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Buch - Rodrich - Fouqué, Caroline de la Motte

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Originalwerk · Lesefassung

Rodrich

Fouqué, Caroline de la Motte · 1775–1806

Rodrich von Fouqué, Caroline de la Motte. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–133 Abschnitte
Porträt von Fouqué, Caroline de La Motte-; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Fouqué, Caroline de La Motte- · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 2 von 3

Erster Theil

1
Erstes Buch
2
Es war Abend, als Rodrich in die Thore der Hauptstadt einfuhr. Die erleuchteten Straßen zeigten ihm das Getümmel vieler Tausende, die des Lebens Spiel kreisend hin und her trieb. Glänzende Wagen, ferne Citherklänge, verworrenes Rufen und Flistern, alles rauschte durch seine Sinne, und trieb ihn unruhig über die neue Welt hinweg, bis er endlich bei den hohen Pallästen verweilte, in deren Inneres er wie in einen magischen Spiegel flüchtig hinein schauete. Der Zierrath der Gemächer wie die reichen Diener entzückten ihn. Oft hörte er lustige Musik, sah schwebende Gestalten längs den hellen Fenstern hingleiten, und hätte die Welt darum gegeben, mitten unter ihnen zu sein. Da gedachte er plötzlich seines unscheinbaren Daseyns, und das widrige Gefühl in dem Strom gemeinen Wirkens ungekannt, unbeachtet mit fortzuschwimmen, stellte sich recht feindselig zwischen die aufgedeckte Herrlichkeit der Welt und ihn. Wie erhaben er sich auch den Mittelpunkt eines Staates, den Hof und seine Umgebungen gedacht, so stand er selbst, ohne es zu wissen, unter den Hauptfiguren der bunten Gemälde. Was dort im Glanz einer lebendigen Phantasie in einander verschmolz, stand jetzt einzeln und abgerissen vor ihm da. Die übersprungenen Stufen geselliger Verhältnisse erschienen ihm plötzlich wie die unersteigliche Himmelsleiter, und er blickte zum erstenmal geringschätzig auf sich und die ärmlichen Mittel, die seine Ansprüche geltend machen sollten. Voll Unmuth schloss er die Augen, und flüchtete zu den Erinnerungen der Vorwelt, in die er sich so oft versenkte, um die eigne Beschränkung in den weiten Kreisen menschlicher Tätigkeit zu vergessen. Die Heroen der Profan- und Heiligengeschichte stiegen vor ihm auf. Er hatte die Letzteren immer geliebt, um der Kraft willen, mit der sie das einmal Unternommene vollführten. Ja, rief er, nach kurzem Sinnen, die Welt bleibt ewig dieselbe, und wem die rechte Feuerkraft im Busen glüht, der muss vom Schicksal erzwingen, was es ihm kärglich versagte.
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In dieser Stimmung betrat er den ziemlich ansehnlichen Gasthof, vor welchem sein Wagen hielt. Der Trotz der noch in seinen Mienen lag, und die etwas gebieterische Stimme, mit welcher er eingelassen zu werden forderte, ließen auf einen vornehmen Gast schließen. Er bekam ein gutes Zimmer und anständige Bedienung. Indeß war er viel zu bewegt, um hier lange in müßiger Beschauung zu verweilen. Was ihm allein zu tun übrig blieb, das sollte gleich geschehen. Überdem brannte er vor Begier, irgend einen Menschen zu finden, dem er einigermaßen angehöre, mit dem er reden und ihm seine Wünsche und Hoffnungen mittheilen könne. Er beschloss also noch diesen Abend zu dem Künstler zu gehen, an welchen sein Meister ihn gewiesen hatte, und eilte, bei dem Wirth die nötigen Erkundigungen deshalb einzuziehen. Ein Maler also? fragte dieser, und blickte nachlässig zu ihm auf. Nie hatte ihm dies Wort so seltsam und fremd geklungen, als in diesem Augenblick. Er erschrack selbst darüber, und wandte sich mit dem verdrießlichen Ja von dem Neugierigen, der ihm statt einer Antwort eine Frage zurückgab. O, sagte dieser einlenkend, wollten Sie nicht einige Augenblicke verweilen; Sie werden hier an der Abendtafel mehrere Kunstfreunde finden, die Ihnen vielleicht nähere Auskunft geben können. Sie nannten gewiss einen unserer berühmtesten Meister, allein ich kann Ihnen seine Wohnung nicht sogleich bezeichnen.
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Rodrich ging still im Zimmer auf und nieder. Einer der Berühmtesten, dachte er, und sie kennen seine Wohnung nicht einmal! Ach, wer kommt denn auch zu der einsamen Werkstatt des Künstlers, der in abgeschloßner Welt sich selbst und der innern Gottheit lebt! Er fühlte jetzt, wie mühselig der Weg sei, den er eingeschlagen hatte, und wie wenig er zu der unstäten Beweglichkeit seines Gemüthes passe. Er gedachte der Worte seines Lehrers, der ihm oftmals sagte: dass er die Kunst nicht um ihrer selbst willen liebe, und sie alles Fleißes ohnerachtet nur als Mittel betrachte. Er hatte das immer bestritten und gemeint: der Wunsch, durch die Kunst berühmt zu sein, ließe sich von der Liebe zu ihr nicht trennen. Auch jetzt wollte er es sich nicht ganz gestehen, und suchte den schwankenden Willen mit aller Kraft zu befestigen. So gelang es ihm denn, während er die innere Stimme durch tausend große Worte übertäubte, und die gesunkne Achtung für sein Gewerbe auf alle Weise anregte, die alte Begeisterung aufs neue zu entflammen. Und um sich selbst zu entfliehen, zögerte er nicht länger, den Maler, aller Gegenrede des Wirthes ohnerachtet, aufzusuchen.
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Er war lange Zeit gegangen, ohne irgend jemand angeredet und um Auskunft gebeten zu haben, weil er überall nicht gern bat, am wenigsten den gaffenden Pöbel. So kam er zu einer langen prachtvollen Brücke, von deren jenseitigem Ende sich ein breiter Kastaniengang längs dem Ufer hinwand. Unzählige bunte Schiffchen glitten noch über das stille Wasser hin, während viele andere unfern der Brücke landeten und dem dunklen Gange manch' fröhliches Paar zuführten. Rodrich gesellte sich zu diesen, indem er sich hier, wo ihn nichts so drückend auf die eigne Nichtigkeit zurückführte zum erstenmal wieder wohl und leicht fühlte. Das dumpfe Geräusch der Wagen, wie das ganze Gewirr der Menge, ward in der einsameren Gegend von den lustigen Liedern der Schiffer übertäubt, die längs dem Ufer das dürftige Mahl an kleinen Feuern verzehrten. Das seltsame Spiel des Lichtes zwischen den dunklen Bäumen ergötzte ihn unendlich. Er glaubte den Zauber der Beleuchtung noch nie so gekannt zu haben, und entwarf tausend Plane, die vor ihm schwebenden Gruppen darzustellen, als er bei einer Beugung des Ganges plötzlich vor einem geöffneten Gitterthor stand, das die Vorübergehenden recht gastlich zum Eintreten einlud. Die blühenden Ufer waren hier zum kunstreichen Garten umgewandelt. Zwischen duftigen Blumengewinden glänzten helle Springbrunnen, deren silberne Stralen sich in Marmorbecken ergossen. Dunkle Pinien und Cypressen beschatteten Kunstwerke der besten Meister. Rodrich stand wie in einem Zauberkreise vor den steinernen Gebilden, die in der stillen Nacht seltsam auf ihn herabblickten. Mit innerm Grausen betrachtete er einen Lakoon, der auf einem hervorspringenden Hügel einsam am Ufer stand. Ihm war, als neige sich jetzt erst das schmerzenvolle Haupt gegen den sterbenden Knaben. Er glaubte das Angstgeschrei zu hören, und unwillkührlich schloss er den starren Marmor an die bewegte Brust. Da hörte er von fern leise Musik. Die Töne zogen ihn fort zu einem kleinen Pavillon, der, wie von Wellen getragen, dicht am Wasser stand. Aus dem Innern erschollen die Worte:
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Blumen, süßes Angedenken,
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Blumen, meiner Liebsten Gabe,
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Seid ein Bild der kurzen Freuden,
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Die mit euch verblühend schwanden.
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Seh euch todt nun vor mir liegen,
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Muss mit Wehmuth die betrachten,
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Deren reiches frisches Leben
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Freudig meinen Sinn erlabte.
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Zaid nimmt die welken Blumen,
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Drückt sie gegen Mund und Wange,
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Will mit Thränen sie benetzen,
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Will mit Küssen sie erwarmen.
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Und der Thränen helle Perlen
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Glänzen in des Mondes Stralen,
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Bebend so in Lichtes Wonne
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Spielen sie viel tausend Farben.
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Blumen, wollt auch ihr mich täuschen,
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Neu erblüh'nd im nächt'gen Glanze?
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Wollt euch dem Gestirn verbünden.
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Das im Dunklen trüg'risch waltet?
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Leben habt ihr mir gelogen,
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Will euch länger nicht bewahren;
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Denn für solch' ein falsches Leben
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Wähl' ich's einsam zu verschmachten.
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Und er wirft die Liebespfänder
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Von dem steilen Meeresstrande
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Tief hinunter in die Fluthen,
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Sie auf ewig zu begraben.
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Wie die Blumen dort verschwimmen,
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Gar vergessend aller Farben,
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Hat die Thrän' auf ihren Blättern
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Bald zur Perle sich gestaltet.
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Hier fiel Rodrich, ohne zu wissen, was er thue, ein und sang:
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Perlen sind ja Liebesthränen;
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Denn von Wehmuth süß umfangen
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Ruht des Feuers ew'ger Funke
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Mild verklärt im stillen Wasser.
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Plötzlich rauschten die seidnen Vorhänge auf, und ein weiblicher Kopf beugte sich aus dem geöffneten Fenster. Rodrich war vergebens bemühet, die zarten Umrisse aufzufassen. In der Dunkelheit schwankte alles verwirrt in einander. Tausend Erinnerungen flogen wie Schatten vorüber; je fester er die Blicke heften wollte, desto beweglicher wogten die wechselnden Bilder auf dem dunklen Grunde. Zuletzt glaubte er die Züge des Lakoon wieder zu erkennen; da sank der Vorhang leise nieder, und er wandte sich gedankenvoll zur Stadt.
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Als er sich dem Gasthofe nahete, hörte er in den untern Zimmern sehr lebhaft sprechen, und im Hineintreten fand er eine zahlreiche Tischgesellschaft in allgemeinem Streite begriffen, der indeß bald durch seine Ankunft unterbrochen ward. Das Fremde und Stolze in seinen edlen Zügen, die dunkel glühenden Augen, der hohe Wuchs, alles erregte die Aufmerksamkeit der Anwesenden, die ihn mit neugierigen Blicken maßen, während er ganz unbefangen einen leer gebliebenen Platz einnahm, und sich des günstigen Eindruckes freuete, der sichtlich bei seiner Erscheinung aus jedem Auge sprach. Diese stille Bewunderung, in welcher er sich zum erstenmal klarer als in einem Spiegel erkannte, gab seinem Wesen Haltung und Sicherheit, und söhnte ihn mit der ungekannten Welt aus, die ihm Anfangs so fremd und abstoßend erschien. Indeß ward, nach einigen lebhaften Erkundigungen bei dem Wirthe, der eben mit Rodrich gesprochen hatte, das vorige Gespräch nach und nach wieder angeknüpft. Je mehr ich nachdenke, sagte ein Mann, der mit verschränkten Armen und niederhangendem Kopfe da saß, je wahrer finde ich, was Sie vorher sagten: es giebt in der That Worte, deren Bedeutung wir auf Treu und Glauben annehmen, die uns eben deswegen niemals klar wird, und dennoch mit uns aufwächst, sich uns anschmiegt und glauben lässt, sie gehöre zu unserm Wesen, während es nur eines kräftigen Stoßes bedarf, um sie als etwas ganz Fremdes uns Aufgedrungenes zu erkennen. Zu diesen gehört die äußere Ehre in dem Sinne, wie sie allgemeingültig angenommen wird. – Welchen Unterschied, ich bitte Sie, rief ein lebendiger Jüngling ihm zur Seite aus, machen Sie denn zwischen äußerer und innerer Ehre? und was ist Ehre überhaupt, nach ihren Begriffen? – Ehre, erwiederte ein Offizier, der bis jetzt von seinem Nachbar verdeckt, Rodrich unbemerkt geblieben war, Ehre ist freie Selbstständigkeit, innere Consequenz des Willens, die sich durch ein folgerechtes Leben behauptet. Der Zweck, wie der Ausgangspunkt, sind als freie Erzeugungen ganz individuel, und es ist nichts seltsamer, als allgemeine Prinzipien über etwas aufstellen zu wollen, was seiner Natur nach auf der Eigenthümlichkeit der Ansicht beruhet. – Dass die Ihrige Ihnen allein angehört, sehe ich, fiel der junge Mann rasch ein; denn sie ist mir in der That fremd. Nur tun Sie doch nicht gut, die Individualitäten so scharf von einander abzuschneiden, wir könnten bei consequenter Folgerung auf den Punkt kommen, wo alle Ihre Worte verschwendet wären, wo wir wirklich nichts, gar nichts von einander wüssten, und Menschen so kalt gegenüber ständen, wie abgeschloßne Welten. Indeß könnte ich Sie fragen, um mich auf einen Erfahrungssatz zu berufen, wie es kam, dass Jahrhunderte hindurch eine Religion und eine Ehre alle Gemüter beseelte, und das Größte erzeugte, was die Welt sah, wenn sich nicht das ewige Licht über Alle ergoß und die Gluth einer Liebe jede Brust entflammte? – Zeitalter, antwortete der Offizier, haben wie Menschen ihren eigenthümlichen Charakter. Ich tadle diese nicht, dass sie den ihrigen durchführten, nur finde ich es etwas lächerlich, dass wir unaufhörlich auf morschem, verfallenem Grunde fortbauen, ohne zu fragen, was wir wollen und können? Hat Graf Alvarez, dessen früher Tod unserm Gespräche neues Leben gab, so durchaus in der Glückseligkeit seiner Schwester gelebt, dass sie ihm das Höchste war, und er die Treulosigkeit ihres Geliebten für eine Beschränkung seines höchsten heiligsten Willens ansah, so that er recht, mit einem verfehlten Leben auch den frechen Störer desselben zu vernichten. Hat ihn aber das blos Formelle der Ehre, der verblichne Schein jener alten Ehrfurcht für die Reinheit und Unverletzbarkeit des Familien-Namens hingerissen, so opferte er einem kränklichen Wahne ein sehr lebendiges Streben auf. – Kränklicher Wahn! rief der kecke junge Streiter, was Sie so nennen, ist im Grunde ganz Eins mit dem, was Sie selbst zuvor als Idee der Ehre aufstellten. Die freie Selbstständigkeit des Mannes ist von der Unbeflecktheit seines Namens unzertrennlich. – Andre Zeiten andre Sitten, erwiederte der Offizier. – Die unsrigen, fiel jener ein, müssen doch von der für Sie verrufenen Zeit nicht so absolut losgerissen sein, weil sich in eines jeden Brust der heiligste Zorn regt, so bald sein Vaterland, sein Staat angegriffen wird, um wie viel mehr denn der Name, den er trägt. – Eine Ausnahme, sagte der Offizier lachend, wirft Ihre ganze Regel über den Haufen. Ich gebe Ihnen meinen Namen für eine Hand voll tauber Nüsse hin, mich selbst aber verkaufe ich theuer, das versichre ich Ihnen. – Es beruhet nur darauf, hub der langsame Denker nach einem kurzen Schweigen wieder an, den Wendepunkt zu finden, in welchem die individuelle wie die allgemeine Ehre Eins wären. Hier fiel Ursprung und Zweck der That zusammen, und es könnte nicht mehr von einer augenblicklichen Erzeugung des Willens, sondern einzig von einem innern bleibenden Moralgesetz die Rede sein, das, wie für alle Zeiten, auch für alle Individuen gelten müsste. – Was für Alle gilt, Herr Doktor, sagte der Offizier, schließt alles Charakteristische, alles, was einem Dinge Gestalt und Physiognomie giebt, aus, und so hätten wir unrecht, über einen einzelnen Fall zu streiten. – Das Einzelne, erwiederte der Doktor, ist auch überall nur wirklich etwas, in so fern es sich zur allgemeinen Idee erhebt. Von diesem Standpunkt müssen wir das Ganze betrachten, dann lernen wir die Geschichte des Menschen als unendliche Entwickelung eines Gedankens erkennen. – Dies zugegeben, sagte der Offizier, so müssen Sie mir eingestehen, dass keine Rückschritte zum Ziele führen, und dass jener Maßstab einer längst entwachsenen Zeit seltsame Carikaturen erzeugt. Warum Autoritäten aufrufen, die alles produktive Vermögen ersticken! Trägheit ist es, die den Menschen auf dem früher geebneten Wege fortzieht, und ihm weis macht, es passe kein andrer für ihn.
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Rodrich hatte bis dahin schwankend zwischen den verschiednen Meinungen da gesessen. Jetzt erregte der Offizier seine ungetheilte Aufmerksamkeit. Die letzten Worte trafen sein Inneres. So hatte er immer gefühlt, etwas Großes und Neues sollte geschehen, was gigantisch über den Trümmern der Vorzeit hinschreitend, eine nie gesehene Herrlichkeit offenbarte. Er betrachtete noch das seltsame Gesicht, auf welchem die hellsten Blitze des Verstandes mit der hingebendsten, trägsten Ruhe wechselten, und über dessen scharfe Züge sich wiederum eine Milde ergoß, die es unendlich anziehend machte, als der junge Mann, der von den Anwesenden Ritter genannt wurde, aufs neue mit verhaltnem Unmuth begann: Wenn ich nur nicht hören müsste, wie man die alten ehrenwerthen Formen antastet, ohne zu erwägen, dass unsre ganze äußere Existenz ein stillschweigendes Anerkennen derselben ist, indem wir durch Sprache, Religion, Gesetze, und gesellige Verhältnisse hinlänglich darthun, dass sie uns wirklich ungetheilt angehören. – Wenn Sie mich darauf zurückführen, erwiederte der Offizier, dass der jetzige Zeitmoment in allen vorhergehenden bedingt ist, so vergessen Sie auch nicht, das Charakteristische der Gegenwart zu betrachten. – Das ist ohnmächtiges Wollen, fiel jener ein, kränkliches Zucken entschwindender Kraft. Seit der Blick verloren ging, mit dem wir einst das Alte betrachteten, und der Muth, es würdig zu behaupten, überreden wir uns, etwas Neues, Unerhörtes erzeugen zu müssen. Kein Mensch weiß aber eigentlich was? Es ist erstaunlich bequem, so ins Blaue hinein zu produciren, und das unbekannte Ziel immer nur ahnen zu lassen, während man bei aller produktiven Kraft einschläft – bis uns das Alte über dem Kopf zusammenstürzt, unterbrach ihn der Offizier, da haben Sie ganz recht. Aber das liegt nicht daran, dass wir es nicht wieder herstellen; denn das wäre am Ende doch nur Flickwerk, und zerbröckelte wohl leicht in einer kräftigen Hand, die es derb anfaßte, eher indeß, weil es an Kraft und Genialität fehlte, aus dem Alten etwas Frisches und Lebendiges hervorgehen zu lassen. Doch sein Sie ganz ruhig, es geschieht dennoch vieles, was wir übersehen. Was in der Vergangenheit wie aus einem Guß geformt da steht, ist in der Gegenwart ein langsames Werden. Der Wein gährt still im verschloßnen Dunkel, ehe der Geist sich frei macht und die Gemüter entzündet. Er hob bei diesen Worten ein schäumendes Champagnerglas in die Höhe und rief mit freudigen Blicken: gute Zeiten und lebendiger Muth! Alle stießen an, und der Ritter sagte bewegt: wir verstehen einander dennoch. Solche, die das Schwerdt und die höhere Vaterlandsliebe verbindet, sollten eigentlich nie über Ehre streiten. Sie sind in der Hauptsache gewiss einig. – Dies fiel wie ein Blitz in Rodrichs Seele, das war der ungekannte Magnet, der ihn in die Welt zog. Darum hatte er im Kloster nur Augen und Sinn für den Erzengel Michael; darum saß er Stunden lang vor dem Bilde und zeichnete mit unsichrer Hand die kräftigen Züge, bis es ihm gelang und Alle über die Geschicklichkeit des Knaben staunten. Jetzt war es, als träte er vor ihn hin, gewapnet, mit fliegendem Haar und eingelegter Lanze, das breite Schwerdt an der Hüfte, wie die alten Götter über die Erde hinschreitend. Seiner nicht mehr mächtig, rief er: Alle gute Geister verbinde das Schwerdt! – Bravo! sagte der Offizier, und flog auf ihn zu. In Ihren Augen glüht etwas, das mit früher verkündete, wie Sie Pinsel und Palette wohl am längsten würden geführt haben. Kommen Sie nur, der Wein erschließt die Herzen, und der Mann darf dem Manne ein freies Wort sagen.
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Sie waren bei diesen Worten in ein abgelegnes Zimmer getreten. Der Ritter hatte sich zu ihnen gesellt, und alle drei setzten sich in eine kleine Nische. Den perlenden Wein zwischen hellen Kerzen vor sich auf einem Tischchen, hub der Ritter an: Solche Momente sind die heiligsten, wo der innere Lebensblitz, plötzlich angefacht, einen flüchtigen Schein auf die dunkle Zukunft wirft, und ein prophetischer Laut uns die ganze Welt offenbart! – Sie wissen, erwiederte der Offizier, ich halte in der Regel wenig von jenen mystischen Anklängen und Offenbarungen. Dass uns das Regen einer lichthellen Vernunft so oft nur dunkle Ahnung bleibt, liegt darin, dass der Mensch überall wenig auf sein Inneres achtet, die verworrenen Strebungen selten scharf und bestimmt auffaßt und mit Besonnenheit vor sich hinstellt. – Ach, sagte Rodrich, der beleuchtende Verstand tritt das Lebendigste im Menschen nieder. Ich habe das wohl in der Kunst erfahren, und weiß, wie das Gelungenste aus dem augenblicklichen Zusammenfallen von Gedanken und That entsteht. Auch im Leben will sich mir das so bewähren. Jene, fast bewusstlos herausgestoßenen, Worte, haben mir zwei Freunde gewonnen, zu denen ich endlich einmal aus voller Seele reden darf. – Wenn Ihr Gefühl Sie nie auf schlimmere Wege führt, sagte der Offizier, so folgen Sie ihm nur getrost. – Ja wohl, setzte der Ritter hinzu. Es ist nicht das Schlechteste im Menschen, dass er sich so ohne weitere Beglaubigung rücksichtslos hingeben und das überfließende Herz eröffnen kann. – So nehmen Sie mich denn hin, sagte Rodrich in höchster Bewegung, ich gehöre ja ohnehin Niemand an! Er hielt einen Augenblick ein, und kämpfte, ob er seine dunkle Abkunft hier berühren und sich selbst als ein Kind des Zufalls hinstellen sollte. Doch bald fuhr er fort: Es wehet etwas Geheimnißvolles durch mein ganzes Leben, das mich oft selbst mit Bangigkeit erfüllte, und schon da mit der Welt entzweite, als sie mir noch fremd war. Meine frühesten Erinnerungen führen mich in ein Kloster an die Seite eines Greises zurück, der mit der zärtlichsten Sorge über mich wachte. Ich kann nicht sagen, ob ich je andre Umgebungen gekannt; allein oft vor dem Einschlafen, und wenn Eusebio die Laute spielte, überfiel mich eine Sehnsucht, dass ich weinend nach einem hellen, bunten Hause verlangte, wo ich mit schönen Kindern spielen könne. Einst war ich mehrere Tage hindurch nicht zu beruhigen, weil mir im Traum eine Frau, in weiße Tücher gehüllt, auf einem Ruhebette liegend, erschienen war, nach der ich vergebens die Arme ausgebreitet und sie zu erfassen gestrebt hatte. Eusebio weinte mit mir, und schien mich mehr durch Liebkosungen als durch Bestreitung meiner Wünsche zu beruhigen. Nach und mach ward ich indeß stiller. In der steten Einförmigkeit schwieg indeß jedes unruhige Verlangen. Meine bescheidnen Wünsche drängten sich nicht über die kleine Zelle hinaus, in deren Innerem alle dürftigen Freuden meines Lebens blüheten. Denn selbst der fruchtreiche Klostergarten ward mir durch die Aengstlichkeit, mit welcher ich in die Steigen gebannt war, zuwider. So verlebte ich meine Tage unter Gesang und Gebet, lernte Heiligenbilder zeichnen und fromme Thiere in Holz schnizzen. Die erlöschende Kraft, die nur in der Liebe zu Eusebio und beim Anblick des Erzengels Michael, der recht groß und hehr über dem Altar in unserer Kirche hing, aufblitzte, gab dem Prior die besten Hoffnungen für die Zukunft. Auch hatte Eusebio strenge Befehle, jede weltliche Anregung gewissenhaft zu vermeiden. Ich erfuhr das in einem Augenblick, der mir jetzt noch wehmüthige Erinnerungen giebt. Er hatte mir einst ein Pferd in Holz geschnitten, und, ich weiß nicht, war es Instinkt, oder hatte ich sonst schon etwas ähnliches gesehen, genug, ich besaß einen zierlichen heiligen Georg, den ich auf das Pferd befestigte und mit lautem Freudengeschrei auf und nieder hüpfen ließ. Eusebio blickte lächelnd auf mich hin, während ein finsterer Mönch hereintrat, mir mein liebes kleines Spiel entriss und es unter Flüchen und Verwünschungen gegen die gottlose Entweihung eines Heiligen in die Flammen warf. Eusebio bekam einen harten Verweis und wir trauerten beide über die gestörte Lust.
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So mochten wohl zehn Jahre verflossen sein, als ich einst in der Nacht von einem leisen Geräusch erwachte. Ich blickte um mich, und sah beim schwachen Schein einer Lampe, wie Eusebio sorgsam ein Kästchen unter seinem Lager hervorzog, es eröffnete, und einen reichgestickten Mantel mit goldenem Ordenskreutz daraus hervorzog. Er breitete ihn vor sich hin, blieb gedankenvoll stehen, und küsste dann ehrerbietig den Saum des Gewandes. Ich hatte mich während dem genahet, und rief voll Entzücken: Vater, was hast du da für herrliche Sachen! Der Alte ließ erschrocken die Arme sinken und sagte mit wehmüthigem Tone: Kind, das sollte Dir ewig ein Geheimnis bleiben! Musst Du so voreilig in das bunte Gewebe deines Schicksals eingreifen! Begierig nahm ich indeß den Mantel von der Erde, hüllte mich hinein, und trat so in höchster Lust vor Eusebio hin, der von dem Anblick überwältigt, mich in seine Arme schloss, und weinend ausrief: Ist mir doch, als sehe ich deinen unglücklichen Vater, als er das letzte mal vor der Welt und seinem König erschien. Ihn deckt die kalte Erde, während Du mit den Trümmern seiner Herrlichkeit spielst. War es doch immer mein Wunsch, Dich so geschmückt zu sehen! und, fuhr er fort, indem er mir die Hand auf die Stirn legte, ich ahnde es, diese Flammen werden ihrer weltklugen Weisheit spotten, was vermag der allmächtige Geist des Menschen nicht! Er sank bei diesen Worten erschöpft auf sein Lager. Ich kniete neben ihn, und um ihn zu erheitern, wie ich es sonst wohl that, nahm ich die Laute, die vor ihm auf einem Tischchen lag, und griff leise in die Saiten. Von dem Klange wie begeistert richtete er sich in die Höhe, nahm mir das Instrument aus der Hand, spielte und sang folgendes Lied, das mir wie mit Flammenzügen eingegraben blieb.
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Vergebens hab ich hier gerungen,
Vorlage S. 35
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Vergebens war der eitle Wahn,
Vorlage S. 35
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Es könne Leib und Geist durchdrungen
Vorlage S. 35
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Auf Erden gleiche Lust empfah'n.
