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Buch - Vittoria Accorombona - Tieck, Ludwig

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Originalwerk · Lesefassung

Vittoria Accorombona

Tieck, Ludwig · 1773–1853

Vittoria Accorombona von Tieck, Ludwig. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–133 Abschnitte
Porträt von Tieck, Ludwig; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Tieck, Ludwig · Gbi.bytos · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 2 von 3

Erster Teil

1
Vorwort
2
Schon vor vielen Jahren fiel mir der Name dieser Dichterin, sowie ihr sonderbares Schicksal als merkwürdig auf. Es war im Jahre 1792, als ich in Dodsley's collection of old Plays zuerst die Tragödie Websters las: The white Devil, or Vittoria Corombona. Dieses Schauspiel wurde 1612 in London gedruckt und auch damals oft gespielt. Ich vermute, dass es nach irgendeiner Novelle, die vielleicht um 1600 mag geschrieben sein und die sich jetzt verloren hat, gedichtet wurde, denn es enthält nur eine Anklage und gibt alle Umstände, die uns bekannt sind, in Entstellung wieder. Quadrio erwähnt die Unglückliche im zweiten Bande seiner Geschichte der Poesie und lobt und rechtfertigt sie: nach ihm zitiert sie Tiraboschi in seinem großen Werke nur kurz. Riccoboni in seiner Geschichte der Universität Paduas erzählt ihren Untergang, ebenso Marosini in seiner Venetianischen Geschichte. Auch Lebret erzählt in seiner Geschichte von Venedig die Ermordung Vittorias; die meisten Nachrichten finden sich aber im Magazin dieses Geschichtschreibers. – Die neuere Darstellung des Herrn E. Münch habe ich erst gesehen, als meine Arbeit schon vollendet war. Dieser wunderbare und tragische Vorfall musste die Zeitgenossen und ihr Mitgefühl in Anspruch nehmen. Ist die Geschichte ihrer Ermordung, sowie der Bestrafung des Luigi Orsini in vielen Büchern klar und deutlich erzählt, so ist die Ermordung Perettis, ihres ersten Gemahls, um so dunkler, und in allen Umständen und Motiven verwirrt Wahrscheinlich verschwiegen alle Zeitgenossen geflissentlich den Zusammenhang, denn selbst der geschwätzige und erfindungslustige Leti geht nur kurz und eilig über diese Begebenheit hinweg, und scheint es selbst gar nicht gewusst zu haben, dass der Neffe des Kardinals mit der Virginia Accoromboni (wie Quadrio sie nennt) vermählt gewesen ist. So war es denn dem Dichter erlaubt, mit seinen Mitteln die Lücken dieser sonderbaren Geschichte auszufüllen und das Dunkel derselben mit poetischen Lichtern aufzuhellen.
3
Vieles in diesem Roman ist aber nicht erfunden, sondern der Wahrheit gemäß dargestellt. So ermordete im J. 1576 in der Nacht des 11. Julius Pietro der Mediceer auf seinem Landhause seine Gemahlin Eleonore von Toledo, und den 16. Julius desselben Jahres starb auf dem einsamen Schlosse des Paul Giordano, Herzogs von Bracciano, dessen Gemahlin Isabella auf rätselhafte Weise. (S. Galluzzo Gesch. der Großherzoge von Toscana, Bnd. II.)
Vorlage S. 541
4
Ein Gemälde der Zeit, des Verfalls der Italienischen Staaten sollte das Seelen-Gemälde als Schattenseite erhellen, und in das wahre Licht erheben. Diese Vittoria, oder Virginia Corombona oder Accorombona wird, so hofft der Dichter, die Herzen der reinen und starken Gemüter für sich gewinnen, und so die Verleumdung des alten englischen Tragikers verdunkeln, dessen poetischer Wert (im Gegensatz früherer Tage) von manchen neueren Kritikern viel zu hoch angeschlagen ist.
Vorlage S. 541
5
Dresden, im Julius 1840.
Vorlage S. 541
6
L. Tieck
Vorlage S. 541
7
Erstes Kapitel
Vorlage S. 542
8
Es war in dem Jahre des Jubiläums 1575, als sich die Familie Accoromboni in einem Gartenhause in dem anmutigen Tivoli aufhielt, um dort, während der heißen Monate, die frische Kühle, den Anblick der Wasserfälle und die schöne Aussicht auf den stürzenden Teverone und die zauberischen Hügel der reichen Landschaft zu genießen. Die Mutter der Familie, eine große stolze Matrone, noch im Alter kräftig und nicht ohne Spuren ehemaliger Schönheit, regierte, obgleich nicht reich, ihr Haus mit so vieler Umsicht und Kenntnis, dass Anstand und Fülle sich zeigte, und Fremde gern in dieser Familie verweilten, wo sie Bildung, musikalisches und poetisches Talent und selbst Gelehrsamkeit antrafen.
Vorlage S. 542
9
Diese Mutter, eine edle Römerin von hoher Gestalt, war die beseelende Kraft des Hauses, denn ihre mächtige Gegenwart gebot allen Bekannten und Fremden Ehrfucht. Sie war stolz auf ihre edle Abkunft, sowie auf ihre Kinder. Sie stammte von einem alten adlichen Geschlecht, und ihr Gatte Accoromboni war in Rom ein angesehener Rechtsgelehrter gewesen, der für die Großen, sowie den Staat die wichtigsten Angelegenheiten verwaltet, bedeutende Prozesse mit Ehren geführt und gewonnen hatte. Schon dessen Vater hatte als Rechtsgelehrter die Liebe und Achtung der Römer gewonnen und beide Männer standen in vielfachem Verkehr mit Fürsten, den Patriziern und den berühmten Gelehrten und Schriftstellern in allen italienischen Staaten. So war das Haus der Accoromboni bekannt und besucht, und selten kam ein ausgezeichneter Fremder nach Rom, der sich nicht der stattlichen Mutter der Familie hätte vorstellen lassen.
Vorlage S. 542
10
Die meiste Befriedigung fand die hohe Frau aber in ihrer Familie und in Gesellschaft ihrer Kinder. Der älteste Sohn war durch seine Beschützer, unter welchen der große Kardinal Farnese obenan stand, schon Abt, und die Mutter rechnete darauf, ihn bald als Bischof begrüßen zu können, wohl gar etwas später ihm im Purpur des Kardinals ihre Verehrung zu bezeigen, denn er war als Gelehrter geachtet und als feiner Weltmann beliebt.
Vorlage S. 542
11
Marcello, der zweite Sohn, war wild und unbändig, streifte oft viele Tage im Gebirge umher, ohne nachher der Mutter Rechenschaft abzulegen, wo und mit wem er seine Zeit zugebracht habe. Sosehr die Mutter mit dem stolzen Blick aus dem großen blauen Auge alle Menschen zur Ehrfurcht und gewissermaßen zum Gehorsam zwang, sowenig vermochte sie über das starre Gemüt dieses Marcello, der sich zu erniedrigen glaubte, wenn er einem Weibe gehorchte.
Vorlage S. 542
12
Sie hatte allen ihren Einfluß anwenden wollen, diesem Unbeugsamen die Stelle eines Hauptmanns in der Garde des Papstes zu verschaffen, er selber aber hatte am meisten dagegen gearbeitet, weil er seine Freiheit noch nicht aufopfern und sich keiner Disziplin fügen wollte.
Vorlage S. 543
13
Flaminio, der jüngste Sohn, schien ganz das Gegenteil von jenem. Er war schmiegsam, fein gebaut, zart in seinem Wesen, fast mädchenhaft, ein verehrender Diener seiner Mutter, deren Wink und Blick ihm Gebote waren. So war er der Geschäftige, alles Besorgende im Haushalt, der Aufseher der Dienerschaft, der Bote über Land, der Ratgeber anderer Jünglinge und der Liebling junger Mädchen, um deren Wohlwollen er aber, so freundlich er in seinem Betragen war, sich nicht sonderlich bemühte. Denn es schien, dass er seine ganze Liebe dem jüngsten Wesen in der Familie, seiner holdseligen Schwester Vittoria, oder Virginia, wie sie auch zuweilen genannt wurde, zugewendet hatte. Ein Fremder, der sie beobachtete, hätte ihn eher für den verliebten Bräutigam, als den Bruder der lieblichen Erscheinung halten sollen.
Vorlage S. 543
14
Diese Vittoria glänzte wie ein Wunder, oder wie eines jener Bilder aus der alten Zeit, die der entzückte Beschauer, einmal gesehn, niemals wieder vergessen kann. Kaum in das siebenzehnte Jahr getreten, war sie fast schon so groß wie ihre Mutter, ihr Antlitz war blass und nur mit leichter Röte gefärbt, die oft, bei selbst schwacher Bewegung des Gemütes völlig entfloh, oder sich, schnell wechselnd, so seltsam erhöhte, dass sie dann als ein anderes, dem vorigen fast unähnliches Wesen erschien. Ihr zart geformter Mund glühte in rubinroter Farbe; sein Lächeln unendlich erfreuend, sein Zürnen oder Schmollen erschreckend. Die längliche, sanft gekrümmte Nase hatte den edelsten Charakter im Oval des schönen Antlitzes, und die Augenbrauen fein gezogen, dunkelschwarz, belebten den Ausdruck des feurigen Auges. Ihr Haar war dunkel, und hatte im Lichte Purpurschimmer, es floss geregelt über Nacken und Schulter: saß sie nach denkend, die langen schneeweißen Finger in die Fülle des Haares halb vergraben, so hätte Tizian kein holderes Modell zu seinem schönsten Bildnisse antreffen können.
Vorlage S. 543
15
Aber weder Tizian, noch irgendein Maler hätten den Blick des Auges, das fast schwarz zu nennen war, den Ausdruck und das Feuer desselben auch nur schwach andeuten können. Dieser Ernst des Blickes, dieser Tiefsinn, dann wieder die aufblühende Freundlichkeit übten einen seltsamen Zauber, das Zornfeuer war selbst dem Frechen unerträglich. Es war ein liebliches Naturspiel, dass die langen Augenwimpern fast blond, oder gelb waren, so dass sie wie Strahlen in der Bewegung blitzten, oder so wundersam schimmerten, wie jene lichten Goldstrahlen, die wir zuweilen an altgriechischen Bildnissen der Minerva wahrnehmen.
Vorlage S. 544
16
Wie mit beschränkten Mitteln die verständige Mutter Julia allen ihren Kindern auch eine gute Erziehung, Unterricht und Wissenschaft hatte geben können, so war doch Vittoria, diese hohe Erscheinung, ihr Liebling, und diejenige, auf welche sie ihre stolzesten Hoffnungen gründete. Sie selber war oft über den früh gereiften Verstand dieses ihres Kindes erstaunt, sie musste das Gedächtnis bewundern, in welchem Vittoria alles Gelesene und Gelernte aufbewahrte, wie sich die Mutter nicht weniger des Talentes erfreute, welches aus den Versen der Tochter hervorleuchtete.
Vorlage S. 544
17
Die Familie saß im Saale beisammen, als Marcello seinen Hut und Mantel nahm, den Degen umgürtete, und von der Mutter Abschied nehmen wollte, indem diese mit ernster Miene fragte: »Wohin wieder?«
Vorlage S. 544
18
»Freunde, Bekannte besuchen«, erwiderte der ungestüme Jüngling; »der Morgen ist so schön, und ihr alle werdet mich nicht vermissen.«
Vorlage S. 544
19
»Man hat mir sagen wollen«, erwiderte die Mutter, »du haltest im Gebirge mit dem verdächtigen Ambrosio Umgang. Der rohe Mensch soll ja mit jenen Banditen in Verbindung stehn, die in der Gegend von Subiaco streifen.«
Vorlage S. 544
20
»Ei! meine Mutter«, sagte Marcello, »man nennt heutzutage alles Banditen, was nicht Schulmeister, Priester, oder Advokat ist. Und doch plündern diese oft mehr, als jene freien Menschen die sich zuzeiten aus sehr gegründeten Ursachen mit dem langweiligen Staate überworfen haben, und unter denen man angesehene Grafen, tugendhafte Leute, ja Männer antrifft, die von fürstlichen Häusern abstammen.«
Vorlage S. 544
21
»Mein Sohn«, sagte Julia sehr ernst und nahm dem übermütigen Sohne den Hut aus der Hand, den sie auf den Tisch legte: »du sprichst, wie ein unbesonnener Knabe, der weder mit Welt noch Moral bekannt ist: magst du kindisch bleiben, wenn das dein Stolz ist, nur das vergiss niemals, dass dein herrlicher Vater, so wie dein verehrter Großvater Advokaten waren.«
Vorlage S. 544
22
»Gewiss nicht«, sagte Marcello, »stehn doch ihre Namen in so manchem verdrießlichem Buche verzeichnet, dass man schon deshalb versucht wird, ein ganz entgegengesetztes Metier zu ergreifen.«
Vorlage S. 545
23
Hastig riss er den Hut vom Tische hinweg, und sprang so eilig aus der Tür, dass der Mutter die beginnende Rede auf der zürnenden Lippe erstarb.
Vorlage S. 545
24
Flaminio stand auf und schloss die Türe wieder, die der Fortstürmende in seiner eilenden Hast offen gelassen hatte.
Vorlage S. 545
25
Vittoria sah von ihrem Buche auf, um mit einem sanften Lächeln dem Auge der Mutter zu begegnen. »Was denkst du, mein Kind?« fragte Julia.
Vorlage S. 545
26
»Ich bin schon seit lange der Überzeugung«, antwortete die Tochter, »dass man den Burschen gewähren lassen muss. Er sucht einen männlichen Stolz und Trost darin, dir nicht zu gehorchen, sondern zu widersprechen: je mehr du also ermahnst, je mehr sucht und findet er Gelegenheit, das zu tun, was du verbietest. Zeigst du dich seinetwegen unbekümmert, so wird er von selbst zur Vernunft zurückkehren, weil er sich dann einbilden kann, als freier Mensch zu handeln.«
Vorlage S. 545
27
»Wenn nur nicht vorher Unglück geschieht«, bemerkte die Mutter seufzend.
Vorlage S. 545
28
»Das, wie alles, muss man der Vorsehung anheimstellen«, sagte Vittoria, »denn er ist doch der Erziehung und Ermahnung entwachsen.«
Vorlage S. 545
29
»Woher nur«, fing die Mutter wieder an, »hat der Knabe diese Unbändigkeit? Sein Vater war milde und sanft, nachgiebig, folgsam, ein Feind alles wilden ungestümen Wesens: die Ruhe und Gesetztheit selbst. – Von wem?«
Vorlage S. 545
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»Gewiss von dir«, sagte Vittoria lachend.
Vorlage S. 545
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Die Mutter stand auf, ging nach dem Fenster, sah in die Landschaft hinaus, kehrte dann um, betrachtete die Tochter ganz nahe mit großen Augen und sagte kurz und schneidend: »Von mir?«
Vorlage S. 545
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Vittoria ließ sich nicht irremachen, schloss ihr Buch, legte es in die Kapsel und sagte ruhig: »So denke ich mir die Anstammung dieses tobenden Blutes. Dein fester Sinn, dein großes, starkes Gemüt, dein edles Wesen, das für seine Überzeugung Blut und Leben hingeben würde, ist in ihm als Mann in diese jugendliche Roheit umgeschlagen, die sich später selber erziehn wird. War ich doch auch ein wildes Kind, und gewiss warst du nicht allzu zahm, als du noch mit deinem Püppchen spieltest.«
Vorlage S. 545
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»Du magst recht haben«, antwortete die Mutter, »mir ist der Gedanke noch nicht eingefallen. Freilich vergessen wir nur allzuleicht in späteren Verhältnissen, wie wir in unsern frühesten Jahren waren.
Vorlage S. 546
34
Ich habe da wieder den Camillo Mattei gesehen«, fing die Matrone von neuem an; »er schien auf unser Haus zuzugehn: ich weiß nicht, was er immer hier will.«
Vorlage S. 546
35
»Er ist ja ein allerliebstes Kind«, sagte Vittoria erfreut; »man neckt sich mit ihm so hübsch, er ist dabei so ehrlich und treu, dass man ihn liebhaben muss.« –
Vorlage S. 546
36
»Was soll er uns?« fragte Julie, und wendete das Haupt unwillig ab; »er ist unwissend, einfältig, von geringem Herkommen; nun liegt er schon dem armen Weltpriester, seinem Ohm, seit Wochen zur Last: kann er nicht nach Rom zu seinen Eltern, den Bürgersleuten zurückkehren, um seine Schulstudien fortzusetzen?«
Vorlage S. 546
37
»Lass ihn, liebe Mutter«, bat Virginia, »er gefällt mir, und uns allen im Hause; unsere Familie ist als eine gastfreundliche bekannt; sollen wir bei diesem guten Mattei eine Ausnahme machen? Frage nur unsre Amme, oder unsern alten Guido, wie gut und lieb dieser immer freundliche Camillo ist.«
Vorlage S. 546
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Die Mutter zwang sich heiter zu erscheinen, als Camillo eintrat, sich demütig verbeugte und schüchtern stehnblieb, bis sich Flaminio zu ihm gesellte, und ihm einen Sessel in seiner Nähe anbot.
Vorlage S. 546
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»Camillo«, fing Vittoria an, »Ihr habt neulich die Zeichnungen von den Bildern sehen wollen, die der Kardinal Farnese in seinem neuen Schlosse Caprarola von Zuccheri hat malen lassen: seht, hier ist das schöne Buch, er hat es uns gestern geschickt.«
Vorlage S. 546
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Camillo blätterte und sagte dann etwas beschämt: »Ich verstehe zuwenig von diesen großen und sinnreichen Sachen. Und an diesen Kämpfen und Schlachten kann ich mich vollends nicht erfreuen. Freilich wohl, die Schlacht des Konstantin, oder Attila von Raffael –«
Vorlage S. 546
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»Läppischer Mensch!« rief Vittoria, halb zürnend und halb lachend, »wenn er mit Raffael kommt, muss sich alles verkriechen. Und doch meint der Kardinal wohl, und sein Maler noch mehr, er könne es mit dem jungen Manne und seinen vatikanischen Zimmern aufnehmen, und stehe auf der Leiter der Kunst noch einige Stufen höher. Und diese Bilder hier aus dem Saale des Schlafs und der Träume sind auch echt poetisch; diese herrlichen Erfindungen werden immer als Muster gelten können.«
Vorlage S. 546
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»Kann alles sein«, erwiderte Camillo etwas verdrießlich: »es ist aber ein so schöner klarer Morgen, und dabei noch gar nicht heiß, dass wir lieber mit den verehrten Damen einen Spaziergang machen sollten.«
Vorlage S. 547
43
Die Mutter nahm ihren Sonnenhut, und Vittoria folgte ihrem Beispiel. »Gehn wir dann nach der Villa Este«, sagte die Matrone, »und besehen einmal wieder die Herrlichkeiten des neuen Palastes und alle die Künste und Schönheiten des Gartens.«
Vorlage S. 547
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»O nein!« rief Vittoria unwillig, »alle diese kleinen Springbrunnen und Bildchen in Marmor, so fein gelegt und geschnitzt – wären nicht die Zypressen hingesetzt, die doch dazwischen ein ernstes Wort reden, so wäre diese Anstalt ganz unerfreulich. Nein! hin zu den allerliebsten Wasserfällen! Zu Mäcens Villa, der Neptuns-Grotte, da löst sich unser Herz und Gemüt, und die liebliche, unendlich schöne Natur fasst mich wie ein großer Dichter vertraulich bei der Hand, und sagt mir so herzliche, rührende, erhebende und lustige Dinge in mein horchendes Ohr, wie sie in keinem Buche und in keiner Handschrift stehn.«
Vorlage S. 547
45
Flaminio führte die Mutter und Camillo ging an der Jungfrau Seite. Man konnte es ihm ansehn, dass er sich neben der hohen schönen Gestalt beschämt und klein fühlte, und doch zugleich geschmeichelt, dass er mit ihr so vertraulich wandeln durfte.
Vorlage S. 547
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Als sie in die Nähe der Wasserfälle gekommen waren, setzte sich die Mutter mit ihrem Sohne in den Schatten der Olivenbäume, und ließ ihr Auge sinnend an den Formen der schönen ölbekränzten Hügel umherschweifen. Vittoria aber sprang an ihr vorüber, um sich in der Nähe des Wassers zu ergötzen. »Wie vieles wisst Ihr«, fing Camillo leise an, »wie Unermessliches – und ich – –«
Vorlage S. 547
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»Lasst alle den Kram«, rief Vittoria übermütig und ging schneller. »O seht die alltäglichen Wunder dieser Landschaft und diese Wasser, diese Märchen und goldenen Fabeln, die es nicht müde werden, sich immer wieder selbst alles das poetische Zeug vorzuerzählen, und die uns doch, sosehr wir sie auswendig wissen, immer neu bleiben. Hier lasst uns Kinder sein, wahre Kinder, die sich immer in ihrem Spielwerk vergessen.«
Vorlage S. 547
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Indem lief ihr ein Kaninchen vorüber, in den Berg hinein. Vittoria sprang ihm nach, und warf einen buntgefärbten Ball, den sie bei sich trug, dem kleinen weißen Tiere nach. Der Ball rollte den Hügel hinab, nach dem Flusse zu, der sich hier mit Brausen von bedeutender Höhe in die Tiefe stürzte, und mit seinem Strudel unten einen Trichter bildete, den viele die Grotte des Neptun nannten. Aus Furcht, der Ball möchte vom Strudel fortgeführt werden, rannte sie so eilig hinab, dass Camillo ihr kaum folgen konnte, aber auch so unbesonnen, dass sie, unten angelangt, und sich zu eilig und stark nach dem glänzenden Spielzeuge hinabbeugend, wirklich in den tosenden Strudel stürzte. Überwältigt und besinnungslos schrie Camillo laut auf und stürzte sich nach, erfasste die schöne Gestalt, die sich nur eben noch an einem vorragenden Gesteine festhielt, fiel hart auf das Geklipp, und rang sich mit der Beute, Brust an Brust verzweifelnd gedrängt, empor: er gewann Kraft, und schneller, als es sich spricht, hatte er sich mit ihr gerettet. Unbewusst und mit der Verzweiflung Riesenkraft trug der Kleinere die größere Gestalt fort, zwar nur wenige Schritte empor, aber doch enfernt genug, um in Sicherheit im blitzenden Grase neben der Geretteten ruhen zu können. Die Strahlen des nahen Wasserfalles spritzten, abstäubend vom fernen Fels wie Staub, oder gewebter farbiger Glanz über ihre Körper und Angesichter. Leichenblaß, aber still lächelnd, saß Vittoria im Grase, dankbar blickte sie ihren Retter an, und reichte ihm die zitternde Hand. Camillo, erschrocken noch und entzückt, taumelnd, betäubt, küsste die dargebotene schöne Rechte mit Inbrunst. -»Wie kann ich dir lohnen?« fragte sie. -»So!« rief er aus, indem der Blöde, Verschämte, brennende Küsse auf die schönen Lippen drückte. – Sie schwieg, wehrte ihn nicht ab, und nur, als der Berauschte von neuem und heftiger begann, wandte sie das Antlitz ab und schlug ihn lächelnd mit den glänzenden Fingern auf seinen heißen Mund.
Vorlage S. 547
49
Jetzt besann er sich, und es wurde ihm nun erst möglich, sie zu sehn und zu betrachten. Der Hut war mit dem Balle in den Wogen verlorengegangen, die schwarzen Locken des Haares waren aufgelöst, noch floss und triefte das Wasser vom Haupte, der schöne Busen mit seinen jugendlichen festen Marmorhügeln war fast ganz frei und glänzte blendend im lichten Dämmer, das Baum und Fels lieblich verbreiteten, an Leib und Hüfte schmiegte sich, die herrliche Form bezeichnend, das nasse Gewand, und so erschien sie dem Jüngling, wie man wohl die Nymphen der Quellen in schönen Gemälden abbildet, oder Amphitriten selbst, die hehre Gemahlin des göttlichen Neptun, der sie vielleicht vor wenigen Augenblicken von Liebe betört in seiner Grotte hatte zu sich entraffen wollen. Sie erfreute sich des Spiels, welches die Sonnenstrahlen in Dunst und Nebel des stäubenden Wassers trieben, denn viele glänzende Regenbogen tanzten und wogten wie selbstständige Wesen im aufgelösten Kristall. »Sieh, Camillo!« rief sie freudig aus, »ich halte die Fabel und das Unmögliche hier sichtbar in meiner Hand. Ja, ich kann sogar, so spielen die Geister der Natur, dir sichtlich und körperlich diese bunt glänzende Woge hinreichen, das lachende Kind der Sonne. Und sieh! zu meinen Füßen spielen ebenso im Grase die lieblichen, neckischen Gespenster, die Tages-Irr lichter, die dem Apollo mit freundlicher Widerspenstigkeit aus dem Dienst gelaufen sind. Und nun noch, Freund, hat uns der Waldvogel von drüben zum besten, der schreit ein höhnendes Triumphlied, als wenn wir ins Wasser gefallen wären, um uns unter die Fische anwerben zu lassen.«
Vorlage S. 548
50
»Aber«, sagte Camillo zögernd und warnend, »wir müssen zur Mutter zurück und nach Hause; du wirst dich erkälten, und davon und vom Schreck krank werden.«
Vorlage S. 549
51
»Der Schreck ist längst verschwunden«, sagte sie, indem sie sich zögernd erhob und ihr Busentuch ordnen wollte, dessen Verlust sie erst jetzt mit einer kleinen Beschämung gewahr wurde. »Ja wohl müssen wir zurück«, sagte sie dann mit leiser Stimme. -»Müssen wir? – O über alles dies Müssen in unserer Alltagswelt. Freilich, die Fabel fliegt fort mit Schmetterlingen, Schwalben und Nachtigallen, wir kommen immer an das letzte Wort auch des schönsten Gedichtes, machen das Buch zu und legen es in den hölzernen Schrank. Nach dem herrlichsten Gesang erschallt die heisere Stimme des elenden Dieners, und ladet die Gesellschaft an den Eßtisch. Muss denn das alles so sein? Oder könnten wir nicht mit einem Gott oder einem hohen Geist ein Pactum schließen, dass es anders sich gestaltete?«
Vorlage S. 549
52
Camillo sah sie mit großen Augen an, und führte sie an der Hand den hohen und steilen Berg hinauf. Flaminio kam ihnen oben mit der Mutter schon entgegen. Wie erschraken beide, als ihnen Camillo mit kurzen, eiligen Worten das Abenteuer und die überstandene Gefahr erzählte. Flaminio erblaßte und ward so schwach, dass er sich an einen Baum lehnen musste. Die Mutter ergoß sich in Danksagung und Lob Camillos über seine Kühnheit und Geistesgegenwart. »Kommt mit uns«, beschloss sie, »teuerster Freund, kleidet Euch um, Flaminio wird Euch von seinen Kleidern geben, wärmt Euch in einem Bett, trinkt glühenden Wein und lasst Euch unsre Pflege gefallen.«
Vorlage S. 549
53
»Nein! nein!« rief Camillo, »Eure Güte und huldreiche Freundlichkeit erkenne ich mit Dank, aber ich bedarf sie nicht. Ich fühle vom Wasser nichts, die Sonne scheint warm, ich laufe zu meinem Oheim, der gar nicht weit ist, und kleide mich um. Meine Wonne, dass ich Euch so habe dienen und Euch Eure herrliche Tochter retten können. Ein unverdientes Glück!«
Vorlage S. 549
54
So lief er fort, und die Matrone, ohne zu sprechen, führte ihre Kinder nach ihrem Hause. Vittoria war nachdenkend und Flaminio tief gerührt.
Vorlage S. 550
55
Als Camillo zu seinem alten Oheim kam und ihm die sonderbare Begebenheit erzählte, sagte der verdrießliche Mann: »Immer Kindereien getrieben, die zum größten Unheil ausschlagen können. Wenn ihr nun beide ertrunken und vom Strudel verschlungen wärt! Ich hab es dir schon oft gesagt: der Umgang mit diesem hochmütigen Volke ziemt dir einfachem Bürgerkinde nicht. Was kannst du von ihnen erlangen? Du wirst mit deinem Stande unzufrieden werden und deine Zeit verlieren, und wenn du jeden Tag mit Leib-und Lebensgefahr einen von ihnen aus dem Wasser ziehst, hast du keinen Dank davon. Das geht mit Kardinälen und Baronen um; wenn der hochnasige Abt, der älteste Bruder einmal herkommt, sieht er mich kaum über die Achsel an. Der lange Mensch wird mir niemals etwas zu Gefallen tun, sosehr ich mich auch vor ihm demütige. – Jetzt in deine Kammer da hinein! Zieh dich aus, kriech ins Bett, dass du warm wirst, ich will dir das Essen hineinschicken.«
Vorlage S. 550
56
Camillo gehorchte ihm gern, nur um mit sich allein zu sein. Fast ohne zu wissen, was er tat, kleidete er sich aus, legte sich nieder, und träumte die Begebenheit immer wieder von neuem. »Gott im Himmel!« sprach er zu sich selbst: »wer bin ich? Und sie hat mich du genannt. Diesem himmlischen Munde habe ich Küsse rauben dürfen, und, ich habe es im Taumel wohl gefühlt, sie hat mich wiedergeküßt. Nachher wendete sie sich weg, aber wie freundlich, wie zärtlich! Und das Angesicht! der Busen! O was kann Marmor, Farbe nachbilden, wenn die Wahrheit, das Leben sich uns nahe und wirklich so hinstellt! – Ich habe gelebt. – Diesen Körper nahe am meinigen gefühlt, gedrückt, das Pochen ihres Herzens empfunden. – Und – der eine Augenblick – wo sich das Gewand weghob im Emporringen, und Bein und Knie sich entblößten. – Kann ich diesen Glanz je wieder vergessen? Wird die Erinnerung daran mich nicht elend, wohl gar rasend machen? – Wie matt ist Licht und Schimmer und Farbe und glänzendes Weiß gegen den Glanz und die Herrlichkeit, die uns der Körper eines schönen Weibes offenbart! Und diesen Himmel, einmal geschaut, will das Auge immer wieder sehn. – Wozu noch leben? Diese Momente kehren niemals, niemals wieder. – Hätte ich nicht vielleicht besser getan, mich mit ihr vom Strudel nieder in den ewig dunkeln Abgrund hinunterwälzen zu lassen? Sie zu morden, statt sie zu retten? Wissen wir denn, was der Tod ist? Mir wäre er Wollust, Himmel, Seligkeit gewesen, wenn auch im Grauen der Verzweiflung.«
Vorlage S. 550
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So phantasierte Camillo und konnte weder den Schlaf finden, noch wirklich wach sein.
Vorlage S. 551
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Zweites Kapitel
Vorlage S. 551
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Da die Familie Accoromboni sehr viele Bekannte und Freunde hatte, vorzüglich im nahen Rom, so war es natürlich, dass alle diejenigen, die von ihnen wussten, bald durch das Gerücht jene Begebenheit erfuhren, und zwar mit Übertreibungen, so dass manche glauben mussten, die junge und schöne Vittoria sei der Welt durch einen frühzeitigen Tod entrissen worden. Die Mutter, welche ihre tiefe Rührung verbarg, da sie die Äußerung einer jeden Schwäche scheute, hoffte den jungen Camillo bald wiederzusehn, und ihm noch einmal Dank zu sagen, und bei ihm selbst zu erforschen, auf welche Art sie ihm vielleicht auf seinem künftigen Lebenswege nützlich sein könne. Als er aber nicht erschien, ward sie besorgt, und Vittoria noch mehr, dass der Jüngling wohl erkrankt sein könne, denn sie konnten nicht glauben, dass er, ohne von ihnen Abschied zu nehmen, nach Rom zurückgereiset wäre. In dieser Erwartung sagte die Mutter zur Tochter an einem Morgen: »Mein Kind, es ziemt sich nicht, dass wir uns um den jungen Menschen, dem wir dein Leben zu danken haben, so gar nicht kümmern. Er ist arm, seine Eltern, wie ich gehört habe, leben in der Stadt nur sehr kümmerlich, man sagt, dass er sich dem geistlichen Stande widmen soll, wir müssen also irgendeine Summe ihm oder seinen Eltern einhändigen, damit er seine Studien bequemer fortsetzen könne, und ihn nachher einigen unsrer wohlwollenden Gönner dringend empfehlen, damit er bald zu einer einträglichen Stelle befördert werde, so dass er nachher seine armen Eltern selber unterstützen kann. Bei solchen Gelegenheiten kehrt mir immer wieder der Wunsch zurück, dass ich reich sein möchte, um durch meine Wohltat das Glück eines solchen Hülfsbedürftigen auf dauernde Weise gründen zu können. Auf jeden Fall werde ich ihm die hundert Scudi geben, die ich neulich für unerwartete Fälle von meinem Ersparnis zurücklegen konnte. Empfehlung, wenn sie wirksam ist, kann nachher als eine große Summe angerechnet werden. Was meint ihr, Kinder, Flaminio und du, Vittoria, zu dieser meiner Absicht?«
Vorlage S. 551
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Flaminio stimmte unbedingt der Mutter bei, doch Vittoria schüttelte lächelnd den Kopf, so dass die Mutter sie betroffen ansah und mit ihrem forschenden Blicke ihre Meinung erraten wollte. »Nein! nein!« rief das lebhafte Mädchen, »glaubt mir nur, unser Camillo ist ganz anders, als wie ihr ihn euch denkt. Ich habe ihn seit lange beobachtet und kenne ihn ganz genau. So blöde das junge Wesen scheint, so schwachgemut und ungewiss in seinem Denken und Tun, was vielleicht daher komme, dass sein Charakter noch nicht ausgebildet ist, so stolz ist doch dieser Jüngling, so dass er gewiss, verwundet und gekränkt, diese Wohltat, die ihm wohl gar als eine Bezahlung erscheinen möchte, ausschlagen würde. Glaube auch nicht, liebe Mutter, dass es sein Wunsch ist, ein Geistlicher zu werden. Er hat mir schon vor einigen Monaten in Rom bekannt, dass ihm dieser Stand verhaßt sei; Soldat möchte er werden, oder als Handelsmann auf Reisen gehn, eine Seefahrt versuchen und fremde Länder sehn. Wunderliche Schicksale der Seeleute, der großen Feldherren und Condottieri – das reizt ihn, solche Bücher, wie das alte Gedicht von dem Feldhauptmann Piccinini, liest er am liebsten, und versäumt, wie er nur irgend kann, Messe und Gottesdienst, so dass ihm auch viele seiner Schulgenossen feind sind und ihn erbost nur den Ketzer und Lutheraner nennen. – Und dann – hundert Scudi! Liebe Mutter – wenn ich nun doch einmal bezahlt werden soll bin ich denn nicht mehr wert? Diese Taxe ist allzu gering, dafür schlage ich mein Hündchen noch nicht einmal los.«
Vorlage S. 552
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»Törichtes Wesen!« sagte die Mutter lächelnd, »wie kindisch du zuweilen sprechen kannst, da dich doch viele kluge Männer in manchen Stunden wegen deines Verstandes bewundern wollen. Das Unbezahlbare, das Höchste lässt sich niemals mit Münze ausgleichen, das weiß ich so gut, wie du. Aber eben deswegen muss ein Leben, wie das des Kindes, das die Mutter, wenn es entflohen ist, nicht mit Millionen zurückkaufen kann, mit Dank, mit Kleinigkeit, mit Hülfe erwidert und belohnt werden. Der Wohltäter fühlt dies auch selbst und nimmt das, was Freundschaft reicht, wenn er es bedarf, mit Rührung an, als wenn es ein großer Schatz wäre. Sind wir doch immerdar mit dem Leben und den Elementen, die uns beherrschen, im Kampf: kann ich dem Nebenmenschen diesen erleichtern, so tue ich, selbst durch eine Kleinigkeit, etwas Gutes.«
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»Alles wahr«, sagte Vittoria, »aber darum ist auch in diesem Falle, der so gewichtig ist, Wohlwollen und Freundschaft, ein Entgegenkommen im Vertrauen, ein kindliches und brüderliches Verhältnis, so dass ein solcher Wohltäter mit zur Familie gehört – für den Zartfühlenden der wahre Dank und die größte Belohnung. So sollten wir mit diesem freundlichen und bescheidenen Camillo sein, und auch in Rom seine arme Eltern manchmal sehn, die sich gewiss durch solche Auszeichnung sehr geschmeichelt und beglückt fühlen würden.«
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Die Mutter stand auf, und ging heftig im Saale auf und ab. »Also dahin sollte es kommen?« sagte sie und setzte sich wieder langsam in den Sessel. »Vielleicht bereitet sich uns allen von diesem Zufalle aus ein trauriges Schicksal. Eben alles dies, was du mir deklamierend hergesagt hast, wollte ich vermeiden und unmöglich machen, weil ich das menschliche Herz besser kenne als du. Weil sich so natürlich ein vertrauliches Verhältnis, eine brüderliche Annäherung aus solchem Unglück entwickelt, weil für dieses ein eigentlicher Dank und eine Belohnung unmöglich sind: so will der erst so großmütige Wohltäter nur gar zu leicht das gerettete Wesen selbst an Zahlungs Statt, und vernichtet so seinen Dienst, indem er sich das Liebste eigennützig zum Opfer bestimmt; die Gerettete ist oft im Überschwang des Dankes schwach genug, eine solche Schuldforderung anzuerkennen, ohne einzusehn, dass sie auf diesem Wege nur später eines andern Todes stirbt. Und sollte ich dich je auf diese Weise verlieren können, so wäre es mir eben auch nicht schmerzlicher, wenn dich die rasenden Wogen dort verschlungen hätten. Gerade darum muss nun dieser Mattei unser Haus so wenig wie möglich betreten; wir sind ihm zum höchsten Dank verpflichtet, aber wir müssen uns ihm mehr als je entfremden: er muss fühlen, dass wir in verschiedenartigen Elementen leben, und dass unsere Lebenskreise sich niemals berühren können.«
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»Ihr überrascht mich, Mutter«, sagte Vittoria hoch errötend. »Nein, ich bin diesem kleinen freundlichen Camillo so gut, fast wie unserm Flaminio da – aber deswegen – – was du andeutest Frau Julia, davon könnte ja niemals die Rede sein. Du sagst, du kennst das menschliche Herz besser als ich – kann sein; aber ich kenne mein eigenes Herz, mein Wesen, das dir doch vielleicht in einigen Teilen noch fremd und unbekannt ist.«
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»Wie die Jugend in ihrer Unerfahrenheit spricht!« antwortete die Matrone nicht ohne Heftigkeit. »Dein Herz! dein Wesen! Hast du denn schon etwas der Art, da du noch gar kein Schicksal, keinen großen, mächtigen Schmerz erfahren und erlebt hast? Ehe das Eisen geschmolzen, gehärtet und gehämmert wurde, ist es eine unscheinbare Erdscholle, ohne elastische Kraft, Schneide und Widerstand. Dein Wesen ist nur noch Traum und Ahnung; was du bis jetzt warst und geworden, ist nur noch Widerschein meines Geistes, Denkens und meiner Erfahrung. Glaube mir, Kind, es schlafen in uns gräßliche Gespenster, tief im Hintergrund unserer Seele, wohin der Blick der spielenden Jugend und die vorlaute Phantasie niemals reicht. Man lernt alle Menschen früher als sich selber kennen. Wäre nun dieser Camillo immerdar um dich, gewöhnte sein Gemüt so an deinen Umgang, dass dieser ihm zu seinem Dasein unentbehrlich würde, und du wolltest ihn nun als einen Überlästigen abschütteln, so würde er aus Eitelkeit, verletztem Gefühl, Zärtlichkeit und Kränkung in eine solche tödliche Leidenschaft geraten, so in Wut, Eigennutz und Aufopferung rasen, so vor deinen Augen hinsterben, dass dein Mitleid, Kummer, Gewissen, die Vorwürfe, die du dir machtest, dein eignes Wesen dir ganz verhüllen könnten, dass du auch auf eine Zeitlang glaubtest, dieselbe Leidenschaft zu empfinden, und du zu spät deine Aufopferung bereutest. Glaube mir, alles dies geschieht, sogar nicht selten, und so erwachsen nur zu oft aus scheinbarer Liebe die unglücklichsten Ehen. In gewissen Stimmungen werfen wir unser Selbst und Heiligstes mit mehr Leichtsinn hinweg, als wir dem gierigen Hunde den Knochen hinschleudern. Eine freie und edle Wahl, meine Vittoria, muss deine Vermählung mit einem ausgezeichneten und hochstehenden Manne herbeiführen, er muss deiner wert sein, so dass dein reiches Wesen durch ihn gewinnt. Dazu gehört vor allen Dingen, dass er dich versteht, dass er die Welt und den Adel echter Geister kennt; ein solcher muss dich erheben, du nicht ihn. Das dürftigste Schicksal, das kläglichste, entwickelt sich in den Ehen, in welchen das Weib höher steht, als der Mann.«
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Vittoria hatte ihr feuriges Auge sinken lassen, ihr schönes Haupt ruhte zwischen beiden Händen, indem sie die Arme auf den Tisch stützte, so dass die fließenden Haare dunkel, wie eine Wolke, niederwallten. Plötzlich sah sie auf, wie von einem Traume erwachend, und erschrak fast, als sie ihren Bruder Flaminio in der Nähe erblickte. Sie stand auf, flüsterte dem Bruder leise etwas zu, worauf dieser das Zimmer verließ. »Was hast du, Tochter?« fragte die erstaunte Mutter.
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»Ich wollte dir nur sagen«, erwiderte sie, »und das sollte mein junger Bruder nicht hören, dass ich gar nicht, niemals heiraten will und werde.«
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»Du hast heute deinen törichten Tag«, erwiderte jene: »kann mein Kind sich so etwas vornehmen oder beschließen?«
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»Ich sehe wohl, Mutter«, sagte Vittoria tief bewegt, »dass du mich, trotz deiner Liebe, nur geringe schätzest. Was nützen uns Bücher, der Umgang mit verständigen Männern, die Kenntnis der Vorzeit und alles, was uns die edelsten Geister singen und sagen, wenn das alles nur wie an Klötzen und Steinen vorübergeht und nicht zu unserem Geiste sagt: stehe auf, die Morgenstunde ist da, rufe aus allen Kammern deines Herzens und Gehirns die Diener, dass sie an die Arbeit gehn, dass in den Wellen des Blutes Entschlüsse und Kräfte erwachen, die das Geistige, Unsichtbare in Tat und Wahrheit verwandeln! Ja, Mutter, und so bin ich geworden, bin so geschaffen, dass ich ein Grauen vor allen Männern empfinde, wenn ich den Gedanken fasse, dass ich ihnen angehören, dass ich ihnen mit meinem ganzen Wesen mich aufopfern soll. Sieh sie doch nur an, auch die Besten, die wir kennen, auch die Vornehmsten: wie dürftig, arm, unzulänglich und eitel sind alle, wenn sie alle Verlegenheit der ersten Besuche ablegen und sich so recht frei und offen zeigen. Diese klägliche Lüsternheit, die aus allen Zügen spricht, wenn das Wort Liebe oder Schönheit nur genannt wird; diese alberne hohnlächelnde Tugend, die jene andern, welche für moralisch gelten wollen, zur Schau tragen; diese Dienstbeflissenheit und das Kriechen vor den Weibern, die sie doch in ihrem Herzen verachten – o weh! wenn ich in diesen Gesellschaften meine Heiterkeit behalten soll, so muss ich mich in einen Traum von Leichtsinn hüllen und meine Beobachtung zum Schlaf einwiegen. Und diesen Herzlosen, Gelangweilten, Geldgierigen, nach Ehrenstellen, und Lob der Großen Durstenden soll ich das Kleinod meines reinen Leibes, meiner Keuschheit und Unschuld hingeben, wie man sich Tisch, Gefäß, Buch oder sonst ein Totes aneignet? Und – nur mit Entsetzen kann ich an diese Aufgabe unsers Lebens denken – wie aus einem Schrank, wie aus lebendigem Sarge soll mir unter Qualen ein Wesen genommen werden, das ich bin und doch nicht bin, das in seinem ersten materiellen Blödsinn mich ebensowenig kennt, vielleicht weniger, wie die Nelke, die ich in meinem Scherben erziehe. O mir graut, nur davon zu sprechen. Und dies Leiden, den Graus, den Abscheu zu erleben, wirklich zu erleben, ich ertrüg es nicht! Wie sehr tatest du recht, Mutter, mir unsere Bandello, Boccaz und den leuchtenden Ariost nicht zu verschließen, wie manche Eltern tun, denn statt zu verlocken, hat sich diese sogenannte Liebe, die immer nach diesem entsetzlichen Ziele strebt, die berühmte allwaltende Leidenschaft mir nur verhaßt gemacht.«
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»Welche Unnatur!« rief die Mutter aus, »Kind, deine entartete Phantasie ist es nur, die dir Grauen erregt, nicht diese Bedingung des Lebens selbst, die durch göttliche wie menschliche Gesetze ihre Weihe, wie alles Heilige, erhalten hat.«
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»Ich verstehe ja auch«, erwiderte die Tochter, »den Willen Gottes und der Natur, ich verehre diese Satzung und begreife ihre Notwendigkeit – aber warum soll ich mich ebenfalls dem Ausspruch fügen und nicht zurücktreten dürfen, wie so viele Priester, Nonnen und Heilige?«
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»Und in ein Kloster wolltest du dich vergraben, du lebensmutiges Kind?«
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»Nein, Mutter«, rief Vittoria aus, »lieber sterben! Ich verehre die Ehe; bist du, herrliche Julia, doch Mutter geworden, und Mutter vieler Kinder; muss ich dir doch dafür danken, da ich nur durch dich in dies freundliche Dasein gerufen wurde. Lass mich gewähren. Vielleicht erzieht mich Zeit und Erfahrung noch anders. Du meinst, der Mann müsse höher stehn, als das Weib. Noch habe ich keinen gesehn, der sich dir nur vergleichen dürfte; meinen teuern Vater habe ich nicht gekannt und kann mir kein Bild von ihm machen; aber müsste ich durchaus dem Gesetz nachgeben, so scheint mir vielmehr ein Mann, wie Camillo, meiner Ehe zu passen, den ich eigentlich ohne alle Bitterkeit unter mir fühle.«
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»Ich werde noch lange«, sagte die Matrone, »über unser Gespräch und deine sonderbaren Meinungen nachzudenken haben. Demjenigen, was allem Lebensreiz, bewusst und unbewusst, der Poesie und aller Kunst zum Grunde liegt, dem willst du entsagen, und doch bist du für Malerei und Poesie begeistert, doch hast du Sinn für die männliche Schönheit: wie willst du mit deiner Unnatur dich in geselligem lebenden Kreise bewegen?«
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»Mit Mut und Entschlossenheit macht sich alles«, erwiderte die Tochter mit heiterer Miene. »Gestern noch las ich das hübsche Büchelchen von der Tullia d'Aragon, ›Über die Unendlichkeit der Liebe.‹ – Sieh, diese weltberühmte Frau hat sich niemals vermählt, und wurde von der ganzen Welt vergöttert, in Bildnissen verherrlicht, und der große Bembo, der herrliche Poet Bernard Tasso und so viele andere berühmte Namen haben ihr gehuldigt.«
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»Kind! Kind!« sagte die Mutter mit schwerem Seufzer – »wohin gerätst du? Dieses Wesen, so schön, so poetisch sie war, durfte sich an Tugend und Hoheit niemals mit der vermählten Colonna und andern Dichterinnen vergleichen: Du weißt auch, dass sie zum Teil deshalb bekannt und beliebt war, weil ihre Sitten, so sagt man, sich durch Leichtsinn auszeichneten; ihre platonische Liebe soll mehr als einmal zur irdischen herabgestiegen sein, und so könnte, weil auch du schön bist, dein Eigensinn dich statt zur Gattin, zur Buhlerin machen.«
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Vittoria legte der Mutter den Finger auf den Mund und sagte: »Bitte! bitte! Was sagt die Welt nicht alles von großartigen Frauen. Ich denke mir, dass sie ein schönes reines Leben führte, das Edelste jener Gelehrten, Fürsten und Dichter sich aneignete, die zu ihren Füßen saßen. Hat nicht der ernste pedantische Orthodox, der alte Speron Sperone in Padua einen eigenen Dialog über die Liebe geschrieben, wo sie auftritt und von dem großen Bernardo Tasso verehrt und gepriesen wird. Dieser herrliche Dichter verleugnete auch nie, dass sie seine Göttin war.«
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»Vergiss nicht«, sagte die Matrone, »dass der finstere Sperone damals jünger war, und dass er gewissermaßen in einem spätern moralischen Dialog alle jene Äußerungen und Meinungen zurückgenommen hat.«
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»Um so schlimmer für ihn!« rief die Tochter aus, »denn was einmal wahres Eigentum unsers Geistes war, sollen wir niemals wieder weggeben. Wer gegen sich selbst nicht treu ist, kann es gegen niemand sein. Wer sich verleugnet, wird auch das Göttliche verleugnen. Da helfen sie sich denn freilich mit den traurigen eisernen Schranken einer dürren Moral und einer mißverstandenen Religion.« –
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»Camillo vergessen wir ganz darüber«, sagte die Mutter, indem sie aufstand. Sie ging in die Gesindestube, und fühlte, dass dieses Gespräch eine Epoche ihres Lebens bilde, denn sie war dadurch in eine ganz andere Stellung zu ihrer Tochter gerückt worden. Diesen strengen Geist des eben erst aufgeblühten Kindes hatte sie nicht geahnet, sie sah jetzt ein, dass der poetische Leichtsinn, das Harmlose des schönen Wesens, der oft kindliche Übermut ebensoviel Vorsatz, als Temperament war. Sie sorgte jetzt, das Düstere der Vorstellungen möchte einst über die Heiterkeit den Sieg davontragen. Schwanken wir nicht immerdar, sagte sie zu sich, an der Grenze des Wahnsinns hin? Arbeit, Pflicht, Scherz und Andacht müssen uns immerdar zerstreuen, um nicht in den stets offnen Abgrund hineinzutaumeln, wie sie vor wenigen Tagen dort in den Wassersturz.
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Sie sendete Ursula, die alte Amme, da Flaminio nicht zugegen war, zum Weltpriester hin, um zu erfahren, ob Camillo Mattei nicht gar von jenem Wagnis krank geworden sei, da er noch immer nichts von sich hatte hören lassen. Die berührige geschwätzige Alte freute sich, in dem kleinen Orte, in welchem sie nur wenige Unterhaltung fand, wieder einmal eine neue Bekanntschaft zu machen. Nachdem sie ihre Kleidung verbessert und einen weißen Schleier umgelegt hatte, begab sie sich in das kleine Haus des Priesters. Der Alte sah verdrießlich von seinem Gebetbuche auf nach der unbekannten Besucherin hin, die sogleich redselig die Grüße ihrer Herrschaft hersagte, und sich dann erkundigte, warum denn der junge, liebenswürdige Mattei noch nicht wieder gekommen sei, um die herzlichsten Danksagungen der ganzen Familie zu empfangen.
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»Setzt Euch, alte Person, ruht Euch aus«, sagte der Priester; »das Schwatzen muss Euch sehr müde machen. Mein Neffe, Gott tröste ihn, ist krank. Die junge fröhliche Dame ist, wie ich höre, mit weniger selbst als einem blauen Auge davongekommen. So geht es immer mit den Vornehmen und Reichen: wir armes Gesindel müssen alles ausbaden und den Schaden bezahlen. Das Wasser hat meinem jungen Bengel nicht geschadet, aber beim Hineinspringen ist er so heftig auf die spitzen Steine aufgeschlagen, dass Rücken, Rippen, Hüften, alles ein Schmerz ist. Er hat Beulen und ist so blau gefärbt und angelaufen wie der damaszierte Stahl. – Das wisst Ihr doch von Eurer Jugend her, aus der Naturgeschichte, Ihr altes Kind, dass Steine nicht so weich sind, wie das Wasser?«
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»Lieber Himmel, nein«, sagte Ursula, »das habe ich noch nicht vergessen. Ich habe alle meine Herrschaften aufgesäugt, sonst wäre meine gnädige Signora Julia auch wohl nicht so schön geblieben, und alle die Kinder, vorzüglich aber das älteste, der Herr Abbate, mögen mir vielen Verstand und Einsicht, auch Gedächtnis weggesogen haben, womit sie nun in der Welt prunken und Aufsehen erregen, aber diese Kenntnis und Einsicht ist mir doch geblieben. Ja, ehrwürdiger Herr, Steine sind in der Regel hart, aber auf verschiedene Art, nach seiner Temperatur ein jeder; aber darauf hinstürzen, ist keinem Körper gesund. Sonst hätten die bösen Juden den heiligen Stephanus gar nicht steinigen können, wenn in den Kieseln nicht eine gewisse Harte wäre.«
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»Eure Kenntnis wandelt auf dem ganz richtigen Wege«, fuhr der Priester fort; »man freut sich, mit Menschen von Geist und Erfahrung Bekanntschaft zu machen, denn die Welt verdummt immer mehr. Aber meinen Neffen, den haben die Herrschaften, so scheint es mir, verbraucht, denn wenn er auch wiederaufkommen sollte, wird er doch zeitlebens ein Narr bleiben. Da phantasiert und tollt er auf seinem Lager herum, und spricht von den alten heidnischen Göttern, von denen er wenigstens ein Dutzend, so schreit er es aus, da unten im Wasserfall, kennengelernt hat. Dann sagt er zur Abwechselung, er sei selbst eine von den alten Gottheiten, und Euer hochgewachsenes Fräulein habe ihn dazu gestempelt. Er meint in seiner philosophischen Raserei, er hätte sich eigentlich, wenn er Menschenverstand gehabt hätte, neulich umbringen sollen, und die überweise Vittoria zugleich mit, so würden die beiden jetzt in den elysischen Gärten spazierengehn, und die reifsten und süßesten Maulaffenbeeren von den Bäumen herunternaschen. Von der Religion will er nun gar nichts wissen, weil er meint, die könne ihm zu seinem künftigen Fortkommen in der Hölle doch von keinem sonderlichen Nutzen sein, denn Herr Pluto und dessen unterirdische Richter examinierten die Kandidaten nach einem gar andern Katechismus. Kurz, der Bursche ist mir und der ganzen Christenheit dermalen verdorben, und das hat einzig Eure superkluge Herrschaft: zu verantworten, die das junge Blut als einen Pudelhund mit sich nahm, um verlornen Hochmut aus dem Wasser wieder heraufzuholen. Ich habe sogleich den Apotheker müssen kommen lassen, der ihn bepflasterte, und ihm Latwergen und Tränke und Tropfen mitgebracht hat, die ich armer Gesell aus meiner knappen Wirtschaft nun alle bezahlen muss; alles bittres, verfluchtes, niederträchtiges Zeugs, wo sie mir noch viel Geldes dazugeben müssten, wenn ich sollte überredet werden, das gottlose Höllengesöff hinterzuschlucken. Der einzige greifliche Vorteil bei der ganzen verfluchten Geschichte ist, dass das dumme Lammsgesicht in den ersten zehn Jahren nicht wieder braucht geprügelt zu werden, weil ihm Rücken und Rippen von der remarkablen Geschichte beinah zerquetscht und zertrümmert sind.«
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»Geistlicher Herr«, sagte Ursula, »Ihr beliebt so klug und so quatsch durcheinanderzusprechen, dass es fast unmöglich ist, Eure Meinung zu kapieren. Wenigstens macht Ihr es den Laien ziemlich schwer.«
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»Nun, so seht Euch die Bescherung selbst an«, sagte der Geistliche, »wenn Ihr Euch aus meiner Legende nicht zu vernehmen wisst.«
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Sie gingen in die Kammer, wo der Kranke sich unruhig auf seinem schlechten Lager wälzte. Seine Augen glühten, und als die beiden eintraten, rief er ihnen entgegen: »Teuerster Monsignore Charon, bringt er sie jetzt herüber, meine längst angetraute Gemahlin, die Dame Vittoria? Ei was! Ist sie schon seit den kurzen dreihundert Jahren so sehr gealtert, wie muss ich dann erst aussehn, der ich schon vor meiner Geburt ein alter Kerl war? – Wie? Runzeln in dem braunen Gesicht? Warum gerade so? Kann das Alter denn nicht bloß ehrwürdig erscheinen, warum muss es gerade lächerlich sein?«
Vorlage S. 559
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»Nein, nein, junges Blut«, rief Ursula unwillig aus; »ich bin nicht die Herrschaft, ich bin die Amme, die sie großgesäugt hat, darum lasst Eure Pasquinaden und wendet Euch an Gott, damit er Euch gesund mache und Euren verfallenen Verstand wiederherstelle.«
Vorlage S. 560
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»Ihr habt sie mit Eurem Blut, mit Eurer Milch, mit Euren Lebenskräften gesäugt?« rief der Kranke; »kommt näher, Musterbild aller Schönheit, denn auf die Weise hat sie ja nur von Euch ihre Vollkommenheiten. Ehe sie selber war, ruhten ihr Auge, die süßtönende Rede, die Himmelslippen, alle die Verse, die sie weiß und selber dichtet, schon in dieser verknöcherten, kastanienbraunen Brust? O kommt und reicht mir auch etwas von dieser Nahrung, damit ich doch einige Ähnlichkeit mit ihr bekomme.«
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»Pfui!« schrie die Alte erbittert, »er sollte doch wenigstens auf eine dezente Art rasen, dass wohlerzogene Frauenzimmer sich über seine Liebesphrasen nicht zu schämen brauchten.«
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Sie ging böse und scheltend fort und erstattete der Herrschaft nur einen sehr unvollkommenen und verwirrten Bericht. Die Signora Julia schickte durch ihren jüngern Sohn eine bedeutende Summe zum Pfarrer, damit ihm der kranke Neffe nicht zu viele Ausgaben veranlasse, auch sorgte sie dafür, dass ein verständiger Arzt außer dem halbgelehrten Apotheker sich, auf ihre Rechnung, des Leidenden annahm. Auch kühlende Sachen, eingemachte Früchte und andere Erfrischungen besorgte sie, und so hoffte sie, bald von der Besserung und Genesung des Camillo Mattei zu vernehmen.
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Drittes Kapitel
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Es hatte sich mit Camillo gebessert. Die kräftige frische Jugend kämpfte das Fieber und die Krankheit nieder. Der Beistand, den ihm die Signora Julia durch ihre Bemühung verschafft hatte, indem sie ihm einen verständigen Arzt sendete, die Beruhigung, die sie durch ihre Unterstützung dem alten Priester gewährte, alles dies hatte die Wiederherstellung des jungen Mannes beschleunigt. Er meldete sich bei der Familie, um seinen Dank abzustatten, und die Mutter empfing ihn freundlich, aber zugleich mit einer gewissen Feierlichkeit. Auch Virginia, von dem strengen, beobachtenden Auge der Mutter beherrscht, hatte einen andern Ton gegen ihn angenommen, als den er bisher gewöhnt war, und so fühlte sich Camillo, der nach jener Szene ganz andere Erwartungen mitgebracht hatte, verletzt und gedemütigt; er war verlegen, und wenn ihn die Gesellschaft nicht beschämt hätte, so würde er sein Gefühl wohl in heißen Tränen ergossen haben.
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»Ihr werdet nun wohl«, sagte die Mutter, um das zögernde Gespräch in Bewegung zu setzen, »zu Euren Eltern nach der Stadt zurückkehren, um weiterzustudieren. Seid Ihr erst etwas vorgeschritten, mein lieber junger Freund, so werde ich nicht ermangeln, Euch meinem Sohn, dem Abte, zu empfehlen, ja ich werde vielleicht die Gelegenheit finden, zu Eurem Besten mit dem großen Kardinal Farnese zu sprechen, der jetzt wahrlich, zunächst unserm Heiligen Vater, den größten Einfluß auf die kirchlichen Angelegenheiten hat. Zeigt Ihr Euch nun wacker und unterrichtet, darf man später von Eurer Rechtgläubigkeit überzeugt sein, so wird es Euch gelingen, bald in eine einträgliche Stelle versetzt zu werden, von welcher Ihr allgemach höher steigen mögt, um auch Euren teuren Eltern ihre Liebe, und die Opfer, die sie Euch gebracht haben, vergelten und ersetzen zu können.«
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Vittoria war im Innern über diese wohlgesetzte Rede aufgebracht, aber sie hatte nicht den Mut, in Camillos Gegenwart ihr Erzürnen kundwerden zu lassen, um nicht einen vielleicht unziemlichen Auftritt herbeizuführen. Die Mutter merkte ihre Verstimmung, sie hatte sich aber fest vorgenommen, sich durch nichts in ihrem Entschluss irremachen zu lassen. Camillo erwiderte stotternd und mit hoher Röte im Gesicht: »Signora, ich werde noch acht Tage hier in Tivoli verbleiben, so hat es mir der Arzt befohlen, den Ihr mir zu senden die Gnade hattet. Ich werde dann nach Rom zurückkehren, aber ganz in Zweifel und Ungewissheit, mehr als je, ob ich auch würdig genug sei, mich dem geistlichen Stande widmen zu können. Es ist gar zu schmerzlich, sein ganzes Leben einem Berufe zu weihen, den man mit entschiedenem Widerwillen antritt. Ihr wollt mich beschützen – oh, wie glücklich würde ich mich fühlen, wenn Ihr mir irgendwo, sei es in Venedig, Florenz, oder wo es auch wäre, eine Stelle und Aussicht beim Soldatenstande schaffen könntet. Oder wenn sich ein Kaufherr in Genua oder ein Venezianischer meiner annehmen wollte. Ich fürchte, ich bin nicht fromm; zwinge ich mich also, ganz gegen Neigung, in das geistliche Wesen hinein, so ist zu besorgen, dass ich aus Tücke und Widerspruch, wie der Mensch nun einmal ist, auf gar arge Ketzereien geraten, und in dem Zustande Leib und Seele verlieren möchte.« –
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»Junger Mensch«, sagte die Matrone mit kalter Sicherheit, »Ihr kennt Euch selbst noch nicht hinreichend. Folgt meinem Rate, denn er ist gewiss der beste. An meinem eigenen Sohne Marcello erlebe ich es, wie schwer es ist, den Söhnen eine andere Laufbahn, als die der Kirche, zu eröffnen. Beim Soldaten hat der Edelmann immerdar den Vorzug, und alle die großen Häuser in Italien sorgen dafür, dass bei allen Fürsten in den Ländern ihre Schützlinge und Anverwandten die einträglichen Stellen erhalten. Mit Kaufleuten stehe ich in gar keiner Bekanntschaft, denn meine Verbindungen, durch welche ich Euch nützen könnte, erstrecken sich eben nicht über Rom hinaus. Bei der Bestimmung unseres Lebens dürfen wir nicht zuviel auf unsere Neigungen oder Leidenschaften hinhören, denn das Schicksal des Daseins, dem wir in dem Augenblicke der Bestimmung entgegentreten und es herbeirufen, ist zu ernst, um Spiele und Gewöhnungen der Kindheit, jene leichten Blüten, die den Früchten weichen sollen, mit hinüberzunehmen. Dadurch, dass Ihr uns bekannt seid, dass wir Euch so innig verpflichtet wurden, so dass ich gezwungen bin, für Euch wie für einen lieben Verwandten zu denken und zu sorgen, dadurch, dass es sich fügt, dass wohlwollende Gönner und Freunde von großem Einfluß, auf meine Worte, Bitten und Empfehlungen achten: dadurch, lieber Mattei, zwingt Euch das, was ich Schicksal nenne, Euch dieser Bestimmung und keiner andern zu ergeben. Und seid Ihr denn gar nicht stolz, junger Freund? Seht um Euch, wie große Männer allenthalben aus Armut und Niedrigkeit sich auf diesem so ehrenvollen Wege emporgeschwungen haben. Hier, im geistlichen Gebiet, ist die echte Republik, die Gleichheit aller Geschlechter und Stände. Kirchendiener, Bischöfe, Heilige, ja Päpste sind aus Armut und Dunkelheit emporgestiegen, um der Welt zu leuchten, und ihre Familie zu verherrlichen. Haben wir nicht ganz in der Nähe ein Beispiel an unserm Kirchenfürsten, dem gelehrten großen Kardinal Montalto, dessen Familienname Peretti ist? Wer spricht im römischen Staat, ja in ganz Italien diesen Namen Peretti nicht mit Ehrfurcht aus? Und er ist einem so armen, niedrigen, schwachen Hause entsprungen, dass Eure wackern bürgerlichen Eltern sich gegen seine Familie wohl eine vornehme dünken mochten. Als Knabe war dieser große Geist genötigt, das Vieh zu hüten, durch Almosen ward er großgezogen, schwache, armutselige Priester und Mönche waren seine ersten Beschützer – und jetzt! Ist er auch nicht reich, so kann er doch, wie jeder Kardinal, in wenigen Jahren wohl selbst Papst werden. Seht, mein Freund, der Stand, den Ihr nicht achten wollt, ist einzig der, wo Fleiß und Charakter sich geltend machen, und die Schwächsten, hier durchgedrungen, die Welt beherrschen können.«
