ist so leicht zu zerstören, als die Willensfreiheit eines edeln Herzens, welches sich schuldig weiß oder schuldig glaubt. Bestürzung, Schrecken, Zorn machten die Baronin stumm. Erst als ihre Gefährtin inne hielt, vermochte sie die Frage vorzubringen: Und mir dies zu sagen, Frau Herzogin, hat der Freiherr Sie ersucht?
Vorlage S. 343
1203
Aber auf solche natürliche Frage war die kluge Herzogin gefasst gewesen. Nein, versetzte sie, nein, mein Kind! er hat mich nicht dazu beauftragt, aber ich glaube, dass Gott uns immer dahin stellt, wo wir zu nützen berufen sind, und ich möchte die Freundschaft verdienen, deren Segen ich hier genieße. – Sie schwieg eine Weile und sagte darauf: Verzeihen Sie einer alten Freundin Ihres Mannes, einer Verwandten, den Muth ihrer Freundschaft. Sie sind jung, mein theures Kind! Sie sind unerfahren, das macht Sie unvorsichtig. Man vergiebt uns viel, man forscht nicht nach, wenn wir unsere Geheimnisse bewahren und ehren; man verzeiht uns nichts, man bürdet uns alles Ersinnliche auf, wenn wir sie unvorsichtig Preis geben – und dies, meine Beste, tun Sie!
Vorlage S. 343
1204
Die Zuversicht der Herzogin trug den Sieg davon. Angelika ließ sich müde auf das Sopha sinken, die Herzogin setzte sich an ihre Seite, und als stände ihr ein mütterliches Recht zu, sprach sie: Sie haben beim Beginne Ihrer Ehe eine jener schmerzlichen Erfahrungen gemacht, welche das Leben uns Frauen oftmals auferlegt; aber statt sie schweigend zu tragen, statt durch Ihre Güte und Liebenswürdigkeit den Baron vergessen zu machen, dass er eine Vergangenheit gehabt hat, die Ihnen nicht gehörte, hat Ihre Strenge seinen innern Kummer gesteigert, dass er ihm fast unterlegen wäre, und Ihr Uebertritt zu unserer Kirche und der Kirchenbau – wie sehr ich beide segne – haben die Menschen doch tiefer in das Wesen Ihrer Ehe blicken lassen, als gut gewesen ist. Es hätte ja das Alles ein wenig später, ein wenig gelegener geschehen können, und Sie hätten den Baron und sich deßhalb nicht für eine lange Zeit zur Einsamkeit verdammen dürfen!
Vorlage S. 343
1205
Die Höflichkeit, die Rücksicht auf die ältere Frau, welche Angelika bewogen, schweigend auszuharren, fingen an, ihre Frucht zu tragen. Ihr Zorn legte sich, denn es war etwas in den Reden der Herzogin, dessen Wahrheit sie nicht leugnen konnte. Sie stützte den Kopf in die Hand, man sah ihr an, dass ihre ehrliche Natur mit sich zu Rathe ging.
Vorlage S. 344
1206
Der Baron ist ein edler, ein großherziger, er ist noch ein schöner, ein liebenswerther Mann, nahm die Herzogin nach einer Weile wieder das Wort; aber freilich, er könnte Ihr Vater sein, und wie willig Sie sich ihm verbanden, Sie konnten ihn nicht lieben, wie die Jugend die Jugend liebt. Die Baronin fuhr leise zusammen. Sie konnten noch weniger für ihn die Nachsicht haben, welche wir Aelteren unsern Altersgenossen und der Jugend beweisen. Gewiss, liebe Angelika! sagte sie mit jener weichen Stimme, deren Klang, wenn sie es wollte, unwiderstehlich zum Herzen dringen konnte, Sie waren nicht gütig, nicht nachsichtig genug mit dem Baron. Sie sind auch jetzt nicht genug bemüht, ihm zu gefallen; denn wäre es möglich, dass ich die Freundschaft Ihres Gatten in solchem Grade besäße, theure Angelika, wenn Sie sich ihm so jung und liebenswürdig zeigten, als Sie sind? – Und die Hände der Baronin noch einmal in die ihren nehmend und sich mit besorgter Zärtlichkeit zu ihr neigend, sprach sie: Oder wäre es denn möglich, dass Sie Ihr Herz an einen Andern, an einen Mann ganz ohne Rang und Namen verlieren könnten, wenn Sie ....
Vorlage S. 344
1207
Aber sie konnte den Satz nicht vollenden. Um aller Heiligen willen, woher wissen Sie das? rief die Baronin, während sie unter hervorbrechenden Thränen ihr Antlitz mit ihren Händen verhüllte. Die Herzogin schloß sie in ihre Arme, ohne ihr zu antworten. Sie legte das Haupt der Weinenden an ihre Brust, und sie leise küssend, bat sie: Muth, Muth, mein theures Kind! Nur ein wenig Vertrauen, und es ist nichts geschehen!
Vorlage S. 345
1208
Angelika weinte still. Nach einer Weile richtete sie sich empor. Was soll ich tun? rief sie ....
Vorlage S. 345
1209
Die Herzogin antwortete ihr nicht, denn sie wünschte ihr keinen unwillkommenen Rath zu geben. Was wird er von mir denken? In welchem Lichte muss ich ihm erscheinen! hub die Baronin nach kurzem Schweigen wieder an.
Vorlage S. 345
1210
Sie war aufgestanden und ging nachsinnend in dem Gemache umher. Die Herzogin betrachtete sie mit einer Zufriedenheit, in die sich Mitleid und Erstaunen mischten. Aufgewachsen in einer Welt, in welcher man den Ehebruch so leicht nahm, als man sich der Gewalt der Leidenschaft überließ, glaubte sie aus dem Schmerze der Baronin auf deren thatsächliche Untreue gegen ihren Gatten und auf ein Verhältnis zu dem Architekten schließen zu dürfen, das schon lange bestanden haben musste. Aber Angelika verlor dadurch in ihren Augen nicht, sie gewann vielmehr erst eine rechte Bedeutung für sie, denn jetzt wurde die Herzogin der Baronin unentbehrlich, jetzt hatte die Herzogin sie auf dem Punkte, auf dem sie sie einst anzutreffen gehofft, auf den sie selbst die Arglose hingeleitet hatte.
Vorlage S. 345
1211
Plötzlich knieete die Baronin vor der älteren Freundin nieder, umschlang sie mit ihren Armen und bat mit gerührter Stimme: Helfen Sie mir, rathen Sie mir, Cousine! Was soll ich tun, mich aus diesem Wirrsal meines Herzens zu befreien?
Vorlage S. 345
1212
Sie sollen vertrauen, sprach die Herzogin, sie sanft an ihren Busen ziehend, einem Mutterherzen sollen Sie vertrauen, das Sie warnte, Sie in der ersten Stunde warnte, da die Gefahr an Sie herantrat, und das Sie verstand und Ihnen folgte, auch ohne dass Sie sprachen, theures Kind! Oder glauben Sie, ich hätte es nie erfahren, wie gegen unsern Willen unsere Gedanken zu dem geliebten Gegenstande hingezogen werden, den sie meiden wollen? Glauben Sie, ich hätte sie nie gekannt, die abmahnende Scheu, die wie ein trüber Morgennebel der hell aufflammenden Leidenschaft vorangeht? – O, mein theures Kind, auch mir ist es nicht erspart geblieben, das ernste Kämpfen, das lange Zagen und das Unterliegen des armen, gequälten Herzens! Und ich sollte Sie verkennen, Sie verdammen, Sie verlassen, theures, theures Kind?
Vorlage S. 346
1213
Sie umarmte Angelika aufs Neue. Mit feurig beredtem Worte sprach sie aus, was Angelika sich selber keusch verschwiegen, ja, was zu denken sie sich nie gestattet haben würde. Aber es waren selige Thränen, mit welchen sie endlich, von der Herzogin weit und weiter fortgerissen, derselben rückhaltlos bekannte, was sie sich in solcher Weise nie eingestanden hatte: dass sie Herbert liebe, schon lange liebe, dass sie für ihn fühle, was sie nie für den Baron gefühlt habe, und dass um den geliebten Mann zu leiden ihr noch eine Wonne, ein Genuss sei.
Vorlage S. 346
1214
Die Herzogin lächelte und tröstete wie ein Engel mild. Sie warnte und sprach ihr Muth ein, sie ermahnte zur Entsagung und gab Hoffnung auf Glück, wie Angelika's wechselnde Bewegung es begehrte. Volle Nachsicht mit ihrer Schwäche hätte die Gewissenhaftigkeit der Baronin misstrauisch gegen die Beratherin gemacht, volle Strenge sie zu ernstem Kampfe gedrängt oder ihr wohl gar den Mund verschlossen; und nicht um den Frieden, nur um das Vertrauen Angelika's und um die Herrschaft über sie und ihre Zukunft war es der Herzogin von Anfang an zu tun gewesen.
Vorlage S. 346
1215
Angelika fand sich von dem wechselnden Zuspruche ihrer einzigen Vertrauten wundersam beruhigt. Sie konnte endlich selbst die Frage aufwerfen, was sie tun solle.
Vorlage S. 347
1216
Wenden Sie sich offen an den Baron! rieth ihr die Herzogin, um sich den Schein der strengen Verlässlichkeit zu geben und um in einem Nothfalle sich vor dem Freiherrn dieses Rathschlages berühmen zu können. Wenden Sie sich an den Baron, bekennen Sie ihm ....
Vorlage S. 347
1217
Nein, nimmermehr! rief Angelika mit lebhafter Abwehr.
Vorlage S. 347
1218
Die Herzogin schien nachzusinnen. Wie Sie auch fühlen und empfinden mögen, theure Angelika, sprach sie dann nach längerem Schweigen, Sie werden mir einräumen müssen, dass Ihnen nichts übrig bleibt, als von dem Freiherrn die Entfernung Herbert's, die Entfernung des jungen Mannes zu begehren, der, von Ihrer Nachsicht dreist gemacht, die Achtung und Verehrung, welche er Ihnen, der Frau des Freiherrn von Arten, schuldet, so ganz und gar vergessen, der Sie hinreißen konnte ....
Vorlage S. 347
1219
Die Baronin ließ sie nicht vollenden. Sie ahnte den Kunstgriff, mit welchem die Herzogin ihr zu Hülfe zu kommen und Herbert anzuklagen wünschte, und wahrhaft und offen rief sie: Herbert ist nicht schuldig, nicht schuldiger, o, lange so schuldig nicht, als ich – denn er ist frei!
Vorlage S. 347
1220
Die Herzogin schloß die Augen. Ein Mann ist immer schuldig, wenn wir ihm uns und unsere Ueberzeugungen zum Opfer bringen! sprach sie. Aber gleichviel, der junge Mann muss fort!
Vorlage S. 347
1221
Ja, er muss fort! wiederholte Angelika mit leiser Stimme. Denn unglücklich über die Liebe, die mich fortriß, macht die Liebe, die ich einflöße, mich nicht glücklich, und das Bewusstsein, von der reinen Höhe hinabgestiegen zu sein, auf welche seine Liebe mich stellte, steigert meine Qual und meinen Schmerz. Aber wie kann ich seine Entfernung fordern, da ihn sein Beruf bei uns festhält, wie soll ich fordern, dass er vergesse, was ich nie vergessen kann?
Vorlage S. 347
1222
Thörichtes Kind, lächelte die Herzogin, wer muthet Ihnen denn ein so Unmögliches, ein so Gewaltsames zu? Wer verlangt denn, dass Sie aus Ihrem Herzen reißen, was Sie dort als schmerzliche oder als köstliche Erinnerung zu bergen wünschen? Sie sollen nur zu vergessen scheinen, was Sie vergessen zu machen wünschen!
Vorlage S. 348
1223
Angelika sah sie fragend an, sie verstand sie nicht. Die Herzogin musste sich deutlicher erklären. Wer will Sie daran erinnern, dass Ihre Liebe, Ihre Schwäche Sie einen kurzen Augenblick übermannten, wenn Sie sich daran nicht mehr zu erinnern scheinen? sprach sie. Aus Ihrer Nähe, von seinem Glauben an Ihre Liebe, nicht von seiner Arbeit muss der junge Mann entfernt werden. Ihm zu begegnen, dürfen Sie nicht einmal vermeiden. Sie müssen ihn wiedersehen, bald wiedersehen, aber im Beisein Ihres Gatten, mit freier Stirn, mit hellem Auge! – Und seien Sie sicher, er wird bald glauben, geträumt zu haben, was Sie ihn ohne sein Verdienst erleben ließen, während Ihr Schuldbewußtsein Sie hoffentlich künftig nachsichtiger und auch ein wenig gefälliger gegen den guten Freiherrn machen wird. Sind es zuletzt doch immer unsere Männer, denen die Schwächen und die Irrthümer unserer armen Herzen zu Gute kommen und die in unserer Demuth die Frucht unserer Reue genießen. Nur Muth, nur Zuversicht, mein liebes Kind!
Vorlage S. 348
1224
Aber der Zuspruch der Herzogin wirkte nur langsam auf Angelika. Sie wusste sich nicht zu entschließen, so viel Verwirrendes und Verführerisches auch in den Rathschlägen der Herzogin verborgen lag. Angelika hatte weder den Muth, sich ihrem Gatten anzuvertrauen, noch, wie sie es eine Weile vorgehabt, sich gegen Herbert auszusprechen und von ihm selber seine Entfernung zu verlangen. Sie kannte jetzt die Schwäche ihres Herzens, und vor dem Mittel, welches die Herzogin ihr an die Hand gab, schreckten ihre Liebe und ihr grader Sinn gleichmäßig zurück. Aber auch hier kam die Herzogin ihr zu Hülfe, indem sie ihr einen Ausweg zeigte, der annähernd zu dem Ziele führen konnte, das Angelika erstrebte, und der auch den wahren Absichten der Herzogin als der gelegenste erschien.
Vorlage S. 348
1225
Sprachen Sie nicht von einem Feste, welches Sie im Laufe der nächsten Wochen geben wollten, fragte sie, und für das Sie auch Monsieur Herbert's Zimmer zur Unterbringung Ihrer Gäste brauchen würden?
Vorlage S. 349
1226
Die Baronin schöpfte Atem.
Vorlage S. 349
1227
Mich dünkt, es war selbst in des jungen Mannes Beisein schon davon die Rede, dass er für eine Weile seine Zimmer würde räumen müssen, sagte die Herzogin, und in diesem Augenblicke fremde Menschen zu sehen, für Andere Aufmerksamkeit haben zu müssen, würde Sie von sich selber abziehen, theure Freundin, und Ihnen eine Zerstreuung von den Gedanken sein, mit denen Ihre schöne Gewissenhaftigkeit Sie peinigt!
Vorlage S. 349
1228
Ja, ja, das kann geschehen! rief die Baronin und warf sich ihrer Freundin an die Brust. O, Sie sind mein guter Engel, theure Margarethe!
Vorlage S. 349
1229
So lassen Sie mich für Sie wachen, meine theure Seele, antwortete ihr die Herzogin, und gehen Sie zur Ruh', denn es ist spät, und Ihre Wangen brennen! In so heftiger Erregung soll der Freiherr Sie nicht sehen! Gehen Sie zur Ruhe, ich will ihn darauf vorbereiten, dass wir diese Woche unser Fest begehen, ich werde unseren Ungetreuen hier erwarten! Ich wache für Sie Alle, für Sie Alle!
Vorlage S. 349
1230
Spät am Abende, als der Freiherr und der Marquis nach Hause kamen, fanden sie die Herzogin wider deren Gewohnheit noch im Gartensaale lesend. Der Marquis berichtete von ihrem Ausfluge, der Freiherr erkundigte sich, wie die Damen ihren Abend zugebracht hätten.
Vorlage S. 350
1231
Wie können Sie das fragen? scherzte die Herzogin. Natürlich in Unterhaltung über die Abwesenden; denn es ist nicht wahr, dass die Abwesenden immer Unrecht haben, da ja Abwesenheit allein die Sehnsucht erzeugt!
Vorlage S. 350
1232
Sie werden uns eitel machen, meine Freundin! entgegnete der Freiherr, welcher für jede Schmeichelei, wenn sie sich anmuthig in der Form bewies, empfänglich war.
Vorlage S. 350
1233
Eitel, meinte die Herzogin, Sie eitel machen, Cousin? Aber Sie sind es ja schon jetzt, Cousin! Waren Sie denn ganz allein von Hause fort? War nicht mein Bruder, war nicht Monsieur Herbert abwesend so gut wie Sie?
Vorlage S. 350
1234
Sie vermissten also den Marquis? fragte der Freiherr.
Vorlage S. 350
1235
Als ob man einen Bruder vermissen könnte, wenn er über Land geht! bedeutete die Herzogin.
Vorlage S. 350
1236
Also war es Monsieur Herbert, der Ihnen fehlte, dessen Abwesenheit Ihre Sehnsucht wach rief? scherzte der Freiherr.
Vorlage S. 350
1237
Aber, mein theurer Baron, neckte die Herzogin, ich war ja nicht allein zu Hause, oder glauben Sie, dass die Gedanken der Baronin, unwandelbar wie die Magnetnadel, nur an Ihnen hangen? Könnte nicht unsere liebe Angelika Jemand anders als Sie vermissen? Ist der Marquis nicht liebenswürdig? Versichern und beweisen Sie uns nicht alltäglich, dass Ihr Architekt ein geistreicher, ein schöner Mann sei? Wie wäre es, wenn wir Ihnen endlich Glauben schenkten, wenn wir, nur aus Unterwürfigkeit gegen Ihre bessere Einsicht, uns endlich überzeugen ließen?
Vorlage S. 350
1238
Der Freiherr küsste ihr die Hand. Sie sind aufgeräumt, sagte er, Sie haben sich also wohl unterhalten, und ich muss mir daher Ihren Scherz gefallen lassen! Doch kann ich von mir sagen, was ein junger deutscher Dichter in seinem schönen Trauerspiele den König Philipp von Spanien sagen lässt: Wo ich zu fürchten angefangen, hab' ich zu fürchten aufgehört! – Beruhigen Sie sich also, meine schöne Freundin – zur Eifersucht bin ich nicht gemacht, sie ist die Leidenschaft der niedern Stände, der Menschen ohne Selbstgefühl, sie ist unter unserer Würde!
Vorlage S. 351
1239
Und doch hatten die neckenden Aeußerungen der Herzogin ihn verletzt, und doch tadelte er sich innerlich zum ersten Male darüber, dass er den Architekten so viel und so ungehindert mit Angelika verkehren lasse, denn Herbert war in der That ein schöner Mann, und der Freiherr kannte die Beweglichkeit des Frauenherzens!
Vorlage S. 351
1240
Siebentes Capitel
Vorlage S. 352
1241
Herbert hatte seinen Vorsatz, graden Weges nach dem Amthause zu gehen, nicht ausgeführt. Er war, von dem schönen Tage verlockt, eine tüchtige Strecke in der Gegend umhergerannt, und die Sonne stand beinahe schon im Mittag, als er nach dem Amthofe kam.
Vorlage S. 352
1242
Dort war der Feiertag schon von Weitem zu erkennen. Die Arbeitswagen, die Eggen und Pflüge standen wohlgeordnet vor den großen Scheunen, ein paar Stadtkinder kletterten auf den Deichseln herum und genossen die Feiertagsfreiheit. Der Hof war sauber gekehrt wie eine Tenne. Langsam zogen im Teiche die Enten umher, während am grasigen Ufer der glänzend gefiederte Hahn unter seinen Hühnern umherstolzirte und selbst eifrig die Körner aufpickte, welche heute die Hand der fremden Kinder und Mädchen dem Federvieh verschwenderisch gestreut hatte.
Vorlage S. 352
1243
Unten vor der Thüre saßen trotz der frühen Stunde die Männer schon beim Tarockspiel. Es waren städtische Freunde des verstorbenen Amtmanns und daneben der Herr Oberförster und der Herr Pfarrer von Neudorf, welcher nach der Kirche zum Essen mit hinübergekommen war, weil am Nachmittage sein Neffe aus der Stadt für ihn die Predigt hielt. Sie achteten auf Herbert's Ankunft nicht. War doch so viel junges Volk über den Hof und durch das Haus gegangen, seit sie hier die Erntefeste feiern halfen! War es doch auch allmählich älter geworden, hatte seine Kinder hergeschickt und war zum Theil gestorben! Das kam und ging, und ging und kam! Wer konnte die Menschen alle kennen?
Vorlage S. 352
1244
Aber die große zinnerne Kanne, in der das Bier frisch vom Fasse auf den Tisch kam, und den zinnernen Leuchter und den Fidibus-Becher von Zinn, die neben dem Tabackskasten standen, die kannten die Männer, wie sie einander kannten; die waren mit ihnen alt geworden und hatten sich nicht verändert.
Vorlage S. 353
1245
Es ist auch immer noch das gute, alte Bier und der gute, gelbe Knaster, bemerkte einer der Städter; der Adam hält auf seines Vaters Art!
Vorlage S. 353
1246
Ei, warum sollte er denn nicht? meinte der Förster. Er ist in der Welt herumgewesen, weiß zu leben und ist wohl auf! Er ist der Mann für den Platz!
Vorlage S. 353
1247
Der Pfarrer, welcher immer erst bedächtig den Dampf aus der holländischen Kalkpfeife blies, ehe er vor einer so gemischten Gesellschaft eine Meinung abgab, nickte dem Oberförster beistimmend zu. Ja, sprach er, ja, Herr Oberförster, sie sind gut eingeschlagen, alle beide, unseres werthen seligen Amtmanns Kinder! Selbst meine Frau, die das nicht von einer Jeden sagt, weil sie es genau mit solchen Dingen nimmt, nennt die Eva eine Wirthin, welche es mit mancher älteren aufnehmen könne, und was man hier davon im Hause sieht und was gelegentlich von hier zum Pfarrhofe kommt, das lässt nichts zu wünschen, gar nichts zu wünschen übrig! Wir halten viel auf sie, ich und meine Frau; und auch mein Sohn hält in der Stadt, und trotz seiner Studien, die alten Spielgenossen werth! Wollte nur unser Herrgott, es wäre auch sonst hier Alles noch so bei dem guten Alten geblieben!
Vorlage S. 353
1248
Er seufzte, der Oberförster schien ihn zu verstehen, aber sie mochten vor den Fremden mit der Sprache nicht weiter heraus, und hätten sie es auch gewollt, sie hätten ihre eigenen Worte kaum noch vernehmen und verstehen können vor dem Lärmen um sie her.
Vorlage S. 353
1249
Denn kaum war man oben in der Giebelstube, wo Eva's Gäste, die jungen Mädchen, wohnten, des Architekten ansichtig geworden, so war auf Eva's Anschlag auch schon ein Plan gefasst. Auf den Fußspitzen liefen sie die Treppe hinunter, damit man das Klappen der Stelzchen nicht höre, zur Hinterthüre schlichen sie hinaus ins Freie und durch das große Hofthor kamen sie wieder herein, und ehe sich Herbert dessen versah, waren sie an seiner Seite und hatten mit ihren losgelösten bunten Bändern ihn umschlungen, und wenn er den einen Arm frei machte, sich der Einen zu erwehren, so umwand die Andere ihm den anderen Arm, und eine Dritte versuchte ihm das Band um die Augen zu winden, und ihn haschend und sich befreiend, und sich wehrend und ihn verfolgend, und lachend und schäkernd rannten sie rechts und links um den Teich und über den ganzen Hof, dass die Enten, welche sich aus dem Teiche herausgemacht hatten, sich überstürzend in das Wasser flüchteten, die Tauben sich mit klatschendem Fluge in die Höhe schwangen, die Hühner mit gespreizten Flügeln das Weite suchten und die Hunde aus allen Ecken und Enden bellend dazwischen fuhren.
Vorlage S. 354
1250
Gefangen, gebunden! rief es hier und dort, um ihn dafür zu strafen, dass er nicht schon gestern gekommen war, als man den letzten Wagen in die Scheune gefahren hatte. Es war ein Lärmen und ein Lachen, ein Laufen und ein Jubeln! Und die helle Sonne funkelte auf all den blühenden Gesichtern und brannte auf die entblößten Arme und Nacken und auf die lockigen Scheitel der fröhlichen Mädchen. Gefangen, gebunden, bestraft! schallte es immer wieder, bis Adam mit seinen Freunden herbeikam, die Partei für Herbert nahmen, bis die hübschen Kinder, athemlos, sich der Verfolgung der Männer nicht mehr entziehen konnten und Herbert, nun er es nicht mehr mit Allen auf einmal zu tun hatte, Eva's, als der Anführerin, habhaft wurde.
Vorlage S. 354
1251
Gefangen, gebunden! rief jetzt auch er, und umschlang sie trotz ihres Sträubens und hielt sie fest und küsste sie nach Herzenslust auf die heißen, rothen Lippen. Das wirkte ansteckend, die Andern thaten es ihm bei den eingefangenen Mädchen nach, und sich von Herbert losmachend, rief Eva: Nun haben wir den Mosje zur Ernte doch wenigstens nachträglich gebunden, nun kommt er auch nicht fort, so lange ihr Alle bei uns seid!
Vorlage S. 355
1252
Aber wer sagt denn, dass ich gehen will? Ich kam ja, um zu bleiben, Sie Gewaltthätige! versicherte Herbert, indem er sie auf's Neue in seine Arme zu schließen suchte, und es wollte ihn dünken, als widerstrebe sie ihm nicht sehr. Herbert war recht von Herzen vergnügt. Selbst die Männer am Tarocktische, wie sie auch schmählten, dass man sie aus ihrer Ruhe aufgeschreckt habe, sahen nicht böse drein. Es glitt ein helles Licht durch ihre alten Augen und es zuckte ihnen lächelnd um die Lippen. Sie hatten wohl auch an manche fröhliche Stunde zu denken, die ihnen nicht wiederkehren konnte und die Jenen noch zu kommen hatte.
Vorlage S. 355
1253
Der Amtmann und Eva waren die Seele von Allem, genügten Allem, waren jung mit den Jungen und alt mit den Alten. Das ging den ganzen Tag so fort.
Vorlage S. 355
1254
Wenn ich nur wüsste, meinte Herbert am Abende, warum ich nicht alle Tage hergekommen bin?
Vorlage S. 355
1255
Das will ich Ihnen sagen, entgegnete Eva und flüsterte ihm etwas in das Ohr. Er wollte nicht wahr haben, was sie sagte, aber die Mädchen behaupteten, er sei roth geworden und er möge sich in Acht nehmen; sie wüssten, um was es sich handle, es sei nicht geheuer in den Schlössern.
Vorlage S. 355
1256
Freilich, freilich, bekräftigte Eva, es steckt noch immer etwas von der alten Burg darin!
Vorlage S. 355
1257
Die Andern fragten, was das heiße. O, rief sie, ihr wisst's ja! Da oben sind vor jenen Jahren die Herren von Arten Raubritter gewesen, und nun ist's damit wie in der verkehrten Welt! Sonst raubten die Ritter den andern Leuten ihre Frauen, jetzt halten die vornehmen Damen die Männer gefangen!
Vorlage S. 356
1258
Man lachte über den Einfall; sie neckten Eva, und einer der jungen Leute meinte: Sorgen Sie nicht, Mamsell Eva! Monsieur Herbert sieht nicht aus wie einer, der so leicht zu fangen wäre!
Vorlage S. 356
1259
Wer denkt denn jetzt an Mosje Herbert? warf sie schnippisch und doch verlegen hin.
Vorlage S. 356
1260
Ich bin geduldig und werde warten, sagte er, sich mit scherzender Demuth vor ihr neigend.
Vorlage S. 356
1261
Sie that, als höre sie seine Worte gar nicht mehr, und sie hatte ja auch alle Hände voll zu tun. Das blankste Leinen, die besten Teller, selbst das Silberzeug musste heute und in den folgenden Tagen auf den Tisch. Alles sollte reichlich, Alles vollauf und Jedem sollte es wohl sein in dem Hause, da man so liebe Gäste und des Jahres Erntesegen nun auch wieder ein mal in den Scheunen hatte.
Vorlage S. 356
1262
Vom heutigen Danktage in der Kirche war freilich im Amthofe nicht viel zu merken. Aber der Pfarrer selber drückte ein Auge zu. Er hatte seine Absichten mit Eva, und sie gefiel ihm, wenn sie sich in Haus und Küche also regte und bewegte. Auch Herbert fand sie immer reizender in ihrer fröhlichen Geschäftigkeit. Er bot ihr seine Dienste an, sie wusste dieselben zu nutzen und, des Befehlens wohl gewohnt, ihn immer neben sich fest und immer in so guter Laune zu erhalten, dass er gar nichts sah und gar nichts denken konnte, als nur sie den lieben, langen Tag. Ihm war das aber recht und lieb, er verlangte es gar nicht besser.
Vorlage S. 356
1263
Nur Abends, als er allein war, in der nächtlichen Stille, da kehrte es wieder, wundersam!
Vorlage S. 357
1264
Da sah er sie plötzlich vor sich, die schöne, hehre Gestalt, da sah er es wieder, das sanft bethränte Antlitz, und es zog ihn fort, es rief ihn von dannen, dass er nicht wusste, wie er hier verweilen könne, wie es ihm möglich gewesen sei, von dem Orte zu scheiden, an dem er ihr begegnen, sie sehen, ihr nahen konnte; wie es ihm möglich gewesen sei, ungleich und gering von ihr zu denken, von ihr!
Vorlage S. 357
1265
Die Aufregung, in welche Eva's Reize und ihre natürliche Gefallsucht ihn versetzten, ließ ihn nur mit gesteigertem Verlangen an die Baronin denken, und die Feindin der Wahrheit, die Entfernung, verwirrte seine Phantasie, bis die Bilder der beiden Frauenzimmer, wie unähnlich sie einander auch waren, sich zu mischen und Einzelheiten von einander zu entlehnen begannen, dass er Mühe hatte, es aus einander zu halten, was er mit der Einen, was er mit der Andern erlebt, was er der Einen, was er der Andern von seinen Eindrücken und Empfindungen verdankte und zollte. Aber alles Gute, alles Schöne wendete sich immer auf Angelika's Seite, und wie er sie in seinem Herzen angeschuldigt hatte, so fühlte er sich jetzt wieder schuldig gegen sie, je länger, je mehr.
Vorlage S. 357
1266
Als sich ihm der zweite Tag in Rothenfeld zu Ende neigte und das junge Volk, welches in der nächsten Frühe das Amthaus verlassen und in die Stadt zurückkehren sollte, in seiner Fröhlichkeit nur immer weiter ging, als müsse nun in den letzten Stunden noch der Freude ihre Krone aufgesetzt werden, als man bei der Abendtafel, trotz des warmen Wetters, die Punschterrine auftrug und Eva mit lachenden Augen und mit ihren flinken Händen die Gläser immer auf's Neue füllte, bis die Alten ihre Trinklieder anstimmten und Chorus mit den Jungen sangen, und selbst die Pfarrerin und der Pfarrer die Polonaise, welche man in Vorschlag brachte, mittanzten durch die Stuben und den Flur bis in den Garten hinaus, wo der Amtmann endlich auf dem grünen Platze vor dem Hause die Cousine im Schleifer zu drehen begann – da bemächtigte sich Herbert's eine große Traurigkeit. Er konnte sich nicht helfen, er wusste sich nicht zu finden, nicht zu rathen.
Vorlage S. 357
1267
Er hielt Eva im Arme und tanzte mit ihr, die ihm mit ehrlicher Zuversicht in das Auge blickte, und er sagte sich: Wie schlecht bin ich, dieses liebe Geschöpf nur als Zeitvertreib zu brauchen! Wie schlecht war es von mir, dass ich hieher ging, dass ich mich von ihr, von jener schönen, edlen Frau entfernte, die nicht so glücklich, ach, lange nicht so glücklich ist, als diese guten Menschen hier!
Vorlage S. 358
Max Liebermann – Garten des Waisenhauses in Amsterdam. Vergleichsbild zu Garten, Alltag und Gemeinschaft; keine Buchillustration.
Kontextbild zum Werk. Garten eines Amsterdamer Waisenhauses · Max Liebermann · Public domain Bildquelle ↗
1268
Er fühlte eine wahre Sehnsucht, wieder in Richten zu sein. Was mochte die Baronin von ihm denken, dass er sie mied, da sie sich ihm zugeneigt hatte? Was sollte er ihr sagen, wenn sie ihn deßhalb befragte? Wie es tragen, wenn sie ihm zürnte?
Vorlage S. 358
1269
Seine Vorstellungen wechselten schnell, seine Zerstreutheit fiel zuletzt seiner Tänzerin auf, und es ging ihr wie Jedem, der von einem Gedanken vollständig beherrscht ist: sie setzte denselben auch bei dem Andern voraus.
Vorlage S. 358
1270
Sehen Sie doch nicht traurig aus, rief sie plötzlich und arglos, wir bleiben ja hier beisammen, Sie reisen ja nicht wie die Andern fort!
Vorlage S. 358
1271
Er hätte sich darüber freuen mögen, aber er konnte es nicht. Er besorgte, weiter gegangen zu sein, als er sich dessen bewusst war, Wünsche und Hoffnungen erregt zu haben, die er in diesem Augenblicke durchaus nicht theilte. Seine Ehrenhaftigkeit schreckte davor zurück. Er sagte, dass ja auch seines Bleibens hier nicht sei und dass auch er nicht eben lange mehr in dieser Gegend verweilen werde.
Vorlage S. 358
1272
Um so besser, meinte sie, so hat man sich auf das Wiedersehen zu freuen, denn Sie kommen ja doch wieder!
Vorlage S. 359
1273
Ihre Heiterkeit hielt ihm das Spiegelbild dessen vor, was er noch vor wenig Tagen selbst gewesen war. So gesund, so frisch, so zuversichtlich hatte er in die Ferne geblickt; jetzt konnte er sich nicht klar machen, was er fühlte, was er wünschte und was der nächste Tag ihm bringen würde. Er wusste kaum noch, weßhalb er von Richten fort, weßhalb er hieher gegangen sei. Es war Alles verwirrt in ihm.
Vorlage S. 359
1274
Er schlief schlecht in der Nacht, und als er sich mit der Sonne erhob, rief er ein Gottlob! als stehe er am Ende einer Trübsal und vor der Thüre eines Glückes, und doch war und blieb er unruhig und gequält wie nie zuvor.
Vorlage S. 359
1275
Die andern Gäste brachen ebenfalls in der Frühe auf; sie wollten teils vor der Mittagshitze, teils vor Abend in ihrer Heimath sein. Ihn nöthigten die beiden Geschwister noch zum Verweilen. Der Amtmann sagte, er müsse gegen zehn Uhr nach dem Schlosse und sie könnten mitsammen hinaufreiten. Es sei Zeit genug, da der Baron nicht früh aufstehe und vor dem Frühstücke niemals ein Geschäft abmache. Aber Herbert war nicht zu halten, und als Eva ihm dies übel nahm und mit ihm schmollte und ihn kalt entließ, war ihm das lieber als die Zuversicht, mit welcher sie sich gestern an ihn gewendet hatte.
Vorlage S. 359
1276
Achtes Capitel
Vorlage S. 360
1277
Es war noch Alles still, da er nach Richten kam. Er ging die große Mittelallee hinauf, die durch den ganzen Park führte, und bog erst in einen Seitenweg ab, als er meinte, vom Schlosse aus gesehen werden zu können. Er hätte gern vergessen machen mögen, dass er fort gewesen sei, weil er selbst die Ursache seines Fortgehens zu vergessen wünschte. Wie er nun durch die sauber gehaltenen Wege wandelte, durch deren blühende Büsche die Sonnenstrahlen ihre schmalen, goldenen Lichtstreifen warfen, kam ihm die Stille, kam ihm die Einsamkeit so wonnig entgegen. Noch hatte er den Kopf voll von den Menuetten, den Anglaisen und den Schleifern, welche die Mädchen gestern wohl oder übel auf dem Spinett gespielt und nach denen er sich mit ihnen im Kreise herumgedreht hatte. Er freute sich, dass die Baronin dies nicht gesehen hatte, und er schämte sich dessen sogar. Es erschien ihm hier in Richten noch viel unbegreiflicher, dass er gestern tanzen – sich mit Anderen hatte vergnügen können, während Angelika's Bild in seinem Herzen wohnte und während sie – es konnte gar nicht anders sein – an ihn gedachte, dem sie ihren Schmerz gezeigt, auf dessen Theilnahme sie vielleicht ihre Hoffnung, ihren Trost gebaut, mit dem sie selbst sich durch die Worte: Dort oben dürfen wir keine Capelle bauen! zu einem innigen Geheimnisse verbunden hatte.
Vorlage S. 360
1278
Wie war es zugegangen, dass er dies Alles vergessen, wie hatte die natürliche Zurückhaltung einer reinen, schönen Seele, wie hatten die dreisten Aeußerungen des Amtmannes, der in seiner Derbheit die Worte niemals ängstlich abwog, ihn irre machen können an seinem eigenen Empfinden und irre machen können selbst an ihr, der hehrsten Frauengestalt, die ihm noch je begegnet, der er je genaht war? –
Vorlage S. 360
1279
So trat er in das Schloß und in sein Zimmer. Die Dienerschaft empfing ihn wie Einen, der hier heimisch war. Herbert erkundigte sich, ob die Herrschaft etwa nach ihm gefragt habe. Man verneinte es, und er gab die Weisung, dem Herrn Baron zu sagen, dass er zurückgekehrt wäre und seine Befehle erwarte.
Vorlage S. 361
1280
Das Zimmer, welches die Baronin bewohnte, lag über dem seinen. Er hörte oben die Fenster öffnen, die Sommerladen schließen, die Tische rücken. Er dachte, ob sie schon wach sein möge, und auf jedes leise Geräusch achtend, fühlte er sich ihr nahe und durch diese Nähe weich gestimmt. Sich zu beruhigen, setzte er sich vor dem Tische nieder, auf welchem seine Zeichnungen und Plane ausgebreitet lagen, denn für Angelika und ihre Absichten arbeiten, hieß ja auch bei ihr sein; und eben hatte er sich gelobt, dass nichts ihn so leicht wieder von ihr und ihrem Dienste abwendig machen solle, als einer der Diener ihn ersuchen kam, sich in das Frühstückszimmer hinauf zu bemühen, da die Herrschaft ihn zu sprechen wünsche.
Vorlage S. 361
1281
Herbert war nicht sicher, wer ihn hatte rufen lassen, und mochte doch nicht danach fragen. Bewegt stieg er die Treppe hinauf; er wünschte und hoffte, die Baronin vielleicht allein zu treffen, aber nicht sie, sondern der Freiherr war es, der ihn erwartete.
Vorlage S. 361
1282
Er hieß ihn willkommen, fragte, ob er sich gehörig in der Gegend umgesehen habe, und ließ ihm dann, obschon er ihm mit gewohnter Güte begegnete, doch nicht zur Antwort Zeit, sondern ging gleich zu der Angelegenheit über, wegen welcher er ihn hatte kommen lassen.
Vorlage S. 361
1283
Mit unserem Capellenbau ist es nichts, mein lieber Herbert, sagte er heiter, als habe er gar niemals irgend einen Werth auf diesen Plan gelegt und nicht von dem Architekten bereits die eingehendsten und ausführlichsten Arbeiten dafür beansprucht. Die Baronin will davon nichts hören, und da guter Rath über Nacht kommt, so habe ich den Gedanken selber aufgegeben, ohne deßhalb auf eine Verzierung der Höhe zu verzichten, die Sie mir provisorisch vielleicht noch in diesem Herbste zu Stande bringen müssen. Ich denke da oben nämlich einen Pavillon zu errichten.
Vorlage S. 362
1284
Einen Pavillon? fragte Herbert überrascht.
Vorlage S. 362
1285
Ja, mein Lieber, einen Pavillon, etwa in Tempelform, der eine schöne Aussicht bietet. Man könnte ihn der Flora, der Pomona, der Freundschaft weihen – das findet sich! Entwerfen Sie mir einmal eine Zeichnung dazu. Sie können die Sache so viel als möglich Ihren früheren Absichten annähern, um die Harmonie mit dem Style der Kirche aufrecht zu erhalten, die wir herzustellen wünschten; nur muss das Ganze natürlich auf den bestmöglichen Effect berechnet werden.
Vorlage S. 362
1286
Herbert wagte es nicht, die Frage zu tun, welche ihm in diesem Augenblicke vor allem Anderen am Herzen lag, die Frage, ob es Angelika gewesen sei, welche den Vorschlag zu dem Pavillonbau getan hatte. Er glaubte, nur sie allein könne seinem eigenen Gedanken in solcher Uebereinstimmung begegnet sein, und während sie so gleich mit ihm gefühlt, während sie darauf gesonnen hatte, ihn in so schöner und lieber Weise neben sich zu beschäftigen, hatte er sie gemieden, sie in seinem Herzen angeklagt und verdammt!
Vorlage S. 362
1287
Beschämt und gerührt wollte Herbert fragen, ob die Frau Baronin mit der neuen Anordnung einverstanden sei, als sie selber mit der Herzogin in das Zimmer eintrat.
Vorlage S. 362
1288
Der Freiherr ging den Frauen ein paar Schritte entgegen, aber Angelika, welche sonst sehr gemessen in ihrer ganzen Haltung war, eilte auf ihren Gatten zu und umarmte und küsste ihn. Dann begrüßte sie Herbert mit dem heiteren Vorwurf, dass er so plötzlich fortgegangen sei und sie und seine Arbeit im Stiche gelassen habe, um im Amthause eine ihm zusagendere und angenehmere Geselligkeit aufzusuchen. Das war Alles völlig gegen ihre sonstige Art.
Vorlage S. 362
1289
Herbert hatte das Bedürfnis gefühlt, sobald als möglich der Baronin zu gestehen, wie tolle Ungeduld und sträflicher Zweifel an ihr ihn aus ihrer ersehnten Nähe fortgetrieben hätten, wie er bereuend wiedergekehrt sei, und nun sollte er sich scherzend wegen einer kleinen Formlosigkeit entschuldigen, welche man ihm leichter verzieh, als er es wünschen konnte! Er stand vor der Baronin wie vor einem unheimlichen Räthsel. Er kannte diese Miene, diese Stimme, und kannte sie auch nicht. Es war Angelika und sie war es doch auch nicht. Dass sie ihn täuschte, eine Rolle spielte, das war seine ganze Hoffnung. Aber weßhalb that sie das? Woher ihre Heiterkeit, woher ihre auffallende Zärtlichkeit gegen ihren Gatten? Zürnte sie Herbert? Wollte sie ihn strafen, weil er ihr durch seine Entfernung wehe getan, so musste er das tragen, ja, er hatte sich dessen zu freuen! Wie jedoch vermochte sie es, seiner zu spotten in Gegenwart des Mannes, an dessen Seite sie nicht glücklich war, wie konnte sie es vergessen, dass sie in Herbert's Armen über diesen Mann geweint?
Vorlage S. 363
1290
Ihre Worte, ihr Ton schnitten ihm in das Herz und beleidigten ihn um so tiefer, je weniger er sich in der Lage befand, eine Erklärung ihres veränderten Betragens zu begehren. Ihr Scherzen zu erwidern, war gegen sein Gefühl, und sich mit raschem Entschlusse auf den Boden zurückziehend, auf welchem er sich mit Sicherheit behaupten konnte, sagte er, sich zur Ruhe zwingend: Ich glaubte, hier nicht vermisst zu werden, ehe die Herrschaften sich völlig über ihre Wünsche entschieden hatten und ....
Vorlage S. 363
1291
Angelika ließ ihn aber, grade wie der Freiherr, nach Art der Vornehmen, wenn sie ihren Willen durchsetzen wollen, seine Antwort gar nicht erst vollenden. So haben Sie also schon gehört, dass ich unnachgiebig auf meinem Sinn beharre? fiel sie ein.
Vorlage S. 364
1292
Herbert verneigte sich. Sie sprachen es mir ja neulich, als ich die Ehre hatte, Sie, gnädige Frau, nach der Birkenhöhe hinauf zu führen, bereits aus, dass da oben keine Capelle erbaut werden dürfe! antwortete er, während sein Blick auf ihr mit so ernstem Ausdrucke ruhte, dass sie ihr Auge verwirrt zu Boden senkte vor der Erinnerung, welche er ihr damit wachrief, und Ihre Absicht, statt der Capelle einen ....
Vorlage S. 364
1293
Aber er konnte den Satz abermals nicht vollenden, denn der Baron gab ihm lebhaft und heimlich ein Zeichen, zu schweigen, und er bemerkte an den Mienen Angelika's, dass sie nicht wusste, weßhalb man ihm Schweigen auferlegte. Sie also hatte den Vorschlag zu dem Tempelbau nicht gemacht! Seine Hoffnung hatte ihn getäuscht! Wie aber war der Freiherr denn auf den Bau dieses Freundschafts-Tempels gekommen?
Vorlage S. 364
1294
Es entstand eine Pause, und die Herzogin, welche bis dahin sich gar nicht in die Unterhaltung gemischt hatte, kam Allen zu Hülfe, indem sie plötzlich von dem Feste zu reden anhub, das zu veranstalten man in den letzten Tagen beschlossen habe und für welches man sich vielfach auf die Hülfe des Baumeisters angewiesen hielt.
Vorlage S. 364
1295
Herbert hatte bisher davon kein Wort vernommen, der Plan musste also vermuthlich eben so wie der neue Bauplan in den beiden letzten Tagen entstanden sein, und die Verhältnisse wurden ihm immer unbegreiflicher. Man sprach von den verschiedenen Vorkehrungen für das Fest; der Marquis, welcher inzwischen auch dazu gekommen war, erkundigte sich bei Herbert um Costume und Decorationen, man sagte zuversichtlich: Herbert werde dieses schaffen, jenes tun, ein Drittes besorgen müssen, und Niemand fragte ihn, ob er geneigt sei, die Dienste zu leisten, welche man von ihm begehrte. Selbst Angelika bestimmte anscheinend ohne alles Bedenken über ihn, und wie sie bei der ganzen Begegnung auch empfinden mochte, die Gewohnheit der Vornehmen, über jede Kraft zu verfügen, die sich ihnen nicht gradezu entzieht, und der Glaube, dass sie eine Gunst gewähren, wenn sie Dienste für sich fordern, lagen auch ihr im Blute.
Vorlage S. 364
1296
Aber Herbert war nicht der Mann, seine Kraft wider seinen Willen verbrauchen zu lassen, noch eine solche Rücksichtslosigkeit geduldig hinzunehmen. Man schien offenbar geneigt, ihm plötzlich die Stellung zu bestreiten, welche man ihm bisher eingeräumt hatte und welche zu behaupten er eben deßhalb als sein Recht ansah. Man stellte an ihn bestimmte Forderungen für ein Unternehmen, über das man mit sich selbst noch nicht im Klaren war. Die Baronin sprach von Gästen, welche man laden wolle. Es war die Rede davon, dass man für den betreffenden Fall das ganze linke Erdgeschoß zum Unterbringen der Fremden brauchen würde; aber eben in dieser linken Seite des Erdgeschosses wohnte Herbert, und mit einem Male tauchte der Gedanke in ihm auf, dass die Baronin es bereue, sich ihm auch nur einen Moment mit ihrem Herzen zugeneigt zu haben, und dass sie ihn aus ihrer Nähe zu entfernen wünsche. Das wies ihn vollends auf sich selbst zurück.
Vorlage S. 365
1297
Ich fürchte, dass ich mich nicht in der Lage befinden werde, sagte er höflich, aber fest, den Herrschaften, wie sie es wünschen, meine Dienste widmen zu können.
Vorlage S. 365
1298
Wie, rief die Baronin, die über ihre sonstige formelle Weise hinausgetrieben wurde, da sie eine Freiheit und Heiterkeit zur Schau zu tragen hatte, die sie zu fühlen weit entfernt war – wie, mein Herr, Sie wollen sich unserem Dienste entziehen, da wir gerade jetzt uns zu einem künstlerischen Unternehmen rüsten?
Vorlage S. 365
1299
Ich habe hier immer länger verweilt, entgegnete er, von dem Tone ihrer Stimme wie von ihrem Blicke wieder schnell beherrscht, als ich es im Grunde vor meinen anderen Unternehmungen verantworten konnte, und ich ....
Vorlage S. 366
1300
Und Sie bedauern das, wie es scheint, und wollen sich in Zukunft davor wahren, das ist in der Ordnung! sprach Angelika, während sie die schönen Lippen spöttisch aufwarf.
Vorlage S. 366
1301
Dem Freiherrn, welcher seine Gattin mit Befremdung beobachtete, schien ihr Verhalten zu missfallen, denn er sagte mit entschiedener Kälte: Du darfst nicht vergessen, Beste, dass unser junger Freund nicht zu seiner oder unserer Unterhaltung, sondern des Baues wegen hergekommen ist!
Vorlage S. 366
1302
Das traf Herbert wie ein Schlag, obschon es wie eine Rechtfertigung für ihn gesprochen worden war, und sich verneigend, sagte er: Daran dachte ich eben, Herr Baron, und ich wollte mir um deßhalb die Erlaubnis erbitten, nach Rothenfeld hinüberzuziehen, um an Ort und Stelle die Arbeit zu überwachen, so lange ich hier verweile und so oft ich in die Gegend wiederkehre.
Vorlage S. 366
1303
Das Herz schlug ihm, als er so sprach, und wider seinen Willen hegte er doch im Innersten die heimliche Hoffnung, dass man ihn nicht gehen lassen werde. Er sah, dass Angelika die Farbe wechselte, aber weit entfernt, ihn für die Kränkung zu entschädigen, welche ihre herausfordernde Weise ihm von dem Freiherrn zugezogen hatte, sagte sie: Ja, freilich, Ihr Beruf und Ihre Arbeit gehen vor, denn es haben ja Andere an Sie die gleichen Ansprüche wie wir! – Sie gab damit ihre Zustimmung zu seinem Scheiden ebenfalls zu erkennen und erinnerte ihn, wie er glaubte, ebenfalls daran, in welchem Verhältnisse er sich neben ihr befinde. Herbert, der dies nie vergessen hatte, der sich bewusst war, eine solche Erinnerung nicht zu verdienen, empfand sie schwer und sich zusammenfassend, sagte er mit möglichster Ruhe: So gestatten Sie, gnädigste Frau, dass ich diese Bemerkung als das Zeichen meiner Beurlaubung betrachte und mich jetzt gleich nach Rothenfeld begebe!
Vorlage S. 366
1304
Sie entgegnete ihm nichts; nur der Baron sagte leichthin, aber mit gewohnter Freundlichkeit, während er schon der Herzogin den Arm bot und der Marquis sich der Baronin näherte, um sie zum Frühstücke zu führen: Machen Sie das, lieber Herbert, wie Sie wollen, ganz wie Sie wollen, Lieber! – aber er forderte ihn nicht wie sonst auf, ihnen wenigstens jetzt noch zum Frühstücke zu folgen, sondern schritt ohne Weiteres dem kleinen Speisezimmer zu. Alles Blut strömte Herbert nach dem Herzen zurück. Er verbeugte sich und verließ bleich vor Zorn und unterdrückter Bewegung das Gemach.
Vorlage S. 367
1305
Gehen Sie nicht fort, ehe ich Sie nicht noch über die bewußte Angelegenheit gesprochen habe, lieber Herbert! hörte er den Freiherrn ihm nachrufen; aber er beachtete es nicht, obschon er die Worte vernahm.
Vorlage S. 367
1306
Draußen im Vorsaale begegnete ihm der Caplan, welcher sich zum Frühstück begab. Was ist geschehen? fragte dieser, als er die Verstörung des jungen Mannes sah.
Vorlage S. 367
1307
Ich habe eine Lehre erhalten, die mir nötig war! gab Herbert ihm zur Antwort.
Vorlage S. 367
1308
Der Caplan wollte ihn so nicht gehen lassen, wollte ihn zum Sprechen bringen: Herbert wies ihn zurück. Ein Diener kam nach dem Caplan sehen, den man beim Frühstück vermisste.
Vorlage S. 367
1309
Gehen Sie, gehen Sie, Hochwürden, rief Herbert, Sie müssen ja gehorchen! Ich aber bin noch frei und, bei Gott, ich denke es auch zu bleiben!
Vorlage S. 367
1310
Neuntes Capitel
Vorlage S. 368
1311
In einer Stunde war sein Gepäck gemacht, eine halbe Stunde später war er auf dem Wege nach Rothenfeld. Als er dort ankam, war der Amtmann im Felde; Eva empfing ihn mit heller Freude. Er gab die nötige Auskunft über den äußeren Anlass seiner Wiederkehr und bat um Nachsicht, wenn er ihr freundliches Willkommen nicht, wie er müsse, anerkenne.
Vorlage S. 368
1312
Sie blickte ihn an, wurde plötzlich ernsthaft und sagte, indem sie ihm die Hände reichte: Mosje Herbert, Ihnen ist ein Unglück geschehen. Vertrauen Sie es mir, denn ich werde keine Ruhe haben, ehe ich es weiß!
Vorlage S. 368
1313
Er sagte, er habe nur etwas Sammlung nötig, um einen Brief zu schreiben, und wenn er das getan, so werde er wieder munter sein.
Vorlage S. 368
1314
Sie drang darauf nicht weiter in ihn und führte ihn in das Zimmer, welches er während der beiden letzten Tage inne gehabt hatte. Mit leiser, eilender Hand zog sie die Vorhänge auf und rückte die Möbel zurecht, wie er es brauchte. Sie war so natürlich in dieser Dienstbarkeit, dass er dieselbe wie ein Selbstverständliches ohne Danken hinnahm. Sie half ihm den Mantelsack öffnen und legte ihm die Papiere, welche er herausnahm, behutsam an Ort und Stelle. Dann verließ sie ihn, aber man hätte in ihrer sorgenvollen Miene nicht das lachende Mädchen wiedererkannt, das es noch am verwichenen Tage allen andern an Munterkeit und Uebermuth vorausgethan hatte. Noch unter der Thüre wendete sie sich nach ihm um. Sie sah, wie er im Zimmer auf und nieder ging, und wollte zu ihm zurückkehren; da er sie jedoch gar nicht beachtete, zog sie die Thüre leise zu und ging traurig von dannen und an ihre Arbeit.
Vorlage S. 368
1315
Herbert setzte sich an den Schreibtisch nieder, aber wie er seinen Brief beginnen wollte, wurde er gewahr, dass er innerlich fassungslos und also nicht zu schreiben im Stande sei. Er konnte das Erlebte nicht verstehen, obschon er sich jedes gesprochenen Wortes, jeder Miene und Wendung der verschiedenen Personen deutlich erinnerte. Es kam ihm Alles unglaublich vor, weil er es mit der Vergangenheit in keinen deutlichen Zusammenhang zu bringen wusste.
Vorlage S. 369
1316
Das Eine stand fest, er hatte eine schwere Beleidigung empfangen, eine Beleidigung, für welche er Rechenschaft zu fordern hatte; indeß die Art der Genugthuung, nach welcher er verlangte, konnte er, der bürgerliche Baumeister, von dem Freiherrn von Arten nicht begehren, weil er wusste, dass man sie ihm mit Lachen verweigern würde. Herbert war von seinem Vater, der eine ansehnliche Kundschaft unter dem Adel besaß und manchen Gönner unter ihm zählte, in der Achtung vor dem Adel auferzogen worden. Aber er hatte in seiner bürgerlich gesicherten Stellung und bei seiner freien Kunstbestrebung sich eben nicht viel um die Vorrechte des Adels gekümmert oder, wenn dies doch geschehen war, bisher nicht Ursache gehabt, sie ihm zu neiden. Jetzt stand er zum ersten Male vor den Schranken, welche den Bürgerlichen in seinem öffentlichen und in seinem privaten Leben von dem Edelmanne trennen, und er fand sie hoch genug, obschon man sie ihn bis auf diesen Tag nicht fühlen lassen. Er erinnerte sich, mit welcher verehrenden, von seinem Vater ererbten Voreingenommenheit für das freiherrlich von Arten'sche Haus er nach Richten gekommen und wie gütig man ihm von Anfang begegnet war. Man hatte ihn als einen Gast des Hauses, als den Sohn eines Freundes behandelt, man hatte ihn zu fesseln gesucht, hatte seine Neigung gewonnen – und was hatte er denn getan, jetzt plötzlich eine so schnöde Behandlung zu erleiden? Wie war es möglich geworden, dass die Baronin sich derselben nicht nur nicht widersetzt, sondern recht eigentlich die Veranlassung dazu geboten hatte?
Vorlage S. 369
1317
Er hatte Angelika bewundert, ja, er hatte sie zu lieben geglaubt. Aber war das ein Verbrechen, da er auf solche Neigung und Bewunderung keinen Anspruch gründete? Nur ihr eigenes Betragen, nur ihre eigene Hingebung hatten ihn ermuthigt, ihr sein verehrendes Gefühl kund zu geben. Nur eines Wortes, nur eines Winkes von ihr hätte es bedurft, ihn schweigen zu machen und den Ausdruck der reinen, liebevollen Theilnahme zurückzuhalten, mit der er ihr an jenem Abende genaht war. Wodurch also verdiente er ihren Zorn? Wodurch hatte er die Verhöhnung verdient, die sie, sie allein ihm bereitet? Je länger er darüber nachdachte, desto zorniger wurde er, und doch fühlte er dabei immer, wie werth diese Menschen ihm geworden waren, die ihn so absichtlich zurückgestoßen hatten, und wie schwer es ihm fiel, Böses von ihnen zu denken, von denen er sich bisher nur des Besten versehen.
Vorlage S. 370
1318
Er hegte ein widerwilliges Bestreben, sie zu rechtfertigen, weil es ihm zu schmerzlich war, von ihnen beleidigt zu sein. Er stellte sich vor, dass irgend ein Zufall, irgend ein unbemerkter Zeuge dem Freiherrn verrathen habe, was zwischen Herbert und der Baronin vorgefallen sei, und er fand eine Genugthuung darin, sich selbst eine Schuld anzudichten, an welche er im Innern seines Herzens doch wieder nicht glaubte, nur um das Verhalten des Freiherrn und Angelika's weniger hart und ungerecht nennen zu dürfen. Er hielt sich vor, dass er die Eifersucht des Freiherrn erregt, dass ein Zerwürfniß und eine Versöhnung zwischen den Eheleuten Statt gefunden haben müsse, weil er sich daraus die Zärtlichkeit Angelika's für ihren Gatten herzuleiten wünschte. Aber wie sollte er diese wieder zusammenreimen mit der scherzend herausfordernden Weise, mit welcher sie ihm entgegengetreten war? Keine seiner Voraussetzungen bot eine völlig genügende Erklärung dar, keine seiner Empfindungen war rein, alle waren sie gebrochen, und, empört gegen den Freiherrn, gegen Angelika und gegen sich selber, rief er endlich aus: Sie haben mir sogar den Zorn genommen und den Haß!
Vorlage S. 370
1319
Bald wollte er der Baronin schreiben, bald dem Baron, um von ihnen eine Aufklärung zu heischen und sich über die Herzens- und Ehrenkränkung zu beschweren, die man ihm zugefügt hatte; aber wo man sich mit den Personen, mit denen man zu tun hat, nicht auf gleichem gesellschaftlichem Boden befindet, wird selbst das Zugeständniß einer begehrten Gerechtigkeit zu einer freiwilligen Gunstbezeigung, und eine solche von dem Freiherrn anzunehmen, war ihm das Widerstrebendste. Dazu band ihn sein Contract, den er nicht ohne Wortbruch lösen konnte, an den zeitweiligen Dienst des Freiherrn; der Bau stieg edel und schön empor, und Herbert war Künstler genug, ein begonnenes und so bedeutendes Werk nur mit höchstem Widerstreben zu verlassen; indeß die Aussicht, eben um dieses Baues willen mit der freiherrlichen Familie nach den heutigen Vorgängen doch in fortgesetzter Berührung bleiben zu sollen, war ihm so quälend, dass sich von dieser Abhängigkeit zu befreien ihm für den Augenblick als das Nothwendigste erschien. In dieser Stimmung ergriff er die Feder auf das Neue.
Vorlage S. 371
1320
»Hochgeborener Herr Baron!« – schrieb er – »Eure Gnaden haben mich heute mit Recht und sehr zur Zeit daran erinnert, dass ich nur um einer Arbeit willen und als Künstler nach Richten gekommen bin. Diese Arbeit zu vollenden, mit ihr den gerechten Ansprüchen und Erwartungen Eurer Gnaden nach besten Kräften zu entsprechen, ist mir eine Ehren- und Gewissenssache gewesen, und die huldvolle Güte wie die Zufriedenheit Eurer Gnaden haben mir bisher guten Muth und Aufmunterung gegeben. Zu meinem großen Bedauern habe ich aber die Bemerkung machen müssen, dass Sie mir Ihre Zufriedenheit entzogen haben, und ich möchte Ihnen weder mit meinen Diensten noch mit meiner Person beschwerlich fallen, wenn beide aufgehört haben, Ihnen genehm zu sein. Erlauben Eure Gnaden mir also die Versicherung, dass ich bereit bin, Ihnen alle von mir gemachten Pläne und Detailzeichnungen zur Verfügung zu stellen, falls es Ihnen aus irgend einem Grunde wünschenswerth sein sollte, den Bau durch einen anderen Baumeister fortführen und vollenden zu lassen. Ich wage wohl keine vergebene Bitte, wenn ich Eure Gnaden ersuche, mich Ihre Entscheidung nicht lange erwarten zu lassen.«
Vorlage S. 371
1321
Er siegelte den Brief und bat Eva, ihm einen Boten zu schaffen, der denselben nach dem Schlosse trage. Als er das Schreiben unterwegs wusste, wurde ihm leichter um das Herz. Weil er den ersten Schritt zu seiner Befreiung getan hatte, glaubte er schon frei zu sein, und nun erst loderte sein Zorn gegen Angelika und den Freiherrn rein und hell empor. Jetzt, da er sich nicht mehr um das Weßhalb der erlittenen Beleidigung kümmerte, sondern sich nur der Thatsache gegenüberstellte, erwachte in ihm das Selbstgefühl, welches überall verloren geht, wo man sich mit den Andern mehr, als sie verdienen, zu schaffen macht.
Vorlage S. 372
1322
Er verließ sein Zimmer und ging, ohne bestimmte Absicht, hinunter in das Haus. Der Amtmann war zurückgekehrt; Eva rüstete in dem kühlen Hausflur den Mittagstisch. Sie hatte den Bruder von Herbert's Ankunft schon in Kenntnis gesetzt, und dieser trat ihm mit der Frage entgegen, was es gegeben habe.
Vorlage S. 372
1323
Herbert fühlte keinen Beruf, ihm die ganze Wahrheit mitzutheilen. Es widerstrebte ihm, dem Amtmann die Schwere des ihm geschehenen Unrechtes einzugestehen, da er es ohne Vergeltung hinzunehmen hatte, und eben so wenig konnte und durfte er seine Gastfreunde ahnen lassen, wie es um ihn und um sein neuliches Erlebnis mit der Baronin stand. Er berichtigte also nur, dass man ihn, gegen die frühere Weise, kalt, ja dass man ihn ungebührlich behandelt habe, und dass und was er dem Baron geschrieben.
Vorlage S. 373
1324
Der Amtmann hörte ihm ruhig zu und sagte dann mit einem Lächeln, das seinem gescheiten Gesichte einen noch größeren Ausdruck von Klugheit gab: Ich hätte es Ihnen voraussagen können, wie es mit Ihnen kommen würde, Herr Baumeister. Es ist ein ordinäres Sprüchwort, aber wahr ist's darum nicht minder: »Es ist nicht gut mit den großen Herren Kirschen essen!« Und, fügte er hinzu, um wieder einmal vor dem Studirten seine eigene Bildung leuchten zu lassen, ich hab's oft zur Eva gesagt, es ist wie mit den Granatäpfeln in der Mythologie; man muss nichts von den Herrschaften geschenkt nehmen, wenn man mit ihnen durchkommen und frei bleiben will.
Vorlage S. 373
1325
Das sagen Sie, dessen Familie dem freiherrlichen Hause seit Menschenaltern dient? wendete Herbert ein.
Vorlage S. 373
1326
Das sage ich Ihnen eben deßhalb; denn wir haben unsere Manier probat gefunden von Vater auf Sohn. Seine Schuldigkeit tun, seinen Lohn empfangen, nichts darunter, nichts darüber, und Herr und Diener sein, rein weg!
Vorlage S. 373
1327
Herbert fragte, ob denn der Freiherr oder die Baronin dem Amtmann ebenfalls Gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben hätten.
Vorlage S. 373
1328
Nicht dass ich's sagen könnte, meinte dieser. Aber das hat sich bei uns so fortgeerbt von Einem auf den Andern, es ist unsere Bauernweisheit! Wir kennen hierlandes den Grund und Boden und die Leute, und wir kennen auch unsere Herrschaft und den Adel rund herum! Sie sind Einer wie der Andere!
Vorlage S. 373
1329
Eva meinte, die Herrschaften könnten aber doch sehr freundlich sein und hätten sich ja auch gegen den Bruder und gegen sie stets so gezeigt.
Vorlage S. 374
1330
O ja, rief der Amtmann, aber es würde bald damit aus gewesen sein, hätte ich mich darauf eingelassen, wie sie's mit Dir und mir versuchten! Heute hieß es, weil ich denn doch dies oder jenes mehr gelernt hätte, als es sonst hier im Amte zu geschehen pflegte, so könnte ich dem Herrn Baron wohl bei der oder jener Arbeit helfen, nicht als Diener, Gott bewahre! nur weil er mich leiden und mich um sich haben möchte! Und morgen meinten sie, die Eva sähe gut aus und hätte recht anständige Manieren; sie könnte also, wenn sie wollte, bisweilen auf das Schloß kommen und der Frau Baronin etwas vorlesen und mancherlei im Schlosse annehmen und lernen. Aber wir kennen das! Für einen Finger, den sie uns reichen, wenn sie Lust und Langeweile haben, verlangen sie gelegentlich die ganze Hand von uns, und will man sich dann dafür auch einmal an ihrer Hand halten, so wird's ihnen gleich zu viel, und sie ziehen die Hand zurück und nehmen's uns noch übel, dass wir ihnen die Mühe machen, uns abzustoßen! – Er lachte dabei und sagte zuversichtlich: Nichts da! Die vornehmen Nücken kennen wir! Sie dort und wir hier! Guter Dienst und gutes Recht! Wir sind uns hier selber genug!
Vorlage S. 374
1331
Herbert hörte ihm mit einer heimlichen Beschämung zu. Es war, als sprächen sein eingeschläfertes Gewissen, seine heimliche Einsicht selbst zu ihm, und zu seiner eigenen Beruhigung sagte er: Ich sehne mich eigentlich auch danach, dieses Contractes und des ganzen Verhältnisses, an das ich mit so gutem Glauben gegangen bin, erst wieder ledig zu werden.
Vorlage S. 374
1332
Der Amtmann schüttelte mit verneinendem Lächeln den Kopf. Herbert fragte, ob er an der Wahrheit dieser Worte zweifle. Nein, versetzte Jener, dass Sie es in diesem Augenblick wünschen, daran zweifle ich nicht, aber Sie kommen nicht los. Der Freiherr ist ein Mann von Wort, das muss man ihm lassen, und wie er selbst sein Wort hält, so besteht er darauf, dass ihm Wort gehalten werde. Freiwillig entlässt er Sie Ihres Contractes nicht, und contractbrüchig werden Sie doch schließlich auch nicht heißen und nicht werden wollen!
Vorlage S. 375
1333
Sie sprachen hin und her; der Baumeister verrieth nichts von dem, was ihm widerfahren war, aber der Amtmann, welcher gut zu fragen und zu hören wusste, kam durch einzelne Aeußerungen Herbert's ziemlich auf die rechte Spur, und was er von dem Freiherrn auch Gutes sagen mochte, seine Worte trugen doch alle das Gepräge der Abneigung, welche er gegen die Herrschaften hier in der Gegend, wie er den Adel nannte, in sich hegte. Selbst in Eva sprach sich die gleiche Gesinnung aus, und wenn der Amtmann sich mehr an das Allgemeine hielt, so wusste Eva so viel kleine Züge von der Selbstsucht und dem Stolze, den Galanterieen und den Liebesabenteuern der adeligen Damen zu erzählen, wie sie als Gerüchte von einem Amthause in das andere getragen wurden, dass Herbert den letzten Rest des sanften Zaubers schwinden fühlte, in welchem sein Verhältnis zu dem freiherrlichen Hause und zu Angelika ihm erschienen war. Er begann sich in seinem Innern einen eiteln Thoren, einen schwachherzigen Neuling zu schelten. Er malte es sich aus, wie man ihn im Schlosse jetzt geringschätzig verlachen möge, und während der Amtmann und seine Schwester mit Vergnügen davon sprachen, dass sie Herbert nun bei sich behalten würden, während sie ihm vorschlugen, wie er es sich bei ihnen bequem machen könne, dachte er nur daran, überhaupt aus der Gegend fortzukommen. Eva's zuversichtliche Betheuerung, dass er bleiben werde, weil ihr Bruder gesagt habe, dass er bleiben müsse, steigerte seine Sehnsucht, sich loszureißen. Er konnte den Augenblick bis zur Rückkehr des Boten kaum erwarten, und mitten in dem Plaudern von Eva und trotz der Unterhaltung mit dem Amtmanne war er innerlich nur damit beschäftigt, sich die Art und Weise vorzustellen, in welcher der Freiherr in die Aufhebung des Contractes willigen und ihm seine Entlassung zugestehen werde.
Vorlage S. 375
1334
Es fiel ihm schwer, bei Eva vor der Thüre sitzen zu bleiben, als er den Knecht am Nachmittag über den Hof kommen sah; selbst Eva wurde unruhig über die Langsamkeit, mit welcher derselbe die Weste aufknöpfte, unter der er das Schreiben des Barons, welches er der Vorsicht wegen noch mit seinem Tuche umwickelt hatte, hervorzog. Aber schon der Anblick dieses Schreibens machte Herbert betroffen. Es war ein kleines Blättchen, leicht zusammengelegt, wie man es einem Untergebenen als Anweis oder mit einem Befehle wohl einmal sendet; und wie sein Aeußeres war auch der Ton, in dem es gehalten.
Vorlage S. 376
1335
»Machen Sie sich keine Sorge«, schrieb der Baron. »Ich bin durchaus nicht unzufrieden mit Ihnen und Ihren Leistungen, im Gegentheil! Ich pflege auch nicht aufzugeben, was ich unternehme, und erwarte das Gleiche von jedem Manne, der sich zu respectiren weiß. Bleiben Sie also ruhig in Rothenfeld, das ist Ihrem Werke sicher förderlich, besonders da Sie Steinert zur Hand haben. Wegen meines anderen Vorhabens sprechen wir bald das Nähere. Ich werde Sie in den nächsten Tagen benachrichtigen und Zeit und Stunde bestimmen.«
Vorlage S. 376
1336
Das war Alles. Der Brief trug keine Anrede und keine Unterschrift, als das mit langem Zuge versehene A., mit welchem der Freiherr wie ein König die Erlasse an den Amtmann zu unterzeichnen pflegte. Er behandelte Herbert, als sei gar nichts vorgegangen, als habe nie eine andere als die geschäftliche Beziehung zwischen diesem und dem freiherrlichen Hause Statt gefunden, als könne des jungen Mannes Wunsch, sich von der ihm aufgetragenen Arbeit zurückzuziehen, gar keine andere Ursache haben, als seine Besorgniß, dass der Freiherr mit seinen Leistungen nicht zufrieden sei. Eine Zurechtweisung, eine Anmahnung zur Pflichterfüllung enthielt das Schreiben, kein Wort der Begütigung, wie die Einleitung von Herbert's Brief sie forderte, wenn man ihn festzuhalten wünschte und ihn nicht hatte kränken wollen. Er las den Brief noch einmal und noch einmal. Es war die schwerste Demüthigung, welche er empfangen hatte! Eva, die ihn während des Lesens genau beobachtete, hatte bemerkt, dass er blass geworden war. Ihre großen Augen hingen ernst an seinen Mienen.
Vorlage S. 376
1337
Nun? fragte sie, da er das Schreiben schweigend in die Tasche steckte.
Vorlage S. 377
1338
Ich bleibe hier! gab er ihr zur Antwort.
Vorlage S. 377
1339
Ihr Gesicht erhellte sich, sie hob die Hände empor, um sie vor Vergnügen zusammen zu schlagen, ließ sie aber, als sie in sein verstörtes Antlitz blickte, eben so schnell wieder sinken und meinte kleinlaut: Das tut mir leid, wenn es Ihnen so hart ankommt!
Vorlage S. 377
1340
Die Worte, mehr noch der Ausdruck, mit welchem sie dieselben sprach, bewegten ihn. Er wollte sie um Vergebung bitten, ihr eine Freundlichkeit erwidern, indeß er konnte es in diesem Augenblicke nicht. Sie sind recht gut, Eva! sagte er, indem er ihr die Hand gab.
Vorlage S. 377
1341
Was nützt das, wenn ich Ihnen nicht helfen kann? entgegnete sie, indem sie sich von ihm losmachte und sich entfernte. Es war bei ihr immer, in Fröhlichkeit und Betrübniß, derselbe gute und werkthätige Sinn; aber es war Herbert doch erwünscht, allein zu sein. Er konnte eben jetzt keine Hülfe und keine Gesellschaft brauchen.
Vorlage S. 377
1342
Er ging auf sein Zimmer und an seine Arbeit, denn arbeiten, vorwärts kommen, hieß jetzt für ihn, seiner Freiheit näher rücken. Aber wie er den Sinn auch auf die Verknüpfung der Linien und Zahlen richtete, es brannte immer in seinem Innern: Sie haben dich, weil sie dich nicht für ihres Gleichen halten, nicht nach deiner Ehre, sie haben dich wie eine Sache behandelt, die man aufnimmt oder liegen lässt, je nach Belieben! – Und je länger er das dachte, um so öfter richtete sein Blick sich nach Frankreich hinüber, und er fragte sich: Wann wird denn die Stunde schlagen, die auch hier den Hochmüthigen den Nacken beugt? –
Vorlage S. 378
1343
Sie standen ihm dabei immer vor Augen, die kleine, vornehm lächelnde Herzogin und der in Selbstgefälligkeit strahlende Marquis: beide flüchtig, beide das Gnadenbrod der Fremde essend und beide so ungebeugt, so sicher in dem Glauben an die unvergängliche Ueberlegenheit ihres Wesens und ihres Blutes, dass der Haß gegen dieses alte Blut in Herbert entbrannte und es ihm vorkam, als könne er dieses Blut kalten Auges vergießen sehen, als könne er sie sterben sehen, sie Alle mit einander: den hochgemutheten Freiherrn, die zarte Herzogin, den fröhlichen Marquis, und auch sie, die schöne, lächelnde Baronin, wenn er ihnen damit nur die Erinnerung zu nehmen vermochte, wie sie ihn geflissentlich beleidigt, wie gedemüthigt er von ihnen gegangen war. Er haßte sie nicht nur für dasjenige, was sie ihm zugefügt, sondern mehr noch deßhalb, weil er's ertragen hatte und weil er in ihrem Dienste fortarbeiten musste, um seiner Pflicht nachzukommen, welche jenen gegenüber seine einzige Ehre war. Er haßte sie!
Vorlage S. 378
1344
Zehntes Capitel
Vorlage S. 379
1345
Der Feldzug, zu welchem die Regimenter so fröhlich aus der Hauptstadt ausmarschirt waren, hatte nicht lange gewährt und war ein fruchtloses, ja, ein unheilvolles Unternehmen gewesen sowohl für diejenigen, denen er helfen und dienen, als auch für jene Anderen, welche die Hülfe hatten bringen sollen. Die Revolution war in Frankreich immer energischer und siegreich vorwärts geschritten, und kleinlaut waren die Truppen der Coalition in ihre Standquartiere und Garnisonen zurückgekehrt.
Vorlage S. 379
1346
Graf Gerhard, dem es an persönlichem Muthe nicht gebrach und dem seine kräftige Gesundheit zu Statten gekommen, wo viele seiner Cameraden Krankheit und Tod gefunden, war als Rittmeister aus dem Feldzuge nach der Champagne heimgekehrt. Sein Regiment hatte seiner Zeit auch wieder mehrere Tage in der Hauptstadt der Provinz verweilt, aber der Graf hatte gleich nach dem Einrücken Urlaub genommen und sich zu seinen Eltern nach Berka begeben. Er hatte die Familie Flies nicht aufgesucht, auch zu der Kriegsräthin war er nicht gegangen. Seba erfuhr das gleich, obschon sie ihren Verkehr mit derselben bedeutend eingeschränkt hatte und obschon auch der Vater noch weniger als sonst Behagen an der Freundschaft zu finden schien, welche die Mutter noch immer mit der Frau seines Miethers unterhielt.
Vorlage S. 379
1347
Gott soll mich bewahren, dass ich Sie anklage, theuerste Frau Kriegsräthin, sagte Madame Flies eines Nachmittags, als diese auf eine Tasse Kaffee zu ihrer Wirthin gekommen war – Gott soll mich bewahren, dass ich Sie verkenne; Sie haben es sehr gut mit uns gemeint, aber der Mensch denkt und Gott lenkt!
Vorlage S. 379
1348
Es ist mir freilich immer derselbe Kummer, meinte Laura, indem sie wohlgefällig den silbernen Kaffeelöffel ihrer Wirthin in der Hand wog, der doppelt so schwer war, als die ihrigen, dass ich die unschuldige Veranlassung zu Seba's Liebe für den Grafen gewesen bin, aber es geht ja wieder besser mit ihr. Sie ist wirklich schöner als je, und sie schlägt es sich ja endlich auch wieder aus dem Sinne.
Vorlage S. 380
1349
Die Mutter zuckte die Schultern. Glauben Sie das nicht, liebe Frau Kriegsräthin, Seba hat des Vaters Kopf! Die vergisst nicht, was sie einmal gewollt hat; und wenn sie auch wieder munter ist vor den Leuten und wenn sie auch schön ist wie sonst, – Sie sollten sie nur sehen, wenn sie sich unbeachtet glaubt! Seba hat ihre Taubenaugen, ihre sanften Kinderaugen nicht mehr!
Vorlage S. 380
1350
Wie traurig ist das! rief die Andere mit jenem kühlen Bedauern der Gleichgültigkeit, das der Leidende als eine schwere Beleidigung empfinden würde, wäre er nicht in der Regel zu sehr in sich versunken, um darauf zu achten. Die Kriegsräthin aber glaubte der Theilnahme, die man von ihr fordern konnte, mit jenem Ausruf vollauf genügt zu haben, und da man der fremden Klage am leichtesten ledig wird, wenn man selbst zu klagen beginnt, wiederholte sie mit einem Seufzer ihr: Wie traurig! und fügte dann eilig und lebhaft hinzu: Aber es trägt ja Jedermann von uns sein Theil, liebste Flies, und was Sie leiden, leiden Sie mit Ihrem eigenen Kinde, das ja jung und schön ist, und da Sie reich sind und ihm Alles gewähren können, auch früher oder später glücklich werden wird. Nehmen Sie dagegen mich und unsern Paul! Was habe ich nicht Alles für den Knaben schon getan, und Alles das umsonst! Nur an Seba hängt er und an meinem Manne, als wäre ich gar nicht da – und im Grunde ist das noch das Wenigste!
Vorlage S. 380
1351
Sie machte eine Pause, wollte verschweigen, was sie drückte, konnte dann aber doch nach Frauenart der Lust nicht widerstehen, einmal ihr Herz recht gründlich auszuschütten. Es trifft Alles so schlimm zusammen, – sagte sie fast gegen ihren Willen, – so schlimm, als sollte mir grade jetzt von allen Seiten Verdruss und Sorge bereitet werden. Nicht genug, dass der Knabe immer verschlossener wird, dass ich mir Seba's Kummer zu Herzen nehme, habe ich mich eben in diesen Tagen auch mit unserem alten, guten Freunde und Gönner, dem Präsidenten, erzürnen müssen.
Vorlage S. 381
1352
Mit dem Herrn Präsidenten? fragte näher rückend Madame Flies, die seit der ganzen Reihe von Jahren gewohnt war, den alten Herrn täglich zu seiner Freundin gehen zu sehen. Wie ist das denn zugegangen?
Vorlage S. 381
1353
Weiß ich's? rief die Kriegsräthin und knüpfte, weil ihr warm wurde, das Band auf, mit welchem ihre Flatteuse unter dem Kinn zugebunden und das mit einem Liebesknoten an dem Brustlatze befestigt war. Elf runde Jahre ist er bei uns ein und aus gegangen; wir waren so an einander gewöhnt, er, mein Mann und ich; wir wussten, wie wir einander zu nehmen und wie weit wir auf einander zu rechnen hatten; da bringt ein unglücklicher Zufall dem guten Präsidenten ein Billet in die Hände ....
Vorlage S. 381
1354
Ein Billet – ja, was denn für ein Billet? forschte die Andere, deren Augen vor Ungeduld und Neugier zu funkeln begannen.
Vorlage S. 381
1355
Ach, ein Billet des Hauptmannes – ein Billet, das er mir am Tage nach der Rückkehr schrieb – die Kriegsräthin lächelte und wendete den Kopf nach dem Spiegel, der zwischen den beiden Fenstern hing – ein Billet, wie jede halbwegs angenehme Frau deren unzählige erhält! Ein paar Verse, wie er sie mir, seit er damals hier war, bisweilen schickte, reine Poesie. Ich hatte sie nicht beachtet, sie vergessen, sie lagen in meinem Nähtischchen, da fand sie der Präsident ....
Vorlage S. 381
1356
Da fand sie der Herr Präsident? wiederholte Madame Flies.
Vorlage S. 382
1357
Ja, rief Laura, die in ihrem Verdrusse die verwunderte Frage der Anderen gar nicht beachtete; und stellen Sie sich vor, aus diesem ganz gleichgültigen Briefe macht er mir ein Verbrechen. Er erlaubte sich, mich zu beschuldigen, verlangte Erklärungen, als wäre ich ein Kind und nicht eine Frau, die weiß, was sie zu tun hat.
Vorlage S. 382
1358
Madame Flies wurde stutzig. In Bezug auf die eheliche Treue verstand sie keinen Spaß. Aber wie kamen denn der Herr Präsident darauf und was sagen der Herr Kriegsrath dazu? fragte sie bedenklich.
Vorlage S. 382
1359
O, der ahnt davon noch gar nichts, der würde mir es nicht vergeben!
Vorlage S. 382
1360
Hören Sie, brach nun Madame Flies plötzlich aus, hören Sie, liebe, gute Frau, das kann ich ihm auch nicht verdenken! Sie wissen, wie viel ich von Ihnen halte, liebe Frau Kriegsräthin, aber Verse, heimliche, jahrelange Verse an eine verheirathete Frau .... Sie brach ab, schüttelte das Haupt, dass die echten Kanten von ihrem Kopfzeuge ihr tief auf die Stirn niederfielen, und reichte, als wolle sie gut machen, was sie nothgedrungen hatte sagen müssen, ihrer Freundin, obschon dieselbe sich eben erst bedient, noch einmal die silberne Zuckerschale mit einem freundlichen: Ist's gefällig? hin.
Vorlage S. 382
1361
Die schöne Laura lachte plötzlich ganz hell auf, und sie sah wirklich noch sehr hübsch aus, wenn sie lachend die weißen Zähne und die tiefen Grübchen in den vollen Wangen sichtbar werden ließ. Sie meinen, um die Verse kümmere sich mein Mann? Gott bewahre, das hat ja gar nichts auf sich! Verse an seine Frau, die werden doch einen verständigen Mann nicht in Harnisch bringen, auf die muss jeder Mann gefasst sein, der sich eine junge und passabel hübsche Frau genommen hat. Aber dass ich unsern Präsidenten nicht zu menagiren, nicht nach seiner Weise zu behandeln wusste, das wird mein Mann mir nicht vergeben – und ich vergebe mir es selber nicht!
Vorlage S. 382
1362
Der Herr Präsident sind des Herrn Kriegsrathes Chef! bemerkte Madame Flies, um doch etwas zu sagen, da die Heiterkeit der Anderen ihr noch weniger gefiel.
Vorlage S. 383
1363
Ja, freilich, das ist's ja eben, bekräftigte Laura, sich besinnend, mit ganz verändertem Tone, da sie die zweifelhafte Miene ihrer Hauswirthin bemerkte. Das ist es eben, wir sind abhängig von ihm! Sie machte eine Pause, als sinne sie über diese ihre bedenkliche Lage nach, bis sie seufzend ausrief: Und wir haben kein Vermögen! – Sie hielt abermals inne, sah ihre Freundin prüfend an und sagte dann ernst und niedergeschlagen: Sie, die Sie reich sind, die Sie freie Hand in Ihres Mannes Casse haben, Sie können gar nicht wissen, wie schwer in diesen Zeiten das Auskommen für den Beamten ist. Jedes zu Ende gehende Quartal hat seine Nothwendigkeiten, jedes beginnende macht seine Ansprüche; die Rechnungen kommen, die täglichen Ausgaben laufen fort, man muss nach außen anständig auftreten, wie man sich in seinem Hause auch beschränkt, die Miethe ist zu zahlen – Sie glauben nicht, welche Verlegenheiten das bereitet!
Vorlage S. 383
1364
Madame Flies versicherte und erinnerte sie, dass es mit der letzteren nicht eile, dass ihr Mann ja immer gern gewartet habe.
Vorlage S. 383
1365
Gewiss, gewiss, rief Laura, der Kriegsrath besitzt ja einen wahren Schatz an Ihres Mannes Freundschaft! Aber was hilft mir das? Sie wissen gar nicht, wie ängstlich, wie genau der Kriegsrath ist. Jede Cocarde, jede Falbala, jedes Theaterbillet und jedes Biscuit muss verzeichnet werden und wird bekrittelt, wenn es verzeichnet ist. Da half denn des Präsidenten Galanterie gelegentlich ein wenig aus – versteht sich, nur leihweise – für Tage nur – nur um den lieben Hausfrieden nicht zu stören! Und da muss mir nun nach elf Jahren der Präsident die gute Laune ohne allen Grund verlieren. Ich habe schon gedacht, ob Sie, liebe Madame Flies ....
Vorlage S. 383
1366
Sie brach plötzlich ab und sagte nicht, was sie gedacht hatte; denn das Gesicht ihrer Wirthin verrieth ihr, dass sie sich wahrscheinlich eine unnütze Blöße gegeben hatte. Das Kaffeezeug war fortgeräumt, die Hausfrau erhob sich, um den süßen Wein und das Confect zu holen, die den Imbiß vervollständigen sollten, aber wie mild und glatt der alte Malaga die Kehle auch hinabglitt, die Unterhaltung wollte nicht wieder in Fluss gerathen.
Vorlage S. 384
1367
Die gute Meinung, welche Madame Flies von ihrer Freundin gehegt, hatte einen schweren Stoß erlitten, und die Kriegsräthin hatte auch besser von ihrer Wirthin gedacht. Nach der sorglosen Weise, in welcher sie Seba früher ihren Weg gehen lassen, hatte sie die Mutter nicht für so spießbürgerlich und namentlich nicht für so sittlich engherzig gehalten. Sie waren beide verstimmt und beide begannen wieder von Seba zu sprechen, über deren Seelenzustand sich freilich beide eine falsche Vorstellung machten.
Vorlage S. 384
1368
Seba's erstes Empfinden nach jenem unheilvollen Morgen und nach den Tagen, welche ihr die Ueberzeugung aufgedrängt, dass sie gewissenlos von einem Elenden verrathen und verlassen sei, war der Drang gewesen, sich Vater und Mutter zu Füßen zu werfen und ihnen Alles zu gestehen. Aber es war genug, dass ihr eigenes Herz gefoltert ward, dass sie sich selbst verloren hatte, dass sie elend geworden war, dass sie sich verachtete und nicht mehr vorwärts, nicht mehr rückwärts zu blicken wagte. Ihr war Alles entrissen, was bis dahin ihr Leben ausgemacht: nur Eine Gewissheit und nur Ein Gefühl waren unverändert in ihr geblieben: sie wusste, dass sie das Glück ihrer Eltern war, und sie liebte ihre Eltern. Daran musste sie sich halten!
Vorlage S. 384
1369
Es wäre ihr eine Befreiung gewesen, sich anzuschuldigen, ein Trost, sich zu demüthigen; denn es ist für ein rechtschaffenes Herz leichter, verdienten Tadel, als unverdientes Lob zu ertragen und eine Liebe über sich walten zu fühlen, deren es sich nicht mehr würdig glaubt. Aber was sie selber auch empfand, wie hart ihr Verstand und ihr Ehrgefühl sie verurtheilten, wie tief sie sich erniedrigt fühlte, den Eltern musste und wollte sie zu bleiben suchen, was sie ihnen gewesen war: ihr Stolz und ihre Freude. Sie musste schweigen, sie musste die Wiederkehr einer Ruhe heucheln, nach der sie vergebens rang, mit der sie die Eltern doch nicht völlig täuschte, und Heucheln fiel ihr schwer. Sie sah es, dass die feinen Furchen um ihres Vaters Mund und auf seiner Stirn tiefer geworden waren, seit seine Tochter ihm nicht mehr fröhlich wie in vergangenen Tagen entgegen kam. Es entging ihr nicht, wie sorglich die Blicke der Mutter auf ihr ruhten, wie ängstlich die Eltern danach spähten, einen Strahl der alten Lebenslust in der Seele ihres Kindes zu entdecken; sie hätte sie selber suchen, finden mögen, neuen Muth und neues Wollen und Streben; aber woher sollten sie ihr kommen in dem Gefühle ihrer Erniedrigung und Herzgebrochenheit?
Vorlage S. 385
1370
Traurig, den Kopf auf die schmale, weiße Hand gestützt, saß sie eines Abends an dem Fenster ihrer Stube. Draußen war das Wetter schlecht. Es war noch früh im Jahre, ein kalter Wind jagte den Regen schräg durch die Luft und warf ihn klatschend zur Erde. In den großen Lachen spiegelten sich die Lichter der Laternen, welche die Leute, die unter ihren Schirmen in das Theater gingen, sich vortragen ließen. Es war eine Schauspieler-Gesellschaft angekommen, welche für einige Monate Vorstellungen geben sollte und dieselben gestern mit der Aufführung von Schiller's »Fiesco« begonnen hatte. Kein Gebildeter hatte bei diesem Anlass fehlen dürfen, auch Seba hatte der Darstellung beigewohnt, und Verrina's: »Was that jener eisgraue Römer, als man seine Tochter auch so – wie nenn' ich's nur – auch so artig fand?« lag noch schwer auf ihrer Seele.
Vorlage S. 385
1371
Sie war von Herzen traurig, sie konnte nicht deutlich denken, nur dass sie müde, bis zum Tode leidensmüde sei, das fühlte sie mit dumpfer Schwere. Sie hatte keinen religiösen Glauben, an dem sie sich erheben, keine Kirche, in der sie beten konnte, denn der Cultus, dem sie durch ihre Geburt angehörte, war ihr fremd geblieben; sie hatte keinen verschwiegenen Beichtvater, dem sie sich anvertrauen konnte, sie hatte keinen Erlöser, an den sie sich wenden konnte. Sie war ganz allein, ohne eine Stütze, ohne einen anderen Halt, allein mit der unverbrüchlichen Wahrhaftigkeit des eigenen Gewissens, die ihr sagte, dass sie gefehlt, dass sie sich entehrt habe vor den Menschen und mehr noch vor sich selber, und dass kein fremder Trost und keine fremde Hülfe von ihr nehmen könne, was sie selber auf sich geladen hatte.
Vorlage S. 386
1372
Paul, der auch an diesem Abende wie gewöhnlich herunter gekommen war, um seine Freundin zu besuchen, hatte sich allmählich daran gewöhnt, ihr schweigend Gesellschaft zu leisten. Eine geraume Zeit sah der große, schlanke Knabe geduldig zu, wie auf der Straße die Lichter flackerten und wie die Leute mit dem Winde kämpften. Endlich mochte er dessen überdrüssig sein, denn sich zu Seba wendend, bat er: Sprich doch mit mir!
Vorlage S. 386
1373
Sie überhörte es. Er wartete wieder eine Weile, ob sie sich nicht mit ihm beschäftigen würde, dann sagte er ganz plötzlich: Seba, Du wirst Dich gewiss auch noch einmal ins Wasser stürzen!
Vorlage S. 386
1374
Sie fuhr entsetzt empor. Wer hat Dir das gesagt? rief sie, indem sie ihn bei den Händen erfasste.
Vorlage S. 386
1375
Ihre Stimme klang ihm fremd, und so gewaltsam hatte sie ihn niemals angefaßt. Er fürchtete sich vor ihr. Lass mich los, rief er erschreckend, lass mich los!
Vorlage S. 387
1376
Sie beachtete es nicht. Wer hat Dir das gesagt? wiederholte sie.
Vorlage S. 387
1377
Ich sehe es ja! gab er ihr zur Antwort.
Vorlage S. 387
1378
Was denn? Was siehst Du denn? drängte ihn Seba, der das Herz fast hörbar klopfte; denn das schweigende Leiden unter lächelnder Miene hatte sie erschöpft, und schwarze, unklare Gedanken waren in ihr aufgetaucht, als unten in der Straße das Wasser in den Lachen so gezittert und geglänzt. Eine schmerzliche Sehnsucht hatte sie ergriffen und an ihrem Herzen gezogen. Sie hätte fortgehen mögen, fort von Vater und Mutter, weit fort, um einmal in einsamer Ferne ihre bitteren Thränen laut zu weinen und dann endlich nichts mehr fühlen zu dürfen und all des Elendes ledig zu werden, mit Einem Male für immerdar.
Vorlage S. 387
1379
Was siehst Du? wiederholte Seba noch einmal, und ihre milder gewordene Stimme löste des erschreckten Knaben Lippen.
Vorlage S. 387
1380
Du sitzest immer grade so still wie meine Mutter, sagte er, und weinst immer wie sie, Du wirst Dich auch noch wie sie ins Wasser stürzen!
Vorlage S. 387
1381
Seba schlug die Hände vor dem Gesichte zusammen, sie erschrak vor sich und ihren eigenen Gedanken; des Knaben Worte hatten sie zur Besinnung gebracht. Ein heißes Mitleid für die Todte mischte sich in Seba's Schmerz um das eigene Geschick, und Mitleid ist Befreiung; denn wer Theilnahme für einen Andern zu empfinden vermag, reicht wenigstens in dem Momente über die eigene Noth hinaus. Die Thränen schossen ihr in die Augen, indeß diese Thränen thaten ihr nicht so wehe, als die unzähligen andern, welche sie seit der Unglücksstunde bis auf diesen Tag vergossen. Und mitten in ihrer Hülfslosigkeit zuckte zum ersten Male der Gedanke in ihr auf, dass sie sich erlösen müsse, wenn sie nicht ihr Leben enden wolle; dass sie wählen müsse zwischen Selbstvernichtung und Selbsterhaltung durch ein klar bewußtes Tun, durch Selbsterhebung und durch Selbsterlösung.
Vorlage S. 387
1382
Sie konnte Geschehenes nicht ungeschehen machen, sie konnte ihre reine, schuldlose Vergangenheit nicht wieder erwecken, sie konnte Paulinen nicht mehr helfen; aber sich selber konnte sie helfen, und Paulinen's Sohn war da! Sie und dieser Knabe, Seba und Paul, sie gehörten zu einander, das war die Vorstellung, die ihr wie ein neues Licht entgegenstrahlte. Er war ein Verstoßener, einer Verstoßenen und Verlassenen Sohn, und war sie doch auch entehrt und verrathen und wie seine Mutter verlassen worden.
Vorlage S. 388
1383
Sie hatte es bisher stets vermieden, mit ihm von seiner Mutter und von seinen Erinnerungen zu sprechen. Heute fragte sie ihn, was er von seiner Mutter wisse. – Er hatte ein klares Gedächtnis von dem letzten Gange mit ihr bewahrt; er erinnerte sich ihres Hauses, seiner Heimath, des Wagens, in welchem der Baron zu kommen gewohnt war, und er wusste, dass der Baron von Arten sein Vater sei. Aber mit der Festigkeit, welche frühreife Kinder oftmals auszeichnet, hatte er, nachdem der Zufall ihm einmal einen Theil seines Wissens entlockt, wieder geschwiegen bis auf diese Stunde. Auch des Augenblickes entsann er sich, da er die Kunde von dem Tode seiner Mutter erhalten hatte.
Vorlage S. 388
1384
Ich weiß es noch sehr gut, sagte er, wie ich aufwachte und die Stube voller Menschen war. Sie schrieen alle, die Mutter sei ins Wasser gestürzt, und die Magd, welche bei uns diente, hielt meiner Mutter Tuch und meiner Mutter Schuhe in der Hand und weinte.
Vorlage S. 388
1385
Seba schauerte zusammen. Was sollte aus ihr werden, wenn sie es nicht vermochte, mit sich selber fertig zu werden, mit ihrer Schuld, mit ihrem Unglücke? Wenn sie sich in grübelnder Verzweiflung auf dem Wege gehen ließ, auf welchem sie sich eben angetroffen? Was sollte aus ihren Eltern werden, wenn die Leute einmal in ihr Zimmer träten, ihnen des einzigen Kindes Tuch und Schuhe vorzuzeigen?
Vorlage S. 389
1386
Nein, nein, niemals! rief sie voll Entsetzen aus und umschlang den Knaben, als müsse sie sich an sein blühendes Leben halten, um sicher vor dem Tode zu sein. Ich will nicht untergehen, ich will und werde nicht zu Grunde gehen! Ich will leben bleiben, Paul! Ich bleibe bei Dir und bei meinen Eltern, bei meinen guten, armen Eltern, lieber Paul!
Vorlage S. 389
1387
Sie weinte bitterlich und weinte lange. Paul, wie alle Kinder von der Rührung eines Erwachsenen leicht überwältigt, weinte mit ihr. Er hielt sie mit seinen Armen umfasst, und es war ihr, als löse sich das pressende Band von ihrer Stirn, als schmelze das starre Eis in ihrem Herzen und als durchziehe eine milde Wärme ihre Brust. Ihre Thränen hörten zu fließen auf, auch sie umfasste den Knaben zärtlich, und ihn an sich drückend, sagte sie: Paul, habe mich doch lieb!
Vorlage S. 389
1388
Ja, antwortete er ihr ernsthaft.
Vorlage S. 389
1389
Und wir wollen recht gut sein, Paul!
Vorlage S. 389
1390
Ja, entgegnete er ihr wieder.
Vorlage S. 389
1391
Und meinen Eltern wollen wir rechte Freude machen! Hörst Du, rechte Freude, Paul! Und hier in meiner Stube wollen wir uns immer von Deiner Mutter erzählen, und Du musst recht brav werden, Paul! Ich will Dich auch so lieb haben, wie Deine Mutter, ich will Deine Mutter sein, Paul! rief sie, und es kamen Kraft und Freude in ihre Stimme bei den Worten. Ich will Deine Mutter sein, Paul, und Du sollst mein Sohn sein, das heilige Vermächtniß Deiner armen Mutter! wiederholte sie.
Vorlage S. 389
1392
Kommen wir dann auch in das Schloß und in den Park? fiel ihr der Knabe in die Rede, der sich nach Kinderweise schnell erheiterte und dadurch auf die angenehmen Vorstellungen verfiel, welche ihn im Stillen oftmals beschäftigt haben mochten.
Vorlage S. 390
1393
Nein, entgegnete sie, indem sie traurig auf ihn niederblickte, nie! Wir kommen beide nicht hinein, nicht Du, nicht ich! Aber leben wollen wir bleiben, leben will ich bleiben für die Eltern und für Dich! – Leben! rief sie noch einmal, tief Atem schöpfend, indem sie sich emporrichtete; leben und lieben, helfen und retten, und auch mich selbst erretten will ich!