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Ich fühlte Herz von Herz sich reißen,
Vorlage S. 35
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Und Angst und Schmerz in wunder Brust
Vorlage S. 35
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Wollt' ich dem Tod zu leben heißen,
Vorlage S. 35
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Und kämpft' und rang in trüber Lust.
Vorlage S. 35
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Ich seh' dich, farb'ge Pracht, erblassen,
Vorlage S. 35
57
Es naht sich bleich und kalt der Tod.
Vorlage S. 35
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Ach süßes Kind, dich muss ich lassen,
Vorlage S. 35
59
Mich ruft ein göttlich ernst Gebot.
Vorlage S. 35
60
So rauscht denn einmal noch ihr Saiten,
Vorlage S. 35
61
Ihr dringt aus einer frischen Welt;
Vorlage S. 35
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Der leise Hauch soll euch begleiten,
Vorlage S. 35
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Der mich noch hier gefangen hält.
Vorlage S. 35
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Die letzten Worte zerrannen fast auf seinen Lippen, und flossen so mit dem Klange zusammen, der immer leiser verhallte, bis die Laute den starren Händen entsank.
Vorlage S. 35
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Auf mein Angstgeschrei eilten die erschrockenen Mönche herzu. Es währte lange, ehe sie mir begreiflich machen konnten, dass Eusebio todt und für mich verloren sei. Von dem Augenblick ward ich so kalt und verschlossen, wie die geliebte Leiche, die man mit Gewalt aus meinen Armen riss. Jener furchtbare Wechsel von Lust und Schmerz schien alle Lebenskraft in mir aufgezehrt zu haben. Der natürliche Trotz in meinem Gemüt lehnte sich gegen die ganze mir bekannte Welt auf, ich haßte alles, was sich mir nahete, da ich unter den erloschenen abgezehrten Gesichtern nicht eins fand, das meinem Eusebio glich, und Niemand als er mich je geliebt hatte. Jede andre Erinnerung ward in das Grab meiner höchsten Freude versenkt, und erst sehr lange nachher unter freudigern Umgebungen gedachte ich des Mantels und jener bedeutenden Worte, die mich zuerst über die Klostermauern hinaushoben.
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Als ich von Eusebio's Begräbnis zurückkam, ward ich in eine fremde Zelle unter die Aufsicht eines jungen Mönches gebracht, der in eigenen Schmerz versenkt, wenig auf mich achtete. Ich fühle noch heute die entsetzliche Angst, die mich in dem Augenblick überfiel, da man mich vor meinem alten, geliebten Zimmer vorbei in dies neue führte. Mit innerer Wuth schloss ich die Augen, um nichts zu sehen, was mich so kalt und fremd abstieß. Auch lernte ich nie meinen neuen Aufseher lieben, vor dessen achtlosen Blicken ich dennoch tun konnte was ich wollte. Überall bekümmerte sich Niemand sonderlich um mich, man schien hinreichende Sicherheit in meinem dumpfen trägen Sinn gefunden zu haben. So kam es denn, dass man mich, als einst Feuer im Kloster ausbrach, mit anderem Geräth in den Garten schleppte, und dort allein ließ. Ich war weder erschrocken noch erfreut. Nur fuhr es einmal wie ein Blitz in mir auf: wenn die Flammen das hässliche Gebäude verzehrten, so müsse man mich wohl frei lassen, und ich könne dann hingehen, wohin ich wolle. Doch war das auch kein bleibender Wunsch, ich kannte ja nichts, wonach ich mich hätte sehnen können. So ging ich gleichgültig auf und ab, bis ich eine kleine Pforte, die nach einem See hinaus führte, und durch welche man wohl in der allgemeinen Noth Wasser herbeigeschafft hatte, offen fand. Ich trat hinaus, ohne etwas Bestimmtes zu wollen, und ging Anfangs den schmalen Fußsteig, der den See hinauf führte, ganz langsam fort. Doch je weiter ich ging, desto freier hob sich meine Brust. Das Wasser rauschte und quoll so lebendig neben mir hin, ich athmete zum erstenmal frisches Leben, und der Gedanke zu entfliehen ward mir nun erst deutlich. Die erwachte Kraft beflügelte meine Schritte. Ich hatte bald die hohe Mauer im Rücken, und kam auf eine Wiese, die sich wie ein bunter Teppich neben dem klaren Wasserspiegel ausbreitete. Jenseit sahe ich hohe Bäume, alles keimte und blühete nach einem kurzen Winterschlaf. Es ist unbeschreiblich, wie mich das erste Wehen des Frühlings in der reinen freien Natur ergriff. Wie berauscht brach ich Wasserlilien und lange zitternde Grashalme, und sie in der Luft schwenkend, lief ich unter Jauchzen und Schreien den bunten Vögeln nach, die sich auf den Blumenkelchen wiegten, und mich durch Feld und Wald nach sich zogen. Alle Lieder, die ich kannte, alle Gebete, die ich je von Eusebio hörte, alles rief ich den Lüften, den Bäumen, den Blumen entgegen. Ich wünschte, ich wollte nichts, als ewig so leben.
Vorlage S. 37
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Mehrere Stunden mochte mich mein Entzücken so fortgetrieben haben, und ich weiß nicht, welchen Raum ich durchlief, als ich endlich bemerkte, dass mein Weg mich an einem steilen Gebirge hinaufführte. Ich ging dennoch lustig weiter, und ergötzte mich an den farbigen Steinchen und hellen Krystallen, die auf den hervorragenden Spitzen glänzten. So erreichte ich den Gipfel des Berges, der mir alle Pracht einer lange verschloßnen Welt aufdeckte. In einem weiten unermesslichen Thal sah ich Wälder, Triften, hohe Thürme, Häuser. Alles leuchtete und wogte im hellen Abendglanz. Die untergehende Sonne vergoldete die rothen Dächer, am Himmel glüheten Purpurwolken, um und über mir war ein Flimmern und Glänzen. Da gedachte ich Eusebio's, und sank betend nieder. Ich hatte keine Worte, aber in einen Laut hätte ich alle Seligkeit der klopfenden Brust aushauchen mögen. Nie ist mir wieder so zu Sinne gewesen!
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Nach einer Weile, als die trunknen Blicke sich wieder auf einzelne Gegenstände richteten, bemerkte ich am jenseitigen Abhange des Berges kleine zerstreut liegende Hütten. Ich lenkte meine Schritte dorthin, und stand bald vor einer derselben, aus deren Innerm die anmuthigsten Flötentöne erschollen. Ich trat in die geöffnete Thür und begrüßte eine schöne junge Frau, die mich erstaunt ansah, und nicht zu wissen schien, was sie aus mir machen solle. Die gute Sara hat mir nachdem oft gesagt: wie mein Anblick sie erschreckt, und sie mich für ein gespenstisch unnatürliches Wesen gehalten habe. Ich hatte nehmlich gleich Anfangs, um schneller laufen zu können, meine Kleider abgeworfen, und trat nun so halb nackt, mit langen Blüthenzweigen um Haupt und Arme, vor die verwunderte Frau, die in meinen seltsam glühenden Augen ein überirdisches Feuer zu sehen meinte. Ganz scheu fragte sie mich, woher ich käm? Die Frage erschreckte mich, ich hatte das Kloster bis dahin ganz vergessen, jetzt fürchtete ich mehr als jemals dahin zurückgebracht zu werden. In der Angst sagte ich halb Wahrheit, halb Lüge: wie mich die Flammen weit jenseit des Berges vertrieben, und ich schon längst als ein hülfloses Kind, unter Fremden lebend, hier einen Zufluchtsort suchen wolle. Die Frau sah mich noch immer misstrauisch an, und hieß mich in der Laube vor der Hütte ruhen, während sie gutmüthig einige Erfrischungen herbei holte. Indem kam ein lieblicher Knabe, mit der Flöte in der Hand, zu mir heraus. Wie ich ihn erblickte, fiel ich ihm, außer mir vor Entzücken, in die Arme, und rief unter lautem Schluchzen: ein Kind, ein süßes Kind, so lieb und schön, wie der heilige Johannes zu der Mutter Gottes Füßen. Sara, die sich während dem genahet hatte, sagte mit erheitertem Gesicht: siehst Du, Florio, sagte ich Dir's nicht immer, dass Du dem Heiligen auf ein Haar gleichest, jetzt bekräftigt's der Knabe dort auch. Sie strich ihm die blonden Locken von der Stirn und küsste ihn mit innerm Wohlbehagen. Mir ward bei dem Anblick unbeschreiblich wehmüthig, ich ergriff ihre Hand und blickte flehend zu ihr auf. Armer Junge, sagte sie gerührt, willst gern bei uns bleiben? Nun, es trifft just dass wir einen Treiber bei der Heerde brauchen; warte nur bis der Vater zurück kommt, er wird dich wohl behalten, wenn du fein ordentlich bist.
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Der Vater kam und gestattete mein Dortbleiben. Ich lernte mich bald in alles fügen, und trieb die Schäfchen sorgsam im Thale. Florio begleitete mich überall. Wir saugen und spielten. Ich schien mir selbst oft wie neu geboren, so verdrängte die lustige Gegenwart jede Erinnerung des Vergangenen, und wenn ich zuweilen des Klosters gedachte, so schloss dennoch die innere Angst meine Lippen, dass ich nie mein voriges Leben verrieth.
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Des Abends, wenn wir zurückkehrten und die Mutter am hellen Kamin trafen, erzählte sie uns wohl manche seltsame Geschichte. Am liebsten sprach sie von einer wunderschönen Dame, die im Thale in einem großen glänzenden Hause gewohnt habe, und von den Hirten wie eine Heilige verehrt worden sei. Wie ein Engelsbild wäre sie oft plötzlich dem Hülfsbedürftigen erschienen, und hätte jedem Trost und reiche Gaben gespendet. Zu ihr durfte indeß Niemand, und man glaubte, der Garten, dessen Gitter stets verschlossen blieb, sei bezaubert. Doch sei sie wie allgegenwärtig im Thale gewesen, und Niemand habe je vergebens ihren Beistand gewünscht. Nach und nach wäre sie indeß selbst wie ein Schatten vergangen, und endlich mit ihrem Gemahle, von dem man wunderliche Dinge erzählte, verschwunden. Zwar wollten die Hirten diesen noch lange nachher, des Nachts, die Harfe im Arme, wie einen Geist zwischen den Bergen herumstreifend gesehen haben, und, setzte sie leiser hinzu, oft ist mir auch im Schlafe, als höre ich die Harfentöne von fern herüber schallen. Das große Haus, sagte sie dann klagend, steht nun verödet und leer. Einst hat man viel Fahrens und Reitens dort in der Nacht vernommen, nachdem ward aber alles still, und Niemand geht hinein.
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Ich hatte ein großes Verlangen nach dem Hause und lag der Mutter beständig an, mir den Weg dahin zu zeigen; allein sie kannte ihn selbst nicht, und der alte Martin, der bei diesen Erzählungen immer nachdenkend vor sich hin sah, verwies mir meine Neugier sehr ernst. Wir blieben dann Alle einige Augenblicke still und betrübt, bis Florio ein Lied von einer lustigen Schifffahrt anstimmte, das die Herzen mit einem eignen Zauber belebte.
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Ich trug indeß das Bild der schönen Dame immer mit mir herum, und hoffte um so eher, sie solle mir einmal erscheinen, da Florio behauptete: sie komme oft im Traume zu ihm, und bringe ihm dann eine goldne Harfe und so wundervolle Blumen, wie er nie wachend gesehen habe.
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Voll von diesen Vorstellungen hatte ich mich einst im Gebirge verspätet und trieb meine Heerde ängstlich die Klippen hinunter, als ich ein Klingen aus dem Innern des Berges vernahm. Der Laut drang recht sehnsüchtig zu mir herauf; allein was ich zuvor ungeduldig wünschte, erfüllte mich jetzt mit Bangigkeit. Mir grauete vor dem eignen Schatten, und die abgestorbnen hohlen Bäume schienen mir, wie gewaltige Riesen, lange dürre Arme entgegen zu breiten. So stürzte ich athemlos in die Hütte, und erzählte: dass der Berggeist mich gerufen, und wie ein Nebel über mich hingegangen sei, als ich einen stattlichen Fremden am Kamin erblickte, der mir neugierig zuhörte, und Martin nach der Bewandniß jener Erscheinungen fragte. Weiber- und Kindergeschwätz, sagte dieser gleichgültig, was wird's sonst sein! Er zog Florio an sich, und fragte halb lachend, halb besorgt: hast du nicht auch was gesehen? Doch ohne seine Antwort abzuwarten, wandte er sich von ihm, und ging geschäftig in der Hütte umher. Der Fremde blickte gedankenvoll in die Flamme, während ich mit Kohle allerlei Gestalten an die Wand zeichnete und eben einen stattlichen Ritter vollendet hatte, als das Feuer einen so seltsamen Schein auf das Bild warf, dass des Ritters fliegender Mantel von lauter Gold zu sein schien. Ich gedachte jener Nacht, und rief plötzlich: da steht er leibhaftig vor mir! Sara dachte an den Berggeist und verhüllte schreiend das Gesicht; allein Martin rief mit fester Stimme: wer? Mein Vater, sagte ich ganz betäubt. Er trat hinzu, betrachtete mich einige Augenblicke, und sagte dann, sich still abwendend: heiliger Gott, was ist es mit dem Kinde!
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Der Fremde, der dies wohl alles überhört oder anders ausgelegt hatte, war ganz im Anschauen der Zeichnungen verloren, und wollte durchaus nicht glauben, dass Niemand dies Talent in mir geweckt und ausgebildet habe. Er ließ sich bald in ein Gespräch mit mir ein, und ich erfuhr, dass er ein Mahler und auf einer weiten Reise nach seiner Heimat begriffen sei, hier im Gebirge sein Fahrzeug zerbrochen habe und für diese Nacht ein Obdach in unserer Hütte suche.
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Ich war damals, nach Sara's Schätzung, ohngefähr funfzehn Jahre alt, voll der lebendigsten Sehnsucht nach der weiten, regsamen Welt; und wenn ich die Erscheinung jener wundervollen Frau mit jedem Tage inniger wünschte, so geschah es nur durch ihre Macht dahin zu gelangen. Ich ergriff daher des Mahlers Anerbieten, ihn nach seiner Vaterstadt zu begleiten, und dort unter seiner Leitung ein angesehener Künstler zu werden, mit der lebhaftesten Freude. Meine Pflegeeltern gaben ihre Einwilligung, und Sara, in der sich wohl die alten Zweifel wieder regen mochten, sah mich gern von ihrem Herde weichen. Nur Florio hing weinend an meinem Halse, und bat und flehete, ich möchte nur noch einige Jahre warten, bis er groß genug sei, mir überall folgen zu können. Ich habe lange das süße Stimmchen und das liebe bittende Auge nicht vergessen können! Ach, und niemals wird die Seligkeit jener Frühlingstage wiederkehren, die wir mit einander verlebten! Sein frommer Sinn strömte so mild über mich hin, wie der stille Abendglanz über die wilden Gluthen des Tages! Wohl hattest du recht, mein Florio, wir durften nicht getrennt leben; du bist der feste Stern, der meine unruhige Fahrt lenken sollte! –
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Rodrich schwieg hier einige Augenblicke. Der Ritter fasste gerührt seine Hand, indem er sagte: wie liebe ich Sie dieser wehmüthigen zärtlichen Aufwallung wegen! Vielleicht haben Sie in der ganzen Zeit Florio's Andenken nicht so lebendig gefühlt, als eben jetzt, da Ihnen sein Verlust unersetzlich erscheint. Das ist das Eigenthümliche jener früheren kindlichen Verbindungen, dass sie mit tausend andern Erinnerungen verschwinden, und dann plötzlich, ungeahnet, in dem frischen Glanz der Jugend vor uns hintreten, und das erschöpfte Herz mit trüber Sehnsucht erfüllen. Doch dahin sind Sie noch nicht. Der Himmelsfunke in ihrer Brust wird Florio's Bild noch lange beleben, und Sie werden ihn unter wechselnden Erscheinungen aufsuchen und finden. – Finden? wiederholte der Offizier, man findet in der Regel nie, was man sucht. Darum rathe ich Ihnen, nicht zu ängstlich an einem Wunsche zu hangen. Der Mensch büßt nicht selten seine Freiheit darüber ein, indem der klare Blick verloren geht, mit dem man die Welt um sich her betrachten soll. – Wen nicht irgend ein lebendiger Wunsch durch's Leben begleitet, fiel der Ritter schnell ein, ihn drängt, fortreißt, bis er das hohe Ziel errungen hat, dessen Kraft wird sich in tausend zwecklosen Anstrengungen zersplittern, und er wird nichts vollbringen, weil er alles umfassen wollte. – Eine Idee soll den Menschen erleuchten, erwiederte der Offizier, ein Wunsch darf ihn nicht fortreißen. Oft glauben wir durch die Erfüllung des Ersteren die Letztere realisirt zu sehen; aber wer hintergeht sich nicht in Augenblicken, wo das Gefühl allein herrscht, und wer darf sagen, der menschlichen Tätigkeit sei ein Ziel gesteckt? Was sich absolut widersetzt, das lasse man fahren, und ergreife das Nächste mit neuer Kraft. Darin besteht eben die Consequenz der Allseitigkeit, dass man das Eine in Vielem reflektirt. Doch wir gerathen in unsern alten Streit, und gleichwohl, sagte er, sich zu Rodrich wendend, erwartet uns das Ende einer interessanten Geschichte. Was mir noch zu sagen übrig bleibt, erwiederte jener, lässt sich in wenig Worten zusammen fassen. Ich reiste viele Tage und Nächte mit meinem freundlichen Meister durch das fortgehende Gebirge, bis wir am Fuße desselben in einem kleinen Städtchen anlangten, das mir damals von großem Umfang, doch weniger glänzend, als ich mir überall eine Stadt dachte, erschien. Hier lebten wir in dem Hause einer sehr bejahrten Frau, der Mutter des Mahlers, die den letzten Sonnenblick des Lebens von der Liebe und dem Ruhme eines angebeteten Sohnes empfing. Fünf Jahre verflossen mir unter dem eifrigsten Bemühn – und einer Anstrengung, die durch die Liebe meines Lehrers und die Aussicht auf ein ruhmvolles Leben immer wach erhalten ward. Ich lernte alte Sprachen, und durch sie die Geschichte der Vorzeit kennen. Welch eine Welt sich mir nun eröffnete, wie mein Gemüt bewegt, wie die innere Gluth in mir angefacht wurde, das ist unmöglich zu beschreiben. Der Wunsch etwas Großes, ja Unerhörtes zu vollbringen, ließ mir nun keine Ruhe mehr, er trieb mich hieher, wo alle Plane, alle Erwartungen, alles vor einer ganz fremden Wirklichkeit verschwindet, und ich im Strudel widerstrebender Gefühle nur durch Sie Haltung und Sicherheit gewinne. – Vor allem müssen Sie die Welt in ihrer mannichfachen Gestaltung kennen lernen, sagte der Offizier. Was Sie bis jetzt davon sahen, war gerade hinreichend, Ihre Erwartungen auf eine Weise zu spannen, dass Ihnen Vieles schaal und nüchtern erscheinen wird, was dennoch eine innere Bedeutung hat, die Niemand übersehen darf. Die Kunst, die eigentlich nichts anders ist, als was das Leben überall sein sollte, Wiederschein einer innern erleuchteten Welt, Schöpfung eines freien, kräftigen Geistes, würde für Sie immer nur die eine Seite des Lebens ausmachen, und zwar die ideale. Sie müssten daher sehr bald in Widerstreit mit der wirklichen Welt gerathen, und in der quälenden Verwirrung sich selbst und ihr hohes Ziel verlieren. Wir finden nur zu oft den Künstler vom Menschen getrennt, ein Widerspruch, der sich, wenn die erste Frische des Gemüthes verloren ging, sicher auch in der Kunst selbst offenbart. Statt dass ein wahrhaft künstlerisches Gemüt sich entweder freiwillig beschränkend in der eignen abgeschloßnen Welt still fortwirkt, oder mit einem Götterblick die ganze Natur durchdringt, überall denselben Geist ein- und aushaucht, das Einzelne und Getrennte in dem Brennpunkt einer gotterfüllten Seele auffaßt, und wie die Kunst zum Leben, so das Leben zur Kunst erhebt. – Es ist sonst nicht Ihre Art, unterbrach ihn der Ritter, zu hohe Anfoderung an die Menschen zu machen, und das Vollendete als Norm Ihres Urtheils anzunehmen. Indeß, wenn ich auch im Ganzen Ihrer Meinung bin, so sind Sie doch sicher im Einzelnen hier unbillig, eine völlig durchgeführte Einheit als einzige Beglaubigung eines ächten Künstlergenies aufzustellen. Sie müssen mir zugeben, dass ein Blitz oft das vortreffliche erzeugte, und wenn sich mehrere solche Momente an einander reihen, sie einen schönen Kreis bilden, aus welchem jede Lücke verschwindet. –
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Wenn von dem Streben eines ganzen Lebens die Rede ist, erwiederte der Offizier, so kann das Ziel wohl nicht hoch genug stehen. Und wenn ich Ihnen auch eingestehe, dass oft das Vortreffliche aus einem gestörten Leben hervorging, so ist dieser Weg dennoch sicher nicht der wünschenswerthe, am wenigsten wird ihn jemand mit Besonnenheit wählen. Es ist dafür gesorgt, dass keiner dem andern etwas absolut nehmen oder geben könne, und wenn Sie wirklich einen regen Kunsttrieb in sich fühlen, so werden meine Worte ihn nicht erlöschen, allein Sie ahneten es bei weitem früher, wie Sie auf eine Sphäre der Tätigkeit angewiesen sind, die unmittelbar in die äußern Verhältnisse des Lebens eingreift, darum fassen Sie nur getrost das Schwerdt, und ziehen Sie nach allen Himmelsstrichen Radien, die ihr kühner Geist durchfliegen möge! Was Sie vergebens in der Künstler-und Gelehrtenwelt suchen, Gemeingeist, Verbrüderung, das finden Sie hier allein. Der Flachste unter uns ahnet ein inneres Band, das Alle zusammenhält, und Niemand wagt es zu zerreißen, ohne selbst unterzugehen. Er war bei diesen Worten aufgesprungen, und die Hand an den Degen gelegt, stand er mit flammenden Blicken wie ein Heros vor Rodrich, der im Begriff war, vor ihm niederzusinken, und sich ihm wie einem Gottgesandten hinzugeben, als er ruhig sei nen Platz wieder einnahm, und gelassen sagte: doch müssen Sie selbst sehen und urtheilen. Es ist nur gut, setzte er lächelnd hinzu, dass hier der Egoismus einen ganzen Stand umfasst, sonst könnten Ihnen meine Worte leicht verdächtig erscheinen. Was braucht es da viel langsamen Erwägens, fiel Rodrich ungeduldig ein, ich bin entschlossen, sagen Sie nur, wie es anzufangen sei, da mir jedes Mittel, wie überall jede äußere Bedingung fremd ist. Das wird sich alles ganz leicht fügen, erwiederte der Ritter, wenn Sie mir erlauben, meinen Oheim, bei dessen Regiment hier unser Freund Stephano dient, einigermaßen mit ihrer Geschichte bekannt zu machen, und Sie bei ihm einzuführen. Sie trauen mir zu, dass das Erstere auf eine Weise geschehen wird, die Sie vor jedem unbescheidenen Eindringen sichert, und dass ich überall den Mann als geprüft und erkannt ehre, dem ich Ihr Geheimnis übergebe. Ob ich gleich den Degen scheinbar zu einem anderen Zwecke trage, so gehöre ich dennoch zu dem edlen Stande, dem ich Sie mit recht brüderlichen Gesinnungen zuführe. Rodrich umarmte den liebenswürdigen Jüngling, und nahm dankbar einen Vorschlag an, der ihm so unerwartet die Kreise eines freien beweglichen Lebens eröffnete.