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Die Frauen erschraken, als in diesem Augenblicke der erst verschüchterte Camillo ein lautes Lachen aufschlug. »O ja«, rief er, »ich kann auch nach Asien wandern, mich für heilig ausgeben und der große Mogul werden. Was hindert mich, es auf den weltberühmten geheimnisvollen Priester Johannes anzulegen? Von Melchisedek und den drei Königen aus dem Morgenlande weiß man auch die Abstammung nicht. Dürfte es nicht auch geraten sein, sich mit dem Ewigen Juden zu assoziieren und sich von dem Brausewind zum Kompagnon annehmen zu lassen? Der macht ja auch Geschäfte mit und in aller Welt.«
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Plötzlich schwieg er still, sah starr vor sich nieder, und trocknete sich heimlich eine Träne aus dem Auge. Mutter und Tochter sahen sich mit Erstaunen an, und die sonderbare Blässe des Marmors stand auf Vittorias Angesicht. Camillo richtete sich in mächtiger Verwirrung auf und sagte mit gebrochener Stimme: »Verzeiht mir, ihr Hochverehrten, meine Ungezogenheit. Ich bin ein elender Mensch, und verdiene nicht, in guter Gesellschaft zugelassen zu sein. Mir geschieht recht, wenn ich von den Edlen ausgestoßen werde.«
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Er erhob sich zitternd. Demütig nahte er der Signora Julia und küsste ihre Hand, dann näherte er sich der Tochter, fasste ihre Finger, hielt sie lange fest, und konnte dann seine Lippen kaum entfernen, indem er fühlte, wie sein Druck, wenn auch nur leise, von der schönen Jungfrau erwidert wurde. So wankte er dann, wie ohnmächtig, zur Tür hinaus.
Vorlage S. 563
100
Mit dem Ausdruck der Heftigkeit stand die Matrone vom Sessel auf und ging an das Fenster. Vittoria blieb auf ihrem Stuhle und sah mit etwas scheuem Blicke nach der Mutter hinüber. -»Also schon jetzt!« rief die Mutter aus; »ich habe es ja gesagt! So ist die elende Beschaffenheit unsrer menschlichen Seele, dass aus jedem Ohngefähr tolle Hoffnungen erwachsen, deren sie sich schwindelnd bemächtiget. Nun ist man stolz, und trotzt und pocht in verächtlicher Aufregung einer rasenden Leidenschaft. Man spielt den Herrn der Welt, indem man tief unter dem blödsinnigen Bettler steht. Und eigentlich hast du es verschuldet!«
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»Ich?« fragte die Tochter erschreckend.
Vorlage S. 564
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»Weil du kindlich und unerfahren dein Herz und deine Zunge nicht genug bewachtest. Deine unschuldige Neigung hat er in seinem männlichen Eigennutz ganz anders gedeutet: diese angeborne Eitelkeit und Anmaßung des Geschlechts hat dich ihm schon erniedrigt, weil du höher standest, als er, weil du ihm reizend und wünschenswert erscheinst, seine Einbildung hat dich schon in Besitz genommen, und dass sein Irrsinn schon zur wahren Leidenschaft herangewachsen ist, zeigt seine Raserei, die wir von ihm haben ertragen müssen.«
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»Was kann ich aber für das alles?« warf Vittoria mit Schüchternheit ein.
Vorlage S. 564
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»Wie? Törin?« eiferte die Mutter, »sah ich es denn nicht (o ja, du kannst es meinem scharfen Auge nicht ableugnen), dass du ihm noch beim Abschied die Hand drücktest?«
Vorlage S. 564
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»Und wenn es ist«, sagte Vittoria, »gibt es etwas Unschuldigeres? Er tat mir so leid, weiter habe ich mir nichts dabei gedacht.«
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»Und du meinst«, antwortete die Matrone, »dass der Ungestüme sich diesen Druck nicht ganz anders wird ausgelegt haben? Für eine Liebeserklärung von deiner Seite hat er ihn genommen. Liebst du ihn wirklich, so tatst du etwas sehr Unrechtes, aber du handeltest ehrlich; liebst du ihn aber nicht, so war es ein armseliger Betrug, und gehört zu jenen schlechten Künsten, mit denen Weiber, die mit Recht verrufen sind, Handel und Wandel treiben, und nur gar zu oft durch fortgesetzte Unwahrheit die edelsten Männer zur Verzweiflung bringen.«
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»Du gehst im Eifer zu weit«, sagte die Tochter mit großer Ruhe. »Gibt es denn außer wilder roher Leidenschaft, die unbedingt auf Besitz dringt, und jener kalten toten Gleichgiltigkeit, nichts Edles, Freundliches, Zartes, was zwischen diesen Äußersten liegt? Und, dass ich es dir nur gestehe, ich war dem kleinen Camillo immer gut, aber noch niemals hat er mir so sehr gefallen, als in seiner aberwitzigen komischen Rede, die dich so sehr gegen ihn aufgebracht hat. Diese Kraft hätte ich ihm niemals zugetraut. Ist es denn also möglich, wie du neulich äußertest, dass ich auch noch Leidenschaft und Wunsch nach der Ehe würde kennenlernen, nun so erzieht sich vielleicht meine Zärtlichkeit für meinen Mattei noch zu dieser Liebe. So lass denn diesen Gefühlen ihren Lauf und es ergibt sich nach Jahren vielleicht, dass du richtig gesehen hast.«
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»Dass der Wahnsinn ansteckend ist, erfahre ich nunmehr ganz deutlich«, sagte die Mutter und sprach nun kein Wort mehr. –
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Camillo ging indessen langsam und zögernd nach dem Hause seines Oheims zurück. Ja, ja, sprach er bei sich selbst, recht hat der alte verdrießliche Mensch! Die Vornehmen – sie taugen alle nichts! Nur bei der Armut wohnt Liebe und Tugend! das sehe ich an meinen Eltern, an so vielen Elenden! O dieser verächtliche Hochmut der armen, vergänglichen Sterblichen! – Und diese hochgetürmte weise Hoffarts-Dame! Was ist sie denn Großes? Die Witwe eines wohlhabenden Advokaten und Richters: dazu hätte mein Vater auch gelangen können, wenn er das Vermögen besessen hätte, zu studieren. Sie ist freilich aus einem adlichen Hause: ist aber doch auch zu einem Rechtsgelehrten hinabgestiegen! – Unsinn, dass sich mit dieser Ungleichheit auch die niedrigen Stände brüsten! – Ich, ein Geistlicher! Lieber Kohlenbrenner, Räuber, Bandit! – Und sie – ach ja, da im Saal ist es anders, als da unten, so nah an der Hölle, wo sie sich mir mit allen Kräften und Schönheiten ergab. Warum war ich so dumm und töricht, in diesem Taumel, wo wir die ganze Welt vergessen, nicht mehr zu verlangen? Sie hätt es nicht geweigert. Und was ist es denn Großes? Das Nächste, Natürlichste, was ein einfach unverdorbener Mensch nur denken und begehren kann. War doch Busen, Knie und glänzender Leib schon mein, und in den Küssen entfloh meine Seele über ihre himmlischen Lippen in ihr Wesen hinüber. – Nichts! nichts! Alles ist eitel! Auch sie verwelkt und vergeht, nichts ist echt und wahr, als nur die Zeit und der Augenblick; und diesen muss der Kluge ergreifen! wenn er dazu entschlossen ist, so gehört ihm die Welt.
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Zu Hause angelangt, legte er sich nieder, denn er war wieder ein Raub des Fiebers.
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Nach Tische wurde der Familie der allbekannte Hausfreund Don Cesare Caporale gemeldet. Mutter und Tochter waren erfreut, den wackern Mann begrüßen zu können, durch welchen sie aus ihrer Verstimmung gerissen wurden, und der ihnen durch seine unzerstörbare Heiterkeit eine anmutige Zerstreuung versprach.
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Cesare Caporale war einer jener hohen schlanken Gestalten, die durch den Ausdruck harmloser Gutmütigkeit die Hässlichkeit ihres Gesichtes vergessen machen können. Sein Anstand und die Gebärde war edel, und man sah ihm an, dass er viel in der großen Welt gelebt hatte. Die kleine, zurückgekrümmte Nase in dem langen, gebräunten Gesicht, die vielen Falten, gaben ihm neben dem fast Geringen und Possierlichen den Anschein eines höheren Alters, als er wirklich erreicht hatte, denn er war noch nicht fünfzig Jahr. Seine grauen, kleinen und lebhaften Augen verrieten den Schalk, denn sie begleiteten jedes seiner Worte mit so geistreichem Ausdruck, dass viele seiner Aussprüche von seinem Munde witzig schienen, die man oft als Rede eines andern für unbedeutend würde gehalten haben.
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Mit seiner gewöhnlichen Gutmütigkeit schüttelte er den beiden Damen die Hand, setzte sich behaglich nieder und sagte: »Da bin ich wieder einmal bei euch, ihr Gotteskinder, und das tut mir wohl, wie die Frühlingssonne dem Kranken. Ich war wieder da hinten in meinem geliebten kleinen Perugia und habe eine Zeitlang fröhlich mit meinen Freunden in meiner Vaterstadt gelebt. Das liebe Nest steht noch auf dem alten Fleck, keine meiner Bekannten ist in diesem Jahre gestorben, in meinem Vaterhause ist mein Quartier für mich immer offen, und so habe ich denn auch die Kirchen wieder besehn, die Berge besucht, und mich an den Gebilden unsers alten Meisters Pietro und seines großen Schülers Raffael erfreut. Wie ich nach Rom komme, höre ich zu meinem Entsetzen, ihr alle hier wäret ersoffen, oder mit Erlaubnis zu sagen, ertrunken, was aber beinah auf eines hinausläuft. Das war ein Lamento bei allen den schönen geputzten jungen Narren, dass es nicht auszusagen ist. Je nun freilich, wenn man hübsch ist, wird man eher vermisst, als wenn man, wie ich leider, mit einer so fatalen Fratze herumläuft. Aber sagt um des Himmels willen, was habt ihr eigentlich angefangen, dass man euch so verleumden darf: denn ich sehe ja, dass ihr hier ganz als vernünftige Wesen auf dem Trocknen beisammensitzt. Die hochgesinnte Mutter, die ausbündige Vittoria, und der hoffnungsvolle Flaminio sind alle wohl behalten, wenn auch etwas nachdenkend, wo nicht gar gelangweilt, was ich aber doch nicht zu voreilig annehmen will.«
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Die Mutter übernahm es, ihm in kurzen Worten die sonderbare Geschichte, die so leicht tragisch hätte endigen können, zu erzählen. »Seht! seht!« sagte Cesare am Schluss. »ich habe immer behauptet, dass unsre Virginia für ihre große Gestalt in ihren Gebärden und Bewegungen zu hastig und berührig ist. Dergleichen schickt sich nur für kleine Persönchen, die es manchmal auch recht gut kleidet. Darum halte ich mich mit meinem hohen Körper, den langen Beinen und Armen immer so majestätisch. Fällt mir ein lumpiger Ball ins Wasser (ich trage aber niemals einen mit mir herum), so lasse ich ihn wegschwimmen; und dort gar in dem Höllenrachen, den ich immer die Grotte des Neptun genannt habe, obgleich strenggenommen der gewaltige Mann sich mit den Flüssen des Landes gar nicht einläßt. Wenn Ihr dort umgekommen wärt, so hätte ich Euch wohl gar, als Euer alter Anbeter besingen und beklagen müssen, obgleich mir noch niemals ein ernsthafter Vers hat gelingen wollen.«
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»Aber habt Ihr uns keine neue Komposition mitgebracht?« fragte die Mutter.
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»Der Poet«, antwortete Caporale, »ist zuweilen an Entwürfen und Plänen so reich, dass er darüber gar nicht dazu kommen kann, einen einzigen auszuführen. Ich lief in der schönen Gegend von Perugia viel herum und meditierte. Mein Gedicht über das Leben des Maecenas ist nun fast fertig, aber außer einer neuen Komödie ist mir auch noch ein komischer Vorwurf dort in der Einsamkeit aufgestiegen. Ich dachte mir nämlich, wie Apollo auf seinem Jagdschloß eine Versammlung könnte ausschreiben lassen, dass sich alle, die sich für Poeten hielten, zu ihm einfinden sollten, um aus seinem Munde und von verständigen Richtern und Beisassen ihr Urteil zu empfangen. Die Aufgabe ist häklig und kitzlig: denn wie viele unserer jetzt lebenden Pedanten, oder talentlosen Reimer würde man da ärgern und kränken müssen, darum gebe ich den Gedanken auch vielleicht wieder auf, wenn ich nicht einen anständigen Mittelweg entdecken kann.«
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»O Bester!« rief Vittoria lebhaft aus, »da müsst Ihr alle meine Lieblinge recht loben, und diejenigen, die mich immer geärgert haben, recht beißend durchziehn und schwarz abschildern.«
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»Zum Beispiel?« fragte der Poet.
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»Wen kann man wohl mehr loben«, fuhr sie fort, »als den edlen herrlichen Bernard Tasso, und dessen Sohn Torquato, wegen seines himmlischen Aminta, Schelten müsst Ihr auf den rechhaberischen kritischen Sperone.«
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»Geht schon deswegen nicht«, antwortete der Dichter, »weil ich ihn jetzt eben in Rom gesprochen habe, und er sich recht freundlich gegen mich erwiesen hat. – Also um fortzufahren: ich wandelte dort in den Bergen von Perugia sinnend umher, voll Launen und Projekte, Verdruss und Freude. So kam ich auf ein grünes Feld in der Abendstunde, die Sonne ging unter und es gemahnte mich, noch immer draußen zu bleiben. Mit einem Male blitzt mich aus dem grünen Gebüsch vor mir etwas so großäugig an, so unnatürlich feurig, dass ich dachte, die Sonne wäre vielleicht umgekehrt: und nun sah ich's, und es war Venus, der Abendstern. Aber noch nie hatte ich ihn in dieser Herrlichkeit gesehn. Nun gut, ich ließ es mir gern gefallen, dass es etwas so Schönes in der Welt und der Natur gab, und ging immer weiter, an mein dummes Gedicht denkend und spekulierend. Auch gibt es wirklich Epochen in unserem Leben, in welchen man die sogenannte Zeit völlig vergisst. So war es mit mir. Der Abend hatte mich ausgehn sehn und die stille Nacht fand mich noch draußen. Wie ich noch so fortwandelte, deucht mir, es erhebe sich im Osten eine Art von lichtem Grau, ein klarer, wallender Schimmer, und wie ich mich noch darüber verwundre (denn ich hatte ganz vergessen, dass es wohl Morgen sein könne), fahre ich im Schrecken zurück, denn wieder blitzt eine solche Glutmaschine, so ein Jupiter, als wenn er eben einer Liebschaft wegen zur Erde gesunken wäre, mir entgegen, ein göttlich glänzender Stern, dicht auf dem grünen Boden, äugelnd im feuchten Grase und den triefenden Granaten liebkosend – und siehe da, was ich für einen zerschnittnen Vollmond hielt – nur reiner, weißer glänzend – sei es Jupiter, Mars, Sirius – mir war es, dem Unwissenden, die göttliche Aphrodite, die Göttin der Liebe. –
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Ihr holdseligen Frauenbilder, da besann ich mich mit wahrer Andacht auf euch; Ihr Julia seid mein leuchtender Abend –, Ihr Vittoria mein strahlender Morgenstern und nun ließ es mir keine Ruhe, bis ich wieder hierher zu euch kam. Mag der Himmel mit Millionen Gestirnen prangen, für mich hat er doch nur die eine Venus. Nicht wahr Gevatterin?«
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»Ihr seid galant, Don Cesare«, erwiderte Julia, »und dabei ein Poet. Wie schade, dass Ihr und so manche Euresgleichen doch Weiberfeinde seid.«
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»Glaubt Ihr an das Märchen?« fragte Caporale. »Nur hässliche Männer, und die von den Frauen nicht begünstigt worden, stellen sich als Weiberfeinde. Es ist keinem Sterblichen Ernst damit und kann es auch nicht sein. Denn diese Kaprice der Natur, dass sie Weiber geschaffen hat, ist es doch einzig nur, weshalb es sich, der Mühe lohnt, zu leben. Alle die Schwächen, Widersprüche, Treulosigkeit, Mangel an Charakter, ausgemachte Schlechtigkeit selbst, was diese Moralisten immer und immer wieder aus heiserer Kehle ausschreien, ist ja immer nur die weibliche Natur, die sie nicht zu würdigen wissen. Wer jemals ein Weib geliebt hat, wen jemals auch nur ein Weib wahrhaft beglückt hat, der wird ihre Lügen und Albernheiten höher als Aristoteles, Wahrheit und Platons Weisheit schätzen. Und so – kann ich den Morgenstern kritisieren? Verlang ich Tugend oder Moral von ihm? O du ewige, unbegreifliche Schönheit, du himmlisches, unsterbliches und doch so vergängliches Kleinod der Liebe und Wollust, wie roh gehn auch mit dir die Menschen um, und hantieren so abgeschmackt mit der Göttlichkeit, als wenn es eben auch ein Brett oder hölzernes Gestell wäre, um alten vergessenen Plunder darauf aufzubewahren.«
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»Werdet nicht so ernsthaft«, sagte die Mutter, »und erzählt uns lieber, was Ihr in Rom Neues erfahren habt.« –
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»Potz Blitz!« rief der Poet aus, »das ist eben das Kennzeichen unsers Jahrhunderts, dass es gar nichts Neues gibt. Wenn Ihr das nicht etwa so nennt, wodurch jeder Quark eine Neuigkeit wird. So bastelt unser Heiliger Vater Gregor immer und ewig an seinem neuen Kalender, als wenn wir damit ein reelles Gut gewönnen, dass das Dümmste und Unbegreiflichste der Schöpfung, die Zeit, neu eingeteilt würde. Das neue Jahr soll nun nicht mehr mit Ostern und dem Frühling, sondern mit dem kalten trivialen ersten Januar anheben; und so mehr dergleichen. Bis jetzt glaubten wir, dass die Päpste nur für die sogenannte Ewigkeit sorgten, aber jetzt werfen sie sich auch in die irdische Zeit, um da aufzuräumen. – Neues in Rom? Nun, dass die Kardinäle gegeneinander intrigieren, dass viele Fremde wegen des Jubiläums nach Rom gekommen sind, dass die Kirchen und die heiligen Orter besucht werden, dass man erzählte: der ruchlose Ambrosio sei mit einer ganzen Bande eingefangen worden.«
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»Ambrosio?« fragte die Mutter; »wo ist der Bösewicht gefangen worden?«
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»Man sagt in Subiaco«, antwortete der Dichter ruhig: »die Bande hatte dort in der Nacht das Haus der Magistratsperson erbrochen und geplündert, den Mann aber selbst höher in das Gebirge hinaufgeschleppt, um an ihm Rache zu nehmen, weil er sich im Verfolgen der Räuber besonders tätig erwiesen hatte. Doch haben die freiwilligen Milizen sie in ihrem Schlupfwinkel überrascht und das ganze Nest aufgehoben.«
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Die Matrone ward nachdenkend, und Caporale begriff nicht, wie diese Neuigkeit sie so verstimmen könne. »Es ist furchtbar«, nahm Vittoria das Wort, »wie diese Räuberscharen sich in unsrer Zeit vermehren und noch täglich anwachsen. Von den Großen und Mächtigen beschützt, hat fast jede Familie ihre Bande, man bekämpft sich öffentlich, wie in einem Kriege.«
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»Ja«, sagte Cesare: »diese Orsini, Colonna, die Florentiner, die Ferrareser, alles hat seine geworbenen kleinen Heere in unserer Stadt und dem römischen Gebiet. Der Heilige Vater sieht durch die Finger und fühlt sich zu schwach, dem Unwesen zu steuern. Rache und Meuchelmord werden als Edeltat angesehn und es herrscht eigentlich nur so viel Sicherheit, als jene Mörder uns gönnen wollen. Auch der Privatmann ist fast gezwungen, mit dieser oder jener Bande einverstanden zu sein, um nicht von allen beschädigt zu werden.«
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»Ich mag an alles dies gar nicht denken«, warf jetzt die Mutter ein; »denn ein Grauen befällt mich, als wenn unser Eigentum und Leben nur vom Zufall abhingen und wir jedem Entsetzen preisgegeben wären. Alle Gespenstergeschichten, die ich in meiner Jugend hörte, erwachen dann in meinem Innern, und unser Geist ist der Sklave von nichtswürdigen Vorstellungen, die in unsern Nerven auf und ab rieseln und uns das Haar emporsträuben.«
Vorlage S. 570
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»Nein, Mutter«, rief Vittoria: »scheltet mir nicht auf meine lieben Gespenster und das poetische Grauen, das bei Anhören dieser Geschichten unsern Geist gefangennimmt. Das ist wie kühler Morgenwind, der durch den Eichenwald braust und alle Blätter in zitternde Bewegung setzt. So erfrischend und wundersam sind auch die Legenden von wiederkehrenden Gestorbenen, von den dunkeln Dämonen, die an einsamen Seen ihr Wesen treiben, jener seltsamen Kobolden, die uns in gefährliche Sümpfe, oder im Gebirge an Abstürze locken sollen; dann die Orakelstimmen in einsam abgelegenen Tälern, die Fähigkeit Wahnsinniger oder Kranken, die Zukunft deutlich zu sehn, oder in fernen Gegenden den Freund wahrzunehmen, und alle die Märchen von Zauberern und Beschwörern, von den Bündnissen mit bösen Geistern. Schon des wunderlichen und rätselhaften Abano oder Pietro Apone wegen möcht ich gar zu gern einmal nach Padua reisen, um mir sein Haus mit dem großen Saal und seinen Brunnen zu betrachten. Käme so ein großes oder kleines Gespenst in mein einsames Zimmer, so würde ich freilich erschrecken, aber mich auch dieses Erschreckens freuen, und es recht bis in meine innersten Kräfte hinein mit meinem Bewusstsein durchgenießen. Ansehn würd ich mir das Wesen, das mich seiner Bekanntschaft würdigte, und gewiss ohne fieberhaftes Entsetzen von ihm Abschied nehmen. Ich habe mir den Fall oft genau durchgedacht und bin meiner Fassung gewiss. Nein, das Geisterreich bietet uns die Schrecken nicht, die der Wirklichkeit zu Gebote stehn.«
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»Wie meint Ihr das, Ihr poetische Amazone?« fragte Don Cesare.
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»Eine Vorstellung«, antwortete die Jungfrau, »verfolgt und ängstigt mich von meiner frühesten Jugend. Ich bin allein in der tiefen Nacht, meine Familie ist schlafen gegangen, meine Dienerin ist verabschiedet, ich will mein Lager besteigen und die Lampe löschen, als plötzlich vor mir schreckliche Bösewichter mit geschwärzten Gesichtern und dräuenden Waffen stehn: ich wende mich um, Hülfe rufend, und auch von dort treten mir scheußliche, unbekannte Figuren entgegen. Nirgend Rettung, Hülfe; das Wort stockt mir im Munde, der Atem versagt, die Brust klopft zum Zerspringen; ganz ohnmächtig und doch klar alles sehend, rücken die Verruchten und der Mord mir näher und näher. – Seht, indem ich davon spreche, bin ich halb wahnsinnig vor Entsetzen. – Hinweg du abscheuliches Bildnis! – Und könnt Ihr leugnen, dass nicht dergleichen schon hie und da vorgefallen ist? Wir alle haben von solchen Überfällen gelesen! Und kann dergleichen sich nicht wiederholen?«
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»O Kind«, rief Cesare, »Ihr ängstigt mich über die Maßen. Beruhigt Euch, entfernt diese niederträchtigen Vorstellungen aus Eurem Gemüt, verbannt sie völlig, zerstreut Euch und entwurzelt diesen Unsinn, der in Euren Geist so scheint es, schon tief hineingewachsen ist. Denn Eure Darstellung erweckt zu meinem Grausen auch mir eine alte Grille in meinem Innern. Ich kann mich nämlich durchaus nicht von dem Aberglauben losmachen, dass dergleichen, wenn man es sich immer und immer wiederholt am Ende eben dadurch, wie durch unbewusste Magie zur Wirklichkeit hinauswächst. Die Phantasie ist auf die Weise der Boden, in welchem später dieses giftige Unkraut als wahrhaftiges hervorsprießt. Um Gottes willen, lasst diese fatalen Spiele der Imagination bleiben.«
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Die Mutter schauderte. »Sollte denn«, sagte sie nach einer Pause, »unsre Seele diese ungeheure Kraft besitzen, durch die Vermittlung der Imagination so was zu erzeugen? Oder ist es nur die Fähigkeit, das Unvermeidliche der Zukunft vorauszusehn, die sich in dergleichen Furcht und gespenstige Vision umbildet? Was ist doch überhaupt mein Ich? Warum sagen wir immer so leicht hin: mein Geist, meine Seele, als wenn noch ein andrer Regent höher über diesen Regierenden in uns stände?«
Vorlage S. 571
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»Ja wohl«, sagte Caporale, »kommt man mit dem Denken über diese Geheimnisse niemals zu Ende. Wir erkennen uns nur in den Funktionen unserer Kräfte, in unserer Tätigkeit: so wendet sich unser Bewusstsein und unsre Denkkraft immerdar von uns ab, und sieht sich nur entstaltet und unkenntlich in einem trüben, schlecht geschliffenen Spiegel, der unser Wesen verzerrt. Ist nun unser Geist, oder unsre Seele schon einmal dagewesen? Ist er ein gesunkener Geist, der in bestimmten Perioden seiner Verwandlung in einen frühern seligen Zustand durch Tat, Reue, Buße, hiesiges Leben zurückkehrt? Ist er ein Funke aus Gott, bei der Geburt neu entflammt herabgesendet?«
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»Ihr seid ein arger Ketzer«, sagte die Mutter.
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»Ich frage nur zweifelnd an«, antwortete der Dichter, »was unsre Seele sei, so wie Schrift und Kirche, soweit ich sie kenne, auch nichts Bestimmtes darüber aussagen. Es bleibt immer nur übrig: Ich bin ich.«
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»Kinderei!« rief lachend Vittoria: »wer es wissen will, was die Seele ist, der komme nur zu mir, denn ich weiß es ganz genau.«
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»Du?« sagte die Mutter, indem sie groß aufsah.
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»Ich möchte mich«, sagte der Poet, »zu Euren Füßen niederwerfen, und so, demütig im Staube, von der hohen Sybille das heilige Orakel empfangen.«
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»Vernehmt!« rief die Tochter – »die Seele ist ihrem wahren Wesen nach, eine kleine graue Maus.«
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»Virginia!« rief die Mutter zürnend, »schämst du dich nicht, so albern zu sein? Oder soll diese Kinderei Witz und schalkhafte Laune bedeuten?«
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»Auch in Bernis Gedichten«, sagte Caporale, »die doch so manches Unbegreifliche erzählen, erinnere ich mich nicht, diesen oder auch nur einen ähnlichen Ausspruch gefunden zu haben.«
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»Es soll aber auch gar nicht Spaß bedeuten«, erwiderte die Jungfrau, »sondern es ist mein vollkommener Ernst. Die Kenntnis der Sache ist mir auch schon vor mehreren Jahren geworden, wo sie mir in einem allerliebsten Buche vorkam, dessen Titel ich leider nachher in meinem Leichtsinn vergessen habe. Es ist nämlich eine Geschichte, der ich meinen Glauben verdanke, und diese will ich euch jetzt erzählen:
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Vor alten, uralten Zeiten gab es einen Herzog von Burgund, der irgendwo in von hier weit, weit abgelegenen Gegenden sein Land, seine Herrschaften, und hochgelegenen Schlösser hatte. Irre ich nicht ganz, so lebte und regierte er in einem Teile von Deutschland, nicht fern vom Rheinstrom. Nun war dieser Herr oft von seinen Feinden bedrängt, doch war er immer siegreich aus allen Kämpfen nach seinem Schlosse zurückgekehrt. Es war schon damals eine Erfindung und ein Unglück aufgekommen, welche uns auch in den neuesten Zeiten oft quälen. Der Herr hatte nämlich Schulden; der Krieg hatte für Vasallen und Söldner seinen Schatz gänzlich ausgeleert. Sooft er in seine Schatzkammer ging, sah er nur die leeren Wände, und wenn er Truhen und Schränke aufschloß und hineinschaute, so blickte ihm immer wieder ein trostloses Nichts entgegen. Um sich zu zerstreuen, ritt er mit einem vertrauten Knappen in einen schönen dichten Wald hinein. Es lief schon seit Jahrhunderten im Volk ein Märchen um, dass irgendwo, aber kein Mensch konnte den Ort bestimmen, ein unendlicher Schatz von Gold, Perlen und Juwelen aus Bosheit sei versteckt und verzaubert worden, so dass keine Wünschelrute, kein Beschwörer und Hexenmeister diese Fülle unermesslicher Kostbarkeiten je wiederentdecken könne. Wie es wohl die Armen, Notgedrängten zu machen pflegen, so hatte sich auch der gute Herzog mit seinem treuherzigen Knappen von diesen verzauberten Goldklumpen unterhalten, und sich an diesen versteckten und verlornen Diamanten und Rubinen getröstet und erfrischt. Müde vom Reiten und Schwatzen, nachdem sie tief in den schönen grünen Wald hineingeritten waren, stieg der Fürst vom Pferde und band es an einen Baum. ›Wir haben selbst den Fußsteig verloren, hier ist es so schön ruhig und einsam still‹, sagte der Herzog; ›bewahre und bewache mich, mein getreuer Gottfried, denn eine süße Müdigkeit schleicht mir in mein Gehirn und drückt mir die müden Augen zu.‹ So geschah es, der Herzog fiel in einen erquickenden Schlaf, und der Diener wachte, dass kein Tier oder Gewürm seinem verehrten Herrn nahen und ihn beschädigen möge. Der Atem des Fürsten, die Brust ging hin und her und auf und ab: er lächelte, denn ihn mochte ein angenehmer Traum besuchen. Plötzlich stockte der Atem, im Gesicht zeigte sich Aufspannung und Anstrengung, und mit einem Male sprang ein ganz kleines graues Mäuschen aus dem halb geöffneten Munde. Nun lag der Herzog da, wie tot, ohne Atem und die mindeste Bewegung. Das kleine Mäuschen aber sah sich mit funkelnden Äuglein im Grase neugierig um und schlüpfte endlich zwischen den Blumen fort und etwas mehr in den Wald hinein, doch nicht so gar weit vom Fürsten, der nur als starre Leiche noch regungslos dalag. So war der Knappe denn in seinem Erstaunen und Schrecken doch begierig, was sich aus dem Wunder ergeben würde: er ging also ganz leise und behutsam dem Tierchen nach, behielt aber dabei immer seinen totscheinenden Herrn im Auge. Bald musste das Mäuschen stille stehn, denn es kam an einen Bach. Das Wässerchen war nur so schmal und klein, dass es jedes Kind mit einem Schritte überschreiten konnte, und es floss so still und bescheiden über die Wiese und unter den grünen Büschen hinweg, dass es die Reiter vorher weder gesehn noch gehört hatten: für die Maus aber war es ein Strom, breiter als unsere Tiber. Und da sie durchaus hinüber wollte, lief sie ängstlich, bald links, bald rechts dem Ufer entlang, ob sie wohl eine trockene Stelle fände, oder ob irgendwo vielleicht das Bächlein so schmal würde, dass sie hinüberspringen könne. Der gutmütige Knappe sah nicht ohne Teilnahme, wie das kleine Wesen sich abängstigte. Er schaute sich um, fand aber kein dürres Holz, zog also seinen Hirschfänger mit dem silbernen Griff aus der Scheide und legte die blanke Waffe über das Wasser. Die Maus schien erst erstaunt, trat dann aber behutsam und zögernd auf den glatten, spiegelnden Stahl und ging hinüber, worauf sie sich bald in das nahe Gebüsch verlor und in eine kleine Höhle sprang, die sich in einem grün bemoosten Felsensteine zeigte. Der Fürst lag noch tot, wenige Schritte hinter dem Knappen. Diesem ward bange, wie der Ausgang sein würde, und seine Angst stieg immer höher, je länger das Tier ausblieb. Wie, wenn der Fürst sich gar nicht wiederbelebte? Würden die großen Vasallen, würde der Thronerbe ihm wohl diese Mausgeschichte glauben? Da wohl mehr als eine Viertelstunde verflossen war, wollte er schon seinen Degen wieder in die Scheide stecken, den starren Herren aufrütteln, und wenn dieser sich gar nicht regte, vielleicht in alle Welt reiten, um nicht für einen Mörder, der vom Feinde bezahlt sei, angesehn zu werden. Siehe da springt das kleine Wesen, seine Augen noch heller glänzend, wieder aus dem Gebüsch hervor, sieht sich um, setzt die netten Beine prüfend wieder auf den Stahl und wandelt behutsam bis an den Griff. Gottfried nimmt seine Waffe und die Maus rennt wieder zum Herzog. Der Diener zweifelt, ob er sie nun nicht doch greifen und festhalten soll, weil es ihm unziemlich dünkt, dass ein solches Getier seinem Herzog im Gesicht herumspazieren, oder gar in den Mund kriechen soll. Aber ehe er noch einen Entschluss fassen kann, ist jene schon wirklich zwischen den Lippen des Fürsten wieder in diesen hinein. Kaum war es geschehn, so kehrte auch das Lächeln auf das Antlitz zurück, die Brust atmete wieder, und nach kurzer Zeit richtete sich der Herr auf, sah um sich, die Besinnung wiederzufinden, und schüttelte sein Haupt, als wenn er die letzten Flocken des Traumes aus seinen Haaren schütteln wollte. Lächelnd sah er den Knappen an und sagte dann zu diesem: ›Setz du dich noch zu mir her in dieses grüne Gras, denn ich muss dir den seltsamsten Traum erzählen, der nur jemals mein Gehirn besucht hat. – Ich war kaum hier auf dieser Stelle eingeschlafen, als mir dünkte, ich ginge von hier weit, weit in den dicken, dunklen Wald hinein. Aber wie war um mich die Natur verwandelt! – Das, was ich für Gras halten musste, waren hohe, hohe, dicke Binsen, die weit über meinem Haupte hinwegragten: ungeheure Büsche schlugen über mir zusammen, und als ich schon weit gewandelt war, hörte ich plötzlich ein ungeheures Tosen, und ein Brüllen, wie von großen Wasserfluten. Und so war es denn auch. Ein breiter Strom, dessen jenseitiges Ufer ich kaum absehn konnte, stand mir gegenüber. Ich lief bald hier-, bald dorthin, denn etwas Unbeschreibliches trieb mich an, als wenn ich durchaus jenseits des breiten Flusses gelangen müsse. Ich spähte aufmerksam nach einem Schiffe, Fahrzeuge, oder dem kleinsten Kahn; aber so weit ich auch lief, sosehr ich auch mein Auge anstrengte, war nirgend dergleichen zu erspähn. Noch viel weniger eine Brücke, die mir das Liebste gewesen wäre. So in Verzweiflung geschah plötzlich etwas, wie man es nur in alten Wunderschriften vernimmt. An demselben Orte, wo ich mich vergeblich umgeschaut hatte war plötzlich eine große, lange und breite Brücke – aber welche! von purem, spiegelblanken, geschliffenen Stahl, ohne Geländer und Brustwehr im Sonnenstrahl blendend und glänzend. Was war zu tun? Behutsam, vorsichtig betrat ich die glatte Bahn, langsam vorschreitend, um nicht auszugleiten und in den mächtigen Strom zu stürzen. Ich kam glücklich hinüber. Nun war ich wieder in einem dichten, dunkeln Walde, und nachdem ich noch viel gewandert war, geriet ich in eine hohe, geräumige Felsenhöhle – und – was erblickt ich da? Tonnen, hohe, dick mit Goldstücken angefüllt; ich musste lange, lange hinanklimmen, um den Rand der mächtig hohen Fässer zu erreichen; schwere Goldbarren lagen auf dem Boden, vermischt mit dem köstlichsten Gestein von aller Art und allen Farben. Ich besahe mir alles genau, und verharrte lange in diesem verzauberten Schatzgewölbe. Ich nahm mir vor, mir die Merkmale genau einzuprägen, um die Stelle wiederzufinden, und so verließ ich endlich den dämmernden Felsenkeller. Ich ängstigte mich, ob die stählerne Brücke auch noch da liegen würde. Richtig, sie war nicht verschwunden. So nun wieder den langen Gang hierher – und ich erwache, traurig, dass alles nur ein Traum gewesen ist. Sieh so war dies Gesicht nur eine Fortsetzung unseres Gespräches, die Begier nach Schätzen, die in meiner Armut wohl natürlich und verzeihlich ist. – Aber du sprichst nichts Gottfried? – Du schüttelst den Kopf? Du glaubst mir nicht.‹
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– Dieser gute Mann war in seinem poetischen Erstaunen nur darüber verlegen, wie er es seinem Herrn eröffnen solle, dass er ihn selber als Maus aus seinem Körper habe auswandern sehn. Er fasste sich endlich ein Herz und erzählte ganz einfach, was er erlebt hatte. Sie gingen die wenigen Schritte, sprengten mit den Schwertern die Öffnung der Höhle, um sie zu erweitern, und fanden dann wirklich einen unermesslichen Schatz von Gold und Edelsteinen. Der Herzog blieb als Wächter zurück, der Knappe eilte nach der Stadt, holte Rosse, Geschirre, Wagen und getreue Diener und der Tag verging, ehe man alle Kleinodien aus der Höhle aufgeladen hatte. So wurde dieser burgundische Herr der reichste Fürst seiner Zeit und demütigte alle seine Feinde unter seinem Szepter. Und ich wenigstens habe aus dieser wahren Geschichte soviel gelernt, dass unsere Seele in ihrem natürlichen Zustande eine graue Maus sei.«
Vorlage S. 575
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»Gesegnet der Mann«, sagte Caporale nachdenkend, »der dich einmal heimführen wird. Ich verlasse euch jetzt, ihr geliebten Weiber, und bitte nur um die Erlaubnis, auch morgen einen Gast herzubringen, der euch, Signora, und auch diese junge Dichterin will kennenlernen. Ihr seid ja Fremden immer gütig und werdet mir meine Bitte nicht versagen.«
Vorlage S. 576
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»Wollt Ihr nicht«, fragte die Mutter, »Euer Stübchen oben in Besitz nehmen?«
Vorlage S. 576
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»Nein«, erwiderte jener, »ich darf es diesmal meinem Dornherrn nicht abschlagen, der mich schon mit dem Abendessen erwarten wird.«
Vorlage S. 576
151
Indem hörten sie ein lautes, gewaltsames Klopfen an die äußere Tür. Es war schon finster geworden, und der Diener eilte mit dem Licht hinaus. Verstört und die Kleider in Unordnung stürzte Marcello herein. »Um Gott!« rief die Mutter, »was gibt's? was ist dir?«
Vorlage S. 576
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»Versteckt mich nur auf einige Tage«, rief der verwilderte Jüngling, »dass mich keiner bei euch findet. Ha! Don Cesare? Nun, der lustige Poet wird mich ja wohl nicht verraten.«
Vorlage S. 576
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Die Mutter ging im Saale auf und ab und rang, Tränen vergießend, die Hände. Sie hatte ganz ihre Fassung verloren. »Mein Sohn ein Bandit!« schrie sie, »vogelfrei! Wohl ein Preis auf seinen Kopf gesetzt! O Himmel, wodurch habe ich mich so schwer verschuldet, dass ich dies erleben muss. War es doch immer mein stolzer Traum, dass ich, wie die Mutter der Gracchen, in meinen Kindern, um die mich die Welt beneiden müsse, meine höchsten Kleinodien sehn könne.«
Vorlage S. 576
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»Fackelt nicht lange!« schrie Marcello ungezogen; »diese lieben Söhne der prahlerischen Cornelia wurden auch nachher als Rebellen und Meuterer von andern sehr würdigen und tugendhaften Männern totgeschlagen.«
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»Kommt morgen«, sagte der Fremde, »in meinem Wagen mit mir nach Rom. Ihr könnt meinen Diener vorstellen, und in der großen Stadt mögt Ihr Euch viel leichter auf einige Zeit verbergen, bis Ihr nachher mit Sicherheit die Flucht ergreifen könnt. Ich werde Euch morgen mit Tagesanbruch abholen.«
Vorlage S. 577
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Die gedemütigte Mutter half den Jüngling in einem abgelegenen Gemach, in dem sich ein tiefer Brunnen befand, verbergen. Als am Morgen Don Cesare den Flüchtling abholen wollte, war er verschwunden, und auch Camillo hatte seinen Oheim ohne Abschied verlassen. Man musste vermuten, dass sich beide mitsammen entfernt hätten. –
Vorlage S. 577
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Viertes Kapitel
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Die Mutter war durch den neuesten Vorfall so erschüttert, dass sie am folgenden Tage lange auf ihrem Lager blieb, und sich erst erhob, nachdem ihr Sohn Flaminio und Vittoria die fremden Gäste schon angenommen hatten. Als sie in den Saal trat, fand sie die Gesellschaft im lebhaften Gespräch. Sie suchte sich zu zerstreuen und spannte sich zu einer erzwungenen Heiterkeit.
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Der fremde Mann, welcher mit dem wohlbekannten Dichter gekommen war, schien ohngefähr dreißig Jahr alt zu sein. Er war schlank, groß und wohlgebaut, seine Gebärde edel, das Auge schön und feurig. Vittoria vermutete, dass auch dieser ein Dichter sein könne, da er mit dem alten Hausfreunde erschien, und die Gelehrten aus allen Provinzen Italiens gern die Familie der Accoromboni aufsuchten. Der Fremde war sehr freundlich und von den edelsten Sitten, mehr ernst als heiter, und auf seinen Wunsch beschloss man die Villa d'Este zu besuchen, von deren Pracht und Schönheit in ganz Italien die Rede war.
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Als sie die Villa erreicht hatten, ward ihnen der Eingang gestattet, weil die Besitzerin nicht zugegen war. Der Fremde schien sehr aufgeregt und ward von den Kostbarkeiten, Gemälden und dem Schmuck der Zimmer entzückt: und begeistert. »Wie glücklich«, sagte er, »könnten die Fürsten sein, denen alles dies zu Gebot steht, und die sich ein solches Dasein bereiten mögen. So umgeben, nichts Niedriges, Ärmliches in ihrer Nähe, wohin sie blicken nur von Kunst angeschaut, von Schönheit umleuchtet, Erinnerung an Geschichte und große Vergangenheit, die edelsten Geister, die Raffael, Michelangelo und Julius der Römer für sie in Tätigkeit – und doch –«
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»Ja wohl«, sagte die ernste Matrone, »wohnt nur sehr selten in diesen herrlichen Palästen das wahre Glück. Das Schicksal und die Umstände, die Verhältnisse des Menschen sind immer mächtiger, als der Mensch selber. Der Einsame, Unabhängige stürzt sich aus seiner Freiheit in Dienst und Abhängigkeit, um das zu suchen, was er Glück nennt: und jener, der im Glück zu schwelgen scheint, von vornehmen Freunden umgeben, im Glanz des Reichtums, wünscht sich nur allzuoft in die verlassene Einsamkeit des dürftigen Waldbruders. Freiheit ist ein edles Wort und hat einen herrlichen Klang, es ist aber nur ein Wort, ein verhallendes, ohne Wesen und Inhalt. Die wahre Freiheit ist nur im Tode.«
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Der Fremde sah die hohe Frau verwundert an, und Caporale sagte: »Ihr seid heut, verehrte Freundin, aufgeregt; gönnt der Natur und dem schönen klaren Licht, das so herrlich dort die Gebirge beglänzt, Euch aufzuheitern.«
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»Zu zerstreuen«, sagte sie: »muss doch das Edelste der Natur und Schöpfung nur gar zu oft, sich herabwürdigend, dazu dienen, uns von uns selbst zu entfernen.«
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»Um uns doch nur«, bemerkte der Fremde, »dort in diesen Gegenständen edler und vollkommener wiederzufinden. Das Wahre, Gute in uns kann uns niemals verlorengehn.«
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»Weil es vielleicht nicht da ist«, sagte Signora Julia, tief seufzend. »Verzeiht, mein edler Herr, dessen Namen ich noch nicht einmal weiß: Eure Liebenswürdigkeit hat mich verleitet, Euch nach dem ersten Anblick als einen alten Freund des Hauses zu behandeln, vor dem ich nicht nötig habe, meinen Kummer zu verbergen. Doch ist es wohl besser und schicklicher, hier in diesen poetischen Umgebungen eine andre Sprache zu führen.«
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Porträt von Tieck, Ludwig; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Tieck, Ludwig · Gbi.bytos · CC BY-SA 4.0 Bildquelle ↗
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Jetzt verließen sie das Haus und betraten den schönen, künstlichen Garten. Vittoria ging schweigend an der Seite der Mutter, auch der heitre Don Cesare war ernst geworden, und der Fremde war ganz der Betrachtung und Bewunderung der vielfachen Anlagen, dem Wechsel der Gebüsche, der Majestät der Bäume, der Pinien und Zypressen, dem schimmernden Glanz der vielfachen Blumenbeete hingegeben. Am meisten entzückten ihn aber die mannigfaltigen Wasserkünste, die in sinnreichen und versteckten Erfindungen bald in kleinen Erzfiguren den Gesang der Vögel nachahmten, bald aus menschlichen Gestalten die Töne der Laute und vielfachen Gesang bildeten; so wechselten Sirenen und Wassertiere in seltsamen Gruppen, so spielten die Nereiden und Pan und Schäfer die Wasserorgeln, die Syrinx und Flöten und Pfeifen, dort klang die ländliche Schalmei und ferner ab rieselte das Element, welches erst zur künstlichen Musik abgerichtet war, als klarer Bach in seinen Naturtönen dahin.
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Als der Fremde in den Ausdrücken seines Lobes immer enthusiastischer wurde, konnte Vittoria nicht länger schweigen, sondern ließ sich, beinah zürnend, in diesen Worten aus: »Ich weiß es wohl, dass alle Welt diesen Garten und diese tönenden Kunststücke bewundert. Ärgert Euch nicht an mir, teurer Mann, wenn ich Euch gestehe, dass ich immer nur ohne Freude diesen Plan betreten habe, da es mir schien, als wenn Kunst und Natur hier gleich sehr verletzt würden. Die wahre echte Kunst ist hier in eine Künstlichkeit, in eine Seltsamkeit hineingeschraubt, die wohl Erstaunen und Verwunderung, nicht aber wahre Freude erregen kann. Die Natur ist gewissermaßen vernichtet, denn sie muss hier in den sklavischen Dienst von gezierten Spielereien treten, die nicht einmal eine Täuschung hervorbringen können, und die ermüden, wenn man den ersten Genuss der Neugier und Verwunderung hinter sich hat. Wie anders wirkt ein gutes Gemälde, ein Werk des Bildhauers, Palestrinas Musik, eine freie Landschaft, dort der himmlische Wasserfall. Ist es nicht hier, als wenn man die Träume eines Fieberkranken wirklichmachen, und etwas erreichen wollte, was über unser menschliches Vermögen hinausreicht? Jedesmal aber, wenn der Mensch einen solchen Versuch eitlen Hochmuts unternimmt, sinkt er unter sich selber hinab.«
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»Ei! ei! mein schönes Fräulein«, rief der Fremde, sie verwundert ansehend, »wie erklingen in so zarter Silberstimme aus so reizendem Munde diese herben, verdammenden Worte? Hat Euch niemals eine Sestine, oder eine recht künstliche Kanzone begeistert? Wie haben unsre Natursprache, den Laut, der immer so gern wieder in das Bäurische zurückfällt, unsere Petrarka, Bembo, Molza, Bernard Tasso, und so manche andre erzogen! Und diese mechanischen Erfindungen, die an sich selbst nur Staunen und ein leichtes Ergötzen erregen könnten, sollten vom Genius nicht in seinen Dienst genommen werden, um auch diese Dinge, die auf Linien, mathematischen Grundsätzen und arithmetischen Zahlenverhältnissen ruhen, in die höchste poetische Freiheit der Phantasie einzuführen? Wenn Euch dort die Natur und der erhabene Wasserfall mit Recht begeistert und für Momente Eure ganze Seele ausfüllt, so ist hier dieselbe Natur in ihrer lieblichen Erscheinung nur in eine Regel gebunden, um sie wieder auf andre Weise in die höchste poetische Freiheit hineinzuführen. Diese geraden Baumgänge, diese abgeteilten und abgezirkelten Blumenbeete sind ja nur wie die Stanzen oder Terzinen eines lieblichen Gedichts, wo das Wort der gewöhnlichen Rede auch mit wahrer kindlicher Freude, mit Übermut, in die Regel hineinspringt, um sich selber süß und edler zu vernehmen. Und diese Wasser, Bildsäulen, Vögel, Scherz und Ernst, Schauer und sanfte Wollust, in diesen krausen Gebüschen, zwischen Myrten und Lorbeer und den finstern Zypressen, die ausgebreitete Pinie dort, das Rieseln, Flüstern in den Wipfeln, mit Duft und Echo gemischt, diese fast menschlichen Töne, der Vogelgesang, dort das Gebirge, über uns des Himmels lichte Bläue, das süße Spiel der Lichter, der dunkelnde Schatten – braucht der Mensch in diesem Traum der Wollust noch jenen Jupiter um seine Göttersäle zu beneiden?«
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»Schön!« sagte die Mutter, »sieh, mein Kind, da hast du einmal einen Gegner gefunden, der dir deinen Eigensinn brechen könnte, wenn es ihm wichtig genug wäre, dich in die Lehre zu nehmen.«
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»Kann sein«, sagte Vittoria, »dass dasjenige, was ich Natur, Schönheit und Freiheit nennen möchte, doch wieder ein zu enger Begriff ist, der wohl wieder zur Gebundenheit und Unfreiheit führen könnte. Und doch mag ich mein Wesen nicht willkürlich erziehn; ich muss erst das selbst in mir erleben, was eben jetzt der werte Fremde ausgesprochen hat: es ist mir unmöglich, nachzusprechen, was ich nicht selbst einsehe, oder künstliche Wege zu suchen, um mein nächstes Gefühl gegen meine Natur mir zu erziehn. Auch bei Büchern und Gedichten habe ich es nie vermocht und ich will lieber für mich selbst irregehn, als nachfühlend und sprechend mit einem andern recht haben.«
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Doch, meinte der Fremde, müsse man sich vielleicht in Schriften und Gedichten nach andern und jenen Regeln fügen, die sich schon seit alten Zeiten als Kritik geltend gemacht hätten.
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»So widersprecht Ihr Euch aber selber!« rief Vittoria aus. – Sie hätten wohl länger gestritten, wenn nicht eine merkwürdige Erscheinung, die sich jetzt in der Nähe zeigte, ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte. Ein alte Frau trat in Begleitung eines jungen, sehr reich gekleideten Mannes, aus dem nahen Gebüsch. Sie war groß und stark, von männlichem Ausdruck und bräunlicher Farbe, an Kinn und Oberlippe zeigte sich selbst ein leichtes Bärtchen. Alle verbeugten sich ehrerbietig, standen still, und ließen die beiden Gestalten vorübergehen, die sich dem Schlosse zuwendeten. Als sie enfernt genug waren, fragte der Fremde: »Wer war diese Dame, die fast das Ansehn eines starken, ältlichen Mannes hatte?« -»Die jetzige Besitzerin dieser Villa«, nahm Caporale das Wort, »jene weltberühmte Margarete von Parma, die Tochter des großen Kaisers, des fünften Karl.«
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»Ist es möglich«, rief der Fremde aus, und schlug die Hände ineinander, »dass ich gerade hier eines solchen Anblicks gewürdigt werden soll? Dieses Denkmal alter Begebenheiten, dieses große Monument mächtiger Zeiten, dieser freie große Charakter unsrer Geschichte ist an mir vorübergegangen, wie ein Bild des Phidias oder Lysippus. Aus dem Traum der Poesie und Kunst halb erwacht, stehe ich plötzlich in der Wundersage der Historie, und es fehlt mir an einem Maßstabe, mich gleich wieder zurechtzufinden. Sie, die Arme, die aus Politik, fast noch ein Kind, einem grausamen, wilden Medicäer, dem Herzog von Florenz, Alexander vermählt ward, die dann seine Ermordung erleben musste, (volle vierzig Jahr sind es jetzt,) die nachher wieder verheiratet wurde, dann vom Bruder als Regentin nach den Niederlanden geschickt ward, wo sie sich als wahre Königin klug, stark und groß zeigte, in der schwierigsten Lage, ein echtes, edles Gegenbild jener großen Elisabeth von England, bis sie falscher Politik, der Kabale und dem blutdürstigen Herzog Alba weichen musste. Was hat sie alles gesehn, erlebt und erfahren. Wie müssen ihr die Welt und deren Fürsten, die Widersprüche, die Schwächen der Menschen, Unglück und Glück erscheinen.«
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»Ja wohl«, antwortete Donna Julia, »nun bewohnt sie seit einiger Zeit diese Villa, wird aber, wie sie mir neulich sagte, vielleicht noch in diesem Jahr zu ihren Schlössern in den Abruzzen und dem Neapolitanischen reisen. Sie schien heut sehr im Gespräch vertieft, da sie uns außerdem wohl angeredet hätte, denn sie zeigte sich immer meiner Familie, vorzüglich meiner Tochter, sehr gnädig und huldreich.«
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»Sie ist eine einzige Frau«, rief jetzt Caporale. »wenigstens habe ich noch nie eine ähnliche gekannt, oder von ihr gehört. Glaubt ihr wohl, dass sie noch jetzt auf der Jagd, so alt sie ist, die rüstigsten Weidmänner müde macht? Sie tummelt sich auf jedem Rosse und scheut sich auch vor dem wildesten nicht, sie reitet und jagt allen Stallmeistern voraus, kurz sie ist eine echte Virago, in der edelsten Bedeutung dieses Wortes.«
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Jetzt eilte der junge Mann, der mit der Fürstin vorher gesprochen hatte, auf die Gesellschaft zu, und bat den alten Dichter Caporale, ihn der Familie vorzustellen, der er schon seinen Besuch zugedacht hatte. Caporale sagte: »Nehmt meinen jungen, trefflichen Freund wohlwollend auf, verehrte Damen, den Grafen Pepoli aus Bologna.«
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»Wir haben von Euch und Eurer edlen Wohltätigkeit gehört«, sagte die Mutter: »kein Bolognese kommt zu uns, der nicht Euren Ruhm singt.«
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Der Graf verbeugte sich zierlich und erwiderte mit einer andern diese Artigkeit. Sie gingen hierauf nach Hause und alle setzten sich zu einem einfachen Mittagsmahle nieder. Es gibt Charaktere, die, wenn sie auch nicht einen starken oder ausgezeichneten Geist besitzen, doch durch unverkennbares Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit, sowie durch feines Betragen alle Herzen gewinnen. Zu diesen gehörte der Graf. Auch war man bald mit ihm vertraut, als wenn er schon lange zur Familie gehört hätte. Er bildete einen angenehmen Kontrast gegen den zweiten Fremden, der viel edler, aber nicht so vornehm erschien: das freie, leichte Betragen des Grafen war so, dass man fühlte, er habe sich von Jugend auf in den glänzendsten Kreisen bewegt, dass er zum Edelmanne erzogen sei und den großer angeerbter Reichtum von den frühesten Jahren, nicht nur über jede Not, sondern selbst Unbequemlichkeit des Lebens hinweggehoben hatte. Der andere Gast, dessen lebhaftes Auge so geistreich glänzte, dessen Lippe so fein zu lächeln verstand, glich doch mehr einem Gelehrten, ob man gleich keinen Professor einer Universität und noch weniger einen Geistlichen in ihm erkennen mochte.
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Nach Tisch begaben sich alle in einen kleinen Gartensaal, wo man sich an der Frische und der Aussicht in die schöne Landschaft erfreute. »Hier, in diesem lieblichen Aufenthalt«, rief Caporale, »sollten wir, wie es jetzt allenthalben geschieht, eine kleine poetische Akademie formieren, und über ein gegebenes Thema improvisieren; oder sollte die Deklamation zu unbequem fallen, so entwerfe man schnell aus dem Stegreif auf diesen Blättern hier ein kleines Gedicht, oder auch ein größeres, wie es nun gerade die Muse begehrt.«
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Die Mutter entschuldigte sich und ging um notwendige Geschäfte zu besorgen, und Flaminio begleitete sie, um ihr hülfreich zu sein. Die übrigen setzten sich um den runden Tisch, und Caporale sagte: das Thema sei die Gewalt der Liebe.
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Alle dichteten, und nach einer stillen Pause, als alle ihre Blätter beschrieben hatten, sagte Cesare: »Ich bin kein Dichter, sondern nur ein Spaßmacher und so spricht es auch dies Sonett aus.« Er las es, es enthielt eine Entschuldigung, er habe immer nur der Parodie gehuldigt, und seine Eitelkeit bestehe darin, dass man seine Gedichte nicht unzüchtig nennen könne, wenn er auch in Spaß und Witz einen Berni, oder andre berühmte Poeten niemals erreichen könne.
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Der Graf Pepoli sagte: »Wer ist jetzt in Italien wohl nicht ein Dichter? Es gehört zur Erziehung eines jeden Gebildeten, Verse machen zu können, und wir haben den großen Vorteil dass unsre schöne, fein ausgebildete Sprache schon selber für uns dichtet. Ohne nachahmen zu wollen, wiederholt der Dilettant, selbst ohne es zu wissen, das schon oft Gesagte.« – Seine fein gewendeten Stanzen erzählten in zartem Bilde von dem unerwarteten Glück, in so ausgewählter Gesellschaft auf wenige Minuten den Dichter spielen zu dürfen.
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Der Fremde las ein Sonett, dass die nahe, begeisternde Schönheit der edelsten Jungfrau, die Mutter derselben, die große Fürstin, deren Anblick er gewürdigt worden, ein Garten zur himmlischen Wollust und Traumseligkeit erschaffen, alles dies ihn zwinge, die höchsten Töne der Poesie anzuschlagen; aber die Muse schüttle das Haupt und lege den schönen Finger auf die Lippen, ihm zuflüsternd: »Eben weil du zu glücklich bist und zu selig im Genuss, kannst du in diesem Augenblick nicht dichten, lebe und sei zufrieden: Schmerzen und Poesie werden schon zu dir zurückkommen.«
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Vittoria sah den Fremden verwundert an und dann sinnend vor sich nieder, denn dieses Sonett schien ihr vortrefflich und von einem echten Dichter herzurühren. Dann sagte sie mit großer Lebhaftigkeit: »Die Herrn alle, selbst unser Vorstand, haben in ihren Versen das aufgegebene Thema nicht einmal erwähnt viel weniger durchgeführt; alle verbeugen sich mit der höflichen Entschuldigung, nicht dichten zu können, und ich Ärmste habe mich, wie wir unterdrückte Weiber immer müssen, geschmiegt und im Gehorchen ein schlechtes und langes Gedicht geschrieben.« – Sie las eine Kanzone, deren Inhalt ohngefähr dieser war: –
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»Gewalt der Liebe.«