Vorlage S. 390
1394
Eilftes Capitel
Vorlage S. 391
1395
Das Zerwürfniß zwischen dem Präsidenten und seiner Freundin war ein unheilbares geblieben, aber die Kriegsräthin hörte, als eine kluge Frau, bald auf, dies zu beklagen. Sie behauptete, in ihres Mannes Freundschaft Ersatz zu finden, und die Leute waren geneigt, ihr dies zu glauben. Sie erschien nicht mehr so oft allein in der Gesellschaft und an öffentlichen Orten, Herr Weißenbach verlegte sein Arbeitszimmer neben ihre Wohnstube, und wenn er sich gegen Herrn Flies auch häufig darüber beschwerte, dass es ihm gar zu viel Zeit und Geld koste, beständig den Begleiter seiner Frau zu machen, so musste er doch seine Gründe haben, sie nicht mehr wie früher sich selber zu überlassen.
Vorlage S. 391
1396
Im Uebrigen änderte das Fortbleiben des Präsidenten in der Lebensweise der Familie nichts, bis kurz vor dem Herannahen eines neuen Jahres der Kriegsrath einmal eine lange und geheime Unterredung mit seinem Hausherrn gepflogen hatte. Was dabei verhandelt worden war, darüber sprachen beide nicht; es fiel aber den Freunden der Kriegsräthin auf, dass sie von Neujahr ab ein paar Zimmer ihrer Wohnung an den Architekten überließ, den sie in der Familie ihres Wirthes kennen gelernt hatte.
Vorlage S. 391
1397
Jeder, der es von ihr hören wollte, konnte jetzt von der Kriegsräthin vernehmen, wie erwünscht die Gesellschaft eines Mannes von Herbert's Namen und Bildung ihr für ihre stille Häuslichkeit dünke; aber sie war jetzt eben so wenig als früher in der Lage, sich den Anforderungen ihrer weit verbreiteten Geselligkeit zu entziehen, und Herbert hatte es auch nicht auf den Umgang mit der schönen Laura abgesehen, als er sich für die Wohnung entschied, welche sie zu vermiethen wünschte.
Vorlage S. 391
1398
Seit er, bei seinem ersten Verweilen in der Familie Flies, Seba's Zusammenbrechen bei der Erwähnung der sündhaften Wette des Grafen Berka erlebt, hatte sich Herbert überzeugt gehalten, dass sie selbst der unglückliche Gegenstand jener Wette gewesen sei. Er war bald wieder in das Haus gekommen, sich, wie die Höflichkeit es forderte, nach ihrem Ergehen zu erkundigen, und ihr tiefes, stilles Seelenleid hatte ihr sein männliches Mitleid gewonnen. Fern von jener Neugier, die für den Leidenden so quälend ist, weil sie für ihn die Notwendigkeit der Selbstbeherrschung steigert, behandelte er sie mit der Voraussetzung, dass sie unglücklich sei, und die vorsichtige Weise, mit der er ihrem trüben Sinne hier und da eine freundliche Vorstellung unterzuschieben wusste, bot ihr durch eine lange Zeit das einzige Labsal, für das sie empfänglich war. Er muthete ihr nicht zu, sich des eigenen Daseins zu erfreuen, er verlangte niemals, dass sie von sich spreche; aber er erzählte ihr von seinen Reisen, von seinen Erlebnissen, von seinem Aufenthalte auf Schloß Richten und in Rothenfeld; und, herzenskundig durch den eigenen Schmerz, errieth sie, was er ihr nur zögernd anvertraute: den Zwiespalt, unter dem er sich zwischen der Gräfin und Eva bewegt, die Kränkung, welche er erfahren hatte, und die Ueberwindung, die es ihn jetzt kostete, so oft er nach Richten gehen musste. Dass er nicht völlig mit sich einig, dass auch er noch ein in seiner Entwicklung Begriffener war, machte ihn Seba nur noch werther. Wenn sie ihn ermuthigte, sprach sie sich selber damit Muth ein; wenn sie sich gelegentlich zu erheitern strebte, erheiterte dieses Bestreben sie selbst, und wenn sie, erhoben von dem Gedanken, dass sie einem Andern, einem edlen jungen Manne doch noch etwas zu leisten und zu sein vermöge, sich einmal freier gehen ließ, so ward er für seinen selbstlosen Anteil an ihr, durch den Einblick in ein liebevolles, reiches Herz belohnt, das glücklich zu sein verdiente und sich doch des Rechtes, es jemals zu werden, für verlustig hielt.
Vorlage S. 392
1399
Wie man nach langer, schwerer Krankheit mit Rührung aufs Neue ins Leben tritt und mit zagendem Erstaunen wieder die ersten Schritte wagt, so bewegt fühlte sich Seba, nachdem sie zu dem Entschlusse gelangt war, sich aufzurichten, um ihrer Eltern, um des fremden Knaben willen. Alles erschien ihr neu. Die Zärtlichkeit ihrer Eltern dünkte ihr größer, als je zuvor, denn sie nannte sie ein unverdientes Glück, dessen sie sich würdig machen müsse. Sie erschrak vor der langen Reihe von Tagen, die sie in ihrem dumpfen Schmerze verloren; sie hatte sie den Eltern entzogen und musste diese dafür entschädigen. Jede Stunde wurde ihr werth, jeder Tag kostbar, denn es galt, eine Schuld der Dankbarkeit zu zahlen, Liebespflichten zu erfüllen und dem Lebenszwecke zu genügen, den sie sich in der Erziehung Paul's gestellt hatte.
Vorlage S. 393
1400
Wenn die Mutter ihre Freude darüber aussprach, dass der Blick der Tochter sich erhelle, wenn der Vater es mit Genugthuung bemerkte, dass sie sich wieder mit erhöhtem Eifer ihren früheren Beschäftigungen und Studien überließ, und wenn beide geneigt waren, diese glückliche Wandlung auf Herbert's Einfluß zu schieben, so pflegte Seba Paul an sich heranzuziehen und mit ihrem schwermüthigen Lächeln freundlich zu sagen: Ich weiß wohl, wie viel Ermunterung ich Herbert schulde, aber dass ich für dieselbe empfänglich geworden bin, das danke ich dem Paul. Ich habe ihn an Kindesstatt angenommen und er muss doch ein gutes Beispiel an mir haben! Man nahm das für einen Scherz, freute sich, dass Seba wieder scherzen mochte, und hinderte sie nicht, den Knaben so viel als möglich in ihrer Nähe zu haben, der still und ernsthaft, wie er sich von Anfang an erwiesen, zwischen seiner Beschützerin und ihrem Freunde Herbert heranwuchs.
Vorlage S. 393
1401
Er war keines der Kinder, die durch geistreiche Einfälle überraschen, durch lebhafte Gefühlsäußerungen für sich einnehmen, aber er beobachtete scharf, und weil er in dem Hause seiner Pflegeeltern niemals eine besondere Anregung zum Aussprechen seiner Gedanken erhalten, hatte er schweigen, sich beherrschen und seine Eindrücke in sich festhalten gelernt. Ohne ein Wort davon kund zu geben, ohne danach zu fragen, hatte er sich auf seine Art eine eigene Vorstellung davon gebildet, dass eine Aehnlichkeit zwischen dem Schicksale seiner Mutter und dem Schicksale Seba's obwalte, dass Graf Berka Seba eben so unglücklich gemacht habe, als der Freiherr von Arten seine Mutter, und wenn er auch nicht völlig verstand, was seine Beschützerin damit meinte, dass sie ihm ihre Wiederherstellung verdanke, so wusste er doch, dass seine Liebe ihr wohlthue, dass er die Macht habe, ihr Freude zu bereiten, und dass er Niemanden lieber habe, als sie.
Vorlage S. 394
1402
Er war fleißig, weil Seba ihn dann belobte; er lernte die lebenden Sprachen gern und schnell, weil sie ihn darin unterrichtete, und unmerklich, wie unser ganzes Denken und Tun auf die Kinderseelen einwirkt, prägten sich ihm die Vorstellungen und die Anschauungsweise der Personen ein, denen er seine Liebe zugewendet hatte.
Vorlage S. 394
1403
Er hörte in der jüdischen Familie über die Vorurtheile klagen, welche die Menschen von einander halten, er hörte den Hochmuth und die Anmaßungen des Adels, die hohlen Ansprüche der Beamtenwelt, die Unduldsamkeit der verschiedenen Culte gegen einander bald bedauern, bald tadeln und verspotten, und seine eigenen kleinen Erlebnisse boten ihm Beweise und Erklärungen für die Grundsätze, welche er ohne das vielleicht nicht verstanden haben würde. Der Kriegsrath und seine Frau, wie freundlich sie der Flies'schen Familie begegneten, sprachen doch immer mit einer gewissen Geringschätzung von ihrem Wirthe, weil er ein Jude und nur ein Kaufmann war; aber was der Knabe sah und hörte, fiel Alles zu Gunsten dieses Juden und seiner Familie aus. Oben bei seinen Pflegeeltern hatte Alles ein doppeltes Gesicht, unten bei den Juden blieben die Dinge sich immer gleich. Der Kriegsrath und Laura waren im Beisein dritter Personen lauter Güte und Freundlichkeit mit einander; befanden sie sich allein, so sprach Herr Weißenbach nur selten mit seiner Frau, und es gab Mißhelligkeiten und Verdruss von allen Arten. Weil man vor den Leuten den Aufwand zeigen wollte, der einer angesehenen Beamtenfamilie zukam, sparte und geizte man, wo Andere es nicht sahen, und während man überall von Menschenpflichten und christlicher Liebe sprach, war man für die Aufrechthaltung des äußeren Anstandes jedes Thalers und Groschens so benöthigt, dass man dem Nothleidenden beizuspringen sich versagen musste.
Vorlage S. 394
1404
Der Kriegsrath litt von diesen Zuständen ganz unverkennbar. Er klagte, dass Alles theurer werde, ohne dass die Einnahmen des Beamten sich vergrößerten; er wollte, dass sich Laura die gewohnten Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten versagte, und doch sah er selber es nicht gern, wenn sie weniger wohl gekleidet, weniger heiter schien, wenn den Standesgenossen und Collegen nicht die frühere Gastfreiheit bewiesen wurde. Was sollten sie von seiner Lage denken, wenn er bei gleichen äußeren Umständen nicht die gleichen Lebensgewohnheiten aufrecht erhielt? Paul hörte ihn oftmals sagen, dass derjenige glücklich sei, welcher nur nach seinem eigenen Ermessen leben könne, der nicht zu überlegen brauche, wie Vorgesetzte und Collegen sein Tun und Treiben ansähen, und unwillkürlich, wenn der Kriegsrath dem Knaben Mitleid mit seinen Sorgen einflößte, dachte der Knabe, dass er niemals ein Beamter werden wolle, um tun und lassen zu können, was er wolle, und sich um Niemanden kehren zu dürfen, wie Herr Flies.
Vorlage S. 395
1405
Unfähig, in seinem Urteile das Besondere von dem Allgemeinen verständig zu sondern, fasste er doch seine Meinung über die üble Lage der Beamten und über das beneidenswerthe Loos des Kaufmanns; denn in gleichem Grade, wie bei seinen Pflegeeltern die heimlichen Verlegenheiten und Entbehrungen wuchsen, gedieh durch die Handelsspeculationen des Vaters Alles in dem Flies'schen Hause.
Vorlage S. 396
1406
Das Notwendige war im Ueberfluß vorhanden, alles Erwünschte konnte man sich bereiten und schaffen. Die liebevolle Sorgfalt, mit welcher die Eheleute einander begegneten, wurde nur von der Hingebung der Tochter für die Eltern übertroffen. Die alten Dienstboten, die Comptoir-Gehülfen waren wohl gehalten, kein Armer, kein Hülfsbedürftiger ging ungetröstet von dannen, und doch waren diese Menschen, die das Gute thaten, wo sie irgend konnten, keine guten Protestanten, keine Christen, wie seine Pflegeeltern; doch hatten sie kein Amt, kein Ansehen vor der Welt, trotzdem die Personen, welche als Freunde ihr Haus besuchten, sie achteten und liebten, und Viele, die er in herablassender Vornehmheit von Herrn Flies sprechen hören, sich heimlich Rath und Hülfe suchend an denselben wendeten.
Vorlage S. 396
1407
Bei seinen Pflegeeltern urtheilte man wegwerfend über die Juden, misstrauisch und widerwillig über die Katholiken, und bei seinen Freunden lächelte man über die Wunder, welche der Knabe in der Schule als Glaubenssätze hinzunehmen hatte. Niemand ließ es sich besonders angelegen sein, in ihm die dem Menschengeiste innewohnende Folgerichtigkeit des Denkens und Schließens zu Gunsten der uralten Mythen und der phantastischen Ueberlieferungen zu beschränken oder zu verwirren, aus denen sich das äußere Gewand aller positiven Religionen zusammensetzt. Er hörte, dass sein Vater katholisch sei, auch der Herr Caplan, der sich im Verlaufe der Jahre ein paar Mal nach ihm erkundigen gekommen, war ein Katholik, seine Pflegeeltern waren Protestanten, die ihm liebsten Menschen, Seba und ihre Eltern, waren Juden, und Einer wie der Andere sprach geringschätzend von dem Glauben, zu dem er sich nicht selbst bekannte. Das zerstörte in dem Knaben unmerklich aber sicher das eigentliche Glaubensvermögen, und die hingeworfene Aeußerung der Kriegsräthin, dass der Herr Caplan wohl daran denken möge, Paul einmal katholisch zu machen, da er ja auch die Frau Baronin bekehrt habe, brachte diesem frühzeitig den Begriff bei, dass die Religion dem Menschen nicht angeboren, nicht unzertrennlich Eins mit ihm sei, sondern dass man sie wählen oder wechseln könne. Sie däuchte ihm wie ein Stand, wie ein Beruf zu sein, den man sich erwähle, und da Kinder leicht von den Zufälligkeiten des einzelnen Falles allgemeine Folgerungen ziehen, überraschte Paul eines Tages Seba und ihren Freund mit der plötzlich ausgesprochenen Erklärung, dass er nicht katholisch, sondern ein Jude werden wolle.
Vorlage S. 396
1408
Man sah ihn verwundert an und lachte über ihn, wie man über Kinder zu lachen pflegt, wenn man sich nicht die Mühe nehmen will, ihren Aeußerungen nachzudenken; aber Paul wiederholte seine Erklärung so bestimmt, dass Herbert, der um Seba's willen sich ihm zugewendet hatte, die Frage an ihn richtete, wie er darauf komme.
Vorlage S. 397
1409
Sie sagen ja, dass Sie wieder nach Richten fahren werden, da sollen Sie es dem Herrn Caplan bestellen, dass ich nicht katholisch werden will! erklärte der Knabe.
Vorlage S. 397
1410
Aber weßhalb denn nicht? fragte Herbert scherzend.
Vorlage S. 397
1411
Paul besann sich. Weil – hob er an, brach dann ab und sagte, als finde er nicht für gut, seine Gründe anzugeben, kurz und trocken: Ich will ein Kaufmann werden wie Dein Vater, Seba. Der ist gut zu Deiner Mutter und behält Dich bei sich!
Vorlage S. 397
1412
Herbert und Seba verstanden beide die lange Gedankenreihe, welche sich hinter den Worten des Knaben verbarg und in der sich Richtiges und Falsches, scharfe Schlüsse und auffallende Begriffsverwechslungen mit einander nach Kinderart vermischten; aber Herbert meinte, es sei nicht der übelste Gedanke, auf welchen der Knabe verfalle, wenn er Kaufmann werden wolle. Seba wendete ein, dass der Herr Caplan einmal geäußert, Paul solle, wenn er erwachsen sei, die Rechte studiren, da man ihn für den Staatsdienst bestimme; Herbert jedoch legte darauf kein Gewicht.
Vorlage S. 398
1413
Der Herr Caplan wird nicht ewig leben, sagte er; und was dann?
Vorlage S. 398
1414
Seba antwortete ihm leise; auch Herbert's Gegenrede wurde so leise gegeben, dass der Knabe fühlte, man wolle sie ihm entziehen; indeß er hatte doch einzelne Worte vernommen, und diese reichten hin, ihn in der Voraussetzung zu bestärken, dass sein Vater sich nicht eben um ihn sorge, da in Schloß Richten Jedermann vollauf mit sich selbst zu tun habe.
Vorlage S. 398
1415
Am nämlichen Abende, als Seba sich mit dem Knaben allein befand, fragte er sie, was sie wohl tun würde, wenn ihr Vater sie nicht mehr liebte.
Vorlage S. 398
1416
Ich würde mich bemühen, seine Liebe zu verdienen! gab sie ihm zur Antwort.
Vorlage S. 398
1417
Ja, wenn Du bei ihm wärest! meinte er; aber wenn man nicht bei seinem Vater ist?
Vorlage S. 398
1418
Dann würde ich suchen, mich so tüchtig und so brav zu machen, dass er stolz auf mich werden und mich zu sich rufen müsste!
Vorlage S. 398
1419
Der Knabe hatte jedoch offenbar einen anderen Bescheid erwartet, denn er blickte sie unbefriedigt an, als wisse er sich nicht zu helfen, bis er nach einer Weile, sichtlich beruhigt durch die Lösung, welche er in sich gefunden hatte, achselzuckend sagte: Freilich, Du bist auch nur ein Mädchen, Du kannst nicht in die weite Welt gehen!
Vorlage S. 398
1420
Sie mochte das absichtlich gar nicht weiter berühren, denn je mehr Paul heranwuchs, um so lebhafter entwickelte sich seine Phantasie, und was diese erschaffen hatte, dessen bemächtigte sich die schweigende Beharrlichkeit des Knaben und spann es aus und hielt es fest, bis man bei irgend einem zufälligen Anlasse es gewahrte, dass er wieder eine neue und feste Vorstellung gewonnen, einen eigenen Gedanken gefasst habe. Jeder selbstgewonnene Gedanke ist aber eine Stufe zu der Selbständigkeit, durch welche das Kind sich von seinem Ursprunge ablöst, um sich als gesonderte Persönlichkeit in die Gesammtheit einzureihen und in derselben zu behaupten.
Vorlage S. 399
1421
Es ist schwer zu bemerken, dieses allmähliche Aufsteigen zur Selbständigkeit, schwerer noch, anzugeben, durch welche unscheinbaren Mittel und Anstöße es gefördert und geleitet wird. Es waltet auch hier, wie über allem Werden ein Geheimnis, das sich in dem Einen langsam, in dem Andern plötzlich enthüllt, so dass wir bisweilen staunend da stehen und uns fragen: Ist dies dasselbe Wesen, das wir kannten? Ist dies der Knabe, der Jüngling, der noch gestern vor uns stand? Wir glauben ein Wunder zu sehen, weil wir nicht beobachtet, nicht verstanden haben, was geschah; und nicht nur an Anderen, auch an sich selber glaubt man solche Räthsel, solche Wunder zu erleben, wenn man aus irgend einem Grunde sein Herz nicht prüfen, wenn man nicht untersuchen mag, was man fühlt und denkt.
Vorlage S. 399
1422
Zwölftes Capitel
Vorlage S. 400
1423
In der Lage, eine ernste Selbstprüfung zu scheuen, befand die Baronin von Arten sich seit langer Zeit. Sie war nicht wieder Herr über sich selbst geworden, seit sie es sich und der Herzogin eingestanden, dass sie Herbert liebe, und seit dieser vollends durch ihre Schuld das Schloß verlassen hatte, konnte sie nicht mehr zur Ruhe kommen.
Vorlage S. 400
1424
Getheilt zwischen ihrem Pflichtgefühl und zwischen der Leidenschaft einer ersten Liebe, die um so stärker in ihr brannte, als sie nicht in dem blöden Herzen eines Mädchens, sondern in der vollbewußten Seele einer reifen Frau entstanden war, eben so bange vor der Hoffnung, geliebt zu werden, als vor der Besorgniß, ihre Liebe nicht erwiedert zu finden, suchte sie Anfangs Trost in dem Rathe des bewährten Freundes, des Caplans; aber ihr eigener aufgeregter Sinn und der Einfluß der Herzogin hatten auch Angelika's Verhältnis zu ihrem Beichtiger angetastet und getrübt.
Vorlage S. 400
1425
Wenn der Caplan ihr bewies, dass die Entfernung Herbert's notwendig gewesen sei, sofern sie nicht habe eidbrüchig werden wollen, so konnte er bemerken, wie sich statt der Reue über ihre Liebe eine Empörung gegen ihre Ehe in ihr erhob und wie sie sich jetzt mit einer gewissen Befriedigung der Vergangenheit und der Abenteuer ihres Gatten erinnerte, um in ihnen eine Beschönigung für ihr eigenes schwankendes Herz zu finden. Alles, was der Geistliche ihr zu bedenken gab, wurde mit der Herzogin durchgesprochen, und da die Frauen trotz der großen Verschwiegenheit, deren sie fähig sind, in ihrem Vertrauen keine Grenze kennen, wenn sie den ersten Verrath an ihrem eigenen Geheimnis begangen, so erfuhr die Herzogin nicht nur Alles, was Angelika wollte und wünschte, hoffte und fürchtete, sondern auch Alles, was zwischen ihr und ihrem Beichtiger geschehen war und geschah. Selbst das stille, heilige Geheimnis seines Herzens, welches er der Baronin einst als Zeichen seines Glaubens an sie enthüllt, wurde der Herzogin Preis gegeben und von ihr gegen den Caplan benutzt.
Vorlage S. 400
1426
Sie tadelte ihn nicht, im Gegentheil, sie lobte, sie bewunderte seine Entsagung, aber sie beklagte es, dass sein Leben nicht reicher, seine Erfahrung nicht ausgebreiteter gewesen, dass er immer in den engen Kreis der freiherrlichen Familie gebannt geblieben sei. Sie nannte es ein Unglück, dass er auf diese Weise nicht habe begreifen lernen, wie es nicht Jedem gegeben sei, seinen Frieden auf die gleiche Weise zu finden, auf die gleiche Weise zum Abschlusse zu kommen, und sie erinnerte daran, dass es leichter sei, sich von einer sterbenden Heiligen loszureißen, deren achten der Liebe man sich sicher fühle, als von einem Manne, dem man in der Absicht, sich selbst zu erretten, eine Beleidigung zugefügt habe.
Vorlage S. 401
1427
Für einen irregeleiteten Sinn giebt es aber nichts Gefährlicheres, als einen falschen Freund, der ausspricht, was man sich nicht einzugestehen wagt, der vorschlägt, was man heimlich ersehnt, und der dadurch in demselben Grade an Herrschaft über den verblendeten Menschen gewinnt, wie dieser sie über sich verliert. Der Einfluß der Herzogin gründete sich auf Angelika's Liebe, an deren Entstehung jene weit mehr Anteil hatte, als die Baronin es für möglich erachtet haben würde. Diese Liebe und das aus ihr entspringende Schuldbewußtsein mussten also erhalten, mussten gesteigert werden, wollte die Herzogin ihre Herrschaft bewahren. Sie wurde überflüssig, wenn Angelika zum Frieden mit sich selbst gelangte; ihre Macht in der freiherrlichen Familie wurde größer, wenn es ihr gelang, Angelika und Herbert einander näher zu bringen und dem Freiherrn auch nur den leisesten Zweifel an der unverbrüchlichen Tugend seiner Gattin einzuflößen.
Vorlage S. 401
1428
Die Herzogin hatte es daher seiner Zeit kaum bemerkt, dass Angelika die Härte bedauerte, mit welcher sie Herbert von sich aus und aus ihrer Gesellschaft entfernt, und dass sie ihn wiederzusehen, ihm die Kränkung zu vergüten wünschte, die sie ihm zugefügt, so war sie auch schnell bereit, den Fehler ungeschehen zu machen, den sie mit ihrem ersten Rathschlusse begangen zu haben fühlte. Sie gestand der Baronin, dass sie sich über die Stärke ihrer Leidenschaft getäuscht, dass sie gehofft habe, eine kurze Entfernung werde genügen, das Bild des jungen Mannes in der Phantasie der Baronin erbleichen zu lassen, und wie sie derselben jetzt keinen anderen Weg zu rathen wisse, als sich nun durch ein völliges und rückhaltloses Aussprechen mit Herbert, wozu ihr bei der nächsten Anwesenheit des jungen Mannes die Gelegenheit nicht fehlen könne, die notwendige Befreiung ihres Herzens zu bereiten.
Vorlage S. 402
1429
Diese Vorstellung schmeichelte dem verschwiegenen Wunsche der liebenden Frau, und die Aussicht, Herbert wiederzusehen, nahm ihre ganze Seele gefangen. Indeß Angelika war es noch nicht gewohnt, sich in Zwiespalt mit sich und ihrem Gewissen zu finden, und wenn sie es sich eben mit aller Kraft ihres Herzens ausgemalt hatte, was sie alles Herbert sagen, was sie dabei empfinden, was er ihr antworten werde, so warf ein Blick auf ihren Sohn sie in die lebhafteste Reue zurück und sie fühlte sich unfähig, ihrem Gatten zu begegnen oder ihre Stirne vor dem sanften sorgenvollen Auge ihres geistlichen Berathers zu erheben.
Vorlage S. 402
1430
Ihre Liebe steigerte sich an ihrem innern Kampfe, und Herbert zögerte, zu kommen. In jeder Woche, an jedem Tage durfte man auf seine Ankunft rechnen, denn die Zeit der Arbeitseinstellung nahte für dieses Jahr heran, und auch der Amtmann hatte Gründe, dieselbe lebhaft zu ersehnen.
Vorlage S. 402
1431
Endlich, gegen das Ende des October, traf Herbert an einem Morgen im Amthause ein, und ritt am Nachmittage, als er den Bau in allen seinen Theilen besichtigt, nach Richten hinüber. Es war eine sehr quälende Empfindung, mit welcher er das Schloß betrat. Man sagte ihm, dass Besuch im Hause sei; er ließ sich melden, wurde angenommen, und heiter und zutraulich wie in den besten Tagen kam der Freiherr ihm entgegen. Er hatte ein paar Edelleute bei sich, denen er Herbert als einen sehr verdienten jungen Künstler vorstellte, als den Sohn eines Freundes, an dem er also doppelt Theil nehme.
Vorlage S. 403
1432
Der Freiherr legte dabei jene bequemen weltmännischen Manieren an den Tag, die ihn so vortrefflich kleideten, aber sie machten auf Herbert nicht mehr den wohlthuenden Eindruck wie sonst, sie beleidigten ihn vielmehr. Er fühlte, dass diese liebenswürdige Herablassung nur eine Schaustellung sei, in welcher der Freiherr sich vor seinen Gästen gefiel, und er sagte sich, dass er ihn selbst mit seiner Freundlichkeit beleidige, da er, indem er sich es erlaube, ihn nach seiner jedesmaligen Neigung zu behandeln, das Rechtsverhältniß zwischen ihnen aufhebe, nach welchem jeder rechtschaffene Mensch von den Personen, mit denen er verkehrt, vor allen Dingen die ihm gebührende gleichmäßige Behandlung zu verlangen habe.
Vorlage S. 403
1433
Der Freiherr führte Herbert darauf in sein Arbeits-Cabinet, das Geschäftliche wurde mit gewohnter Leichtigkeit behandelt, es war auch gelegentlich von dem Baue des Pavillons oder Tempels wieder die Rede, und Herbert, der jetzt eben so viel Scheu davor trug, der Baronin zu begegnen, als er in früheren Tagen Verlangen gehegt, sie in dieses Zimmer treten zu sehen, wusste den Gang der Verhandlungen noch zu beschleunigen. Mehrmals glaubte er jenes Rauschen eines seidenen Kleides zu vernehmen, welches ihm sonst das Herz bewegt hatte. Aber Niemand erschien; und als er auf des Freiherrn Worte, dass er ihn morgen wiederzusehen hoffe, dass er ihn morgen zur Mittagstafel erwarte, notwendige Geschäfte vorgab, die ihn in der nächsten Frühe abzureisen nöthigten, nahm Jener das an, ohne ihm für den gegenwärtigen Tag eine Einladung zu machen, und entließ ihn freundlich, aber eilig.
Vorlage S. 403
1434
Es ward Herbert erst wieder frei ums Herz, als er das Portal des Schlosses hinter sich hatte und als er, durch den kalten, windigen Nachmittag den wohlbekannten Weg nach Rothenfeld zurückreitend, die Rauchsäule aus dem breiten Schornstein des Amthauses über die dasselbe umgebenden Bäume emporwirbeln sah.
Vorlage S. 404
1435
Die Sonne war im Untergehen, als er den Hof erreichte. Einer der Knechte nahm ihm das Pferd ab. Als er zu ebener Erde in die bereits geheizte Stube trat, fand er sie leer. Er setzte sich an das Fenster, in welches die helle Gluth des Abendrothes hineinstrahlte. Draußen fuhr ein vierspänniger Wagen, mit einem gewaltigen Eichenstamme beladen, langsam in den Hof, während die letzten Schläge der Dreschenden auf der Tenne verklangen, und die Krähen in wählerisch kreisendem Fluge ihr Nachtquartier auf den Dächern der Scheunen und Ställe aufsuchten. Er sah, wie man die Pferde von dem Wagen abspannte, wie man sie in die Ställe führte, wie die Thüren der Scheunen geschlossen wurden, wie die Arbeiter einer nach dem andern sich entfernten und wie die Gluth und Farbenpracht des Himmels erloschen, und in die Dämmerung versanken. Das milde Zwielicht, die Wärme des Zimmers, das bekannte Ticken der alten Uhr, das vom Flur hereintönte, waren ihm äußerst angenehm. Er wusste, dass seines Bleibens auch hier nicht sei, aber er fühlte seinen aufgeregten Sinn von dieser Umgebung, in welcher Alles von der ruhigen Dauer eingewohnter Zustände Kunde gab, angenehm besänftigt.
Vorlage S. 404
1436
Was denken Sie? fragte ihn Eva, als sie, das große Schlüsselbund am Gürtel, in das Zimmer trat und in der Nähe des Ofens die Hände gegen einander rieb, die ihr beim Schaffen in Küche und Kammer kalt geworden waren.
Vorlage S. 405
1437
Ich denke, wie heimisch ich hier bin!
Vorlage S. 405
1438
Heimisch? wiederholte sie; und das fällt Ihnen heute ein, da Sie eben so lange von uns fort gewesen sind?
Vorlage S. 405
1439
Ja, eben deßhalb, denn es ist mir, als sei ich endlich wieder nach Hause gekommen! Ich bin so gern hier!
Vorlage S. 405
1440
Er sagte das ohne jede Galanterie, und sie nahm es eben so einfach auf, ohne sich in ihrer häuslichen Tätigkeit stören zu lassen. Sie langte einen Fruchtkorb aus dem großen Glasschranke herunter, füllte ihn mit den frischduftenden Aepfeln und Pflaumen, welche eine Magd ihr zutrug, zündete darauf die Lichter an und setzte sich Herbert gegenüber an das Fenster.
Vorlage S. 405
1441
Sind Sie mit meinem Bruder zufrieden? fragte sie nach einer Weile. Er hat arbeiten lassen, so viel er irgend konnte, und mir scheint auch, als wäre man im Innern mit dem Baue tüchtig vorwärts gekommen.
Vorlage S. 405
1442
Waren Sie dort, liebe Eva?
Vorlage S. 405
1443
Ja, alle Tage, versetzte sie, und ich habe den Bruder recht darum gequält, dass er hübsch viel Leute anstellen sollte, fügte sie hinzu; aber Sie glauben gar nicht, wie er von allen Ecken und Enden geplagt wird. Sie gönnen ihm jetzt keine Stunde Ruhe, und es wäre bald nötig, dass er und ich Alles mit eigenen Händen thäten. Denn wo ein Knecht oder eine Magd nur irgend anstellig ist, da werden sie jetzt zur Aushülfe aufs Schloß und zu den neuen Anlagen in den Treibhäusern befohlen, und alles Andere mag sehen, wie es fertig wird. Auch nach Ihnen haben sie in den letzten Wochen schon einige Male gefragt!
Vorlage S. 405
1444
Der Freiherr wusste ja, bedeutete der Architekt, dass ich vor Ende dieses Monates nicht zu kommen brauchte.
Vorlage S. 406
1445
Das hatte er längst vergessen, meinte Eva, denn er hat jetzt an ganz andere Leute und an ganz andere Dinge zu denken, als an Sie und Ihren Bau. Meine Mutter pflegte schon immer zu sagen: Die Herrschaften haben ein gehorsames Gedächtnis! Was sie nicht eben selbst angeht, was ihnen nicht nötig oder unterhaltend ist, das vergessen sie.
Vorlage S. 406
1446
Eva hob dabei den Kopf mit einer kleinen wegwerfenden Miene in die Höhe, und Herbert schwieg. Er hatte Gelegenheit gehabt, ähnliche Erfahrungen zu machen, aber er mochte nicht davon sprechen, sondern verlangte zu hören, wie es Eva während seiner Abwesenheit ergangen sei.
Vorlage S. 406
1447
O, meinte sie, davon ist mancherlei zu erzählen. Ich habe hier zuweilen sehr vornehmen Besuch gehabt. Die Frau Baronin ist selbst mehrmals bei uns gewesen, und hat bei mir nachgefragt, ob wir die Herbstlieferungen auch zur rechten Zeit und gehörig besorgen würden.
Vorlage S. 406
1448
Sie sprach das mit unverkennbarem Spotte, und Herbert fragte, über die Thatsache erstaunt, ob denn die Baronin eine Landwirthin sei.
Vorlage S. 406
1449
O nein, rief Eva; sie wusste auch eigentlich gar nicht, was sie sagen oder wonach sie fragen sollte.
Vorlage S. 406
1450
War sie denn nie zuvor im Amte?
Vorlage S. 406
1451
Ja, einmal vor Jahren, als sie mit dem gnädigen Herrn in Richten eingetroffen war, und damit half sie sich auch, als sie jetzt zum ersten Male hieher kam. Sie sagte, sie wolle das Haus sehen, ich sollte es ihr zeigen, aber das ganze Haus. Ich musste also auch Ihr Zimmer aufschließen, Mosje Herbert, denn sie verlangte ausdrücklich zu wissen, wo Sie hier untergebracht wären; und als ich dann die Laden oben bei Ihnen aufgemacht hatte, setzte sie sich eine Weile auf Ihren Stuhl an das alte Bureau, an dem Sie schreiben, sah da zum Fenster hinaus und rief immer: Welch' schöne Aussicht! Welch' liebliche Aussicht! Aber von hier sieht man ja das Schloß nicht! Hat Sie denn kein Zimmer, Mamsell Eva, das nach dem Schlosse hinaussieht? Das hätte Sie dem Herrn Architekten geben sollen! – Ich musste ihr darauf auch die Hinterstuben öffnen, denn sie wollte nicht glauben, dass man hier vom Amte das Schloß gar nicht sehen könne.
Vorlage S. 406
1452
War der Baron mit ihr? fragte Herbert, und es fiel ihm auf, wie gleichgültig er sich nach der Frau erkundigen konnte, an die er einst mit so leidenschaftlicher Verehrung und Hingebung gedacht hatte.
Vorlage S. 407
1453
Nein, sie kam ganz allein, entgegnete ihm Eva. Sonst freilich, als sie noch öfter nach den Leuten, nach den Armen und Kranken sehen fuhr, da pflegte der Herr Caplan sie bei ihren Ausfahrten zu begleiten. Seit aber die Frau Herzogin immer mit ihr ist, haben die Krankenbesuche fast ganz aufgehört, und hierher – nun, hier wollte sie wohl die Herzogin nicht bei sich haben!
Vorlage S. 407
1454
Herbert meinte, das sei also der eine Besuch gewesen, was die Baronin denn bei den anderen Besuchen gewollt habe?
Vorlage S. 407
1455
O, gar nichts, entgegnete Eva. Die anderen Male ließ sie nur hier halten und erkundigte sich, wann Sie kämen, weil sie gern ein paar Zeichnungen für die Betschemel in ihrer Kirche von Ihnen gemacht haben wollte. Vorgestern aber stieg sie aus; das Wetter war sehr schön, und weil sie Durst hatte, befahl sie, dass ich ihr ein Glas frische Milch in den Garten bringen sollte. Als ich sie dorthin geführt hatte und rasch nach dem Milchkeller laufen wollte, rief sie mich zurück und sagte, sie hätte damals oben in Ihrer Stube ihr Notizbuch liegen lassen, wegen dessen sei sie eigentlich gekommen, und ich sollte ihr das holen.
Vorlage S. 407
1456
Hatten Sie es denn nicht gefunden? fragte Herbert, dem die Erzählung immer auffallender wurde.
Vorlage S. 408
1457
Gott bewahre! Ich sagte das auch gleich, aber die Frau Baronin meinte, es müsse da sein, und als ich wiederholte, dass ich selbst eben erst das Zimmer in Ordnung gebracht, weil wir Sie jetzt alle Tage erwarteten, bestand sie darauf, selbst nachzusehen, weil ihr an dem Notizbuche, in das sie sich notwendige Sachen eingeschrieben, gar zu viel gelegen sei. Es müsse auf dem Bureau liegen geblieben sein, behauptete sie. Sie ging denn auch gleich gerades Weges an das Bureau, schob die paar Bücher, welche Sie zurückgelassen hatten, hin und her – als ob ich das nicht selbst beim Abstäuben getan hätte –, zog die große Schieblade auf, was nun erst ganz überflüssig war, und ....
Vorlage S. 408
1458
Und? fragte Herbert lebhaft gespannt.
Vorlage S. 408
1459
Und als sie dann natürlich nichts gefunden hatte, da ging sie gerade so fort, wie sie gekommen war, und ich musste sie noch daran erinnern, dass sie so starken Durst gehabt und Milch befohlen hatte.
Vorlage S. 408
1460
Sie brach damit ihren Bericht in derselben spottenden Weise ab, in welcher sie ihn begonnen hatte, Herbert ließ es auch dabei bewenden. Das war Eva aber offenbar nicht recht. Sie sah ihn an, als wolle sie in seinen Mienen lesen, ihn zum Sprechen auffordern, und da er dies nicht zu bemerken schien, rief sie plötzlich: Dass Ihnen all diese Besuche nicht einmal auffallen, Mosje Herbert, und dass Sie sie ganz natürlich finden würden, das hätte ich nicht gedacht! – Nein, das hätte ich wirklich nicht gedacht – von Ihnen nicht gedacht! wiederholte sie mit einer Stimme, der man den unterdrückten Zorn anhörte, und ging hastig von dannen, ohne darauf zu achten, dass Herbert ihr folgte und sie zu bleiben bat.
Vorlage S. 408
1461
Da sie sich in die Mägdestube zu den Spinnenden begab, in deren Gegenwart er sie doch nicht sprechen konnte, nahm er sein Licht und ging auf sein Zimmer. Hier also war Angelika gewesen!
Vorlage S. 408
1462
Herbert blickte umher, als suche er eine Spur von Angelika's Anwesenheit, aber er fühlte kein Vergnügen dabei. Ihn überkam ein Mißtrauen und eine Unruhe, die er nicht mehr empfunden, seit er sich von Richten entfernt hatte, und vor Allem verdroß es ihn, dass er Eva unzufrieden wusste, denn er hatte sie lieb und war sicher, dass auch er ihr theuer sei. Es lagen so viel Unschuld und Wahrhaftigkeit in der Weise, in welcher sie ihm ihre Neigung kund gab, und die ganzen Verhältnisse waren auch so natürlich zwischen ihm und ihr, dass er fühlte, wie es für ihn im Grunde nur seiner einfachen Anfrage bedürfe, damit er in Eva eine Frau gewinne, wie sein Vater sie ihm schon lange zu geben gewünscht und wie er sie zuweilen auch ersehnt hatte, wenn er, von seinen Geschäftsreisen heimkehrend, sich einsam in sein einsames Zimmer begeben müssen. War es ihm doch gerade heute bei seiner Ankunft in Rothenfeld so erquicklich gewesen, von Eva's freundlichem Blicke, von ihrem herzlichen Willkomm empfangen zu werden, so erquicklich, dass er sich kaum enthalten können, sie in seiner Freude, als gehöre sie schon lange zu ihm, an das Herz zu drücken.
Vorlage S. 409
1463
Er setzte sich an das Bureau nieder. Das Zimmer war auf das vorsorglichste für ihn bereitet; trotz der späten Jahreszeit stand noch ein frischer Strauß auf der Commode unter dem Spiegel, und ein zweiter, wie er es liebte, auf seinem Bureau. Er wusste Eva für dieses Eingehen auf seine kleinen Neigungen von Herzen Dank, und er hatte sie dafür noch lieber. Indem zog er die große Schieblade auf, um etwas aus seinen Papieren herauszusuchen. Als er die oberen Lagen derselben aufgehoben hatte, hielt er plötzlich betroffen inne. Zwischen den Papieren, welche er dort aufbewahrt, weil sie sich auf den Bau bezogen, lag ein versiegelter Brief ohne Adresse und ohne Zeichen im Petschaft: aber er zweifelte nicht, von wem er käme, und ihn hastig eröffnend, las er die Herder'schen Worte:
Vorlage S. 409
1464
Leichter ist es der Seele, die schwersten Schmerzen zu dulden,
Vorlage S. 410
1465
Als dem Auge, sich selbst einem Geliebten entziehn!
Vorlage S. 410
1466
Eine wunderbare Empfindung durchzuckte ihn. Er konnte seine Augen nicht von dem Blatte und von den Worten abwenden. Wenn es wahr wäre? Wenn sie dich dennoch liebte und hätte nur ihr eigenes Herz verkannt? Und hätte dich nur von sich gewiesen, um den Argwohn ihres Gatten zu beschwichtigen? dachte er.
Vorlage S. 410
1467
Er fühlte sich aufgeregt, er fühlte eine freudige Genugthuung, aber das währte nur einen kurzen Augenblick und machte bald einer entgegengesetzten Empfindung Platz. Sein Ehrgefühl schreckte vor einem solchen Liebeshandel zurück, und die Frau, welche daran denken konnte, ihn einzugehen, war nicht mehr jene reine, schuldlose und unglückliche Seele, zu der er einst mit so verehrender Liebe emporgesehen hatte. Er wollte nicht wieder der Spielball seiner eigenen Empfindungen oder gar das Spielzeug in den Händen einer Frau werden, die sich, gerade wie ihr Gatte, das Recht zuzuerkennen schien, ihn nach ihrem Belieben wider seinen Willen anzuziehen und abzustoßen, und der Gedanke, was Eva empfunden haben würde, hätte ein Zufall oder ihre eigene zärtliche Neugier ihr dieses Papier in die Hände gespielt, nahm ihn noch entschiedener gegen die Baronin ein.
Vorlage S. 410
1468
Er dachte daran, ihr dieses Blättchen zurückzusenden, aber er war Mannes genug, eine Frau unter keinen Verhältnissen bloßzustellen, und mit raschem Entschlusse zerriss er das Papier, um der Baronin in der Weise zu antworten, die seiner Neigung für Eva entsprach und die ihn für immer des Schwankens entheben musste, in welchem er sich sonst zwischen diesen beiden Frauen bewegt.
Vorlage S. 410
1469
Auf dem Punkte, sein Zimmer zu verlassen und die bindende Entscheidung zu treffen, mit welcher er ein für alle Mal seiner Freiheit entsagte, überkam ihn jedoch jene Unsicherheit, welche fast jeder Mann in solcher Lage fühlen muss. Er war entschlossen, Angelika's nicht mehr zu gedenken; indeß noch war er Herr, es zu tun, und er sah sie eben jetzt so deutlich vor Augen. Sie erschien ihm nur schöner, nur reizender, wenn er sie sich hier in diesem schlichten Raume vorstellte, wenn er es sich ausmalte, wie eine Frau gleich ihr am Heerde eines geliebten Mannes walten möge, und ohne dass er es beabsichtigte, versank er in Träume eines Glückes, das ihn schwindeln machte und das weit ablag von dem Vorsatze, den er eben noch gehegt.
Vorlage S. 410
1470
Der Hufschlag eines Pferdes riss ihn in die Wirklichkeit zurück. Der Amtmann kehrte heim. Herbert fuhr sich mit der Hand über die Stirne; es war ihm erwünscht, dass man ihn weckte, dass er mit seinen thörichten Phantasieen nicht länger allein blieb. Er versprach sich, dass sie ihm nicht wiederkommen sollten.
Vorlage S. 411
1471
Als er die Wohnstube betrat, sah er beim ersten Blicke, dass der Amtmann nicht gut aufgelegt war; auch Eva zeigte sich mißmuthig und ging ihm aus dem Wege. Man setzte sich zum Essen nieder, aber es wollte mit der Unterhaltung nicht gehen. Der Amtmann that einige kurze Fragen an seine Wirthschafter, die mit zu Tische saßen, Eva gab die Speise umher, man sättigte sich, aber es ward kein gemeinsames Mahl, und nach jedem Versuche, die obwaltende Verstimmung zu verbergen oder zu besiegen, fühlte man sie nur schwerer auf sich lasten.
Vorlage S. 411
1472
Als die Wirthschafter sich erhoben, erkundigte sich der Amtmann, wie ein Befehlender sich das angewöhnt, ob in seiner Abwesenheit etwas vorgefallen sei, das des Berichtens bedürfe.
Vorlage S. 411
1473
Nein, versetzte der älteste der jungen Männer, nichts! Denn dass der Herr Marquis hier war, wissen ja der Herr Amtmann wohl!
Vorlage S. 411
1474
Ja, entgegnete dieser; aber Herbert sah, dass die Stirne des Amtmanns sich röthete, dass Eva's Wangen ebenfalls erglühten, und auch ihm stieg es heiß vom Herzen in die Höhe. Indeß keiner von ihnen sprach ein Wort. Erst als die Wirthschafter hinaus gegangen waren, fragte der Amtmann, als könne er es nun nicht länger zurückhalten: Warum habe ich das nicht erfahren, Eva?
Vorlage S. 411
1475
Weil ich Dir ansah, dass Du selbst Verdruss gehabt hast! gab sie ihm zur Antwort, und auf ihren beiden Gesichtern sprach sich eine Bitterkeit aus, welche Herbert früher nie in ihnen wahrgenommen hatte. Eva räumte, wie immer, die Geräthschaften fort, der Amtmann ging in seine Schreibstube, die Schwester folgte ihm bald nach. Er hörte den Amtmann mit ihr sprechen; der Ton verrieth, dass es keine ruhige Unterhaltung sei, und er setzte sich wieder an der entgegengesetzten Seite des Zimmers in die Fensterbrüstung, um nicht zu vernehmen, was vielleicht nicht für ihn bestimmt sein mochte. Noch vor wenig Stunden hatte er sich hier so zufrieden, so heimisch gefühlt, jetzt empfand er mit mannigfach erregtem Sinne, dass er doch noch als ein Fremder zwischen diesen ihm so lieb gewordenen Menschen betrachtet werde.
Vorlage S. 412
1476
Indem kam Eva heraus und gesellte sich zu ihm. Sie sahen beide schweigend zum Fenster hinaus. Der Mond war emporgestiegen, man konnte den Hof mit allen seinen Einzelheiten unterscheiden, auch auf Eva's Stirne fiel ein heller Schein. Sie pflegte sonst gern ihr Haupt auf die Hand zu stützen, wenn sie einmal müßig war – heute hatte sie, obschon die Wärme des Zimmers es nicht nötig machte, ihre Arme fest in ihre Schürze gewickelt und über einander geschlagen. Sie war noch immer verstimmt, und Herbert, der sich und ihr darüber forthelfen wollte, sagte scherzend: Weßhalb machen Sie sich so unnahbar, liebe Eva?
Vorlage S. 412
1477
Sie antwortete ihm nicht. Er kam auf die Vermuthung, dass sie mit ihm um der Baronin willen schmolle, und da er eben aus einer Stimmung in die andere geworfen, also selbst nicht ruhig war, sagte er mit jenem gebieterischen Tone, den fast jeder Mann sich gegen das Mädchen erlaubt, von dem er sich geliebt weiß und das er sich zum Weibe ausersehen hat: Ich hasse das stumme Schmollen, Eva!
Vorlage S. 412
1478
Als ob ich daran dächte! und als ob ich es liebte! entgegnete sie, und er hörte, wie das unterdrückte Weinen ihr die Stimme zusammenpreßte. Indeß ehe er sie noch fragen konnte, was geschehen sei, hatte eine der Mägde sie abgerufen, und rasch entschlossen stand er auf und begab sich nach des Amtmanns Stube. Er musste wissen, was hier vorging.
Vorlage S. 413
1479
Adam stand am Pulte bei seinen Rechnungsbüchern, und Herbert äußerte, um die Unterhaltung anzufangen, sein Befremden darüber, dass jener sich noch so spät an die Arbeit gemacht habe und sich nicht Ruhe gönne; aber der Amtmann sagte achselzuckend: Arbeit ist ein Sorgenbrecher, und billiger als Wein, den man sonst den Sorgenbrecher nennt. Ich weiß mir nichts besseres, als Arbeit, wenn mir der Kopf recht voll ist, und wenn ich auf die Weise an den eigentlichen Gegenstand meiner Sorge gar nicht denke, kommt mir in der Regel der beste Rath.
Vorlage S. 413
1480
Der Amtmann hatte damit seinen Platz am Pulte verlassen und angefangen, im Zimmer auf und nieder zu gehen. Da legte Herbert seine Hand auf Adam's Arm und fragte: Sollte sich denn guter Rath nicht auch im Aussprechen mit einem Freunde finden lassen? Ich sehe, dass hier nicht mehr Alles bei dem Alten steht, und ich mochte nicht fragen, was geschehen sei, weil ich es allmählich zu erfahren hoffte. Nun aber mag ich nicht auf meine eigene Einsicht warten, und bitte Sie, lieber Freund, sagen Sie mir, was Sie und Ihre Schwester drückt, und ob ich es Ihnen nicht tragen helfen, nicht erleichtern kann!
Vorlage S. 413
1481
Er hatte das mit so herzlicher Wahrhaftigkeit gesprochen, dass Adam ihm dankbar die Hand dafür drückte. Aber, meinte er, Hülfe und Beistand kann man nur für ein bestimmtes Vorhaben benutzen, und ich weiß noch nicht, was ich tun soll und kann, sondern nur, was ich nicht mag und was ich möchte! – Er hielt ein wenig inne und sagte darauf: Ich mag nicht verwirthschaften sehen, was wir hier seit Menschenaltern schaffen halfen, ich mag nicht in Unfrieden leben, wo wir mit Herrschaft und Insassen stets in gutem Einvernehmen gestanden haben, ich mag auch die Eva hier nicht länger lassen, und darum möchte ich selber fort von hier!
Vorlage S. 413
1482
Sie, Steinert? Sie möchten fort von hier?
Vorlage S. 414
1483
Der Amtmann fuhr sich mit der Hand ein paar Mal durch das krause Haar, wie er es zu tun pflegte, wenn ihm etwas nicht nach seinem Sinne ging. Hart ankommen würde es mir, entgegnete er, aber es wird doch das Ende vom Liede sein. Es ist, als ob sie gar kein Einsehen mehr hätten; als ob sie es noch nie bemerkt hätten, dass Roggen, Weizen, Kartoffeln und Rüben hierlands nicht wie im Paradiese bloß auf Gottes Machtspruch aus der Erde wachsen, dass die Bäume sich nicht von selber pflanzen und fällen, dass man nicht erntet, wo man nicht gesäet hat, und dass man kein Geld schaffen kann, wenn man nicht zur rechten Zeit zu verkaufen im Stande ist! Man hat kaum Hände genug, jetzt, wo die Kälte und das schlechte Wetter vor der Thüre stehen, an jedem Tage das Nöthigste zu leisten, und muss Menschen und Pferde nach allen Ecken und Enden herumsprengen, als ob man die Jahreszeit aufschieben könnte wie eine zu gebende Gesellschaft!
Vorlage S. 414
1484
Was haben sie denn eben jetzt auf dem Schlosse vor? fragte Herbert, dem des Amtmanns Aeußerung über Eva im Sinne lag und der ihn gern von den Beschwerden über die allgemeinen Uebelstände zu bestimmten Mittheilungen bringen wollte.
Vorlage S. 414
1485
Weiß ich's! rief Steinert in ärgerlicher Achtlosigkeit; sie haben ja alle Tage etwas Anderes! Bald ist's ein Maskenfest, bald ein Schäferspiel, wie sie es in Trianon gefeiert, ehe die Hirtentänze in den Tanz übergingen, den sie ihnen dort mit der Carmagnole aufspielten! Dann wieder sind's die Jagden, zu denen Gesellschaft geladen wird! Sie können ja nicht ruhen! – Und sich dann besinnend, fügte er hinzu: Jetzt nun ist's, wie alljährlich, der Hochzeitstag! Und Gott weiß, ob ein Mensch lebt, der sich über diese Hochzeit aufrichtig zu freuen hat!
Vorlage S. 414
1486
Er ging unruhig auf und nieder. Aber was hat Eva mit dem Allem zu tun? fragte der Architekt, weil ihm das am meisten am Herzen lag.
Vorlage S. 415
1487
Indeß der Amtmann war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um sich durch eine Zwischenfrage von ihnen abbringen zu lassen. Mir ist manchmal zu Muthe, sagte er, als stände ich vor einem Kleefelde, in das der Teufelszwirn sich eingenistet hat. Man sieht, wie das Unwesen um sich greift, man legt auch wohl die Hand an, es an einer Stelle zu bewältigen, aber ehe man sich's versieht, ist's an zehn anderen Stellen da, und die ganze Aussaat und Arbeit ist verloren. Das Geld fliegt ihnen jetzt nur so durch die Hände. Heute, wie ich nach Hause komme, finde ich eine Anweisung des gnädigen Herrn, in der nächsten Woche viertausend Thaler auf einen Wechsel an Flies zu zahlen, als ob ich hier die Gelder der königlichen Bank im Vorrath liegen hätte, und wer diese angenehme Anweisung gebracht hat, ist nicht, wie sich's gebührt, der Secretair oder der Diener einer, sondern wieder einmal der Herr Marquis, welcher immer verdammt dienstfertig ist und immer gerade vorbeireitet, wenn es hier herum etwas zu bestellen giebt!
Vorlage S. 415
1488
Es fuhr Herbert wie ein Schnitt durch die Brust, das Blut stieg ihm bis zum Halse empor. So muss Eva gleich morgen mit mir gehen! rief er lebhaft aus.
Vorlage S. 415
1489
Mit Ihnen gehen? fragte der Amtmann. Was soll das heißen?
Vorlage S. 415
1490
In dem Augenblicke trat Eva ein, und ohne die Frage ihres Bruders zu beachten, nahm der Baumeister sie bei der Hand. Sie haben vorhin mit mir geschmollt, Eva, sprach er, und sind so rasch davongegangen, dass ich Ihnen gar nicht sagen konnte, was mir heute, seit ich Sie wiedergesehen, immer auf dem Herzen gelegen hat! Wissen Sie, was es ist?
Vorlage S. 415
1491
Sie lächelte und sah ihm treuherzig in das Auge, während die helle Röthe mädchenhafter Scheu sie überflog. Liebe Eva, und was antworten Sie mir? fragte er, indem er auch ihre andere Hand ergriff.
Vorlage S. 416
1492
Das würden Sie mich nicht fragen, wenn Sie es nicht wüssten! entgegnete sie ihm. Und noch ehe sie das freudestrahlende Auge zu ihm erhob, hatte Herbert den bräutlichen Kuß auf ihren Mund gedrückt und ihre Arme seinen Nacken umschlungen. So hielt er sie eine kurze Weile umfangen.
Vorlage S. 416
1493
Es war still im Zimmer, die alte Uhr, welche in diesem Hause zu so manchem Ereignisse die Stunde geschlagen, schickte als Zeichen ihrer Gegenwart ihren klaren Pendelschlag zu ihnen hinein, der Bruder blickte bewegt und schweigend auf die Liebenden. Und wie lebhaft Herbert's Herz auch klopfte, fühlte er doch eine ihm fremde, ernste Ruhe über sich gekommen, seit des lieben Mädchens Kopf vertrauensvoll an seinem Herzen lag, denn in seiner Seele regte sich mit der Liebe für das erwählte gute und schöne Weib auch jene vorsorgende Zärtlichkeit, welche sich für die Zukunft der Geliebten verantwortlich fühlt und ein Vorbild der Vaterliebe und Vatersorge in sich schließt.
Vorlage S. 416
1494
Aber Eva hatte sich zu lange als ihres Bruders Hälfte gefühlt, um dies schnell vergessen zu können. Sie machte sich aus des Geliebten Umarmung los, warf sich an des Bruders Hals und rief, in Thränen ausbrechend: Adam, sei nicht böse, ich konnte aber doch nicht anders!
Vorlage S. 416
1495
Nein, Du solltest auch nicht anders! entgegnete er heiter, indem er Herbert die dargebotene Rechte schüttelte; aber die Augen waren ihm doch feucht geworden, denn er wusste, dass er diese Schwester, dass er dieses selbstgewisse, tätige und frohe Wesen schwer vermissen werde. Gleich in der Frühe reite ich aufs Schloß!
Vorlage S. 416
1496
Herbert wollte wissen, was dieses Vorhaben, dieser Ritt nach dem Schlosse mit seiner Liebe und mit seiner Verlobung zu schaffen habe, und der Amtmann sagte ihm, dass der Freiherr Eva's Vormund sei, und dass man also dessen Einwilligung begehren müsse. Herbert nahm das leicht hin, aber Eva wurde nachdenklich. Es machte sie besorgt, dass ihr Bruder heute von dem Freiherrn nicht in gewohnter Weise entlassen worden war, dass es eben heute Verdrießlichkeiten gegeben habe, und da sie sich immer gern an die Aussprüche ihrer verstorbenen Mutter hielt, meinte sie, von einem Unmuthigen müsse man nichts begehren, denn der suche gern seinen Unmuth auf Andere zu wälzen. Zudem konnte von dem ersten Einfalle Herbert's, Eva gleich von Rothenfeld zu entfernen, in keinem Falle die Rede sein, und Herbert sagte sich dies selbst, nun die Aufwallung seines eifersüchtigen Ehrgefühls besänftigt war.
Vorlage S. 417
1497
Der Amtmann konnte bei der vielverzweigten Wirthschaft die Hausfrau nicht entbehren; ein Ersatz für Eva war nicht leicht, nicht gleich zu finden, und wie lästig ihr die gelegentlichen Besuche des Marquis auch sein mochten, fand Eva selbst in ihnen jetzt, da sie verlobt war, noch weniger als früher irgend eine Gefahr oder auch nur ein Bedenken. Aber die Anfrage bei dem Freiherrn beunruhigte sie, ohne dass sie Gründe dafür angab, und da Herbert sie ohnehin am nächsten Tage verlassen musste, wünschte sie, dass dieser selbst in einem Briefe die Werbung bei ihrem Vormunde machen und seine Einwilligung zu ihrer Heirath fordern möge.
Vorlage S. 417
1498
Dreizehntes Capitel
Vorlage S. 418
1499
Die Gäste des Schlosses verabschiedeten sich eben von der Baronin, als man am nächsten Tage dem Freiherrn den Brief des Architekten überbrachte. Er kannte die Handschrift, steckte das Schreiben in die Brusttasche und befahl, da er eine Geschäftsanfrage vermuthen mochte, den Boten anzuweisen, dass er die Antwort erwarten solle.
Vorlage S. 418
1500
Wohl aufgelegt durch die letzte Unterhaltung mit seinen Gästen, erheitert von dem glücklichen Witzworte, welches einer derselben gesprochen, kehrte er in das Zimmer der Baronin zurück, in welches die Hausgenossenschaft sich nach dem Frühstücke begeben hatte und in dem sie noch beisammen geblieben war.
Vorlage S. 418
1501
Die Herzogin und Angelika saßen am Kamine einander gegenüber, der Marquis und Renatus ließen das Hündchen der Baronin auf den Hinterfüßen tanzen oder warfen einen Ball durch das Zimmer, dem das kleine, schnellfüßige Thier dann mit großen Sätzen eifrig folgte, und der Caplan hörte, den Rücken gegen das Fenster gelehnt, mit jenem Wohlgefallen, das gute Menschen an der Fröhlichkeit der Kinder finden, dem hellen Lachen und dem Jubel zu, mit welchem der hübsche Knabe jeden Scherz des Marquis und jeden Sprung des Hündchens begleitete.
Vorlage S. 418
1502
Auch der Freiherr vergnügte sich an der Lust seines Sohnes, aber er hatte nicht mehr Jugend genug, sie durch persönliche Theilnahme an dem Spiele zu erhöhen, und nachdem er dem Knaben den feinen Mund und das blonde Gelock geküsst, setzte er sich nieder und nahm mit dem Bemerken, dass er Herbert's Brief beinahe vergessen hätte, das Schreiben zur Hand, welches er mit einem Lächeln zusammenfaltete, nachdem er es gelesen.
Vorlage S. 418
1503
Angelika's Auge hing mit Spannung an den Mienen ihres Gatten. Die Herzogin, wie immer bereit, den Wünschen der Baronin zuvorzukommen, übernahm es, mit ihrer gewohnten Gelassenheit die Frage zu tun, was das Lächeln des Barons bedeute.
Vorlage S. 419
1504
Wenn Sie sich herbeigelassen hätten, unsere Sprache zu lernen, liebe Freundin, antwortete der Freiherr, so würde ich sagen: lesen und entscheiden Sie! Denn die Sache gehört im Grunde vor Ihr Gericht, vor das Gericht der Damen! Es sind Herzensbekenntnisse, ein kleiner Roman!
Vorlage S. 419
1505
Er reichte damit den Brief seiner Gattin hin und es fiel ihm auf, dass sie die Farbe plötzlich wechselte. Er fragte, ob sie sich nicht wohl befände, sie versicherte das Gegentheil; aber während er der Herzogin erzählte, dass der Baumeister um des Amtmanns Schwester, um die hübsche Eva werbe, die sein Mündel sei, erhob sich die Baronin von ihrem Sessel und blieb, wie von einem Schwindel erfasst, plötzlich stehen, sich mit geschlossenen Augen an dem weit vorspringenden Simse des Kamins haltend.
Vorlage S. 419
1506
Der Freiherr, die Herzogin, der Geistliche eilten herbei, auch der Knabe drängte sich an das Knie der Mutter, da er die Erwachsenen um sie besorgt sah. Die Baronin nahm sich jedoch schnell zusammen. Es ist mein altes Herzweh, weiter nichts, sagte sie; ich bitte, achtet nicht darauf!
Vorlage S. 419
1507
Sie trat an das Fenster, welches man für sie öffnete, schöpfte mehrmals tief Atem und kehrte dann, den Knaben an der Hand haltend, zu den Uebrigen zurück, obschon die Blässe von ihren Wangen nicht weichen wollte und sie offenbar Mühe hatte, ihre Fassung zu behaupten.
Vorlage S. 419
1508
Es war dadurch eine ängstliche Unterbrechung in die bis dahin so heitere Stimmung der Anwesenden gekommen. Der Freiherr wusste, dass seine Gattin vor Paulinens Leiche zum ersten Male von diesem Herzkrampfe befallen worden, welcher seitdem bei heftigen Gemüthsbewegungen mehrmals wiedergekehrt war, und das machte ihm diese Zufälle doppelt peinlich. Was der Baronin in diesem Augenblicke einen Anfall zugezogen haben konnte, war ihm unbegreiflich; indeß er mochte in Gegenwart dritter Personen nicht darum fragen, und bemüht, den Vorgang vergessen zu machen, sagte er, auf den letzten Gegenstand der Unterhaltung eingehend: Herbert drückt sich sehr gut aus, man sieht, dass er seine Dichter nicht umsonst gelesen hat. Er ist für Eva eine sehr schickliche Partie. Er ist tüchtig in seinem Fache, und da er das Mädchen, wie er sagt, seit lange im Herzen trägt und ....
Vorlage S. 420
1509
Um Gottes willen, sehen Sie die Baronin! rief der Marquis, und mit einem leisen Aechzen, die Hände auf das Herz gepresst, sank Angelika ohnmächtig zurück.
Vorlage S. 420
1510
Man rief ihrer Kammerfrau, sie wurde aus dem Zimmer entfernt, die Herzogin folgte ihr. Herbert's Brief blieb an der Erde liegen, Niemand dachte jetzt an seine Angelegenheiten.
Vorlage S. 420
1511
Erst am Nachmittage, als man wegen Angelika's nicht mehr in augenblicklicher Sorge zu schweben brauchte und der Baron seine Freundin in ihrem Zimmer aufgesucht hatte, kam sein Kammerdiener fragen, ob der Bote aus Rothenfeld noch länger warten solle. Berechtigt, wie sie war, verdroß die Mahnung den Baron.
Vorlage S. 420
1512
Nein, schicke Er ihn fort. Ich würde die Antwort senden! sagte er. Der Kammerdiener verließ mit dem Bescheide das Zimmer. Der Freiherr setzte seine Unterhaltung mit der Herzogin fort, indeß er war zerstreut, es lag ihm Etwas im Sinne, dem er nicht Gehör geben wollte, aber er konnte den Blick, den flüchtigen, lächelnden Blick nicht vergessen, den der Marquis der Herzogin zugeworfen hatte, als Angelika zusammengebrochen war. Und was hatte es bedeutet, dass die Herzogin mit zärtlicher Stimme der Leidenden zugeflüstert, sich zu fassen, sich um Gottes willen zu beherrschen?
Vorlage S. 420
1513
Er wollte die Empfindung, die Aufregung, welche ihn peinigten, in sich zum Schweigen bringen, aber sie ließen ihm keine Ruhe. Er hörte, was die Herzogin sprach, indeß er konnte dem Sinne ihrer Erzählungen nicht folgen. Ihre Worte berührten zum ersten Male nur sein Ohr. Sie bemerkte das auch bald, denn leise ihre Hand auf die seinige legend, sagte sie im Tone sanftester Begütigung:
Vorlage S. 421
1514
Sie sind wirklich zu ängstlich um den Anfall unserer theuren Angelika, Sie machen sich überhaupt unnöthig Sorge und begehen in der That ein Unrecht, mein theurer Cousin!
Vorlage S. 421
1515
Der Baron fuhr jäh empor. Was soll das heißen? fragte er, und seine Stirne erglühte in stolzem Zorn. Von wem sprechen Sie?
Vorlage S. 421
1516
Weßhalb zögern Sie, fuhr sie einlenkend und bittend fort, dem Architekten die Zustimmung zu geben, der er sicherlich voll Ungeduld entgegen sieht?
Vorlage S. 421
1517
Der Freiherr athmete auf; aber damit war der Herzogin nicht gedient, darauf hatte sie es nicht abgesehen, und ihm keine Zeit zu neuer Frage oder zu einer Entgegnung gönnend, sprach sie:
Vorlage S. 421
1518
Was hat er denn verbrochen, dieser arme Herbert? Hat er denn nicht schnell begriffen, was ihm ziemte? Hat er, da er das Unglück hatte, Ihnen zu missfallen, sich nicht selber die verdiente Strafe und Buße auferlegt, indem er sich freiwillig aus Ihrer Nähe und aus Ihrem Hause verbannte?
Vorlage S. 421
1519
Die Vorbitte der Herzogin musste dem Freiherrn auffallen. Es lag daneben in ihrem Tone, in ihren Worten etwas, das ihn in seiner Unruhe nur noch bestärkte, obschon er sich bemühte, es nicht zu hören. Selbst der freundliche Blick der Herzogin peinigte ihn, und sich erhebend, um nur der Nähe dieses eindringlichen Blickes zu entgehen, sprach er:
Vorlage S. 421
1520
Ich wusste nicht, dass Sie so viel Anteil an meinem Architekten nehmen, meine Freundin, und Herbert selber war sich dessen sicher nicht vermuthend.
Vorlage S. 422
1521
Die Herzogin lächelte. Anteil an Ihrem Architekten? wiederholte sie. Was ist mir dieser Herbert? Was kann ein Mensch wie er uns sein? Aber ich kann es nicht verstehen, mein Freund, weßhalb Sie, eben Sie, Baron, ihn hindern wollen, sich seiner Freiheit ein für alle Mal zu entäußern, weßhalb Sie ihn hindern wollen, sein zärtliches Herz für die Zukunft der Schwester Ihres Amtmannes zu überantworten! Mich dünkt, dazu hätten Sie, mein Freund, doch wirklich keinen Grund, und es ist ja so süß, ein paar Glückliche zu schaffen, wenn die Gelegenheit sich wie hier dazu so günstig zeigt!
Vorlage S. 422
1522
Sie sprach dies mit der völligsten Heiterkeit und Freiheit, mit gänzlicher Gelassenheit, aber sie folterte den Freiherrn mit ihrer Ruhe. Er hörte, er fühlte, dass sie ihm etwas hinterhielt, dass sie ihn etwas errathen lassen, ihm eine Mittheilung machen möchte, deren Inhalt er zu kennen glaubte und die von irgend einem Menschen aussprechen zu hören er doch um jeden Preis vermeiden wollte. Zwei Wege lagen vor ihm offen, seine Aufregung drängte ihn zu dem einen hin – aber er zauderte, ihn zu betreten. Nur eines Augenblickes Ueberlegung bedurfte er, dann war sein Entschluss gefasst. Er musste der Herr bleiben auf jedem Wege, den er gehen sollte, und heiter und frei, wie die Herzogin selbst, reichte er ihr die Hand.
Vorlage S. 422
1523
Ich danke Ihnen, rief er; Sie sind immer besser, immer gütiger als wir Anderen, meine Freundin! Sie haben mich zur rechten Zeit daran erinnert, dass meine selbstsüchtige Sorge um die Baronin mich grausam gegen ein junges Pärchen machte, grausam gegen einen Mann, mit dem ich in jedem Betrachte wohl zufrieden bin. Erlauben Sie, dass ich mich entferne, um mein Unrecht zu vergüten!
Vorlage S. 422
1524
Ja, gehen Sie, gehen Sie! rief die Herzogin, als freue sie sich, ihn umgestimmt zu haben; aber sie kannte ihren Freund, sie errieth seine Absicht und sie hatte sich auch dieses Mal nicht geirrt.
Vorlage S. 423
1525
Nicht in sein Zimmer begab sich der Baron, er wandte sich geraden Weges nach dem Zimmer seiner Frau. Er musste wissen, ein für alle Mal wissen, woran er mit ihr war.
Vorlage S. 423
1526
Angelika sah müde und niedergeschlagen aus, als er bei ihr eintrat. Die Erscheinung des Freiherrn, der sie nicht lange erst verlassen hatte, kam ihr unerwartet, seine Haltung, seine Mienen fielen ihr auf und machten sie verwirrt. Er hatte sich ihr immer mit jener rücksichtsvollen Ergebenheit genaht, welche die ritterliche Sitte dem vornehmen Manne selbst da als Pflicht gegen eine Frau auferlegt, wo er zu gebieten hat. So schmerzlich manche Verhandlungen zwischen ihm und seiner Gattin, so schwer und quälend sie namentlich in früheren Zeiten oft gewesen waren, nie hatte er den Gebieter, nie den Herrn gegen sie herausgekehrt, und niemals hatte sein Ton sie streng erfasst.
Vorlage S. 423
1527
Ohne ein Wort zu sprechen, sah er, ob die Thüren, welche in die Nebenzimmer gingen, geschlossen waren. Dann ließ er die Portièren nieder und nahm auf einem Sessel der Baronin gegenüber Platz. Sein Schweigen, seine Ruhe steigerten ihre Besorgniß; es fröstelte sie, und auch der Freiherr sah bleich und kalt aus.
Vorlage S. 423
1528
Ich frage Dich nicht, wie Du Dich befindest, Angelika, und Du fragst mich nicht, weßhalb ich wieder komme, hob er, nachdem er tief Atem geschöpft hatte, mit fester Stimme an, das beweist für uns beide, was uns zu wissen Noth tut.
Vorlage S. 423
1529
Da er sah, dass sie ihm antworten wollte, legte er seine Hand auf ihren Arm und hielt sie davon zurück. Nur eine kleine Geduld, bat er, was ich Dir zu sagen habe, wird kurz sein! Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort: Ich habe Dir keine Vorwürfe zu machen, im Gegentheil, Du wirst Dich immer in der Lage befinden, mir sagen zu können, dass Du mit mir das Glück nicht gefunden hast, welches Du Dir mit Recht von der Ehe erhoffen durftest.
Vorlage S. 424
1530
Höre mich! fiel die Baronin, welche den Worten ihres Mannes mit wachsender Bewegung folgte und auf diese Art der Unterredung in keiner Weise vorbereitet gewesen war, ihm angstvoll in die Rede.
Vorlage S. 424
1531
Nein, lass mich vollenden! entgegnete er. Erinnere Dich, wie ich Dir einmal sagte: hätte ich die abmahnende Stimme gekannt, die Dich bei unserer ersten Begegnung von mir zurückhielt, so würde ich nie um Dich geworben haben! Denn es ist wahr, unsere Neigungen, unsere Ansichten gehen vielfach aus einander, Du bist nicht glücklich mit mir geworden. Du hast mir auch viel verzeihen, viel mit mir ertragen müssen in den ersten Jahren unserer Ehe, aber was Du mir nach Deiner Meinung zu verzeihen hattest – dieses Eine gestehe mir wenigstens zu –, das lag Alles hinter der Zeit, in welcher Du Dich mir verbunden. Oder welcher Untreue könntest Du mich zeihen, seit ich Dir mein Wort verpfändet?
Vorlage S. 424
1532
Angelika war wie gelähmt vor Schrecken und vor Schmerz. Was sie innerlich auch empfunden hatte, diesen Ton, diese Sprache verdiente sie nicht. Sie war gewissenhaft und demüthig bereit gewesen, sich eines Unrechtes anzuklagen, sich einer Gedankensünde zu zeihen, aber gegenüber den Vorwürfen, welche ihr Gatte ihr machen zu wollen schien, empörte sich ihr gerechtes Bewusstsein, verstockte sich ihr Herz.
Vorlage S. 424
1533
Da Angelika auf ihres Gatten Frage nichts entgegnete, wiederholte er sie mit dem Zusatze, dass er eine einfache Antwort erwarte. Das steigerte in ihr das Gefühl der Kränkung, und kalt, wie der Freiherr zu ihr sprach, sagte sie: Ich habe mich über gar nichts zu beklagen, im Gegentheil!
Vorlage S. 425
1534
Was soll das heißen? fragte der Baron.
Vorlage S. 425
1535
Da bemächtigte seiner Gattin sich eine jener wilden Anwandlungen des Schmerzes, denen die sanfteste Natur nur schwer widersteht. War es doch genug, was sie leiden musste, war es doch genug, was sie an innerer, selbstanklagender Pein, an Herzenskränkung zu ertragen hatte! Sie wollte nicht allein unglücklich sein, nicht allein die Schmerzen der verschmähten Liebe fühlen. Es sollten Andere unglücklich sein wie sie, und vor Allem sollte der Mann sich nicht ungestraft als ihr Richter vor sie stellen, um den sie ihre Jugend, ihren Frieden, ihr Vaterhaus, ihre Eltern und Alles aufgegeben und verloren hatte!
Vorlage S. 425
1536
Mit jener Wollust des Rachegefühls, die dem Beleidigten ein wilder, berauschender Genuss ist, sagte sie: Du hattest sicherlich kein Recht zu dem Tone dieser Unterredung, wenn Du mit Deinen Voraussetzungen Unrecht hattest. Aber Du hast Dich nicht geirrt! – Sie zögerte, es stieg noch einmal, wie in solchen Augenblicken immer, ein Abmahnen in ihrem Herzen, ein letztes Besinnen in ihr auf; indeß ihr Zorn wollte sich genugthun, und fest und bestimmt sagte sie: Ich liebe Herbert! Das war es, was mir heute das Herz zu brechen drohte!
Vorlage S. 425
1537
Angelika! rief der Baron und schloß die Augen, während seine Hand krampfhaft die Lehne seines Sessels ergriff.
Vorlage S. 425
1538
Es war still im Zimmer. Beide Eheleute vermochten nicht zu fassen, nicht zu glauben, was geschehen war. Beide litten, beide kämpften schweigend in ihren Herzen. Jedem von ihnen mochte die Ahnung kommen, dass es jetzt vielleicht noch Zeit sei, jedem von ihnen mochte die heiße Aufwallung durch die Seele gehen, jetzt schnell noch die Hand zu bieten, um die Wunde zu heilen, die sie einander geschlagen hatten und die unheilbar werden musste, wenn man sie nicht augenblicklich schloß. Aber wie ein Dämon stand zwischen ihnen jene Selbstsucht, die man als gerechten Stolz, als Ehrgefühl bezeichnet, und statt einander helfend zu befreien, dachten beide nur daran, sich würdig gegen einander zu behaupten.
Vorlage S. 425
1539
Des Freiherrn Züge waren völlig ruhig, als Angelika endlich ihren Blick zu ihm erhob. Weiß Herbert, dass Du ihn liebst? fragte er bestimmt.
Vorlage S. 426
1540
Ja! entgegnete sie eben so, und es freute sie, zu sehen, wie schwer es ihrem Gatten wurde, seine Ruhe aufrecht zu erhalten.
Vorlage S. 426
1541
Weiß er es durch Dich?
Vorlage S. 426
1542
Ja! wiederholte sie.
Vorlage S. 426
1543
Und die Herzogin – sie weiß es auch?
Vorlage S. 426
1544
Aber als Angelika auf diese Frage die Antwort geben sollte, kam wie mit Einem Schlage das Bewusstsein der Herzensverblendung über sie, die sie fortgerissen und in der die Herzogin sie gehen lassen, sie bestärkt und weiter geführt hatte. Sie sprang auf, warf sich ihrem Gatten zu Füßen und flehte: Franz, Franz, rette mich vor mir selber! Es war ein Wahnsinn, der mich ergriffen hatte! Ich bin nicht schuldig, nicht so schuldig, als Du wähnst! Glaube mir selber nicht, den Worten nicht, die ich vorhin gesprochen, die der Zorn mir entrissen, Deine Strenge, Deine Kälte brachten mich außer mir. Nur mein Herz war Dir nicht treu, nur meine Phantasie konnte sich vergessen. Ich bin ja Dein, Dein allein, wie ich es stets gewesen! Komm' mir zu Hülfe, Franz! Komm' der Mutter Deines Sohnes zu Hülfe – dass sie sich wiederfinde in der Liebe zu Dir und ihm! Komm' mir zu Hülfe, Franz, durch Deine Liebe, Deine Nachsicht, wie – ich Dir einst durch meine Liebe und Geduld zu Hülfe gekommen bin!
Vorlage S. 426
1545
Der Freiherr hatte sie gleich Anfangs erhoben. Jetzt, da sie sich in seine Arme werfen wollte, nahm er sie bei der Hand und nöthigte sie, sich niederzusetzen. Sein Herz, seine Ehre, seine Eitelkeit hatten eine Kränkung erfahren, die er nie vergessen konnte. Er hatte Angelika niemals leidenschaftlich geliebt, aber er hatte sie hochgehalten wie keine andere Frau. Jetzt, da er zu erkennen glaubte, dass er sie überschätzt, jetzt, da sie sich selber eines Treubruches anzuklagen hatte, auf dessen Möglichkeit manche Aeußerungen der Herzogin, wie er jetzt nachträglich begriff, ihn schon öfter behutsam hingewiesen hatten, jetzt erinnerte Angelika ihn daran, wie er sich vor ihr gedemüthigt, wie sie sich in ihrem Selbstgefühle hoch über ihn erhoben, und zu unglücklicher Stunde fiel es ihm ein, dass es einst einen Tag gegeben, an dem er diese Frau und ihre strenge, makellose Reinheit beinahe gefürchtet hatte.
Vorlage S. 427
1546
Was er in diesem Augenblicke verlor, konnte keine Zukunft ihm wiederbringen, aber Eines konnte er erretten – Eines konnte er gewinnen, und er war ent schlossen, diesen Vortheil nicht aufzugeben. Er konnte seine Ehre wahren und seine Gewalt und Herrschaft über die Baronin neu und ein für alle Mal begründen.
Vorlage S. 427
1547
Fasse Dich, Angelika, sagte er mit anscheinender Ruhe, und sei unbesorgt, Du hast es mit mir, mit einem Edelmanne – er betonte das Wort sehr scharf, und sie verstand seine Meinung – mit einem Edelmanne zu tun, der nie vergessen kann, was er Dir und was er sich selber schuldet. Was ich Dir zu sagen hätte, das wird Dein eigenes Gewissen Dir nicht ersparen, denn ich wiederhole Dir: ich habe das Wort als Mann gehalten, das ich Dir einst verpfändet. Du hingegen ....
Vorlage S. 427
1548
Franz, fiel die Baronin ihm in die Rede, indem die Thränen ihr aus den Augen stürzten, muss ich Dir es wiederholen, muss ich es noch einmal aussprechen, das Bekenntnis, dass nur mein Herz, nur meine Phantasie Dir untreu waren!
Vorlage S. 427
1549
Der Baron presste in heftigem Schmerze seine Lippen zusammen. Dafür habe ich sicherlich nicht Dir allein zu danken! entgegnete er, und es that ihm wohl, wie seine Gattin unter diesem Worte händeringend ihr Gesicht verbarg. Bald aber erhob sie wieder ihr Haupt: Ich verlangte mich zu rechtfertigen, ich wünschte, ich konnte es; jetzt, nach diesem Worte, vermag ich es nicht mehr! rief sie, und die Klage rang sich wie ein Schrei aus ihrer Brust.
Vorlage S. 428
1550
Still, Angelika, still! sprach der Freiherr, indem er ihre Hand fest drückte. Oder willst Du uns zum Gespötte unserer Leute machen? – Er schwieg, sie weinte mit unterdrückter Stimme.
Vorlage S. 428
1551
Bist Du gefasst genug, mich jetzt zu hören? fragte er nach einer Pause, in welcher er langsam auf dem weichen Teppiche umhergegangen war. Sie bejahte es.
Vorlage S. 428
1552
Nun denn, ich wiederhole Dir, ich mache Dir keinen Vorwurf! Es ist schwer, der Stimme des Herzens zu gebieten – ich habe sie auch einst gehört und bin ihr gefolgt, wie Du! Vielleicht irrte ich, als ich Dich, die Du meine Tochter sein konntest, zur Gattin wählte; vielleicht irrte ich, als ich Dich zu sehr Dir selber überließ, aber für beides wirst Du mich nicht tadeln! Ich irrte im Vertrauen, im festen, höchsten Vertrauen auf Dich und Deinen Adel! Ich verlange kein Geständniß von Dir, ich will nicht wissen, was zwischen Dir und jenem Manne vorgegangen ist, der sein Auge nicht zu der Gemahlin des Freiherrn von Arten erheben konnte, wenn sie selbst ihm nicht dazu ein Recht gab –
Vorlage S. 428
1553
Er brach mitten in seiner Rede ab und sagte dann, von seiner Aufwallung zurückkommend: Ich will auch nicht erfahren, ob und was Deine rücksichtslose Verblendung der Herzogin etwa verrathen, oder was des Architekten allerdings nur zu berechtigte Eitelkeit dem Marquis Preis gegeben haben mag, denn man kennt die Indiscretion der Leute seines Standes; – Alles, was ich verlange, ist, dass ein Schleier gebreitet werde über das Geschehene, dicht genug, auch dem schärfsten Auge zu verbergen, dass mit dem Augenblicke, in welchem ich den Glauben an mein Weib verlor – – das Band für immerdar zerrissen ist, das mich ihm verbunden.
Vorlage S. 428
1554
Die Lippe bebte ihm, als er die Worte sprach, aber er stand hoch aufgerichtet und gebieterisch vor ihr, und sie fühlte, dass es ihm eine grausame Lust war, sie zu demüthigen. Da begann aufs Neue in ihr jener unheilvolle Kampf zwischen ihrem besseren Selbst und ihrem Stolze, aber der grausam triumphirende Blick des Freiherrn fachte auch in ihrer Seele die gleiche Empfindung an, und bleich und kalt, wie er, versetzte sie: Du hast zu befehlen, ich gehorche!
Vorlage S. 429
1555
Die Herzogin hat mir heute angedeutet, sagte er, dass ich, eben ich, keinen Grund hätte, mich der Heirath Herbert's zu widersetzen und ihn zu hindern, seine Freiheit aufzugeben. – Er hielt inne. Ich muss ihr zeigen, dass ich keinen Grund habe, Herbert's Gebundenheit zu wünschen. Ich werde die Einwilligung zu Eva's Verheirathung nicht geben, Bedenkzeit fordern, und wenn Herbert wieder hieher zurückkehrt, wird er unser Gast im Schlosse sein, und Du wirst ihn sehen und empfangen wie zuvor!
Vorlage S. 429
1556
Unmöglich, rief Angelika, die Herzogin weiß Alles!
Vorlage S. 429
1557
Der Baron verstummte. Er schien unentschlossen, was er tun solle. Mit Einem Male besann er sich: So soll sie die Versöhnungsrolle spielen! sagte er. Höre es wohl, Angelika, ich sage, spielen! Denn Du und ich, wir sind für immerdar getrennt!
Vorlage S. 429
1558
Da warf Angelika sich ihm noch einmal zu Füßen. Um Renatus willen höre mich! Gehe nicht zur Herzogin, sprich nicht mit ihr! Sprich mit dem Caplan! Er soll Dir Alles, Alles offenbaren, Wort für Wort, was ich ihm anvertraut im heiligen Vertrauen. Er wird Dir sagen, dass ich Deiner nicht unwerth bin, Dir sagen, dass Du mir verzeihen kannst. Sprich mit ihm, ach, sprich mit ihm! Ihm wirst Du glauben, wenn Du mir nicht glaubst!
Vorlage S. 429
1559
Sie konnte nicht weiter sprechen. Das ganze Gewicht des Unheils, welches sie auf sich und ihr Haus herabgezogen, indem sie der Aufwallung ihres gekränkten Stolzes nachgegeben, lastete auf ihr. Sie erkannte mit Schrecken, was sie getan, aber sie hielt es für unmöglich, dass sie ihren Gatten nicht überzeugen, mit ihren Thränen, ihrer Reue nicht überzeugen können sollte, wie sie seiner Achtung, seiner Verzeihung, seiner Neigung nicht unwerth sei.
Vorlage S. 430
1560
Indeß des Freiherrn frühere Erfahrungen standen mit seinem gegenwärtigen Schmerze und Zorne im Bunde. Weit entfernt, ihn zu besänftigen, beleidigte ihn der Gedanke, dass auch der Geistliche um ein Geheimnis wisse, welches der Freiherr um jeden Preis verborgen haben wollte, und mit einem Ausdrucke des Widerwillens rief er: Es fehlte nur noch, dass Du Deine Leute zu Zeugen für Dich aufrufst!
Vorlage S. 430
1561
Die Baronin zuckte zusammen, dann erhob sie sich. Ich wollte, Du hättest das nicht gesagt! sprach sie mit einer Ruhe, die beängstigend gegen ihre bisherige Aufregung abstach, und sich von ihm wendend, schritt sie der Thüre des Nebenzimmers zu. Der Freiherr stand mitten im Gemach. Als sie die Portière aufhob, hinter der sie seinem Blicke entschwinden musste, fühlte er eine Anwandlung von Mitleid mit seiner Frau, und fast unwillkürlich rief er: Angelika, wir sind allein ....
Vorlage S. 430
1562
Nein, unterbrach sie ihn, nein! Was ich gefürchtet und geahnt, noch ehe sie kam, was ich mir zu meinem und Deinem Unheile weggeleugnet habe, wie mein Herz mich auch lange davor gewarnt, – wir sind nicht allein, – die Herzogin steht zwischen uns!
Vorlage S. 430
1563
Der Freiherr lachte hell und höhnisch auf. Er hörte einen Vorwurf, wo er die Hand zu großmüthiger Hülfe und Erhebung zu bieten sich nicht abgeneigt gefühlt hatte. Das hatte er am wenigsten erwartet, und mit dem Ausrufe: Die alte Taktik! verließ er zornig das Gemach.
Vorlage S. 431
1564
Vierzehntes Capitel
Vorlage S. 432
1565
Im Amthause unterhielt man sich mit jenen Gesprächen und Erwägungen, welche überall dieselben bleiben, wo ein Menschenpaar daran geht, einen neuen Hausstand, eine Familie zu begründen.
Vorlage S. 432
1566
Herbert hatte an Eva, da er sie jetzt als sein künftiges Eigenthum betrachtete, ein ganz neues und höheres Gefallen. Er fand sie klug und verständig in allem Praktischen, warmherzig ihm gegenüber und anmuthig wie ein Kind, wenn sie sich ihrem angeborenen Frohsinne überließ. Sie schalt Herbert einen Leichtsinnigen, einen Unbesonnenen, dass er nur daran habe denken können, sie ihrem Bruder gleich frischweg fortzunehmen, und wenn sie ernsthaft erwogen hatte, wo Adam einen Ersatz für sie finden werde, falls er sich nicht selbst zur Ehe entschließe, so ging sie scherzend die ganze Reihe ihrer weiblichen Bekannten durch, pries deren Eigenschaften, um die eigenen noch höher zu stellen, und versicherte Herbert, dass es doch von den allen keine so gut habe und haben werde, als sie, der Herbert gleich gefallen habe, als er ihr bei der ersten Fahrt durch das Dorf die ganz unverantwortliche Kußhand zugeworfen.
Vorlage S. 432
1567
Indeß trotz all ihrer Munterkeit konnte man ihr doch anmerken, dass sich ihrer allmählich eine heimliche Sorge zu bemeistern begann, weil die Antwort des Freiherrn sich so lange erwarten ließ. Sie sah verstohlen immer öfter nach der Uhr, je länger der Bote ausblieb, und als der Mittag da war, bemächtigte sich die Ungeduld allmählich auch der Männer. Man überlegte, ob man einen zweiten Boten nachsenden sollte, um zu hören, was aus dem ersten geworden sei. Herbert war unruhig, weil die Stunde, in der er abreisen musste, um einer Geschäftsbesprechung nachzukommen, längst vorüber war; Eva nannte es unverantwortlich, dass man ihr den schönen ersten Tag ihres Brautstandes so unnöthig verbittere, und Adam, der sich am wenigsten vernehmen ließ, war im Innern der Gereizteste.
Vorlage S. 432
1568
Es war vier Uhr Nachmittags, als der Bote endlich wiederkehrte. Nun? rief ihm Eva entgegen, welche, ihn zu empfangen, die Thür geöffnet hatte und die Hand ausstreckte, ihm das Schreiben abzunehmen.
Vorlage S. 433
1569
Der Knecht zog den Hut vom Kopfe, drehte ihn in den beiden Händen herum und sagte: Herr Amtmann, ich kann nichts dafür, ich habe gewartet und gewartet die ganze, ausgeschlagene Zeit ....
Vorlage S. 433
1570
Schon gut! rief Eva, aber den Brief?
Vorlage S. 433
1571
Der Knecht sah sie an; 'nen Brief? Ich hab' keinen Brief, Mamsell! sagte er.
Vorlage S. 433
1572
Inzwischen waren auch die Männer hinzugekommen, und der Amtmann fragte, den Knecht scharf betrachtend: Du bringst keinen Brief?
Vorlage S. 433
1573
Nein, Herr Amtmann! Der gnädige Herr wird Antwort schicken.
Vorlage S. 433
1574
Wann? herrschte der Amtmann, dem das Blut zu Kopfe stieg.
Vorlage S. 433
1575
Wann? das kann ich nicht sagen, Herr Amtmann! Das ist mir nicht bestellt, Herr Amtmann!
Vorlage S. 433
1576
Der Amtmann sagte, er könne gehen, und rief ihn dann doch noch einmal zurück, um sich zu erkundigen, ob der Herr Baron vielleicht ausgefahren sei. Der Knecht verneinte das auf das bestimmteste, und sichtlich betroffen standen das Brautpaar und Adam nach des Knechtes Entfernung einander gegenüber.
Vorlage S. 433
1577
Was bedeutet das? fragte Herbert.
Vorlage S. 434
1578
Der Amtmann lachte bitter. Was es bedeutet? Man hat Sie früher auf dem Schlosse verwöhnt, Herr Schwager, weil man es so für gut fand, und beweist Ihnen jetzt, dass man es nicht nötig gehabt hätte, Sie also zu verwöhnen!
Vorlage S. 434
1579
Eva's Antlitz hatte sich verdüstert. Du irrst, entgegnete sie, das ist keine bloße Laune!
Vorlage S. 434
1580
Keine Laune? wiederholte der Amtmann; nun, wenn's keine Laune ist, dann ist's, was sie sich am wenigsten versagen und was eigentlich ihr Hauptvergnügen ist, dann ist's reine Willkür! Seit sie das vertriebene Franzosenpack im Schlosse haben, sind sie wie darauf versessen, es in jedem Augenblicke zu beweisen, dass sie hier noch nach Belieben schalten und walten können! Aber man bekommt das endlich satt!
Vorlage S. 434
1581
Antwort schicken! Was das heißen soll? Antwort kann man heute schicken oder morgen oder über's Jahr! fiel ihm Herbert verdrießlich in das Wort, – und nun weinen Sie vollends darüber, liebe Eva!
Vorlage S. 434
1582
Der Bruder schalt sie dafür. O, rief sie, wenn es nichts als des Freiherrn Willkür wäre, wollte ich ja nicht weinen, aber dahinter steckt die gnädige Frau! Sie gönnt ihn mir nicht; das weiß ja Herbert auch!
Vorlage S. 434
1583
Der Amtmann traute seinen Ohren nicht. Er fragte; Eva erzählte, was sie mit der gnädigen Frau erlebt und was sie selbst dem Bruder bis dahin mit eifersüchtiger Verschwiegenheit vorenthalten, und da dieser in Herbert drang, gestand der letztere es endlich ein, dass er allerdings oben in seinem Schreibtische ein paar Zeilen gefunden, die – wenn Eva sie nicht hineingelegt – ihm wohl von der Baronin gekommen sein konnten. Er versicherte, jene Zeilen hätten ihn auf das höchste überrascht, obschon er Angelika früher bewundert und, weil er sie nicht für glücklich gehalten, sie auch beklagt und ihr dies einmal ausgesprochen habe. Indeß sei eben seine Werbung um die geliebte Eva die Antwort gewesen, welche er der Baronin auf die von ihr geschriebenen Verse gegeben habe, und ....
Vorlage S. 434
1584
Geben Sie mir Ihr Wort darauf, rief Eva, ihn unter brechend, Ihr Ehrenwort, dass Sie diese arglistige Frau nicht wiedersehen wollen!
Vorlage S. 435
1585
Er konnte ihr dieses Versprechen nicht leisten, denn er war nicht sicher, es halten zu können, und da er nicht umhin gekonnt, das Geheimnis der Baronin theilweise Preis zu geben, bemühte er sich doppelt, es den Andern darzuthun, wie nach seiner Kenntnis ihrer Natur Angelika an einer kleinlichen Rache keinen Gefallen und in derselben keine Befriedigung finden könne.
Vorlage S. 435
1586
Der Amtmann lächelte. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, meinte er, dass Sie die vornehmen Herrschaften nicht kennen, und wenn Sie wahrscheinlich besser von der Baronin denken, als solche Damen es zu verdienen pflegen, so kann ich Sie auch nicht darum schelten. Gegen den Windstoß, der Einem eine reife Frucht in den Schooß wirft, hat im Grunde Niemand etwas einzuwenden, auch wenn er sie nicht genießt –
Vorlage S. 435
1587
Das Wort verrieth die ganze Erbitterung des Amtmanns und verletzte Herbert, aber er vermochte die Baronin eben so wenig zu vertheidigen als zu verdammen. Geschmeichelte Eitelkeit, getäuschte Erwartungen, unbestimmte Besorgnisse und das unangenehme Bewusstsein, seine Braut verstimmt und in einer ihr peinlichen Lage zurückzulassen, bedrängten ihn gleichzeitig und erschwerten ihm das Scheiden, das doch endlich nicht weiter hinausgeschoben werden durfte.
Vorlage S. 435
1588
Herbert musste die Nacht zu Hülfe nehmen, um am nächsten Morgen rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein, und wie ihn die Bilder einer beglückenden Zukunft, wie ihn die lieblichen Erinnerungen der beiden letzten Tage und unruhige Gedanken mancher Art nicht zum Schlafe kommen ließen, so fanden auch Eva und der Amtmann keine Rast.
Vorlage S. 435
1589
Man war übereingekommen, des Freiherrn Bestimmung bis gegen den nächsten Mittag hin gelassen zu erwarten. Hatte man sie dann noch nicht erhalten, so wollte Adam auf das Schloß gehen und selber darum bitten. Am Morgen machte er sich früher noch, als er sonst pflegte, an seine Arbeit. Er verwies Eva zur Ruhe, da ihre aufgeregte Empfindung sich in lebhaften Aeußerungen erging, und vermied es danach geflissentlich, mit ihr zusammen zu sein.
Vorlage S. 436
1590
Als er um die Frühstückszeit vom Felde nach Hause kam, fragte er: Ist etwas vom Schlosse da? – Eva, die still war, wie nur große Unruhe sie es werden ließ, verneinte es. So soll der Kutscher anspannen!
Vorlage S. 436
1591
Du willst fahren, lieber Bruder?
Vorlage S. 436
1592
Ja! Das Reiten macht mich warm! entgegnete er und verließ sie, ohne weiter mit ihr zu sprechen.
Vorlage S. 436
1593
Als er wiederkehrte, hatte er sich gekleidet wie ein Mann seines Standes es für eine feierliche Handlung zu tun pflegte; auch seine ernste, zusammengefaßte Haltung war einer solchen entsprechend. Während er den Wagen erwartete, trat Eva an ihn heran, und ihre Hand auf seine Schulter legend, sagte sie: Es tut mir recht leid, Bruder, dass ich Dir Ungelegenheiten veranlasse!
Vorlage S. 436
1594
Mach' Dir keine Sorgen darum; wer weiß, wozu es gut ist! versetzte er.
Vorlage S. 436
1595
Eva rückte ihm die Schleife am Halstuche zurecht, bürstete ihm den sauberen Tuchrock noch einmal ab und machte sich immer wieder etwas mit ihm zu schaffen, aber sie sprachen nicht mit einander.
Vorlage S. 436
1596
Der Amtmann hielt sich innerlich vor, was er dem Freiherrn vorzustellen gedachte; Eva hätte dem Bruder gern sagen mögen, was sie vor dem Freiherrn gesagt zu haben wünschte, aber sie traute sich nicht, dem Bruder vorzuschreiben, und so begleitete sie ihn vor die Thüre hinaus, wo der Einspänner ihn erwartete. Du kommst doch geraden Weges nach Hause? fragte sie.
Vorlage S. 436
1597
Geraden Wegs! versetzte er und befahl dem Kutscher, zuzufahren.
Vorlage S. 437
1598
Wer den Freiherrn sprechen wollte, musste gegen zwölf Uhr kommen. Das war nun freilich für seine Leute, besonders für diejenigen, welche nicht in Richten, sondern in Neudorf oder, wie der Amtmann, gar in Rothenfeld wohnten, nicht die bequemste Stunde, denn es war ihre Mittagszeit; aber gerade deßhalb hatte der Großvater des Barons es also eingeführt, und man hatte es beibehalten von Vater auf Sohn, damit man nicht ohne gewichtigen Grund in Anspruch genommen und nicht unnöthig von den Leuten aufgehalten werden konnte.
Vorlage S. 437
1599
Der Freiherr, welcher auf seine Wohlgestalt immer großen Werth gelegt, neigte seit einiger Zeit zum Fettwerden und hatte deßhalb angefangen, sich viel Bewegung zu machen. Als man ihm den Amtmann meldete, ging er eben in Gesellschaft des Marquis in dem großen Saale des Erdgeschosses auf und nieder, in welchem man zur Winterzeit einen Theil der immergrünen Gewächse aufzustellen pflegte, und da die Sonne warm und hell durch die geöffneten Thüren hineinschien, so dass es dem Freiherrn in der Luft behagte, befahl er, den Amtmann hieher zu senden.
Vorlage S. 437
1600
Vermuthlich ein Liebesbote, aber freilich ein etwas robuster, bemerkte lächelnd der Marquis, nachdem der Kammerdiener sich entfernt hatte. Ich hoffe, Herr Baron, die Fürbitte Ihrer Frau Gemahlin wird Sie erweicht haben. Und sich auf ein damals übliches Madrigal beziehend, sang er mit seiner schönen Stimme: Es ist so süß, so süß, zu beglücken!