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Nach kurzen Verabredungen und dem Versprechen, den folgenden Mittag hier wieder zusammenzutreffen, trennten sich die neuen Freunde. Rodrich verweilte noch einige Augenblicke, während er die seltsamen Bilder seines Lebens überflog, als ihn der Wirth höflich erinnerte, einige Stunden dem Schlafe zu geben. Er blickte um sich, und sah wie die niedergebrannte Kerze dem hereinbrechenden Tage wich. Die geleerten Flaschen, der Wein in den halbgefüllten Gläsern, alle Gegenstände im Zimmer erschienen in dem Doppellichte so bleich und verstört, ihn selbst überfiel ein leichter Frost, der ihn unangenehm aus seinem Traume weckte. Mein Gott, sagte er verdrießlich, muss mich denn der junge Morgen so kalt, so widrig anfassen, da ihm doch so warme Herzen entgegenschlagen! Er ging verstimmt auf sein Zimmer, und eröffnete sein Gepäck, um Florio's Bild, dass ihm in einer Stunde wehmüthiger Erinnerungen wohl gelungen war, unter andern Zeichnungen hervorzusuchen, als ihm die wenigen Goldstücke entgegenleuchteten, die er als Früchte seines Fleißes mit hieher brachte. Er übersah den kleinen Reichthum, und fühlte schmerzlich, dass er nicht zureichen werde, die ersten nothwendigsten Bedürfnisse seiner neuen Lage zu befriedigen. Daran hatte er bis jetzt nicht einen Augenblick gedacht, und nun zog es ihn plötzlich wie mit tausend Armen in die Dunkelheit zurück. Sollte er wie ein Bettler vor seinen Freunden erscheinen, oder alle freudige Erwartungen hingebend aus dem eröffneten Paradiese fliehen? – Er saß, die starren Blicke auf das Geld gerichtet, da, und ließ es nachläßig durch die Finger gleiten, als müsse es sich unter seinen Händen vermehren. Plötzlich rief er aus: die Schlacken gehören der niedern Erde an, dein Feuer leuchtendes Metall erhebt mich zum Himmel! ich will nicht betteln, ich will fordern, was ich einst mit Wucher zurück zugeben denke. Er beschloss, sich Stephano ohne Rückhalt zu entdecken und warf sich getröstet und von neuen Hoffnungen belebt auf sein Lager. Die innere Bewegung ließ ihn indeß hier keine Ruhe finden. Zukunft und Vergangenheit verwirrte sich in seltsamen Erscheinungen, die ihn halb wachend halb schlafend peinlich fortrissen. Zuweilen glaubte er wieder als Hirtenknabe unter einem großen schattigen Baume zu ruhen, und mit einem langen Stabe die kleine Heerde zu überzählen, dann waren es wieder die Goldstücke, die er zählte, und in kleine Säulen vor sich hinstellte, während der Berggeist zwischen den Klippen vorüberging; Florio wollte ihn zu ihm führen, und wie sie gingen, öffnete sich der Berg zu einem langen, dunkeln Gange. Rodrich hatte das Gold noch immer in Händen, und zählte sehr ängstlich, doch unversehens fiel ein Stück auf den Boden, und in demselben Augenblick ergoß sich ein heller Glanz an den Wänden. Er warf nun alles Gold von sich, und die Hallen wurden immer weiter und strahlender, bis er in einen reich verzierten Saal trat, in dessen Mitte ihm Eusebio den glänzenden Mantel umhing, während der Ritter und Stephano ein goldenes Schwerdt zu seinen Füßen legten. Er wollte sie umarmen, da fühlte er sich ängstlich gehalten, und als er um sich sah, lag er mit Florio in einem engen Sarge; der Mantel bedeckte beide, das Schwerdt war ein friedlicher Hirtenstab geworden, von welchem eine schöne bleiche Frau mit heißen Thränen einen Blutstropfen abzuwaschen bemühet war. Rodrich strebte vergebens sich frei zu machen. Florio's kalte Wange lag an seinem Herzen, und er konnte sich mit aller Gewalt nicht von ihm losreißen. In der entsetzlichsten Anstrengung fuhr er aus dem krankhaften Schlafe empor, und erkannte Stephano, der sich theilnehmend über ihn hinbeugte, und seine Hand auf die fliegende Brust legte, um ihn zu erwecken. Ums Himmels willen ermuntern Sie sich, rief er besorgt, solch ein Schlaf ist verzehrend, streifen Sie nur schnell die schweren Wolken ab, es ist schon hoch am Tage, Ihrer erwartet heut noch mancherlei, wozu Sie Besonnenheit und Klarheit bedürfen, ihre Angelegenheiten sind eingeleitet, und alles wird gut gehen. Ins Grab, sagte Rodrich ganz verstört, dahin also – – Mein Gott, was haben Sie denn, rief Stephano ungeduldig! Kann ein Traum Sie so erschüttern? wie werden des Lebens Wogen Sie dann hin und herwerfen. Des Lebens Wogen? wiederholte Rodrich, ach ich lebte ja auch, wer kann hier eine Gränzlinie zwischen Traum und Wahrheit ziehen! Nun, nun, sagte Stephano lächelnd, kommen Sie nur, ein Sonnenblick, denk ich, soll die freudige Wirklichkeit aufdecken, und die matten Sinne aufs neue erfrischen. Junger Freund, fuhr er ernsthaft fort, als Rodrich noch immer im stummen Nachdenken verharrte, hüten Sie sich vor jener schlaffen Beweglichkeit, die dem Manne alle Kraft zu ernstern Kämpfen raubt. Es giebt weiche, kindliche Gemüter, die in Freud und Schmerz gleich hingebend sich selbst verlieren. Die Natur formt nicht Alle auf gleiche Weise. Aber der Mensch kann viel gegen die Schwäche eigener Natur; und wer sich nach der ersten Erschütterung nicht wiederzufinden, nicht in der eigenen Freiheit wieder herzustellen vermag, für den werde ich nie sonderliche Achtung hegen. Er reichte ihm hierbei die Hand, um die Strenge seiner Worte zu mildern, Rodrich ging beschämt neben ihm her, bis sie ins Freie kamen, und die Schönheit und Regelmäßigkeit der Gebäude, die am vorigen Abend in dem gemeinsamen Eindruck des Ganzen für ihn verloren ging, jetzt seine Aufmerksamkeit erregte. Sie sprachen viel über alte Architektur. Rodrich stimmte für die Klarheit und in sich bedingte Größe griechischer Formen. Hier ist überall Harmonie, fuhr er fort, weil der Zweck nicht außerhalb zu suchen ist. Dem Griechen erschließt sich der Himmel unmittelbar in der Anschauung, für ihn ist alles an sich ganz und ungetheilt da. Bei den Römern war das schon anders. Die Kunst ward ihm Mittel, er wollte das Ungeheure und stellte sich selbst auf die Spitze. – Wie gut Sie die Römernaturen verstehen! sagte Stephano lächelnd, fast glaube ich, Sie haben ihr eignes Bild in dem Römischen Künstler aufgestellt. Gewiss ist es, dass Corinthus Blüthen sehr bald in den Riesenmassen versteinten, doch auch so sind sie schön in ihrer Eigenthümlichkeit. – Nur dass sie sich in dieser Hinsicht mehr der Gothischen als der Griechischen Kunst nähern, erwiederte Rodrich. Legen Sie doch nicht den Maaßstab des Einen an, um das Andere zu würdigen, entgegnete jener. Durch solche Vergleiche verrückt man nur zu oft den Standpunkt, von dem jedes Einzelne betrachtet sein will. In ihrer Erscheinung sind alle drei höchst ehrenwerth, weil sie einen bestimmten Charakter aussprechen, wodurch sie sich allein schon von den heutigen Kunstwerken unterscheiden, die uns nicht selten zeigen, wie man drei in einem vereinigt. Glücklich genug, wenn wir ein gothisches Häuschen neben einem griechischen Tempel eng und zierlich nach dem Gesichtskreis des Beschauers zugeschnitten erblicken, oft ist es noch schlimmer, modische Pracht und antike Verzierung schmücken eine neu erbaute Rinne, und so umgekehrt. Doch auch dies ist nicht charakterlos, es spricht die allgemeine Verwirrung des Zeitmoments aus, und wer will behaupten, dass nicht das Herrlichste daraus hervorgehen könne. Sie standen bei diesen Worten vor demselben Gitter, das Rodrich gestern offen fand. Er fragte begierig nach dem Besitzer des Gartens, und erfuhr, dass er zu dem Schlosse der Prinzessin Therese, Schwester des Herzogs gehöre, die seit dem Tode ihres Gemahls den kalten Norden verlassend, mit ihren beiden Töchtern zu dem kinderlosen Bruder zurückgekehret sei, und neues Leben über das verwaisete Land verbreite. Stephano sprach noch viel von der hohen Natur dieser Frau, die aus einem freudeleeren Bund eine seltene Heiterkeit gerettet habe, und sie auch den verschlossensten Gemüthern mittheile. Rodrich fühlte bald den Einfluss jenes stillen Geistes, der überall in den freudigen Umgebungen athmete. Die beruhigten Sinne verweilten gern auf den hellen Wasserspiegeln, dem frischen Rasen, der reichen Fülle der schattigen Bäume. Alles stand so anspruchslos da, dass der dumpfe Mensch leicht daran vorübergehen konnte, ohne die ordnende Hand zu ahnden, die so unscheinbar alle einzelne Blüthen zu einem vollen Kranze sammelte. Nirgend war etwas Hervorstechendes, allein nirgend sah man auch der widerstrebenden Natur fremde Stoffe aufgedrungen. Umgebungen – Erde und Himmel, alles berührte sich in ungestörtem Einklang. Was ihm gestern im nächtlichen Schein so feierlich begegnete, trat jetzt leicht und erfreulich hervor. Den Laokoon sah er nicht, wohl aber den Pavillon mit seinen hohen Fenstern, deren lichtblaue Vorhänge glauben ließen, der Himmel spiegle sich in dem chrystallenen Pallast der Nereiden. Hier, sagte Stephano, verlebt Prinzessin Miranda die schönsten Stunden in der Erinnerung früherer Kindheit, die ihr die Lage des Platzes, das ferne Gebirge, die Beugung des Stromes, alles wie sie sagt, auf eine eigene Weise zurückruft. Miranda? wiederholte Rodrich – der Name dringt seltsam aus der Ferne herauf, mir ist, als habe ich ihn einst wo gehört. Wie sollten Sie nicht, fiel Stephano schnell ein. Seit dieser Himmel unsre Erde erleuchtet, ist jedes Herz davon erfüllt. Schon als Künstler, setzte er hinzu, kann Ihnen der Name nicht fremd sein. Die herrliche Gestalt ist von tausend alten Mahlern und Bildhauern vergebens nach geformt; indeß Niemand das eigentliche Wesen, das, was ihrem Gesicht den unwiderstehlichen Zauber giebt, darzustellen weiß. Die Heftigkeit, mit welcher Stephano dies alles sagte, war Rodrich nicht entgangen. Er gedachte seiner gestrigen Erscheinung, des Liedes, das ihn so unwillkührlich fortriß, und beide gingen eine Zeitlang schweigend neben einander hin, als der Ritter schnell auf sie zukam und Rodrich bat, ihn sogleich zu seinem Oheim zu begleiten, der von allem unterrichtet, ihn ungeduldig erwarte. Er selbst, fuhr er fort, war früher durch Familienverhältnisse gezwungen, fast auf ähnliche Weise in fremde Dienste zu gehen. Alle Widerwärtigkeiten seines reichen Lebens haben die jugendliche Wärme nicht in ihm erlöschen können, und ob ich ihm gleich nur im Allgemeinen von Ihrer Flucht aus dem Kloster sprach, so hat ihn dies allein schon für Sie eingenommen. Dieser Mann, sagte Stephano, als sie auf dem Rückwege begriffen waren, ist eine ganz eigne fast in sich widersprechende Erscheinung. Entschiedner Feind alles geregelten Formellen, ist er dennoch bis zur Uebertreibung streng im Dienste. Hier allein gilt ihm die feststehende Ordnung über alles. Es ist als trenne er den Soldaten durchaus vom Menschen, und in dieser Abgeschlossenheit erscheint er selbst völlig ein Andrer. Es entspringt dies nicht etwa aus einer bestimmten Ansicht des Lebens und seiner Verhältnisse, in deren innere Tiefe einzudringen er als höchst trübselig und jedem ächten Genusse zuwider, verwirft. Es ist ihm wie sein übriges rücksichtsloses Wesen ganz natürlich, und er trägt es so wenig zur Schau, als dass er es verbirgt. Bei aller dieser scheinbaren Unbestimmtheit, sagte der Ritter, ist er der festeste, zuverläßigste Mann, der wohl eher fähig wär, äußere Wohlfahrt, Freiheit und Vaterland für den geliebten Freund hinzugeben, weshalb er auch dem düstern Herzog ewig fremd bleiben wird, der ihn nur auf das dringende Gesuch der Prinzessin Therese in seine Dienste nahm. – Sehr seltsam ist es, dass dieser leichtgesinnte Mann so ernsten tragischen Gemüthern das Daseyn gab. Jener Fernando Alvarez, dessen Namen Sie gestern hörten, war sein Sohn, und die schöne Rosalie, das einzige ihm gebliebene Kind, vertrauert ein blühendes Leben auf einem nahe gelegenen Landgute, wo sie seit dem Tode des Bruders fast Niemand als die Miranda sieht, deren Gespielin sie ehedem im Auslande war.
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Hat auch der Tod des Sohnes keinen tiefern Eindruck bei dem Grafen zurückgelassen? fragte Rodrich. Nichts beschäftigt ihn dauernd, was seine äußere Tätigkeit hemmt, erwiederte der Ritter. Der erste Augenblick bewegte ihn gewaltsam, nur war der Schmerz, der sonst die Sinne lähmt, ihm ein neuer Sporn zu den kräftigsten Maßregeln, die erschütterte Familienruhe wiederherzustellen, und sich selbst Genugthuung zu verschaffen. Er bestand mit Nachdruck auf der Verbannung des Unglücklichen, der mit Rosaliens Liebe auch ihres Lebens Freude tödtete, und obgleich Ludovico des Herzogs Günstling war, so musste sich dieser dennoch dem Willen eines Mannes fügen, der ihm in der mißlichen Lage seiner äußern Angelegenheiten unentbehrlich ist. Jetzt hat er seine ehemalige Heiterkeit unverändert wieder erlangt, und das Glück einer früher geschlossenen zweiten Verbindung mit einer überaus reizenden, ihm ganz gleich gesinnten Gattin, lässt ihn die Thränen der einsamen Tochter weniger empfinden, deren Schmerz er wie den Wahn einer frommen Träumerin schweigend ehrt. Doch hat er mehrmals versucht sie der Welt wiederzugeben, und er sagte mir heute, dass er Hoffnung habe, sie in kurzem hier in der Stadt zu sehen. Dies verdankt er wohl Miranda's zärtlichem Bemühen, sagte Stephano, die mit ihrer eignen Klarheit dies zerstörte Gemüt aufzuhellen strebt.
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Sie waren während dem zu des Grafen Wohnung gekommen. Stephano verließ sie hier, um den Mittag Rodrich mehrere Freunde zuzuführen, mit denen er in der Folge durch ein gleiches Verhältnis in nähere Verbindung treten sollte. Ein breiter Vorhof, den eine Reihe schattiger Platanen und hohe Vasen mit blühenden Sträuchern zu einem lustigen Garten bildeten, führte sie in einen offenen häuslich verzierten Saal. Die Arbeit der Gräfin, mehrere aufgeschlagene Bücher, eine Laute, alles lag hier zerstreut auf einem Ruhebette von indischem Zitz. Ein kleiner Tisch mit mehrern angefangnen Zeichnungen stand zunächst der Thür. Rodrich entdeckte sogleich einen schönen weiblichen Kopf, in welchem der Ritter Rosaliens Bild mit sichtlicher Bewegung erkannte. Die Gräfin, sagte er, seine Verlegenheit verbergend, hat viel Talent, sie zeichnet vortrefflich, spielt und singt auf die anmuthigste Weise, überall ist sie nie unbeschäftigt, nur schweift sie, wie eine Biene, von einer Blüthe zur andern. Sie ist sogleich übersättigt und der geliebte Gegenstand muss nicht selten das augenblickliche Entzücken, das er erregte, durch einen dauernden Widerwillen büßen. Diese Beweglichkeit, die sie im Ganzen äußerst anziehend macht, bezieht sich indeß nicht auf ihren Gemahl, dem sie mit unverletzter Treue zugethan bleibt. Auch Rosalien liebt sie zärtlich. Nur sind sie freilich durch die ganz entgegengesetzte Sinnesart von einander getrennt, und finden wenig Berührungspunkte im Leben. Während dem trat ein phantastisch gekleideter Knabe herein, und fragte mit vieler Zierlichkeit, ob sie bei der Gräfin vorgelassen zu werden wünschten. Rodrich blickte ihn befremdet an, allein der Ritter, nachdem er das Kind zurückgesandt, sagte lachend, es ist einer von Seraphinens launigen Einfällen, nur Kinder in ihrem Dienste zu dulden, die sie dann nach ihrem wechselnden Geschmack bald in dieser, bald in jener fremden Tracht auftreten lässt. Der Graf weidet sich an dieser schuldlosen Spielerei, und es ist in der That ein reizender Anblick, sie von den bunten Figürchen, wie fliegende Blumen, umschwirrt zu sehen, die sie mit wahrhafter Feengewalt belebt und ihnen eine ganz eigne Lieblichkeit mittheilt. Aber was wird aus den Unglücklichen, fragte Rodrich, wenn Ueberdruß und Langeweile sie aus ihrer Nähe verbannen? Bis dahin lässt sie es nicht kommen, erwiederte der Ritter. Sie ist zu gut, um irgend jemand zu kränken, und da sie die Kleinen unaufhörlich unter der Anführung eines alten erfahrnen Aufsehers beschäftigt, so erwerben sie tausend Geschicklichkeiten, die sie zu ernstern Beschäftigungen fähig machen, wofür sie denn auch mütterlich sorgt, wenn sie heranwachsen und sie, wie sie sagt, mit ihren nüchternen Augen und schläfrigem Wesen zum Unwillen reizen.
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Rodrich blickte verlangend nach Seraphinens Zimmern. Er wäre lieber dem Knaben als dem Ritter gefolgt, der ihn ernstlich antrieb, zu dem wartenden Grafen zu eilen. Sie fanden ihn vor einer langen mit aufgerollten Karten bedeckten Tafel. Er durchflog die weiten Räume der Erde und entwarf manchen Plan, seinen Namen mit gewichtigem Arme auf die Nachwelt zu bringen, als Rodrich bescheiden vor ihn hintrat. Aller Stolz, alle Anmaßung verschwand beim Anblick des heitern benarbten Angesichts. Sobald ihn der Graf bemerkte, eilte er schnell auf ihn zu. Einen Augenblick betrachtete er ihn mit festem durchdringenden Blick, dann reichte er ihm vertraulich die Hand, indem er sagte: Sein Sie willkommen, wenn der rechte Ernst und die rechte Lust Sie zu mir führen, und Sie das Soldatenleben von ganzer Seele lieben. Ich kenne wenig vom Leben, sagte Rodrich, allein mein Herz bewegt sich freudig beim Gedanken eines mutigen Streites, und ich kenne nichts herrlicheres, als dem Tode mit lebendigem, frischem Sinne zu trotzen. Ich gäbe allen ruhigen Genuss kommender Tage für einen herzhaften Kampf, der den ganzen Menschen durchglüht, so dass auch der Nüchterne seine göttliche Natur nicht verleugnet. Auf Rodrichs Stirn flammte die heilige Wahrheit dieser Worte. Der Ritter drückte ihn freudig an die Brust, und der Graf reichte ihm statt aller Antwort einen Degen, den Rodrich mit Stolz und Wehmuth empfing, und, die hervorbrechenden Thränen nicht verbergend, im Uebermaaß des Gefühls ausrief: heller Stahl, lass die Welt in deinem Glanze leuchten, oder trinke nie ruflos verspritztes Blut. Das ist der rechte Kriegersinn, sagte der Graf. Ich liebe Gemüter wie das, darum verehre ich Ihnen das erste Zeichen meiner Achtung. Solch ein Führer lässt Niemand sinken, und müsste er sich auch zuletzt gegen die eigne Brust wenden; und glauben Sie mir, wer nur recht kräftig durch die Welt hingeht, mit Gefahr und Tod spielt, dem kann das Schicksal nicht viel anhaben, es ermüdet endlich vor der unerschütterlichen Heiterkeit, und lässt den Menschen sein stilles Glück genießen!
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Rodrich war über den unschuldigen Sinn gerührt, der sicher nur das Rechte gewollt, und so von aller Bitterkeit und feindlichen Gesinnungen rein geblieben war.
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Sie sprachen bald weitläuftiger über das Nähere seiner künftigen Bestimmung, und der Graf sagte ihm: dass der Herzog, wenig Theil an der innern Oekonomie der Armee nehmend, ihm ziemlich freie Hand lasse, und er daher im Stande sei das Möglichste für ihn zu tun. Indessen müsse er ihn schon noch vorstellen, weil seine Vertraulichkeit mit Stephano und dem Ritter Aufsehen erregt und die leeren Köpfe hin und her bewegt habe, die in seiner Erscheinung etwas Geheimnißvolles und Wichtiges aufzufinden meinten. Vorläufig, fuhr er fort, werde ich Sie als Volontair bei meinem Regimente vorschlagen, wogegen der Herzog wohl nichts einwenden wird, wenn ich mich für Sie verbürge. Bis dies geschehen, und alles eingerichtet ist, müssen Sie sich möglichst zurückziehen. Sie dürfen nicht eher in die Welt treten, bis es mit allem Anstande und dem ihrer neuen Lage gebührenden Glanze geschehen kann. Noch Eins, fuhr er fort, als er in Rodrichs Miene eine ängstigende Verlegenheit wahrnahm: Sie sind wohl fremd mit den Bedürfnissen des Lebens? wollen Sie sich mir anvertrauen, mich vor der Hand als Ihren Sachwalter annehmen, so tritt wohl einmal ein bequemer Zeitpunkt ein, wo wir mit einander Rechnung halten und Sie sehen werden, dass ich auch meinen Vorteil nicht dabei vergaß. Rodrich war unbeschreiblich gerührt. So väterlich hatte Niemand seit Eusebio's Tode mit ihm geredet. Er glaubte die geliebte Stimme wieder zu hören, und beugte sich voll heiliger Ehrfurcht über des Grafen Hand, der ihn umarmte und mit innerem Wohlbehagen in sein nasses Auge blickte. Wenn ich Sie nur erst in der Uniform auf einem raschen gewandten Pferde sehe! hub er nach einer Weile an; ja zu Pferde, da geht dem Krieger erst das rechte Leben auf, wenn er so über der Erde hinfliegt und Berge, Häuser und Bäume, alles ihm zu weichen scheint, und das wilde Thier sich unter ihm bäumt, und er es dennoch mit einem Fingerdruck regiert; dann sieht er in Noth und Tod mit Stolz auf die Menschen nieder, die dem kühnen Reiter scheu ausweichen. Ich hatte einen Sohn, fuhr er mit bebender Stimme fort, nicht wahr Alexis, der verstand zu reiten? Der Ritter bejahete es, wehmüthig lächelnd. Ja, ja, sagte der Graf, es löst sich manches schöne Band, darum muss man recht fest zusammen halten und die wenigen Tage heiter mit allem, was man liebt, verleben. Indem öffnete sich die Thüre schnell; Seraphine trat mit einem aufgeschlagenen Brief herein. Nach einem flüchtigen Gruß, rief sie ihrem Manne freudig entgegen: Rosalie kömmt, Morgen ist sie hier und verspricht einige Zeit bei uns zu bleiben. Ich bin so voll von dieser Nachricht, dass ich schon das ganze Haus in Bewegung gesetzt habe; die Zimmer nach der Wasserseite werden für sie eingerichtet, alles soll ein recht festliches, heiteres Ansehen bekommen; ich denke, sie wird sich bald mit dem Leben versöhnen. Rodrich betrachtete, während sie sprach, die zierliche Gestalt, das feine blonde Haar, das sich um einen blendend weißen Nacken ringelte und zu der lieblichen Unordnung ihres ganzen Wesens im Einklange stand. Auch sie hatte mehrere male auf ihn hingeblickt, und die schönen Augen wendeten sich immer wieder, den Fremdling zu betrachten, der ihr wie alles Neue eine willkommne Erscheinung war. Der Graf, der Rosaliens Brief noch nicht gelesen hatte, gab ihn dem Ritter, indem er sagte: lies mir doch diese Zeilen, es wird dir ja auch wohl lieb sein, zu wissen, was sie eigentlich zu uns führt; und Sie, fuhr er fort, sich zu Rodrich wendend, nehmen auch unbekannt Theil an meinem Kinde. Rodrich neigte sich, und der Ritter las mit großer Bewegung folgendes:
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»Ich habe lange geglaubt, die Einsamkeit solle die wunde Brust heilen, aber ich fühl' es wohl, seit mich die Liebe verließ und die Erde das treueste Herz verbirgt, musste ich hier in Sehnsucht vergehen, wo sich alles so kalt und todt von mir abwendet. Wie manches habe ich versucht, die ewige Leere eines erschöpften Lebens auszufüllen. Ich wollte Blumen ziehen, Vögel abrichten, ach! ich vergaß, dass keine Blume unter kranken Händen gedeihet, und keine Macht das Widerstrebende fesselt. Dann glaubte ich wieder, die zerstreueten Sinne sammeln und auf ernste Gegenstände lenken zu können. Ich flüchtete zu den Wissenschaften, aber die strengen Göttinnen verschließen sich dem Unheiligen, der sich ihnen nicht ungetheilt hingiebt. Und welche Kleinigkeiten zogen mich ab! ein Wort, eine Aehnlichkeit des Lautes, ein groß gezeichneter Bubstab. Liebe, gütige Freundin, ich darf Ihnen diese Schwäche gestehen, Sie fanden wohl eher in Ihrem wohlwollenden Herzen Nachsicht für eine Unglückliche, die zu Ihnen zurückkehrt, um in dem rosigen Schein Ihres Himmels das eigne quälende Daseyn zu vergessen. – Ja, Liebe, ich verlasse aufs neue den selbstgewählten Zufluchtsort. Plötzlich treibt mich alles von hier weg. Mir ist nun, als könne ich auch nicht eine Stunde länger hier verweilen. Schon Morgen bin ich bei dem besten Vater, der das einzige Kind gern mit der alten Liebe aufnehmen und in seiner Nähe dulden wird.«
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Der Graf wandte sich gerührt ab, und Seraphine sagte mit ihrer gewohnten Heiterkeit: Ihr seht, wie sie selbst des lästigen Schmerzes müde, sich nach freudigem Genusse sehnt, und wie wenig es der langweiligen Verstellungen bedarf, um eines Menschen gesunde Natur hervorzurufen. Rosalie ist durch sich selbst geheilt, und es ist jetzt die Aufgabe, sie durch etwas Neues, Ungewohntes an die Gegenwart zu fesseln, um nach und nach alle trübe Erinnerungen in ihr zu verwischen. Es kommt darauf an, erwiederte der Ritter, wie nah' oder fern ihr diese Gegenwart steht. Was sie jetzt zu uns führt, ist das unendliche Bedürfnis einer liebenden beweglichen Seele, die in Allem das entschwundene Glück aufsucht, und sich dann mit Schauder von dem abwendet, was sie am glühendsten umfasste, weil sie nirgend das Alte wiederfindet. Wie sehr die scheinbare Veränderlichkeit auf der Oberfläche ihres Wesens spielt, sehen wir aus dem steten Zurückkehren zu dem einen herrschenden Gefühle. Was kann denn auch die Leere einer verödeten Brust erfüllen! Ihr Leben wird unter einseitigen Versuchen und traurigen Behelfen verschwinden! Nun wahrhaftig, sagte die Gräfin lachend, Ihre eigene Muthlosigkeit schreibt der armen Rosalie das Todesurtheil. Ich hege ganz andre Hoffnungen für sie. Freilich, wenn alle ihre Freunde so lässig und trocken da stehen, und Niemand recht herzhaft angreift, so kann ich sie nicht allein retten. Ihren Beistand, Alexis, darf ich nun schon gar nicht in Anspruch nehmen. Sie würden das Lustigste mit so feierlichen Sonntagsmienen und so trübseligem Ernst begleiten, dass ich wohl selbst davon angesteckt werden könnte. Ihr Spott, sagte der Ritter beleidigt, trifft mich mehr, als Sie es vielleicht wollen. Allein trauen Sie mir zu, dass ich ein verletztes Gemüt nicht zur Schau tragen, am wenigsten Ihre heitre Feste, schöne Gräfin, damit trüben werde. Der Graf fasste hier gutmüthig seine Hand, indem er sagte: Nimm nicht alles so ernst, was dort über die schönen Lippen fliegt, und mische keine Bitterkeit in die allgemeine Freude. Lass ihn nur, sagte Seraphine, er muss alle Tage einigemal so in sich selbst zurückgeschreckt werden, um dann wieder aus voller Seele lachen zu können. Der Zorn ist ihm eine heilsame Erschütterung, er ist nie witziger, als wenn der Ärger und die wiederkehrende Fröhlichkeit noch in ihm streiten. Und am Ende, fuhr sie fort, indem sie die kleinen Hände auf seine Schultern legte, müssen Sie mir es noch danken, dass ich Ihnen zeige, wie Sie sich selbst alles verderben, oft plötzlich den geebneten Weg durch einen muthwillig hingeworfenen Stein versperren, und alle kluge Maßregeln zu Schanden machen. Maßregeln kenne ich so wenig, als ängstliche Rücksichten, wenn es die Wahrheit meines Gefühls gilt, erwiederte der Ritter. Es ist die Frage, sagte die Gräfin, ob diese Wahrheit die rechte ist, und ob Sie durch sie zum Ziele gelangen. Das Erstre wohl ganz gewiss, entgegnete der Ritter, denn ich empfinde wirklich so, und nicht anders; es möchte Ihnen bei allem Zauber weiblicher Beredsamkeit dennoch schwer fallen, mich vom Gegentheil zu überzeugen, und wenn das Zweite nicht die Folge des Vorhergehenden ist, so könnte es nur beweisen, dass ich überall ein falsches Ziel habe. Ich weiß, erwiederte Seraphine, Sie folgen den unmittelbaren Eingebungen. Für Sie ist das Licht des Verstandes eine überflüssige Zugabe, denn ein Gott hat Ihnen gegeben in die verborgene Tiefe zu schauen. Lassen Sie mich ausreden, fuhr sie schnell fort, als der Ritter im Begriff war zu antworten; die Überlegung ist uns beiden gleich fremd, nur dass ich einzulenken verstehe, wenn ich den Blüthen des Augenblicks vorüberging, die Sie, nach der Frucht greifend, trotzig verschmähen. Die Frucht, erwiederte der Ritter, muss sich mir in der Blüthe offenbaren, sonst werfe ich den tauben Glanz hin. Und doch, entgegnete die Gräfin, wird Niemand gerade von diesem so sehr angezogen als Sie, der im einzelnen Moment höchst vornehm auf den Wahn befangener Gemüter blickt. Wie lange zählt Sie die kleine Prinzessin Elwira schon unter Ihre Verehrer, und Sie haben recht, wer wird auch den Blüthenstaub weghauchen, um zu sehen, was darunter liegt, nur sein Sie überall derselbe, und fordern Sie heute nicht mehr von dem flüchtigen Lebensgenuß, als gestern. Ihr Muthwille, sagte der Ritter halb lachend halb erbittert, wird mich noch zur Verzweifelung bringen! Wären Sie nicht so schön, oder ich keine Dame, fiel Seraphine ein, der blutigste Kampf könnte nur zwischen uns entscheiden. Gewiss lieber Alexis, fuhr sie fort, so herzlich gut ich Ihnen bin, so kann ich doch nie das Lachen lassen, wenn ich Sie so ernst und bedeutend über das Leben hinblicken, und gleichwohl in der nächsten Stunde durch höchst gewöhnliche Regungen gefesselt sehe. Nicht eine vorherrschende Stimmung ist bleibend bei Ihnen, so willig geben Sie sich dem bunten Spiele hin. Dass Sie recht haben, schöne Seraphine, unterbrach sie der Ritter, beweise ich jetzt. Allein wer beugt sich nicht vor solcher Gewalt. Und gewiss, ich muss es Ihnen danken, dass Sie mich eines so heitern Spieles würdigten.