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»Alles, so sagen die Dichter und viele andre Sterbliche, wird von der Liebe regiert. Ich, zu jung, um sie zu kennen, zu schüchtern, um sie herauszufordern, wie soll ich sie besingen? Wohl sind mir viele der Hymnen bekannt, die ihre Gottheit verherrlichen sollen; aber auch andere dithyrambische Gesänge, in welchen Venus und Amor nicht minder kräftig geschmäht und gelästert werden. Da erscheinen alte Fabeln und große historische Sagen vor meinem Blick. Das mächtige Kind der Tauben, die hohe Semiramis, fand sich plötzlich als Königin von Babylon. Eine große und schöne Stadt, doch zu klein und unbedeutend für ihre schaffende Phantasie. Ihre ganze Seele ward trunken, als sie den großen Schatz des Goldes, die unermesslichen Reichtümer in ihren Kammern entdeckte. Künstler, Staatsmänner, Diener und Bürger, Maurer, Steinmetzen und Handlanger kamen nun ihren königlichen Träumen willig entgegen.
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So erhob sich aus diesen Kammern und ihrem Geiste dies Babylon, das Wunder der Welt. – Wie aber, wenn ein andrer Geist, vielleicht ebenso stark und kühn, diese Paläste, Türme, hängenden Gärten und ewige Mauern aufführen wollte, und fände nur ein kleines, kleines Kapital in seinem Vermögen? Ein lächerliches Unding würde entstehen, ein armseliger, verächtlicher Versuch, vor jedermann zum Spott, oder zum Mitleid den Bauenden hinstellend. – So vergleiche ich dem großen, mächtigen Willen dieser schaffenden Phantasie die Liebe, und der Gegenstand, auf den diese Liebe sich wirft, sind (ein seltner Fall) die unerschöpflichen Goldkammern der Semiramis – oder – das armselige Vermögen, aus welchem sich mit Sicherheit und als vollendet nur eine Hütte zusammenflicken lässt. Lass ruhen das Bauen, und entsage der Liebe, wenn der Geist, den du lieben und anbeten, ihm gehören möchtest, nicht in seinen Tiefen die göttlichen Kräfte aufbewahrt, durch die allein die Liebe ihre Würdigung finden kann. Darum bleibe mir fern, holdselige Venus, mit deinen Gaben; denn nur im Fabelreiche wohnt der Held, dessen Seele mir als Goldstrom jener Taubentochter entgegenleuchten könnte, um die himmelhohen Türme, Paläste und schwebenden Gärten meiner Phantasie aufzubauen.« –
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Der Fremde neigte sich bewundernd, und küsste die schöne Hand der Dichterin, der Graf sagte in feinen Worten eine zierliche Schmeichelei, und Caporale rief ein herzhaftes: »Brava! – Nun«, fuhr er fort, »teilt uns nach Versprechen noch ein Fragment, einige Verse aus Eurem größeren Gedichte mit, an dem Ihr arbeitet, mein verehrter Freund.«
Vorlage S. 584
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Der Fremde nahm einige zierlich geschriebene Blätter aus seinem Mantel, indem er sagte: »Ich will Euch eine Episode des Werkes vorlesen, und mir über diese Euer freimütiges Urteil erbitten, da viele Verständige sie schon bekrittelt, oder selbst völlig verworfen haben.«
Vorlage S. 584
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Er fing an zu lesen, von Erminien und ihrer Liebe, als Vittoria ahnungsvoll rief: »Und der Name Eures Werkes?«
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»Das befreite Jerusalem,« sagte der Fremde, wie beschämt und etwas errötend.
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»Oh, um Gottes willen!« sagte Vittoria, laut schreiend -»so seid Ihr ja jener Torquato Tasso, von dessen Gedicht schon ganz Italien spricht – der schon vor vielen Jahren uns den herrlichen Rinaldo gab – von dem der himmlische Aminta herrührt, von welchem uns der tückische Caporale einzelne Stellen, wie die über das goldene Zeitalter, mitgeteilt hat. – Ha! Bösewicht!« so wendete sie sich an diesen – »also so boshaft könnt Ihr sein, den großen Dichter so zu verschweigen?«
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»Es geschah in guter Absicht«, sagte der Alte lächelnd. »Wusstet Ihr, wer Euer Gast war, so hieltet Ihr gewiss mit Eurem Wesen an Euch; denn das liegt einmal in unsrer Natur, dass wir es einem Fürsten oder großen Manne durchaus recht machen und keine Blöße geben wollen, keinen Widerspruch versuchen. Wusstet Ihr, wer dieser Unbekannte war, hättet Ihr Euch gewiss nicht mit ihm gezankt. So aber seid Ihr nun wie alte Bekannte und ich bin mit mir zufrieden, dass ich es durchgesetzt habe: denn er wollte erst gar nicht einwilligen, weil er meinte, es setze Eitelkeit und Stolz voraus, so inkognito in eine liebe Familie einzutreten.«
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»Niederknieen müsste man«, rief das lebhafte Mädchen wieder: »so ist es ziemlich, wenn eine Gottheit den Sterblichen würdigt, seine niedere Hütte zu besuchen.«
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Sie erhob sich und eilte in heftiger Bewegung zur Tür. »Wie könnt ich es verantworten«, sagte sie eilig, »wenn ich nicht meine Mutter und den Bruder davon benachrichtigte, welchen Gast wir heute bewirtet haben.«
Vorlage S. 585
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Als die Männer allein waren, sprach Graf Pepoli mit großem Verstande zu Tasso, über das Glück, ihn persönlich kennengelernt zu haben. Tasso war aufgeregt und konnte mit den Lobsprüchen, die der gebildete Mann ihm mit der größten Überzeugung und Aufrichtigkeit spendete, wohl zufrieden sein. Die Mutter und Flaminio erschienen, und der Gast sah sich, von so vielfältiger Verehrung und Freundschaft angeregt, um so mehr veranlaßt, jene berühmte und schöne Stelle seines Gedichtes, die damals von so vielen anmaßlichen Kennern und Kritikern verworfen wurde, mit Freude und Genugtuung vorzutragen.
Vorlage S. 585
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»Wie trocken und nüchtern«, sagte die begeisterte Vittoria am Schlusse, »muss die Seele dessen sein, der die Schönheit dieser Dichtung nicht empfindet. – O teurer, einziger Mann! ich hoffe, wenn Ihr nur irgend in Rom verweilt, dass wir uns noch wiedersehn; aber für jetzt schlagt mir meine Bitte nicht ab, dass ich die Hand, die so schöne, so himmlische Worte niederschrieb, in innigster Verehrung an meine Lippen drücken darf.«
Vorlage S. 585
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Tasso erhob sich und sagte: »Beschämt mich nicht so sehr, schöne Jungfrau. Aber der Dichter dürfte vielleicht vor allen andern sterblichen Menschen ein andres Anrecht in Anspruch nehmen, welches ihm die Musen verliehen haben. Lasst mich, in Gegenwart Eurer verehrten Mutter, zum ewigen Angedenken dieser schönen Stunde, einen Kuß von diesen schönen Lippen pflücken.«
Vorlage S. 586
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Die beiden dichtenden schönen Wesen umarmten und küssten sich innig, und es blieb, in diesem poetischen Taumel, nicht bei dem einen erbetenen Kusse, da Tasso fühlte, dass sie seine begeisterte Berührung mit den süßen, vollen Lippen erwiderte.
Vorlage S. 586
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Als man Abschied nahm, sagte der Graf: »Ich würde um die Erlaubnis nachsuchen, morgen meinen Besuch wiederholen zu dürfen, wenn mich nicht teure Verpflichtungen nach Rom hinzwängen. Ein Verwandter von mir, ein ferner Vetter, aber ein reicher Mann, ist von den Banditen aus Subiaco, dort im Gebirge, fortgeraubt worden, und die Räuber verlangen für ihn ein unermessliches Lösegeld. Das schlimmste aber ist, dass keiner weiß, wohin sie den Armen geschleppt haben. Nun sind viele eingefangen und nach Rom gebracht worden, und von diesen ist mir einer bezeichnet, der vielleicht die Kunde, die genaueste, von jenem Vorfall haben mag.«
Vorlage S. 586
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Die Fremden beurlaubten sich und Flaminio geleitete sie, um dem großen Tasso, den er innigst verehrte, noch einige Zeit näher zu bleiben.
Vorlage S. 586
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»Wir reisen morgen auch nach Rom«, sagte die Mutter plötzlich zur Tochter.
Vorlage S. 586
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»Himmel!« rief Vittoria, »wie erschreckst du mich, Mutter! Ich hoffte, wir würden die Villagiettura noch recht fröhlich hier fortsetzen, da jetzt erst so manche unsrer Freunde herausziehn werden; denn der Herbst hat ja erst angefangen.«
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»Es muss sein«, sagte die Matrone.
Vorlage S. 586
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»O Mutter!« klagte die Tochter, »ich kann es dir nicht aussprechen, wie schrecklich und gespenstisch mir diesmal die Stadt vorkommt. Dies große, ewige Rom, um das uns so viele Fremde beneiden, und den Aufenthalt dort als einen glückseligen preisen – o wie greulich, furchterfüllt, entsetzlich erscheinen mir diesmal seine Straßen und Plätze! Ich habe eine Vorempfindung, als wenn mir dort das allergrößte Unglück meines Lebens begegnen, als wenn ich dort untergehen müsse. O lass uns noch verweilen. Warum diese Hast?«
Vorlage S. 586
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»Warum?« rief die geängstete Mutter; »weil ich Kinder habe, die mein Stolz und meine Freude sein sollten, und die mir zur Höllenqual werden. So wisse denn, Unglückselige, dass sie unsern Marcello zum zweitenmal eingefangen haben: in dem Briefe, den ich heute erhielt, spricht man von Hinrichtung, wenigstens von der Galeere. Er hat sich wieder bei den Banditen betreffen lassen. Ich muss nach Rom; unser Schützer, der Kardinal Farnese, muss sich unserer annehmen, sonst sind wir verloren.«
Vorlage S. 587
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»Um Gottes willen«, sagte Vittoria in Tränen, »– dieser unglückliche Bruder – diese seine Unruhe und Wildheit, die er für Kraft und Tugend hält! Aber Liebste, o du meine einzige Freundin! schütze mich nur dort vor allen den rohen, unbändigen Gesellen, die mich zu lieben vorgeben, die meine Freier vorstellen wollen. O dieser abscheuliche Luigi Orsini, dieser entsetzliche Mensch, so im Wesen, wie ich mir den Herzog Alexander Medici von Florenz, oder gar den verruchten Cesar Borgia denke – nur vor diesem und andern seines Gelichters beschütze mich – sonst wäre mir ja wahrlich besser gewesen, dort im Wassersturz unterzusinken.«
Vorlage S. 587
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»Darüber beruhige dich, meine Tochter«, tröstete die Mutter, »– dieser Orsini, dieser Ludwig, soll nicht über unsre Schwelle schreiten.«
Vorlage S. 587
209
»Gib mir noch ein Versprechen!« rief Vittoria. –
Vorlage S. 587
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»Nun?« –
Vorlage S. 587
211
»Dass du deine Einwilligung gibst, dass ich mich gar nicht zu vermählen brauche! Ich hasse, ich verachte die Männer! Ich könnte eher einen vergiften, als mich ihm unterwerfen. Dies scheint mir das ärgste, schändlichste aller Verbrechen. Nein, Mutter, zwinge mein Gemüt nicht, dass es sich empört und sich lieber in alle Greuel taucht, die Namen haben, als dass es sich der Gemeinheit ergibt, die so viele jämmerliche Menschen Tugend und Notwendigkeit nennen.« –
Vorlage S. 587
212
»Tochter! Tochter!« sagte Julia geängstigt, »vielleicht empfinde ich in Zukunft um dich noch mehr Angst, als mir jetzt der unglückliche Marcello macht. O Gott! Was ist das Leben? Rüste dich zur Reise.«
Vorlage S. 587
213
Als sich Vittoria allein sah, blickte sie zum Abendhimmel empor. – Der Mondschein zeigte ihr die Berge, sie hörte in der Stille der Nacht den Wasserfall brausen. »Lebt wohl«, rief sie, »alle ihr geliebten, teuren Wiesen und Bäume! – hab ich nicht heut gesehn, dass dieser göttliche Tasso auch nur ein Mann, ein schwacher Mann war? – Nicht stärker als Camillo. – Wo find ich ein Wesen, das ich ehren und lieben könnte? – Gut denn: der Tiberstrom wird immer noch ebenso tief sein, wie der Teverone; – wenn man frei sein will, wahrhaft will, so gibt es kein Schicksal, das uns Ketten anlegen könnte!«
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Erstes Kapitel
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Als die Familie in Rom angekommen war, richtete sie sich in ihrer einfachen Wohnung wieder auf die frühere Weise ein. Es fehlte nicht an Besuchen, als die Römer erfahren hatten, dass alle aus Tivoli zurückgekehrt seien. Die Mutter suchte sogleich ihre mächtigen Beschützer in Anspruch zu nehmen, um ihren unglücklichen Sohn von der Schande oder einem noch härteren Lose zu befreien. Sie fand aber jetzt mehr Schwierigkeiten, als sie sich dort in ihrer ländlichen Einsamkeit hatte vorbilden können, denn fast alle Parteien waren einstimmig der Meinung, die Gerichte wären bis jetzt zu nachgiebig gewesen, und es sei zum Wohl des Ganzen notwendig, dem Volke wie den Räubern ein auffallendes und abschreckendes Beispiel zu geben. Am schwierigsten zeigte sich, was die Mutter am wenigsten vermutet hatte, der mächtige Kardinal Farnese, der vieljährige Freund und Beschützer der Familie. Die Fürstin Margareta von Parma hatte sich auf dringendes Ansuchen des Grafen Pepoli persönlich an den Kardinal gewendet, ihr und der guten Sache in diesem schändlichen Handel beizustehn, und wenigstens den Anstalten, welche die Regierung für notwendig halten würde, nichts in den Weg zu legen. Farnese war so aufrichtig und mitteilend, dass er der Matrone selbst den Brief der Fürstin zu lesen übergab. »Die letzte Äußerung, werte Freundin«, sagte er dann lächelnd, »werdet Ihr ebensogut begreifen, als ich selber. Wie vielen Verdruss haben mir meine Feinde, vorzüglich die Partei der Medicäer erregt, weil sie mich mehr als einmal beschuldiget haben, dass ich mit verschiedenen Anführern der Banden in Verbindung stände, um meinen Gegnern Schaden zuzufügen. Meinen großen Prozess, wegen der abgeschickten Banditen, die mich draußen in meiner Villa von Caprarola auf Anstiften dieser Partei und des Großherzogs hatten ermorden wollen, kennt Ihr ja, Ihr werdet Euch auch des traurigen Ausganges dieses Handels erinnern, der mir, meinem Ruf und Ansehn so nachteilig wurde: weil geschickte und verschmitzte Advokaten die Sache so zu drehen wussten, dass viele einzusehn glaubten, von mir selbst rühre dies Komplott her, ich habe die Bösewichter angestiftet, um dem Großherzog und dem Hause der Medici einen empfindlichen Schlag beizubringen. Nun hat jetzt der Kardinal Ferdinand, der Bruder des Fürsten, mehr Einfluß gewonnen als je, er hat sich mit dem frommen Carl Borromeo verbunden, und diesen beiden, die den Ruf großer Tugend sich verschafft haben, folgen viele andre, die auch für rechtlich gelten möchten. Alle diese haben sich gleichsam das Wort gegeben, mir gemeinsam, entgegenzuhandeln. Der alte gebrechliche Montalto hat sich ebenfalls ihnen beigesellt, der Schleichende, der, wenn er auch nicht nutzen kann, doch wohl zu schaden vermag. Der Heilige Vater selbst ist froh, wenn er von allen diesen Geschichten nichts vernimmt, um seinen Studien, der Angelegenheit der Religion und seinem geliebten Sohn, dem General und Gubernator von Rom zu leben. Beim Papst vermag ich, in dieser Zeit wenigstens, vollends nichts auszurichten, weil er mit der größten Eifersucht in mir seinen etwanigen Nachfolger zu sehen wähnt, und fürchtet, dass ich nach seinem Tode seiner Familie allen möglichen Schaden zufügen möchte. Seht, so sehr hat es mir geschadet, dass man mich seit Jahren den Mächtigen, den Einflußreichsten, ja den Despoten genannt hat, der das Kollegium der Kardinäle eigensinnig beherrscht. Geschadet hat es mir, dass ich beim letzten Konklave so viele Stimmen für mich hatte. Also beruhigt Euch, ich will überlegen, wie man der bösen Sache auf irgendeinem Wege beikommen kann. – Aber warum setzt uns auch Euer Sohn in diese Verlegenheit? Es ist zu verdrießlich, wegen eines Verbrechers, der nicht zu den großen Häusern gehört, Autorität und Macht auf das Spiel zu setzen. – Weint nicht, geehrte Frau; so viel werden wir vermögen, und dahin will ich viele meiner Kreaturen stimmen, den Prozess in die Länge zu ziehn, dass es nicht so bald zum Spruch und zur Entscheidung kommt, und Ihr wisst wohl, in manchen Fällen heißt es mit Recht: Zeit gewonnen, alles gewonnen. Indessen kann in einem oder zwei Monaten sich vieles ändern, und stehe ich einmal auf einem andern Platze, so können alle meine Freunde, zu denen Ihr gehört, meines Schutzes gewiss sein.«
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Donna Julia fühlte wohl, wieviel sie selber beim Kardinal durch die schlechte Aufführung ihres Sohnes verloren hatte. Sie sah ein, dass der mächtige Mann nicht eines ganz unbedeutenden jungen Menschen wegen etwas Auffallendes tun, oder sein Ansehn für seine Rettung wagen könne: Farnese konnte also nur noch handeln als persönlicher Freund des Hauses, und insofern konnte sie noch auf Wohlwollen, Unterstützung, aber nicht auf das Einwirken des Kardinals rechnen.
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Als dieser ihre tiefe Bekümmernis sah, fasste er ihre Hand und sagte freundlich: »Mir fällt etwas ein; geht doch einmal, zum Überflusse, zum Montalto; der Alte setzt etwas darein, für hülfreich zu gelten, er bekehrt gern die Sünder und tröstet die Leidenden; er kann vielleicht den Medicäer, und dieser den Borromeo und den Gouverneur zu Eurem Besten stimmen, so dass die Richter nachher durch die Finger sehn, oder im äußersten Fall den Delinquenten entspringen lassen.«
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Mit so geringen Hoffnungen musste die Donna den Palast verlassen, und sie überlegte unterwegs, wer von ihren Bekannten wohl am fähigsten sei, sie auf eine würdige Art beim Kardinal Montalto einzuführen, dessen Bekanntschaft sie noch nie gemacht, den sie in keiner Gesellschaft sah, weil er sehr zurückgezogen lebte, sich nur den geistlichen Pflichten widmete und, seiner Kränklichkeit wegen, die Mußestunden in seinem Garten zubrachte. –
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Vittoria hatte indessen bei Freundinnen einige Besuche gemacht, war dann in der Kirche Maria Maggiore gewesen und ging nun, von ihrer Amme und dem alten Diener begleitet, nach ihrem Hause zurück. Als sie sich von dem Tempel nach der nächsten Straße wendete, kam ihr ein Zug von geputzten jungen Leuten entgegen. In ihrer Mitte wandelte mit leichtsinnigem Ausdruck ein Jüngling von mittlerer Größe, schlank aber schwach gebaut, mit ganz hellblondem Haar, das er nur wenig gekräuselt auf den Schultern schweben ließ; sein Auge war blau, und der Ausdruck seines Gesichtes kein bedeutender. Vittoria war im Begriff, ihn anzurufen, so ähnlich erschien er dem wohlbekannten Camillo: doch noch einen Schritt näher, und sie sah, wie sehr sie sich getäuscht hatte; denn in diesem Jüngling war keine Spur jener bäurischen Treuherzigkeit, die ihr an ihrem Jugendgespielen immer so wohl gefallen hatte, und sie erschrak fast, als sich in diesem Augenblick sein schwebendes, unbedeutendes Lächeln in einen Ausdruck von rohem Trotz und Gemeinheit verwandelte; denn er zankte plötzlich mit einem seiner Begleiter und drohte diesem, einem großen starken Menschen, sogar mit der Faust. Vittoria war getröstet und beruhigt, als sich unerwartet der alte Hausfreund Caporale zu ihr gesellte. Indem beide nach der Wohnung der Accoromboni gingen, fragte sie: »Wer ist dieser junge Bursche, der sich so seltsam gebärdet? Er scheint eins von jenen verzogenen adligen Muttersöhnchen, die sich durch Erbärmlichkeiten wichtig machen wollen. Solche alberne Kreaturen fangen oft aus leerem, langweiligen Mutwillen Händel an, die zu Unglück und Verderben ausschlagen.«
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»So ist dieser nicht«, antwortete Don Cesare; »er ist das friedfertigste Gemüt auf Erden, und meint nur als römischer Neuling, er müsse sich doch vor jenen jugendlichen Schmeichlern und Dienern durch Mienen, lebhaftes Gespräch, scheinbaren Eigensinn und nicht ernstgemeinten Zank ein Ansehn geben; am eifrigsten so bemüht, wenn Fremde ihn beobachten, oder gar eine Dame ihn ihrer Aufmerksamkeit würdiget. Und so war es nur ein kleines, improvisiertes Schauspiel, was er Eurer schönen Gegenwart als Huldigung darbot.«
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Vittoria lachte und der Dichter fuhr fort: »Dieses Bürschchen ist der Abkömmling von armen Bauersleuten, sein Oheim hat ihn unterhalten und ihn in einem ganz kleinen Städtchen die Schule besuchen lassen; dann haben ihn Mönche in die Zucht genommen und unterrichtet, und endlich, da er ganz erwachsen ist, hat ihn derselbe Oheim nach Rom kommen lassen, um zu sehn was aus ihm zu machen wäre. Dieser Vormund ist nämlich kein anderer, als der alte, hinfällige Kardinal Montalto, der vor seinem Ende diesen Neffen wenigstens noch anständig versorgt sehn möchte. Er wollte ihn zum Geistlichen machen, weil er, da ihm Reichtum und liegende Besitztümer fehlen, ihn in der Kirche am leichtesten emporbringen konnte. Davon will aber der schwache Mensch, in dem Punkte eigensinnig, nichts wissen, und Ihr habt selbst gesehn, wie wenig er zum Priester geeignet ist.«
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Indem entstand hinter ihnen ein großes Geschrei, und sowie sich Caporale umwendete, stürzte ihm zu seiner großen Verwunderung derselbe Jüngling, von welchem sie eben gesprochen hatten, leichenblaß und mit allem Ausdruck der Angst an die Brust, indem er laut schrie: »Er kommt! er kommt!« Vittoria blickte um, und zog mit ruhiger Bewegung den Dichter noch zur rechten Zeit auf die Seite, welchem der junge Bursche mechanisch folgte, der sich noch immer mit dem Alten fest umarmt hielt. Einer von den Stieren, die frei, an langen nachschleppenden Seilen in Rom von mehreren Reitern, die im Trabe oder Galopp nebenbei rennen, eingeführt werden, war seinen Aufsehern entsprungen und rannte nun die Gassen hinab, Schlächter, Jungen und Alte hinterdrein, die Menschen, die entgegenkamen, zur Seite springend, um nicht beschädigt zu werden.
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»Die Gefahr ist vorüber, mein Herr Peretti«, sagte der Dichter. »fasst Euch, Ihr zittert und seid fast ohnmächtig.«
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»Wir sind unserer Wohnung ganz nahe«, sagte Vittoria, »tretet zu uns ein und erquickt und erfrischt Euch.«
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»Sehr gnädig, Signora«, sagte der Jüngling; »es ist aber schändlich, wie meine Freunde und Begleiter entflohen sind und mich im Stich gelassen haben.«
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Sie traten in den frischen kühlen Saal und die Magd flüsterte ihrer Herrschaft zu: »Es ist schon einer drinnen, der gnädige Herr, die Exzellenz, der mächtige Don Ludovico Orsini.«
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Vittoria erblaßte und sagte nur leise vor sich hin: »Dies Untier ist gefährlicher, als jenes.« Ein großer, kräftiger junger Mann trat ihnen jetzt mit dem Ausdruck eines frechen Übermutes entgegen. Er begrüßte die übrigen nur ganz leicht, indem ein verachtender Blick schnell über den jungen Peretti hinstreifte, und als der Diener Stühle gesetzt hatte, wendete er sich, stark betonend, mit den Worten zu Vittoria »Ihr werdet meinen Brief erhalten haben.«
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»Ja«, erwiderte diese nicht ohne Verlegenheit. –
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»Und?« fragte der Graf fast in schreiendem Ton.
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»Wie kann ich Euch antworten? Was Euch sagen?« sprach Vittoria, »Ihr kennt meine Gesinnungen, an jenem Abende, ehe wir nach Tivoli gingen, habe ich, Ihr müsst es Euch erinnern, meine Überzeugung erklärt. Warum soll ich noch öfter wiederholen, was mir peinlich ist auszusprechen?«
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»Ha ha ha! seltsam genug!« rief der Graf mit schallendem Gelächter: »ich, aus einem der ältesten Häuser, reich, von Einfluß ich, vor dem Hunderte zittern, biete einer unbedeutenden Bürgerin meine Hand, und mit dieser mein Vermögen und meinen Rang, und sie kann mir nichts dagegen schenken, als ein artiges Lärvchen, einen schlanken Wuchs und weiße Gliedmaßen: bin ich denn rasend, da ich in den Familien der Herzöge und Fürsten nur wählen darf?«
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»So wählet doch!« rief Vittoria, die jetzt ihren Stolz und Mut wiedergefunden hatte: »wer zwingt Euch, ein armes, unbedeutendes Bürgermädchen zu belästigen? Ich werde es für Gnade von Euch und wahren Gewinn achten, wenn ich Euer Antlitz niemals wiedersehe.«
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»So?« rief der rohe Mensch, im höchsten Zorn, »es kann sich aber doch fügen, dass ich Euch noch zu mei nen Füßen knieend im Staube sehe, um Euern verehrten Bruder vom Galgen loszubitten.«
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»Das ist zu viel!« schrie Vittoria, ganz außer sich: »Elender! entferne dich gleich, gleich jetzt in diesem Augenblick! So ein Armseliger, Verächtlicher, will vorgeben, sich herausnehmen, sich so stolz dünken, mich lieben zu dürfen! Er, für den jede Dorfmagd noch zu gut ist, er, den ich so tief verachte, dass der Galeerensklave in meinen Augen höher steht.«
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Orsini sprang auf, und man konnte fürchten, dass der freche Mensch etwas Schreckliches unternehmen könne. Caporale eilte ihm entgegen und hielt ihn gewaltsam zurück. Mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung wendete sich der Graf um und betrachtete stillschweigend den alten Mann: »Elender Versedreher«, sagte er dann, »Ihr wagt es, mich körperlich anzugreifen.«
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»O ja«, rief dieser erzürnt; »solange ich Hand oder Fuß rühren kann, werde ich als Mann auch mit meinem Blut eine Dame, meine Freundin, gegen Gewalttätigkeiten schützen.«
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»Sklave!« rief der Graf, und machte sich aus der Umarmung Caporales frei.
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»Herr Graf«, erwiderte Caporale ruhig; »ich bin unabhängig, frei, man hat mich gewürdiget, mich in der Provinz zum Governatore zu ernennen.«
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»O ja«, sagte jener; »von ein paar armseligen Burgflecken. Und wenn ich zwanzig meiner Leute hinsende, so brennen sie dem Herrn Gouverneur seine Wohnung ab und schleppen ihn in Ketten und Banden auf mein Schloß. Ihr seid mir aber zu verächtlich, um mit Euresgleichen Krieg zu führen. – Und Euch, Accorombona, lass ich nicht, und wenn Ihr mich noch schimpflicher behandelt. Die Worte eines Weibes verletzen nicht; und der Teufel, der mich in Glut für Euch entzündet hat, wird mir auch Mittel und Wege zeigen, Euch zu besitzen. So oder so müsst Ihr die Meinige werden.«
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Er stürmte fort und rannte fast die Mutter um, die ihm in der Tür entgegentrat. Vittoria warf sich laut schluchzend an den mütterlichen Busen, diese aber kam ihr auch mit Tränen entgegen. Caporale tröstete, soviel er vermochte, doch wusste er für den Augenblick keinen Rat. Jetzt empfahl sich der junge Peretti den Frauen, indem er höflich um die Gunst ersuchte, seinen Besuch wiederholen zu dürfen, und die Bekanntschaft, die unter so seltsamen Umständen begonnen hatte, fortzusetzen. In der Tür sagte er halb für sich: »Eine schlechte Polizei in Rom; die wilden Stiere stoßen die Menschen in den Straßen um, und die rasenden Grafen rennen in die Häuser hinein.«
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Zweites Kapitel
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Graf Pepoli war für seinen Verwandten eifrig bemüht; aber sosehr die Gerichte den besten Willen zeigten, so wenig war doch Aussicht, dass ihm seine gute Absicht gelingen würde. Der reiche Signor Velluti war verschwunden, und von allen eingefangenen Banditen wollte kein einziger den Ort kennen, wo man ihn hingeschleppt, oder wer ihn in Verwahrung habe. Prozess und Verhöre gegen die Verbrecher waren noch nicht weit gediehen, und ein Advokat, den der Graf schon reichlich beschenkt hatte, gab diesem zu verstehen, es müsse irgendeine mächtige unsichtbare Hand im Spiele sein, die, wie es schon öfter der Fall gewesen, alles verzögere, um diesen oder jenen zu beschützen, oder zu verhindern, dass nicht irgendein Vornehmer ebenfalls in den traurigen Handel verwickelt werde. In den Gefängnissen selbst, die der Graf fleißig besuchte, hörte er von einem Verbrecher, der schon früher eingefangen war, und jetzt wegen anderer Frevel sein Todesurteil empfangen habe, dass dieser vielleicht imstande sei, einige Nachweisung zu geben. Graf Pepoli ließ sich zu diesem verwilderten Mörder hinführen, der mit schweren Ketten an die Wand seines finstern Kerkers geschlossen war, und den er, als geöffnet wurde schreiend traf, indem er eben ein Gassenlied jubelnd absang.
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Als der Verruchte hörte, von wem der Fremde zu ihm gewiesen sei, rief er: »Ei! lebt die alte ehrliche Haut noch, und ist noch nicht gehängt? Nun, das freut mich, grüßt den Kumpan nachher von mir recht herzlich, er wird es wohl schon erfahren haben, dass ich mich übermorgen auf die große Reise begebe. Ja, ja, mit mir ist es dermalen aus, und ob man noch einmal von vorne anfangen kann, steht dahin. Je nun, ich bin seit lange darauf vorbereitet; nach den Gesetzen hätte ich schon zehnmal den Tod verdient. Versteht mich, was man so nach den Gesetzen nennt, die aber niemals ausgeübt werden, als wenn unsereins keinem mehr schaden oder nützen kann. Ja, ich habe, und nicht bloß durch meine eigene Schuld, meine Beschützer verloren. Ehemals war ich besoldet von recht frommen, tugendhaften Leuten auch großen und mächtigen: die haben mir oft durchgeholfen. Ich war nur Dolch und Messer: diese Reichen, Verehrten, denen jedermann mit Respekt aus dem Wege ging, waren die Hand. Meinethalb, ist doch die Welt einmal so eingerichtet.«
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Als der Mörder das Gesuch des Grafen vernommen hatte dachte er ein Weilchen nach, dann sagte er: »Kommt mir einmal ganz nahe, werter Herr, dass ich eure Physiognomie betrachten kann, denn es ist so verdammt finster hier, und Ihr seht wohl dass ich nicht zu Euch hinrutschen kann. – Ah ja! Ihr seht recht ehrlich, ja sogar recht weichmütig aus, es wird also wohl keine Finte sein, um noch andere gute Kameraden in das Elend zu bringen. Wir hatten ehemals einen lieben herrlichen Menschen unter uns, Ascanio genannt, ein sanfter Kerl, der uns mit seinen Predigten immerdar vom Morden abhalten wollte; er war ein halber Pfaff und dachte sich vielerlei Gutes bei den Worten Himmelreich, Gewissen, Religion und dergleichen Schnurren, die uns tätige Menschen nichts angehn. Dieser Ascanio war immer der Vertrauteste mit dem Oberhaupt jener Bande bei Subiaco, dessen Namen wir alle nicht wissen; denn der närrische Ambrosio, den hier die Richter dafür halten, ist nur so ein Beiläufer, einer, der das Mus einrühren hilft, selten aber etwas zu fressen kriegt. Dieser Ascanio war immer wie unser Staatsminister oder Geheimschreiber. Der weiß, was der Teufel selber nicht weiß aber dabei ein Mensch, wie ein Lamm. Den guten Burschen haben sie jetzt in Castell Angelo eingesperrt, unter dem Vorgeben, er hätte falsche Münzen geprägt und ausgegeben. Ist es wahr, so macht das dem pfiffigen Kerl alle Ehre, nicht wahr? und er ist ja fast ein Genie, wie unser Benvenuto Cellini. Es kann aber auch sein, dass es nur ein Pfiff der Unsrigen ist, dass sie ihn mit falschen Aussagen dahin gebracht haben, damit er in ihrem Banditenprozesse nicht mit figurieren soll. – Seht mal, guter Freund, ich vertraue Euch das alles so treuherzig an, weil Ihr mir ehrlich ausseht. Und Ihr mögt darüber denken, wie Ihr wollt, in meiner langen Erfahrung habe ich immer die meiste Treue und Ehrlichkeit unter Spitzbuben, Dieben und Mördern angetroffen. Es ist ja auch ganz natürlich, die tugendhaften Menschen in Eurer Welt leben von der Tugend, das ist ihr Gewerbe wie es aber irgend ihr Vorteil mit sich bringt, dass sie mit der Schelmerei mehr gewinnen können, schrammen sie aus und spazieren nebenbei. Besonders, wenn sie keine Entdeckung zu besorgen haben. Dagegen wir armen ehrlichen Schelme! Das Regiment bei uns könnte ja keine vierundzwanzig Stunden bestehn wenn wir nicht untereinander Treue und Glauben hielten. Und welcher Bischof, Graf oder Kardinal würde uns denn jemals vertrauen, wenn er uns für ausschwatzendes Gesindel hielte? Vor zehn Jahren etwa haben sie mich zweimal auf die Folter geworfen, aber der große Herr lebt noch in Ehren, Glück und Würde, so wusste ich meine Zunge im Zaum zu halten. Und wahrlich, die Schmerzen, die sie mir künstlich antaten, waren nicht klein. Ich habe auch jetzt den großen Mann um Hülfe angesprochen, aber er lacht mich nur aus, und mit Recht, denn es ist zu lange her, die Sache ist vergessen, keiner würde mir glauben, ja kein Richter und Advokat mich nur um das ganz verschollene Ding anhören wollen.«
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Der Graf ließ dem Unglückseligen ein Geschenk zurück, damit er sich noch einmal an Wein und einem Lieblingsgericht erheitern könne. Als er sich in Castell Angelo beim Governadore wollte melden lassen, vernahm er, dass dieser in einem wichtigen Geschäft über Land sei, und erst morgen zur Stadt wiederkehre. Er nahm sich also vor, seinen Abend bei einem Freunde zuzubringen, um sich von diesen traurigen Geschäften in einer edlen Gesellschaft wieder etwas zu erholen.
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Der Freund des Grafen, ein angesehener Römer, sah vorzüglich gern Gelehrte und Dichter in seinem Hause. Graf Pepoli, sooft er nach Rom kam, wohnte bei diesem Gastfreunde, der sein Verwandter war. Als man sich im heitern Kreise gegenseitig begrüßt hatte, trat auch Caporale herein, und bald nach ihm der alte Speron Sperone. Dieser feierliche Mann, welcher gern die jüngeren Leute beherrschte, erschien in einem langen, dunkelfarbigen Talar, weder die Tracht eines Priesters, Rechtsgelehrten, noch Professors, sondern ein Gewand, das er sich selbst ersonnen hatte, und das vielleicht an die römische Toga erinnern sollte, doch hatte es Ärmel und war um die Hüften mit einem breiten Gurt umschlossen. Dieser Dichter, für welchen er sich gerne gab, war hoch und schlank, sein Gesicht hatte den Ausdruck des Feierlichen, auch war seine Sprache langsam und seine Rede gesucht.
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Die übrige Gesellschaft bestand aus einigen angesehenen römischen Familien, Edelleuten, die ihre Frauen und Töchter hergeführt hatten, hauptsächlich in der stillen Erwartung, den berühmten Torquato Tasso kennenzulernen, von dem man wusste, dass er sich seit einiger Zeit in Rom aufhalte. Bald aber entstand eine allgemeine Trauer, als der Wirt erklärte, der große Dichter habe zu ihm gesendet, und seine Abwesenheit entschuldigt, indem er krank geworden sei.
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Einige junge schöne Damen äußerten laut ihr Mißvergnügen und beklagten den Armen, der so oft an Unpäßlichkeit litt, und sich doch in seinen Arbeiten durch die wiederkehrenden Leiden nicht stören ließ. »Vielleicht«, sagte eine junge schöne Frau mit lachender Miene, »kommt Tasso nicht, weil er erfahren hat, dass er seinen großen Gegner, den strengen Herrn Sperone, hier antreffen würde«.
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»Gewiss nicht deshalb«, sagte der ernste Mann; »denn waren wir je entzweit, so haben wir uns jetzt wieder versöhnt, und keiner ist so geneigt als ich, den Gaben dieses Jünglings Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er hat mich, weil ich schon ein vertrauter Freund seines außerordentlichen Vaters war, freiwillig zum Kritiker seines großen Werkes ernannt, und was kann ich dafür, wenn meine Überzeugung mich antreibt, dem Vater den Preis des größeren Dichters zuzuschreiben? Und ist dies ihm eine Schande? Darf es ihn wohl kränken?«
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»Der Ruhm bleibt wenigstens in der Familie«, sagte Caporale, »und wenn unser Bernard nur noch lebte, so müsste er sich mit seinem Sohne in den genau abgewogenen Preis teilen.«
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»Er ist ein Dichter«, bemerkte eine der Damen, »der die Sprache so in seiner Gewalt hat, wie vor ihm noch kein anderer; daher sind seine Verse so süß und musikalisch, dass sie ein jedes Ohr entzücken.«
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Der alte Sperone schien über diesen Ausspruch empfindlich zu werden, denn er sagte mit etwas spitzigem Ton: »Süß und lieblich, ja, aber die Männlichkeit fehlt.«
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»Diese Schlachten«, warf Caporale ein, »diese aufmunternden Reden der Helden, sind doch in heroischer, kräftiger Tonweise. Schade, dass er das Gedicht, da es nun doch einmal fertig ist, nicht sogleich drucken lässt, damit sich ganz Italien daran erfreuen könne.«
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»Im Gegenteil!« rief Sperone, »er kann nicht zu lange damit zögern, damit ein Werk, das die jetzige Zeit überdauern soll, die notwendige Vollendung erreichen möge. Er ist freilich empfindlich über diese Verzögerung, und doch ist er wieder seinen jüngern und ältern Freunden dankbar, wegen der Weisungen, die sie ihm zukommen lassen. Nur tadelt freilich einer oft das, was der andere lobt; mir scheint völlig überflüssig, was ein jüngerer höchst notwendig findet. Diese Strophe will der eine ausmerzen und ein anderer durchaus beibehalten. Das süße Liebesgekose, üppige, ja unzüchtige Stellen sind dem Gutdenkenden in diesem Gedichte, das die Religion zum Gegenstande hat, ein Greuel, und ein junges leichtsinniges Gemüt nennt diese sündlichen Ottaven die Licht- und Glanzpunkte des Werkes, um welche es sich einzig und allein der Mühe lohne, das weitläuftige Gedicht zu lesen. So verschieden ist der Sinn der Menschen, und es wäre deshalb besser gewesen, einem einzigen klugen Manne die Revision unbedingt anzuvertrauen.«
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Man stritt noch hin und her, und als die entschiedenste der Damen zu verstehen gab, der bejahrte Kritiker möchte doch vielleicht zu einseitig verfahren, und manche Schönheit nach seinem System gewissermaßen vorsätzlich und willkürlich verdammen, sagte der Alte mit einiger Erbitterung: »Mein Zwiespalt mit dem jungen Tasso schreibt sich eigentlich gar nicht von der abweichenden Ansicht seines Gedichtes her, sondern er ist viel älter und aus einer ganz andern Ursache entsprungen. – Als der Jüngling vor Jahren sich in den Dienst des Herzogs von Ferrara begab, war ich unter seinen Freunden der einzige, der ihm ernsthaft von diesem Schritte abriet. Er ist kein Hofmann, man muss als solcher geboren sein, man muss nichts anders sein wollen, nichts anders kennen und achten, als den Hof, am wenigsten aber den Dichter dorthin mitnehmen wollen. Er konnte Professor in Padua oder an einer andern Universität werden, er konnte ein Staatsamt übernehmen, und sich auf diesem Wege, da er kein Vermögen ererbt hat, unabhängig machen. Da lockte aber und blendete ihn der freundliche Herzog, die Prinzessinnen, dessen Schwestern, Lob und Bewunderung von allen Seiten. Meine Warnung schien ihm die törichte Rede eines Murrkopfs, wohl gar eines Pedanten, der ihm seine glänzende Stellung beneidete. So bin ich denn auch in seinem Schäferspiel Aminta als verdrießlicher Mopsus aufgetreten, im Gegensatze seines vortrefflichen Pigna, oder Elpino. Meinethalb, man kann nicht allen Menschen gerecht und beifällig leben, am wenigsten der Selbstständige, dem es mit Leben und Wissenschaft Ernst ist. Was ist ein Dichter an dem Hof eines verwöhnten, selbstsüchtigen Fürsten? Niemals wie der ebenbürtige Freund und Verwandte, keinesweges wie der nützliche und notwendige Rat und Staatsmann. Anfangs Günstling, Vertrauter, Liebling, Gegenstand einer unverstandenen Bewunderung; späterhin der Gemißhandelte, der die Launen seines eigensinnigen Beherrschers ertragen muss. Hat er sich berühmt gemacht, so wollen nun andere Höfe, Regenten und Weiber ihn lieben, bei sich sehn; ihm geschehen Anerbietungen, er fühlt sich wieder geschmeichelt, unterhandelt hinterrücks halb und halb, die Aufpasser verraten es seinem Herrn, und dieser, der sich für den Wohltäter, ja den Schöpfer des Armen hält, ist erbost, sieht in seinem vormaligen Liebling den frevelnden Verbrecher, und sinnt, wie er sich an ihm rächen und ihn bestrafen könne, ohne sich der Welt und den Verleumderzungen zu sehr bloßzugeben. Wie sich dieselben Fürsten in ihren Gärten eine Sammlung der wilden, seltenen und ausländischen Tiere halten, die zuweilen wegen der Federn, oder des wundersamen Rüssels von ihnen und den Fremden in Augenschein genommen werden, so steht ein Poet an solchem Hofe in seinem kümmerlichen Futter. Und dann wird noch von Beschützung der Künste und Wissenschaften gesprochen und gesungen, und Perikles und Alexander oder Augustus angeführt, zum Verdruss und Ärger eines denkenden Mannes, der diese Szenen kennt, und öfter in seinem Leben gesehn hat.«
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»O Ihr böser, zorniger Greis!« rief Caporale aus, »wenn Ihr so traurige Erfahrungen gemacht habt, so seid Ihr doch nur halb im Recht, denn Ihr vergesst es ganz und gar, auch das Gute eines solchen Verhältnisses herauszuheben.«
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»Das meiste«, antwortete Sperone, »sieht in der Welt so aus, wie es der Mensch sehn will. Aber seid versichert, die Lage dieses armen Tasso ist gerade so, wie ich sie beschrieben habe, und der Erfolg wird meine Aussage rechtfertigen. Ich weiß es, dass er seiner Lage dort in Ferrara schon gänzlich überdrüssig ist: er sehnt sich nach neuen Verhältnissen, kann ohne Beschützer nicht leben und dichten und hat also den Mut nicht, offen mit dem Hofe zu brechen. Der neue Großherzog von Florenz, Francesco, ist eitel genug, um einen berühmten Mann in seiner Nähe haben zu wollen: stille Botschaften, Vermittelung von Fremden, Anerbietungen, alles bedrängt den Armen, er will und will nicht: nun ist sein Fürst, die Weiber sind einmal wieder freundlich zu ihm, sie schmeicheln und liebkosen ihm und seinem Talent; da sieht er wieder goldne Tage, und schwimmt selig in der Abendröte. Aber der Ferrarese weiß es recht gut, dass er auf dem Sprunge steht, von ihm abzufallen; es fehlt nicht an Klätschern, die dies benutzen, ihn gegen den Ärmsten zu erbittern. Er war erst mit Pigna vertraut, auch der Sekretär Guarini schloss sich ihm freundlich an: jetzt sind sie gegen ihn und der letzte ist sein erklärter Feind, ein schlauer gewandter Mann, und der die Haltung besitzt, die dem Torquato fehlt, dabei auch ein Poet, und ein begabter; da muss die Eifersucht entbrennen. Nun hat ihn sein wahrster Freund und Beschützer, Scipio Gonzaga, hierher nach Rom berufen; der Herzog hat ihm nur ungern den Urlaub bewilligt, weil er weiß, dass hier mit dem Kardinal Ferdinand Medicis des Tasso wegen verhandelt werden soll, ja Scipio denkt wohl gar, den Papst selbst für den Dichter zu gewinnen, dass dieser ihm hier ein Kanonikat oder eine Präbende zuweisen möchte; dieser aber will natürlich um eine Nebensache Ferrara nicht beleidigen; Florenz will nicht zu offen mit seinen Anerbietungen heraustreten; Ferrara nimmt aus Eitelkeit den Gegenstand wichtiger wie die andern, auch vertrauen diese dem schwankenden Charakter Tassos nicht und seiner Unentschlossenheit, und so verwirrt und verwickelt sich das Verhältnis von allen Seiten so, dass es zum Unglück des Poeten ausschlagen muss.«
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»Eure Schilderung ist freilich eine traurige«, sagte eine junge schöne Dame, »und wenn Euer Wahrsagergeist ein richtiger ist, so möchte ich schon jetzt den lieben Tasso beweinen. Aber Euer Wort trifft eigentlich jedes menschliche Verhältnis: jeder Stand muss sich durchkämpfen, jeder geistreiche Mann hat seine Feinde, der Minister und Rat findet Verlockung, seinen Pflichten ungetreu zu werden, wer nicht als Eremit lebt, gerät in Verwicklung und muss kämpfen, sinnen und arbeiten.«
Vorlage S. 600
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»Ihr habt nicht unrecht«, antwortete der Greis, »und doch treten dem Poeten noch viel mehr Schwierigkeiten entgegen. Hat er kein Staatsamt, oder gelehrtes, ist er nicht Priester, so ist sein Beruf ein doppelter, durch welchen er eigentlich ein ganz rätselhaftes Wesen wird. Verwickelt mit der Welt, ist er in seiner Beschäftigung, in seinem Beruf doch ein wahrer Einsiedler; denn auf den Weltlauf hat seine Arbeit auch nicht den allermindesten Einfluß. Dadurch aber verliert er auch allen Maßstab, sich an sich selbst oder den übrigen Menschen zu messen; denn an keinem einzigen Abende kann er zu sich sagen: heut hast du einmal etwas Nützliches getan, du hast dem, du hast jenem fortgeholfen, jenen verwirrten Handel hast du aufgeklärt, diese Gesellschaft, jene Zunft, der Angeklagte, jener Vornehme muss dir danken. Ist er ohne Begeisterung, so fühlt er sich, als sei er ganz ohne Bestimmung, besucht sie ihn, so meint er alle Menschen zu überragen; dann ertönt das Lob der Freunde, die laute Bewunderung der Menge, das Entzücken der Weiber und Mädchen – glaubt ihr, meine Freunde, dass es viele so starke Männer, so feste Charaktere gebe, die mit richtigem Sinn das alles genießen und fassen, die den Lorbeer nicht für strahlender als die Königskrone halten, im Rausche nicht dahintaumeln, und das Leben eigentlich verlieren sollten?«
Vorlage S. 601
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»Ja nun freilich«, sagte Caporale, »kann es nur selten solche Menschen geben, wie unser großer Ariost war. Tasso ist weicher und nicht so selbstständig.«
Vorlage S. 601
261
»Was die Fürsten betrifft« – fing Sperone mit einiger Feierlichkeit wieder an – »traut doch dem alten Ausspruch: procul a Jove, procul a fulmine. – Vor einigen Jahren besuchte ich auch eine Sammlung wilder prächtiger Tiere am Hofe eines vortrefflichen Fürsten. Der größte Tiger lag in seinem Käfige und sonnte sich, indem die bunten Flecken seiner schönen Haut; im Lichte freundlich schimmerten. Man war oft so grausam gewesen, ihm lebende größere oder kleinere Hunde als Atzung in seine Zelle hineinzuwerfen. Ich war daher nicht wenig verwundert, als ich ein klaffendes Hündchen bei ihm sah, das uns mit munterem Bellen begrüßte und auf seinem Tyrannen hin und her sprang, welcher sich allen Mutwill von ihm gefallen ließ. Der Wärter erklärte meiner Verwunderung die sonderbare Erscheinung. Vor mehreren Monaten war der Tiger an entzündeten eiternden Augen erkrankt, so dass er sehr verstimmt und verdrießlich war. Es ist schwer, einer solchen Bestie einen Doktor und Arznei beizubringen und, da der hohe Patient auch kein Gemüse, oder Fastenspeise genießen mochte, so fürchteten sich die Wärter selber vor dem Unwillen des zornigen Kranken. Man fuhr fort, ihm Fleisch und zuweilen wieder lebendige Tiere in sein Behältnis zu werfen; denn dies schien das einzige, woran er sich erfreute und zerstreute. Ein kleines Hündchen ward ihm lebend zugeworfen. Dieses, ohne Furcht und Zittern, sprang auf ihn freundlich zu, und leckte seine wunden Augen; jener ließ es sich gefallen, fühlte sich erleichtert und tat dem Tierchen nichts. Dieses wiederholte seine Kur und Bemühung so fleißig, dass der mächtige große Tiger in wenigen Wochen vollkommen gesund, und wieder schön und heiter wurde. Seitdem konnte der Hund mit seinem furchtbaren Gebieter tun und beginnen, was er nur wollte und ihm die Laune irgend eingab. Wenn sie beide ihre Fleischportion verzehrten, durfte der Tiger sich dem kleinen Günstling nicht nahn; kamen einmal Fremde und der Tiger war zu träge, um aus seinem hintern Behältnis vorzuschreiten und sich den Neugierigen zu zeigen, so sprang der Kleine so lange auf dem Großen hin und her, zerrte ihn am Fell, biss ihn in die Tatzen, bis der Tyrann sich erhob; denn der Kleine, Unbedeutende tyrannisierte diesen. Der Fürst stand mit seinem Favoriten vor dem Käfig, als dieses erzählt wurde; sie freuten sich der Naturerscheinung, und der junge Edelmann, halb Freund, halb Narr des Fürsten, erlaubte sich manchen derben Spaß über den Hof, die Damen, ja die nächsten Verwandten der Familie, worüber der Fürst herzlich lachte. – Mir war schauerlich zumute, da keiner von beiden (vielleicht der Tierwärter) an die Nutzanwendung dachte. Es waren noch nicht sechs Monate verflossen, so hatte in einem Anfalle von Unmut der Tiger seinen kleinen Freund doch zerrissen und aufgefressen, und der junge witzige Edelmann lag im Kerker eines Schlosses in Ketten und Banden.« –
Vorlage S. 601
262
Caporale begleitete den Grafen Pepoli noch durch die Stadt. Sie gingen dem Hause der Accoromboni vorüber, und der Graf bemerkte: »Sollte man nicht glauben, dass alle jene ausgezeichneten Menschen durch ihren höhern Geist ein trauriges Geschick fast freiwillig auf sich herabziehn? Oder sind es unsichtbare, neidische Mächte, die in der Menschheit nichts dulden wollen, das sich über die traurige Mittelmäßigkeit erhebt?«
Vorlage S. 602
263
»Fast scheint es so«, erwiderte der Poet, »der alte Wahrsager in seinem jüdischen Talare dort hat wohl im wesentlichen recht. Und so zittere ich auch für dieses schöne, so vielfach begabte Mädchen dieses Hauses. Sie kann nicht: die gewöhnlichen Wege wandeln, und der schwärmerische Geist der Mutter, statt sie auf die richtige Bahn zu lenken, treibt sie in das Seltsame hinein, aber ihr heftiger Geist wirft sich in den Widerspruch, und sie sucht noch steilere Bahnen und größere Wunder. Dazu dieser abscheuliche Luigi Orsini, welcher sie mit seiner rohen Liebe verfolgt, dieser Mensch, so schön und wohlgebildet, und doch ein Schandfleck unsers römischen Adels.«
Vorlage S. 603
264
Vor der Tür erblickten sie die Leute des Kardinals Farnese; der alte Fürst schritt aus dem Hause, sah und erkannte den Cesare Caporale, und lud ihn ein, mit in seinen Wagen zu steigen, weil er mit ihm etwas Wichtiges zu sprechen habe. Das Gespräch, welches beide führten, war sonderbar genug.
Vorlage S. 603
265
Drittes Kapitel
Vorlage S. 603
266
Der Kardinal Farnese hatte das Haus der Accoromboni noch niemals so oft besucht, als jetzt. Man empfing ihn jedesmal, wie es sich von selbst versteht, mit der größten Ehrfurcht, und doch fühlte es die Matrone nur allzudeutlich, dass sie, ungeachtet der Freundlichkeit des Fürsten, nicht mehr so, wie sonst, auf ihn vertrauen konnte. Man meldete ihn wiederum, und da die Tochter in der Messe war, so empfing ihn die Mutter, und es schien ihm lieb zu sein, sich mit dieser allein unterhalten zu können.
Vorlage S. 603
267
Donna Julia fühlte, so fein auch der Kardinal war, dass er heut etwas Besonderes ihr mitzuteilen habe; denn er war halb zerstreut und doch aufgeregt, sein schönes großes Auge glänzte mehr als sonst und er fing ein Gespräch an, und ließ es wieder fallen, fragte, ohne die Antwort abzuwarten, und zeigte in seiner Miene, die bald ernst, bald freundlich wechselte, dass er etwas Wichtiges vorhabe.
Vorlage S. 603
268
»Was Ihr mir von dem jungen Orsini erzählt habt«, so begann er endlich, »hat mich wahrhaft erschreckt, und ich bin in der Tat in Verlegenheit, welchen Rat, oder welche Hülfe ich Euch anbieten könnte. Dass Eure Tochter den jungen Bösewicht verabscheut, ist natürlich, und an eine Vermählung mit ihm, so reich und vornehm er auch ist, ist nicht zu denken. Selbst wenn Vittoria nicht dagegen wäre, würde ich doch mit allen Kräften abraten, denn es ist zu fürchten, dass das Schicksal dieses jungen Mannes ein furchtbares sein wird. Er, der jedes Gesetz verachtet, der die Gefahr stündlich herausfordert, der den Rat keines Menschen hört, er muss, wenn er sich nicht einmal völlig umkehrt, tragisch endigen. Und doch – wer ist stark genug, seine Gewalttätigkeiten abzuhalten? Sein Anhang ist groß, hundert verwegne Abenteurer, einige aus guten Häusern sogar, umgeben ihn, die besoldeten Banditen ungerechnet; alle diese sind auf einen Wink von ihm zum Tollsten und Abscheulichsten bereit. Dieses Unwesen unsers Staates ist so mächtig geworden, dass der Heilige Vater und wir alle dem nicht steuern können. Neapel und andere Staaten ermuntern und unterstützen diese freien Banden, um uns zu schaden, der König von Spanien triumphiert, dass wir in dieser ängstlichen Verlegenheit sind, und Florenz ist jenem Monarchen fast dienstbar und widersetzt sich ihm nie. So groß ist das Übel und so furchtbar angewachsen, dass wir alle selbst zuweilen in diesen abscheulichen Verbindungen unsere Hülfe suchen müssen, um nicht unbedingt dem fremden feindseligen Einflusse zu gehorchen. Treibt nun ein Orsini, oder ein andrer vornehmer Bösewicht es einmal zum Äußersten, so ist höchstens der Bann seine Strafe, und er wird in Neapel, Florenz und Venedig mit offnen Armen empfangen, man gibt ihm bedeutende Ämter und Unterstützung aller Art. – Was soll also hier geschehn? Wer soll Euch in diesem kleinen Hause mächtig beschützen? wer diesem Orsini Furcht einflößen?«
Vorlage S. 603
269
»Aber Ihr selbst, hochverehrter Freund; kann nicht ein so mächtiger Kardinal für seine Schützlinge stärker einschreiten?«
Vorlage S. 604
270
»Liebe alte Freundin«, sagte der Kardinal seufzend, »unsere Macht, unser Einfluß unterliegt ewigen Schwankungen. In diesen besteht nur, wenn Ihr Euch darum erkundigt, die Geschichte unsers geistlichen Regiments. Handeln irgend andre Mächtige gegen uns, offen oder unter der Hand, so entstehn Hemmungen, Widersprüche, wir gehn vorwärts, kämpfen, und plötzlich fühlen wir uns gelähmt und ohnmächtig, weil ein heftiger Schlag blitzschnell von einem Orte herkommt, wo wir es am wenigsten vermuten konnten. Ist schon an den Höfen ein beständiger Wechsel von sich ablösenden Intrigen, von Dienern und Vornehmen, die einer des andern Kraft zu vernichten suchen, so ist dies noch viel manichfacher, stärker, feiner und gewaltsamer in unserer Priesterherrschaft, wo nicht bloß Kardinal und Bischof, der Herzog und Gesandte des Hofes, sondern auch wohl der bettelnde Mönch durch seinen Einfluß einen groben Querstrich durch unsere besten Kalküls ziehn kann. – Alles das wird mir jetzt bei Eurem Prozesse klar, der nun schon seit zwei Jahren in der Schwebe hängt. Meine Advokaten wissen, wie es mein ernster Wille, ja mein Befehl ist, dass alle jene Schikanen niedergeschlagen werden, die Euch den größeren Teil Eures mäßigen Vermögens streitig machen wollen, alle meine Klienten kennen meinen Willen – und doch – doch ist es möglich, dass Ihr gerade jetzt unter den obwaltenden Konjunkturen Eure gerechte Sache verliert.«
Vorlage S. 604
271
»Um Gottes willen!« rief Donna Julia, und sank erblaßt in ihren Sessel zurück, »so träfe mich ein ungeheurer Schlag da, wo ich es am wenigsten fürchtete! Auch noch Bettler werden? Es wäre entsetzlich!«
Vorlage S. 605
272
»Nicht gleich das Ärgste fürchtet«, sagte Farnese, indem er ihre Hand fasste und sie freundlich drückte; »im schlimmsten Falle hättet Ihr reiche Freunde, die Euch keinen Mangel würden leiden lassen.«
Vorlage S. 605
273
»Keinen Mangel?« rief sie aus, »– und von Almosen leben! von Brocken, die man uns auch willkürlich entziehen könnte! – In eine enge abgelegene Gasse flüchten, die Tür für jeden anständigen freien Mann verschlossen halten müssen! Nicht mehr imstande sein, einen Armen durch eine Gabe zu trösten, viel weniger einem alten Gastfreunde eine Schüssel vorsetzen können! Das also wäre dann der Beschluß meines Lebens.« – Aus ihren großen Augen stürzten brennende Tränen, sie schien es nicht zu bemerken.
Vorlage S. 605
274
Die große Gestalt des Farnese erhob sich und beugte sich tröstend über sie, indem der zierliche Mund die freundlichsten Worte sagte. Als sie wieder mehr beruhigt schien, sagte der Kardinal: »Nicht wahr, Ihr habt Vertrauen zu mir, Ihr seid meine bewährte Freundin, und Ihr glaubt von mir, dass ich alles für diejenigen tun will und werde, die ich die Meinigen nenne?«
Vorlage S. 605
275
»Ihr seid mein einziger Schutz«, sagte die Matrone; »wenn Ihr mich aufgebt, so bin ich ganz unter die Füße getreten.«
Vorlage S. 605
276
»Macht es mir nur möglich«, rief der Fürst, »ganz mit aller Kraft für Euch zu handeln, dass ich mit begründetem Anspruch ohne mich lächerlich zu machen, auch das Äußerste versuchen und ausrichten darf.«
Vorlage S. 605
277
»Wie meint Ihr das?«
Vorlage S. 605
278
»Seht«, fuhr er liebreich fort, »die Päpste haben ihre Nepoten, die sie nicht nur beschützen, sondern reich und mächtig, oft, wenn sich die günstige Gelegenheit bietet, zu unabhängigen und regierenden Fürsten machen. – Könnte ich nun Euch und die Eurigen nicht auf ähnliche Weise adoptieren?«
Vorlage S. 605
279
Die Mutter sah ihn forschend an.
Vorlage S. 606
280
»Ich habe aus Vittorias eignem Munde«, begann der Kardinal wieder: »dass, wenn es nach ihrem Willen geht, sie sich niemals vermählen wird. – Und sie hat recht. Denn welches Glück könnte diesem hochgestimmten Wesen wohl in der gewöhnlichen Ehe blühen? Glanz, Pracht muss sie umgeben, sie muss ein fürstliches Dasein führen und durch ihren erhabenen Geist Einfluß in die Händel der Welt gewinnen. So gelang es dieser merkwürdigen Bianca Capello, die als eine arme Flüchtige und Verbannte nach Florenz kam, und jetzt dort den Herzog und den Staat regiert, knieend von allen verehrt wird, und ihre Schönheit von aller Welt bewundert. – Erlaubt mir, fortzufahren. – Vittoria ist schöner und begabter als diese Bianca, deren Geschichte der Welt ein Märchen dünken möchte. Ich bin kein regierender Herzog, aber ich kann Euch und den Eurigen eins meiner großen Schlösser schenken, hier in Rom, oder auf dem Lande das prächtige Caprarola oder ein anderes, ihr und den Eurigen auf ewig so fest und bündig verschreiben, dass keiner meiner Verwandten Einwendungen machen kann, die ich auch unter den strengsten Bedingungen so reichlich entschädigen will, dass auch der frechste von diesen keinen Widerspruch wagen soll. Ja, dass ich es nur bekenne, meine Leidenschaft für die göttliche Virginia ist mit jeder Woche gewachsen: ihre Zuneigung und Liebe ist zu meinem Dasein unentbehrlich. – Übereilt Euch mit keiner Antwort, und da ich einmal so weit gegangen bin, lasst mich alles sagen. Gehört Ihr mir auf diese Weise an, sind wir so innigst verbunden, so gebe ich Euch mein fürstliches Wort, ja leiste Euch, wenn Ihr es verlangt, die heiligsten Eidschwüre, meine äußerste Gewalt, ohne alle Rücksicht auf meine Kollegen oder weltliche Fürsten, auf Papst und Kurie, anzuspannen, um Eure und meine Wünsche durchzusetzen. Ihr wisst aus meiner Geschichte, dass ich Tage erlebt, wo ich auch schon ohne Furcht und Zagen handelte. Dann seid Ihr reich und mächtig, ich setze alles daran, Euern ältesten Sohn zum Bischof zu machen, Flaminio erhält einen einträglichen Posten, und Euer Marcello, der jetzt in naher Todesgefahr schwebt, wird ein angesehener, wohlhabender Mann. Auf diesem Wege könnt: Ihr Euch erretten und glücklich sein.«