Vorlage S. 437
1601
Der Freiherr, welcher den ganzen Morgen, obschon er sich sehr gleichmüthig zeigte, doch nicht gut aufgelegt gewesen war, lächelte flüchtig und bemerkte: Sie werden es trotzdem bei Zeiten lernen müssen, sich den Wünschen der Damen zu widersetzen!
Vorlage S. 437
1602
So wollen Sie wirklich die kleine Eva dem Architekten noch nicht bewilligen? fragte der Marquis, während ein kaum merkliches Lächeln um seine feinen, sarkastischen Lippen spielte.
Vorlage S. 438
1603
Ich pflege von meinen wohl begründeten Vorsätzen nicht zurückzukommen, mein lieber Marquis.
Vorlage S. 438
1604
Der Marquis verneigte sich leicht. Gewiss nicht! rief er, und als komme ihm eben erst der Gedanke, fügte er hinzu: Uebrigens haben Sie, glaube ich, durchaus Recht, mein verehrter Freund, wenn Sie diesem Herrn Herbert in einem gewissen Punkte, den man freilich nicht zu schwer nehmen darf, nicht so unbedingt vertrauen, als die Frau Baronin und der würdige Caplan, denn im Uebrigen mag sicherlich nichts gegen Ihren Architekten einzuwenden sein!
Vorlage S. 438
1605
Der Freiherr antwortete darauf nicht sogleich. Es lag im Allgemeinen nicht in seiner Art, solche Einflüsterungen zu beachten. Indeß gegen seine Gewohnheit fragte er nach einer Weile: Marquis, was wissen Sie von dem Architekten?
Vorlage S. 438
1606
Nur Gerüchte, wenn ich's recht bedenke, versetzte dieser zurückhaltend, nachdem die Frage an ihn getan worden.
Vorlage S. 438
1607
Und welche, wenn ich bitten darf?
Vorlage S. 438
1608
Ich hörte sie neulich, als ich in der Stadt war. Man nannte ihn den Liebhaber von Mademoiselle Flies, von der Tochter Ihres Juweliers, die er freilich nicht heirathen kann ....
Vorlage S. 438
1609
Und weßhalb nicht?
Vorlage S. 438
1610
Ach, eine Jüdin! meinte der Marquis.
Vorlage S. 438
1611
Mich dünkt, entgegnete der Freiherr, es haben in der Hauptstadt jetzt ganz andere Leute als mein Architekt die Töchter reicher Juden zu Frauen genommen, und es ist seit Jahren in der Welt mehr Auffallendes geschehen, als das. Reich genug ist Flies, und Sie sagen ja, schön sei das Mädchen auch geworden!
Vorlage S. 438
1612
Sich verdammen zu lassen um sie! rief der Marquis und erging sich in der Beschreibung von Seba's Reizen. Der Freiherr hörte nicht darauf. Es ist mir lieb, dies zu wissen! war Alles, was er sagte, als eben der Diener anzeigte, dass der Amtmann warte.
Vorlage S. 439
1613
Als Adam in die Gallerie trat, war er unangenehm durch die Gegenwart des Marquis überrascht, obschon dieser sich zurückgezogen hatte und, anscheinend mit einem Buche beschäftigt, an dem Postamente einer der Statuen lehnte, deren sich mehrere zu beiden Seiten aufgestellt befanden. Der Freiherr blieb mitten im Saale stehen, und ohne dem Amtmanne Zeit zu dem Wunsche eines guten Morgens zu lassen, sagte er: Es ist mir lieb, Steinert, dass Er kommt, ich hätte Ihn sonst heute oder morgen rufen lassen. Mit der Eva und dem Baumeister ist es nichts; die Eva muss sich's aus dem Sinne schlagen!
Vorlage S. 439
1614
Die kurze, rasche Weise, in welcher der Baron von einer Angelegenheit sprach, die für Adam's Schwester und durch diese für ihn selbst von der größten Wichtigkeit war, und dass er ihn in der Anwesenheit des Marquis in solcher Weise abzufertigen meinte, verdrossen den Amtmann auf das höchste. Er war gekommen, eine Familiensache ernsthaft mit dem Vormunde seiner Schwester zu berathen, und wurde wie ein Lakai, dem man einen Urlaub abschlägt, stehenden Fußes abgefertigt und abgewiesen. Obschon er gewohnt war, als Untergebener vor eines Herrn Willkür Stand zu halten, hatte er doch Mühe, ruhig zu bleiben, denn hier handelte es sich nicht um seinen Dienst und um kein Amtsverhältniß. Er trat einen Schritt näher an den Baron heran und sagte, die Stimme senkend: Ich würde es dem Herrn Baron sehr danken, wenn er die Gnade haben wollte, mich in seinem Cabinette anzuhören. Er blickte dabei nach dem Marquis hinüber; der Freiherr verstand ihn auch.
Vorlage S. 439
1615
Der Herr Marquis versteht das Deutsche nicht! entgegnete er.
Vorlage S. 440
1616
Ich habe Beweise vom Gegentheile, gnädiger Herr! bemerkte Adam bittend.
Vorlage S. 440
1617
Die Einrede machte den Freiherrn ärgerlich, dessen seit der gestrigen Unterredung mit der Baronin schmerzlich aufgeregter Sinn sich nur schwer beherrschen lassen und nur auf einen Anlass gewartet hatte, um sich in einem Ausbruche heftiger Leidenschaft genug zu tun. Gleichviel, rief der Freiherr, die Sache ist ja kein Geheimnis: sag' Er, was Er will!
Vorlage S. 440
1618
Der Amtmann, welcher nicht ahnen konnte, was im Schlosse vorgegangen, und der, wie selbstherrisch der Baron auch immer war, doch eine so grundlos herrische Behandlung sonst von ihm nicht erfahren hatte, wollte das Anliegen seiner Schwester nicht unnöthig einer übeln Stimmung ihres Vormundes zum Opfer werden lassen, und mit mehr Ergebenheit, als in seinem Innern war, sagte er: Wenn ich vielleicht jetzt ungelegen komme, Herr Baron, so will ich warten – oder wiederkehren!
Vorlage S. 440
1619
Der Baron sah aber in dem bescheiden gethanen Vorschlage nichts als eine Widersetzlichkeit, und eine solche wollte er in Gegenwart des Marquis nicht ohne Rüge lassen, da dieser, wie der Freiherr es wohl wusste, des Deutschen im Laufe der Jahre allerdings mächtig genug geworden war, um vollkommen zu verstehen, was hier vorging.
Vorlage S. 440
1620
Wiederkommen – weßhalb das? Die Sache ist ja kurz genug, und ich werde Ihm schon sagen, wenn Er mir ungelegen kommt! rief der Baron. Der Baumeister will die Eva heirathen, und da ist Er wie die Andern alle. Wenn's ans Heirathen gehen soll, läuft ihnen der Verstand weg! Kennt Er den Architekten? Was weiß Er von ihm?
Vorlage S. 440
1621
Gnädiger Herr, ich kenne Herrn Herbert nun seit fünf vollen Jahren, versetzte der Amtmann, dem die Worte des Barons das Herz aufwallen machten. Er ist mein Freund geworden, ich kenne ihn als einen Ehrenmann, und der gnädige Herr und die Frau Baronin selber haben ihn ja ihrer Gesellschaft auch nicht für unwerth angesehen.
Vorlage S. 440
1622
Das war, mochte er sie absichtlich oder unabsichtlich gewählt haben, sicherlich die unglücklichste Beweisführung, welcher sich Adam bedienen konnte, denn gegen seine Gewohnheit heftig auffahrend, rief der Baron: Lass Er meine und meines Hauses Handlungsweise ein für alle Mal aus dem Bereiche Seiner Betrachtungen! Hört Er, merk' Er sich das! Damit Er aber weiß, woran Er ist, und damit Er es der Eva sagen kann, woran sie sich zu halten hat, so melde Er ihr, dass einer ein guter Baumeister sein und zum Ehemanne nicht taugen könne! Der Herbert steht mir nicht an, ich traue ihm nicht, und dabei bleibt's.
Vorlage S. 441
1623
Er wendete sich ab und wollte sich entfernen. Aber auch Adam's Geduld war jetzt am Ende. Er konnte es nicht ertragen, sich und Herbert, für den er eine herzliche Freundschaft fühlte, im Beisein des von ihm mißachteten Marquis so unwürdig behandeln zu lassen, und sich hoch aufrichtend, sagte er: Um Vergebung, gnädiger Herr, aber dabei kann's unmöglich sein Bewenden haben. Der Herr Baron müssten mich selber für keinen Mann von Ehre halten, ließ' ich das auf meinem Freunde, auf dem Manne sitzen, den ich nun einmal als meiner Schwester Bräutigam ansehe! Der gnädige Herr selber haben uns den Baumeister in das Haus geschickt ....
Vorlage S. 441
1624
Doch nicht, damit die Eva sich gleich auf gut Glück in eine Liebschaft mit ihm einläßt!
Vorlage S. 441
1625
Gnädiger Herr, fuhr der Amtmann auf, und seine großen Augen blitzten – meine Schwester ....
Vorlage S. 441
1626
Sein Vater, fiel ihm der Freiherr in die Rede, da er fühlen mochte, dass er zu weit gegangen sei, Sein Vater hat mir das Mädchen anvertraut, ich habe darauf zu halten, dass kein leichtsinniger, kein unzuverlässiger Mann es bekommt; ich habe des Mädchens Ruf, Glück und Zukunft zu bedenken, und das thue ich!
Vorlage S. 441
1627
So sollten doch der gnädige Herr vor Allem solchen Leuten das Handwerk verbieten und uns solche Leute nicht ins Haus schicken, die der Eva geraden Weges Fallstricke legen, fuhr der Amtmann, dem die Galle überlief, heraus; denn, unumwunden, gnädiger Herr, dem Herrn Marquis weis' ich die Thür, wenn er sich noch einmal in meinem Hause blicken lässt!
Vorlage S. 442
1628
Er und der Baron wendeten sich dabei gleichzeitig nach der Seite um, an welcher der Marquis sich vorhin befunden, indeß sie gewahrten, dass er den Saal verlassen hatte, und leidenschaftlicher, als der Amtmann seinen Herrn jemals gesehen, rief dieser: Stecken Ihm auch die aufsässigen Gedanken im Sinne? Vergisst Er, dass ich Sein Herr bin? Wo ist Sein Haus, Er Unverschämter?
Vorlage S. 442
1629
Aber grade die Maßlosigkeit des Barons brachte Adam zur Besinnung, und sich gewaltsam fassend, sagte er: Ich vergesse nicht, dass ich in den Diensten des gnädigen Herrn bin, aber ich bin nicht sein Knecht, nicht sein Höriger: Ich bin ein freier Mann, gnädiger Herr! Wo ich und meine Väter mit Ehren seit langen Jahren Haus gehalten haben, da ist mein Haus, und ich müsste kein Mann von Ehre sein, wenn ich da nicht Jedermann die Thüre wiese, der mit Unehren sich an meine Schwester wagt!
Vorlage S. 442
1630
Er war blass geworden, während er so sprach; auch der Freiherr hatte die Farbe gewechselt. Nun denn, rief er, Hausrecht wider Hausrecht! Ich will Ihm zeigen, wer hier Herr ist, da Er's zu vergessen scheint! Er verlässt mein Haus und meinen Dienst!
Vorlage S. 442
1631
Das traf den Amtmann, aber auch dem Freiherrn war nicht wohl zu Muthe, da er das Wort gesprochen. Einen Augenblick fühlte Adam, als sinke er in das Leere, indeß den Freiherrn wollte er das nicht merken lassen, und sich zusammennehmend, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen: Der Herr Baron haben zu befehlen! Aber gleich heute oder morgen kann ich nicht von hier fort – wie viel Zeit wollen der Herr Baron mir lassen?
Vorlage S. 443
1632
Die anscheinende Ruhe seines Untergebenen reizte den Baron, und sein Zorn gegen die männliche Fassung Adam's, in welcher jener nur die jetzige ihm so verhaßte Auflehnung des bürgerlichen Standes gegen die über ihm stehende Classe des Adels sah, verhärtete seinen Sinn.
Vorlage S. 443
1633
Mach' Er das mit sich selber ab! gab er dem Amtmanne kurz zur Antwort, kehrte ihm den Rücken und entfernte sich durch die Seitenthür, durch welche der Marquis vorhin gegangen war. Der Amtmann stand eine Minute lang regungslos auf seinem Platze, dann ging er langsam durch den Haupteingang von dannen.
Vorlage S. 443
1634
Fünfzehntes Capitel
Vorlage S. 444
1635
Es war ein schwerer, gewichtiger Schritt, mit dem der Amtmann durch die breiten Gänge, durch die hohe Eintrittshalle und über die weit hingelagerte Rampe hinabschritt, aber das Herz war ihm noch schwerer. Was er jetzt erlebt hatte, was ihm eben jetzt widerfahren, war keine Kleinigkeit. Siebenundzwanzig Jahre hatte sein Urgroßvater die Arten'schen Güter verwaltet, achtundvierzig Jahre sein Großvater. Zu seines Vaters Zeiten hatte Baron Franz die hundertjährige Dienstzeit der Steinerts auf Schloß Richten feierlich begangen. Der reichverzierte silberne Pokal, den der Freiherr damals seinem Amtmanne verehrt, stand noch mit dem Eichenkranze, der freilich welk geworden war, voran im großen Glasschranke. Seit acht Jahren, seit seines Vaters Tode, wirthschaftete Adam nun für den Baron, und als er die Stelle angetreten, war er mit dem guten, festen Glauben darangegangen, hier zu leben und zu schaffen und zu sterben wie die Amtleute vor ihm, wie sein Vater und dessen Vater auch.
Vorlage S. 444
1636
Allerdings hatten seitdem die Zeiten und die Zustände sich sehr verändert. Er konnte nicht mehr, wie sein Vater es getan, am Neujahrstage es dem Herrn vermelden, dass und welchen Ueberschuß die Güter eingetragen. Es war seit den acht Jahren immer mehr aufgegangen, als man eingenommen hatte; der Kirchenbau, die Unterstützung der vielen Flüchtlinge, das breite, keinen Zeitverhältnissen sich unterordnende Gesellschaftsleben und die große Prachtliebe des Barons, welche von der Herzogin genährt ward, hatten in wenig Jahren nicht nur die angesammelten Capitalien aufgezehrt, sondern, da man in den letzten Jahren oft schnell das Geld gebraucht, mannigfache Anleihen nötig gemacht, für die man bei den unruhigen Zeiten ungewöhnlich hohe Zinsen zahlen müssen, die man nicht immer gleich zu decken im Stande gewesen war und welche neue Anleihen erfordert hatten. Freilich waren diese Verlegenheiten durch Aufnahme einer Hypothek auf Rothenfeld, in welcher Adam, um keine fremden Hände an das Gut heranzulassen, durch Herrn Flies sein und Eva's Vermögen angelegt, für den Augenblick beseitigt worden und wenn Adam sich auch Sorge darüber machte, dass schon wieder neue Wechsel für den Freiherrn zu zahlen waren, so hatte er auch wieder besser als ein Anderer die Hülfsquellen der Arten'schen Besitzungen gekannt und sich damit beruhigt, dass Alles noch auszugleichen und herzustellen sei, wenn man einmal mit dem unnützen Kirchenbaue fertig und der kostspieligen Flüchtlinge ledig geworden sein würde. Auf Jahre hinaus hatte er seine Berechnungen, seine Plane angelegt; all sein Sinnen, all seine Kraft und Gedanken hatte er an die Verwaltung dieser Güter geknüpft. Von früh auf, durch eine hundertjährige Vergangenheit, durch alle seine Familien-Erinnerungen gewöhnt, das Schicksal der Steinert's mit dem der Herren von Arten, denen sie dienten, unzertrennlich verbunden zu denken, war ihm erst in den allerletzten Zeiten je zuweilen die Vorstellung gekommen, dass es so nicht immer gehen, dass Verhältnisse eintreten könnten, unter denen er nicht im Stande sein würde, die Herrschaft weiter zu bewirthschaften. Es hatten ihm das jedoch so entfernte Möglichkeiten gedünkt, dass er sich nie lange, nie ernstlich mit ihnen beschäftigt; und dass er, einer von den Steinerts, einer von den Amtleuten, die wie Lehnsleute in dem Hause in Rothenfeld gesessen, von einem der Freiherren, von seinem Freiherrn mit Schimpf und Schande von Haus und Hof getrieben werden könne, daran hatte er in keiner Stunde seines Lebens noch gedacht. Um so härter trat das Ereignis vor ihn hin, um so fester musste er sich ihm gegenüberstellen, und er that das auch. War er doch nicht der erste Mensch, dessen Schicksal eine plötzliche Umwälzung erfuhr; war er doch nicht hülflos, wenn er diese Güter nicht mehr bewirthschaftete! Die Steinerts hatten ein hübsches Vermögen zusammengebracht im ehrlichen Dienste der Herren von Arten, und es stand ja in der Bibel, dass denen, die der Herr liebt, Alles zum Guten gereichen müsse. Wer weiß, wozu es gut war, dass es hier mit Einem Male mit ihnen zu Ende ging! Stand es doch nicht in den Sternen geschrieben, dass die Steinerts immer nur Amtleute der Freiherren von Arten bleiben sollten! Sie konnten Gutsbesitzer werden, sich auf eigene Füße stellen, besser als hundert Andere, denn sie hatten die Kenntnisse und das Capital dazu.
Vorlage S. 444
1637
Es half aber nichts, dass Adam sich dies Alles vorhielt und dass dies Alles seine volle Richtigkeit hatte. Der Mensch reißt sich nicht mit Einem Schlage von seiner Vergangenheit los, und wo er's tun muss, blutet die Wunde noch lange nach.
Vorlage S. 446
1638
Wie er so einsam in seinem Wagen dahinfuhr und mit dem vertrauten Auge über die Gegend hinsah, fand er sich mit Allem durch seine Sorgfalt dafür verknüpft. Er kannte jeden Baum, jeden Strauch. Für jeden Acker hatte er gesorgt, jeden Weg bessern, jeden Zaun erhalten, die meisten Hecken in den letzten Jahren pflanzen lassen. Die Pferde, welche der Knecht zum Eggen hinausritt, hatte Adam auf dem letzten Markte gekauft; der Knecht war auf dem Hofe in Rothenfeld geboren und erwachsen. Zu der Schafheerde, welche der Hirt, nun der Mittag vorüber war, noch einmal auf die Stoppeln hinausführte, hatte Adam's Großvater den Stamm gekauft, und Adam selber war vor sechs Jahren in des Herrn Auftrag in Sachsen gewesen, von dort her eine edlere Race einzuführen.
Vorlage S. 446
1639
In wessen Hände das nun kommen wird? dachte Adam. Es wird's nicht leicht einer so gut halten, wie wir getan! Es wird Manches drunter und drüber gehen, wenn einer darüber geräth, der's nicht zu übersehen und zusammenzuhalten weiß! Und gar, – wenn ein Unredlicher darüber käme!
Vorlage S. 447
1640
Er schüttelte nachdenklich den Kopf. Wie war es denn gekommen, das arge Zerwürfniß? Was war denn eigentlich geschehen? Und war es denn nicht zu vermeiden gewesen? Er konnte es noch nicht begreifen. – Mit großem Bedachte ging er den ganzen Lauf der Unterredung durch. Wort für Wort wiederholte er sich Alles. Er brachte die Anwesenheit des Marquis, die Gemüthsart des Barons, sein gebieterisches Wesen und selbst die Art von väterlicher Herrschaft in Anschlag, die der Herr über ihn geübt, weil er ihn von Kindesbeinen aufwachsen sehen. Er erwog Alles, bis auf den Ton, bis auf die Mienen, mit welchen er zu dem Herrn gesprochen, aber er konnte sich keinen Vorwurf machen. Sein Mannesgefühl und sein gutes Recht durfte er nicht antasten lassen, der bloßen, launenhaften Willkür brauchte er sich nicht zu unterwerfen. Er konnte mit seiner einzigen Schwester Zufriedenheit und Glück nicht also spielen lassen, denn es war klar, aus welchem Grunde immer, der Freiherr hatte ihn absichtlich demüthigen und kränken wollen, und glücklicher Weise befand er sich nicht in der Lage, dies hinnehmen und ertragen zu müssen. Es war also gut, ganz gut so, wie es gekommen war.
Vorlage S. 447
1641
An dieser Meinung richtete er sich fest empor, und schon glaubte er vollständig Meister über den erlittenen Eindruck geworden zu sein, als sein Wagen in das Thor des Amthofes einfuhr. Wie es so da lag, breit und stattlich unter den mächtigen Bäumen, das gute, alte Haus, so hatte sein Urgroßvater es erbaut. Die Bäume aber waren weit älter. Ueber diese Treppe war sein Vater als Bräutigam mit seiner Mutter eingezogen, über diese Treppe hatten sie Vater und Mutter zur letzten Rast getragen. Hier hatte er gespielt; hier an der Treppe hatte er gewartet, als sie mit der Eva zur Taufe nach der Kirche gefahren waren. Alle seine Erinnerungen knüpften sich an diesen Fleck Erde, an dieses alte Haus; alle seine Hoffnungen hatte er im Geiste damit in Verbindung gesetzt, und es that ihm im Herzen weh, als eben, da er vor seiner Thüre anlangte, der Gärtner ein überschüssiges Gesträuch entwurzelte und über den Zaun hinauswarf.
Vorlage S. 447
1642
Entwurzelt! murmelte er unwillkürlich, und es lief ihm kalt durch die starken Glieder. Aber der Mensch ist kein Gewächs! sagte er sich zum Troste, denn eines Trostes fühlte er sich bedürftig.
Vorlage S. 448
1643
Nun? rief ihm Eva entgegen, sobald er den Fuß auf den Boden gesetzt.
Vorlage S. 448
1644
Geduld, versetzte er, lass mich nur erst in die Stube hinein! – Sie sah, dass etwas ganz Unerwartetes geschehen sein musste, ließ ihn vorangehen und folgte ihm.
Vorlage S. 448
1645
Der Amtmann hing den Hut an den Nagel, legte die Handschuhe zur Seite und wandte sich nach seiner Stube, um seine Kleider zu wechseln. Es drängte ihn nicht, das Schwere auszusprechen, er scheute sich vielmehr davor. Aber die Schwester ertrug es nicht länger. Sie trat behutsam an ihn heran, legte den Arm auf seine Schulter und sagte: Du bringst nichts Gutes, Bruder! Du hast um meinetwillen Unannehmlichkeit gehabt!
Vorlage S. 448
1646
Nicht um Deinetwillen! gab er ihr zur Antwort.
Vorlage S. 448
1647
Aber dennoch Unannehmlichkeiten? – Er bejahte es kurz. – So billigt der Baron die Heirath nicht? fragte sie kleinlaut.
Vorlage S. 448
1648
Adam sah sie an, als komme ihm diese Angelegenheit erst jetzt wieder in den Sinn, und in dem Augenblicke nur an sich selber denkend, sagte er: Ach, das ist ja das Wenigste!
Vorlage S. 449
1649
Das Wenigste? Aber was ist denn sonst geschehen? rief Eva, der des Bruders sichtliche Erschütterung allmählich immer klarer wurde, um Gottes willen, was ist denn geschehen?
Vorlage S. 449
1650
Er setzte sich hin und zog sie neben sich. Mach' Dich bereit, Schwester, sprach er, etwas recht Unerwartetes zu hören; es hat mich auch gefasst, als ich's vernahm! – Er hielt inne und sagte dann: Es ist aus zwischen uns und ihnen – wir gehen fort von hier!
Vorlage S. 449
1651
Adam, rief das Mädchen, Adam, das ist ja gar nicht möglich! Wir, wir sollen fort von hier, von hier?
Vorlage S. 449
1652
Ihr Ton erweckte den eigenen Schmerz aufs Neue. Du wärst ja doch bald fortgegangen! sagte er, um sie und sich zu trösten.
Vorlage S. 449
1653
Aber Du, Du? brach Eva hervor und umschlang ihn mit ihren Armen, und ihre Thränen fielen nieder auf seine Brust, und das Herz ward ihm so weich, dass er keines Wortes mächtig war. Draußen tickte die große, englische Stehuhr ihren altgewohnten Pendelschlag, im Hofe plätscherte das Wasser des Rohrbrunnens in das weite Becken.
Vorlage S. 449
1654
Die Uhr wird hier nicht lange mehr schlagen! Das Wasser werde ich nicht lange mehr fallen hören! dachte er, und er hatte Noth, die eigenen Thränen zurückzuhalten, deren er sich schämte.
Vorlage S. 449
1655
Mit tiefem Athemzuge stand er auf. Jetzt, da Eva es wusste, hatte er überwunden. Sei verständig, Mädchen, sagte er, und mach' uns beiden das Herz nicht unnütz schwer! Richten und Rothenfeld sind nicht die Welt, und ich denke, wir sollen fortan beide keinen Herrn mehr haben, der uns befehlen kann – und bald Gott dafür danken, dass wir frei sind, Du und ich! Lass den Christian satteln, er soll heute bis Feldheim reiten, so erfährt Herbert morgen Mittag in Kerben, was geschehen ist, und Du musstest es ja auch erfahren! – Komm' zu mir, wenn Du den Befehl gegeben hast.
Vorlage S. 449
1656
Sechszehntes Capitel
Vorlage S. 451
1657
Dem Freiherrn seiner Seits war es auch nicht wohl ums Herz. Er hatte zu viel Ehrgefühl und Stolz, um es nicht schwer zu empfinden, wenn er sich sagen musste, dass er einem seiner Untergebenen ein Unrecht getan, und in diesem Falle befand er sich jetzt seinem Amtmanne gegenüber. Dazu hing er am Hergebrachten, am Gewohnten mehr als er es sich selber eingestand, und die Herren von Arten hatten sich immer etwas damit gewusst, seit mehr als hundert Jahren dasselbe Geschlecht in ihren Diensten zu haben. Alte, treue Diener gehörten nach der richtigen Ansicht des Freiherrn zum edelsten Familienbesitz, und noch war er niemals in der Lage gewesen, sich eines Theils desselben zu entäußern. Es wäre ihm hart angekommen, sich von einem der von Geschlecht zu Geschlecht vererbten Geräthe zu trennen; sich von einem Menschen loszusagen, dessen Familie so lange mit den Erinnerungen seines Hauses verbunden gewesen war, kam ihm noch schwerer an. Und er hatte den Adam, er hatte beide Geschwister gern. Es waren, das konnte und mochte er sich selbst in dieser Stunde nicht verhehlen, tüchtige und brave Menschen. Einen treueren Beamten als den Adam konnte er nicht finden.
Vorlage S. 451
1658
Er ging mit sich lange und ernsthaft zu Rathe. Wären die Zeiten gewesen wie früher, so würde er vielleicht nicht angestanden haben, am nächsten Tage den Amtmann kommen zu lassen, ihm, der im Grunde ja noch ein junger Mensch war, den Kopf tüchtig zurecht zu setzen und ihm dann anzuzeigen, dass er ihm vergeben, ihn in seinem Dienste behalten wolle, und Adam würde das dankbar angenommen haben. Aber die Zeiten hatten sich gewaltig geändert, seit die Revolution in Frankreich ausgebrochen war, seit man dort den edeln, unglücklichen König enthauptet und eine Staatsverfassung, eine Republik eingeführt hatte, in der Gewerbtreibende und Gelehrte, Leute ohne Geburt und Rang am Ruder waren, die den Adel seines angestammten Besitzes, seiner angeerbten Vorrechte beraubt und das Blut der edelsten Geschlechter in Strömen vergossen hatten. In Adam's Worten: Ich bin ein freier Mann! hatte der Freiherr vernommen, was jetzt, seit sie in Frankreich die Menschenrechte verkündet, all diesen Leuten im Kopfe spukte, und das war es gewesen, was ihn so erbittert hatte, was ihm auch jetzt ein verzeihendes Einlenken als völlig unthunlich erscheinen ließ; denn undenkbar war es nicht, dass der Amtmann, wie die Welt jetzt aussah, es verschmähte, die dargebotene Begnadigung anzunehmen. Er hatte zu fest, zu strack vor ihm gestanden! Adam war auch ganz der Mann danach, mit seinem ansehnlichen Vermögen lieber selbst den Gutsherrn machen zu wollen – und was dann?
Vorlage S. 451
1659
Der Freiherr konnte, durfte nach seiner Ueberzeugung nicht widerrufen, was er ausgesprochen! Allerdings hatte er damit eine Menge von Unbequemlichkeiten und Sorgen über sich genommen, aber es blieb ihm nichts übrig, als den Sohn des braven Steinert mit einer gerechten Beschwerde über seinen Herrn von dannen gehen zu lassen. Denn gegen Herbert und Eva war er thatsächlich nicht gerecht gewesen, und an Allem dem trug, wenn er's recht bedachte, auch Angelika wieder die Schuld!
Vorlage S. 452
1660
Unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand gegen die Brust. Da brannte er ihn immerfort, der Schmerz: Angelika liebte Herbert, sie selbst hatte es ihm gestanden, fast ohne sein Zuthun, freiwillig gestanden! Er war sehr unglücklich! – Der Caplan, die Herzogin wussten es, ja – und was das Schlimmste war, es wusste es auch der Marquis!
Vorlage S. 452
1661
Er hatte diesen niemals gern gesehen. Die große Leichtfertigkeit desselben, seine Lust an kleinlichen Erfolgen, selbst die Weise, in welcher er sich über seines Königshauses, seines Vaterlandes und über sein eigenes Schicksal fortzusetzen wusste, däuchten dem Freiherrn eines Edelmannes nicht würdig. Dass der Marquis ihn jetzt gar in die Lage brachte, seinen Gast von dem Amtmanne, von einem seiner Diener, anklagen zu hören, dass der Marquis ihn dazu zwang, ihm Vorstellungen zu machen, war ihm widerwärtig – und ernstliche Vorstellungen musste er ihm machen, denn es waren bereits mehrfach ähnlich klagende Berichte zu des Freiherrn Ohr gedrungen.
Vorlage S. 453
1662
Den Freiherrn hatte der Schlaf die ganze Nacht geflohen. Seine Nerven waren abgespannt, sein ganzes Wesen bedrückt, und das nasse, bleifarbige Gewölk, das keinen Sonnenstrahl hindurchließ, die unbewegte, schwere Luft des schwülen Herbsttages waren nicht geeignet, ihn zu befreien oder zu beleben. Die Mahlzeiten waren unter einer erzwungenen Heiterkeit vorüber gegangen, der Baron, äußerst mäßig in Speise und Trank, hatte gegen seine Gewohnheit reichlicher Wein getrunken, um zu vergessen, was ihn drückte, oder um sich wenigstens über die ihm jetzt lästige Stunde des Beisammenseins mit seinen Hausgenossen hinweg zu helfen. Während man speiste, bestellte er sein Pferd, um auszureiten, indeß der Nebel, welcher den ganzen Tag beherrscht, hatte sich endlich in einen jener Regen verwandelt, denen man es ansieht, dass sie lange währen; und weil er Luft und Bewegung nötig hatte, nahm er wieder zu der Gallerie – so nannte man jenen Saal im Erdgeschosse – seine Zuflucht. Dorthin folgte ihm wie gewöhnlich der Marquis. Es war dem Freiherrn eben recht.
Vorlage S. 453
1663
Als sie sich allein mit einander befanden und mehrmals schweigend in dem Zimmer auf und nieder gegangen waren, sagte der Freiherr: Haben Sie vielleicht davon gehört, Marquis, dass ich meinen Amtmann entlasse?
Vorlage S. 453
1664
Nein, versetzte der Marquis, aber Sie tun sicherlich sehr wohl daran!
Vorlage S. 454
1665
Weßhalb? Was wissen Sie davon? fragte der Freiherr.
Vorlage S. 454
1666
O, der Mensch hat einen Ton, Manieren! Er spielt den bourgeois gentilhomme. Er ist sicherlich einer von denen, die auch bei Ihnen gerades Weges auf die sogenannte Freiheit und Gleichheit lossteuern würden, wenn man sie nicht im Zügel hielte. Er wusste ja gar nicht mehr, was ihm geziemte und wer er war! rief der Marquis, in dem sicheren Glauben, sich dem Freiherrn damit angenehm zu machen.
Vorlage S. 454
1667
Aber er verfehlte seine Wirkung. Es verdroß den Baron, seinen Amtmann von dem Fremden tadeln, es sich dabei gleichsam vorwerfen zu lassen, dass er ein Ungebührliches unter seinen Leuten geduldet habe, und mit der ihm eigenthümlichen stolzen Würde sprach er: So sollten wir in unseren Tagen um so ernstlicher darauf denken, es nicht zu vergessen, wer wir sind und was uns ziemt!
Vorlage S. 454
1668
Der Marquis blieb stehen. Er hatte in seiner gegenwärtigen Abhängigkeit jenes Ehrgefühl nicht verloren, an welches der Freiherr seine Mahnung erhob, es hatte sich im Gegentheil durch seine jetzige Lage steigern müssen, da es mit seiner anmuthigen Person das Einzige war, was ihm von den Umständen nicht genommen werden konnte; und den feingepuderten Kopf hochfahrend zurückgeworfen, um sich damit der hohen Stattlichkeit seines Beschützers wenigstens im Aeußern so viel als möglich gleich zu stellen, sagte er: So ziemt es mir sicher auch, zu erfahren, Herr Baron, womit ich diese Anmahnung verschuldet!
Vorlage S. 454
1669
Es war seit gestern das zweite Mal, dass ein jüngerer von ihm abhängiger Mann, ein Mann, dem der Baron sich in jeder Rücksicht überlegen wusste, sich ihm herausfordernd und auf sein Recht pochend entgegenstellte, und unwillkürlich sagte er sich, wie der Trotz des Amtmannes es gewesen sei, der den Marquis ermuthigt habe. Das brachte des Freiherrn erhitztes Blut in Wallung, und lebhaft auffahrend, rief er: Vor allen Dingen hätte es Ihnen wohl geziemt, es mir zu ersparen, dass meine Leute sich bei mir über den Leichtsinn und die Sitten meines Gastes beklagen müssen. Sie haben die Tochter meines Reitknechtes verführt, mein Unterförster hat sich über Sie zu beschweren gehabt, der Amtmann ....
Vorlage S. 454
1670
Aber der Zorn des Barons brachte auf den jungen Franzosen, entweder weil er diese Art von Vorwürfen nicht eben erwartet haben mochte, wirklich eine komische Wirkung hervor, oder er hoffte, sich mit einem Scherze am leichtesten der Verlegenheit entziehen zu können, denn er rief lachend: Parbleu, mein Herr Baron, eine Hofdame, eine Prinzessin wäre mir allerdings lieber gewesen, aber weßhalb wollen Sie einem jungen Manne einen etwas geschmacklosen Zeitvertreib gleich zum Verbrechen machen? Irre ich mich nicht, so haben auch Sie sich seiner Zeit in Ermangelung eines Besseren gar wohl zu bescheiden verstanden, Herr Baron!
Vorlage S. 455
1671
Der Freiherr ballte die Hand zusammen, die er vornehm in den Falten seines Jabots hielt. Wir sprechen von Ihnen, nicht von mir, Marquis! sagte er mit scharfer Betonung. Der Amtmann hat gedroht, vorkommenden Falles sein Hausrecht wider Sie zu brauchen, und ich wüsste nicht, wie ich's ihm wehren könnte!
Vorlage S. 455
1672
Der Marquis sprang einen Schritt zurück, seine Wange erbleichte. Ich war lange Zeit ihr Gast, Herr Baron! rief er.
Vorlage S. 455
1673
Und Sie werden mich durch Ihren Leichtsinn gelegentlich noch in die Lage bringen, einen Edelmann als Gast an meinem Tische zu sehen, an den einer meiner Leute seine Hand gelegt hat.
Vorlage S. 455
1674
Sicher nicht, Herr Baron, denn ich werde Sie sofort der Möglichkeit entheben, Ihr Gastrecht und das Recht Ihrer Jahre gegen mich in solcher Weise geltend zu machen! sagte der Marquis und verließ mit einer förmlichen und gemessenen Verbeugung die Gallerie.
Vorlage S. 456
1675
Der Baron konnte nach seiner letzten Aeußerung nichts Anderes von dem Marquis erwartet haben, und doch stand er mit einer quälenden Empfindung still, als er den Tritt desselben in dem Nebenzimmer verhallen hörte. Nicht dass eben der Marquis sich entfernte, berührte den Freiherrn so unangenehm, denn dieser war ihm grade heute wieder sehr mißfällig gewesen, aber er selber fand sich wie verwandelt, und das war's, was ihn peinigte. Er, der sein ganzes Wesen zu einem würdevollen Gleichmaße herangebildet, der eine Aufgabe und eine Befriedigung darin gefunden hatte, dies in allen Lebenslagen und allen Personen gegenüber zu behaupten, er fand sich in einer Stimmung, in einer Verfassung, welche ihn dieses Gleichgewichts beraubte, welche ihn zu Handlungen hintrieb, die er selbst als ungehörige bezeichnen musste und die ihn zu immer neuen, widerwärtigen Erörterungen drängten, in deren Folge ihm Alles unter seiner Hand zusammenbrach.
Vorlage S. 456
1676
Es giebt solche Augenblicke, ich habe solche Zeiten schon erlebt, sagte er, sich zu beschwichtigen, während er mit festem, stolzem Schritte, als bedürfte er dieses Zeichens seiner selbstherrlichen Kraft, langsam in der Gallerie umherwanderte. Solch ein Zeitpunkt war's ja auch, in welchem ich vor Jahren mich von Dresden hierher zurückzog und in dem ich dann Pauline, die arme Pauline, als ein Glückspfand in mein Leben aufnahm. Er seufzte, als er sich daran erinnerte. Er hatte lange nicht an sie gedacht, nur seit gestern war ihr Bild ihm wieder lebendig vor die Seele getreten, und er konnte es jetzt betrachten ohne den schmerzenden Stachel der Reue, die ihn sonst gequält hatte. Pauline hatte ihm allein angehört mit ihrem Herzen, sie war ihm treu gewesen bis in ihren Tod, sie hatte keinen Anderen geliebt, als ihn!
Vorlage S. 456
1677
Er presste die Lippen gewaltsam auf einander. Das war es! Das war es, was ihm seine Ruhe, seine Fassung raubte, was ihn kein Auge hatte schließen lassen in der Nacht!
Vorlage S. 457
1678
Es war ein Bruch in sein Leben gekommen. Er fühlte sich in seiner Ehre angetastet, und der Mann, der ihn die Liebe seiner Gattin gekostet hatte, stand so tief unter ihm, dass er die erfahrene Beleidigung nicht einmal, wie es unter Edelleuten üblich, hätte rächen können, auch wenn er dies gewollt hätte. Angelika's Liebe hatte ihn nie ganz erfüllt, nie wahrhaft beglückt; aber das Vertrauen auf dieselbe hatte zu den Grundbedingungen seines Daseins gehört, und nicht mehr auf dieselbe rechnen und bauen zu können, war ein schwerer Verlust für ihn. Er hatte sich in ihr geirrt, sich betrogen, und er konnte dies weder sich selber noch denjenigen Personen verbergen, welche die Vertrauten des unglücklichen Geheimnisses geworden waren. Es konnte nicht fehlen, dass er die Frau, welche ihm diese Wunde geschlagen hatte, bald als die alleinige Ursache aller seiner Leiden und aller seiner Widerwärtigkeiten ansah.
Vorlage S. 457
1679
Es war sein innerer Kummer, es war sein unterdrückter Schmerz und Grimm, die ihn sich selbst entfremdeten und die ihn im Zorne weit über seine sonstige Weise, fast bis zur Selbstvergessenheit hinausgetrieben hatten. Es war Angelika, deren Schuld den Bruch mit Adam veranlaßt; auch der verdrießliche Handel mit dem Marquis, der ihn die Gesellschaft seiner Freundin kosten und die Herzogin der Zufluchtsstätte berauben konnte, welche ihr zu bieten dem Freiherrn eine Freude und eine Ehrensache gewesen war, ließ sich schließlich auf Angelika's Schuld zurückführen, und doch musste er sie, wenn er sich nicht selber Preis geben wollte, um seiner eigenen Ehre willen nach wie vor zu lieben scheinen, während eine kalte Abneigung gegen sie sich seiner immer mehr bemächtigte.
Vorlage S. 457
1680
Aber um Angelika's willen sollte die Herzogin nicht scheiden. Das wenigstens musste er zu verhindern suchen. Hatte sie doch gleich Anfangs den Eintritt der flüchtigen Verwandten in ihr Haus mit Mißtrauen begrüßt und eben in diesen Tagen ihn vor der Herzogin gewarnt, der sie doch ihr volles Vertrauen zugewendet. Er durchschaute das Spiel, welches Angelika, wie er meinte, zu spielen gewillt war, aber er versprach sich, dass sie es nicht gewinnen, nicht auf seine und seiner Freundin Kosten als Siegerin aus demselben hervorgehen sollte.
Vorlage S. 458
1681
Siebzehntes Capitel
Vorlage S. 459
1682
Einen Abend wie diesen hatte die Dienerschaft im Schlosse nie erlebt. Die Herzogin speiste auf ihrem Zimmer, der Marquis leistete ihr Gesellschaft. Der Freiherr aß gar nicht zu Nacht, und im Speisesaale hatten der Caplan und die Baronin die aufgetragenen Schüsseln kaum berührt.
Vorlage S. 459
1683
Oben im Vorzimmer der fremden Herrschaften packte der Diener die Koffer des Marquis. Der zweite Kutscher hatte Befehl bekommen, die leichte Reisekalesche fertig zu halten, ein Reitknecht war in Nacht und Nebel mit Relaispferden nach der Stadt geschickt worden.
Vorlage S. 459
1684
Man fragte den Diener des Marquis, was denn geschehen sei, dass sein Herr so plötzlich nach der Residenz aufbreche. Er konnte das nicht sagen. Man wollte erfahren, ob denn die Frau Herzogin mit ihrem Bruder gehe. Auch das wusste er nicht, und die Kammerfrau der Herzogin, von der man Auskunft erwarten durfte, ließ sich gar nicht sehen. Des Vermuthens, des Fragens, des Meinens und des Prophezeiens war auf den Treppen, in den Vorsälen und in den Domestikenzimmern gar kein Ende, und doch brachte man's zu keinem festen Abschlusse. Nur das Eine wusste man sicher, die Kammerfrau der Herzogin hatte dem Freiherrn gegen Abend einen Auftrag, der Secretair behauptete sogar, einen Brief gebracht.
Vorlage S. 459
1685
Die Herzogin lässt auch packen, sagte der Diener, welcher nach der Mahlzeit die Tafel in ihrem Zimmer abzuräumen gehabt hatte, und als ich eben fortging, kam der Herr Baron den Corridor entlang und ging zu ihr.
Vorlage S. 459
1686
Es geschah sonst niemals, dass der Freiherr die Herzogin in ihrer Wohnung aufsuchte, ohne sich bei ihr vorher förmlich anmelden zu lassen, denn er wünschte ihr auch in seinem Schlosse das Gefühl zu erhalten, dass sie Herrin bei sich sei. Heute jedoch klopfte er selbst an ihre Thüre. Die Kammerfrau öffnete ihm und ließ ihn ein, aber die Herzogin war nicht anwesend. Erst als er nach ihr fragte, trat sie aus dem Nebenzimmer hervor.
Vorlage S. 460
1687
Ihre Haltung, ihr Blick waren noch ruhiger, noch würdevoller als gewöhnlich, und ohne abzuwarten, was er ihr zu sagen habe, reichte sie ihm die Hand entgegen und sprach mit sanfter Freundlichkeit: Sehen Sie, mein Cousin, da stehen wir wieder einmal vor einem jener Ereignisse, von denen ich Ihnen oft gesprochen habe, vor einem jener Zufälle, die uns unerwartet daran mahnen, dass nichts in unserem Leben Dauer hat, und die uns davor warnen, uns keiner friedensvollen Sicherheit zu überlassen!
Vorlage S. 460
1688
Sie hatte sich mit den Worten auf das Canapee gesetzt, und während der Freiherr ihr zur Seite auf einem Sessel Platz nahm, wies sie, mit einer leichten Bewegung ihn um Entschuldigung dafür bittend, dass sie in seinem Beisein eine solche Anordnung treffe, ihre Kammerfrau an, die Schreibgeräthschaften, welche auf dem Tische standen, in ihre Schatulle einzupacken.
Vorlage S. 460
1689
Als die Dienerin sich entfernt hatte, sagte der Freiherr, indem er sich bittend gegen die Herzogin neigte: Lassen Sie uns nicht dem Schicksale aufbürden, was in unserer Hand liegt, meine Freundin! Gönnen wir einem Zufalle, gönnen wir der Unüberlegtheit und dem heißen Temperamente eines jungen Mannes nicht die Macht, dasjenige zu zerstören, was wir durch ein Leben lang heilig gehalten haben, unsere Freundschaft, und uns dessen zu berauben, was mir wenigstens ein Unersetzliches ist! Gehen Sie nicht von uns, Herzogin, ich bitte Sie darum!
Vorlage S. 460
1690
Sein Ton war weich, seine Geberde mild und traurig, denn er hatte in diesen letzten Tagen innerlich viel durchgemacht. Er liebte es, mit großmüthigem Herzen die Menschen, welche in seiner Nähe lebten, zu beglücken, und wohin er in diesem Augenblicke sah, wusste er, dass man seiner mit Unzufriedenheit gedachte. Das Schloß, das Amthaus, Alles stand in düsterm Lichte vor ihm. Alles versagte sich ihm, Alles verließ ihn, worauf er sich gestützt hatte; und nun wollte auch sie, die bewährte Freundin, von ihm gehen, die ihn mit seiner Jugendzeit verknüpfte, der er gewähren konnte, was sie sonst nirgends fand: eine Heimath und eine Sorgenfreiheit, die sie von ihm, dem Blutsverwandten, dem alten Freunde, ohne das Gefühl erniedrigender Wohlthat anzunehmen vermochte. Die Herzogin in Unfrieden von seiner Schwelle scheiden zu lassen, wäre ihm ein Schmerz und nach seiner Anschauungsweise eine neue und schwere Kränkung seiner Ehre, seiner Standes- und Familienehre gewesen. Sie kannte ihn auch genugsam, um seine Empfindungen und Anschauungen in diesem Punkte richtig zu beurtheilen, und sie hatte sich auf dieselben mit Zuversicht verlassen.
Vorlage S. 461
1691
Zum ersten Male hatte es einen Streit zwischen ihr und dem Marquis gegeben. Sie befand sich nicht mehr in der Lage, in welcher sie dem verwöhnten Lieblinge jede Grille durchgehen lassen und jeder seiner Thorheiten mit ihrem Vermögen und Einflusse begegnen konnte. Sie hatte es mit widerstrebendem Herzen gelernt, sich in die Verhältnisse zu schicken, und sich beschieden, für ihre verlorene Lebensfreiheit so weit als möglich in der Herrschaft Ersatz zu suchen, welche sie über diejenigen ausübte, von denen sich abhängig zu wissen ihr Stolz nur schwer ertrug; denn es ist das Glück der Herrschsüchtigen, dass sie in dem Herrschen an und für sich einen Genuss empfinden und dass ihre Befriedigung nur bis zu einem gewissen Grade von dem Gegenstande, über den sie herrschen, abhängig ist. Sie konnte hier in Richten, wie die Verhältnisse jetzt lagen, zusehen, abwarten, geschehen lassen, ohne Langeweile dabei zu empfinden; sie brauchte nur wie ein geübter Schachspieler die Figuren, welche man von beiden Seiten in das Spiel und in Bewegung brachte, im Auge zu behalten, um den rechten Moment nicht zu verfehlen, in welchem ein geschickter Eingriff die ihr erwünschte Lösung bringen musste. Sie hatte sich ihre Stellung in Schloß Richten zu gewinnen und zu behaupten gewusst, und sie war ihr lieb und lieber geworden, je unmöglicher die Rückkehr in ihre früheren Verhältnisse sich durch den Fortgang der französischen Revolution gezeigt hatte.
Vorlage S. 461
1692
Wie sie einst in Vaudricour die vornehmste Frau in der Provinz gewesen war, und Hof gehalten hatte in ihrer Weise, so hatte sie sich allmählich in diesem entlegenen Theile Deutschlands festgesetzt, und das Zartgefühl der Baronin, die Großmuth des Barons hatten ihr dazu den Weg geebnet. Allen ihren Bedürfnissen ward im Voraus begegnet, ja, der Freiherr hatte es in der schonendsten und liebenswürdigsten Art dahin gebracht, ihr allmählich in Form eines Darlehens ein Nadelgeld auszusetzen, groß genug, auch den Marquis zu versorgen; und wenn die Herzogin auch über die Summen, welche sie empfing, jedes Mal einen Schuldschein zu unterzeichnen verlangte, so hatte sie es doch in Erfahrung gebracht, dass die Summen in den Büchern nicht auf ihren, sondern auf des Freiherrn Namen eingetragen wurden, und dass dieser die Quittungen, welche sie ausstellte, stets selbst vernichtete, damit sie niemals, auch nicht etwa von seinen Erben, gegen die Herzogin geltend gemacht werden konnten.
Vorlage S. 462
1693
Aus diesem Zustande, dem wünschenswerthesten, welcher sich augenblicklich für sie denken ließ, hatte der Leichtsinn des Marquis sie aufgeschreckt, und wenn dieser seinerseits in der Aufwallung seines Zornes und seines beleidigten Ehrgefühls auch an nichts weiter denken konnte und mochte, als den Anforderungen des letzteren genug zu tun, so sah die Herzogin mit jener schnell arbeitenden Phantasie, welche die unentbehrliche und unzertrennliche Gefährtin eines scharfen Verstandes ist, sofort über den Augenblick zu dessen Folgen hinüber, und sie konnte nicht zweifelhaft sein, was hier geschehen könne, was ihr zu tun obliege.
Vorlage S. 463
1694
Dass der Marquis nicht bleiben, wenigstens für jetzt nicht in Richten bleiben könne, verstand sich von selbst. Aber eben weil er gehen musste, war sie zu bleiben genöthigt, denn nur auf diese Weise konnte sie ihm die Mittel zu seinem Unterhalte schaffen; indeß freiwillig zu bleiben ziemte ihr nicht, da sie ihren Bruder als den Beleidigten darzustellen wünschte, und nach den ersten lebhaften Erörterungen zwischen ihr und dem Marquis hatte sie dem Freiherrn geschrieben, dass sie sich zu ihrem Schmerze und, wie sie hoffe, auch zu seinem und dem Bedauern der Baronin in die traurige Notwendigkeit versetzt finde, auf seine großmüthige Gastfreundschaft verzichten und in eine ihr so leere und fremde Welt zurückkehren zu müssen, gegen deren Oede und Schrecken sie unter seinem Dache, an seinem Heerde, unter dem Schutze ihres beiderseitigen Ahnenschlosses eine so friedliche und beglückende Zuflucht gefunden habe. Alles, um was sie sich erlaube, ihn noch zu bitten, sei, dass er ihr die Vierteljahrs-Zahlung noch einmal anweisen lasse, und dass er ihr vergönnen möge, sich seines Wagens und seiner Pferde bis zu der Stadt zu bedienen, in welcher sie zuerst zu übernachten denke und in der sie Postpferde für ihr weiteres Fortkommen finden könne.
Vorlage S. 463
1695
Sie hatte mit Sicherheit den Eindruck berechnet, welchen solch ein Schreiben eben in diesem Augenblicke auf den Freiherrn machen würde, und sie hatte sich nicht darin getäuscht. Es war in der Voraussicht seines Besuches gewesen, dass sie Befehl gegeben hatte, hier und da einen der Gegenstände und der Geräthschaften, deren sie sich zu bedienen pflegte und welche der Freiherr an ihrem bestimmten Platze zu sehen gewohnt war, aus dem Gemache zu entfernen, und in der That bedünkte ihn diese kleine Zerstörung der ihm in einer bestimmten Form vertraut gewordenen Umgebung unheimlich.
Vorlage S. 464
1696
Da die Herzogin auf des Freiherrn Bitte, das Schloß nicht zu verlassen, nur mit einer schmerzlichen Bewegung ihrer Mienen antwortete, sprach er nach kurzem Schweigen: Hören Sie, meine Freundin, wie draußen der Wind die starren Aeste der Bäume schüttelt, das Jahr geht abwärts, das Wetter ist schlecht! Er hielt inne, nahm dann ihre Hand und sagte: Auch unser Leben, Margarethe, wie wir uns gegen diese Erkenntnis in günstiger Stunde auch zu betäuben suchen, ist kein aufsteigendes mehr, der Weg wird übersichtlich, welcher noch vor uns liegt, und was wir auf demselben an Glück noch etwa finden könnten, das sollten wir freiwillig nicht vermindern!
Vorlage S. 464
1697
Wir? nahm die Herzogin das Wort, wir? Wie dürfen Sie Ihr Schicksal dem meinigen vergleichen, theurer Freund? Sie haben Renatus, den Sohn, der Ihnen fröhlich und gesund heranwächst, Sie stehen inmitten Ihrer Heimath, Sie besitzen die Liebe einer jungen, edeln Frau! – Aber was fehlt Ihnen, mein Freund? rief sie, sich plötzlich unterbrechend. Was habe ich denn gesagt, das sie betrübt? Oder ist es nur der flackernde Schein der Kerzen, der mir Ihr Gesicht so bleich er scheinen macht?
Vorlage S. 464
1698
Der Freiherr zögerte, ihr zu antworten, weil er zum ersten Male die Unwahrheit der Herzogin erkannte. Was bedeutete es, dass sie ihn auf die Liebe seiner Gemahlin hinwies, sie, der Angelika das unglückliche Geheimnis ihrer Liebe zu dem Architekten anvertraut hatte? Es widerstrebte ihm, sich der Täuschung hinzugeben, die sie ihm schmeichlerisch bereiten zu wollen schien, es widerstand ihm eben so, ihr zu bekennen, dass er ihre Absicht durchschaute; aber sie ließ ihm zum Ueberlegen keine Zeit, denn mit größter Wärme seine Hände ergreifend, rief sie: O, mein Freund, wäre ich so unglücklich gewesen, eine schmerzhafte Saite in Ihrem Leben zu berühren? Wüssten Sie etwa, was ich Ihrer Kenntnis vorenthalten zu sehen hoffte, dass selbst diese schöne, edle Natur ....
Vorlage S. 464
1699
Der Freiherr machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Lassen Sie das, lassen Sie das, meine Freundin! sagte er. Es ist nicht weise, von einem Unwiederbringlichen zu sprechen und seine Gedanken damit zu beschäftigen, besonders wenn man sich nicht mehr mit neuen Täuschungen über eine erlittene Täuschung fortzuhelfen vermag; und ich darf es leider sagen: meine letzte Täuschung liegt jetzt hinter mir! – Er seufzte, unterdrückte, was er noch sagen zu wollen schien, und sie schwiegen beide.
Vorlage S. 465
1700
Sie könnten mich tadeln, nahm nach einer Weile die Herzogin das Wort, dass ich Sie nicht benachrichtigt, dass ich überhaupt das Vertrauen der armen Angelika angenommen habe. Aber das erregte Herz verlangt sich auszusprechen, und da mir der Eindruck, welchen jener junge Mann auf die Baronin seit dem ersten Tage seiner Ankunft gemacht hatte, nicht entgangen war, wusste ich keine besseren Hände für die Bewahrung des traurigen Geheimnisses, als die meinigen. Ich brachte sie dahin, sich mitzutheilen, ich selbst enthüllte ihr, was in ihrer Seele vorging, damit sie sich dem Zuge nicht blindlings und ahnungslos überließ; ich that, was in meinen Kräften stand, sie zu zerstreuen. O, es war nicht meinetwegen, dass ich Sie immer wieder antrieb, neue Gäste einzuladen, auf neue Vergnügungen zu sinnen! Und es ist wahr, die Baronin hat mit sich gekämpft, mit sich gerungen lange Zeit; aber Sie kennen das Frauenherz und seinen zärtlichen Eigensinn! Sie kennen die unbezwingliche Gewalt der Leidenschaft! – Sie brach plötzlich in ihrer Rede ab.
Vorlage S. 465
1701
Ja, ich kenne sie, sprach der Freiherr dumpf, ich kenne sie! – Er erhob sich und trat an das Fenster. Die Nacht war sehr finster. Eine Weile ließ die Herzogin ihn stehen, dann näherte sie sich ihm, legte ihren Arm leise auf den seinigen und sagte: Es tut Ihnen nicht gut, mein Freund, so schweigend in das Dunkel hinaus zu sehen. Richten Sie sich auf, mein Freund! Es giebt kein Uebel, das unheilbar wäre, wenn man es ernstlich zu heilen wünscht!
Vorlage S. 466
1702
Sie irren, meine Freundin! entgegnete der Freiherr.
Vorlage S. 466
1703
O, rief sie, ich glaube an das Eisen, das die Wunde heilen kann, welche es geschlagen!
Vorlage S. 466
1704
Eine Fabel, eine Fabel, wie so vieles Andere, an das wir auch geglaubt haben! bedeutete er mit trübem Lächeln.
Vorlage S. 466
1705
Lassen Sie es mich wenigstens versuchen, mein Cousin! bat die Herzogin.
Vorlage S. 466
1706
Des Freiherrn Züge belebten sich. Heißt das, dass Sie nicht von uns gehen, Margarethe?
Vorlage S. 466
1707
Könnte ich Sie und unsere arme Angelika sich in solchem Zustande einander überlassen? rief sie. Muss ich denn nicht bleiben, um von Ihnen zu erlangen, was Sie mir gewähren, gleich jetzt gewähren müssen?
Vorlage S. 466
1708
Sprechen Sie, sprechen Sie, meine theure Margarethe! sagte der Freiherr.
Vorlage S. 466
1709
Ich verlange nichts für mich, und doch ist es die höchste Beruhigung für mein Herz, die ich begehre, sagte sie. Ich verlange, dass mein Freund, der selbst im Leben viel geirrt und viel gefehlt hat, und mancher Vergebung benöthigt gewesen ist, seiner Gattin verzeihe, und dass ich es sei, der den Verzeihenden, den Versöhnten noch an diesem Abende wieder zu ihr führt!
Vorlage S. 466
1710
Der Freiherr antwortete nicht. – Ich kann nicht verzeihen, was erlitten zu haben ich nicht vergessen kann! entgegnete er endlich, und die frühere Düsterkeit lagerte sich wieder über sein Antlitz.
Vorlage S. 467
1711
So beruhigen Sie wenigstens die Frau, welche Ihnen Ihren Sohn geboren hat, befreien Sie ihr den Sinn, damit das Kind nicht weiter von ihrer Schwermuth leide, und lassen sie die Zeit walten und mich versuchen, was die Freundschaft kann! bat sie aufs Neue und noch dringender, als zuvor.
Vorlage S. 467
1712
Sie sind der gute Engel unseres Hauses! rief der Freiherr.
Vorlage S. 467
1713
Nicht doch, nur eine verlässliche alte Frau, entgegnete ihm die Herzogin, nur eine Frau, der es die höchste Befriedigung gewähren würde, Ihnen endlich einmal zu irgend etwas nütze sein zu können.
Vorlage S. 467
1714
Sie reichte dem Baron die Hand, er küsste sie ihr, und ihren Arm in den seinen legend, gingen sie ohne zu sprechen mehrmals in dem Gemache auf und ab, bis der Freiherr das Wort nahm und sie bat, ihr Vermittleramt nun auch zwischen ihm und dem Marquis zu üben, da er sie nicht der Gesellschaft ihres Bruders zu berauben und ihr den Aufenthalt in diesem Schlosse dadurch für die Zukunft nicht weniger angenehm zu machen wünsche.
Vorlage S. 467
1715
Aber davon wollte sie nicht hören. Es sei nötig, sagte sie, ihrem von ihr verwöhnten Bruder zu beweisen, was er hier in der großmüthigen Gastfreundschaft des Freiherrn besessen und leichtsinnig verscherzt habe, nötiger noch, dass er strebe, sich eine ihm angemessene Tätigkeit im Heere oder sonst im Dienste des Königs zu suchen, bei welcher sein lebhafter Sinn sich genug thue, seine Anlagen und Kenntnisse ihre entsprechende Verwerthung finden könnten. Ihr Bruder sei zu jung, um dauernde Befriedigung in dem Stillleben zu finden, auf das zu verzichten sie ein großes Opfer gekostet haben würde; und da der Freiherr ihre Meinung theilte, verstand es sich von selbst, dass er sich erbot, den Scheidenden mit den Empfehlungen und Anweisungen auszurüsten, deren er für die Erreichung seiner Zwecke bedürftig sein konnte. Er sagte sodann, dass er ihr sofort die Summe senden werde, um welche sie ihn gebeten hatte, und ersuchte sie selbst, ihm darüber den gewohnten Schuldschein auszufertigen.
Vorlage S. 467
1716
Sie schellte ihrer Kammerfrau. Packen Sie mein Schreibzeug wieder aus und bringen Sie es her! befahl sie.
Vorlage S. 468
1717
Das Gespräch zwischen ihr und dem Freiherrn beschäftigte sich ausschließlich mit dem Marquis. Während sie dann den Schuldschein unterzeichnete, sagte sie mit einem tiefen Seufzer: Das wird hinreichen, seine Bedürfnisse zu decken, bis er eine Anstellung erhält.
Vorlage S. 468
1718
Nicht doch, nicht doch, rief der Freiherr, welcher ihr einen Beweis zu geben wünschte, wie lieb es ihm sei, sie bei sich behalten zu können, diese Summe muss Ihnen bleiben, Sie können sich deren nicht entäußern, Theuerste! Den Marquis zu versorgen, bis er dies selber tun kann, dies, theure Freundin, ist meine Sache. Die Ihrige ist's, ihn zu vermögen, dass er die Vorsorge Ihres alten Freundes nicht von sich weist, weil dieser sich einmal in der übeln Lage befunden hat, ihm einige kleine, nicht angenehme Vorstellungen zu machen. Ich schicke ihm morgen eine Anweisung auf meinen Banquier. Und damit gute Nacht, theure Herzogin; gute Nacht, meine theure, treue Freundin!
Vorlage S. 468
1719
Er wollte sich entfernen, ihr die Notwendigkeit des Dankes zu ersparen; sie aber hielt ihn zurück. Und Angelika? fragte sie.
Vorlage S. 468
1720
Morgen, morgen! entgegnete er ihr. Lassen Sie mir Zeit, mich zu fassen, mich zu überwinden, lassen Sie der Baronin die Zeit, zu überdenken, was sie getan hat! Sie bleiben ja mit uns!
Vorlage S. 468
1721
Achtzehntes Capitel
Vorlage S. 469
1722
Herbert war kaum in die Stadt zurückgekehrt, als er zu Seba hinunterging, ihr die Nachricht von seiner Verlobung zu bringen. Sie kannte seine Erwählte nicht, aber sie kannte den Amtmann, und die einfache Tüchtigkeit desselben und das Gute, welches er bei seinen verschiedenen Geschäftsbesuchen im Flies'schen Hause von der Schwester gerühmt, hatten sie für das Mädchen eingenommen und sie Herbert's wachsendes Wohlgefallen an Eva lange mit Freude bemerken lassen. Sie hatte von je gehofft, dass es Eva's Gradheit gelingen werde, den beunruhigenden Einfluß zu brechen, den die Baronin auf Herbert übte, und als er ihr jetzt mit Lebhaftigkeit von Eva's klarem, nur auf das Nächste gestellten Sinne, von ihrer schlichten Wahrhaftigkeit, von der unverhohlenen Wärme sprach, mit welcher sie ihm ihre Neigung immer kund gegeben, da füllten sich Seba's Augen schnell mit Thränen, und ihre Hände auf seine Schultern legend, sagte sie mit freudiger Bewegung: O, Gott segne Sie! Gott segne Sie und all Ihr Glück!
Vorlage S. 469
1723
Einfach wie ihr Ausruf und ihre Bewegung waren, ergriffen sie den Freund. Werde ich Ihnen denn einen solchen Segenswunsch nicht einst erwiedern können? fragte er, indem er ihre Hände küsste.
Vorlage S. 469
1724
Sie schüttelte verneinend das schöne Haupt. Sie sind so gut, so edel, sagte er, Sie müssen Liebe finden, denn Sie verdienen sie! Sie müssen lieben können, wie wenig andere Frauen!
Vorlage S. 469
1725
Ja, versetzte sie, das habe ich Alles einstmals selbst geglaubt, aber –
Vorlage S. 469
1726
Sie wollte nicht weiter sprechen, er nöthigte sie jedoch dazu. Da glitt jenes melancholische Lächeln, das lange Zeiten hindurch nicht von ihrem Antlitze gewichen war, wieder einmal über ihre Mienen, und mit einem Tone, der den Schmerz ihrer Seele nicht zu verbergen wusste, obschon sie bemüht war, ihn zu unterdrücken, sagte sie: Damals, als ich glaubte, ich müsse glücklich werden können, weil ich es zu werden wünschte, kannte ich die Einrichtung der Welt noch nicht. Damals wusste ich noch nicht, dass man auf seinem Posten bleiben und geduldig und bescheiden sein muss, um nicht in wilder Hast an seinem Ziele vorüber zu eilen. Damals sah ich es auch noch nicht ein, dass wir nicht alle die gleiche Rolle im Leben spielen können und dass es auch Zuschauer für das Glück der Andern geben muss. Sie und Ihre Eva, Sie sind an Ihrem rechten Platz geblieben, Sie sind zwei Glückliche. Ich – ich verkannte meinen Platz, ich konnte mich nicht bescheiden, ich verstand nicht, zu warten, ich stürzte mich mit blinder Hast ins Leben – ich habe meine Rolle schlecht begriffen, schlecht gespielt, und muss sehr froh sein, dass ich Ihnen zusehen und mich an Ihrem Glücke erfreuen kann. Spielen Sie das Stück recht schön zu Ende, und Sie sollen es erleben, welche Genugthuung Sie mir damit gewähren.
Vorlage S. 470
1727
Herbert wollte sich damit nicht beruhigen. Als Eva's Verlobter fühlte er sich Seba gegenüber freier; aber sie wollte nun von sich selber nicht mehr sprechen hören. Nur von Herbert sollte die Rede sein, und da inzwischen auch ihre Eltern hinzugekommen waren und Herbert erzählt hatte, wie seine Angelegenheiten ständen, sagte er, gegen Herrn Flies gewendet: Rathen Sie mir, was soll ich tun?
Vorlage S. 470
1728
Was hat Ihr Herr Vater Ihnen zu tun gerathen? fragte der Juwelier.
Vorlage S. 470
1729
Ich habe ihm noch gar Nichts von meinem Verlöbniß geschrieben, um ihm nicht von der Weigerung des Freiherrn sprechen zu müssen, den er immer für seinen Gönner, seinen Freund gehalten hat. Und mein Vater ist in einem Alter, in welchem man den Verlust eines Freundes nicht mehr leicht verschmerzt.
Vorlage S. 470
1730
Man muss jung und gut sein, meinte Herr Flies, um also von dem Alter zu denken, das vielmehr den traurigen Vorzug hat, von solchen Verlusten nicht mehr überrascht zu werden. Trotzdem haben Sie in jedem Falle Recht, wenn Sie Ihrem Vater eine Unannehmlichkeit ersparen, da Sie ohnehin in dieser Sache gar nichts tun können, als ....
Vorlage S. 471
1731
Nun, was denn? fragten Herbert und Seba wie aus Einem Munde.
Vorlage S. 471
1732
Nichts als abwarten! sagte der Juwelier.
Vorlage S. 471
1733
Bis der Sinn des Freiherrn sich etwa ändert? rief mit sichtlichem Verdrusse der Architekt, welcher auf einen ganz anderen Rath gerechnet zu haben schien.
Vorlage S. 471
1734
Bis für Sie an des Freiherrn gutem Willen nichts mehr gelegen ist! bedeutete der Andere. Wenn Herr Steinert aus seinem bisherigen Verhältnis zu dem Freiherrn austritt ....
Vorlage S. 471
1735
Würden Sie dies billigen und wünschen, lieber Vater? fiel ihm Seba in die Rede.
Vorlage S. 471
1736
Ja, wenn er der Mann ist, für den ich ihn halte, und wenn er so empfindet, wie er an den Herrn Architekten schreibt! meinte Herr Flies. Denn es soll Niemand dienen, der die Möglichkeit hat, auf eigenen Füßen zu stehen!
Vorlage S. 471
1737
Aber wie lange soll denn Herbert warten? meinte Seba, die es in der lebhaften Theilnahme für ihren Freund schon wieder vergessen zu haben schien, dass sie ruhiges Abwarten eben erst für eine Tugend angesehen hatte. Wie lange sollen Eva und ihr Bräutigam denn warten? wiederholte sie.
Vorlage S. 471
1738
Bis die Umstände ihnen entgegenkommen, antwortete Herr Flies. Es gehen so viele Wege durch das Leben; von irgend einem Wege kommt das Rechte seiner Zeit, wenn wir ihm dann nur Thor und Thüre öffnen. Warten Sie es ab, lieber junger Freund, was sie dort in Richten tun werden und was dort geschieht; warten Sie das ab.
Vorlage S. 471
1739
Es lag in der ruhigen und zurückhaltenden Redeweise, welche der vorsichtige Geschäftsmann sich in seinem langen Verkehre mit Menschen der verschiedensten Stände angeeignet hatte, etwas sehr Beruhigendes, selbst dann, wenn er, wie eben jetzt, seine Meinung nicht ganz kund gab. Alle fühlten, dass er etwas verschweige, was auf die gethane Frage nicht ohne Einfluß sei; indeß sie kannten ihn darauf, dass man ihm nicht entlocken könne, was er nicht freiwillig gewähre, und er selber gab dem Gespräche mit der Frage, wie viel Zeit die Vollendung des Kirchenbaues in Rothenfeld noch fordern würde, eine andere Wendung.
Vorlage S. 472
1740
Herbert meinte, dass man im nächsten Sommer nicht fertig werden könne, wenn man nicht die Mittel fände, den Bau mehr zu fördern, als es in den beiden letzten Jahren, eben der nicht ausreichend bewilligten Mittel wegen, möglich gewesen sei. Herr Flies wollte die Summe kennen, deren man noch für den Bau bedurfte, und er fand sie groß, da Jener sie ihm nannte. Herbert begann sich zu vertheidigen, aber Herr Flies ließ es dazu nicht kommen. Verstehen Sie mich recht, sagte er, ich beurtheile nicht den Bau und seine Erfordernisse, denn ich habe davon keine genauen Kennt nisse!
Vorlage S. 472
1741
Und doch nannten Sie die Summe groß?
Vorlage S. 472
1742
Ich dachte dabei nur an den Herrn Baron, gab er zur Antwort. Er ist freigebig, zu freigebig vielleicht, und freigebig gegen Personen, die nicht bedenklich sind, von seiner Freigebigkeit den ausgedehntesten Gebrauch zu machen. Nun jeder Stand hat seine eigene Ehre, und unsere Herren vom Adel hier scheinen noch nicht zu merken, was um sie her geschieht, scheinen noch zu glauben, dass hier Alles beim Alten bleiben könne und werde, wenn rund um uns her das Bestehende längst gewandelt und in seinen Grundlagen vernichtet ist.
Vorlage S. 472
1743
Einer seiner Comptoir-Gehülfen, welcher ihm ein Packet Briefe aushändigte, unterbrach seine Bemerkungen. Er betrachtete die Briefe der Reihe nach, bevor er sie eröffnete, sah sie flüchtig durch und gab sie dem Gehülfen zurück; nur zwei davon behielt er und las sie langsam und mit sichtlicher Aufmerksamkeit. Nachdem er den einen gefaltet und in seine Brusttasche gesteckt hatte, sagte er: Es freut mich, dass ich mich in dem Manne nicht getäuscht habe! Ihr künftiger Schwager nimmt seine Sache, wie er muss, und was an mir ist, werde ich ihm helfen! Es ist auch ein Brief von Mademoiselle Steinert für Sie dabei, in welchem dann freilich von anderen Dingen als von Geschäften die Rede sein wird. –
Vorlage S. 473
1744
Es war das erste Schreiben, das Herbert nach der Sendung durch den Boten von seiner Braut empfing. Sie meldete ihm die Abreise des Marquis, welche sie natürlich als ein Zugeständniß an ihres Bruders Beschwerde ansah; sie sprach von einem Besuche, den der Caplan bei ihnen gemacht habe, und schilderte, wie er den Bruder habe überreden wollen, sich dem Freiherrn zu nähern und Vergebung für seine Heftigkeit von ihm zu fordern oder doch mindestens sein Bedauern über dieselbe auszusprechen. Aber, berichtete sie, der Bruder ist wie umgewandelt seit dem Tage, und sein ganzes Dichten und Trachten ist nur darauf gestellt, so bald als möglich von hier fortzukommen.
Vorlage S. 473
1745
Und so war es in der That. Der Amtmann gehörte zu den Menschen, die mit Geduld eine lange Zeit hindurch Unbequemlichkeiten, Störnisse und Widerwärtigkeiten ertragen und sich damit beruhigen können, dass dies mit ihren Verhältnissen zusammenhange. Er hatte mancher unbilligen Anforderung des Freiherrn zu genügen gesucht und sich gesagt, die Herren wären das einmal von Alters her gewohnt. Er hatte sich manchen Tadel gefallen lassen, weil der Freiherr ihn von klein auf gekannt, weil, wie er wusste, den Herren von Arten das befehlshaberische Wesen einmal im Blute lag, und weil es, als der Amtmann seinen ererbten Posten angetreten, doch im Grunde nur Geringfügiges gewesen war, um das es sich bei den gelegentlichen Streitigkeiten gehandelt hatte. Seit den letzten Jahren aber war das anders geworden.
Vorlage S. 473
1746
Adam hatte sich nicht mehr wohl in seiner Wirthschaft gefühlt, aus welcher so viel als irgend möglich für unfruchtbare Ausgaben herausgezogen wurde, ohne dass die nötigen Mittel zur Unterhaltung und Weiterförderung der Cultur zur Hand geblieben wären. Seine Vorstellungen hatte der Freiherr immer ruhig angehört, ohne ihnen jedoch Folge zu geben. Von einem Jahre hatte er die wirthschaftlichen Verlangnisse seines Amtmannes auf das andere hinausgeschoben, notwendige Arbeiten hatten unterbleiben müssen, weil Wälder für den Verkauf gefällt werden sollten; notwendige Bauten waren ausgesetzt worden dem Kirchenbau zu Liebe, und wie Adam sich auch anstrengen mochte, dem Verfalle der Güter entgegen zu arbeiten, so konnte er sich am wenigsten dagegen verblenden, dass sie in sich an Werth verloren, wesentlich verloren hatten, und dass wenig Aussicht vorhanden war, sie in den nächsten Jahren wieder empor zu bringen und damit ihr weiteres Herunterkommen zu verhüten.
Vorlage S. 474
1747
Sich in solcher vergeblichen Arbeit abzumühen, war dem Amtmanne schon lange schwer geworden, und oftmals hatte sich in ihm der Gedanke geregt, was er mit seinem Fleiße, mit seinen Kenntnissen zu schaffen im Stande sein würde, wo er allein zu bestimmen, wo er allein das Gleichgewicht zwischen den Ausgaben und Einnahmen zu erhalten hätte. Aber wer mit seiner Arbeit, wie der Landmann, nicht auf den Erwerb des Tages und auf den augenblicklichen Erfolg seines Schaffens gestellt ist, dessen Wesen nimmt etwas von der langsam wirkenden Tätigkeit seines Berufes an. Adam hätte sicherlich viel Zeit gebraucht, aus freiem Antriebe zu einem selbständigen Entschlusse zu gelangen; jetzt, durch einen äußeren Anlass zu demselben hingedrängt, ergriff er ihn mit Lebhaftigkeit und hielt ihn kräftig aufrecht.
Vorlage S. 474
1748
Mit dem Momente, in welchem er vor dem Freiherrn zum ersten Male einer blinden Willkür gegenüber gestanden hatte, war seine Abhängigkeit von diesem ihm wie eine Schmach erschienen, und all das erlittene kleine Unrecht, alle die erduldeten Widerwärtigkeiten, alle seine gehabten Sorgen und seine unfruchtbaren Mühen hatten sich zwischen ihn und seine Vergangenheit, zwischen ihn und seinen bisherigen Herrn gestellt und ihn von demselben abgetrennt.
Vorlage S. 475
1749
Es war eine schwere Stunde gewesen, als der Freiherr ihm den Dienst gekündigt. Es war eine schwere Stunde gewesen, in der sich Adam im Geiste von der Heimath seiner Väter losgesagt hatte; aber nun der Kampf gekämpft war, fühlte er sich als einen anderen Menschen. Er war glücklich in dem Gefühle seiner Kraft, in dem Besitze seiner Kenntnisse und seines ererbten und durch seinen Fleiß vermehrten Capitals. Er wusste seinen Vorfahren für dasselbe Dank, aber es genügte ihm nicht mehr, was ihn sonst befriedigt hatte, in ihre Fußstapfen zu treten. Nicht mehr ein treuer Diener, wie sie, ein freier Herr auf eigenem Grund und Boden wollte er werden und sein, und wie er im Geiste das Joch der Dienstbarkeit von seinem starken Nacken warf, hob er den Kopf mit schönem, schnell erwachtem Ehrgeize hoch empor, und sein starkes Selbstbewusstsein machte ihn geduldig. Grade wie der Juwelier, verwies er Eva's und ihres Verlobten Ungeduld auf die nicht allzu ferne Zeit, in welcher seine Schwester ihre Volljährigkeit erreicht und er den Dienst des Freiherrn verlassen haben würde. Er wollte nicht zum zweiten Male als ein vergebens Bittender vor einem Herrn stehen, nicht Gewährung fordern, wo er bald selber zu gewähren im Stande sein konnte, und nicht nur in dem Amtmanne, auch in seiner Schwester hatte die erfahrene Unbill das eigene Selbstgefühl und die Abneigung gegen die fremde Willkür gestärkt und aufgeregt.
Vorlage S. 475
1750
Darüber glitten die Tage hin. Der Winter kam voll herauf, Herbert's praktische Arbeiten ruhten, aber er war mit neuen Entwürfen mannigfach beschäftigt, und wie langsam auch in jenen Zeiten und in jenen Gegenden die Postverbindungen noch waren, wurde doch zwischen dem Amthofe und dem Flies'schen Hause ein lebhafter Briefverkehr erhalten, an dem sich bald nicht nur Seba, sondern auch Herr Flies betheiligte.
Vorlage S. 476
1751
Im Amthofe ging Alles seinen ruhigen Gang, obschon es feststand, dass der Amtmann den freiherrlichen Dienst verlassen würde. An jedem Tage wurde das Notwendige mit Voraussicht auf die Zukunft getan, und wenn die Geschwister es dabei auch fortwährend inne wurden, dass ihre Zukunft von der Zukunft des Freiherrn und der Arten'schen Güter fortan geschieden wären, so halfen die lange Gewohnheit dessen, was zu leisten war, und die Plane und Aussichten, mit denen Adam sowohl als Eva für sich selbst beschäftigt waren, ihnen über den Zwiespalt fort, welcher sich etwa in ihnen bei ihrer Arbeit hätte erzeugen können.
Vorlage S. 476
1752
Um so größeres Aufsehen machte es in den Dörfern, dass der Amtmann, dass einer der Steinerts den Dienst der Herren von Arten zu verlassen dachte. Die Reiseknechte, welche in die nächsten Marktflecken geschickt wurden, die Wirthschafter, welche mit den gedroschenen Saaten in die Kreisstadt fuhren, wussten nichts Wichtigeres zu erzählen. Die Viehhändler, die Hausirer, die nach den Gütern kamen, wurden mit der Nachricht empfangen, trugen sie weiter fort, und bald wussten sie alle Landwirthe und Gewerbtreibende der ganzen Provinz. Wo immer man sie aber erfuhr, er regte sie Erstaunen. Denn dass die Steinerts Rothenfeld nicht ohne Grund verlassen würden, davon war Jeder, der sie kannte, überzeugt, und es währte nicht lange, so sagte man es auch schon hier und dort, dass die Steinerts achtsame und vorsichtige Leute wären, die, gleich den klugen Ratten, ein baufälliges Haus zur rechten Zeit verließen.
Vorlage S. 476
1753
Weßhalb man das alte, gute Haus nicht mehr für baufest halten mochte, das hätten diejenigen Anfangs kaum zu sagen gewusst, welche diese Meinung äußerten; aber die plötzliche Abreise des Marquis, die gleich darauf bekannt gewordene Nachricht, dass der Amtmann aus dem Dienste des Freiherrn scheide, waren viel zu auffallend gewesen, als dass man nicht die Frage nach dem Grunde der Ereignisse hätte aufwerfen sollen, und, wie das oft geschieht, fand die einfache Wahrheit schwerer Glauben, als das phantastische Gewebe, welches halbes Wissen und übelwollendes Vermuthen zusammenspannen. Niemand glaubte es, dass der Freiherr nicht in die Verlobung Eva's und Herbert's gewilligt habe, denn gegen diese war ja gar nichts einzuwenden; man glaubte auch nicht, dass der Freiherr den Marquis entfernt habe, weil der Franzose den Frauen und Mädchen zu sehr nachgestellt und schließlich der Amtmann sich darüber beschwert hatte. Wegen solcher Dinge schickte, wie man meinte, hierlands kein Edelmann, und am wenigsten der Freiherr von Arten, seinen Gastfreund fort, und deßwegen ging auch kein verständiger Mensch wie Adam Steinert aus einem Dienste, in welchem seine Familie seit hundert Jahren gelebt hatte und reich geworden war. Die Sache verhielt sich vielmehr, wenn man es sich recht überlegte, wahrscheinlich ganz anders. Nicht auf Mamsell Eva musste der Marquis es mit seinen Besuchen im Amthause abgesehen haben, sondern auf Zusammenkünfte mit der Baronin, die in der letzten Zeit erst wieder mehrmals im Amthause gewesen war. Um der Baronin willen hatte der Freiherr wahrscheinlich den windigen Franzosen weggeschickt; wegen der Rendezvous im Amthofe hatte es vermuthlich Streit mit dem Amtmanne gegeben, deßhalb war Adam auch entlassen worden, und dass der Freiherr dann im Aerger seine Zustimmung zu Eva's Verheirathung versagt hatte, das konnte möglich sein, obschon er, wie alle Welt es auf den Gütern wusste, sonst auf den Architekten gerade viel gehalten hatte.
Vorlage S. 477
1754
Was man hier und da durch die Hülfsarbeiter und Hülfsarbeiterinnen erfuhr, welche gelegentlich im Schlosse verwendet wurden und die bisweilen einzelne Reden und Bemerkungen der Dienerschaft vernahmen, das bestätigte Alles nur die Vermuthung, dass zwischen dem Freiherrn und seiner Frau etwas vorgefallen sei, obschon sie es nicht merken lassen wollten, denn die Baronin hatte den Tag vor der Abreise des Marquis einen ihrer Anfälle von Herzkrampf gehabt und kränkelte immerfort.
Vorlage S. 478
1755
Damals, als die Baronin nach der Auffindung von Paulinens Leiche auch so lange gekränkelt und im Schlosse auch so zerstörte Verhältnisse obgewaltet hatten, da hatte man Mitleid mit ihr gehegt; jetzt war das anders. Trug sie doch ganz allein die Schuld des Kirchenbaues, an den vorher kein Mensch gedacht und von dem alle Welt zu leiden hatte, und wer weiß, ob sie nicht doch noch davon abgestanden haben würde, ohne die französische Herzogin und ohne alle die Franzosen, welche sich im Schlosse und in der Umgegend wie die Kuckucke in fremde Nester eingenistet hatten. Man dachte nur mit Unwillen an das ganze Schloß und an seine sämmtlichen Bewohner, und es war auch Niemandem im Schlosse wohl zu Muthe, außer der einen Frau, gegen welche die Abneigung der Leute sich am entschiedensten aussprach, außer der Herzogin. Aber die Plane der Herzogin waren so vorsichtig angelegt und ihre Karten so geschickt gemischt, dass Alles, was sich in dem Schlosse ereignen mochte, sich immer zu ihrem Besten wenden musste.
Vorlage S. 478
1756
Neunzehntes Capitel
Vorlage S. 479
1757
Einige Tage nach der Abreise des Marquis saß der Caplan tief in seine Gedanken versunken, den Kopf auf die Hand gestützt, an dem Fenster seines Zimmers und sah dem bleichen, winterlichen Sonnenuntergange zu. Es war etwas in diesem Anblicke, das ihm das Herz bewegte.
Vorlage S. 479
1758
Wie feurig, wie strahlend stieg sie in der Frühe am Horizont empor! rief er unwillkürlich aus, und eben so unwillkürlich glitt sein Auge hinüber nach der Wand, an welcher, von dem letzten scheidenden Tageslichte getroffen, ein Bild des Freiherrn hing.
Vorlage S. 479
1759
Aber der Seufzer, welcher der Brust des Sinnenden entquoll, galt nicht allein dem Freunde, er galt dem eigenen Geschicke; denn immer häufiger drängte sich dem Geistlichen die Frage auf, ob er nicht den rechten Weg für sich verfehlt, ob er nicht geirrt habe, als er, der Bitte einer Sterbenden und dem eigenen erschütterten Gemüte folgend, sein Leben einer Aufgabe gewidmet, die er zu leisten nicht vermocht hatte. Friede und Heiligkeit hatte er diesem Hause bringen und erhalten wollen, aber sie waren nicht für lange Zeit in demselben heimisch gewesen. Nur draußen erhob sich ein neuer, stolzer Bau, ein Gotteshaus von kaltem Stein; der Gott der Liebe, dem er diente, hatte den Tempel, den der Caplan in den Herzen der Menschen aufzurichten gestrebt, nicht darin gefunden – und doch hatten diese ihm so theuren Menschen eine Einkehr in sich selbst, eine Versöhnung unter einander eben jetzt nötiger als jemals.
Vorlage S. 479
1760
Er war in diesen letzten Tagen, ohne dazu von dem Freiherrn ermächtigt zu sein, im Amthofe gewesen, um Adam zu einer Annäherung an den Herrn zu vermögen. Er hatte sich an den Pastor in Neudorf gewandt, damit dieser in gleichem Sinne mit ihm auf die Geschwister wirke, und es in Aussicht gestellt, dass es vielleicht nur einer Vorstellung des Amtmanns bedürfe, den Freiherrn sein Wort zurücknehmen zu machen, der ja im Grunde gütiger Gemüthsart sei, und in der rechten Stimmung auch wohl allmählich in die Heirath Eva's willigen werde. Indeß er hatte schon lange weder im Amthause noch in der Pfarre das frühere Gehör für sich gefunden, und erkannte die Gründe, welche die Herzen ihrer Untergebenen allmählich von der Herrschaft und damit auch von ihm und seinem Mittleramte abgewendet hatten. Was aber konnte geschehen, diesem Uebel zu begegnen?
Vorlage S. 479
1761
Wie würde Allwissenheit über die menschliche Kraft hinausreichen, da dasjenige, was ich über die Verhältnisse der wenigen mir anvertrauten Menschen weiß, mir so schwer zu tragen wird! dachte der Caplan und blieb in ernster Selbstprüfung und Selbstbetrachtung still auf seinem Platze am Fenster sitzen, obschon die frühe Nacht bereits die Gegend zu verhüllen begonnen hatte.
Vorlage S. 480
1762
Als der Diener die Kerzen in das Zimmer brachte, übergab er dem Geistlichen ein Billet, und dieser erkannte auf demselben die Handschrift der Herzogin, welche, da sie eine Meisterin des Briefstyls war, die müßige Gewohnheit hatte, selbst ihre kleinen Bestellungen und Anfragen innerhalb des Schlosses nicht mündlich durch die Dienerschaft, sondern schriftlich auszurichten; aber der Caplan war bisher in all den Jahren noch keiner solchen Botschaft von ihr gewürdigt worden.
Vorlage S. 480
1763
Was will sie mir? rief er unmuthig, als er das Billet eröffnete. Es enthielt nur wenige Zeilen.
Vorlage S. 480
1764
»Legen Sie mir es nicht als Eitelkeit aus, hochwürdiger Herr,« schrieb sie, »wenn ich mich Ihnen einmal als Mitarbeiterin bei Ihrer heiligen Mission anbiete. Es giebt Gefahren, in welchen Jedermann die Hand zur Rettung anlegen muss, und unsere Kirche erkennt ja in dringenden Fällen auch dem Laien eine priesterliche Kraft zu. Lassen Sie uns gemeinsam handeln, um das Unheil zu verhüten, das über den Häuptern von Personen schwebt, deren Schicksal und deren Gewissensruhe Ihnen nicht theurer sein können, als mir. Was ich Ihnen zu sagen habe, müssen Sie je eher je besser erfahren, Ihr Besuch wird mir also zu jeder Stunde ein erwünschter sein!«
Vorlage S. 480
1765
Sie kann nicht ruhen, nicht rasten! rief er aus und warf das Blatt auf seinen Tisch. Dann nahm er es wieder auf, las es noch einmal, verschloss es und verließ das Zimmer.
Vorlage S. 481
1766
Aber nicht zur Herzogin begab er sich, sondern grades Weges zu dem Freiherrn, obschon dieser darauf hielt, dass keiner seiner Hausgenossen ihn ohne die dringendste Noth aufsuchte, wenn er ihn nicht zu sich entboten hatte. Als der Caplan nach geschehener Meldung bei dem Freiherrn eintrat, fand er diesen lesend am Kamine sitzen, und er empfing ihn mit der Frage, was denn geschehen sei.
Vorlage S. 481
1767
Nichts Ungewöhnliches, entgegnete der Caplan; ich wünschte nur, Sie einmal wie in früheren Zeiten ungestört zu sprechen, Herr Baron, und dazu fehlt mir seit lange die Gelegenheit, wenn ich sie nicht wie jetzt eben suche.
Vorlage S. 481
1768
Der Freiherr war einen Augenblick unentschlossen, wie er den unerwarteten Besuch und diese Anrede aufnehmen solle, in deren Ton eine gewisse Feierlichkeit nicht zu verkennen war, aber er traf schnell seine Wahl und sagte mit der vornehmen Sorglosigkeit, die ihm immer so wohl anstand: Was wollen Sie, mein Freund? Bin ich doch in den letzten Monaten kaum selber eine Stunde allein gewesen, so voll von Besuchen haben wir das Haus gehabt! Ich weiß, das ist nicht Ihr Geschmack, und Ihnen war es früher in unserem Junggesellenleben hier im Schlosse wohler. Aber warten Sie nur, ich habe meine Maßregeln im Geiste bereits getroffen, und ich denke, Sie sollen künftig mit meinen Anordnungen zufrieden sein!
Vorlage S. 481
1769
Der Caplan hatte auf ein Zeichen des Freiherrn Platz genommen; indeß er verstand nicht gleich, worauf derselbe hinaus wollte, und sagte: Ich kam nicht hieher, für mich selber etwas zu begehren, Herr Baron!
Vorlage S. 482
1770
Darauf kenne ich Sie, mein alter Freund, rief der Freiherr, aber um so mehr ist es an mir, die Sorge für Ihr Wohlbefinden zu übernehmen, und verlassen Sie sich darauf, ich werde dieses nicht aus dem Auge verlieren!
Vorlage S. 482
1771
Der Caplan sah jetzt, dass der Baron es wusste, weßhalb er gekommen sei, und dass er es ihm unmöglich machen wolle, davon zu sprechen; er sagte also ruhig, aber sehr bestimmt: Ich suchte Sie auf, Herr Baron, weil ich in Sorgen bin, in Sorgen als ein alter Freund Ihres Hauses, in Sorgen als der geistliche Berather der gnädigen Frau!
Vorlage S. 482
1772
Der Baron erhob sich, und während er noch mit sich kämpfte, ob und in welcher Weise er seinem Missfallen an den Worten des Caplans Ausdruck geben sollte, fuhr dieser fort: Es ist freilich eine lange Reihe von Jahren her, Herr Baron, dass Sie mir in den schweren Stunden, welche Ihrer Hochzeit vorangingen, das Recht zugestanden, Sie an eben diese Stunden und die unheilvollen Ereignisse zu mahnen, deren Folge sie waren, wenn ich dies jemals nötig finden sollte!
Vorlage S. 482
1773
Und Sie glauben, der Augenblick sei jetzt gekommen, dieser Augenblick sei der rechte, mir es in das Gedächtnis zu rufen, fiel der Baron ihm, plötzlich seine Haltung ändernd, in die Rede, mit welchen Hoffnungen, mit welchem völligen Vertrauen ich mein ganzes Schicksal den Händen der Baronin übergab? – Ein leises, bitteres Lachen tönte von seinen Lippen. In der That, mein Freund, heute werde ich zum ersten Male an Ihrer Menschenkenntniß, ja, selbst an Ihrem richtigen Empfinden irre!
Vorlage S. 482
1774
Der Caplan beachtete den Vorwurf nicht. Nicht allein um glücklich zu werden, Herr Baron, auch um zu beglücken, nahmen Sie damals die Hand der Gräfin Berka in die Ihrige! sagte er. Dann machte er eine kleine Pause und sprach danach mit sanfter Eindringlichkeit: Es war viel geschehen, das Gemüt eines so jungen Wesens zu beunruhigen, die junge Frau hatte viel zu vergessen, viel zu tragen, und sie hat das redlich getan. Sie hat sich mit Liebe und mit Hingebung an ihre Pflicht, an ihren Gatten geklammert, sie hat ihre Familie aufgegeben, um mit ihm in seinem Glauben Eins zu werden, aber leider blieben Sie und die Frau Baronin nicht allein, und ....
Vorlage S. 483
1775
Der Freiherr hatte eine gewisse Rührung bei der Erinnerung an jene ersten Zeiten seiner Ehe nicht bemeistern können; bei den letzten Worten des Geistlichen fuhr er aber auf: Mahnen Sie mich daran nicht, ich bitte Sie darum! Ich mag nicht daran denken!
Vorlage S. 483
1776
Der Caplan ließ sich nicht beirren. Ich kenne das Herz der Frau Baronin besser, als sie selbst es kennt; ihre Seele ist schuldlos, ihr Tun ist ohne Makel! sagte er bestimmt; eine unbestimmte Sehnsucht ihres reinen Herzens ....
Vorlage S. 483
1777
Sie nennen ihr Herz rein? Und ich selbst, ich selbst, Caplan, unterbrach ihn der Baron, habe von ihrem Munde, ohne all mein Zuthun, ja, fast ohne meine Frage, hören müssen – er trat an den Geistlichen heran und sagte leise, seinen Zorn gewaltsam niederkämpfend – dass sie diesen Herbert liebe, dass sie ihn geliebt habe, seit er in mein Haus getreten, dass Herbert und Sie und die Herzogin und wer sonst noch diese schmähliche Verirrung kennen! – Und das nennen Sie reines Herzens sein? Das nennen Sie schuldlos und ohne Makel sein? – Sie sind sehr nachsichtig, mein Freund! Ihre Moral ist wenigstens nicht unerbittlich!
Vorlage S. 483
1778
Er ging heftig im Zimmer umher. Des Caplans Miene wurde immer sanfter, sein Ton noch milder. Es war nicht der junge Mann, auf den ich hinwies, sagte er, als ich die Ueberzeugung aussprach, es wäre diesem Hause besser gewesen, wäre kein Fremder zwischen Sie und Ihre Frau getreten, es war die Frau Herzogin, an die ich dabei dachte!
Vorlage S. 483
1779
Der Baron blieb vor ihm stehen. Die Frau Herzogin? wiederholte er. Sehen Sie, wie Ihre Voreingenommenheiten Sie bis zur Ungerechtigkeit verblenden! Die Herzogin ist es gewesen, die mir Nachsicht mit der Baronin anempfohlen, die ....
Vorlage S. 484
1780
Die die Frau Baronin gelehrt hat, nahm der Caplan das Wort, Nachsicht mit der flüchtigen Aufwallung ihres Herzens zu haben, als jene den ersten Kampf mit einer augenblicklichen Verirrung ihrer Phantasie mit Strenge gegen sich selbst zu kämpfen dachte. O, mein verehrter Freund, rief der Geistliche, indem er sich erhob und an den Freiherrn herantrat, nur dieses Eine Mal hören Sie mich, mich allein, und glauben Sie mir! – Ich bin ein einsamer Mann. Kein Band der Blutsverwandtschaft, kein persönliches Verlangen, kein Ehrgeiz, kein Begehren knüpft mich an die Welt! Mein Wünschen habe ich früh begraben. All mein Wollen und Hoffen hatte ich an Ihr Haus geknüpft, und es gab eine Zeit, in welcher ich mit froher Zuversicht auf dessen Gedeihen und Bestehen blicken konnte, denn diejenigen, die es trugen und stützten, hatten sich in Liebe vereinigt und standen fest zusammen. Jetzt, wo der Geist einer wilden, neuen Zeit überall drohend seine Hand gegen das Bestehende erhebt, wo die alten Geschlechter durch Würde und Selbstvollendung das andringende neue Geschlecht mit sich versöhnen, wo ihr innerer Adel es darthun müsste, dass sie die Vorzüge verdienen, welche man ihnen mißgönnt und streitig macht, jetzt, wo das ganze Leben des deutschen Adels darauf hin gerichtet sein müsste, es darzuthun, wie er nichts gemein hat mit jener französischen Adelskaste, deren Sittenlosigkeit und Hochmuth sie ihrem Volke mit Recht verächtlich gemacht haben, und wo das Bestreben aller Wohlmeinenden das Band zu erhalten trachten sollte, das die alten eingeborenen Familien mit dem Bürgerstande und den Insassen der Güter verbindet, jetzt muss ich hier von allem dem das Gegentheil erfolgen sehen, und es ist Niemand da, Niemand außer mir allein, der Ihnen zuruft: halten Sie ein, versöhnen Sie, stellen Sie her um jeden Preis – da es noch Zeit ist!
Vorlage S. 484
1781
Des Freiherrn Aufregung hatte einem tiefen Nachdenken Platz gemacht. Er ging gesenkten Hauptes, die Hände auf den Rücken gelegt, mit langsamem Schritte in dem großen Zimmer auf und nieder. Dieses Nachdenken ermuthigte den Geistlichen. Denken Sie des Abends, sprach er, da Sie mir hier an derselben Stelle den Schmuck zeigten, den Sie der Frau Baronin zur Morgengabe bestimmten. Es ist Sitte unter uns, dass für jede neue Baronin von Arten der Schmuck vergrößert werde! sagten Sie mir damals, und ich dachte in meinem Innern: das ist in der Ordnung, sind doch auch das Ansehen und die Liebe, welche das Geschlecht derer von Arten hier im Lande genießt, von Geschlecht zu Geschlecht gewachsen! – Und mit welchem Zutrauen, mit welcher Liebe empfing man Sie und die Frau Baronin hier bei Ihrem ersten Kommen! Keinem Königspaare wurde mehr verehrende Neigung entgegen gebracht – keine Frau der Welt war mehr geeignet, mehr gewillt, diese Liebe zu verdienen – bis .... Er hielt inne und zuckte die Schultern.
Vorlage S. 485
1782
Sprechen Sie es aus, rief der Freiherr, da ich ja doch weiß, was Sie denken!
Vorlage S. 485
1783
Aber der Caplan gab dieser Aufforderung nicht Folge. Er wusste, dass nicht immer der nächste Weg der beste ist, und sich vorläufig von dem Gegenstande, der ihn hieher geführt, anscheinend zurückziehend, sprach er: Ich habe Sie oftmals und mit Recht über jenes Verlangen nach Neuerungen klagen hören, das jetzt in den Geistern rege ist. Sie aber, Herr Baron, befinden sich ja in der glücklichen Lage, dass man von Ihnen nur die Erhaltung der früheren Zustände begehrt. Es ist gut, dass ein mir unbekannter Anlass den Herrn Marquis entfernte, die Leute freuen sich darüber und wären gern bereit, es als eine ihnen gewährte Gunst zu betrachten, wenn Sie daneben nur den Amtmann in seiner Stelle lassen wollten. Die Steinerts gehören für die Vorstellung der Leute hier zum Grund und Boden. Es ist ihnen also, als ob der Boden unter ihnen wanke, seit es heißt, dass Steinert fort soll, und da im Laufe der Jahre im Schlosse einige der Domestiken durch Franzosen ersetzt worden sind, so fürchten die Leute ....