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Der Graf, der Seraphinens kleinen Neckereien immer wohlgefällig zuhörte, erinnerte sich jetzt, dass es Zeit sei, mit Ernst für Rodrichs Zukunft zu denken, weshalb er auch sogleich zum Fürsten gehen, und ihn von dem Erfolg der Unterredung benachrichtigen wolle. Rodrich schied voll dankbarer Rührung und hingerissen von Seraphinens Lieblichkeit, deren Bild in Gestalt der flüchtigen Horen vor ihm hinschwebte.
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Sie waren noch nicht weit gegangen, als Stephano mit mehrern Offizieren zu ihnen stieß. Der Ritter schlug vor, den Tag bei ihm zuzubringen, was von Allen gern angenommen ward, da seine lebhafte Unterhaltung die kleine Gesellschaft schon jetzt beschäftigte, und eine freudige Bewirthung verhieß.
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Des Ritters Wohnung war mit mehrern Kunstwerken verziert, die er auf seinen Reisen sammelte. Rodrich bemerkte unter diesen ein Bild von der Hand seines Meisters, das er mehrere male nachgezeichnet hatte. Es war ein Einsiedler von überaus schönem Ansehen, der in einer dunkeln Höle vor einem Cruzifix kniete, von dessen Mitte ein Lichtstrahl ausging, und des Einsiedlers Gesicht wundervoll beleuchtete. Er hatte das Bild immer sehr lieb gehabt, und begriff nun, warum ihn der Anblick des Laokoon so bewegte; es waren dieselben Züge, die hier nur weicher und verklärter erschienen. Während er nachdenkend da stand, trat Stephano zu ihm, und ergoß sich im Lobe des Künstlers, der die individuellste Wahrheit höchst poetisch aufgefaßt und lebendig dargestellt habe. Das Ganze, fuhr er fort, hat etwas sehr rührendes, um so mehr, da eine geschichtliche Wahrheit zum Grunde liegt, die uns sehr nahe angeht. Man sagt, es sei des Herzogs Vater, der ein früher gebrochenes Gelübde eines Lieblingssohnes nur durch die Entsagung der Welt zu lösen glaubte, und vor kurzem als Einsiedler starb. Dann freilich, sagte der Ritter lachend, geht er Ihnen nahe genug an. Rodrich fragte nach der Bedeutung dieser Worte, und erfuhr, dass Stephano ein natürlicher Sohn des Herzogs sei, der außer ihm keine Kinder habe. Mehrere der Anwesenden neckten ihn mit der vornehmen Geburt, und verhießen ihm hohe Würden, sogar die mögliche Nachfolge der Regierung. Er blickte indeß finster auf das Bild und beantwortete die Spöttereien mit einem erzwungenen Lächeln, das Rodrich unangenehm auffiel, den überall die ganze Unterhaltung ängstete, ohne dass er sich einen Grund anzugeben wusste. Der Ritter suchte indeß auf alle Weise wieder einzulenken, indem er die Unterhaltung auf die verschiedenartigsten Gegenstände führte, und sich selbst mit unerschöpflicher Fülle in Anekdoten und Geschichtchen ergoß. Stephano blieb dennoch verschlossen, und wenn Rodrich des Ritters Beweglichkeit anstaunte, so suchte er sie vergebens in dem Gleichmuth und der ruhigen Klarheit wieder, die er gestern bewunderte. Auch in seinen Freunden erkannte er ihn nicht, die allesammt willige Hörer aber schlechte Redner zu sein schienen, und deren Verdienst wohl allein darauf beruhete, dass sie sich an ihn anzuschließen verstanden. Ein rüstiger Jüngling schien zwar mehr absichtlich als aus Beschränktheit zu schweigen, denn zuweilen drang ein ganz lustiger Einfall über den Ritter hervor, dessen lächerliche Seite er, wie die eines jeden Menschen, immer bereit war aufzufassen, ohne sich weiter um den Zusammenhang des Ganzen oder die innere Bedeutung zu bekümmern. Für ihn war die Sache, wie sie erschien, und so fand er überall Stoff zu unendlicher Belustigung. Er selbst war, wie Stephano sagte, ganz ohne Bildung, allein voll natürlicher Anlagen, die er sehr geschickt anwandte, die Schwächen Andrer herauszuheben, ohne dass sie es merkten. So wusste er dem Ritter eine Lieblingsgeschichte nach der andern abzulocken, während er die listigen Augen voll Begier auf seine Lippen heftete, und jedes Wort mit steigender Ungeduld zu erwarten schien, was diesen nur noch mehr anfeuerte und fast immer unaufhaltsam fortriß. Selbst Stephano, der ihn ganz genau kannte, ging nicht selten in die Falle, indem er durch ihn, der nicht ein Wort davon verstand, verleitet, alle seine spekulative Betrachtungen und scharfsinnige Definitionen zu Tage fördern musste, wobei er mit großer Ruhe ganz fremde Dinge trieb und wenig auf ihn achtete. Die schuldlose, ja kindische Freude, mit welcher er dies versteckte Spiel immer auf's neue begann, reizten jeden zur Theilnahme, und ließ selbst den Angeführten ohne Bitterkeit. Rodrich gewann ihn bald lieb, und als der Wein die Gemüter freudiger stimmte, trat auch Stephano aus seiner trüben Laune hervor, und riss alles durch die Kraft und den Reichthum seiner ausströmenden Fröhlichkeit hin. Ja es war, als hätte er den Schmerz mit Gewalt niedergetreten und wollte jetzt allen Mächten des Schicksals zum Trotz den Himmel erstürmen. In dem allgemeinen Taumel zeigte er kühn die Gewandheit und Sicherheit seines Körpers. Mit einer Art von Wuth trug er ungeheure Lasten, maß im Sprunge einen Raum, vor dem jeder sich entsetzte, balanzirte Leichtes und Schweres gleich geschickt, kurz, er zwang seinen bewundernden Freunden neues Erstaunen und neue Achtung ab. Bald führte man auch mutige, schön verzierte Pferde auf den geräumigen Hof, und mancher, der nun erst an seinem Platze war, zeigte, wie selbst die flache Unbedeutenheit in der edlen Uebung freier Kräfte liebenswerth erscheine. Rodrichs Brust schwoll beim Anblick der herrlichen Thiere. Er konnte der Lust nicht widerstehen, und schwang sich auf einen nahstehenden Rappen, der hoch mit ihm in die Lust stieg und in weiten Sätzen fortsprengte. Rodrichs Muth wuchs mit jedem Augenblick, er fasste kühn die Zügel und flog im Kreise an seinen Freunden vorüber, deren lautes Bravo ihm wie Sphärenmusik erscholl. Schäumend stand das wilde Thier endlich auf seinen Wink, und Rodrich sah erstaunt den Grafen, dessen Ankunft er nicht bemerkt hatte, mit den freudigsten Mienen vor ihn hintreten und ihm ein versiegeltes Papier überreichen, indem er sagte: so gebe ich Ihnen mit doppelter Lust meines Fürsten Befehl und die Erfüllung meines herzlichsten Wunsches. Rodrich erbrach schnell das Siegel und das Offizierpatent sah ihm recht feierlich mit des Fürsten Unterschrift entgegen. Ganz außer sich vor Freude fiel er dem Grafen in die Arme, eilte dann zu Stephano, dem Ritter, den übrigen Offizieren; alle umfasste er in dem Augenblick mit gleicher Liebe, alle sollten gleich sehr empfinden, wie glücklich er war. Der Graf nahm ihn darauf sehr ernst bei der Hand und stellte ihn den Uebrigen in seiner neuen Würde vor; allein er war viel zu bewegt, um ruhig unter Menschen auszuhalten. Er fühlte das, und erbat sich die Freiheit, diesen Abend allein zubringen zu dürfen. Der Graf gestattete ihm dies gern, nur, setzte er hinzu, müssen Sie mich morgen früh um 10 Uhr zum Herzoge begleiten, der Sie durchaus sehen will.
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Die wechselnden Bilder seines wunderbaren Lebens, Ahnungen einer hohen Geburt, einer glänzenden Zukunft, der er wie mit Zaubergewalt entgegen eilte, wachsender Stolz und sehnsüchtige Regungen, alles drängte Rodrich auf sein stilles Zimmer. Kaum war er indeß hier angelangt, so fand er es ganz seltsam, dass ihn die Freude von den Urhebern seines Glückes entfernt, hieher in die Einsamkeit trieb.
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Er begriff sich selbst nicht, da er bei allem dem den innigsten Drang nach Mittheilung und Liebe fühlte. Da gedachte er des zärtlichen Florio, und zog sein Bild aus den zusammengerollten Papieren hervor Ach, und wie ihn die weichen kindlichen Züge so unschuldig anblickten, hätte er in Thränen zerfließen mögen; so, das fühlte er, hatte nie eines Menschen Auge sein Herz berührt. Was war des verständigen Stephano und des phantastischen Ritters augenblickliche Theilnahme gegen einen solchen Blick voll Liebe und unaussprechlicher Hingebung! Er drückte das Bild an seine Brust und entschlief bald in der stillen Erinnerung seliger Kindheit.
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Als er am folgenden Morgen erwachte, glaubte er zu träumen oder in die Feenwelt versetzt zu sein, als ein stattlicher Diener mit einem Kästchen voll reicher Kleider an seinem Lager stand, und ihn ehrerbietig fragte: ob er sich anzukleiden, und dann in die neue Wohnung einzuziehen befehle? Rodrich fühlte nach einigem Besinnen die zarte Schonung des Grafen, und fasste sehr bald den Ton, der solchen Verhältnissen geziemt.
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Nach einigen Augenblicken stand er geschmückt, sich selbst unkenntlich, unaussprechlich schön da. Er wollte nun zum Wirthe gehen, um alles zu berichtigen, als dieser hereintrat, und ihm ein Packet mit Geld überreichte, das schon am vorigen Tage für ihn eingelaufen sei. Rodrich war nie so reich gewesen. Die Welt war in dem Augenblicke sein, und er verließ den Gasthof mit ganz andern Erwartungen, als er ihn vor einigen Tagen betrat. Zwar fiel es ihm wohl ein: ob das Glück nicht ermüden werde, ihn so ausgezeichnet zu begünstigen? und ob er diese ungeahnete Lust nicht einst werde theuer büßen müssen? Der Traum flog wieder an ihm vorüber und die bedeutsamen Bilder ängsteten ihn mehrere Augenblicke hindurch, doch siegte die frisch erblühete Hoffnung, und et eilte leicht und froh zu dem herzoglichen Schlosse, wohin ihn der Graf beschieden hatte. Wie er die breite Treppe hinauf stieg und ihn die weiten Säle mit ihrer alten gediegnen Pracht empfingen, überfiel ihn eine Angst, die er vergebens niederzukämpfen und den Stolz edler Naturen hervorzurufen bemühet war.
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Er ging unsicher durch die hohen Bogengänge, und blickte halb scheu, halb verlangend, nach der Erscheinung des gewaltigen Geistes, der hier thronte. Ein seiner Mann trat auf ihn zu, und bezeichnete ihm, durch eine offen stehende Gallerie, das Zimmer, wo ihn der Graf bereits erwarte. Er folgte der Weisung, und kam an einer Reihe ernster Gemälde vorüber, die allesammt in veralteter Tracht die Stammväter des fürstlichen Hauses zu sein schienen. Der Einsiedler war darunter, und er wollte ihn eben genauer in der weltlichen Kleidung betrachten, als sich eine Seitenthür öffnete und der Herzog mit dem Grafen erschien. Die lang bekämpfte Scheu machte plötzlich einem Widerwillen Platz, dessen erster Anflug so unwillkührlich wie das Entstehen der Liebe ist. Zwar rechtfertigte ihn des Herzogs Anblick auf keine Weise. Die zerstörten Blüthen schimmerten noch aus den Trümmern hervor, und er galt überall für einen schönen Mann. Er begrüßte Rodrich mit Würde, und hatte eben einige fürstliche Worte unverständlich hingeworfen, als er plötzlich schnell auf ihn zutrat, die unsichern Blicke über ihn hingleiten ließ und ihn dann schärfer und immer schärfer anstarrend todtenbleich in des Grafen Arme sank. Rodrich schauderte bei dem furchtbaren Ereignis, und ohnerachtet ihm der Graf und mehrere herzueilende Diener versicherten, dass er öfters diesem Zufalle ausgesetzt sei, so wollte er doch nicht länger in dem Schlosse verweilen, wo ihn alles so peinlich drückte.
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Porträt von Fouqué, Caroline de La Motte-; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Fouqué, Caroline de La Motte- · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
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Auf dem Rückwege traf er den Ritter, der bei seinem Anblicke erschrack, und als er die Veranlassung erfuhr, ihn beruhigend, manch' ähnlichen Fall erzählte, und wie dieser krankhafte Zustand den Herzog in den liebsten Umgebungen an Miranda's Seite, die er anbete, überfalle, ohne dass er von außen die geringste Anregung erhalte. Das geschwätzige Volk, fuhr er fort, das ihn ohnehin nicht liebt, hat tausend Ursachen dieses Uebels ersonnen. Vor allem glaubt man ihn nicht unschuldig an dem plötzlichen Tode seiner Gemahlinn, durch deren Hand ihm, als einem fremden Prinzen, dies Land erst zugefallen ist. Indessen hält ihn mein Oheim, der ihn seit langen Jahren kennt, und auf dessen Schicksal er früher einen bedeutenden Einfluss hatte, solcher That nicht fähig. Auch ist es gewiss, dass der schwankende Mensch zum Morde nicht reif ist, wenn ihn der Augenblick nicht fortreißt. Diesen, fiel Rodrich ein, weiß nur der Starke herbeizuführen, der in der lebendigen Anschauung der That, das Verbrechen zur Tugend adelt. Er dachte hier an Brutus, und was diesen selbst vom Cassius unterschied. Allein der Ritter betrachtete ihn verwundert und er selbst erschrack über die Heftigkeit, mit welcher er eben gesprochen hatte. Sie schwiegen beide einige Augenblicke. Er war verstimmt und wusste das Gespräch auf keine Weise wieder anzuknüpfen. Doch bald lud ihn sein Freund in Seraphinens Namen zu einem Conzert für diesen Abend ein, wo er Rosalien und viel schöne Frauen der Stadt sehen werde. Seraphinens Bild verscheuchte jeden ängstigenden Gedanken. Er nahm die Einladung gern an, und trennte sich mit erheitertem Gemüt vom Ritter.
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Ungeduldig hatte er den Augenblick erwartet, wo es ihm vergönnet war, vor der Gräfinn zu erscheinen. Endlich betrat er ihre freudige Wohnung, und kam durch eine Reihe ungewöhnlich bunt verzierter Gemächer zu einem Saale, dessen eine Hälfte ein halber Kreis glänzender Schönen, auf grünen Polstern ruhend, einnahm, die in dem wechselnden Farbenschmuck wie ein fortlaufendes Blumengewinde auf dunklem Grunde prangten. In dem andern Theile des Zimmers waren die Herren mit verschiedenartigen Unterhaltungen beschäftigt, als sich oberhalb der Kuppel plötzlich eine Gallerie, von einer beweglichen chrystallnen Sonne beleuchtet, eröffnete, und Chöre von Knaben und Mädchen, hinter bläulichem Flor geisterartig schwebend, Rosaliens Ankunft in weichen gleitenden Tönen feierten. Indem trat diese an der Gräfinn Hand in die Versammlung. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Sie erschien mit den bleichen Mienen des Kummers, in der einfachen Kleidung, unendlich rührend. Ihr dunkles Haar lag ganz schlicht auf der Stirn, und ward nur von einer Perlenschnur zusammen gehalten. Ein schwarz sammetnes Kleid von ungewöhnlichem Schnitt bildete den schönsten Faltenwurf, und während es sich der schlanken Gestalt anschmiegte, erhob es den seltnen Glanz ihrer Haut. Sie neigte sich mit einiger Verlegenheit gegen die Gesellschaft, zu deren neugierigen Blicken sie ungern hinaufsah. Indessen wehrete Seraphine jedes unzarte Wort von ihr ab, und als sie bemerkte, wie sehr die Musik sie bewege, winkte sie mit der Hand; die Sonne verschwand; ein frisches Laubdach überzog die Kuppel und breitete sich längs den Wänden herunter. Bald erschienen die kleinen Sänger in vielfacher Hirtentracht, und tanzten zu dem Klange der Flöten und Schalmeyen, wie Rodrich nur im Gebirge hatte tanzen sehen. Er ward lebhaft an seine Kindheit erinnert, und theilte vielleicht unter Allen Rosaliens Rührung am meisten.
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Die Gesellschaft hatte sich indessen immer bunter in einander gemischt. Man ging und kam aus anstoßenden geschmackvoll erleuchteten Cabinetten, wo man Erfrischungen, Bücher, Musikalien, tausend klone Spiele, kurz die mannichfachste Unterhaltung fand. Seraphine war überall, und überall von ihrem kleinen Gefolge umringt, in dessen Mitte sie wie eine Feenköniginn erschien. Der Ritter hatte sich jetzt Rosalien genahet, die ihn mit höflicher Kälte entfernte. Sie schien das zu fühlen, und suchte es durch einige freundliche Worte wieder gut zu machen, die den armen Alexis, auf's neue bethörend, unablässig an ihre Seite fesselten. Rodrich bemerkte mit innerer Angst wie sie sich in dem Maaße von ihm abwandte, als er sie ungetheilt fesseln wollte. Ihre Ungeduld wuchs, in den gespannten Zügen lag Widerwille und Aerger. Er nahete sich, um durch ein verändertes Gespräch seinem Freunde diese Entdeckung zu ersparen. Einige allgemeine Höflichkeiten veranlaßten bald die Frage: ob er schon mit den Umgebungen der Stadt bekannt sei? und als er es verneinte, erzählte sie ihm von schönen Wasserfällen, Thälern und überaus anziehenden Spaziergängen in den nahen Gebirgswäldern. Stephano, der herzugekommen war, sagte: was indessen von allem das Interessanteste und dennoch hier ganz ungekannt sein möchte, ist ein altes Bergschloß, in dessen Trümmern eine Köhlerfamilie lebt. Es ist unmöglich, eine prachtvollere Lage zu erdenken. Von einer steilen Anhöhe sieht man auf der einen Seite in einen dunklen dicht verwachsnen Wald, den ein reißender Bach durchschneidet, während er mit dumpfem Rauschen eine ferne Mühle treibt. Von der andern Seite eröffnet sich eine ganz entgegengesetzte Welt. Bebaute, blühende Felder, Gärten, Triften, ruhig weidende Heerden, kleine Landhäuser, alles still, friedlich, wenn Sie wollen gewöhnlich, allein durch den Contrast gehoben, und gleichsam da, um die aufgeregten Sinne zu beruhigen. Im Innern des Gebäudes finden sich noch einige wohl erhaltene Zimmer, vorzüglich eine Gallerie, die zu einem hervorspringenden Altane nach der Feldseite führt, von wo sich erst die rechte Herrlichkeit offenbart. Rosalie bezeigte ein großes Verlangen, das Schloß zu sehen, und die Gräfinn, die sich ein neues Fest davon versprach, sah mit Ungeduld einer Wanderung nach dem Walde entgegen. Stephano's Beschreibung hatte mehrere herbeigezogen, und alle stimmten für den Plan, nächstens dort ein ländliches Mahl einzunehmen. Wenn Sie die verwöhnten Sinne einmal mit einfacher Kost reizen wollen, sagte Stephano, so will ich schon dafür sorgen, dass die Köhlerfrau mindestens Ihren Hunger stille. Die jungen Leute sprachen viel von dem Poetischen solcher Feste, und verhießen einander großen Genuss von den lustigen Waldscenen. Ich, sagte eine junge Dame mit vielem Nachdruck, ich liebe nichts so sehr, als das unmittelbare Leben in der Natur. Da streifen die Menschen alles Conventionelle ab, und zeigen sich in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit. Ach meine Liebe, sagte die Gräfinn, das tun Sie in jedem unbewachten Augenblick. Es braucht dazu keiner Wälder und Ruinen, um die Gebrechlichkeit zu ahnen. Verdammen Sie das Formelle nicht so absolut, es bedeckt manche Blöße, und viele gehen in dem Festgewande noch ganz erträglich einher, die in den gewohnten Kleidern widerwärtig erscheinen würden. – Überdem, sagte ein Gelehrter, der zu Seraphinens täglicher Gesellschaft gehörte, ist es noch die Frage, ob sich die Menschen auch so wahr in der freien Natur zeigen, als Sie mein Fräulein es glauben, oder ob nicht vielmehr die ungewohnten Umgebungen dem Gemüte nur etwas neues aufdringen, das gerade der Neuheit wegen für das Rechte gehalten wird. Die Unschuld des Sinnes, das geheime Band zwischen Mensch und Natur, der eigentliche Schlüssel ihrer Hieroglyphen-Sprache, kann sich wohl auch in conventionellen Verhältnissen erhalten, und wo der einmal verloren ging, da wird ihn kein vorüberrauschendes Lüftchen wieder erzeugen. Sehr wahr, sagte Alexis, und ich sehe es nicht wohl ein, warum man sich unaufhörlich in Luft und Duft ertränken müsse, um die Herrlichkeit der Welt zu erkennen! Im Gegentheil, dünkt mich, zeuge es von einer Beschränktheit, alles nur von außen zu erwarten. Nun, sagte die Dame empfindlich, so fliehen Sie nur gleich in eine Zelle, und trennen Sie sich von einer Welt, die Ihnen so entbehrlich dünkt. – Wer den Muth hat, erwiederte der Ritter, freiwillig, aus einer angebornen Lust, eine Scheidewand zwischen sich und der Welt zu ziehen, der muss gewiss einen großen Reichthum in sich tragen. – Die Bären, sagte Stephano, zehren auch von dem eignen Fette, daher verschlafen sie auch die halbe Lebenszeit. – Wer weiß, fiel Alexis ein, zeigt sich Ihnen im Traume nicht etwas Besseres, als wachend an ihnen vorübergeht. Rodrich hatte einst die ganze Fülle ausströmender Seeligkeit in der erwachten Natur empfunden, unwiderstehlich zog ihn alles zu ihr hin. Er war nie besser, nie gotterfüllter, als wenn er in dem reinen Luftmeere schwamm, und die ewig bewegte Fluth alle Bilder des Lebens an ihm vorüberführte. Jetzt hörte er das Klosterleben preisen, das, seine Jugend verdunkelnd, eine widrige Störung zurückgelassen hatte. Er blickte unwillig auf den Ritter, indem er sagte: ich zweifle nicht, dass Sie in strenger Abgezogenheit eine Welt in sich hervorrufen könnten, die als ideale Anschauung für Sie keine Spur der Mangelhaftigkeit an sich trüge; ob indessen die lebendige Frische, die Beweglichkeit in ihr zu finden wäre, die uns die stete Reibung gemeinsamer Kräfte täglich offenbart; ob der gesunde Sinn nicht dennoch einen kränklichen Schimmer in ihr wahrnehme, bleibt unentschieden, bis Sie ihr Inneres in irgend einem bleibenden Kunstwerke außer sich hinstellen. Ihr seid seltsame Menschen, sagte die Gräfinn, Euch über den mannigfaltigen Lebensgenuß zu streiten, und so eigenmächtige Abtheilungen darin vorzunehmen, während ihr mit vollen Sinnen in der Gegenwart lebt, und Euch, wie mich dünkt, ganz wohl darin gefallt. Und Sie, Alexis, kommen trotz alle dem, von der kleinen Wallfahrt nicht los, so bitter Sie sich auch über die milden Einflüsse der Natur auslassen. Der Ritter küsste ihr lachend die Hand, indem er sagte, womit verständen Sie nicht die hartnäckigsten Gemüter auszusöhnen, liebenswürdige Seraphine! Ich werde den dunklen Wald mit allen Schlangen und Kröten für ein Elysium halten, und Mücken und Käfer als eine Würze der Speisen tapfer mit hinunter schlucken. Sie sind ein feindseliges Gemüt, sagte die Gräfinn unwillig, und wenig geschickt zu kleinen Aufopferungen. Weil ich, erwiederte er ernst, in den größern zu streng geübt werde. Rosalie begann schnell ein anderes Gespräch, und bald darauf ging man unter frohen Erwartungen des lustigen Festes aus einander.
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Mehrere Tage waren Rodrich unter Beschäftigungen verflossen, die seine neue Lage herbei führte, und deren edle Bedeutung ihn mit den freudigsten Aussichten erfüllte, als er eines Morgens zu der Gräfinn beschieden ward, um nach eingenommenem Frühstück die verabredete Wanderung anzutreten. Er folgte sogleich ihrem Befehle, und fand im Vorhofe schon Wagen und Pferde zur Abreise bereit. Seraphine trat ihm in einem dunkelgrünen Reitkleide freudig entge gen. Der kleine Hut mit weißen Federn gab ihrem zarten Gesichtchen etwas keckes, wie überall der halb männliche Anzug der zierlichen Gestalt sehr wohl stand. Rodrich fand sie jeden Augenblick reitzender, ihre Bewegungen schienen ihm wie lustige Musik jedes ihrer Worte zu begleiten, er konnte die Augen nicht von ihr abwenden, und als er ihr nachher auf's Pferd half und sie sich vertraulich an ihn lehnte, fühlte er eine Unruhe, die ihn für den ganzen Tag weich und reitzbar stimmte. – Die übrige Gesellschaft machte sich nun auf den Weg, der sie mehrere Stunden leicht und angenehm über Wiesen und Felder führte. Doch beim Eintritt in dem Wald ward er uneben, und manche Stöße und Schläge weckten die Reisenden aus ihren Träumereien. Stephano hatte dafür gesorgt, dass ein Platz vor dem Schlosse geebnet, und des Köhlers Reichthum an Stühlen, Tischen, Milch und Brodt herbeigeschafft wurde. Der Ritter und der Gelehrte sahen mit nüchternen Mienen auf die ärmliche Kost. Ueberdem war es drückend heiß. Kein Lüftchen durchstrich den dichten Wald, und der gutmüthig dargebrachte Honig der Köhlerinn, der den Durst nur noch mehr reitzte, war für die Feinde des Wassers und der Milch kein erfreuliches Labsal. Seraphine weidete sich einige Augenblicke an der innern Unzufriedenheit der meisten, die sich jedoch bei vielen hinter emphatischen Ausbrüchen erzwungenen Entzückens verbarg; dann winkte sie ihren Knaben, und Saumthiere mit Wein und Speisen wurden herbeigeführt. Sie ordnete alles geschäftig an, und indem sie das Köstlichste vor Alexis und seinen Freund hinstellte, sagte sie: Euch gebühren vor Allen die stärkenden Speisen; denn sonst lauft ihr Gefahr, der Erde ohne Widerstand in den Schooß zu sinken.