Vorlage S. 606
281
»Indem mein Kind eine Buhlerin wird?« rief sie ihm mit gedämpfter Stimme entgegen, und warf aus dem großen feuerstrahlenden Auge ihm einen so zürnenden und verachtenden Blick zu, dass er scharf errötete, den Strahl nicht ertragen konnte, und sein Auge niederschlug, indem seine feinen schönen Lippen in Verlegenheit zitterten.
Vorlage S. 606
282
Er fasste sich bald wieder und sagte: »Teure Freundin, Ihr seid in der Welt aufgewachsen, und habt beobachten können. Seht um Euch, und erinnert Euch alter und neuer Geschichten. Wer war Lucretia Borgia, die eine verehrte Herzogin von Ferrara wurde, und vor der selbst ein großer Bembo in zärtlichen Seufzern kniete? Solltet Ihr denn, die Hochdenkende, so klein bürgerlich gesinnt sein, um jenes Wort im Ernst aussprechen zu können? Hoheit und Glanz versiegelt jede Lippe, und selbst den Armen, Erbitterten, welche lästern möchten, ist es nicht Ernst mit ihrer finstern Tugend. Wäre ich nicht ein Verpflichteter meines Standes, so würde ich Vittorien freien Sinnes meine Hand anbieten, so kann ich ihr nur meine Liebe geben. Und ist dies Gefühl, diese Verbindung, die aus ihm entspringt, nicht die allernatürlichste der Welt? Oh, das müsst Ihr ja selbst erfahren haben, wie könntet Ihr sonst so edel und verständig sein; und wart Ihr denn nicht auch einmal mit dem Grafen Orsini Pittiliano verbunden? – O freilich, Euer Erröten sagt genug. – Nur jetzt keine Antwort so schnell, sie möchte eine Übereilung sein. – Erwägt meine Vorschläge und Freundschaft in einer ruhigen Stunde.«
Vorlage S. 607
283
Er empfahl sich mit einem zärtlichen Handkusse, und als man die Tür öffnete, glänzte von draußen die hohe Schönheit Vittorias in das Zimmer herein: sie kam aus der Messe, von Caporale und dem jungen Francesco Peretti begleitet. -»Was macht das junge Flachsgespenst in Eurem Hause«, sagte der Kardinal, indem er noch einmal rasch umkehrte; »aus dem wird sein eselhafter Oheim, der eingeschlafene Montalto niemals etwas machen können; warum ließ er ihn nicht draußen, bei seinen Kälbern und Rindern?«
Vorlage S. 607
284
Zärtlich Vittoria anschauend und mit einem Blick der tiefsten Verachtung auf den jungen Peretti verließ er das Haus, indem er noch im Vorbeigehen dem alten Caporale vertraulich die Hand schüttelte, worüber die tief sich verneigenden Diener in das höchste Erstaunen gerieten.
Vorlage S. 607
285
Als sich Donna Julia allein sah, warf sie dem Fortgegangenen eine drohende Gebärde nach und sagte für sich hin: »O du gleißender Priester! du Abscheulicher! Also so hast du es mit uns im Sinne? Oh, welche Welt ist dies! – Und war sie wohl jemals anders? – Der schleichende Fuchs mit der Taubenmiene! – Es bliebe uns also nichts, als dass sich dort das alte Schauspiel mit der Lucretia wiederholen könnte, oder der Decemvir hier mich zwänge, mit dem Stoß eines Messers meine Virginia aufzuopfern. – Was träumte ich mich, (zum Lachen!) die Mutter der Gracchen zu sein! – Und doch waren ihre Mörder auch Römer!«
Vorlage S. 607
286
Sie hörte im andern Zimmer ein lautes Lachen, und der Ton schnitt ihr durch das Herz. »So ist es«, sagte sie zu sich; »laute Fröhlichkeit dort, hier Verzweiflung! und nur eine dünne Wand zwischen beiden! Wie hat er nur, der sich meinen alten Freund nennt, den Mut haben können, mich an die Geschichte meiner Jugend zu erinnern! – O nein, er fühlt nicht, wie bei der Erinnerung hundert schartige Messer durch meinen Busen gehn.«
Vorlage S. 608
287
Sie öffnete die Tür zum andern Zimmer und rief den alten, bewährten Freund, den einfachen ehrlichen Caporale zu sich. Sie setzten sich, und in krampfhafter Rührung und unter Tränen begann die Mutter den Bericht. »Quält Euch nicht so ohne Not« sagte der Alte, »ich habe schon gestern abend alles erfahren, die hohe Eminenz nahm mich so freundschaftlich in ihren Wagen der Kutscher musste einen Umweg fahren, damit der geistliche Fürst in unserer Einsamkeit nur Zeit genug behielt, mir sein ganzes Herz auszuschütten, und keinen Umstand der weitläuftigen Geschichte zu vergessen. So bin ich denn in meinem Alter nolens volens sein Kuppler geworden, denn es war keine Möglichkeit, seinen angenehmen Geständnissen zu entrinnen.«
Vorlage S. 608
288
»Und was ist dabei zu tun?« fragte die Mutter bewegt.
Vorlage S. 608
289
»Alles oder nichts.« –
Vorlage S. 608
290
»Und was ist die Meinung dieser Worte?«
Vorlage S. 608
291
»Entweder sein Erbieten mit Dank annehmen, oder sich bis auf den Tod widersetzen. Ja, bis auf den Tod, denn es gilt alsdann das Äußerste. So nimmt Vittoria denn den wilden Orsini zum Gemahl, und der wird ihr schon mit Dolch und Feuergewehr vor den andern Unholden Ruhe zu verschaffen wissen – oder, sie stirbt, was ihrer starken, aufgeregten Natur vielleicht am nächsten liegt. Denn glaubt nur nicht, diesmal wohlfeilen Kaufs loszukommen, oder dass sich alles in leere Drohungen auflösen werde. Der Kardinal hat mit seiner feinen Spürkraft diesen Moment schon seit lange herannahen sehen; er ist klug genug, um sich die Gelegenheit nicht entschlüpfen zu lassen. So gleißend, wie möglich, hat er mir alles eröffnet, in wehmütiger Stimmung, indem er mir oft, als seinem intimsten Freunde, die Hände drückte, und mich beim Abschiede noch herzlich umarmte, mir in den größten Lobeserhebungen von meinem ungeheuren poetischen Talente sprach, das alle jetzigen Dichter weit überragte, indem er mir unaufgefordert beteuerte, nicht eher zu ruhen, als bis er mir eine viel vorteilhaftere Stelle verschafft habe, als meine jetzige sei. So werde ich auch noch durch Euch zu einem mächtigen Manne werden. – Soviel ist gewiss, wenn Ihr Euch jetzt dem Kardinal entzieht, so geht Euer Prozess verloren und Euer Sohn stirbt unter Henkershänden.«
Vorlage S. 608
292
»Nicht wahr?« rief sie mit grellem Ton; »es gibt doch Freunde, wahre Freunde in dieser Welt!«
Vorlage S. 609
293
»Ich habe diese Nacht nicht schlafen können«, sagte der Alte: »mir war unser Dasein mit seinen Bedingnissen noch niemals in diesem seltsamen Lichte erschienen. Der Angelstern, den wir in unsrer Brust für einen ewigen hielten, droht zu erlöschen, und es ist einem zumut, als wenn das Gewissen nur ein Märchen wäre, wenn alte Männer, Priester, Fürsten, vom Volke Verehrte so ruhig und sicher ihre Verruchtheiten, als wären es ebenso viele mathematische Lehrsätze, dem erstaunten Zuhörer auseinanderlegen.«
Vorlage S. 609
294
Der Dichter wollte sich entfernen, doch bat ihn die Mutter, zu ihrem Troste noch zu verweilen, weil es ihr in dieser Stimmung unmöglich falle, mit ihrer Familie allein zu sein. Ungern nur erfüllte Caporale diese Freundespflicht, weil er fühlte, dass sein Rat von keinem Nutzen sein könne, er neue gewaltsame Szenen fürchtete, und selbst nach diesen Erschütterungen und der durchwachten Nacht der Ruhe bedurfte. Im Zimmer befand sich Vittoria allein: Flaminio war mit Peretti gegangen, um diesen zu begleiten, denn der neue Fremdling hatte dem jungen Accoromboni eine glühende Freundschaft aufgedrungen. Vittoria schien sehr heiter, denn sie lachte noch und fütterte mit Brosamen aus dem Fenster ihre Tauben, die sie sehr liebte.
Vorlage S. 609
295
»Was erfreut dich, mein Kind?« fragte die Mutter mit schwerem Ton.
Vorlage S. 609
296
»Ei, dass ich schon wieder, fast wie Circe«, sagte sie übermütig »mir einen neuen Liebhaber eingefangen habe, den ich kaum noch in ein Tier zu verwandeln brauche, denn er tritt mir selbst als freiwilliger Gimpel entgegen. Er schwört mir zu, dass eine ewige, unüberwindliche Leidenschaft ihn zu meinen Füßen feßle, um ohne Trank und Speise vom Anblick meiner schönen Augen zu leben. Er will seinen alten Oheim zu seiner Einwilligung bewegen, oder augenblicks des schrecklichsten Todes sterben. Er hat mir in der kurzen Zeit, dass er jetzt bei mir war, mehr vorgeschwatzt und mir mehr Albernheiten gesagt, als alle meine vorigen und jetzigen Anbeter in Wochen. Wenn man nicht selbst von diesem Wahnsinn befangen ist, so gibt es auf Erden doch nichts so Lächerliches, als diese Liebe.«
Vorlage S. 609
297
»Und deinen Orsini hast du schon so bald vergessen?« fragte die Mutter.
Vorlage S. 610
298
»Nun ich den ersten Schreck überstanden habe«, antwortete sie, »muss ich auch über diesen Rodomont lachen. Er gefällt sich im Toben, seine Liebeserklärung weiß er nur in Flüche einzukleiden. Und am Ende kann man diese Sacripante und Rolande doch mit einem ruhigen, verständigen Blicke regieren.«
Vorlage S. 610
299
»Lass deine Tauben«, sagte die Mutter, »und setze dich zu uns.«
Vorlage S. 610
300
Vittoria nahte sich mit beobachtendem Blick und sagte: »Dir muss wieder etwas begegnet sein, denn du trittst mit einem ganz verwandelten Gesichte zu mir her. Ich wollte mit dir von diesem meinem Peretti sprechen, und herzlich in deiner Gesellschaft lachen. Hast du das schon in einem Gedicht oder Novelle gehört, dass ein wilder Ochs der Kammerherr ist, der den fremden, angekommenen Prinzen der geliebten Fürstenbraut vorstellt? Selbst unter den Tollheiten des Ariost würde diese noch als die verwunderlichste erscheinen: und doch ist die Sache buchstäblich wahr, und sie hat gerade mir begegnen müssen.«
Vorlage S. 610
301
»Wir stehn jetzt auf einem ganz andern Punkte«, sagte die Mutter; »seit gestern hat sich alles völlig geändert, das kann mir dieser bewährte Freund hier bezeugen.«
Vorlage S. 610
302
»Nun so sprich denn«, sagte Vittoria ganz gelassen, »ich denke, ich kann alles hören, solange noch das Tageslicht scheint; in der Nacht bin ich freilich viel furchtsamer.«
Vorlage S. 610
303
»Wir müssen verzweifeln!« rief die Mutter von neuem heftig aufgeregt, »alle Mittel entweichen, alle Hülfe lässt von uns los: Armut, Schande, Elend, Tod und Entsetzen stehn dicht vor unserer Tür, alle pochen laut und ungestüm an, und verlangen eingelassen zu werden, und unsre schützenden Wächter des Hauses sind entwichen und verleugnen uns.«
Vorlage S. 610
304
»Aber wir sollen uns nicht verleugnen, und solange meine Seele mein eigen ist, ruht auch mein Schicksal in meiner Hand. Nie, nie werde ich mich beugen, nie dem nachgeben, was die Menschen Notwendigkeit oder Verhängnis nennen. Welch Wesen kann zu uns treten und sagen: Du sollst mir gehorchen! Solange ich noch ein Glied regen kann, werde ich mich nicht vor Menschen, auch nicht vor Tod und Schicksal demütigen.« So sprach Vittoria.
Vorlage S. 610
305
Die Mutter sprang wütend auf, die Tochter hatte sie noch niemals so gesehn und Caporale entsetzte sich. »Ungeratene! Verblendete! Aberwitzige!« schrie sie mit gellenden Tönen, in Haltung und Gebärde aller Grazie völlig entkleidet. »Sieh her, vor einem kleinen Brosamen, vor diesem hier, das deiner Taube bestimmt, vor diesem Hundertteil eines Pfennigs kannst du knien und flehen müssen, zu ihm um Erbarmen schreien, und dem die rohen groben Hände küssen, der es in der Hungersnot mit Verachtung dir hinwirft, wenn ich gestorben bin, deine Freunde tot sind, deine Liebhaber dich verachten!«
Vorlage S. 610
306
Vittoria wandte sich zitternd und leichenblaß von der Mutter ab. Sie verstand deren Wesen nicht mehr; sosehr sie war erschreckt worden, sosehr sie sich auch vor diesem wilden Ausbruch der Wut und der Verzweiflung entsetzt hatte, so konnte sie sich doch nicht bergen, dass ihr die verehrte Frau zum erstenmal im Leben gering und hässlich erschienen sei. Diese Fremdartigkeit verschlang in diesem Moment alle andern Gefühle, sie kam sich edler und höher vor, und darum sagte sie ganz ruhig, selbst mit einer Art von kalter Verachtung: »Sollte es denn so sehr schwer sein, zu sterben, und das ängstigende Buch zu schließen, ohne alle Blätter desselben durchzulesen?«
Vorlage S. 611
307
»Verzeiht mir, Don Cesare«, sagte die Mutter jetzt zerknirscht und weinend, »ich habe mich wohl unwürdig betragen, und Ihr seid ein Zeuge meiner Schwäche geworden. Immer höre ich von der Törin wieder die Worte: Freiheit! Sterben! bei denen sie sich nichts denkt. Es stirbt sich nicht so obenhin; – und wenn auch – alles das erst durchleben zu müssen, was einem solchen Tode vorangeht!«
Vorlage S. 611
308
»So sprecht mit mir verständlich, ruhig«, sagte Vittoria. »weiß ich doch gar nicht einmal, wovon die Rede ist.«
Vorlage S. 611
309
Julia ging noch einigemal im Saale auf und ab, um sich zu sammeln, dann ergriff sie die Hand Don Cesares, wendete sich zur Tochter und sagte: »Vergib auch du mir.« Sie setzte sich dann, und erzählte mit zitternder Stimme, die aber im Fluss der Rede nach und nach erstarkte, von dem Prozess, der wahrscheinlich, und mit ihm ihr Vermögen, verlorengehn würde, von der nahen Hinrichtung des Bruders, ihrem Verarmen, der Möglichkeit der Gewalttat von seiten Orsinis, und wie endlich der so freundlich scheinende Kardinal, er, fast der angesehenste Mann des Staates und des erlauchten Collegii, jene Vorschläge getan, die auch Caporale schon kenne, weil er sie kalt überlegt diesem ebenfalls mitgeteilt habe. »Und nun du alles weißt«, schloss die Mutter, »so brich nicht in unnütze Wut aus, sondern rate und hilf jetzt, wenn du denn so mächtig bist.«
Vorlage S. 611
310
Die Mutter und Caporale zitterten jetzt vor dem Ausbruch der heftigsten Wut, den sie mit Bangen erwarteten; – doch wie waren sie erstaunt, als Vittoria ganz ruhig blieb, ja sich noch kälter und gelassener zeigte, als zuvor. Endlich sagte sie, fast im höhnischen Ton: »Nun, Mutter, was ist es denn nun weiter? Ich dachte, welche Wunder Ihr mir zu entdecken hättet. Wir können in kein fremdes Land flüchten, dazu fehlen uns die Reichtümer; hier in den Provinzen, oder unserm Vaterlande ist keiner so mächtig, oder uns so befreundet, dass er uns schützt und erhält, wir sind der Willkür, der Ungerechtigkeit, der Gewalt und wohl dem Morde preisgegeben. Der einzige Widerstand, der uns noch übrigblieb, ein edler, freiwilliger Tod, wie ihn die großen Römer nicht selten an sich vollstreckten, diesen wollt Ihr nicht billigen, weil Ihr meint, das göttliche Gesetz, unsre Religion, habe den Selbstmord für die unverzeihlichste Sünde erklärt; – also – warum die Vorschläge unsers besten Freundes, des großen mächtigen Kardinals, nicht annehmen? Reichtum, Glanz, die Freiheit des Bruders, das Aufblühen unsrer Familie, alles wird uns großmütig angeboten. Kein andrer wird dabei aufgeopfert als nur ich allein. Und wenn ich also nun mit dieser Anordnung zufrieden wäre? Ja, wäre der Freund, der mir mit diesen Lockungen entgegentritt, ein so großer Mann, wie es der Papst Julius der Zweite war, wäre er ein Lorenzo Magnifico, so wäre es selbst kein Opfer von meiner Seite, denn ein so großer Charakter wurde mich zwingen, ihn zu lieben. Und wie ich von der hergebrachten Ehe denke, weißt du ja längst, Mutter. Diese willkürliche Hingebung an schwache gewöhnliche, ja verächtliche Männer – wie soll ich glauben, dass eine priesterliche Weihe, eine Zeremonie, dieses elende Verhältnis heiligen könne? Nur für das blöde Auge der Menge, für den zünftigen Priester, für jammervolle alte Gevatterinnen kann zwischen der privilegierten und scheinbar verbotenen Verbindung ein Unterschied stattfinden. Wenn mir alle Männer gering und armselig erscheinen wenn die Ehe selbst mir widerwärtig ist, und du doch behauptest, jedes weibliche Wesen müsse sich ihr fügen; so begreife ich deine zürnende Empörung über unsern alten würdigen Beschützer nicht.«
Vorlage S. 612
311
»Ich erkenne dich nicht mehr für meine Tochter«, sagte die Mutter kalt und verließ das Zimmer.
Vorlage S. 612
312
Caporale war so erstaunt, dass er nicht wusste, ob er richtig gehört oder verstanden hatte. »Lasst mich!« rief jetzt Vittoria mit dem heftigsten Ausbruch der Tränen: »ich will allein sein; es ist mein Schicksal, von keinem Menschen verstanden zu werden.«
Vorlage S. 612
313
Viertes Kapitel
Vorlage S. 613
314
Der alte Kardinal saß sehr tiefsinnig in seinem Zimmer, verstimmt und zugleich gerührt. Der junge Neffe, Francesco Peretti, stand verlegen im Winkel des Gemachs, seine Augen waren rot und feucht, und man sah ihm an, dass er eben heftig geweint hatte. »Alle meine Pläne«, fing der Alte jetzt nach einer langen Pause an, »brechen zusammen; die Freude meines Lebens ist dahin. Seit ich dich, Unglücklicher, sah, hat sich eine fast rätselhafte Liebe zu dir meines Herzens bemächtigt: in dir wollte ich meiner armen Familie alles vergüten und ersetzen, was ich zu meinem Schmerz meinen vielbedrängten Eltern nicht habe widmen können, weil sie früher dahingingen, als ich in irgendeinem Wohlstand mich befand. Die Schwester, den Bruder wollte ich in dir beglücken, und dich als Grundstein niederlegen, auf welchem meine Familie einst das Gebäude ihres Ansehns und Einflusses aufführen könnte. Du kommst an, der Tag, wo ich dich wiedersah, war beglückend für mich, in der Täuschung war er der schönste meines Lebens. Denn freilich, musste ich den Irrtum schon früh gewahr werden; du bist schwach, fast ohne Charakter und Männlichkeit, scheust die Arbeit und lebst am liebsten in Zerstreuung, und was noch schlimmer ist, in schlechter Gesellschaft. So musste ich es bald aufgeben, dir die geistliche Laufbahn zu eröffnen, auf welcher ich dir am hülfreichsten sein kann, da du deinen Widerwillen gegen den ehrwürdigen Stand auch gar nicht verhehltest. Schon damals schwankte ich in meinem Entschluss, ob ich gut getan, dich nach Rom zu rufen, oh ich dich nicht lieber sogleich wieder auf das Land zurückschicken solle. Es kam aber noch schlimmer. In meiner Gegenwart zitterst du vor mir und beugst dich meinem Willen, und hinter meinem Rücken bist du ausgelassen, frech und spielst den Frevler, nimmst die Manieren an, die du von den hiesigen Erben der großen Häuser siehst, als wenn du zu ihnen gehörtest. Die Studien, die ich dir aufgegeben, die dir einmal Achtung und bedeutende Staatsämter erringen sollen, vernachlässigst du, jeder deiner Lehrer klagt dich an, keiner will, so gern sie mir schmeicheln möchten, Hoffnung für dich schöpfen. Nachher hast du dich von deinen verächtlichen Gesellschaften verleiten lassen, liederliche verrufene Weibsbilder zu besuchen, du gehst in den schändlichsten Lüsten unter, und es ist so weit gekommen, dass meine törichte Liebe sich gewöhnen muss, deinen Tod für kein Unglück mehr zu halten.«
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Peretti kam näher und kniete demütig vor dem alten Oheim nieder. – »Eminenz«, sagte er flehend, »erlaubt mir Eure liebe wohltätige Hand zu küssen. O liebster, vortrefflichster Oheim, vergebt doch noch einmal einem irregeleiteten jungen Menschen. Ich werde mich bessern, ich werde künftig Euern Ermahnungen mehr Gehorsam leisten: Nur –«
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»Nun ja!« rief der Kardinal mit Heiligkeit aus: »nun tut sich ein neues Abenteuer hervor, das tollste noch von allen! Das junge Blut will jetzt schon heiraten, das flachsköpfige Bürschchen ohne Bart, Verstand und Erfahrung, will einen Ehemann vorstellen und eine Haushaltung führen. Sollte eine Vermählung stattfinden, so war dazu nach manchem Jahre noch die Zeit, wenn du in der Welt bekannt, wenn du die Achtung angesehener Familien genossest – aber jetzt schon! Und wen? Eine Unbedeutende, wie man sagt talentvolle Dichterin! Bekannt durch Schönheit und viele Liebhaber- alles abgeschmackt!«
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»O liebster, verehrtester Vater«, rief Francesco aus, »– ja so muss ich Euch nennen, denn so väterlich, gütig, liebreich, mehr als ehrwürdig erscheint Ihr mir. Glaubt mir es doch dass diese Liebe keine jugendliche Übereilung ist, dass Eure gnädige, liebreichste Einwilligung mich glücklich und zu einem ganz andern Menschen machen könnte. Seit ich die himmlische Accorombona nur gesehen habe, bin ich verwandelt und gebessert; meine Gesellschaft, die Ihr mit Recht tadelt, habe ich verabschiedet und mag sie nicht mehr sehn, denn ich weiß es jetzt, wie edle Menschen den ken und sich betragen müssen. Erhebt Ihr mich zu meinem höchsten Glück, so werde ich Euch gewiss Ehre und Freude machen. Könnt Ihr mir nicht Eure Einwilligung geben – ach! Teuerster, Einziger – Ihr nennt mich schwach, und ich bin es auch – aber, wenn Ihr unerbittlich seid, so wird sich meine Schwäche in Verzweiflung verwandeln und meinen Untergang bereiten.« –
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Er weinte von neuem und warf sich wieder in der heftigsten Bewegung vor seinem Oheim nieder. Dieser blieb ganz ruhig, betrachtete ihn gelassen von oben, und spielte dann nachdenkend mit seinen blonden Locken. »Die Jungfrau soll groß, kühn und keck in ihrer Gesinnung sein«, sagte er dann; »ich habe sie nie gesehn, aber den rechtschaffenen Vater habe ich wohl vorzeiten gekannt: wie wird diese Starke dich lieben und achten können, wenn auch sonst alle Hindernisse gehoben wären?«
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»Der Bruder Flaminio, dem ich mein Herz eröffnet habe«, erwiderte der Jüngling, »gibt mir Hoffnung; er hat mir von der Schwester gesagt, wie wunderbar ihr Wesen sei. Sie verabscheut den Luigi Orsini, der sich schon seit lange mit der größten Heftigkeit um sie bewirbt, und erklärt: nur mit einem stillen, friedlichen Mann, von sanftem Charakter, könne sie in der Ehe glücklich sein.«
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»So segne dich der Herr«, sagte der Kardinal, indem er wieder die Hand auf das Haupt des Knieenden legte; »er erfülle deine Hoffnungen. Du weißt es aber selbst, Francesco, dass ich dich nicht mit Reichtümern ausstatten kann, ich kann jetzt nur wenig für dich tun. Sprich mit der Mutter, die man als eine kluge, verständige Frau rühmt. Bringe mir ihre und der Tochter Einwilligung. Vielleicht entspringt dein und unserer Familie Glück aus dieser Verbindung, wenn sie möglich ist. Dass sie den großen, mächtigen Orsini ausschlägt, gibt mir von ihr einen guten Begriff, dass sie sich einen einfachen sanften Mann wünscht, zeugt von ihrem Verstande, und dass ihr ein kleines stilles Glück höher steht, als Glanz und Pomp. Geh, wir sprechen uns wieder.«
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Der junge Francesco war so entzückt, dass er nicht wusste, wie er aus dem Hause gekommen war, als er sich auf der Straße sah. Einer seiner vorigen wilden Bekannten wollte ihn anreden er wies aber den unnützen Burschen mit der größten Verachtung zurück, ohne ihn eines Wortes zu würdigen. Er flog nach dem Hause der Accoromboni.
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Hier war die Mutter allein in ihrem Zimmer, und hatte ihre Fassung mehr errungen, indem sie mit einiger Ruhe ihr Schicksal und ihre mögliche Zukunft überdachte. Sie wollte sich im äußersten Fall in die Abruzzen zu einer wohlhabenden Muhme begeben und bei dieser in der Einsamkeit mit den Trümmern ihres Vermögens leben. Zwar graute ihr vor der Lebensweise dort, die sie schon kannte, wenn ihre Phantasie sie ihr ausmalte, und sie sich aller Umstände errinnerte, die sie vor Jahren gesehn und beobachtet hatte. Sie grübelte dann wieder, weshalb sie, die Ältere, eine so viel größere Scheu vor dem Tode, als ihre widerspenstige Tochter habe, sie entsetzte sich weniger, wenn sie sie auch nicht begreifen konnte, vor diesen ketzerischen Ansichten von der Ehe, dem guten Ruf und allen diesen hergebrachten Regeln des Anstands und der Tugend, die sie doch in ihrem Leben so oft von den höchsten, edelsten Männern, sowie von den geistreichsten und vorzüglichsten Weibern hatte verletzen sehn. Ihr graute vor diesen Verirrungen, und dennoch schien ihr die Tochter auch nicht ganz unrecht zu haben, wenn diese die gewöhnliche, rechtliche Bahn des Lebens, wie so viele Menschen sie wandelten, eine trübselige, unbefriedigende nannte. Ihre eigene Jugend erschien ihr wieder in einem lebhafteren Lichte, und viele Erinnerungen und Gefühle, die sie längst abgestorben wähnte, tauchten mit neuer Gewalt aus ihrem Herzen auf.
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Es war ihr daher, wie ein Wink des Schicksals selbst, wie die glücklichste Wendung, die sie nur hätte ersinnen können, als Francesco Peretti mit seinem Liebesantrage hereinstürmte und in seiner Hast zugleich die errungene Einwilligung seines Oheims meldete. Die Mutter antwortete dem jungen Menschen sehr freundlich, und gab ihm alle Hoffnung. Er erschöpfte sich in Dank und Entzückung, und konnte es nicht müde werden, die schönen Hände der kündigen Schwiegermutter immer wieder und wieder zu küssen. Sie versprach, mit der Tochter zu seinem Besten zu reden, und mochte sich gern selbst überzeugen, dass sie dem Jüngling sichre Hoffnung geben könne.
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Sie ging nach dem Zimmer Vittorias; diese aber war nicht zugegen, und wahrscheinlich in der Kirche, oder zum Besuch einer Nachbarin. Francesco nahm Abschied, um noch vor Abend wiederzukommen, und sich die Bestätigung seines Glückes zu holen. »Vergesst aber nicht, junger Mann«, rief ihm die Mutter nach, »dass mir die Eminenz einige Punkte bewilligen muss, die nicht unbillig sind, ohne welche aber die Vermählung nicht vor sich gehen kann, wenn auch meine Tochter selbst ihre Einwilligung gibt.«
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Es hatte sich im Hause ein seltener Gast eingefunden, der Pfarrer aus Tivoli nämlich. »O seht, Freund Guido«, sagte die geschwätzige Amme zum alten Diener, als der Priester eingetreten war, »seht da den verehrten geistlichen Herrn; o der ist so schrecklich gelehrt, dass er lauter unvernünftiges Zeug spricht was kein Mensch versteht. Ach, das ist überhaupt der Nutzen vom Studieren, dass der Mensch die Gabe erhält, ganz fließend und hintereinander so recht geläufig, ohne nur zu stocken, lauter Unsinn zu sprechen, wo unsereins über jedes Wort tagelang grübeln müsste.«
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Der alte Priester legte seinen breiten Hut auf den Tisch, setzte sich nieder und sagte: »Ist das Geschwätz bald zu Ende?«
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»Was verschafft uns denn die Ehre?« sagte Ursula, indem sie sich vertraulich zu ihm niedersetzte. Guido legte den Hut beiseite und stellte vor den alten Mann ein gutes Glas Wein und einige Früchte hin. Indem der Priester nur gleichgültig mit einem Nicken des Kopfes dankte und trank, fing er so an: »Ich war hier in der Stadt bei den armen Eltern des Camillo Mattei. Sie sind in Verzweiflung, die elenden Personen. Der junge Bengel ist schon seit lange von mir fortgelaufen, aber nicht nach Rom wie ich mir einbildete; Vater und Mutter haben ihn, seit er zu mir kam, gar nicht wiedergesehn. Nun wollte ich Euch fragen, liebe verständige alte Person, ob er zu Euch hierher geraten sei. Eure Herrschaft ist keine vornehme und angesehene, das weiß ich wohl, also wird er hier keinen Haushofmeister, Sekretär, oder Cabinetsrat vorstellen können.«
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»Nein«, unterbrach sie ihn, »solche Würden kennen wir hier in unserm Hause gar nicht.«
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»Richtig«, fuhr der Priester kaltblütig fort, »ich dachte auch nur, ob der Bengel nicht vielleicht als irgendein Haustier zum nützlichen Gebrauch angestellt sei. Im Hundehause habe ich mich schon umgesehn, die Stelle ist aber schon von einer andern würdigen Person besetzt und eingenommen, die mich auch in ihrem Amtseifer recht derbe angeschnauzt hat. Ich wollte mich bei dem Truthahn erkundigen, er kollerte ebenfalls was Zorniges daher, und der stolze Pfau wollte gar nichts von mir wissen. So komme ich denn von jenem unvernünftigen Vieh zum philosophischen und ausgebildeten Teil der weitläuftigen animalischen Schöpfung, um mich bei Euch zu erkundigen, ob Ihr denn von meinem Neffen gar nichts wisst.«
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Carl Spitzweg – Der Bücherwurm, um 1850. Motivvergleich zu Lesen und Wissen; keine Darstellung einer Figur dieses Buches.
Kontextbild zum Werk. Der Bücherwurm · Carl Spitzweg · Public domain Bildquelle ↗
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»Seht Ihr, Guido«, rief die Alte, »was der durcheinander welscht und kaudert, je kunter, je bunter, wie man zu sagen pflegt. Nun denkt er gar, sein Neffe wäre zu den unglücklichen metaviehischen Wesen übergegangen, was doch keinen Menschenverstand in sich hat. Nein, mein Lieber, vielfach redender Mann ich kann Euch das Naturwunder wohl besser erklären, wie es mir schon seit lange deutlich geworden ist.«
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»Nun?« sagte der Geistliche.
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»Ja, es ist nur«, sagte sie nach einigem Bedenken, »dass Ihr gewiss ein ungläubiger Freigeist seid, der alles aus der Natur und seiner Philosophie erklären will. Aber soviel werdet Ihr doch wissen und in Eurem Katechismus gelernt haben, dass es unsichtbare Wassergespenster gibt.«
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»Gewiss«, sagte der alte Geistliche, »kein Mensch zweifelt daran.«
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»Diese Amvibien nun, und Truthohnen, und Amfulotriten und Neptuns, und wie die Bestien sonst noch heißen mögen, denn ich habe meine liebe Vittoria, die ich selber lange gesäugt und gestillt habe, das heißt freilich in ihrer frühen Jugend, wo sie alle diese marterlogischen Kenntnisse noch nicht haben konnte, diese habe ich oft von diesen Geschöpfungen und krüppelgamischen Kreaturen reden hören und mir das Wichtigste und Nützlichste daraus gemerkt, wenn sie so mit ihrem Herren Serschanten oder Corporale, wie er auch heißt, oder mit ihrer Mutter reden tat.«
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»Ihr könntet Professor der Mythologie an einer Universität werden«, sagte ganz trocken der Priester und leerte seinen Becher.
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»Ach! warum nicht gar«, lächelte die Alte, »nach so was ist meine Amputation niemals gegangen. Man kann nicht alles sein. So ein Professor lässt freilich einen ganzen Saal voll junger Studenten an sich saugen, dass ihm auch mit der Zeit Geist und Seele ausfährt, und er zuletzt nur noch was daherstammert, was weder Kind noch Kegel mehr ist, so hat er sich in das Ungewaschene und Ungehauene und Ungestochene vertiefen müssen. – Doch wieder auf diese Wasserteufel zu kommen, so kann ich Euch zuschwören, und ich will es vor jedem Gericht bestätigen, dass sie da in Tivoli, in Eurer Nähe ganz besonders hausen. Ihr müsst sie ja auch oft genug gehört haben: denn in dem großen Wassertümpel, in dem fürchterlichen Abgrund, den sie die große Gaskonade nennen, da kollern sie und bullern und brüllen und brällen ja so abscheulich, dass einem Hören und Sehen vergeht. Denn da bin ich einmal in der Nacht oben vorbeigegangen, ich habe mich immer gehütet, in die Hölle hinabzukriechen, und da habe ich es in der stillen Nacht ganz deutlich immer schreien und brüllen gehört: ›Komm runter! komm Ursel! Trauben kriegen! Fressen haben! Herrlich hier! Komm, komm, du Maulaffe!‹ – Da schrie ich aber wieder hinunter, so laut ich immer konnte: ›Gehorsamer Diener! sucht Euch einen andern Maulaffen!‹« –
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»Nun, der hat sich auch gefunden? Nicht wahr, Frau Ursula?«
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»Gewiss«, antwortete sie, »und das ist ja eben Euer dummer, einfältiger Neffe. Ich habe es wohl gesehn, wie die Vittoria damals den bunten Fangeball strickte, da kam der Camillo einen Nachmittag und brachte ihr ein Flausch, oder Papier, oder Zettel; den steckten sie in den Ball hinein und lachten dabei, als wenn sie was Besonderes getan hätten. Das war nun aber das Paktum, womit sie sich den Wassergespenstern verschreiben wollten, denn immer war von Neptun und Apoll, und andern Greueln die Rede. So gingen sie aus und das Karnickelgespenst, das weiße Koboldchen mit den roten Augen stellte so gleichsam einen Abgesandten in seinem weißen unschuldigen Felle vor, wie die Herrn Ambassadors denn auch gar zu gern so recht unschuldig tun, wenn sie es am dicksten hinter den Ohren haben; nun dieser Karnickel fragt denn auch ganz freundlich und fromm: ›Kommt ihr jetzt?‹ ›Ja!‹ schreit die übermütige Vittoria, ›gleich!‹ und schmeißt den Ball auch mit dem inwendigen Paktum in das strudlige Wasser. Das Wasser lässt sich das auch nicht zweimal sagen, sondern schluckt den Ball gleich in seinen Rachen hinunter. Nun müssen sie nachspringen, aber die Vittoria, der es doch leid werden machte, kehrt wieder um. Camillo macht sich auch noch davon, aber die Sappermenter von Elementsgeister geben ihn doch nicht wieder frei. Ihr habt es selbst gesehn, alter einsichtsvoller Mann, und habt es mir gewiesen, wie er so blitzblau auf seinem Rücken von den Teufeln gezeichnet war, dass er wie eine Brombeere, oder schwarze rote Maulbeere ausschaute. Ihr wisst ja, wie man die Schafe und Hammel auch auf ähnliche Art mit Rotstein zeichnet, dass man auf der Gemeinweide, oder auch beim Verkaufen weiß, wem sie gehören. Nun hat er sich also doch freiwillig wieder bei seiner Compagnie melden müssen. Und so hängt die Sache natürlich zusammen. Nun fürchte ich immer, wird mein Vittorchen doch auch noch nachgeholt, wenn sie auch hier in Rom auf dem festen Lande ist; aber die Belzebubs von da können gewiss in die Tiber hineinschwimmen. Denn sie hat wenigstens in diesen Tagen schrecklich viel geweint und geheult, und die Mutter nicht weniger. Auch haben sie sich fürchterlich gezankt. Nicht wahr, nun habt Ihr's begriffen?«
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»Ja wohl«, sagte Vinzenz, der Priester:, »ich danke Euch für diesen gründlichen Bericht; Guicciardini selbst hätte ihn nicht besser abfassen können.«
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Als die Mutter eines Geschäftes wegen in die Kammer trat und den Priester bemerkte, lud sie diesen an ihren Mittagstisch, wo sie und die Tochter, nebst dem Dichter Caporale ziemlich heiter waren.
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Alle nahmen sich vor, sich nach Camillo zu erkundigen, und der Priester entfernte sich dankbar, da er diese freundliche gastliche Aufnahme von den Leuten, deren Stellung er in der Welt als eine hohe betrachtete, nicht erwartet hatte, die Mutter ihm auch noch zur Erleichterung seiner Reise ein Geschenk verabreichte.
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»Wie froh bin ich«, sagte sie hierauf zu ihrem alten Freunde, »dass diese Unbändige sich endlich doch hat zähmen lassen. Ich habe sie wirklich nicht genug gekannt, denn ich glaubte nicht, dass ihre frevle, unnatürliche Gesinnung sie so weit führen könne. Morgen werde ich den Kardinal besuchen und mit ihm die Bedingungen des Ehekontrakts verabreden. So wird Ruhe und Friede in unsre Familie kommen und wir können glückliche Tage erleben.«
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»Aber«, warf Caporale ein, »passte dieser Eidam auch zu der großgesinnten Tochter?«
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»Es musste zum Schluss kommen«, sagte sie.
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»Wenn es nur nicht der Anbeginn anderer, ebenso schlimmer Verwicklungen ist«, bemerkte der Alte.
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»Alles«, rief die Mutter, »lässt sich leichter ertragen, als der Schwindel, in welchem wir uns jetzt taumelnd bewegten, dass mit jedem unbewachten Augenblick das Elend unerwartet hereinbrechen konnte. Die Notwendigkeit, die Verhältnisse zügeln und zähmen von nun an den wild umfahrenden Zufall, durch diese Alltäglichkeit wird sie dem Leben und der Natur wieder zurückgegeben, und der Gatte wird an ihrer Seelenstärke emporwachsen, sich an ihr erstarken und zum Manne reifen. Indessen geht unvermerkt die stürmische Jugend vorüber, und das Leben hat sie in die notwendigen Gleise hineingewöhnt, in denen es doch nun einmal laufen muss, wenn es sich nicht selbst zerstören soll.«
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Als sich Caporale entfernte, traf er draußen auf dem Hofe die junge Freundin, welche ihre Tauben fütterte. »Und Ihr wollt Euch vermählen? Und an Peretti?« fragte er. »Ihr hofft doch glücklich zu werden?«
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»Folgt mir in den kleinen Garten«, antwortete sie; »Ihr seid uns in diesen wenigen Tagen so nahegekommen, dass ich zu Euch vertraut, wie zu einem älteren Bruder sprechen kann.«
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Sie gingen in eine Baumpflanzung, die über ihnen lieblich rauschte. -»Was sollen wir glücklich nennen?« fing sie an; »ich sehe mit jedem Tage mehr ein, dass dasjenige, was ich mir so nennen wollte, nur ein albernes Kindermärchen ist, und doch ist alles, was jenseit dieser Wünsche liegt, nicht der Mühe wert, es vom Boden aufzuheben, wenn es auf dem Spaziergange vor unsern Füßen schimmert. Ich werde eingespannt, wie der Ackerstier, in das Joch der alltäglichen Gewöhnlichkeit, so ziehe ich denn nun auch die Furchen der hergebrachten und regelrechten Langeweile, wie die übrigen Menschen.«
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»Konnte es Euch aber wirklich Ernst sein«, fragte Don Cesare wieder, »mit jenem Farnese? Ich berge es Euch nicht, ich war über Euern Ausspruch ebenfalls erschrocken.«
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Sie sah ihn mit ihrem scharfen glänzenden Auge an und erwiderte: »Und wenn ich Euch nun gerade hin sagte, dass es mein Ernst wäre – was gibt es denn da zu erschrecken? Ob ich so oder so verkauft werde, wenn ich dann doch einmal verhandelt werden soll, kommt doch wohl auf eins hinaus. Wer versteht denn von euch, oder auch von Weibern und Müttern, die Hoheit, den reinen Adel einer echten Jungfrau? Alle haben es ja längst in Geschäften, Pflege des Mannes, Wartung ihrer Kinder vergessen, wie es in diesem Heiligtume aussieht. Die Entweihung soll unser Beruf sein, so sagen sie alle, ich habe es aber nie geglaubt: zwang die eiserne Not einmal, der sich auch der Kühnste beugen muss, wie ich es jetzt erlebt habe, nun so war ein Mehr oder Weniger der Entwürdigung immer nicht so gar wichtig. Weggeworfen bin ich, vernichtet, es hat so sein müssen, ich erlebe meine sogenannte Bestimmung, das heißt in meiner Sprache: die Nichtswürdigkeit.«
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»Und immer wieder muss ich vor Euch erschrecken«, sagte der Dichter.
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»Wie ich vor dem Leben«, antwortete sie mit scharfem Ton: »ja wohl habe ich in dieses kalte ekle Schlangengewinde, in dieses Durcheinander des widrigsten Ungeziefers erst jetzt den wahren, richtigen Blick hineinwerfen können. – Ich möchte weinen, und ich muss eben lachen, wie Ihr seht.«
Vorlage S. 621
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Caporale fuhr vor dem lauten krampfhaften Lachen wie schaudernd zurück. »Ja, ja, es ist nicht anders«, fuhr sie mit feurig glänzenden Augen, wie phantasierend fort: »zum Lachen ist alles das mehr als zum Weinen. Nie habe ich meine Mutter so gesehn, nie mich vor ihr gefürchtet, mich noch niemals in meinem Innern von ihr abgewendet. Muss denn auch der edelste Mensch in der Zorngebärde, in der Verzweiflung etwas Geringes und Unedles zustande bringen? Warum denn aus dem empörten Abgrund die widerwärtige Schlacke heraufwälzen? Doch freilich, wenn es vielleicht der Geist – wo kommt sie sonst her? Es ist ja das Innere, was man so nennt, mit Worten. Oh, man könnte darüber wahnsinnig werden. – Diese ihre ungeheure Heftigkeit, so warnte mich die entsetzende Stimme meiner sündlichen Prophetengabe – diese brausete hervor, und sie hätte mir vielleicht gar ihren Fluch gegeben, um doch, wenn das Unheil nun geschehen, wie Pilatus die Hände waschen zu können. – Nun trat denn doch die große Herrlichkeit ein, denn meine böse Verkehrtheit hatte keiner Ermahnung nachgegeben: leidend, still, verschlossen nahm sie daran teil und genoss den Glanz der Welt. Seht, darum will ich die Gattin dieses kleinen Peretti werden, um nicht noch einmal alle diese Leidenschaften zu erregen. Ich mache Ernst aus dem Opfer, was mir vielleicht angedeutet wurde, um meine Widerspenstigkeit erst recht zu erregen. – Tue ich aber ihr, oder der Menschheit, hiermit nur das allerkleinste Unrecht, so bedenkt einmal, und schaudert, welche Schlacke sich jetzt aus meiner niederträchtigen Seele heraufgewälzt hat. – Und habt Ihr schon je erfahren, wie es in Euerm Innern beschaffen ist? – Lebt wohl, mein Freund, denn das müsst Ihr mir von jetzt mehr als je sein und bleiben.«
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Caporale schüttelte das Haupt, als er sich auf der Gasse befand. In diesem ernsten Lichte hatte er das Leben noch niemals betrachtet. Welche sonderbaren Eröffnungen und Bekenntnisse hatten ihm in so kurzem Zeitraum die Mutter, die Tochter und der Kardinal Farnese gemacht, deren Vertrauter er, ohne sein Zutun, geworden war.
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Fünftes Kapitel
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Beim Gouverneur, dem mächtigen Buoncompagno, erhielt Graf Pepoli leicht Zutritt und eine freundliche Aufnahme. Die schriftliche Empfehlung der fürstlichen Margareta von Parma bestimmte den feinen Mann, einen so ausgezeichneten Bittenden anders, als die Mehrzahl von Supplikanten zu behandeln. Dabei hatte diese Entführung der angesehenen Magistratsperson großes Aufsehen gemacht, so dass der Regierung selber viel daran lag, einen solchen Frevel auffallend zu strafen und den Gemißhandelten frei zu machen. Dem Grafen ward also gern bewilliget, allein und ungestört mit Ascanio, dein Gefangenen, zu sprechen, und von ihm die Möglichkeit der Rettung des alten Mannes zu erkundigen.
Vorlage S. 622
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Ascanio, ein blasser, schmaler Mensch, erstaunte sehr über den Besuch des vornehmen Mannes. Als er den Gruß vernahm, den ihm Pepoli von dem hingerichteten Strada brachte, schrak er zusammen, doch noch weit mehr, als er vernahm, um welche Angelegenheit es sich handle, und dass vom alten Velluti, und dessen Befreiung die Rede sei. Der Gefangene rang die Hände und brach in ein heiliges, laut klagendes Weinen aus. »Ich sehe«, rief er nach einer Pause, »ich bin auf eine schreckliche Weise verloren, mein Verbrechen, falsche Münzen geschlagen zu haben, wird nun um so mehr geglaubt werden, und obenein zieht man mich nun in den neuen Prozess hinein! Ihr habt mich bei dieser verruchten Sache schon dem Gouverneur genannt, man wird weiter forschen, mir die Folter nicht ersparen und mich dann auf schmähliche Weise hinrichten. Ach Himmel, warum ist es dem Menschen doch nicht immer vergönnt, einen einfachen und rechtlichen Lebenswandel zu führen! Ich wäre ja so gern im engsten Kreise froh und zufrieden gewesen.«
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Der Graf suchte ihn zu beruhigen und nach und nach sein Vertrauen zu gewinnen. Die Freundlichkeit des jungen Mannes, seine Liebenswürdigkeit brachen auch allgemach den Starrsinn des Verbrechers und lösten seine Verzweiflung auf. »Ich will Euch vertrauen«, sagte er endlich, »ich lege mein Schicksal in Eure Hände, wenn Ihr leichtsinnig oder zweideutig seid, bin ich verloren, daran kann ich nicht zweifeln; aber, wenn Ihr klug sein wollt, so bleibt Ihr ehrlich, denn Euer Los ist, wenn Ihr mich preisgeben solltet, auch vielleicht geworfen, denn Ihr seid durchaus ein Fremdling auf dem Boden, den Ihr jetzt zu betreten wagt.«
Vorlage S. 623
360
Der Graf nannte ihm seinen Namen, Stand, und dass er reich sei, und gesonnen, eine bedeutende Summe nicht anzusehn, um dies gute Werk, das er sich vorgesetzt, durchzuführen.
Vorlage S. 623
361
»Ich hoffe«, sagte Ascanio, »Ihr werdet mich belohnen, aber eine Bedingnis muss jeder andern vorausgehen.«
Vorlage S. 623
362
»Und die ist?«
Vorlage S. 623
363
»Der Gouverneur muss mich freilassen, unbedingt, er muss meinen Pardon unterschreiben, alles muss zwischen uns abgetan und vergessen sein. Könnt Ihr es durch Euren Einfluß dahin bringen, so glaube ich Euch die Freiheit und das Leben Eures Verwandten versprechen zu können.«
Vorlage S. 623
364
Der Graf erschrak über diesen Vorschlag. »Glaubt mir nur«, rief Ascanio, »kann das nicht geschehen, so ist alles unmöglich und wir wollen jede Rede darüber jetzt und für immer abbrechen. Und wenn Ihr mir die Freiheit verschafft habt, und wenn ich draußen bin und Euch geholfen habe, ist mein Leben noch immer in Gefahr.«
Vorlage S. 623
365
»Wer aber steht mir dafür«, sagte der Graf, »wer gibt mir die Gewährleistung, dass Ihr, sowie Ihr im Freien seid, nicht entflieht, und ich mit meinem Mühen so weit bin wie jetzt?«
Vorlage S. 623
366
»Ich weiß nicht«, antwortete der Gefangene, »warum ich Euch mehr als andern Menschen vertraue; aber, wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt, mich zu befreien, so sollt Ihr mich jetzt noch hier im Kerker lassen, und mich nur erlösen, wenn Ihr meine Aussagen wahr befunden habt. Kehrt Ihr dann frei und überzeugt zurück, so erfüllt Euer Versprechen und wir sind uns beiderseits durch Dank verpflichtet.«
Vorlage S. 623
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Der Graf ging wiederum zum Gouverneur, erinnerte ihn, wie so manche Verbrecher aus Gnade schon befreit worden wären, wie man durch diesen völlig reuigen Sünder etwas Gutes stiften wolle, dass dieser sich anheischig mache, im Fall er begnadigt würde, niemals wieder mit irgendeinem Trupp von Banditen gemeine Sache zu machen, und wie man doch gestehen müsse, dass manche dieser Räuber mehr durch Schicksale, als durch ihre Neigung zu diesem Stande getrieben würden, viele Vornehme selber diese Wegelagerer aufmunterten und in ihren Sold nähmen, so dass man bei diesem Armen, Zerknirschten sich wohl einmal eine Abweichung vom Gesetz erlauben dürfe.
Vorlage S. 624
368
Buoncompagno war als ein edler Mann von großer Gesinnung nicht unwillig, Pepolis Begehren zu erfüllen, weil er selbst am besten das Elend seines Vaterlandes kannte, und weil das Verderbnis des gemeinen Mannes hauptsächlich von den Großen, selbst den Fürsten ausging, die durch diese Unordnung und Verwirrung die Kräfte und das Ansehn des römischen Staates schwächen, und, wo möglich, vernichten wollten. Er gab also dem Grafen den unterzeichneten Pardon, indem er ihm den besten Erfolg wünschte.
Vorlage S. 624
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Als dieser in den Kerker zurückkam, fand er den Gefesselten beschäftigt, einen Brief durch Wachs und eine Chiffer, die in Holz geschnitten war, zu versiegeln. Der Gefangene war sehr erfreut als er den Gnadenbrief sah, der ihm seine unbedingte Freiheit versicherte. »Ihr seid ein Ehrenmann«, sagte er, »wie es wohl heutzutage nur wenige geben mag, ich verdanke Euch Leben und Luft und dass ich nun meine Kinder und Gattin wiedersehen kann. Das ist mehr als Leben. Auch wollt Ihr mich noch beschenken, so dass ich mit Sicherheit einen neuen Lebensplan anheben mag. Ihr sollt sehn, verehrter Mann, dass Ihr Euch keinen Unedlen verpflichtet. Aber so lieb Euch Ehre, Leben und Gewissen sind, handelt nun auch genau nach meiner Anweisung, und lässt keinen Sterblichen, ohne alle Ausnahme, wissen, was unter uns beiden vorgefallen ist. Darauf gebt mir Eure gräfliche Hand zum Pfande.« – Es geschah. -»Nun nehmt«, fuhr er fort, »dies mit Wachs versiegelte Blatt, aber zeigt es keinem Menschen, und wenn Ihr es aufbrechen solltet, würde ich Euch für einen Treubrüchigen und Meineidigen halten müssen, und es würde Euch und mir zum Verderben gereichen. Ihr würdet nichts inwendig finden, kein einziges geschriebenes Wort, sondern nur eine Chiffer, die Euch völlig unverständlich wäre. Dieses stumme Blatt, ohne Aufschrift, diese Chiffer enthaltend, werdet Ihr dort abgeben, wohin Euch dieses zweite kleinere verhüllte Blatt anweiset, welches, wie Ihr seht, auch ohne alle Aufschrift ist. Versprecht mir feierlich, dies Blatt auch nicht zu öffnen, bevor Ihr aus den Toren Roms seid. Niemand muss wissen, dass Ihr diese beiden Zeichen bei Euch habt. – Das Geschäft, so hoffe ich gewiss, wird Euch glücken; ich bleibe hier und erwarte Euch, und sowie ihr zurückkehrt, führt Ihr mich zur Freiheit hinaus. Ihr seht also, ich vertraue Euch weit mehr, als Ihr mir, denn Ihr könntet ja, wenn Euch die Sache gelungen ist, mit meinem Gnadenbrief in alle Welt gehn, oder ihn dem Gouverneur wieder zurückstellen. Ich hoffe aber und weiß, wir beide sind von besserer Art, als mit so kleinen Ränken zu schachern.«
Vorlage S. 624
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»Wohl ist es so«, sagte der Graf, fast gerührt, »und darum nehmt und behaltet diesen Euern Pardon, damit dieser Euch bleibt, wenn ich vielleicht verunglücken sollte. Ich gehe sogleich noch einmal zum Gouverneur, ihm dies zu erklären, und ihn zu bewegen, Euch die Tore zu eröffnen, im Fall mir etwas Menschliches zustoßen sollte.«
Vorlage S. 625
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Der Gefangene rief ihm noch nach: »Vergesst nicht, dass das Lösegeld für den geraubten Mann nur eine tolle unmögliche Forderung zum Schein ist, denn kein Fürst könnte es auszahlen. Die ganze Sache sollte nur die Milizen, das Militär und die Gerichtsbeamten schrecken, dass sie in ihrer Pflicht saumselig würden und den Mut zu solchen Wagestücken, wie der Alte unternommen hatte, verlören; auch wollte man die Unterhändler kennenlernen, und im äußersten Fall den Gefangenen auf eine gräßliche Art ermorden.«
Vorlage S. 625
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Der Kerkermeister trat herein, um dem Gefangenen, auf Befehl des Gouverneurs, vorläufig die Ketten abzunehmen, und der Graf verließ die Stadt. Als er im Freien war, öffnete er das ihm bestimmte Blatt, und sah, dass es ihn nach Subiaco hinwies an einen Apotheker Tommaso. Er verwunderte sich, dass er nach dem Orte geschickt wurde, wo das Verbrechen verübt war. Er merkte den Namen des Mannes, und vernichtete dann den Zettel sorgfältig, dass sein Diener, der ihn zu Pferde begleitete, oder irgend sonst wer, das Blatt nicht lesen könne. In der Nähe der Stadt ließ er seinen Begleiter in einem Dorfe des Gebirges und wandelte zu Fuß nach dem kleinen Ort. Auf seine Erkundigung vernahm er, dass der Mann, den er suchte, gleich am Eingang des Ortes seinen kleinen Laden hatte. Er trat zu ihm ein, sah sich behutsam um, und ersuchte ihn, mit ihm allein in seinem Zimmer zu sprechen. Tommaso brachte ihn in ein Cabinet, und Pepoli übergab ihm das Billet ohne Aufschrift. Wie der Apotheker das Siegel aber betrachtete, erriet er, von wem es kam, erbrach und wurde sichtlich blass, als er die Chiffer innen erblickte. Diese ließ er sogleich am Licht, welches dastand, verbrennen, setzte sich nieder und schrieb ein andres Zeichen, welches er behutsam mit seiner Hand verbarg. Er siegelte hierauf das Blatt, welches er ebenfalls ohne Aufschrift ließ, und sagte dann zum Grafen: »Wenn Ihr diese Straße hinuntergegangen seid, so trefft Ihr etwas rechts, auf einem kleinen Platz, ein ziemlich großes, weißes Haus, an welchem sich über der Tür das Bildnis der Madonna zeigt; vor dem Hause ist eine steinerne Schwelle von drei Stufen; Ihr könnt gar nicht fehlen. Wenn Ihr angeklopft habt, so wird Euch ein ganz kleines dürres Männchen die Haustür aufmachen; diesem sagt leise ins Ohr: ›Semphoras‹ – dann wird der Euch schon zurechtweisen. Sollte, was aber nicht leicht geschieht, eine Magd öffnen, so wartet stillschweigend, bis der kleine Dürre zu Euch tritt.«
Vorlage S. 625
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Der Graf ging verwundert und sinnend über die Gasse. Als er fast schon jenes bezeichnete Haus erreicht hatte, kam ihm Geschrei und Getümmel entgegen; es war der Barigell, ein großer starker Mann mit fast herkulischen Gliedern, der mit seinen Häschern einen Verbrecher in das Gefängnis führte. Der Graf klopfte an das Haus, die Tür öffnete sich, und die schmalste vor Dürre fast klappernde Figur trat ihm blass und mit eingesunkenen Augen entgegen und fragte ihn mit feinkrähender Stimme, was sein Begehren sei. Graf Pepoli neigte sich an sein Ohr und flüsterte ihm jenes ihm anvertraute rätselhafte Wort zu. »Ah! das ist was anderes«, sagte der Kleine, verbeugte sich und sah ihm dann freundlich lächelnd ins Gesicht: »Ihr wisst die heutige Parole!« – Er führte den Fremden dann mit vielen Verbeugungen eine Treppe hinauf, öffnete eine Tür, und schob den Grafen in ein großes, ganz leeres Zimmer hinein. »Einen Augenblick warten!« krächzte der Kleine, indem er die Tür von außen wieder verschloss. Der Graf ging im Zimmer auf und ab. Die Fenster waren so hoch, dass man nirgend auf die Straße sehen konnte, wodurch das Gemach fast das Ansehen eines Kerkers erhielt.
Vorlage S. 626
374
Nur zwei Sessel standen im großen Raum und ein verschlossener Wandschrank war noch sichtbar; sonst kein anderes Mobiliar. Graf Pepoli wurde nach und nach verdrießlich, dass er so lange warten müsse, er horchte nach der Tür und Treppe, vernahm aber kein menschliches Wesen. Er wurde besorgt, denn es schien ihm nicht unmöglich, dass diese Vorschwornen, die mit so künstlichen Mitteln verbunden waren, ihn selbst gefangenhalten konnten, wenn sie vielleicht fürchteten, dass er schon mehr von ihnen wisse, als ihrer Sicherheit zuträglich sei. Er rasselte an der Tür; sie war fest verschlossen, und jede Anstrengung, sie zu öffnen, vergeblich. Indem er noch nachsann, was er wohl beginnen könne, stand zu seinem Erschrecken plötzlich ein großer Mann dicht hinter ihm, der ihm auf die Schulter klopfte. Er sah um, und erriet nun, dass eine unbemerkte Tür in der Wand sich leise geöffnet hatte. Er erstaunte aber von neuem, als er den Mann erkannte, der kein anderer war, als jener stark gebaute Anführer der Häscher, den er vor weniger Zeit auf der Straße in seiner Amtsverrichtung als Obrigkeit gesehen hatte. »Was verlangt Ihr von mir, werter Freund?« fragte ihn die hohe Figur in einem ernsten, fast verdrießlichen Ton. Pepoli überreichte ihm schweigend das Blatt des Apothekers. Der Barigell ging beiseit, nahm die Chiffer heraus, betrachtete sie mit gerunzelter Stirn und zerriss das Papier dann in die kleinsten Fragmente. – Der mächtige Antonio, so hieß dieser Vorstand der Häscher, ging mit schwerem Tritte schweigend und, wie es schien, zürnend, im widerhallenden Saale auf und ab. -»Euer Name, Stand, Aufenthalt?« fragte er dann, indem er zugleich den festverwahrten Wandschrank aufschloß. Der Graf nannte sich, seinen Stand und seinen Wohnort Bologna. Unter vielen großen, geschriebenen Büchern, welche eine Menge alphabetisch geordneter Namen zu enthalten schienen, nahm er das eine, schlug nach, suchte und las eifrig. -»Ich finde nicht«, sagte er nach einer Weile, »dass Ihr einer unserer Verbündeten seid – der gute, dumme Tommaso hätte Euch besser nicht hergesendet – erzählt mir Eure Sache, weshalb Ihr uns aufsucht.« –
Vorlage S. 626
375
Der Graf erfüllte sein Begehren. Mit immer zunehmendem Verdrusse hörte ihm jener zu. -»Ja«, sagte er dazwischen, »den alten Kerl halten sie immer noch gefangen, und mit Recht. Wenn es mehr solcher gäbe, oder wenn sie aufgemuntert würden, hätte die Brüderschaft bald ein Ende.« – Als er nun vom hingerichteten Strada hörte, wurde er noch ungeduldiger: »– und dieser Nichtsnutzige«, rief er, »hat er Euch zu dem zweideutigen Ascanio gewiesen? Und dieser hat die Frechheit gehabt, Euch hierherzusenden? – wir hatten den Schlauen künstlich genug auf die Engelsburg geschafft, wo er wohl mit zehn Jahren auf der Galeere davongekommen wäre; aber er ist klug, er benutzt sogleich Eure Bemühungen für den alten Bösewicht, um sich ganz frei zu machen.« – Er verschloss die Bücher und ging dann, die Hände auf dem Rücken, im Saale ziemlich lange auf und ab. Hierauf stellte er sich dicht vor den Grafen hin und sagte mit barschem Ton: »Wie wär es denn, wenn ich Euch lieber gleich hierbehielte? Wenn Ihr auch nicht viel wisst, so wisst Ihr doch genug, um mich und den guten Gevatter da unten in seiner Apotheke verraten zu können. Am kürzesten zum mindesten wäre es so entschieden. Der schlaue, vielwissende Ascanio bliebe am Ende auch am sichersten dort.«
Vorlage S. 627
376
Der Graf, ohne die Fassung zu verlieren, erklärte noch einmal bündig seine Absicht, und wie es von je sein Vorsatz gewesen sei, eine bedeutende Summe für die Befreiung des Gefangenen zu verwenden, dass die Grausamkeit, ihn selbst zurückzubehalten, oder gar zu ermorden, eine ganz überflüssige sei: auch würden seine Anverwandten in Bologna, die Gerichte dort in Rom, ja die Kardinäle, der Gouverneur und wohl der Papst selbst die genauesten Nachforschungen anstellen, da sich die Größten des Landes, wie die Fürstin Margareta von Parma für ihn und sein Unternehmen interessiert hätten: ja, da, wie nicht unbekannt, Herren und Fürsten selbst diesen Bündnissen heimlich zugehörten, so könnte er wohl gar von diesen wegen seines Attentats hart bestraft werden. Auch warte in der Engelsburg Ascanio auf seine Rückkehr; dieser würde, im Fall sein Beschützer ausblieb, gewiss nicht schweigen und da dieser so sehr alle Fäden in der Hand habe, ihnen wohl den allergrößten Schaden zufügen, weil unter solchen Umständen ihn der Gouverneur schwerlich seiner Haft entlassen würde.