Vorlage S. 485
1784
Die Leute und immer die Leute, fuhr der Freiherr auf, das ist's ja eben! Was kümmert es die Leute, wem ich die Verwaltung meiner Güter überantworte? Was kümmert es die Leute, wenn ich es vorziehe, mich lieber von gewandten Franzosen, da der Zufall sie mir bietet, bedienen zu lassen, statt erst mühsam die hiesigen tölpischen Burschen zu ungeschickten Domestiken auszubilden? Sie werden mich ungeduldig, mich misstrauisch machen mit Ihrem beständigen Hinweis auf das Wollen und Nichtwollen der Leute, lieber Caplan! Haben die Gedanken der Neuerer auch Sie ergriffen? Haben die in Frankreich gemachten und zu machenden Erfahrungen auch Sie noch nicht belehrt, dass man mit Nachgiebigkeit nur seine gefährliche Schwäche verräth? – Hätte ich auch damals nachgeben sollen, mein lieber Caplan, als die Leute bei der Grundsteinlegung zu unserer Kirche sich so widerwillig zeigten?
Vorlage S. 486
1785
Er hatte diese Worte mit einer spöttischen Herausforderung gesprochen; aber er war sichtlich überrascht, als der Caplan ohne ein Zeichen von Mißmuth ruhig sagte: Vielleicht wäre es weiser gewesen, den Bau zu unterlassen; vielleicht irrte ich, als ich damals mein augenblickliches Bedenken gegen denselben unterdrückte, und ich hätte vielleicht mehr im Sinne und im Geiste meines Amtes gehandelt, wenn es mir gelungen wäre, Sie und die gnädige Frau von dieser äußerlichen Befriedigung einer religiösen Empfindung zurückzuhalten und Sie dafür um so lebhafter auf jene innerliche Auferbauung hinzuweisen, in deren Heiligthum kein Zweifel einzudringen vermocht haben würde. Aber das ist jetzt nicht mehr zu ändern!
Vorlage S. 486
1786
Und wieder blieb der Freiherr vor ihm stehen. Sie würden also, das sehe ich, sich in Frankreich auch zu den Geistlichen gehalten haben, die den Eid auf die Verfassung leisteten! rief er vorwurfsvoll.
Vorlage S. 487
1787
Ganz gewiss! entgegnete der Caplan.
Vorlage S. 487
1788
So hatte die Herzogin doch Recht, sprach der Freiherr wie zu sich selbst; aber die Worte entgingen dem Ohre des Geistlichen nicht und sie klärten ihn über die Wege auf, welche die Herzogin eingeschlagen hatte, um ihm den Freiherrn abgeneigt zu machen; auch ließ dieser ihn darüber nicht im Ungewissen.
Vorlage S. 487
1789
Es bewegt mich sonderbar, nahm der Baron nach kurzem Schweigen im Tone ruhigster Unterhaltung und Betrachtung wieder das Wort, zu sehen, wie wenige Naturen sich dem mächtigen Strome der Zeit entgegensetzen, wie Wenige sich ihrem umgestaltenden Einflusse entziehen. Sie nannten sich vorher einen einsamen Mann. – Sie sind nicht einsam in der Welt, die uns umgiebt, mein lieber Freund, denn Sie haben die große Menge für sich, die überall zusammenhält, überall für sich Zugeständnisse begehrt, überall zum leicht errungenen Gemeingut machen möchte, was unser altes, wohl erworbenes Erbe ist. Ich tadle Sie nicht, hob er nach flüchtiger Unterbrechung seiner Rede wieder an, wenn Sie in sich die Kraft nicht fühlen, gegen einen solchen wilden Strom zu schwimmen und sich seinem fortreißenden Zuge zu widersetzen. Aber haben Sie sich wohl jemals gefragt, wohin dieses Nachgeben Sie führen wird, oder haben Sie geglaubt, bis hieher, bis zu uns, könnten die Fluthen des Unheils nicht dringen, welche in dem unglücklichen Frankreich Thron und Kirche, das Leben des edelsten Königspaares und das Leben all der Tausende von Märtyrern der guten Sache in sich begraben haben? Es ist gar zu verlockend für die rohen Massen, zügellos zu sein und keine Gewalt über sich anzuerkennen, als die eigene blinde Willkür. Sie haben den König ermordet, den Adel seines Besitzes, seiner Rechte beraubt und das Blut vergossen, dessen erhabene Herkunft sie auch damit nicht zu vernichten vermochten; sie haben die Kirche aufgehoben und sich bis zum Wahnsinne der Gottesleugnung erhoben ....
Vorlage S. 487
1790
Und die Kirche erhebt sich wieder unter dem Schutze Gottes, und das eigene Bedürfnis wird die von ihrem Hochmuth Verblendeten wieder, Rettung vor sich selber suchend, zu den Füßen des Gekreuzigten führen! Es geht nichts unter, was unsterblich ist, und wandelbar in seiner Form, erhält das Ewige sich unwandelbar! rief der Caplan, während die Innigkeit seiner Ueberzeugung sein würdiges Antlitz erleuchtete. Nicht uns dem Strome widersetzen können wir, denn er ist mächtiger, als der Wille des Einzelnen, und mächtiger, als das Zusammenhalten und Entgegenstemmen Vieler. Aber zu einander stehen sollen wir Alle dennoch in Liebe, damit wir uns erhalten in der Zeit der Noth, damit wir eine Gemeinschaft bilden, in welcher der rechte Sinn lebendig bleibt und die versöhnend und gewinnend und überzeugend die Kräfte wieder sammelt und zur Einheit bindet, wenn der Kampf der blinden Selbstsucht sie bald genug vereinzelt haben wird. Liebe und Friede in jeder Gemeinschaft, das ist es, was uns jetzt Noth tut, und um dieser Notwendigkeit, um der Selbsterhaltung willen, zur Beruhigung derjenigen, welche seit Hunderten von Jahren zu Ihrem Hause emporgesehen und demselben in Liebe angehangen haben, beschwöre ich Sie, Herr Baron! machen Sie Frieden mit denen, mit allen denen, die zu Ihnen gehören und die, ich versichere Ihnen es aus voller Ueberzeugung, Ihnen in Ergebenheit und Liebe eigen sind, selbst wo sie ein Schwanken zu sehen, einen Zweifel erheben zu müssen glauben! – Er war damit wieder auf den Ausgang der Unterhaltung zurückgekehrt und hoffte jetzt besseres Gehör zu finden, da er dem Freiherrn bereits Gelegenheit gegeben hatte, sich vielfach auszusprechen.
Vorlage S. 488
1791
Der Baron war sehr erregt. Bald ging er lebhaft, bald langsamer, in dem Gemache umher, bald blieb er stehen; er schien nicht mit sich fertig werden, den Kampf nicht zum Abschlusse bringen zu können, der offenbar in seiner Seele vor sich ging, und plötzlich aus seinen Sinnen auffahrend, fragte er: Was denken Sie sich unter diesem Friedenmachen?
Vorlage S. 489
1792
Versuchen Sie es nur einmal wieder eine kurze Zeit, eine ganz kurze Zeit, ohne alle andere Gesellschaft an der Seite der Frau Baronin zu leben! bat der Geistliche dringend. Hören Sie ihre Geständnisse mit dem Glauben an ihre reine Seele an! Glauben Sie auch mir, auch mir, dem sein Beruf nicht heiliger ist, als Ihre Ehre, Herr Baron, dass es die gewissenhafte Aengstlichkeit eines unschuldigen, aber irregeleiteten Herzens war, die sich vor Ihnen, durch Ihren Zorn gereizt, zu einer Untreue bekannte, welche nichts, nichts als eine flüchtige, durch fremde Schuld erregte Gedankensünde war! Hören Sie sonst Niemanden, fragen Sie Niemanden um Rath, als Ihre eigene Menschenkenntniß, als Ihr eigenes Herz; und Sie werden nicht lange an der Mutter Ihres Sohnes zweifeln, Sie werden den Stein nicht werfen können auf eine Frau, die, rein und edel, nur Ihres Glaubens und Ihrer Liebe nötig hat, um wieder fest und unwandelbar zu Ihnen zu stehen in guten und bösen Tagen!
Vorlage S. 489
1793
Der Freiherr hatte wieder auf dem Sessel Platz genommen, aber er erwiederte dem Geistlichen nichts. So blieben sie lange einander gegenüber sitzen. Als die Glocke der großen Pendeluhr auf dem Simse des Kamins die siebente Stunde schlug, richtete der Baron sich auf. Ich danke Ihnen, sagte er, dass Sie Ihrem Gewissen, Ihrer Ueberzeugung folgten. Sie haben Ihre Pflicht gegen mich, Sie haben überhaupt in edelster Weise Ihre Pflicht erfüllt. Denn wie peinvoll mir diese Unterredung auch gewesen ist, hat sie mir doch wohlgethan und mich veranlaßt, unerbittlich gegen mich selbst, noch einmal in mein Inneres zu blicken. Ich danke Ihnen dafür, mein theurer Caplan. – Er reichte ihm die Hand, der Geistliche ergriff dieselbe mit Wärme; die Haltung, die Redeweise des Freiherrn schienen ihm Gutes zu verkünden, und doch hatte er sich, so sicher er ihn zu kennen meinte, zum ersten Male über dasjenige getäuscht, was in dem Freiherrn vorging. Aber er sollte nicht lange im Dunkeln bleiben, denn Jener fing von selber zu sprechen an.
Vorlage S. 489
1794
Wir beide, mein Freund, Sie und ich, sind eben verschieden geartete Menschen, und Sie kennen mei nen Glauben in diesen Dingen, wir müssen unserer Naturbestimmung folgen. Sie hätte Ihr Charakter, in welchem Stande Sie auch geboren worden wären, zur Kirche und innerhalb derselben zur Entsagung und zu ausgleichender Vermittlung geführt; ich hätte unter allen Verhältnissen nicht entsagen, mich nicht bescheiden, nicht vermitteln können. Ich verlange nach einer Ganzheit, nach einem vollen Genügen; ich kann nicht vermitteln zwischen Recht und Unrecht, ich bin absolut – und muss und will das bleiben nach allen Seiten und in jeglichem Betracht!
Vorlage S. 490
1795
Er erhob sich bei den Worten und stellte sich, den Arm auf die hohe Brüstung gelehnt, sei es zufällig oder absichtlich, in solcher Weise neben dem Kamine hin, dass er von Zeit zu Zeit seines eigenen Antlitzes in dem hellen Spiegelglase ansichtig werden musste. Als ich mich mit der Baronin verband, war ich kein Jüngling und kein Schwärmer mehr, sagte er. Wäre ich meiner Neigung, meiner innersten Ueberzeugung gefolgt, so würde ich mich niemals verheirathet haben, denn darüber habe ich mich nie getäuscht, die arme Pauline, an die ein dämonisches Geschick mich band – und heute noch bindet – ist, wie ich es mir später auch wegläugnen wollte, die einzige Liebe meines Lebens und das einzige Weib von unabänderlicher Herzenstreue gewesen, das ich je gekannt habe. Das Geschlecht ist schwach!
Vorlage S. 490
1796
Aber, Herr Baron! wendete der Geistliche mit wachsendem Erstaunen ein. Indeß der Freiherr ließ ihn nicht zu Worte kommen. Kein Aber, mein Freund! rief er; Sie sollen mich bis zu Ende hören, damit wir über diesen Gegenstand ein Mal und ein für alle Mal in das Klare und zu Ende kommen. – Als ich mich aus Standesrücksichten, aus Rücksicht auf das Fortbestehen meines Hauses dann zur Ehe entschloß, wünschte ich in der Baronin eine Mutter für meine Kinder, eine Frau für mein Haus zu finden, und ich würde zufrieden gewesen sein, hätte sie mir nur ein achtungsvolles Vertrauen mitgebracht. Die Baronin glaubte mich zu lieben, obschon sie, wie sie es mir ja selbst in Ihrem Beisein einst gestanden, Anfangs ein lebhaftes Abmahnen gegen mich gefühlt hat, und da diese anscheinende Liebe nach dem schmerzlichen Zwiespalte, in welchen der Untergang der armen Pauline mich geworfen, die Neigung der Baronin nicht von mir wandte, so nahm ich die Liebe meiner Frau dankbaren und vertrauensvollen Herzens auf und schätzte sie um so höher, als ich – bemerken Sie das wohl, mein Freund – diese Liebe nicht erwartet, nicht gefordert hatte. Ich genoss sie als eine frei gewährte Gunst, und ich habe auch den Uebertritt zu unserer Kirche nie von meiner Frau begehrt; ich habe es nicht verlangt, dass sie um meinetwillen mit ihrem ganzen Hause breche – ich bin, Sie wissen das ja selbst, nicht orthodox und eigentlich nicht einmal kirchlich. Was ich mit mir, mit meinen Erinnerungen abzumachen hatte, das würde ich allein oder mit Ihrem Beistande in meinem Herzen abgeschlossen und zu versöhnen getrachtet haben. Ich bedurfte der sichtbaren Versöhnung, der Buße, der Opfer, der Auferbauung nicht. Sie selber legen ja auch, wie Sie mir heute bewiesen, nicht grade den höchsten Werth darauf. Der Uebertritt der Baronin zu unserer Kirche war ihr ein Bedürfnis; der Kirchenbau und obenein der Bau in Rothenfeld, das ich gern meide, war aber ein selbst in materieller Hinsicht sehr schweres Zugeständniß an meine Frau!
Vorlage S. 491
1797
Er hatte das bestimmt und lebhaft gesprochen; nun hielt er plötzlich inne. Sagen Sie selbst, rief er, habe ich mich in dieser Darstellung beschönigt?
Vorlage S. 492
1798
Nicht eigentlich, entgegnete der Caplan, nur möchte ich Sie daran erinnern ....
Vorlage S. 492
1799
Das nachher! Das nachher, mein Freund! fiel der Freiherr ein. Lassen Sie mich vollenden. Es genügt mir, dass Sie mir gerecht sind. – Er sammelte sich darauf abermals und fuhr fort: Wir leben allerdings in einer schweren Zeit, in welcher, wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten, der Adel die Pflicht hat, sich in seiner ganzen angestammten Würdigkeit zu behaupten. Dieser Pflicht zu genügen, öffnete und bot ich einer flüchtigen und edeln Verwandten mein Haus und meinen Beistand; aber auch bei uns ist das Unheil, ist der Uebermuth der unteren Classen so weit gediehen, dass selbst meine Diener urtheilen, wo sie zu gehorchen hätten, und sich Vorstellungen erlauben, die über ihre Befugnisse hinausgehen. Der Amtmann, welcher sich als Herrn fühlt, weil unsere Nachsicht seinen Voreltern die Möglichkeit gegeben hat, sich in unserem Dienste zu bereichern, unterfängt sich seit einiger Zeit, mir Vorhaltungen wegen meiner Ausgaben zu machen – während ich seine Einnahmen nicht controlire – und fühlt sich beleidigt, wird aufsässig, wie das ganze Volk, weil ich nicht darein willige, seine Schwester mit einem jungen Manne zu verheirathen, der, ebenfalls in meinen Diensten, frech genug war – er unterbrach sich und sprach dann schnell und bitter – sein Auge und seine Wünsche bis zu der Baronin von Arten zu erheben, und von dem die Baronin, welche mich einst, ohne dass ich es begehrte, und vielleicht mehr als ich's verdiente, liebte, jetzt, nach achtjähriger Ehe, nach acht Jahren eines vollen, unbedingten Zutrauens in ihre Ehre und Tugend, mir eingesteht, dass sie ihn liebe, ihn schon lange geliebt habe, und dass ich ziemlich der Einzige sei, der dieses noch nicht wisse!
Vorlage S. 492
1800
Er ging wieder umher; die Lust, sich im Spiegel zu betrachten, musste ihn verlassen haben. Er schöpfte tief Atem, nahm die Dose heraus und hielt sie mechanisch in der Hand, ohne sie zu öffnen. Als er die Dose wieder eingesteckt hatte, sagte er: Solchen Ereignissen gegenüber giebt es für einen Mann wie ich nur Einen Weg. – Ich habe der Baronin nichts zu verzeihen, denn ich kann sie nicht dafür verantwortlich machen, dass sie nicht stärker ist, als ihr Geschlecht, und dass ich thöricht genug war, sie für eine Ausnahme zu halten. Aber erinnern Sie sich, was ich Ihnen oftmals sagte: meine Sinne haben mich niemals beherrscht, wo mein Herz mit ihnen nicht im Bunde war, und mein Herz hat sich der Baronin abgewendet. –
Vorlage S. 493
1801
Um Gottes willen, Herr Baron, wie ist das möglich? Wie darf ein flüchtiger Irrthum das Vertrauen, die Neigung, die Liebe langer Jahre unwiederbringlich vernichten? Wie dürfen Sie in solcher Weise richten, Herr Baron?
Vorlage S. 493
1802
Lassen Sie das, mein Freund. Ich richte, ich verdamme nicht, aber Sie kennen das Geheimnißvolle in der Liebe nicht, Sie haben nie ein Weib geliebt, niemals Ihr Herz einem Weibe anvertraut! entgegnete der Baron mit dem Tone der Empfindung, und so beschäftigt und hingenommen war er von sich selbst, dass er das sanfte, traurige Lächeln nicht bemerkte, welches wie ein Schein des Abendlichtes über des Caplans mildes Antlitz glitt. Es giebt keine Wiederkehr in der Liebe, fuhr der Freiherr fort, oder glauben Sie, ich könnte es vergessen, was die Baronin mir gestanden hat? Würde nicht, so oft sie mir von Liebe spricht, jenes: ich liebe Herbert, ich, die verheirathete Frau, die Gattin des Freiherrn von Arten, liebe diesen Herbert – mir in das Ohr klingen?
Vorlage S. 493
1803
Er ergriff abermals des Caplans Hand, und mit zusammengepreßter Stimme sprach er: Das ist nicht die Eitelkeit des älteren Mannes, Freund, die es nicht ertragen kann, neben einem geliebteren Manne zurückzustehen! Es ist das nicht zu besänftigende Ehrgefühl des Edelmannes, und die Baronin kennt meinen Entschluss! Unsere Kirche, welche stets die Schwäche und Hülfsbedürftigkeit des Menschen im Auge behält, hat uns auch für den Fall, in dem ich mich befinde, das Mittel an die Hand gegeben! Erkennt sie doch in dringendem Falle auch dem Laien eine priesterliche Machtvollkommenheit zu!
Vorlage S. 494
1804
Ach, Herr Baron, rief der Caplan erschreckt und schmerzlich, Sie haben sich der Herzogin vertraut, Sie sprachen mit der Herzogin davon!
Vorlage S. 494
1805
Der Baron stutzte. Was soll der Ausruf?
Vorlage S. 494
1806
Sie bitten, Sie beschwören, dies nicht zu tun! Entfernen Sie die Herzogin nur wenig Wochen, nur wenig Tage! Um alles Guten, um Ihrer und Ihres Sohnes willen flehe ich Sie darum an!
Vorlage S. 494
1807
Nicht doch, mein Freund! Wozu sollte das führen? versetzte der Freiherr; ich bin fest entschlossen und mir völlig klar. Ich habe mein Leben von dem der Baronin in meinem Herzen ein für alle Mal geschieden. Sie weiß das seit diesem Abende, und ich habe ihr gesagt, dass ich Sie, mein Freund, und die Frau Herzogin, die das Geheimnis kennen, deß zu Zeugen nehme; im Uebrigen soll kein Mensch davon erfahren. – Und wie ich hier getan, was dem Manne und dem Edelmanne gebührt, so denke ich überhaupt mein Recht zu wahren. – Es bleibt dabei, dass Adam fortgeht! Ich kann keine Beamten brauchen, welche es vergessen, dass ich hier zu gebieten habe, dass ich der Herr bin; und es ist mir ganz recht, dass ich dieses Exempel an dem ersten, dem obersten meiner Leute statuiren kann. Die Anderen werden sich um so besser danach zu richten wissen. Ich dränge ihn nicht, fortzugehen, er mag seine und meine Angelegenheiten in Ruhe abwickeln. Ist dies getan, so soll er gehen!
Vorlage S. 494
1808
Der Caplan neigte das Haupt. Dann freilich habe ich nichts mehr zu sagen! sprach er und stand auf, um sich zurückzuziehen. Der Freiherr hielt ihn nicht zurück.
Vorlage S. 495
1809
Erst als jener der Thüre zuschritt, sagte er: Nur Muth, mein alter Freund; man muss den Kopf hoch tragen, wenn man ihn in diesen Tagen des Mißgeschickes überhaupt oben auf seinem Rumpf behalten will! Sie thaten, was Ihres Amtes ist, ich thue das Meinige! Geschieht das überall, weicht Niemand von seinem Platze, vergiebt man nichts von seiner Würde, von seinem Rechte, zeigt man sich unerschütterlich, wer und was sollte uns da erschüttern? – Ich habe leider nach einer Seite kein Glück gehabt, lassen Sie mich also an meiner alten Ueberzeugung um so fester halten, dass ich Glück in der Freundschaft habe, dass ich mich zu den nicht eben zahlreichen Personen rechnen darf, die es verstehen, die Freundschaft zu ehren und zu pflegen! Und glauben Sie mir, die Frau Herzogin theilt meine Freundschaft, ja, meine Sorge für und um Sie. Nur Geduld bis in den Sommer, bis wir die Kirche fertig haben und die Steinerts fort sind; dann schaffe ich Ihnen ein eigenes Haus, ein Asyl, in dem es Ihnen wohler sein soll, als hier unter uns, die wir ja leider einmal Weltkinder sind und bleiben!
Vorlage S. 495
1810
O, ich kenne den Anteil, den die Frau Herzogin an mir nimmt! sagte der Caplan, während ein schmerzliches Lächeln um seine Lippen spielte. Aber der Freiherr schien dies nicht zu bemerken, und die Bedeutung nicht zu verstehen, welche der Geistliche in seine Worte legte. Er reichte ihm mit freiem Anstande freundlich die Hand und begleitete ihn bis gegen die Thüre hin, obschon jener die ihm zum Abschiede dargebotene Rechte zum ersten Male nicht ergriffen hatte.
Vorlage S. 495
1811
Erstes Capitel
Vorlage S. 3
1812
Die Tage waren mild und ohne Wind. So weit das Auge reichte, bedeckte wieder der Schnee das Land. Auf dem Amthofe in Rothenfeld ertönte laut der Schall der Arbeit. Der Takt der Dreschflegel, die Axt des Holzhauers, das Knarren des Brunnenrades, das Brüllen und Blöcken der Hausthiere, das aus den weiten Stallungen herübertönte, unterbrachen die Stille, und das Tun der Menschen, ihr Kommen und Gehen belebte mit der sich alljährlich wiederholenden notwendigen Beschäftigung in gewohnter Weise die Einsamkeit. Es war Alles, wie es im vorigen Winter, in allen ihm vorangegangenen gewesen war, obschon es der letzte sein sollte, welchen die Bewohner des Amthauses in demselben zubrachten.
Vorlage S. 5
1813
Im Schlosse zu Richten war es anders. Dort hörte man nichts von der wohlthätig wiederkehrenden Gleichmäßigkeit der Arbeit, und der Winter ist sehr lautlos auf dem Lande. Die großen Portale waren geschlossen, um der Kälte den Eingang zu wehren; auf weichen Teppichen bewegte die Dienerschaft sich geräuschlos in den Gängen und auf den Treppen umher, und nur wenn man an die Fenster trat, sah man in weiter Ferne gelegentlich einen Schlitten wie einen flüchtigen Schatten halb verschleiert von dem feinen Dufte, der die ganze Luft erfüllte, über die weite Ebene gleiten. Was unter der weißen Hülle im Schooße der Erde arbeitete, was in den heimlichen Nestern und Schlupfwinkeln geschah, in die das Leben der Feldthiere, der Vögel und der Insecten sich zurückgezogen hatte, das verbarg sich dem Auge des oberflächlichen Beobachters; und wer flüchtig an dem Schlosse vorüberging, in dessen weiten Gärten und auf dessen prächtigem Hofe die lustigen Spatzen und die immer rührigen Krähen ihr Wesen trieben, oder wer nur als Gast in das Schloß kam und die glänzende und würdige Gastfreiheit der Schloßherrschaft genoss, der hätte meinen müssen, es sei auch hier im Schlosse Alles noch so, wie es in dem vorigen und in den ihm zunächst vorangegangenen Jahren gewesen war. Aber auch über das Leben der Schloßherrschaft lag, wie draußen die kühle, weiße Decke des Schnee's, der verhüllende Mantel der formvollen Gewohnheit und der feinen Sitte gebreitet und entzog dem Auge, was sich unter ihm verbarg.
Vorlage S. 5
1814
Es war ein Schweigen über die Menschen gekommen. Angelika kränkelte und sah noch übler aus, als ihre seltenen Klagen über ihr Befinden es rechtfertigten. Der Freiherr hatte, weil er spät zu wachen liebte und weil Angelika, wie er sagte, Ruhe haben sollte, ihre Zimmer verlassen und die Wohnung bezogen, welche er vor seiner Verheirathung inne gehabt hatte, und alle einzelnen Personen hielten sich mehr als je bisher in ihren besonderen Gemächern auf. Die Herzogin erschien sehr niedergeschlagen. Man glaubte, dass sie den Marquis vermisse und dass sie Langeweile fühle, denn sie ließ den Caplan öfter zu sich bitten, hatte lange Gespräche mit demselben, und doch sah man nicht, dass sich eine wirkliche Annäherung zwischen den beiden Personen gebildet hätte oder auch nur allmählich bildete. Was sich allein und immer gleich blieb, war die Freundschaft, welche der Freiherr für die Herzogin an den Tag legte, und die rücksichtslose Freigebigkeit und Zuvorkommenheit, mit welcher er allen ihren Neigungen begegnete. Der Freiherr zeigte sich immer ruhig, Angelika sanft, aber zurückhaltend, und man hätte fast meinen sollen, es läge nur an der Verstimmung der Herzogin, dass die Anderen sich nicht in der früheren geistigen Freiheit bewegten, es bedürfe nur ihres guten Willens, um Alles wieder in das alte Geleise zu bringen; denn dass nicht mehr Alles in dem guten alten Geleise stehe, dass etwas Besonderes, dass noch etwas Anderes, als der Streit mit dem Amtmanne und dessen bevorstehende Entlassung vorgefallen sei, daran zweifelte in der Herrschaft bald Niemand mehr. Aller der Leute, die, wie ihre Eltern auf den Gütern geboren und erzogen, ihre Welt in diesem engen Kreise hatten, begann sich dadurch eine Unsicherheit zu bemächtigen. Sie hatten stets den Glauben gehegt, dass sich bei ihnen in Richten nichts ändern könne und dürfe, und dass sich etwas geändert hatte, ohne dass sie sich zu erklären wussten, was sich geändert habe, steigerte ihr Unbehagen.
Vorlage S. 5
1815
Aber grade die Frau, welche an den mannigfachen Wandlungen in Schloß Richten und in dem Leben seiner Besitzer einen so großen und unheilvollen Anteil hatte, grade die Herzogin war am meisten betroffen über die Wendung, welche die Gedanken und Entschlüsse des Freiherrn genommen hatten; und wenn sie davon auch nicht im Gemüte angegriffen wurde, so nahm sie es doch mit einer Art von Schrecken wahr, dass die von ihr so fein gesponnenen und so geschickt verknüpften Fäden nicht das Gewebe bildeten, auf das sie es abgesehen, weil sie nicht genugsam in Betracht gezogen hatte, dass es sich mit Menschen nicht so sicher als mit todten Zahlen rechnen lasse und dass die Personen, welche sie als ihre Werkzeuge zu betrachten sich gewöhnt hatte, sich plötzlich erheben und sich zu einer Entscheidung aufraffen könnten, stark genug, alle Berechnungen und Erwartungen der planvollsten Voraussicht mit einem Schlage zu durchkreuzen.
Vorlage S. 6
1816
Das habe ich nicht gewollt! sagte sich die Herzogin, als der Freiherr ihr vertraut hatte, was er in sich beschlossen, und mit diesem Ausrufe wälzte sie alle Verantwortung und Schuld von ihren Schultern auf die seinigen. Sie brauchte nicht einzustehen für das, was sie nicht bezweckt hatte. Sie hatte sich zerstreuen, sich unterhalten, ein wenig Einfluß auf ihre Freunde gewinnen wollen, sagte sie sich; sie hatte die Baronin von ihrer deutschen Schwerlebigkeit zu heilen, den Freiherrn von der Herrschaft seiner allzu strengen Gattin zu befreien gewünscht; sich selber und seinen alten, fröhlichen Gewohnheiten hatte sie ihn wiedergeben wollen, indem sie nebenbei sich und ihrem Bruder das Leben in der Einsamkeit so gut es ging erheiterte, und plötzlich hatte die stolze Ueberspanntheit des Freiherrn alles Maß und Ziel so völlig überschritten, dass die Herzogin sich mit einem Male zur Zeugin und zur Vertrauten eines ehelichen Zwiespaltes auserkoren fand, der schwer und tief genug war, um selbst eine Frau wie sie mit ernstem Erschrecken zu erfüllen. Sie konnte dies dem Freiherrn nicht verzeihen, denn er ganz allein und Niemand sonst trug nach ihrer Meinung die Schuld des Unheils. Sie nannte es unverantwortlich von ihm, dass er der Baronin nicht die Hand bot, um über eine Schwäche, über einen kleinen verzeihlichen Herzensirrscham fortzukommen; und wie natürlich, wendete ihre ganze Theilnahme sich unter diesen Verhältnissen der Verkannten, der Leidenden, der Baronin zu.
Vorlage S. 6
1817
Es blieb der Herzogin in diesem Augenblicke auch keine andere Wahl, wenn sie sich nicht der ihr zur anderen Natur gewordenen Einmischung in fremde Angelegenheiten für die nächste Zeit enthalten wollte; und der Caplan hatte Recht gehabt mit seinem Worte: sie kann nicht rasten und nicht ruhen! – Die müßige Herrschsucht, das eitle Bedürfnis nach immer neuer scheinbarer Tätigkeit, die Lust, sich an fremden Empfindungen zu ergötzen, waren unersättlich und ohne Rast in der kalten, selbstsüchtigen, mit unruhiger Phantasie begabten Frau, und sie wurden nur von dem dreisten Selbstbetruge übertroffen, mit dem sie sich in eine neue Rolle zu versetzen wusste, so oft die alte ihr beschwerlich oder unhaltbar für sie zu werden anfing.
Vorlage S. 7
1818
Seit Jahren hatte sie den Caplan gemieden, weil er der Missbilligung kein Hehl gehabt hatte, mit der er ihr Treiben und ihren Einfluß auf den Freiherrn und auf Angelika verfolgte, und sie war seit lange bestrebt gewesen, ihn in der guten Meinung des freiherrlichen Paares zu entwurzeln, ja, ihn zu entfernen. Jetzt schien sie dies völlig vergessen zu haben. Sogar der Gedanke, dass der würdige Mann sie und ihr frevelhaftes Spiel mit der Wohlfahrt ihrer Gastfreunde durchschaut habe und dass er es verdamme, hielt sie nicht ab, sich an ihn und seinen Beistand zu wenden, sobald sie seiner zu bedürfen glaubte; denn wie alle Selbstsüchtigen, besaß sie das festeste Vertrauen in die Selbstlosigkeit der Anderen und jenen Hochmuth, der für alles gethane Uebel schnelle Vergessenheit, für jeden neuen Einfall Zustimmung und Beistand zu finden erwartet, wenn demselben nur der Anschein eines edeln Zweckes anzudichten ist.
Vorlage S. 8
1819
Der Caplan erkannte und durchschaute dies Alles; aber in der Gefahr, in welcher seine Freunde sich befanden, glaubte er sich jedes Mittels bediene, zu müssen, das eine Hülfe zu bieten schien, obschon seine Hoffnung auf ein Gelingen und sein Glaube an die Möglichkeit, die Ehe des Freiherrn herzustellen, nur gering waren.
Vorlage S. 8
1820
Angelika war keine thatkräftige und war doch dabei eine stolze Natur. So lange sie sich berechtigt geglaubt hatte, mit ihrer ungetheilten Liebe die Liebe ihres Gatten, die er ihr zugeschworen, zu verdienen, so lange ihr reines Gewissen seine volle Achtung fordern konnte, hatte sie den Muth gehabt, dem Freiherrn in den Zeiten seiner geistigen Bedrängniß zu Hülfe zu kommen, und es hatte sie über sich selbst hinausgehoben, dass sie zu trösten, zu verzeihen, dass sie herzustellen vermochte. Seit sie sich schuldig glaubte, sich schuldiger fühlte, als sie war, hatte eine Verzagtheit sie erfasst, gegen welche der Caplan vergebens angekämpft, da er andererseits genöthigt gewesen war, Angelika mit ernster Strenge vor der Nachgiebigkeit gegen ihre Schwäche zu warnen, welche in den Lehren und Unterhaltungen der Herzogin immer neue Nahrung und Beschönigung gefunden hatte. Wer aber, wie Angelika, wahrhaften Sinnes und also eigentlich nicht geneigt ist, sich zu betrügen, wer sich selber seine Fehler zu Herzen nimmt und sie sich schwer verzeiht, weil er den Anspruch der Würdigkeit an sich macht, der fühlt auch die Verzeihung der Andern nicht als eine Wohlthat, sondern als eine Demüthigung, unter deren Last er sich nicht leicht erhebt; und wie furchtbar das übereilte Verdammungs-Urteil ihres Gatten Angelika auch traf, es lag darin ein Etwas, das ihr willkommen war, das ihrem eigenen Empfinden, ihrem in diesem Falle übertriebenen Gerechtigkeitsgefühl entsprach.
Vorlage S. 8
1821
Hätte der Freiherr sich dazu verstanden, sie über ihre Neigung für Herbert aufzuklären, hätte er sie liebevoll zu sich gezogen, so würde sie sich bestrebt haben, zu vergessen, und bemüht gewesen sein, die Liebe und das Wohlgefallen ihres Gatten wieder zu erringen. Aber der Freiherr hatte die Wahrheit gesprochen, als er gegen den Caplan behauptet, dass er eigentlich niemals eine wirkliche Liebe für Angelika gefühlt habe, und er hatte es, für sich eingenommen wie er war, ihr durch alle die Jahre nicht vergessen, dass sie ihn schwach gesehen und dass sie ihm einmal in Gegenwart des Geistlichen ihr einstiges inneres Missfallen an seiner Person erklärt hatte.
Vorlage S. 9
1822
Jetzt sich von Angelika im Angesichte der Herzogin einen jüngeren, einen Mann geringeren Standes vorgezogen zu sehen, von seinem Weibe das Geständniß hören zu müssen, dass sie einen Anderen liebe, das waren Kränkungen gewesen, die er nicht verzeihen und von denen er sich nur durch eine That befreien konnte, mit welcher er seine Selbstherrlichkeit vor sich selber, vor Angelika und vor den Augen der Herzogin, ein für alle Mal feststellte.
Vorlage S. 9
1823
Er hatte dabei keinen großen Widerstand in sich zu überwinden, denn wo der Stolz und die Eitelkeit in einem Menschen die Oberhand behaupten, werden vor denselben alle anderen Empfindungen und Rücksichten leicht zum Schweigen gebracht, und der unausgesetzte Verkehr mit der älteren, ihm beständig schmeichelnden und der Baronin geistig überlegenen Freundin hatte ihn seit lange gleichgültiger gegen Angelika und selbst gegen ihre körperliche Schönheit gemacht, als er es sonst wahrscheinlich geworden sein würde. Er brachte also kein schweres Opfer, er gab keine ihm unentbehrlich gewordene Gemeinschaft auf, als er sich von Angelika entfernte, und er fand mit dieser Entsagung dasjenige für sich wieder, was ein Mann von seiner Art am wenigsten entbehren kann, was er am höchsten schätzte: persönliche Befriedigung und das Wohlgefallen an sich selbst und an seiner Machtvollkommenheit.
Vorlage S. 10
1824
Anders jedoch stand es um die Baronin. Der gewaltsame Entschluss ihres Gemahls gab ihr ein Recht, sich unglücklich zu fühlen, und da sie, wie Jeder, das Verlangen in sich trug, eine Folgerichtigkeit zwischen ihrem Erleiden und ihrem Verschulden zu entdecken, so überließ sie sich unwillkürlich ihren Gedanken an die entbehrte Liebe, und ihrem Schmerze um Herbert mit solcher Heftigkeit, dass sich eben an dieser heftigen Leidenschaft ihr krankhaftes Schuldbewußtsein bis zu jener Höhe steigerte, welche sich bereitwillig zu jeder Buße zeigt und eine schwärmerische Wollust in dem Leiden, in dem völligen Verzichten findet.
Vorlage S. 10
1825
An der Selbstzufriedenheit des Freiherrn, an der Wollust, mit welcher seine Gattin sich verdammte, scheiterten die Versuche, welche der Caplan zu der Vereinigung der Getrennten unternahm. Der Freiherr gefiel sich überaus darin, den Geistlichen sowohl als die Herzogin von der Festigkeit seiner Entschlüsse und seines Charakters wie von seinem strengen Ehrbegriffe zu überzeugen. Aus der Mühe, welche sich der Eine und die Andere, jeder auf seine Weise, mit seiner Bekehrung gaben, ersah er mit Vergnügen die Wichtigkeit, die sie ihm und seinem Schicksale beilegten; und die Notwendigkeit, in den oft und in verschiedenster Weise wiederkehrenden Gesprächen über diesen Gegenstand seine Gründe den Gründen seiner Freunde entgegen zu stellen, bestärkte ihn in seinen Ueberzeugungen wie in seinem Vorsatze. Hochgehobenen Hauptes und heiterer Stirn aufzutreten, wenn er Alles um sich her gebeugt sah, war ihm ein durch nichts Anderes zu ersetzender Genuss; und mit einem Lächeln der Ueberlegenheit ermahnte er die Baronin wie seine Freunde, innere Erlebnisse nicht zur Schau zu tragen, ihre Mienen und ihre Stimmung nicht zu Verräthern an sich werden zu lassen und den Lauf des ruhigen täglichen Lebens nicht zu unterbrechen, weil man mit sich selber etwas abzumachen habe.
Vorlage S. 10
1826
Ueberlassen wir es den Steinerts, sagte er gelegentlich, von sich, von ihrem Schicksale und von Eva's Herzensgeschichte auf zehn Meilen in der Runde sprechen und sich loben oder tadeln und beklagen zu lassen, je nach dem Belieben Anderer. Man muss sich unnahbar machen, wenn man unangetastet bleiben will, und mich dünkt, mit sehr geringer Selbstbeherrschung könnte die Baronin, mit etwas Achtung vor meinem berechtigten Verlangen könnte der Caplan und könnten Sie, meine theure Margarethe, das Vergangene, wie ich, auf sich beruhen lassen und mir die Unannehmlichkeit ersparen, mein und meines Hauses Leben von der Neugier meiner Leute unnöthig berührt zu sehen.
Vorlage S. 11
1827
Das waren Empfindungen und ein Stolz, welche die Herzogin vollkommen begriff und würdigte. Sie stimmte mit der Ansicht des Freiherrn überein, dass es für den Adel jetzt doppelt geboten sei, sich in ungebrochener Würdigkeit, im Vollbesitze aller seiner Standesehren und Vorrechte vor dem niederen Volke zu behaupten, und sie konnte bei der unverhohlenen Kälte und Entfremdung, mit welcher Angelika ihr seit den letzten Ereignissen begegnete, überhaupt nicht lange im Zweifel darüber bleiben, nach welcher Seite sie sich zu ihrem eigenen Besten wenden müsse.
Vorlage S. 11
1828
Lange Zeit die Rolle der Trösterin, der Versöhnerin zu spielen, während die Baronin sich ihrem Troste unzugänglich zeigte und der Freiherr gegenüber ihren vermittelnden Bestrebungen seine Ueberzeugung aufrecht erhielt, wäre dem auf Erfolg gestellten Wesen der Herzogin ohnehin nicht möglich gewesen. Eine Ausgleichung aber, ein Verständnis können sich nicht herstellen, wo eigenwilliger Stolz in dem Menschen mächtiger als die verständnißvolle Liebe ist und wo eine wahrhafte Annäherung schon durch das absichtliche Dazwischentreten übelwollender Personen nicht zu Stande kommen kann. Von gleichem Stolze beseelt und fortgerissen wie ihr Gatte, gewann es daher die Baronin auch endlich über sich, es seinem Auge zu verbergen, wie unglücklich sie sei, wie unglücklich es sie mache, sich von ihm verstoßen zu wissen. Sie gewann es über sich, jene Ruhe an den Tag zu legen, in welcher der Freiherr sich zeigte, in der er seine ganze Umgebung zu sehen begehrte, eine Ruhe, die sie zu fühlen weit entfernt war und deren Anschein, obschon er sich's nicht eingestand, den Freiherrn nur noch fester in dem Glauben werden ließ, dass er sich in Angelika getäuscht, dass sie ihn nie geliebt und dass er in ihr nie das Herz besessen habe, welches ihn zu beglücken, ihm zu genügen fähig gewesen wäre.
Vorlage S. 12
1829
Allen weiteren Belästigungen und Erörterungen zu entgehen, hatte der Freiherr bald nach seiner heimlichen Trennung von Angelika eine Einladung zu den großen Jagden angenommen, welche einer der Prinzen auf seinen Gütern um diese Zeit veranstaltete, und war erst kurz vor den Weihnachtstagen, und zwar in Begleitung verschiedener Gäste, wieder in das Schloß zurückgekehrt.
Vorlage S. 12
1830
Das Weihnachtsfest wurde mit gewohnter Freigebigkeit und Gastlichkeit begangen; die Gäste sollten bis über das Neujahr im Schlosse verweilen.
Vorlage S. 12
1831
Befehlen der gnädige Herr, dass morgen der große Saal geöffnet und die Leute angenommen werden sollen? erkundigte sich am Sylvestertage der Haushofmeister, als der Freiherr ihn rufen lassen, um ihm einen Auftrag zu ertheilen.
Vorlage S. 13
1832
Wie anders? antwortete dieser. Der Haushofmeister verneigte sich und ging davon. Es war das erste Mal, dass er diese Frage für nötig erachtet hatte, das erste Mal auch, dass der Freiherr sich den Glückwünschen seiner Leute gern entzogen hätte. Aber es befanden sich im Schlosse unter den Gästen mehrere Personen, welche in manchem früheren Jahre Zeugen dieser herrschaftlichen Ceremonie gewesen waren, und der Freiherr hielt es für angemessen, von einem alten Herkommen nicht abzulassen.
Vorlage S. 13
1833
Der Ahnensaal zu ebener Erde war ein schöner Raum. In den beiden großen Kaminen an seinem oberen und unteren Ende brannten am Neujahrsmorgen helle Feuer, und die Sonne, welche draußen den Schnee funkeln und die dicken Fransen des Rauhreifs an den Aesten der Bäume glitzern machte, schien so hell in den Saal hinein, als wolle sie die brennenden Feuer unsichtbar machen und beschämen.
Vorlage S. 13
1834
Die lange Reihe der Ahnenbilder war sorgfältig abgestäubt worden, man hatte die Teppiche vor den gradlehnigen Canapee's über den Fußboden gebreitet, der Haushofmeister ließ auf dem schweren Marmortische die alterthümlichen Geräthschaften auftragen, deren man sich, seit die Baronin Angelika im Schlosse lebte, am Neujahrstage zu bedienen pflegte. Man nannte diesen Empfang im Ahnensaale das Familien-Frühstück, weil man dann die Mahlzeit beim Beginne des neuen Jahres gleichsam unter den Augen des ganzen hingegangenen Geschlechtes einnahm und die sämmtlichen Beamten der Herrschaft mit einem Imbiß bewirthete. Während der Haushofmeister die silbernen Kuchenschalen und die Flaschen des süßen spanischen Weines kunstgerecht ordnete, kam des Freiherrn Secretär dazu.
Vorlage S. 13
1835
Seht nur zum Rechten, sagte er, der Herr ist heute übler Laune! – Der Andere meinte, das sei jetzt nichts Seltenes. Doch mit Unterschied, bemerkte der Secretär; heute ist's besonders schlimm! –
Vorlage S. 14
1836
Als der Haushofmeister zu wissen wünschte, was denn vorgefallen sei, ließ der Secretär sich erst eine Weile nötigen, dann sagte er: Es sind heute unter den Sachen, die der Bote von der Post geholt hat, Briefe gekommen, die haben es getan. Der Jude, welcher des Herrn Geldgeschäfte macht, kündigt ihm die vierzigtausend Thaler auf Rothenfeld, und es muss auch mit dem vertrackten Marquis wieder etwas vorgefallen sein, was mit den Geldangelegenheiten zusammenhängt. Ich sah große Zahlen und Berechnungen in dem Briefe, obschon der Herr ihn seitwärts hielt. Als er ihn zweimal gelesen hatte, steckte er ihn ein, aber seine üble Laune hatte er weg, denn – von Flies zu fordern haben wir schon lange nichts mehr!
Vorlage S. 14
1837
Und dazu wieder die großen silbernen Toiletten, welche jetzt zu Weihnachten nach dem Muster der alten Waschgeräthschaften, die vor ein paar Jahren angeschafft wurden, für unsere gnädige Frau und für die Herzogin gemacht worden und angekommen sind! bemerkte kopfschüttelnd der Haushofmeister. Mich soll's wundern, wann die Herzogin einmal zu wünschen aufhören wird. Ewig kann das ja nicht dauern!
Vorlage S. 14
1838
Freilich! Es geht Alles einmal zu Grunde in dieser wandelbaren Welt; aber après nous le déluge! Und wenn's denn nur immer bei dem après nous bleiben wollte, versetzte der Secretär, welcher sich die Schlagworte angeeignet hatte, deren er die Herrschaften sich bedienen hörte. Er fuhr indeß erschrocken zurück, als in dem Augenblicke der Kammerdiener die Thürvorhänge aufhob und die ganze Gesellschaft, voran der Freiherr, die Herzogin am Arme, in den Saal eintrat. Sie hatten beide das Wort gehört, und unwillkürlich sagte der Freiherr zu sich selbst: Welch ein Anruf ist das! – Auch Angelika, deren übles Aussehen Allen auffiel, sah nach dem Secretär hinüber und ihre Mienen zuckten leise zusammen. Ihre Schwäche fing an, ihr oftmals die Herrschaft über sich zu rauben.
Vorlage S. 14
1839
Die Frauen nahmen auf dem Canapee ihre Plätze, die Männer, der Freiherr in ihrer Mitte, standen in einer Gruppe in ihrer Nähe, als man meldete, dass der Pfarrer mit seiner Frau, der Amtmann mit seiner Schwester angekommen wären. Der Freiherr ging dem Geistlichen ein paar Schritte entgegen, reichte ihm und der Pfarrerin die Hand und hieß sie willkommen, als sie ihm ihre Glückwünsche aussprachen. Er schien Adam und seine Schwester nicht zu sehen, und doch hatten sie ihr Bestes getan, sich heute bemerklich zu machen und es zu beweisen, dass sie nicht in Sorgen, sondern guten Muthes in das neue Jahr hinübergingen.
Vorlage S. 15
1840
Der Amtmann hatte den Haarbeutel abgelegt und sich, wie Herbert das schon lange getan, nach der neuen französischen Mode gekleidet. Auch Eva hatte die ländliche Dormeuse abgenommen und trug ihr schönes, braunes Haar, wie Herbert dieses liebte, frei um Gesicht und Rücken niederfließend. Sie sah auffallend hübsch aus, und die Blicke der männlichen Gäste richteten sich auf sie, als sie sich der Baronin näherte, ihr die Hand zu küssen, während der Amtmann noch immer da stand, erwartend, ob der Freiherr es endlich für angemessen finden werde, seine Gegenwart zu bemerken, ob er endlich die geflissentliche und sehr gnädige Unterhaltung mit dem Pfarrer unterbrechen werde.
Vorlage S. 15
1841
Adam fand den Freiherrn in den letzten Monaten wesentlich älter geworden, und wie er so von ihm hinaufsah nach dem verstorbenen Herrn und dann zu Renatus hin, der zwischen den Knieen des Caplans stand, konnte er sich eines Seufzers nicht erwehren; aber dieser Seufzer galt nicht dem eigenen Geschicke. Wer wird künftig für sie schaffen, wie wir's getan? dachte er, und er fühlte den Groll, den er seit seinem Zusammenstoße mit dem Freiherrn gegen ihn gehegt, in seinem treuen, festen Herzen schwinden, da er sich baldiger Freiheit sicher und seinen Stern im Steigen wusste, während die Sorge seinem bisherigen Herrn immer näher rückte, dass er sie kaum noch von sich weisen konnte.
Vorlage S. 15
1842
Plötzlich, als habe der Seufzer des Amtmanns ihn erst aufmerksam auf ihn gemacht, wendete er sich zu ihm und sagte: Ich dachte, Er wäre auf's Güterkaufen aus!
Vorlage S. 16
1843
Diese Anrede hatte Adam nicht erwartet, aber da er den Freiherrn kannte, erschreckte sie ihn mehr als sie ihn kränkte. Was muss ihm geschehen sein, dass er sich so vergessen kann? dachte er, und gutherzig und nachsichtig wie ein Glücklicher, sagte er: Da ich nach meinem Abkommen mit dem gnädigen Herrn noch bis zum Herbste in seinem Dienste bleibe, konnte ich ja nicht ohne Urlaub fort, und hätte mich nicht unterfangen, den Herrschaften am letzten Neujahr meinen Glückwunsch schuldig zu bleiben. Möge es den Herrschaften so wohl gehen, als wir es von je mit ihnen und ihrem Dienste gemeint!
Vorlage S. 16
1844
Adam war bewegt, und der Freiherr hörte das. Aber da er verstimmt und gereizt war, klang selbst der gute Wunsch ihm wie ein Vorwurf, und fast widerwillig sprach er sein kurzes: Ich danke, ich danke Ihm! zu seinem Untergebenen aus, der dies nicht lange mehr bleiben sollte. Er konnte den Ton gegen ihn nicht mehr finden, seit er Adam nicht mehr ganz zu ihm gehörend wusste, und er zwang sich zu der Frage, was Adam denn für Plane habe, weil diese Frage eine Verzeihung und ein Anerkenntniß in sich schloß.
Vorlage S. 16
1845
Ich habe ein Angebot auf Marienau getan. Ich kenne das Gut genau, und der Besitzer kann es nicht mehr halten, sagte Adam.
Vorlage S. 17
1846
Ich weiß, ich weiß! rief der Freiherr und wendete sich kurz und hastig von dem Amtmanne ab. Die Vorstellung, einen alten Lebensgenossen aus seiner Nähe scheiden, einen alten Edelmann von dessen Hause auswandern zu sehen und dafür einen Menschen niedern Standes, ja, seinen eigenen Amtmann zum Grenznachbar zu bekommen, die Steinerts sich einnisten zu sehen, wo die Herren von Raven seit langen Jahren fest und wohl gesessen hatten, war dem Freiherrn gar zu widerwärtig. Es kamen ihm seit diesem Morgen nichts als unangenehme Neuigkeiten zu.
Vorlage S. 17
1847
Aber noch empfindlicher, als der Freiherr durch das Zusammentreffen mit dem Bruder, fühlte sich Angelika durch die Begegnung mit der Schwester berührt. Sie hatte Eva nicht wiedergesehen seit dem Tage, an welchem sie die Verse in Herbert's Pult gelegt, und die heiße Röthe der Scham übergoß ihr bleiches Antlitz, als sie Eva vor sich hintreten sah.
Vorlage S. 17
1848
Das war also das Mädchen, welches der Mann sich erwählt hatte, den sie liebte, um dessentwillen sie mit sich selbst und mit ihren Pflichten zerfallen war, das Mädchen, welches Herbert ihr, der Gräfin Berka, der Baronin von Arten, der hochgebornen edlen Frau, vorgezogen hatte! Und mitten in der Pein dieser qualvollen Empfindung erkannte die Baronin in dem großen Medaillon, mit welchem Eva ihr weißes Busentuch über der Brust zusammengenestelt hatte, Herbert's sprechend ähnliches Portrait, welches eben heute anzulegen sie sich trotz der Abmahnung des Bruders nicht hatte versagen mögen.
Vorlage S. 17
1849
Eva sah die Bewegung der Baronin, und ein Lächeln der befriedigten Eitelkeit flog über ihre vollen Lippen, als sie sich niederbückte, um, wie sie das sonst getan, die Hand der Gutsherrin zu küssen. Aber jenes siegreiche Lächeln war Angelika nicht entgangen; sie zog die Hand zurück, und mit einer Härte und Bitterkeit, die Niemand je von ihr gehört hatte, sagte sie: Lass' Sie es gut sein, ich kann die Heuchelei nicht leiden und ich kann Ihr nicht helfen!
Vorlage S. 17
1850
Der Zorn der Baronin zeigte dem jungen Mädchen, wie mit hellem Lichte, sein ganzes Glück in vollem Glanze, und mit dem Worte schnell wie immer bei der Hand, während sie sich auch von Eifersucht ergriffen fühlte, entgegnete sie, der unverdienten Abweisung mit Freuden trotzend: Ich verlangte ja nichts, ich habe ja Alles, was ich wünsche, gnädige Frau!
Vorlage S. 18
1851
Unverschämte! stieß die Baronin hervor und wendete ihr, bebend vor Zorn, den Rücken. Niemand hatte die Worte gehört, welche die Baronin mit der Schwester ihres Amtmanns gewechselt, aber der Zorn der Ersteren, das Siegesgefühl in den strahlenden Augen der Letzteren blieben nicht unbemerkt, und die Herzogin sowohl als der Freiherr und Adam wussten sich den Vorgang zu erklären, der, wie verschieden die Lebenslage der beiden Frauen auch war, hier das Weib dem Weibe in seiner natürlichen Leidenschaft gegenüber gestellt hatte.
Vorlage S. 18
1852
Es war der erste Neujahrsmorgen, an dem es dem Freiherrn und seiner Gattin nicht wohl in ihrem Hause wurde, nicht frei unter ihren Leuten zu Muthe war, und an dem sie in den Mienen ihrer Umgebung spähten, weil sie nicht mehr die alte, unbedingte Sicherheit besaßen, nur auf Liebe und auf freie, verehrende Ergebenheit zu stoßen. Dem Baron war die Nähe des Amtmanns, der sich schon als eigner Herr fühlte, lästig, und die brieflichen Mittheilungen des Juweliers lagen ihm schwer im Sinne; Angelika fand sich durch Eva's Anwesenheit beleidigt, und erniedrigt durch das Bewusstsein, sich vor ihr verrathen, sich ihr gleichgestellt zu haben, während beiden Gatten die unverkennbar neugierige Aufmerksamkeit ihrer Dienerschaft eben so wie die ängstliche Zurückhaltung des Pfarrers und der übrigen Beamten auffiel.
Vorlage S. 18
1853
Die Leute wagten sich nicht wie sonst heran, sie sprachen ihre Wünsche nicht so herzlich und offen wie früher aus, und der Pfarrer hatte nicht mehr seine altgewohnte Anrede vernehmen lassen, dass Alles hier zu Lande bleiben möge, wie es bisher gewesen, weil es so am besten sei. Er und die Pfarrerin blickten immer nur ängstlich nach dem Amtmanne und nach dessen Schwester; auch die Wirthschafter und der Justitiarius hielten sich zu den Steinerts, so gut sie konnten. Die Amtskinder, wie man Adam und Eva in ihrer Jugend genannt hatte, waren der Gegenstand der allgemeinen Theilnahme; auf die Herrschaften sah man in der Besorgniß, was sie den Steinerts tun würden, was es mit diesen geben könne, und selbst aus den Worten der ergebenen Gratulation glaubte der Freiherr einen Vorwurf gegen sich und ein Mißtrauen in die Zusicherung des Wohlwollens und der Geneigtheit herauszuhören, welche er, nach alter Sitte und Gewohnheit, den im Dienste Befindlichen und Verbleibenden versprach. Was half diese Zusage des Freiherrn ihnen auch im Grunde? Man wusste nicht, wer an Adam's Stelle kommen würde, und das Wohlbehagen und Wohlergehen jedes Einzelnen hing vor Allem von dem guten Willen und der Rechtschaffenheit des Amtmanns ab. Was man an den Steinerts gehabt hatte, das war Jedermann bekannt; was kommen konnte, war nicht zu berechnen, und das versicherten die Verwalter und Wirthschafter jetzt Jedem, der es hören wollte, wie sie es sich unter einander längst gesagt hatten: wenn jetzt nicht ein eben so tüchtiger und rechtschaffener Amtmann in die Herrschaft käme, wie Adam Steinert es gewesen, so wäre kein Durchhalten möglich, und man würde etwas erleben, auch wenn sie selber, wie bisher, gewissenhaft das Ihrige thäten.
Vorlage S. 19
1854
Das Mißtrauen, die Unzufriedenheit, der Zweifel schwebten wie eine ansteckende Krankheit in der Luft. Niemand sah sie, Jeder fühlte sich von ihrem beängstigenden Hauche ergriffen, und wie lustig lodernd die Feuer in dem Saale auch brannten und wie hell die Sonne auch die lange Reihe der Ahnenbilder beleuchtete, es wurde Niemandem wohl bei diesem Neujahrs-Frühstücke; selbst Renatus machte die Bemerkung, dass die Großeltern und die Urgroßeltern auf den Bildern, wenn die Sonne so darauf scheine, ganz verdrießlich auf die Menschen niederblickten.
Vorlage S. 19
1855
Der Wein schmeckte heute den Leuten lange nicht so gut als sonst, und die Pfarrerin fand, dass die Kuchen, welche Eva zum Feste in die Pfarre gesandt hatte, weit besser wären, als die im Schlosse aufgetragenen. Ihr Mann bemerkte, dass der Herr Caplan gealtert, sehr gealtert habe, dass auch der Freiherr, obschon er stärker werde, nicht mehr so gut aussehe, als noch vor wenig Monaten, und nun gar die Frau Baronin! – Er schüttelte den Kopf und faltete die Hände. Was der am Herzen nagte, darüber konnte man ja nicht im Zweifel sein. Wie mochte die sich an einem solchen Feiertage manchmal nach dem reinen Worte Gottes und nach den Eltern und Geschwistern sehnen!
Vorlage S. 20
1856
Es war Allen leichter um das Herz, nachdem dieses Neujahrs-Frühstück erst vorüber war. Sonst hatte man sich darauf gefreut, heute hatte man es gefürchtet, und selbst der Freiherr nannte es heute in seinem Herzen eine leere, lästige Ceremonie, die er künftig abzustellen meinte.
Vorlage S. 20
1857
Es war die erste Gewohnheit, das erste Herkommen seines Hauses, auf das zu verzichten er sich selbst gedrungen fühlte.
Vorlage S. 20
1858
Zweites Capitel
Vorlage S. 21
1859
Das Jahr, welches dem Freiherrn unter schlechten Auspicien angebrochen war, bewies sich in seinem Fortschreiten diesen üblen Anzeichen entsprechend. Der Winter war lang und sehr hart, das Frühjahr kalt und nass. Man konnte also die Arbeiten erst spät beginnen, und die spärlich und ungleich aufgehenden Saaten versprachen nicht den gewohnten und gehofften Ertrag.
Vorlage S. 21
1860
Der Freiherr, welcher sich niemals um die Bestellung des Landes gekümmert hatte und kein Landwirth war, fing jetzt, da er bald der Zuversicht und Sicherheit in das alte, ihm dienende Geschlecht der Steinerts entbehren sollte, plötzlich nach dem Seinigen zu sehen an, und mit der Unkenntniß des Neulings meinte er die übeln Ernte-Aussichten einer verminderten Sorgfalt des Amtmanns zur Last legen zu dürfen. Der Verdacht, dass er seine Schuldigkeit nicht thue, beleidigte Adam. Er vertheidigte sich lebhaft gegen denselben, aber in dieser gerechten Abwehr eines ungerechten Verdachtes glaubte der Freiherr nur den Hochmuth des Emporkömmlings sehen und beugen zu müssen, und er verlor überhaupt mehr und mehr seine heitere, selbstgewisse Ruhe, weil er seine bis dahin unumschränkte Herrschaft über seine Untergebenen und die unbedingte Geltung, deren er vor ihnen und in seinem ganzen Lebenskreise sich stets sicher gewusst hatte, nun, wohin er blickte, angezweifelt wähnte. Das machte die Zustände nicht besser, wohl aber ihm und seinen Leuten das Leben bitter und schwer, und vor allen Andern hatten die Geschwister im Amthofe zum Schlusse ihres Aufenthaltes in der alten Heimath böse Tage, denn die Geldverlegenheiten des Freiherrn hatten sich in unerwarteter Weise gesteigert.
Vorlage S. 21
1861
Mit dem Vertrauen des Ehrenmannes und des Edelmannes in die Ehrenhaftigkeit seines Standesgenossen und mit dem Bewusstsein, sich von dem Marquis für die ihm erwiesenen mannigfachen Gutthaten des Besten versehen zu dürfen, hatte der Freiherr demselben, um der Herzogin seinen fortdauernden guten Willen für ihren Bruder zu beweisen, sowohl bei Herrn Flies als bei einem Banquier in der Residenz ausgedehnte Credite eröffnet, und die Herzogin hatte diese Briefe für ihren Bruder mit der Versicherung angenommen, dass derselbe natürlich nur den beschränktesten Gebrauch davon zu machen denke. Sie hatte es entweder vergessen, wie oft und mit wie großen Opfern sie dem Marquis zu Hülfe kommen müssen, so lange sie selbst ihm zu helfen im Stande gewesen war, oder sie mochte erwarten, dass die Jahre und die Erfahrung ihn gebessert und von seinen alten, verschwenderischen Gewohnheiten zurückgebracht haben würden; indeß diese Hoffnung traf nicht zu. Denn nur wenig Tage hatte der Marquis in der Stadt verweilt, als er sich von einem Kreise von Emigranten umringt und schnell versucht fand, sich vor ihnen, deren üble Lage ihn dazu aufforderte, als den Beschützer, als den Freigebigen, als den großen Herrn von ehemals zu zeigen. Die Anerkennung, der lebhafte Dank, die er geerntet, waren verführerisch für ihn geworden. Seit langer Zeit hatte er sich endlich wieder einmal frei und als er selbst, endlich sich wieder einmal in einer ihm angemessenen Lage gefühlt, und fröhlich und leichtherzig gemacht durch die sichtliche Zufriedenheit, die er um sich her zu verbreiten im Falle war, hatte er des Geldes nicht geschont, hatte er gegeben und geholfen und erfreut, wo sich ihm die Gelegenheit dazu geboten. Er hatte niemals gerechnet und gezählt; die Herzogin hatte dies immer für ihn übernommen, und sorglos die flüchtigen Tage und das flüchtige Geld hingleiten lassend, war er plötzlich doch betroffen worden durch die Summen, die er in liebenswürdigen Gefälligkeiten, in Hülfsleistungen aufgewendet hatte, die seinem Herzen Ehre gemacht haben würden, hätte er sie aus eigenen Mitteln zu leisten vermocht. Er wünschte einzuhalten, ja, mehr als das, er wünschte zu vergüten, zu ersetzen, und an das Spiel von Jugend auf gewohnt, hatten ihm die verführerischen Gunstbezeigungen desselben den sichersten und leichtesten Ausweg aus seinen Verlegenheiten zu versprechen geschienen. Aber das Spiel war ihm niemals besonders günstig gewesen und versagte sich ihm auch jetzt. Von einem Tage zum andern hoffend, immer leidenschaftlicher wagend, je weniger diese Wagnisse ihm einschlugen und je tiefer sie ihn in die Verlegenheit verwickelten, der er sich zu entziehen wünschte, hatte er allmählich Summen erhoben, welche die Auszahler stutzig werden ließen und welche endlich Herrn Flies bewogen, jene Anfrage und jene Berichte zu machen, die der Freiherr eben am Neujahrstage erhalten und die ihn genöthigt hatten, auf eine augenblickliche Deckung dieser bedeutenden Posten zu denken. Adam sollte Rath schaffen und Herr Flies sollte Geld schaffen; aber guter Rath war theuer, und Geld war es noch mehr.
Vorlage S. 22
1862
Die republikanische Bewegung und der ihr folgende Krieg, die von Frankreich aus immer weiter um sich griffen, machten alle Capitalisten in der Anlage ihres Geldes vorsichtig und schwierig. In den Gegenden, in welchen sich revolutionäre Gesinnungen kund gaben, suchten ängstliche Besitzer sich ihrer liegenden Gründe zu entäußern, und wie der Werth des Grundbesitzes sank, stieg der Werth des baaren Geldes. Dem Amtmanne kam das sehr zu Statten. Er hatte seinen Handel wegen des schönen Gutes Marienau bereits lange abgeschlossen, ehe der Freiherr das neue Darlehn auf Rothenfeld und die Capitalien gefunden hatte, deren er bedurfte, um die Wechsel des Marquis zu decken und um endlich den Bau der Kirche vollenden zu lassen, der im letzten Jahre nur wenig vorgeschritten war. Dem Freiherrn selber war freilich dieser Kirchenbau niemals eine persönliche Herzensangelegenheit gewesen; jetzt war er ihm aus mehr als einem Grunde lästig, und er würde ihn in diesem Augenblicke mit Freuden unterbrochen, die Kirche vorläufig unvollendet stehen gelassen haben, hätte er nicht fürchten müssen, eben dadurch den nachtheiligen Gerüchten Nahrung zu geben, die es ihm ohnehin so wesentlich erschwerten, Geld zu finden, selbst wenn er es mit hohem Zins bezahlte.
Vorlage S. 23
1863
Mit Wirthschaftsbeamten zu verhandeln, welche die Stelle des Amtmannes ersetzen sollten, sich selbst um die Aufbringung von Geldern zu bemühen und das Geld, welches ihm bisher nur ein Mittel zur Erreichung seiner Zwecke und zur Befriedigung seiner Wünsche gewesen war, als Selbstzweck zu betrachten, fiel dem Freiherrn schwer. Er dachte daran, Einschränkungen zu machen, aber er wusste nicht, wie er das anfangen oder wem er sie auferlegen sollte, denn in der sorglosen Freiheit des Verbrauches erwachsen, war der Ueberfluß ihm zur Gewohnheit geworden, und er glaubte nur das Notwendige zu haben, wenn er alles Dasjenige besaß, was ihm irgend wünschenswerth erschien. Sich etwas zu versagen, das verstand er nicht, die Herzogin zu beschränken, hätte ihm ungastlich und grade nach dem unangenehmen Vorfalle mit dem Marquis ungroßmüthig gedünkt. Die Bedürfnisse der Baronin waren immer mäßig gewesen, und ihr auch nur ein kleines Ersparniß vorzuschlagen, würde er in dem Verhältnisse, in welchem er jetzt zu ihr stand, als unehrenhaft und unanständig betrachtet haben.
Vorlage S. 24
1864
Unglücklicher Weise hatte der Mann, welcher dazu ausersehen war, vom Spätherbste ab die Stelle des Amtmannes zu verwalten, den Freiherrn dadurch für sich einzunehmen gewusst, dass er ihm bemerklich gemacht hatte, es ließen sich große Summen ersparen, wenn man den Insassen der Güter nicht so viel Freiheit ließe, wie die Steinerts es getan, und namentlich bei dem Kirchenbaue könne man auch jetzt noch sehr beträchtliche Ausgaben vermeiden, wenn man nur die Insassen und Käthner, wie es sich gehörte, zur Arbeit heranzöge und verwendete. Das sollte nun Adam auf des Freiherrn Befehl noch zur Ausführung bringen.
Vorlage S. 24
1865
Vergebens bewies dieser, dass man die Leute in dem letzten Winter, wo man einen Wald verkauft und völlig ausgeschlagen, sehr stark in Anspruch genommen habe, dass man ihnen bei der drängenden Arbeit in dem späten Frühjahre kaum die Zeit habe gönnen können, ihr Stück Garten und Feld zu bestellen, und dass man sie im Winter zu ernähren haben würde, wenn man sie jetzt nicht so viel als nötig für sich selber sorgen ließe. Der Freiherr wollte davon nichts hören. Er war in eine Lage und in eine Stimmung versetzt, in welcher er immer nur der nächsten Belästigung enthoben sein wollte, und vor Allem schien es ihm darauf anzukommen, Herbert's ein für alle Mal ledig zu werden, der, trotz seines Verlangens, mit Eva zusammen zu sein, nur erst einmal wieder nach Richten gekommen war und sich bei der Beaufsichtigung des Baues durch einen jüngeren Gehülfen vertreten ließ.
Vorlage S. 25
1866
Es blieb also Adam gar nichts übrig, als sich zu fügen und unter einer Bevölkerung, unter welcher seine Familie seit mehr als hundert Jahren in Liebe und Frieden gelebt hatte, schließlich wider seinen Willen den Frohnvogt zu machen. Er musste die volle Arbeitszeit der Leute in Beschlag nehmen, sie rundweg abweisen, wenn sie auf die Nachsicht Anspruch machten, welche man ihnen sonst ohne große Opfer hatte bewilligen können. Das gab böses Blut. Wo die Leute beisammen waren, konnte man es sagen hören, dass es eine Sünde und Schande sei, Christenmenschen in das Joch zu spannen, um eine Kirche aufzubauen, mit der sie nichts zu schaffen hätten, und um im Schlosse fremdes Volk zu füttern. Alle Arbeit wurde widerwillig getan, Vorwände, mit welchen die Leute sich derselben zu entziehen suchten, gaben Anlass zu Untersuchungen und Strafen; und diese Strafen machten das Uebel ärger. Heute hatte man Händel und Schlägereien zu schlichten, wenn einer von den Leuten sich bei den Arbeitsforderungen zu stark herangezogen oder einen Anderen bei den Arbeitserlassen einmal begünstigt glaubte, und morgen gab es lose Reden und freche Ausfälle gegen die Herrschaft vor Gericht zu ziehen. Es war, als sei der gute Geist entwichen, der hier bisher gewaltet hatte. Des Zankens, Anschuldigens, Strafens war gar kein Ende mehr. Hätte der Amtmann, wie der Freiherr es verlangte, alle diejenigen zur Rechenschaft fordern wollen, die sich widerspänstig zeigten, und diejenigen eingesperrt, welche grundlos Händel anzettelten, so hätte er noch beträchtlich an Arbeitskräften eingebüßt. Er musste also ein Auge zudrücken, Mancherlei nicht hören, Vielerlei stillschweigend mit ansehen, um nur durchzukommen, und noch war der Sommer nicht da, als auf den Gütern, auf welchen bis dahin eine für jene Zeiten musterhafte Verwaltung geherrscht hatte, jener Zustand eingetreten war, der nirgends ausbleibt, wo die Befehlenden, weil sie Ungerechtes und Uebermäßiges heischen, Ungesetzliches und Maßloses geschehen lassen müssen, um sich von einem Tage zu dem anderen durchzuschlagen und sich damit zu vertrösten, dass auch übermorgen und nach übermorgen gehen werde, was gestern und vorgestern eben noch gegangen sei.
Vorlage S. 25
1867
Dem Amtmanne war dieses Treiben ein Gräuel. Wie jeder, der das Land bebaut, hatte er frühzeitig begriffen, dass in der eigenen Lebensführung wie in der Leitung eines Gemeinwesens, mag dies nun groß oder klein sein, Voraussicht und mit ihr Zusammenhang im Handeln die Hauptsache sind; und wenn er selber auch die Folgen des jetzigen Verfahrens nicht mehr zu tragen haben sollte, so peinigten ihn doch der gegenwärtige Zustand und die Gewissheit, dass die übeln Früchte desselben nicht ausbleiben könnten. Die Schullehrer klagten bereits, dass die Kinder, weil sie zu Hause die Arbeit der zum Dienste befohlenen Erwachsenen verrichten mussten, die Schule versäumten, der Pfarrer beschwerte sich, dass die Leute, weil ihnen gar keine Zeit für ihre eigene Arbeit mehr gelassen würde, Sonntags die Kirche nicht mehr besuchten, dass er das Wort Gottes vor leeren Bänken predigen müsse, während die große katholische Kirche, in der Niemand außer der Herrschaft und den Fremden seine Andacht halten und seinen Gottesdienst begehen könne, sich der Vollendung nähere.
Vorlage S. 26
1868
Früher hätte der Freiherr von allen diesen Dingen in seiner sorglosen und heitern Unnahbarkeit nicht viel erfahren. Jetzt fragte er danach, fragte, weil er dies nicht gewohnt war, nicht immer an der rechten Quelle, und glaubte, da er häufig falsch berichtet ward, es mit einem Geiste des Aufruhrs zu tun zu haben, den er unterdrücken, und zwar mit Gewalt unterdrücken müsse, während er und sein Tun und Gebieten ganz allein die Unzufriedenheit und Aufsässigkeit erzeugten, die er dem bösen, von Frankreich kommenden Zeitgeiste entsprungen wähnte.
Vorlage S. 27
1869
So viel stellte sich indeß an Einsicht für ihn bald heraus, dass er, um dem neuen Amtmanne gewisse Pflichten auflegen zu können, auch die drückendsten Geldverlegenheiten beseitigt haben müsse, und da bisher die schriftlich oder durch Dritte geführten Verhandlungen mit Herrn Flies zu keinem befriedigenden Abschlusse gelangen wollten, beschloss der Freiherr, persönlich einen Versuch zu einem Uebereinkommen mit ihm zu machen.
Vorlage S. 27
1870
Er war ohnehin lange nicht in der Stadt gewesen; die Herzogin, welche von seinem Vorsatze sprechen hörte, nannte einen solchen kleinen zeitweiligen Ortswechsel angenehm, und da Renatus ein großes Verlangen zeigte, mitgenommen zu werden, war der Freiherr schnell bereit, aus einer Geschäftsreise, die er antreten wollen, um sich aus Geldverlegenheiten zu befreien, eine Vergnügungsreise mit seiner ganzen Familie zu machen, welche bei der damaligen Art zu reisen nicht ohne einen ansehnlichen Aufwand zu bestreiten war.
Vorlage S. 27
1871
Die Baronin, deren Gesundheit immer schwankender und deren Brustbeklemmungen immer häufiger geworden waren, hatte Anfangs eine Scheu vor dieser Reise getragen, da sie die zunehmende Wärme der Jahreszeit und die Unbequemlichkeit der Nachtquartiere fürchtete; aber der Freiherr hatte auf ihr Mitgehen gerechnet, Renatus bat ebenfalls, die Mutter möge doch nicht zu Hause bleiben, und die Baronin gab endlich gegen ihr richtiges Gefühl dem Verlangen der Ihrigen nach, weil sie für sich keine lebhaften Wünsche und kaum noch lebhafte Besorgniß hegte.
Vorlage S. 28
1872
So fuhren denn an einem frühen Morgen die großen, vierspännigen Reisewagen vor das Portal. In dem einen wollte der Freiherr mit den beiden Frauen, in dem anderen sollte Renatus mit seiner französischen Bonne und der Kammerjungfer seiner Mutter fahren, die während der kurzen Reise den Dienst bei den beiden Damen zu versehen hatte; aber schon am ersten Reisetage zeigte es sich, dass die Baronin es nicht ertragen konnte, Tag über in der Gesellschaft der lebhaften Herzogin zuzubringen, und man musste für den nächsten Morgen die Einrichtung treffen, sie den einen Wagen allein mit ihrer Kammerjungfer einnehmen zu lassen, um ihr die nötige Ruhe zu gönnen.
Vorlage S. 28
1873
Es war am Mittage des dritten Tages, nachdem man Richten verlassen hatte, als man dem Freiherrn, der das ganze erste Stockwerk des Gasthauses für sich in Beschlag genommen hatte, die Nachricht brachte, Herr Flies, den er zu sich bitten lassen, sei gekommen. Der Freiherr befahl, ihn herein zu führen, und setzte sich auf das Sopha, den Besuch zu erwarten, damit er nicht nötig hatte, ihm etwa entgegen zu gehen, denn nun er an der Schwelle der mündlichen Verhandlung stand, dünkte ihm diese noch lästiger als die schriftliche zu sein.
Vorlage S. 28
1874
Als Herr Flies eintrat, hieß der Freiherr ihn mit den Worten: Sie sind pünktlich, lieber Flies! willkommen.
Vorlage S. 29
1875
Ich bin ein Geschäftsmann! entgegnete dieser höflich. Aber der Freiherr konnte sich eines gewissen Erstaunens bei dem Anblicke des Juweliers nicht erwehren. Er kam ihm größer, ansehnlicher vor, denn er trug sich aufgerichteter als früher; seine Kleidung war einfach, indeß nach der Mode und von den besten Stoffen. Er hatte eine gewisse demüthige Weise, gewisse tiefe Verbeugungen und gewisse Manieren, die er sonst als Stammesgewohnheiten unwillkürlich zur Schau getragen, völlig abgelegt und dafür eine ruhige Haltung gewonnen, welche ihn dem Freiherrn wie einen Fremden erscheinen machte. Er hatte vorgehabt, ohne Weiteres mit Herrn Flies die Angelegenheit zu durchsprechen, wegen derer er ihn rufen lassen; nun er den Kaufmann vor sich hatte, dessen Augen klug und forschend auf ihm ruhten, wusste er nicht gleich, von welchem Punkte er die Sache in Angriff nehmen sollte, und wie alle vom Glücke Verwöhnten vor jeder Unbequemlichkeit zaghaft und zaudernd, sagte er: Wie geht es Ihnen, lieber Flies? Ich habe Sie lange nicht gesehen, ich war lange nicht hier; aber ich wollte meinem Sohne doch einmal eine Stadt zeigen und muss auch einen der hiesigen Aerzte wegen der Baronin zu Rathe ziehen.
Vorlage S. 29
1876
So sind die Frau Baronin leidend? fragte Flies.
Vorlage S. 29
1877
Recht sehr, recht sehr, antwortete der Freiherr mit sichtlicher Zerstreutheit; ich denke, der Doctor muss bald kommen!
Vorlage S. 29
1878
Er hatte noch immer nicht den Muth, dasjenige zu verlangen, was er mit Leichtigkeit gefordert haben würde, als er sich noch im Vollbesitze seines Vermögens und seines Ansehens gewusst hatte, und Herr Flies, welcher den Zustand des Freiherrn wohl erkannte, fand es daher angemessen, ihm mit der Bemerkung entgegen zu kommen, dass es ihm, da er den Arzt erwarte, wahrscheinlich erwünscht sein werde, die Geschäfte schnell zu beenden, und dass er ihm einen, wie er glaube, sehr annehmbaren Vorschlag für dieselben zu machen habe.
Vorlage S. 29
1879
Der Freiherr, sehr zufrieden, dass er nicht derjenige zu sein brauchte, der die Verhandlungen in Gang brachte, und doch zugleich verdrießlich darüber, dass Flies sich so heiter und frei zu fühlen schien, während er selbst sich von dessen gutem Willen mehr als ihm lieb war abhängig wusste, verlangte den Vorschlag zu hören.
Vorlage S. 30
1880
Herr Flies zog die Briefe, welche er von dem Freiherrn erhalten hatte, aus seiner Brusttasche hervor und sagte: Verstehe ich die Meinung Ihres letzten Briefes recht, Herr Baron, so wünschen Sie außer der Summe, welche auf Rothenfeld jetzt aufgenommen war, eine zweite Hypothek in gleichem Betrage auf Rothenfeld, und eine eben so große auf Neudorf eintragen zu lassen.
Vorlage S. 30
1881
Der Freiherr bejahte das; Flies machte ein nachdenkliches Gesicht. Es war dem Freiherrn, als säße er angeklagt vor seinem Richter.
Vorlage S. 30
1882
Die Posten sind stark, hob nach kurzem Schweigen der Kaufmann an, und Geld ist theuer! Es wird Ihnen große Zinsen kosten, Herr Baron, Zinsen, die kaum aufzubringen sein werden, wenn wir einmal ein Mißjahr haben, wie eben jetzt, und vollends wenn der Krieg ....
Vorlage S. 30
1883
Der Freiherr wurde ungeduldig. Das sind Vorstellungen und keine Vorschläge, mein lieber Flies! rief er, ihn unterbrechend. Die ersteren habe ich mir selber längst gemacht, wollen Sie mich die anderen hören lassen?
Vorlage S. 30
1884
Ich weiß nicht, ob sie dem Herrn Baron passen werden, hob jener an. Ich denke mein Geschäft mit Nächstem einmal aufzugeben.
Vorlage S. 30
1885
Natürlich, Sie sind ein reicher Mann! rief der Freiherr, dem die Gemächlichkeit des Kaufmannes unerträglich dünkte.
Vorlage S. 31
1886
Nun, ich habe allenfalls zu leben, entgegnete dieser mit Gelassenheit, und ich fühle, dass es mir nicht mehr bekommt, die ganzen Tage im Laden und im Comptoir zu stehen. Fünfunddreißig Jahre solcher Arbeit lasten auf dem Menschen, und meine Frau hat auch ihre Ruhe verdient. Meine Tochter ....
Vorlage S. 31
1887
Liebster Flies, unterbrach ihn der Freiherr, Sie dürfen glauben, dass Ihr Wohlergehen mich freut, aber die Vorschläge, welche Sie mir zu machen hatten ....
Vorlage S. 31
1888
Hangen damit eben zusammen, Herr Baron! versicherte der Kaufmann. Wer sich zur Ruhe setzen will, muss vorsichtiger werden, als der Geschäftsmann, darf nicht Alles auf eine Karte, auf einen Wurf setzen und muss sich für den Fall, dass die Ruhe ihm doch nicht zusagt, immer ein Capital zur Hand halten, mit dem sich allenfalls einmal wieder etwas anfangen lässt. Ich wäre nicht abgeneigt, Geld auf Rothenfeld herzugeben, es ist ein schönes Gut; auch Neudorf ist ein schönes Gut, und es würde sich auch wohl auf Neudorf ein Capital beschaffen lassen; aber die zweite Hypothek auf Rothenfeld würde mir nicht conveniren, Herr Baron, und deßhalb wollte ich Ihnen den Vorschlag machen, ob Sie nicht etwas von Ihrem liegen den Besitze verkaufen wollten?
Vorlage S. 31
1889
Der Freiherr fuhr auf: Verkaufen? – Sie werden doch nicht glauben, dass ich eines meiner Güter zu verkaufen denke? Sie denken doch nicht daran, dass ich Neudorf oder gar Rothenfeld, wo ich eben jetzt die Kirche baue, verkaufen soll?
Vorlage S. 31
1890
Herr Flies lächelte kaum merkbar, und mit einem Blicke seiner klugen Augen, den ein Achtsamer nicht missverstehen konnte, sagte er: Wie sollte ich adelige Güter kaufen wollen, Herr Baron, und vollends die neue Kirche, was sollte mir die? – Nein, Herr Baron, ich dachte an Ihre Güter nicht; aber wie wäre es mit dem Hause, das der Herr Baron von der Fräulein Tante in Berlin ererbten? Es steht leer, wie ich gesehen habe.
Vorlage S. 31
1891
Der Freiherr schwieg, denn obschon der Vorschlag, der ihm am leichtesten aus den Verlegenheiten helfen konnte, ihm sofort einleuchtete, widerstrebte ihm doch der Gedanke, sich irgend eines Besitzthumes zu entschlagen, auf das äußerste. Während er sonst seines Hauses in der Residenz mit großer Gleichgültigkeit gedachte, stand es ihm jetzt in seiner ganzen Würdigkeit vor Augen, und er fühlte sich mit mannigfachen Banden und Erinnerungen an dasselbe gefesselt. Was wollen Sie denn mit einem solchen Hause tun? fragte er endlich.
Vorlage S. 32
1892
Herr Flies lächelte abermals, und so, dass der Baron es sehen musste. Was ich damit machen will? – Ich war im vorigen Jahre mit Frau und Tochter in der Residenz und es hat den beiden dort gefallen. Meine Tochter liebt Musik, liebt das Theater, und ich habe nur das eine Kind. Ich denke deßhalb nach der Residenz zu ziehen, und das Haus der Fräulein Tante ist mit seinem großen Garten recht wie meine Tochter es sich wünscht.
Vorlage S. 32
1893
Der Freiherr biss sich unwillkürlich auf die Lippe. Er hatte den Mann zu schonen, den er brauchte, aber es fiel ihm schwer, ihm nicht zu sagen, dass und wie sehr dieser Vorschlag ihm ungeeignet scheine, ja wie sehr er ihn beleidige. In seinem Hause, in dem Hause, an welchem, seit sein Großvater es erbaut, das stolze Arten'sche Familienwappen prangte, sollten Handel und Gewerbe künftig ihr Wesen treiben? Wo Fräulein Esther den Besuch des großen Friedrich empfangen, sollten Judenfrauen ihren Kaffee trinken? Nimmermehr! Er stieß den Gedanken weit zurück; der Kaufmann fügte sich augenblicklich, aber er wollte nun auch von dem anderen Darlehn nichts wissen, weil er, so lange er nicht nach der Residenz übersiedele, seine hiesigen Geschäfte, für die er seine ganzen Capitalien brauche, fortzuführen denke; und da der Freiherr, beleidigt durch den Zwang, den Flies ihm anthun zu wollen schien, sich weder zum Nachgeben noch zu einem eingehenden Verhandeln geneigt bewies, so empfahl sich jener, die ganze Angelegenheit ruhig dem Ermessen des Freiherrn überlassend.
Vorlage S. 32
1894
Drittes Capitel
Vorlage S. 34
1895
Einige Tage waren seit diesem Gespräche vergangen, und der Freiherr hatte sie nicht angenehm verlebt. Die Baronin fuhr zwar täglich aus, um ihrem Sohne die Stadt und deren Merkwürdigkeiten zu zeigen und sich an der Freude des Knaben zu ergötzen, aber die ungewohnte Lebensweise regte sie auf, die Luft in den enggebauten Straßen schien ihr sehr drückend, und der Ausspruch des zu Rathe gezogenen Arztes hatte auch nicht tröstlich gelautet, obschon er keine bestimmte Erklärung von sich gegeben. Es war für den Winter von einem Aufenthalte in einem milden Klima die Rede gewesen, Italien, an das man dabei dachte, konnte jedoch unter den obwaltenden politischen Verhältnissen nicht wohl zum Aufenthalte einer Leidenden gewählt werden. Dazu erinnerte der Freiherr sich mit Unbehagen und Bedenken des Geldaufwandes, welchen einst die italienische Reise seiner Mutter und seiner verstorbenen Schwester erfordert hatte; und sollte er auch die Gattin, wie die Schwester, über die Alpen gehen und nicht lebend wiederkehren sehen?
Vorlage S. 34
1896
Er liebte Angelika nicht mehr, aber die Vorstellung, die junge, schöne Frau vor sich sterben zu sehen, ging ihm doch nahe, und dabei wollten seine Geldangelegenheiten sich durchaus nicht, wie er es wünschte, ordnen lassen. Die Kaufleute, denen es bekannt war, dass die Herren von Arten bisher alle ihre Geschäfte mit dem Hause Flies gemacht hatten, und die es wussten, wie dieses wohl im Stande wäre, das anscheinend so sichere Darlehn zu leisten, wurden misstrauisch, eben weil man ihnen das Geschäft anbot. Denn der bisherige Banquier der Herren von Arten konnte es sicherlich nur aus einem wichtigen Grunde zurückgewiesen haben. Sie zögerten, machten Schwierigkeiten, verlangten, wie Herr Flies es dem Baron vorausgesagt hatte, Zinsen, die ihn zu neuen Anleihen nötigen mussten, und da der Freiherr auf solche Weise nun an sich selber die alte Erfahrung bestätigt fand, dass Geld und Credit für denjenigen, der sie braucht, stets schwer zu haben sind, so sah er sich immer wieder auf den Hausverkauf hingewiesen.
Vorlage S. 34
1897
Die Notwendigkeit hat eine überzeugende und verführerische Beredsamkeit. Je länger er ihr gegenüberstand, um so mehr räumte es sich der Freiherr ein, dass er eigentlich niemals Freude an dem Hause in der Residenz gehabt und dass Keiner der Seinigen dort gern oder glücklich gelebt habe. Seit es erbaut worden, hatte es mit Ausnahme kurzer Besuche, welche die Familie in der Stadt gemacht, fast immer leer gestanden, bis Fräulein Esther es bezogen; und weder die Erinnerungen an sie, noch jene, welche sich an die sechs Monate knüpften, die der Freiherr mit Angelika nach seiner Verheirathung in der Residenz zugebracht hatte, waren von der Art, ihn an das Haus zu fesseln. Auffallen konnte es Niemandem, dass er es verkaufte, da er es nicht benutzte. Die Schwierigkeiten, mit denen die grillenhafte Besitzerin die Abtretung des Grundstückes an einen Anderen belastet hatte, waren nicht unüberwindlich; und dass Herr Flies, den er als einen bequemen Geschäftsmann kannte, sich nicht kleinlich zeigen würde, wo er für sich und seine Familie etwas Angenehmes zu erreichen wünschte, darauf meinte der Freiherr rechnen zu dürfen.
Vorlage S. 35
1898
Die Angelegenheit ließ ihm keine Ruhe, sie beschäftigte ihn am Tage, sie quälte ihn in der Nacht. In seinen Träumen ging er mit seinem Sohne in dem alten Hause umher, und von den Wänden stiegen die Bilder der Tante herab und verfolgten ihn und den Knaben mit leidenschaftlicher Hast, dass er sich und das Kind nicht vor ihnen zu retten wusste. Wenn er angstvoll die Thüre und das Portal des Hofes erreicht hatte, so stand die Tante auch da wieder vor ihm und wehrte ihm den Ausgang; und jenseit des Gitters thürmten sich dichte Wolken auf, aus denen der Juwelier mit seinem zufriedenen Lächeln auf ihn herniedersah und ihn fragte: Was wollen Sie mit dem alten Hause, Herr Baron? Es ist darin für Sie nicht mehr geheuer!
Vorlage S. 35
1899
Am Morgen nach einer solchen Nacht beschloss er, ein Ende damit zu machen, nur um der lästigen Gedanken los zu werden; aber der Mittag kam heran, ehe er sich dazu bringen konnte, den darauf bezüglichen Brief zu schreiben.
Vorlage S. 36
1900
Herr Flies saß in behaglicher Sonntagsruhe mit Frau und Tochter in dem Garten hinter seinem Hause, als ihm das Schreiben des Freiherrn zu Händen kam, und da die Kriegsräthin mit ihrem Manne zu einer Picknickpartie auf das Land gefahren war, verstand es sich von selbst, dass Paul den freien Tag bei seinen Freunden und Beschützern zubrachte.
Vorlage S. 36
Georg Friedrich Kersting – Mann am Sekretär. Vergleichsbild zum Lesen, Schreiben und Nachdenken; keine Darstellung einer Figur dieses Buches.
Kontextbild zum Werk. Am Schreibtisch · Georg Friedrich Kersting · Public domain Bildquelle ↗
1901
Von dem Herrn Baron von Arten! sagte der Diener, als er Herrn Flies den Brief übergab. Die Mutter warf dem Vater einen Blick des Einverständnisses zu, den er nicht beachtete. Er las das kurze Schreiben, sagte, dass er nicht ermangeln werde, sich morgen in der Frühe einzustellen, und entließ den Diener. Die Mutter fragte nichts, Herr Flies sprach auch nicht von der Sache; da sie aber Alle wussten, um was es sich handelte, konnten sie sich denken, was der Brief bedeute, und nur Paul sah fortwährend nach Herrn Flies hinüber, als wünsche er in den Mienen desselben die Antwort auf eine Frage zu lesen, die er nicht zu tun wagte. Er vermochte nicht bei dem Buche zu bleiben, mit dem er beschäftigt gewesen war; er stand auf, ging fort, kam wieder – man war nicht gewohnt, ihn so unstät zu sehen.
Vorlage S. 36
1902
Endlich, als Seba sich erhob, um einen Auftrag für die Mutter auszurichten, folgte er ihr nach, und seinen Arm in den ihrigen legend – denn der vierzehnjährige Knabe war fast so groß als sie – sagte er, während eine dunkle Röthe sein schönes, kräftiges Gesicht überzog: Seba, ist denn mein Vater hier?
Vorlage S. 37
1903
Der bebende Ton seiner Stimme ging ihr zu Herzen, und sie drückte ihm beruhigend die Hand, als sie seine Frage bejahte.
Vorlage S. 37
1904
Warum sagtest Du mir's nicht?
Vorlage S. 37
1905
Was konnte es Dir helfen? gab sie ihm zur Antwort.
Vorlage S. 37
1906
Er schwieg einen Augenblick, dann fragte er: Ob er sich wohl nach mir erkundigt hat?
Vorlage S. 37
1907
Sie entgegnete, dass sie es nicht wisse, aber sie stellte ihn nicht damit zufrieden.
Vorlage S. 37
1908
Du würdest es wissen, wenn es geschehen wäre, sagte er, und ich bin kein Kind mehr, dem man mit Unwahrheiten ein Vergnügen macht. Er hat nicht nach mir gefragt!
Vorlage S. 37
1909
Er seufzte, als er diese Worte sprach. Sie waren inzwischen zu den Anderen zurückgekehrt und es konnte nicht weiter die Rede davon sein. Indeß Seba sah, dass in seinem Innern die Aufregung nicht vorüber war, und als er sich später wieder eine Weile mit ihr allein befand, verlangte er zu erfahren, wo sein Vater wohne.
Vorlage S. 37
1910
Seba erschrak. Weßhalb fragst Du mich das? sagte sie.
Vorlage S. 37
1911
Er antwortete ihr nicht gleich, wie das seine Weise war, wenn er seine Rührung zu besiegen strebte, und sagte dann, sich gewaltsam zusammennehmend, während seine Lippen bebten: Ich möchte ihn doch wenigstens einmal sehen, meinen Vater! – Aber seine Bewegung war mächtiger als sein Wille, die Thränen traten ihm in die Augen, er schüttelte zornig und unzufrieden mit sich selbst den Kopf und eilte aus dem Garten fort in das Haus.
Vorlage S. 37
1912
Dass der Knabe nicht leicht von einer Sache abließ, die er sich in den Sinn gesetzt hatte, war eine Eigenthümlichkeit an ihm, welche Alle kannten, die mit ihm zu tun hatten, und Seba fand es daher für nötig, als Paul's Pflegeeltern am Abend von ihrer Ausfahrt wiederkehrten, sie von seinem Verlangen und von dem ganzen Vorgange zu unterrichten. Dass man ihn davon zurückhalten müsse, seinen Vater aufsuchen zu gehen, darin stimmten Alle überein. Madame Flies und der Kriegsrath waren nur der Ansicht, dass man ihn vertrösten, ihn beschwichtigen solle, bis der Freiherr abgereist sei, die Kriegsräthin hingegen dachte es ihm gradezu und entschieden zu verbieten, ohne sich auf Gründe mit ihm einzulassen, aber wie immer nahmen Herr Flies und Seba sich des Knaben an.
Vorlage S. 38
1913
Er ist reifen Verstandes und festen Sinnes, sagte der Erstere, und man soll auch von einem Knaben seines Alters blinden Gehorsam fordern, wenn man die Aussicht hat, ihn vernünftig von dem Rechten überzeugen zu können. Er muss völlig aufgeklärt werden über die Lage, in welche seine Geburt ihn versetzt hat. Er ahnt sie, ohne ihre bürgerlichen Folgen zu begreifen, und wie überall, so hat auch hier das halbe Wissen für die Empfindung etwas Verwirrendes, für den Verstand etwas Aufregendes. Was er aber zu hören hat, wird er am besten von Seba erfahren, da sie die Einzige ist, mit welcher er über diese Angelegenheit gesprochen hat, und bittere Kunde muss man wo möglich mit freundlichem Munde versüßen.
Vorlage S. 38
1914
Er hielt es darauf der Tochter vor, was sie dem Knaben zu sagen habe, und man verabredete, dass man ihn unter irgend einem Vorwande in der Frühe, ehe er in die Schule gehe, zu Seba senden solle. Indeß die Kriegsräthin war keine Frau, die sich fremden Anordnungen zu fügen oder ihren Einfällen und Aufwallungen zu gebieten vermochte, und sie misstraute der rücksichtsvollen Schonung, die man Paul zu gewähren wünschte. Sie hatte, seit sie von der Ankunft des Freiherrn erfahren, sich der Hoffnung hingegeben, dass er sich nach Paul erkundigen, dass er schriftlich oder vielleicht gar persönlich nach ihm und nach seinem Ergehen und Verhalten fragen werde, und sie hatte nach ihrer Weise mancherlei Plane auf die Zufriedenheit des Freiherrn gebaut; denn nichts ist erfinderischer im Hoffen, als der sinkende Wohlstand, und im Sinken waren die Lebensaussichten der Kriegsräthin nun lange schon begriffen.
Vorlage S. 38
1915
Der Präsident, welcher sonst im täglichen Verkehre mit dem Kriegsrathe es eben nicht gewahrt hatte, dass dieser dem allgemeinen Menschenloose des Alterns nicht entgehe, und der sonst auf das bescheidene Wesen und das sich Alles eigenen Urtheils enthaltende regelmäßige Arbeiten dieses Beamten einen besonderen Werth gelegt hatte, glaubte jetzt zu erkennen, dass eine maschinenmäßige Unterwürfigkeit dem Dienste nicht förderlich sei und dass man von einem alternden Manne keinen geistigen Fortschritt und keine Aenderung seiner Gewohnheiten mehr zu gewärtigen habe. Von einer Beförderung des Kriegsrathes, auf welche der Präsident seiner Zeit die schöne Laura hoffen lassen, konnte also jetzt nicht mehr die Rede sein. Es waren demselben bereits mehrfach jüngere, selbstdenkende Collegen vorgeschoben worden, die solche Auszeichnung durch Enthüllung jedes kleinen Mangels, der sich in der Amtsführung ihres älteren Collegen etwa nachweisen ließ, rechtfertigen zu müssen glaubten; und sich aus einem bevorzugten Mitgliede eines Collegiums plötzlich zu einem überwachten und getadelten herabsinken zu sehen, das war eine Kränkung, welche auch einen festeren Charakter als den des Kriegsrathes überwältigen und einen Stärkeren als ihn dahin bringen konnte, sich widerstandslos der Entmuthigung zu überlassen.
Vorlage S. 39
1916
Die gesellschaftlichen Folgen dieser Wandlung blieben natürlich denn auch nicht lange aus. Seit man nicht mehr mit Sicherheit darauf bauen konnte, den einflußreichen Präsidenten immer in dem Freundeskreise des Kriegsrathes zu finden, legte man nicht mehr dasselbe Gewicht auf dessen Einladungen, und da man bald bemerkte, dass der Präsident es nicht wie früher erwartete, überall, wohin er kam, den Kriegsrath mit seiner Frau zu finden, unterließ man es öfter, dieselben zu den Gesellschaften aufzufordern. Beide Eheleute empfanden das sehr bitter, aber wenn Herr Weißenbach geneigt war, sein Schicksal über sich zu nehmen, so war Laura anderer Ansicht. Was sie entbehren musste, gewann einen doppelten Reiz für sie, und das Verlangen, wiederzugewinnen, was sie einst besessen hatte, die galante Freundschaft ihres alten Gönners und die darauf begründete gesellschaftliche Geltung, regte sie zu neuen Anstrengungen und Unternehmungen auf. Sich zurückzuziehen, weil das Glück sich von ihr wendete, war nach ihrer Meinung eine Schwäche, deren eine gescheite Frau sich nicht schuldig machen durfte. Wenn man den Leuten nicht mehr durch die Freundschaft des Präsidenten wichtig scheinen konnte, so musste man suchen, ihnen das Haus in anderer Weise angenehm zu machen, und mit etwas mehr Aufwand, als man bisher getrieben hatte, ließ sich das wohl bewerkstelligen. Freilich wohnte man, seit Herbert einen Theil der Zimmer inne hatte, nicht mehr so gut und bequem, als früher, und auch die Handwerker ließen sich nicht mehr so leicht als sonst mit Versprechungen vertrösten. Aber man musste nur Muth haben, nur gewisse tägliche Gewohnheiten ablegen, auf deren Entbehrung es ja für Menschen, die einen bestimmten Zweck im Auge hatten, nicht ankommen konnte; man musste nur zeigen, dass man immer noch wohlauf, dass man aus eigenen Mitteln unabhängig sei, um seine alte Stellung zu behaupten und um dem Präsidenten zu beweisen, dass es kein Eigennutz, sondern Freundschaft, reine Freundschaft sei, wenn man nicht aufhöre, eine Annäherung an ihn zu suchen, und sich Mühe gebe, die alten Beziehungen wieder anzuknüpfen.