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Alles erheiterte sich jetzt, und viele gestanden, dass es mit den gewohnten Bequemlichkeiten doch eine schöne Sache sei, und man sich ungern davon losmache. Wie wäre es aber, Alexis, sagte die Gräfinn, wenn Sie sich hier eine Einsiedelei anlegten? Der Wald, die Trümmer der Vorzeit, die Abgeschiedenheit der Welt, hier eine Quelle, dort das Echo, das Ihre frommen Seufzer nachhallt, Wurzeln, Kräuter, kurz alles, was der genügsame Mensch bedarf. Nur Ihr Anblick nicht, schöne Gräfinn, sagte Alexis; wie könnte ich mich trösten, Ihnen nicht mehr als Gegenstand des heitersten Spottes zur Seite zu stehen! Gewiss, erwiederte Seraphine herzlich, Niemand lässt sich so willig auslachen und erwiedert meinen Spott mit dieser wohlwollenden Güte. Sie reichte ihm hier die Hand, und die Gesellschaft folgte ihnen und Stephano über zerbrochne Stiegen und halb verfallne Gewölbe in die oberen Zimmer des Schlosses. Sie hatten lange Zeit vom Altane die herrliche Aussicht genossen, als ein dumpfes Rauschen im Walde sie er schreckte. Stephano trat hinaus, und sah wie die Bäume ihre Wipfel bewegten, und das fliegende Gewölk sausend über ihnen hinzog. Indem kam der Ritter lachend heraus, und sagte, dass der Köhler ein entsetzliches Unwetter prophezeye, und er daher der Gesellschaft, die vielleicht nie solche Gelegenheit zur Contemplation ähnlicher Naturscenen finden werde, rathe, hier versammelt zu bleiben, da des Köhlers Stübchen ohnehin die Menschenzahl nicht fassen könne. Während er sprach, blitzte es entsetzlich; die Frauen liefen mit verhülltem Gesichte davon, und einige versicherten, lieber in das unterste Gewölbe zwischen Molche und Kröten zu flüchten, als hier die Angst zu ertragen. Seraphine trat beherzt unter sie und stellte ihnen vor, dass sie nirgend sichrer als gerade hier in der gewölbten Gallerie sein könnten. Lasst uns daher, fuhr sie fort, ruhig dort bleiben, und das gestörte Fest trotz allem drohenden Ungemach auf irgend eine erfreuliche Weise enden. Die geängsteten Schönen fügten sich widerstrebend der Notwendigkeit. Morsche Bänke wurden zusammen geschoben und alles drängte sich in einen engen Kreis, während das Gewitter immer schwerer heraufzog. Der Wind heulte furchtbar durch die zerbrochnen Thüren. Steine rollten krachend von den Mauern herunter; wie ein Feuerregen schossen die häufigen Blitze ihre Strahlen durch die fensterreiche Gallerie. Seraphine war keinesweges gleichgültig. Sie zitterte heftig, und hielt sich in der innern Angst an Rodrich und Stephano, die ihr zur Seite saßen. Plötzlich sprang sie auf; lasst Musik kommen! rief sie. Wir wollten ohnehin im Freien tanzen, warum nicht hier? Freudige Klänge verscheuchen böse Geister.
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Die Knaben kamen mit ihren kleinen Instrumenten. Seraphine nahm Rodrich bei der Hand, alles folgte unwillkührlich, jeder übertäubte sich selbst in der Todesangst. Rosalie schweifte geisterbleich an des Ritters Arm durch die Reihen. In dem Augenblick fuhr ein Blitz schlängelnd durch das Gemach. Das zitternde Licht brach sich zischend an den Wänden, und verschwand durch die Fenster. Die erschrocknen Tänzer blickten sich erstaunt an. Alle glaubten Rosaliens Gestalt doppelt gesehen, und ein leises Wimmern vernommen zu haben; sie selbst lag ohnmächtig in Seraphinens Armen. Rodrich trug sie schnell in ein Nebenzimmer, während der zerrüttete Alexis in einen Wald floh, und seine Ahnungen und Schmerzen in bittere Klagen ausströmte. In der allgemeinen Verwirrung schwieg die Musik, der Tanz war aufgehoben, man trat zusammen, ohne dass jemand das Herz hatte zu reden. Endlich sagte Stephano mit leiser Stimme: warum erschrecken wir vor einer ganz natürlichen Begebenheit? Der Hang zum Wunderbaren verblendet die klarsten Menschen und reißt alle gesunde Überlegung mit sich fort. Was ist es denn, das diese Bestürzung erregte? Ein Blitz, Rosaliens Ohnmacht und der jammervolle Ton, der während dem aus ihrer Brust drang? Was wir sonst sahen oder zu sehen glaubten, ist nur eine Folge des Vorhergehenden. Schon früher als der Blitz uns verwirrte, hatte Rosaliens sterbendes Auge Alle erschüttert. Der Schreck über sie und diese unerwartete Erscheinung treffen zusammen, wir sahen mit kranken Sinnen. – Ihrer Erklärung, sagte der Gelehrte, geht es, wie allen Erklärungen dieser Art; sie sind unbefriedigend. Dass nichts allein, losgerissen von mitwirkenden Ursachen, deren jede wieder die Wirkung einer andern ist, und so ins Unendliche fort, scheinen Sie auch beweisen zu wollen. Diese mögen wir indessen wohl nicht in einer Folgereihe aufstellen können. Sichtbare und unsichtbare Kräfte berühren sich, wir sehen die Sternenwelt durch ihr Licht mit der unsrigen verbunden; ist der Schein anders und leichter zu erklären, als der Ton? Und lassen Sie es einen Wahn sein, der mindestens sehr ausfallend Alle zugleich bethörte, was ist denn Wahn? Ist es ein absoluter Gegensatz der Wahrheit: so sage ich, dass er gar nicht statt finden, und dem Menschen einwohnen könne; ist er nur das Zufällige der Wahrheit: so lassen Sie uns das Bleibende darin aufsuchen und dies ist Glaube an die Verwandtschaft aller Kräfte, Liebe zu jener innern Mystik, Sehnsucht nach einer Offenbarung derselben. Wenn Mißgriffe daraus hervorgehen, so steigen Sie bis zum Grunde, und Sie werden eine innre Wahrheit empfinden. Vieles hat sich dem menschlichen Geist aufgehellt, und wir werden die verborgenen Tiefen verstehen lernen. – Wenn Sie es so meinen, sagte Stephano, sind wir einig; ich bestritt auch nur die Mißgriffe.
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Das tobende Unwetter hatte sich indessen mit dem letzten Ausbruch erschöpft. Es ward nach und nach stiller. Der heraufkommende Abend wiegte die beruhigte Natur in den seeligen Schlaf der Frommen. Rosalie erholte sich, und trat mit ergebenem Sinn auf den Altan. Rodrich, den ihr Bild seit dem Augenblick, da er sie wie einen sterbenden Engel an seinem Herzen fühlte, nicht mehr verließ, war ihr gefolgt, und hörte sie mit leiser Stimme singen:
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Ich ging im bittern Schmerze,
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Tief in der Berge Grund
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Verklungen Lust und Scherze
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Im Innern todeswund.
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Was Jugend mir gelogen,
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Was Liebe mir verhieß,
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Wie ich mich selbst betrogen,
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Vom Schein bethören ließ,
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Und fort, in schnellen Flügen
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Das Rechte übersah,
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Das stand in Flammenzügen
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Vor meiner Seele da.
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Mir war die Welt verschlossen,
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Gebleicht der frische Glanz,
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Aus Liebe Leid entsprossen,
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Zerrissen Blüth' und Kranz.
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Da zog es mich zur Tiefe
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Durch öder Felsen Spur
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Der grausen Hieroglyphe
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Umwandelnder Natur.
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Und über mir im Bogen
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Sprang hell ein Wasserstrahl,
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Des Perlen niederflogen,
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Benetzend Fels und Thal.
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Da grünten frisch die Moose,
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Und aus dem kalten Stein
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Wand eine weiße Rose
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Sich einsam und allein.
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Ich weiß nicht welch ein Sehnen
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Mich plötzlich überfiel,
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Es flossen meine Thränen,
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Als ständ' ich hier am Ziel.
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Ach Rose, süße Blume,
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Du nah'st dich mir auf's neu;
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Im dunkeln Heiligthume
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Bewahrt dich stille Treu'.
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Du wirst mich neu beglücken,
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Dich färbt der Liebe Hauch!
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So rief ich voll Entzücken,
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Und nahte mich dem Strauch.
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Und wie ich sie berühre,
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So theilt sich schnell das Laub;
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Ich sah des Grabes Thüre,
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Und alles sank in Staub.
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Ich kann den Fluch nicht lösen,
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So rauscht es fern herauf;
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Dich traf die Macht des Bösen
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Im herben Lebenslauf.
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So walle nun von dannen,
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Im Leiden wirst Du groß.
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Was Lieb' und Lust gewannen,
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Birgt nun der Erde Schooß.
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Rodrich weinte heftig zu ihren Füßen. O um Gottes willen nicht diese stille Verzweifelung, rief er, ich möchte meines Herzens Blut geben, um Ihnen einen freudigen Augenblick zu gewinnen. – Sie wollen mein Elend, sagte der Ritter, der plötzlich hinter ihnen stand. Muthwillig geben Sie sich der Erkältung, dem Tode hin, oder fachen die Geister dieses Zauberschlosses neue Flammen in ihrem Busen an? – Rodrich verstand ihn anfangs nicht, doch als er den Sinn seiner Worte ahnete, sagte er bewegt: Du zerreißt das edelste Herz, das ohnehin in Kummer vergeht. Die welkende Blume, sagte Rosalie, blühet ihm noch zu frisch, er muss sie völlig in den Staub treten. Sie ging stolz und empört an Alexis vorüber, der ihr schweigend nachsah, dann sank er an Rodrichs Brust und rief schluchzend: ach! hüte diesen Himmelsfunken, wenn du ihn anzufachen verstandest; ich werde ungesehen mein Leid tragen. Seraphine rief sie hier zur Rückreise ab. Alles war bereit, und die muntre Gesellschaft kehrte erschöpft und verstimmt von dem gehofften Feste zurück.
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Zweites Buch
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Rodrich hatte die Nacht kein Auge geschlossen. Des Ritters Worte erregten Wünsche in ihm, die seinem Herzen bis dahin sehr fremd waren. Jetzt fiel es ihm ein, ob er nicht wirklich Rosaliens Liebe gesucht und den großmüthigen Freund beleidigt habe? Er ward ungewiss über sich selbst, und die innere Angst wuchs in der einsamen Nacht. – Bald verscheuchte indessen Rosaliens Schmerz jedes andre Gefühl. Er sah sie wieder auf dem Altan wie eine schwankende Lilie in Liebeshauch zerrinnen, und begriff nicht, wie der Ritter sie mit rauhen Worten berühren, wie er es wagen könne, dies gequälte Herz durch Vorwürfe zu verletzen. Welche Rechte, sagte er mit steigender Bitterkeit, darf er sich über sie anmaßen? und giebt es etwas widersinnigeres, als eine erzwungene Liebe? Kann der Verein zweier Seelen aus dem matten Hingeben erschöpfter Natur erblühen? und sollte nicht ein edles Gemüt diesen Sieg verschmähen? Je mehr er nachdachte, je schuldiger fand er Alexis. Zuletzt hielt er den Gedanken seines Unrechts so fest, dass er nichts als eigensüchtige ungestüme Thorheit in ihm erblickte. In dieser Stimmung fanden ihn folgende Zeilen der Gräfinn.
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»Rosalie ist krank. Die unerwarteten Erschütterungen drohen sie umzuwerfen. Ich selbst bin matt, unfähig zu erheiternder Unterhaltung. Ueberdieß verschwimmt jede freudige Aufwallung in diesem unversiegbaren Quell innerer Trauer, und was ich ihr reiche, wird mir unter den Händen zu Gift. Alle Freunde schweigen, auch Alexis. Rosalie scheint deshalb beunruhigt. Ist etwas zwischen ihnen vorgefallen? Eilen Sie doch, dies liebe bewegliche Herz zu beruhigen, und führen Sie uns so bald als möglich den Ritter wieder zu, mit dem ich gern zanken und so die gute Laune wiedergewinnen möchte.«
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Rosaliens Krankheit weckte neue Schmerzen in Rodrichs Brust, und versöhnte ihn mit dem bekümmerten Freunde, zu dem er ungesäumt hingehen wollte, als Stephano in sein Zimmer trat und ihm zurief: was ist es denn mit dem Ritter? Ich komme aus seinem Hause, wo ich bis auf einen alten Diener alles leer fand, der mir zwar versichern wollte, sein Herr kehre in wenigen Tagen zurück, allein ich glaube daran nicht; zu einer Lustreise sind die Anstalten zu ernsthaft, überdieß kann ihn nichts Geringes zu diesem Entschluss gebracht haben. Ist denn irgend etwas Wichtiges geschehen? Sie waren zuletzt mit ihm und Rosalien, können Sie mir keine nähere Auskunft geben? Denn von dort her kann es nur kommen, was ihn so plötzlich forttreibt. – Rodrich war so erschrocken, dass er lange keine Worte finden konnte; endlich erzählte er Stephano den Vorgang auf dem Altan, und wie Alexis hart und feindselig erschienen sei. Seltsam, sagte dieser, wie er Rosalien nur so wenig verstehen und die Tiefen ihres Gefühls hier ganz übersehen konnte! Ueberall kenne ich Niemand, dessen Urteil sich augenblicklich so verwirrt, wenn er selbst in die Handlung eingreift, und eine individuelle Beziehung statt findet! Wie, sagte Rodrich, ist es aber bei dem Reichthum seiner Phantasie, bei der innern Schwungkraft möglich, sich der Gegenwart so hinzugeben? Weil, erwiederte Stephano, es ihm an Elastizität, an Freiheit fehlt, die Wechselwirkung zwischen Innerem und Aeußerem lebendig zu erhalten. Er gehört entweder dem Einen oder dem Andern an. Daher die Ungleichheit in seinem Betragen, die ungebundene Fröhlichkeit in einem und der feierliche Ernst im andern Momente. Die Sinnenwelt blendet ihn, entrücken sie ihm diese, so ist er klar, besonnen, in sich fest. Es ist gewiss, fuhr er nach einigem Nachdenken fort, er kehrt entweder bald, oder bei Rosaliens Leben nie wieder. Nie? wiederholte Rodrich, und wir sollten also Einen von Beiden aufgeben und für immer von ihnen scheiden müssen! Alle Liebe und Theilnahme des wohlwollenden Alexis stellte sich plötzlich vor ihn hin. Er fühlte es schmerzlich, dass er die Brust verwundet, die sich ihm so vertrauend geöffnet hatte! Lassen Sie uns eilen, rief er, vielleicht ist er noch zu retten; ich will mein Leben daran setzen, ihm seinen Argwohn zu benehmen? Werden Sie ihn überzeugen? fragte Stephano, – und gesetzt, es gelänge ihnen, fuhr er fort, was gewinnen wir? Kann in dieser Stimmung die nächste Stunde nicht dasselbe erzeugen? Wo das Uebel nicht aus der Wurzel zu heilen ist, da kann man die Wirkungen niemals berechnen. Lassen Sie uns nicht so eigenmächtig in den Willen eines Menschen eingreifen, man bewirkt wohl etwas andres, selten aber das Bessere. Ach, sagte Rodrich, mich dünkt, wir schläfern unsre Theilnahme mit allgemeinen Klugheitsregeln ein, während der Freund vor unsern Augen versinkt! Stephano suchte ihn von ähnlichen Vorstellungen abzulenken, indem er ihn auf die Notwendigkeit aufmerksam machte, Rosalien diese Nachricht mitzutheilen, ehe das allgemeine Gerücht sie erreiche. Woran erinnern Sie mich, sagte Rodrich, dies fehlte noch, um sie ganz elend zu machen! Wie wird sie sich trösten können, die dargereichte Hand so kalt und fremd zurückgestoßen zu haben? Musste Reue noch den innern Unfrieden mehren! Vielleicht, erwiederte Stephano, nimmt sie es auch weniger trübe auf, vielleicht glaubt sie, dass im Laufe fortschreitender Ereignisse die Unabänderlichkeit des Erfolgs auf dem Ursprung früherer That beruhet, der selten dem Einzelnen allein angehört. Man sagt sich das so gern zum Trost, wenn Neigungen uns fortreißen, und Zorn und Liebe mit unsrer Freiheit spielen. Sie waren unter diesem Gespräch zu des Grafen Wohnung gegangen, und betraten Rosaliens Vorzimmer, als ihnen die Gräfinn entgegen eilte, und im bittersten Unmuth zurief: sie weiß alles! Meine Ungeduld hat die Entdeckung beschleunigt! Ich bin außer mir über die kränkliche Weichlichkeit der Männer. Eine Träne zieht Euch aus Eurem Gleichgewicht und wiegt das Bischen Besonnenheit auf, das Euch zu Theil ward. Geht nur, fuhr sie fort, und helft bereuen, was ihr verdarbt, denn weiter versteht Ihr doch nichts. Ich bin recht unglücklich, von lauter Männern umgeben zu sein! Miranda ist leider seit wenigen Tagen mit ihrer Mutter im Bade, und ich traue mir selbst nicht mehr, seit alles solche Wendung nimmt! Der Graf war indessen von Rosalien gekommen, und versicherte: sie sei um vieles ruhiger, seit sie Alexis Brief gelesen, den er ihr ohne Rückhalt mitgetheilt habe. Sie gingen insgesammt zu ihr hinein, und fanden sie auf einem Ruhebette, den Brief in der Hand, den sie Rodrich sogleich mit den Worten gab: Sehen Sie, das ist der Fluch, der mich traf, dass mich alles wie eine giftige Blume flieht und ich das Liebste ins Grab stürze! Rodrich beugte sich in stummen Schmerze über ihre Hand, während sie ihn drängte, folgende Zeilen zu lesen.
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»Tadlen Sie es nicht, mein gütiger Beschützer, wenn ich so plötzlich aus Ihrem Kreise verschwinde, und mich aufs neue dem ungewissen Spiele des Lebens überlasse. Sie fühlten es wohl eher, wie schwer es dem Menschen wird, von allem was er liebt zu scheiden, und in fremden Herzen die Theilnahme zu suchen, die er in der geliebten Heimat zurückläßt. Aber gewiss, es muss so sein! Ich habe lange mit wachen Sinnen die Träume der Kindheit fortgespielt, und meine Arme sehnend nach einem Schattenbilde ausgebreitet. Ein heftiger Sturm zerriss die Nebel. In der Erschütterung findet der Mann sich am ersten wieder. Ich thue endlich, was ich längst gesollt. Nicht jeder darf erwarten, hier seine Wünsche gekrönt zu sehen, und im fruchtlosen Kampfe gegen einen höhern Willen ermatten die besten Kräfte. Vielleicht war ich überall zu schweren Opfern bestimmt, vielleicht sollte ich das irdische Daseyn hinwerfen, um mich selbst zu behaupten! Ich folge der innern Stimme, und eile, meines Heilandes Ruhm auf fernen Küsten zu verbreiten oder unterzugehen. Tragen meine Wünsche mich einst zu Rosaliens Füßen, so wird sie den Helden im Märtyrer ehren, und ihm die Achtung wiederschenken, die sie dem schwankenden Jünglinge versagte. Ach, mein geliebter Vater, könnte ich an ihrem Herzen alle Liebe und alle Sehnsucht ausweinen, und Ihren Seegen mit in die dunkle Zukunft nehmen! Aber ich soll Sie nicht mehr sehen! Ich muss, ich muss fort! Ewig der Ihrige.
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Alexis.«
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Ich hätte es wissen sollen, sagte Rosalie, wie das zurückgeschreckte Gefühl immer das Äußerste ergreift und sich selbst in der verlornen Hoffnung vernichtet. Aber ich kannte nur den eignen Schmerz und sah überall nichts als den Spott eines höhnenden Schicksals! – Warum musste ich auch gerade da mit dieser ängstigenden Beständigkeit geliebt werden, wo mein Herz unverändert schwieg! Die Gräfinn die nur froh war, dass Rosalie wieder sprach, und im eignen Unglück Trost und Entschuldigung für Alexis Schmerzen suchte, fragte begierig, wie es zugegangen sei, dass der Ritter bei so viel Liebenswürdigkeit und einem fast demüthigen Hingeben auch in frühern Kinderjahren nie einen günstigen Eindruck auf sie habe machen können? Ich weiß nicht, erwiederte Rosalie, warum mir die Wünsche meiner Mutter, die Alexis sehr liebte, und die kleinen Neckereien meiner Gespielinnen, ehe ich sie noch ganz verstand, Widerwillen erregten, und ich ein Glück verschmähete, das mir von allen Seiten gezeigt ward. Das frei ausströmende Gefühl hätte sich vielleicht dahin gerichtet, wohin man es absichtlich zu lenken suchte; allein jeder Schein von Zwang empört ein jugendliches Herz, und ich betrübte oft die gütige Mutter durch einen Widerstand, in welchem sie mehr Eigensinn als Abneigung erblickte. Ach, und sähe sie mich jetzt! Verstoßen, zernichtet den Unglücklichen, den sie beschützte, elend durch mich, die ihn beglücken sollte! War es doch von jeher mein Loos, die Erwartungen derer zu täuschen, die mit voller Seele an mir hingen! Welche Mutter, sagte Stephano, darf auch hoffen ihre frommen Wünsche gekrönt zu sehen? Darum blicken wir so wehmüthig auf unsre Kindheit zurück, weil der einsame Mensch die goldnen Träume wieder erkennt, die seine Wiege umflatterten, und das Paradies, das ihm in der mütterlichen Liebe erblühete, so unschuldig aus den Trümmern eines zerbrochnen Lebens hervorsieht! Rosalie, die aufgestanden war, trat zum Clavier und sang folgendes Lied:
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Hier im Walde, süßes Leben,
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162
Hier im Walde ruhe sanft;
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163
Sieh, es neigen sich die Zweige,
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Flechten dir ein Blüthendach.
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Und es rauschen durch die Blätter,
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Von den Lüften angefacht,
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Linde Töne, dich zu wiegen
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In den lang ersehnten Schlaf.
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Will dich auf den Rasen betten,
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An der frischen Quelle Rand;
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Wächter sind dir meine Sorgen
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Schutz und Wehr, der Mutter Arm.
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Blumen sprießen aus der Erde,
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Hüllen dich in farb'ge Pracht,
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Und die zarten Düfte weben
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Luft'ge Schleier um dein Haar.
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Wie sich schon die Augen schließen,
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Und der Wimpern dunkles Schwarz,
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Auf dem ros'gen Hauch der Wangen,
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Athmend auf und nieder wallt.
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Reitzend schmiegen sich die Glieder
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Wie Crystalle licht und klar
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183
Auf dem frischen Blüthenteppich,
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Schimmernd in der Sterne Glanz.
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Lößt sich doch mein ganzes Innre,
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Seh ich dich so reich begabt;
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Caspar David Friedrich – Wanderer über dem Nebelmeer, um 1818. Künstlerische Landschaft als Vergleichsmotiv, keine konkrete Buchszene.
Kontextbild zum Werk. Der Wanderer über dem Nebelmeer · Caspar David Friedrich · Public domain Bildquelle ↗
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Und die Freudenthränen fließen
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Auf dich Engelsbild herab.
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Jesus, schreit das Kind im Traume,
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Jesus, sieh das Schlangenpaar,
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Wie es sich durch Blumen windend,
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Drohend aus dem Dickicht nah't.
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Mutter, nun hat's mich ergriffen,
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Sieh die Ringel um den Hals;
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Blut'ge Thränen muss ich weinen,
Vorlage S. 163
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Wie es mich am Herzen fasst.
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Schlangen, Kind, sind goldne Reisen,
Vorlage S. 163
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Sagt sie lächelnd, küsst es wach,
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Und die Thränen deuten Perlen,
Vorlage S. 163
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Dich zu schmücken am Altar.
Vorlage S. 163
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Sinnend ging das Kind von dannen,
Vorlage S. 164
202
Bis es Traum und Wald vergaß.
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Ach ihm zeigte bald das Leben,
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Was die flücht'ge Ahnung war.
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Alle fühlten sich auf eine eigene Weise durch das Lied bewegt. Selbst die Gräfinn gedachte mit Rührung einzelner vorüberrauschender Anklänge ihrer Kindheit, und fühlte zum erstenmal schmerzlich, niemand zu haben, in dessen aufblühendem Daseyn sie jene entschwundene Hoffnungen und Freuden wiederfände. – Ganz anders blickte Rodrich auf sein verlassenes Leben! Hatte je eine Mutter Freudenthränen auf sein kümmerliches Lager vergossen? oder waren die matten Wünsche eines sterbenden Greises die einzigen Segnungen, die für ihn zum Himmel stiegen? Warum musste er unter Tausenden so loßgerissen und verlassen da stehn! Was war alle Theilnahme fremder Menschen gegen das innige Zusammenhalten, das Ineinanderströmen aller Gefühle einer Familie! Ach, und wie durfte der Glückliche klagen, der in der bedrängten Gegenwart noch die Erinnerungen seeliger Vergangenheit rettete. War er nicht überall, auch an Florio's Seite, ein Fremdling gewesen? und sah ihn die sorgsame Mutter aus ihrem Kreise treten? Drängt mich, fragte er sich bitter, das Schicksal etwa darum so gewaltsam in mich selbst zurück, dass die riesenhaften Wünsche übermäßig emporschießen und ich die Welt wie ein Atlas auf meinen Schultern tragen soll? Die innern Schatten gingen über sein düsteres Gesicht, und Seraphine, die ihn eine Zeit lang angeblickt, sagte lächelnd: mir wird fast bange in dieser trüben Gesellschaft. Kinder, ich bitte Euch, lasst uns nur einmal wieder aus voller Seele lachen und aller störenden Erinnerungen vergessen! Was hülfe das, sagte Rosalie, der Schmerz lebt immer wieder auf, man wird ihn trotz allem Widerstande niemals los. Sagen Sie das nicht, erwiederte Stephano, es ist entweder überall, oder nirgend Glückseligkeit zu finden. Wie verstehen Sie das? fragte Rosalie. – Ich meine, erwiederte er, wer es dahin gebracht hat, die Bedeutung jeder Störung zu ahnen, müsse die innere Harmonie sogleich wiederherstellen und über jeder momentanen Unterbrechung schweben können. Das kann nur die Unschuld, oder die göttliche Weisheit, erwiederte Rosalie, was dazwischen liegt, wird gleich einem Ball hin und her getrieben, und erliegt endlich der steten Anstrengung. Ach, und sagte nicht der Heiland am Kreutze: Herr, wenn es sein kann, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Warum sollten wir uns mit einer störrigen Tugend brüsten, die jeder irgend einmal verleugnet. Es ist doch eigen, sagte der Graf, der während dem nachdenkend auf und ab gegangen war, wie Familienähnlichkeiten so wiederkehren. Ich hatte einen ältern Bruder, den mir Alexis lebhaft zurückruft. Er verschwand einem Freunde zu Liebe aus der Welt, und sein verschollnes Andenken lebt nur noch in meiner Brust. Wir beide, setzte er hinzu, erregten den Zorn der Geistlichkeit, weil wir der Kirche einen Diener entzogen, weshalb ich auch mein Vaterland niemals wiedersah! Auch Alexis Mutter traf das Schicksal ihrer Brüder. Eine schnell vollzogene Heirath rettete sie nur vor kränkenden Verfolgungen. So gewiss ist es, sagte er halb vor sich, dass der Einzelne, wie er sich selbst ungetreu wird, alle Andre mit ins Verderben zieht. – Die Zeit, fuhr er nach einer Weile fort, hatte nach und nach einen Theil unsrer zerstreuten Familie hier wieder versammelt, und wer weiß, wo wir noch einst den theuren Jüngling antreffen! In der geliebten Heimat, mein Vater, sagte Rosalie, wo die beruhigten Herzen still an einander schlagen und alle Wünsche sich in einer seligen Umarmung auflösen. Der Graf blickte wehmüthig auf ihr bleiches Gesicht und drückte sie schweigend an die Brust. Vergebens hatte Seraphine wiederholt gesucht das Gespräch auf freudigere Gegenstände zu lenken; sie stand endlich ermüdet auf, und begann hunderterlei kleine Geschäfte, wobei sie unruhig nach der Uhr sah und jedem vorüberrollenden Wagen verlangende Blicke nachsandte. Rosalie, die es bemerkte, sagte endlich: Geliebte Seraphine, Ihre Wünsche tragen Sie nach dem Schauspiel. Lassen Sie doch, um alles, durch mich die gewohnte Lebensweise nicht unterbrechen; ich wäre sehr unglücklich, wenn meine Gegenwart auch Ihre schuldlosen Freuden trübte. Und glauben Sie nur, setzte sie hinzu, als die Gräfinn im Begriff war, den Vorschlag abzulehnen, ich bedarf der einsamen Stunden, um mich zu sammeln, und Ihnen Allen ein heitres Gesicht zu zeigen. Der Graf war Rosaliens Meinung, und fand es um so nothwendiger, gerade heute öffentlich zu erscheinen, um des Ritters schneller Abreise den Anschein des Gewöhnlichen und Vorhergesehenen zu geben. Du weißt, sagte er, wie sehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf unser Haus, als Fremdlinge und Anhänger der neuen herzoglichen Familie, gerichtet ist, und wie oft man sich schon der innern Störungen gefreut hat. Seraphine sah ihre Wünsche gern durch so triftige Gründe gerechtfertigt und lud Rodrich und Stephano ein, sie zu ihrer Loge zu begleiten. Rosalie reichte ihnen beim Abschiede die Hand, und sagte gerührt: geht nur, Ihr Glücklichen, die noch alles freut und jede neue Lust eine frohe Zukunft voraussagt; was Euch bewegt, glühete auch einmal in diesem verödeten Herzen!