Vorlage S. 628
377
»Ihr seid ein kluges Männchen, Graf«, sagte Antonio, »und habt fast so viele Fassung wie unsereins. Die Sache, wie Ihr sie da vorstellt, ist nicht ohne. Der verwünschte Ascanio weiß gar zu viel, und so klug wir uns zu sein dünken, ist er denn doch vielleicht noch klüger. Nehmt nur, wenn ich Euch freigebe, die eine Überzeugung mit hinweg, dass, wenn Ihr Euch gelüsten ließet, irgendeinem sterblichen Menschen nur eine Silbe von dem zu verraten, was Ihr seitdem erfahren habt, Ihr auch keine Stunde Eures Lebens sicher sein könntet. Übrigens ist Euer Ansuchen zu wichtig, die Sache zu verwickelt: ich für mich selbst kann nichts entscheiden, ich darf es nicht auf mich nehmen, und viele der Schiedsrichter sind nicht zugegen. Nur ein Mittel gibt es. Kommt mit dem Neumond mit Eurem Ascanio selber wieder hierher: dann ist der große Rat versammelt. Übrigens kennt Ihr mich und den Gevatter niemals.« –
Vorlage S. 628
378
Der Graf begab sich wieder auf den Rückweg, indem er die seltsamen Verhältnisse der Welt übersann, wie er so freundlich und höflich noch vor wenigen Tagen von Kardinälen und fürstlichen Damen aufgenommen und beschützt war, und wie er in diesem Augenblicke in der Abhängigkeit eines gemeinen Menschen gewesen sei, der ihm eine große Gnade in seiner Meinung dadurch erwiesen habe, dass er ihn seine Straße wieder frei habe ziehen lassen.
Vorlage S. 629
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Indessen verhandelte die Mutter Accorombona mit dem alten, verständigen Kardinal Montalto wegen der Verbindung seines Neffen mit ihrer Tochter Virginia. Der alte Mann erstaunte über die hohe Gestalt der noch schönen Matrone, über den Ausdruck dieses klugen Auges und ihre edle und vornehme Haltung. Er fasste dadurch sogleich ein gutes Vorurteil für den Geist und den Charakter einer Frau, die sich mit solchem Wesen ankündigte. Donna Julia hatte bis jetzt den Kardinal nur in kirchlichen Funktionen gesehn, weil er die gewöhnlichen Zusammenkünfte der Menschen vermied; sie verstand aber sein kluges Auge und wusste durch den verstorbenen Gatten, wie konsequent, umsichtig und beharrlich er sich von je in allen Geschäften des Lebens betragen hatte.
Vorlage S. 629
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Nach den ersten höflichen Begrüßungen sagte die Matrone: »Eminenz, es gehört zu den glücklichsten Vorfällen meines Lebens, mit einem so echten, wahrhaft tugendhaften Mann in nähere Verbindung zu kommen. Haltet es für keine Schmeichelei, denn ich spreche nur Wahrheit, dass ich unter allen Umständen ein solches Bündnis meiner Tochter den Anerbietungen der reichsten, vornehmsten, ältesten Familien würde vorgezogen haben.«
Vorlage S. 629
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»Ich glaube Euch, würdige Dame«, antwortete der Kardinal; »denn Euer hoher Sinn, Euer Edelmut wird von aller Welt gerühmt. Auch ist Euer und Eurer Tochter Entschluss deshalb zu loben, weil ihr es beide sehr gut Wisst, dass ich diesem meinem angenommenen Sohne keine großen Reichtümer, Schätze oder liegenden Gründe übermachen kann; denn ich habe jene krummen Wege, mir Reichtum zu erwerben, immerdar vermieden. Aber ein gut eingerichtetes Haus mit einem angenehmen Garten werdet Ihr erhalten, und ein so anständiges, ja reichliches jährliches Einkommen, dass Ihr Euch dieser Vermählung wegen nicht einzuschränken braucht, und wenn das Haus, welches Ihr machen werdet, auch nicht zu den glänzendsten gehört, so wird es jeder Billige doch gewiss zu den anständigen und wohlhabenden rechnen. Ihr werdet Gesellschaft sehn, Diener halten; die Mobilien, die Zierden des Hauses, sind edel, wenn auch nicht kostbar, und wenn Ihr noch Euer Vermögen mit diesen Einkünften vereinigt, werdet Ihr allen Sorgen des Lebens enthoben sein, und Freunden Euch gastfrei und wohltätig erweisen können. Auch ich hätte für meinen Neffen wohl eine berühmte hochadliche Familie finden können, die ihn nicht ungern aufgenommen hätte; doch bin ich überzeugt, dass er in solcher Umgebung zugrunde gegangen wäre. Meine Familie, die mich ans Licht gebracht hat, war eine der ärmsten in der ganzen Mark, mit saurem Schweiß erbeutete sie ihr Leben; sosehr es meine ackerbauenden Eltern auch wünschten, so konnten sie doch nicht das mindeste für mich tun; wie mein frommer Freund und Beschützer, der in Gott selige Pius der Fünfte, bin ich in meinen frühsten Jahren nur ein Bettler gewesen, der lange von Wohltaten anderer leben musste, die fast ebenso dürftig waren, als ich selbst. Glaubt mir, edle Frau, in der Armut, Hülflosigkeit, wo wir immerdar auf des Himmels Gnade und den persönlichen Beistand Gottes aufschauen müssen, tut sich eine Heiligkeit, eine süße Weihe kund, von der die Wohlhabenden niemals etwas erfahren. Und auf diesem Wege habe ich die Güter der Welt geringe achten lernen, ohne sie vorsätzlich zu verschmähen, aber kein Schmeichelwort hat mir je Gold und Goldeswert erkaufen dürfen; in Venedig, Spanien, in meinen Diözesen, immerdar war ich mir und meiner Überzeugung getreu. Diese meine Erfahrungen habt Ihr freilich nicht machen können, aber Ihr habt Euch ebenfalls nie verleugnet, nicht den Großen aufgesucht, seines Einflusses wegen, noch vor dem Reichen, seines Goldes wegen, gekniet. Stark und fest seid Ihr, männlich und hochdenkend, und das hat mich hauptsächlich bestimmt meine Einwilligung so schnell zu geben, obgleich mein Neffe, streng genommen, zum Ehegatten noch zu jung und unreif ist. Ich sah es aber, wie bald er von dieser jungen Vornehmen durch deren Frechheit verdorben wurde; ich liebe das Kind, ich wäre fähig, für diesen Jüngling alles zu tun, und drum übergebe ich diesen weichen und schwachen Charakter Eurer weisen Führung, dass Ihr ihn zum Manne bildet, dass er Recht von Unrecht, Wahrheit von Lüge unterscheiden lernt.«
Vorlage S. 629
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»Die Aufgabe ist nicht leicht«, erwiderte die Matrone; »damit es aber völlig gelingen könne, ist es notwendig, auch für das Heil meiner Tochter, dass Ihr mir eine Bitte bewilligt, und sie auch mit den Mitteln durchsetzt, die Euch gewiss zu Gebote stehen.«
Vorlage S. 630
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Sie erzählte ihm hierauf von der wilden, fast tierischen Leidenschaft des jungen Luigi Orsini, und wie er in brutaler Weise die Tochter bedroht habe, wie man vor ihm und seinen nichtswürdigen Helfershelfern, wie den besoldeten Banditen, in jeder Stunde zittern müsse.
Vorlage S. 631
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Der Kardinal versank in tiefes Nachdenken. »Diese Ruchlosigkeit«, sagte er dann, »ist der wahre Wurmfraß unseres Staates, das Gift, welches schon seit lange alle seine Lebensadern durchdringt. Ein Drako täte uns not, der aber auch Kraft und Ansehen genug besäße, um seine bluttriefenden Edikte durchzusetzen. Und doch kann es nur auf diesem Wege besser werden, wenn es ja irgendeinmal besser werden soll. Unser verehrungswürdiger Heiliger Vater ist zu schwach, zu friedliebend, ja er ist so sehr Menschenfreund, dass er gern noch im tückisch verruchten Mörder das Bildnis seines Bruders anerkennt. Er vergisst nur, dass ein verziehener Mord zehn neue erzeugt. – Doch seid ruhig, denn in diesem Falle ist es meine heiligste Pflicht, dem drohenden Übel zu steuern, und es wird mir auch gelingen. Ich verspreche es Euch bestimmt, der wilde Jüngling soll Eure Schwelle niemals wieder betreten, und Euch weder in Gesellschaft, noch auf öffentlichen Straßen, oder in den Tempeln verletzen, wenn er nicht den Bann auf sein Haupt herniederziehen will. Das wird mir der Papst bewilligen, wenn er auch sonst nicht mein persönlicher Freund ist; aber hier wird seine eigene Ehre, die meinige unmittelbar in Anspruch genommen. Er wird in dieser Sache die strengsten Befehle erteilen, und sie auch seinem Sohne, dem Gouverneur, schärfend mitteilen; auch diesem werde ich noch heute selbst meinen Besuch machen. – Dann werde ich Rücksprache nehmen mit einem ältern Vetter des jungen Irrwisches, dem Herzoge Paul Giordano, dem tüchtigen, gedienten Bracciano. Vor diesem Mächtigen, wenn er sich erhebt, zittern alle diese Wildfänge; ihm entgegenzuhandeln, wagen sie nicht, und er hat sich bisher immer als mein persönlicher Freund erwiesen. Also seid über diesen Punkt ohne alle Sorge.«
Vorlage S. 631
385
»Ihr nanntet, Verehrter«, fuhr die Donna fort, »mein Vermögen; es ist für eine Witwe wohl nicht unbeträchtlich, doch aber kaum zureichend, da ich noch Söhnen damit, die unversorgt sind, forthelfen muss. Und, was das schlimmste, ich bin nahe daran, es durch Schikanen einzubüßen.« – Sie erzählte ihm kürzlich, wie gerecht ihre Sache sei, wie sie schon zu ihren Gunsten entschieden worden, und wie nur kürzlich, um sie zu quälen und vielleicht ihre Tochter zu verderben, ein Großer, den sie nicht nennen wolle, auf krummen Wegen es so weit gebracht, dass ihre Advokaten scheu zurücktraten, und die feindliche Partei nahe daran sei, zu gewinnen.
Vorlage S. 631
386
»Ich kann wohl den erraten«, sagte Montalto, »den Ihr mit so vieler Klugheit verschweigt; seid ruhig, ich werde diese Sache selber in die Hände nehmen, und meine tugendhaften Kollegen, der Medicäer Fernando und Borromäus werden mir Beistand leisten. Jener Ungenannte wird es niemals wagen, mit seinem offnen Angesichte hinter dem Vorhange herauszutreten, und so werden Advokaten und Richter ihre Bahn von selber wiederfinden.«
Vorlage S. 632
387
Jetzt stand die Donna auf, fasste die Hand des Kardinals, küsste sie mit Inbrunst, indem sie von ihren heißen Tränen benetzt wurde. -»Was ist Euch?« fragte der Alte erschrocken. -»O jetzt, jetzt«, rief sie schluchzend, »die größte Gnade das größte Opfer, das Ihr mir noch bringen müsst, um das Elend, das mich ins Grab drückt, wenn Ihr mein Flehn nicht erhört, abzuwenden – das Leben meines ungeratenen Sohnes!«
Vorlage S. 632
388
Er hörte die Geschichte des verirrten Jünglings ruhig an, und sagte am Schlusse: »Auch diese Bitte gewähre ich Euch, ob eine solche Verzeihung gleich meinen Gundsätzen und Überzeugungen völlig widerspricht. Auch dies muss mir Papst und Gouverneur bewilligen; denn es ist das erstemal in meinem Leben, dass ich dergleichen verlange. Wenn aber dieser Marcello wiederum abfallen sollte, er wieder in schlechte Gesellschaft und durch diese in die Bande des Gerichtes gerier, so sind, das vergesst mir nicht, für ihn meine Lippen versiegelt.«
Vorlage S. 632
389
Sie trennten sich, beide füreinander mit der größten Hochachtung erfüllt. In ihrem Hause angelangt, fand die Mutter den Kardinal Farnese neben der Tochter sitzen, mit der er schmeichelnd zart, verbindlich und fein, vielfache Gespräche führte. Die Matrone, als sie hereintrat, erschrak fast über die Schönheit der Tochter, die sich so blühend wie in dem Meisterwerke eines großen Malers von dem alten, klugen und edlen Gesicht des Staatsmannes abhob. Vittoria benutzte die erste Gelegenheit, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehn, und als die beiden allein waren, sagte Farnese mit der unbefangensten Freundlichkeit: »Wo wart Ihr bis jetzt, geehrte Freundin?«
Vorlage S. 632
390
»Beim Kardinal Montalto«, antwortete jene.
Vorlage S. 632
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»Was wollt Ihr bei dem Duckmäuser?« rief Farnese laut lachend; »dieser kriechende, träge Esel aus der Mark, der in seinen Gebärden noch immer den Bettel seiner Eltern zur Schau trägt, der noch immer die Sprüchwörter der Kärrner und Viehtreiber von dort im Munde führt, ein würdiger Liebling jenes fanatischen Pius des Fünften, der ebenso armutselig entsprossen war – warum erniedrigt Ihr Euch zu solchen Gesellen, von der besten Gesellschaft, die Ihr gewohnt seid, so tief hinab?«
Vorlage S. 632
392
»Mäßigt Euch, Verehrtester«, sagte sie gelassen, »soeben haben wir abgeschlossen; sein Neffe ist der Verlobte meiner Tochter.« –
Vorlage S. 633
393
Dem Kardinal versagte das Wort im Munde, er war totenbleich geworden. Er, der dafür berühmt war, dass er nie, auch bei den größten Vorfällen des Lebens, in Verlegenheit geraten könne, konnte die Rede nicht wiederfinden, stotterte heftig und sagte endlich in lallendem Ton: »So? – Das habt Ihr, wie Ihr glaubt, klug gemacht? herrlich fabriziert! Diesen gelblichen Strohgimpel, diesen unflüggen Krammetsvogel in Euer Dohnengarn zu verstricken und ihn verzappeln zu lassen!«
Vorlage S. 633
394
Er stand auf, stampfte mit den Füßen und knirschte mit den Zähnen. -»Ich dachte«, fing er wieder an, »Ihr würdet als eine verständige, erfahrne Frau, meine Vorschläge reiflich erwägen – aber nein, auch sie ist eine gackernde tugendhafte Gans, wie die übrigen schwatzenden regelrechten Maschinen.«
Vorlage S. 633
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Es war ihm unmöglich, seine Wut zu verbergen, und so verließ er das Haus.
Vorlage S. 633
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Sechstes Kapitel
Vorlage S. 633
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Nach kurzer Zeit, nachdem Graf Pepoli nach Rom zurückgekommen war, machte er sich mit dem frei gewordenen Ascanio auf den Weg nach den Sabinischen Bergen. Als sie im Felde waren, sagte der Freigewordene: »Nur zwei Arten von Menschen wissen das Glück der Luft, der Landschaft und des hellen Wetters zu würdigen, der Kranke, der eine tödliche Krankheit in seinem Bette überstanden hat, und sich nun wiedererholt, um die Natur noch lange Zeit mit neu anwachsenden Kräften zu begrüßen, und der Gefangene, der monatelang im dumpfen Kerker schmachtete. Ach, welches Glück, Licht und Luft zu genieren! Wen sie so in die freie Landschaft hinaushängen, der ist auf keinen Fall so übel daran, als dem sie in einem engen Gefängnishofe den Kopf abschlagen.«
Vorlage S. 633
398
»Habt Ihr nun Hoffnung«, fragte der Graf, »dass wir unser Geschäft bald vollenden, und sogleich den armen Alten werden befreien können?«
Vorlage S. 633
399
»Wenn ich aufrichtig sprechen soll«, erwiderte jener, »so habe ich dazu die Hoffnung immer mehr und mehr aufgegeben, je mehr ich mir die Sache und ihre Schwierigkeiten überlegt habe. Denn ich sehe ein, sie haben seit meiner Gefangenschaft das ehemalige Zutrauen zu mir verloren; viele Dinge müssen sich geändert haben, dass jener Antonio mit Euch so barsch verfahren durfte. Wenn Ihr mir also misstraut, mein Wohltäter, oder wenn Ihr irgend zagen wollt, da ich selbst nicht mehr weiß, wie ich mit jenen ruchlosen Menschen stehe, so mögen sich hier unsere Wege auf immerdar trennen, und ich werde mich ewig Eurer Wohltat erinnern, die ich Euch nicht habe vergelten können.«
Vorlage S. 634
400
»Und jener arme Gefangene?« rief Graf Pepoli aus, »dessen einzige Hülfe und Hoffnung ich auf Erden bin? Nein, mein guter Ascanio, lasst uns beide das Letzte, das Äußerste versuchen. Wenn man nur den Mut nicht verliert, so gestalten sich die Sachen immer besser, als man es erst erwarten konnte.«
Vorlage S. 634
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»Ich wandle mit Euch«, rief jener, »und wenn es in den Tod ginge.«
Vorlage S. 634
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Sie näherten sich dem Gebirge, und Ascanio fand es jetzt notwendig, sein Antlitz und seine Tracht zu verstellen. So kamen sie nach Subiaco, und ohne sich beim Apotheker aufzuhalten begaben sie sich in das Haus des Barigello. Der Kleine lächelte verschmitzt, als er ihnen die Tür öffnete. Oben saß in einem andern Zimmer, als jenem leeren, das Oberhaupt der Häscher. »Richtig«, rief ihnen dieser entgegen, »heute haben wir Neumond, und ihr seid weder zu früh noch zu spät gekommen. Wir gehn hinauf, nach dem Gebirge, denn die Versammlung ist dort. Ihr, Ascanio, kennt den Ort wohl: dort ist schon manches Urteil gesprochen worden, dort hat sich auch schon manche Strafe und Hinrichtung vollstreckt.«
Vorlage S. 634
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Antonio hatte indessen auch eine gewöhnliche Tracht angelegt, und unten im Hause trafen sie vier Sbirren, welche als Bauern gekleidet waren. Ascanio betrachtete diese Anstalten mit großen Augen, denn sie schienen ihm nichts Gutes zu verkündigen, und der Graf, der die Angst seines Reisegefährten wohl bemerkte, fing auch an, unruhig zu werden.
Vorlage S. 634
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In der Einsamkeit, als sie den Hügel überstiegen hatten, begegneten ihnen immer mehr und mehr Menschen, die sich ihnen anschlossen, so dass nach einiger Zeit ihr Zug ein sehr ansehnlicher war. Ascanio schaute ängstlich um sich, redete diesen und jenen an, da ihm aber keiner antwortete, so schwieg er endlich verlegen und überließ sich gefasst und stumm seinem Schicksal.
Vorlage S. 634
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Jetzt waren sie mitten im Walde, weit abgelenkt von der gewöhnlichen Straße. Sie standen auf einem runden, grasbewachsenen Platze, der mit hohen Felsenstücken steil umgeben war. Hier wurde haltgemacht, und hinter den Felsen traten mehrere Gestalten hervor, die dem Ascanio sehr wohl bekannt waren, die aber alle beim ersten Auftreten sich so fremd gegen ihn stellten, als wenn sie ihn niemals gesehn hätten. Plötzlich sprang ein großer, rüstiger Mann in ihre Mitte und rief: »Jetzt sind wir beisammen, um Gericht zu halten.«
Vorlage S. 635
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Derjenige, der so rief, war in seiner Gestalt und seinem Antlitz auffallend genug. Er war ganz schwarz gekleidet: ein breiter Hut bedeckte sein Gesicht, auf welchem eine schwarze Feder schwankte. Sein Gesicht hatte den Ausdruck ungeheurer Wildheit, von einer großen Narbe, die quer über die linke Wange lief, noch mehr entstellt; in seinen Gebärden, wie in seinen Reden war er sehr hastig, so dass er in seiner Eile oft stotterte und manche Worte nur undeutlich zu vernehmen gab.
Vorlage S. 635
407
»Hierher, Ascanio!« schrie dieser unbändige schlanke Mann: »Rechenschaft wird abgelegt, wen du von uns verraten hast, und warum du mit einem ganz fremden Mann ein Komplott geschmiedet hast, um uns alle an das Messer zu liefern?«
Vorlage S. 635
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Ascanio erzählte alles genau und umständlich: seine zufällige Gefangennehmung, wie man ihn von den übrigen getrennt und auf die Engelsburg gesetzt habe, ein Ereignis, das ganz gewiss von den Anführern der Brüderschaft selber herrühre. Nun sei der bekannte Strada zum Tode verdammt, dieser habe dem Grafen Pepoli, der sich um den Gefangenen aus Subiaco großmütig bemüht, zuerst den Ascanio genannt, weil dieser vielleicht Mittel und Wege angeben könne, den wohltätigen Zweck zu erreichen. Sei irgendein Verrat vorgefallen, oder etwas dem Ähnliches, so sei einzig und allein dieser Verbrecher zu schelten. »Es war wohl natürlich«, endete der Sprechende, »dass ich meine Freiheit wünschte, und die Gelegenheit ergriff, die mir ein edler Mann anbot, und ihr solltet alle jubeln darüber, weil ich nicht weiß, was die Schwäche meiner menschlichen Natur auf der Folter oder die Furcht vor dieser möchte ausgesagt haben. Nun seid ihr dieser Besorgnis los und es gilt nur noch, wegen des alten Gefangenen mit dem Grafen zu unterhandeln, und dabei überdies ein ansehnliches Geld zu verdienen.«
Vorlage S. 635
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»Nein!« rief der große, wilde Mensch, und stampfte dazu mit den Füßen; »keine Auslösung, wenn es nach mir geht! Wozu haben wir den alten Graubart dort seinem weichen Bett entrissen? Um ein Beispiel aufzustellen, um die Gerichtshöfe, Häscher und Soldaten einzuschüchtern, dass keiner allzu dreist uns in die Zügel zu greifen wage. Der Preis, den wir festgesetzt, sollte nur dienen, Überkluge, Vorwitzige herbeizulocken, und die kennenzulernen, die uns etwa jetzt oder in Zukunft gefährlich werden könnten. Auch diese wollten wir verderben, und nachher die Glieder des Alten, zum Schrecken und Entsetzen der Gerichte und Häscher, in den Städten und Dörfern als Denkmal unsrer Macht und unerbittlichen Grausamkeit aufstecken. Nun soll alles dies durch Wort und Rede eines schwächlichen Verräters und auf sein Ansinnen vergeblich sein und widerrufen werden? Nein, ihr meine männlichen starken Freunde, lasst euch nicht so arg von einer glatten Zunge betören. Der Fremde, der so vorwitzig unsere Kreise betrat, er falle zuerst, zum abschreckenden Beispiel anderer Überklugen und Anmaßlichen. Nachher mögen wir untersuchen, ob uns Ascanios Leben oder Sterben nützlicher sei, denn er weiß allerdings zu viel, als dass wir ihn nicht als eines der bedeutendsten Glieder unseres Bundes betrachten sollten. So zieht denn die Schwerter!«
Vorlage S. 635
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Mit einem wilden tierischen Geschrei waren mehr als hundert Waffen entblößt. Bei diesem Anblick sprang Ascanio wie rasend von seinen Begleitern fort und stellte sich dem Redenden gegenüber. »Halt!« schrie er, so laut er es vermochte: »seid ihr unsinnig? Bist du, Hauptmann, trunken? Diesen Großmütigen, den harmlosen Fremden wollt ihr in eurer tierischen Wut aufopfern? Und ich soll ihn auf die Schlachtbank geliefert haben? Ich, der Befreite, seinen Wohltäter? Wenn ihr denn nicht Mensch, wenn ihr denn rohes Vieh sein wollt, so nehmt mein Blut zuerst, so treu ich euch und dem Bunde immer war, schlachtet mich zu eurer Sicherheit, der ich um alle eure Geheimnisse weiß, aber ihn, den edlen Mann lasst zu seiner Heimat sicher und ungefährdet zurückkehren. Das sei das letzte Zeichen eures Wohlwollens für mich, eures ehemaligen Vertrauens, dass ihr mich statt seiner, als freiwilliges Opfer annehmt.«
Vorlage S. 636
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»So sei's fürs erste!« schrie der Unbändige mit schäumendem Munde, und so war es in einer Sekunde um Ascanio, und wohl auch um den Grafen geschehen, wenn nicht in demselben Augenblick schnell wie ein Blitz vorspringend, ein schöner schlanker Jüngling vor dem Wütenden gestanden hätte. -»Steckt eure Degen und Dolche ein«, rief er mit lauter, wohlklingender, aber doch gebietender Stimme; »ich habe alle eure Reden vernommen, ich war noch kürzlich selbst in der Stadt, und kenne die Umstände genau; ich weiß, Ascanio ist unschuldig, und ganz im Recht, ihr wart im Begriff einen Mord zu begehn, anstatt ein Strafurteil zu vollziehen. Willst du, Ascanio, nun wieder zu uns treten, oder darfst du es wagen, für dich selbst dein Leben zu führen, uns unbekannt, und keinen kennend, wer dir auch von uns jemals wieder erscheinen wird?«
Vorlage S. 636
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»Das letzte ist mein Wunsch, edler Hauptmann«, sagte Ascanio mit bittender Stimme.
Vorlage S. 637
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»Und Ihr, Graf«, fuhr der Jüngling fort, »wünscht Euren alten Vetter wiederzuhaben, und selbst ungefährdet aus diesem zornigen Kreise zurückzukehren?«
Vorlage S. 637
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»So ist es«, antwortete Pepoli.
Vorlage S. 637
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Der junge Mann entfernte sich hierauf mit dem Grafen tiefer in den Wald, wo sie von niemand gehört werden konnten. »Ihr seid mir dankbar«, fing er an, »wenn ich Euern Wunsch erfülle?«
Vorlage S. 637
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»Ohne Zweifel.«
Vorlage S. 637
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»Und was tätet Ihr wohl, wenn das alles in Freundschaft, und selbst ohne das mindeste Lösegeld erfüllt würde?«
Vorlage S. 637
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»Alles«, antwortete der Graf, und sah ihn mit Verwunderung an.
Vorlage S. 637
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»Es geschehe«, fuhr jener fort, »wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt, niemals, von allem, was Ihr gesehn und gehört, zu irgend jemand zu sprechen, keinen von uns zu kennen, wo Ihr ihn auch wieder treffen mögt, oder ihn gar auf diese Begebenheiten anzureden – und, zweitens, wenn Euch jemand diese Chiffer bringt, ihn aufzunehmen, einige Stunden zu verbergen, und heimlich und sicher weiterzuschaffen. Wenn Euch diese Kleinigkeit ein Äquivalent ist für jenes Alten und Euer eigenes Leben so reicht mir die Hand an Eides Statt, dass Ihr diese nicht schweren Bedingungen erfüllen wollt.«
Vorlage S. 637
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Der Graf gelobte.
Vorlage S. 637
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»So geht denn mit Eurem Ascanio zur kleinen Stadt zurück ruht und erholt Euch dort im Gasthofe, binnen einer Stunde wird der Alte, der so lange entfernt war, bei Euch sein«
Vorlage S. 637
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So geschah es. Der Alte ward zu seinem Verwandten, der um ihn so viel gewagt hatte, unbeschädigt und ziemlich wohl hingeführt: die Freude, sich wiederzusehn, wurde von beiden nicht ohne Tränen gefeiert. Man machte Anstalten, bequem nach Rom zu reisen, Ascanio aber, der eine Sehnsucht zu den Seinigen hatte, die im Florentinischen lebten, wollte auf dem kürzesten Wege zu diesen eilen. Der Graf gab ihm die ganze Summe zum Geschenk mit, die er für die Auslösung seines Verwandten bestimmt hatte.
Vorlage S. 637
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Langsam und bequem ward jetzt mit dem kränkelnden Alten die Reise nach Rom unternommen. In der Nähe der Stadt stieg der Graf vom Wagen, um zu Fuß durch das Tor zu gehn. –
Vorlage S. 638
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Am frühsten Morgen schon hatte Donna Julia den feinsten und zierlichsten Brief vom Kardinal Farnese empfangen. Er sagte in diesem: der sicherste Beweis, welche Leidenschaft ihn schon seit lange für Vittoria entzündet habe, sei die rohe Ungezogenheit, zu welcher er sich in seinem vorgerückten Alter habe hinreißen lassen, wodurch er sich und seinen Stand entwürdigt, sowie seine liebste und teuerste Freundin gekränkt und verletzt habe. Wie es aber edlen Seelen anstehe, dergleichen traurige Augenblicke, in welchen wir uns nicht selbst angehören, zu vergessen, so sei er auch überzeugt, die Großmütige habe ihm schon vergeben, und sein Bestreben solle sein, durch alle nur irgend möglichen Beweise der Freundschaft sie auch diese schwarze Stunde vergessen zu machen. Er hoffe also, als ein Zeichen der Vergebung die Erlaubnis erneuert zu sehen, ihr Haus besuchen zu dürfen, um Zeuge des Glückes zu sein, und seinen Geist, wie es immer geschehe, an diesen herrlichen Gemütern der beiden Frauen zu erheben und zu erfrischen. –
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Es war beschlossen, das Fest der Vermählung nur mit wenigen der vertrautesten Freunde zu feiern. Der Kardinal fühlte sich zu unwohl, um zugegen sein zu können, doch war der alte Caporale eingeladen, einige Edelleute mit ihren Frauen, und der Graf Pepoli, von dem man aber erfuhr, dass er verreist sei und keiner den Tag seiner Wiederkehr bestimmen könne. Jetzt trat aber Graf Pepoli umgekleidet vor die Kirchentür, indem der Zug der Hochzeiter sich aus dem übervollen Tempel drängte, denn Adel und Unadel waren zugegen gewesen, um die Zeremonie anzusehen. Der Graf begrüßte die Mutter nicht ohne Bewegung, indem er sagte: »Wie glücklich ist dieser junge Bräutigam, wie sehr könnte ich ihn beneiden!« – Die Mutter flüsterte ihm entgegen: »Wenn Ihr mir früher im Ernst so gesprochen hättet, wäre ich auch wohl glücklich.« – Pepoli stutzte. Geputzt, mit dem frischesten Ansehn der Gesundheit zeigte sich Marcello mit dem Bruder Flaminio. Die Braut erschien als ein Wunder, so groß und glänzend, dass der kleinere Bräutigam neben ihr sich als unmündig, und beinahe lächerlich zeigte. – »Ich werde es Euch gedenken!« sagte eine Stimme halb leise hinter Vittoria; »ein Ehemann, dessen Ihr Euch schämen müsst! wir sprechen uns, trotz aller Verbote, doch wohl ein andermal wieder.« – Sie sah sich scheu um, der wilde Luigi Orsini stand hinter ihr.
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Der Zug stieg die Treppe hinab. Ein Tumult erhob sich auf der Straße. »Sie führen die Galeerensklaven vorüber«, sagte ein Bürger. Man hörte das Getöse und Klirren der Ketten. Alle verweilten, um den Zug vorüberzulassen. – »Ha! Fluch! Fluch euch!« schrie eine laute Stimme in Verzweiflung. Virginia war einer Ohnmacht nahe, denn sie erkannte in dem Gefesselten Camillo. – »Du Braut!« schrie dieser wieder: »Marcello neben dir mit Edelsteinen, und ich in Ketten! Ja, der Himmel, alle Heiligen verfluchen diese sündliche Ehe! Die Hölle jauchzt und die Teufel steigen frohlockend aus dem Abgrund, dir den Brautkranz, die süße Myrte aufzudrücken!«
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Alle entsetzten sich. Die Geißel der treibenden Häscher schwirrte, und tosend, klappernd zog die gefesselte Bande vorüber; viele in dieser lachten laut, schadenfroh, andere grinseten boshaft, und wiesen im tückischen Lächeln die weißen Zähne. Die Hochzeit begab sich nach dem aufgeschmückten Hause und zum festlichen Mahl.
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Erstes Kapitel
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So war die Ruhe in der Familie der Accoromboni hergestellt worden. Der junge Gemahl fühlte sich glücklich, Vittoria lebte still und ruhig, den weiblichen Arbeiten, oder dem Lesen ihrer vielgeliebten Schriftsteller hingegeben, bald spielte sie auf der Laute und sang mit ihrer wohltönenden Stimme die zarten Lieder, von denen sie selbst viele erfunden hatte, bald dichtete sie und schrieb Briefe an ihre Freunde. Viele Sonette und Kanzonen oder Stanzen ließen damals ihre Freunde und Verehrer, denen sie sie mitgeteilt hatte, drucken, doch ohne ihren Namen; manche ihrer Poesien liegt noch in den Bibliotheken Italiens als Manuskript verborgen. So schien sie vergnügt und ihres einförmigen, stets mit denselben Genüssen wiederkehrenden Lebens gewohnt, mit sich und aller Welt zufrieden.
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Das Haus der Accoromboni, jetzt Peretti, war von Fremden und Gelehrten, auch Vornehmen mehr als je besucht. Alle Welt sprach von der Wissenschaft, Tugend und dem Talent der schönen Vittoria, und diese Besuche von ausgezeichneten und vornehmen Frauen und Männern, die poetischen Akademien, die Improvisationen, Musik und Gesänge, zuweilen der Vortrag einer gelehrten oder philosophischen Untersuchung, scharfsinnige Streitfragen und zierliche Disputationen, alles dies hatte das anmutige Haus gleichsam zu einem Musenhaine umgeschaffen, in welchem sich der heitere Mann, wie der ernste Jüngling wohlgefiel. Der Kardinal Farnese besuchte wie sonst die Familie, ja fleißiger, weil er jetzt manche seiner Freunde, Bekannten und noch mehr Unterhaltung hier fand, als vorzeiten. Er war immerdar fein und artig, und kein Augenblick verriet mehr seine ehemalige Leidenschaft, so dass man glauben musste, dass er von dieser gänzlich geheilt sei. Er nahm sich mit großer Freundschaft des jungen Peretti an, und dieser durfte ihn oft besuchen und an seiner Abendgesellschaft in seinem Palaste teilnehmen, welches noch öfter geschehn sein würde, wenn ihn nicht sein Oheim, der Kardinal Montalto, der ehemalige Frater Felix, vor diesem Umgang gewarnt hätte. Denn da dieser sich immer mehr dem Hause Medici und dem Kardinal Ferdinand anschloß, und die Medicäer und das Haus Farnese in offner Feindschaft lebten, so konnte Montalto nicht wünschen, dass sich sein junger unerfahrner Neffe zu genau mit ihrem mächtigsten Gegner verbände; er warnte diesen daher vor jenes Treulosigkeit und Falschheit, die Farnese mit gewandter Klugheit sehr geschickt zu verbergen und durch seine Liebenswürdigkeit der Tücke und Bosheit den Anschein der Treuherzigkeit zu geben wisse.
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Die Mutter, Donna Julia, hatte sich seit der Vermählung von der Tochter auffallend zurückgezogen. Sie behandelte diese ganz anders, als vormals, denn sie fühlte wohl, dass Vittoria in dieser neuen Lebensepoche ganz selbständig und unabhängig sein müsse. Es schien auch, als sei durch jenen letzten gewaltsamen Sturm der Leidenschaft ein gewisses scheues Misstrauen zwischen beide getreten, so dass sie sich ebensosehr vermieden, als sie sich gegenseitig beobachteten. Beide fühlten es wohl, ohne es sich zu gestehn, dass jenes frühere unbedingte Vertrauen, jene hingebende, rücksichtslose Mitteilung vorüber und erloschen sei: beide Geister waren voreinander erschrocken, und durch den Schreck, der sich zwischen sie geworfen hatte, waren sie sich fremd geworden. Waren sie allein beisammen, so sprachen sie über Gegenstände der Literatur oder gleichgültige Sachen, so dass nun in späten Jahren die Mutter an sich irre wurde, ob sie ihren Kindern auch die richtige Erziehung gegeben habe. Der Abt, welcher jetzt eine einträgliche Präbende durch Montaltos Bemühungen in Rom erhalten hatte, war in seinen Äußerungen fast feindselig gegen die Mutter und die mit Mühe durchgesetzte Vermählung seiner Schwester. Er sprach bei jeder Veranlassung geringschätzig vom Montalto, behandelte dessen Neffen, den jungen Peretti, mit unverhohlner Verachtung und machte ganz auffallend dem alten mächtigen Farnese den Hof, dem er oft aufwartete, und welcher ebenfalls den jungen Mann mit der größten Auszeichnung behandelte.
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Montalto, welcher fast alle seine Zeit den kirchlichen Pflichten und frommen Übungen widmete, besuchte nur selten die Familie, und wenn es geschah, so war es nur in jenen Stunden, von denen er wusste, dass er sie allein, und ohne Gesellschaft finden würde. Mit der Mutter unterhielt er sich am liebsten, deren Geist und Verstand er verehrte; vor der Tochter, sosehr ihm ihre Schönheit auffiel, sosehr er sich über ihre scharfen Urteile verwunderte, schien er doch eine Art von Furcht zu fühlen, wie vor einem ihm ganz fremden Wesen. Lieber war ihm der schwache, unbedeutende Flaminio, den er gern zuweilen belehrte und ihn freundschaftlich auf dieses und jenes aufmerksam machte, was der leichtsinnige Jüngling noch niemals beachtet hatte. Geflissentlich vermied er dagegen, wo er nur konnte, den ungestümen Marcello. Er hatte selbst den Dank des jungen Mannes für die Lebensrettung nicht annehmen wollen, weil er sich dieser seiner Wohltat schämte. Er wollte sich überhaupt an diesen Punkt niemals erinnern lassen, weil diese Landplage der Banditen, sooft er nur von ihr hören musste, ihn in Zorn versetzte, und leider wurde jedermann in Rom nur allzuoft, ja stündlich, durch Furcht, Missetat und erschreckende Nachrichten aus den Provinzen und Gebirgen an diese Pest des Staates gemahnt. – Marcello fühlte wohl, wie widerwärtig seine Gegenwart dem verehrten Alten war, er verließ daher in der Regel das Zimmer, sowie Montalto eintrat. –
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Welche Freude, sagte die Mutter in manchen Stunden zu sich selber, habe ich denn eigentlich nun an meinen Kindern, oder jemals an ihnen gehabt? Wie war es nur möglich, dass Marcello mit diesen Gesinnungen an meiner Seite aufwachsen konnte? Ihm vertraut keiner; welche Stelle wird er in der Gesellschaft einnehmen können? Sooft ich Vittoria betrachte, fließt ein leiser Schauer durch meine Nerven, wenn ich mich ihrer leidenschaftlichen Reden und Gedanken erinnere. Und warum will dieser Flaminio so gar nicht zum Manne werden? Er ist gut, ja, weil gar keine Kraft in ihm ist, böse zu sein! Und der Älteste? Was ist es mit ihm, dass er so gar keiner Liebe fähig zu sein scheint! Er hat es ganz vergessen, wie ich für ihn gesorgt, was er mir zu verdanken hat. – So quälte sie sich und machte sich Vorwürfe, da sie gegen eines ihrer Kinder zu strenge, gegen ein andres zu schwach und nachgiebig gewesen sei, dass sie durch ihre freie Gesinnung, die sie selbst immer geäußert, sie vielleicht unfähig gemacht habe, sich dem bürgerlichen, gewöhnlichen Leben zu fügen.
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Der alte mürrische Sperone hatte vor seiner Abreise auch noch einigemal die Familie besucht, sich aber in ihrer Umgebung nicht allzusehr gefallen, weil man ihm nicht unbedingt in allen Behauptungen recht geben wollte. Er äußerte zu seinen Freunden: »Diese Vittoria erinnert mich an jene ehemals berühmte Tullia Aragona, die ich in meiner Jugend wohl einigemal gesehn habe: nur erscheint mir diese neue anmaßliche Muse viel schöner, und ihr Ausdruck ist ein tragischer, als wenn ihr Schicksal nicht so gleichgültig und mittelmäßig, wie jener Tullia, ausgehen könnte. Bei solchen Gesichtern fällt dem gereiften Manne, der von den Reizen nicht mehr bestochen wird, vieles ein: sie kommen mir vor, wie jene Bildchen und großartigen Physiognomien, mit denen oft gute Künstler unsre Dichter in Andeutungen und Allegorien haben ausschmücken wollen: sind diese kleinen Werke in ihren Verbindungen und Gruppen auf dem Titel, oder den Blättern selbst anziehend, und gut geraten, so lieset man in ihnen selbst wieder ahnend ein Gedicht.«
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Caporale, sooft er sich in Rom aufhielt, besuchte das Haus sehr fleißig. Er war allen Mitgliedern der Familie notwendig geworden, denn jedes fand in ihm das Vertrauen belohnt und erwidert, indem er allen auf fast gleiche Weise mit unparteiischer Liebe zugetan war, wenn er auch Vittoria so auszeichnete, dass seine Freundschaft an unbedingte Verehrung grenzte. Über ihr eheliches Verhältnis sprach er niemals zu ihr, weil er es wohl gefühlt, wie sie es vermied, auch nur das kleinste Wort über diesen Gegenstand fallenzulassen. Er zwang sich, gegen den jungen Gemahl freundlich zu sein und ihn zuweilen mit einer gewissen Ehrerbietung zu behandeln: doch erschien es ihm in vielen Augenblicken als eine komische Begebenheit, dass dieser unreife Jüngling in einem Hause, in welchem Kunst, Poesie und Gelehrsamkeit herrschten, durch welche die beiden weiblichen Wesen allen Männern interessant waren, als Oberhaupt der Familie sich ziemlich unwissend zeigte, und es gern, wenn er konnte, vermied, an den literarischen Gesprächen oder poetischen Übungen teilzunehmen. Zwar war es nicht zu verkennen, dass der junge Mann sich eifrig bestrebte, nach allen Richtungen hin seine Kenntnisse auszubreiten, allein die Grundlage seiner Bildung war zu schmal, und es fehlte ihm ganz an jenem Enthusiasmus, der auf seinem kürzeren Wege den Geist mit Schätzen bereichert, und selbst ein weniges zu vielem machen kann.
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Als Caporale an einem Abend das Haus verließ, kehrte er in der Tür des Zimmers noch einmal um, und wendete sich zu Mutter und Tochter: »Ich muss euch, werte Freunde, doch noch ein kleines Abenteuer erzählen, welches mir vor wenigen Tagen begegnet ist. Ihr wisset schon, wie gern ich im Lande umher streifte, am liebsten allein, wo die Straßen nur irgend sicher sind. So war ich nach Albano hin geraten, ganz meiner Laune und den Gedanken der Einsamkeit ergeben, indem ich in einem kleinen Hause vor der Stadt mein Quartier genommen hatte. Bei meinem Umherstreifen, auch im Hause selbst hatte ich zuweilen einen großen, starken Mann, von herrischem Aussehen, wahrgenommen, der mir durch sein Wesen, Miene, Anstand und Gebärde außerordentlich auffiel. Ich wollte endlich nach Rom zurückkehren, und siehe da, meine Geldbörse war mir irgendwo entwendet worden, oder ich hatte sie im Gebirge verloren. Der Wirt des Hauses, der mich nicht kannte, weil ich es liebe, ohne Titel und Würden auf meinen Zügen zu leben, fing in seiner Weise ein lautes Gezänk an, sprach von Landstreichern und Betrügern, und benutzte mein Phlegma, sich immer eifriger in seinen Komödienzorn hineinzuarbeiten. Plötzlich flog der Mann in einen Winkel seiner Stube, und ich begriff nicht, welche Gewalt ihn dahin gezaubert hatte, als ich in selbem Augenblick meinen Unbekannten vor mir stehen sah. ›Lump!‹ rief er jenem zu, der sich am Boden krümmte; ›so einen Edelmann zu behandeln! Siehst du nicht, wen du vor dir hast?‹ – Der bleiche Mensch empfing zitternd aus der Hand des Starken seine Bezahlung, und ein übriges, um ihm den Schreck zu vergüten. Als ich dem Fremden meinen Namen zugleich mit meinem höflichen Dank sagen wollte, rief er: ›Unnötig, lasst uns noch eine Weile, so namenlose Bekannte und Wandersleute bleiben. Erlaubt mir, ebenfalls für Euch ein simpler Reisender zu sein.‹ – So streiften wir noch einige Tage umher, und als wir ankamen, sah ich, dass er ein Haus nicht weit von der Porta Capena besitzt, wo er nach seinem Eigensinn, fast ohne Bedienung lebt. Seitdem haben wir uns öfter dort im Felde wiedergesehn. Ich habe ihm viel von Euch erzählt, und er wünscht lebhaft, dass ich ihn bei Euch einführen möge. Aber er ist eine Art von Menschenfeind, besonders hat er, so scheint es, einen Haß auf die große Welt. Als er erfuhr, dass Euch der übermütige Farnese nicht selten besucht, gereute ihn schon sein ausgesprochener Wunsch, doch bittet er durch mich, wenn Ihr einmal allein seid, ihm zu erlauben, Euch zu sehen, und wenn ich nicht irre, seid ihr morgen abend ohne Gesellschaft. Darf ich den barschen Mann dann bringen?«
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»Gern«, sagte Vittoria, »nur hütet Euch, Bester, dass ihr keinen von den berühmten Banditen in unsre Haushaltung führt die uns nachher wohl gar ausrauben und ermorden.«
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Caporale lachte laut und erwiderte: »Nein, schöne Freundin den Anschein hat er durchaus nicht: er eröffnete mir endlich, er sei ein wohlhabender Kaufmann aus der Lombardei, und habe sich von dort entfernt, weil die Pest, wie wir alle wissen, in Oberitalien auf eine furchtbare Art wütet.«
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»Du vergissest, Vittoria«, sagte die Mutter, »dass morgen der Celio Malespina hier sein wird, und Euer junger Freund Don Cesare, der redselige Boccalini.«
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»Die beiden werden ihn wohl nicht stören, oder ihm im Wege sein«, sagte Caporale: »doch will ich es ihm ankündigen, damit er kommen oder wegbleiben kann. Ihr seid aber auch von der Güte, alle andern Fremden zurückzuweisen.«
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So geschah es. Die Familie war am andern Abend versammelt, und der junge Boccalini, ein großer Verehrer des Dichters Caporale hatte sich zuerst eingefunden. Bald darauf erschien Malespina, der in Florenz bei dem Herzoge Francesco, welcher erst vor einigen Jahren die Regierung angetreten hatte, seit einigen Monden die Stelle eines Sekretärs bekleidete. Er war jung und wohlberedt und sein neuer Eintritt in die große Welt, wo er plötzlich blendende und mächtige Verhältnisse aus seiner Nähe in einem andern Lichte sah, schien ihn sehr glücklich zu machen. Er spottete mutwillig über viele Gegenstände, die ihm vor einem Jahr vielleicht ein ehrfurchtvolles Schweigen aufgelegt hätten. Er kannte außerdem die Literatur, und viele Gelehrte persönlich. –
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Jetzt trat Caporale mit seinem neuen Freunde ein. Dieser begrüßte sie alle höflich, mit den feinen Manieren eines Weltmanns sagte dann schmeichelnd, wie er seit lange gewünscht, die berühmte Accorombona näher und persönlich kennenzulernen, deren Ruhm durch ganz Italien verbreitet sei: er fühle sich überrascht, dass der Ruf der Schönheit von einem so zauberreichen Wesen noch zu wenig gesagt habe. Auch der Mutter war er verbindlich und vergaß oder übersah auch Peretti nicht, sowie die beiden Fremden, so dass er sich durch sein sicheres Wesen, und seinen gebildeten Ton, der ihn als einen Mann von tiefer Erfahrung und mannigfaltigen Schicksalen ankündigte, mit allen Gegenwärtigen sogleich in ein gutes Verhältnis setzte.
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Celio Malespina erzählte von Florenz, Boccalini spöttelte über einige römische Gelehrte und berühmte Staatsmänner, Caporale suchte die zu scharfen Urteile zu mildern und Virginia war so ausschließend mit der Betrachtung des Fremden beschäftigt, dessen Sonderbarkeit ihr auffiel und sie fesselte, dass sie fast nur mit einigen lachenden Antworten an dem Gespräch der übrigen teilnehmen konnte. Auch die Mutter beobachtete diesen und sie suchte emsig in ihren Erinnerungen umher, ob sie dem bedeutenden, großen und stark gebauten Mann, mit diesem feurigen gebietenden Auge, nicht schon früher in ihrem Leben begegnet sei. Peretti drückte eine gewisse Scheu und Furcht vor dem Fremden aus und war in seinen Äußerungen, wenn er an der Unterhaltung teilnahm, noch furchtsamer und blöder, als gewöhnlich.
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Malespina erzählte, dass jetzt einige unvollendete Gesänge des befreiten Jerusalems von Tasso nach Florenz gekommen seien, die den ganzen Hof in Entzücken versetzt hätten. »Es ist wohl gewiss«, fuhr er dann fort, »dass dieser junge Mann jetzt der größte Dichtergenius unsers Vaterlandes ist. Es erheben sich sogar hie und da einige Stimmen, die ihn schon über unsern großen Ariost erheben wollen.«
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»Über das ewige Streiten und Erheben und Subordinieren!« rief Caporale unwillig aus. »In seiner Sphäre wird der göttliche Ariost niemals wieder erreicht werden; Tasso betritt, soweit ich sein herrliches Gedicht kenne, eine ganz andere Region der Poesie. Diese beiden magischen Kreise können sich in keiner Gegend ihres Zauberbanns berühren. Die Kristallpaläste Ariosts sind vom strahlenden Lichte des Scherzes und der Lust umgossen, vom zarten Mutwillen durchströmt und der Ernst des Lebens ist in ein leichtes, wenn auch tiefsinniges Spiel verwandelt. Tasso wandelt mit den Gestalten seiner Sehnsucht und Poesie in einem grünen dämmernden Hain, die Liebe ist süß, doch ohne Schalkheit, Krieg und Abenteuer, Helden und Jungfrauen, alle sind von einer sanften Weihe durchdrungen, und eine freundliche Wehmut erfasst und durchschauert unsern Geist, indem wir uns dem poetischen Taumel ergeben. Wie so ganz anders das blendende, verwirrende und verlockende Labyrinth unsers Ariost! wo uns im innersten Gemach, wenn es in diesem neckenden Garten ein solches gibt, statt des Minotaurus ein Reigen scherzender und übermütiger Nymphen und Satyrn überrascht, die uns laut wegen unserer Erwartungen verlachen.«
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»O wie wahr!« rief jetzt Vittoria aus: »mag Ariost für den Kenner, welcher die Waagschale in prüfenden Händen halten darf, der größte Dichter sein, unser zärtlicher Tasso wird sich immer neben ihn stellen dürfen.«
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Boccalini sagte: »Glaubt mir, auch die schönsten Werke müssen erst, den Mispeln ähnlich, eine Weile still und ungenossen liegen bleiben, bis sie für den Gaumen der Menge die weiche Reife erlangt haben, dass diese den Geschmack an ihnen finden. Der Enthusiastische versteht sie früher und gewissermaßen im voraus, so wie der wilde, leicht erhitzte Ungebildete bald dieses bald jenes wesenlose Gespenst als seinen Gott anbetet, und ihm einen Dienst weiht, der viel größer ist, als der nüchterne Götze selbst.«
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Der wohlbeleibte Fremde warf dem jungen Mann einen scharfen prüfenden Blick zu, indem er bemerkte: »Wahr! Die Begebenheit aller Zeiten; aber ist die Zeit selbst immer die Wurfschaufel, welche die Spreu links und die Körner rechts wirft?
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Und hat selbst die Geschichte, die unbefangene Nachwelt niemals geirrt? Ja, wenn diese sogenannte Zukunft nicht zerstreut und vergeßlich wäre! Sie vergisst auch nur allzuoft an den neuen Schätzen, was sie schon früher an Juwelen besaß; das Neue ist ihr oft nur das Bessere, weil die Politur die frischere ist, und das massive Gold voriger Tage von Staub unkenntlich gemacht wurde. Hat nicht der leuchtende Ariost und der spaßhafte Berni unsern edeln Bojardo zu früh in die Vorratskammer der Altertümer hineingestellt?«
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»Gewiss!« rief jetzt Donna Julia aus, »und es freut mich, dass ein edler Sinn einmal diese gehaltreiche Frage aufwirft. Der Erfindungsreiche hat uns diese Bahn geebnet, er war trunken im süßen Wein der schönen Fabel, und nun hat er doch Undankbaren die duftenden Trauben seines reichen Berges gekeltert.«
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Vittoria betrachtete mit Freuden ihre Mutter, von deren schönem Munde ein so poetischer Ausspruch gefallen war.
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Malespina erzählte wieder vom Tasso, wie er seinen Nachrichten zufolge, unzufrieden am Hofe von Ferrara sei, wie er sich fortsehne, und besonders mit dem florentinischen Fürsten, dem Großherzoge Francesco in heimlichen Unterhandlungen stehe. Auch sei ihm der Fürst geneigt, und vielleicht noch mehr dessen Geliebte, Bianca Capello. Nur sei der Poet so schwankend und unentschlossen, dass die Anfragen und Unterhandlungen niemals weiterrückten: und der florentinische Hof wolle natürlich auch nicht zu rasch und bestimmt entgegenkommen, um dem Herzoge Alfons, der schon seit Jahren die Medicäer hasse, keine Blöße zu geben. -»Überhaupt«, fuhr Malespina fort, »wird den armen, krankhaften Tasso früher oder später ein unglückliches Schicksal ereilen. Er ist verzogen worden, und zugleich gedemütigt, manche erheben ihn seines Gedichtes wegen zum Gott, andere tadeln eigensinnig und unermüdlich, und er ist schwach genug, alle, die für Kenner gelten, anzuhören und ihnen selbst das Richtschwert in die Hand zu drücken. Wollte er allen folgen, so bliebe kein Vers seines Werkes übrig, oder unverletzt; das Notwendigste und Schönste würde ganz verworfen; weil die pedantischen Kritiker diese herrlichen Zwischenhandlungen unter dem Namen der Episoden verdammen, welche nach ihrer Einsicht in keinem epischen Gedichte sein dürfen. Wehrt sich der Ärmste nun rechts und links gegen diese Vertilger, so muss er die alten Phrasen von der Poeten-Eitelkeit hören, von dem leicht erregten Zorn der Dichter, und dergleichen lateinische Sprichwörterchen. Er meint es ernst mit seiner Dichtung, vielleicht zu ernst, seine Splitterrichter aber pedantisch; diese nun, zum Erbarmen, indem sie ihn schmerzlich verletzen, spielen die Gekränkten und Beleidigten, als wenn er ihnen noch großen Dank sagen müsste, dass sie das Werk, dem er Jahre von Fleiß, Studium und Liebe geopfert, das ihn so viele Nachtwachen gekostet hat, zerfleischen und vernichten.«
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»Ja, ja«, sagte Caporale, »ein solches Elend kann nur ein Dichter ganz mitfühlen.«
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»So soll der Unglückliche«, fuhr Malespina fort, »jetzt mit sich und der ganzen Welt unzufrieden sein. Er wünscht zu reisen, je weiter, je lieber: der Herzog Alfons aber will ihn nicht entfernen; manche der Hofleute, die ihm neidisch sind, möchten ihn vertreiben, falsche Freunde halten ihn wieder fest, um sich schadenfroh an seinem Kummer zu weiden, dass derselbe Mann schon so tief gesunken ist, den sie eine Zeitlang so sehr über sich erhoben sehen mussten.«
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»Man möchte weinen«, rief jetzt Vittoria mit bewegter Stimme aus, »wenn man es sieht, wie in unserm armen Vaterlande der Genius, fast wie ein Hofhund, an den Ketten fürstlicher Gnade gefangen liegt. Ein Spielwerk der Launen, ein Putz für den Hochmut, ohne wahre Achtung und noch weniger Liebe: wie das Talent nicht erkannt, und dennoch in Knechtespflicht gehalten wird, dann zufällig aufgeopfert, oft dem gemeinsten Interesse sogar geschlachtet. – Oh, das wäre ein Gegenstand für unsere Tragödie, viel ergreifender und durchdringender, als jene kalten Exerzitien eines Sperone und Trissino.«
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»Ja wohl«, erwiderte Malespina. »Aber er selbst, unser Torquato, ist allzu schwach. Selbst seinen gutgesinnten Freunden zwingt er durch manche Dinge ein halbverachtendes Lächeln des Mitleidens ab. Könnt Ihr es glauben, Verehrte? Er hat sich neuerdings so weit erniedrigt, dass er sich zum Inquisitor begeben, und sich über seine Rechtgläubigkeit hat examinieren lassen. Dieser hat ihm ein Zeugnis ausstellen müssen, dass er ganz mit ihm zufrieden sei, so wie man es wohl Kindern oder jungen Kandidaten gibt. Aber das ist ihm nicht genug, auch nicht, dass gelehrte, ihm wohlwollende Bischöfe ihn einen orthodoxen katholischen Christen nennen: dringend liegt er immerdar seinem Herrn an, dass er ihn nach Rom schicken soll, damit hier sein Glaubensbekenntnis untersucht werde. Er ist auch wiederum, sagt man, zu einem andern Inquisitor gewandert, der wiederum auf sein Flehen seinen ungefälschten Glauben hat bestätigen müssen. Dieser große Mann, der den Plato und Aristoteles liest und kommentiert, der selbst so schöne, tiefsinnige Dialogen schreibt dieser fällt so ganz von seiner Würde – oh, nicht wahr, man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll. – Es ist doch zu erbärmlich um diese unsere menschliche Schwäche.«
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Als diese Worte ausgesprochen waren, stand Vittoria in der heftigsten Bewegung auf und wandelte mit großen Schritten durch den Saal; dann stellte sie sich hoch aufgerichtet vor Malespina hin und sagte mit Tränen im feurigen Auge: »Mann! Don Celio! Wo kommt Ihr denn her, aus welchem einsamen Winkel des wilden Kalabriens? Wie seht Ihr die Welt und die Menschen an, wie leset Ihr die Geschichte?«
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Don Celio erschrak sichtlich vor dieser Anrede; die schöne Frau erschien ihm in diesem Augenblicke furchtbar.
Vorlage S. 649
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»Ihr ein Hofmann?« fuhr sie mit lauter Stimme fort, »ein Menschenkenner? O wahrt Euch, wahrt Euch, dass Euch dieses Lächeln über Tasso nicht einmal den Hals bricht. Ihn verlachen, den Ärmsten? Ja, wären noch die Zeiten des Julius und Leo des Zehnten, als witzige Lästerer selbst Präbenden für ihren lustigen Atheismus erhielten, als Bembo, der galante, eben wegen seiner Feinheit, Kardinal ward, als Peter, der Aretiner, von Priestern, Päpsten und Kaisern geehrt wurde. – Aber jetzt! habt Ihr es denn gar nicht erfahren (und es ist doch noch nicht so tief in die Vergangenheit entrückt), wie Euer wahrhaft großer Fürst, der erst vor zwei Jahren gestorben ist, damals dem fromm-wütenden Papst seinen Tischfreund, seinen Vertrauten, den gelehrten Carnesechi aufopferte? Den edlen Mann, der hier in Rom enthauptet und verbrannt wurde? Und weshalb ward dieser Busenfreund, den der große Cosmus, der so viel Edles und Schönes ausgerichtet hat, so schnöde auslieferte, preisgegeben? Um jenen alten Präzedenzstreit endlich zu schlichten, dass Cosmus vor Ferrara und andern ginge, die Hoheit erhielte, und statt Herzog Großherzog tituliert würde. Weshalb der Haß Ferraras und der übrigen Fürsten noch fortbrennt. Kann nun Alfons, wenn er sich von seinem Hofdichter beleidigt dünkt, diesen den Religionswächtern in die Hände spielen, glauben diese in blindem Eifer wirklich, oder auf höhern Befehl an Tassos Ketzerei, so darf sich der Fürst von Ferrara ohne weitere Bemühung oder Zorn zurückziehen, und nur unsere liebende Kirche walten lassen Möglich, dass Tasso zu ängstlich ist, aber ihn deshalb zu verlachen ist wahrlich keine Ursache.«
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Der Fremde, der sich nur Don Giuseppe nennen ließ, stand auch wie in Begeisterung auf, ging hin und fasste die schöne junge Frau bei der Hand, führte sie zu ihrem Sessel zurück, und sagte mit bewegter, aber sehr wohlklingender Stimme: »Ihr habt da ein sehr wahres Wort über die Fürsten gesprochen, und noch mehr, als diese Einsicht, verehre ich Eure Ketzerei. Oh, was wären wir Italiener, wenn viele Tausende so dächten, und diese Million denselben heroischen Mut hätte, es so laut und dreist auszusprechen!«
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Die Mutter war erst über die heftige Rede der Tochter erschrocken, jetzt war sie es noch mehr über die Bemerkung des fremden Mannes, und über die Art und Weise, wie er gleichsam, als wenn es so sein müsse, den ganzen Kreis ihrer Familie regierte. Vittoria sah den kecken Mann mit einem ganz eigenen Blicke an, dann senkte sie das Haupt, ward auf ihre seltsame Weise rot und dann viel blasser als gewöhnlich, und man bemerkte, sosehr sie es auch verbergen wollte, dass sie Tränen vom Auge trocknete.
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Dem jungen Peretti war alles, was sich jetzt zugetragen hatte, nicht aufgefallen, er sprach eifrig mit Flaminio über eine Stadtneuigkeit. Marcello, dem alle diese Gespräche langweilig waren, hatte sich schon längst entfernt, um irgendeine seiner Gesellschaften aufzusuchen, in denen es lauter, wilder und lustiger herging.
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Um wieder in die gleichgültige und ruhige Bahn einzulenken, führte Caporale das Gespräch auf die Dichtungen zurück, und ersuchte seine junge Freundin, über irgendein Thema zu improvisieren; denn Don Giuseppe habe viel von dieser ihrer Gabe gehört, und wie schön sie sich in dieser Übung von Enthusiasmus und Begeisterung über alle gewöhnlichen Grenzen fortreißen lasse.