Vorlage S. 39
1917
Laura hatte übrigens mit dem Kriegsrathe jetzt ein leichtes Spiel. Ein Mann, der sein Selbstgefühl aus der Anerkennung gezogen, welche Andere ihm zollten, wird haltlos, wenn ihm diese fehlt; und unfähig, in sich selber zu beruhen, wird er leicht dahin gebracht, sich fremdem Willen unterthan zu machen, wenn er durch diesen hoffen kann, die ihm entschwundenen Vorteile wiederzugewinnen. Der Kriegsrath war ein bedächtiger Mann, ein überlegen der Haushalter gewesen, so lange er sich in seinem Amte geachtet wusste und so lange er seine Einnahmen und Ausgaben in strengem Gleichgewichte zu erhalten vermocht. Jetzt, da dies nicht immer gelingen, da die Abschlüsse seines Buches sich nicht mehr so sicher wie seine amtlichen Cassen-Abschlüsse gestalten wollten, konnte er den Anblick seines Haushaltsbuches nicht mehr ertragen, und weil ihn die Gewissheit peinigte, dass er mehr verbrauchte, als er sollte, hatte er es allmählich aufgegeben, seine Ausgaben zu verzeichnen und seine Rechnungen zu machen. Heimliche Angst, drückende Zweifel konnte er ertragen; aber Zahlen waren sein Leben lang ihm Freude und Genuss gewesen; Zahlen als Ankläger vor sich zu sehen, das ging über seine Kräfte, und sich wieder mit den Zahlen seiner Bücher auszusöhnen, war Alles, wonach er trachtete. Er war zu jeden Entbehrungen, er war sogar bereit, seiner Laura, wie sie es verlangte, die Verwaltung seines Einkommens zeitweilig ganz zu überlassen, nur mit seinen Zahlen sollte sie ihn versöhnen, denn die Zahlen standen vor ihm auf in regelrechter Reihe, und starrten ihn an und riefen nach Ausgleichung, und er konnte ihnen und konnte sich nicht helfen, wie auch die Angst und Scham ihm die bleich gewordenen Wangen rötheten. Die Summe der einen Seite wuchs immer weiter über die Summe der anderen Seite hinaus, und weder Laura's Vertröstungen noch ihre kühnen und zuverlässigen Hoffnungen vermochten das zu ändern.
Vorlage S. 41
1918
Seit Jahr und Tag hatte sie ihn darauf hingewiesen, dass ihnen einmal von dem Freiherrn eine nachhaltige Hülfe und Befreiung kommen müsse. Allerdings war die Theilnahme, welche derselbe für seinen Sohn bezeigte, niemals eine persönliche und keine lebhafte gewesen. Er hatte niemals selbst nach Paul gefragt; in allen den Verhandlungen, welche der Caplan mit der Kriegsräthin gepflogen, war des Freiherrn Name nie erwähnt, und es war für Paul auch außer der durch den Caplan regelmäßig besorgten Pensionszahlung weiter nichts getan worden. Sie hatten die Schulzeugnisse des Knaben dem Caplan eingeschickt, hatten von diesem die immer wiederholte Weisung erhalten, ihn streng und einfach zu erziehen und wohl darauf zu achten, zu welchem Berufe Paul's Anlagen und Neigungen ihn führen könnten, da er für sich selber einzustehen haben werde. Nichts desto weniger war, wie Laura es ihrem Manne aus einander setzte, der Freiherr ihnen, die sie ihm sein Geheimnis so wohl bewahrten, ganz entschieden hoch verpflichtet, und dass endlich in dem Vater die Stimme des Blutes und des Herzens einmal für den Knaben sprechen, dass er endlich doch einmal kommen werde, selbst nach ihm zu sehen, dass der Anblick des ihm so gleichen Sohnes ihn bewegen, dass er ihnen danken werde, was sie für Paul getan, das war für Laura über jeden Zweifel sicher. Man musste nur warten, es nur mit Anstand durchhalten bis zu dem rechten Augenblicke, dann konnten die Folgen ihres einstigen raschen Entschlusses gar nicht fehlen, dann musste der Kriegsrath die reichen Früchte ihrer Gutthat ernten und dann würde er auch eine neue Bestätigung ihrer Behauptung erhalten, dass er sich immer am besten stehe, wenn er dem Rathe seiner klugen und voraussichtigen Laura folge.
Vorlage S. 42
1919
Die Nachricht, dass der Freiherr in der Stadt sei, hatte Laura natürlich in eine große Aufregung versetzt. Alle die Plane, welche sie gehegt, standen jetzt an der Grenze ihrer Verwirklichung.
Vorlage S. 42
1920
In jedem Augenblicke erwartete sie, eine Benachrichtigung von dem Freiherrn zu erhalten oder ihn plötzlich bei sich eintreten zu sehen. Sie ließ ihre Zimmer in besondere Ordnung bringen, sie kleidete sich zeitiger an, als sie sonst pflegte, um nicht bei einer etwaigen Ueberraschung in unangemessener Weise erscheinen zu müssen, und immer wieder ging sie an den Spiegel, um zu sehen, wie die Miene zurückhaltenden Verständnisses sie kleide, mit welcher sie dem Freiherrn entgegen zu treten dachte.
Vorlage S. 43
1921
Sie hatte sich ein völliges System der Unterhaltung zurecht gemacht. Sie musste als Erzieherin des Knaben der sittlichen Würde nicht ermangeln, sie durfte aber auch nicht eine übertriebene Sittenstrenge an den Tag legen, um den Vater nicht zu verletzen. Leichtlebig und doch ernsthaft, vornehm und doch zuvorkommend, selbstständig und fügsam musste sie sich darstellen, um die Freundschaft des Freiherrn erwerben und ihm das Anerbieten nahe legen zu können, welches sie ihm zu machen wünschte, das Anerbieten, seinen Sohn an Kindesstatt zu adoptiren, um ihm mit dem Namen Weißenbach, mit dem Namen eines angesehenen Beamten eine Stellung in der Welt und in der Gesellschaft zu eröffnen, die sich ihm mit dem völlig unbekannten Namen Mannert nicht so leicht erschließen dürfte. Natürlich mussten sie und der Kriegsrath sich dann in einer Lage befinden, welche ihnen ein solches Opfer möglich machte; aber sie in diese Lage zu versetzen, konnte einem Manne von den Mitteln und dem Einflusse des Freiherrn gar nicht schwer sein. Sie lächelte, wenn sie sich die Wendung im Geiste wiederholte, mit der sie ihm den Vorschlag tun wollte, sie sah die gütige, zufriedene Miene, sie fühlte den freundschaftlichen Händedruck, durch welchen der Freiherr ihr seinen Dank bezeigte, und sie hatte auch Nichts dagegen, wenn er es etwa angemessener finden sollte, ihrem Gatten einen besseren Posten in der Residenz zu schaffen. Sie war ihrer hiesigen Verhältnisse ohnehin jetzt müde, denn eine Mittelstadt war für eine Frau wie sie doch eigentlich niemals der rechte Wirkungskreis gewesen.
Vorlage S. 43
1922
Es passte Alles so vortrefflich zusammen, wie sie es sich ausgedacht hatte, es konnte nicht fehlschlagen, wenn nur der Freiherr kam, und kommen musste er, weil sie sich sonst ja nicht zu helfen wusste. Wie sollte sich nicht fügen, was für sie so unerläßlich schien?
Vorlage S. 44
1923
Da brachte plötzlich der Einfall des unseligen Knaben einen Stillstand in ihre mutig vorwärts gehenden Gedanken. Wenn Paul seinen Vorsatz ausführte, wenn er, ohne dazu ermächtigt zu sein, den Freiherrn aufsuchte, wenn dieser glauben konnte, dass man Paul geflissentlich von der Anwesenheit seines Vaters benachrichtigt, ihn vielleicht dazu verleitet habe, sich dem Freiherrn zu nahen, so war Alles verloren. Und dem Zufalle, der Laune eines Kindes, dem Verstande und der Beredsamkeit eines unerfahrenen Mädchens alle ihre Aussichten anzuvertrauen, das wäre eine Unvorsichtigkeit gewesen, deren sich nur ihr stets zuwartender, gelassener Mann oder Leute wie ihre Wirthe schuldig machen konnten, die es gar nicht mehr zu wissen schienen, dass man fremden Beistandes bedürfen könne.
Vorlage S. 44
1924
Wollte sie nicht die Mühe langer Jahre vergebens getragen haben, nicht mit all ihren Hoffnungen im Angesichte des Hafens scheitern, so musste sie ihre Maßregeln treffen, so musste sie mit dem Knaben sprechen, und das sogleich, denn sie fühlte sich eben in der richtigen Verfassung für den Zweck. Sie wollte, wenn etwa der Freiherr am nächsten Tage käme, Herr über alle ihre Mittel sein! Ihr durfte die Unruhe den Schlaf dieser Nacht nicht rauben; für Paul hatte es keine Noth, denn – Kinder schlafen immer!
Vorlage S. 44
1925
Viertes Capitel
Vorlage S. 45
1926
Paul war noch nicht zu Bette gegangen, als seine Pflegeeltern nach Hause kamen. Er stand am offenen Fenster und sah in die Straße hinaus. Gegenüber in dem Gasthofe brannte das Licht in vielen Fenstern; aber es war nicht das vornehmste Hotel, das lag mehr zur Seite, und sein Vater konnte doch nur in dem vornehmsten Gasthofe wohnen, der immer noch lange nicht so schön und prächtig war, als Schloß Richten mitten in dem großen Parke.
Vorlage S. 45
1927
Schloß Richten lebte in den glänzendsten Farben in dem Geiste des Knaben. Alles, was er Großes und Erhabenes von den Prachtbauten der verschiedensten Zeiten gehört, Alles, was er den Schilderungen der Märchenwelt entlehnt, das hatte seine lebhafte Phantasie allmählich auf Schloß Richten übertragen. Je älter er geworden war, um so fester hatte sich in ihm das Verlangen ausgebildet, dieses Ideal seiner Gedanken wiederzusehen und, wie er das in mannigfachen Erzählungen gelesen, einst von seinem Vater in seinem Vaterhause aufgenommen zu werden. Seine ganze Entwicklung war auf dieses eine Ziel gerichtet. Und nicht wie der verlorene Sohn in der Bibel, nicht als ein Bettler, als ein Hülfesuchender wollte er vor seines Vaters Thüre treten. Gut und brav und geehrt wollte er sein, so gut, so brav, so geehrt, dass seine arme Mutter noch im Grabe stolz auf ihn sein durfte, dass er Lob und Liebe von des Vaters Munde hören musste, wie sie Seba, der er diese ganze Sinnesrichtung dankte, stets von ihren Eltern zu Theil ward.
Vorlage S. 45
1928
Wie kam es aber, dass sein Vater ihn nicht suchte? Er hatte ihn ja so oft auf seinen Knieen geschaukelt, als Paul noch ein Kind gewesen war und niemals daran gedacht hatte, dass es etwas Schönes sei, geliebt zu werden. Und damals hatte er seine Mutter noch gehabt! Weßhalb liebte sein Vater ihn jetzt nicht mehr, da er keine Mutter mehr hatte, die ihn an ihr Herz schloß, da er wusste, wie elend seine Mutter umgekommen war, und da ihn außer Seba Niemand liebte? Alle Eltern liebten ihre Kinder; alle Väter hatten ihre Kinder bei sich; alle Väter freuten sich an ihren Kindern! Warum freute sein Vater sich nicht an ihm? Was hatte er verschuldet, dass sein Vater ihn nicht liebte, dass er ihn nicht sehen mochte, da er doch in seiner Nähe weilte?
Vorlage S. 46
1929
Seit Jahren hatte er darüber nachgesonnen, ohne dass er sich die Sache zu erklären gewusst hätte, aber sie drückte ihn nur desto schwerer. Es ängstigte ihn, wenn seine Kameraden sich nach seiner Heimath, nach seinen Eltern, nach seinen Aussichten erkundigten, und gerade ihn, so meinte er, gingen sie immer mit solchen Fragen an. Er mochte nicht sagen, seine Mutter habe sich ertränkt, er mochte es Niemanden wissen lassen, dass sein Vater sich um ihn nicht kümmere, und Kinder verstehen es noch nicht, jene halben Antworten zu geben, mit denen Erwachsene sich vor einer ihnen unangenehmen Zumuthung zu schützen wissen. Aber eben die Befangenheit, die Verlegenheit, welche er nicht verbergen konnte, reizte die grausame Neugier seiner Genossen, weil sie ihnen ein ungewohntes Schauspiel bot; und Kinder sind wie die Fliegen, die sich stets auf wunde Stellen setzen.
Vorlage S. 46
1930
Den ganzen Abend hatte er so am Fenster gestanden und in die Straße geschaut. Einstmals hatte die Mutter ihm befohlen: Zähle die Fenster des Schlosses! Heute hatte er die Fenster der beiden Gasthöfe gezählt und zugesehen, wie die Lichter hinter denselben kamen und verschwanden, und sich gefragt und wieder gefragt: Wo mag denn meines Vaters Zimmer sein? Wo mögen denn wohl die glücklichen Kinder schlafen, welche die Rehe hinter dem Gitter füttern und die hinter den goldenen Scheiben des schönen Schlosses wohnen?
Vorlage S. 46
1931
Eine große Traurigkeit hatte ihn dabei überfallen. Er mochte nicht essen und mochte auch kein Licht haben. Was sollte er auf der Welt, in der er nicht Eltern, nicht Geschwister hatte, in der Niemand nach ihm fragte? Wohin er seine Gedanken wendete, es freute, es reizte ihn nichts. Wozu sollte er lernen, wozu sich auszeichnen? Wer kümmerte sich um ihn? Was kam darauf an, ob etwas aus ihm wurde? – Er hätte gern weinen mögen, hätte er's nur gekonnt. Die Augen waren ihm so müde und so schwer wie das Herz, er konnte sie kaum erheben, sie sanken ihm immer wieder nieder, als hätte er etwas Böses getan und dürfe sie nicht aufschlagen.
Vorlage S. 47
1932
Es that ihm wehe, als plötzlich der helle Lichtschein ihn berührte, als die Kriegsräthin in das Zimmer trat und ihn fragte, weßhalb er hier im Dunkeln sitze. Aber er hatte es nicht nötig sich zu entschuldigen, denn sie nannte es gut, dass er noch wach sei, nahm ihren Hut und Shawl ab, zog ihre langen Handschuhe aus und setzte sich dann dem Lichte gegenüber auf das Sopha. Ihr Hals und ihre Wangen sahen von der Erhitzung des Tages noch ganz roth aus. Sie hatte die entblößten Arme über einander geschlagen und sich weit nach hinten gelehnt. Das that sie immer, wenn sie mit dem Kriegsrathe oder mit Paul zu schelten gedachte. Es ließ auch nicht lange auf sich warten.
Vorlage S. 47
1933
Paul! rief sie ihn mit ihrer trockenen Stimme an, die immer hart klang, wenn sie dieselbe nicht geflissentlich und schmeichelnd sänftigte. Komm' einmal her, Paul, ich habe noch mit Dir zu sprechen!
Vorlage S. 47
1934
Eine unbestimmte Ahnung durchzitterte ihn, und mit einer Bangigkeit, wie er sie nie zuvor empfunden, fragte er, ihren Mittheilungen voraneilend: Von mei nem Vater?
Vorlage S. 48
1935
Wie kommst Du darauf? rief sie vorwurfsvoll, obschon seine Lebhaftigkeit ihr die Mühe einer Einleitung ersparte und ihr also recht erwünscht war.
Vorlage S. 48
1936
Mein Vater ist ja hier, sagte er schüchtern.
Vorlage S. 48
1937
Dein Vater, Dein Vater! wiederholte sie im Tone des Tadels; hat er Dir gesagt, dass er danach verlangt, Dein Vater zu sein? Hat er Dir gesagt, dass Du sein Sohn bist?
Vorlage S. 48
1938
Paul sah die Kriegsräthin erschrocken an; er verstand nicht, was sie meinte.
Vorlage S. 48
1939
Hat der Herr Baron von Arten oder haben wir es Dir jemals gesagt, dass Du sein Sohn bist?
Vorlage S. 48
1940
Nein, versetzte er leise, denn jedes Wort, das die Kriegsräthin zu ihm sprach, schmerzte ihn mehr als ein Schlag.
Vorlage S. 48
1941
Woher bildest Du es Dir denn ein? Woher kommst Du auf den Einfall?
Vorlage S. 48
1942
Meine Mutter hat es mir gesagt, entgegnete er gepresst.
Vorlage S. 48
1943
Ach, Deine Mutter! rief die Kriegsräthin; Deine Mutter hätte auch etwas Klügeres und Besseres tun können, als Dir solche Dinge in den Kopf zu setzen; sie wusste ja am besten, wie es mit Dir stand!
Vorlage S. 48
1944
Der Knabe regte sich nicht, aber seine Mienen drückten eine solche Angst aus, dass der Kriegsräthin bange davor wurde, und mit dem Gedanken, dass sie ein Ende machen und allen Thorheiten ihres Pflegesohnes vorbeugen müsse, sagte sie schnell und fest: Ist es Dir denn noch niemals aufgefallen, dass Deine Mutter keine Baronin war und nicht in dem Schlosse bei Deinem Vater wohnte?
Vorlage S. 48
1945
Er antwortete ihr nicht. Siehst Du also, fuhr sie fort, wie gedankenlos Du immer bist! Wenn Du es Dir nur ein wenig hättest überlegen wollen, würdest Du Dir Alles selber haben sagen können! Deine Mutter war ja gar nicht die Frau des Herrn Barons, war nur von niederem Stande, ein Bauermädchen oder so etwas, und gar nicht mit dem Herrn Baron getraut! Das ist aber eine Sünde und eine Schande, und darum hat der Herr Baron Dich fortgegeben! Er mochte Dich nicht bei sich haben und wollte Dich auch nicht an einem Orte lassen, an welchem alle Welt es wusste, wo Du herstammtest, und wo Dir Deine Geburt lebenslang zur Schande gereichen musste! Was willst Du also von dem Herrn Baron?
Vorlage S. 48
1946
Sie hätte noch lange so fortsprechen können, ohne dass der fassungslose Knabe sie unterbrochen, sie hätte ihn noch oftmals fragen können, ohne dass er ihr geantwortet haben würde. Er hörte Alles, als klinge es aus weiter, weiter Ferne dumpf und unverständlich zu ihm herüber, und doch traf ihn Alles bis ins Herz. Es war ihm, als höbe man ihn von dem Boden empor, auf dem er stehe, und drehe ihn in der Luft umher, und in aller seiner Pein hatte er doch den Drang, sich von den Qualen zu befreien, die man ihn erdulden ließ, sich loszureißen, fortzulaufen, die Hand zum Schlage zu erheben und dem Zorne, der beängstigenden Scham und der Verzweiflung Luft zu machen, die ihn fast erstickten, die ihn lähmten. Einmal in seinem Leben war ihm eben so, beinahe eben so zu Muthe gewesen: auf dem Balle, bei welchem der Graf Berka von dem Freiherrn von Arten gesprochen hatte, und wo ihm eingefallen war, was seine Mutter ihm gesagt hatte; aber die Pein, welche er jetzt eben litt, war weit größer, war noch weit schwerer! Er konnte sie nicht fassen, obschon er sie ertrug.
Vorlage S. 49
1947
Nun, Paul, sagte die Kriegsräthin endlich mit milderem Tone, da sein starres Schweigen ihr lästig ward, nun weißt Du, woran Du bist, und Du bist alt und klug genug, dass man es Dir sagen konnte. Du bist nur ein unehelicher Sohn des Herrn Barons, und er braucht sich, wenn Du eingesegnet bist, gar nicht weiter um Dich zu kümmern. Sei also ordentlich und vernünftig, und beweise ihm durch Deinen Gehorsam, dass Du die großen Wohlthaten, die er Dir getan hat, verdienst. Er hätte gar nicht nötig gehabt, Dich hier als unsern Sohn erziehen zu lassen; aber wenn Du ihm gehorchst, wenn Du ihn nicht ohne seine Erlaubnis an Dich erinnerst, wird er gewiss seine Hand nicht von Dir abwenden. Ich will sehen, was ich für Dich bei ihm zu erwirken und ob ich es nicht vielleicht für Dich durchzusetzen vermag, dass wir Dich an Kindesstatt annehmen, dass Du immer bei uns bleiben und dass Du doch auf diese Weise einen Namen bekommen kannst, mit dem Du Dich in der Welt und vor den Leuten sehen lassen darfst! Und nun geh', und schlafe Dich aus, und sei vernünftig!
Vorlage S. 49
1948
Nein, nein! rief der Knabe so laut und plötzlich, dass die Kriegsräthin davor zusammenschreckte.
Vorlage S. 50
1949
Du willst nicht gehen? fragte sie und nahm ihn bei der Hand.
Vorlage S. 50
1950
Er zog seine Hand aus der ihrigen. Ich will keinen anderen Namen haben, ich will meinen Namen behalten, ich will Paul Mannert heißen und nicht anders!
Vorlage S. 50
1951
Die Kriegsräthin schüttelte ärgerlich das Haupt und schob ihn fort. Heiße, wie Du willst, sagte sie, und geh' zu Bett! Das aber bitte ich mir aus, dass Du keine Dummheit machst und Dir nicht etwa beikommen lässt, den Herrn Baron belästigen zu gehen!
Vorlage S. 50
1952
Sie nahm das Licht und verließ ihn; Paul blieb allein im Dunkeln zurück, aber das Dunkel genügte ihm nicht, es war ihm nicht undurchdringlich genug. Er eilte fort in seine Kammer, warf sich in seinen Kleidern auf sein Lager und hüllte das Gesicht in die Kissen. Er wollte nichts sehen, nichts hören, es sollte ihn auch Niemand sehen, Niemand etwas von ihm hören.
Vorlage S. 50
1953
Sterben, sterben, ich will sterben! rief es immer in seinem armen, jungen Herzen, und die bittere Scham brannte in seinem Gehirn, dass die Thränen ihm davon versiegten.
Vorlage S. 51
1954
Sünde und Schande, hatte die Kriegsräthin gesagt. Sünde und Schande! sagte er sich immerfort, hörte er es immerfort um sich erklingen. Sünde und Schande waren es gewesen, die seine Mutter in den Tod getrieben hatten! Eine Sünde war es, dass er auf der Welt war, die Schande heftete sich an ihn, und ihr konnte er nicht entfliehen! – Nun wusste er, weßhalb seine Kameraden ihn immer um seine Eltern fragten, warum sie immer wissen wollten, wo er zu Hause sei. Sie hatten alle Mütter, die getraut mit ihren Männern waren, sie hatten alle Väter, die sich ihrer nicht zu schämen brauchten, sie hatten ein Vaterhaus, in das sie hineingehörten. Er hatte nichts, nicht Vater, nicht Mutter und nicht Heimath! Nichts war sein eigen als die Schande, die mit ihm geboren war; und nicht einmal seinen Namen wollte man ihm lassen, auch seinen Namen wollte die Kriegsräthin ihm nehmen, die ihn so gemartert hatte, dass er auch in seiner Herzensangst nicht mehr weinen konnte! Das war es gewesen, was ihn zum Aufschreien gezwungen, das war es gewesen, weßhalb er so ängstlich sein Nein, Nein! gerufen. Sein Name war das Einzige, das ihm gehörte. Er hatte nichts, nichts auf der Welt, als diesen seinen Namen, den sollte man ihm nicht nehmen, nur den Namen nicht!
Vorlage S. 51
1955
Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und weinte endlich bitterlich. Aber schmerzlich, wie die Thränen ihm entquollen, befreiten sie ihn dennoch von der dumpfen, erdrückenden Angst, die auf ihm gelegen hatte, und er konnte wieder etwas Anderes denken, als die Worte Sünde und Schande, obschon seine Gedanken aus derselben Wurzel stammten.
Vorlage S. 51
1956
Er sagte sich, dass jetzt Alles anders sei, anders werden müsse. Es kam ihm vor, als sei der gestrige Tag schon lange, lange vergangen, so lange vergangen, wie die Zeit, in der er als kleines Kind mit der Mutter vor dem Schlosse gestanden hatte; denn gestern war er ja auch noch ein Kind gewesen, und jetzt war er das nicht mehr. O, nein, nicht mehr!
Vorlage S. 52
1957
Er seufzte, als er sich dies sagte, und hätte doch nicht zu erklären vermocht, was in ihm vorgegangen sei. Er wusste nicht, dass er kein Kind mehr sei, weil das Leben ihn also zu seufzen gelehrt, weil der Schleier plötzlich vor ihm zerrissen worden war, der die Kindheit von dem Leben abtrennt, und weil an dessen Schwelle die kalte Unerbittlichkeit der Welt mit ihren Gefährten, dem Kummer und dem Schmerze, vor ihm gestanden hatten.
Vorlage S. 52
1958
Er konnte nicht schlafen. Wirre Vorstellungen trieben sich in seinem Kopfe umher, dass der Kopf ihn schmerzte und die Unruhe ihn nicht rasten ließ. Die Finsterniß, welche er erst gesucht hatte, fing ihn zu ängstigen an, aber das frühe Tageslicht minderte den Zustand nicht, bis er endlich, als die Sonne schon drüben an den Dachfenstern des Nachbarhauses golden wieder zu scheinen anfing, müde und frierend einschlief.
Vorlage S. 52
1959
Gegen die Gewohnheit musste man ihn mehrmals wecken. Die Magd, welcher dies oblag und die ihm sein Frühstück gab, sagte ihm, er möge, ehe er zur Schule gehe, noch bei Mamsell Seba vorsprechen. Er hörte es, aber heute mochte er nicht zu Seba gehen. Sie wusste es ja auch!
Vorlage S. 52
1960
Auf der Straße traf er wie immer mit einigen von seinen Kameraden zusammen; das war ihm unlieb. Er achtete nicht auf ihre Unterhaltungen, er konnte auch in der Schule sich nicht zwingen, dem Unterrichte zu folgen. Man kannte ihn nicht wieder. Lehrer und Schüler fragten ihn, ob er krank und weßhalb er so traurig sei. Er versicherte, dass ihm nichts fehle. Er wollte auch gern lachen und munter sein wie sonst; aber es wollte ihm nicht gelingen. Es freute ihn nichts. Was sollte er auch hören, was sollte er sehen, was kümmerte ihn denn auf der Welt, als die eine verzweiflungsvolle Frage: wissen sie es denn, wer weiß es denn? – Es wurde ihm ärger und ärger zu Sinne, es zerriss ihm fast das Herz, denn er hatte es mit einem Male an sich selbst erfahren, was Unglück sei und wie es schmerze.
Vorlage S. 52
1961
Aber während der arme Paul also die erste schwere Last des Lebens auf sich wuchten fühlte – und jungen, ungewohnten Schultern fällt sie zehnfach schwerer, als wir es ermessen – rühmte sich die Kriegsräthin gegen ihren Mann, dass sie es vorgezogen habe, sicher zu gehen, weil sie es nicht liebe, sich in wichtigen Angelegenheiten auf fremde Einsicht und Gewandtheit zu verlassen. Da sie zufällig Paul gestern noch am Fenster gefunden, habe sie ihm lieber gleich gesagt, was er früher oder später doch erfahren müssen, und sie habe es ihm kurz und rund heraus gesagt, denn das Vertuschen und Verweichlichen könne sie nicht leiden; der Mensch müsse bei Zeiten daran gewöhnt werden, die nackte Wahrheit zu ertragen.
Vorlage S. 53
1962
Und wie hat Paul die Mittheilungen aufgenommen? fragte der Kriegsrath mit sichtlicher Besorgniß.
Vorlage S. 53
1963
Wie soll er sie aufgenommen haben, entgegnete die Frau, Du kennst ihn ja! Er machte die großen Augen noch weit größer auf und starrte mich an, wie das seine Art ist, hinter der Du und die Flies'sche Familie Gott weiß welche Eigenschaften verborgen glaubt, und die mir von jeher einfältig und frech erschienen ist. Den Schlaf hat es ihm nicht geraubt, denn man hat ihn kaum erwecken können.
Vorlage S. 53
1964
Der Kriegsrath gab sich damit wie jetzt überhaupt mit allem Uebrigen zufrieden; aber er ging dennoch zu Madame Flies, ehe er sich in sein Bureau verfügte, um sie zu benachrichtigen, dass seine Frau mit Paul gesprochen habe und dass Seba es also nicht zu tun brauche, wenn der Knabe dies nicht selbst veranlasse. Denn, sagte er, meine Frau glaubt das zwar nicht, aber ich weiß, der Junge hat Ehrgefühl und Herz, es wird ihn wurmen und er wird's nicht leicht verwinden.
Vorlage S. 53
1965
Fünftes Capitel
Vorlage S. 55
1966
Wie befindest Du Dich heute? fragte der Freiherr seine Gattin, als sie sich an dem Tage von der Tafel erhoben hatten.
Vorlage S. 55
1967
Sie antwortete ihm, dass es ihr nicht übel gehe.
Vorlage S. 55
1968
Aber Mama, sagte Renatus, Du hast ja Blut gespieen!
Vorlage S. 55
1969
Der Freiherr ward achtsam, denn das war nie zuvor geschehen, und er erkundigte sich lebhaft, ob der Arzt davon benachrichtigt worden sei.
Vorlage S. 55
1970
Angelika beruhigte ihn darüber. Sie sagte, wie der Doctor ihr versichert, dass dies gar Nichts auf sich habe, wenn sie sich nur vor heftigen Gemüthsbewegungen und vor Erhitzung hüte. Nur so bald als möglich auf das Land zurückzukehren, habe er ihr gerathen, und sie selber trage auch danach Verlangen, denn sie habe sich in den Städten niemals wohl befunden.
Vorlage S. 55
1971
Der Freiherr meinte, sie sähe eben jetzt erhitzt aus, indeß sie wiederholte, dass sie sich erleichtert, ja freier fühle als seit langer Zeit, und nachdem er eine Weile etwas zu überlegen geschienen, sagte er, sich zu ihr wendend:
Vorlage S. 55
1972
Da Du Dich nach Richten sehnst, meine Liebe, ist es mir recht erwünscht, dass ich meine Geschäfte hier beendet habe, und dass unserer Abreise von meiner Seite jetzt nichts mehr im Wege steht. Selbst Deine Aussage, dass Du Dich in der Stadt niemals so wohl befunden als in Richten, ist mir sehr erfreulich, – wie sich denn mitunter Alles leicht und geschickt fügt, während manchmal Alles uns zu widerstreben scheint!
Vorlage S. 55
1973
Angelika verstand nicht, was der Freiherr meinte oder worauf diese letzte Aeußerung sich beziehen konnte; aber seine Zutraulichkeit, sein ruhiges Eingehen auf die Unterhaltung überraschten sie, denn sein Verkehr mit ihr war seit ihrem Zerwürfniß so kurz und so ganz äußerlich gewesen, dass sie sich nicht erinnern konnte, irgend eine allgemeine Bemerkung von seinen Lippen gehört zu haben, wenn sie sich mit ihm allein befunden hatte. Sie fragte ihn, was ihn zu jener Betrachtung veranlaßt habe, und er antwortete:
Vorlage S. 55
1974
Ich meinte damit, dass uns oftmals, wenn wir mit irgend einem Entschlusse nicht zu Stande kommen können, ein sogenannter Zufall über alle Schwierigkeiten forthilft. Geben wir ihm verständig nach, folgen wir seiner Weisung, so werden wir es plötzlich gewahr, dass alle unsere Bedenken auf falschem Boden erwuchsen, und welche Vorteile es uns bringt, welche Erleichterungen sich uns bereiten, wenn wir uns entschließen, diesen falschen Standpunkt aufzugeben und zu verlassen. Er hielt ein wenig inne und sprach dann, da er die Augen Angelika's mit einer Art von Besorgniß auf sich gerichtet sah, zögernd, aber doch mit anscheinendem Gleichmuthe: Ich habe mich seit Jahren mit der unnöthigen Sorge um das Haus der Tante Esther getragen. Jedes Frühjahr, jeder Herbst haben Reparaturen darin nötig gemacht, und es ist ein Capital völlig unbenutzt und ungenossen geblieben, nur damit ein paar alte und zum Theil mürrische Domestiken, einige alte Bilder und ein paar alte Kläffer nicht von ihrer Stelle gerückt zu werden brauchen. Die Sorge bin ich endlich los!
Vorlage S. 56
1975
Du bist der Sorge los, und wie das? fragte die Baronin.
Vorlage S. 56
1976
Ich habe heute das Haus verkauft! entgegnete er und erhob sich, um ein Notizbuch von einem Seitentische zu holen. Angelika konnte sein Gesicht nicht sehen, er mochte sie auch nicht anblicken, und es war ihm unlieb, dass sie schwieg.
Vorlage S. 56
1977
Das gute, alte Haus! sagte sie nach einer Weile.
Vorlage S. 56
1978
Du hast es nie geliebt, entgegnete er ihr, wie kannst Du es beklagen?
Vorlage S. 57
1979
Ich dachte nur, wie Alles doch so wandelbar und so vergänglich ist! gab sie ihm zur Antwort. – Er blätterte in dem Notizbuche; sie ließ ihn gewähren, bis sie endlich mit der Schüchternheit, welche sie dem Freiherrn gegenüber jetzt niemals mehr verließ, leise die Frage aufwarf: Musstest Du das Haus verkaufen, war es denn nicht zu vermeiden, Franz?
Vorlage S. 57
1980
Aber er mißkannte den Ton der Betrübniß und der Sorge, der aus ihren Worten sprach, und ihn für einen Vorwurf haltend, sagte er: Der Kirchenbau in dem unseligen Rothenfeld hat zu viel Geld verschlungen, und die durch Herbert nötig gewordene Entlassung Adam's macht mir große Schwierigkeiten. Es blieb mir keine Wahl!
Vorlage S. 57
1981
Er wusste, was er ihr mit diesem Ausspruche that, und er bereute ihn sofort; denn wenn sie auch nicht mehr mit einander zu verkehren vermochten, ohne sich gegenseitig zu verletzen oder doch verletzt zu glauben, nöthigte der Zustand der Baronin ihm dennoch Theilnahme und Rücksicht ab. Er versuchte es also, sie mit seinen Worten und mit dem Ereignis auszusöhnen, indem er leichthin von gewissen Einzelheiten der Gutsverwaltung und seiner Geschäftsverhältnisse zu reden anhob, deren er sonst niemals gegen sie erwähnte. Aber weit entfernt, sie zu beruhigen, erhöhten die Mittheilungen nur ihre Besorgnisse. Er ließ sie bemerken, dass sie in Mamsell Marianne, die er nach den Anordnungen von Fräulein Esther jetzt nach Richten nehmen müsse, eine Pflegerin erhalten werde, wie sie dieselbe schon lange nötig gehabt habe; mitten in diesen Auseinandersetzungen unterbrach ihn jedoch Angelika plötzlich mit dem Ausrufe: Weiß es die Herzogin?
Vorlage S. 57
1982
Nein, entgegnete der Freiherr, von der Frage nicht angenehm berührt, und ich wünschte auch, dass ihr die Sache wenigstens vorläufig noch verborgen bleibe!
Vorlage S. 57
1983
O gewiss, rief die Baronin, und beide, der Freiherr sowohl als Angelika, fühlten sich, wenn auch aus verschiedenen Gründen, eben durch die Erinnerung an die Herzogin verstimmter und gedrückter als zuvor. Die Unterhaltung gerieth völlig ins Stocken. Endlich sah der Freiherr nach der Uhr und sagte dann, auf den früheren Gegenstand des Gespräches zurückkehrend: Wie es mir überhaupt willkommen ist, von dem Besitze des Hauses frei zu werden, so ist mir es auch angenehm, dass grade Flies es kaufte. Er hat sich wie immer als einen bequemen Geschäftsmann, hinsichtlich des Kaufpreises auch nicht kleinlich bewiesen, und da er sein hiesiges Geschäft nun aufzugeben denkt, hat er mir freiwillig das Anerbieten getan, Dich Dein Schlüsselgeld – denn ein solches kommt Dir zu – aus seinem Magazine wählen zu lassen, wobei er Dich sicher nicht beschränken wird. Es sind Leuchter, silberne Schalen, Kelche dort, die trefflich für unsern Altar passen und Dir und dem Caplan sicherlich Freude machen würden. Hat der Arzt Dir auszufahren gestattet und fühlst Du Dich dazu geneigt, so möchten wir, da die Herzogin auch Luft zu schöpfen wünscht, vielleicht noch heute diesen kleinen Einkauf abthun, und wir könnten dann auf morgen Mittag unsere Rückreise festsetzen.
Vorlage S. 58
1984
Angelika, die sich von jeher gefällig den Anordnungen ihres Gatten gefügt, ließ sich dies jetzt immer doppelt angelegen sein. Sie erklärte sich also gleich bereit, die vorgeschlagene Fahrt zu unternehmen, aber es kostete sie eine große Ueberwindung; denn im sichern Reichthum, in den geordnetsten Verhältnissen erwachsen, und auferzogen in dem Glauben an die Unantastbarkeit des ererbten Besitzes, war sie von der Nachricht, welche sie eben jetzt erhalten hatte, sehr erschüttert worden. Nur die entschiedenste Notwendigkeit konnte ihren Gatten, wie sie glaubte, bewogen haben, das Haus in fremde Hände übergehen zu lassen; hatte er doch oftmals es ausgesprochen, wie er es für einen Mann in seiner Stellung geboten finde, in der Residenz ansässig zu sein und dort ein festes Domicil zu haben. Sie hätte ihn gründlich fragen mögen, was denn geschehen sei, sie hätte völlige Auskunft fordern mögen; die Weise, mit welcher der Freiherr die ganze Angelegenheit behandelte, zeigte ihr aber, dass er keine Erörterungen wünsche, und sie wollte ihm nicht beschwerlich fallen, da eine innere Stimme ihr verrieth, dass es ihm nicht leicht sei, den Gleichmuth zu behaupten, den er zu zeigen für angemessen hielt.
Vorlage S. 58
1985
Schweigend Unruhe zu ertragen, muss man gesund sein, und Angelika war krank. Ihre Kammerfrau sah sie bedenklich an, als sie ihren Hut und ihren Shawl verlangte, um auszufahren; auch die Herzogin, welche man benachrichtigt hatte, und die gekommen war, die Ausfahrt mitzumachen, warnte davor; indeß auf den Ausspruch des Arztes gestützt, der sie freilich in ihrer gegenwärtigen Erregung nicht gesehen hatte, ließ sich die Baronin von ihrem Vorhaben nicht abbringen, und dem Freiherrn war daran gelegen, sie und sich selber zu zerstreuen.
Vorlage S. 59
1986
Es war um die vierte Nachmittagsstunde, als sein Wagen vor dem Flies'schen Hause hielt, und wie immer, wenn er die Arten'sche Familie erkannte, kam der Juwelier heraus, sie zu empfangen und sie selbst in seinen Laden einzuführen. Angelika hatte das stets völlig in der Ordnung gedünkt, heute mißfiel ihr die Zuvorkommenheit des Mannes. Sie konnte sich überhaupt einer Abneigung gegen ihn nicht erwehren. Seine Höflichkeit däuchte ihr unwahr, däuchte ihr spöttisch zu sein. Was mochte er in diesem Augenblicke denken? Wie stolz mochte er sich fühlen, und weßhalb kam die Frau herein, die künftig in dem Hause wohnen sollte, das Angelika bisher gehört hatte, das ihrem Renatus einst gehören sollte?
Vorlage S. 59
1987
So wie jetzt in diesem Momente, war der Baronin noch nie zu Muthe gewesen. Es kränkte, es beleidigte sie Alles, selbst der freigebige Gleichmuth, mit welchem Herr Flies sie zwischen den werthvollen Gegenständen, die er vor ihr aufstellen ließ, zu wählen ersuchte. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie im Verkehr mit den Personen, von denen sie bedient ward, daran gedacht, dass sie vornehm sei, niemals hatte sie sich gefragt, ob man ihr die ihr gebührende Ehrerbietung zolle, niemals hatte sie darauf geachtet, wie ihr Gatte sich benehme. Heute dachte sie daran, heute achtete sie darauf. Denn sie meinte es dem Juwelier darthun zu müssen, dass sie die Freifrau von Arten sei und bleibe, auch wenn er das Haus besitze, das ihr Geschlecht erbaut hatte; sie hielt es für nötig, ihn zu überzeugen, dass sie gleichgültig sei gegen die Werthgegenstände, welche er ihr darbot, und als theile der Freiherr ihre Gedanken, fehlte auch ihm heute die bequeme Leutseligkeit, die ihm sonst überall, wo er erschien, eine so freudige Zuvorkommenheit erweckte.
Vorlage S. 59
1988
Die Herzogin, welche mit kleinen Einkäufen für sich beschäftigt war und daneben von Angelika bei ihrer Wahl zu Rathe gezogen wurde, wusste nicht, was das veränderte Betragen der Baronin und die Art und Weise bedeuten solle, mit welcher der Freiherr dem Juwelier begegnete, für den er sonst immer ein großes Wohlwollen geäußert hatte. Sie meinte es auf das Uebelbefinden, auf die Reizbarkeit Angelika's oder auf irgend eine Mißhelligkeit zwischen ihr und ihrem Gatten schieben zu müssen, zu welcher vielleicht diese Anschaffung der Altar-Geräthschaften den Anlass gegeben habe. Herr Flies hingegen erklärte sich die Erscheinung leicht, wenn er auch keine Ursache hatte, sie unbeachtet hinzunehmen. Er blieb geduldig, wie es dem Verkäufer ziemt, er zeigte sich gefällig, obschon Angelika eine Lust daran zu haben schien, ihn und seine Leute zu bemühen; aber sein Ton ward kälter, sein klarer Blick senkte sich forschend und fest in die von Erregung leuchtenden Augen der Baronin, und die Ueberzeugung, dass dieser Mann errathe, was in ihr vorgehe, dass er wisse, wie es nicht mehr so wohl stehe um das Haus des Freiherrn von Arten, und wie sie zum ersten Male schwere Sorge trage um die Zukunft ihres Gatten, ihres Sohnes, ihres Geschlechtes, empörten das stolze Herz der kranken Frau.
Vorlage S. 60
1989
Sie ist eine Berka und weiß, wie ihre Sachen stehen; dachte der Juwelier. Nun, es kann ihr auch nicht schaden, wenn ihr Stolz gebeugt wird! – Und er hatte Recht! Heute, eben jetzt, da ihr Stolz gekränkt ward, fühlte die Baronin es mit schmerzlichem Genusse, dass sie stolz sei. Es befriedigte sie, dem reichen Juden ihren Stolz zu zeigen, sie hätte viel darum gegeben, wenn auch der Freiherr sich noch kälter gegen den Juwelier bewiesen, wenn Renatus nicht so freundlich mit der Frau desselben geplaudert hätte, wenn die Herzogin nicht dabei gewesen wäre! denn Angelika war zorniger, erbitterter, als sie sich je gekannt hatte, und doch fand sie sich durch diesen Zorn erniedrigt und er that ihr selber wehe, furchtbar wehe! – Das Herz klopfte ihr beängstigend, die Stirn schmerzte sie, die Pulse flogen ihr wie im Fieber. Sie konnte sich nicht in ihre Lage finden, sie spielte mit Bewusstsein eine Rolle, in der sie sich mißfiel. Und Alles, Alles mißfiel ihr heute, die Geräthschaften, für die sie sich endlich ausgesprochen hatte, der Verkäufer und ihr Gatte, das Leben und die Welt!
Vorlage S. 61
1990
Komm', Renatus, rief sie endlich, als Herr Flies, sich verbeugend, die gewählten Gegenstände in das Hotel zu schicken versprach, komm' Renatus, wir sind fertig: lass uns gehen!
Vorlage S. 61
1991
Als sie sich aber mit diesen in unmuthiger Eile ausgesprochenen Worten zu ihrem Sohne wandte, erblickte sie plötzlich einen anderen, älteren Knaben neben diesem stehend. Er war groß, schien breitschulterig werden zu wollen, und sein dunkles, schönes Antlitz mit den mächtigen Augen und den hochgeschwungenen Brauen, sein voller, stolzer Mund sahen noch kräftiger neben dem blonden und sehr zart gebauten jungen Freiherrn aus. Das ganze Aeußere des fremden Knaben, der feste und doch angstvolle Blick, mit dem seine Augen an dem Freiherrn hingen, fielen ihr auf. Sie hatte sein Eintreten nicht bemerkt, sie war ihn überhaupt nicht gewahr geworden, bis eben jetzt, aber ein räthselhaftes Etwas in des Knaben Wesen und Erscheinung erfasste sie mit plötzlicher Gewalt. Auch der Freiherr schien seiner erst in diesem Momente ansichtig zu werden. Angelika sah zu ihrem Gatten, sah zu dem Knaben hinüber. Da begegneten sich auch die Blicke des Freiherrn mit dem Blicke des fremden Knaben, und Angelika täuschte sich nicht, der Freiherr wurde bleich, während eine dunkle Röthe die Wangen des kleinen Fremden überzog.
Vorlage S. 61
1992
Sie sah es, wie der Freiherr sich finster von ihm wandte, sie sah, wie des Knaben Brauen sich düster zusammenzogen, sie fühlte den scharfen, stechenden Blick, den er auf den Freiherrn, auf Renatus warf. Sie wollte ihren Sohn entfernen; aber auch dieser schien von den dunklen Augen des fremden Knaben festgehalten zu werden, und ihm nahe tretend, rief er: Aber der Knabe da sieht ja ganz wie Du aus, lieber Vater, leibhaftig wie Dein Bild im Ahnensaal!
Vorlage S. 62
1993
Der Ausruf von Renatus machte auch die Herzogin auf den Vorgang aufmerksam. Sie wandte sich nach dem kleinen Fremden hin; Paul's Aehnlichkeit mit seinem Vater musste Jeden überraschen.
Vorlage S. 62
1994
Des Freiherrn Auge war über den Sohn Paulinens schnell und flüchtig fortgeglitten. Er hatte sich entfernt und Renatus mit hinaus geführt. Der Juwelier gab Paul ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen; aber der Knabe blieb wie angewurzelt auf derselben Stelle stehen, und sein Blick, sein finster glühender Blick mit aller seiner Noth und Pein traf nur noch die Baronin, traf nur noch sie bis mitten in das Herz. Sie konnte den Blick nicht ertragen.
Vorlage S. 62
1995
Auch das noch, auch das noch heute! rief sie und brach zusammen, während ein heißer Blutstrom ihren Lippen entquoll.
Vorlage S. 63
1996
Sechstes Capitel
Vorlage S. 64
1997
Es war Alles still im Hause, aber Niemand schlief. Schrecken und Sorge hielten Jedermann wach.
Vorlage S. 64
1998
Als die Baronin von dem Blutsturze befallen und der Arzt herbeigekommen war, hatte er es für unmöglich oder doch für höchst gefährlich erklärt, sie in diesem Zustande nach ihrem Hotel bringen zu lassen, in welchem ohnehin kaum die für eine solche Kranke unerläßliche Ruhe und Bequemlichkeit zu finden waren, und Herr und Madame Flies hatten augenblicklich mit der größten Bereitwilligkeit dem Freiherrn ihre ganze Wohnung und ihre Dienste zur Verfügung gestellt, die man unter diesen Verhältnissen annehmen zu müssen geglaubt hatte.
Vorlage S. 64
1999
Vorsichtig hinaufgetragen, lag Angelika in dem besten Zimmer des Hauses, das in den Garten hinaussah, wohl gebettet, vor dem Schimmer der Nachtlampe geschützt, und hörte schlaflos die leisen Pendelschläge der Uhr aus dem Nebenzimmer an ihr Ohr klingen, die sich langsamer, ach, viel langsamer bewegten, als der fiebernde Schlag ihres müden Herzens. Ihre Kammerfrau befand sich an ihrem Lager, hinter dem Bettschirme wachte geräuschlos Madame Flies.
Vorlage S. 64
2000
Nebenan in ihrer Stube saß Seba an dem offenen Fenster. Sie hatte sich nicht ausgekleidet. Sie musste etwas erwarten, denn sie sah in kurzen Zwischenräumen immer wieder auf die Straße hinaus, und es war nicht die milde Schönheit der warmen Sommernacht, die sie dazu verlockte. Paul war verschwunden, und man suchte ihn.
Vorlage S. 64
2001
Als er am Nachmittage aus der Schule gekommen war, hatte er einen prächtigen Wagen, einen reich geschmückten Jäger vor der Thüre des Hauses stehen sehen. Ganz hingenommen von einem einzigen Gedanken, war er, wie er das oftmals that, in das Comptoir gegangen, um zu fragen, wem die schöne Equipage zugehöre.
Vorlage S. 65
2002
Dem Freiherrn von Arten, sagte ihm der Lehrling. Paul starrte ihn bei den Worten so erschrocken an, dass der junge Mensch nicht wusste, was dem Knaben beigekommen sei, und ihm den Namen des Freiherrn mit der Frage wiederholte, ob Paul ihn nicht verstanden habe.
Vorlage S. 65
2003
Ja, ich habe ihn verstanden, antwortete er, und ging hinaus; indeß er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Er lief die Treppe hinauf, sich oben zu verbergen. Aber wovor sollte, wovor hatte er sich zu verbergen? Ich habe ja nichts verbrochen, dachte er, und doch war ihm so bange, doch war er so verwirrt. Er konnte es nicht mehr aushalten oben in seinem Stübchen; sein Vater war ja unten!
Vorlage S. 65
2004
Er wartete eine kleine Weile; er meinte, der Freiherr werde, da er nun im Hause sei, zu seinen Pflegeeltern kommen und ihn rufen lassen. Er horchte, ob die Thüre nicht aufgehe, ob Niemand die Treppe emporsteige, ob der Wagen fortfahre. Es blieb Alles still. Mit Einem Male sagte er sich: Wenn der Wagen fortfährt, dann ist es zu spät, dann ist Er auch fort! – und wie ein Pfeil schoss er die Treppen hinunter. Er öffnete die Stube, welche an den Laden anstieß; es war Niemand darin. Er suchte Seba, er hätte sie etwas fragen mögen, aber er mochte sich nicht noch einmal entfernen. Die Thüre nach dem Laden war nur angelehnt; er drückte sie behutsam weiter auf. Nun konnte er die Stimmen unterscheiden und hören, was man sprach; aber nur Herr Flies und eine Dame redeten. Sollte mein Vater schon fortgegangen sein? fragte er sich, und das Verlangen, sich zu überzeugen, trieb ihn vorwärts. Wenigstens sehen wollte er seinen Vater doch. Er trat in den Laden hinein, man bemerkte es nicht, und doch musste er mit beiden Händen den Tisch anfassen, um nicht aufzuschreien.
Vorlage S. 65
2005
Ja, das war er! Nun kannte er ihn! Das war sein Vater, sein lieber Vater! Nun besann er sich auf Alles! Wie oft hatte er ihn in die Höhe gehoben, wie oft hatte er ihn geküsst, sein Vater, der Onkel Baron! Auf seinen Knieen hatte er ihn reiten lassen; auf dem Stuhle hinter dem Onkel Baron hatte er gestanden und seine kleinen Arme um dessen Hals geschlungen, bis der Onkel ihn zu sich gezogen und ihm die Geschichte erzählt hatte, die Geschichte – auf die er sich nicht mehr recht besinnen konnte und die ihm doch noch immer in den Sinn kam. – Sein ganzes Herz flog dem Freiherrn entgegen. Onkel Baron, lieber Vater! wollte er rufen im vollen Glücksgefühle – aber er ist ja nicht Dein Onkel, sagte er sich, und Vater darfst Du ihn nicht rufen, denn er will nichts von Dir wissen, weil Du in Sünde und in Schande geboren bist! – Er schauderte zusammen, er fühlte es wie einen Fluch über sich liegen.
Vorlage S. 66
2006
Er blickte den Freiherrn an, er blickte die schöne, schlanke Dame an, er stand dicht neben dem blonden Knaben, er kannte sie alle!
Vorlage S. 66
2007
Das war sein Vater, das war seines Vaters Frau, das war sein kleiner Bruder; der Bruder, welcher hinter den goldenen Fenstern des schönen Schlosses wohnte und der die Rehe und die Hirsche hinter dem Gitter füttern durfte. Er hätte ihm die Hand geben mögen, wenigstens mit dem Bruder hätte er sprechen und wissen mögen, wie er heiße. Er ging an ihn heran, indeß in dem Augenblicke bemerkte ihn Madame Flies, und dringend und leise befahl sie ihm: Geh', geh', lieber Paul! Geschwind, mach', dass Du fortkommst, Kind!
Vorlage S. 66
2008
Aber diese Anweisung bewirkte gerade das Gegentheil, obwohl er ihre Bedeutung ganz und gar verstand. Die Rührung, die Sehnsucht, welche er gefühlt, machten einer trotzigen Empfindung Platz. Er wollte nicht gehorchen, nicht hinausgehen; er wollte bleiben, er wollte sehen, was denn daraus werden würde. Endlich musste der Freiherr sich doch umdrehen, endlich musste er ihn doch erkennen, denn er war ja sein Sohn; und wenn er ihn erkannte –
Vorlage S. 66
2009
Da drehten sie sich Alle um, da schlug die Bemerkung seines Bruders, der Aufschrei der Baronin an sein Ohr. Er sah, wie sein Vater sich kalten Auges von ihm wendete, wie man die Baronin als eine Sterbende davontrug, er fühlte, wie Madame Flies ihn heftig zurückstieß, und als falle es mit klingenden Hammerschlägen auf ihn nieder, so tönte es immerfort in seinem Kopfe: Mache, dass Du fortkommst! Sie waren Alle hinausgegangen. Er blieb ganz allein in dem Laden zurück.
Vorlage S. 67
2010
Was gehe ich sie auch an? Was gehen sie mich an? dachte er, und doch fiel ihm die Einsamkeit sehr schwer. Er sah sich in dem Laden um, als müsse er sich Alles recht einprägen, damit er es nicht vergesse. Den Laden sehe ich auch nicht wieder, sagte er sich, und dabei merkte er erst, dass er beschlossen habe, fortzugehen. Er hatte schon die ganze Nacht daran gedacht. Er konnte es nicht aushalten, hier zu bleiben, wo Jedermann es wusste, dass er in Sünde und in Schande geboren sei. Er wollte seinem Vater nicht wieder vor die Augen treten, denn er liebte den Vater nicht mehr, er wollte von ihm nichts mehr wissen, nichts mehr hören, nichts mehr haben, gar nichts mehr haben!
Vorlage S. 67
2011
Trotz und Verzagtheit, Liebe und Haß, erwachtes Ehrgefühl und erlittene Kränkung stürmten wild durch einander auf ihn ein, und dazwischen tauchte das Bild seiner Mutter, wie er es sich gestaltet hatte, vor seiner Seele auf, und er erinnerte sich, wie sie geendet, wie die Verzweiflung sie aus der Welt und in den Tod getrieben hatte. Er wusste auch nicht, was er hier sollte; er mochte Niemanden sehen, von Niemandem gesehen werden, und am wenigsten von seinem Vater, der sich von ihm abgewendet, und von der Kriegsräthin, die ihm gesagt hatte, dass er in Sünde und Schande geboren sei und dass ein Schimpf auf ihm ruhen werde all sein Leben lang. Das wollte er nie wieder von eines Menschen Munde vernehmen; er wollte hin, wo Niemand ihm das sagen konnte, wo Niemand es wusste, Niemand ihn kannte – fort! Er nahm seine Mütze und ging. –
Vorlage S. 67
2012
In der Unruhe und Aufregung, welche das Erkranken der Baronin veranlaßt hatte, beachtete man es nicht, dass Paul nicht um die gewohnte Stunde zum Vesperbrode kam. Als die Kriegsräthin ihn später vermisste, meinte sie, dass Schrecken und Furcht vor einer Strafe ihn abhalten möchten, vor ihr zu erscheinen, da sie ihm verboten, sich seinem Vater in den Weg zu stellen, und da er jetzt erlebt habe, welch ein Unheil er damit angerichtet. Indeß es war nicht seine Weise, ohne Erlaubnis fortzugehen oder sich feige einer Strafe zu entziehen, und als eine Stunde um die andere verging, als der Abend hereinbrach, als die Dämmerung der Nacht zu weichen begann, fing man unruhig zu werden an, und vor Allen zeigte sich Seba besorgt.
Vorlage S. 68
2013
Man hatte Paul's Büchertasche unten auf dem Zahltische liegen gefunden; der Lehrling hatte ihn eine Weile im Laden stehen und dann fortgehen sehen. Man schickte zu den Knaben, mit denen er Verkehr hielt, er war aber bei keinem von ihnen gewesen; man fragte in der Straße, ob man ihn bemerkt, aber Niemand wusste sich dessen zu erinnern, und wer achtet auch an einem schönen Sommerabende, an dem die Leute alle draußen sind, auf das Kommen und Gehen eines Knaben?
Vorlage S. 68
2014
Um elf Uhr, als Angelika ruhiger geworden war und als der Freiherr das Haus verlassen wollte, um sich in seinem Gasthofe zur Ruhe zu begeben, trat er in die Wohnstube der Flies'schen Familie ein. Er fand nur Seba in derselben, und nachdem er gebeten, ihn augenblicklich zu benachrichtigen, wenn der Zustand der Baronin seine Anwesenheit erheischen sollte, fragte er: Wer war der Knabe, Mademoiselle, der sich in Ihrem Laden aufhielt, als die Baronin von dem üblen Anfalle betroffen ward?
Vorlage S. 68
2015
Wie er das fragen kann? dachte Seba. Sie hätte ihm sagen mögen: Es ist Ihr Sohn, und Sie wissen das. Indeß sie überwand sich und antwortete: Es ist der Pflegesohn des Kriegsraths Weißenbach, der hier im Hause wohnt.
Vorlage S. 69
2016
Sein Name?
Vorlage S. 69
2017
Paul Mannert, sprach sie nachdrücklich, und wie fest das Auge Seba's auch auf den Freiherrn gerichtet war, sie konnte keine Veränderung in seinem ernsten Gesichte lesen. Das empörte sie, und, hingerissen von der Angst um ihren Schützling, voll Abscheu vor der Ruhe seines Vaters, die mit ihrer Sorge in so grellem Widerspruche stand, rief sie: Er ist aber nicht mehr da, der Knabe! Er ist fort, der Paul, und wir suchen ihn vergebens! Gott gebe, dass er in seiner Verzweiflung nicht wie seine Mutter geendet hat!
Vorlage S. 69
2018
Wie ein Blitz zuckte es durch die Gestalt des Freiherrn, es zitterte in seinen Mienen, und mit bebender Lippe fragte er: Was wissen Sie von ihm, Mademoiselle?
Vorlage S. 69
2019
Er musste sich niedersetzen; Seba war über ihr eigenes Tun erschrocken, aber der Grimm gegen diese vornehmen Männer, die Alles unter die Füße treten zu können glaubten, die Empörung über die Herzenskälte des Freiherrn, die Erinnerung an die Schmach des eigenen Geschickes hoben sie über sich hinaus, und kalt und stolz, wie der Freiherr eben erst vor ihr gestanden hatte, sagte sie: Ich weiß wer der Knabe ist, weiß, dass seine Mutter in Verzweiflung ihren Tod im Wasser gesucht, und Gott gebe, dass er ihr's nicht nachgethan hat, denn er fühlte sich verstoßen!
Vorlage S. 69
2020
Der Freiherr fuhr auf. Er wollte die unberechtigte Anmaßung dieses Judenmädchens zurückweisen, aber das harte Wort erstarb ihm auf der Lippe, und wie im Schmerze schloß er die zornfunkelnden Augen. Das währte indeß nicht lange, dann hatte er seine Wahl getroffen, seine Entscheidung schnell gefasst, und während Seba in ihrem Herzen noch darüber triumphirte, dass es ihr gelungen war, einen dieser Edelleute, den Freiherrn von Arten, der seines Kindes vergessen konnte, der Herbert beleidigt, der Adam gekränkt, der kein Herz hatte, so wenig Graf Gerhard ein Herz gehabt, unter ihrem Blicke zusammenbrechen und vor ihrem Worte zittern und leiden zu sehen, erhob der Freiherr sich und sagte mit schonender Herablassung: Ihre Aufregung macht Ihrem guten Herzen Ehre, Mademoiselle Flies, und der Unerfahrenheit muss man selbst den Mangel an der nötigen Delicatesse nachsehen! Ich hoffe, dass man nichts versäumt, den Knaben aufzufinden, an dem Sie so viel Anteil nehmen! Der Vorsicht wegen will ich selbst dafür Schritte tun lassen! Leben Sie wohl, Mademoiselle!
Vorlage S. 69
2021
Seba stand und blickte ihm nach. Sie biss die Zähne auf einander, um die laute Verwünschung zurückzudrängen, welche ihr aus dem Herzen auf die Lippen stieg. Sie hörte, wie der Baron leise mit ihrem Vater sprach, dem er im Hause begegnete, und zornig das Haupt schüttelnd, rief sie: Es giebt keine Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden, wenn nicht einst der Tag der Vergeltung für sie Alle kommt, wenn sie nicht ernten müssen, was sie säeten!
Vorlage S. 70
2022
Aber es blieb ihr nicht lange Zeit für ihre Gedanken. Ihr Vater, der Kriegsrath und die Kriegsräthin kamen herbei; sie sollte noch einmal Alles erzählen, was sie gestern von Paul gehört, was sie mit ihm gesprochen, und während sie im Grunde nur wenig zu sagen hatte, während sie gar keine Vermuthung hegte, die auf irgend eine Spur zu leiten vermocht hätte, wurde die Kriegsräthin nicht müde, es immer zu wiederholen, mit welcher Voraussicht und Sorgfalt sie gehandelt, wie sie allein daran gedacht habe, dem geschehenen Unheil vorzubeugen, und wie nur der widerspänstige Charakter des Knaben, den er von seiner Mutter habe, sie um die Früchte jahrelanger Opfer gebracht, alle ihre Plane zerstört, die Baronin von Arten auf das Krankenlager geworfen und dem Freiherrn die übelsten Begriffe von der Erziehung gegeben haben müsse, welche Paul genossen. Sie verlangte Anerkennung, Trost und Zuspruch von ihrem Manne und von den Andern zu erhalten, und nicht ein einziges Mal fiel es ihr ein, welchen Anteil sie an der traurigen Gemüthsverfassung des armen Knaben hatte, und kein Vorwurf in ihrem Innern sagte ihr, dass sie und ihre unheilvollen Aufklärungen ihn aus dem Hause getrieben, in welchem sie, die Trostbegehrende, nie eine Aufwallung der Liebe, nie ein Herz für ihn gehabt hatte.
Vorlage S. 70
2023
Während sich bei Seba und bei den Männern mit den fortschreitenden Stunden die Hoffnung, dass Paul freiwillig wiederkehren werde, verminderte, und die Sorge, dass er ein unglückliches Ende genommen habe, sich steigerte, gab die Kriegsräthin, als sie sich ermüdet zu fühlen begann, immer zuversichtlicher sich der Erwartung hin, Paul werde nach Kinder-Art von selbst nach Hause kommen, wenn Hunger und Müdigkeit ihn dazu trieben, und wenn man nur aufhören wolle, so ängstlich auf seine Wiederkehr zu achten. Er sei fraglos ganz in der Nähe, er warte nur auf die Gelegenheit, sich unbemerkt in seine Schlafkammer zu schleichen. Und stets bereit, die Umstände so anzusehen, wie es mit ihren Wünschen am besten zusammenstimmte, nannte sie es das Gerathenste, die Ruhe zu suchen und nicht um eines Knabenstreiches willen das Haus, die Nachbarschaft oder gar, wie es in Folge eines Schreibens, das der Freiherr dem Kriegsrathe für den Polizei-Director übergeben, geschehen war, die Stadtbehörden in Bewegung zu setzen. Indeß weder der Schlaf, dem die Einen sich überließen, noch die Herzensangst, mit welcher Seba in ihrem Zimmer wachte, änderten das Geschehene; – Paul blieb aus.
Vorlage S. 71
2024
Gegen den nächsten Mittag, als die Kammerjungfer der Baronin sich entfernt hatte, um aus dem Hotel verschiedene Gegenstände herbeizuholen, deren man für die Kranke bedurfte, hatte Seba deren Stelle an dem Lager eingenommen.
Vorlage S. 72
2025
Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein, durch die geöffneten und leicht verhängten Fenster stieg der Duft der Reseda aus dem Garten in das Gemach. Man hörte das leise Säuseln der Blätter, der linde Windhauch bewegte die Vorhänge, und hier und da schlich sich ein gedämpfter Sonnenstrahl hinein, seinen Schimmer über Angelika's bleiche Stirn und über ihr goldblondes Haar verstreuend. Es waren schwere Stunden gewesen, der Tag und die Nacht, die hinter ihr lagen. Sie hatte kein Auge geschlossen.
Vorlage S. 72
2026
Als sie am verwichenen Nachmittage von ihrer Erschöpfung zu sich gekommen war, hatten ihre ersten Worte Paul gegolten.
Vorlage S. 72
2027
Unfreiwillig habe ich seine Mutter getödtet, unfreiwillig giebt er mir den Tod! sagte sie zum Freiherrn, der düster brütend an ihrem Lager weilte. Sie verlangte nach Paul, sie wollte ihn sehen; man stellte ihr die Anordnung des Arztes dagegen auf, und sie verzichtete auf die Erfüllung ihrer Forderung. Aber ihre Gedanken blieben mit ihm beschäftigt, und selbst als die verwirrenden Nebel des Fiebers ihren Sinn überwältigten, sah sie ihn vor Augen. Bald rief sie, dass er sie ergreife, dass er sie morde, bald klagte sie sich an, dass sie ihm die Mutter nicht ersetzt habe, und gelobte ihm, es künftig zu tun. Dann wieder musste sie ihn im Kampfe mit Renatus wähnen, denn sie schrie auf und beschwor den fremden Knaben, ihres Sohnes zu schonen, der schuldlos an all dem Unheil sei. Noch am Mittage, als Seba an ihr Lager gekommen war, hatte sie gewacht, und erst unter Seba's Obhut, die mit so brennenden Erinnerungen an ihrer Seite saß, hatte sie Schlaf und Ruhe finden können.
Vorlage S. 72
2028
Seba hatte die Baronin zuerst gesehen, als man sie, eine Bewusstlose, in dieses Zimmer brachte. Sie hatte es bis dahin geflissentlich vermieden, ihr zu begegnen, aber sie kannte dieses Antlitz. Sie kannte diese hohe, weiße Stirn, diese schmale, feine Nase, den kleinen Mund mit seinen weichen, vollen Lippen. Gerade so zogen an der Schläfe sich die blauen Adern unter der durchsichtigen Haut des Grafen hin, gerade so bogen seine leichten Brauen sich in der Mitte ihrer Wölbung aufwärts. Jeder Zug dieses schönen Antlitzes war ihr vertraut, und sein Anblick wendete ihr das Herz im Busen um.
Vorlage S. 73
2029
Alles, was sie seit Jahren durchlebt und durchlitten, es drängte sich in ihr in diese Stunde zusammen! Sie musste es noch einmal erleben und erleiden, sie konnte kaum der Hast ihrer eigenen Gedanken, der wilden wechselnden Gewalt ihrer Empfindungen folgen. Gerhard's Schwester lag in ihrem Vaterhause, eine zum Tode Erkrankte, vor ihren Augen da. Es war des Grafen Schwester, über der sie wachte, von deren Schlummer sie jede Störung fern zu halten strebte, – und Jahre lang hatte sie die Nächte im grimmen Schmerze durchwacht, in Verzweiflung durchweint, in Scham durchseufzt – um Gerhard's willen! Mit welcher Stirn würde er da stehen, wenn die Baronin einst Seba's Namen vor ihm nennen würde, den Namen des vertrauensvollen Mädchens, dessen Glück und Liebe er so frevelhaft gemordet! Wenn er, er selber es wäre, wenn er so daläge, hülflos mir hingegeben! dachte sie.
Vorlage S. 73
2030
Tödtlicher Haß und das heiße Verlangen, sich zu rächen, schwelgende Erinnerungen und Erbarmen mit dem eigenen Leide bedrängten sie, und es dünkte sie ein Fluch, dass sie den Haß kennen lernen, dass die Verachtung statt der Liebe in ihr lebendig geworden war. Dann wieder fühlte sie sich plötzlich über alle Trübsale fortgetragen, leicht und frei. Sie konnte auf ihre Vergangenheit zurückblicken wie auf eine abgelegte Hülle, die ihr fern lag, sie fühlte sich durch ihr Denken und Tun weit über sie hinausgehoben, und doch blutete ihr das Herz, doch schwammen ihre Augen in Thränen; denn wie sie auch danach rang, sich neu aufzuerbauen, – es blieben ihr doch unwiederbringlich jene unschätzbaren Güter verloren, ohne welche das Menschenleben trübe wird wie ein Tag, dem die Sonne bei seinem Aufgange und Niedergange nicht leuchtet: die freudige Erinnerung an die eigene Jugend und der Glaube an das Glück der Zukunft!
Vorlage S. 73
2031
Und wenn sie eine Weile den eigenen Erinnerungen und dem Schmerze nachgegeben, dann fiel der arme Paul, ihr armer Paul ihr ein. Wo mochte er weilen, wo konnte er sein? Sie hätte hinauslaufen mögen, ihn zu suchen, aber wohin sollte sie sich wenden? Warum war er nicht zu ihr gekommen, der er doch vertraute, die er liebte, die ihn in ihr Herz geschlossen, als dieses Herz sich an Liebe und an Freude ganz verarmt geglaubt? Was musste ihm geschehen sein, was musste man ihm getan haben, dass er ihrer nicht gedacht, dass er sie vergessen hatte? Es war ihr, als müsse sie ihn rufen, als könne er gar nicht ausbleiben, wenn sie ihn nur riefe; aber hier, an diesem Lager, durfte sie ihn nicht rufen, nicht seinen Namen nennen, denn hier, in ihrem Schutze, sollte die Gräfin Berka, die schöne Frau des Freiherrn von Arten, Ruhe finden, die Frau, um deretwillen die Mutter Paul's die sonnige Erde verlassen und sich begraben hatte in des Wassers kalte, dunkle Tiefe.
Vorlage S. 74
2032
Wie aber, wenn auch Paul wirklich nicht mehr auf der Erde weilte? dachte sie; wenn auch seinen schönen jungen Leib die Wellen verschlungen hätten, wenn seine Augen, in deren hoffnungsreiche Fröhlichkeit sie sich so gern versenkt, gebrochen wären, wenn die Fluth ihn jetzt schon mit sich trüge weit hinaus, hinaus ins Meer! Ihr graute vor der Vernichtung seiner jugendlichen Schönheit – ihr graute vor dem Tode. Und schwebte nicht vielleicht auch über dem stolzen, blonden Haupte, das hier vor ihren Augen schlummerte, schon des Todes Sichel? War denn jetzt Alles dem Untergange geweiht?
Vorlage S. 74
2033
Sie neigte sich leise zu der Kranken hernieder, um zu hören, ob sie athme, da schlug Angelika matt die Augen auf und blieb mit dem träumerischen Blicke an Seba haften. Sie konnte sich nicht besinnen, wo sie war, sie schaute Seba mit Befremdung an, aber ihre Miene wurde dabei immer freundlicher, und beide Hände faltend, bewegte sie leise ihre Lippen.
Vorlage S. 75
2034
Seba kniete nieder, um ihre Worte zu verstehen. Die Baronin schien das mit Ueberraschung zu gewahren. Sie fasste nach Seba's Hand; ein leises Ach! entfloh ihrem Munde, da sie dieselbe berührte, und mit schmerzlicher Klage sagte sie: Ich lebe also noch?
Vorlage S. 75
2035
Ja, Gott sei Dank, Sie leben! rief Seba. Gott sei Dank, Sie leben! wiederholte sie, von einer Rührung ergriffen, die sie nicht bemeistern konnte, und Sie werden leben bleiben!
Vorlage S. 75
2036
Die Baronin legte ihre Hand matt und langsam auf das Haupt der Knieenden. Ich bin sehr müde, seufzte sie, und die Augen schließend, während sie Seba's Hand in der ihrigen hielt, bat sie: Gehen Sie nicht von mir, es ist mir wohl in Ihrem Schutze!
Vorlage S. 75
2037
Theure, theure Frau! rief Seba, indem sie die Hand der Kranken an ihre Lippen presste und heiße Thränen ihre Augen füllten.
Vorlage S. 75
2038
Was haben Sie? fragte die Kranke ängstlich. Aber Seba nahm sich schnell zusammen. Nichts, nichts, sagte sie. Ich bin so glücklich, dass Sie Ruhe finden, dass Sie mich um sich haben mögen!
Vorlage S. 75
2039
Angelika drückte ihr die Hand, und aufs Neue nahm der Schlummer der Ermattung sie gefangen.
Vorlage S. 75
2040
Seba aber saß still und regungslos an ihrem Lager. Sie dachte des Uebels nicht mehr, das der Bruder dieser Frau ihr getan, weil sie jetzt der Schwester liebend beistand; sie vergaß des eigenen Unglücks über dem Leiden dieser Frau, und wie Wolken sich bilden und vergehen, sich formen und ihre Formen wechseln, dass man nicht weiß, wofür man sie zu halten und wie man sie zu deuten hat, während doch das Auge und der Sinn sich nicht von ihnen abzuwenden vermögen: so zogen an ihrem Geiste die Gestalten des Grafen und des Freiherrn, Angelika's und Herbert's und der Geschwister aus dem Amthause vorüber, und dazwischen dachte sie des Knaben, dem sie so viel verdankte und dem sie von ganzem Herzen zu vergelten gewünscht.
Vorlage S. 75
2041
Wie komme ich, eben ich denn gerade in diesen Menschenkreis? Weßhalb laufen alle diese Schicksalsfäden in dem Bereiche zusammen, den ich übersehe? Und was kann, was soll ich tun inmitten dieser Menschen? Ich, die ich selbst unglücklich und ohne alle Hoffnung bin? fragte sie sich immer und immer wieder.
Vorlage S. 76
2042
Da quoll es warm in ihrem Herzen empor, jenes beseligende Lieben um des Liebens willen, das dem Menschen noch Glück bereitet, wenn er sich alles Wünschens und Wollens für sich selbst entschlagen hat, und mit überwallender Empfindung rief sie sich zu: Ich kann lieben, hoffen, helfen und trösten! Ich will hoffen für den armen Paul, und vor allem Dich trösten und Dir helfen, Du schöne, kranke Frau!
Vorlage S. 76
2043
Siebentes Capitel
Vorlage S. 77
2044
Alle Bemühungen bewiesen sich fruchtlos; Paul kam nicht wieder. Ein Arbeiter hatte spät am Abende einen Knaben, auf den die Beschreibungen des Vermissten passten, am Außenhafen gesehen, aber wohin er gegangen oder wo er geblieben war, das hatte er nicht bemerkt. Die Polizei, die man in Bewegung gesetzt hatte, war ungeübt und lässig, und man kannte damals jene wundervollen Erfindungen noch nicht, welche, Zeit und Raum überwindend, dem Menschen fast eine Allgegenwärtigkeit verleihen und sich zu unfehlbaren Dienern und Boten unserer Freude, unseres Schmerzes, unserer Sorge machen. Man musste abwarten und hoffen oder sich bescheiden, das Schlimmste zu erfahren, und in diesem Falle war die Liebe verzagter als der Eigennutz.
Vorlage S. 77
2045
Die Kriegsräthin, welche ohne das ansehnliche Kostgeld ihres Pflegesohnes gar nicht auszukommen wusste, rechnete zuverlässig auf dessen Wiederkehr; Seba betrauerte seinen Verlust. Sie allein hatte die leidenschaftliche Natur des Knaben, die starken, tiefen Empfindungen gekannt, deren er fähig war, und die ihn in einem Augenblick vernichtender Enttäuschung leicht zu einem Aeußersten getrieben haben konnten. Wohin sie sich wendete, fehlte ihr Paul, vermisste sie ihren jungen Gefährten, dessen zuversichtliche Liebe ihr ein Bedürfnis geworden war, und mit dessen Zukunft sie sich zu beschäftigen liebte, wenn ihr der Muth gebrach, der eigenen Zukunft zu gedenken; und wie sie sich auch dagegen wehrte, drängte sich ihr doch oftmals die entmuthigende Vorstellung auf, dass Paul besser daran gewesen sein würde, wenn er sich ihr nicht angeschlossen, und sich im Verkehr mit ihr nicht über seine Jahre hinaus entwickelt hätte.
Vorlage S. 77
2046
Es war gut für Seba, dass die Familie von Arten noch immer in der Stadt war, die Baronin noch immer in dem Flies'schen Hause verweilen musste, denn es gab Seba eine Beschäftigung, welche sie von dem Schmerze um den Knaben abzog.
Vorlage S. 78
2047
Der Arzt hatte es, selbst als die dringendste Gefahr vorüber war, entschieden widerrathen, die Kranke in den Gasthof bringen zu lassen, und Madame Flies wollte davon auch gar nicht sprechen hören. Ihr gutes Herz und ihre bürgerliche Eitelkeit fanden eine große Befriedigung darin, eine solche Dame zu bedienen und zu pflegen, mit ihr beständig zu verkehren, ihren Umgangsgenossen von diesem Verkehr zu erzählen, und daneben dachte sie, in dem romantischen Glauben an die wunderbaren Wege der Vorsehung, von welchem nur wenige Frauen frei sind, man könne doch nicht wissen, wozu es gut sei, dass die Schwester des Grafen Gerhard eben in ihrem Hause erkranken müsse und dass sie ihre Seba und die ganzen Verhältnisse der Familie nun so unerwartet kennen lerne. In der Residenz hatten schon Grafen und Prinzen sich mit Jüdinnen verheirathet, und was Einer Jüdin widerfahren war, konnte der andern auch begegnen, besonders wenn dieses ihre Seba war.
Vorlage S. 78
2048
Weniger angenehm war es dem Freiherrn, seine Gemahlin noch immer in der Obhut der Familie Flies zu wissen und sich von dieser eben in diesem Augenblicke Verbindlichkeiten auferlegen zu lassen, die er nicht bezahlen, nicht gleich vergelten konnte. Sein Geist war ohnehin verdüstert, sein Gemüt beschwert. Das plötzliche Wiedersehen seines Sohnes, an dem er einst gehangen, das eben so plötzliche Verschwinden desselben hatten einen furchtbaren Eindruck auf ihn gemacht. Trotz des flüchtigen Blickes, den er auf Paul geworfen, hatten die Schönheit des Knaben, die auffallende Aehnlichkeit mit dem von Arten'schen Geschlechte ihn erschüttert, und es war eine wundersame Freude gewesen, mit der er Paul's unleugbare Ueberlegenheit über Renatus anerkannt. Auch jetzt konnte er des Zwiespaltes in seinem Innern nicht Meister werden. Er ließ die eifrigsten Nachforschungen nach Paul anstellen, so widerwärtig das dadurch gemachte Aufsehen und die unvermeidliche Besprechung aller seiner persönlichen Verhältnisse ihm auch waren. Er litt unter dem Gedanken an den immer wahrscheinlicher werdenden Untergang des Knaben, und er trug doch kein Verlangen danach, ihn wieder vor sich zu sehen; aber auch Renatus mochte er nicht um sich haben, und vor Allem vermied er es, Seba zu begegnen, deren herbe Wahrhaftigkeit ihn schwer beleidigt hatte.
Vorlage S. 78
2049
Selbst die Gesellschaft der Herzogin war ihm nicht willkommen. Ihre leichte Unterhaltungsgabe vermochte nicht, ihn zu zerstreuen, ihr Bestreben, ihn von sich abzuziehen, that ihm jetzt nicht wohl. Er fühlte sich allein und von jedem Anspruche an ihn belästigt. Erst nachdem er sich eines Tages eingestanden, dass auf ihm ein schweres, ein besonderes Schicksal laste, dass eine dämonische Gewalt, mächtiger als sein Wille, nicht aufgehört habe, ihn, seit er sich von Pauline getrennt und mit der Baronin verbunden habe, zu verfolgen, begann er seine Fassung wieder zu finden. Er kam sich eben durch diese Besonderheit seines Looses ausgezeichnet und wie durch seine Geburt und die Bedeutung seiner Person von den ihn umgebenden Menschen geschieden und über sie erhaben vor. War es doch etwas so Gewöhnliches, glücklich zu sein! Ein Jude wie Flies konnte das Glück für sich haben auf allen seinen Wegen, denn das Glück wohnt und waltet auf jener breiten Heerstraße des Lebens, auf der sich die Mittelmäßigkeit und die Niedrigkeit berechnend und schwachherzig bewegen. Ein Mann, der wie der Freiherr seinem inneren Bedürfen, seinem Glauben an ein Ideales, der einzig den großmüthigen Regungen seines Herzens folgte, der seinen Ehrbegriffen und den unabweislichen Pflichten seines Standes nachzuleben hatte, der wandelte auf einem anderen Pfade, der hatte wenig Aussicht, auf seinem einsam erhabenen Wege dem Glücke zu begegnen. Was war es denn gewesen, als Großmuth, dass er einst sein Leben an das Leben eines armen Kindes gesetzt? Was war es gewesen, als sein Glaube an ein Ideales, der ihn bewogen, dieses Mädchen zu bilden? Seinen Standespflichten zu genügen, seinem alten Stamme zur Ehre hatte er das geliebte Geschöpf von sich entfernt und sich mit Angelika verbunden. Aus Achtung vor seiner Ehe und um Angelika seinen guten Willen zu beweisen, hatte er darauf verzichtet, Paulinen's Sohn unter seinen Augen aufwachsen zu lassen – und beide, Pauline und ihren Sohn, hatte der Tod ereilt, beide hatte er Angelika geopfert, der Frau geopfert, die ihn für einen Mann vergessen können, dem er großmüthig und vertrauend, wie er Angelika vertraut, sein Haus geöffnet. Großmuth und das Gefühl der Standesehre hatten ihn bewogen, die Herzogin und den Marquis gastlich bei sich aufzunehmen. Sein eigenes Ehrgefühl hatte ihn veranlaßt, sich auf das Ehrgefühl des Marquis zu verlassen, und wie hatte dieser ihm die Rücksicht für die Herzogin, wie hatte er ihm das Zutrauen gedankt, das er ihm bewiesen! – Großmuth war es gewesen, die ihn zu dem Bau der Kirche getrieben, als er Angelika nach einer äußeren Befriedigung ihres religiösen Sinnes trachten sehen, deren er für sein Theil nicht bedurfte; und all diese hohen Empfindungen, all sein edles Wollen hatten ihm keine beglückende Frucht getragen, hatten ihm die Liebe der Menschen nicht zugewendet, ja, waren von ihnen kaum erkannt geschweige denn gewürdigt worden. Sogar sein ältester Lebensgenosse, der Caplan, ward ihm nicht mehr gerecht, hielt nicht mehr zu ihm, wie er es erwarten durfte, und auch die Herzogin hatte es nicht ganz begriffen, dass ein Mann wie er mit seinem Glauben, mit seinem Vertrauen und mit seiner Neigung nicht unterhandeln, dass er keine Gemeinschaft mehr mit seiner Gattin haben könne, wenn deren Hingabe für ihn nicht mehr eine volle und unbedingte war. Auch die Herzogin verstand ihn nicht vollkommen, nicht wie er's bedurfte. Er stand allein, ganz allein in seiner Umgebung, unter seinen Standesgenossen, weil ihnen allen der rechte Sinn des Adels verloren gegangen war. Aber das Bewusstsein dieser Einsamkeit warf ihn nicht nieder, sondern hob ihn in seinen Augen über die Andern hoch empor; denn »fortis in adversis«, »Muth in Widerwärtigkeiten« war der Wahlspruch seines Hauses! Mochte die Gunst des Lebens sich von ihm wenden und das Glück sich ihm entziehen, – den stolzen Herzschlag seines edeln Blutes, den frei über die Reihen der niedrig geborenen Menschen sich aufschwingenden Sinn seines alten adeligen Geschlechtes, den konnte ihm nichts rauben; und diese Vorzüge immer und gegen Jedermann mit Entschiedenheit geltend zu machen, das däuchte ihm in diesen Zeiten und in seiner besonderen Lage seine ideale Aufgabe, die wahre Aufgabe des Edelmannes zu sein.
Vorlage S. 79
2050
Madame Flies jedoch, die in ihrer schlichten Güte wenig Ahnung von solchen idealen Lebensaufgaben hatte, weil sie sich immer an das Nächste und an das Natürliche hielt, sah es mit Erstaunen, wie ruhig und sicher der Freiherr einherschritt, wie das Verschwinden des Knaben, wie die Krankheit seiner Gemahlin, wie selbst die Verwicklung seiner Vermögensverhältnisse und alle jene Sorgen, von denen eine einzige zu tragen ihr schwer gefallen sein würde, ihn gar nicht anzufechten schienen. Sie wusste nicht, sollte sie ihn bewundern und loben, oder ihn verabscheuen und tadeln, aber sie konnte sich, wenn sie den Freiherrn am Krankenbette der Baronin sah, es wohl erklären, warum dieselbe seufzte, sobald er sie verließ, warum sie ihr und vor Allem ihrer Seba so freundlich die weiße, schmale Hand entgegen reichte, so oft sie sich ihr nahten.
Vorlage S. 81
2051
Die Kranke hatte nach dem Caplan verlangt und der Freiherr sogleich eine Staffette zu ihm gesendet; indeß es mussten Tage um Tage vergehen, ehe man auf sein Eintreffen rechnen durfte, und der Arzt sah, da er jede Aufregung für die Baronin scheute, die notwendig verzögerte Ankunft des Geistlichen nicht ungern. Angelika hingegen fragte an jedem Morgen, ob der Caplan noch nicht angekommen sei, schien aber sonst kaum ein Bedürfnis nach Mittheilung zu haben. Sie lag meist still und in sich gekehrt mit gefalteten Händen da und verlangte wenig, wenn sie im Laufe des Tages ihren Sohn einmal gesehen hatte, dem sie mit ernster Zärtlichkeit begegnete. Seba, die ihr unverkennbar die liebste Pflegerin war, verließ sie selten. Einstmals, als sie wieder an ihrem Bette weilte und das Sonnenlicht sie wieder so hell wie an dem ersten Krankheitstage Angelika's umfloß, blieb diese lange in ihrem Anschauen versunken, dann reichte sie ihr die Hand und sagte: So wie in diesem Augenblicke hatte ich Sie in Ihrem weißen Kleide vor mir, als ich, aus dem ersten träumerischen Schlummer erwachend, den ich unter Ihrer Hut genossen, Sie für meinen Schutzgeist hielt! Sie blickten so liebevoll, so traurig auf mich nieder! Sie sind gewiss sehr gut! Und dass man Ihnen ansieht, wie sanft, wie glücklich Ihr Lebensweg gewesen und wie Sie reinen Herzens sind, das macht mir Ihre liebe Nähe so erquicklich!
Vorlage S. 82
2052
Es fuhr wie ein Messerschnitt durch Seba's Brust. Alles Blut entwich aus ihren Wangen, ihre Lippen zuckten, und mit dem Ausrufe: Und das sagen Sie, eben Sie! sank sie vor dem Lager der Baronin auf die Kniee, das Gesicht in ihren Händen bergend. Aber in dem nämlichen Augenblicke kam ihr auch der Gedanke, dass sie Angelika erschreckt habe, dass sie sie nicht beunruhigen dürfe, und gewaltsam die Herrschaft über sich gewinnend, richtete sie sich empor. Ihre Wangen waren noch bleich, indeß ihr Mund konnte wieder lächeln, und Angelika's Hände sanft in die ihren schließend, sprach sie freundlich: Wie mich das freut, dass meine Dienste Ihnen angenehm und meine Nähe Ihnen lieb ist! Nur danken, nur loben müssen Sie mich nicht, ich verdiene das nicht!
Vorlage S. 82
2053
Wer eine Wunde in seinem Innern zu verbergen hat, wird feinfühlig für fremden Schmerz. Angelika hörte, dass in Seba's Worten mehr als jene höfliche Ablehnung eines Dankes verborgen war, mit der die gesellschaftliche Sitte sich ihr Dankescapital auf Zinsen legen lässt; darum wagte sie keine Frage zu tun, aber die Frage, was ihrer sanften Pflegerin begegnet sein, was sie erfahren und erlitten haben könne, beschäftigte sie fort und fort. Sie wünschte von ihr zu hören, sie wünschte zu wissen, ob ihre Theilnahme für Seba Werth besitzen könne, und sie hatte, als ihre Kräfte sich wieder hoben, keine große Mühe, Madame Flies von ihrem einzigen Kinde, von ihrer Seba sprechen zu machen.
Vorlage S. 83
2054
Mit größter Genugthuung erzählte dieselbe der Baronin wie jedem Anderen von der fröhlichen Kindheit, von der ersten, blühenden Jugend ihrer Tochter, von den zahlreichen Bewerbern, welche sie zurückgewiesen, und wie sie jetzt mit ihren bleicheren Wangen und ihrem ernsten, stillen Blicke, so schön sie sei, doch lange nicht mehr so herrlich aussehe, als vordem.
Vorlage S. 83
2055
Aber was hat Ihre Tochter denn so verändert? War sie krank oder was ist ihr geschehen? fragte die Baronin, die, abgesehen von ihrer Theilnahme für Seba, immer mehr von der Fremdheit der Lebensverhältnisse, welche sie umgaben, angezogen wurde.
Vorlage S. 83
2056
Madame Flies schöpfte Atem. Also endlich war er doch gekommen, der Augenblick, auf den sie so lange gehofft, auf den sie sich vorbereitet hatte, seit die Baronin in ihrem Hause darniederlag, endlich war er gekommen, endlich war er da! Sie rückte näher an das Bett heran, sah vorsichtig hinter den grünen Schirm, der das Lager der Baronin umgab, schob sich die Kantenhaube zurecht und sagte mit klopfendem Herzen, während sie vertraulich ihre Hand auf den Arm der Kranken legte: Aufrichtig, gnädige Frau Baronin, wissen Sie denn gar nichts von uns? Hat er Ihnen denn gar nicht von ihr gesprochen?
Vorlage S. 83
2057
Angelika verstand sie nicht. Was soll ich denn von Ihnen wissen, meine Beste?
Vorlage S. 84
2058
Nicht von mir, Gott bewahre, nicht von mir; denn was wir getan haben, war unsere Schuldigkeit, und wir haben es sehr gern getan! Nur von meiner Seba meinte ich! bedeutete die Mutter.
Vorlage S. 84
2059
Von Seba – wer sollte mir wohl von ihr gesprochen haben? fragte Angelika.
Vorlage S. 84
2060
Ich dachte der Herr Graf! – Aber freilich, der Herr Graf sind gerade .... Sie wollte sagen: wie der Herr Baron; indeß sie unterdrückte das Wort, und Angelika fiel ihr mit der Frage: Von welchem Grafen sprechen Sie? auch lebhaft in die Rede.
Vorlage S. 84
2061
Madame Flies schwankte einen kurzen Augenblick. Sie wusste, dass sie auf dem Punkte stand, ein Unrecht gegen die Ruhe der ihr anvertrauten Kranken zu begehen, und dass Seba ihr sicherlich nicht danken würde, was sie unternahm; aber die Selbstsucht und die anmaßende Gewaltthätigkeit, von denen die Liebe so vieler Mütter nicht frei ist, trugen es über jede Rücksicht davon, und auf die wiederholte Frage Angelika's, welchen Grafen sie denn meine, antwortete sie schnell, als wolle sie es sich unmöglich machen, sich eines Besseren zu besinnen: Wen denn anders, als den Herrn Grafen Berka, den Grafen Gerhard, der im Quartiere bei uns lag!
Vorlage S. 84
2062
Die Baronin schwieg. Es war lange her, dass Jemand ihr von ihrem Bruder gesprochen hatte. In der Welt, in welcher sie lebte, wusste Jedermann, dass sie mit ihrer Familie zerfallen war, und man hütete sich, sie daran zu erinnern; aber sie hatte in den bangen Stunden, in welchen sie zu sterben geglaubt, sich lebhaft nach ihrem Vater und nach ihrer Mutter gesehnt, und hier in diesem Hause, in dem sie, fremd unter Fremden, einer Liebe theilhaftig wurde, welche sie an ihr Vaterhaus gemahnte, hier plötzlich von ihrem Bruder reden zu hören, kam ihr wie ein Gruß aus fernen Tagen, wie ein Gruß der Ihrigen vor.
Vorlage S. 84
2063
Sie kennen meinen Bruder? fragte sie endlich.
Vorlage S. 85
2064
Ob ich ihn kenne! rief Madame Flies, und erging sich in einer Schilderung des Grafen, in einer weitläufigen Erzählung der kleinen Erlebnisse, die man hier im Hause zur Zeit seines Aufenthaltes mit ihm gehabt, um dabei der Bewunderung gedenken zu können, welche er ihrer Tochter gezollt, und es mit lebhaftem Kopfschütteln völlig unbegreiflich zu finden, dass er ihres Hauses und ihrer Seba niemals gegen die Schwester Erwähnung getan habe.
Vorlage S. 85
2065
Angelika schwankte unentschlossen. Jene Schamhaftigkeit der Seele, welche die zuverlässigste Bewahrerin und Schutzwehr wirklicher Würde ist, machte sie davor zurückschrecken, einer Frau, welcher eben diese Eigenschaft fehlte, ein Vertrauen zu beweisen, das bei ihr sicherlich nicht wohl aufgehoben war; aber sie mochte auch den Bruder nicht gegen die Menschen undankbar erscheinen lassen, denen sie sich selbst zu so großem Danke verpflichtet fühlte, und die Rücksicht auf Andere trug es bei ihr über ihr eigenes Empfinden fort. Ich habe meinen Bruder seit Jahren nicht gesehen! sagte sie nach langem Zögern leise und begütigend.
Vorlage S. 85
2066
Indeß sie hatte selbst diese Aeußerung zu bereuen; denn nun der Damm der strengen Zurückhaltung einmal durchbrochen war, überstürzte Madame Flies die Kranke mit den Fragen ihres beschränkten Erstaunens, ihrer scharfsichtigen Neugier, und wie man sich von der harmlosen und doch quälenden Zudringlichkeit eines Kindes, nur um der Beunruhigung zu entgehen, oftmals mehr entlocken lässt, als man ihm irgend zuzugestehen dachte, so fand Angelika, als Madame Flies sich zurückzog, dass sie, solcher anmaßenden Herzlichkeit in ihrer Umgebung nicht gewohnt, der Fragenden mehr, weit mehr anvertraut, als sie irgend beabsichtigt hatte. Aber auch sie meinte erfahren zu haben, was ihr bisher nicht deutlich gewesen war. Sie meinte jetzt zu wissen, weßhalb Seba sich nicht verheirathet hatte, weßhalb ihre dunkeln Augen oft so traurig und forschend auf ihr ruhten, ja, weßhalb ihre Zärtlichkeit sie so warm umfing; und Seba wurde ihr nur werther, seit die Baronin sich sagen konnte: auch sie liebte hoffnungslos, auch ihr traten die Schranken entgegen, welche die Stände von einander halten, auch sie hat es gekannt, das hoffende Verlangen und das traurige Entsagen, und sie ist besser als Du, denn keine Pflicht verbot ihr, frei über ihre Liebe zu verfügen, und kein Eid stand zwischen ihr und ihres Herzens freier Wahl!
Vorlage S. 85
2067
In dem einsamen Sinnen des Tages, in dem schlaflosen Brüten der Nächte hatte Angelika eine Einkehr in sich selbst gehalten, sich Bekenntnisse gemacht, wie man sie nie vor einem Andern, wie man sie nur dem eigenen Gewissen abzulegen vermag; denn es gibt ein Innerstes in dem Seelenleben fast eines jeden Menschen, das er nicht Preis geben kann, ohne das geheime Band zu zerreißen, welches die Elemente seines Wesens zusammenhält, ohne sich des freien Willens zu entäußern, der ihn zu einem selbstständigen Menschen, eben zu dem Menschen macht, als welcher er sich von der Masse seiner Mitmenschen unterscheidet. Jedes Bekenntnis, welches der Mensch vor einem andern Menschen ablegt, ist daher immer ein bedingtes. Die Persönlichkeit, die Meinung, der Glaube dessen, vor dem wir sprechen, wirken auf uns zurück, und hüllenlos, schrankenlos wahr vermag der Mensch nur gegen sich selbst zu sein, wenn Geständniß und Urteil, aus gleicher Quelle entspringend, in Eins zusammenfallen.
Vorlage S. 86
2068
So lange sie sich in der Nähe und unter der geistigen Obhut des Caplans befunden, hatten sein religiöser Sinn und sein fester Glaube sie vor jedem Schwanken bewahrt. Sie hatte selbst die Sehnsucht nach dem ihr versagten Glücke eine Sünde in ihrer Brust gescholten. Das Beispiel des Caplans hatte sie zur Entsagung ermahnt, und wie der Freiherr es auf seine Weise that, hatte auch sie danach gestrebt, sich mit dem Gedanken an ihre bevorzugte Lebensstellung, mit der Erinnerung an ihren Rang und an ihre Geburt zu trösten und von dem Schicksale damit abgefunden zu glauben.
Vorlage S. 87
2069
Aber die Gedanken und Anschauungen des Menschen gehören ihm nur an, wie die Frucht dem Samenkorn angehört. Sie werden in ihrer mehr oder weniger schnellen Entwickelung, wie in der Art ihrer Entfaltung durch die äußeren Umstände bedingt, und seit Angelika nicht mehr im Schlosse weilte, seit sie nicht mehr ausschließlich von ihren Standesgenossen umringt, nicht mehr von der Unterwürfigkeit ihrer Dienerschaft umgeben ward, fing die Welt an, ihr verwandelt zu dünken, weil der Blick sich änderte, mit dem sie in ihr Inneres und in das Leben schaute.
Vorlage S. 87
2070
Von dem Tage ab, an welchem sie des Freiherrn Gattin geworden war, hatte die Ruhe sie geflohen. Schwere Enttäuschungen, Sorge um seinen Gemüthszustand, Gewissenszweifel, religiöse Kämpfe und Familienzerwürfnisse hatten ihre Seele nicht zum Frieden gelangen lassen, ehe die Herzogin ein Gast des freiherrlichen Hauses geworden war, und seit dem Erscheinen dieser Frau war Angelika nicht nur sich selber, sondern war ihr auch der Mann verloren gegangen, dessen Namen sie trug und dem sie sich für gute und für böse Tage unauflöslich verbunden hatte.