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Als ihr Wagen an den Fenstern vorüberrollte, wo die einsame Rosalie wie ein Marmorbild an einer Säule lehnte, hub der Graf an: Wenn ich nur begreifen könnte, wie das tiefe Gefühl der Frauen so oft der kalten herzlosen Eitelkeit der Männer erliegt, und ihre leidenschaftliche Ausdauer allein das matte Spiel erhält. Dieser Ludovico war ein feiner, anmuthiger Jüngling, voll kleiner Talente für die Gesellschaft, geschmeidig, hingebend, ohne Liebe und ohne Haß, leidenschaftlich, so viel es braucht um ein Weiberherz zu berücken, doch ohne Zärtlichkeit und Mitgefühl. Er wählte Rosalien, wie er jede Andre gewählt haben würde, und verließ sie eben so. Er folgte auch hier nur den willenlosen Regungen verzärtelter Herzen, und wollte ihr eigentlich nicht wehe tun. Er meinte, es solle sich alles so fügen, und es ist wohl nicht unbedeutend, wie das Schicksal so kurzsichtiger Plane spottet. Der lächelnde, schwankende Ludovico, der nichts als gefallen und der herrschenden Meinung jedes Opfer bringen wollte, musste die unsichre Hand in das edelste Blut tauchen und scheu das Vaterland fliehen. Es ist unbegreiflich, sagte Rodrich, wie Rosaliens hohe Natur sich bis zu ihm neigen konnte! Die gänzliche Charakterlosigkeit, erwiederte Stephano, hat dies mit der reichsten Fülle gemein, dass sich in beiden die ganze Welt spiegelt. Frauen wollen in der Regel im Einzelnen das Ganze umfassen. In der gränzenlosesten Hingebung vergessen sie, dass sich der leere Grund flacher Seelen wie eine Schraube nach allen Seiten dreht, und nur den Schein des Bildes aufnimmt. Erwägen Sie noch, sagte die Gräfinn, dass der erste Blick, der ein unbewachtes Herz berührt, für das ganze Leben entscheidet, und die spätere Überlegung jenes Zusammenfallen keimender Gefühle nicht wieder aufhebt. Tiefen Gemüthern bleibt dann der Schmerz, indessen Leichtgesinntere mit der Liebe spielen, oder sie, wie ein verzehrendes Gift scheuen. Eine flüchtige Röthe überzog bei diesen Worten ihr Gesicht. O, sagte sie schnell, als der Graf ihr lächelnd die Hand reichte: gedankenlose Tändeleien gehören nicht hieher. Ich bin leicht über das Leben hingegangen, ohne je meine Eigenthümlichkeit einzubüßen, und was mir Eitelkeit als wahr aufdringen wollte, habe ich bald gegen etwas edleres vertauscht, setzte sie schmeichelnd hinzu, und hüpfte, als der Wagen eben hielt, zu dem breiten schönen Portal hinein, an dessen Eingang der Gelehrte stand, und ihnen sagte, dass der Herzog oben und das Spiel bereits angefangen sei. Was wird denn gegeben, fragte Seraphine gleichgültig? Alle lachten, dass Niemand bisher daran gedacht hatte, und als der Gelehrte Macbeth nannte, sagte die Gräfinn, ich hätte so etwas erwarten können, da der Herzog zugegen ist. Liebt er das Tragische so ausschließend, fragte Rodrich? Ich weiß nicht, erwiederte Seraphine, allein es ist, als wolle er sich an den Riesengestalten aufrichten, und als bedürfe er es, alle Schauer der Hölle außer sich zu sehen, um innerlich ruhiger zu werden. Wieder das alte Misstrauen, rief der Graf unwillig; ich dächte, vorherrschende Neigungen sollten in Dir eine billige Richterinn finden. Nun mindestens, erwiederte sie, wollen die schlaffen Sinne durch eine derbe Erschütterung gehoben sein, denn so außer allem Zusammenhange mit dem übrigen Menschen stehen seine Neigungen doch wohl nicht. Ich weiß nicht, sagte der Gelehrte, ob die Sehnsucht nach dem Gediegenen, in sich Feststehenden, gerade von einer kraftlosen Seele zeugt, oder ob nicht vielmehr dies Bedürfnis selbst schon erweckte Kraft ist, die sich nach einem Wiederschein von außen sehnt. Auch für Sie, sagte die Gräfinn lachend, ist es genug, dass man den nordischen Dichter liebt, um etwas Edles in dieser Vorliebe zu finden! Gewiss, erwiederte er, sind es nur befangene Menschen, die sich in ihm so wenig als in der reichen Gestaltung der Natur finden können. Das Nationale der Farbenmischung, so wie alles dasjenige, was dem Zeitmoment angehört, sollte billig für Niemand eine Störung sein, der die mannichfache Bedeutung der Natur aufsucht. Und wie Shakespear auch in der blos äußern Darstellung frühere Zeitalter verstand, wie südliche Gluth in ihrer höchsten Fülle, in der zartesten Lieblichkeit ihn durchdrangen, das sehen wir in den historischen Stücken und in Romeo und Julie.
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Sie traten jetzt in die Loge, und Rodrich ward durch den Anblick der wogenden schimmernden Menge, die das weite Haus umfasste, wie durch den Glanz der herzoglichen Umgebungen angenehm überrascht. Er kannte bis jetzt nur einzelne herumziehende Truppen, und der hohe Maaßstab römischer Amphitheater war zu dem beschränkten Raum elender Breterbuden zusammen geschrumpft. Jetzt eröffnete sich ihm ein neuer ungeahneter Genuss. Vergangenheit und Gegenwart traten lebendig vor ihn hin und rissen ihn unaufhaltsam fort. Die Schauspielerinn, welche Lady Macbeth darstellte, spielte mit einer erschütternden Wahrheit. Rodrich fühlte die Gewalt, mit welcher sie den in seiner Grausamkeit schwankenden Gemahl zum Ziele riss. Und als nun die That geschehen war, und die freche Sünde noch einmal mit der Reue stritt, bis diese sie gespenstisch anfaßte und der bleiche Tod auf den starren Zügen lag, da überfiel ihn eine Angst, dass er kaum aufzublicken wagte. Um sie los zu werden, theilte er Macbeths Trotz, und focht in Gedanken für ihn um den Thron, bis sein blutiges Haupt die furchtbare Prophezeyung löste und das Verderben der Rache die Hand bot.
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Rodrich saß mit klopfendem Herzen da, auf allen Gesichtern lag Entsetzen. Zufällig blickte er nach der herzoglichen Loge. Die tief gebrannten Lichter warfen unsichere Schatten, ihm war als schwankte der Herzog und wolle niederfallen, unwillkührlich sprang er auf, als ihn Seraphine bei der Hand fasste, und unruhig sagte: Lassen Sie uns fortgehen, die blutigen Gestalten ängsten mich. Fühlen Sie wohl, sagte der Gelehrte, wie ächte Poesie durch alle Zeiten fortschreitet und nach Jahrhunderten die innere Wahrheit sich in aller Herzen behauptet. Ich wünschte, sagte die Gräfinn, sie nahete sich in freundlichern Gebilden; diese Verzerrungen bemächtigen sich wohl des Gefühls, lassen aber eine widrige Störung zurück. Es kommt darauf an, erwiederte er, ob man bei dieser stehen bleibt, oder bis zur Idee des Gedichts hindurchdringt. Das Laster in dem verblichnen Schein mattherziger Tugend auftreten zu lassen, so wie das Verbrechen auf den halben Weg zu führen, um ein verpfuschtes Leben durch ohnmächtiges Wollen und thörichtes Vollbringen zu verwirren, das war jenen frühern Dichtern fremd, die alles scharf und bestimmt außer sich hinstellten, und wie die Urkräfte der Natur das Chaos gewaltsam durchbrachen. – Das mag sein, sagte die Gräfinn, aber wir sind längst über den Zeitpunkt hinaus, wo das rohe Walten jener Kräfte dem Menschen so nahe lag, dass er sein eignes Daseyn darin wiederfand, und wie Sie es auch stellen mögen, die Erscheinungen heutiger Zeit sind dennoch milder, beruhigender, kurz unserm Herzen verwandter. Je beschränkter der Kreis, erwiederte der Gelehrte, je näher berühren sich die Gegenstände, und dem ohngeachtet, könnten Sie plötzlich das allgemeine Band einengender Rücksichten von den Herzen der Menschen lösen, und mit ihm den Schein des Gleichartigen weghauchen, Sie würden jetzt, wie damals, das Hohe vom Niedern getrennt im schärfsten Gegensatze erblicken. Dass so oft das einzelne Große in der allgemeinen Nichtigkeit verschwimmt, dass liegt nicht sowohl daran, dass die Menschen nicht können, was sie wollen, sondern dass sie nicht wollen, was sie können. Nun, erwiederte Seraphine, ich kann und will Ihnen gute Nacht sagen und dem langweiligen Streite ein Ende machen, wo jeder Recht behält; denn ich will nun einmal nicht die lustige Gegenwart für jene halb verwischte, unkenntlich gewordene Bilder der Vergangenheit hingeben. Wer so frisch und lebendig in ihr erscheint und alles um sich her verschönt, sagte der Gelehrte, der hätte auch Unrecht, eine so reitzende Einheit zu unterbrechen. Gottlob! sagte sie lachend, Sie ersetzen mir den Ritter; nun, wir wollen bald mehr streiten, jetzt schlafen Sie wohl. Sie eilte an des Grafen Arm zum Wagen, und ließ Rodrich mit den beiden Andern zurück, die das Gespräch noch weiter fortsetzten. Sie verkennen in der That das Streben heutiger Welt, sagte Stephano, das sich gerade in der allgemeinen Verwirrung darthut. Sehen Sie denn nicht den Wunsch alles zu umfassen, sowohl aus dunklen als erkannten Regungen hervorleuchten. Und ist es nicht natürlich, dass, seit die Richtungen mannichfacher wurden, der Einzelne den aufgeschloßnen Weg nicht mehr so streng verfolgt, sondern sich nach allen Seiten neigt und die Kräfte auf tausend Weisen übt. Mich dünkt aber, sagte Rodrich, der erweiterte Kreis werde den innern Reichthum nicht schmälern, so bald ein fester Punkt da ist, wohin man zurückkehrt, und es ist ja nach früher geäußerten Grundsätzen auch wohl Ihre Meinung, dass darin die Consequenz der Allseitigkeit bestehe, in Vielem das Eine aufzusuchen und zu reflektiren. Ganz richtig, erwiederte Stephano, aber dies Eine ist jetzt nicht sowohl der Mensch, als die Menschheit überhaupt. Dasselbe, sagte der Gelehrte, war weit früher und auf eine weit würdigere Weise die Tendenz des Christenthums, und ist die Aufopferung des Individuums im Staale bei den Römern etwas anderes? Ganz gewiss, erwiederte Stephano, denn Christenthum und Römischer Staat sind zwei abstrakte Begriffe, die sich in der Idee der Menschheit erst auffinden. Daher die Einseitigkeit, zu der beide ausarteten. Und was ist denn die jetzige Universalität? fragte der Gelehrte. Ich sage nicht, dass sie überall schon etwas ist, erwiederte Stephano, allein man darf ahnen, wohin alles führt. Manches Licht glüht im Verborgnen, und – ein zerlumpter Knabe nahete sich hier mit einer Laterne, und fragte, ob er ihnen zu Hause leuchten sollte. Sie sahen mit Erstaunen, wie das alles leer und dunkel um sie war. Der wieder aufgezogene Vorhang zeigte ihnen die erloschnen Lampen, und schmutziges Gesindel, das den Weihkessel der Prophetinnen, Birnams Wald und Maebeths blutiges Schwerdt hin und her zerrte. Das nackte Gerüst blickte sie frostig nach dem lebendigen Spiele an, der Zugwind strich durch die geöffneten Thüren und bewegte die halb sichtbare Thalia auf dem Vorhange schauerlich hin und her, das letzte Licht erlosch und sie mussten des Knaben Anerbieten benutzen, um die langen Gänge hindurch zu finden. Schweigend begrüßten sie einander im Vorhofe, und jeder ging den eignen Weg.
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In Rodrichs Seele stiegen dunkle Ahnungen auf, und kämpften mit dem unbezwinglichen Drange nach Größe und Herrlichkeit. Was ist es denn mit den Wünschen der Menschen, sagte er muthlos, wenn ihn am Ziele die vergeudete Kraft und die hingeworfene Blüthen unter Trümmern eines gescheiterten Glückes begraben, und alles was ihn hier bewegte, in einen erstarrten Blutstropfen zusammendringt! Und wird nicht einem jeden, wenn die Jugend zerronnen und der frische Glanz verblichen ist, die Wirklichkeit wie ein Gerippe erscheinen? Thäte man denn nicht besser, sich langsam vom Strom dahin treiben zu lassen, wohin man doch einmal gelangt, als mit ängstlicher Hast die wohlthätige Trägheit der Zeit zu beflügeln? Hier ging ein Mädchen mit einer Cyther vorbei, von deren vorüberrauschendem Gesange er nur folgende Worte erhaschte:
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Lass die Schatten zieh'n und wandeln,
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Flüchtig Spiel fand nimmer Stillstand,
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Wünsche wechseln wie Gedanken,
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Bleibend Licht erfreut hier Niemand.
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Leben ist ein streitend Lieben,
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Lieb' im Streit des Lebens Anfang,
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Wie sich Muth und Kraft entbinden,
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Strömt erst siegend kühler Balsam.
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Die schlanke Gestalt hüpfte so leicht über die Straße hinweg, während sie mit den zierlichsten Bewegungen den Takt der Musik angab, dass ihr Rodrich noch lange nachsah, als die Töne schon in der Ferne verhallten, und er nur noch ganz schwach »Leben ist ein streitend Lieben« zu hören glaubte, Worte die sein Herz mit der wehmüthigsten Sehnsucht erfüllten. Er konnte sich viele Tage hindurch nicht wiederfinden, und die Geschäfte seines neuen Berufs ermüdeten ihn zum erstenmale, statt ihn aufzurichten, selbst der Ernst des Grafen schien ihm erkünstelt, wie das ganze Treiben zwecklos. Die weite Aussicht einer thatenreichen Zukunft beschränkte sich immer mehr auf einzelne wiederholte Uebungen, die mit dem Reitz der Neuheit auch jede anregende Kraft verloren. Rücksichten, die er früher nicht geachtet, dünkten ihn jetzt lästig. Ja ihm war, als schlänge sich die Kette des Alltäglichen immer fester um ihn herum, und werde ihm zuletzt jede freie Bewegung rauben. Die behagliche Wohlhabenheit seiner Lage achtete er nicht mehr, seit er sie besaß. Der üppige Erguß des Glückes hatte ihn überfüllt, und er betrachtete die Welt wie jemand, der in der aufblühenden Jungfrau die erstorbenen Züge der Matrone erblickt. Die innere Unzufriedenheit wuchs, da er immer auf demselben Punkt blieb, und nirgends einen Fortgang sah. So lange er der Kunst gelebt, erkannte er einen großen Zweck, dem er kräftig entgegenarbeitete. Was er damals suchte, war ihm plötzlich nahe getreten, er hatte es erfasst, und glaubte mit einem raschen Anlauf das höchste Ziel zu er schwingen. Jetzt ging alles den gewöhnlichen Gang, und was er wünschte und haßte, was er früher geträumt, schwebte in verworrenen Bildern vor Ihm her, und verfinsterte seinen Weg. Oft wollte er sich Stephand entdecken, allein ihn schreckte sein kalter Blick und die Verstandesruhe, mit welcher er über menschliche Verhältnisse hinaussah. Rosalie war krank, und ließ Niemand vor sich. Seraphine hatte einigemal sein langweiliges Gesicht belacht, er verlor die Lust an ihrer Gesellschaft, seit er aufgehört hatte, ihr neu und interessant zu sein. So verflossen ihm mehrere Wochen. Die wechselnden Gegenstände erregten seine Aufmerksamkeit nur schwach, und er selbst ging unbeachtet als eine gewohnte Erscheinung an den Menschen hin.
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Einst als ihn ein langer Spatziergang vor dem alten Schlosse vorüberführte, gedachte er jenes Abends mit neuer Rührung. Rosaliens Bild schwebte auf dem Altane, er begriff nicht, wie er es je verkannt hatte, dass sie in seinem Herzen lebe und ihn von der Welt entfernt habe, wo er sie längst nicht mehr fand. Alexis plötzliches Verschwinden hatte auch jene frühere Eindrücke betäubt, und die Worte der kleinen Sängerinn verwirrten seine Gefühle, statt sie zu entfalten. Jetzt war ihm alles so klar, er fühlte es bestimmt, dass sie es war, die ihm fehlte. Voll heitrer Erwartungen wandte er sich zur Stadt. Er wollte sogleich zu ihr gehen, sie sollte in dem milden Schein der zartesten Liebe genesen; nie, das gelobte er sich, dürfe ein kühnes Wort ihr Gefühl verletzen. Im Verborgnen solle die Blüthe reifen und einst die innigste Treue lohnen. Alles schien ihm leicht und sicher. Sein Inneres wogte wie die reichen Kornfelder, die er froh durchstrich. Er blickte heiter um sich her. Ueberall ruhete ein seliges Schweigen, man hörte nur das Flistern der vollen Aehren, die sich leise zu einander neigten; die ganze Flur schwamm im klaren Sonnenlichte und die hochrothen Dächer der Stadt glüheten wie eine Purpurwolke. Ihm war fast wie an jenem Morgen, da er das Kloster verließ, nur fühlte er sich stiller, die Welt hatte andre Erwartungen in ihm erregt, und er lauschte sehnend auf jeden Athemzug der Freude. In dieser weichen, zärtlichen Stimmung, trat er unter die Platanen, wo er Seraphinen bei ihren Blumen antraf. Kommen Sie Rosalien Glück zu wünschen? fragte sie heiter, ihr die den ersten Tag außer dem Bette zubrachte, und wieder Zerstreuung sucht und findet. Gehen Sie nur hinein, sie wird Sie gern empfangen. Es war ihm nicht eingefallen, dass Rosalie für ihn nicht sichtbar und fortwährend krank sein könnte, und dennoch ward er durch die Nachricht ihres Wohlseyns überrascht, und sah sie als eine günstige Vorbedeutung seiner Wünsche an. Er fand Rosalien schöner als jemals. Das zarteste Weiß umfloß wie ein Hauch die edle Gestalt. Sie saß an einem offnen Fenster und freuete sich der milden Luft, die mit ihrem Haar spielte. Die untergehende Sonne spiegelte sich in dem Strom und färbte mit den letzten Strahlen die bleiche Wange der Kranken. Vor ihr stand ein offnes Kästchen, in welchem sie beschäftigt war Briefe zu ordnen. Helfen Sie mir, sagte sie lächelnd, meine Liebe zu Grabe tragen. Diesen Schatz will ich in die Erde versenken, damit kommende Geschlechter sehen, wie geschickt man einst heimlich zu morden wusste. Nein, fuhr sie nach einer Weile fort, Niemand ward je so unerhört betrogen! Lesen Sie, ich bitte Sie, lesen Sie diese beiden Briefe, sie sind um wenige Tage aus einander. Ach Gott, ich müsste Ihnen wohl mehr sagen! nun ja – Sie wissen, ich liebte – ein Strom von Thränen benetzte ihr Gesicht; ach, ich habe ihn unbeschreiblich geliebt, sagte sie wehmüthig; unbeschreiblich! Wenn ich der ersten süßen Regungen gedenke, wie alles so friedlich war und die bescheidnen Wünsche mich in selige Träume wiegten, und wie dann plötzlich alles die Gränzen überschritt und die gewichtige Leidenschaft die heiligsten Bande zerriss! Rodrich war in der peinlichsten Lage. Diesen Beweis ihres Vertrauens hätte er gerade heute gern entbehrt, und sein Herz ward durch die Ausbrüche ihres Schmerzes tausendfach zerrissen. Mein Bruder, fuhr sie fort, missbilligte meine Wahl, Alexis verspottete sie, während der Herzog, der da mals um Seraphinens Liebe warb, die Flamme auf alle Weise anschürte. Mein Vater blieb allein ruhig, und meinte, ich würde wohl selbst von dieser Thorheit, wie er es nannte, genesen. Nach und nach erhielt indessen unser Verhältnis eine Art von Gültigkeit vor der Welt, nur ward Ludoviko fortgesetzt kalt, ja feindselig von meiner Familie behandelt, was mich den bittersten Kämpfen hingab, und oft dahin trieb, meine Wünsche und Hoffnungen hinzugeben, um ihm ähnliche Kränkungen zu ersparen. In einem solchen Augenblick schrieb ich ihm, als er den Herzog auf einer Reise begleitete, diese Worte, die ich der merkwürdigen Auslegung wegen späterhin wieder aufzeichnete und hier bewahre.
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»Wie lieb' ich Dich, mein Ludoviko, der schonenden Ruhe wegen, mit der Du jede Unannehmlichkeit erträgst, die Dich meinetwegen trifft. Aber glaube nur, gerade was mich unauflöslich an Dich kettet, das flößt mir oft den Gedanken ein, mich selbst aufzuopfern, um Dich unter würdigern Umgebungen ein schöneres Glück genießen zu lassen, als Dir meine Liebe giebt. Ach! fühle es nur, wie ich ganz in Dir lebe, um so etwas denken zu können, und bist Du stark genug, Dich meinetwegen zu verleugnen, so tödte die Schwäche nicht, mit der ich dennoch meinen Wünschen schmeichle.«
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Bald darauf erhielt ich folgende Antwort.
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»Dahin hat es also die kurze Trennung gebracht! Rosalie, so schnell konntest Du den Gedanken fassen, mich aufzugeben? so geläufig ist er Dir geworden, dass Du mir ihn ohne Rückhalt mittheilst? Will sich denn alles von mir wenden, und soll ich jede freudige Erscheinung meines Lebens schwinden sehen! Aber Du hast Recht. Der Kampf, der Dich zwischen Deinem Bruder und mir hin und her treibt, fällt Deiner sanften Seele zu schwer. Einen von beiden musstest Du fahren lassen. Ich weiche, Rosalie. Du hast mich die Notwendigkeit einsehen gelehrt, und ich muss die zarte Hand segnen, die mir so schonend diese Wunde schlug.«
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Ich war weit entfernt das Gift zu ahnen, das hier verborgen lag, und sah in allem nur ein Uebermaaß leicht zu verletzender Zärtlichkeit. In diesem Sinne und in einem Gemisch von Unruhe und dankbarer Rührung schrieb ich ihm eines Morgens, als mein Bruder mit so verstörtem Gesicht zu mir hereintrat, dass ich erschrocken aufsprang, ohne den Muth zu haben, nach der Ursach seines Kummers zu fragen. Er ging schweigend auf und ab, dann nahete er sich mir mit einem Blick, in welchem Tod und Verderben lag. Rosalie, sagte er mit zitternder Stimme, wir sind beschimpft, Ludoviko hat dich verlassen, und mich und uns Alle dem Gelächter preisgegeben. Ich weiß nicht deutlich, was ich damals empfand, allein ich erinnere mich, dass ich freier athmete, seit ich wusste, was ihn so gewaltsam bewegte. Ich hatte etwas Aergeres gefürchtet, und sagte nur: also ist er doch nicht todt? – Wollte Gott, er wär' es, erwiederte Fernando; aber zweifle nicht an seinem Untergang, so lange ein Athemzug in mir ist, soll er die Schmach büßen. Oder trauest du meinen Worten nicht? Glaubst du, man kennet mich nicht genug, um mir ein leicht ersonnenes Mährchen aufzuheften. Sieh, ich schwöre dir, er ist für dich verloren. Gestern war seine Verlobung mit einem schönen, unschuldigen Mädchen, das sich ihm so vertrauend hingab, wie du. Aber ich will diese Taube retten. Der Weg zum Altar geht nur über meine Leiche. Ich hatte alles in dumpfer Verwirrung angehört, und wusste nicht, was ich glauben und fürchten sollte. Mein Bruder schloss mich ungestüm in die Arme, und nachdem er mich auf die Stirn geküsst, sagte er: so stähle ich dich gegen alle glattzüngige Verführung, und könntest du diesen Kuß vergessen, so möge er dich brennend an meine Worte mahnen. Er stürzte außer sich zum Zimmer hinaus, ach! und niemals fühlte ich das treue Herz wieder an dem meinigen schlagen! Sie hielt einen Augenblick ein, dann sagte sie: wenn ich einen Augenblick nachdenke, wie alles plötzlich so da stand, wie es mir oft in Fieberträumen vorschwebte, so ist mir's unbegreiflich, wie der Mensch die warnende Stimme überhört, die oft so furchtbar aus seinem Innern heraufdringt, und wie die anschwellenden Wogen ungezügelten Verlangens ihn von Klippe zu Klippe reißen, bis das lang Gefürchtete, Ungekannte ihn aus tausend Augen ansieht und er in dumpfer Verwirrung dem Verderben in die Arme sinkt! Ich fasste auch damals mein Unglück nur halb. Fernando hatte mich erschüttert, ohne mich zu überzeugen. Welch schuldloses Herz ahnet auch diese Verrätherei! Ludoviko's Brief löste endlich jeden Zweifel, und meines Bruders blutige Gestalt drängte mich aus einer Welt, wo mir nie eine Freude blühet!