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»Der fremde Herr«, erwiderte sie, »hat schon gesehen, wie unziemlich ich mich von einem gewissen Dämon kann einnehmen und beherrschen lassen, den Ihr so freundlich Enthusiasmus nennen wollt. Darum sei es für heute genug. Besser ist es vielleicht, wenn jeder ein aufgeschriebenes Gedicht von sich mitteilt, um unsern Abend auf echt italienische Weise zu beschließen. Ich bin es gern zufrieden, dann auch eine Grille herzulesen, die ich neulich gedichtet habe.«
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Ohne weiter umzufragen, zog Caporale einige Blätter aus dem Busen, und sagte: »So will ich den Anfang machen.« – Er las einige Kapitel aus seinem neuen komischen Gedicht über die Gärten des Maecenas, welche alle Zuhörer in eine heitere Stimmung versetzten. Dann gab Flaminio einige Verse zu hören, die die Schwester ihm wahrscheinlich verbessert hatte. Donna Julia nahm aus dem Schrank eine moralische Kanzone, die sie mit wohlklingender Stimme vortrug, und der blonde Peretti brachte ein Lied vom Glück des Landlebens herbei, welches er so stotternd und unrichtig vorlas, dass man wohl daran zweifeln durfte, ob es auch von ihm selber herrühre.
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Hierauf sagte Don Giuseppe: »Jetzt, meine Damen, da die Reihe an mich gekommen ist, fällt mir dermalen nichts ein, (am wenigsten ein Vers, da ich in meinem ganzen langen Leben noch keinen geschrieben habe,) als eine Stelle aus jenem weltbekannten Kindermärchen von den drei Orangen. In diesem heroischen Zaubergedicht kommt eine eiserne Tür vor, die darüber ächzt und winselt, dass sie so furchtbar knarren und krächzen müsse, weil ihre Angeln, ich weiß nicht, seit wie vielen Jahrhunderten, nicht mit öl sind getränkt worden. So müsste ich auch noch auf irgend eine Muse warten, die mir, um Verse sprechen zu können, die Kehle geschmeidig mache. Nehmt, Verehrte, diese Erinnerung an ein Gedicht für ein Gedicht, und diesen meinen Scherz für Ernst.«
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Boccalini las in den heiteren daktylisch-gleitenden Versen ein Gedicht, wie der erzürnte Apollo einst den schlafenden Amor überrascht habe. Noch böse über die Liebeswunden, die ihn so oft geschmerzt, habe er den tückischen Bogen des Kleinen zerbrechen wollen. Wie er ihn zusammenkrümmt, ertönt, wie klagend, die Sehne: so biegt der Gott ihn um, und erschafft die Leier. Darum will sie immer nach Liebe tönen, auch oft, wenn der Musengott nach andern Weisen sucht. Der Satyr erprobt nicht selten, wenn Apollo ihm freundlich ist, das Instrument der Sehnsucht: in seiner Faust schwirrt es halb zum alten Bogen zurück und schießt oft bittre, vergiftete Pfeile. Doch unser Satyr, von Vittorias oder Junos Majestät verschüchtert, lässt dem gutmütigen Caporale nur leichte Scherze von der feinklingenden Sehne fliegen, und Apollo und Vittoria lächeln ihm Beifall.
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Die übrigen applaudierten und Virginia suchte jetzt, indem sie mehr Caporale als Boccalini mit einem lächelnden Blicke begrüßte, aus einer Sammlung vieler Blätter einige heraus und sagte: »Ich weiß nicht, soll ich diese Erfindung Ballata, oder wie die Spanier Romanze, oder nur Grille betiteln.« Sie las, und es waren in Versen ohngefähr folgende Worte; –
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469
»Der schwarzbraune Bräutigam.
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470
Der junge Fürst nahm Abschied von der Braut. Sie war ihm seit einem Monat anverlobt. Er dachte nur an sie, und ritt jetzt in das Gebirge hinein, um seinen Vater zu besuchen, und ihn auf die Ankunft der Schwiegertochter vorzubereiten.
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471
›Verlaß mich nicht‹, klagte die schöne Braut, ›mir ahnet Unheil. Warum gerade in diesem Augenblicke von mir gehn?‹ – ›Ich muss‹, sagte der Prinz, und küsste sie zärtlich: ›unsere Liebe wird diese Trennung nur lächelnd überdauern.‹
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472
›Nein!‹ klagte sie weinend; ›ich sehe dich nicht wieder. Als gestern abend die dunkeln Wolken so eilig durch den Himmel flogen, erblickte ich in ihnen lauter abscheuliche Gesichter, grinsend, in fürchterlicher Schadenfreude verzerrt. Es sind die Göttinnen des Schicksals, oder Dämonen, die dir auflauern. Sie wollen uns trennen, sie wollen dich töten! sie fürchten, die Schadenfrohen, dass du deine Länder beglücken wirst, sie wollen nur Unheil säen.‹
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›Gespenster‹, sagte der Liebende, ›sind nichts Wirkliches, darum zittere, darum bange nicht, mein holdes Liebetraut. Dass wir uns lieben, ist Wahrheit: davor weilt und steht kein Dämon. Deine Phantasie ist krank, die Wirklichkeit gesund. Um so viel du in Schmerzen leidest, um so mehr jauchze ich in Lust. Der gute Geist muss Sieger sein.‹
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›Kannst du es wissen?‹ sprach sie, und umschlang ihn inniger. ›Sie meinen es nicht gut mit uns, das habe ich in allen meinen Träumen gesehn. Du bist mir Leben, Gegenwart und Zukunft: wenn sie dich fortreißen, wo ist noch eine Zeit für mich?‹
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Da ward sein schwarzes, hohes Roß vorgeführt, sein Lieblingsroß. Wie er dem edlen Tiere gut war, so war das Pferd mit wunderbarer Freundschaft dem Herrn zugetan; es hatte ihm schon oft das Leben gerettet. Und der Herr war dem Rappen dankbar. Die Liebe, die den Menschen an die Tiere knüpft, ist wunderbar.
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476
Im Tale, tief unten, im Felsenkessel, von Schierling, Bilsenkraut und giftigen dunkeln Blumen umgeben, hausten in der Einsamkeit weibliche Dämonen. Ihre Freude war Unglück, Verderben, Krankheit. Das aufschlagende Feuer, das die Hütte des Armen verzehrte, war ihnen, wenn es durch die Nacht hin leuchtete, ein Freudenzeichen; der Verzweifelnde, wenn er ihnen begegnete, war ihnen ein Narr und Geck, an dem sie sich belustigten. Sie hatten oft den schwarzbraunen schönen Prinzen gesehn, sie liebten ihn alle, weil er so herrlich war, und alle wollten sich gegen ihre Natur, ihm gefällig beweisen. Bald kam ihm die eine als Zigeunerin entgegen, um ihm wahrzusagen, bald kam eine andere als Bettlerin; jene, die Wildeste dort, mit dem ruchlosen Auge, wollte ihm den kürzeren Fußpfad durchs Gebirge zeigen; – aber so sehr sie auch schmeichelten, so fein sie auch sangen, so tief sie sich beugten, so sehr in verwandelten Larven sie ihn anlächelten; er achtete ihrer nicht, und ihre Liebe verwandelte sich in bittere Galle und essigsauren Haß.
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›Da braust er heran, auf seinem nachtdunkeln Roß‹, sagte jetzt Alrune, die mit der gelben Haut, den großen stechenden Augen und dem langen Rabenhaar. – ›Das Pferd ist auch schön,‹ sagte Geldrude, die falsche, deren einer langer Zahn weit über den blassen Lippen vorragte. – ›Wie es stampft! die Erde zittert bis hierher!‹ sprach Gudula, die bösartige, die die kleinen Kinder stahl und sie tot und krank aufgeschwollen den jammernden Müttern wieder in den Weg legte. – Alrune rief kreischend: ›Ich will uns alle an ihm rächen! Gebt acht, er soll den alten Vater, er soll die schöne Braut nicht wiedersehn!‹
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Sie stellte sich, die Scheußliche, unsichtbar an den Weg. Da, an der Ecke des Waldes, wo kein Kruzifix, kein Bildnis der gottgesegneten Mutter in der Nähe war. – Da braust es heran, da klingt der Felsengrund, da weht der Mantel des schönen Reiters im Frühlingswind, und der Wald duftet, und die Vögel singen laut.
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Sie streift, das schreckliche Gespenst, die Gewänder ab. Ein Scheusal zeigt sich den Geistern, denn das sterbliche Auge sieht sie nicht, aber die greulichen Schwestern der Unholdin freuen sich der entsetzlichen Schönheit ihrer Genossin. Wie ein brauner Zweig steht sie an der Waldecke, wie eine aufgerichtete dunkelgelbe Giftschlange, wie eine hoch aufgeschossene ekle Pflanze, vor der sich die Morgenluft scheu zurückbeugt und das Licht Tau niederweint, dass es den Graus beglänzen muss.
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Holla! da sprengt der schöne Jüngling heran. Er singt ein fröhlich Lied; die dunklen Locken fliegen ihm spielend nach, und fächeln liebkosend seine braune Wange. Er denkt einen Liebesgesang und ruft: ›Wie schön ist die Natur! wie berauschend der Lenz! wie überglücklich ich!‹
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Nun ist der Reitende dem Grausal nahe. Ihr Auge jubelt. Mit einem Sprunge ist sie hinter ihm, sitzt schrittlings; die braunen Schenkel leuchten von der Schwärze des Rappen abscheulich zurück, ihr schiefer großer Mund lacht, die weißen Zähne glänzen. Den dürren ausgereckten Arm, an dem die langen Nägel wie Klauen stehn, schlägt sie, um sich festzuhalten, dem Reiter um die Brust. Er weiß nicht, wie ihm geschieht, er sieht sie nicht sein Herz bebt, der Rappe schaudert. – Nun sprengen sie hin, das Pferd sperrt weit die Nüstern und schnaubt, dass die vorüberfliegende Wespe forteilt im Schreck.
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›Wohin, mein Rappe?‹ ruft der bestürzte Jüngling; ›du rennst aus der Bahn.‹ Das Pferd stemmt sich gegen den Zügel, es gehorcht nicht Sporn, nicht Ruf. Die Schwestern sehn es jauchzend, wie Roß und Reiter dahinstürzen, über hohe und niedere Felsgesteine und bemooste Felsenblöcke; der Reiter blickt sich scheu um, er will die unsichtbare Klammer von seiner Brust lösen, und vermag es nicht. Bein und Fuß schlägt die Wilde in die Weichen des Rosses, das immer toller, immer unbändiger rennt: ihr struppigtes, starres, greises Haar fliegt wie Borsten im Winde, man sieht das Grinsen des Antlitzes, das Zähneblöcken. – ›Welch böser Geist regiert mein Pferd!‹ schreit nun der Königssohn: ›was presst mir so mit eisernen Klammern Brust und Herz, dass ich vor Schmerzen schreien möchte? – So steh denn in der Hölle Namen!‹ So reißt er mit Riesenkraft sein Pferd herum, der Rappe zittert in allen seinen Fibern wie Espenlaub, doch hinter dem Reiter schlägt die Gelbbraune die Beine schnalzend an die Weichen des Rosses, und nun stürzt es wie rasend zurück, der Hut entfällt dem Reiter, auch seine Haare flattern im Winde ihm nach, nun wüten Pferd und Jüngling heran, dem Zauberkreise, dem Giftbrunnen, das Roß bricht zerschmettert nieder, der sterbende Fürst wirft noch einen, den letzten Blick in den lichten, blauen Himmel hinein, und wahrnimmt die kleine Wolke, die, ihn beklagend, sanft vorüberschwimmt. –
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Nun stehn sie, die Scheußlichen, mit gierig starren Blicken umher, und freuen sich ihrer Tat. Was kümmert es sie, dass der Vater sich härmt, und am gebrochenen Herzen stirbt, dass die Braut weint, und jeder schöne Jüngling ihr nur als Leiche erscheint? –
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Und so jagt manchen ein unsichtbarer Dämon mit wilder Schadenfreude in seinen Untergang. Je schöner, je edler das verfolgte Wesen, je mehr Scheuel und Greuel sein niederträchtiger Feind, der ihn vernichtet, er weiß selber nicht warum.
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Und das nennen sie nachher Schicksal, unvermeidliches Verhängnis, die kurzsichtigen Sterblichen. Oh, könnten ihnen doch die Augen aufgetan werden, damit sie es wahrnähmen, mit wem sie es zu tun haben.«
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»Ei!« rief der alte Poet, »wie kommt ihr auf eine so trübselige Erfindung? Ist dies wohl ein Gegenstand, ihn in einer heiteren poetischen Akademie vorzutragen?«
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Don Giuseppe schien anderer Meinung und lobte das Gedicht. »Es mag wohl«, sagte er, »nur zu sehr ein wahres und trübes Bild unseres Lebens sein. Außerdem aber habe ich es mir zur Pflicht gemacht, alles, was die Signora Peretti tut und sagt, zu bewundern.«
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»So ist es recht«, rief Vittoria, jetzt wieder ganz aufgeheitert, »eine solche Verehrung, die durchaus keinen Tadel zulassen will, ist einzig und allein die richtige. Nicht wahr, an unserm Ariost oder Dante noch mäkeln, diese Stelle so, jene anders wünschen, das ist nur die Art schwacher Geister? Und so behandelt Ihr mich, Don Giuseppe, wie ein vollendetes Kunstwerk, und ich danke Euch dafür.«
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Als man sich jetzt zu Malespina wandte, sagte dieser: »Ich muss, wie Don Giuseppe, um Entschuldigung bitten; ich darf mich in einer solchen Gegenwart wohl nicht für einen Poeten geben, und wenn ich auch diese Kühnheit hätte, so trage ich doch kein Blättchen mit Versen bei mir, und mein Gedächtnis ist mir nicht treu genug, etwas ungelesen rezitieren zu können. Wenn Ihr es aber nicht mit Unwillen aufnehmen mögt, so will ich Euch zur Abwechselung und Aufheiterung eine jener an sich unbedeutenden komischen Begebenheiten vortragen, die sich in Residenzen und an Höfen wohl oft ereignen. Nur muss ich bei den verehrten Damen im voraus um Entschuldigung bitten, wenn die Erzählung wie wohl die meisten komischen, hier und da, wenn auch nur ganz wenig, verletzend sein sollte.«
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Caporale erwiderte: »Es lässt sich fast alles erzählen, wenn man nicht selbst eine unziemliche Lust am Unziemlichen empfindet.«
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»Sehr wahr«, sagte die Mutter, »das möchte wohl die richtige Art bezeichnen, weshalb viele unserer Autoren von mir rein genannt werden, die bei andern in einem sehr übeln Rufe stehen Wer sich selber unsittlich aufreizt, um gemeine Lüsternheit in andern zu erregen, nur einen solchen sollte man unmoralisch nennen.«
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»So bin ich denn dreist genug, den Spaß, der sich wirklich so zugetragen hat, zu beginnen«, sagte Malespina.
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»In unserer Residenz lebt schon seit längerer Zeit ein komischer Mann, der unzählige Blößen gibt und sich fast immer lächerlich zeigt, dessen ohngeachtet aber eine gewisse Hochschätzung mit Recht in Anspruch nimmt: es ist dies der alte Conegiani, der Gesandte von Ferrara an unserm Hofe. Dieser Mann ist lang und hager, blass, von eingefallenem Gesicht und tiefliegenden Augen, zuweilen, wenn er nachdenkend aussieht, wie ein Bild des Jammers; wenn er leicht und ausgelassen sein will, so reißt er im schmalen, dürren Gesicht den großen Mund so weit auf, dass man sich entsetzen möchte.
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Iwan Schischkin und Konstantin Sawizki – Waldlandschaft mit Bären, 1889. Motivvergleich; keine Darstellung der Figuren dieses Buches.
Kontextbild zum Werk. Morgen im Kiefernwald · Ivan Shishkin / Konstantin Savitsky · Public domain Bildquelle ↗
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Dieses Bild des Schreckens also, oder diese klapperdürre Figur, welche die Natur in bizarrer Laune scheint hervorgebracht zu haben, weiß aber von seiner Lächerlichkeit nichts; so verblendet ist er und so von sich selbst eingenommen, dass er sich für schön hält, für anmutig und geistreich; darum tanzt er gern noch auf den Festen, spielt den Zärtlichen, den Witzigen, und versagt keinen Spaß oder keine Ausgelassenheit, die die jungen, übermütigen Kavaliere ersinnen, und welche sie oft nur erdenken, um ihn hineinzuziehn, und sich an seiner Possierlichkeit zu ergötzen.
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Sein vertrauter Freund ist ein junger reicher Edelmann aus Padua, der ein schönes, witziges Mädchen unterhält; und bei diesem speiset, ohne andere Gäste, der Gesandte fast jeden Abend.
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Die größte Schwäche des Alten ist nun, dass er glaubt, jede Dame sei in ihn verliebt; so dass die Frauen ihn närren und necken, oft die Zärtlichen spielen, um ihn zum Gelächter zu machen, wie es sich von selbst versteht. Ganz öffentlich aber hat er sein fühlendes Herz vorzüglich der witzigen und schönen Donna Isabella gewidmet, die auch zum Schein seine Liebe erwidert, seine Zärtlichkeiten beantwortet und den Alten in so wunderliche Posituren versetzt, dass dieses öffentliche Verhältnis zu den Lustbarkeiten des Hofes gehört.«
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»Wer ist diese Isabella?« fragte Don Giuseppe, der sehr aufmerksam der Erzählung zuhörte.
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»Sie ist«, antwortete Malespina, »die Schwester unsers Großherzogs und die Gemahlin des Herzogs Bracciano, des berühmten Orsini Paul Giordano, der sich schon in verschiedenen Feldzügen ausgezeichnet hat, wie Ihr wissen werdet. Diese Dame ist vielleicht die schönste unsers Hofes; sehr viele erkennen ihr den Preis vor unserer berühmten Schönheit, der Bianca Capello. Alle Welt ist von ihrer Anmut bezaubert, von ihrer witzigen Unterhaltung hingerissen. Dabei ist sie in ihrem edlen Betragen so gutmütig, dass die Armen und Bürgerlichen sie verehren: ihre Gewandtheit und Lebensklugheit ist so groß, dass unsere kränkliche und ernste Großherzogin sie ebenso liebt, und ihr ebenso vertraulich ist, wie jene übermütige Bianca. Gewiss ein seltnes Beispiel da die regierende Fürstin gewiss nicht leichtsinnig über die Leidenschaft ihres Gemahls denkt, und ihre Nebenbuhlerin nur mit innigem Grauen neben sich dulden kann.
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So gab es denn im letzten Karneval einen unendlich spaßhaften Auftritt am Hofe, im Saale der regierenden Fürsein. Es war ein trauriger Regentag, und die Fürstin, sonst ernst, fast melancholisch, schlug Tänze und Spiele vor, weil sie sich vorgenommen hatte, an diesem Tage recht heiter zu sein. So wurde denn getanzt, und in allen Wendungen, feierlichen wie lebhaften Tänzen, figurierte jener beschriebene Conegiani, und spielte seine zärtliche Rolle mit der Herzogin Isabella. Nachher ward gesungen, dann trieb man das Spiel, schwere Worte hintereinander schnell zu sagen, was die tollsten Redensarten, burleske unsinnige Silben hervorbrachte; wer aber fehlte, stotterte, oder falsche Worte sagte, erhielt von einer kleinen vergoldeten Kelle einen derben Schlag in der flachen Hand, so wie es wohl den kleinen Kindern in den Schulen geboten wird. Viel Schläge, und heftige, bekam unser Gesandter, denn die Dame, die das Strafamt verwaltete, spaßte mit ihm nicht, wenn er wegen Fehler gezüchtiget wurde, so dass seine Hand am Ende rot aufgelaufen war, und er mit den lächerlichsten Grimassen die schmerzende an seinen Kleidern rieb.
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Jetzt schlugen die jungen Leute ein tolles Spiel vor, das Affenspiel, Mattacini genannt, in welchem einer der Herren hüpft, springt, Gebärden macht, und alle übrigen nachahmen und ebenso tun müssen. Bei dieser Tollheit sind die Damen natürlich nur Zuschauer. Man legt bei diesem Spaß die Mäntel ab und zeigt sich im Wams, ein nachlässiges Kostüm, in welchem schöne junge Männer, welche gut gewachsen sind, nur gewinnen können, in welcher Tracht aber das dürre, arme, fleischlose Skelett, an welchem man weder Waden, Schenkel noch Hüften wahrnehmen konnte, sich vollends erst wie ein aufrecht wandelnder Affe ausnahm. Dieses übermütige Spiel führte nun ein Vetter der Herzogin Isabella an, der Graf Troilo Orsini, ein großer schöner Mann, in voller Kraft der Jugend, und so mit Grazie begabt dass alle Weiber in ihn vernarrt sind. Dieser ersann nun die tollsten Sprünge, Stellungen und Gebärden, und wie einem reizenden Jünglinge, der seinen Körper in der Gewalt hat, und sich kennt, um zu wissen, was er sich erlauben darf, alles schön steht, und er auch das Komische und seltsam Abgeschmackte veredelt so erschien an unserm Gesandten selbst das Gewöhnliche verzerrt und widerwärtig, das Absurde aber abscheulich. Ihr könnt euch die Lust und Freude der übermütigen Jugend und der Weiber und Mädchen vorstellen; ich habe die edle Großherzogin noch niemals so lachen sehn. Wie wurde es aber erst, als der tolle Troilo anfing, seinen ihm Vorstehenden mit aufgehobenem Bein und Fuß einen Tritt in die Hüften zu geben. Wie ein kreisendes Rad ging diese Gebärde mit der größten Schnelligkeit durch die Versammlung: mancher Getretene fiel um, mancher Tretende war in Gefahr: am schlimmsten erging es dem armen Conegiani, dessen lange, dürre Figur sich zuweilen vom gewaltigen Tritt hintenüber bog, wie ein Bogen. Die Gesichter, die er dabei schnitt, lassen sich gar nicht beschreiben. Er versäumte es aber auch nicht, es nach Vermögen seinen Mitspielenden zu vergelten, so dass er, wie die übrigen, in Schweiß geriet, die Großherzogin sich aber von Lust und übermäßigem Gelächter so angegriffen fühlte, dass sie nach diesem Spiele den Saal verlassen musste. – Nun kleidete man sich wieder an, und der Gesandte setzte sich freudetrunken nieder zu seiner angebeteten Donna Isabella, im Wahn, wie zauberreich er in diesen verschiedenen Windungen und Gebärdungen die Schönheit seines Körpers entfaltet habe. Sie drückte ihm die Hände, lobte seine Gewandheit und er war entzückt« –
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»Doch der Gemahl der Isabella – trieb er auch diese geistreichen Spiele mit?« fragte Don Giuseppe.
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»Ihr scheint es nicht zu wissen«, sagte der Fremde, »dass der Herzog Bracciano schon seit Jahren von Florenz abwesend ist; wenn er nicht im Kriege ficht, so lebt der schon bejahrte Mann hier und dort. Er hat, sagt man, seine Gemahlin nie geliebt, und sie ihn wohl ebensowenig. So sieht man auch fast niemals unsern Fürsten Francesco in den Zimmern seiner Gemahlin, wenn diese ihre Gesellschaften hat. Bei unsern Großen fällt dergleichen kaum mehr auf, wie Ihr es ja auch aus eigener Erfahrung wissen müsst. – Erlaubt aber, dass ich jetzt zu jener seltsamen Geschichte übergehe, zu welcher das Bisherige nur die Einleitung sein sollte, um den Helden derselben kennenzulernen.
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Der junge Troilo unterhielt, der Wohnung des Gesandten gegenüber, ein schönes junges Mädchen, die auch mit der Geliebten des Paduaners, des Freundes unsers Conegiani, sehr vertraulich war, wie unter diesen jungen Wesen, die das ganze Leben von der leichtsinnigen Seite nehmen, diese Verbindungen sehr natürlich sind. Da der alte Gesandte das Kleinod des Troilo täglich aus seinen Fenstern, sich ziemlich nahe gegenüber sah, so ward er leichtsinnig, wie er ist, in dieses artige Wesen entbrannt, und es schien ihm um so merkwürdiger, dass sein Herz neben jener hohen, erhabnen Leidenschaft für die Herzogin, auch noch einer leichteren Empfindsamkeit fähig war, und er schadenfroh imstande sei, einem jungen Manne auf diese Weise Eintrag zu tun.
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Da sein Liebäugeln, Kußwerfen und Grimassieren mit jedem Tage zunahm, so erzählte die mutwillige Kleine diese Neuigkeit ihrem Troilo. Dieser jubelte auf, als er seinen Conegiani wieder von dieser Seite kennenlernte. Er befahl der kleinen Lisa, sich gegen den Alten freundlich zu stellen, und ihm Hoffnung zu machen, als wenn sie sich ihm und seinem Liebreiz wohl nach einiger Zeit ergeben könne. Dem stets lustigen Paduaner wurde auch mitgeteilt, was sich ergeben solle, und dessen junge, leichtfertige Giannina musste ebenfalls darum wissen, um das möglich zu machen, was der Graf Troilo entworfen hatte. Dieser nämlich erzählte seiner Muhme, der Herzogin Isabella, sogleich alles, und diese heitere Dame, die gern mit ihrem Vetter lachte, ging sogleich auf dessen Absicht ein, zum Teil auch wohl, um den Alten recht auffallend bloßzustellen, und auf diese Weise seine lästigen Bewerbungen abzuschütteln, da ihr jetzt wohl schon die Rolle der Zärtlichen, im Angesichte des ganzen Hofes, lästig fallen mochte.
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Man beredete also die kleine Lisa, dass sie dem zärtlichen Gesandten durch ihre Freundin Giannina eine Nacht zusagen ließ, wie sie zum Abendessen mit dieser Freundin und dem Paduaner bei ihm sein und nachher bei ihm bleiben wolle. Alles ward dazu veranstaltet.
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Nun war eben seit zwei Tagen eine junge, aber überaus hässliche Sklavin von Livorno angekommen, die, ich weiß nicht, zu welchen Diensten, im Palast gebraucht werden sollte. Sie schielte furchtbar, hatte einen widerwärtig großen Mund, und war von jener fast safrangelben Farbe, die durch Vermischung mit Europäern die Kinder erhalten, und so eine Race bilden, hässlicher, als die Schwarzen selber. Diese Widerwärtigkeiten abgerechnet, war sie übrigens kräftig und gut gebaut.
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Als Mann verkleidet, um nicht aufzufallen und von den fremden Dienern erkannt zu werden, ging Donna Isabella mit Troilo nach dem Hause des Gesandten. Sie führten die hässliche Sklavin mit sich. Troilo, der im Hause sehr bekannt und durch seine Freigebigkeit auch beliebt war, merkte in den untern Gemächern, die zu den Ställen gehören, einen jungen Diener. Die Sklavin, die nur ihre barbarische Sprache zu reden wusste, hatte sich indessen schon auskleiden müssen. Der junge Mensch führte die drei Personen auf der kleinen Treppe zu den innern Zimmern, und von da in das Schlafgemach des Gesandten. Der Stallbediente verstand etwas von jener barbarischen Sprache, und musste also der Wilden bedeuten, dass sie sich im Bette ganz ruhig halten müsse. Die Garstige bequemte sich gern, in ein so aufgeschmücktes, flaumweiches Bett zu steigen, in welchem sie durch Müdigkeit und gesunde Natur auch sogleich in den festesten Schlaf versank. Der Diener verließ sie, und Troilo und Isabella hörten jetzt aus dem benachbarten Saale Scherz, Lust und lautes Gelächter. Der Alte saß neben seiner geliebten Lisa, trank und jubelte; mit ihm war sein vertrauter Freund, der Paduaner, und dessen Giannina. – Indem der Alte Lisa einschenkte, rief er laut: ›Trink von diesem edlen Monte Pulciano! Wie oft hat mir Donna Isabella einen Becher dieser Traube kredenzt! Fühlst du denn auch wohl, Kleine, wie sehr ich dich erhebe, da ich vom Besitz einer solchen Gebieterin zu dir hinabsteige?‹
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Der Schmaus war geendigt, und Giannina nahm den Alten beiseit und flüsterte ihm zu: ›Vergönnt, verehrter Freund, dass sich Lisa jetzt einsam dort auskleide, und, ihr Gefühl zu schonen, sie Euch im Finstern empfange.‹ Er bewilligte, befahl auch den Dienern, sich wegzubegeben, und harrte seines Glücks. Auch der Paduaner nahm Abschied, Lisa wartete auf der Treppe, und Giannina kam jetzt zurück, um mit ihrem Freunde auch das Haus zu verlassen. Nun begab sich der Gesandte im Finstern in sein Schlafgemach. Er stieg in sein Bett, nicht wenig erstaunt, dass seine Gefährtin nach so wenigen Minuten schon so fest eingeschlafen sei. Anfangs hielt er es für Schalkheit und Verstellung, aber ein allzu gesundes Schnarchen überzeugte ihn bald vom Gegenteil. Erstaunt schüttelte und rüttelte er die Eingeschlafene heftig, aber lange vergeblich. Endlich wurde sie munter, und erhob, da sie einen Mann neben sich merkte, der ihr, wie sie glauben musste, Gewalt antun wollte, in ihrer barbarischen, unverständlichen Sprache ein mörderliches Geschrei. Da sprang der Gesandte mit Entsetzen vom Lager, schrie nach Licht und allen seinen Dienern, so sehr harte er die Fassung verloren. Das ganze Haus wurde wach. Als Licht gebracht wurde, sah man ihn zitternd dastehn, von seinem langen Schlafrock nur dürftig bekleidet. Ohne dass er die Sache begriff, ward die Sklavin von den Dienern fortgeführt, jener Vertraute gab ihr unten im Stall ihre Kleider wieder, und betäubt, fieberhaft zitternd setzte sich der Alte, alles Rates beraubt, in seinen Sessel. Wie ward ihm jetzt, als in der Einsamkeit zwei Figuren aus einer Nische auf ihn zutraten, und er in dem einen Mann seine hohe Gebieterin, Isabella, wiedererkannte! Er glaubte, das Haus müsse mit ihm versinken. – ›So lerne ich Euch kennen‹, redete ihn jetzt die mutwillige Donna an, ›Euch, der sich für meinen Herzgeliebten, für meinen unwandelbar treuen Schäfer ausgeben will? Seht! welches scharfe Auge die Eifersucht hat, die Euch schon seit Tagen unermüdlich beobachtete, und nun Eures Treubruches, Eurer Schändlichkeit innegeworden ist. Ich wollte es meinem Vetter Troilo nicht glauben, dass Ihr alter, boshafter, ungetreuer Mann einer solchen Unwürdigkeit fähig wäret. Er hat Euerm Leichtsinn, Euerm Wankelmut, Eurer Sucht, die Weiber zu verführen, niemals getraut, er hat mich immer vor Euch gewarnt. Aber, dass Ihr von mir, die Ihr anzubeten vorgebt, so tief herabsteigen, dass Eure verirrte Lust, Euer schwaches Gemüt zu einem solchen Scheusal sich herabwürdigen könne, das hätte ich keinem, auch dem zuverlässigsten Manne nicht, geglaubt, wenn es mein eignes Auge, zu meinem unendlichen Schmerze, nicht gesehn. Könnt Ihr wohl noch ein einziges Wort zu Eurer Entschuldigung hervorbringen? ‹
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Der Alte wusste nicht, ob man ihn närre, ob die Rede Ernst sei, er sank in die Knie, und bat, in Demut und Wehmut aufgelöst, um Verzeihung. Er konnte immer noch seine Fassung nicht wiederfinden. Er mochte nicht sagen, und wagte es am wenigsten in der Gegenwart des Troilo, wen er eigentlich erwartet habe. Er flehte nur, als man sich trennte, seine Verirrung und sein Missgeschick zu verschweigen. Dies wurde ihm zugesagt, und Donna Isabella war auch froh, als sie sich, von den Dienern des Hauses unerkannt, wieder im Freien befand. – Das Abenteuer des Gesandten blieb aber nicht verschwiegen, und er musste Anspielungen auf seine Sklavin hören, von der man in seiner Gegenwart wie von einer fremden Schönheit sprach, die mit seltsamen Reizen ausgestattet sei. Isabella aber zog sich seitdem ganz von ihm zurück, und er durfte sich nicht darüber beklagen.« – –
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510
»Diese possierliche Begebenheit«, bemerkte die Matrone, »wenn sie nicht sehr ausgeschmückt ist, belehrt uns wieder, wie es an Höfen und bei den Vornehmsten ganz anders hergeht, als wir Geringeren es uns denken können.«
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511
»Es ist unbillig«, sagte Vittoria, »Menschen so zu kritisieren, als wenn sie etwa ein Buch wären, aber ich muss gestehen, dass ich diese Donna Isabella gar nicht begreife. Schön, verständig, witzig, unterrichtet – und doch die Zeit mit so nüchternen Späßen hinbringen zu können. Fühlt sie denn nicht, dass, indem sie den alten Gesandten dem Gelächter preisgibt, etwas, wenn noch so weniges, auf sie selber von dieser Geringschätzung zurückfällt? Die edlen Naturen müssen am meisten darüber wachen, wen sie zur Gesellschaft wählen; denn die zartesten, höchsten, leiden am meisten vom schlechten Umgange: der Mittelmäßige braucht nicht so ängstlich zu sein, denn in seiner Unbedeutendheit schützt ihn eine Waffe, die dem feinern Geiste mangelt.«
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»Sehr wahr«, sagte Don Giuseppe, »der flache Mensch kann durch den Hochbegabten weder zur göttlichen Natur aufsteigen, noch durch den Nichtsnützigen zum Bösewicht verwandelt werden. Je feiner, zarter die Natur, so leichter ist sie der Verderbnis ausgesetzt.« –
Vorlage S. 662
513
Man trennte sich, denn es war spät geworden. Indem Don Giuseppe von den Damen, vorzüglich von Vittoria Abschied nahm, fühlten diese beiden wohl, in welcher Bewegung sie waren. Er zögerte, sah Mutter und Tochter mit bedeutenden Blicken an, und bat dann um die Erlaubnis, seine Besuche wiederholen zu dürfen. Sie wurde ihm gern zugestanden, denn beide Frauen konnten es sich nicht verhehlen, dass ihnen dieser fremde Mann sehr bedeutsam erschienen war, wenn sie auch nichts Bestimmteres von ihm wussten.
Vorlage S. 662
514
Caporale begleitete diesen noch; und als sie in die einsame Gegend des Coliseums gekommen waren, stand der Fremde einen Augenblick still, fasste die Hand des Dichters und sagte: »Wie sehr muss ich Euch danken, Vortrefflichster, dass Ihr mich in diese Familie eingeführt habt, und wie glücklich seid Ihr zu preisen dass Ihr sie schon seit Jahren, und als vertraute Freunde kennt. Um des Himmels willen, wie ist diese Vittoria an diesen Mann, oder an dieses Männchen geraten? Sie, die, wie ich meine, nur unter den Fürsten Italiens hätte wählen dürfen. Dazwischen muss eine höchst sonderbare Geschichte liegen. Steht er nicht neben ihr, wie ein gemaltes Püppchen, das nur da ist, um den Saal ausfüllen zu helfen? Kann die Mutter wirklich viel von der Verwandtschaft mit dem Montalto erwarten? Mag der Mann fromm und tüchtig sein, aber niemand achtet ihn; er wird niemals einen großen Einfluß erringen, dabei ist er alt und schwächlich.«
Vorlage S. 662
515
Caporale antwortete nur obenhin, weil er die Geschichte der Familie einem Fremden, den er nur noch so wenig kannte, nicht preisgeben wollte.
Vorlage S. 662
516
»Die junge Frau«, fuhr Don Giuseppe fort, indem sie weitergingen, »ist ein wahres Wunder zu nennen. Mir ist noch niemals in der Schönheit die wahre Hoheit und Majestät des Weibes so erschienen. Wie sie spricht! Welcher Ton! Und welch ein Labsal ist es, sie nur anzublicken! Diese purpurdunkeln Haare, die rabenschwarzen Brauen, unter diesen, wie Goldstrahlen, die langen gebogenen Augenwimpern! Kein Maler hat je in seiner schönsten Begeisterung so etwas ersonnen. Und habt Ihr wohl das liebliche Rätsel bemerkt – oder, wie soll ich es nennen? – dass in dem linken Augenlide fünf oder sechs dieser Goldfäden mangeln? Schlägt sie nun das Auge nieder, oder blickt sie gar auf und sieht Euch an, so ist, als wenn Amor plötzlich aus dem Goldsaum flöhe und unverhüllt sichtbar auf dieser entblößten zarten Stelle des Auges dastünde. – Nicht wahr? für einen Mann von Jahren schwärme ich noch so ganz leidlich? – Ich werde gewiss von dem erhabnen Wesen träumen.« –
Vorlage S. 662
517
Am andern Tage ging Caporale mit schwerem Herzen zu seinen Freunden. Die junge Frau traf er im Garten, der, sehr verschieden von dem ehemaligen Gärtchen, sich weit hinter der schönen Wohnung ausdehnte. Vittoria eilte auf ihn zu. – »Nun?« rief sie ihm entgegen.
Vorlage S. 663
518
»Ich begrüß Euch«, sagte der Poet.
Vorlage S. 663
519
»Ich dachte«, antwortete sie schmerzlich, »Ihr hättet mir etwas Neues zu hinterbringen, und etwas Gutes, oder wenigstens Wunderbares. – Ach! Freund! ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können, und wenn ich auf Augenblicke einschlummerte, so standen die Bildnisse der alten Heroen vor meinen Augen. – So habe ich doch wirklich einen wahren, wirklichen Mann gesehen.«
Vorlage S. 663
520
»Im Traum also?« fragte Don Cesar.
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521
»Wie Ihr sprecht!« rief sie lebhaft; »gar nicht, wie ein Poet, sondern wie ein Krämer, der alles mit der Elle ausmißt: Euern Don Giuseppe mein ich, oder wie er sich nennen mag. Ich freue mich, ihn wiederzusehn, von ihm zu hören und zu lernen, denn jedes Wort ist gewichtig, das von seinen Lippen fällt.«
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522
»Ihr seid begeistert«, erwiderte der Freund sehr ernst; »wäre der Mann noch jung, aber er ist ohngefähr von meinem Alter so würde ich Wunder was von Euch denken.«
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523
»Was Ihr wollt!« rief sie unwillig: »immer und ewig muss ich das alte, abgedroschene Märchen von Jugend und Alter wieder hören. Wer ist denn jung? Ist es denn etwa mein uraltes, längst gestorbenes Männchen, dieser Peretti, weil er blonde Haare und rote Wangen hat? Alle sprechen immerdar von der Unsterblichkeit, von der hohen Würde ihrer Seele, und geben dann doch dem Kleide, dem rohen Überzuge den Vorzug. Jugend! ist sie nicht eine Einwohnerin des Himmels und der seligen Gefilde? Lässt sie sich denn in trägen Gefühlen, in albernen Gedanken beherbergen? – Ich kann es jetzt ahnen, wenn auch noch nicht verstehn, was die Liebe zum Manne sein möchte. Und wenn mir diese Vision, die Gotterscheinung nahe tritt – wer hat ein Recht, sie zurückzuhalten? Wer ist es, der fordern darf, ich soll mich von dieser Weihe abwenden? Weshalb? Wem habe ich es versprochen, mir, oder ihm, oder Gott, dass ich diesen kleinen Francesco lieben will? Lieben! als hätte ich nur gewusst, was das Wort zu bedeuten habe.«
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524
»Armes Kind!« sagte Caporale, »jetzt muss ich selbst fürchten, die Vermutung, die im Scherz neulich ausgesprochen wurde, sei eine richtige: dass ich Euch nämlich einen alten Banditen ins Haus gebracht habe. Denkt nur, ich spreche heut bei ihm vor – alles ist verschlossen – endlich, nach vielem Klopfen öffnet ein altes Mütterchen. Er sei schon vor Sonnenaufgang abgereist, kein Mensch wisse, wohin, keiner, ob, oder wenn er wiederkomme: das sei einmal so seine Art und Liebhaberei. Keine Seele könne auch von seiner Hantierung Rechenschaft geben, denn sooft er das Haus betreten, sei er so schweigsam, wie das Grab; auch dürfe man ihn nicht viel fragen. Kurz, er ist ein Rätsel. Und wohin? Warum? Da er Euch, wie er mir so lebhaft versicherte, heut abend wieder besuchen wollte? Da er von Euch, Euren Gaben, Eurer Schönheit, so entzückt ist? Da er ebenso schwärmerisch von Euch spricht, wie Ihr von ihm? Könnt Ihr Euch diese Seltsamkeit erklären?«
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»Jetzt erst weiß ich«, sagte sie, »dass ich unglücklich bin, ich weiß es, bis dahin träumte ich es nur.« – Sie lehnte das Haupt auf die Schulter des Alten und weinte heftig – »Ihn nicht wiedersehen? Er sollte ein Verräter, ein Mörder sein? – Meinethalb. Und wenn er mir entschwunden ist, wenn er dem Hochgerichte angehört, wenn er ein Bettler ist, meine Seele ist auf ewig mit der seinigen verkettet. – Versteht Ihr mich, Alter? Ihr, der dieselben Jahre, ebenso viele Sommer hat kommen und schwinden sehn, wie er? – Ja, wenn Ihr nur auch vom Trank der Unsterblichkeit gekostet hättet! – Aber Ihr seid nur ein eingefleischter alter Mann, zähe und unwandelbar, aber dabei gut, wie ein Lamm. Ob Euch wohl jemals das Lieben angewandelt ist? – Ihr seid bei alledem ein komischer Patron.«
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Sie warf die dunkeln Haare nach hinten, die ihr in das Gesicht gefallen waren, stieß ihn gelinde zurück und lief laut lachend nach einer fernen, dunkeln Laube, in welcher sie sich verbarg. Don Cesar stand wie betäubt, schüttelte das Haupt und sagte halb verdrießlich, indem er den Garten verließ: »Es ist eine unangenehme Sache, der Vertraute von Personen zu sein, die über der Linie der gewöhnlichen Menschen stehen.«
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Zweites Kapitel
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528
Don Giuseppe, der am Abend erfahren hatte, dass Malespina am folgenden Morgen wieder nach Florenz zurückreisen würde, hatte, da ihm ein plötzliches Geschäft zugekommen war, sich schnell entschlossen, mit diesem unterrichteten Manne die Reise gemeinschaftlich zu machen. Noch in der Nacht war die Abrede genommen worden, und sie waren schon früh, vor Anbruch des Tages außerhalb der Tore Roms.
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529
Der gesprächige Malespina beantwortete gern, soweit er konnte oder durfte, alle Fragen des wißbegierigen Lombarden und sagte unter anderm: »Es ist gewiss und augenscheinlich, dass unsre Zeit so vieles an das Licht bringt und zur Wirklichkeit macht, was ganz die Gestalt hat, wie es jene Märchen liebende Poeten erzählen. Darum darf man sich auch nicht wundern, wenn vieles, das auf die Dauer bestehen sollte, sich ebenso schnell entwickelt und plötzlich beschließt, wie es unerwartet aufgetreten war. Wie arm und hülfsbedürftig kam diese jetzt allmächtige, kluge Bianca Capello mit dem jungen armseligen Gatten flüchtig von Venedig. Der junge Prinz Francesco sah sie; bald war sie seine Geliebte: so schlau und verständig ist dieses schöne Wesen, dass er jetzt nach dreizehn Jahren noch ebenso leidenschaftlich ihr ergeben ist, wie in den ersten Wochen. Wir alle sind überzeugt, dass, wenn etwa seine Gemahlin sterben sollte, er Bianca zur Großherzogin erheben würde. Als der vorige Mann der Bianca sich durch Übermut allen verhaßt gemacht hatte, ward er ermordet und niemand beklagte ihn. Überhaupt, so gern unser Fürst streng sein möchte, haben die Meuchelmorde in der Stadt wie in der Provinz außerordentlich zugenommen, denn es scheint den Mächtigen immer das kürzeste, den Gegner, der Verdruss und Verwicklung erregt, aus dem Wege zu räumen.«
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Die beiden Männer konnten sich in ihrem Fuhrwerk so frei und ungestört unterhalten, weil Giuseppe keinen Diener bei sich hatte und der Florentiner seinen Wagen von einem halbtauben Menschen lenken ließ, der nur seine Pferde beachtete.
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531
»In Eurer Erzählung gestern«, fing Don Giuseppe an, »ist mir manches unklar geblieben, und ich zweifle selbst, ob sich alles so habe zutragen können, und doch scheint Ihr sehr unterrichtet, ja Ihr waret bei jenen läppischen Spielen am Hofe wohl selber zugegen.«
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532
»Gewiss«, erwiderte jener. »Aber, mein Freund, wenn Ihr niemals an Höfen gelebt habt, so wisst Ihr auch nicht, was Übersättigung und Langeweile alles erzeugen können. Wieviel Aufwand, übertriebene Pracht, Gold in Haufen weggeworfen, übermäßige Belohnung der Künstler und Gewerbe bei Hochzeiten – und daneben unwürdige Knickerei und Geiz. Die edelsten Geister unserer Zeit so oft in Tätigkeit, das Vollendete, Große hervorzubringen, wovon unsere Nachkommen noch mit Bewunderung sprechen können; – und unmittelbar darauf solche Spiele und Späße, welche ihr eben läppisch genannt habt. Der Großherzog sieht seine kränkelnde Gemahlin nur selten, er wünscht sich männliche Erben, damit sein Reich nicht an seine Brüder falle: der Kardinal Ferdinand ist ein vortrefflicher Mann, fein, gewandt und edel, aber der Großherzog betrachtet ihn natürlich mit Neid und Eifersucht. Der jüngste, Don Pietro, der viel in Spanien gelebt, und mit einer Spanierin aus dem Hause Toledo vermählt ist – was soll man von diesem sagen? diesem wilden ausschweifenden Mann, den Krankheiten ausgehöhlt haben, der in seiner Wut kaum einem Menschen gleicht – er wird gefürchtet und gehaßt, und setzt ebendadurch alles in Schrecken, er herrscht dadurch, dass er es gar kein Hehl hat, wie er keine Rücksichten kenne und sich alles für erlaubt halte.« –
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533
»Da Ihr Euch so gerne mitteilt, Don Celio, so erlaubt mir noch einige Fragen, und löst mir einige Zweifel auf, die Eure Erzählung von jenem lächerlichen Gesandten aus Ferrara mir erregt hat«, sagte Don Giuseppe. »Jener Troilo von Orsini, den Ihr nanntet und als einen schönen jungen Herrn beschriebet, muss mit der Herzogin von Bracciano, jener Isabella, auf einem sehr vertrauten Fuße leben, ich möchte das Verhältnis verdächtig nennen, da er so ganz keine Rücksicht auf ihren Stand und Ruf zu nehmen scheint, dass er sie zu diesen nächtlichen Spaziergängen und Verkleidungen missbrauchen darf.«
Vorlage S. 666
534
»Mein geehrter Herr«, sagte Celio, »Ihr nehmt diese Verhältnisse zu streng und feierlich. Wie die arme Großherzogin, die doch eigentlich in keiner wahren Ehe lebt, sich oft in Langeweile, Verdruss und Eifersucht verzehrt, und sich daher gern in zuweilen schlechten Späßen ergeht und erheitert, so ist es auch auf ähnliche Weise mit Donna Isabella beschaffen. Ihr Gemahl, der Herzog von Bracciano, ist ein tapfrer Herr, ein Mann in hundert Rücksichten ausgezeichnet, aber der Liebe mag er wohl nicht fähig sein. Seine Bravour hat sich früh im Dienst der Republik Venedig erwiesen, er ist schon etlichemal leidenschaftlicher Soldat gewesen, noch vor drei oder vier Jahren hat er sich im Kampf gegen den Türken vielen Ruhm erworben, und schon vor zwölf Jahren ging er von Venedig aus zur See: aber die arme Gemahlin hat ihn nur noch wenig gesehn.«
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»Ihr kennt den Mann nicht persönlich?« fragte der Fremde.
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»Nein«, antwortete Celio, »denn er hat sich schon seit Jahren nicht in Florenz gezeigt; aber alle, die von ihm sprechen, achten ihn hoch, wegen seiner männlichen Tugenden; aber sie fürchten ihn auch, denn er ist barsch und unerbittlich, wenn er erzürnt ist; selbst der Großherzog hat eine gewisse Scheu vor ihm. Nun geht er seiner Laune nach, lebt bald hier, bald dort, und hält in Rom ein prächtiges großes Haus, wo es ihm sein großes Einkommen erlaubt, die Kardinäle und andere Fürsten zu überglänzen. Dann ist er wieder auf Reisen, unterstützt die armen Anverwandten und bändigt diejenigen, die sich zu trotzig erweisen. Aber die arme Isabella! Er soll sie nur aus politischer Rücksicht geehlicht und niemals geliebt haben. Nun hat sich dieser leichtfertige Ton am Hofe eingeführt, der einem Fremden auffallen könnte, welcher aber nur sehr selten ärgerliche Geschichten oder Verhältnisse hervorruft. Und so steht Donna Isabella auch ganz rein und unbescholten da. Aber die Langeweile, das einsame Leben, ein unbefriedigtes Dasein führen sie dahin, vielleicht mit zu großem Ernst diese läppischen Späße zu verfolgen.«
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»Hat sie Kinder?«
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»Nur einen Sohn und eine Tochter, den Virginio, der noch unmündig ist, und den sie wie ihre Virginia liebt. Sie hat sich sehr jung, fast noch selbst als ein Kind verheiratet.«
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»Wie ist es nur möglich«, begann der Fragende wieder, »da dieser Troilo doch immer ihren Verehrer und Liebhaber vorstellt, dass er den Mut hat, eine so hohe Dame mit seiner besoldeten Geliebten bekannt zu machen, dass er es wagt, sie zusammenzubringen: was muss Donna Isabella von ihm denken? Wie ihn ansehen, wenn sie ihn etwa lieben sollte? Und woher diese ganz unbegreifliche Vertraulichkeit, wenn ihr Verhältnis kein unerlaubtes ist? Seht, das ist ein Rätsel, welches ich mir gar nicht auflösen kann.«
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»Weil Ihr die Höfe nicht kennt!« rief Celio lachend; »weil Ihr alle diese Stümpereien und Kleinigkeiten aus einem zu moralischen Gesichtspunkte anseht! Dass der junge Graf seine Liebschaft der Herzogin anvertraut, ist ja der sicherste Beweis, dass beide nur Scherz und Zeitvertreib suchen: denn außerdem würde sie doch wohl eifersüchtig sein und ihn nach einer solchen Eröffnung von sich entfernen. Wenn der regierende Herr, wie es bei uns der Fall ist, öffentlich in einem Verhältnisse lebt, das nicht ganz den Gesetzen gemäß ist, so ahmt die Umgebung ihn nach und übertreibe und überbietet jene Ungebundenheit. Darum ist er auch schon einigemal mit Zorn und Bestrafung hart, ja grausam dazwischengefahren. Jedoch, um ein Beispiel zu geben und abzuschrecken, vergeblich.«
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»Und sich als Mann zu verkleiden!« fing Don Giuseppe wieder an: »so in finsterer Nacht mit dem jungen Manne allein auszuwandern! Im Stall mit einem Diener und einer Sklavin zu verweilen.«
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»Überlegt doch nur«, sagte Celio halb unwillig, »dass es nur auf diese Art möglich war, den ganzen Spaß durchzuführen. Die Diener des Gesandten durften sie doch nicht als Donna Isabella erkennen: ein langer Mantel verhüllte sie ganz, sie gab sich nachher nur dem Gesandten zu erkennen, um diesen recht zu beschämen.«
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»Nun meinethalb«, sagte Don Giuseppe: »was geht mich auch die ganze widerwärtige Geschichte an? Aber ein Verwandter der Dame dürfte es doch höchst anstößig finden, dass sie mit dem jungen Menschen, wenn er auch ihr weitläuftiger Vetter ist, auf der Straße und unten im Hause so lange im Finstern verweilt: dann wieder im Schlafgemach im Dunkeln, jener unzüchtigen Szene ganz nahe. Alles das setzt in der Dame einen Leichtsinn voraus, den meine Einbildung mit weiblicher Tugend durchaus nicht zu reimen weiß.«
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»Hab ich je einen so schwerfälligen hartnäckigen Mann gesehn!« rief Celio aus: »gut, dass Ihr es nicht nötig habt, an Höfen zu leben. Ihr gemahnt mich fast wie der ehrbare Sperone, der sich in Rom hauptsächlich dadurch bei den Vornehmen verhaßt machte, dass er in jeder Gesellschaft in seinem selbsterfundenen langen Professorhabit erschien, der ihm so ehrwürdig auf die Füße reicht, und hinten nachschleppt, ein Talar, wie ihn weder ein Professor noch ein Philosoph jemals in Italien getragen hat; am wenigsten in vornehmer Gesellschaft. – Die Gemahlin des Prinzen Pietro, diese ist es, die ein öffentliches Ärgernis erregt. Sie nimmt gar keine Rücksicht, hoch und niedrig, alles ist ihr gleich willkommen: und dabei bemüht sie sich nicht einmal, ihre Schande und Ausschweifung den Augen der Welt zu entziehn. Freilich ist ihr Gemahl noch schlimmer und ruchloser, der mir dem allerniedrigsten Pöbel verkehrt, in den schmutzigsten Kneipen sich schimpfliche Krankheiten auflieset, aller Welt schuldig ist, weder Treue noch Glauben kennt, und ihr, der Verlornen mit einem gottlosen Beispiel vorangegangen ist. Über das ruchlose Leben der beiden ist selbst der Großherzog empört: nur hegt er, so stark und stolz er ist, doch vor dem Bruder eine gewisse Scheu: und sie verlacht in Leichtsinn und Frechheit jede Ermahnung. Man hat mir immer gesagt, dass wenn die züchtigen, eingezogenen Spanierinnen einmal den Zwang abgeworfen haben, sie viel wilder und unzüchtiger als unsre Landsmänninnen sein sollen. Der Fürst selbst hat den Bruder der Frau ermahnt, ihr Zaum und Gebiß anzulegen: es ist ihm selbst befohlen worden, an den Vater der Ausgelassenen zu schreiben, damit dieser von Neapel herüberkomme, um sie zu züchtigen, und das Ärgernis wenigstens zu mildern, wenn er es nicht ganz aufheben kann. Man ist nun gespannt, ob es zur Scheidung kommen oder ob man sie in ein Kloster verstoßen wird. Vielleicht, dass der Gemahl sie auch so tief verachtet, dass er sich um ihren Lebenslauf nicht mehr kümmert.« –
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So, unter mancherlei Gesprächen verging den Reisenden die Zeit. Celio Malespina wusste vielerlei von Gelehrten sowohl, wie von Staatsmännern. Was er auf seinen Reisen gesehn und erlebt, hatte sich seinem Gedächtnis gut eingeprägt, und er wusste auch kleine, unbedeutende Begebenheiten gut vorzutragen, weil er ihnen eine frische, lebendige Färbung gab, so dass die Figuren und Sachen den Hörenden vor Augen standen.
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Don Giuseppe war sehr abwechselnd in seinen Launen: bald heiter, bald wieder sehr ernst, ja finster. Wenn ihn Malespina befragte, antwortete er nur: einige Verlegenheit in seinem Kaufmannsgeschäft, das er dort in Mailand ordnen müsse, mache ihn nachdenklich, wenn er sich den Verdruss denke, der ihn dort erwartete.
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Sie hielten sich unterwegs nirgend auf, weder in Bologna noch Siena. Oft, in der Zeit, wenn die Pferde der Ruhe bedurften, ging Don Giuseppe durch die Stadt, oder über Feld, seinen Reisegefährten nicht beachtend: ein andermal war er wieder sehr freundlich und ließ sich kostbaren Wein und herrliche Früchte nachtragen, die er selbst eingekauft hatte, und in Fröhlichkeit mit seinem redseligen Reisegefährten teilte.
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Als sie in die Nähe von Florenz gekommen waren, verweilte Giuseppe in einem Borgo, der nur noch wenige Miglien von der großen Stadt enfernt lag. Er sagte zu Celio: »Hier, mein teurer Gesellschafter, muss ich mich von Euch trennen: liegt der Ort Eurer Bestimmung doch ganz nahe vor Euch, wo wir ja doch voneinander scheiden müssten. Ich werde hier noch im Gebirge einen alten Ohm besuchen, den ich, wenn ich ihn jetzt versäumte, vielleicht niemals wiedersehen würde.« – Jetzt erhob sich, indem sie freundlich Abschied nehmen wollten, ein Streit der Höflichkeit, denn der Mailänder wollte dem Florentiner die ausgelegten Reisekosten so reichlich vergüten, dass er sie dadurch wohl ganz allein bezahlte. Malespina weigerte sich, der Lombarde aber war so dringend, empfindlich, ja halb befehlerisch, dass Celio endlich nachgeben musste. -»Ich bin reich«, sagte der Lombarde, »wenn mein Geschäft dort nicht ganz verunglückt, gewiss viel reicher als Ihr. Ich habe es wohl gemerkt, dass Ihr einigemal meinetwegen auf der Reise zögertet, dass Ihr hie und da, meiner Person zu gefallen, mehr aufgehen ließet, als wenn Ihr allein gewesen wäret, und so dürft Ihr meinetwegen keinen Schaden leiden, denn Ihr seid noch ein junger Hofmann, und Euer Glück noch keineswegs entschieden.«
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»Alter Herr«, sagte Celio empfindlich, »ich habe Euch mehr als einmal daran erinnert, dass Ihr von Höfen nichts wisst. Es ist auch ganz natürlich; denn wenn der reiche Kaufmann auch einmal mit den Herrschaften in Berührung kommt, so kann er immer nur ihre ganz oberflächliche Außenseite gewahr werden, die doch immer nur eine Maske sein muss.«
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»Ihr habt nicht unrecht«, erwiderte jener, »und doch möchte ich, als der ältere Mann, Euch, dem jüngern, noch zum Abschied einen Rat geben, der weit mehr wert ist, als jene unbedeutende Summe, über welche wir so unnötig gestritten haben.«
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»Und der wäre?« –
Vorlage S. 670
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»Sprecht, da Ihr ein Hofmann sein wollt, weniger, erzählt das was Ihr glaubt gesehn und erlebt zu haben, nicht andern, am wenigsten Fremden.«
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553
»Alter Herr«, rief Celio verdrießlich, »ich sollte Euch für Euern gutmeinenden Rat danken, und doch weiß ich es nicht anzufangen. Ich bin der Sekretär der Chiffer bei meinem gnädigsten Herrn, und ich verdiente gehängt zu werden, wenn ich auch nur das allerkleinste Geheimnis, ja nur eine Nachricht, die mir beim Dechiffrieren früher als jedem andern zukommt, verraten, oder ausplaudern wollte; auch die gleichgültigste. Was ich Euch gesagt habe, und dort in Rom gesprochen, erzählen sich die Kinder auf den Gassen.«
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»Wenn gleich«, erwiderte der Ältere: »man gäbe oft viel darum, auch ein gleichgültiges Wort wieder zurücknehmen zu können. Nur allzuleicht kommt man durch diese Redseligkeit in eine gewisse Abhängigkeit von Menschen, mit denen man lieber nichts zu tun haben möchte; mindestens erzeugt es mit Unbekannten oder Fremden eine gewisse Art von Vertraulichkeit, die uns auch drückend werden kann. Wen man als Redseligen kennt, dem kann der kluge Verleumder auch leicht etwas anheften, und von ihm das glaubwürdig machen, was er niemals gesprochen hat.«
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555
So trennten sie sich, beide verstimmt.
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Drittes Kapitel
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Es war im Beginne des Julius, welcher in diesem Jahre mit ungewöhnlicher Hitze eintrat. In Italien ist es schon oft bemerkt worden, dass in diesen heißen Monaten die meisten Untaten und Verbrechen geschehn. Im Norden will man wahrgenommen haben, dass auch bei anhaltender übermäßiger Kälte das Gemüt des Menschen sich verhärtet, und der Grausamkeit zugänglicher ist, als bei milderem Wetter. – In dem schönen Florenz sah man in allen Häusern und Palästen die Vorkehrung, sich eine anmutige Frische und Kühlung zu verschaffen, viele der reichen Familien bezogen ihre höher liegenden Schlösser im Gebirge, und auch der Hof hatte schon beschlossen, einige der angenehmen Paläste auf dem Lande zu besuchen.
Vorlage S. 671
558
In seinem Palast war der Großherzog Francesco mit Arbeiten beschäftigt. Noch nicht weit in Jahren, fing er doch schon an, stark zu werden. Der Ausdruck seines Gesichtes war milde und freundlich, sein Auge verständig und leuchtend, er affektierte aber gern einen starren, abschreckenden Ernst, wie er in Spanien, wo er lange gelebt hatte, vom Könige und den Ersten des Reiches gesehn hatte, die er sich gern zum Muster nahm, wodurch er seinen italienischen Dienern und Untertanen oft unbequem wurde. Sein Sekretär Malespina stand vor ihm, mit dem er zufrieden schien, indem er wohlgefällig dessen Berichte aus Rom anhörte. Es war ihm nicht unwillkommen, alle die Kleinigkeiten zu erfahren, die ihm sein Geheimschreiber von seinem Bruder, dem Kardinal, mitteilen konnte. Mit Schadenfreude hörte er einige Anekdoten aus dessem Privatleben an, und von den kleinen Blößen, die sich doch auch im Eifer oder Nachlässigkeit der Mann gibt, der sich am meisten bewacht.
Vorlage S. 671
559
Ein Kammerherr trat ein und meldete den Herzog Orsini von Bracciano. Francesco erschrak sichtlich und sprach halblaut mit dem Ausdruck des tiefsten Verdrusses im Gesicht: »Bracciano? Wo kommt der ungestüme Mann her? Was will er in Florenz? Das ist ja so plötzlich und unvermutet, wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel.«
Vorlage S. 671
560