Vorlage S. 87
2071
Jetzt, da sie nicht mehr täglich auf die Unternehmungen und auf die Handlungsweise der Herzogin zu achten hatte, da die Anforderungen augenblicklicher Nothwehr sie nicht mehr in Beschlag nahmen und sie mit nachdenkender Prüfung auf die vergangenen Jahre zurückblicken konnte, wurden ihre Erlebnisse ihr klar und räthselhaft, deutlich und fast unbegreiflich zu gleicher Zeit. Sie konnte sich die Liebe nicht wegläugnen, welche sie für Herbert hegte, aber sie vermochte sich es jetzt völlig darzulegen, mit welcher berechneten Arglist die Herzogin sie dahin gebracht hatte, sich eine Neigung für den jungen Architekten zuzutrauen, und wie schlau und geflissentlich sie dieselbe in ihr zu nähren, ja, selbst durch ihr Abmahnen anzufeuern verstanden habe. Sie erinnerte sich, mit welchem Erschrecken es sie erfüllt, als die Herzogin ihr zuerst die Möglichkeit einer Liebe für Herbert vor das Auge geführt; sie durfte sich sagen, dass sie redlich dagegen angekämpft habe, und wenn sie daneben auf die Verwicklungen, auf das Unglück blickte, das über sie gekommen war, das ihrem ganzen Hause drohte, so vermochte sie sich nicht, wie der Freiherr, fest auf sich selbst zurückzuziehen, sondern sie fragte sich: Warum ward mir dieses Schicksal? Warum legte Gott mir Prüfungen auf, die zu bestehen er mich zu schwach gemacht hat? Grade jetzt, wo sie des festen, gottvertrauenden Glaubens nötiger als jemals hatte, versagte er sich ihr, und ihr Verlangen nach der beruhigenden Nähe des Caplans steigerte sich an ihrem Trostbedürfnisse, obschon sie eben in ihrem gegenwärtigen Leiden die Führung und Fügung einer höheren, sie erziehenden und aufklärenden Macht zu erkennen geneigt war.
Vorlage S. 88
2072
Krank und im höchsten Grade hülfsbedürftig, hatte sie sich in einem bürgerlichen Hause auf die Pflege einer ihr fremden Familie angewiesen gefunden. Keine Verwandtschaft, keine gemeinsame Erinnerung, keine Gleichheit der Gesinnungen, nicht einmal der religiöse Glaube verband sie diesen Menschen. Man hatte die Baronin von Jugend auf gelehrt, die Bürgerlichen gering zu schätzen, die Juden zu verachten; ihre Wirthe, ihre Pflegerinnen, die das wussten, ließen sie es nicht entgelten, sondern umgaben sie mit einer Liebe, die ihr das Herz erwärmte und es ihr darthat, was der Mensch dem Menschen über alle Verschiedenheit des Glaubens, der Meinung und der Bildung hinaus zu sein vermag. Sie hörte es gar nicht mehr, was ihr Anfangs in der Sprache des jüdischen Kaufmanns auffällig gewesen war; sie merkte die Verstöße gegen die gute Form nicht mehr, welche Madame Flies sich in ihrem Eifer häufig zu Schulden kommen ließ. Sie sah nur das uneigennützige Wohlwollen, mit welchem man sie bediente, nur den Eifer, mit dem man ihre Wünsche zu errathen strebte; sie fühlte nur die Güte, von der sie in jedem Augenblicke umgeben ward, und oftmals meinte sie sich ihrer allmählichen Genesung nur darum zu erfreuen, weil ihre Pflegerinnen sich über dieselbe so glücklich bezeigten. Sie vergaß es fast, dass sie vornehm sei, so heimisch ward es ihr unter der Obhut ihrer Wirthe. Nur der Dank der Kranken, der jungen Frau gegen die ältere, mütterliche Pflegerin war in ihr lebendig, wenn Madame Flies sich neben ihr bemühte, und die Baronin hatte es bald genug erlernt, wie die Stunde der Noth die Schranken niederwirft, welche die Stände von einander halten; sie lernte es in ihrer Hinfälligkeit, wie erhebend es sei, bei seinen Mitmenschen freiwilliger Hingebung und reiner, erbarmender Menschenliebe zu begegnen.
Vorlage S. 88
2073
Noch an dem Tage ihres Erkrankens hatte die Aussicht, dass die Familie Flies künftig das Haus von Fräulein Esther, das von Arten'sche Haus in der Residenz bewohnen werde, die Baronin in allen ihren Ansichten gekränkt; jetzt konnte sie mit völliger Ruhe daran denken. Denn obschon ihr Befinden sich besserte, sagte ihr eine bestimmte und unabweisliche Ahnung, dass ihr Lebensziel ihr nicht allzu fern gesteckt sei, und vor dem Glauben an die eigene Vergänglichkeit verlor die Vorstellung von der Vergänglichkeit und Wandelbarkeit alles Bestehenden immer mehr ihre Schrecken für sie, bis sie ihr als eine Notwendigkeit, ja, fast als eine Wohlthat zu dünken begannen. Wie den Freiherrn der Gedanke an die Wandelbarkeit und Vergänglichkeit aller Dinge zur stolzen Aufrechterhaltung seines Ichs und seiner persönlichen Bedeutung anreizte, so machte die gleiche Erkenntnis seine Gattin mild und weich, denn das Gleiche wirkt verschieden, je nach dem Boden, auf den es fällt, je nach den Elementen, mit denen es sich vermischt.
Vorlage S. 89
2074
Muss ich doch meinen eigenen Leib, meines Geistes Haus, in Staub zerfallen lassen, sagte sich Angelika, wie dürfte mich's betrüben, dass ein Haus von Stein und Mörtel nicht auf ewige Zeiten hinaus denjenigen zu eigen bleibt, deren Väter es errichteten! Renatus hat seinen eigenen Leib und seinen eigenen Geist von Gott empfangen, mag er sich auch, gleich seinen Ahnen, sein eigenes Haus erbauen, und wie Gerhard und ich hier in diesem fremden Hause weilten und von seinen Bewohnern Gutes erfuhren, Liebe gewannen, so mag die schöne Seba in Gottes Namen in dem Hause leben, das wir unser eigen nannten und das ich einst bewohnte; nur – fügte sie seufzend hinzu – möge sie dort glücklicher werden, als ich!
Vorlage S. 90
2075
Achtes Capitel
Vorlage S. 91
2076
Sie haben sich lange erwarten lassen, sagte der Freiherr, als an einem Abende der Caplan bei ihm eintrat, und fast wäre Ihre Gegenwart hier nicht mehr gefordert, denn ich kann Sie mit der erfreulichen Kunde empfangen, dass die Baronin ihrer Genesung entgegengeht. Wir sind also hoffentlich zum Längsten hier gewesen und werden die Schwüle der Stadt bald mit unserer frischen Luft vertauschen können, nach der auch unsere Kranke zu verlangen anfängt. Aber was bringen Sie uns, lieber Freund, der Sie von Hause kommen?
Vorlage S. 91
2077
Zuerst meine Entschuldigung wegen meines späten Eintreffens.
Vorlage S. 91
2078
Lassen Sie das, lassen Sie das! Unser ruhiges Leben hat Ihnen die Gewohnheit schnellen Aufbrechens genommen, ich kenne das, und im Grunde war das niemals Ihre Sache! rief der Freiherr, anscheinend in der besten Stimmung. Ich hoffe nur, dass nicht ein Unwohlsein Sie zurückgehalten hat!
Vorlage S. 91
2079
Nur wirkliche Krankheit hätte mich hindern können, dem Rufe der Frau Baronin und meiner Pflicht zu folgen! sagte der Geistliche mit einer ernsten Zurückhaltung, die den Freiherrn zu der Frage veranlaßte: Sie hatten also andere Gründe, die Sie zum Verweilen zwangen?
Vorlage S. 91
2080
Ja, Herr Baron, und sie waren nicht so erfreulich, als die angenehme Kunde, mit der ich hier empfangen werde! Da aber in allem Unglück sich immer noch etwas findet, was man zu segnen hat, so möchte ich's ein Glück nennen, dass die Frau Baronin und die Frau Herzogin eben jetzt von Hause fern gewesen sind!
Vorlage S. 91
2081
Der Freiherr sah den Geistlichen fest an und sagte: Sie lassen mich sehr langsam erfahren, was Sie mir zu sagen haben; es ist also sicher etwas recht Verdrießliches geschehen!
Vorlage S. 92
2082
Leider mehr, als das! sprach der Caplan. Am Mittwoch vor Pfingsten langte der Wagen in Richten an, den man zum Abholen des Standbildes nach der Stadt gesandt hatte, und der Verabredung gemäß wurde es gleich nach Rothenfeld gebracht, um dort vor der Kirche abgeladen und ausgepackt zu werden. Da die Vorbereitungen für die Aufstellung im Voraus getroffen waren, gab der Bauführer denn auch die Weisung, mit der Errichtung der Gruppe sofort zu beginnen.
Vorlage S. 92
2083
Und durch die Ungeschicklichkeit unserer Arbeiter ist sie beschädigt worden! rief der Freiherr.
Vorlage S. 92
2084
Nein, Herr Baron! Der Bildhauer selbst hat sie, wie er übernommen, herausgebracht und auch die Auspackung besorgt.
Vorlage S. 92
2085
Und die Arbeit, wie ist sie ausgefallen? unterbrach der Freiherr den Geistlichen noch einmal.
Vorlage S. 92
2086
Es war eine lobenswerthe Arbeit; die Gestalt des Christus recht edel, der Kopf voll Ausdruck, und auch die Figur der büßenden Magdalena nahm sich schön und charakteristisch aus.
Vorlage S. 92
2087
Sie sagen: es war eine schöne Arbeit, die Figur nahm sich gut aus – was soll das heißen? fragte der Freiherr.
Vorlage S. 92
2088
Das Standbild ist zerstört! berichtete der Geistliche, und sein Ton und seine Miene verriethen die Empfindung, welcher er das Wort nicht gab.
Vorlage S. 92
2089
Zerstört? Und wie, durch wen? rief der Freiherr lebhaft.
Vorlage S. 92
2090
Durch geflissentlich erregten Glaubenshaß! antwortete der Caplan mit jener Selbstbeherrschung, welche ihm zur Natur geworden war.
Vorlage S. 92
2091
Den Freiherrn jedoch verließ in diesem Falle seine Fassung, und mit dem Fuße stampfend, rief er heftig: Unerhört! Das ist ganz unerhört! Sind denn jetzt alle Teufel los? – Aber er bereute diese Aufwallung eben so schnell, und sich niedersetzend, während er auch dem Geistlichen einen Sessel anwies, sprach er: Man sollte sich eigentlich in diesen Zeiten über nichts mehr wundern und auf jede Art von Ausschreitungen vorbereitet sein; dennoch überrascht uns, wenn uns widerfährt, was wir Andere in gleicher Weise erleben sahen. Verzeihen Sie meine Aufwallung und fahren Sie fort. Halten Sie mir nichts zurück, mein Freund, ich bin jetzt vollkommen vorbereitet.
Vorlage S. 92
2092
Am Mittwoch, fuhr der Caplan fort, war, wie gesagt, die Gruppe angekommen, Samstags, als die Feierstunde nahte, hatte man die Arbeit des Aufstellens beendet; ich fuhr also nach Rothenfeld, das Geleistete zu betrachten. Die Gruppe gereichte dem ganzen Baue zur Zierde; man konnte in jeder Weise seine Freude daran haben. Man hatte keine Schwierigkeiten, keine Störungen irgend welcher Art bei der Aufrichtung gehabt. Die Arbeiter, welche niemals ein Kunstwerk gesehen, hatten es angestaunt; nun standen die Kinder draußen an dem Gitter und betrachteten es neugierig. Des Försters Sohn, ein aufgeweckter Knabe, fragte mich, ob das die Mutter Maria sei, die an dem Kreuze kniee. Als ich ihm Bescheid gab, ging der Candidat vorüber. Er war, wie immer, zum Pfingstbesuch zu seinen Eltern nach Neudorf gekommen, aber er hatte sich, was er doch sonst zu tun pflegte, bei mir nicht sehen lassen.
Vorlage S. 93
2093
Der Bursche war mir stets zuwider, bemerkte der Freiherr, den Erzähler unterbrechend, und er weiß es, dass seine ehrgeizige Scheinheiligkeit, wie man diese Richtung von oben her jetzt auch beschützt, bei mir ihre Wirkung verfehlt!
Vorlage S. 93
2094
Um so größer und unheilvoller war aber die Wirkung, welche er auf die Gemeinde übte, berichtete der Geistliche, der sich geflissentlich jedes Urtheils ent hielt und sich nur auf die Mittheilung der Thatsachen beschränkte. In der Absicht, die Leute an ihn zu gewöhnen, hatte der Pfarrer seinen Sohn, wie seit Jahren, auch jetzt wieder am zweiten Feiertage für sich die Predigt halten lassen, und der Candidat mochte die Abwesenheit der Herrschaften für den geeigneten Zeitpunkt angesehen haben, in welchem er seinem Zorne gegen unsere Kirche einmal Luft machen und bei seinen Vorgesetzten sich damit eine geneigte Anerkennung verdienen könne. Die Aufstellung des Standbildes, meine zufällige Unterredung mit dem Knaben, deren Zeuge der Candidat eben so zufällig geworden war, boten ihm dazu den erwünschtesten Stoff und Anlass, und er hat sich denn in den heftigsten Ausdrücken, in jenen landläufigen Redensarten gegen den Baalsdienst, gegen die Götzenanbetung, gegen die heimliche Verführung zu derselben und gegen unsere Kirche überhaupt, so lange gehen lassen, bis er es der Gemeinde endlich förmlich an das Herz gelegt, sich über die Gewalt zu beschweren, die man ihr mit dem Baue der Kirche angethan habe, und die Errichtung von Götzenbildern in dem Lande der reinen Lehre nicht zu dulden.
Vorlage S. 93
2095
Die Frechheit kennt nicht Maß, nicht Ziel! rief der Freiherr, sich von seinem Sessel erhebend. Und die Leute, wie verhielten sie sich? Was thaten sie?
Vorlage S. 94
2096
Es traf sich übel, dass ihrer Aufregung eine Gelegenheit, sich zu bekunden, dargeboten wurde. Mißgestimmt waren sie seit langer Zeit, und die Menge liebt es ja, Alles, worunter sie zu leiden hat oder wovon sie sich beeinträchtigt glaubt, auf eine und dieselbe Ursache und Quelle zurückzuführen. Als die Leute von Neudorf aus der Kirche nach Rothenfeld zurückkehrten, machten die Kammerjungfer der Frau Herzogin und der Koch eben ihren Feiertags-Spaziergang. Aus ihrer Heimath des Anblicks gewohnt, den das Standbild ihnen darbot, warfen ihr religiöses Gefühl und ihre Rührung bei dem Gedanken an das verlassene, unglückliche Vaterland sie betend zu den Füßen des Heilandes nieder. – Sie knieend im Gebet erblicken, an ihrer Andacht Aergerniß nehmen und diesem Aerger Ausdruck geben, war bei den vorübergehenden Leuten Eines. Wir wollen unseren Sabbath nicht durch Götzendiener schänden lassen! rief eine Stimme, und als hätte es nur dieses Anstoßes bedurft, so erhob sich von allen Seiten der Ruf: Nieder mit dem Götzenbilde! Nieder mit den Götzendienern! Jagt das fremde Pack zum Lande hinaus!
Vorlage S. 94
2097
Weiter, weiter! drängte der Freiherr.
Vorlage S. 95
2098
Im Begriffe, mich hieher zu Ihnen zu begeben, kam ich mit meinem Wagen durch Rothenfeld. Schon beim Einfahren in das Dorf sah ich, dass etwas Ungewöhnliches vor sich gehen müsse, und das wüste Durcheinander lärmender Stimmen zeigte mir den Weg. – Der Caplan hielt einen Augenblick inne, dann sagte er: Erlassen Sie es mir, Ihnen die Scene zu schildern, die ich auf dem Kirchhofe erleben musste. Die Leute kannten sich nicht in ihrer Aufregung. Alt und Jung, Männer und Weiber waren über die beiden Unglücklichen hergefallen. Man machte ihnen die Flucht unmöglich, man steinigte sie buchstäblich, während die kräftigsten unter den Männern das Standbild zu Boden rissen und mit Aexten darauf einhieben. Das Flehen, der Angstschrei der beiden Gemarterten übertönten das Geschrei und Toben der Wüthenden.
Vorlage S. 95
2099
Aber war denn Niemand da, der Einhalt that? fragte der Freiherr, athemlos vor zorniger Erregung. Wo war der Pfarrer? Wo war Steinert? Wo war der Justitiarius? Und Sie selbst, Caplan ....
Vorlage S. 95
2100
Sie vergessen, Herr Baron, dass der unselige Vorfall sich nicht in Neudorf, sondern in Rothenfeld ereignete, dass der Pfarrer also nichts davon erfuhr, bis Alles vorüber war – und es wird ihm dies sicherlich das Erwünschteste gewesen sein. Steinert war über Land gefahren, und der Justitiarius, der sich unter den Besuchern der Kirche befunden hatte und gleich herzukam, hatte, wie ich, vollauf zu tun, die beiden Verwundeten ....
Vorlage S. 95
2101
Verwundet – die Unglücklichen sind verwundet? Aber doch nicht ernstlich, es hat doch mit ihnen keine Gefahr, Caplan?
Vorlage S. 96
2102
Der Caplan zuckte die Schultern. Die Verwundung des Kochs war unbedeutend, er ist völlig davon hergestellt. Mademoiselle Lise aber, die ein Steinwurf an die Schläfe traf – ist todt!
Vorlage S. 96
2103
Der Geistliche hielt inne; der Freiherr schloß unwillkürlich die Augen. Er sprach kein Wort. Die Hände auf dem Rücken ging er mit schwerem Schritte im Zimmer auf und nieder. Ein Mord, sagte er endlich tonlos, ein Mord an einem schwachen, wehrlosen Weibe – entsetzlich! – Und die Herzogin – wie wird sie es vernehmen? – Und wieder fing er an umherzuschreiten.
Vorlage S. 96
2104
Nach einer Weile hob der Caplan noch einmal an: Auch mich hatte ein Stein am Hinterkopfe verletzt ....
Vorlage S. 96
2105
Sie, Sie, mein Freund? rief der Freiherr, in der Sorge um den altbewährten Lebensgenossen alles Andere vergessend und an den Geistlichen herantretend, dessen Hände er in lebhafter Bewegung ergriff. Darum also fiel mir Ihr übles Aussehen auf; aber freilich solch einen Anlass, solch einen Grund war ich mir nicht vermuthend. Und jetzt, wie fühlen Sie sich jetzt?
Vorlage S. 96
2106
Denken Sie nicht an mich, sprach der Caplan, die Wunde war nicht schwer, und – fügte er mit seiner sanften Stimme begütigend hinzu – der sie mir schlug, des Hirten armer, schwachsinniger Bube, wusste in Wahrheit kaum, was er getan hatte.
Vorlage S. 96
2107
Der Freiherr athmete schwer auf, drückte dem Geistlichen tief ergriffen die Hand und wandte sich ab. Es widerstand ihm, seine Erschütterung zu zeigen. Er trat an das Fenster, das auf den Markt hinaussah, aber er gewahrte nichts von dem, was draußen vor seinen Augen vorging. Er war einzig mit dem so eben Gehörten beschäftigt, ganz in seine Gedanken versunken. So verging eine geraume Zeit. Beide Männer hielten vor einander zurück, was doch ausgesprochen werden musste, und beiden ward das Schweigen drückender, je länger es sich fortsetzte.
Vorlage S. 96
2108
Endlich raffte der Freiherr sich zusammen. Lassen Sie uns zu Ende kommen! sagte er finster und gepresst. Wie verlief die Sache, und wie verließen Sie die Dinge?
Vorlage S. 97
2109
Es war, als ob der Unfall, den ich erlitten hatte, sie zur Besinnung brächte. Ein paar Frauen in meiner Nähe riefen meinen Namen, sprangen mir bei, versuchten mich zu schützen. Ich redete ihnen zu, verlangte ihre Hülfe für die Unglückliche, der Anblick der Sterbenden erschreckte die Sinnlosen und brachte einen Stillstand in ihre wilde Aufregung. Diesen benutzte der Justitiarius. Er nannte sie Verbrecher und verlangte die Auslieferung des Mörders. Sie hatten nicht daran gedacht, dass sie ein Verbrechen begangen, dass sie einen Mord verübt hatten; sie schwankten, ob sie dieses Bewusstsein durch neue Unthat in sich übertäuben, ob sie sich durch neue Wildheit über ihr Erschrecken forthelfen oder sich aus Furcht zerstreuen sollten.
Vorlage S. 97
2110
Da haben Sie das Volk, rief der Freiherr mit bitterem Hohne, da haben Sie das Volk, dessen Menschenrechte man anerkennen, dem man Freiheit und Gleichheit zugestehen, dem man Anteil an der Regierung des Landes zuerkennen soll! Rohe, wilde Bestien, nur durch Zwang zu bändigen, durch Strenge und Gewalt in den Schranken der Menschlichkeit zu erhalten! – Das sind die Freiheitshelden, die jenseit des Rheines ihr Wesen getrieben haben – Kirchenschänder und Mörder! Aber so wahr Gott lebt, ich denke es ihnen gründlich zu verleiden!
Vorlage S. 97
2111
Ja, sagte der Caplan, sie bedürfen der Zucht, sie können der Führung, der Leitung nicht entbehren und werden dies jemals schwerlich können. Aber soll das Messer für die That einstehen, die man mit ihm verübt? Soll die bildungslose Masse dafür einstehen, dass man also die freie Gleichberechtigung der Culte ausübt? Soll ein armer, irregeleiteter Bauernbursche es entgelten, wenn man von den Kanzeln des Landes unsere heilige Kirche schmähen darf? Soll es ihm hingehen, dem unreifen jungen Manne, dem lutherischen Candidaten, dass er sich auflehnte gegen das Gesetz seines Landes, gegen den Willen seines Königs, der unsere Gewissensfreiheit und unsere freie Religionsübung so gut wie die der Andersglaubenden zu schützen hat? Wollen Sie es dulden, dass dieser freche anmaßende Mensch Ihren Entschließungen, Ihrem freien Willen auf der Kanzel Ihrer eigenen Kirche entgegentritt? dass er Ihre Leute zur Beurtheilung Ihrer Handlungen aufreizt, dass er sie zu Ihren Richtern macht? – Ich für meinen Theil habe gleich getan, was meines Amtes war. Ich habe noch an demselben Tage dem Fürstbischof einen Bericht der Vorgänge eingesandt. Ich habe ihn aufgefordert, bei der Regierung Beschwerde über den Angriff zu führen, der durch den Candidaten gegen unsere freie Religionsübung vollführt ist, und es müsste keine Gerechtigkeit im Lande mehr zu finden sein, wenn uns unser Recht, und dem Gotthard nicht das seinige werden sollte.
Vorlage S. 97
2112
Es war selten, dass der Caplan sich also lebhaft äußerte, und dem Freiherrn fiel es daher auf. Er hatte in dem ruhigen Laufe der Zeiten es fast vergessen, dass sein alter Lebensgenosse noch etwas Anderes als nur sein Hausgeistlicher, dass er ein Mitglied jenes großen Clerus, jenes wundervollen Organismus sei, dessen Mitglieder, aus allen Schichten des Volkes hervorgehend, über die ganze Welt zerstreut, in sich vereinigt, und losgelöst von allen Banden der Familie, in Einem der Ihrigen gipfeln, der sich die höchste irdische und geistliche Machtvollkommenheit zuerkennt, von welcher ein Theil auch dem geringsten Angehörigen dieses Bundes übertragen wird, so dass ein jeder zur Befestigung und Stärkung des großen Ganzen mitwirkt, während er sich von demselben getragen, gehoben und beschützt weiß. Aber es war dem Freiherrn nicht willkommen, dass der Caplan ihn in diesem Augenblicke an seinen Zusammenhang mit seiner Kirche mahnte, dass er für seinen Theil Maßregeln getroffen und selbstständige Schritte getan hatte. Er sah dies als einen Uebergriff in seine Rechte an und er war eben jetzt noch weniger als sonst gewillt, seinen Rechten etwas zu vergeben.
Vorlage S. 98
2113
Ohne daher auf die Anmahnungen des Caplans weiter einzugehen, sprach er kalt und ernst: Ehe wir daran denken dürfen, die Freiheit unseres Cultus zu vertreten, scheint es mir notwendig, dass den Verbrechern ihre Strafe, dass Justiz geübt werde, wo gegen das Gesetz gefrevelt ward. – Was hat der Justitiarius getan?
Vorlage S. 99
2114
Der Caplan, der sich zurückgewiesen sah und dies für sich und mehr noch für die heilige Sache, der er diente, schwer empfand, ließ den Freiherrn seine Antwort eine kleine Zeit erwarten. Dann sagte er: Bei dem wüsten Angriffe, den man auf unsere unglücklichen Glaubensgenossen richtete, bei der Plötzlichkeit und Wildheit, mit der Alle zugleich über die Beklagenswerthen herfielen, war es nicht zu sagen, wer die That verübt. Jeder konnte, Niemand wollte der Mörder sein, und noch hatte der Justitiarius nichts entschieden, als Steinert von seinem Ausfluge zurückkam. Mit Einem Blicke übersah er, was geschehen war, mit Einem Satze war er vom Pferde, und rasch den Stephan aus Neudorf bei der Brust fassend, rief er: Wer's getan hat, das weiß in diesem Augenblicke Gott allein, aber sein Theil Schuld wird dieser hier an all dem Unheil haben, denn ich habe sie oft genug von ihm gehört, die Redensarten gegen den Kirchenbau und gegen die Fremden und die Franzosen. Er wird auch jetzt wieder der Anführer gewesen sein! Führt diesen hier vor allen Dingen weg, und dann wollen wir weiter sehen; das Uebrige wird sich finden!
Vorlage S. 99
2115
Und was dann? fragte der Freiherr, dessen Miene sich belebte, da er hörte, dass eine entschlossene Hand über die Aufrührischen gekommen war.
Vorlage S. 100
2116
Steinert selbst übergab dann Stephan den beiden Amtsboten; in dem Bestreben, sich zu rechtfertigen, zieh der Verhaftete Andere der Schuld, und auch diese hat man festgenommen; es sitzen ihrer acht. Murrend und drohend gingen die Männer, weinend und schreiend gingen die Weiber aus einander. Steinert eilte nach Neudorf in die Pfarre. Ich war nicht im Stande, meine Reise an dem Nachmittage fortzusetzen, und hätte ich es vermocht, so wäre es doch nicht zulässig gewesen. Ich musste bleiben, um die Stelle zu weihen, wo die Erschlagene ruhen sollte, und um sie zu bestatten, und in Beidem habe ich keine Störungen erlitten. Ich habe ihr Grab in der Nähe des zertrümmerten Standbildes graben lassen, damit die Leute es auf ihrem täglichen Wege vor den Augen haben.
Vorlage S. 100
2117
Der Caplan schwieg, der Freiherr hatte sich niedergelassen und den Kopf auf die Hand gestützt. Er schauderte zusammen, aber er sagte nicht, was ihn bewegte, bis er sich plötzlich mit dem Ausrufe: Gleich morgen muss ich hin, gleich morgen! von seinem Sessel erhob.
Vorlage S. 100
2118
Um Ihre Rückkehr zu bitten, hatten sowohl Steinert als der Justitiarius mir auch aufgetragen! meldete der Caplan, indem er gleichfalls aufstand.
Vorlage S. 100
2119
Und weshalb das? fragte der Freiherr.
Vorlage S. 100
2120
Um zu begnadigen, wo jene nur Gerechtigkeit zu üben hätten!
Vorlage S. 100
2121
Der Freiherr blieb vor ihm stehen. Und Sie würden mir rathen, dem Gesetze vorzugreifen? Sie würden der Meinung sein, dass ich durch schwache Nachgiebigkeit ähnlichen Freveln Thür und Thor öffne?
Vorlage S. 100
2122
Ich würde die höchste Strenge für den bewußten Urheber des Frevels fordern und Gnade üben ....
Vorlage S. 101
2123
Der Freiherr fuhr auf. Strenge fordern, wo ich nicht zu richten habe, und freveln lassen, wo ich Herr bin? – Nein, Caplan! Ich gehe nach Hause, morgen – aber sie sollen sich meiner Rückkehr nicht zu freuen haben, sie sollen sehen, dass ich der Herr bin!
Vorlage S. 101
2124
Der Caplan versuchte, Einspruch zu tun, des Freiherrn Ansicht umzustimmen, aber es gelang ihm nicht.
Vorlage S. 101
2125
Ueberzeugung gegen Ueberzeugung! sagte der Freiherr. Sie folgten Ihrem Gewissen, als Sie sich an den Fürstbischof wandten, ich folge dem meinigen, indem ich mich meines Rechtes bediene, mir selber Recht schaffe, und ich muss der verruchten Rotte zeigen, was sie vor meinem Willen und Belieben gilt! Aber vor allen Dingen muss ich die Herzogin sehen! – Und der Thüre zuschreitend, sprach er zu sich selber: Das ist ein schwerer, schwerer Gang!
Vorlage S. 101
2126
Neuntes Capitel
Vorlage S. 102
2127
Der Tod und das gewaltsame Ende ihrer Kammerjungfer erschütterten die Herzogin nicht in dem Grade, in welchem der Freiherr es gefürchtet hatte. Die Revolution mit ihrer Schreckensherrschaft hatte die Menschen ihres Landes hart gewöhnt, und die Herzogin hatte mehr verloren, hatte unter dem Beile der Guillotine zahlreiche Opfer fallen sehen, die einen anderen Anspruch an ihr Herz und an ihr Mitgefühl gehabt, als ihre Dienerin, wie sehr dieselbe ihr auch ergeben und bequem gewesen war. Hätte die Herzogin sich in Richten befunden, hätte sie heute die Dienste von Mademoiselle Lise empfangen und sie morgen entbehren, morgen mühsam einen Ersatz für sie suchen müssen, so würde sie ihren Verlust schmerzlicher bedauert haben und von dem Ereignisse mehr ergriffen worden sein. So aber übte die Entfernung ihre abschwächende Kraft. Die Herzogin hatte daneben die Bemerkung gemacht, dass die junge Kammerjungfer der Baronin eben so brauchbar und weniger launenhaft als die alte Mademoiselle Lise sei, und die Herzogin machte niemals einen unnützen Gefühlsaufwand, wo sie nicht etwas Bestimmtes damit zu erreichen dachte. Sie nannte die Todte ein Opfer ihres frommen Glaubens, eine arme Martyrin, und kaum hatte sie diese Bezeichnung für sie gefunden, als sie dieselbe mit so viel Leichtigkeit handhabte, als wäre es der Eigenname der Erschlagenen gewesen. Sie war mit jedem Ereignisse fertig, sobald sie die Form gefunden hatte, in der sie es betrachten und den Anderen darstellen wollte, und wichtiger als alles Uebrige war ihr jetzt die Frage, ob sie den Freiherrn nach Richten begleiten oder in der Stadt zurückbleiben solle, um erst mit Angelika nach deren erfolgter Herstellung auf das Land zu gehen.
Vorlage S. 102
2128
Dass man der Kranken den Vorfall in Richten verbergen müsse, verstand sich von selbst. Indeß für die plötzlich beschlossene Abreise des Freiherrn musste man ihr doch Gründe angeben, und während man überlegte, was man ihr sagen sollte, ging die Herzogin mit sich selbst zu Rathe. Angelika hatte seit ihrem Erkranken sich weniger als sonst die Mühe genommen, den Anschein eines guten Einvernehmens zwischen sich und ihrem Gaste aufrecht zu erhalten. Die Frauen sahen sich oft in mehreren Tagen nicht; wenn die Herzogin sich entfernte, wurde also in ihrem Verhältnisse zur Baronin nicht eben viel verändert. Sie hatte neben ihr nicht zu gewinnen und nicht zu verlieren, aber dem Freiherrn konnte sie ihre Freundschaft beweisen, wenn sie sich erbot, ihn in einem Augenblicke zu begleiten, in welchem widerwärtige Ereignisse und unangenehme Pflichten ihn in Anspruch nahmen.
Vorlage S. 103
2129
Während er es noch mit gewohnter Rücksicht überdachte, wie er in seiner Abwesenheit am besten für das Behagen der Herzogin sorgen könne, hatte diese ihren Entschluss gefasst, und sanft ihre Hand auf seinen Arm legend, sagte sie: Heute, mein Freund, behandeln Sie mich nicht nach meiner Würde, denn nicht nur in der Ehe, auch in der Freundschaft verbindet man sich für gute und für üble Tage. Sie können nicht glauben, dass ich hier verweilen werde, wo ich Niemandem von Nutzen bin, und dass ich Sie allein nach Richten gehen lasse, wo es mir vielleicht doch hier und da gelingt, Ihnen mit meinem Geplauder über eine verdrießliche Stunde fortzuhelfen, und wo Sie an mir wenigstens eine verständnißvolle Zuhörerin besitzen, wenn Sie sich zu irgend welchen Mittheilungen aufgelegt fühlen. Das muss feststehen unter uns, dass ich Sie jetzt begleite, und ich meine, auch unsere Kranke wird den Caplan ruhiger bei sich behalten, wenn sie weiß, dass Sie, mein Freund, deßhalb nicht ohne Gesellschaft bleiben müssen.
Vorlage S. 103
2130
Der Freiherr, der wie gar viele Menschen jedes Opfer, welches ihm die Seinigen brachten, als selbstverständlich ansah, aber die geringste Gefälligkeit, welche ihm von Fremden bewiesen ward, hoch anzuschlagen liebte, weil er darin eine doppelte Befriedigung seiner Eitelkeit fand, nahm das Anerbieten der Herzogin mit warmer Erkenntlichkeit auf und an, und nachdem man sich über diesen einen Punkt verständigt hatte, legte alles Uebrige sich leicht zurecht. Man sagte der Baronin, dass eine schwere Krankheit von Mademoiselle Lise den Caplan so lange in Richten zurückgehalten habe, dass die Kranke nach der Herzogin verlange, und dass diese sich bewogen fühle, den Wunsch ihrer vieljährigen Dienerin zu erfüllen. Allein reisen konnte man die Herzogin nicht lassen, und da der Caplan eben erst angekommen, der Freiherr aber lange von Richten entfernt war, so lag es nahe, dass der Letztere die Herzogin nach Hause geleitete und dass er den Vorschlag that, auch Renatus mit sich zu nehmen, für welchen man den Aufenthalt in der Stadt bei der heißen Jahreszeit nicht vortheilhaft glaubte.
Vorlage S. 104
2131
Die Baronin zeigte sich mit dieser Einrichtung einverstanden, ja, sie selber machte den Vorschlag, der Herzogin ihre Kammerjungfer ein für alle Mal abzutreten, da sie sich künftig von Mamsell Marianne bedienen zu lassen dachte, und Seba hatte kaum davon gehört, als sie sich erbot, die Pflege und Wartung der Baronin ausschließlich über sich zu nehmen, bis Marianne, die man sogleich benachrichtigen wollte, aus der Residenz bei ihrer Herrin eintreffen würde. Indeß dem Freiherrn wollte das nicht gefallen. Er war gerecht genug, die Dienste zu schätzen, welche Seba der Baronin bisher geleistet hatte, aber er konnte den Zusammenstoß nicht vergessen, den er um Paul's willen mit Seba gehabt. Allerdings hatte ihr ruhiges und gleichmäßiges Betragen ihm später keinen Grund zum Missfallen gegeben, und wenn er die Angelegenheit nur von Seiten der Bequemlichkeit betrachtete, so konnte er es gar nicht besser wünschen. Beide Frauen, die Herzogin und Angelika, wurden zufrieden gestellt, beide wusste er bedient, wie sie es bedurften, die Abreise brauchte durch die Wahl einer Kammerjungfer für die Herzogin nicht um eine Stunde verzögert zu werden, und man hatte für die Zukunft eine angemessene Verwendung für Marianne gefunden, während man den Aufwand für die Bedienung der Baronin sparte. Aber mit der fortschreitenden Erholung seiner Frau regte sich in dem Freiherrn ein immer lebhafteres Bedenken dagegen, sie überhaupt in dem Hause des Juweliers zu lassen, weil Herbert in demselben wohnte.
Vorlage S. 104
2132
Er hatte augenblicklich daran gedacht, als die Baronin erkrankte, aber er hatte Herbert abwesend gewusst und sich damit beruhigt, dass Angelika das Haus verlassen haben werde, ehe jener in dasselbe wiederkehre. Nun, da er seine Gattin allein zurücklassen sollte, musste er sich fragen, ob sie von jenem Umstande Kenntnis habe, ob und in wie weit Seba von den obwaltenden Verhältnissen unterrichtet sei und in wie fern er sich auf ihre Zurückhaltung verlassen könne. Mit Angelika jetzt von Herbert zu sprechen, hielt er nicht für rathsam, gegen die Flies'sche Familie irgend eine Abmahnung zu äußern, hätte ihm eine Beleidigung seiner eigenen Ehre gedünkt, und nachdem er in seinem Geiste das Für und Wider schnell erwogen, gab ein Blick auf die Gestalt Angelika's für seine Entscheidung den Ausschlag.
Vorlage S. 105
2133
Er hatte immer nur von der baldigen und völligen Herstellung seiner Frau gesprochen, weil es ihm thöricht dünkte, sich unabweisliche Trübsal im Voraus zu vergegenwärtigen, aber jetzt, da er seine Entschlüsse danach zu fassen hatte, verbarg er sich es nicht, was selbst der Arzt ihm kaum verhehlen mögen: Angelika hatte keine völlige Herstellung zu erwarten, er hatte von der Zukunft dieser Frau nicht viel zu hoffen, nichts mehr zu befahren. Er konnte und musste ihr zu seiner eigenen Genugthuung gewähren, was sie wünschte, was sie freute. Er gönnte ihr also auch die Gesellschaft Seba's, er gönnte ihr den Aufenthalt im Flies'schen Hause, in dem man zu größerer Beruhigung der Scheidenden auch dem Caplan ein Unterkommen anbot, und zufrieden, sich allen Theilen gefällig zeigen zu können, durfte der Freiherr sich das Zeugnis geben, dass er unter diesen Umständen das Richtige thue, wenn er Angelika der Pflege Seba's überlasse, und sich getrösten, dass er auch in Richten das Notwendige und Rechte zu tun nicht versäumen werde.
Vorlage S. 105
2134
Die Zurüstungen für die bevorstehende Abreise wurden denn nun schnell gemacht, und da die Baronin zuversichtlich hoffte, dass sie in nicht zu ferner Zeit den Scheidenden werde folgen können, trennte sie sich von ihrem Gatten und selbst von ihrem Sohne weniger schwer, als man es für sie gefürchtet hatte.
Vorlage S. 106
2135
Sowohl für den Freiherrn als für die Herzogin waren die Ereignisse traurig genug, welche ihre Abreise aus der Stadt veranlaßten, und doch athmeten beide freier auf, als sie sich auf dem Wege fanden. Keiner von ihnen vermisste die arme Kranke, jeder von ihnen fühlte sich fern von ihr erleichtert. Der Freiherr hatte doch gar manche Stunden, in denen er es sich nicht wegleugnen konnte, dass er, von aufgestachelter Eifersucht verblendet, eine schwere Ungerechtigkeit gegen seine Frau begangen habe, welche sie mit einer Ergebung trug, die ihm dieses Unrecht beständig ins Gedächtnis rief. Es kamen Augenblicke, in welchen er die Trennung, die er freiwillig und vermessen über sich und seine Frau verhängt hatte, als einen unheilvollen Schritt beklagte, und in denen Gewohnheit und aufwallende Neigung ihn zu ihr ziehen wollten; aber wo in einer Ehe selbstsüchtiger Stolz einmal die Alles umfassende und tragende Liebe zurückgedrängt hat, wo das volle Vertrauen einmal anbrüchig geworden ist, da flüchtet die kleinste Mißhelligkeit sich in den Riss, nistet sich ein, schlägt Wurzel und wächst mit der nächsten noch unbedeutenderen Mißhelligkeit zusammen, bis sie stark genug werden, den Riss zu erweitern, und der Bruch wird vollends unheilbar, wenn, wie in dem freiherrlichen Hause, ein scharfes Auge und eine geschickte Hand bereit sind, dem natürlichen Lauf der Dinge arglistig nachzuhelfen. Der Freiherr wusste, dass seine Gattin unglücklich war, er fühlte sich auch nicht glücklich, aber die Herzogin verstand es, jede der Baronin günstige Stimmung in dem Freiherrn entweder zu verbittern oder zu unterdrücken, und was im Beginne nur ein müßiges Spiel für sie gewesen, war ihr allmählich zum Lebenszweck geworden.
Vorlage S. 106
2136
Sie hatte am Anfange weder für den Freiherrn noch für Angelika eine besondere Vorliebe gefühlt, aber die Leichtigkeit, mit welcher dieser sich für ihre selbstsüchtigen Zwecke benutzen und ausbeuten ließ, und das heimliche Widerstreben gegen ihren Einfluß, das zu allen Zeiten immer wieder in der Baronin rege geworden war, bis es sich zu einem entschiedenen Mißtrauen und einer nicht mehr verhehlten Abneigung gegen die Herzogin gesteigert, hatten auch die Empfindungen der letzteren bestimmt, und sie fand ein Wohlgefallen daran, es sich auszusprechen, dass sie ihrem guten Vetter, dem Freiherrn, eben so ergeben sei, als sie dessen kränkelnde, empfindsame und für ihn in keiner Weise passende Gemahlin hasse! Ja, dieser Haß war ihr zum eigentlichen Genusse geworden, weil er eine starke, mächtige, sie immer belebende und antreibende Empfindung war. Sie liebte, sie pflegte diesen Haß in sich.
Vorlage S. 107
2137
Es versetzte sie in die beste Laune, nun einmal aller Rücksichtnahme für Angelika enthoben zu sein, und auch der Freiherr fand es leichter und angenehmer, die geistreiche, witzige, mit allen Dingen leicht und schnell fertige Herzogin zu unterhalten, als eine Kranke neben sich zu haben, deren kummervolles Herz, deren besorgter Sinn sich nicht von den Gegenständen abziehen ließen, mit denen sie erfüllt und beschäftigt waren.
Vorlage S. 107
2138
Das Wetter war schön, die Gegend, durch die man fuhr, zeigte sich im günstigsten Lichte, die Unbequemlichkeiten, welche das Reisen in jenen Tagen immer noch mit sich brachte, wurden bei der guten Jahreszeit wenig fühlbar, und die Herzogin hatte in ihrem Wanderleben so mannigfache Beschwerden und Entbehrungen ertragen lernen, dass diese Reise an des Freiherrn Seite ihr in der That Vergnügen bereitete. Seine Zuvorkommenheit und ihre Dankbarkeit, seine Galanterie und die heitere Gefallsucht, die geistvollen Frauen nie verloren geht und sie selbst im späten Alter den Männern noch zu erwünschten Gesellschafterinnen macht, steigerten sich an einander, und ihre Gleichaltrigkeit ließ sie beide immer leicht vergessen, dass die Tage der Jugend so fern hinter ihnen lugen. Der Freiherr betraf sich mehrmals bei dem Bedauern, dass er der Herzogin nicht vor zwanzig, vor fünfundzwanzig Jahren so nahe gestanden habe als jetzt; auch sie selber dachte daran, dass es sich mit einem Manne von den Eigenschaften des Freiherrn wohl hätte leben lassen, wenn er ihr, wie ihr Gatte, einen Herzogstitel zu bieten gehabt hätte; und wie die Kindheit es liebt, sich spielend in das Alter der Erwachsenen hinein zu denken, so gefielen die Reisenden sich darin, von ihren Erinnerungen die hellen Farben der Jugend zu entlehnen, um sich mit ihnen vor sich selbst zu schmücken. Sie spielten mit einander Jugend, wie die Kinder Alter spielen, und auf das beste unterhalten durch den Selbstbetrug, einander noch mehr angenähert als je zuvor, schwanden die Reisetage ihnen so anmuthig dahin, dass der Freiherr fast des Anlasses vergaß, der ihn in die Heimath zurückgerufen hatte.
Vorlage S. 108
2139
Indeß mit der Annäherung an seine Grenzmark konnte er sich der Gedanken, die er gern geflohen, doch nicht mehr entschlagen, und die Herzogin bemerkte, wie er still und stiller wurde. Es war spät am Nachmittage, als sie den Wald erreichten, der sich von der Grenze bis nach Neudorf hinzog. Die Hitze war während der letzten Wochen sehr groß gewesen; die Sonne stand noch hoch. Wie mit rothem Golde übergossen, glühten die braunen Stämme der Kiefern, und über ihren breiten, grünen Dächern, auf ihren leuchtenden Wipfeln flammte das heiße Licht. Kein Lufthauch störte die Stille in dem weiten Walde, dessen mächtige, schlanke, von ihren reichen Kronen überwölbte Stämme sich wie die Hallen eines Tempels weithin vor den Reisenden ausdehnten. Man meinte es zu sehen, wie die brütende Hitze den harzigen Stämmen ihren balsamischen Duft entlockte und wie aus den einzelnen moorigen Wiesen, die sich zwischen dem Walde hinzogen, die letzte Feuchtigkeit entwich. Lautlos flogen die Vögel von Zweig zu Zweig, nur die Käfer summten, und langsam, wie beladen mit zu schwerer Bürde, flogen einzelne Bienen über den Wagen hin, während hellfarbige Schmetterlinge ihm in gaukelndem Fluge paarweise folgten.
Vorlage S. 108
2140
Auf den Befehl ihres Herrn hatten die Diener geschäftig den Wagen zurückgeschlagen, und in dem Walde umherschauend, sagte der Freiherr, indem er sich mit leichter Hand die Stirn trocknete: Ah, endlich auf eigenem Grund und Boden, endlich in freier, heimischer Natur!
Vorlage S. 109
2141
Die Herzogin sah ihn an, als wolle sie sich überzeugen, ob er ernsthaft spreche, und sagte dann lächelnd: Gewisse Dinge kann ich auch meinen ältesten und besten Freunden immer nur mit Mühe glauben, und dass Sie, mein Cousin, sich wirklich an der rohen Natur erfreuen können, dass es Ihnen Vergnügen macht, das Gras auf einer Wiese und das Wasser in einem Bache zu betrachten, davon werden Sie mich nicht überreden. Ueberlassen wir das den Leuten, die, wie der Apostel der Uncultur, wie der grillenhafte, unerzogene Rousseau, in der Gesellschaft ihren Platz nicht zu behaupten und mit ihres Gleichen nicht zu leben verstehen. Wir, die wir in unserer Väter Schlössern geboren wurden, dünkt mich, sind nicht dazu gemacht, die Neigungen der gefiederten Waldbewohner und der in Hütten Geborenen zu theilen. Die Bewunderung der Natur ist mir ein zu bürgerliches Vergnügen, ist revolutionärer, als es scheint, und ich für meinen Theil – ich fühle sie nicht!
Vorlage S. 109
2142
Der Freiherr, bei welchem solche Einfälle der Herzogin sonst einen schnellen Wiederhall fanden, nahm diesen nicht mit der erwarteten Bereitwilligkeit auf. Das verdroß sie; sie lehnte sich in die Wagenecke zurück, in der Gewissheit, dass ihr Reisegefährte seine Unachtsamkeit bald zu vergüten streben werde. Aber ihre Voraussetzungen täuschten sie, und von der Wärme ermüdet, von der sanften Bewegung des Wagens gewiegt, ließ sie die Augenlider sinken, und bald hatte der Schlummer sie überwältigt.
Vorlage S. 110
2143
Dem Freiherrn kam das sehr gelegen. Seine Freude an dem eigenen Grund und Boden währte dieses Mal nicht lange. Schon als er nach der Stadt gefahren, hatte er mit Mißvergnügen gesehen, wie stark die Waldungen mitgenommen waren. Grade die mächtigsten Stämme, die Zierden und der Stolz des Waldes, waren mit diesem Theile der Waldungen der unbarmherzigen Axt erlegen, und jetzt, wo er, von der andern Seite kommend, in die Ferne sah, fand er die Gegend so verändert, dass sie ihm fast wie fremd erschien. Gleich am Eingange des Waldes konnte man die Neudorfer Kirche, welche sonst erst am Ausgange desselben sichtbar gewesen war, erblicken. Es nahm sich nicht übel aus; es mochte auch vortheilhaft sein, dass man das große Terrain zur Seite des Weges gerodet hatte, denn es war schwerer Boden, der nach gehöriger Behandlung guten Ertrag versprach. Aber alle diese Aenderungen waren nicht freiwillig gemacht; sie waren von einer Notwendigkeit geboten worden, und es war nicht mehr das heitere Auge des zufriedenen Besitzers, mit dem der Freiherr auf den weiten, schönen Theil des Waldes blickte, der nach den abgeschlossenen Contracten im nächsten Herbste auf Betrieb des Käufers fallen musste. Er genoss diese Natur nicht mehr rein, er berechnete ihren Ertrag.
Vorlage S. 110
2144
Er konnte sich nicht verbergen, dass er eine völlige Aenderung in seiner Lebensführung eintreten lassen müsse, wenn er erhalten wollte, was noch sein war, wenn er auf Renatus vererben wollte, was er überkommen hatte. Aber wie er auch darüber sann, er fand nicht, dass er ein Ungehöriges getan, er hatte immer nur das von seinen Verhältnissen Geforderte geleistet, und er war so völlig mit seinen Gewohnheiten und Anschauungen verwachsen, dass ihm eine wirkliche Einschränkung unmöglich dünkte. Dass ein Edelmann von Haus und Hof vertrieben, wie seine Freundin heimathlos und flüchtig werden könne, das begriff er, und fast däuchte ihm dieses Loos erträglicher, als inmitten seiner Standes- und Lebensgenossen von seinen Gewohnheiten abzuweichen, oder eine Stufe von der Höhe hinunter zu steigen, auf welcher die Herren von Arten sich hierlands seit Generationen behauptet hatten. Er wiederholte es sich, dass er in seinem vollen Rechte sei, er versuchte endlich, sich es klar zu machen, dass im Grunde gar nichts geschehen sei, ihn zu beunruhigen; denn was war es denn so Wichtiges, dass man ein altes, unbehagliches Haus verkaufte, oder dass man Wälder ausschlagen ließ, um die Mittel für einen großartigen Bau und für neue Cultivirungen zu schaffen? Man konnte in der Residenz, wenn man es wollte, ein schöneres, bequemeres Haus erbauen, und die Herrschaft hatte des Waldes von allen Arten noch genug. Indeß wie oft er sich dies Alles auch wiederholte, es wollte ihm das Wohlgefühl nicht wiedergeben, mit welchem sonst der erste Schatten seines Waldes ihn erfüllt, und es waren lauter unerfreuliche Bilder, lauter trübe Vorstellungen, die sich in seinem Geiste entwickelten.
Vorlage S. 111
2145
Ein scharfer Luftzug schreckte ihn aus denselben empor. Er wurde achtsam, die Sonne schien nicht mehr durch das Laub. Er hörte den Ton des Regenpfeifers, und nicht fern vom Wege klopfte und hämmerte der Specht. Das Wetter hatte sich geändert, während sie durch den Wald gefahren waren. Es überlief den Freiherrn fröstelnd. Auch in seiner Seele klopfte und mahnte es heute gar vernehmlich, und sich in seinen leichten, weißen Reisemantel hüllend, sagte er halblaut und seufzend zu sich selber: Es ändert sich eben Alles; es währt hienieden nichts! – Aber er unterdrückte die Gedankenreihe, welcher der Ausruf entsprungen war, wie jene, welche sich an ihn knüpfen wollte.
Vorlage S. 112
2146
Von dem Luftwechsel erwachte die Herzogin. Man hatte das freie Feld erreicht; einzelne Dohlen schwangen sich mit versuchendem Flügelschlage von dem Boden auf, hoben die Köpfe, als wollten sie sehen, woher der Wind komme, und flogen dann dem Walde zu. Krächzend und mit schallendem Flattern folgte ihnen die ganze Schaar. Wir bekommen ein Gewitter, sagte der Freiherr; die Krähen suchen Schutz. Aber ich hoffe, dass wir Richten noch erreichen, bevor das Wetter aufkommt.
Vorlage S. 112
2147
Die Kutscher trieben die Pferde an, man fuhr schnell an den Gegenständen und an den Menschen vorüber. Auf den Wiesen war Alles in voller Tätigkeit; man war in der Heu-Ernte und hastete sich bei dem heraufziehenden Wetter, wenigstens die wartenden Wagen noch voll zu laden, um sie womöglich trocken unter Dach zu bringen. Trotzdem erregte das Erscheinen der beiden Reisewagen ein großes Erstaunen. Niemand war von der Heimkehr des Freiherrn unterrichtet gewesen, und man hielt erschrocken mit der drängenden Arbeit inne. Die Mützen flogen bei dem Anblicke des Freiherrn mit gewohnter Unterthänigkeit von den Köpfen, aber die Gesichter lachten nicht so freudig wie sonst, wenn der Freiherr nach längerer Abwesenheit heimzukehren pflegte. Man fragte einander, was diese unerwartete Ankunft zu bedeuten habe, aber man war nicht begierig, die Antwort des Befragten zu vernehmen; und dass die Herzogin bei dem Freiherrn saß, während die Baronin nicht mitgekommen war, das steigerte die unheimliche Angst, von welcher die Leute sich in der Erinnerung an ihre Missethat ergriffen fühlten.
Vorlage S. 112
2148
Jeder Einzelne wollte nicht gern besonders wahrgenommen werden, sondern trat lieber hinter seinen Nebenmann zurück; denn sie dachten, wen der Herr ins Auge fasse, auf den richte sich sein Verdacht so wie sein Zorn. So geschah es, dass die Leute, Alt und Jung, zurückwichen, wo des Freiherrn Wagen vorüberfuhr, und sein scharfes Auge bemerkte das und wusste es zu deuten. Man fürchtete in ihm den Richter, das sollte und musste so sein. Er war nach Hause gekommen, um strenges Gericht zu üben, aber nichts desto weniger kam es ihm bitter an, denn er fühlte sich dadurch von den Leuten geschieden, die er bis dahin gewissermaßen mit sich Eins gewusst hatte, und ihre scheuen, misstrauischen Blicke mißfielen ihm.
Vorlage S. 113
2149
Im Pfarrhause saß die Pfarrerin wie immer am Fenster in dem großen Lehnstuhle; sie sah hinaus, als sie die Wagen kommen hörte, aber sie fuhr schnell mit dem Kopfe zurück, und als man an dem Hause vorüberkam, war sie verschwunden.
Vorlage S. 113
2150
Jetzt wird der Herr Pfarrer von Ihrer Rückkehr unterrichtet, bemerkte die Herzogin, und er wird keine Hymne singen, wenn er sie erfährt.
Vorlage S. 113
2151
Gewiss nicht, entgegnete der Freiherr, aber ich finde es unangenehm, Schrecken zu erregen und Furcht einzuflößen.
Vorlage S. 113
2152
Trösten Sie sich mit dem Sturme, der über das Land fährt. – Er erschreckt uns auch, aber wir beugen uns seiner Gewalt und er befreit die Luft, damit wir ungehindert und frei in ihr athmen.
Vorlage S. 113
2153
Er antwortete ihr nicht. Man hatte den Wagen und die Fenster schließen müssen. Wie Binsen bogen sich die jungen Bäume zu beiden Seiten der Landstraße unter dem schweren Drucke des Sturmes, der Himmel verdüsterte sich mehr und mehr, die dunklen Wolkenmassen rückten einander nach jedem Windstoße näher, ballten sich zusammen, senkten sich tiefer hinab, und wirbelnd flogen die hohen Staubsäulen empor, wo der Wind den ausgedörrten Boden berührte. Bisweilen hörte man fernen Donner rollen, und dann zuckte es hell durch die dunkle Luft, dass man nicht wusste, ob ein Sonnenstrahl noch einmal seinen Weg durch die Wolken gefunden oder ob es der Blitz sei, der die Gegend erhelle. Das Wetter drohte sehr schwer zu werden, und Jedermann hat es auf dem offenen Lande zu fürchten, wenn das Gewölk sich grünlich färbt, als berge es den zerschmetternden und vernichtenden Hagel in seinem Schooße.
Vorlage S. 113
2154
Vor der Kirche in Rothenfeld ließ der Freiherr das Fenster herunter. Ein Blick ließ ihn Alles übersehen. Vorn, dicht an dem eisernen Gitter, erhob sich der Grabhügel, welcher die Reste von Mamsell Lise umschloß. Von dem Crucifixe war der rechte Flügel mit dem Arme des Heilandes heruntergeschlagen; ohne Kopf, die Hände verstümmelt, knieete die Büßerin zu seinen Füßen. Der Freiherr mochte den Gräuel nicht sehen, die Herzogin war blass geworden und biss die Lippen zusammen. Sie sprachen beide nicht.
Vorlage S. 114
2155
Im Amte liefen ein paar Knechte umher, die Fensterladen und Thorflügel festzuhaken, während der Hirt die eilende Schafheerde in den Hof trieb. Oben in ihrer Stube schloß Eva das Fenster, aber sie konnte es nicht gewältigen, und es bog sich ein Mann heraus, ihr Hülfe dabei zu leisten. Der Freiherr erkannte ihn, es war Herbert. Der Caplan hatte ihm nichts von dessen Anwesenheit berichtet, er mochte vielleicht auch erst nach der Abreise des Geistlichen in Rothenfeld eingetroffen sein, und es war natürlich, ja, sogar gefordert, dass er sich hier aufhielt, dass er im Amte wohnte. Der Freiherr würde unzufrieden gewesen sein, hätte er den Baumeister nicht bei seinem Werke gefunden, und er war nun eben so unzufrieden, ja, noch unwilliger darüber, als er ihn eben da erblickte, wo er hin gehörte. Es war für den Freiherrn nicht mehr herauszukommen aus dem Mißmuthe und aus den Verdrießlichkeiten, und ärgerlich sagte er zu sich selber: Mag er sein, wo er will, heirathen soll er nicht, ehe er seine Arbeit hier vollendet hat und so lange die Steinerts in meinem Dienste stehen!
Vorlage S. 114
2156
Je mehr er an innerer Ruhe verlor, je mehr er sich aus seinem gewohnten Gleichmaße herausgerissen fühlte, um so reizender wurden ihm die Macht und die Gewalt, über die er zu verfügen hatte, und während ihm noch vor einer halben Stunde die Scheu, mit welcher man ihn empfing, einen betrübenden Eindruck erzeugt hatte, fing er jetzt mit einem ihm bis dahin völlig fremden Vergnügen zu überlegen an, wie er die Missethäter strafen, wie er sie entgelten lassen wolle, dass sie sich gegen seinen Willen aufgelehnt und Hand angelegt hatten an das Heiligthum, das er errichtet.
Vorlage S. 115
2157
Der Regen strömte vom Himmel, es blitzte nicht, aber ein elektrisches Feuer flammte zitternd durch die ganze Luft, als die beiden Reisewagen in das große eiserne Gatterthor einfuhren, rasch die Allee durchflogen und auf der Rampe vor dem Portal hielten. Die Diener sprangen von ihren Sitzen, triefend und mit nassen Händen hoben sie Renatus aus dem Wagen, die Bonne und die Kammerjungfer folgten, und vorsichtig half der Freiherr selbst der Herzogin auszusteigen und die Stufen zu überschreiten, welche der wolkenbruchartige Regen schnell unter Wasser gesetzt hatte.
Vorlage S. 115
2158
Im Schlosse war Alles in der größten Bestürzung. Es war noch niemals vorgekommen, dass der Freiherr in solcher Weise, ohne sich anzumelden, nach Hause zurückgekehrt war. In den Zimmern hatte man, weil man Hagel besorgte, der Vorsicht wegen die Läden geschlossen, die Möbel waren während der Abwesenheit der Herrschaft mit Decken verhüllt, die Dienerschaft hatte es sich in ihren Räumen bequem gemacht und musste erst zusammengeholt werden. Es waren natürlich gar keine Vorkehrungen für die gewohnte Bequemlichkeit der Herrschaften getroffen, und während Alles durch einander lief und Jedermann sich hastete, um zur rechten Zeit ein Abendbrot bereit zu haben und die Zimmer wohnlich herzustellen, hielt man doch die aus der Stadt zurückkommende Dienerschaft, wo man ihrer habhaft werden konnte, fest, um in aller Eile zu erfahren, was es bedeute, dass die Baronin nicht mitgekommen sei, um zu fragen, wie der Freiherr die Nachrichten aus Rothenfeld und Neudorf aufgenommen, und um es mit ungläubigem Erstaunen zu vernehmen, dass die kranke Baronin noch immer bei den Juden wohne, bei denen der Unfall sie betroffen; dass die Tochter dieser Juden ihre Pflegerin und ihre Herzensfreundin sei, dass der Freiherr sein Haus in der Residenz verkauft habe, und dass die alte, spukhafte Mamsell Marianne zur Bedienung der Baronin nach Richten berufen worden, weil die Kammerjungfer jetzt die Stelle der französischen Mamsell bei der Herzogin vertreten solle, was ihr auch nicht an der Wiege vorgesungen sei. Dazwischen ließ man ahnen, dass es die Baronin sicherlich nicht weit in Jahren bringen werde. Der Kammerdiener vertraute dem Secretär, dass der Doctor sie eigentlich aufgegeben habe, und wenn die Frau Baronin ihre Augen schließe, dann wolle er nicht hinsehen.
Vorlage S. 115
2159
Der Secretär fragte, ob er es denn für möglich halte, dass der Freiherr .... er sagte nicht zu Ende, was er dachte.
Vorlage S. 116
2160
Der Kammerdiener antwortete, man müsse sie kennen, wie er; sie sei falsch und schlau, wie kein Mensch es sich nur denken könne. Auch er nannte keinen Namen, und doch meinte nach einer halben Stunde Einer wie der Andere im Schlosse: nur davor sollte der liebe Herrgott sie bewahren, und das werde der Freiherr auch nicht tun. –
Vorlage S. 116
2161
Draußen tobte das Wetter in ununterbrochener Heftigkeit, aber selbst die alte, schreckhafte Beschließerin, welche es sonst nicht leicht versäumte, bei solchem sichtlichen Zorne Gottes ihr Vaterunser zu beten, merkte heute gar nicht, was um sie her geschah. Die überraschenden Neuigkeiten, das Verwundern, das Vermuthen und Prophezeien nahmen sie wie alle ganz und gar in Beschlag; denn wie allen Menschen von beschränktem Gesichts- und Gedankenkreise verschwand ihnen vor dem Nächsten, das sie beschäftigte, die ganze übrige Welt, und es hätte eines Erdbebens bedurft, um das Hauspersonal von dem Erstaunen über die plötzliche Ankunft der Herrschaft und von der Frage, was denn nun kommen und geschehen werde, abzuziehen.
Vorlage S. 117
2162
Zehntes Capitel
Vorlage S. 118
2163
Einsam und verdüstert ging der Freiherr in seinen Gemächern umher. Er hatte die weiten Räume sonst immer gern gehabt, heute waren sie ihm zuwider. Sie kamen ihm leer vor. Er begab sich nach dem Flügel, den seine Frau bewohnte; dort war noch Alles zugeschlossen. Er kehrte also wieder um, er wusste auch selbst kaum, was er dort gewollt. Im Vorübergehen trat er bei Renatus ein. Der Knabe war ganz von dem Wiedersehen seines Hundes hingenommen, hatte seine Spielgeräthschaften ausgekramt und achtete wenig auf den Vater. Der Freiherr verweilte nur kurze Zeit bei ihm und fand sich bald wieder in seinen Zimmern allein.
Vorlage S. 118
2164
Es überfiel ihn eine marternde Unruhe. Sein Schloß schien ihm wie ausgestorben. Er hatte geglaubt, allen Zusammenhang mit der Baronin verloren zu haben, jetzt fehlte ihm die unsichtbare Fürsorge, mit der sie ihn umgab, ohne dass er ihr Eingreifen und Tun gewahrte; ihm fehlte eben so die Nähe des Caplans, so selten er diesen in der letzten Zeit auch im Vertrauen gesehen; es fehlte ihm eben Alles, selbst der Pendelschlag der Uhren, den er zu hören gewohnt war. Sie waren alle abgelaufen. Er ging sie selber aufzuziehen. Es war eine Mühe, die er sich sonst nie zuvor gegeben, aber er musste etwas tun, um das unheimliche Gefühl der Vereinsamung zu überwinden. Er kam sich wie ein irres, über den Ruinen seines eigenen Daseins wandelndes Gespenst vor, und plötzlich dachte er mit Grauen der Tage, in denen einst Paulinens Gestalt ihn in diesen Zimmern spukhaft umschwebt hatte. Dann wieder sah er die bleiche, hinsinkende Angelika und den Knaben vor sich, der ihn mit so starrem, angstvoll flammenden Blicke angesehen.
Vorlage S. 118
2165
Es war ihm, als presse die Luft in diesen Räumen, die ihm eben noch so leer gedäucht, ihm Kopf und Brust zusammen, er musste die Fenster öffnen. Es regnete noch immer, auch das Gewitter war noch nicht vorüber. Die feuchte Kühlung, welche herein drang, erfrischte ihn, aber sie vermochte seine Ungeduld nicht zu besänftigen. Er verlangte nach einer Ableitung für dieselbe, und rasch seine Hand erhebend, schellte er dem Diener. Es soll sogleich ein Bote nach Neudorf reiten, befahl er, und den Pfarrer zu mir rufen!
Vorlage S. 119
2166
Es ist sechs Uhr vorüber, gnädiger Herr! bemerkte der Diener.
Vorlage S. 119
2167
Und? fragte der Freiherr, indem er ihn gebieterisch anblickte.
Vorlage S. 119
2168
Der Diener verneigte und entfernte sich schweigend. Ehe der Reitknecht sattelte und nach Neudorf kam, ehe der Pfarrer anspannen ließ und in Richten sein konnte, musste es halb neun Uhr werden und der Freiherr bei dem Abendbrode sein.
Vorlage S. 119
2169
Er ist wie ausgetauscht! dachte der Diener, während er die Treppe hinunterstieg, und es widerstrebte ihm, den Befehl zu überbringen; denn es war sonst nie des Freiherrn Art gewesen, seine Untergebenen zur Unzeit zu bemühen oder sie in ihren Feierstunden zu stören, und eben seine rücksichtsvolle Menschlichkeit gegen den Geringsten seiner Leute hatte ihm deren Liebe und Verehrung erworben.
Vorlage S. 119
2170
Er hatte den Diener auch kaum entlassen, als er sich selber die Berechnung machte, wie er sich ein lästiges Erwarten einer lästigen Besprechung auferlegt; indeß er liebte es nicht, seine Befehle zu widerrufen, und um die langsam schleichenden Stunden zu bewältigen, setzte er sich endlich an seinen Schreibtisch nieder, die Postsendung zu mustern, welche für ihn nach der Abreise des Caplans in Richten angekommen war.
Vorlage S. 119
2171
Aber er hatte die Tasche kaum geöffnet, als er die Zeitung und alles Uebrige zur Seite legte, um ein Couvert zu betrachten, dessen Handschrift ihn in eine lebhafte Ueberraschung versetzte. Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen und doch war sie ihm vertraut genug. Mit einer Hast, die gegen seine sonstige Gemessenheit sehr abstach, erbrach er das Siegel, auf dem mit festem Drucke das gräflich Berka'sche Wappen ausgeprägt war, um den Brief zu lesen, den ersten Brief, welchen sein Schwiegervater seit dem Familienzerwürfniß an ihn richtete.
Vorlage S. 120
2172
»Ich bin lange mit mir zu Rathe gegangen,« schrieb der Graf, »ob ich Ihnen schreiben, oder mich auf den Weg machen sollte, Sie aufzusuchen; und nun ich mich zu dem ersteren entschlossen, da ich Sie nicht zu überraschen und durch die Gewalt des Augenblickes zu bestimmen wünschte, weiß ich kaum noch, mit welchem Namen ich Sie nennen soll. Wo sich nach einer langen, ungetrübten Lebensgemeinschaft, die man von beiden Seiten als einen Vorzug zu schätzen wusste, ein Bruch aufthut, der durch viele Jahre offen bleibt, verändert die Zeit, die uns in unserem eigensten Wesen umgestaltet, auch notwendig die beiderseitigen Verhältnisse, und kein Erfahrener kann an die Möglichkeit glauben, das alte Band und die früheren Zustände wieder zu finden oder wieder herzustellen. Trotzdem mag es zwischen uns, wo die nächsten und heiligsten Bande des Blutes ihre Ansprüche geltend machen, vielleicht gelingen, sich in neuer Weise und auf neuem Boden zu vereinigen, und ich biete Ihnen die Hand, lieber Arten, um diesen Versuch zu machen.
Vorlage S. 120
2173
Ich verhehle Ihnen nicht, dass ein bestimmtes Ereignis mir den nächsten Anlass zu diesem Briefe gegeben und den Entschluss, Ihnen eine Versöhnung vorzuschlagen, in mir zur Reife gebracht hat. Ich habe meinen sechzigsten Geburtstag begangen, und vorwärts blickend auf die Jahre, die mir noch gegönnt sein können, zurückschauend auf den Weg, den ich gegangen bin, wird Alles einheitlicher, sieht Alles sich milder und weniger ungewöhnlich an.
Vorlage S. 120
2174
Was ich meiner Tochter einst nicht verzeihen zu können glaubte, den Abfall von der Lehre, in der sie mit uns vereinigt war, und ihren Uebertritt zur römischen Kirche, das habe ich als eine Thatsache hinnehmen lernen, wofern sie ihr Glück und ihren Frieden in ihrem neuen Bekenntnisse findet. »In meines Vaters Hause sind viel Kämmerlein«, – mag sie weilen, wo ihr die Sonne am wärmsten scheint. Sie ist um ihret-, nicht um meinetwillen in der Welt; sie ist uns eine gute Tochter gewesen, sie ist Ihnen sicherlich eine würdige Gattin geworden. Glaubte sie dazu der kirchlichen Gemeinschaft mit Ihnen nötig zu haben, so that sie vielleicht wohl, dieselbe zu suchen, und Gott wird ihr mit seinem Troste nahe geblieben sein, in welcher Form sie sich auch zu ihm gewendet hat, sofern nur ihr Streben ein Gott wohlgefälliges gewesen ist.
Vorlage S. 121
2175
Ich habe unsere Angelika, ich habe meine Tochter schwer vermisst, als ich gestern ein Decennium meines Lebens abschloß, und auch Angelika's Gedanken werden bei mir gewesen sein. Ich und ihre Mutter haben die Härte bereut, mit der wir sie von uns gewiesen, unser täglicher Segenswunsch hat das Verdammungs-Urteil längst entkräftet, das wir einst gegen sie gefällt, und ihr eigenes Mutterherz wird sie gelehrt haben, dass die Elternliebe zwar beleidigt, aber nicht zerstört werden, dass sie irren, aber auch bereuen kann.
Vorlage S. 121
2176
Man sagt mir, Angelika sei krank, Sie hätten sie nach der Stadt gebracht, einen der dortigen Aerzte zu Rathe zu ziehen. Hat sie nicht verlangt, uns zu sehen? Hat sie nicht daran gedacht, uns Kunde von sich zu geben? Und wollen Sie uns dieselbe zukommen lassen, wenn Sie dieses Schreiben empfangen haben werden? Ihre Mutter und ich sind in schwerer Sorge um sie.
Vorlage S. 121
2177
Unsere Glaubensstrenge hat den Bruch veranlaßt, der uns, mein theurer Arten, so lange von unserem Kinde und von Ihnen, mein alter, werther Freund, entfernt gehalten hat. An uns, die wir die Trennung verschuldeten, ist es daher, eben so offen und unumwunden die Versöhnung zu versuchen; und mich dünkt, diese Erklärung kann und muss allen Ihren Anforderungen und Bedenken Genüge tun. Es ist ein Freund, der von Ihnen die alte Freundschaft, es sind Eltern, die von Ihnen ihre Tochter wieder zu erhalten wünschen, Großeltern, die sich danach sehnen, Ihrem Renatus die segnende Hand auf das Haupt zu legen. wir haben Angelika's Sohn noch nicht gesehen.
Vorlage S. 122
2178
Meinem ältesten Sohn ist nach zwei Töchtern vor wenig Wochen der Erbe geboren, der ihm und meinem Hause fehlte. Wir haben ihn an meinem Geburtstage taufen lassen, die ganze Familie ist bei mir versammelt. Wollen Sie kommen, den Kreis vollzählig zu machen, in dem wir Sie entbehren? Oder verlangen Sie es, fordert es Ihr Gefühl, erheischt es Angelika's Befinden, dass wir Sie in Ihrer Heimath suchen kommen? – Ich überlasse Ihnen die Entscheidung.
Vorlage S. 122
2179
Für unsere Tochter füge ich von mir und ihrer Mutter nichts hinzu. Es gibt Dinge, die über das Wort erhaben, weil sie selbstverständlich sind. Unsere besten Wünsche, unsere Liebe, unser Segen sind mit ihr und mit Ihnen Allen! Und so lassen Sie uns denn in Zukunft wieder immerdar zusammenstehen, wie wir einst zusammenstanden, als Verwandte und Freunde in Neigung und in anerkennender Achtung.«
Vorlage S. 122
2180
Der Freiherr las den Brief noch einmal, nachdem er ihn beendet hatte, und es wäre schwer gewesen, aus seinen Mienen die Wirkung zu erkennen, welche er auf ihn machte, denn er konnte sich selber keine Rechenschaft darüber geben. Freude war es nicht, was er empfand.
Vorlage S. 122
2181
Die Dinge müssen zur rechten Zeit kommen, um uns angenehm zu sein! rief er endlich im Selbstgespräche aus, während er sich von seinem Platze am Schreibtische erhob und den Brief aus den Händen legte.
Vorlage S. 123
2182
Wäre dem Freiherrn ein solches Schreiben, ein solches Eingeständniß und eine solche Aufforderung zur Versöhnung bald nach dem Zerwürfniß dargeboten worden, so würde er sie ohne alle Frage bereitwillig und mit Freuden aufgenommen haben und damals sehr zufrieden gewesen sein, in dem alten, gewohnten Geleise mit so viel Zugeständnissen und Nachsichten, wie jedes Familienleben sie erheischt, weiter fortzugehen. Aber das Zusammenleben innerhalb der Familie hat, weil es kein sittlich frei gewähltes, sondern ein zufällig bestimmtes ist, als erstes Bedingniß die ununterbrochene Dauer, die duldsam machende und den Blick beschränkende Gewalt der langen Gewohnheit für sich nötig. Werden diese vermittelnden Elemente einmal zerstört, ist der Zauber gebrochen, der uns über Charakterverschiedenheit, ungleiche Lebensansichten und Ueberzeugungen, der uns über Alles dasjenige leicht fortsehen machte, was uns an den uns angeborenen Menschen störte und von ihnen im Grunde trennte, so ist auch die Schranke aufgehoben, welche alle Theile innerhalb eines gewissen Gleichmaßes zusammen und einzelne derselben eben deßhalb in ihrer freien und völligen Entwicklung – im Guten wie im Schlimmen – zurückgehalten hatte. Jeder nimmt dann frei den Weg, den er bedarf, bildet sich persönlicher, eigenartiger aus; macht man später einmal wieder den Versuch, das Ungleichartige in die alten Bande und Verhältnisse zurückzuführen, so ist dies eigentlich in Wahrheit niemals möglich, und der alte Ausspruch, dass man über seinen Zorn die Sonne nicht untergehen lassen solle, beweist sich als eine tiefe Weisheit, wofern man überhaupt eine Herstellung der früheren Verbindungen ersehnt.
Vorlage S. 123
2183
Alle Eingeständnisse und Zugeständnisse, welche Graf Berka seinem Schwiegersohne und alten Freunde in diesem Versöhnungsbriefe machte, hatten für den Freiherrn nur etwas Peinigendes. Er war der Berka'schen Familie nun einmal entwöhnt. Es hatte in derselben bei großen Vorzügen, die er auch jetzt noch anerkannte, immer eine gewisse Familienbeschränktheit geherrscht; man hatte dem Ergehen und Tun des Einzelnen eine viel zu große Bedeutung beigelegt und damit geringfügige Ereignisse zum Gegenstande weitläufiger Besprechungen und unverdienter Theilnahme gemacht. Das war ihm auffällig erschienen, so lange er außerhalb der Familie gestanden hatte, war ihm als Angelika's Verlobter ein wenig lästig gewesen, und er hatte sich aus dieser übertriebenen Familienliebe später die Züge in Angelika's Charakter erklärt, die er als Empfindsamkeit und als zu große Ansprüche an die Leistungen und Empfindungen der Anderen zu bekämpfen für nötig gehalten.
Vorlage S. 124
2184
Jetzt – er fuhr sich unmuthig mit der Hand über die Stirn – jetzt kam diese Versöhnung ihm sehr ungelegen, und zurückweisen konnte, durfte er sie nicht, wollte er nicht gegen Angelika, die in ihres Herzens Tiefen nie aufgehört hatte, sie zu wünschen, ein Unrecht begehen, wollte er der Kranken nicht einen ihr erwünschten Trost entziehen. Und selbst um der Meinung seiner Umgangsgenossen willen musste er die dargebotene Hand seines Schwiegervaters freundlich zu ergreifen scheinen! Aber je länger er darüber nachsann, um so schwerer und unwillkommener dünkte ihm diese erneute Annäherung.
Vorlage S. 124
2185
Er wusste, wie wenig die Geistesrichtung der Herzogin und ihre Ansprüche und Gewohnheiten mit denen der Berka'schen Familie zusammenstimmten. Es kam ihm daneben nicht willkommen, die Berka's so nahe in seine Verhältnisse blicken zu lassen. Er konnte sich denken, mit welchen Augen sie den Kirchenbau betrachteten, welche Fragen der Graf, der in der eigenen Bewirthschaftung seiner Güter große Befriedigung fand und glänzende Erfolge erzielte, wegen der Ausschlagung der Wälder und wegen der Entlassung der Steinerts an ihn richten würde. Es beunruhigte ihn, dass seine Schwiegereltern gerüchtweise von seinen augenblicklichen Geldverlegenheiten, von dem Verkaufe des Hauses erfahren haben könnten, und vor Allem dachte er mit Schrecken daran, wie sie die Tochter, die er einst so blühend und so hoffnungsreich aus ihrer Hand erhalten, jetzt wiederfinden mussten.
Vorlage S. 124
2186
Er nahm den Brief noch einmal auf, aber er konnte sich nicht überwinden, ihn noch einmal zu lesen, und ihn auf den Tisch schleudernd, rief er ärgerlich: Ich wollte, sie hätten mich mit ihrer späten Versöhnlichkeit verschont!
Vorlage S. 125
2187
Trotzdem musste er zu einem Entschlusse kommen, und rasch, wie man etwas Lästiges abzuthun sucht, warf er mit fester Hand die folgenden Zeilen auf das Papier:
Vorlage S. 125
2188
»Empfangen Sie, theurer Freund, meinen nachträglichen Glückwunsch zu Ihrem Geburtstage, den wir doppelt zu segnen haben, da er Sie zu einer für uns so erwünschten Einsicht und Entschließung geführt hat. Ich nehme die Versöhnung, welche Sie mir bieten, ohne alles weitere Erörtern an, und meine Frau wird glücklich sein, ihren verehrten Eltern die Hand küssen und ihren Segen wieder empfangen zu können. – Leider war ich genöthigt, da Geschäfte mich hieher riefen, sie unter der Obhut des Caplans noch in der Stadt zurückzulassen. Ein Brustübel, dessen Symptome sich schon vor der Geburt unseres Sohnes zeigten und in Zwischenräumen immer wieder bemerkbar machten, hat sich plötzlich entschieden ausgebildet und sie vor wenig Wochen mir zu rauben gedroht. Auf dem Wege der Genesung, ist sie der größten Schonung bedürftig, und ich bin eben deßhalb noch nicht im Stande, Ihnen, theurer Graf, und der Gräfin, die ich meiner aufrichtigen Ergebenheit zu versichern bitte, anzugeben, wie und wann ich meiner Frau die Mittheilung Ihres Briefes werde machen können und in welcher Weise wir unser Wiedersehen mit Ihnen einzurichten haben, damit es auf die Kranke nicht zu erschütternd wirke. Ich hoffe, dass ich Angelika in acht Tagen ihre Reise nach Richten antreten lassen darf, und ich will noch heute den Caplan von Ihrem Briefe in Kenntnis setzen, oder besser ihm Ihr Schreiben übermachen, damit dieser erfahrene und bewährte Freund, der mein und Angelika's Vertrauen ganz und gar besitzt, vorsichtig den Augenblick wähle, in welchem wir meiner Frau die von ihr sicherlich ersehnte, sie aber eben so gewiss sehr erschütternde Kunde zugänglich machen dürfen.
Vorlage S. 125
2189
Meinen Sohn habe ich aus der Stadt mit mir hieher genommen. Er sieht seiner Mutter völlig gleich und wird, wie ich hoffe, Ihre Liebe gewinnen, da er ja das älteste Ihrer Enkelkinder ist. In der Erwartung, Sie, bester Graf, und die Gräfin bald persönlich zu begrüßen,
Vorlage S. 126
2190
der Ihrige.«
Vorlage S. 126
2191
Er las das Geschriebene zu wiederholten Malen, ohne recht damit zufrieden zu sein. Er wollte nicht entgegenkommen, er wollte sich nicht ablehnend zeigen, und er ersah an der Art und Weise seines Erwägens, wie fremd die Familie seiner Frau ihm geworden war und wie fest die Abneigung gegen sie in seinem Innern gewurzelt hatte. Jetzt, da sie ihm, wie er es nannte, grundlos eine Versöhnung aufnöthigten, nachdem sie sich einst eben so grundlos von ihm und von ihrer Tochter losgesagt, weil diese sich freiwillig dem Bekenntnisse ihres Gatten angeschlossen, fühlte er sich fast erbitterter gegen sie, als zuvor, und dass er dieser Erbitterung nicht Worte geben durfte, dass er gezwungen war, sich aus Rücksicht auf Angelika und auf die Welt einer fremden Willkür hinzugeben, verdüsterte seine Seele nur noch mehr. Hätte er mit einem Federstriche Alles, was ihn umgab, vernichten können, er würde ihn getan haben, auf die Gefahr, selbst dabei zu Grunde zu gehen; und mitten in seinem zornigen Grimme dünkte ihm eben dieser doch wieder seiner und seiner Natur so unangemessen, dass er grade davon am allermeisten litt. Er konnte das ideale Bild, welches er von sich selber stets vor Augen gehabt und im Herzen getragen hatte, nie mehr in seiner Reinheit wiederfinden: das heißt, er wusste, dass er ein für alle Mal sich selbst verloren hatte.
Vorlage S. 126
2192
Grade, als der Freiherr den Brief an den Caplan beendete, meldete man ihm den Pfarrer.
Vorlage S. 127
2193
Er soll kommen! befahl er kurz, und übergab dem Diener die Briefe an den Grafen und an den Caplan mit der Anweisung, sie sofort nach der Stadt zu senden, damit die am nächsten Morgen durchpassirende Post sie noch mitnehmen könne.
Vorlage S. 127
2194
Mit raschem Schritte ging er dem eintretenden Geistlichen entgegen. Der Pfarrer hatte sich auf eine harte Stunde vorbereitet. Er war nicht unterrichtet gewesen von dem Vorhaben seines Sohnes; er beklagte und verdammte von Grund der Seele die in Rothenfeld geschehenen Frevelthaten und Verbrechen, denn er besaß nicht des Candidaten wilden Glaubenseifer; er war duldsam und gelassen, und er hatte sich, als er zu so ungewohnter Stunde vor den Freiherrn beschieden worden war, fest gelobt, dass er, seine Würde und seine Ueberzeugung wahrend, dennoch versuchen wolle, den gerechten Zorn des Gutsherrn zu besänftigen. Aber der Empfang, welcher ihm zu Theil ward, ließ ihn das Aeußerste befürchten.
Vorlage S. 127
2195
Ohne ihm, wie er es sonst stets getan, die Hand zum Gruße zu bieten, ohne ihm einen Sessel anzuweisen, sagte der Freiherr, während er den Greis inmitten des Zimmers stehen bleiben ließ: Ich habe Sie gleich kommen lassen, weil ich zuvor mit Ihnen im Klaren sein wollte, ehe ich weiter gehe, und weil Sie, Pastor, Sie ganz allein, mir für all den Schaden und für all das Unheil verantwortlich sind, die hier angerichtet worden! Wer hieß Sie, den frechen Burschen meine Kanzel besteigen zu lassen? Wer hieß Sie ....
Vorlage S. 127
2196
Gnädiger Herr! fuhr der Pastor auf, den sein Vaterherz wie seine gekränkte Amtsehre alle seine Vorsätze vergessen machten, – gnädiger Herr, Sie sprechen zu einem Vater von seinem Sohne! Sie sprechen zu einem Geistlichen, zu dem bestallten Pfarrer dieser christlichen Gemeinde, der ohne Frage die Befugniß hat, sich von seinem Sohne, von einem unbescholtenen jungen Manne, einem geprüften Candidatus theologiae in seinem Amte vertreten zu lassen, wenn er dieses nötig findet!
Vorlage S. 128
2197
Ja, allerdings, das ist es grade! Ich spreche zu dem Vater! betonte der Freiherr scharf, eben weil er mir als Vater einzustehen hat für die Frechheit seines Sohnes! Ich spreche zu dem von mir erwählten und eingesetzten Pfarrer, weil er sich unterfangen hat, gegen meinen Glauben, gegen die Religion, zu der ich und mein Haus uns bekennen, in meiner Kirche und von meiner Kanzel herab freveln zu lassen!
Vorlage S. 128
2198
Der Pfarrer machte eine abweisende Handbewegung. Die Kirche ist des Herrn, die Kanzel ist ihm heilig und der Wahrheit, Herr Baron, auf die wir getauft sind, auf die wir unser Bekenntnis abgelegt und die rein und lauter zu verkünden wir mit unserem Amtseide beschworen haben! rief der Pfarrer, und seine Stimme und seine Haltung hoben sich, je länger er vor dem Freiherrn stand. Freilich steht es geschrieben: Es soll Friede sein auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Und so weit es an mir gewesen, habe ich Frieden zu halten gestrebt, obschon es meinen Augen kein Wohlgefallen gewesen ist, hier, mitten in unserer lutherischen Gemeinde, die katholische Kirche sich erheben und ihre Heiligenbilder aufrichten zu sehen! Aber, Herr Baron, es steht eben so geschrieben: Ich bringe euch nicht den Frieden, sondern den Krieg! Und wie ich für mein Theil danach getrachtet habe, den Frieden hier zu Lande nicht zu stören, so vermag ich vor meinem Gewissen den jüngeren Streiter nicht darob zu tadeln, dass er von heiliger Stätte die Gemeinde warnte, dass er ihr die Gefahren zeigte, welche ihr drohen, dass er verkündet hat, was ihm sein Herz geboten! Es kommt für Jeden einmal der Tag, an dem er mit unserem Martin Luther rufen muss: Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
Vorlage S. 128
2199
Der Pfarrer hatte die Hände gefaltet, er war sehr gerührt. Seit Jahren hatte er sich mit dem Gedanken getragen, dass es ihm einmal beschieden sein könne, nach dem Vorbilde des herrlichen Paul Gerhard von Heimath und Amt vertrieben zu werden; jetzt fühlte er sich dem Augenblicke nahe, und seine Erschütterung würde zu jeder anderen Stunde auf seinen Patron ihre Wirkung nicht verfehlt haben, denn des Freiherrn Herz war leicht bewegt und die kirchlichen Streitigkeiten waren ihm bei seiner religiösen Gleichgültigkeit im Grunde sehr verhaßt. Aber er sah auch in dieser ganzen Angelegenheit nur eine Auflehnung gegen seine gutsherrliche Macht, und bitter, wie sein Ton es gegen den Pfarrer heute von Anfang an gewesen war, sagte er: Lassen Sie die Beispiele und die Bibel-Citate! Was ich mit Ihnen abzumachen habe, dazu finde ich den Ausdruck in mir selbst, und wenn denn einmal durchaus die Bibel die Belege liefern soll, so mag das Wort Ihnen und der Gemeinde zur Richtschnur dienen, dass Jedermann der Obrigkeit unterthan sein soll, die Gewalt über ihn hat! –
Vorlage S. 129
2200
Er machte eine kurze Pause und sprach danach: Ich bin Herr auf Richten, in Rothenfeld und in Neudorf! Die Kirche in Neudorf ist mein! Sie haben Ihr Amt von mir, Sie wohnen in meinem Hause, auf meinem Grund und Boden, unter meiner Jurisdiction; die Leute, welche Ihre Gemeinde bilden, sind von mir abhängig, zum großen Theile mir hörig – bedenken Sie das wohl! – Ich hindere Sie in Ihrem lutherischen Bekenntnisse nicht; beten Sie, singen Sie, predigen Sie, wie Sie wollen – das ist Ihnen und meinen Leuten von den Staatsgesetzen gewährleistet! Aber merken Sie es sich: wo Sie es sich beikommen lassen, etwa auch einmal als Glaubensstreiter, von Ihrem Gewissen getrieben, meine religiöse Freiheit auf meinem Grund und Boden anzutasten, da hört Ihre religiöse Freiheit auf, da beginnt meine gutsherrliche Machtvollkommenheit, und – der Freiherr wurde roth vor Zorn – dass der Gotthard sich nicht unterfängt, sich jemals wieder innerhalb meiner Grenzen blicken zu lassen ....
Vorlage S. 129
2201
Herr Baron! fiel der Pastor ihm in die Rede, Herr Baron! – Die Stimme versagte ihm, und wie der Zorn des Freiherrn Wange geröthet, hatte der Schrecken das Antlitz des Greises entfärbt. Aber er nahm sich zusammen, und mit ruhiger Würde an den Freiherrn herantretend, sagte er: Es ist ein Amt des Friedens, das der Herr in meine Hand gelegt hat. Ich habe es bis hieher verwaltet nach bestem Wissen und Gewissen, und ich hatte fest gehofft, in demselben fortarbeiten zu können bis an meinen Tod. Indeß Gott hat es anders beschlossen. – Er hielt aufs Neue inne, und mit bebender Stimme, aber dem Freiherrn ruhig in das Auge sehend, sprach er: Menschenfurcht soll die letzten Tage meines Lebens nicht entehren. Ich werde meinen Sohn nicht abweisen von der Thür seines Vaterhauses, auch wenn er irrte und sein heiliger Eifer ihn zu weit geführt hat; ich werde ihm und mir nicht Schweigen auferlegen, wo der mir anvertrauten Heerde Gefahr zu drohen scheint, und – bin ich doch der Einzige nicht, dessen Bleiben hier fürder nicht mehr ist!
Vorlage S. 130
2202
Er verneigte sich tief und wollte sich zum Gehen wenden. Der Freiherr hielt ihn nicht zurück.
Vorlage S. 130
2203
Tun Sie ganz nach Ihrer Ueberzeugung, sprach er, aber verlassen Sie sich darauf, dass ich mir hier Ordnung und Gehorsam schaffen werde!
Vorlage S. 131
2204
Der Pfarrer ging still hinweg. Der Freiherr sah ihm mit kaltem Auge nach. Meine Läßlichkeit hat es verschuldet; sie fühlen sich alle hier als Herren! Es war Zeit, ein Ende damit zu machen und die Zügel in die eigene Hand zu nehmen, sagte er zu sich selber, während er nach der Uhr sah. Dann klingelte er und befahl, das Abendbrod herzurichten und die Frau Herzogin zu benachrichtigen, wenn es geschehen sein würde.
Vorlage S. 131
2205
Der Pfarrer aber fuhr, als er vom Schlosse kam, im Amthofe vor. Er wollte Fassung gewinnen, ehe er seine greise Lebensgefährtin wiedersah; er musste auch einen Menschen haben, zu dem er sprechen konnte, denn in sich zu verschließen, was ihn bestürmte und bedrängte, bis er nach Neudorf kam, das, fürchtete er, würde über seine Kräfte gehen. Und der Adam hatte es ja auch erlebt.
Vorlage S. 131
2206
Und offene Arme, offene Herzen, und ein volles Mitgefühl empfingen den schwer gekränkten Mann. Man hatte die Heimkehr des Freiherrn gescheut, man hatte es mit Besorgniß angesehen, dass er so plötzlich und unangemeldet eingetroffen, und doch kam Allen unerwartet, was geschehen war. Sie waren im Amte dem Gotthard eben nicht freund; sie gönnten es ihm, dass sein Hochmuth eine gründliche Lection erhielt; aber den Pfarrer, den Greis, den sie zu verehren gelernt von Kindesbeinen an, so herzzerrissen zu sehen, das betraf sie selber tief. Sie mochten ihn nicht allein in die Pfarre zurückkehren lassen, denn allerdings, der Amtmann wusste, was es heißt, die Schwelle eines heimathlichen Hauses zu betreten, das man bald für immer meiden soll. Man ließ den Knecht, welcher den Pastor gefahren, zu Fuße gehen, man rückte zusammen, und Alle fuhren sie, so spät es war, mit dem Pastor: der Amtmann, die Eva und der Architekt.
Vorlage S. 131
2207
Die Pfarrerin hatte, die Minuten zählend, am Fenster gestanden, seit ihr Mann durch die Botschaft des Freiherrn abgerufen worden war. Sie wusste nicht, was sie denken sollte, als der Wagen voll Gäste vor ihrer Thüre hielt; sie konnte nicht fassen, was geschehen war, als man es ihr meldete. Sie weinte, sie klagte, sie schalt den Sohn, sie tadelte ihren Gatten, dass sie sich nicht fügsamer gezeigt, und nannte doch gleich darauf den abwesenden Sohn ihres Lebens Stolz und Freude, und dankte Gott, dass er ihrem Manne Kraft verliehen, als sein Streiter auszuharren bis zum Ende.
Vorlage S. 132
2208
Der Pfarrer setzte sich nieder, seine Gedanken zu sammeln. Er wollte dem Sohne schreiben, seine Meldung an das Consistorium machen, aber ihm fehlte noch die Ruhe für solch ein Tun, und Adam hielt ihn auch davon zurück.
Vorlage S. 132
2209
Warten Sie, Herr Pfarrer, warten Sie bis morgen, bat er. Es war ein Anderes zwischen dem Freiherrn und zwischen mir; ich stand für mich allein, Sie stehen für Ihr Amt; ich konnte gehen, Sie müssen zu bleiben trachten, oder wollen Sie sich freiwillig einen Nachfolger hieher setzen lassen, der sich dem Willen der Herrschaft besser fügt, der Herrendienst dem Gottesdienst voranstellt?
Vorlage S. 132
2210
Die Pfarrerin trat schnell auf Adam's Seite. Sie hoffte, der Freiherr werde in sich gehen, die gütige Baronin werde wiederkehren und vermitteln; sie meinte, Gotthard könne, auch ohne seinem Gewissen etwas zu vergeben, sich einlenkend an den Freiherrn wenden. Sie wollte von dem Amtmanne, von Herbert, von Eva und von ihrem Manne Zuspruch haben; aber sie hatten sich alle über den Freiherrn zu beschweren, und wie vermochte man ihm beizukommen, was hatte man noch weiter mit ihm zu befahren?
Vorlage S. 132
2211
Man konnte zu keinem befriedigenden Abschlusse gelangen, und es war schon spät, als man sich trennte.
Vorlage S. 133
2212
Das Gewitter war vorüber, die Wolken hatten sich zertheilt, der Mond stand hell am Himmel und goß sein volles Licht über die blühenden und duftenden Lindenbäume vor des Pfarrers Thüre, von denen unter dem leisen Windhauche die Regentropfen niederfielen. Die Nachtigall, welche in den Büschen rechts vom Hause nistete, lockte und flötete in langen Tönen durch die stille Nacht, man sah die Falter langsam schweben, die Mondesstrahlen glänzten und zitterten in dem leicht bewegten Teiche, von dem der Nebel silbern in die Höhe stieg.
Vorlage S. 133
2213
Der Pfarrer und seine Frau begleiteten ihre Gäste vor das Haus hinaus. Nach dem Unwetter und neben ihrer Aufregung wirkte die friedensvolle Schönheit der Natur doppelt stark auf sie. Der Greis sah mit stillem Blicke um sich her. Dann nahm er sein Käppchen von dem weißen Haar, und seiner Frau Hand in seine gefalteten Hände schließend, sprach er, an die Dichtung seines Vorbildes Paul Gerhard denkend, fromm und gläubig, während es feucht in seinen Augen schimmerte:
Vorlage S. 133
2214
Der Sonne, Mond und Winden
Vorlage S. 133
2215
Weist ihre eig'ne Bahn,
Vorlage S. 133
2216
Der wird auch Wege finden,
Vorlage S. 133
2217
Da mein Fuß wandeln kann!
Vorlage S. 133
2218
Eilftes Capitel
Vorlage S. 134
2219
Wie es herumgekommen, das wäre nicht leicht zu sagen gewesen, aber am folgenden Morgen um die Frühstückszeit wussten sie es in allen drei Dörfern, was geschehen war, und wer es etwa noch nicht erfahren hatte, der konnte doch an den finstern und sorgenvollen Mienen der Leute sehen, dass sich etwas Schlimmes ereignet hatte und Schlimmes zu befürchten war.
Vorlage S. 134
2220
Es hatte den Freiherrn nicht schlafen lassen in der Nacht, und wider seine Gewohnheit war er früh am Morgen nicht zur Herzogin gegangen, sondern hatte sich gleich an die Geschäfte gemacht. Der Justitiarius war lange bei ihm gewesen und dann in das Amt gegangen. Er wollte dem Adam erzählen, dass der Freiherr selbst der Gerichtsverhandlung beizuwohnen denke, was er sonst nie getan, und dass er die Sitzung schon auf morgen anberaumt habe. Sie schüttelten beide die Köpfe dazu, aber sie sprachen wenig; es ging ihnen zu nahe.
Vorlage S. 134
2221
Während dessen war der Freiherr nach Rothenfeld gefahren, um jetzt, bei ruhigem Wetter, den dort angerichteten Schaden in Augenschein zu nehmen. Er wollte die Statue hergestellt haben, ehe die Berka's kämen, und wünschte diesen Besuch auch nicht allzu weit hinausgeschoben zu sehen, eben weil er ihm lästig war. Es drängte sich so Vieles zusammen, was geordnet und abgethan werden musste, und wie er sich auch vorsetzte, sich davon nicht beunruhigen zu lassen, gab es ihm doch etwas Hastiges, das seinen Leuten auffiel und das mit seiner schönen, würdigen Gestalt gar nicht zusammenstimmte.
Vorlage S. 134
2222
Als er in Rothenfeld vor der Kirche seinen Wagen verließ, sah er Herbert mit dessen jungem Gehülfen aus dem Portale derselben heraustreten. Dieses zufällige Zusammentreffen war grade, wie er es sich wünschte, und leicht den Hut lüftend, während die beiden ihm entgegen kamen, sagte er: Sehen Sie diesen Vandalismus! Ich erwarte in Nächstem die Baronin zurück, habe auf den Besuch ihrer Familie zu rechnen und mag der Heimkehrenden und den Gästen den Anblick dieser wüsten Zerstörung nicht bereiten. Wie ist da Rath zu schaffen?
Vorlage S. 135
2223
Herbert, welcher wie der Freiherr auch erst am vorigen Tage, und zwar wie dieser kurz vor dem Ausbruche des Unwetters in Rothenfeld eingetroffen war, hatte gleich am Morgen, noch ehe er die Arbeit in der Kirche in Augenschein genommen, die Gruppe besichtigt und die Stücke, welche man abgeschlagen, hereinbringen lassen, um zu untersuchen, ob man sie anzupassen und so die Gruppe herzustellen hoffen dürfe. Glücklicher Weise hatte Adam gleich nachge schehener That die abgeschlagenen Stücke bis auf die Splitter zusammensuchen lassen, und da Herbert sich aus Neigung viel mit plastischen Entwürfen beschäftigt hatte und obenein der Modelleur noch anwesend war, welcher die Stuckverzierungen über dem Altare angebracht, so waren, noch ehe der Freiherr gekommen, schon die nötigen Verabredungen getroffen worden, und dieser durfte sich also der Aussicht hingeben, wenigstens diesen Schaden so gut als möglich ausgeglichen zu sehen.
Vorlage S. 135
2224
Das heiterte ihn auf; er nahm selbst die Fragmente zur Hand, passte sie an einander, ertheilte Rathschläge wegen der Politur der Stellen, an denen die Restaurationen gemacht werden mussten, trat dann in die Kirche ein, und ihr Anblick befriedigte ihn, ja er übertraf seine Erwartungen.