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Sie nahm hier ein Blatt aus dem Kästchen, und gab es Rodrich, der in der heftigsten Bewegung folgendes las:
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»Du hast es gewollt, meine Rosalie! Ich folgte Deinem Wink, und fasste die Hand eines frommen Kindes, das auf der Welt Niemand hat, als mich, und dessen freies Gefühl dem Manne unbedingt angehört, der es zu beschützen und durchs Leben zu führen verhieß. Warum sollte ich es Dir verhehlen, dass ich mich in meiner jetzigen Lage ruhiger fühle, wo ich auch dich frei von ängstlichen Kämpfen und unsre Gefühle zu einer schönen Freundschaft veredelt sehe, die, sich nach den Umständen modifizirend, einen ganz eigenthümlichen, Dir angemessenen Charakter behaupten wird. Wie könntest Du auch ein Band lösen wollen, das Du selbst so fest knüpftest! Wie könnte ich je die hohe edle Natur weniger in Dir lieben! Wir sagten es uns wohl früher mit Wahrheit, dass solch ein Bund unzerstörbar sei, und so bleibst Du mir die treue Freundinn und der schützende Engel meiner Serena. Sage Deinem Bruder, dass ich ihm jetzt, wie immer, die Hand zum Frieden reiche, und wie ich hoffe, dass er sie nicht verschmähen werde, da uns nichts Aeußeres mehr trennt.«
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Wie ist es möglich, sagte Rodrich, dass Sie dieser feigen Halbheit nur eine Träne schenken konnten! Tadeln Sie nicht so streng, erwiederte Rosalie verletzt, was Sie unter ähnlichen Umständen vielleicht nicht anders gemacht hätten. Es ist unglaublich, wie sich der Mensch hintergeht, und oft das ganz Gemeine für eine große That erklärt. Nein, beim ewigen Gott, rief Rodrich aus, ich würde den Muth haben zu sagen, wie ich fühle, ohne dem rücksichtslosen Vertrauen eine Falle zu stellen, und dem edelsten Gemüt die Schmach aufzulegen, einen Nichtswürdigen geliebt zu haben! Sie sind wie Alexis! sagte Rosalie schmerzlich. Ach, dass doch Niemand ein krankes Herz zu schonen weiß! Rodrich gedachte seiner Vorsätze, und fühlte sich fremd und befangen in der Notwendigkeit, so leise auftreten zu müssen. So schwiegen beide einige Augenblicke hindurch, als Rosalie sich aufrichtete und erschöpft in Rodrichs Arme sank. Unwillkührlich drückte er sie an die Brust; ach, süßer Engel, sagte er im Uebermaaß des Gefühls, lass mich dich so durch's Leben tragen; lehne nur dein schönes Haupt an dies Herz, das so stolz und so selig ist, seit es dein Bild im Innern verschließt! Rosalie blickte überrascht zu ihm auf, dann sagte sie wehmüthig: lassen Sie sich nicht durch flüchtige Regungen täuschen, bewahren Sie die frischen Blüthen vor nächtigem Reif. Rodrich, meine Hand ist kalt und starr wie der Tod, sie hat den Druck der Liebe verlernt, und was mich noch zuweilen in die Welt zurückzieht, das sind Aufwallungen einer sterbenden Jugend. Glauben Sie nur, es giebt Menschen, die so innig von ihrem Unglück überzeugt sind, dass sie auch in den Sonnenblicken ihres Lebens nur dies Geschenk einer liebenden Mutter erkennen, dem todtkranken Kinde die entsetzlichen Schmerzen zu lindern. Er hatte sie sanft auf das Ruhebette gelehnt, und saß, das Gesicht in die Küssen verbergend, weinend neben ihr, als die Thür ausflog und eine unendlich schöne Gestalt, von Seraphinen und den phantastischen Knaben mit brennenden Kerzen begleitet, vor Rosalien hintrat. Miranda, rief diese, so sehe ich Sie noch einmal wieder! Die Prinzessinn neigte sich mit unbeschreiblicher Lieblichkeit zu der kranken Freundinn, und die klaren Blicke schwammen in Wohlwollen und Liebe, als sie nach den ersten gegenseitigen Begrüßungen und den allgemeinen Höflichkeiten, zu denen Rodrichs Vorstellung sie zwang, beruhigend sagte: ich finde Sie bei weitem besser, als ich es nach den üblen Nachrichten erwarten durfte. Jetzt sehe ich, dass alles gut gehen wird, wenn sie nur den Freunden vertrauen wollen. Daher komme ich auch, Sie zu meinem Pavillon zu entführen, wo es mir so oft gelang, eine freudige Vergangenheit zurückzurufen und bessere Erinnerungen mit Ihnen zu feiern. Sie glauben gar nicht, fuhr sie fort, wie oft ich jetzt an der Küste unsrer nordischen Winterabende gedachte, wenn die scharfe Meeresluft uns zwang das Zimmer zu hüten, und wir Alle nach Sonnenuntergang in Shawls und Tücher gehüllt um den Kamin saßen! Es ist seltsam, wie man die bessere Gegenwart zuweilen gern für entschwundene Freuden hingäbe! Sie wissen, wie oft wir mit trüben Blicken auf der erstarrten Natur ruheten, und uns nach der südlichen Herrlichkeit sehnten, die uns Persische und Arabische Mährchen und der Mutter lachende Schilderungen kennen gelehrt; wie wir dann bei den ersten Frühlingslüftchen auflebend, uns so gern überredeten, wenn sich mein Papagey auf den künstlich gezognen Orangen wiegte, wir wandeln in Asiens blühenden Haynen, und gleichwohl streift jetzt ein kalter Ostwind wie ein sehnender Ruf aus der Ferne an mir vorüber, und mitten in der Blüthenpracht freue ich mich der leichten Schauer und der wogenden Nebel, die mich im Fluge zu der alten Heimat tragen. Rodrich dachte hier an Florio, wie er der Einzige sei, mit dem er in die einsame Kindheit zurückgehen könne, und dass ihm dieser Eine nun so fremd geworden, und er nicht einmal wisse, wo er ihn aufsuchen solle. Er war noch so bewegt von dem vorigen Gespräch, er fühlte es jetzt so lebendig, dass ihm Rosalie nie etwas werden könne, und dass er vergeblich suche dieser herbstlichen Rose den Frühlings-Glanz seiner Liebe zu leihen, so dass er gerührt ausrief: Wie glücklich sind Sie Rosalie, sich so schöner Stunden mit einer geliebten Gespielinn zu freuen! Und wie ganz anders muss der Mensch die Welt ansehen, dem theilnehmende Freundschaft zur Seite steht. Miranda betrachtete ihn aufmerksam, während er sprach. In seinem Auge glänzte noch eine Träne, und Schmerz und Sehnsucht umwölkten das blühende Gesicht. Es ist nur gut, sagte sie lächelnd, dass es Niemand giebt, zu dem nicht irgend ein verwandter Laut dränge, und die öde Brust mit Freude erfüllte! – Was sind vorüberrauschende Klänge, erwiederte Rodrich, gegen die innere begleitende Musik des Lebens! Die vollen Accorde dünken uns nur schöner, sagte Miranda, je leiser sie verhallen, und dem unbefriedigten Herzen neue Genüsse verheißen. Lassen Sie uns nicht so ängstlich mit dem Schicksal über jede einzelne Unterbrechung rechten, da es nur von uns abhängt, den Ton da wieder aufzunehmen, wo wir ihn sinken ließen. Das hinge von uns ab? fragte Rosalie. Ach man sieht wohl, wie der Himmel seinen Liebling jedes dauernden Schmerzes überhob, und aus der augenblicklichen Störung neue Blüthen erwachsen ließ. Das ist wohl überall dasselbe, sagte die Prinzessinn, nur glaubt man oft ein trockenes Reis in den Händen zu halten, wenn uns die sprossenden Keime schon mit verhüllten Augen anlächeln. Doch lassen Sie uns nicht über Lust und Schmerz streiten, Niemand glaubt dem Andern, bis er selbst sieht. Darum möchte ich Sie so gern der Einsamkeit entreißen, und in mein kleines Paradies hinüberziehn, wo die Blumen so lustig im Sonnenglanze spielen und alle Sorgen vor der heitern Stille weichen. Ihre Freunde suchen Sie dort auf und Sie genesen in unsrer Aller Liebe. Miranda umarmte sie hier und versprach den folgenden Morgen wiederzukommen, da sie jetzt zurückkehren müsse, weil der Herzog sie bei ihrer Mutter erwarte. Im Weggehen sagte sie zu Rodrich und der Gräfinn, die sie begleiteten: es ist wohl eigentlich wenig für Rosalien zu hoffen, sie betrachtet alles in einem ganz eignen trüben Licht, und so bald man ihr ein andres aufdringen wollte, würde sie in dem Streite untergehen. Einzelne Blicke dürfen nur an ihr vorüberfliegen, die sie noch mehr reitzen und dem Schmerze Nahrung geben. Denn für Gemüter, wie das ihrige, wäre es ganz eigentlich der Tod, wenn sie je aufhören könnten zu trauren. Daher muss man nur auf seiner Hut sein, sich in ihrer Nähe selbst zu behaupten, und weder etwas erzwingen zu wollen, noch sie durch zu große Nachgiebigkeit zu erschöpfen. Haben diese Wunden einmal ausgeblutet, so wird sich das innere Gift zerstörend gegen sie selbst wenden. Es ist sehr leicht, setzte sie hinzu, einen Unglücklichen zu verletzen, und nicht selten weckt das eifrigste Bemühen gehässige bittere Gefühle. Sie sagte das so anspruchslos, so frei aus der innersten Seele heraus, die zärtlichste Rührung leuchtete dabei in ihren Augen, so dass man deutlich sah, wie angeborne Klarheit sie über jede Verwirrung hinaus hob. Rodrich fühlte sich stiller seit er sie gesehen, und tadelte selbst die Ungenügsamkeit, die ihn zu thörichten Wünschen verleite. Beschämt gestand er, dass er, sich selbst ungetreu, die lang genährte Störung öffentlich zur Schau getragen, und das freundlichste Wohlwollen dadurch von sich entfernt habe. Seine anmaßende Foderungen gemahnten ihn selbst lächerlich, und er konnte nicht begreifen, wie ihm jener klare Blick über die verschiedne Gestaltung des Glückes so lange fremd geblieben war. So erschien ihm nun alles weit anders, und wie den trüben Sinn die eigne Dunkelheit gefangen hält, so erblühet dem heitern ein Licht nach dem andern, bis er auf glänzenden Schwingen die Welt überfliegt und überall nur Lust und Freude sieht. Er gefiel sich so wohl in dieser erhebenden Stimmung, dass er sich recht angestrengt bemühete, jeden ängstigenden Ruf aus dem Innern zu überschreien, und vor den eignen Gespenstern zu fliehen. Stephano fand ihn in diesem Lichtmeere schwimmend, und als er die Veranlassung erfuhr, beredete er ihn, sich bei der Prinzessinn Therese vorstellen zu lassen, wodurch es ihm allein möglich sei, Rosalien öfter zu sehen, und jene interessante Bekanntschaft fortzusetzen. Er willigte ein, und betrat schon am folgenden Tage das leichte, fast feenartige Sommerhaus. Eine Reihe weißer Marmorsäulen, die es umgab, trug ein reich vergoldetes Dach. Alle Zimmer stießen auf diese äußere Halle und zeigten durch die geöffneten mit bunten Vorhängen gezierten Thüren die Pracht der innern Einrichtung. Durch sie gelangte man zu einem Saale, der den Mittelpunkt des Gebäudes ausmachte, und durch eine vielfarbige Glaskuppel die Beleuchtung erhielt. Nischen mit hohen Spiegeln versehen, fingen die bunten Lichtstrahlen auf und verbreiteten sie auf rosige Marmorwände und silberstoffne Polster. Alles wogte hier im blendendsten Glanz. Er glaubte von verklärten Gestalten umgeben zu sein, als ihm die Prinzessinn mit ihren Töchtern entgegen trat. Doch bald zeigte ihm Elwire, die sich mit einer ihrer Damen verstohlne Zeichen bei seinem Eintritte gab, dass er wirkliche Gebilde vor sich habe. Therese hatte von ihm gehört, und es war auf ihr Geheiß, dass ihn Stephano hier einführte. Sie redete ihn sehr verbindlich an, in ihrem Ton und Wesen lag eine unendliche Milde, und oft ruheten ihre Blicke wehmüthig auf den seinen. Indessen suchte sie beunruhigende Gedanken durch allgemein herbeigeführte Gespräche zu entfernen. Miranda sagte ihm, dass sie Rosalien vergebens erwartet habe, deren wechselndes Befinden sie unendlich beunruhige, je weniger sie selbst davon ergriffen scheine. Elwire, die während dessen unter vielem Lachen Stephano's Anzug gemustert, und oft ziemlich laut nach Alexis und dem Vorgange auf dem Waldschlosse gefragt hatte, sagte jetzt unverholen, wie sie es nicht begreife, dass gerade Rosalie die treue Liebe des zierlichen Ritters so hartnäckig von sich weise, da sie in ihrer Lage wohl schwerlich auf einen ergebenern Anbeter rechnen dürfe. Man sieht aber, setzte sie hinzu, dass Kränklichkeit sie verstimmt, und das hat der gute Ritter auch wohl eingesehen und sich geschickt zurückgezogen. Stephano ließ sie gern reden, und freuete sich jedesmal über die Sicherheit, mit der sie ein falsches Urteil hinstellte, ohne zu ahnen, dass sie gleich von irrigen Meinungen ausginge, und dass sie selbst diesen Meinungen keine sonderliche Aufmerksamkeit leihe. Allein Rodrich, den die gemeine Ansicht verletzte, wagte es, ohnerachtet der geringen Bekanntschaft, die Freunde in Schutz zu nehmen, und sprach mit Wärme über die Heiligkeit einer unerschütterlichen Liebe, die man wohl nie wahrer, als in einer weiblichen Brust antreffe. Ach, sagte er, und was ist dem Menschen natürlicher, als das wegzudrängen, was ihm das einzige Glück des Lebens eine seelige Erinnerung trübt! Ja, erwiederte Elwire den Kopf schüttelnd, da hat nun ein Jeder seine Art zu sehen. Ich für mein Theil, fuhr sie ohne weitern Zusammenhang mit dem Vorhergehenden fort, ich habe den Ritter freilich oft sehr ermüdend gefunden, wenn er so in der grauen Vorwelt schwebte, und die farblosen Gestalten an mir vorüberziehen ließ, während alles im frischesten Glanze um und neben mir lebte und athmete. Einmal wollte er mir auf einem Ball ein Mährchen erzählen, aber ich versicherte ihm, dass Mährchen seit meiner Kindheit eine narkotische Kraft für mich hätten, und ich Gefahr liefe, den Ball und alle ihm versprochene Tänze zu verschlafen. Alexis, sagte Miranda, setzt wie alle sehr lebendige Gemüter voraus, dass man nichts verschmähe, was den eigentlichen Gesichtskreis erweitern könne. In dieser Voraussetzung spricht er ganz unbesorgt, ob sich auch jedem die Bedeutung seiner Worte aufschließen werde. Und er hat im Allgemeinen nicht ganz Unrecht, wenn er auch im Einzelnen oft fehl greift. Es kommt doch wohl einmal eine Stunde, wo sich die harte Schaale löst, und der eigentliche Kern sichtbar wird. Wie schön dir der Schleier steht, sagte Elwire, und ordnete die länglichen Perlen, die zwischen braune Locken auf Miranda's Stirn fielen. Therese blickte lächelnd auf sie hin, und schien sich der zierlichen Ungezogenheit zu freuen. Rodrich verstand nicht, wie sie nur die leeren Worte ertragen könne! Überall fühlte er bald, dass die Prinzessinn aus Furcht, die gesellige Freiheit einzuengen, oder irgend eine Störung zu veranlassen, dem Gespräch keine eigentliche Haltung wie dem herrschenden Tone keine Einheit gab, und man sich in dieser Schrankenlosigkeit sehr beschränkt gefühlt haben würde, wenn Miranda nicht alles an sich gezogen, und den schwankenden Strebungen eine gemeinsame Richtung gegeben hätte. Sie schwebte wirklich wie ein Genius über dem Ganzen, und wusste auch den leersten Köpfen irgend ein gutes Wort abzulocken, wie sie überall einen seltenen Blick für das Bessere im Menschen hatte, und dem Lichte gleich, das verborgene Gold heraufbeschwor, weshalb ihr alle Herzen entgegenflogen, und der Gedrückte, Tiefgebeugte, in ihrer Nähe freier athmete. Stephano hing mit Entzücken an der edlen Gestalt, und Rodrich sah recht, wie diese Liebe ihn über sich selbst erheben, mit Verleugnung seiner widerstrebenden Natur dahin zog, wo Miranda frei, in sich fest, unbefangen da stand. Sie begegnete ihm wie einem lieben lang geehrten Freunde, der überall als ein Glied der Familie angesehen, durch eine ehrende Vertraulichkeit ausgezeichnet ward, und als späterhin der Herzog kam, und der Kreis immer größer ward, sah Rodrich mit steigender Bangigkeit, mit welchen verheißenden Blicken sein Freund von den meisten betrachtet ward, ja wie selbst Miranda ein flüchtiges Erröthen nicht bergend, den vielsagenden Gruß des Herzogs empfing, und unruhig auf Stephano blickte.
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Unter den vielfachen Gestalten; die Theresens Rückkehr aus dem Bade für diesen Abend herbeiführte, zeichnete sich eine der hervorleuchtendsten Physiognomien aus, die Rodrich jemals sah. Viormona, Nichte der verstorbenen Herzoginn, hatte sich nach dem Tode ihrer Verwandten in den dunklen Privatstand verloren, und nur mit Mühe die Hand eines edlen Fremden angenommen, um durch den Glanz äußerer Umgebungen die Hoheit der Geburt zu behaupten. Aller Stolz und alle Bitterkeit zurückgedrängter Herrschsucht lag in den hohen Mienen und den glühenden Augen, die wie Feuerkreise über die Erde schweiften und alles zu entzünden droheten. Das seltsam geringelte Haar, der reiche Faltenwurf langer weißer Gewänder, der blendende Glanz ihrer Haut, alles gab ihr ein ganz eignes plastisches Ansehen, so dass sich Rodrich wie vor einer Juno neigte, und die Flammenblicke kaum zu ertragen vermochte. Miranda war ihr mit der feinen Höflichkeit entgegen getreten, wodurch eine edle Natur sich der andern gleichstellt, ohne Herablassung oder ängstliches Zuvorkommen zu verrathen. Und sie schien in diesen heitren Sonnenblicken sich selbst und ihr beschränktes Daseyn zu vergessen, als Elwire mit gutmüthiger Redseligkeit von den Badefreuden erzählte, und ein Hirtenfest beschrieb, bei welchem Miranda auf einen Rosenthron erhoben von einer jubelnden Menge als Herrscherinn begrüßt worden sei. Viormona's Herz bebte bei dieser Hindeutung auf die Zukunft. Die gewaltsamen Regungen pressten ihr eine Träne aus, die brennend in Rodrichs Seele fiel, der nach einigen flüchtigen Erkundigungen, von ihren frühern Verhältnissen unterrichtet, die Schmerzen so bittrer Demüthigung theilte. Ein Thron schien ihm das höchste Ziel menschlicher Strebungen. Hier allein könne sich die innere Unabhängigkeit darthun, und im Glanze eigner Klarheit die enge Sorge des Lebens lösen und die bedrängte Menschenbrust zu höhern Genüssen erschließen. Wie konnte nur ein edler Sinn die Schmach dulden, scheu in den Vorhallen zu weilen, indessen eine fremde Hand im innern Heiligthume wühlte. Sein Widerwille gegen den Herzog wuchs in jedem Augenblick, er vermied es ängstlich seinen forschenden Blicken zu begegnen, die sich unwillkührlich auf ihn zu richten schienen. Alles bis auf den Ton seiner Stimme, jedes unbedeutende Wort war ihm an dem verhaßten Gegenstand zuwider. Selbst als er sich der Schwester nahete, und ihr die Ankunft des Cardinals ankündigte, zu dessen Empfang er recht glänzende Feste ersinne, um dem entfernten Verwandten die weite Reise vergessen zu machen, fühlte sich Rodrich unangenehm von dem ergriffen, was alle Andre mit frohen Hoffnungen erfüllte. Sein Auge traf Viormona, und es war, als sei ihr Inneres in dem flüchtigen Blick zusammengefallen. Auch sie erfreueten die versprochnen Feste nicht, weil ihr die Veranlassung zuwider war, und der Unmuth in Rodrichs Mienen schien ein stilles Einverständniß ihrer Gedanken zu sein. Als sich daher die Gesellschaft in die verschiedenen Gemächer und den Garten vertheilte, nahete sie sich dem ungekannten Freunde, und wusste geschickt die Vergangenheit herbeizuführen, wo man Feste andrer Art hier gekannt, und ein freier harmonischer Geist alle Herzen zu gleicher Freude gestimmt habe. Die Schönheit, sagte Rodrich, führte das goldene Zeitalter herauf, aber das eiserne behauptet seine Rechte in der verwirrten Menschenwelt, und nur der Donner des Geschützes theilt die Nebel des verfinsterten Horizontes. Er hatte diese Worte, ohne sonderlich auf sie zu achten, herausgestoßen, allein Viormona fasste sie begierig auf, und drückte nur noch mehr vergiftete Pfeile in sein offenes Herz. Wüssten Sie, könnten Sie wissen, sagte sie lebhaft, wie alles zusammenfiel, seit die Sonne diesem Lande unterging, wie sich die lockern Verhältnisse lösten, und ein Band nach dem Andern zerriss, wie täglich tausend Dolche in den tödtenden Blicken seiner Unterthanen auf den Herzog gerichtet sind, wie man die rücksichtslose Heiterkeit des Grafen, Miranda's versteckten Stolz und des Bastards Anmaßungen verachtet, Sie hätten Ihre Dienste dem Volke, und nicht dem Fürsten angetragen. Rodrich war im Begriff ihre Hand zu fassen und einen verrätherischen Bund zu schließen, als Stephano nahete und ihn eilends fortzog. Um alles in der Welt, sagte er, als sie sich in einen Seitengang verloren, was haben Sie mit dieser Frau? Sie ist die unversöhnlichste Feindin der herzoglichen Familie und ihre Nähe jedem Anhänger derselben gefährlich. So – ? erwiederte Rodrich gespannt, dem Einen dünkt oft gefährlich, was für tausend Andre heilbringend wäre! Sie waren bei diesen Worten zu einem freien Platz gelangt, wo Miranda neben einem Springbrunnen stand, und dem Spiel der zerrinnenden Tropfen gedankenvoll zusah. Als sie beide wahrnahm, heftete sie einen wehmüthigen Blick auf Rodrich und verschwand in's Gebüsch. Als wenn plötzlich alle Fesseln der gepressten Brust zersprängen, so löste sich hier Rodrichs Schmerz in Thränenströme auf. Er fiel dem betroffnen Stephano in die Arme, und sagte weich und ermattet: ach! leite mich auf dem unsicheren Wege, ich fürchte, ich werde der Gewalt des Schicksals erliegen, oder die wunderbar verschlungnen Knoten eigenmächtig zerreißen. Komm nur, sagte dieser gerührt, wir wollen mit einander reden. Freie Mittheilung soll die Verwirrung lösen. Das wild ausströmende Gefühl erhält im Gespräch wie im Leben Maaß und Ordnung. Es ist wohl thöricht, dass man die vertrauenden Ergießungen so lange zurückdrängt, bis sie der Augenblick herbeiführt. Aber komm nur, es ist noch nicht zu spät. Sie gingen schweigend zur Stadt, und als sie an die Brücke kamen, wo jetzt, wie an jenem ersten Abend, viel lustige Wandrer mit Rodrich den gleichen Weg gingen, während die Lebenswege wohl scharf von einander geschieden waren, fiel es diesem auf, wie die vorgezeichnete Richtung unzählige gedankenlos zu dem gleichen Ziele triebe, ohne dass Einer den Muth habe, die Gränze zu überspringen und die wogende Fluth zu durchziehen. Man tut den Menschen Unrecht, sagte er, wenn man ihnen freche Willkühr und Liebe zu dem Ungebundnen, Schrankenlosen vorwirft. Sie sind in der Regel nur zu fügsam, und die hergebrachte Weise oder eine gefürchtete Rücksicht umstricken nicht selten die lebendigsten Regungen. Wie kommst du darauf? fragte Stephano. Ich weiß nicht – die Brücke – erwiederte jener zerstreut. Wolltest du sie hinter dir abbrechen? fiel Stephano ein. Glaube nur, dir entstände bei jedem Schritt eine neue. Und es ist wohl gut, dass man so gar nicht von der Welt los kommt, und der holde Leib uns mit Liebesarmen umfängt, bis wir uns in den weichen Schlingen gefallen und leicht und lustig darin bewegen. Dann sinkt die Hülle und die befreieten Schwingen tragen uns zu unendlichen Fernen. Aber bis dahin? fragte Rodrich. – Bis dahin, sagte der mutige Krieger, ringen und kämpfen wir getrost, und die zusammengestürzten Wünsche und Hoffnungen werden uns ein Fels, auf dem wir mitten im Sturme feststehen und die unverletzte Brust neuen Kämpfen hingeben. Ach, ich sehe wohl, fuhr er fort, die Worte dieser Eris sind tiefer in dein Herz gedrungen, als ich glaubte. Und was konnte sie dir gleichwohl entdecken, was dir nicht früher bekannt war? Die innern Spaltungen konnten dir nicht fremd sein. Was ist es denn, das dich plötzlich so erschüttert und zwischen früher gefassten Neigungen und abgedrungenem Mitleid hin und her wirft? Rodrich fühlte, dass er, um dem Freunde verständlich zu sein, dunklen, halbverkannten Ahnungen Worte leihen, die eigne Schwäche offenbaren, und selbst dann noch eine Saite berühren müsse, deren Mißklang ihn vielleicht auf immer von Stephano entfernen konnte. Noch hatte er nie des Herzogs in seiner Gegenwart gedacht, und es schien ihm unzart, den unbezwinglichen Widerwillen gegen ihn laut werden zu lassen, der ihn vom ersten Augenblick ängstete. Alle diese Rücksichten traten kalt und fremd zwischen die hervorbrechenden Flammen herzlichen Vertrauens, und verschlossen ihn für alles, wodurch ihn Stephano zu gewinnen meinte. Du schweigst? sagte dieser; vielleicht hat dich die hohe Schönheit deiner neuen Gönnerinn bestochen, und ein unbewahrtes Herz widersteht solchem Zauber wohl nicht leicht. Zwar begreife ich kaum, wie sie neben Miranda gefährlich sein könne. Rodrich glaubte hier eine Schlinge zu sehen, um sein verborgnes Gefühl aufzudecken, und sagte gleichgültig: warum wollen wir Vergleiche anstellen? Ich hörte ja eher von dir, dass jedes in sich schön sei, und man das Urteil nicht durch Verrückung des Standpunktes verwirren müsse. Du hast Recht, erwiederte Stephano, eine Vergleichung ist hier so unmöglich, wie ein Verein dieser Gemüter. Ich glaubte dich nur für das ganz Entgegengesetzte nicht so empfänglich. Das ändert freilich viel. Unser Interesse ist getheilt, und du wirst mich so wenig verstehen wollen, als ich dir verständlich sein kann. Nimm es nicht so ernstlich, sagte Rodrich einlenkend, aber gestehe mir, dass ihr Schicksal hart ist, und nichts den menschlichen Stolz so empört, als die Verletzung angeborner Rechte. – Wer kann, erwiederte Rodrich, im steten Wechsel des Lebens das Fliehende aufhalten wollen. – Und wie darf der Einzelne mit dem Schicksal rechten, da seit Jahrtausenden das ewige Spiel wiederkehrt und der verschollne Name ganzer Geschlechter, deren ehemalige Größe mit dem Staub ihrer Gräber verwehete, in die spurlose Vergangenheit sinkt. Flüchte nicht so zu dem Allgemeinen, sagte Rodrich, wenn das Leiden beschränkter Gegenwart uns nahe tritt. Dieser Blick darf den Menschen wohl über sich selbst erheben, aber die lebendige Theilnahme soll er nicht ersticken. Was nennst du so? fragte Stephano. Wo das scheinbare Uebel Segen bereitet, da kann ich die augenblicklichen Schmerzen lindern, die fortlaufende Kette der Begebenheiten aber niemals eines einzelnen Vortheils wegen zerreißen wollen. Jedes Uebel, entgegnete Rodrich, ist von deinem Standpunkt aus scheinbar, und darf das kurzsichtige Menschenauge bestimmen, wie nahe oder fern das erwartete Ziel sei? Ist es nicht frech, so zermalmend hinzutreten und der weinenden Menge neue Blüthen aus den zusammengestürzten Trümmern zu verheißen? Wie warm du die Rechte der Menschheit vertrittst, sagte Stephano, seit ein schönes Auge beredt in das deine sahe. Aber vergiss nicht, dass du kurz zuvor über dumpfes Hingeben, Beschränktheit des Willens und Armuth kräftiger Gedanken klagtest, dass dir die hergebrachte Weise erdrückend schien, und dass dein Urteil, durch individuelle Beziehungen bestochen, einseitig ausfällt. Und kannst du die alte Ordnung herstellen, ohne die neue zu zertreten? Und welches blutige Zeichen müsstest du über ein Land aushängen, das dich gastlich aufnahm, das Miranda's milder Sinn beherrschen wird? Ist Miranda gewisse Erbin des Reichs? fragte Rodrich schnell. Nicht ohne Widerstand, sagte Stephano, aber ich habe auf dich, wie auf die Bessern, gerechnet, und ich gelobe es fest, diesem hohen Ziele mein lebendigstes Streben, ohne irgend eine anderweitige Rücksicht, zu weihen. Rodrich bewunderte, wie Stephano, sich selbst täuschend, die Herzensschwäche hinter Vaterlandsliebe verberge. Indessen konnte er nicht leugnen, dass er sich ihm wahr zeigen wolle, und er schwankte, ob er diese Offenheit nicht durch die freieste Hingebung vergelten, und jedes Missverständnis lösen müsse, als eine Botschaft des Grafen ihn eilends dahin abrief.