Er winkte dem Edelmann, dieser ging hinaus, die Flügeltüren wurden geöffnet, und in seinem glänzenden Kleide trat der große starke Fürst mit königlichem Anstande herein. Mit einem von Freude strahlenden Gesicht ging ihm Francesco bis zur Tür entgegen und umarmte ihn herzlich. Der Sekretär aber riss groß die Augen auf und glaubte, der Palast müsse mit ihm versinken, denn dieser eintretende Herzog Bracciano war niemand anders, als jener Don Giuseppe, sein Reisegefährte von Rom her. Indem der Großherzog den Fürsten Bracciano zum Lehnsessel führte entfernte sich Malespina blass und bestürzt, ohne dass Paul Giordano die mindeste Kenntnis von ihm nahm, als wenn er ihn schon gesehen hätte. Der Sekretär begriff, dass es klüger sei, von jenem Abend zu Rom und der Reise hierher mit diesem vornehmen Begleiter zu keinem Menschen ein Wort verlauten zu lassen.
Vorlage S. 672
561
Nach kurzer Zeit trat auch der jüngste Bruder des Herzogs, Don Pietro, der wilde, herein. Blass und abgezehrt, wie er war, so ein irres Feuer auch aus seinem unstät rollenden Auge blitzte, so erkannte man doch die edle Grundgestalt der Medicäer in seinem Angesicht. Er war heftig aufgeregt, und sprach von der Schande seines Hauses, er schalt auf die Familie, dass weder Vater noch Bruder sich herbeibemühen wollten, ein Weib, das so öffentliches Ärgernis gebe, zu bestrafen. »Und was soll nun geschehn?« rief er mit zorniger Gebärde. »Denn ich dulde diesen Schandfleck unseres Hauses nicht länger.«
Vorlage S. 672
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Bracciano sprach von Scheidung, und die Verirrte in ein einsames Kloster zu verbannen. »Um noch mehr Aufsehn zu erregen?« fragte der Prinz, indem er mit dem Fuß heftig auf den Boden stampfte. »Eins ist kürzer und sicherer, ohne Gerichte und Priester zu bemühen.«
Vorlage S. 672
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»Was sinnst du?« fragte der Herzog.
Vorlage S. 672
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»Hast du so lange in Spanien gelebt«, antwortete jener, »und kannst noch zweifeln? Nur bei der Wahrscheinlichkeit, nicht einmal beim Beweise, dass der Mann vom Weibe beschimpft sei, zeigte sich dort der stets fertige Dolch.«
Vorlage S. 672
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»Mein Prinz«, sagte Bracciano, »überlegt kühl und ruhig bevor Ihr zum Äußersten schreitet. Diese Eleonora ist schön und klug, Ihr habt sie vormals geliebt, erspart Euch, ihr und der Welt das Traurige. Gebt der Verleumdung und der Tadelsucht nicht von neuem Gelegenheit, Euer erlauchtes Haus zu verunglimpfen, in welchem das Schicksal schon so oft mit blutigem Finger die glänzenden Blätter seiner Geschichte bezeichnet hat.«
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Als der Großherzog in demselben Sinne sprach und Mäßigung anriet, rief Don Pietro im höchsten Unwillen: »Was kann der ältere Bracciano von dem wissen und fühlen, was in meinem jugendlichen Herzen tobt? Sei er doch mäßig, gelinde und phlegmatisch: unsre witzige, übermütige Schwester wird sich so mehr ihres häuslichen Glückes, oder ihrer Ungebundenheit erfreuen können. Ihr, Herr Herzog, seid jahrelang abwesend, Ihr seid im Grunde von Eurer Frau geschieden, Ihr denkt und handelt wie ein Italiener, Ihr seid auf jenem Ehrenpunkte nicht so empfindlich: auch gibt Euch die Schwester keine Veranlassung zur Wut und Rache. Und mein fürstlicher Bruder! Er weiß sich doch auch immer auf eine kurze Art Ruhe zu schaffen, wenn ihm jemand im Wege steht. So wenig Ihr, mein gebietender Herr und Bruder, Euch auch um Eure Gemahlin kümmert, so würdet Ihr doch gewiss, wenn ihre Schande so offenbar wäre, dieselbe Bahn betreten, die ich im Sinne habe. Und das ist auch das größte Vorrecht unsers Standes, dass wir nicht, wie die kümmerlichen Menschen dunkler Geschlechter nach Form und Recht zu fragen brauchen. Lassen wir uns mit diesen ein, so wird der geborne Fürst immer in Nachteil geraten; denn die kleine bürgerliche Schadenfreude und der Neid zwacken an seinem klaren Recht dann so hin und her, dass er auch das Notwendigste endlich nur mit Verdruss und Demütigung erlangt.«
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Der Großherzog schien durch sein Stillschweigen diese Aussprüche zu billigen. Das Gespräch nahm eine andere Wendung und Don Pietro entfernte sich. Der Großherzog sah ihm sinnend nach und schien innerlich zu erwägen, wieviel Gewalttätiges sich schon im Hause der Medicäer ereignet habe, wieviel er selbst veranlaßt und wieviel Tragisches noch im Schoß der Zukunft schlummern möge.
Vorlage S. 673
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Bracciano beurlaubte sich, indem er sagte: dass es seine Absicht sei, einmal auf seinen Jagdschlössern hier sich zu ergötzen, sich mit der liebenswürdigen Gattin, die er zu sehr vernachlässiget habe, völlig auszusöhnen, sich der Erziehung seines Sohnes zu widmen, und durchaus den Hausvater zu spielen: einen Zustand und Charakter, den er in seinem bewegten Leben fast noch gar nicht habe kennen lernen. Der Großherzog lächelte freundlich aber zweideutig, als wenn er alle diese Reden in einem andern Sinne verstände. Bracciano entfernte sich, um in seinem Palaste die nötigen Befehle zu geben, weil er auf seinem Schloß im Gebirge eine große Jagdlust veranstalten wollte.
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Don Pietro reisete auch mit seiner Gemahlin und wenigem Gefolge ab. Donna Isabella empfing ihren Gemahl Bracciano mit einiger Verlegenheit, da sie ihn seit Jahren nicht gesehn hatte. Sie verwunderte sich noch mehr über seine freundliche Vertraulichkeit, die sie auch in früheren, besseren Zeiten an ihm vermisst hatte. »Ja«, sagte er, »ich will einmal diesen Sommer ganz mir und meinem Genius leben; mein schönes Jagdrevier in Cerreto habe ich seit zu lange vernachlässigt, auch du siehst dich gern zu Pferde im frischen kühlen Walde und scheust dich, wahre Heldin, nicht vor dem wilden Eber. Diese schönen Tage sollen uns ungestört von lästiger Gesellschaft dahinfließen: nur wenige Freunde werden uns besuchen und nur Jagdgenossen. Ich begreife selbst nicht, warum ich meine Schlösser hier nicht schon mehr ausgebaut, und bequemer eingerichtet habe: geht mir doch mein Schwager, der Großherzog, mit so trefflichem Beispiel voran. Er kann auch freilich bequemer die großen Summen in seinem Pratolino aufwenden, als ich es vermöchte.«
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Die Herzogin Isabella befand sich wie in einer neuen Welt Auf diese Rückkehr ihres Gemahls hatte sie niemals rechnen können: ihre ganze Lebensweise musste durch dieses unerwartete Ereignis eine andere Einrichtung gewinnen. Sie glaubte den Gemahl und seine Eigenheiten zu kennen, und doch erschien er ihr jetzt in einem ganz neuen Lichte, als wenn sie gewissermaßen jetzt zuerst seine Bekanntschaft machte. Sie ward ängstlich, und wollte sich doch ihre Angst, als eine grundlose, ableugnen.
Vorlage S. 674
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So begab sie sich in den Palast, um von dem Großherzog ihrem Bruder Abschied zu nehmen. Sie fand ihn allein in seinem Arbeitszimmer. Er war still und nachdenkend. Die schöne Frau die fast größer war, als der Bruder, umarmte diesen mit Herzlichkeit und empfahl sich seinem Wohlwollen und Schutze. Er antwortete nur wenig, und sie zögerte noch zu gehen, und wusste selbst nicht, weshalb sie zauderte. »Du siehst krank, mein geliebter Bruder«, sagte sie endlich, »blass und ermüdet.« -»Ich wollte von dir das nämliche bemerken«, antwortete er, »du scheinst aufgeregt und eine fieberhafte Röte brennt auf deinen Wangen.«
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»Werden wir uns fröhlich und gesund wiedersehn?« fragte sie fast weinend im Ton. Sie erschrak vor dem stechenden Blick den sie aus seinem Auge empfing, doch verschwand dieser scharfe Glanz plötzlich und wich einer sanften Zärtlichkeit in seinem Auge, indem er ihr die Hand drückte und sie zur Tür geleitete.
Vorlage S. 674
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Sowie sie über die Schwelle schreiten wollte, umarmte sie der Bruder noch einmal mit ungewöhnlicher Heftigkeit, er drückte sie lange an sich, indem er zitterte und entließ sie dann mit dem Ausdruck tiefster Wehmut. Außerhalb dem Vorhang der Tür, dünkte es ihr, als höre sie den starken, kalten und verschlossenen Bruder weinen, und sie wollte schon wieder umkehren, aber die Kammerherren und Hofdamen, die sie feierlich umringten, um sie nach den entfernten Gemächern der Großherzogin zu führen, verhinderten sie daran.
Vorlage S. 674
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Sie traf die kränkelnde Fürstin blass und erschöpft auf ihrem Ruhebette liegen. »Ich habe schon erfahren«, sagte diese, »wie glücklich du bist, dass du dich mit deinem Gemahl wieder versöhnt hast, du Beneidenswerte. Nur mich verfolgt das Elend in allen Gestalten, und es ist sehr wahrscheinlich, dass ich euch bald verlasse: bin ich doch auch mir und allen Menschen nur zur Last.«
Vorlage S. 675
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In der Bewegung, in welcher die Herzogin sich befand, küsste sie feurig die Hände der kranken Fürstin. »Du bist gut, geliebte Schwester«, sagte diese; »so wild und leichtsinnig du auch manchmal sein kannst, du liebst mich, ich habe es immer gefühlt, wenn du auch mit jener da, die ich nicht nennen mag, auf einem zu vertrauten Fuße lebst – wohl deinem Bruder zu gefallen mehr, als weil du sie wahrhaft achten könntest. – Verscherze nun nicht wieder die Liebe und Achtung deines Gemahls; er hat große Eigenschaften, er ist großmütig bis zur Verschwendung, tapfer, ein Edelmann und Fürst in jeder Ader, dabei nicht jähzornig und rachsüchtig, wie es so viele der Unsrigen hier sind.«
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Von der Fürstin begab sich Isabella zu Bianca. Sie traf sie in ihrem Ankleidezimmer, beschäftigt, Putz, Kleider und Schmuck zum heutigen Feste auszuwählen. »O Törin!« rief ihr Bianca entgegen, »dass du jetzt schon reisest, und nicht das heutige Fest noch abwarten willst. Sieh mich einmal an, ich habe heut zum erstenmal die neue Schminke versucht, die mir der Doktor empfohlen hat: sie ist etwas zu rot, hebt aber dadurch freilich das Feuer der Augen noch mehr hervor. Mein kleiner Francesco ist entzückt von dieser Erfindung. Nicht wahr, er fängt an, recht dick zu werden? Aber es kleidet ihn nicht übel; doch ein anderer Mann, wie der Kardinal Ferdinand, der kalte, abgemessene Mensch, der lauersame. Denke! – unser, oder dein Troilos ist verschwunden; er soll wo draußen auf dem Lande krank liegen aber kein Mensch kann sagen, wo. Ich hatte schon so sicher auf ihn gerechnet, dass er mit seinen Späßen unser heutiges Fest beleben sollte. – Hüte du dich nur etwas vor deinem Bracciano: er war hier bei mir und er gefällt mir gar nicht. Er hat sich in den Jahren, dass ich ihn nicht gesehen habe, recht verändert. So herrisch, gebietend, sich so breit machend: und in seinem hoffärtigen Auge so eine Art Verachtung, selbst gegen mich, als wenn er Kaiser wäre und ihm die Welt gehörte. Diese tückischen, bösartigen Männer, die sich selber alles erlauben, und uns armen Weibern dann die kleinsten Schwächen vorrücken wollen! Hast du gehört, wie Pietro, der ungezogene Mensch, gegen seine Frau gewütet hat? Es ist wahr, sie ist etwas zu weit gegangen, die Tolldreiste, und wir alle haben ja auch deswegen jeden Umgang mit ihr abbrechen müssen; aber wer ist er denn, der ausschweifendste aller Menschen? darf er die Tugend predigen wollen?«
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So ergoß sich das herzlose Geschwätz noch eine Weile, dann nahm sie mit gleichgültiger Freundlichkeit von Isabellen Abschied und sagte beim Scheiden: »Ich weiß es, liebe Herzogin, du bist immer meine wahre Freundin gewesen; du hast mir auch immer das Wort geredet, wo es die Gelegenheit gab, oder es notwendig war; das werde ich dir niemals vergessen, und es findet sich gewiss eine Zeit und Veranlassung, wo ich dir vergelten und dir auch hülfreich sein kann.« – Sie hüpfte fort, weil eine Schneiderin sie im nächsten Zimmer erwartete.
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Isabella konnte die verschiedenen Betrachtungen nicht loswerden, die sich ihr wider Willen aufdrängten. Wodurch übte diese Capello, die ihr heute fast hässlich erschienen war, diese unbeschreibliche Gewalt, diese alles vermögende, über den Bruder aus? Der Großherzog war klug, nicht so fest, wie Cosimo, sein Vater, aber in seinen Angelegenheiten ein starker, unbeugsamer Mann; er war unterrichtet, fein, stolz, er hielt auf seine Würde, und suchte seinen Hof prächtig und bewundert zu machen. Es überschlich sie der peinigende Argwohn, dass sie doch auch in mancher Hinsicht dieser Bianca ähnlich sein möchte und dass der stolze, durchaus männliche Bracciano sie dann nicht ganz ohne Grund habe verachten dürfen.
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Sie reiseten ab. Der Herzog nahm nur seine Jäger und vertrauten Diener mit; sie einige Kammerfrauen und die alte Amme des Hauses, denn man wollte draußen im Waldschlosse recht einsam und behaglich leben. Es war die Laune des Herzogs, dass er zuzeiten alle Etikette und die Zeichen seines Standes von sich entfernte, und dann wieder plötzlich die glänzendste Pracht entfaltete. So wenig konnte er den Zwang der Regel dulden, dass alles dies oft ohne alle Vorbereitung geschah, was die Umgebung wie die Dienerschaft zuweilen in die größte Verlegenheit versetzte.
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Wie mit Feierlichkeit empfingen sie in der Wildnis das einsame Schloß und die Diener und Beamten, die dort zur Aufsicht angestellt waren. Als sich Isabella in ihren Zimmern befand, und aus ihren Fenstern die Aussicht auf den Wald und die grünen Hügel betrachtete, sagte sie zu sich: Was ist es nur, dass mir hier aus Bäumen, Wänden und Felsen diese Schauer rieselnd entgegenquellen? Ich war schon sonst hier, aber damals erfreute mich diese Einsamkeit, die jetzt quälend auf mich drückt.
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Sie ritten in den Wald hinein, und der Herzog schien in dieser frischen Natur, die er schon als Knabe geliebt hatte, wie verjüngt. Er scherzte über den sichtbaren Missmut seiner Gemahlin: ihn ergötzte der kühle Schatten, ihn erquickte das Blasen der Waldhörner, die er von seinem Jägermeister in gewissen Entfernungen hatte aufstellen lassen. »So phantasiert es sich lieblich«, sagte er: »alle wunderlichen Gestalten des Ariost und Bojardo begegnen uns hier; man sieht eine poetische Vorzeit durch die Dämmerung wandeln und geistig schwanken. Nicht wahr, hier müsste es einem Dichter recht wohnlich sein?«
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Sie stiegen ab an einer anmutigen Stelle, wo ein kleiner Brunnen, den der Herzog im Walde erschaffen hatte, durch sein rieselndes Geschwätz zur Ruhe einlud. Man genoss hier nur Wein und Bracciano fuhr phantasierend fort: »Hier gemahnst du mich in deinem Jagdkleide, dem grünen Hut und deiner Schönheit, wie die Königin Ginevra, die etwa hier an diesem Zauberbrunnen nach ihrem Lancelot ausschaut. Es fehlen nur die Frühlingsvögel, um mit ihrem sehnsuchtsvollen Gesang das Poetische dieser schönen Stelle zu vollenden. – Nur du hast deinen dichterischen Mutwillen eingebüßt und ich muss hier allein phantasieren.«
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»Du hast in Rom«, erwiderte sie, »oder wo es sein mag, deine Dichterschwingen entfalten lernen, denn früher habe ich dich in solchen Reden und Gleichnissen niemals vernommen.«
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Bracciano wurde plötzlich sehr ernst und tiefsinnig; denn ein holdseliges, großes, glänzendes Bild stieg in seiner Imagination auf. Gegen diese Erscheinung war diese, die zu ihm sprach, nur eine geringe, unbedeutende – und jene, wie fern ihm! Von den Verhältnissen der Welt ihm entrissen. Er und die Herrliche angekettet an dürren Zwang, der in sich selbst weder Kraft, Notwendigkeit, noch fesselnde Gewalt zu haben schien. Das ist von jeher den starken Gemütern das traurigste, kläglichste Gefühl gewesen, sich diesen Zufälligkeiten fügen und sich demütig dem Einspruche resignieren zu müssen, den ihr Herz verachtet.
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Plötzlich fuhr er auf, und sie ritten nach der Wohnung zurück. Als es finster geworden war, erhob sich ein Sturm und Gewitter. Der Wind brausete furchtbar durch die Waldung, die alten Stämme schüttelten sich und die brechenden Zweige krachten zum Erschrecken. Dann kam ein starker, sausender Regen, und ihm folgten Blitze und brüllende Donnerschläge. Man setzte sich zum Abendessen, die Herzogin zagend, der Mann frohen Mutes, denn ihn ergötzte stets bis zu lauter Freude dieser Aufruhr in der Natur.
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Ein alter Kammerdiener, der aus Florenz kam, ließ sich noch am späten Abend melden. »Wer sendet dich? Was willst du?« rief ihm Bracciano entgegen.
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»Vergebt, mein gnädiger Herr«, antwortete der Alte, »dass ich so nass und triefend vor Euch erscheine: es ist aber die Nachricht nach der Stadt gekommen, dass auf dem alten Schloß der Medicäer, dort in Cafaggiolo, die Dame Eleonora plötzlich verschieden ist.«
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»Wie?« rief Isabella, und ward totenbleich.
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»Woran ist sie, so jung noch, gestorben?« fragte Bracciano ganz ruhig.
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»Am Herzklopfen«, sagte der alte Diener; »der Prinz Pietro ist selbst in größter Eile mit dieser Trauerbotschaft nach der Stadt geritten. Er selber ist aber gar nicht traurig, sondern wüst und wild wie immer. Deshalb wird auch schon allenthalben laut geschwatzt und vielerlei erzählt: und er selbst soll gar nicht einmal widersprechen, sondern gleichsam durch sein Stillschweigen alles zugeben: dass er sie nämlich im einsamen Zimmer mit eignen Händen erwürgt, oder erdrosselt habe, um sie wegen ihres schlechten Lebenswandels zu bestrafen. Es ist aber immer hart und grausam, eine solche Rache zu nehmen.«
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»Gewiss«, sagte Bracciano, »ebenso unverzeihlich, als unnatürlich. Sie hat zwar aller Sitte Hohn gesprochen und den erhabnen Namen der Medicäer, sowie das Haus Toledo geschändet; aber der Prinz hat dennoch wie ein Ruchloser gehandelt. Freilich war es unverzeihlich, dass sie als Mann verkleidet in dunkler Nacht durch die Stadt lief, mit Jünglingen im vertrauten Verkehr war, sich zu Sklaven und Sklavinnen mit leichtsinniger Vertraulichkeit herab erniedrigte, maskiert in fremde Häuser ging, um unzüchtige Szenen zu belauschen und ihre Freude an ihnen zu haben; – alles dies war unverzeihlich: – aber ermorden! mit eignen Händen! – Dadurch hat der Prinz sich selbst auf Lebenszeit gebrandmarkt. Das ist die verruchte spanische Sitte jener blinden Eifersucht und verabscheuungswürdigen Rache, die in unserm Italien niemals einheimisch werden sollte.«
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Er verabschiedete den Alten, und befahl ihm, sich umzukleiden, ein Abendessen zu genießen und sich zeitig niederzulegen, damit er nicht erkranke. Es geschah so. – Isabella saß wie vernichtet an dem Speisetische. Das Zimmer ward ihr zu enge, und doch zwang sie sich, zu genießen, was der Gemahl ihr mit scheinbarer Freundlichkeit vorlegte.
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»Denkwürdige Begebenheiten!« sagte er nach einer Weile: »so watet die Leidenschaft und das heiße Blut immerdar in unsern großen Häusern. Wie einfach war die Lebensweise des alten Cosmus, jenes ehrwürdigen Vaters des Vaterlandes, wie rein und edel steht jener große Lorenzo Magnifico da! Aber nun mit dem Herzog Alexander brechen Untaten und Unglück herein. Diese Söhne des edeln zweiten Cosimo, die so rätselhaft in früher Jugend sterben: die Blutszenen, die schon jetzt, seit der kurzen Regierung deines Bruders vorgefallen sind. Von andern Familien jener Papst Alexander, und sein scheußlicher Sohn Cesar Borgia, noch manche Päpste, die Familie der Visconti und Sforza in Mailand, der Ferrarese, der den eignen Sohn hinrichten lässt – und alles wird erregt durch Liebe, Wollust, Eifersucht, Rachgier, Eigennutz und Herrschbegier!« –
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Er ging im Saale auf und ab und sagte dann: »Keine größere Wonne, als nach so furchtbarem Gewitter im Finstern durch den erfrischten Wald zu schreiten: das war von Jugend auf meine Lust.«
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Er nahm den Degen und die Jagdflinte und entfernte sich. Isabella saß in stummer Verzweiflung und rang die Hände. Dahin war also nun der schwärmende Leichtsinn des Lebens ausgeschlagen! Sie irrte durch die Zimmer: in den Vorstuben, vor den Türen, allenthalben ihr fast unbekannte Diener, mit strengen Angesichtern. Da kam die alte Amme und winkte ihr geheimnisvoll, so dass sie, entfernt von allen, sie in der Schlafkammer ganz allein sprechen könne. Als sie sich sicher wussten flüsterte die Amme: »Hier! nehmt das Blättchen! Der Alte sagte mir, wie er ankam, er hätte deswegen nur die traurige Botschaft übernommen, um Euch das Blättchen, wenn auch mit Lebensgefahr, abzuliefern. Er ist zwar reichlich belohnt – aber das Leben geht doch über alles.«
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Isabella nahm zitternd das Papier. Sie kannte die Hand wohl; es enthielt nur: »Um Gottes willen! flieht! gleich! im Augenblick, da Ihr dies empfangt!«
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»Wohin? Wie?« rief Isabella in Verzweiflung; »die Fenster zu hoch, der Wald unwegsam und mir unbekannt; kein Pferd, kein vertrauter Mann – wenn jener Alte vielleicht aus der Stadt –«
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»Alles umsonst«, heulte die Amme, »ich bin schon an seiner Tür gewesen, sie haben ihn eingeschlossen. – Wohin man sieht, stehn die ernsten, verdrießlichen Wächter mit finstern Gesichtern; wir sind wie in einer Festung verriegelt.«
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An alle Fenster ging die geängstigte Isabella, um einen möglichen Ausweg zu entdecken; aber alles war umsonst. Jetzt kehrte der Herzog zurück und die Amme verließ ihre Gebieterin. Er stellte Flinte und Degen wieder in die Ecke, zog die Handschuhe aus und sagte: »Es ist doch beinahe kalt geworden, man sollte sich mehr vor solchem schnellen Wechsel der Witterung in acht nehmen. Solltest du es glauben, der ehrliche Alte, der so unbesonnen und hastig herausritt, um uns jene Trauerkunde zu bringen, er hat sich so erhitzt, und nachher durch das Gewitter so erkältet, dass er jetzt schon in dem Zimmer unten tot liegt.«
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Isabella stieß einen laut gellenden krampfhaften Schrei aus, indem ihr ganzer Körper zitterte. Von ohngefähr ging ihre vertrauteste Kammerfrau, die schöne junge Stella, an der Tür vorbei: diese kam, da sie diesen ungewöhnlichen furchtbaren Aufschrei vernahm, schnell herein. Sie sah, wie Bracciano um die leidende Gemahlin bemüht war; er hielt sie in den Armen und sagte: »Ist es die Reise, ist es die Furcht, welche ihr das Gewitter erregte? sie ist wie von einem Schlagflusse getroffen worden.«
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Stella rieb ihr die Schläfe: die halb ohnmächtige Herzogin warf einen fast sterbenden Blick auf die befreundete Gestalt, drückte ihr die Hand und lispelte: »Bei mir bleiben!«
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»Sie wird immer schwächer«, sagte Bracciano; »Ihr seht meine Angst, Stella. O schnell, schnell lasst Euch unten von meinem Oberjägermeister das Elixier, das heilsame, geben, das ich ihm anvertraute, im Fall mir im Walde auf der Jagd etwas zustieße: schnell!«
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Es dünkte der Kammerfrau, als wenn die schwache Ohnmächtige sie festhalten und ihr etwas sagen wollte; aber sie vermochte es nicht und Bracciano rief wieder: »Ihr seht, wie meine Gemahlin leidet. – Eilt!«
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Stella flog fort. – »Seht«, sagte der Herzog leise, »da fällt das Billet des Troilo aus Eurem Busen; warum habt Ihr es nicht gleich zerrissen?«
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Jetzt kam Stella in fliegender Eile und herzklopfender Angst zurück. Wie sie aber eintreten wollte, fand sie die Tür von innen verriegelt. Sie klinkte und klopfte. Da war es ihr, als hörte sie ein Weinen, dann einen lauten Wortwechsel, ein Schluchzen – plötzlich war alles still. – Bracciano öffnete die Tür und sagte: »Wer hat sie verriegelt? Seht die Arme.«
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Isabella war vom Sessel heruntergesunken. Stella kniete neben ihr nieder und legte das schöne Haupt in ihren Schoß: sie rieb Schläfe und Stirn mit der kräftigen Essenz: sie sah, wie die Sterbende am Halse und im Gesicht blaue Flecken hatte, wie die Augen aufgeschwollen herausstanden: ein brechender Blick schaute sie noch einmal mit ungewissem Lichte, dämmernd und aufflackernd an, dann lag Isabella tot in ihren Armen.
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»Seht!« rief Bracciano klagend, »sie ist dahingeschieden, die Unglückselige, noch im Tode schön und reizend. Ja weint nur, arme Stella, Ihr habt eine liebe Herrin, eine großmütige, freundliche verloren. Und ich Verlaßner! so schnell sie einzubüßen, da ich sie eben erst wiedergewonnen hatte. Hierher kam ich, um in fröhlicher Häuslichkeit, in stillem Frieden den Sommer an der Seite des geliebtesten Wesens zu genießen – und nun kehre ich als trauernder Witwer zur Stadt zurück.«
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Stella war außer sich, die andern Dienerinnen erschraken, als sie diese schreckliche Neuigkeit erfuhren. »Die Reise, das feuchte Schloß, das schreckliche Gewitter haben es ihr angetan; dies Grauen hat ihrem zarten Körper den Schlag zugezogen, und der Herzog ist untröstlich.« So sprachen sie untereinander.
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609
Man kehrte zur Stadt zurück. Bracciano voran und die Leiche folgte ihm nach. Soeben war die Totenfeier für Eleonore Toledo beschlossen, und eine zweite wurde jetzt mit noch viel größerem Pomp für die junge, dahingeschiedene Schwester des Großherzogs veranstaltet. Der Bruder der Verstorbenen ging traulich Arm in Arm mit Bracciano, und beide schienen einander freundlich zu trösten: sie waren, das sahen alle Zuschauer, inniger vereint als je. Pietro war nicht zugegen.
Vorlage S. 681
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Als sie aus der Kirche zurückkehrten, gewahrte Bracciano in der Menge den Geheimschreiber Malespina, und sagte halblaut im Vorbeigehn: »Nicht wahr, nun gibt es wieder recht viel zu erzählen?« – Diesen schauderte und er verließ das Gedränge, um in der Einsamkeit nachzudenken.
Vorlage S. 681
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Viertes Kapitel
Vorlage S. 682
612
In Rom hatten sich, durch ihre Stellung gegen den herrschsüchtigen Farnese dazu veranlaßt, die beiden Kardinäle Montalto und Ferdinand der Medicäer immer enger aneinandergeschlossen. Es war fast schon entschieden, dass, im Fall ein Konklave eintreten würde, die Wahl gewiss nicht auf den Farnese fallen solle, und so vereinten sich, außer dem frommen Borromeo, heimlich oder öffentlich immer mehr Prälaten der Medicäischen Partei, weil der Hochmut des Farnese viele verletzt hatte und sie einsahen, dass alle in ihren Interessen beschädigt würden, wenn dieser hochfahrende Mann den päpstlichen Stuhl besteigen sollte.
Vorlage S. 682
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Montalto und Ferdinand waren eben beisammen, weil der junge Kardinal dem alten wichtige Nachrichten mitteilen und um dessen Rat bitten wollte.
Vorlage S. 682
614
»Wie es in Florenz steht, verehrter Freund«, begann Fernando, »brauche ich Euch nicht zu schildern, denn Ihr kennt selbst das Elend und die Schande, in welche sich mein schwacher Bruder verwickelt hat. Diese Bianca, diese Abenteuerin, beherrscht ihn so unbedingt, dass Volk, Adel, alles leidet. Er ist von Natur edel und großgesinnt, er liebt Kunst und Wissenschaft, er verehrt die Religion, und dennoch gelingt es der elenden Buhlerin, in so vielen Stunden ihn sich selber abtrünnig zu machen. Ihre Ausschweifungen haben sie dahin gebracht, dass sie keine Kinder mehr gebären kann, und dennoch hat sie schon im vorigen Jahre meinem Bruder einen Sohn untergeschoben, das Kind armseliger, unbekannter Eltern. Francesco ist glücklich und glaubt der Betrügerin alles. Von verschiedenen Ammen waren schon seit Monaten einige schwangere Weiber bewacht und bestochen: sie, in verstellter Krankheit, wusste abwechselnd des Bruders Mitleid, Freude und Hoffnung zu erregen. Eine dieser Frauen kam mit einem Knaben nieder, und dieser wurde sogleich künstlich in den Palast geschafft, und dann als der Sprößling des Großherzogs vorgewiesen. Die Ammen, sowie diese gemeinen Mütter, sind nach und nach verschwunden, damit sie nicht irgendeinmal das Geheimnis ausplaudern könnten. Ihr kennt ja die abscheuliche Art und Weise, die sich, vorzüglich jetzt, in meinem Vaterlande eingeführt hat: der tote Mund ist schweigsam, und Meuchelmord ist ein fast öffentliches Gewerbe und eine rechtliche Hantierung geworden.«
Vorlage S. 682
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»Furchtbar ist es in ganz Italien jetzt!« rief Montalto höchst erzürnt: »wem soll der Herr die Geißel in die Hand geben, diesen Greuel zu vertreiben?«
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»Nun habe ich gestern«, fuhr der Medicäer fort, »einen Eilboten von Bologna erhalten, und zugleich die Schriften über ein merkwürdiges Verhör und einen Mordanfall, der dort im Gebirge, in der Nähe der Stadt sich zugetragen hat. Eine dieser Ammen, die die verschlagenste sein mag, und bei der Capello scheinbar in der größten Gunst stand, ist nämlich von Bianca mit ansehnlichen Geschenken und Belohnungen in ihr Vaterland entlassen worden. Oben im Berge wird der kleine Zug von scheinbaren Räubern angefallen, man lässt die Frau für tot liegen: alle entfliehen. Sie aber kommt wieder zu sich, wird nach der Stadt geführt und erklärt vor den Richtern, dass sie jene Räuber sehr gut als Florentiner erkannt habe, Schurken, die im Solde der Bianca stehen, und die sie, die Amme selbst, oft auf Befehl ihrer Herrin ausgesendet habe. Es kann nichts fruchten, diese Sache jetzt bekanntzumachen, aber für die Zukunft werde ich diese Zeugnisse aufbewahren, und die Frau, wenn sie genesen sollte, selber nach Rom hierherkommen lassen. Wohin wir blicken, Verrat und schlechte Künste. Und ist es nicht wunderbar und fast unbegreiflich, dass diese Weiber, nur allzuhäufig die schlechtesten, ohne Reiz, Schönheit und Verstand die größten, geistreichsten Männer, als wären diese blödsinnig und verrückt, an ihrem Gängelbande leiten, wohin sie nur wollen. – Und dann wieder – Euch ist das neueste Unglück unserer Familie bekannt.«
Vorlage S. 683
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»Ja wohl«, sagte Montalto; »plötzlich ist Eure Schwester, so wie Eure Schwägerin gestorben.«
Vorlage S. 683
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»Es befällt mich oft ein Grauen«, begann Ferdinand wieder, »wenn ich an die seltsam wechselnden und blutigen Szenen meiner Familie denke. Mein jüngster Bruder, ein Mann, immerdar in Zorn, Lust und Mordgier entbrannt, dabei schwach und kränklich, wie so oft diese Tyrannen, ist wie ein Bild aus alten Tagen, wie ein feuriges Meteor, das dräuend und schreckend vorüberfährt, und nachher nicht mehr gesehen wird. Mit Blut hat er das, was diese ruchlosen Männer ihre Schande nennen, rein gewaschen. Sie erlauben sich alles; und die Sitte der gottlosen Welt ist so, dass man dem Manne kaum verargt, was bei dem Weibe ein Todesverbrechen, auch von den ruchlosesten Sündern, genannt wird. Freilich war diese Leonore eine Schande der Welt. Indessen, auf wen fällt eigentlich die Schuld zurück, als auf meine Brüder? Der Regent löst ohne Scheu, ganz öffentlich, alle heiligen Bande der Ehe auf; Pietro versäumt die Frau, verachtet sie, bringt Buhlerinnen alles Gelichters in ihre Nähe, hat früher ihre Sinne aufgeregt, und verlangt nun, dass sie als Nonne leben soll, weil sie seinen Namen trägt. Und meine arme, unglückselige Isabella! Auch sie war vom ältern Manne ganz vergessen und verachtet; sie glaubte vielleicht, den Gemahl niemals wiederzusehn, sie hielt sich für geschieden, und der starke, hochfahrende Bracciano erscheint auf ein mal wieder, um auch sie wegen der verletzten Ehre zu bestrafen. Nach unsern Sitten und unsinnigen Begriffen des Ritterstandes und Adels hatte sie freilich den Tod verdient; denn ihr Verhältnis mit Troilo Orsini war offenkundig. Durch die Niedrigkeit der Bianca ward ihr Leichtsinn erregt und gestärkt, sogar in dem Maße, dass sie selbst des Troilo bezahlte Buhlerinnen kannte, und mit ihnen scherzte und lachte. Mein Bruder, der gewiss nicht an den natürlichen Tod der Schwester glauben kann, ist doch dem Bracciano befreundeter als jemals, und ich kann mich, wie alles steht und liegt, auch nicht von ihm zurückziehn, und muss an diese plötzliche Krankheit des Schlages vor den Augen der Welt glauben. Ihr Buhle Troilo ist auch schon nach Frankreich entflohen, wo er auf den Schutz der Königin rechnet. Der unerbittliche Bracciano hat ihm aber schon zwei seiner Banditen, reich belohnt, nachgesendet, die ihr Opfer in Paris gewiss nicht verfehlen werden.« –
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In der Familie Accoromboni herrschte scheinbar Glück und Ruhe. Der furchtbare Orsini hatte sich nicht wieder gezeigt, so viel hatten über ihn die ernsten Drohungen des Gouverneurs Buoncompagno vermocht. Es ließ sich hoffen, dass Flaminio, der sehr unterrichtet war, bald eine Anstellung erhalten würde, da der Kardinal Montalto sie ihm verheißen hatte. Durch die Bemühung des alten Mannes hatte der älteste Sohn, Octavio wirklich schon den Rang und die Würde eines Bischofs erlangt. So sah denn die stolze Mutter viele ihrer Wünsche erfüllt, und sie hätte ungestört die Erhebung, die der Familie in ihrem Alter geworden war, mit Behaglichkeit genießen können, wenn nicht viel Bitteres sich diesem Kelche der Freude eingemischt hätte. Wie vielen Dank auch der neu bestellte Bischof seinem Oheim Montalto schuldig war, so unerkenntlich zeigte er sich, ja er machte kein Hehl daraus, wie tief er den würdigen und wohlwollenden Greis verachtete. Er schloss sich unverhohlen und mit übertriebenem Eifer der intrigierenden Partei des Kardinal Farnese an, weil er glaubte, durch diesen tätigen Feuergeist gar anders, als durch den saumseligen Montalto befördert zu werden. Darum erschien er auch nur selten bei seiner Schwester, und er suchte eine befriedigte Eitelkeit darin, dieser und noch mehr deren Gemahl Peretti mit unverhohlener Verachtung zu begegnen. Er zankte auch mit der Mutter wegen dieser Heirat, die er eine Erniedrigung der Familie nannte. Derselbe Ungestüm, welcher die meisten Glieder des Hauses bezeichnete, war bei diesem Manne ganz in Stolz und Hochmut verwandelt worden, und diese Leidenschaft regierte in seinem Gemüte so heftig, dass er kein Mittel scheute, um sie zu befriedigen. Deshalb war es der Mutter, wie der Schwester lieber, wenn er nicht erschien, als wenn er zankend und hofmeisternd sie einmal besuchte; es gingen auch Wochen hin, ohne dass sie ihn sahen.
Vorlage S. 684
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Es konnte der verständigen Mutter auch unmöglich verborgen bleiben, dass diese Ehe, welche sie gestiftet hatte, diesen Namen nicht verdiene. Vittoria ertrug den Gatten nur so eben, sie übersah ihn zu sehr; seine Schwäche, die auch dem blödesten Auge auffiel, musste sie verachten.
Vorlage S. 685
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Der herbeste Kummer entstand aber über den ungestümen Marcello, der sich weder durch Liebe, noch Strenge bändigen ließ. Nur einmal war Montalto in den heftigsten Zorn, ja in Wut geraten, so dass Mutter und Tochter sich vor dem alten Priester entsetzten, als die Nachricht gekommen war, dass in Zank und gemeinen Händeln Marcello einen vornehmen Jüngling wiederum gefährlich verwundet habe, und aus Rom entflohen sei, um sich einer der vielen Banden anzuschließen, die im Lande, so wie außerhalb, von den Mächtigen unterhalten wurden. Bei der leisesten Vorbitte der Mutter, auch diesmal zu vermitteln, war er im blinden Zorneseifer aufgefahren: er verwünschte die gefühllose Niederträchtigkeit des Jünglings, und verbat ein für allemal, in seiner Gegenwart auch nur seinen Namen zu nennen. Auch für den jungen Camillo ließ er keine Vorbitte gelten, und wiederholte, wie sehr er es bereue, dass er den nichtswürdigen Marcello damals vom Galgen befreit habe, dort sei derlei Gelichter am besten versorgt, und seine Familie würde an ihm nur Gram und Schande erleben.
Vorlage S. 685
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Graf Pepoli war aus Bologna wieder nach Rom gekommen. Er eilte, das Haus der Accoromboni, jetzt Peretti, wieder zu besuchen, weil für ihn diese Menschen zu den merkwürdigsten gehörten, die er jemals hatte kennen lernen. Vittoria war sehr erfreut, ihn wiederzusehn, denn, gedrückt von ihrer Lage, war ihr jeder gebildete Fremde eine trostreiche Erscheinung. Nach den ersten Begrüßungen sagte der Graf: »Ich muss Euch, Verehrte, ein Begebnis mitteilen, das mich wahrhaft erschreckt hat. Vor einigen Monaten ist der arme, bis zur Verwirrung geängstigte Tasso heimlich aus Ferrara entwichen. Niemand wusste dort am Hofe, wohin er sich gewendet haben könne; endlich erfuhr man, er sei fast wie ein elender Bettler bei seiner Schwester in Sorrent angekommen. Nun hat ihn seine Unruhe wieder nach Rom getrieben – soeben ist er angelangt – aber, Himmel! wie verwandelt! Wie sich so ganz unähnlich! Wie unkenntlich! – Wie würdevoll und ruhig erschien er uns damals: eine zarte, edle Wehmut durchzog und läuterte sein Wesen, er war sanft und bescheiden, und doch fühlte er seinen Wert – und jetzt – ich sah ihn bei seinem Beschützer Scipio Gonzaga – so ganz ohne Haltung und Würde, unruhig, hastig, hin und her fahrend und wie verwirrt, das Antlitz eingefallen und die Augen erloschen, eilig, stotternd, viel fragend, ohne die Antwort abzuwarten – ein Bildnis zum Erbarmen und zum Entsetzen. Dieser große, herrliche Mann, mit diesem sublimen Talent, der so sicher und fest in sich selber ruhen könnte, der andern wie sich eine Quelle namenlosen Glückes sein sollte – oh, wie seltsam ist doch das Gewebe unsers Lebens geflochten, dass nur zu oft das Schönste und Edelste uns bloß zu unserer Zerstörung gegeben wurde, und scheinbares Glück, das uns so freundlich entgegenschreitet, nur ein verhülltes Elend ist.«
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Vittoria war tief erschüttert, indem sie jenes schönen Tages in Tivoli gedachte.
Vorlage S. 686
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»Alle seine Freunde«, fuhr der Graf fort, »vorzüglich Gonzaga, beschwören ihn: auf keinen Fall wieder nach Ferrara zurückzugehen; der Fürst sei erzürnt, die Prinzessinnen ihm abgewendet, seine Neider und Feinde von mehr Einfluß als je. Aber ein böser Dämon scheint ihn mit kranker Hast und gespenstiger Unruhe dahin zurückzujagen. Er denkt und spricht nichts anderes. Um sich seinem Herrn ganz als ergebener Diener und bereuender Untertan zu zeigen, ist er auch bei Masetto, dem Agenten Alfonsos, abgestiegen, und behält dort seine Wohnung. Er ist ein untergegangenes schönes und edles Menschenbild.«
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Es war natürlich, dass man in Rom in der Gesellschaft von den beiden plötzlichen Todesfällen der jungen Frauen Eleonore und Isabelle sprach, die sich so schnell hintereinander ereignet hatten. Nur wenige glaubten an Krankheit und natürlichen Tod. Donna Julia betrachtete die Tat der beiden Fürsten mit Grauen; »niemals«, beschloss sie, »habe ich diesen schroffen Herzog Bracciano gesehen, ich denke mir ihn aber entsetzlich. Der Mord schwacher, hülfloser Frauen hat in der Vorstellung noch etwas viel Gräßlicheres, als Grausamkeit und tödliche Verletzung, die sich Mann an Mann erlaubt.«
Vorlage S. 686
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»Oft«, bemerkte Vittoria, »ist dergleichen auch keine Tat, sondern ein Schicksal, das sich aus den Umständen unabweislich wie von selbst entwickelt. Aus der naiven Erzählung des Fremden der so gar kein Arg von der Erbärmlichkeit seiner Novelle hatte, ging doch deutlich hervor, dass diese Donna Isabella ein sehr geringes Wesen sein musste. Wenn ein so klägliches Leben untergeht, so kann man wohl Erbarmen damit tragen, aber es ist nur wenig daran verloren. Und der Mann – o ja, man kann, man darf ihn schelten; aber warum Grauen und Entsetzen vor ihm empfinden? Scheltet doch die hergebrachte Sitte unsers verwirrten Lebens, diese Ehre, wie es die Männer nennen, dieses schwarze Nebelgespenst, dem schon so viele Opfer gefallen sind. Und abgesehen von allem andern, muss man die Umstände, Verhältnisse, Zufälle, die obgewaltet haben, alles genau kennen, um ein eigentliches richtiges Urteil zu fällen. Ich mag den Fürsten nicht verteidigen, oder auch nur entschuldigen, weil er mir unbekannt ist; aber in einer Behauptung werde ich nicht unrecht haben, dass auch die stärkste Frau, wenn sie liebt, vor dem Manne in ihrer Zärtlichkeit eine gewisse Scheu und Furcht haben müsse, durch welche das Geheimnis der Liebe dann noch eine höhere Weihe erhält. Diese Furcht und Scheu ist ja nur die gesteigerte Achtung vor der wahren Männlichkeit, die die Frau verehren will: sosehr sich die Gatten auch verstehen mögen, so gibt es eine Grenze, wo sie sich, wenn auch nicht fremd, doch geheimnisreich bleiben müssen, und hier an dieser Grenze hält jene Scheu Wacht, die sich selbst in ein ahnendes Grauen, in einen süßen Schauer verwandeln kann. Auch der liebende Mann wird das Weib nie ganz verstehn. Eine Zartheit, eine Aufopferung, ein Hingeben über die Natur und Möglichkeit hinaus, wird ihm, sooft er es ahnen kann, auch ein Erschrecken einflößen.«
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Der Mutter war diese Erörterung sehr unangenehm, denn jedes Wort war fast wie ein Spott auf die Ohnmacht Perettis. Jetzt stürzte der Kammerdiener fast zitternd herein und meldete, dass der Herzog von Bracciano seine Aufwartung zu machen wünsche. Selbst die Mutter, sosehr sie täglich die vornehmsten Besuche annahm, wurde etwas verlegen. Vittoria schrie auf, als Paul Giordano in seiner Trauer, mit der edeln, stolzen Gebärde eintrat, und der Mutter versagte vor Verwunderung das Wort, das sie eben aussprechen wollte.
Vorlage S. 687
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»Ihr edeln Frauen«, sagte Bracciano mit seiner schönen, volltönenden Stimme, »müsst mich als einen alten Bekannten aufnehmen, wenn meine Bitte irgend etwas bei euch gilt. Dem unbekannten Don Giuseppe zeigtet ihr Vertrauen; warum soll ein anderer Name mich euch entfremden?«
Vorlage S. 688
629
»O Exzellenz«, rief Donna Julia, nachdem sie sich wieder gesammelt hatte, »warum uns damals und unsern Caporale so listig hintergehn? Ist es nicht Bosheit, dass Ihr Euch nun an unserer Verlegenheit ergötzen wollt?«
Vorlage S. 688
630
»Eure Tochter, verehrte Dame«, antwortete der Herzog, »scheint mir gar nicht verlegen. Übrigens legt Ihr mir eine Absicht unter, die meinem Wesen völlig unnatürlich sein würde. Ich lebte schon seit Wochen inkognito in Rom und der Umgegend, wie es denn meine Liebhaberei ist, mich zuweilen von allen Banden der Gesellschaft zu befreien, um mich selbst und die andern Menschen in ihrem wirklichen Wesen kennenzulernen. In meinem Hause hier glaubte man, ich sei wichtiger Geschäfte wegen in Neapel. Da lernte ich zufällig den wackern Don Cesar kennen, und wir sprachen viel von euch; da er mich nur unter der Maske, mit einem nichtssagenden Namen kannte, nahm der wackere Mann lange Anstand, den Rätselhaften bei euch einzuführen. Aber ich danke ihm um so mehr, denn die Erlaubnis, euch zu meinen Freunden zählen zu dürfen, wird zu den glücklichsten Begebenheiten meines Lebens gehören.«
Vorlage S. 688
631
Man ergoß sich in höflichen Erwiderungen, und Pepoli, der dem Herzoge schon seit Jahren bekannt war, führte hauptsächlich das Gespräch. Vittoria war stumm und saß fast wie im Traum; ihr Auge wurzelte auf dem Antlitze des Gastes, und sie verglich ihr damaliges Gefühl, als sie ihn hatte kennen lernen, mit dem jetzigen. Die beiden Stimmungen waren sich so ähnlich, und doch wieder so unähnlich; ihr war, als habe sie sich im jetzigen Augenblick völlig verloren, und doch blitzte sie in diesem Vernichtetsein ein so helles Bewusstsein der wahrsten Existenz an, dass dieses Grübeln ihr schon hohes Glück war.
Vorlage S. 688
632
Als die Besucher sich entfernt hatten, wollte man sich niederlegen, und zögerte nur noch, weil der junge Peretti ausblieb. Er hatte sich angewöhnt, oft aus den Gesellschaften, die er besuchte, und die nicht die besten waren, spät nach seinem Hause zu kommen, aber noch nie war er so lange ausgeblieben, als es heute geschah. Man war schon besorgt, man fragte die Dienerschaft, wo der junge Mann sein möge, als sich vor dem Hause ein lautes Getümmel erhob. Man öffnete die Türe, und fremde Menschen trugen den Jüngling herein, der schwer verwundet schien. Er hatte Streit gehabt, man hatte gefochten, und so war er verletzt nach seiner Wohnung gebracht worden.
Vorlage S. 688
633
Die Mutter seufzte, denn es schien ihr nun schon ausgemacht, dass sie dasjenige, was sie das wahre Glück des Lebens nannte niemals finden würde. Sie ging in ihr Schlafzimmer, fast grollend mit dem Schicksal. Wundärzte wurden gerufen, und Vittoria blieb die ganze Nacht bei dem Kranken, welcher, seinen Klagen nach, empfindliche Schmerzen litt.
Vorlage S. 689
634
Als es Tag geworden, erschien die Mutter wieder. Es hatte sich ein heftiges Wundfieber eingestellt, welches den Arzt, der jetzt von Montalto war gesendet worden, sehr besorgt machte. Endlich fand sich der Schlummer ein, und man konnte für den Kranken wieder Hoffnung schöpfen. Vittoria wich nicht vom Lager des Leidenden, sie schlief fast gar nicht, sie genoss wenig und alles für den jungen Mann besorgte sie, die Umschläge der Wunde, die oft auf der Schulter erneuert werden mussten, die Dekokte, die Tränke. Sie gab ihm ein, sie tröstete ihn auf seinem Lager, wenn er vor Schmerzen winselte, um ihm irgend Erleichterung zu verschaffen. Sie sah niemand, und erschien niemals im Besuchzimmer: Bracciano meldete sich wieder bei der Mutter aber Vittoria kam nicht zur Gesellschaft. Selbst Caporale, als er wieder in Rom war, ward seiner jungen Freundin nicht ansichtig, und die Mutter bewunderte stillschweigend diese strenge Tugend, die sie der Tochter niemals, ja vielleicht sich selber nicht in diesem hohen Grade zugetraut hatte.
Vorlage S. 689
635
So waren mehr als acht Tage verflossen. Der Kardinal, der mehrmals nach dem Zustand seines Neffen hatte fragen lassen erschien endlich selbst. – Man sah an seinem Antlitz, wie sehr er sich um den geliebten Neffen gehärmt, wie sehr ihn die Möglichkeit seines Todes geängstigt hatte.
Vorlage S. 689
636
Er erkundigte sich genau nach dem Befinden, er fasste selbst den Puls des jungen Mannes, er untersuchte seine Kräfte, und fühlte sich endlich getröstet, dass sich die Besserung so bestimmt angekündigt hatte, so dass man hoffen durfte, dass nach einigen Wochen auch die letzten Spuren, bei der Jugend des Kranken, verschwunden sein würden. »Wie bist du aber nur«, fragte dann der Alte, »in diesen unglückseligen Streit geraten?«
Vorlage S. 689
637
»Mein edler Ohm«, antwortete der Neffe, »das sind noch die Folgen meiner früheren Sünden; jene wilden Jugendgenossen, mit denen ich ehemals lebte, und in deren Gesellschaft mir Vittoria, an jenem Tage, als ich ihrer zum ersten Male ansichtig wurde, begegnete – diese verfolgen mich jetzt mit Vorwürfen, dass ich mich ihnen abgewendet habe, dass ich ihre Gesellschaft verschmähe. Derjenige, mit welchem ich damals am vertrautesten war, der reiche, junge Mensch, Cesar Valentini, hat mir schon lange mit empfindlichen Schmähungen zugesetzt. Ach, Verehrtester, man ist jung, man wird endlich auch empfindlich; so schalt ich zurück, dass sie mir zu roh wären, ihr Umgang mir jetzt pöbelhaft dünke, dass, wer bessere Gesellschaft kenne, sie wie die Pest fliehen müsse, und dergleichen mehr. Wir zogen, und ich ward überwältigt, weil mehrere über mich herfielen, ich aber keinen zu meinem Beistande hatte. Jetzt, höre ich, ist seit diesem Anfall dieser Valentini entflohn, weil er die Gerichte fürchtet, und noch mehr Euch, mein geliebter Oheim.«
Vorlage S. 689
638
»Mag er nur weit entrinnen«, sagte der Kardinal, »und sich hüten, die Stadt nicht wieder zu betreten! Danke dem Himmel, dass du der Gefahr und dem Tode entgangen bist.«
Vorlage S. 690
639
»Ja wohl hat er sich gnädig an mir erwiesen«, antwortete Peretti mit einem tiefen Seufzer: »aber auch ihr, meiner Gemahlin danke ich, zunächst der unmittelbaren Hülfe Gottes mein Leben, denn sie hat mehr an mir getan, als alle Ärzte, sie hat sich zur Magd erniedrigt mich zu pflegen, und sich Schlaf und Nahrung versagt, um immer bei mir zu sein.«
Vorlage S. 690
640
Er nahm ihre Hand und küsste sie mit dem Ausdruck der dankbarsten Rührung. Auch der Kardinal war, indem er Abschied nahm, freigebig in Lob und Dank, und Vittoria begnügte sich, dem ehrwürdigen Manne mit gewöhnlichen Reden zu antworten und sich seinem Gebet und Segen zu empfehlen.
Vorlage S. 690
641
»O anbetungswürdige Vittoria«, sagte jetzt der zerknirschte Peretti, als sie allein waren, »ich kann es dir nicht mit Worten aussprechen, wie sehr ich mich unter dir fühle, wie niedrig klein und gemein, du großes, erhabnes Wesen. Ja, ich weiß es, ich fühle es innigst, dir gegenüber bin ich nur schlecht, und armselig – aber der Himmel wird mir beistehn, dass ich besser, und deiner etwas würdiger werde.«
Vorlage S. 690
642
Er hielt inne und sah sie bietend an. Sie antwortete ihm mit einem strengen Blick und sagte dann: »Du erwartest, Francesco, dass ich, dem Herkommen und der Höflichkeit gemäß, dir widersprechen, und deine Selbstanklage mit beruhigender Freundlichkeit zurückweisen soll. Ich kann dies aber nicht und will es auch nicht, denn du bist jetzt wieder stark genug, um Wahrheit aus meinem Munde vernehmen zu können.«
Vorlage S. 690
643
Sie ging zur Tür, und Peretti erstaunte nicht wenig, wie er sah, dass sie diese verriegelte. »So können wir ungestört sein«, sagte sie hierauf, indem sie sich zu ihm setzte. –
Vorlage S. 691
644
»Ja, Francesco«, fing sie an, »du bist ein schwaches Wesen, und früh gingen deine Vorsätze unter, die du so sicher gefasst hattest. Dass ich dir nicht mit Liebe ergeben war, du weißt es, ich brauche es dir nicht jetzt zu sagen. Schnell, in wenigen Tagen erlosch das, was du deine ewige Leidenschaft nanntest, ich ward dir gleichgültig, alltäglich. Dies sei kein Vorwurf, ich beklage mich nicht über deine Ohnmacht, ich hatte es so erwartet, und es war mir Trost und Beruhigung, dass dieser Zustand so früh eintrat. Warum also wollen wir nicht still und einverstanden ein Band lösen, das uns niemals hätte vereinigen sollen? Ich will dir Schwester sein, hülfreiche Gefährtin, Pflegerin in der Krankheit, aber niemals deine Gattin.«
Vorlage S. 691
645
Francesco war betreten, und wusste nicht, was er antworten sollte. »Um so mehr ist dies nötig, und mein fester, unwandelbarer Entschluss«, fuhr sie fort, »weil ich es recht gut weiß welche Gesellschaften du aufsuchst, wie du zu allen deinen früheren Sünden mit verstärktem Gelüste zurückgekehrt bist. Dein Oheim soll die Geschichte deiner Händel glauben, o ja, ich gönne dir gerne diese Genugtuung. Ich aber weiß es, dass du neben andern schlechten Weibsbildern jene verrufene Agnes besuchst, die dich deiner Geschenke wegen annimmt, dass dich dort dieser Valentini getroffen hat, dass diese Rauferei nur ihretwegen entstand. Geplündert, krank, mit verletztem guten Namen, verwundet kehrst du von diesem Gesindel zu mir zurück, und kannst, wenn dir ein Funke von Gefühl blieb, unmöglich erwarten, dass ich mich nicht gegen schändenden Missbrauch zu gut dünken sollte. So wie du lebst und denkst, wäre diese Vertraulichkeit nur schmachvoller Ehebruch, die Entweihung alles Göttlichen in mir. – Ich werde zu niemand, auch zu meiner Mutter nicht sprechen, keiner braucht zu ahnen, welche Übereinkunft wir getroffen haben. Solltest du aber klagen, unzufrieden sein, so sei versichert, Peretti, dass ich mich sogleich in ein Kloster, oder zu den Tieren des Waldes flüchte, um deiner loszuwerden. Oder öffentlich aller Welt von dir erzählen, und lieber in der Barbarei als Sklavin dienen, als deine Gemahlin heißen.«
Vorlage S. 691
646
Francesco sah sie von der Seite an, drückte dann die Augen zu und murmelte etwas von Gehorsam des Weibes und ehelichen Pflichten, die allen auferlegt wären, und welche die Kirche geheiligt hätte.
Vorlage S. 691
647
Vittoria stand auf und sah ihn von oben herab mit einem tödlich verachtenden Blicke an. »Soll ich dich verlachen«, sagte sie dann, »oder dich mit Ekel hassen, wie ein widerwärtiges Gewürm? Darfst du ein solches Wort in unserm Verhältnis nennen und noch ein Mensch sein wollen? Das wäre also ein Sakrament, was ich abwechselnd mit der schmutzigsten Kreatur teilte? – Und wäre ich verworfen genug, in mehr als tierischem Leichtsinn so Leben und Gefühl zu vergeuden, so darf ich es um so weniger, seit ich erkannt habe, was die Liebe ist, was die Göttlichkeit im Manne zu bedeuten hat. Nun wäre es mir Wonne, zu sterben eher, als diesem Gefühl, dieser Weihe, die mein Herz durchströmt, auf so schmähliche Weise abzufallen. Wie danke ich jetzt mit Inbrunst dem Himmel, dass er es nicht zugelassen hat, dass ich nicht fürchten darf, ein Wesen von dir stammend, in die Welt zu setzen: das arme Gewürm würde mir aus unschuldigen Blicken nur meine Verworfenheit entgegenschreien und ich könnte es ermorden, um das Denkmal dieser Erniedrigung zu vertilgen.«
Vorlage S. 692
648
»Und dieser göttliche Mann?« fragte Francesco furchtsam.
Vorlage S. 692
649
»Ich sollte ihn dir wohl nennen«, antwortete sie, »dass du forschen möchtest mit deinem schwachen Sinne, ob er auch meine Anbetung verdient. Frage ich doch nicht nach deinen Katharinen, oder Euphemien, oder wie diese Wandelnden alle Namen führen, denen du dein Herz zuwendest.«
Vorlage S. 692
650
»Und ihm also«, fragte er wieder, »dem Ungenannten, willst du dich ganz ergeben?«
Vorlage S. 692
651
»Auch diese Frage ziemt dir nicht«, rief sie unwillig: »aber ich bedarf dessen nicht, und er, ich weiß es, wird es nicht fordern, obgleich ich es jetzt erkenne, dass diese Vereinigung in gegenseitiger Liebe und Anbetung der seligste Triumph ist, den die Natur zu feiern vermag. Weil dieser Sieg, dies stürmende Gefühl, welches unmittelbar an den Himmel klopft, das aller höchste alles Erschaffenen ist, ebendarum werde ich es mir versagen können, und nur im Anschaun, in der Bewunderung seiner Hoheit leben und träumen. Verstehn sich unsre Herzen doch ohne Worte. Auch mag in dem allgemeinen Vorurteil doch eine gewisse Wahrheit schlummern und dämmern, dass dem Manne mehr erlaubt ist, als dem Weibe, und dies Gefühl, die Achtung vor diesem Aberglauben wird mich bewahren: vorzüglich aber die Furcht, sein Gemüt, (da der edelste Mann noch eine gewisse Roheit in sich hegt,) möchte nicht so geläutert sein, dass er mich nicht nach dieser Hingebung, etwas, wenn auch nur um ein weniges, geringer achten dürfte.«
Vorlage S. 692
652
»Wenn ich von meinem Erstaunen erwache«, sagte Francesco, »so begreife ich nicht, wie gerade du, Vittoria, so ganz unweiblich sein kannst.«
Vorlage S. 693
653
Lachend sagte sie: »Ja wohl, diese eure ganz abgestandenen Redensarten von Unschuld, Mädchenhaftigkeit, Jungfräulichkeit und Weiblichkeit, die ihr uns entgegenhaltet, um unsrer Entwürdigung, indem wir blödsinnig bleiben, oder uns so stellen, schöne Namen zu geben. Ei wie himmlisch steht das unbewusste Mädchen in ihrer Unschuld da, wie die reine Lilienblume. Und sie wird ein Raub des Lüstlings, da man nichts loben will, als diese süße Einfalt, (die der Frau nicht mehr ziemt,) oder die Frechheit der gesunkenen Metze. Als wenn das nicht höhere Würde, Tugend und Unschuld wäre, so frei zu denken, zu fühlen und zu sprechen, wie es freilich denen nicht erlaubt ist, die die Gemeinheit in ihrem Innern empfinden.«
Vorlage S. 693
654
»Wohin aber«, rief Francesco aufgebracht, »zu welcher Ehrlosigkeit kann eine solche Gesinnung führen!«
Vorlage S. 693
655
»Sei ganz ruhig, mein Männchen«, sagte sie, »ich werde diese deine Ehre gewiss besser bewahren, als du selber. – Ehre! – O Menschen, welche Sprache redet ihr denn? – Ich soll es freilich nicht wissen, aber ich weiß es doch, wie du mit meinem Bruder Ottavio einig bist; wie ihr beide meine und eure Ehre gerne dem großen mächtigen Farnese verkauftet, wenn ich nur jämmerlich genug dächte, nachzugeben? Nicht wahr? – Schlafe jetzt wohl und zweifle nicht, dass ich meinen Willen durchsetze. Du aber kannst, wie du es schon tatest, jetzt mit meiner Einwilligung so ungebunden leben, wie es deine zügellose und schwache Imagination dir nur eingeben mag.«
Vorlage S. 693
656
Sie verließ ihn, und er hatte vielen Stoff, lange über das Gesprochene nachzudenken.
Vorlage S. 693