Vorlage S. 135
2225
Man hatte innen wie außen die letzten Gerüste fortgenommen, der weite, hohe Raum zeigte sich frei und schön. Die Pfeiler strebten kräftig und doch leicht in die Höhe und trugen das Dach, dessen fein gegliederte Wölbung dem Auge, ohne es zu drücken, eine wohlthätige Schranke setzte. Ueberall waren die Verhältnisse so richtig eingehalten, das gebotene Material so geschickt benutzt, dass des Freiherrn Kennerblick sich mit sichtlichem Vergnügen in dem bis auf unbedeutende Ausschmückungen nun fast vollendeten Baue erging.
Vorlage S. 135
2226
Schön, sehr schön! rief er mehrmals aus; ich muss Sie loben, Herbert! Sie verstehen Ihr Fach; ich bin zufrieden! – Nun nur schnell die letzte Hand ans Werk gelegt! Wann meinen Sie, dass wir die Kirche weihen können?
Vorlage S. 136
2227
Wenn der Holzschnitzer uns den Beichtstuhl liefert, wie er versprochen hat, und die übrigen Arbeiter ihre Zeit einhalten, so denke ich Ihnen heute in drei Wochen die Schlüssel des Baues überliefern zu können, sagte Herbert nach kurzem Besinnen.
Vorlage S. 136
2228
Gut, gut! rief der Freiherr abermals, und plötzlich nachdenkend, fügte er hinzu: Wir haben heute den zehnten des Monats. In drei Wochen wollen Sie fertig sein. Lassen Sie uns, den störenden Zufälligkeiten ihren Raum gewährend, die Uebergabe des Baues, der Sicherheit wegen, erst am Schlusse der vierten Woche erwarten, so sind wir dem dreizehnten des Juli nicht allzu fern und mögen, die Weihung der Kirche auf diesen Tag verlegend – welcher der Namenstag der Herzogin, der Margaretha-Tag ist –, unserem Gäste eine Ehre damit erweisen und ihr Andenken dauernd mit unserem Baue verknüpfen.
Vorlage S. 136
2229
Er sah sich danach noch einmal in allen Theilen der Kirche um, betrachtete den Taufstein in der Sacristei, ließ sich das Gewölbe öffnen, welches man zur Familiengruft bestimmt, stieg die Treppe zum Thurme hinauf und oben um sich schauend, sagte er, als er den auf der Birkenhöhe errichteten Freundschaftstempel ebenfalls vollendet sah: Sehr brav! In der That, Herbert, Sie haben sich wacker daran gehalten!
Vorlage S. 136
2230
Die Freude, ein großes Unternehmen so wohlgelungen seinem Ende nahe zu sehen, ließ ihn vergessen, mit welchen Opfern dies erkauft war, und gab ihm plötzlich seine freie, vornehme Sorglosigkeit zurück. Er hatte sonst nichts so sehr geliebt, als heitere Gesichter um sich zu haben und Zufriedenheit um sich her zu verbreiten. Diese alte, schöne Neigung wallte auch jetzt wieder in ihm auf. Es fiel ihm ein, dass er ein Mittel habe, Herbert, wie er es wünschte, zu vergelten, ja, dass er ein Unrecht, eine Uebereilung und, was ihm schlimmer als dies Alles dünkte, einen Verstoß gegen die Klugheit ungeschehen machen könne, wenn er sich dieses Mittels richtig zu bedienen wisse. Er ging von einer Seite des Thurmes nach der anderen, bis er abermals der Birkenhöhe gegenüber stand, und dorthin schauend, wiederholte er: Sehr gut, sehr gut! Sie haben mich in der That durchaus befriedigt und, fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, es wird mir lieb sein, Sie gleichfalls zufrieden zu stellen.
Vorlage S. 137
2231
Herbert verneigte sich und sagte ablehnend: Herr Baron, ich habe nur getan, was meine Pflicht war, was jeder Andere an meiner Stelle auch getan hätte!
Vorlage S. 137
2232
Wie bescheiden! scherzte der Freiherr; aber wir sprechen mehr davon. Sie können mich heute um fünf Uhr dort drüben erwarten, wo ich Sie hoffentlich wie hier zu loben haben werde.
Vorlage S. 137
2233
Herbert, der nicht gewillt war, sich von dem Manne, welcher ihm so schwer zu nahe getreten, als Gunst gewähren zu lassen, was Eva's freier Wille ihm in wenig Monaten zugestehen konnte, bedauerte, dass er auf die Ehre verzichten müsse, den Freiherrn auf die Höhe zu begleiten, und erst jetzt schien dieser es zu bemerken, wie kühl der Baumeister seine Lobsprüche aufgenommen, wie gemessen und wortkarg er ihm geantwortet hatte. Er sah ihn mit schnellem und prüfendem Blicke an und fragte dann: Was hindert Sie, mich drüben im Tempel zu erwarten?
Vorlage S. 137
2234
Ich reise noch vor Mittag ab, gnädiger Herr!
Vorlage S. 138
2235
Sie gehen nach der Stadt?
Vorlage S. 138
2236
Nein, Herr Baron!
Vorlage S. 138
2237
Der Freiherr zauderte, dann sagte er mit schlecht verhehltem Argwohn: Sie haben doch von der Krankheit der Baronin und von ihrem Aufenthalte im Flies'schen Hause Nachricht?
Vorlage S. 138
2238
Ja, Herr Baron, und eben deßhalb habe ich meine Zimmer dem Herrn Caplan zur Verfügung gestellt, da ich, so lange er dort weilt, nicht dahin zurückzukehren gedenke!
Vorlage S. 138
2239
Der Freiherr verstand ihn. Wie ein Cavalier gehandelt! dachte er; aber es war ihm unangenehm, Herbert dieses Zugeständniß nicht versagen zu können, und noch widerwärtiger war ihm die Vorstellung, dass jener es für nötig erachtete, die Baronin durch seine Zurückhaltung vor dem eifersüchtigen Verdachte ihres Gatten zu schützen. Ueberall, wohin er blickte, gewahrte er jene Annäherung des bürgerlichen Standes an den Adel, die sich nicht mehr zurückdrängen ließ, weil die fortgeschrittene Bildung die Kluft bereits ausgefüllt hatte, welche sonst die Stände von einander geschieden. Nur um es nicht errathen zu lassen, dass ihm in Herbert's Antworten etwas missfallen habe, verlangte er zu wissen, wohin er gehe.
Vorlage S. 138
2240
Herbert versetzte, dass er bis morgen in Marienau beschäftigt sei.
Vorlage S. 138
2241
Das gefiel dem Freiherrn auch nicht. Was machen Sie dort? rief er spöttisch. Hat Steinert in dem Schlosse denn nicht Platz genug?
Vorlage S. 138
2242
Im Gegentheil, er findet es, wie die meisten Schlösser, weit größer, als das Gut es tragen kann! gab Herbert, der seinen Unmuth und seinen beleidigten Stolz vor dem Freiherrn immer nur mühsam in Schranken hielt, ihm in gleichem Tone zur Antwort. Wir haben die Flügel des ruinenhaften Schlosses eingerissen, um einen Schafstall und eine Brennerei daraus zu bauen.
Vorlage S. 138
2243
Herbert sagte das mit sichtlichem Vergnügen, weil er wusste, dass es seinem Hörer nicht genehm war. Und schon wieder hatte dieser es vor Augen, wie der Bürgerstand sich in den Rittergütern einnistete, wie das Gewerbe sich ausbreitete, wo sonst ein Edelmann frei und stolz auf seinem Erbe saß, und wie Herbert sich mit voller Sicherheit schon zu den Steinerts rechnete.
Vorlage S. 139
2244
Um des Freiherrn gute Laune war es nun getan. Er wiederholte kurz zusammenfassend seine Anordnungen und Befehle, hieß den Gehülfen sich am Nachmittage nach der Höhe begeben, und schied von Herbert mit der Bemerkung, dass er ihn bei der Abnahme des Baues noch sehen werde.
Vorlage S. 139
2245
Als er in das Schloß zurückkehrte, sagte man ihm, dass der Amtmann da sei, nach des Herrn Befehlen zu fragen. Es war das immer so gehalten worden, wenn der Freiherr längere Zeit von Richten entfernt gewesen war, aber dieses Mal handelte es sich um mehr als eine alte Sitte.
Vorlage S. 139
2246
Was bringt Er? rief der Freiherr dem Amtmanne entgegen, da dieser die Anrede desselben abgewartet hatte.
Vorlage S. 139
2247
Adam trat näher an ihn heran und sagte mit einem sorgenvollen Ausdrucke: Ich habe nichts Neues zu bringen, gnädiger Herr, denn was hier geschehen ist, haben Sie durch den Herrn Caplan erfahren, und es ist nicht der Art, dass man es wiederholen mag. Aber – er zögerte, schien die rechte Form nicht gleich zu finden, und sagte dann mit Ueberwindung: Ich komme mit einer Bitte, gnädiger Herr!
Vorlage S. 139
2248
Ah, rief der Freiherr, dem die demüthige Haltung des sonst so straffen Mannes nicht entging, sie haben Ihn abgesandt!
Vorlage S. 139
2249
Der Amtmann schüttelte das Haupt. Es hat mich Niemand abgesendet und Niemand weiß davon. Ich komme auch nicht um meinetwillen, aber ich wollte Sie bitten, gnädiger Herr – halten Sie morgen nicht selbst Gericht!
Vorlage S. 139
2250
Es war ihm sauer geworden, dies auszusprechen; der Freiherr hatte offenbar auch eine ganz andere Bitte zu hören erwartet. Rathschläge, und nun gar unerbetene Rathschläge von seinen Untergebenen anzunehmen, war niemals seine Sache gewesen, und der Gedanke, dass Adam sich die Freiheit, ihn unaufgefordert zu berathen, nur gestatte, weil er bald aus seinem Dienste scheide, machte ihm die Warnung, denn auf eine solche hatte Adam es ja abgesehen, nicht willkommen. Er war eben daran, sie hart zurückzuweisen, aber der Ausdruck von anhänglicher Sorge, mit welchem der Amtmann auf ihn blickte, ließ den Freiherrn innehalten; und erst nach einer Weile warf er die Frage auf: Wie kommt Er auf den Einfall, mir abzurathen?
Vorlage S. 140
2251
Die bloße Frage gab dem Amtmanne Zuversicht, und aus fester Ueberzeugung sprechend, sagte er: Das ist kein Einfall, gnädiger Herr, denn ich würde mir nicht erlauben, Ihnen mit meinen bloßen Einfällen beschwerlich zu fallen. Aber der gnädige Herr kommen nicht so unter die Leute, wie ich, und können nicht wissen, wie es unter ihnen aussieht und was in ihren Köpfen spukt.
Vorlage S. 140
2252
Nun, mich dünkt, davon hätten sie mir jetzt den schlagendsten Beweis geliefert, rief der Freiherr, und eben deßhalb sollen sie dieses Mal die verdiente Antwort von mir selber haben!
Vorlage S. 140
2253
Tun Sie das nicht, gnädiger Herr! bat Adam dringender. Sie, gnädiger Herr, sind besser als unser Einer unterrichtet von dem, was draußen in der Welt geschieht; aber es ist, als ob es durch die Luft verbreitet würde, denn dem ärmsten Käthner und Einlieger geht es im Kopfe herum, dass es anders und besser für ihn werden müsse. Er weiß, dass die Hörigkeit vieler Orten aufgehoben wird – er hat von Ablösungen und hat auch von schlimmen Dingen gehört, die auf einigen Gütern geschehen sind ....
Vorlage S. 140
2254
Und die Elenden würden geneigt sein, sich ein Beispiel daran zu nehmen, meint Er? – Nun, versuch' Er's – halte Er ihnen das gute Beispiel vor!
Vorlage S. 140
2255
Dem Amtmanne stieg das Blut zu Kopfe, aber er biss die Zähne zusammen, damit das Wort des Zornes nicht über seine Lippen ginge, und mit erzwungener Gelassenheit sprach er: Wir Steinerts sind geringe Leute gewesen, gnädiger Herr, als der Herr Baron Erasmus Einen von uns zu seinem Verwalter gemacht hat, und wir sind auf dieser Herrschaft zu Etwas geworden und auf unsere Weise vorwärts gekommen. Das dürfen und werden wir nie vergessen! Darum eben habe ich meine Dankespflicht erfüllen und – fügte er mit einer Weichheit hinzu, die dem kräftigen Manne sehr wohl anstand – meine Anhänglichkeit an den gnädigen Herrn, die auch nicht gleich zu Ende ist, weil man von einander geht, beweisen wollen, als ich heute herkam. Ich, gnädiger Herr, habe hier nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren, als Ihre gute Meinung, und nichts zu tun, als dass ich mein Gewissen wahre!
Vorlage S. 141
2256
Die Rechtschaffenheit, die Treue und Herzensgüte des Amtmanns sprachen so unverkennbar aus jedem Worte, dass selbst die Voreingenommenheit des Freiherrn davor nicht Stich hielt, und wider seinen Willen bewegt, sagte er: Ich will es glauben, Er meint es gut!
Vorlage S. 141
2257
Ja, bei Gott, ich meine es gut, und wir Alle haben es immer gut gemeint! rief Adam. Aber gerade darum, gerade darum bitte ich Sie, lassen Sie es hier beim Alten. Es ist ein Segen, wenn der Arbeiter, auf dem die Lasten schwerer liegen als es gut ist, sich sagen kann: Wenn der Herr es wüsste – er würde helfen! Es ist ein anderer Segen, wenn der Missethäter, dem das Gesetz gerecht wird, die Hoffnung hegen mag, der Herr werde Gnade walten lassen, wo der Richter nur die Strenge des Gesetzes auszuüben hat. Der Justitiarius und ich hatten uns schon erlaubt, dem Herrn Caplan an's Herz zu legen, dass er um Gnade für die Leute bitten möge. Zwischen dem Herrn, der die Macht hat, und dem Arbeiter und Hörigen, der die Lasten trägt, muss eine Schutzwehr sein für beide Theile, und dazu sind wir da. Auf uns, auf den Justitiarius und auf den Amtmann, sind seit allen Zeiten die Klagen und Beschwerden gefallen, und wir konnten sie tragen, denn wir forderten, richteten und straften nicht für uns. Wir hatten an den Herren einen Rückhalt, die Herren hatten in unserer Strenge und Gewissenhaftigkeit eine Entschuldigung, wenn man sich beschwerte, und die Leute hatten ihre Hoffnung auf der Herren Nachsicht und gnädiges Gewähren. So ist es gegangen all die Jahre her, wir sind fertig geworden mit den Leuten und die Leute haben in Liebe zu den Herrschaften hinaufgesehen, fast wie zum lieben Herrgott, denn wie zu diesem konnten sie zu jenen persönlich nicht so leicht heran. Lassen Sie es dabei, gnädiger Herr, stellen Sie sich nicht den Leuten selber gegenüber, es ist nicht gut für alle Theile, und wie die Leute nun hier einmal wider die neue Kirche und auch sonsten aufgeregt sind .... Er brach ab und sagte kurz: Tun Sie es nicht, gnädiger Herr, es kann ein Unglück geben!
Vorlage S. 141
2258
Adam hatte nie zuvor seine Meinung in solcher Weise vor seinem Herrn auszusprechen gewagt und dieser nie eine ähnliche Auseinandersetzung von einem seiner Untergebenen angehört. Er ließ Adam eine Weile, ohne ihm zu antworten, stehen, sei es, dass dessen Worte doch mehr Eindruck auf ihn gemacht hatten, als er zu zeigen für gut befand, oder dass er mit sich nur über den Bescheid zu Rathe ging, den er Adam geben wollte; dann sagte er: Er hat mir Seine Ergebenheit beweisen wollen, und das lobe ich. Ich danke Ihm dafür, und wenn Er mich künftig einmal brauchen sollte, werde auch ich mich daran erinnern, dass die Steinerts lange in unseren Diensten gewesen sind. Im Uebrigen beurtheilt Er die Dinge, wie Er sie versteht, und Er hat's ja selber eingestanden, dass ich sie besser verstehen und also anders ansehen muss, als Er. Eben dass die Leute immer von Einem an den Anderen appellirten, hat das ganze Regiment gelockert. Es hat Jeder drein geredet – zuletzt sogar der Gotthard. Habe ich das Regiment, und ich denke es in die Hand zu nehmen ganz und gar, da hat's mit dem Hin und Her ein Ende, und das tut endlich Noth!
Vorlage S. 142
2259
Er setzte sich nach diesen Worten an den Schreibtisch nieder, so dass er Adam den Rücken zudrehte, wandte sich dann noch einmal zu ihm zurück, um ihm einen Auftrag an den Gärtner zu geben, der auf dem Kirchenplatze einige Aenderungen machen sollte, fragte nach dem Ertrage der Heuernte und ob Adam im Stande sein würde, zu einem bestimmten Zeitpunkte gewisse Zahlungen zu leisten; dann entließ er ihn.
Vorlage S. 143
2260
Sie wollen nicht hören, sie wollen sich nicht helfen lassen! dachte Adam, aber es that ihm wohl, dass er sich das Herz erleichtert und das Seinige getan hatte. Von dem Pfarrer zu reden, für ihn eine Fürbitte um der Gemeinde willen einzulegen, wie er es vorgehabt hatte, dazu war er gar nicht gekommen. Indeß wie Alle, die ein gutes Ziel im Auge haben, gab er seine Hoffnung nicht leicht auf, und es war nun die Ankunft des Caplans, auf die er sich vertröstete. Konnte der auch nichts ausrichten, ließ der Freiherr sich gar nicht bedeuten, dem greisen Pfarrer den Weg der einlenkenden Verständigung zu eröffnen, mussten die alten Leute wirklich von Neudorf fort, nun, so hatte Eva Recht, so gab es in dem Hause zu Marienau Raum genug, den greisen Freunden der verstorbenen Eltern ein warmes Plätzchen zu bereiten und die alten Leute durchzuhalten, bis Gotthard sie einmal in seine Pfarre führte. Für den Adam Steinert auf Marienau war das eben keine große Sache.
Vorlage S. 143
2261
Zwölftes Capitel
Vorlage S. 144
2262
Wie seine Dienerschaft und seine Beamten den Freiherrn verändert gefunden hatten, so ward der Caplan, als man ihn nach seiner Ankunft zu der Baronin führte, durch ihren Anblick in Erstaunen gesetzt, wennschon er es verstand, ihr diesen Eindruck zu verbergen. Aber es war nicht allein ihre körperliche Schwäche, die ihn überraschte, es war etwas Fremdes in sie gekommen, das er sich nicht gleich zu deuten wusste. Während es ihm bedünken wollte, als habe sie jenen ihr schon als junges Mädchen eigenthümlichen Ausdruck gebietender Vornehmheit verloren, hatte sie doch an Sicherheit und Bestimmtheit in ihren Aeußerungen gewonnen, und er vermisste an ihr die freiwillige Unterordnung, mit welcher sie ihm sonst genaht war.
Vorlage S. 144
2263
Nach dem Briefe, welchen der Caplan von dem Freiherrn erhalten, hatte er nicht anders glauben können, als dass es der Baronin um seinen geistigen und geistlichen Beistand zu tun sei, dass sie zu beichten und das Abendmahl aus seiner Hand zu empfangen begehre. Indeß wie erfreut sie sich über seine Ankunft auch bezeigte, sagte sie ihm dennoch, dass sein Ausbleiben ihr wohl getan habe, und dass sie glaube, ihr Alleinsein in diesem fremden Hause sei ihrem Seelenheile förderlich gewesen.
Vorlage S. 144
2264
Als der Caplan zu wissen begehrte, wie sie dies meine und in welcher Weise der Umgang mit ihren Pflegern ihren Sinn gewandelt habe, versetzte sie: Auf die einfachste Weise von der Welt! Hätte ich Sie, mein Freund, hier gehabt, da ich zu sterben glaubte, so hätte ich mich Ihnen, wie immer, mit allen meinen Schmerzen und Sorgen in die Hand gegeben und nur an mein eigenes Heil, an meinen Trost gedacht, und Sie würden vielleicht in Ihrer mitleidigen Barmherzigkeit mir nicht gesagt haben, dass auch in dem Verlangen nach geistiger Erhebung und Vervollkommnung sich die Selbstsucht des hochmüthigen Menschenherzens verbergen kann. Hier aber habe ich unter Menschen gelebt, von denen, wie ich glaube, sich keiner mit der eigentlichen Sorge um sein Seelenheil beschäftigt. Herr Flies und seine Frau haben bis in ihre jetzigen Jahre hinein so viel Nothwendiges zu tun gehabt, dass ihnen keine Zeit geblieben ist, über sich selbst nachzudenken; und Seba lebt so ausschließlich für die Befriedigung der Anderen, dass sie die eigene darüber ganz vergisst, oder dass sie dahin gekommen ist, ihre Zufriedenheit in dem Wohlbefinden Anderer zu genießen.
Vorlage S. 144
2265
Der Caplan wandte ihr ein, dass sie in Gefahr stehe, Gleichgültigkeit gegen das geistige Leben mit Seelenfrieden und Gewissensfreudigkeit zu verwechseln; aber sie wollte dies nicht zugestehen.
Vorlage S. 145
2266
Ich habe Herrn Flies einmal gefragt, sagte sie, wie er es angefangen habe, sich seine beschauliche Ruhe und Klarheit anzueignen.
Vorlage S. 145
2267
Und was hat er Ihnen geantwortet? erkundigte sich der Geistliche, dem daran gelegen sein musste, die Leitung über das Herz der durch ihn bekehrten Frau nicht zu verlieren.
Vorlage S. 145
2268
Ich habe an jedem Tage nach bestem Wissen meine Schuldigkeit getan, hat er mir gesagt, und habe also immer die Zuversicht in mir getragen, auf dem richtigen Wege zu sein.
Vorlage S. 145
2269
Der Caplan machte eine Bewegung mit dem Kopfe, die es kund gab, dass er diese Antwort vorausgesehen hatte, und meinte danach: Darin verbirgt sich die Selbstzufriedenheit aller derer, welche glauben, durch ihre eigene Kraft zur Seligkeit gelangen, welche meinen, mit guten Werken, die in der Religion der Juden eine große Rolle spielen, den Himmel erwerben zu können. Aber es ist nicht nur das Tun, das selig macht, es ist ....
Vorlage S. 145
2270
Zum ersten Male ließ Angelika ihren geistlichen Freund seinen Ausspruch nicht vollenden, und lebhafter als er es von ihr gewohnt war, rief sie: Nein, es ist gewiss und allein das Tun und nicht das Streben, das Vollbringen und nicht das Wollen, die uns glücklich, die uns selig machen! Ich habe das hier in meiner Einsamkeit und in meinem Leiden tief empfunden! Was habe ich nicht Alles gedacht und wie Weniges getan! Mit den großen Fragen und Geheimnissen habe ich mich beschäftigt, in welche wir kurzlebigen Geschöpfe uns hineingebannt fühlen, wenn wir über die enge Schranke unseres Daseins hinauszublicken wagen; von meinen widerstrebenden Gefühlen hin und her getrieben, habe ich mich nur um mein Empfinden, um mein Seelenheil gesorgt, und es darüber ganz und gar versäumt, für das Heil derjenigen zu sorgen, die Gott in meinen Lebensweg gestellt hat, oder etwas zu leisten, was mich hätte in der Erinnerung trösten und aufrichten können. Und an Niemandem hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt, als an dem Knaben, den wir jetzt vergebens suchen.
Vorlage S. 146
2271
Das Schicksal Paul's, von dessen bisherigem Leben und von dessen Verschwinden sie sich durch Seba ausführliche Kunde verschafft hatte, das weltliche Ergehen ihrer Familie lagen ihr vor allem Anderen am Herzen und namentlich beschwerte die Erinnerung an Paul ihr das Gewissen.
Vorlage S. 146
2272
Sie nannte es einen schweren Fehler, dass sie immer nur dasjenige zu lieben vermocht habe, was ihr eigen gewesen sei, was sie durch ihre Selbstsucht mit ihrem Herzen vermitteln können, während ihr jetzt von Fremden die uneigennützigste Menschenliebe zu Theil geworden sei – von Fremden, die sie um ihres Stammes und um ihres Glaubens willen so tief unter sich gewähnt. Und an Niemandem, wiederholte sie, hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt, als an dem armen Knaben, welchen wir jetzt vergebens suchen. Ich habe es in meiner Eifersucht und in meiner ungerechten Verachtung gegen die Mutter dieses Knaben einst hochmüthig verschmäht, ihm die Stelle in dem Hause meines Gatten einzuräumen, die ihm gebührte, die sein Vater ihm gewähren wollte. Das hat sich nun gestraft; sein bloßer Anblick hat mich gedemüthigt, wie ich's verdiente. Damit ein Kind so vollständig die Züge seines Vaters wiedergiebt, so völlig seines Vaters Ebenbild werde wie dieser Knabe, muss viel Liebe zwischen den Eltern desselben geherrscht haben, mehr Liebe, mehr Hingebung, als der Freiherr und ich für einander in der Zeit empfanden, welche unserem Sohne das Leben gab. Wenn ich unseren Renatus betrachte, der seinem Vater so wenig ähnlich sieht, kommt er mir neben jenem Sohne meines Gatten wie ein Enterbter, komme ich selbst mir neben der unglücklichen Mutter Paul's wie die Unglücklichere vor, denn sie besaß sicherlich die Neigung des Barons weit mehr, als ich. Paul ist im wahren Sinne des Wortes ein Kind der Liebe, und er wird wiederkommen! Sein keckes, stolzes Antlitz verbürgt ihm das Glück, das solchen Kindern eigen sein soll!
Vorlage S. 146
2273
Der Caplan hatte nicht im entferntesten voraussehen können, ein Urteil wie dieses von der Baronin zu vernehmen, weniger noch, dass sie diese Verhältnisse in Seba's Anwesenheit besprechen würde. Ausschließlich wie die Kaste, in welcher sie geboren war, hatte Angelika früher Alles, was ihre und der Ihrigen Lebensverhältnisse betraf, der Kenntnis und dem Urteile dritter Personen zu entziehen gestrebt; jetzt nannte sie diese Art der Zurückhaltung eine Maskerade vor sich selbst. Denn, sagte sie, ich täuschte damit nur mich, und ich habe hier erfahren, dass Fremde wussten, was ich vor mir selbst verbarg. Ich habe eine schwere Lehrzeit durchgemacht, aber sie ist nicht an mir verloren gewesen. Obschon ich schwach bin, gehe ich doch gekräftigt aus ihr hervor. Der Ausspruch: Wen der Herr liebet, den züchtigt er! der mir sonst immer hart und darum der göttlichen Liebe nicht angemessen erschienen ist, hat sich mir zu einer Wahrheit erhoben. Dafür danke ich Gott, und ich werde auch von Ihnen, mein theurer Freund, künftig nicht mehr fordern, was Sie mir nicht gewähren können, was man sich selbst erringen oder entbehren muss!
Vorlage S. 147
2274
Und was hätten Sie derart gefordert? fragte der Caplan, der immer vorsichtiger und achtsamer wurde, je weniger er im ersten Augenblicke den Gemüthszustand der Baronin zu beurtheilen vermochte. Welches Verlangen hätten Sie gestellt, das Ihnen aus der Gnadenfülle unserer trostesreichen Kirche nicht befriedigt werden können?
Vorlage S. 148
2275
Ich verlangte .... Sie hielt inne, schien zu überlegen und sagte danach, als wolle sie ihrem Berather keinen Zweifel über sich lassen: Ich verlangte Vergessenheit – und ich habe sie nicht gefunden!
Vorlage S. 148
2276
Der Caplan lächelte, als sähe er ein Kind seine Händchen begehrlich nach der Mondessichel erheben. Freilich, sagte er, der Lethestrom ergießt seine Wellen nicht durch die christliche Welt, er ist versiegt! Aber, fügte er mit ganz verändertem Tone und mit gehobener Haltung hinzu, aber flösse er auch reich und voll vor unseren Lippen, wie dürften wir begehren, daraus zu trinken? Wie dürften wir Vergessenheit verlangen für irgend etwas, das Gottes Rathschluß uns erleben ließ? Ich erkenne Sie und Ihren gottergebenen Sinn in diesem Wunsche nicht wieder, meine theure gnädige Frau!
Vorlage S. 148
2277
Der Caplan verstand die Kunst, die Menschen sprechen und schweigen zu machen, und die Baronin fühlte diese seine Macht. Ohne noch ermessen zu können, ob es der Einfluß ihrer nichtchristlichen Umgebung, ob es ein Erwachen ihrer protestantischen Erinnerungen oder eine Folge ihrer eigenen einsamen Grübelei sei, welche die Baronin zu einem von seiner Führung unabhängigen Gedankengange verleitet hatten, hielt er es für angemessen, sie wenigstens von dem Aussprechen ihrer Gedanken abzuhalten, denn das Wort ist gestaltend und das Gestaltete ist lebendig und tritt, uns selber bannend, für und wider uns auf. Und wie es wahr ist, dass nur derjenige frei bleibt, der zu schweigen versteht, so ist es eben so wahr, dass man den Menschen hindern muss, sich seine Gedanken festzustellen, wenn man die Herrschaft über ihn mit Leichtigkeit behaupten will.
Vorlage S. 148
2278
Er ließ eine geraume Weile im Stillschweigen vergehen; dann fragte er, als falle es ihm unmöglich, sich in die Vorstellung der Baronin hinein zu versetzen: Und was war es denn eigentlich, das Sie so dringend zu vergessen wünschten?
Vorlage S. 149
2279
Angelika hatte, in ihren Ruhesessel zurückgelehnt, in stiller Betrachtung vor sich niedergesehen, aber bei der Frage des Caplans richtete sie das Haupt empor und entgegnete: Es ist mir wunderbar, ganz wunderbar zu Muthe. Ich fühle, als wären wir lange, lange getrennt gewesen. Eine Krankheit wie die meinige, in der man vom Leben zu scheiden glaubt, bildet einen tiefen Abschnitt in unserem Dasein, sondert uns von unserer Vergangenheit, hebt uns über sie und über uns selbst hinaus. – Ich weiß Ihnen das Alles kaum zu erklären, weiß es mir selber kaum zu deuten, und stehe doch vor lauter Erfahrungen, die ich mir nicht wegleugnen kann – auch wenn ich es wollte. Es sieht mich Alles fremd an, wenn ich auf die letzten Jahre meines Lebens zurückblicke; es kommt mir Alles, selbst kürzlich erst Erlebtes, unwahrscheinlich, ja unmöglich vor. Ich sehe die Dinge, die Menschen anders als bisher, und, warum sollte ich es Ihnen verschweigen, selbst Sie, selbst Ihre Stimme, selbst Ihre Worte klingen meinem Ohre so fremd, dass ich Mühe habe, mich darein zu finden; auch Ihre Frage befremdet mich.
Vorlage S. 149
2280
Des Caplans Miene wurde ernster und strenger. Sein milder Sinn, sein nachsichtiges Herz hatten es doch früh gelernt, die Herrschaft über die Geister als eine Befriedigung zu empfinden, und er war zu sehr von der wohlthätigen Wirkung überzeugt, welche die den Geist beschränkende Zucht seiner Kirche über die Menschen ausübt, um die Herrschaft, welche er gewonnen und besessen, wieder aus der Hand geben zu mögen. Der Frevel gegen das Heiligenbild und der in Richten an einer schuldlosen Bekennerin des katholischen Glaubens von den Lutheranern verübte Todtschlag, selbst die Art und Weise, mit welcher der Freiherr das Ereignis aufgenommen, hatten des Caplans Seele doch mehr erbittert, als er sich dessen bewusst war, und die Art von Auflehnung gegen seine Führung, mit der die bis dahin so fügsame Baronin ihm entgegentrat, erinnerte ihn zur rechten Zeit daran, dass Herrschaft, um wirksam zu sein, keine Unterbrechung erleiden darf.
Vorlage S. 150
2281
Ich glaube es wohl, sagte er, dass meine Stimme Ihnen fremd geworden ist, dass meine Frage Sie befremdet. – Denn es müssen verlockende Weisen gewesen sein, mit denen Sie Ihrem Herzen schmeichelten, bis es zu solcher Selbstzufriedenheit gelangen, bis Sie glauben konnten, der leitenden Hand fortan entbehren, zu können, der Disciplin entwachsen zu sein. – Er schüttelte mitleidig das Haupt: Sie wähnten, auf sich selbst bauen zu können, und haben es verlernt, sich selbst zu prüfen, sich selbst die nothwendigsten Fragen ehrlich vorzulegen und wahrhaft zu beantworten. Deßhalb befremdet Sie meine bestimmt gestellte Frage; deßhalb auch, gnädige Frau, klingt Ihnen meine Stimme, die Stimme der Wahrheit, jetzt wie eine fremde; deßhalb weichen Sie der Antwort aus. Aber ich bin im Stande, mir diese Antwort selbst zu geben. Sie haben ....
Vorlage S. 150
2282
Angelika wollte ihn unterbrechen; der Caplan gab es nicht zu. Sie sind krank, meine arme, theure Freundin, sagte er; eine lebhafte Gereiztheit steigert Ihre Ausdrücke, dass auch Sie mir wie verwandelt scheinen, und ich möchte Sie hindern, von sich auszusagen, was Sie reuen könnte. Lassen Sie mich Ihnen ein Bild Ihres Seelenzustandes geben, wie er mir erscheint, und es soll Ihnen nicht benommen sein, mich des Irrthums zu überführen, wo ich ihn begehe.
Vorlage S. 150
2283
Er rückte an den Sessel der Baronin heran, legte seine Hand auf die Lehne, auf welcher sie die ihrige ruhen ließ, und sprach mit dem Tone eines ruhigen Berichterstatters: Sie sind in diesen Tagen der Einsamkeit Ihr Leben durchgegangen, haben sich und Andern – die Baronin schüttelte verneinend das Haupt, und der Caplan ersah mit Befriedigung daraus, dass er es nur mit ihr zu tun habe – haben sich Ihre Schicksale zergliedert und haben sich gesagt: ich war nicht glücklich, wie ich es erwarten durfte, mir ward ein schweres Loos zu Theil, ein Loos, das groß und würdig zu tragen über meine Kräfte ging. Wie durfte die göttliche Allwissenheit mir ein solches zuerkennen, ohne dass die göttliche Gerechtigkeit dadurch beeinträchtigt wurde? –
Vorlage S. 151
2284
Er sprach langsam und ohne sein Auge von der Baronin zu entfernen, die lautlos vor sich niedersah, während ihre Wangen sich rötheten und ihr Atem sich schneller hob. Die Hand langsam von der Lehne des Sessels erhebend und auf ihren Arm legend, fuhr er immer mit derselben Ruhe fort: Sie hatten hier eine anscheinend glückliche Familie um sich, Sie erfreuten sich ihrer Hülfe – Familienliebe dünkte Sie, in Ihrer augenblicklichen Hülfsbedürftigkeit, als das höchste, das erstrebenswertheste Gut – und Sie sind durch Gottes Sie erleuchtenden Rathschluß von Ihrer angeborenen Familie getrennt worden, ohne in dem Herzen Ihres Gatten gerade jenem Sinne für Familienleben und Familienliebe zu begegnen, nach denen es Sie verlangte. Darin erblickten Sie einen Mangel an göttlicher Gerechtigkeit ....
Vorlage S. 151
2285
Nein, o nein! rief die Baronin, nicht darin ....
Vorlage S. 152
2286
Hören Sie mich zu Ende, begehrte der Caplan. Ich weiß es, nicht darin allein glaubten Sie einen Mangel an göttlicher Gerechtigkeit zu erblicken. Aber dass Sie früh dazu bestimmt waren, die Schuld und die Versündigung des Freiherrn theilend tragen zu müssen, dass Sie, der Liebe zu einem gleichaltrigen Manne entbehrend, die ganze Kraft Ihres Herzens erst kennen lernten, als es für Sie nicht mehr gestattet war, über Ihr Herz zu verfügen; dass Ihre Neigung sich einem Manne zugewendet hat, der sie nicht erwiderte, einem Manne, dem Sie nie angehören konnten, auch wenn Sie ihm in der vollen Freiheit Ihrer Jugend begegnet wären – dass Sie kämpften, sich besiegten, ohne die Frucht Ihres Sieges in dem Frieden Ihrer Ehe zu genießen; dass Sie schuldig schienen, ohne es zu sein; dass des Freiherrn Glaube Ihnen nicht vertraute; dass sein beleidigter Stolz keine Versöhnung zwischen Ihnen zuließ, wie Ihr Herz sich auch in Reue vor ihm demüthigte – das Alles machte Sie zweifeln an der allweisen Gerechtigkeit des Herrn. – Und, fuhr er fort, während sein Auge zu leuchten begann, hier auf dem einsamen Lager, verlassen von dem Beistande der religiösen Tröstung, den zu entbehren Ihr Herz noch viel zu schwach war, hier in dem Hause, nach welchem Ihre irrende Empfindung sich oft mit sträflicher Liebe hingesehnt, weil der Mann hier weilte, dem Sie Ihre Liebe zugewendet hatten, hier trat die Versuchung abermals an Sie heran, und von ihr verleitet, haben Sie sich gesagt: Ich habe gelitten, nicht gefehlt! Ich bin unglücklich gewesen und nicht schuldig! Ich habe vergessen wollen und es nicht vermocht! Ich bin also nicht verantwortlich für das, was über meine Kräfte geht! All mein Streben nach Vollendung hat mich nicht beglückt und diejenigen nicht beglückt, die zu beglücken ich gewünscht habe! Hier sind zufriedene Menschen, die nicht über sich denken und hinleben in gleichgültiger Gedankenlosigkeit; ich will hingehen und werden wie sie! Ich will werkthätig werden wie sie und meine geheimen Neigungen nicht prüfen, ich will den Menschen wohlthun, dem Tage leben, der Zeitlichkeit leben, wie diese Familie hier, und wenn dann meine Stunde schlägt, so will ich hintreten vor den Thron des Herrn und ihm sagen: Du hast mich geschaffen mit meiner Schwäche und Sündhaftigkeit, du hast die Versuchung in meinen Weg gestellt, ohne mir die Kraft des freudigen Siegens zu geben; dein ist meine Schuld, nicht mein – ich wasche meine Hände in Unschuld!
Vorlage S. 152
2287
Er hätte noch lange so fortsprechen können, ohne dass die Baronin ihn unterbrochen haben würde. Sie hatte ihre Hände auf ihren Knieen gefaltet, ihr Haupt ruhte auf ihren Händen. Wie die Stimme des Gerichtes tönten die langsam und gewichtig gesprochenen Worte des Geistlichen auf sie hernieder, sie glaubte eine Offenbarung zu vernehmen, ein Wunder zu erleben; denn dies Alles, eben dies Alles hatte sie sich gesagt, diese Zweifel hatten ihr Herz bewegt, zu diesen Schlüssen hatte es sie gedrängt. Wie ein Erleuchteter, ein Seher erschien ihr der Mann, der also ihre innerste Seele erkannte. Sie war wieder völlig willenlos in seine Hand gegeben. Freilich hatte er ihr Nichts gesagt, als was sie ihm seit Jahren immer und immer wieder in ihren Bekenntnissen anvertraut, und doch traf es sie wie mit einem Zauber; denn der Mensch, wie oft er sich auch seine eigene Seele zergliedert und enthüllt, ist sich neu und überraschend, wenn ein Anderer ihm das Bild entrollt, das er diesem selbst geliefert hat, und in der Ueberraschung vergisst er, dass er dies getan.
Vorlage S. 153
2288
Der Caplan hatte seinen Sitz verlassen. Hoch und ruhig auf die Gebeugte niederblickend, hütete er sich, sie zu erheben. Er wusste, dass er sie zu schonen hatte, und die Baronin war ihm theuer; aber auch jetzt wieder empfand er, was er sich als einem der Glieder jener großen hierarchischen Verbrüderung schuldig sei, die sich die Herrschaft über den Menschengeist als ihr angestammtes Erbe und Recht zuerkennt.
Vorlage S. 153
2289
Es war nicht sein persönliches Belieben und Empfinden, es war nicht nur das Wohl und Wehe, nicht nur die Unterwerfung dieser einen, am Abhange ihres Lebens stehenden Frau, mit denen er es zu tun hatte. In dieser Frau hatte er das Geschlecht derer von Arten an der Kirche und in der Kirche festzuhalten; aus ihrer Hand musste und konnte er am sichersten die Machtvollkommenheit über den Knaben gewinnen, der bestimmt war, den stolzen Namen fortzupflanzen; und wäre das auch nicht gewesen – er schuldete es sich und seiner Kirche, eine Seele in ihren Banden festzuhalten, die ihr einmal gewonnen worden war und deren Bekehrung seiner Zeit viel von sich sprechen machen.
Vorlage S. 154
2290
Es war still in dem Zimmer; der Caplan stand sinnend an der Seite der Baronin. Da er sie also in sich versunken sah, reichte er ihr die Hand. Es ist jetzt an Ihnen, meine arme Freundin, sprach er, mich meines Irrthums, wie ich Sie bat, zu zeihen, wenn ich mir einen solchen zu Schulden kommen ließ.
Vorlage S. 154
2291
Sie hob ihr Antlitz in die Höhe, es war von Thränen überströmt. O, Vergebung, Vergebung! war Alles, was sie sagen konnte, denn ein krampfhaftes Weinen unterdrückte ihre Worte.
Vorlage S. 154
2292
Seba, die sich während dieser Unterredung im Nebenzimmer aufgehalten, trat, ohne eine Aufforderung abzuwarten, in die Thüre. Der Ton der Weinenden gab ihr nach ihrer Meinung ein Anrecht dazu, denn sie hatte einzustehen für das Befinden der ihr anvertrauten Kranken.
Vorlage S. 154
2293
Um Gottes willen, was ist geschehen? rief sie, unbeirrt durch die gebietende Erscheinung des Caplans, indem sie auf die Baronin zueilte und an ihrem Sessel niederknieete.
Vorlage S. 154
2294
Nichts, nichts! entgegnete Angelika mit sanfter Abwehr.
Vorlage S. 155
2295
Nichts? wiederholte Seba, während ihre klugen Augen sich von der Kranken zu dem Geistlichen und von diesem zu der Kranken wandten. Nichts – und Sie weinen, dass es Ihnen den Atem versetzt, und Ihre Hände sind so kalt? – Sie wollte auffahren in ihrer zornigen Besorgniß, aber sie überwand sich, und mit schneller Ueberlegung sich an den Geistlichen wendend, sagte sie: Herr Caplan, wir haben die Ehre, Sie unsern Gast zu nennen, und sind sehr glücklich darüber; da man aber mit seinen Gästen doch in Frieden und Freundschaft leben soll, lassen Sie uns ein Abkommen mit einander treffen!
Vorlage S. 155
2296
Dem Caplan, der mit erprobtem Scharfblicke in der ganzen Haltung Seba's die Entschlossenheit eines festen Herzens erkannte und der von der Baronin bereits erfahren hatte, wie sehr diese für ihre Pflegerin eingenommen war, kam es darauf an, in Angelika keine Art von Mißtrauen gegen ihn aufkommen zu lassen. Er hielt sie wieder fest in seiner Hand, und er war wie immer gern bereit, ihr so viel Freiheit der Bewegung zu vergönnen, als er ihrem Heile angemessen glaubte. Es war sonst nicht in seiner Art, ähnlichen Aufrufen, wie Seba an ihn richtete, mit Leichtigkeit zu begegnen. Die Sprache der Galanterie, die er mit seiner Würde unvereinbar fand, hatte seinem Ernste ohnehin nie zugesagt und lag ihm jetzt noch ferner; aber er ging, von einer plötzlichen Ueberlegenheit bestimmt, auf Seba's Forderung freundlich ein und versicherte, dass er sehr bereit sei, jeden von ihr gemachten Vorschlag anzunehmen, wofern er ihm entsprechen könne.
Vorlage S. 155
2297
O, gewiss, rief sie, Sie können es, nur ein wenig Güte und ein wenig Selbstverleugnung sind dazu vonnöthen! – Sie kauerte neben Angelika's Sessel auf einem Schemel nieder und sagte lächelnd: Aber ich muss weit, sehr weit ausholen dürfen!
Vorlage S. 155
2298
Und wie weit? fragte der Caplan, dem die Achtsamkeit nicht entging, mit welcher die scherzende Seba in den Mienen der Baronin zu lesen trachtete.
Vorlage S. 156
2299
Von der Schöpfungsgeschichte an, entgegnete sie; denn wie Juden und Christen in ihren religiösen Meinungen und Vorstellungen auch aus einander gehen, die Erzählung von der Reihenfolge, in welcher Gott die Welt erschaffen hat, die haben sie gemein, und ....
Vorlage S. 156
2300
Und? wiederholte der Caplan, dem Seba's geflissentlich spielendes Plaudern nur einen erhöhten Begriff von ihrer willensstarken Klugheit gab.
Vorlage S. 156
2301
Und, sprach sie, sichtlich zufrieden mit sich und mit dem Eindrucke, den sie auf den Caplan machte, und es steht geschrieben: erst als Gott der Herr den Körper Adam's in Kraft und Schönheit vor sich sah, hauchte er ihm den Odem seines Geistes ein!
Vorlage S. 156
2302
Der Caplan konnte seine Ueberraschung über diese Wendung nicht verbergen. Er verneigte sich vor Seba mit der Versicherung, dass er sich diese Aufklärung zu Nutze machen werde. Sie that, als höre sie nicht, dass er sie verspotte, und sich von ihrem Schemel aufrichtend, rief sie mit einem Tone leichtfertiger Zuversicht: Tun Sie das, beherzigen Sie mein Gleichnis, hochwürdiger Herr, denn ich mache sonst von dem Rechte Gebrauch, das mir der Freiherr und der Arzt einräumten, als sie die Frau Baronin mir und meiner Pflege übergaben: ich lasse Niemanden zu ihr ein, der ihr irgend eine Aufregung verursacht!
Vorlage S. 156
2303
Sie haben starke Begriffe von Autorität, ich achte das, entgegnete der Caplan, dem der Charakter dieses Mädchens immer bedeutender erschien, und Sie sind geneigt, Ihre zufällige Herrschaft zu gebrauchen, wie mir scheint!
Vorlage S. 156
2304
Die Baronin wollte einlenken, weil sie fürchtete, Seba könne dem Caplan missfallen; aber diese war gewohnt, sich selbst zu helfen. – Wollen Sie mich tadeln, wenn ich zu genießen suche, was noch mein, nur noch wenige Tage mein ist? fragte sie. Bis Mademoiselle Marianne eintrifft, gehört die Frau Baronin mir, und ich habe für ihr Wohlbefinden einzustehen. Es wird nicht lange dauern, und – die Augen wurden ihr feucht, obschon sie lächelte – mein Regiment ist aus! Dann, Herr Caplan, dann tun Sie Alles, was Ihnen geboten scheint, nur unter meiner Obhut, nur hier, soll meine Kranke heiter sein, soll die Frau Baronin nicht so weinen!
Vorlage S. 156
2305
Sie weinte aber selbst, während sie diese Worte sprach. Die Baronin hatte ihr die Hand gereicht, Seba drückte sie an ihre Lippen. Der Caplan war jeder Bewegung, jeder Miene Seba's gefolgt. Er sah die Zärtlichkeit, mit welcher die Baronin an ihrem Munde hing, die Sorge, mit der sie auf den Eindruck achtete, den des Mädchens dreister Freimuth auf ihn machen würde, und er war zu klug, um sich in einen Kampf einzulassen, den er vermeiden konnte, ohne dadurch zu verlieren. Denn einen Streit mit einem nicht ebenbürtigen Gegner aufnehmen, heißt diesen erheben, indem man sich erniedrigt, und der Caplan besaß die vorsichtige Selbstbeherrschung des Clerus, dem er angehörte. Er verstand zu warten, aber er verstand mehr als das: er kannte die Menschen und hatte früh gelernt, sie zu beobachten.
Vorlage S. 157
2306
Er hatte Seba gesehen, da sie eben in das jungfräuliche Alter getreten war, und ihr sanftes, schüchternes Wesen hatte damals nicht errathen lassen, zu welcher Kraft und Entschlossenheit sie sich entwickeln würde. Es mussten besondere Umstände mitgewirkt haben, ihr dieses Charaktergepräge aufzudrücken und sie in solcher Weise über ihre Jahre und ihre Lebensverhältnisse zu erheben. Sie hatte nicht jene Weichheit, welche das Mädchen zu kennzeichnen pflegte, sie besaß die ganze Sicherheit einer vom Leben geprüften und durch dasselbe gereiften Frau. Sich unterordnend und liebevoll dienend, war sie doch die Herrschende in ihrem Vaterhause, und auch ihr Einfluß auf Angelika war unverkennbar. Wie aber war sie zu der Selbstbeherrschung gelangt, welche ihr die Macht über Andere sicherte? Denn nur derjenige, welcher seiner selbst gewiss ist, erlangt eine Gewalt über die Anderen.
Vorlage S. 157
2307
Fast gegen seinen Vorsatz hatte er sein klares Auge scharf auf sie gerichtet, und sie ertrug und erwiederte seinen Blick mit Festigkeit. Nur ihre Wangen färbten sich, und der Mund, jener schwer zu beherrschende Verräther unserer Gedanken, zuckte leise, wie in stolzem Trotze. Der Caplan glaubte genug gesehen zu haben, und senkte mild die Lider, während er sich mit freundlichem Worte für diesen besonderen Fall als von ihrer besseren Einsicht und größeren Sorgfalt überwunden nannte. Ja, er ging noch weiter; er erbot sich, um jede angreifende Unterhaltung zu vermeiden, die Baronin, so lange sie in Seba's Obhut sei, nur in deren Beisein zu sprechen, denn er wisse, wie hoch ein gewissenhaftes Herz übernommene Verpflichtungen halte, und wie liebevoll man über ein Leben wache, das man mit Mühe und Aufopferung in einem geliebten Menschen zu erhalten gestrebt habe. Die Baronin reichte ihm dankbar die Hand; sie hatte gefürchtet, dass der Caplan sich erzürnen, dass er sich gegen Seba aussprechen könne, und sie liebte Seba.
Vorlage S. 158
2308
Niemals war eine Freundschaftsversicherung, niemals ein Geständniß gegenseitiger Zuneigung zwischen den beiden Frauen ausgesprochen worden; sie hatten einander auch nicht um ihre Schicksale befragt, sich ihre Erlebnisse nicht besonders anvertraut, wie Frauen dies so leicht und gern tun; aber Bedürfnis, Hülfsleistung und Dankbarkeit hatten eine Neigung und endlich eine Liebe zwischen ihnen erzeugt, die so natürlich entstanden war, dass beide ihr rasches Wachsthum kaum gewahrten. Seba freute sich in jedem Augenblicke an der formvollen Güte der Baronin, die Baronin genoss unablässig ihrer Pflegerin bereitwillige Hingebung. Sie rühmte dem Geistlichen, welch glückliche Tage sie verlebe, seit sie alle Dienste, deren sie bedürfe, von der Hand einer Freundin empfange, und seit sie gelernt habe, wie süß es sei, zu fordern, wo man mit der Möglichkeit des Gewährens dem Andern eine Freude zu bereiten sicher sei.
Vorlage S. 158
2309
Der Caplan widersprach ihr nicht. Im Gegentheil, er erkannte Seba's Vorzüge unbedenklich an; nur einmal warf er die Frage auf, ob die Baronin irgend etwas über den Weg erfahren habe, welchen die Charakterbildung ihrer Freundin genommen, ob sie irgend welche Kenntnis von deren sittlichen und religiösen Anschauungen habe. Sie verneinte Beides, that danach aber doch die Aeußerung, dass sie vermuthe, Seba sei unvermählt geblieben, weil sie eine unglückliche Liebe im Herzen trage. Der Caplan nannte dies unwahrscheinlich, da das Mädchen Eigenschaften und Vorzüge besitze, welche auch einem anspruchsvollen Manne genügen müssten. Die Baronin schwieg eine Weile, indeß ein ihr in der Beichte zur Gewohnheit gewordenes Vertrauen in den Caplan und das Verlangen, ihre Seba nicht als eine Verschmähte erscheinen zu lassen, trugen über ihre Verschwiegenheit den Sieg davon, und zögernd, als bekenne sie eine eigene Erfahrung, sagte sie, dass ihrer Freundin Liebe, wie sie glaube, einem Manne gegolten, von welchem nicht nur ihre Religion, sondern auch sein Stand sie geschieden habe.
Vorlage S. 159
2310
Sie kennen seinen Namen? fragte der Caplan; da die Baronin die Antwort nicht augenblicklich gab, ließ er jedoch selbst die Frage fallen, und erst nach einer Weile sagte er, wie man eine flüchtige Bemerkung hinwirft: Ich würde mich wundern, wenn Mademoiselle Flies sich hätte leicht entmuthigen lassen, denn an Willenskraft hat sie offenbar nicht Mangel, und Standesvorurtheile lassen sich gar oft besiegen, wenn nur die kirchlichen, die religiösen Hindernisse zu besiegen sind. Wie anders aber würde dieses Mädchens Wesen sich entfaltet haben, wenn seine übergroße Selbstgewißheit durch die Erkenntnis jener göttlichen Liebe gemildert worden wäre, von welcher alle irdische Liebe nur der Abglanz eines schwachen Strahles ist!
Vorlage S. 159
2311
Er brach dann diese Unterhaltung ab, sicher, dass sie in der Baronin nachwirken würde, und er hatte sich darin nicht getäuscht. Sie war unverkennbar bemüht, Seba in die Nähe des Caplans und diesen zu Erörterungen über religiöse Fragen zu bringen, wenn Seba irgend auf solche einzugehen geneigt war. Aber nachdem die Baronin auf ihren Wunsch an einem der folgenden Tage gebeichtet und das Abendmahl empfangen hatte, hielt grade der Caplan sich fest an sein gegebenes Versprechen und schien, jeder angreifenden Unterhaltung geflissentlich ausweichend, es nur auf die Pflege und Erheiterung der Kranken abgesehen zu haben.
Vorlage S. 160
2312
Dreizehntes Capitel
Vorlage S. 161
2313
Der Freiherr hatte sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen, er hatte selbst zu Gericht gesessen über die Angeklagten und Schuldigen. Aber auf den Besitzungen des Freiherrn wie überall auf dem Lande hing und hängt der niedere Mann an dem Hergebrachten. Aus dem Hergebrachten schöpft er seine Einsicht, nach dem Hergebrachten richtet er seine Folgerungen, auf das Hergebrachte stellt er sich, wenn er mit seinen Erwartungen sich an die Zukunft wendet, und was ihn von diesem Boden entfernt, flößt ihm ohne Weiteres Mißtrauen ein.
Vorlage S. 161
2314
Mancher von den Insassen der Güter war wegen kleinerer oder größerer Vergehen in den letzten Jahren zur Verantwortung gezogen worden; indeß er hatte es dann, wie Adam sehr richtig bemerkt, gleich seinen Vordern, auf den Amtmann und den Justitiarius geschoben, und alle Theile hatten einander gekannt, hatten mit einander zu verkehren gewusst und ungefähr voraussehen können, worauf sie sich gefasst zu machen hätten. Jetzt, da der Freiherr selbst Gericht halten wollte, war es ein Anderes.
Vorlage S. 161
2315
Es waren Frevel geschehen, wie sie bis dahin nicht vorgekommen waren, nicht hatten vorkommen können, und da sich in den Köpfen der unaufgeklärten und kurzsichtigen Menge die Begriffe wunderlich kaleidoskopisch zusammensetzen und gestalten, hatte sich, weil die erschlagene Kammerjungfer und der gemißhandelte Koch Fremde gewesen, und weil der verwundete Geistliche ein Katholik war, die Vorstellung der Leute bemächtigt, sie sollten nicht von ihrem rechtschaffenen protestantischen Herrn Justitiar nach ihrem alten Rechte und Herkommen gerichtet werden, sondern nach fremden und katholischen Gesetzen, die eben deßhalb der gnädige Herr, der ja auch katholisch war, selbst handhaben wolle. Dagegen habe der Herr Pfarrer Einspruch getan und der gnädige Herr ihm die Pfarre zur Strafe abgenommen. Nun werde der Caplan an seine Stelle kommen und allem wahren christlichen Wesen in der Gemeinde mit Schrecken ein Ende gemacht werden.
Vorlage S. 161
2316
Wo hier und da eine derartig verwirrte Vorstellung dem Amtmanne oder dem Justitiarius zu Ohren gekommen war, hatten sie dieselbe zu bekämpfen versucht, aber es ist ein Kennzeichen der Unvernunft, dass sie sich nicht überzeugen lassen mag; und wenn es dann doch gelungen war, einen oder den andern von den Männern zu beruhigen, so kamen die Frauen, welche sich weinend und wehklagend bei der Pfarrerin Raths erholen gingen, mit beängstigenden Voraussichten, mit dem Glauben an die schlimmsten Möglichkeiten in ihre Wohnungen zurück, und die misstrauische Angst wuchs nur noch höher empor.
Vorlage S. 162
2317
Unglücklicher Weise wichen die Anordnungen des Freiherrn nun auch von dem Hergebrachten ab. Sonst hatte man die Termine in der Gerichtsstube in Rothenfeld abgehalten, die Angeschuldigten waren auf wohlbekanntem Wege nach der Gerichtsstube gegangen oder gebracht worden, hatten sich an den Häusern, zwischen den Gärten hin gedrückt und in der Gerichtsstube den Justitiarius, den Schreiber, den Schulzen in der gewohnten, ihnen allen bekannten Alltagstracht gefunden, und die Angelegenheit war, wie schlimm sie für den Betroffenen auch sein mochte, doch ohne besonderen Schrecken für ihn abgegangen. Diesmal war das anders. Diesmal hatte man die Angeklagten in das Schloß beschieden, und Jedermann machte sich nun auf das Aeußerste gefasst. Denn warum ließ man's nicht beim Alten, wenn man nicht besondere Absichten hegte? Schon der Weg über den großen Schloßhof, den die Angeklagten in Begleitung der beiden Büttel vor aller Welt Augen zurücklegen müssen, war eine schwere Pein und eine Strafe für sie gewesen. Als sich das Gitter der Mauer, die den Hof umgab, dann hinter ihnen geschlossen hatte, als ihre Weiber und Angehörigen, die hingekommen waren, sie zu sehen, ihnen nicht in den Schloßhof folgen dürfen, war ihnen die Angst vollends zu Kopfe gestiegen, und nun gar da zu stehen in dem großen hohen Zim mer des Erdgeschosses, durch dessen Bogenfenster der Tag so hell hineinschien, da zu stehen vor der langen, grünen Tafel, an welcher der Justitiarius und der Schreiber, beide schwarz und feierlich gekleidet, weil sie vor dem Freiherrn zu erscheinen hatten, dessen Eintritt erwarteten, das hatte die Leute in dem Glauben bestärkt, dass man es auf sie abgesehen habe und dass ihnen zugefügt werden solle, was noch Keinem von ihnen hier zugefügt worden und was überhaupt noch nicht dagewesen sei.
Vorlage S. 162
2318
Hoch aufgerichtet und mit finsterem Blicke über die Angeklagten hinstreifend, war der Freiherr in den Saal getreten, hatte sich an dem oberen Ende des Tisches niedergesetzt und dem Justitiarius ein Zeichen gegeben, das Verhör zu beginnen. Dieser, der es allerdings wusste, dass der Freiherr ein warnendes Exempel zu statuiren und den Leuten seine Gewalt fühlbar zu machen wünschte, kannte aus vieljähriger Erfahrung nichts desto weniger die dem Landmanne eigenthümliche, zögernde Hartnäckigkeit und das stumpfe Leugnen eines Schuldigen genugsam, um sich von seinem ruhig fortschreitenden Verhöre nicht abbringen zu lassen. Aber der Freiherr hatte niemals einer solchen Gerichtssitzung beigewohnt, und die Menschen, mit denen er es hier zu tun hatte, waren ihm in ihrem Charakter und in ihrer Art und Weise fast völlig fremd. Wenn seine Unterthanen sonst einmal vor ihm selbst erschienen waren, hatte er sie als Bittsteller vor sich gehabt, und wer sich einer Schuld bewusst gewesen war, hatte sich gehütet, in seinen Bereich zu kommen. Selbst die eigentliche Angst und Noth, denen man meist, so gut es gegangen, abgeholfen, waren nicht leicht bis zu ihm gedrungen, und heute, wo er Angst und Noth und Schuld und scheues Mißtrauen, Alles auf einmal vor Augen hatte, empörten sie ihn.
Vorlage S. 163
2319
Die düstern Mienen, der stumpfe Ausdruck, das abwartende und hinhaltende Zögern, das Schweigen auf bestimmt vorgelegte Fragen, das geflissentliche Umgehen und Leugnen der feststehenden Thatsachen regten seine Ungeduld auf und machten ihm die Leute vollends verächtlich. Er sah eine Auflehnung gegen sich und sein bestimmtes Wissen von dem Vorgefallenen darin, wenn die Schuldigen sich bestrebten, sich womöglich aus der Schlinge und Gefahr zu ziehen, und während der Justitiarius gelassen den Leugnenden einen Fuß breit nach dem andern von dem Boden streitig zu machen suchte, auf dem sie sich behaupten wollten, war der Freiherr, müde des frechen Lügens und des unverschämten Trotzens, aufgefahren und hatte befohlen, von den Leuten mit Gewalt das Eingeständniß der feststehenden Thatsachen zu erzwingen.
Vorlage S. 164
2320
Es war ein schlimmer Augenblick, als man mit Stockschlägen gegen die Angeklagten verfuhr, denn es war das nicht vorgekommen seit Menschengedenken. Wohl hatte man zu allen Zeiten jugendliche Missethäter mit dem Stocke gestraft, aber man hatte nicht Geständnisse mit dem Stocke erpreßt, und es kam dem Justitiarius hart an, als der Freiherr den Befehl ertheilte. Leise bittend, versuchte er davon abzumahnen, indeß der Freiherr gab ihm kein Gehör. Er fühlte einen Widerwillen gegen die vor ihm stehenden Uebelthäter, er kam sich wie erniedrigt dadurch vor, dass er in ihrer Nähe sein, ihren Anblick ertragen, die Schliche und Winkelzüge ihrer engen Köpfe verfolgen, den Ausflüchten und Listen nachspüren sollte, mit denen sie sich zu retten strebten, und er vergaß, dass nichts als sein eigenes Gelüsten, ihnen seine Oberherrlichkeit klar zu machen, ihn zu dem Amte gezwungen hatte, das verwalten zu müssen er wie eine Schmach empfand.
Vorlage S. 164
2321
Ungerührt und nur angewidert von dem Anblicke der sich im Schmerze windenden und demüthigenden Schuld, ließ er die erlangten Geständnisse zu Protokoll nehmen, und stehenden Fußes sprach er seine Willensmeinung aus. Das Recht über den des Todtschlags Eingeständigen stand nicht dem Freiherrn, sondern dem Staate zu. Es wurde also der Befehl ertheilt, ihn noch in dieser Stunde, in Ketten geschlossen, an das Gericht der Kreisstadt abzuliefern. Auch die Strafen gegen die übrigen Angeklagten wurden sofort verhängt und fielen härter und strenger aus, als man es des Landes hier gewohnt war. Der Freiherr schien sich an dem Leiden Anderer für die Pein entschädigen zu wollen, welche dieser Morgen ihm bereitete.
Vorlage S. 165
2322
Mit eigener Hand unterschrieb er das Verhör und den Bericht, die nach der Kreisstadt mitgegeben wurden, eigenhändig unterzeichnete er das Urteil seiner Leute, und finsterer noch, als er gekommen war, schritt er, ohne sie und ihr niedergeworfenes Flehen eines Blickes zu würdigen, an ihnen vorüber und zum Saale hinaus.
Vorlage S. 165
2323
Er hatte die Angelegenheit erledigt haben wollen, ehe die Baronin wiederkehrte, ehe die gräflich Berka'sche Familie auf das Schloß kam. Nun hatte er sie abgethan, und doch fühlte er sich nicht leichter. Es war ein Mißton in sein Inneres gekommen, den er sich selber nicht zu deuten wusste, aber er hörte ihn immerfort peinlich in sich erklingen, er konnte ihn nicht verstummen machen. Das Wohlwollen, welches er gegen seine Unterthanen sonst gefühlt hatte, war wie aus seiner Brust gerissen; er sah mit verachtendem Widerwillen auf das Volk herab, und ein bitteres Hohnlachen war die Antwort, die er sich gab, als er seine gegenwärtigen Erfahrungen und seine jetzige Stimmung mit den philanthropischen Bestrebungen und Ansichten seiner jungen Jahre verglich.
Vorlage S. 165
2324
Er hatte früher sich oftmals darüber ausgesprochen, dass ein Edelmann seine Würde nirgends so völlig behaupten könne, als auf seinem Grund und Boden; dass er einen großen und schönen Theil seiner Standesvorrechte opfere, wenn er sich hinter die Mauern der Städte zurückziehe und in die Nähe der Höfe begebe, und obschon er von Natur gesellig war, hatte sein Hang zu völliger, selbstbestimmter Freiheit ihn das gesonderte Leben auf dem eigenen Hofe immer als einen Vorzug betrachten machen. Jetzt dünkte es ihm angenehm, der Nähe und der Berührung mit der stumpfen Masse des niederen Volkes möglichst enthoben zu sein, und sein ästhetischer Widerwille gegen dessen Rohheit schlug, ohne dass er sich dessen klar bewusst war, in jene auf das bessere Blut begründete aristokratische Geringschätzung des Volkes um, das ihm gehörte und aus dessen Arbeitskraft er die Möglichkeit zu seiner freien, edelmännischen Selbstbestimmtheit und Willkür schöpfte.
Vorlage S. 166
2325
Er war unzufrieden mit Allem, was ihn umgab, er meinte immer und immer aufs Neue zu erkennen, dass er sich auf falschem Wege befunden, dass er nicht genug Zucht gehandhabt, dass er in gütiger Lässigkeit überall zu viel freies Belieben um sich her bestehen lassen; denn das freie Belieben des ungebildeten und unreifen Menschen begann ihm, je schärfer er die Verhältnisse ins Auge fasste, immer entschiedener als die Quelle alles Uebels zu dünken, und während er in seiner warmherzigen und glückverlangenden Jugend daraus den Schluss gezogen haben würde, dass man mit allen möglichen Mitteln danach streben müsse, der Unbildung durch Verbreitung von Aufklärung ein Ende zu machen, meinte er jetzt verdüsterten Sinnes aus seinen eigenen Erfahrungen zu erkennen, dass der einzelne Mensch und vor Allem die große Masse durch Güte nicht zu gewinnen und der bildenden Erziehung nicht zugänglich sei, dass man ihr also keine Freiheit verstatten dürfe, wenn man sich und sie selber nicht der Gefahr eines gefährlichen Missbrauchs dieser Freiheit aussetzen wolle.
Vorlage S. 166
2326
Immer geneigt, in Allem, was ihn persönlich betraf, an eine gewissermaßen sichtbare Einwirkung der Vorsehung zu glauben, schien es ihm ein Fingerzeig des Himmels zu sein, dass diese Erkenntnis sich ihm eben durch einen gegen seinen Kirchenbau verübten Frevel neu bestätigte. Er war gegen denselben in den letzten Jahren gleichgültig geworden, er hatte selbst oft gewünscht, ihn nicht begonnen zu haben; nun, da der Bau sich so stattlich erhob, dass er seine künstlerische Lust neben der Besitzesfreude daran hatte, nun wurde er durch ein von der wüsten Rohheit begangenes Verbrechen daran gemahnt, dass die Masse des Zügels und der Zucht nicht entbehren könne; und dass diese ihr unerläßliche Zügelung ihr von dem protestantischen Pfarrer nicht angelegt worden sei, dafür meinte er die Beweise jetzt zur Genüge erhalten zu haben.
Vorlage S. 167
2327
Während er eben so erbittert als schwermüthig im Laufe des Tages und noch spät am Abende im vertrauten Gespräche mit der Herzogin seine Seele von ihrem Kummer zu entlasten strebte, brannten und brüteten der Zorn und der Haß gegen ihn in den Gemüthern seiner Hörigen. Nicht nur die Familien der Schuldigen und Bestraften waren in ihren Herzen gegen ihn empört, auch die völlig Schuldlosen, auch die besten und ihm bis dahin anhänglichsten unter seinen Leuten waren ihm aufsässig und verwünschten mit seiner Hartherzigkeit auch sein Herrenrecht. Sie hätten es nicht zu sagen gewusst, was sich in ihnen und in ihrem Verhältnis zu ihrem Herrn geändert hatte, aber der Amtmann und der Justitiarius erkannten, was geschehen war, und hatten in ihrer richtigen Voraussicht und in richtigem Verständnis des Volkscharakters und des Menschenherzens den Freiherrn von persönlichem Einschreiten in der eigenen Sache fern zu halten gewünscht.
Vorlage S. 167
2328
Es war nicht die Härte der Strafe, ja, nicht einmal die Art, in der man die Schuldigen zum Geständniß gezwungen, gegen welche das Bewusstsein der Leute sich auflehnte. Es hatte, seit die erste Aufregung in den Pfingsttagen vorüber gewesen war, kaum einen Menschen auf den Gütern gegeben, der das Geschehene nicht bedauerte und der nicht der vollen Meinung gewesen wäre, dass es bestraft werden, schwer bestraft werden und die Strafe hingenommen werden müsse. Hätte der Herr Justitiarius den des Todtschlags schuldigen Stephan in Ketten nach der Stadt geschickt, hätte er den Stellmacher, der nach der Aussage des Kochs diesen niedergeworfen und mißhandelt hatte, schließen, ihn bei Wasser und Brod, wie der Freiherr es getan, in das seit Jahren nicht mehr benutzte sogenannte Verließ einsperren, und den blödsinnigen Burschen, der den Herrn Caplan verwundet, von dem Büttel peitschen lassen, sie würden es hingenommen haben, ohne mehr denn gewöhnlich zu murren und zu klagen; denn der Justitiarius war dazu da, auf das Recht zu sehen. Er handelte nicht für das Seinige, er war dem Herrn verantwortlich und ward dafür bezahlt, auf des Herrn Vortheil und Zukommen zu achten so gut wie der Amtmann. Er konnte nichts verzeihen, er konnte nichts schenken, er konnte und durfte nicht Gnade für Recht ergehen lassen. Aber der Herr konnte es, dem Herrn hatte Niemand zu befehlen, er war Niemandem verantwortlich, er konnte Erbarmen haben – und er hatte kein Erbarmen gehabt.
Vorlage S. 168
2329
Ein Wunder war das, wie die Leute meinten und es zu einander sagten, freilich nicht; denn was wissen die Reichen und Vornehmen von der Noth und der Sorge des Armen? Ob der Freiherr da war, ob er lebte oder starb, seine Frau und sein Sohn wohnten in dem Schlosse, Wald und Feld, Wiese und Höhe gehörten ihnen. Seit Menschengedenken war es ihnen von Vater auf Sohn so zugefallen. Ohne dass sie die Hand rührten und den Arm bewegten, war ihnen Alles in den Mund gewachsen und sie hatten nach Keinem zu fragen gehabt, und getan und gelassen, was ihnen wohlgefallen. Wer hatte denn den gnädigen Herrn zur Rechenschaft gezogen, als die Pauline in das Wasser gesprungen war? Ob man einem Menschen in der Hitze des Augenblicks das Leben nimmt, oder ob man ihn langsam dahin bringt, dass er es sich vor Verzweiflung selber nehmen muss, das sei wohl das Nämliche, ja, das Letztere sei im Grunde schlimmer. Denn die fremde Kammerjungfer hatte ihr ehrliches Begräbnis gehabt, und die arme Pauline, die guter Leute Kind gewesen war, wie nur Eine, war ohne Sang und Klang als ekler Leichnam auf einem unbezeichneten Platze in der Ecke des Kirchhofes eingescharrt worden, hatte mit ihrem Selbstmorde ihrer Seele Seligkeit verscherzt, und selbst das Haus hatte man niedergerissen, worin sie einst gewohnt. Wenn das nicht eine Sünde und ein Verbrechen gewesen war, dann war nichts Sünde; aber freilich, dem Armen sieht man auf die Finger und dem Reichen durch die Finger, und dem armen, gedrückten und geplagten Menschen wird das Herz zuletzt so voll gemacht, dass er sehen muss, wie er sich's befreit, wenn für ihn nicht Erbarmen zu finden ist, wo er es zu suchen hat.
Vorlage S. 168
2330
Den ganzen Tag hindurch standen die Thüren im Amte und in der Pfarre nicht still. Die Leute kamen, um vor Leidensgefährten sich auszusprechen. Sie wussten gut genug, dass der Amtmann und seine Schwester sich über die Herrschaften zu beschweren hatten, sie wussten, dass es dem Pfarrer und seiner Frau hart ankommen würde, die Pfarre zu verlassen, sie hofften von der Unzufriedenheit der Gekränkten Aufmunterung für ihre eigene Erbitterung und ihren Haß zu finden, und wenn sie sich nicht nach Erwarten aufgenommen fanden, gingen sie mit erhöhtem Widerwillen und neuem Grolle von dannen, denn sie sagten sich: Was schiert's im Grunde den Amtmann und den Pfarrer, was aus uns wird? Der Amtmann hat sein Schäfchen in das Trockene gebracht, und zu leben hat der Pfarrer auch. Sie sind Einer wie der Andere, es hat keiner ein Herz im Leibe für des Armen Noth. Sie treten Alle, Alle auf den Armen. Aber auch der Wurm krümmt sich und sticht, wenn er's vermag, er muss nur den rechten Fleck und den rechten Augenblick abzupassen wissen.
Vorlage S. 169
2331
Es sah übel aus in der Herrschaft! Das alte patriarchalische Verhältnis, auf welches der Freiherr so stolz gewesen, war nach allen Seiten hin bis auf den Grund zerstört. Er fühlte sich geschieden von seinen Leuten, er hatte das Bewusstsein, ihre Liebe und Verehrung eingebüßt, ihren Haß auf sich geladen zu haben, und sie waren ihm verhaßt geworden. Der Amtmann begann die Tage zu zählen, die er in dem ihm jetzt so lästigen Dienste noch zu verleben hatte, Eva konnte es kaum erwarten, sich und Herbert und den Bruder von jedem Zusammenhange mit den Herrschaften frei zu sehen; der Justitiarius seinerseits fand sich durch das persönliche Einschreiten des Freiherrn in seiner Amtswürde beeinträchtigt, und in der Pfarre war man eigentlich am niedergeschlagensten, denn nicht allein für sich, nein, für die ganze Gemeinde fürchtete man dort das Aeußerste.
Vorlage S. 170
2332
Vierzehntes Capitel
Vorlage S. 171
2333
Während dessen lebte die Baronin stille friedliche Tage in Gesellschaft ihrer Freundin und ihres geistlichen Berathers. Man hatte ihr im Garten unter den großen Bäumen ein leichtes Zeltdach aufschlagen lassen, in welchem sie vom Morgen bis zum Abend weilte. Die Nähe der bevorstehenden Trennung machte die Freundinnen nur des Glückes bewußter, welches sie jetzt genossen, und doch meinte Seba zu fühlen, dass Angelika sie in einer ihr sonst nicht eigenthümlichen Weise beobachte, dass sie ihr etwas sagen wolle, etwas auf dem Herzen habe, und es fiel ihr auf, dass sie, seit der Caplan im Hause war, das Gespräch so häufig auf religiöse Fragen und Gegenstände richtete, die sie sonst geflissentlich vermieden hatte. Auch von ihren Familienverhältnissen sprach sie jetzt noch öfter und noch rückhaltloser, als sei ihr daran gelegen, der Freundin ein Zeichen ihres Vertrauens zu geben, und es wollte Seba überhaupt bedünken, als suche die Baronin jetzt geflissentlich ihr nahe und näher zu treten, als walte neben dem natürlichen Zuge ihres Herzens noch eine Absicht in ihr vor. Es war, wie gesagt, regelmäßig der Caplan, welcher die Unterhaltung ablenkte, wenn die Baronin in seinem Beisein der geistigen Wandlungen gedachte, die sie erlebt, wenn sie des Trostes erwähnte, den sie in dem Anlehnen an einen unsichtbaren Helfer und in dem Beistande eines treuen, welterfahrenen und verschwiegenen Berathers gefunden habe, und Seba wusste ihm dies Dank. Auch hatte er sich trotz seiner Zurückhaltung bald genug in das Leben der Flies'schen Familie hineingefunden und das Zutrauen der Eltern und der Tochter eben durch seine Zurückhaltung gewonnen.
Vorlage S. 171
2334
Er besaß alte Bekannte und Freunde in der Stadt, hatte mit seinen geistlichen Amtsgenossen, deren es mehrere an der katholischen Kirche des Ortes gab, von Alters her Verkehr, und da er außerdem in den Morgenstunden die Bibliotheken zu besuchen pflegte, während auch die noch immer nicht aufgegebenen Nachforschungen nach Paul einen Theil seiner Zeit beanspruchten, waren Seba und die Baronin nach den ersten Morgenstunden, in welchen Angelika mit dem Caplan die gewohnten religiösen Betrachtungen wieder aufgenommen hatte, sich bis zum Mittag selber überlassen.
Vorlage S. 172
2335
Eines Morgens hatten sie in dem hellen Sommerwetter lange und ruhig plaudernd bei einander gesessen. Man erwartete am folgenden Tage das Eintreffen von Mamsell Marianne, und die Heimkehr der Baronin sollte dann in kleinen Tagereisen vor sich gehen. Die Freundinnen hatten die Möglichkeit eines Wiedersehens besprochen, das durch den Umzug der Flies'schen Familie nach der Residenz gar sehr erschwert ward; ein ausführlicher Briefwechsel war verabredet worden, als die Baronin sich erhob, um, auf Seba's Arm gestützt, in den Gängen des Gartens umher zu wandeln. Man konnte dabei einige der Nachbarhäuser sehen; die Baronin wollte wissen, wem sie gehörten, und plötzlich den Kopf nach dem Flies'schen Hause zurückwendend, fragte sie, ob Herbert's Zimmer nach der Seite des Gartens gelegen wären.
Vorlage S. 172
2336
Herbert's Zimmer? Also Sie wussten es, dass er in unserem Hause wohnt? rief Seba und wurde roth, als habe sie sich ein Unrecht vorzuwerfen und als bereue sie den Ausruf.
Vorlage S. 172
2337
Zweifeltest Du daran? entgegnete die Baronin; sieh', da bin ich scharfsichtiger gewesen. Ich erkannte grade an der Sorgfalt, mit welcher Ihr es vermiedet, Herbert's vor mir zu gedenken, dass Ihr Alle wusstet, was ich für ihn empfunden habe, und ich hatte mir vorgenommen, es Dir zu sagen – denn weßhalb sollte ich es Dir verschweigen, da ich Dich wie eine Schwester liebe?
Vorlage S. 172
2338
Sie verlangte sich niederzusetzen, und Seba meinte sie nie schöner als in diesem Augenblicke gesehen zu haben. Ihre Augen glänzten, obschon die Lider sie verschämt bedeckten, ihr Mund lächelte, während der Schmerz ihn leise umspielte, und es lagen in ihrer Stimme wie in ihrem ganzen Ausdrucke eine Unschuld und Wahrhaftigkeit, die etwas Ueberwältigendes für Seba hatten.
Vorlage S. 173
2339
Ich habe viel gelitten, liebe Seba! nahm die Baronin das Wort: denn schön, wie die Empfindung war, die mich zu Herbert zog, war sie mir nicht mehr erlaubt. – Sie hielt wieder inne und sagte dann: Es war sein Mitleid mit mir, das mich rührte; es waren seine Jugend und seine Warmherzigkeit, die mich zu ihm zogen. Ich trug eine Sehnsucht nach Liebe in der Brust, und ich vergaß, dass Gott nicht jedem Menschen die Erfüllung seiner Wünsche für zuträglich erkennt. Ich wollte glücklich sein nach meinem Ermessen, nicht das Glück erkennen, welches Gottes Rathschluß mir zuertheilt hat, und ich habe noch immer Stunden, in denen ich ohne den Beistand meines guten Beichtigers mich nicht auf mich selber verlassen könnte, obschon der Tod ein guter Lehrmeister ist und man in seiner Nähe mit neuen Augen sieht. Ich habe viel, recht viel gelernt, als ich mich ihm verfallen glaubte, und ich habe mit Gottes Beistand noch Vieles zu vergüten in der Welt. Auch Herbert habe ich Unrecht getan und will versuchen, es ihn vergessen zu machen. Sage ihm das, Liebste, wenn Du ihn wiedersiehst, und – fügte sie mit tiefer Traurigkeit hinzu – Du sollst es wissen, Du ganz allein: ich fürchte, ich werde daran sterben, dass ich mein ungenügsam Herz und meine Pflicht nicht mit einander zu vereinen, dass ich mir nicht genügen zu lassen wusste.
Vorlage S. 173
2340
Seba hätte ihr Muth einsprechen mögen, aber sie vermochte es nicht. Eine Traurigkeit wie diese schien ihr über den Trost erhaben zu sein, und die Baronin hatte es auf einen solchen auch nicht abgesehen, denn sie ergriff Seba's Hand, schloß sie in die ihrige und sagte: Ich wollte Dir das gern sagen, liebe Seba, damit Du siehst, wie sehr ich Dir vertraue, wie ich Dich liebe und kein Geheimnis vor Dir haben will! Aber – und sie schlang ihren Arm mit mädchenhafter Zärtlichkeit um Seba's Nacken – auch von Dir, Liebe, weiß ich mehr, als Du mir anvertraut hast, und auch das wollte ich Dir eigentlich sagen, ehe Marianne morgen kommt und ehe wir von einander gehen!
Vorlage S. 174
2341
Seba bog sich zurück, dass sie sich von dem Arme Angelika's freimachte, sah sie mit starrem Auge an und sprach kalt und tonlos: Sie wissen Nichts!
Vorlage S. 174
2342
Doch, Liebe, ich weiß! sagte jene, die nicht fassen konnte, was mit Seba vorging.
Vorlage S. 174
2343
Aber diese ergriff die Hand der erschreckten Frau, und sie eben so schnell, als sie dieselbe erfasst hatte, wieder von sich stoßend, rief sie hart und fest: So vergessen Sie, was Sie wissen!
Vorlage S. 174
2344
Die Baronin verstummte; Seba sah finster brütend vor sich nieder. Sie hatte es wohl vernommen, wie Angelika ihr unaufgefordert zum ersten Male das schwesterliche Du gegönnt; sie hatte sich dessen gefreut, sie war gerührt worden von der Hingebung, mit welcher ihr die Baronin ihr Vertrauen gewährt hatte, um das ihrige zu erhalten. Nie hatte ihr Herz sich mehr befriedigt, nie hatte sie sich glücklicher, als in der Liebe dieser Frau gefühlt, und eben durch das flüchtige Glück heraufbeschworen, trat das Schrecken ihrer Vergangenheit plötzlich wieder dämonisch vor sie hin. Sie kämpfte einen bittern, schweren Kampf. Das menschlich berechtigte Verlangen, einmal in ihrem Leben ihr Herz zu entlasten, die Scheu es auszusprechen, was sie erlitten und gefehlt hatten, und vor Allem die Sorge, der kranken Angelika ein Mitwissen und einen Schmerz aufzuladen, welche für sie, für Gerhard's Schwester, schwerer als für jeden Andern zu tragen sein mussten, stritten in Seba's Inneren mit wechselnder Gewalt, aber die Liebe für Angelika trug über jedes selbstsüchtige Verlangen den Sieg davon, und matt und wie erschöpft von ihrem stillen Ringen und Selbstüberwinden, sagte sie: Die Stunde ist nun da, vor der mir oft gebangt hat und in der ich auf Deine Liebe verzichten oder fordern muss, was nur große Liebe gewähren kann! Glaube, dass ich nicht unwerth bin der Liebe und des Vertrauens, deren Du mich würdigst; glaube, dass sie mein Glück, mein höchstes Gut sind – aber frage mich Nichts!
Vorlage S. 174
2345
In ernstem Schweigen blieb sie an der Seite der Baronin sitzen. Angelika war auf einen solchen Ausgang nicht gefasst gewesen. In ihr Mitleid mit der Freundin mischte sich ein Gefühl der Kränkung. Sie war es nicht gewohnt, sich zurückgewiesen zu sehen, und was konnte, was musste zwischen ihrem Bruder und Seba vorgegangen sein, dass diese vor der Erinnerung mit so kranker Scheu zurückwich? Sie mochte die Gedanken nicht verfolgen, welche sich ihr aufdrängten, und beiden Frauen kam das Dazwischentreten des Caplans gelegen, der, eben heimgekehrt, gleichzeitig mit den brieflichen Nachrichten des Freiherrn auch ein Schreiben der Gräfin Berka erhalten und diese nun beide der Baronin zugänglich zu machen hatte.
Vorlage S. 175
2346
Angelika war sehr ergriffen, als sie zum ersten Male wieder ein direktes Lebens- und Liebeszeichen der Ihrigen erhielt. Und ich sollte meine Leiden nicht segnen, ich sollte nicht erkennen, dass die Vorsehung ihre wundersamen Wege hat und dass sie uns für unsere Schmerzen himmlische Belohnungen zu bereiten weiß! rief sie, während ihre bebenden Hände die Briefe ihrer Eltern an ihre Lippen drückten und ihre Augen in Freudenthränen glänzten. Ja, gewiss, es gibt wunderbare Ausgleichungen und Herzenstrost, wenn man desselben eben nötig hat! –
Vorlage S. 175
2347
Sie mochte kaum bedenken, wie wehe sie Seba mit diesen Worten that, denn die ganze Rücksichtslosigkeit des Glückes war über sie gekommen; aber der Caplan sah die Niedergeschlagenheit in des Mädchens Mienen, und es entging ihm eben so wenig, dass die Baronin den Ausdruck ihrer Freude nicht so ausschließlich wie sonst an ihre Freundin richtete. Es musste etwas zwischen ihnen vorgefallen sein, es musste sich ein Zwiespalt zwischen ihnen aufgethan haben, und dem Geistlichen kam dies nicht unerwünscht; denn die Gesellschaft eines Freidenkenden, eines Zweiflers hat, selbst wenn er seine Meinungsäußerung zurückhält, immer ihre Gefahren für die Ruhe eines Herzens, das man in den Banden des zweifellosen Glaubens und in den geistigen Schranken festzuhalten wünscht, in welche der kirchliche Zwang die Seelen bannen muss, um seine Gewalt über sie nicht zu verlieren; und ohne den Anschein der Neugier auf sich zu laden, hatte der Caplan dennoch in den verschiedenen Unterhaltungen mit Madame Flies und mit der Kriegsräthin den Namen des Mannes erfahren, welchen Seba geliebt hatte. Er war, wie Seba's Wesen sich ihm kund gab, für sein Theil überzeugt, dass sie dem Grafen näher gestanden, als ihre Eltern und ihre Freunde wussten, dass sie ihre Unschuld an ihn verloren habe und dass eine Festigkeit und Abgeschlossenheit wie die ihrige nicht aus einem jungfräulich unentweihten Herzen erwachsen konnten.
Vorlage S. 176
2348
Aber weit mehr als die kleine Verstimmung, welche die Freundinnen gegen einander augenblicklich hegten, seinen Absichten entsprach, war die Versöhnung mit ihrer Familie ihm für Angelika bedenklich, und er fragte sich, ob in diesem Falle es nicht geboten sei, die Freundschaft und den Zusammenhang seines Beichtkindes mit Seba zu begünstigen, um in dieser ein Gegengewicht gegen den Einfluß zu gewinnen, den der erneute Verkehr mit ihrer Familie auf die Baronin auszuüben nicht verfehlen konnte. Er hielt es für wahrscheinlich, dass die Gräfin Berka die liebevolle Hingebung der Baronin an die Tochter ihres Juweliers sehr auffallend finden und nicht billigen würde; er sah es voraus, dass bei dem Grade von Selbstständigkeit, den die Baronin eben jetzt gewonnen hatte, ein Widerspruch ihrer Familie sie nur fester an Seba binden müsse, und er hielt es für gut und heilsam, wenn sich gleich Anfangs irgend ein trennendes Element zwischen sein Beichtkind und dessen protestantische Angehörige stellte, wenn dem Herzen der Baronin auch von dieser Seite kein volles Genügen geboten, wenn ihr vielmehr Hindernisse und Beunruhigungen in den Weg gestellt wurden, welche zu beseitigen, zu beschwichtigen und tragen zu helfen, sie ihres religiösen Glaubens und seines Beistandes nötig haben musste.
Vorlage S. 176
2349
Da der Freiherr es von dem Ermessen des Caplans und von den Wünschen der Baronin abhängig gemacht hatte, in welcher Weise das Wiedersehen mit ihren Eltern ausgeführt werden sollte, erklärte Angelika sich sofort bereit, auf den Vorschlag ihrer Mutter einzugehen, die sich erboten hatte, die Tochter holen zu kommen und sie selber nach Richten zu geleiten, wo der Vater sie erwarten und wohin die übrigen Familienmitglieder sich erst begeben sollten, wenn das Befinden der Baronin ohne Nachteil den Verkehr mit einem größeren Menschenkreise zulassen würde.
Vorlage S. 177
2350
Ein reitender Bote des Grafen hatte die Anfrage und das Anerbieten der Gräfin überbracht und sollte den Bescheid der Tochter mit zurück nach Berka nehmen. Der Graf hatte ihm einen zweiten Boten nachgesandt, der die Wiederkehr des ersten auf halbem Wege erwarten sollte, um dann mit dem Relaispferde den ersehnten Brief der Tochter so schnell als möglich in die Hände der Eltern zu bringen. Am Abende des nächsten Tages konnte er in Berka, am Morgen des fünften Tages konnte die Gräfin in den Armen ihrer Tochter sein.
Vorlage S. 177
2351
Die erste Freude kennt nicht Raum, nicht Zeit; sie überflügelt beide, um dann in sehnsüchtiger Ermüdung das unerbittlich gleichmäßige Fortschreiten der Secunden desto schwerer zu empfinden. Sie kennt Nichts, als ihr Ziel, und vergisst mit erbarmungsloser Gleichgültigkeit, was hinter ihr liegt, was sie noch von ihrem Ziele trennt und was sie opfern muss, es zu erreichen. Nur Ein Gedanke, nur Eine Empfindung waren in der Baronin mächtig: das Glück über die ihr bevorstehende Vereinigung mit ihren Eltern und Geschwistern.
Vorlage S. 178
2352
Dass sie sich von ihren Pflegern trennen, dass sie Seba verlassen musste, schien ihr völlig zu entfallen; sie schien sich nicht zu erinnern, wie ihr vor dem Abschiede gebangt, wie sie noch vor wenig Stunden alle ihre Hoffnung darauf gerichtet hatte, sich den Zusammenhang mit der Freundin zu erhalten, vor der kein Geheimnis zu haben ihr eine Herzensbefriedigung gewesen war. Selbst der Zurückweisung, die sie erfahren, gedachte sie in diesem Augenblicke nicht, und Seba liebte sie zu sehr, um sie an sich zu mahnen und die Freude der Baronin durch ein Zeichen ihres eigenen Schmerzes beeinträchtigen zu mögen.
Vorlage S. 178
2353
Angelika hatte beabsichtigt, in ihren Zimmern Nichts rühren und Nichts einpacken zu lassen, bis Marianne dies tun könnte; jetzt ließ die Ungeduld sie nicht rasten. Sie hatte ihren Eltern selbst geschrieben und den Caplan beauftragt, den Freiherrn, mit genauer Angabe der getroffenen Verabredungen, von ihrem Entschlusse in Kenntnis zu setzen. Mit dem Kalender in der Hand hatte sie die Tage gezählt, welche bis zu ihrer Ankunft in Richten noch verfließen mussten. Man hatte die Nachtquartiere ausgewählt und die Maßregeln so getroffen, dass mit der Estafette, die man dem Freiherrn sandte, auch die Benachrichtigungen an die verschiedenen Gasthausbesitzer mitbefördert wurden, und kaum waren diese Geschäfte abgethan, so verlangte die Baronin, selbst Hand an das Einpacken wenigstens der kleinen Geräthschaften zu legen, deren sie sich zu bedienen pflegte.
Vorlage S. 178
2354
Da sie zu schwach war, sich längere Zeit stehend zu erhalten und in den Stuben umher zu gehen, trug Seba ihr die Schatullen und Kästchen zu, holte die verschiedenen Gegenstände, welche Angelika nicht mehr nötig zu haben glaubte, herbei, und die Baronin bat und forderte, bestimmte und begehrte, wickelte ein und packte und war so von ihrer Arbeit hingenommen, dass sie es gar nicht bemerkte, wie Seba still geworden war und welche Traurigkeit sich über sie gelagert hatte.
Vorlage S. 179
2355
Auf den Wunsch der Baronin musste der Caplan hinuntergehen, um Herrn Flies und seine Frau von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen. Sie kamen beide herauf, es wurde Alles noch einmal besprochen; das sichtliche Bedauern ihrer Wirthe, sie bald scheiden zu sehen, rührte die Baronin und erweckte ihre ganze Dankbarkeit. Sie war gut und herzlich gegen Seba's Eltern, sie sprach auch dieser zu, aber es war etwas Rasches, Flüchtiges in ihrer Weise, es war der Ton nicht mehr, den Seba kannte, der aus dem tiefsten Herzen kam, und mit aufsteigendem Zweifel fragte sie sich: Hätte ich auch sie vergebens geliebt?
Vorlage S. 179
2356
Am anderen Tage kam Mamsell Marianne. Man hatte sie zu der Baronin beschieden, ohne sie von dem geschehenen Verkaufe des Hauses, in welchem sie ihr ganzes Leben zugebracht, in Kenntnis zu setzen, und es kostete Mühe, sie zu beruhigen, als sie es erfuhr. Die Baronin behielt sie bei sich, nahm augenblicklich ihre Dienste an, um ihr durch die Gewissheit, dass sie ihrer Herrin notwendig sei, die Trennung von der alten und den Uebergang in die neue Heimath zu ersetzen. Marianne that ihr Bestes, aber für sie war der Abstand, welcher die Nichte ihres Fräulein Esther, die Freifrau von Arten-Richten von den Personen trennte, in deren Hause sie ihre Frau Baronin zufällig antraf, ein gar zu großer. Sie konnte sich nicht darin finden, die gnädige Frau ohne ihre Dienerschaft zu sehen, es kränkte sie, wenn nicht ein Kammerdiener, sondern Seba der Baronin den Tisch bereitete und die Speisen zutrug, und es beleidigte alle ihre Vorstellungen, wenn Angelika, was sie jetzt immer that, die Freundin Du hieß und ihr mit Schmeichelnamen und mit den freundlichsten Worten für ihre Dienste dankte. Unter dem Vorwande, ihr die Mühe abzunehmen, strebte Marianne danach, Seba von diesem Tun zurückzuhalten, und die Baronin selbst ersuchte die Freundin aus Rücksicht für Marianne, die alte Dienerin walten zu lassen. Seba erkannte und ehrte die Beweggründe Angelika's, aber mit den feinen Sinnen eines zärtlichen Herzens empfand sie, wie mit dem Hinzukommen von Mamsell Marianne eine fremde Welt zwischen sie und Angelika getreten sei. Sie musste eine stumme Zuhörerin machen, wenn Marianne von den zahlreichen Verwandten und Bekannten der Häuser von Arten und von Berka erzählte, die in der Residenz ansässig waren, wenn sie von der Herrschaft sprach, die zu ihres Fräuleins Zeiten in das Haus gekommen oder die Gäste der Baronin gewesen waren, als diese die Residenz bewohnte. Sogar die feierlich unterwürfige Art, in der sie zu der Baronin redete und mit der sie sie bediente, fiel Seba auf, und während sie sich bis dahin des Gedankens erfreut hatte, dass Angelika es in ihrem Hause und in ihrer Pflege so gut als möglich gehabt habe, fing es sie zu beunruhigen an, dass sie doch Mancherlei entbehrt haben könne, und das that ihr wehe. Sie kam sich arm vor, weil sie fürchtete, dass sie nicht Alles zu schaffen und zu gewähren vermocht habe, was lange Gewohnheit ihrer Freundin zu einem, von der weniger Verwöhnten nicht gekannten und also auch nicht vorausgesehenen Bedürfnis gemacht. Der Dank Angelika's, den sie bis dahin mit gutem Glauben aufgenommen hatte, begann sie zu ängstigen, aber die Baronin, die sonst mit höchstem Verständnis jeder Regung in dem Herzen der Freundin zu folgen pflegte, hatte jetzt keinen anderen Gedanken, als den an ihre Mutter.
Vorlage S. 179
2357
Es war schon spät am Abend, als die Gräfin Berka, an dem festgesetzten Tage, vor dem Flies'schen Hause vorfuhr. Man hatte Angelika willfahren und ihr das Wiedersehen der Mutter gleich nach deren Ankunft gestatten müssen, um der sie aufregenden Spannung und Erwartung ein Ende zu machen. Seba hatte die Gräfin zu ihrer Tochter hinaufbegleitet, sie hatte gesehen, wie sie einander in die Arme gesunken waren; dann hatte sie sich entfernt. Mehr als eine Stunde war vergangen, ehe die Baronin durch Mamsell Marianne den Caplan zu sich bescheiden und dann auch Seba und ihre Eltern bitten ließ, sich zu ihr zu bemühen.
Vorlage S. 181
2358
Die Gräfin kannte Herrn Flies und seine Frau. Sie hatte manche Bestellung, manchen Einkauf bei ihnen gemacht und sie immer für rechtschaffene Leute gehalten. Sie erinnerte sich, dass Graf Gerhard einmal in ihrem Hause gewohnt habe, und wusste es ihnen recht sehr Dank, dass sie sich der Baronin so eifrig angenommen. Aber es dünkte ihr so natürlich, dass eine Familie wie die Flies'sche sich eine Pflicht und eine Ehre daraus machte, der Baronin von Arten beizustehen, sie fand es so selbstverständlich, dass Seba sich glücklich fühlen müssen, ihrer Tochter, ihrer Angelika, helfen und dienen zu dürfen; und es waren nicht Seba's Hingebung und Liebe, die sie schätzte und anerkannte, sondern der richtige Tact, mit welchem diese sich zurückzog, seit die Gräfin ihre Stelle neben der Tochter wieder einnahm.
Vorlage S. 181
2359
Angelika war wie von einem Zauber befangen und gelähmt. Sie fühlte es, wie die herablassende Freundlichkeit ihrer Mutter ihre Gastfreunde und vor Allen Seba kränken musste, sie hörte so gut wie diese das Abfindende und Verabschiedende in dem Dankesworte der Gräfin; aber sie mochte die Mutter nicht tadeln, von der sie so lange getrennt gewesen war, sie wagte nicht, ihr in diesen ersten Stunden des Beisammenseins es zu erklären, welch lebhafte Neigung, welche Freundschaft sie für Seba fühlte, und Seba's Verschlossenheit hatte sie in ihrem eigenen Empfinden irre gemacht.
Vorlage S. 181
2360
Fünfzehntes Capitel
Vorlage S. 183
2361
Die Nacht verging der Baronin nicht gut. Die Freude hatte sie zu sehr aufgeregt, die Erinnerungen langer Jahre hatten sie zu mächtig bestürmt, die Nähe ihrer Mutter hatte ihr nach dem ersten Aufwallen der Freude und der Rührung es fühlbar gemacht, welche Wandlungen in und mit ihr vorgegangen waren, und was der Freiherr durch rasches Nachdenken in sich zum Bewusstsein gebracht hatte, jene Einsicht, dass lange Trennungen eine Rückkehr in die früheren Verhältnisse unmöglich machen, das bewies sich für die Baronin durch das Zusammensein mit ihrer Mutter.
Vorlage S. 183
2362
Der Caplan fand sie, als er am Morgen zu ihr kam, in einer Niedergeschlagenheit, die sehr gegen die freudige Erwartung der vergangenen Tage abstach, und ohne dass er sie darum zu befragen brauchte, schilderte sie ihm den Kampf in ihrem Herzen. Trotz der Herrschaft, welche ihr Gatte über sie ausgeübt, hatten die Jahre und die natürlichen Verhältnisse sie an eine Selbstbestimmung gewöhnt, in welcher sie sich durch die Gräfin in jedem Augenblicke beschränkt fand. Weil sie mit ihrer Mutter, seit sie ihr Vaterhaus verlassen, nur einmal und wenige Tage beisammen gewesen war, und weil diesem flüchtigen Beisammensein eine durch lange Jahre fortgesetzte Trennung gefolgt war, hatte sich Angelika's Bild in dem Herzen ihrer Mutter nur in ihrer mädchenhaften Gestalt, nur in dem töchterlichen Verhältnisse erhalten, und mit der Tochter wieder vereint, hatte die Gräfin, da ohnehin die Krankheit Angelika's dazu verlockte, sich der Bestimmung über sie, wie eines ihr unter allen Umständen gebührenden Rechtes bemächtigt. Wer aber einmal der Zucht und Leitung entwachsen ist, fühlt sich von ihr beengt, und am schwersten, wenn sie sich auf Kleinigkeiten und auf die freie Bewegung innerhalb gleichgültiger Dinge erstreckt. Es ängstigte Angelika, wenn die Mutter ihr Dieses rieth und Jenes gebot, sie Dieses tun und Jenes lassen hieß, während sie wahrscheinlich aus freiem Antriebe das Gleiche getan haben würde. Sie fand sich zu einem Widerspruche geneigt, den sie sich zum Vorwurf machte, und zwang sich zu einer Fügsamkeit, die ihr schwer fiel, weil sie sich sagte, dass ohnehin eine Trennung zwischen ihr und ihrer Mutter obwalte, über die kein guter Wille ihnen hinweghelfen könne und die schmerzlich anzudeuten die Gräfin nicht unterlassen hatte.
Vorlage S. 183
2363
Angelika hatte es deutlich gesehen, dass ihre Mutter sich verletzt gefühlt, als jene sie gebeten, erst um elf Uhr zu ihr zu kommen, da sie die Gewohnheit und das Bedürfnis habe, die Stunde von zehn bis elf Uhr mit dem Caplan zuzubringen, und eben so hatte die Gräfin es nicht zurückhalten können, dass ihre Tochter in dem Ausdrucke ihrer Dankbarkeit und Freundschaft gegen die Flies'sche Familie ihr zu weit zu gehen scheine. Das Alles hatte Angelika verstimmt, und auch über Seba beschwerte sie sich endlich.
Vorlage S. 184
2364
Der Caplan hatte ihr ruhig zugehört. Als sie ihre Mittheilungen abbrach, sagte er: Erkennen Sie in dieser neuen Erfahrung, meine theure gnädige Frau, wie häufig der Mensch in seinem Wünschen irrt, wie wenig es seinen Erwartungen entspricht und seinem Glücke dient, wenn die ersehnte Erfüllung ihm gewährt wird. Ich fürchtete es, dass jene ausschließliche Mutterliebe, die ihr Kind allein besitzen, die es selbst mit seinem Gotte nicht theilen mag, Sie beunruhigen würde, und es ist gekommen, wie ich es voraussah. Nehmen Sie diese Erfahrung als eine Erkenntnis hin, die der Himmel Ihnen darbietet, und fügen Sie sich der Frau Gräfin in dem Gleichgültigen, in dem Unwesentlichen, um desto fester Ihre selbsterworbene und selbständig bethätigte religiöse Ueberzeugung zu behaupten. Verbergen Sie sich vor der Frau Gräfin weder mit Ihren abweichenden Meinungen, noch mit jenen religiösen Uebungen, welche unsere Kirche uns auferlegt, und auch in Bezug auf Ihre Freundin tun Sie Ihrem Empfinden keinen Zwang an. Die Dankbarkeit ist eine heilige Pflicht, aber eine noch erhabenere Aufgabe ist es, dem Irrenden die Hand zu reichen und dem Menschen, dessen Auge verdunkelt ist, dass er sich selber nicht zu erkennen vermag, ein Führer und eine Stütze zu sein. Ich billige und lobe es, dass Sie sich Seba in Ihrer Weise näherten, dass Sie sie an sich zogen und ihr Vertrauen zeigten, um Vertrauen zu gewinnen; nur vergessen dürfen Sie es nicht, dass dieses reichbegabte Mädchen von Jugend auf sich selber überlassen war, dass ihr der geistige, der göttliche Anhalt fehlte, dessen wir uns rühmen und getrösten, und dass sie also leichter als viele Andere vom rechten Pfade sich verirren konnte.
Vorlage S. 184
2365
Eine dunkle Röthe, ein Erschrecken flogen über die Baronin hin. Halten Sie es für möglich ....! rief sie und wagte nicht, dem Gedanken Worte zu geben, den der Geistliche in ihr erweckt.
Vorlage S. 185
2366
Er zuckte die Schultern. Wir sind Alle fehlbar! sagte er mild. Ihre Freundin Seba ist zu großer Liebe, zu großer Hingebung geneigt, und unsere jungen Edelleute – einen jungen Cavalier bezeichneten Sie mir ja aber als den Gegenstand von Seba's Neigung – unserer jungen Edelleute Sitten sind nicht streng. Wer kann es wissen, ob es dem armen Mädchen nicht unmöglich ist, Ihr Vertrauen zu erwiedern, ob es sich nicht verbirgt, aus Furcht, Ihrer Liebe verlustig zu gehen? Haben Sie Geduld mit ihr und weisen Sie sie um ihres Schweigens willen nicht zurück.
Vorlage S. 185
2367
Die Baronin hatte die Hände unwillkürlich gefaltet. Sie konnte sich in die Anschauung des Geistlichen nicht gleich finden, denn sie hatte Seba immer weit über sich gestellt, hatte in ihr das Urbild weiblicher Herzensreinheit geliebt und verehrt, und sollte sie jetzt plötzlich schuldig, sollte sie sich in einem sträflichen Zusammenhange mit ihrem Bruder denken. Sie wollte diese Vorstellung von sich weisen, den Caplan eines unbegründeten Verdachtes zeihen, aber es stimmte so Vieles zusammen, es erklärten sich mit dieser Voraussetzung für die Baronin plötzlich einzelne auffallende Erlebnisse, die sie mit Seba gehabt hatte, sie konnte den in ihr erweckten Zweifel an der Unschuld ihrer Freundin nicht mehr unterdrücken. Weit entfernt jedoch, sich dadurch von ihr losgetrennt zu fühlen, stieg ein sie überwältigendes Mitleid für Seba in ihr empor und erhöhte und erhob die Liebe, welche sie bisher für sie gehegt hatte.
Vorlage S. 186
2368
Der Caplan störte sie in diesem Empfinden nicht. Er hatte ohnehin ihre Achtsamkeit auf andere Vorgänge zu lenken, denn man durfte der Baronin die Nachricht von den in Richten geschehenen Ereignissen nicht länger vorenthalten, wenn man sie nicht gleich nach ihrer Ankunft einer Erschütterung durch irgend eine zufällige Mittheilung derselben aussetzen, und wenn man, worauf es dem Freiherrn besonders ankam, den gräflichen Eltern die Kenntnis gewisser Verhältnisse entziehen wollte.
Vorlage S. 186
2369
Alles, was sie hören und erfahren musste, steigerte mit den Sorgen der Baronin ihr Verlangen, bald wieder in ihrer Heimath zu sein. Sie hoffte ausgleichen, vermitteln zu können; die Aufregung, in welcher sie sich befand, täuschte sie über das Maß ihrer Kräfte. Sie entwarf Plane für eine völlig neue Lebensführung, sie traute es sich zu, ihren Gatten allmählich zu einer solchen überreden zu können, sie wünschte vor allen Dingen die Entfernung des Pfarrers zu verhüten, und wie sie noch vor wenig Tagen die Ankunft ihrer Mutter ersehnt hatte, so wünschte sie jetzt, grade wie bei dem ersten Besuche, welchen ihre Eltern ihr in Richten gemacht, dass die Anwesenheit derselben erst vorüber und sie in der Lage sein möchte, die von ihr jetzt für unerläßlich gehaltene Einwirkung auf ihren Gatten zu versuchen.
Vorlage S. 186
2370
Die Gräfin bemerkte es, dass Angelika zerstreut war, wollte den Grund davon entdecken und zeigte sich unzufrieden, als ihr dieses nicht gelang. Die beiden Frauen, wie sehr sie einander auch liebten, kamen sich nicht von Herzen nahe, sie hatten an einander vielerlei zu schonen, und Angelika sprach es gegen den Caplan noch an demselben Abende aus, wie sie fühle, dass eine Frau, selbst wenn ihre Ehe dem Ideale einer solchen nicht entspräche, ihre Heimath doch ausschließlich in dem Hause ihres Gatten, in der mit ihm begründeten Familie habe, und dass es sicherlich nicht leicht für sie sein werde, die Ansprüche ihrer angebornen Verwandten zu befriedigen, den alten Pflichten zu genügen, ohne die neuen zu beeinträchtigen.
Vorlage S. 187
2371
Der Caplan gab ihr dies zu. Er sah, dass er von dem Einflusse der Berka'schen Familie nichts mehr zu befürchten habe, und er war es also, der die Baronin abermals ermahnte, sich ihrer Mutter so weit als möglich fügsam zu beweisen, der die Gräfin ersuchte, sich die Freundschaft, welche die Baronin für die Tochter ihrer Wirthe hege, ohne Einspruch gefallen zu lassen. – Es handelt sich um wenig Stunden, gnädige Gräfin, sagte er, um etwas Gefälligkeit gegen die schwärmerische Empfindungsweise der Frau Baronin, und es ist schön, wenn die Jugend ihre Gefühle für dauernd, für unendlich hält!
Vorlage S. 187
2372
So ging der letzte Tag vorüber, den Angelika im Flies'schen Hause zu erleben hatte. Es gab vielerlei zu tun; die schöne Zierlichkeit, welche Seba in den von der Baronin bewohnten Zimmern zu erhalten gewusst, selbst während die Krankenpflege dem Hindernisse in den Weg gestellt, musste jetzt allmählich zerstört werden. Die Gräfin war beständig an der Seite ihrer Tochter, Mamsell Marianne und der Kammerdiener der Gräfin ließen die Koffer auf den im Hofe stehenden Reisewagen schnallen, die Baronin hielt sich ruhig auf ihrem Sessel. Sie schien jetzt mehr als während ihrer ganzen Krankheit darauf bedacht, sich zu schonen und ihre Kräfte zusammen zu halten. Nur ihre Blicke wanderten umher; sie suchten Seba und folgten ihr, und einmal, als die Baronin sich erhoben hatte und die Freundinnen sich in dem Nebenzimmer zufällig allein befanden, schlang die Baronin ihre beiden Arme um Seba's Hals, und sie an sich drückend, sagte sie: Lass uns einander nicht verloren gehen, glaube an mich, wie ich an Dich, und lass mich hoffen – lass mich hoffen, dass wir uns einst so wie in Liebe auch im Glauben noch zusammenfinden! O, dass Du es kenntest, das selige Gefühl, sich durch die Gnade eines Mittlers dem Throne des Höchsten zu nähern, und all seine Sünden, all seine Leiden und Schmerzen durch das Vertrauen auf den himmlischen Erlöser von sich genommen zu fühlen! Denke an mich, so oft Du betest, Seba, und so oft ich mich in Demuth vor dem Heilande beuge, soll Dein Name auf meinen Lippen sein, und ich will beten, zu ihm beten, dass er Dich zu sich rufe und dass wir einst zusammen auf unseren Knieen unsere Herzen zu ihm erheben!
Vorlage S. 187
2373
Sie sah schön und verklärt aus, als sie also sprach. Seba betrachtete sie mit Rührung. Du bist sehr gut, meinst es sehr gut mit mir, Angelika, sagte sie, indem sie ihre Hände gefasst hielt und ihr tief ins Auge blickte, und ich werde Dich nie vergessen! Denn Du hast mir mehr gegeben, bist mir mehr geworden, als Du ahnen kannst! Lass Dir das genügen; lass es Dir genügen und liebe mich immer, immer! Was auch kommen möge, liebe mich!
Vorlage S. 188
2374
Sie ging von dannen; die Baronin schaute ihr gedankenvoll nach, dann knieete sie nieder, nahm das Crucifix Amanda's, welches sie immer am Halse trug, in ihre Hände und betete lange und still. Sie nahm Abschied von diesen Räumen und flehte Gottes Segen auf das gastliche Haus ihrer Freunde, auf das ungläubige und der Erleuchtung und des Trostes so bedürftige Herz ihrer Freundin herab.
Vorlage S. 189
2375
Am folgenden Morgen um elf Uhr, so hatte man es verabredet, sollte die Baronin in dem Reisewagen nach dem Gasthofe fahren, in welchem die Gräfin abgestiegen war, mit dieser noch ein Frühstück einnehmen und dann für die erste, absichtlich sehr kurz bestimmte Tagereise aufbrechen. Von den Segenswünschen ihrer Gastfreunde begleitet, wollte die Baronin das Haus verlassen, aber die Trennung von Seba fiel ihr gar zu schwer, und voll Verlangen, keinen der wenigen ihnen noch gegönnten Augenblicke zu verlieren, vermochte sie endlich Seba dahin, sie zur Gräfin zu begleiten und bis zu ihrer Abreise noch bei ihr zu verweilen. Als man in den Gasthof kam, fand man in dem Zimmer der Gräfin den Tisch bereits gedeckt. Der Caplan hatte noch einen Besuch bei dem Propste machen wollen, und sein Kommen wurde erst nach dem Frühstücke erwartet.
Vorlage S. 189
2376
Die Gräfin war in ungewöhnlich guter Laune; sie rühmte das Aussehen ihrer Tochter, zeigte sich auch gegen Seba, obschon sie dieselbe nicht erwartet hatte, freundlicher und herzlicher, und erkundigte sich dazwischen doch wieder mit solcher Geflissenheit nach dem Befinden der Baronin, und ob sie sich auch recht frisch, recht kräftig fühle, so dass Angelika endlich die Frage aufwarf, ob sie denn heute etwas Besonderes zu leisten habe, weil die Mutter sich so ängstlich um den Zustand ihrer Kräfte sorge.
Vorlage S. 189
2377
Die Gräfin lächelte. Der Zufall hat Dir eine Ueberraschung zugedacht, sagte sie; fühlst Du Dich im Stande, sie zu genießen?
Vorlage S. 189
2378
Ach, mein Vater! rief Angelika, indem sie sich erhob.
Vorlage S. 190
2379
Nein, nicht der Vater, entgegnete die Gräfin, während auf ein leises, von ihr gegebenes Zeichen die Thüre des Nebenzimmers sich öffnete und in aller seiner stolzen Schönheit Graf Gerhard in das Zimmer trat.
Vorlage S. 190
2380
Mit einem Ausrufe der Freude warf die Baronin sich ihm an die Brust; aber fast in demselben Augenblicke wendete sie sich um, und ihrer Bewegung folgend, sah der Graf jetzt plötzlich Seba vor sich stehen.
Vorlage S. 190
2381
Bleich wie der Tod und keines Wortes mächtig, trat er zurück. Seba hatte die Ecke des Marmortisches erfasst, an dem sie stand; sie musste sich halten, um nicht umzufallen. Die Baronin war auf den nächsten Stuhl gesunken, die Gräfin stand mitten in dem Gemache und sah, ohne den Vorgang zu begreifen, mit Schrecken auf ihre Kinder, und um sich her.
Vorlage S. 190
2382
Was ist das? Redet, redet! Was bedeutet das? rief sie, während sie sich zur Tochter wendete.
Vorlage S. 190
2383
Frage nicht, o, frage nicht! rief diese. Indessen die Lebhaftigkeit der Mutter überhörte es, und sich gebieterisch zu ihrem Sohne wendend, sprach sie: Kennst Du dieses Mädchen? Rede, rede, Gerhard! Was ist Dir dieses Mädchen?
Vorlage S. 190
2384
Aber kein Ton von des Grafen Lippen gab ihr Antwort. Wie von einem Banne befangen, hingen seine Augen an Seba's starrem, bleichem Antlitze, an ihrem zuckenden Munde. Er hätte fliehen mögen, aber er konnte die Stelle nicht verlassen; er hätte sprechen mögen, aber Seba's brennendes Auge schloß ihm den Mund und noch immer wartete die Gräfin auf eine Antwort.
Vorlage S. 190
2385
Da richtete Seba sich empor wie Einer, der mit Aufbietung aller seiner Kraft gewaltsam seine Fesseln sprengt, und schön wie eine Judith in ihrem wilden Zorn, flammend in ihrem Rachegefühl, rief sie: Was ich ihm war? – Sie lachte, dass es den Andern Mark und Bein durchschauerte – was ich ihm war? – Ein Zeitvertreib für eine müßige Stunde, ein billiger Triumph noch im Moment des Scheidens, weiter nichts, weiter nichts! – Gewettet hatte er beim Wein in seiner Cameraden lustiger Gesellschaft, dass er mich besitzen würde, und – hier vor seiner Mutter, hier vor seiner Schwester, vor Dir, Angelika, will ich es bekennen – meine Liebe hat ihm das Gewinnen leicht gemacht, denn .... sie hielt inne, der Atem versagte ihr, die verhaltenen Thränen drohten sie zu ersticken, und plötzlich in ein Weinen ausbrechend, das aus den Tiefen ihres gequälten Herzens kam, fügte sie hinzu – denn ich habe den Elenden geliebt mit aller Inbrunst eines reinen Herzens, mehr als mich selbst, mehr als Vater und Mutter, mehr als Alles auf der Welt!
Vorlage S. 190
2386
Sie hatte ihre Kraft erschöpft, sie musste sich niedersetzen, und den Kopf auf ihre Arme legend, die sie auf dem Tische ausgebreitet, weinte sie mit verborgenem Gesichte.
Vorlage S. 191
2387
Auch die Gräfin hatte sich setzen müssen; nur Gerhard stand wie ein Gerichteter zwischen den drei Frauen da. Plötzlich erhob sich die Baronin, ging mit raschem Schritte zu ihrem Bruder, und seine Hand ergreifend, während sie ihn zu Seba hinzuziehen suchte, rief sie: O, vergüte! Vergüte, mein Bruder! Sühne, was Du an ihrem edeln Herzen gesündigt hast! Lass sie die Deinige werden, sie, die ich wie eine Schwester liebe!
Vorlage S. 191
2388
Aber der Graf wehrte seiner Schwester, und fast tonlos, so dass nur das Schweigen der Frauen seine Worte hörbar machte, sprach er: Und wenn ich es wollte – es kann nicht sein!
Vorlage S. 191
2389
Da hob Seba den Kopf in die Höhe, und ihn mit kaltem Auge messend, sagte sie, während, den Andern zum Erstaunen, ihren Zügen und ihrer Stimme die Ruhe wiederkehrte: Und wenn Du es wolltest und wenn Du es dürftest – Du vermöchtest es nicht! Denn wie könntest Du mir die vertrauensvolle Liebe wiedergeben, die ich einst für Dich gehegt habe? Wie könnten Dein Rang und Dein Name mich damit versöhnen, Dein Weib, das Weib – eines Ehrlosen zu werden, den ich verachte, wie ich ihn einst geliebt!
Vorlage S. 191
2390
Seba! flehte Angelika, flehte die Gräfin.
Vorlage S. 192
2391
Halte ein! rief der Graf, indem er zusammenbrechend sich zu den Füßen seiner Mutter warf, die sich unwillkürlich von ihm wendete.
Vorlage S. 192
2392
Seba regte sich nicht. Mit eisigem Blicke sah sie auf den Grafen hin, die Stille war entsetzlich, sie konnten einander athmen hören. Mit einem Male stand sie auf, sah um sich her und schien etwas zu suchen.
Vorlage S. 192
2393
Die Baronin erhob sich ebenfalls; sie errieth, was jene vorhatte, und nahm ihre Hand, um sie zurückzuhalten.
Vorlage S. 192
2394
Ich will fort, sagte Seba matt; meines Bleibens ist hier nicht. – Sie ging nach ihrem Hut und Shawl.
Vorlage S. 192
2395
Du darfst, Du kannst nicht gehen! versicherte Angelika, die sich selber kaum aufrecht zu erhalten wusste.
Vorlage S. 192
2396
Sorge nicht, ich habe ertragen gelernt! gab Seba ihr zur Antwort.
Vorlage S. 192
2397
Sie setzte achtlos den Hut auf, nahm den Shawl um ihre Schultern und wollte sich entfernen. Da warf Angelika sich vor ihr nieder, und die Hände flehend zu ihr erhoben, bat sie: Denke meiner nicht mit Haß!
Vorlage S. 192
2398
Deiner? Deiner? Wie könnte ich? versetzte Seba, indem sie Jene in ihre Arme schloß, und noch standen sie, ihre heißen Thränen mit einander mischend, Brust an Brust gelehnt, als die Gräfin zu ihnen herantrat.
Vorlage S. 192
2399
Seien Sie barmherzig, bat sie, vergeben Sie, und Gott wird auch Ihnen seine Vergebung angedeihen lassen!
Vorlage S. 192
2400
Seba schüttelte schweigend das Haupt. Ich habe mich vor mir selbst gedemüthigt bis zur Zerknirschung, und mich in mir selbst erhoben, sagte sie; ich habe durch Liebe zu sühnen gesucht, was ich aus blinder Leidenschaft gesündigt; ich bedarf keiner anderen Vergebung! Ich habe mir selbst verziehen! – Mag er, wenn er es kann, das Gleiche tun!
Vorlage S. 192
2401
Und ohne den Grafen weiter eines Blickes zu würdigen, verließ sie das Zimmer und das Haus.
Vorlage S. 193
2402
Sechszehntes Capitel
Vorlage S. 194
2403
Es war eine traurige Reise, welche die beiden Frauen zurückzulegen hatten. Graf Gerhard, der, von der Hochzeit eines Cameraden kommend, zufällig mit seiner Mutter in dem Gasthofe zusammengetroffen war, hatte die Stadt noch in der nämlichen Stunde verlassen; die Abreise der Frauen hatte wegen der Erschöpfung der Baronin bis zum Nachmittage hinausgeschoben werden müssen.
Vorlage S. 194
2404
Die Gräfin war tief erschüttert, Angelika völlig herzzerrissen und fassungslos. Sie hatte der Mutter mit einem Eide geloben müssen, dass kein Wort über diesen furchtbaren Vorgang jemals von ihren Lippen kommen solle, und die Gräfin hatte, von ihrem Sohne ein gewandeltes Leben fordernd, ihm das gleiche unverbrüchliche Schweigen zugesagt. Der Gedanke, dass ihres Sohnes Ehre der Welt gegenüber also nicht angetastet werden würde, das war der Trost, an dem sie sich emporrichtete, wenn das vernichtende Urteil, welches Seba über ihn gesprochen, in seiner unerbittlichen Strenge in dem Herzen der Gräfin nachklang.
Vorlage S. 194
2405
Der Caplan, dem es nicht hatte verborgen bleiben können, dass Seba die Baronin nach dem Gasthofe begleitet und dass sie dort mit dem Grafen Gerhard zusammengetroffen war, hatte keine Mühe, sich das Geschehene zu deuten, und die Stimmung der beiden Frauen, deren Begleiter er war, zu erklären. Er richtete keine Frage an Angelika, aber er verstand es, weßhalb sie mehr als je zuvor von der Sorge um die Erziehung und Charakterbildung ihres Sohnes hingenommen schien, und er suchte sie bei diesen Gedanken festzuhalten.
Vorlage S. 194
2406
Da man um der Baronin willen immer erst spät am Morgen aufbrechen konnte, war es schon gegen Abend, als man auf der Herrschaft anlangte, und Angelika's Traurigkeit ward mit der Ankunft auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht vermindert. Der Anblick des Pfarrhauses, des Amthofes, des frischen Grabes auf dem katholischen Kirchhofe riefen ihr keine tröstlichen Erinnerungen und Vorstellungen in das Gedächtnis. Als sie an der schönen, neuen Kirche vorüberfuhren, wagte sie nicht, die Mutter auf dieselbe aufmerksam zu machen, und die Gräfin äußerte sich nicht darüber.
Vorlage S. 195
2407
Es wurde der armen Angelika immer banger um das Herz. Mit Einem Male rief sie: Um Gottes willen, was ist das?
Vorlage S. 195
2408
Man sah zum Wagen hinaus; das ganze Gehöft, welches, zwischen Rothenfeld und Richten gelegen, aus zwei kleinen Wohnhäusern und einer Gruppe von Ställen und Scheunen bestanden hatte, war in einen Trümmerhaufen verwandelt. Die nackten Schornsteine sahen gespenstisch und geschwärzt aus dem sie umgebenden Schutthaufen hervor, die dicken, schweren Rauchsäulen qualmten mit ihrem erstickenden Geruche zu dem blauen, leuchtenden Himmel hinauf.
Vorlage S. 195
2409
Einer der Wirthschafter, welcher bei dem Auseinanderlegen und Löschen der noch brennenden und schwelenden Balken die Aufsicht führte, kam auf einen Anruf an den Wagen heran. Er meldete, dass das Feuer mitten in der Nacht in beiden Scheunen fast gleichzeitig ausgebrochen und, wie es sich herausgestellt, wahrscheinlich von dem stumpfsinnigen Sohne des Hirten, den man gestern mit einer Prügelstrafe zum Abschiede aus der Haft entlassen hatte, angelegt worden sei. Die Bewohner der beiden Häuser hatten nur ihr Leben retten können; die ganze Heuernte war verbrannt, der Verlust, selbst die Baulichkeiten abgerechnet, sehr empfindlich. Man hatte nun abermals ein neues Verbrechen gegen das Eigenthum des Gutsherrn zu bestrafen.
Vorlage S. 195
2410
Und ich bin so schwach! seufzte Angelika. Sie fühlte, dass ihr mehr zu tragen auferlegt war, als ihre Kräfte ihr gestatteten.
Vorlage S. 196
2411
Man mochte es machen, wie man wollte, die Gräfin erfuhr schon jetzt von den auf den Gütern obwaltenden Verhältnissen mehr, als ihre Tochter wünschte. Sie versuchte Angelika damit zu beruhigen, dass solche Ereignisse ja öfter vorkämen, dass man vor der gleichen Böswilligkeiten nirgends sicher sei, und die Baronin gab sich diesem Troste, so gut sie konnte, hin.
Vorlage S. 196
2412
Als man vor dem Schlosse vorfuhr, waren seine Bewohner heruntergekommen, die heimkehrende Herrin und deren Mutter zu begrüßen; aber man fand sich allseitig nicht wohl aussehen. Der Freiherr und der Graf, welche die Nacht hindurch von dem Brande wach erhalten worden waren und beide in den Jahren standen, in denen Anstrengungen, Schrecken und Sorgen sich nicht so leicht als in der Jugend überwinden lassen, sahen ermüdet aus. Den Grafen betrübte dazu die Hinfälligkeit seiner Tochter; der Freiherr bemühte sich, seiner Schwiegermutter die frühere, freie Herzlichkeit zu zeigen; indeß er war verdüsterten Sinnes, er musste sich zur heiteren Rücksichtnahme für seine Gäste zwingen, und der Gräfin Herz war, ebenfalls beschwert, nicht dazu angethan, ihm seine Aufgabe zu erleichtern. Nur die Herzogin besaß sich ganz und gar und kam durch ihre kluge Haltung Allen wesentlich zu Hülfe.
Vorlage S. 196
2413
Sie hatte sich völlig matronenhaft gekleidet, und Angelika konnte nicht umhin, so genau sie die Herzogin kannte, sie doch mit Verwunderung zu beobachten und zu betrachten. Ihre Stirn war ernst geworden, ihr Blick hatte den schmelzenden Ausdruck verloren, ihr Mund sein anmuthiges Lächeln. Jeder, der die Herzogin jetzt zum ersten Male sah, musste sich sagen, diese Frau habe ein schweres Schicksal mit Ergebung getragen und überwunden. Bescheiden jede Rücksichtnahme für sich zurückweisend, wusste sie alle ihre Sorgfalt als auf die Baronin gerichtet darzustellen, und wie bei jeder solchen Täuschung, wie bei jeder solchen heuchlerischen Schaustellung zwang grade die Dreistigkeit derselben diejenige zum Schweigen, welche sich von ihr beleidigt und abgestoßen fühlen musste.
Vorlage S. 196
2414
Angelika konnte ihren Eltern nicht sagen, dass die Herzogin sie unglücklich gemacht, dass sie ihr ihres Gatten Liebe entzogen, ihre Ehe zerstört, ihren Seelenfrieden vernichtet habe; denn wie bei dem ersten Besuche, welchen Graf Berka und seine Frau der Tochter abgestattet, hatte diese die Ehre ihres Mannes und ihres Hauses vor den Eltern zu vertreten, und es wollte sie bedünken, als sähen ihre Eltern schärfer, als sie wünschte, als wären sie über gewisse Dinge und Verhältnisse besser unterrichtet, als ihr lieb war.
Vorlage S. 197
2415
In Erinnerung an die frühere Anwesenheit des gräflichen Ehepaares, bei welcher man das erste Frühstück auf der nach dem Parke gelegenen Terrasse eingenommen hatte, damit die Leute aus den Dörfern die Eltern ihrer Herrschaft sehen könnten, hatte man auch jetzt an dem Tage nach der Rückkehr der Baronin, der ein Sonntag war, am Nachmittage den Park geöffnet und ein Vesperbrod im Freien aufgetragen. Ganz wie damals war die Mahlzeit an dem oberen Ende der Terrasse vor dem chinesischen Häuschen hergerichtet. Wie damals standen die Diener in ihrer Gala-Livree bereit, es zu präsentiren; die Baronin ging nur nicht mehr so freundlich plaudernd und so schön an dem Arme der Gräfin einher, der Graf und der Freiherr trugen nicht mehr die stattlichen Röcke aus farbigem Sammt, auch sie hatten allmählich die goldbesetzten dreieckigen Hüte und die wohlfrisirten Perrücken abgelegt. Aber die runde, breitkrämpige Kopfbedeckung, die weiten, schmucklosen Tuchröcke, die breitklappigen Westen, die dicken Halstücher machten immer noch einen fremden Eindruck an ihnen, und sie schienen den Degen an ihrer Seite doch immer noch zu vermissen.
Vorlage S. 197
2416
Ausgestreckt auf ihrem Ruhebette, in ihren weißen Kleidern, mit dem weißen Schleier über dem blonden Haare, sah die Baronin einer Nonne gleich. Sie war nicht mehr die hohe, gebietende Gestalt, deren Schleppkleid einst so prächtig ihren gemessenen Bewegungen gefolgt war; sie und die Gräfin hatten nicht mehr die kleinen Federhütchen auf, und es war auch Niemand aus den Dörfern gekommen, sich an der Schönheit und Stattlichkeit der Herrschaften zu erfreuen. Die Leute waren nicht begierig, dem Freiherrn unter die Augen zu treten, und noch weniger begierig, ihn zu sehen. Die Gartenarbeiter, welche im Vorübergehen verstohlen nach den Herrschaften hinaufsahen, meinten, dass die Diener sich jetzt besser als die Herren ausnähmen. Die Zeiten hatten sich eben geändert, und die Menschen mit ihnen.
Vorlage S. 198
2417
Die Gräfin saß mit ihrem Sonnenschirme an der Seite ihrer Tochter und hielt ihr das zu grelle Licht ab; die Herzogin, mit einer Filetarbeit beschäftigt, leistete ihnen Gesellschaft. Den Enkelsohn an der Hand haltend, spazierte der Graf mit seinem Schwiegersohne umher; aber es waren nicht die sie zunächst umgebenden Dinge, nicht die leuchtende Pracht des Abends, nicht die Schönheit des Parkes, welche sie beschäftigten. Der Krieg hatte die Grenzen Frankreichs lange schon überschritten, große Ereignisse, große Gefahren standen an dem Horizonte, die Welt ging unverkennbar einer Neugestaltung mit raschem Schritte entgegen, und es fragte sich, ob man darauf hoffen dürfe, sich in ihr zu behaupten, wenn man ihr Schranken zu setzen versuchte, oder ob man sich ihr fügen müsse, um nicht in ihr unterzugehen.
Vorlage S. 198
2418
Des Grafen und des Freiherrn Meinungen waren sehr verschieden; sie verständigten sich nicht wie sonst, und weil sie entschlossen waren, das kaum hergestellte gute Einvernehmen zwischen sich aufrecht zu erhalten, sprach keiner von ihnen seine letzte Ueberzeugung aus. Man gab von beiden Seiten mit vorsichtiger Zurückhaltung nach, man überwand sich, man schwieg, man beobachtete einander, man suchte zu errathen, was der Andere meinte, sich ihm gefällig zu zeigen, ohne der eigenen Ansicht etwas zu vergeben. Ein solcher Verkehr ist aber eine schwere Arbeit und kein Genuss, und die Männer wendeten sich bald wieder der Gesellschaft der Frauen zu, in welcher die Unterhaltungsgabe der Herzogin die Fremden zu fesseln und von allem Störenden mit kluger Berechnung abzulenken wusste.
Vorlage S. 198
2419
Inzwischen sann der Freiherr über die Weise nach, in der er der Flies'schen Familie seine Erkenntlichkeit für die der Baronin geleisteten großen Dienste bezeigen möchte, und bei dem Wohlstande jenes gastlichen Hauses war das keine leichte Sache. Man konnte nicht daran denken, Herrn Flies eine Entschädigung für die gehabten Kosten anzubieten; eines jener Geschenke von Werthgegenständen, denen man den Charakter eines Andenkens verleiht, war in diesem Falle auch nicht angebracht, denn die Frau und die Tochter des Juweliers hatten unter seinen Vorräthen nur zu wählen, und weil der Freiherr glaubte, dass er sowohl den Wünschen seiner Frau als dem Gefühle ihrer Pflegerin gleichzeitig am besten begegnen könne, wenn er sich zu einer jener Liebesgaben erbötig zeigte, die man sonst nur mit seines Gleichen austauscht, that er der Baronin den Vorschlag, Seba mit der Copie ihres bald nach ihrer Verheirathung in der Residenz gemalten Miniatur-Bildes zu beschenken. Man hatte diese Copie damals gleich nach der Vollendung des Originals nehmen lassen, um sie der Gräfin zum Weihnachtsfeste zu bescheren. Das Familienzerwürfniß hatte diese Absicht vereitelt; jetzt mochte man auf eben diese Gabe für die Gräfin aus begreiflichem Grunde nicht zurückkommen, und einfach in einen emaillirten Goldreif als Medaillon gefasst, schien das Portrait vor allem Andern geeignet, den Dank des Freiherrn und die Freundschaft der Baronin am edelsten und ehrenvollsten auszusprechen.
Vorlage S. 199
2420
Indeß wider sein Erwarten fand der Freiherr bei Angelika nicht gleich die freudige Zustimmung, auf welche er gerechnet hatte. Sie war verlegen, ihre Blicke richteten sich nach ihrer Mutter, als sei sie unsicher, ob diese eine solche Liebesgabe billigen würde; aber grade dieses Letztere bestimmte den Freiherrn, seinen Vorschlag geltend zu machen, und Angelika zeigte sich dann auch schnell und völlig mit der Absicht einverstanden. Der Freiherr selber schrieb den Brief, denn er selbst wollte der Geber des Angedenkens sein und in einer über jedes Abwägen hinausgehenden Weise sich mit der Flies'schen Familie abgefunden haben; aber er ermächtigte Angelika, ihren Dank hinzuzufügen.
Vorlage S. 200
2421
Das bedingte sowohl, was sie schreiben, als die Art, in welcher sie schreiben konnte, sie musste sich an Allgemeines halten. Nur am Ende ihres Briefes wiederholte sie den von ihrem Gatten gebrauchten Ausdruck, dass es ihr eine große Freude sein würde, den ihr so theuer gewordenen Freunden jemals dienstlich sein zu können; und sie fügte dieser Versicherung den für Seba völlig verständlichen Nachsatz hinzu: »Glaube mir, dass der Gedanke an Dich und an unser letztes Beisammensein mich nie verlassen, dass mein Herz für Dich beten wird wie für mich selbst, und dass Du mir die höchste Liebe erweisen würdest, wenn Du es mir sagen wolltest, ob ich irgend etwas für Dich, für Dein Glück und für den Frieden Deiner Zukunft tun kann!«
Vorlage S. 200
2422
Der Freiherr sah es, wie Angelika eine Locke ihres Haares abschnitt und in die Rückseite des Medaillons einlegte. Er las die von ihr geschriebenen Zeilen, ohne eine Bemerkung darüber zu machen. Die Ausdrucksweise jener Zeit war eine conventionell gesteigerte, man bediente sich großer Worte für die lebhaften Empfindungen, die man geflissentlich in sich nährte, und dass es an Gefühlsergüssen zwischen der Baronin und Seba nicht gefehlt haben würde, darauf war der Freiherr gefasst gewesen. Es gefiel ihm freilich nicht besonders, dass seine Frau das Judenmädchen mit Du ansprach, er tadelte es auch gegen seine sonstige Weise im Beisein der Gräfin, und diese gab ihm Recht. Sie äußerte sich überhaupt nicht beifällig über Seba; Angelika wagte es nicht, sie zu vertheidigen, man konnte es jedoch in ihren Mienen lesen, dass diese abfälligen Urteile sie betrübten.
Vorlage S. 200
2423
Im Uebrigen gingen die Tage im Schlosse ruhig hin. Nach der Ermüdung durch die Reise musste man der Baronin Zeit zur Erholung gönnen, durfte man nicht daran denken, Gesellschaft zu sehen; und da der Besuch der Eltern ohnehin nicht eben lange währen sollte, wünschten sie, sich der Tochter ohne Störung zu widmen. Alles was man unternahm, wurde mit Rücksicht auf die Kranke getan. Man konnte sich nicht darüber täuschen, dass für sie keine Herstellung zu hoffen sei und dass nur Schonung und Ruhe ihr Dasein noch zu fristen vermöchten. Jedes Gespräch, das sie erregen konnte, wurde vermieden, sie selber schien vor allen Erörterungen über ihr Leben, über den Freiherrn, über die Herzogin, über die Plane, welche sie für die Erziehung ihres Sohnes hegte, Scheu zu tragen. Auf die mißbilligende Bemerkung ihres Vaters, dass man im Schlosse fast nur noch Franzosen im Dienste habe, entgegnete sie, die Noth dieser geflüchteten Leute und die Rücksicht auf die Fürbitte der Herzogin hätten sie dazu gebracht, sich ihrer zu bedienen. Und, fügte sie mit einer gewissen Ueberwindung hinzu, wenngleich ich selbst für Renatus die alten, uns angestammten deutschen Diener lieber gehabt hätte, so ist es doch andererseits viel werth, dass er jetzt nur Personen um sich findet, die ihn in seinen religiösen Begriffen nicht verwirren. Kinder haben des völligen Einklanges in ihrer Umgebung sicherlich am nöthigsten.
Vorlage S. 201
2424
Die Eltern ließen diese Unterhaltung fallen; aber es gab der Gegenstände in Schloß Richten gar zu viele, die man nicht berühren mochte. Der Graf, der schon aus der Ferne von den schwankenden Vermögensverhältnissen seines Schwiegersohnes Kunde gehabt hatte, überzeugte sich, dass der Schade tiefer gehe, als er geglaubt, und versuchte, da er viel praktische Umsicht besaß, dem Freiherrn unter der Hand zu rathen, wie man mit dem Verkaufe eines Theiles der Güter den andern sichern und dauernd erhalten möge. Der Freiherr wies jedoch jede Mittheilung und jeden Rath zurück. Man war und blieb also beisammen, ohne mit einander zu leben. Man hätte einander lieben mögen, brachte es aber nicht weiter, als bis zu einer gegenseitigen nachsichtigen und mitleidigen Duldsamkeit. Wie die Eltern auch an der hinsiechenden Tochter hingen, wie schwer die Trennung ihnen werden musste, sie sprachen nicht davon, ihren Besuch über die festgesetzte Zeit zu verlängern, und weder der Freiherr noch Angelika vermochten sie dazu aufzufordern, denn die Einweihung der Kirche stand nahe bevor, es gab für diese noch mancherlei zu ordnen, und man durfte nicht wünschen, den Grafen und seine Gattin zu Zeugen derselben zu haben.
Vorlage S. 201
2425
Der zweite Besuch, welchen ihre Eltern der Baronin in Richten machten, war dem ersten in vieler Beziehung ähnlich, und Angelika erfuhr an sich selber, wie wundersam oftmals in unserem Leben entfernte Zeitpunkte einander gleichen, wie sich zu wiederholen scheint, was wir erleben, während wir selbst uns gewandelt finden und Alles um uns her gewandelt ist.
Vorlage S. 202
2426
Weil man sich vor dem Scheiden gefürchtet hatte, fühlte man sich leichter, als es überstanden war, und wie nach der ersten Abreise ihrer Eltern wurden auch dieses Mal der Freiherr und Angelika durch eine äußerliche Tätigkeit in Anspruch genommen.
Vorlage S. 202
2427
Siebzehntes Capitel
Vorlage S. 203
2428
Die Beschwerden, welche der Caplan bei seinem Bischofe, und die Meldung, welche der Pastor bei der Regierung gemacht hatte, hatten ihre Früchte getragen. Mit dem Bischof durfte man sich leicht zu verständigen hoffen, denn die Entfernung des Pastors war bei dem Freiherrn, selbst wenn er genöthigt sein sollte, ihn zu pensioniren, eine beschlossene Sache, und die Errichtung eines Pfarramtes in Rothenfeld, für welches natürlich der Caplan ins Auge gefasst war, stimmte den Bischof für alle Maßnahmen des Freiherrn im Voraus günstig. Einmal von seinen drückenden Verlegenheiten befreit, bewegte dieser Letztere sich in seiner alten Weise, und da er, was er unternahm, vollständig zu tun, was er besaß, vollkommen zu besitzen liebte, wollte er, nun der Bau beendigt war, die Kirche auch mit einem vollständigen Personal versehen. Der ansehnliche Vorrath von Kirchengeräthschaften, den man in der alten Capelle im Schlosse seit zwei Jahrhunderten gesammelt und der mit den neuerworbenen Stücken schon einen hübschen Kirchenschatz begründete, sollte seinen Sacristan bekommen, man musste einen Glöckner haben, der den Kirchendiener machte, und vor Allem wünschte der Freiherr, der ein großer Freund des Kirchengesanges war, die Einweihung der Kirche nicht ohne einen solchen zu vollziehen.
Vorlage S. 203
2429
Von diesem Verlangen bis zu dem Gedanken, sich dauernd ein Quartett von Knabenstimmen für die Kirche zu sichern, war es für den Freiherrn nicht weit. Angelika erhob ihre wirthschaftlichen Bedenken dagegen, indeß der Freiherr wusste sie über dieselben zu beruhigen und fand den Weg, sie für seine Wünsche zu gewinnen. Er meinte, da man nur eine kleine katholische Gemeinde für die Kirche habe, müsse man eine wohlthätige Stiftung mit der Kirche in Verbindung setzen, und dies sei ohne große Opfer auszuführen. Wenn man einen jungen Geistlichen zum Sacristan ernenne, der des Orgelspieles mächtig und im Stande sei, einigen Knaben außer dem Unterrichte der Musik den gewöhnlichen Schulunterricht zu ertheilen, so könnte man neben der Kirche eine kleine katholische Schule errichten und sich, wenn man die heranwachsenden Knaben immer zu den Lebensberufen anleitete, für welche sie Anlage oder Neigung bethätigen, allmählich eine Anzahl wohlerzogener katholischer Handwerker oder Beamten heranbilden, die zugleich den Stock für die Ausbreitung der Kirche innerhalb der Herrschaft abgeben würden. Vier Knaben aus armen und wohlgesitteten Familien zu erziehen, war sicherlich ein gutes Werk, und eine solche kleine Colonie auf den Gütern zu erhalten, keine Aufgabe, welche irgendwie die Kräfte des Gutes überschritt.
Vorlage S. 203
2430
Für ein solches wohlthätiges Unternehmen durfte man natürlich sicher sein, die Zustimmung der Baronin schnell zu erlangen, und der Bischof, dem so unerwartet die Möglichkeit geboten wurde, einen jungen Geistlichen anzustellen, ein paar Leute als Glöckner und Kirchendiener zu versorgen und einigen strenggläubigen Familien durch Unterbringung ihrer Söhne seine Zufriedenheit auszudrücken, stimmte dem ganzen Vorhaben mit großer Anerkennung bei.
Vorlage S. 204
2431
Aber auch den Wünschen des Caplans kam die Absicht des Freiherrn entgegen. In der entsagenden und begeisterten Liebe seiner Jugend hatte er sich von der Welt zurückgezogen und auf eine weitgreifende Tätigkeit innerhalb der Kirche, ja, selbst auf das Walten in einer Gemeinde verzichtet, um dem Andenken einer Geschiedenen zu leben, um ihrem Bruder nahe zu sein und sich selber aufzuerbauen. Indeß eine Jugendliebe wirft nur bleiche Strahlen auf das spätere Leben, und wenn der Caplan sich auch sagen durfte, dass er Angelika der Kirche gewonnen habe, war doch grade mit den fortschreitenden Jahren oft der schmerzliche Gedanke über ihn gekommen, dass er das reiche Maß seiner Kräfte nicht genug gebraucht, dass er nicht genug gewirkt für die Verbreitung und den Ruhm der Kirche, der er angehörte; und eben die letzten traurigen Ereignisse in Rothenfeld hatten ihm wie eine Mahnung gedäucht, die ihm noch vergönnten Lebenstage eifriger zu benutzen.
Vorlage S. 204
2432
Es schien ihm ein Wink des Himmels, ein sichtbares Eingreifen des Höchsten zu sein, dass Gott der neugegründeten Kirche, wie in den ersten Tagen des Christenthums, gleich ihren Blutzeugen zugesellt, und die Vorstellung, dass dies Alles habe geschehen müssen, um ihm eine Mahnung und ein Sporn zu sein, ward immer mächtiger in ihm. Er hatte mit ruhiger Erhebung einst der Grundsteinlegung zu der Kirche beigewohnt, ihren sehr verzögerten Bau gelassen fortschreiten sehen; nun zählte er die Tage, welche bis zu ihrer Einweihung vergehen mussten.
Vorlage S. 205
2433
Seit seinen jungen Jahren hatte er die Kanzel nicht betreten, nicht unter der erhabenen Wölbung eines Gotteshauses gepredigt, nicht vor dem Altare einer Kirche die Messe celebrirt. Viele Hoffnungen waren ihm verloren gegangen, auf Manches hatte er verzichten lernen. Er begann zu fühlen, dass er älter werde, weil der Kreis seiner Wünsche, Plane und Erwartungen sich verengte. Neues Streben und damit neue Hoffnung in sich aufnehmen, heißt aber, sich eine neue Jugend schaffen, und wie sollte man diesem Reize widerstehen, auf diese Möglichkeit verzichten, so lange man noch die Kraft dazu empfindet? Es war die Sehnsucht nach verlängertem Leben, ohne welche der Mensch dem Tode noch früher verfallen würde, es war das halb unbewusste Verlangen nach Lebenslust, die in dem einst so entsagungsfähigen Manne noch im hohen Mannesalter den Ehrgeiz weckten.
Vorlage S. 205
2434
Er und der Freiherr theilten jetzt den Verdruss, den sie Seitens der protestantischen Kirche zu tragen hatten, und fanden sich in der Tätigkeit für die Einweihung der Kirche mit Genugthuung zusammen. Man hatte schon lange eines der zum Amte gehörenden, aber außerhalb des Amthofes und sehr nahe bei der Kirche gelegenen Gebäude zur Kirchenwohnung ersehen. Bisher hatten die Wirthschafter sie inne gehabt; nun, da man dem künftigen Amtmanne überhaupt kein so breites Leben wie den Steinerts einzuräumen dachte, sollten die Wirthschafter im Amthause ihr Unterkommen finden und der Sacristan mit den vier Knaben, welche der Freiherr zu Assistenten bei dem Gottesdienste zu haben wünschte, ihre Wohnung bei der Kirche erhalten. Es war dabei auf einen verheiratheten Glöckner abgesehen, der die Beköstigung des Sacristans und seiner Schüler übernehmen könne.
Vorlage S. 206
2435
Eine Zeit lang hatte der Freiherr, von der Herzogin beeinflußt, wohl die Absicht gehegt, auch den Caplan nach Rothenfeld übersiedeln zu lassen; aber er hatte dessen Anwesenheit, während jener mit der Baronin in der Stadt gewesen war, doch mehr vermisst, als er erwartet haben mochte, und grade der Hinblick auf Angelika machte es ihm wünschenswerth, den ihr so werthen Mann in ihrer Nähe und auch in der Nähe des Knaben zu lassen, dem die Aufsicht und der Unterricht des Caplans mit jedem Tage nötiger werden mussten.
Vorlage S. 206
2436
Während man in nächtlicher Stille die Särge aus dem bisherigen Erbbegräbnisse in die Marmorgruft der neuen Kirche brachte und der Caplan die weißen Rosenbüsche an der Eingangsthür derselben pflanzen ließ, während die Kanzel ihre letzten Verzierungen erhielt, der aus der Stadt angelangte Beichtstuhl aufgestellt ward und der Freiherr sich mit dem Fürstbischof ins Einvernehmen setzte, damit dieser, der den Grundstein eingeweiht, auch am Margarethentage die Einsegnung des fertigen Baues übernähme, ward er es nicht sonderlich gewahr, dass die Herzogin ungewöhnlich viel Briefe erhielt und schrieb, dass sie öfter theilnahmslos erschien und, seit der Graf und die Gräfin Berka das Schloß verlassen hatten, von Reiseplanen sprach, die ihr neuerdings gekommen sein mussten, denn es war nie davon zuvor die Rede gewesen. Sie zeigte sich jetzt weniger als sonst bemüht, den Freiherrn zu unterhalten, bewies der Kranken wirklich jene Sorgfalt, deren Anschein sie während des Besuchs der Berka'schen Familie angenommen hatte, und trotz ihrer Abneigung gegen die Herzogin konnte Angelika es nicht übersehen, dass eine Veränderung mit derselben vorgegangen war und dass sie jetzt wie der mehr als in den verwichenen Jahren dem Bilde entsprach, welches Angelika in den ersten Tagen sich von ihr gemacht hatte.
Vorlage S. 206
2437
Als der Postbote wieder einmal nach der Stadt geritten war, um die Posttasche abzuholen, brachte er in dieser neben dem eigenhändigen Schreiben des Fürstbischofs, das seine Zusage enthielt, auch ein großes, aus der Residenz kommendes, mit mehreren Siegeln verschlossenes Paket für die Herzogin, sowie die Antwort Seba's auf die Sendung und die Briefe des Freiherrn und Angelika's.
Vorlage S. 207
2438
Seba dankte dem Freiherrn in einem kurzen Schreiben, dessen formvolle Haltung er rühmend anerkannte, für die Freude, die er ihr bereitet, für die gütige Weise, in welcher er ihren geheimen Wunsch errathen und befriedigt habe. Auch der Brief an die Baronin war nicht eben lang. Seba schickte ihr, da sie augenblicklich über kein anderes Bild von sich verfügen konnte, ein kleines, in Pastell gemaltes Portrait, das sie in ihrem sechszehnten Jahre darstellte. Es war kurz vor der Zeit gemacht worden, in welcher sie den Grafen hatte kennen lernen, und der ganze Zauber seelenvoller Kindlichkeit und Unschuld lag in dem Bilde noch über dem edlen, holden Antlitze ausgebreitet. Die Baronin hatte dieses sie rührende Bild, das in der Stube des Vaters hing, nie zuvor gesehen.
Vorlage S. 207
2439
»Sei um mich nicht in Sorge«, schloß Seba ihren Brief an die Baronin. »Es ist mir wohler und freier um das Herz, als seit gar langer Zeit. Nicht alle Naturen können die gleiche Straße gehen und jede muss ihre Befreiung und Befriedigung auf ihre eigene Weise suchen. Da ich Dich liebe, tut es mir wohl, Dich in Deinem Glauben und in Deinem Anlehnen an Deine Kirche glücklich zu denken; gönne Du mir, da Du mich liebst, die Erhebung und Auferbauung meiner Seele und meiner Zukunft auf meine Weise. Du erwartest die Gerechtigkeit aus der Hand des Höchsten, der mit seiner Vorsehung Dein Leben lenkte; ich entbehre dieses Glaubens, ohne der Ueberzeugung und des Trostes zu entbehren, dass unsere selbstbestimmten Taten in unseren Leiden und Freuden ihre Folgerichtigkeit haben; und Deine Liebe und die letzten Augenblicke, die ich mit Dir verlebte, haben mir dies wieder vollgültig dargethan. Die Genugthuung, deren ich bedurfte, ist mir jetzt geworden.
Vorlage S. 208
2440
Der Herr Baron und Du, meine Angelika, legen es mir beide nahe, eine Bitte, der Gewährung sicher, an ihn zu richten. Sie soll denn, wenn auch nicht eigentlich für mich, gesprochen werden. Herbert, der jetzt seine Aufgabe im Dienste des Herrn Barons vollendet hat, ist mir sehr werth und mir in manchen schweren Stunden ein Freund gewesen. Er sehnt sich, seine Eva in das Haus zu führen, das Du mit uns bewohnt hast und das er in diesen Tagen von meinem Vater für sich kaufte. Lege das Glück meines Freundes dem Herrn Baron ans Herz. Herbert und Eva sind zwei so einfache, so schuldlose Naturen, dass es, wie ich mir denke, auch Dich erfreuen müsste, sie bald vereinigt zu sehen. Herbert hat seine Aufgabe zu des Herrn Barons Zufriedenheit beendet, möge dieser seinen Baumeister dafür in der Weise belohnen, die ihn am meisten beglücken wird! – Ich spreche diese Bitte ohne Herbert's Wissen aus. Sollte es Dir, wie ich es für möglich halte, angemessener scheinen, sie als Deinen Wunsch zu bezeichnen, so nenne mich nicht, und lass uns, wie in Liebe, so in dem stillen, verschwiegenen Wirken für das Glück der Anderen stets verbunden bleiben!«
Vorlage S. 208
2441
Achtzehntes Capitel
Vorlage S. 210
2442
In Rothenfeld und in Richten, im Amthofe wie im Schlosse hatte man vollauf zu tun. Der Glöckner mit Frau und Kindern, der Sacristan mit seinen vier Schülern waren eingetroffen. Eva hatte auf Anweisung des Freiherrn das Haus für sie eingerichtet, die Vorräthe für den ersten Bedarf des neuen Hausstandes herbeigeschafft, und wie leicht der Freiherr dies auch veranschlagte, fiel es für die Verwaltung doch immer in das Gewicht, denn der Unterhalt für zehn Personen will erworben sein.
Vorlage S. 210
2443
Im Schlosse langte um die festgesetzte Stunde der Fürstbischof, wie zur Grundsteinlegung, mit seinen Vicaren und Caplänen an, und Angelika, obschon sie sich danach zurückzog, um ihre Kräfte für den nächsten Tag zu Rathe zu halten, ließ es sich nicht nehmen, ihm bis an die Schwelle ihres Hauses entgegen zu gehen. Sie wollte die erste sein, welche des verehrten Greises Segen für sich und ihren Sohn erbat.
Vorlage S. 210
2444
Im Laufe des Tages hatte der Bischof verschiedene besondere Unterredungen mit dem Freiherrn und mit dem Caplan; auch mit der Herzogin wanderte er im letzten Sonnenscheine noch auf der Terrasse umher. Renatus, an dem sie, ohne auf ihn zu achten, mehrmals vorübergegangen waren, hörte, dass sie von Italien sprachen, und fragte am Abende die Mutter, weßhalb sie nicht auch einmal nach Italien reisten, wenn es dort so schön sei.
Vorlage S. 210
2445
Herbert war schon seit zwei Tagen im Amthause. Er hatte dem Freiherrn am bestimmten Termine den Bau übergeben, die Schlüssel ausgeliefert, und dieser hatte es an Lob und Anerkennung für den Architekten auch jetzt nicht fehlen lassen. Eine Einladung, in das Schloß zu kommen, war an Herbert nicht ergangen, aber der Freiherr hatte ihn aufgefordert, am Abende des Festtages sich zu der Mahlzeit auf der Birkenhöhe einzustellen, und er hatte dies schicklicher Weise nicht ablehnen dürfen, obschon ihm jede Begegnung mit den Schloßbewohnern peinlich war.
Vorlage S. 210
2446
Die ganze Nacht hindurch hatte der Gärtner mit seinen Gehülfen Kränze und Guirlanden zu den Ehrenbogen geflochten, die den Eingang der Kirche, den Altar wie die Kanzel zieren sollten. Als der Morgen in seiner Herrlichkeit heraufzog, waren der Gehülfe und Herbert schon auf den Füßen, um die Ausschmückung für die Kirchenfeier zu überwachen und zu leiten.
Vorlage S. 211
2447
Es hatte in der Nacht stark gethaut, nun dehnten und wiegten sich unter dem heißen, entfaltenden Sonnenstrahle die feuchtglänzenden Blätter und Gräser. Kein Wölkchen stand am Himmel. Ueber die Getreidefelder wehte der Morgenwind, dass die Halme sich neigten und hoben und die noch weiß schimmernde Aehrenfülle des Weizens und der Gerste sich unter dem leisen Luftzuge wie die zitternden Wellen eines glänzenden Wasserspiegels schillernd bewegten. Die Vögel stiegen überall aus Feld und Busch empor und schwangen sich mit jubelndem Gesange hoch hinweg über das goldene Kreuz des Kirchthurmes, welches, wie Angelika es einst ersehnt hatte, jetzt weithin leuchtend in die Ferne strahlte.
Vorlage S. 211
2448
Früh um neun Uhr ging der Glöckner zum ersten Male an sein Amt.
Vorlage S. 211
2449
Angelika stand an dem Fenster ihres Zimmers; sie sah gedankenvoll in die Gegend hinaus. Ich habe einen sonderbaren Traum geträumt, sagte sie zu Marianne. Ich ging allein, vor euch Allen in die Kirche; es war ein prächtiger Tag, und ich fühlte mich so leicht, dass ich die Erde gar nicht berührte. Ich wandelte ruhigen Schrittes durch die Luft, ohne mich darüber zu verwundern. Nur Eines fiel mir auf: die Tannenbäume, welche vom Gitter nach der Kirche führen, standen in voller Blüthe und trugen statt der Zapfen die schönsten weißen Rosen. Ich freute mich so darüber!
Vorlage S. 211
2450
Indem sie diese Worte sprach, ertönten die ersten Schwingungen der Glocken durch die Weite. Angelika's Herz wallte auf, sie hielt in ihrer Erzählung inne und knieete nieder.
Vorlage S. 212
2451
Es drängte sie, dem Herrn dafür zu danken, dass er sie die Erfüllung ihres Gelöbnisses erreichen lassen, dass sie den Tag erlebte, an welchem die Glocken ihrer Kirche fernhin mahnend zu ihr hinüber schallten, und sie dachte nicht daran, dass es andere, ganz andere Gefühle waren, welche dieser fremde Klang in den Herzen ihrer Unterthanen weckte.
Vorlage S. 212
2452
Nach kurzem, inbrünstigem Gebete richtete sie sich auf. Sie musste ihren Gatten sehen.
Vorlage S. 212
2453
Du hier? rief er, als sie bei ihm eintrat, und ihre Hand ergreifend, hieß er sie willkommen, während er sie zu einem Sessel geleitete. Die Glocken der Kirche tönten fort und fort. Der Freiherr und Angelika waren beide sehr bewegt. Sie fühlten sich durch ein gemeinsam Gewolltes und Erreichtes, sie fühlten sich durch die heiligsten Bande, durch die schmerzlichsten Erinnerungen, durch Leiden und Freuden, durch die Hoffnungen und Sorgen für ihres Sohnes Zukunft verbunden und zu einander gehörend. Niemals waren sie in ihrem Denken und Empfinden mehr im Einklange gewesen, als unter dem ersten, feierlichen Läuten dieser Glocken, und doch hatten sie es verlernt, sich einander vertrauend hinzugeben. Vereinsamt und zagend standen sie sich gegenüber, das Herz that beiden wehe, weil jeder von ihnen seine Aufwallung zurückhielt.
Vorlage S. 212
2454
Endlich überwand der Freiherr sich. Wir sind am Ziele, sagte er, und wie man auf der Höhe eines Berges der Mühen, mit denen man ihn erstieg, leicht vergisst, um sich der herrlichen Fernsicht zu erfreuen, so dürfen auch wir, der Opfer, die wir bringen müssen, fortan nicht mehr gedenkend, uns des Geschaffenen erfreuen, das denen, die nach uns kommen werden, von uns Kunde geben und unsere Namen in eine ferne Zukunft tragen wird. Lass uns einander Glück dazu wünschen!
Vorlage S. 212
2455
Er küsste sie mit Feierlichkeit auf die Stirne, und unfähig, ihre Erschütterung zu verbergen, zu scheu, sich ihm in die Arme zu werfen, küsste sie ihm die Hand. Das fuhr ihm wie ein Stich durchs Herz.
Vorlage S. 213
2456
Angelika, Beste, was thust Du? rief er erschrocken aus. Aber sie sah ruhig zu ihm empor und sagte: Lass es geschehen! Es hat mir wohlgethan, lieber Franz, Dich so mild gestimmt zu finden, und ich gewinne dadurch den Muth, eine Bitte an Dich zu richten!
Vorlage S. 213
2457
Er setzte sich an ihre Seite; sie blieb eine Weile in schweigendem Nachdenken versunken, dann sagte sie: Ich möchte mich dazu des Bildes bedienen, das Du eben jetzt gebrauchtest, Lieber! Man sieht vom erreichten Ziele die Dinge freier an, und – Du wirst Dich darüber so wenig zu täuschen vermögen, als ich – auch mein Ziel wird bald erreicht sein! Da möchte ich den Personen, denen ich genaht bin, so weit es möglich ist, gern freundliche Erinnerungen hinterlassen!
Vorlage S. 213
2458
Der Freiherr unterbrach sie. Sie hatte bisher niemals von der Wahrscheinlichkeit ihres frühen Todes zu ihm gesprochen. Er versuchte ihre Ahnung zu bekämpfen, er wollte sich selber die Wehmut verscheuchen, es gelang ihm Beides nicht.
Vorlage S. 213
2459
Was uns auferlegt ist, werden wir erwarten und tragen müssen, sagte Angelika ergeben, aber erfülle meinen Wunsch. Lege noch heute Eva's Hand in Herbert's Hand. Es würde mich schmerzen, wenn er, der uns so schön gedient, und der – jetzt wirst Du mir es glauben – rein und ehrenhaft Dir gegenüber dasteht, unserer mit Abneigung gedenken sollte.
Vorlage S. 213
2460
Der Freiherr schloß, wie unter einer schmerzlichen Berührung, unwillkürlich die Augen, seine Brauen, seine Lippen pressten sich zusammen: Angelika blieb ruhig und gelassen. Das Erlebte lag weit hinter ihr.
Vorlage S. 213
2461
Der Tag ist uns, die wir den Bau begründet haben, ein hohes Fest, sprach sie; Du wünschest ihn der Herzogin zu einem Ehrentage zu machen. Lass ihn für Herbert, für Eva und für ihren Bruder gleichfalls zu einem Tage freudiger Erinnerung werden, und auch mein Herz wird ihn dann als einen doppelt gesegneten empfinden, denn ich werde Deine Verzeihung in der Gewährung meiner Bitte empfangen zu haben glauben.
Vorlage S. 214
2462
Lass die Vergangenheit begraben sein, lass uns auf die Zukunft blicken, sagte der Freiherr mit milder Abwehr, und sei es, wie Du's wünschest. Noch heute will ich Eva meine Zustimmung verkünden.
Vorlage S. 214
2463
Angelika dankte ihm dafür. Sie wollte Zeit und Stunde wissen; ihr Gatte bat, ihm dies zu überlassen; er wollte sich wie immer die Freiheit augenblicklicher Entschließung vorbehalten.
Vorlage S. 214
2464
Inzwischen war es Zeit geworden, sich nach der Kirche zu begeben. Wie vor acht Jahren fuhr man in vier Wagen durch das Dorf, weniger noch als damals ließen die Gutsinsassen sich blicken. Es war Sonntag; sie waren vollzählig zu ihrem Pfarrer in die Kirche gegangen. Die Pfarrerin hatte diesen mit Bitten und mit Thränen davon abzuhalten gestrebt, dass er eben an dem heutigen Tage ein Aergerniß gäbe, aber der Pastor ließ es sich nicht nehmen, grade heute mit feurigem Worte sein Herz vor der Gemeinde auszuschütten und sie zu warnen, dass sie sich nicht durch äußeren Glanz und äußeren Vortheil verführen lassen sollte.
Vorlage S. 214
2465
Der Amtmann und Eva fehlten in der Kirche. Wie sehr sie ihren alten Pfarrer auch verehrten, sie hatten zu viel Freude an dem Ehrentage Herbert's; sie waren dem Baue durch alle seine Stufen mit zu großer Theilnahme gefolgt, als dass sie es sich und Herbert hätten versagen mögen, das schöne Bauwerk in seinem ersten Schmucke zu sehen, die ersten Orgeltöne in diesem Gotteshause erklingen zu hören.
Vorlage S. 214
2466
Die Wagen machten außerhalb des Kirchhofes Halt. Der Freiherr, seine Gattin am Arme, seinen Sohn an der Hand, durchmaß den mit Blumen bestreuten Weg. Da er und Angelika sich in der Vorhalle mit dem geweihten Wasser netzten, war es ihnen, als hätten sie dies nie zuvor getan, und es durchschauerte sie feierlich.
Vorlage S. 215
2467
Von der Herzogin begleitet, begaben sie sich in die herrschaftliche, der Kanzel gegenüber gelegene Loge. Die katholische Dienerschaft aus dem Schlosse hatte unten in den Bänken Platz genommen. Unter dem Portale empfing der Caplan, als Pfarrer der neuen Kirche, den Fürstbischof und sein Gefolge. In vollen, jubelnden Klängen ließ die schöne Orgel ihr Halleluja ertönen, die Chorknaben schwangen die silbernen Weihrauchgefäße, und das große, bischöfliche Kreuz voraufgetragen, schritt der Bischof mit seinem Gefolge dem Altare zu, die erste Messe in der Kirche zu lesen.
Vorlage S. 215
2468
Dann bestieg der Pfarrer seine Kanzel, und Angelika wie der Freiherr glaubten ein Wunder vor sich zu sehen. Wie verjüngt strahlte sein Antlitz, mit fremdem, mächtig ergreifendem Tone schallte seine Stimme von der hohen Wölbung der Kuppel zurück. Er fühlte die Begeisterung, das Feuer und den Eifer seiner jungen Jahre in sich wiederkehren, die rückwirkende Kraft der Gemeinde erwies sich an ihm mächtig, und er kannte die Herzen derer, zu denen er zu sprechen hatte, genau genug, um die Worte zu finden, mit denen er sie bewegen konnte. Er wusste, was dem Hause derer von Arten fehlte, er war diesem Hause durch ein langes Leben so eng verbunden gewesen, der Freiherr und Angelika waren seinem Herzen jeder auf seine Weise so nahe verwandt, dass es keiner Kunst bedurfte, dass er nur der eigenen Eingebung zu folgen brauchte, um sie mit sich zu erheben.
Vorlage S. 215
2469
Mit stolzem Selbstgefühle verließ der Freiherr nach beendigtem Gottesdienste seinen Sitz. Er ließ Herbert herbeirufen, um ihn dem Fürstbischof vorzustellen. Angelika sah ihn in diesem Augenblicke zum ersten Male wieder. Als auch sie ihm dankte und ihm ihre Hand hinreichte, wagte er es, sie an seine Lippen zu ziehen, und sie sah Thränen in seinem Auge, die sie sich zu deuten wusste.
Vorlage S. 215
2470
Ja, sprach sie, ich bin recht krank, aber heute mag ich nicht daran denken, heute ist es auf lauter Freude abgesehen, und ich hoffe Sie am Abende noch zu begrüßen.
Vorlage S. 216
2471
Die Herrschaften und der Bischof nahmen die Kirche und die Kirchenwohnung in Augenschein; sie belobten Alle den Baumeister; Herbert hatte heute ein großes Wohlgefallen an der Anerkennung, denn Eva und ihr Bruder hörten sein Lob und waren stolz auf ihn; aber der Anblick der Baronin ließ in ihren guten Herzen keine wahre Freude aufgehen.
Vorlage S. 216
2472
In demselben Zuge, in welchem man sich nach der Kirche begeben hatte, verließ man sie. Angelika schien keine Ermüdung zu empfinden. Sie machte bei dem Mittagbrode, das man dem Bischofe zu Ehren veranstaltet hatte, mit Freundlichkeit die Wirthin; sie empfing die zahlreichen Gäste aus der Nachbarschaft, welche man für den Abend eingeladen hatte, das Namensfest der Herzogin zu begehen.
Vorlage S. 216
2473
Der schöne Tag machte dem mildesten Abende Platz. Man brachte die letzten Stunden des Nachmittags auf der Terrasse zu. Als die Sonne sank, fuhren die Wagen vor, um diejenigen, welche, wie Angelika, die Mühen des Weges zu scheuen hatten, nach der Birkenhöhe hinauf zu bringen. Der Justitiarius, der Amtmann und Eva hatten Einladungen zu dem Abendbrode erhalten, das man oben einzunehmen dachte. Herbert und der Gehülfe, wie das ganze Gefolge des Bischofs, befanden sich selbstverständlich unter der Gesellschaft. Bei einem im Freien veranstalteten Feste brauchte man mit den Einladungen nicht so ängstlich zu sein.
Vorlage S. 216
2474
Der Park war belebt wie in den glänzendsten Tagen des Hauses, der Freiherr recht eigentlich in seinem Elemente. Der Fürstbischof, die geistlichen Herren seines Gefolges, die Herzogin, die adeligen Familien der Nachbarschaft bildeten eine stattliche Versammlung.
Vorlage S. 217
2475
Als man oben auf der Höhe anlangte, fand man den neuerbauten kleinen Tempel in allen seinen hervorragenden Linien mit Blumenguirlanden geschmückt. »Der Freundschaft!« war mit goldenen Buchstaben über der Eingangsthüre zu lesen. Man hatte die Marmortafel, welche diese Inschrift trug, erst während des Tages angebracht. Eine sanfte Musik ertönte aus dem Innern des Baues, die Thüren öffneten sich, das Bild der Herzogin, welches während ihres Aufenthaltes in der Stadt im Auftrage des Freiherrn von einem geschickten Maler ausgeführt worden war, hing reich bekränzt dem Eingange gegenüber. Man hatte davor eine Art von Altar aufgerichtet, auf welchem Blumen und Feldfrüchte, Garten- und Feldarbeits-Geräthschaften wie in einem Tempel der Ceres und der Flora aufgestellt waren. Von dem Sacristan wohl eingeübt, sang das Quartett der Knaben ein Loblied auf die Herzogin, das von dem Freiherrn selber dem Schiller'schen »Mädchen aus der Fremde« nachgedichtet worden war.
Vorlage S. 217
2476
Bei der Strophe:
Vorlage S. 217
2477
Sie theilte jedem eine Gabe,
Vorlage S. 217
2478
Dem Früchte, jenem Blumen aus;
Vorlage S. 217
2479
Der Jüngling und der Greis am Stabe,
Vorlage S. 217
2480
Ein jeder ging beschenkt nach Haus –
Vorlage S. 217
2481
führte der Freiherr die Gefeierte vor den Altar. Unter den dort aufgestellten Geräthschaften befanden sich verschiedene kleine Körbe, in denen auf und unter blühenden Blumen, mit den Namen der anwesenden Personen bezeichnet, die mannigfachsten Geschenke vorbereitet lagen. Er händigte ihr das erste dieser Körbchen aus und bat sie, als Schützerin dieses Tempels, der fortan ihren Namen tragen sollte, den versammelten Freunden ein Andenken an sich zu hinterlassen.
Vorlage S. 217
2482
Die Herzogin, solcher Darstellung im höchsten Grade mächtig, unterzog sich mit vollendeter Anmuth ihrer Aufgabe, und eine gewisse Rührung, eine ihr sonst fremde Weichheit verliehen den Geschenken, die sie auszutheilen hatte und die dem Range der Herzogin wie dem Ansehen der Empfänger angemessen waren, einen erhöhten Werth.
Vorlage S. 218
2483
Schweigend und in sich selbst versunken wohnte Angelika dem Schauspiele bei. Sie schien es kaum zu bemerken. Ihr Auge sah durch die offenen Bogenfenster in das Thal hinaus. Auch Herbert hatte wenig Sinn für die gegenwärtige Feierlichkeit. Er ahnte, was in dem Herzen der Baronin vorging.
Vorlage S. 218
2484
So, im sinkenden Tagesscheine, hatte er einst mit ihr auf dieser Höhe gestanden, hier auf dieser Stätte war sie ihm als das Urbild edler Schönheit erschienen, hier hatte ihre Trauer ihm das Unglück ihres Lebens enthüllt, hier hatte er sich ihr in selbstloser Freundschaft zu eigen geloben wollen – und schon damals hätte ihr Ausruf: »Hier oben dürfen wir keine Kirche bauen!« ihm verrathen können, was später ihm so verwirrend und so schmerzlich klar geworden war.
Vorlage S. 218
2485
Ihr, der Reinen, der erhabenen Seele hätte er hier einen Tempel der Erinnerung errichten mögen, und man weihte diese Stätte dem Andenken jener fremden Frau, deren selbstsüchtige Arglist Angelika's Glück untergraben und zerstören geholfen. Er konnte die Augen nicht von der Baronin wenden, auch Eva dachte nur an sie.
Vorlage S. 218
2486
Man schämt sich seines Glückes, wenn man auf sie blickt! sagte sie zu Herbert, der sich zwanglos an ihrer Seite hielt.
Vorlage S. 218
2487
Der Freiherr wies den einzelnen Gästen mit leichter Handbewegung die Reihenfolge an, in welcher sie sich der Herzogin zu nähern hatten. Die gute Stimmung wuchs von Minute zu Minute. Zwischen den einzelnen Strophen des Gedichtes waren kleinere, die Vertheilung begleitende und sich in raschem Rhythmus und in heiterer Melodie leicht bewegende Verse eingelegt. So ging es fort, bis die geladenen Gäste alle ihre Gaben empfangen hatten und auf ein Zeichen des Freiherrn der Architekt an den Altar beschieden wurde.
Vorlage S. 218
2488
Als er sich demselben näherte, erhob sich Angelika von ihrem Platze, winkte Eva zu sich heran, und während sie selbst das überraschte Mädchen an Herbert's Seite geleitete, sangen die Knaben die Schlußverse des Gedichtes:
Vorlage S. 219
2489
Doch nahte sich ein liebend Paar,
Vorlage S. 219
2490
Dem reichte sie der Gaben beste,
Vorlage S. 219
2491
Der Blumen allerschönste dar!
Vorlage S. 219
2492
und Eva's und Herbert's Hände in einander legend, sagte Angelika leise, dass nur die beiden es vernehmen konnten: Seid glücklicher, als ich, und denket meiner, wenn ich nicht mehr bin!
Vorlage S. 219
2493
Herbert und Eva sanken ihr zu Füßen, die Gesellschaft rief ihren Beifall und ihre Glückwünsche aus. Man merkte es nicht, dass Angelika noch blässer geworden war und leise ihre Thränen trocknete. Herbert und Eva waren ein so schönes Paar.
Vorlage S. 219
2494
Die ganze Erfindung und Ueberraschung war vollkommen im Sinne der Gesellschaft, und man hatte auch mehr zu tun, denn draußen waren inzwischen die Lampen angezündet, der Tempel, die Höhe, der Garten, die Terrasse, das Schloß strahlten im Lichtglanze der Illumination, und während von den dem Tempel gegenüber gelegenen Ruinen des alten Schlosses die ersten Garben des Feuerwerks in die Höhe stiegen, brachte der Fürstbischof selber in dem schäumenden Champagner, den die Diener zu credenzen begannen, den ersten Toast auf das Bestehen, Wachsen und Gedeihen des von Arten'schen Geschlechtes aus.
Vorlage S. 219
2495
Neunzehntes Capitel
Vorlage S. 220
2496
Die Gäste hatten das Schloß verlassen, der Tag war bewölkt, die Baronin hütete das Lager, weil sie sich mehr zugemuthet, als ihre Kräfte leisten konnten; auch der Freiherr und die Herzogin waren ermüdet und hielten sich in ihren Gemächern. Der Herr Pfarrer, wie die Kirchenbeamten und der Sacristan den Caplan jetzt nannten, beantwortete in des Freiherrn Namen die Vorstellungen, welche diesem von Seiten des Superintendenten auf die Beschwerden des Pastors gemacht worden waren. Der neue Pfarrer allein war zu einer großen Tätigkeit aufgelegt, während der Freiherr jene Erschlaffung und jene Leere fühlte, welche nach der Vollendung einer großen Arbeit, eines großen Unternehmens sich immer einzustellen pflegen.
Vorlage S. 220
2497
Gegen den Abend machte die Herzogin ihm den Vorschlag, einen Spaziergang nach der Margarethen-Höhe, so nannte man den Hügel jetzt, zu unternehmen. In ruhigem Gespräche durchwanderten sie den Park, stiegen sie den Hügel hinauf. Oben angelangt, setzten sie sich auf einer der nach antikem Vorbilde gearbeiteten Steinbänke nieder, welche man dort aufgestellt hatte. Trotz des schönen Abends machten der Platz und der Tempel heute keinen guten Eindruck. Die Blumenguirlanden waren welk geworden, das Gras des Rasenplatzes hier und da zertreten. Die Lampen hingen trüb und fahl in den Drähten des Lattenwerkes, auch das Innere des Tempels war noch nicht wieder hergestellt worden, und das Bild der Herzogin sah in dem matten Lichte wie verschleiert aus.
Vorlage S. 220
2498
Wir hätten heute nicht hierher gehen sollen, bemerkte der Freiherr, denn jedes Fest wirft einen Schatten auf den ihm folgenden Tag!
Vorlage S. 221
2499
Und doch wünschte ich gerade heute hierher zu kommen und mich an dem Orte, dem Sie so liebenswürdig meinen Namen verliehen, an welchem Sie, mein theurer Vetter, mich so hoch geehrt haben, mit Ihnen über eine Angelegenheit zu besprechen, die ich ohne Ihren Beirath zu ordnen genöthigt gewesen bin, denn Ihre Freundschaft würde mich, ich fühle das, verhindert haben, die Entscheidung zu treffen, zu welcher ich selbst mich schwer genug entschloß.
Vorlage S. 221
2500
Sie hielt inne; der Freiherr bat sie, sich zu erklären.
Vorlage S. 221
2501
Ich bin nicht wortbrüchig, mein Freund, sagte sie, und ich habe es nicht vergessen, wie Ihre Großmuth mir einst das Versprechen abgenommen hat, dass ich von Ihrer gastlichen Schwelle nicht scheiden würde, bis Sie selbst mich wieder in die Hallen meines schönen Vaudricourt zurückgeleiten könnten.
Vorlage S. 221
2502
Und dieses Versprechen ist Ihnen leid geworden? fragte der Freiherr, von einer unangenehmen Ahnung erfasst.
Vorlage S. 221
2503
Sie schüttelte wehmüthig das Haupt. Nein, o nein, versetzte sie, und es wird, glauben Sie es mir, theurer Vetter, zu den erhebendsten Erinnerungen meines Lebens gehören, dass Sie es einst von mir gefordert haben, dass ich Sie auch heute noch geneigt weiß, mir fort und fort das Gastrecht zu gewähren, welches Sie mir mit jener Forderung verhießen. Aber jedes Versprechen, das wir leisten, wird in einem bestimmten Glauben, unter gewissen Voraussetzungen getan ....
Vorlage S. 221
2504
Sie wollen von uns scheiden? rief der Freiherr, tiefer getroffen, als er es selbst in diesem Augenblicke wusste. Sie wollen jetzt, eben jetzt von uns gehen, wo, wenn nicht ein Wunder geschieht, auf das zu hoffen der Mensch kein Anrecht hat, meinem Hause ein schwerer Verlust und eine einsame, ernste Zeit bevorsteht?
Vorlage S. 221
2505
Die Herzogin seufzte. Ich habe mir das selbst gesagt, habe Alles schmerzlich in mir erwogen, und doch bleibt mir keine Wahl. Jedes Versprechen, das wir leisten, wiederholte sie absichtlich, wird in einem bestimmten Glauben, unter gewissen Voraussetzungen getan. Als ich Ihnen einst gelobte, nicht eher von Richten zu scheiden, bis Sie mich nach Vaudricourt geleiten könnten, glaubte ich an eine Wandlung, an eine nicht ferne Rückkehr zu Ordnung und Gesetz in meiner Heimath, hoffte ich den Thron seines rechtmäßigen Herrschers in Frankreich bald wieder aufgerichtet zu sehen. Diese Hoffnung habe ich für jetzt verloren!
Vorlage S. 222
2506
Und was bewegt Sie also zu dem Entschlusse, mit dem Sie uns bedrohen? wandte der Freiherr mehr und mehr verwundert ein.
Vorlage S. 222
2507
Die Herzogin wich der Antwort aus. Sie kennen die Huld und Gnade, sagte sie, mit welcher die Gemahlin des Grafen von Provence mich von je her beglückte. Durch die Verhältnisse unseres Vaterlandes an den Hof ihres königlichen Vaters zurückgeführt, wünscht sie mich in ihre Nähe zu ziehen. Die Oberhofmeisterin Ihrer Majestät der Königin ist gestorben, man bietet mir ihre Stelle an, und ....
Vorlage S. 222
2508
Der Freiherr neigte mit vornehmer Bewegung zustimmend das Haupt: Und Sie finden es ehrenvoller und angenehmer, die Oberhofmeisterin einer Königin zu sein, als einem Landedelmanne in seinem Schlosse fürder die Freude und die Ehre Ihrer Gegenwart zu gönnen! Ich begreife das – und ich gebe Ihnen Recht, vollkommen Recht, fügte er schnell gefasst hinzu.
Vorlage S. 222
2509
Es entstand eine Pause. Die Herzogin wusste vollkommen, welche Kränkung sie dem Freiherrn bereitete. Aber einer Beobachterin wie ihr waren die sich ändernden Glücksumstände des Freiherrn nicht verborgen geblieben, und sie hatte seit lange daran gedacht, das Schloß und den Freiherrn zu verlassen. Es widerstrebte ihrem Ehrgefühle, Opfer anzunehmen, sobald man anfangen konnte, sie als solche zu empfinden, es widerstrebte noch mehr ihrer Neigung, an dem Krankenlager einer Sterbenden langsam schleichende Tage hinzuleben und in dem freiherrlichen Schlosse die unvermeidliche Einsamkeit des Trauerjahres über sich zu nehmen. Das glänzende Turin, das Leben an dem üppigen Hofe von Savoyen, der Einfluß einer Stellung, wie sie ihr geboten ward, konnten sie nicht schwanken lassen über das, was ihr zu tun oblag, und den Freiherrn mit erkünstelter Unbefangenheit bei seinem Worte nehmend, sagte sie: Ich wusste, dass Sie mich billigen, dass Ihre selbstlose Freundschaft mir den Schritt, der mich so viel Ueberwindung kostet, nicht erschweren würde, und – sagte sie mit einem neuen Seufzer – vielleicht bin ich so glücklich, Sie, mein theurer Freund, in meiner neuen Heimath wiederzusehen, wenn der Schlag gefallen sein wird, der Sie bedroht, wenn es Ihnen zu schwer fallen sollte, hier in dem verwaisten Hause zu verweilen!
Vorlage S. 222
2510
Der Freiherr antwortete ihr nicht. Sie erhob sich, trat in den Tempel und sagte, ihr Tuch an ihre Augen drückend: Wie mich es gestern erschütterte, als Sie ahnungslos mich Angedenken an die werthen Menschen vertheilen ließen, die ich Alle nun nicht wiedersehen werde, denn der Befehl der Königin bedrängt mich und bindet mich zugleich!
Vorlage S. 223
2511
Sie haben zu befehlen, Herzogin! versicherte der Freiherr.
Vorlage S. 223
2512
Sie lächelte. Morgen gehe ich noch nicht, auch übermorgen nicht!
Vorlage S. 223
2513
Er sagte ihr, dass er jeden Tag ihrer Anwesenheit als einen Gewinn betrachten würde, aber sein Ton war kalt, und schweigend traten sie den Heimweg an.
Vorlage S. 223
2514
Die bevorstehende Abreise der Herzogin setzte in der ganzen Herrschaft Alles in Erstaunen. Der Freiherr versuchte nicht, sie zu halten, sie fühlte jetzt kein Verlangen mehr, zu bleiben.
Vorlage S. 224
2515
Als Adam davon hörte, nickte er traurig mit dem Kopfe. Wenn ein Haus den Einsturz droht, sagte er, gehen die klugen Ratten hinaus!
Vorlage S. 224
2516
Der Freiherr ließ es der Herzogin an keiner Bequemlichkeit fehlen. Er war sich das nach seinem Empfinden schuldig. Für den vierten Tag wurden die Pferde bereit gehalten und vorausgeschickt, und ehe die letzten Kränze des Freundschaftsfestes auf der Margarethen-Höhe abgenommen waren, hatte die Herzogin das Schloß und die Gegend verlassen.
Vorlage S. 224
2517
Es trat damit eine große Lücke in des Freiherrn Leben ein. Er hatte ihr durch eine lange Reihe von Jahren seine Freundschaft, sein Vertrauen geschenkt, sie hatte ihn beschäftigt, ihn gefesselt und bestimmt; nun war er völlig auf sich selber angewiesen, und er hatte Niemanden, dem er bekennen durfte, was er fühlte, was ihn kränkte. Er wusste, dass der Caplan die Entfernung der Herzogin stets gewünscht, dass Angelika sie heiß ersehnt hatte, und Angelika konnte ihr Lager nicht mehr verlassen. Wie hätte er auch daran denken dürfen, ihr, die er mit so viel Härte von sich gewiesen, der die Herzogin so schweres Leid gebracht, es einzugestehen, dass und wie sehr er diese vermisse!
Vorlage S. 224
2518
Schweigend, in sich zurückgezogen ließ er die Tage an sich vorübergehen, und sie brachten keinen erfreulichen Wechsel mit sich. Er hatte Verdrießlichkeiten mit den Behörden, auf den Gütern wuchsen die Widersetzlichkeiten. Die Einweihung der Kirche, ihre Dotirung, die Einführung und Einrichtung der Kirchenbeamten, das Fest auf der Margarethen-Höhe und die Abreise der Herzogin hatten viele Ausgaben verursacht. Sie waren nach der Weise des Freiherrn alle unerläßlich gewesen, aber sie hatten doch seinen Baarvorrath weit überstiegen und er war aufs Neue genöthigt worden, Geld gegen Wechsel aufzunehmen.
Vorlage S. 224
2519
Wie das Jahr zu sinken begann, sanken die Kräfte Angelika's mit ihm. In guten Stunden trug man sie auf die Terrasse hinaus; der Pfarrer, die treue Marianne, ihr Sohn durften sie wenig verlassen. Die Sorge für Renatus beschäftigte sie ganz und gar.
Vorlage S. 225
2520
Erziehen Sie ihn zur strengen Zucht! beschwor sie den Pfarrer; machen Sie, dass er in seinem Herzen, in seinem Geiste die Richtschnur finde, die ihn hindert, von dem Pfade der Ehre und der Tugend abzuweichen; machen Sie, dass er unnachsichtig gegen seine Neigungen werde, dass sein Gewissen unbestechlich von seinen Leidenschaften sei! – Sie sprach es nicht aus, dass sie wünsche, er möge seinem Vater und ihrem Bruder nicht ähnlich werden, aber es war unschwer zu ersehen, wohin ihre Plane für die Erziehung ihres Sohnes gingen, und der Pfarrer verstand sie wohl.
Vorlage S. 225
2521
Als die Ernte vollendet war, zog der Amtmann von der Herrschaft ab. Es war große Betrübniß unter den Leuten, und auch dem Freiherrn ging es heimlich nahe. Adam hingegen hatte das Scheiden mit Ungeduld erwartet. Sein Haus in Marienau stand wohlgefügt, die Hochzeit seiner Schwester sollte es einweihen, und er hatte jetzt bereits im Stillen sein Auge auf eines Gutsbesitzers hübsche Tochter fallen lassen, die ihm ein Ersatz für Eva zu werden versprach.
Vorlage S. 225
2522
Im Herbste schaltete der neue Amtmann mit seiner großen Familie in dem Hause, das die Steinerts über ein Jahrhundert inne gehabt hatten. Da er nicht des Landes, sondern aus einem fernen Theile Deutschlands gekommen war, hatte er ohne Weiteres die Meinung wider sich. Er hielt es, wie der Freiherr, mit einem strengen Regiment, und ein solches musste er auch üben, wenn er die Verheißungen wahr zu ma chen dachte, mit denen er den Freiherrn für sich eingenommen.
Vorlage S. 225
2523
Der Herbst war ungewöhnlich hell und mild, das Jahr schien lächelnd verscheiden zu wollen, und lächelnd fand man eines Morgens die Baronin auf ihrem Lager liegend. Sanft lächelnd, Amanda's Rosenkranz, der sie nie verlassen, in ihrer Hand, war sie wie unter dem Eindrucke eines milden Traumes eingeschlafen.
Vorlage S. 226
2524
Es war auch ein heller, klarer Herbstmorgen, an welchem man die Leiche der Schloßherrin zu ihrer Ruhestätte in der neuen, von ihr gelobten Kirche führte. Von nah und fern war der benachbarte Adel herbeigekommen, ihr das letzte Geleite nach der prächtigen Familiengruft zu geben.
Vorlage S. 226
2525
Der erste Reif lag auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse und auf dem Kirchhofe, als der von sechs Pferden gezogene Leichenwagen sie überschritt. Wie weiße Rosen hingen die leicht geballten Flocken des Rauhreifs in den Tannenbäumen des Kirchhofes. Die Freifrau Angelika von Arten-Richten war die Erste des jetzt lebenden Geschlechtes, welche zu den Ahnen ihres Mannes in die Gruft herniederstieg, die Erste, welche dieses Weges ging. Der Traum, den sie am Morgen der Kirchweihe geträumt, fand seine Erfüllung. Sie war die Erste, über deren Asche der Pfarrer ihrer Kirche die Seelenmesse las.
Vorlage S. 226
2526
Als die Beerdigung vorüber war und die Fremden das Haus verlassen hatten, befanden der Freiherr und der Pfarrer sich allein in dem Wohnzimmer der verstorbenen Baronin. Der Freiherr, in tiefer Trauerkleidung, ging langsam auf und nieder. Er trat an das eine, er trat an das andere Fenster. Die weithin sich erstreckenden gradlinigen Hecken von Buxbaum, die scharf zugespitzten Obelisken und Taxus-Pyramiden hatten auch in diesem Herbste durch die späte Jahreszeit noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren. Am Ende des Gartens hoben sich die Bäume des sogenannten Bosquets empor, majestätische Kiefern, deren braunrothe Stämme wie die Pinien breite, grüne Kronen trugen, und prächtige Eichen, noch voll von ihrem üppigen und jetzt goldgelb gefärbten Laube. Sie waren immer noch gewachsen. In dem Kamine brannte ein helles Feuer. Sein Schein streifte bald die Portraits der freiherrlichen Eltern, bald die schönen Bilder Amanda's und Angelika's, die an den Wänden hingen. Dann wieder beleuchtete er die antiken Statuen der Venus und des Amor, die in den Ecken des Zimmers standen.
Vorlage S. 226
2527
Eine Erinnerung zuckte in dem Freiherrn auf. Ein schöner Herbsttag wie dieser war es, sprach er, indem er vor dem Pfarrer stehen blieb, der traurig an dem Kamine saß, ein Tag wie dieser war es, an dem wir einst diese beiden Statuen hier aufgestellt haben! Und wieder, wie damals, stehen wir hier allein!
Vorlage S. 227
2528
Ich habe auch daran gedacht, entgegnete der Pfarrer, während der Freiherr abermals umherzugehen begann, bis er wieder vor dem Pfarrer stehen blieb.
Vorlage S. 227
2529
Was ist seitdem geschehen! Welche Umwälzungen hat die Zeit gebracht, die Welt erfahren, und ich selber, was habe ich erlitten und erlebt! –
Vorlage S. 227
2530
Er setzte sich nieder und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Aber er schien sich dessen wie einer Schwäche zu schämen, denn er erhob sich augenblicklich wieder, und dem Pfarrer die Hand reichend, sprach er: Und doch muss man sich sagen, was ich damals erstrebte, ist erreicht, und mehr als das! In Renatus wächst mir der Erbe meines Hauses, der Erhalter unseres Geschlechtes gesund empor. Ich habe meinem Hause und unserer Kirche hier in der Gegend eine schöne, eine erhabene Zukunft gesichert. Arbeiten Sie mit mir gemeinsam daran, mein Freund, dass mein Geschlecht in meinem Sohne einen würdigen Vertreter und unsere Kirche hier zu Lande die Verbreitung finde, welche sie gewinnen muss, um dem aufrührerischen Geiste, um dem thörichten Verlangen nach Freiheit zu begegnen, die jetzt die Zeit beherrschen. Der Einzelne muss dem Leben seinen Tribut bezahlen, das Blut und der Sinn des wahren Adels erben sich fort! Und wenn auch ich einst die dunkle Straße gegangen sein werde, auf der wir heute unsere theure Todte zu geleiten hatten, wird der Name derer von Arten fortleben von Geschlecht zu Geschlecht.
Vorlage S. 227
2531
Lassen Sie uns darauf hoffen, versetzte der Pfarrer; denn Sie haben Ihr Andenken mit unserer Kirche, mit der Verbreitung des allein selig machenden Glaubens in unserer Provinz verbunden, und wie die Zeit auch in ihrem Wechsel kreist, der Geist unserer Kirche ist unwandelbar und wenigstens ihr Bestehen ist dauernd!
Vorlage S. 228
2532
Von der Kirche herüber ertönte bei der hereinbrechenden Dämmerung der Gruß, welcher, aus der fernen Vorzeit die Geschlechter der Menschen überlebend, allabendlich durch die katholische Christenheit erklingt. Die Glocken läuteten das Ave Maria.
Vorlage S. 228
2533
Der Freiherr und der Pfarrer bekreuzten sich beide. Es war still in dem Gemache. Die Nacht sank nieder, ohne dass sie es gewahrten. Sie hofften in ihrem Herzen auf ein ewiges Bestehen dessen, was ihnen werth und heilig war, und vergaßen, dass es nichts Dauerndes giebt, dass Alles sich wandelt und vergeht.
Vorlage S. 228

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Dann stand sie auf, zog sich zum Ausgehen an, hieß …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Wenn sie ihr Missfallen an den freien Sitten äußerte, von denen sie sich umgeben sah, wenn sie es als eine Demüthigung und eine […] empfand, wie man sich vor den beiden erklärten Maitressen des Königs beugte und die Frauen, welche die gleiche Stellung ohne diesen«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deshalb« in diesem Textausschnitt? »Aber der Freiherr wollte sich nicht weniger philosophisch zeigen, als die Herzogin ihn nannte, und er fragte sie deshalb mit anscheinendem Gleichmuthe, in wie fern er nach ihrer Ansicht die Schuld an seiner Wandlung tragen könne.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt enthält ausdrücklich etwas, das trotz eines Gegengrunds gilt? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Welcher Ausschnitt enthält eine ausdrückliche Verneinung oder einen Ausschluss? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Mit einem Worte, ich lebe gern, versetzte er – und ich habe doch keinen Sohn, für den ich leben könnte!« B: »Wer eine Wunde in seinem Innern zu verbergen hat, wird feinfühlig für fremden Schmerz.« C: »Eitel, meinte die Herzogin, Sie eitel machen, Cousin?«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »er gewähren konnte, was sie sonst nirgends fand: eine Heimath und eine …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Natürlich, Sie sind ein reicher Mann! rief der Freiherr, dem die […] des Kaufmannes unerträglich dünkte.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Da haben Sie das Volk, rief der Freiherr mit bitterem Hohne, da haben Sie das Volk, dessen […] man anerkennen, dem man Freiheit und Gleichheit zugestehen, dem man Anteil an der Regierung des Landes zuerkennen soll!«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »ein Mitwissen und einen Schmerz aufzuladen, welche für sie, für Gerhard's Schwester, …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Die Herrschaft Richten war eine der reichsten Besitzungen in der Monarchie, und die Freiherren von Arten, denen sie gehörte, eines der ältesten Geschlechter des inländischen Adels. Sie waren am Hofe […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
Textstelle nachlesen ↗

2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »O, ich versichere Sie, es kann mir Niemand härtere Vorwürfe machen, als ich selbst! Aber ich habe so wenig Menschenkenntniß!« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
Textstelle nachlesen ↗

3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] welche daran denken konnte, ihn einzugehen, war nicht mehr jene reine, schuldlose und unglückliche Seele, zu der er einst mit so verehrender Liebe emporgesehen hatte. Er wollte nicht wieder der Spielball seiner eigenen Empfindungen oder […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Er hielt Eva im Arme und tanzte mit ihr, die ihm mit ehrlicher Zuversicht in das Auge blickte, und er sagte sich: Wie schlecht bin ich, dieses liebe Geschöpf nur als Zeitvertreib zu brauchen! Wie schlecht war es von mir, dass ich hieher […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] ich hier befehle, und mit der Herrschaft, für die ich befehle. Was er zu fürchten und zu hoffen hat, seine Anhänglichkeit und seine Aufsässigkeit, das liegt Alles hier, Alles dicht neben einander wie sein Haus und sein Grab. Darüber hinaus […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Alles vollauf und Jedem sollte es wohl sein in dem Hause, da man so liebe Gäste und des Jahres Erntesegen nun auch wieder ein mal in den Scheunen hatte.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

7. Vergleiche diese beiden Stellen: »O, ich versichere Sie, es kann mir Niemand härtere Vorwürfe machen, als ich selbst! Aber ich habe so wenig Menschenkenntniß!« und »Wie sie einst in Vaudricour die vornehmste Frau in der Provinz gewesen war, und Hof gehalten hatte in ihrer Weise, so hatte sie […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »Der Freiherr und der Pfarrer bekreuzten sich beide. Es war still in dem Gemache. Die Nacht sank nieder, ohne dass sie es gewahrten. Sie hofften in ihrem Herzen auf ein ewiges Bestehen dessen, was ihnen werth […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
Textstelle nachlesen ↗

9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Die Herrschaft Richten war eine der reichsten Besitzungen in der Monarchie, und die Freiherren von Arten, […]« / »Der Freiherr und der Pfarrer bekreuzten sich beide. Es war still in dem Gemache. Die Nacht sank nieder, ohne […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Die Herrschaft Richten war eine der reichsten Besitzungen in der Monarchie, und die Freiherren von Arten, denen sie gehörte, eines der ältesten Geschlechter des inländischen Adels.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »antwortete er, während sein Blick auf ihr mit so ernstem Ausdrucke ruhte, dass sie ihr Auge verwirrt zu Boden senkte vor der Erinnerung, welche er ihr damit wachrief, und Ihre Absicht, statt der Capelle einen«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Sie hofften in ihrem Herzen auf ein ewiges Bestehen dessen, was ihnen werth und heilig war, und vergaßen, dass es nichts Dauerndes giebt, dass Alles sich wandelt und vergeht.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Von Geschlecht zu Geschlecht von Lewald, Fanny ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Von Geschlecht zu Geschlecht

Fanny Lewald: Gesammelte Werke. Neue revidierte Ausgabe, Band 4, Berlin: Verlag von Otto Janke, 1871. Lewald, Fanny 1- Berlin

Das Werk Von Geschlecht zu Geschlecht von Lewald, Fanny ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.