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich habe ihn seit lange …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Und du meinst«, […] die Matrone, »dass der Ungestüme sich diesen Druck nicht ganz anders wird ausgelegt haben?«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deshalb« in diesem Textausschnitt? »Dieses Wesen, so schön, so poetisch sie war, durfte sich an Tugend und Hoheit niemals mit der vermählten Colonna und andern Dichterinnen vergleichen: Du weißt auch, dass sie zum Teil deshalb bekannt und beliebt war, weil ihre Sitten, so sagt man, sich durch Leichtsinn auszeichneten«

Eine Antwort ist richtig.

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4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

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5. Was bedeutet »Oheim« in diesem Ausschnitt? »Er nahm sich mit großer Freundschaft des jungen Peretti an, und dieser durfte ihn oft besuchen und an seiner Abendgesellschaft in seinem Palaste teilnehmen, welches noch öfter geschehn sein würde, wenn ihn nicht sein Oheim, der Kardinal Montalto, der ehemalige Frater Felix, vor diesem Umgang gewarnt hätte.«

Eine Antwort ist richtig.

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6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Nun denkt er gar, sein Neffe wäre zu den unglücklichen metaviehischen Wesen übergegangen, was doch keinen Menschenverstand in sich hat.« B: »Es ist gar zu schmerzlich, sein ganzes Leben einem Berufe zu weihen, den man mit entschiedenem Widerwillen antritt.« C: »Nun geht er seiner Laune nach, lebt bald hier, bald dort, und hält in Rom ein prächtiges großes Haus, wo es ihm sein großes Einkommen erlaubt, die Kardinäle und andere Fürsten zu überglänzen.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »»Über das ewige Streiten und Erheben …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Grinsen des Antlitzes, das […]. – ›Welch böser Geist regiert mein Pferd!‹ schreit nun der Königssohn: ›was presst mir so mit eisernen Klammern Brust und Herz, dass ich vor Schmerzen schreien möchte? – So steh denn in der Hölle Namen!‹ So reißt er mit Riesenkraft sein Pferd«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Ist es denn etwa mein uraltes, längst gestorbenes Männchen, dieser Peretti, weil er blonde Haare und rote Wangen hat?«

Eine Antwort ist richtig.

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10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Durch die Niedrigkeit der Bianca ward ihr Leichtsinn erregt und gestärkt, sogar …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Schon vor vielen Jahren fiel mir der Name dieser Dichterin, sowie ihr sonderbares Schicksal als merkwürdig auf. Es war im Jahre 1792, als ich in Dodsley's collection of old Plays zuerst die Tragödie Websters […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
Textstelle nachlesen ↗

2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Vittoria hatte indessen bei Freundinnen einige Besuche gemacht, war dann in der Kirche Maria Maggiore gewesen und ging nun, von ihrer Amme und dem alten Diener begleitet, nach ihrem Hause zurück. Als sie sich […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
Textstelle nachlesen ↗

3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] es auszahlen. Die ganze Sache sollte nur die Milizen, das Militär und die Gerichtsbeamten schrecken, dass sie in ihrer Pflicht saumselig würden und den Mut zu solchen Wagestücken, wie der Alte unternommen hatte, verlören; auch wollte man […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Tür zum andern Zimmer und rief den alten, bewährten Freund, den einfachen ehrlichen Caporale zu sich. Sie setzten sich, und in krampfhafter Rührung und unter Tränen begann die Mutter den Bericht. »Quält Euch nicht so ohne Not« sagte der […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Helfershelfern, wie den besoldeten Banditen, in jeder Stunde zittern müsse.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] von meiner Seite, denn ein so großer Charakter wurde mich zwingen, ihn zu lieben. Und wie ich von der hergebrachten Ehe denke, weißt du ja längst, Mutter. Diese willkürliche Hingebung an schwache gewöhnliche, ja verächtliche Männer – wie […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Vittoria hatte indessen bei Freundinnen einige Besuche gemacht, war dann in der Kirche Maria Maggiore gewesen und ging nun, von […]« und »So geschah es. Die Familie war am andern Abend versammelt, und der junge Boccalini, ein großer Verehrer des Dichters Caporale […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »Sie verließ ihn, und er hatte vielen Stoff, lange über das Gesprochene nachzudenken.« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
Textstelle nachlesen ↗

9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Schon vor vielen Jahren fiel mir der Name dieser Dichterin, sowie ihr sonderbares Schicksal als merkwürdig […]« / »Sie verließ ihn, und er hatte vielen Stoff, lange über das Gesprochene nachzudenken.«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Schon vor vielen Jahren fiel mir der Name dieser Dichterin, sowie ihr sonderbares Schicksal als merkwürdig auf.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Nun denkt er gar, sein Neffe wäre zu den unglücklichen metaviehischen Wesen übergegangen, was doch keinen Menschenverstand in sich hat.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Sie verließ ihn, und er hatte vielen Stoff, lange über das Gesprochene nachzudenken.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Vittoria Accorombona von Tieck, Ludwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Vittoria Accorombona

Ludwig Tieck: Werke in vier Bänden. Nach dem Text der »Schriften« von 1828–1854, unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Herausgegeben von Marianne Thalmann, Band 1–4, München: Winkler, 1963. Tieck, Ludwig 541- München

Das Werk Vittoria Accorombona von Tieck, Ludwig ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.