Vorlage S. 221
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Er hatte dem edlen Beschützer lange nur die gewohnte Achtung gezeigt, zu welcher sein äußeres Verhältnis ihn zwang, ohne ihm die dankbare Liebe zu beweisen, die in den ersten Augenblicken sein Herz erfüllte. Er schämte sich jetzt, vor ihm zu erscheinen, und trat mit einiger Verlegenheit in dasselbe Zimmer, wo er das Schwerd und die heilige Weihe seines Standes empfing. Der Graf trat ihm, wie damals, heiter entgegen, und sagte nach den ersten Begrüßungen: junger Freund, Sie wissen, ich lasse jeden seinen Weg gehen, ohne dass es mir, selbst bei denen die mir näher sind, einfiele, das Schicksal spielen, und ihnen eine eigenmächtige Richtung geben zu wollen, indessen glaube ich ohne Anmaßung sagen zu können, dass mir der Ihrige nicht gefällt. Der innere Mißmuth leitet sie abwärts, mit halbem Herzen tut man auch nur das Halbe, und der Soldat braucht mehr als ein Anderer frischen Lebensmuth, um sich selbst anzugehören. Das Gewöhnliche darf ihn nicht ermüden, weil es zu dem Außerordentlichen führt; und wo die rechte Lust und Heiterkeit nicht obenauf schwimmen, da wird der Bodensatz des Gemeinen die schwerfällige Kraft bald erdrücken. Auch im Kriege ist es nicht viel anders. Das Seltene und Große läuft einem auch hier nicht bei jedem Schritt entgegen, und muss man sich oft durch langweiliges, mühseliges Harren hinschleppen, ehe der erste Augenblick eintritt. Freilich, setzte er beruhigend hinzu, als Rodrich beschämt zur Erde sah, freilich bedarf der Eine einen größern Wirkungskreis als der Andere, und so wird Sie die nahe Aussicht des Krieges freuen! Des Krieges? fragte Rodrich, aus allen drückenden Gefühlen plötzlich emporgerissen. O mein edler Wohlthäter, Sie sollen mich noch freudig in Ihre Arme schließen, und es nicht bereuen, den Jüngling großmüthig beschützt zu haben, der alle Gluth eines lebendigen Lebens der Ehre und der Dankbarkeit weihete. Wann und wohin ziehen wir? fragte er mit verlangenden Blicken. So weit sind wir noch nicht, erwiederte der Graf lächelnd. Es ist nur von der Aussicht, nicht von der Gewissheit des Krieges die Rede; eine größere Macht bedroht die Selbstständigkeit des Staats, der Herzog kennt die Würde seines Namens und ehrt sein Volk. Er ist zu jedem Widerstande bereit. Wir erwarten nur das Ende einer Unterhandlung, deren Zweck abzusehen ist, um dem Feinde entgegen zu gehen. Die Grenzregimenter haben bereits geheime Ordre sich marschfertig zu halten, und ich werde Sie mit Aufträgen zu einem unsrer Generale schicken, der bei der jetzigen Lage der Dinge einen bedeutenden Posten hat. Er ist mein Freund, und seine Bekanntschaft mag Ihnen einmal ersprießlich sein, wenn im Laufe der Dinge sich manches ändert, und meine Hand Sie nicht mehr schützen kann. Rodrich ergriff die theure Hand und drückte sie gerührt an die Brust. Mein Sohn, sagte der Graf, ich hoffe, du bist meines Vertrauens werth, und meine zärtliche Vorliebe soll mich nicht getäuscht haben. Zügle dein strebend Gemüt und bewache dich in dunklen Augenblicken. Das Größeste bist du fähig zu leisten, aber das Kleine geht unbeachtet an dir vorüber, und darum hüte dich vor der steilen Höhe, der du so kühn, ja ich möchte sagen, so frech entgegen fliegst. Die mitgetheilte Nachricht sollte dich aus deiner dumpfen Gleichgültigkeit aufschrecken, du bist aber so gespannt, dass ich vor meinem Geheimnisse fürchte. Darum sammle dich, und reise morgen in aller Frühe. Heute Abend erhältst du die nötigen Instruktionen. Die Reise soll dir, denke ich, in jeder Art gut sein. Ach, mein Vater, sagte Rodrich, wie demüthigt mich diese Güte, und wie zerrinnen meine hochfliegenden Plane vor dieser ruhigen Klarheit, und der Sicherheit eines so schuldlosen Gemüthes! Ich bin wohl recht unglücklich, dass mein Gefühl so oft in mich zurückgedrängt ward, und der starre Trotz die mildesten Regungen gefangen nahm. Mir ist davon in manchen Stunden eine Kälte geblieben, die mich oft selbst geschreckt, und die nur solcher Liebe weicht. Der Graf umarmte ihn, und bat ihn zu Rosalien zu gehen, die gern von Miranda und der Gesellschaft diesen Abend hören wollte.
Vorlage S. 236
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Er fand sie äußerst matt, durch Erschöpfung entstellt, neben der Gräfinn sitzen, die bemühet war, aus verschiednen vor ihr liegenden Büchern, eine leichte fast spielende Unterhaltung aufzufinden. Mit großer Geduld nahm sie ein Heft nach dem andern zur Hand, wenn Rosaliens unruhige Blicke die innere Langeweile verkündigten, und lächelnd, wie der Genius des Lebens, verhieß sie ihr von jedem Neuen Genuss. – Das ist noch mein größtes Elend, sagte die Kranke bei Rodrichs Eintritt, dass ich zu dem Geist- und Herzertödtendsten meine Zuflucht nehmen muss, um die innere Angst los zu werden. So lange ich den Schmerz liebte, war ich eine seelige Martyrerinn. Jetzt ist das weit anders. Eine rechte Sehnsucht nach dem freudigen Leben der Jugend drängt und quält mich. Ich möchte die Fesseln eignen Unvermögens zersprengen, und mich der Lust der Welt hingeben. Die Briefe, ach die unglückseeligen Briefe, haben mich so verwirrt. Seitdem führen mich alle Träume in jenen Zauberkreis zurück, und mir ist, als müsse ich das Fliehende erjagen. Seraphine glaubte wirklich in diesem unstäten Verlangen die ersten Regungen rückkehrender Lebenslust zu entdecken, und freuete sich Rodrichs Ankunft, dessen frühere Neigung ihr wie dem Grafen frohe Hoffnung einflößte. Aber in Rodrichs Innerem wogten die aufgefaßten Bilder unruhig durcheinander, und die verworrenen Anklänge hemmten jedes stille Ineinanderfließen der Gefühle. Jetzt insbesondere, da sich die helleste Ferne vor ihm aufthat, und alle ängstigenden Rücksichten vor einem freien, beweglichen Leben schwanden, jetzt fühlte er sich in der Nähe dieser gestörten Natur gedrückt, und die Zuckungen ohnmächtigen Schmerzes legten sich erkältend an sein Herz. So kam es denn, dass er, ohne sonderlich auf Rosaliens Worte zu achten, einzig um quälende Gedanken zu verscheuchen, von Theresens Bekanntschaft, ihren Umgebungen und dem Eindruck des Ganzen sprach. Seraphine stimmte seinem Lobe bei, und setzte hinzu, dass ihr nichts so auffallend gewesen sei, als wie die Prinzessinn bei der fast verschwindenden Weichheit ihres Charakters, ihrer kleinen Zauberwelt diese Haltung und Einheit gegeben habe. Freilich, sagte sie, spricht alles die zarteste Milde aus, aber auch diese hat ihren bestimmten Charakter, und man vermisst in ihrem ruhigen Schein den Mangel an großen Gegenständen nicht, da das Ganze weder farblos noch peinlich ist, und in sich einen großen Reichthum hat. Es ist kaum zu begreifen, wie sie hier so sicher geht, da sie oft im Leben durch zu zärtliches Nachgeben ein Ansehen von Willenlosigkeit erhält, das Mancher missbraucht. Vor allen, sagte Rodrich, ist mir diese Nachsicht bei Elwiren auffallend gewesen, deren flache Unterhaltung sie nicht einmal zu ermüden schien. Nun Elwiren nehme ich in Schutz, sagte die Gräfinn, das ist ein zierliches Wiesenblümchen, das an seinem Platz unendlich reitzend sein würde. Sie hat nur das Schicksal anzuklagen, welches sie in diese Kreise versetzte. Ein Anflug halber Bildung, wie der Wunsch neben Miranda nicht ganz zu verschwinden, heben sie zuweilen über sich selbst hinaus. Sonst ist sie die Güte, die Sanftmuth selbst, und die ganz eigne Liebenswürdigkeit ihres wohlwollenden Gemüthes bricht frei hervor, sobald der Wunsch zu glänzen nicht mit der innern Unzulänglichkeit kämpft. Es ist überall schwer, den Punkt anzugeben, wo man eigentlich steht, vorzüglich denen, die nicht zu den höhern Stufen gehören. Und was ist denn am Ende hoch und niedrig? wir sind mit dieser Rangordnung sehr schnell bei der Hand, indem wir uns selbst unbedingt auf die Spitze stellen. Rodrich war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um irgend einen Gedanken fest ins Auge zu fassen, am wenigsten, um ihn ruhig zu bestreiten, nur schien ihm Seraphine mehr wohlwollend als zärtlich, und ihr Urteil eher durch friedliche Gesinnungen, als durch klare Einsicht bestimmt zu sein. Schon in frühern Streiten mit Alexis, erkannte er diese behagliche Ruhe, die sich so gern mit allen befreunden, und die scharfe Ecke aus dem Leben verbannen mögte. Es fehlte ihr keineswegs an Besonnenheit, aber sie drängte das Störende hinweg, und haßte nichts so sehr, als die schwerfälligen Gemüter, welche bei jeder Mangelhaftigkeit stehen bleiben, und für welche die Sonne nur scheint, wenn sich kein Wölkchen am Himmel blicken lässt. Es fiel ihr sehr selten oder nie ein, sich in den innern Zusammenhang der Dinge zu versenken, und die Bedeutung eines Übels aufzusuchen; sondern sie eilte leicht darüber hinweg, und Wenige standen vielleicht so fest in der Gefahr. Er hatte dies wohl eher im nähern Umgange erkannt, und sich willig dem reitzenden Leichtsinn hingegeben. So ließ er es denn auch jetzt geschehen, dass sie seine Meinung bestritt, während er selbst ungewiss war, ob er nicht vielleicht wirklich zu hohe Anforderungen im Leben mache, und zu wenig auf die verschiedene Natur und das seltsame Gemisch menschlicher Gefühle achte. Erwägen Sie noch, fuhr die Gräfinn fort, dass die Augenblicke so ungleich sind, und dass es Zeiten giebt, in welchen der Erhabenste recht jämmerlich dasteht, so wird im Ganzen Ihre Bewunderung weniger gespannt, und Ihr Tadel milder sein. Rodrich ergriff diesen Gedanken begierig. Er hatte sich dem Grafen gegenüber beschämt gefühlt, und es vermieden, tiefer in sich selbst zurückzugehen. Die wechselnden Eindrücke dieser Tage hatten ihn zu den leidenschaftlichsten Ausbrüchen hingerissen. Er erkannte sich selbst nicht mehr in der unstäten Sehnsucht, dem Abstoßen und Hinneigen seines Herzens, und flüchtete gern zu der allgemeinen Gebrechlichkeit, um die eigne Schwäche zu entschuldigen. So blickte er beruhigt in Seraphinens Augen, die ganz unbefangen alle Vorgefühle höhern Strebens, das kindliche Anstaunen wie die erhebende Bewunderung einzelner großer Erscheinungen in Anspruch nahm, um das Gleichgewicht Leben im herzustellen.
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Rosalie, die während dessen ermattet eingeschlafen war, lächelte jetzt im Traume, und sagte halblaut, sieh Ludoviko, wie uns Fernando winkt; ach er ist wieder ein Kind geworden, und spielt wie ehemals mit bunten Steinchen, die in seinen Händen Blumen werden, um die Braut zu kränzen. Siehst du den Stern in seiner Brust, wie er sich hin und her bewegt, und die Strahlen sein schönes Gesicht verklären? Sie hatte die Augen geöffnet, als sie die letzten Worte sprach, und beide überfiel ein Schauer, und sie gedachten der Erscheinung im Waldschlosse, wie sie sich langsam aufrichtend, eine Bewegung machte, als flechte sie Blumen durch das Haar. Seraphine reichte ihr eilend stärkende Essenzen, und führte sie an ein geöffnetes Fenster, wo sie kaum die frische Luft anwehete, als sie tief athmete und sich von einem ängstigenden Traume loszumachen schien. Bald verlangte sie aus dem Zimmer, und zu Miranda gebracht zu werden. Die Gräfinn machte sogleich die nötigen Anstalten, und Rodrich verließ sie in einem Zustand, der ihn aufs neue aus seiner kaum gewonnenen Ruhe aufschreckte.
Vorlage S. 250
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Am folgenden Morgen trat er, mit den Aufträgen des Grafen versehen, seine Reise in aller Frühe an. Als er durch die einsamen Straßen ritt, wo schon längst kein Wagen mehr rollte, und die laute Freude zu stilleren Genüssen flüchtete, blickte er wehmüthig auf die armen Menschen, die das drängende Bedürfnis schon wieder zu dem mühseligen Tagewerk jagte und deren ärmliches Ansehen wunderlich gegen die Pracht der Gebäude abstach. Er fühlte sich leichter, als ihn sein Weg endlich an den Gärten vorüberführte, und die wohlhabenden Besitzer den Reichthum überschauend, seinen Morgengruß im behaglichen Wohlseyn erwiederten. Je weiter er kam und die blühende Ebene sich vor ihm aufthat, je freier ward ihm um's Herz, und wie sein Pferd lustig forttrabte, und die Morgenluft ihn so erfrischend anwehete, fühlte er sich zu jedem Geschäfte freudig gestimmt. Er sah recht, wie er tätig in's Leben eingreifen und die träge Ruhe von sich verscheuchen müsse.
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Alles, was ihn in dieser Zeit gedrückt, alle Fieberschauer, die seine kränkliche Heftigkeit entzündet hatten, alles schwand vor dem hellen heitern Leben der Natur. Im freiesten Spiel seiner Kräfte sagte er froh: unter steter Anstrengung, muss der Mensch den Genuss des Augenblicks erringen! Was sich ihm so ungesucht aufdringt, und während es den Sinnen schmeichelt, die lebendigste Kraft gefangen nimmt, das widersteht dem Uebersättigten, und die innere Lust erkrankt in trüben Bildern. Sich so recht in die wogende Fluth zu tauchen, zu wagen und zu wirken, die verschlossenen Quellen des Lebens zu eröffnen und im Fluge das Glück zu erhaschen, das zog ihn unwiderstehlich in die Welt, das reitzte ihn zum freudigen Kriegerleben. Und jetzt erweiterte sich so ungehofft der beschränkte Kreis seines Wirkens. Die ersten Schritte waren getan, und er sah in Gedanken die reiche, gehaltvolle Zukunft. Was konnte nicht alles geschehen, wenn der rechte Ernst die Herzen entflammte, die oft bei einer flüchtigen Anregung kräftig schlugen. Jede bessere Aufwallung seiner Cameraden kam ihm jetzt ins Gedächtnis. Er liebte sie alle, seit er hoffen konnte, an ihrer Seite zu fechten und die gleiche Lust und Gefahr mit ihnen zu theilen. Selbst an Stephano konnte er ohne Bangigkeit denken, und es reuete ihn fast, ihn diesen Morgen nicht aufgesucht und durch einen freundlichen Abschied den störenden Eindruck des gestrigen Gesprächs ausgelöscht zu haben. So wohlwollend hatte er noch nie auf die Menschen geblickt, die ihm alle in dem erheiterten Sinn gut und liebreich erschienen.
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So ritt er, durch freudige Bilder fortgezogen, immer schneller und schneller, als ihm sein Diener eine schön gebauete Capelle zeigte, die sich hinter dunklem Gebüsch auf einem Hügel erhob. Die Sonne stand in voller Pracht über der glänzenden Kuppel und die nahe stehenden Silberpappeln zitterten wie tausend lichte Flämmchen in ihrem Schein. Er betrachtete sie noch aufmerksam, als die Messe eingeläutet ward, und der helle Klang durch Berge und Klüfte wiederhallte. In dem Augenblick vernahm er auch einen volltönigen Gesang und ein Trupp geschmückter Landleute ging aus einem nahen Dörfchen den Weg zur Kirche hinan. Vier Knaben mit langen Blüthenzweigen und blendend weißen Tüchern, die sie hoch in der Lust flattern ließen, eröffneten den Zug, in ihrer Mitte ging eine Jungfrau mit einem neugebohrnen Kinde, dessen bunte Deckchen mit Blumen und Bändern geziert, den lustigsten Anblick gewährten. Hinter ihnen kamen Männer und Frauen im schönsten Festtagsputz, Crucifixe und Heiligenbilder tragend, die sie in frommer Andacht zum Himmel erhoben und bei jedem Schlusse des Chors ein freudiges Halleluja aus voller Brust anstimmten. – Rodrich hatte seit der Flucht aus dem Kloster nie eine Kirche besucht. Jene düstre Erinnerungen verschlossen sein Herz für die Seligkeit heiliger, hingebender Andacht. Nur einmal hatte er die Entzückungen des Gebets erkannt. Wie ein himmlisch Licht hatte es seine Seele durchdrungen, hingerissen, aufgelöst in Wonne hauchte er sein ganzes Wesen in einem unaussprechlichen Ton der Liebe aus. Was konnte ihm jenen Augenblick zurückführen, der das Ende seines Lebens hätte sein sollen! Wie konnten schaale Gebräuche ihn erheben, deren tägliche Wiederholung seine Kindheit so unbarmherzig trübten! Mit wahrer Bitterkeit hatte er sich davon abgewandt, und es sorgfältig vermieden, sein Inneres durch so gehässige Gefühle zu zerreißen. Hier in der Einsamkeit rührte ihn der einfache Gesang zum erstenmal, und als die frommen Knaben sich naheten, wiederholte er unwillkührlich die Worte des Liedes, bis ihn der Ton immer mehr fortriß, und er sich plötzlich am Eingange der Capelle befand. Er stieg vom Pferde und trat in das weite herrliche Gebäude. Ein schöner Greis mit glänzenden Silberlocken stand vor dem Hochaltar, vor welchem drei weiße Grabsteine eingesenkt waren. Auf einem derselben kniete die Mutter mit dem Kinde, das von ihren Lilienarmen umringt, hell und verheißend über die Gräber hinaus sah! Rodrich hatte sich dem Altar gegenüber an ein Monument gelehnt, hinter welchem herbeigelaufene Kinder leise Versteck spielten. Er betrachtete jetzt das steinerne Bild näher, das ihn halb verdeckte und erkannte bald den Tod in der Gestalt eines schönen Jünglings, dessen umgewandter Fackel, Blumen wie einem Füllhorne entströmten, während sich auf den Mohnstengeln Genien in einem Schlangenreise wiegten. Rodrich glaubte, dies Denkmal müsse Beziehung auf die Grabsteine haben, und als er dorthin sah, war es gerade, dass der Geistliche das Kind aus des Mädchens Arm nahm und es schwebend über den Weihkessel hielt. Die vielfachen Bilder verwirrten sein Inneres. Er glaubte, die Gräber hätten sich aufgethan, und die Jungfrau träte mit dem Jesuskinde hervor, und reiche der harrenden Zeit noch einmal die ewigen Blüthen des Lebens. Und als die Einsetzungsworte gesprochen, und Alles andächtig zur Erde sank, da kniete er weinend nieder, denn er sah die unaussprechlichen Martern, und den Erlöser am Kreutz; ihm war, als stehe das Elend und der Hohn und die Schmach schon bereit, ihn zu empfangen; ach, und die verkannte Liebe brach nun so plötzlich hervor, dass er sich lange nicht fassen konnte, als die Knaben schon ihr Lied angestimmt und die muntre Schaar an ihm vorüberzog. Sein Diener, den indessen weniger heilige Dinge beschäftigten, ging unruhig mit den Pferden unter den Bäumen auf und ab, und da er die Kirche leer sah und merkte und sein Herr nicht kam, so wagte er es, sich zu nahen und den Kopf durch eine Seitenthür zu stecken, als die Pferde plötzlich ungewöhnlich stampften und wieherten, worauf Rodrich erschrocken aus seinen Träumen aufsprang, und durch ein Versehen den losgehakten Degen mit großem Geräusch die Stufen des Monuments herunter fallen ließ. Der Capellan, der eben sein stilles Gebet geendet, sahe verwundert umher, und als sich Rodrich entschuldigend nahete, sagte er heiter: es geht den Kriegern nicht anders, die einmal fromm sein wollen, die Welt ruft sie auf tausend Weisen zurück, und rächt ihr augenblickliches Vergessen durch irgend einen Hohn der Kirche.
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Rodrich ließ sich bald in ein weitläuftigeres Gespräch mit ihm ein, und eilte, ihn nach der Bedeutung des Denkmals und der Gräber zu fragen. Hier, sagte der Geistliche ernst, ruhen drei Herzen neben einander, die sich im Leben durch Haß und Liebe verfolgten. Es waltet oft ein furchtbares Verhängnis über den Sterblichen, der es erkennt und geängstet in die Arme der Tugend flüchtet, aber die losgelassenen Wünsche ziehen ihn fort und fort ins Verderben. Die Erbauerinn dieser Capelle, fuhr er fort, war aus fürstlichem Stamme. Ihr leidenschaftlicher Sinn umfasste alles mit einer Heftigkeit, die sich bald in der Neigung zu einem schönen Knaben offenbarte, den ihr Vater im Pallast erziehen ließ. Sie war nicht fest genug, diese Liebe auf Kosten des väterlichen Zornes geltend zu machen; daher beugte sie sich in die Notwendigkeit, und das lockende Dunkel des Geheimnisses barg und nährte ihre Flammen. Wie denn aber Sicherheit und Gefahr oft Hand in Hand gehen, so nahete sich ihr die letzte, ehe sie es ahnete. Die Entdeckung ihrer Liebe ließ ihr die Wahl zwischen dem Kloster oder der Hand eines vornehmen Verwandten. Der heitre Strom ihres Lebens war getrübt, ihr Glück zertrümmert, und dennoch schauderte ihr vor der Einsamkeit. Sie willigte also, nach den ersten Ausbrüchen des Schmerzes, in die vorgeschlagne Verbindung. Ihr Geliebter wandte sich still von dem Schauplatz der seligsten Erinnerungen und opferte ohne Klage ihrer Ruhe alle gehofften Freuden. So verstrichen mehrere Jahre, während denen ihr verwöhntes Herz zwischen Pflicht und unbefriedigter Sehnsucht schwankte. Ein einziges Kind, das in der verzehrenden Gluth ihrer Liebe aufwuchs, erregte unaufhörlich ihre Sorgen, und wenn sie sich einen Augenblick den seligen Genuss seines Anschauens gewährte, so erschrack sie über die sorglose Ruhe und ahnete irgend ein Unglück, das sie zu beschleichen drohe. Ihren Gemahl betrachtete sie wie das gewaltige Schicksal, das mit eisernen Schritten auf ihrem Wege hin und her gehe. Daher erschreckte sie sein Anblick jedesmal, und sie erkrankte endlich bei der wachsenden Reitzbarkeit ihrer Sinne. – Ihre Familie, die das Uebel von körperlicher Schwäche herleitete, bot jedes Mittel zu ihrer Herstellung vergeblich auf. Aerzte und Heilige scheiterten an der innern Unzugänglichkeit dieser zerrütteten Natur.
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Sie ward nach und nach immer stiller und man sah sie nur zuweilen mit ihrem Kinde im Arme zu einem nahen Kloster wallen, wo sie unter eifrigem Gebet oft mehrere Stunden zubrachte. Einst als sie dort in der heftigsten Anstrengung vor einem Heiligenbilde kniete, sank sie ohnmächtig nieder, und wie sie die Augen aufschlug, stand ihr Geliebter an ihrer Seite. Sie breitete sehnend die Arme aus, allein ihre Frauen, durch dies plötzliche Uebel erschreckt, trugen sie ins Freie, wo sie in der süßesten Verwirrung alles um sich her anstaunte, und selbst nicht zu unterscheiden wusste, ob ihr jenes Gesicht im Traume, oder wirklich erschienen sei. Von diesem Augenblick an genaß sie. Die wiederkehrenden Blüthen ihrer Schönheit, die Milde und die Weichheit in ihrem Betragen, alles täuschte ihre Freunde über den wahren Zustand ihres Herzens, das durch neue Hoffnungen belebt, eine verderbliche Liebe hegte. Das Kloster betrat sie nie mehr, wohl aber umfingen sie die dunklen Schatten dieser Bäume jeden Abend, in deren Geflister sie die Vergangenheit hervorrief. Einst saß sie hier bis spät in der Nacht, da trat der schöne Jüngling reich geschmückt vor sie hin. Schweigend sanken sie einander in die Arme, und keins wagte die entzückende Stille zu unterbrechen. Da stürzte ihr Gemahl aus dem Dickicht, und nach einem kurzen lautlosen Kampfe sanken beide zu Boden. Starr und todt lagen sie auf derselben Stelle, die nun ihr Grab geworden. Ich fand die Unglückliche ohne Zeichen des Lebens wie eingewurzelt an einen Baum gelehnt, während die kleine Viormona ruhig zu ihren Füßen schlief. Viormona! rief Rodrich aus, und seine Augen trafen die Inschrift des Leichensteins, die ihm bald sagte, dass jene wundervolle Gestalt, die ihn so unwiderstehlich fortriß, aus dem bittern Streit der quälendsten Gefühle hervorging.
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Diese lebt in Glanz und Herrlichkeit, sagte der Greis, und weiß wohl wenig von den Leiden ihrer Mutter, die nur noch ein Jahr lebte, in welchem sie die prächtige Villa niederreißen und diese Capelle erbauen ließ, die nun alle drei in ihrem Schooße birgt. Rodrich konnte sich von dem Anblick der Gräber und der seltsamen Gedanken nicht losreißen, ob ihn gleich der Geistliche, durch Berufsgeschäfte abgehalten, bald verließ, und die Winke und das halblaute Flistern sei nes Dieners ihn zur Fortsetzung der Reise mahnten. Alle Schmerzen, alle Kämpfe eines ganzen Lebens, sagte er betrübt, sinken so schnell in die Vergessenheit, dass sie nur noch bei äußeren Anregungen in dem Gedächtnis eines verlebten Greises wieder erwachen. Was die Unglückliche liebte und litt, das ruhet mit dem armen herzen in der Erde. Ach, und Niemand, selbst die verwaiste Tochter ahnet ihre Qualen! Es konnte ihn nicht trösten, das nun alles vorüber, und das Leben wohl nur ein langer Traum sei. Dies spurlose Vorüberziehen einer großen Gegenwart war ihm schmerzlich, und er konnte lange seine vorige Stimmung nicht wiederfinden.
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Als er endlich wieder zu Pferde und auf dem Wege war, fragte ihn Felix, ob er nicht lieber bei der großen Hitze in das Dorf einkehren wolle, um etwas zu genießen, was ihnen dort nicht fehlen könne, weil der Gastwirth, wie er von den Vorüberziehenden erfahren, heute das Kindtaufsfest feiere, und die allgemeine Lust sicher groß sein werde.
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Rodrich sehnte sich wirklich nach Erholung, und nahm den Vorschlag an. Da sie nun den schmalen Fußsteig zwischen den Weinbergen hinritten, die vollen Trauben lockend aus dem Laube winkten und die Wirklichkeit sich in tausend üppigen Gestalten wieder vor seinen Augen verdichtete, dachte er daran, dass er fast hier wieder, wie so oft im Leben, den Genuss des Augenblicks für eine ungewisse Zukunft hingegeben hätte, ohne zu erwägen, dass sich die verschmähete Freude dann gern in der getäuschten Erwartung räche.
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Er war jetzt in das Dorf eingeritten, wo ihm fast aus jedem Hause Gesang und Musik entgegen schallte. Vor einem derselben war das Mädchen aus der Kirche beschäftigt, in einer weit vorgebaueten geräumigen Epheulaube Tische und Stühle zu ordnen, während ein kleiner Mann ihr zur Seite alles verbessernd musterte, und sie zur Eile antrieb. Felix sagte mit großer Zuversicht, dies sei ohnfehlbar der Gasthof, und er möchte nur getrost hier absteigen. Rodrich trat unter das grüne Dach, und bat das Mädchen, welches ihm in der Erinnerung noch so heilig vorschwebte, bescheiden um Milch und Früchte. Allein der eilfertige Wirth ließ ihr nicht Zeit zu antworten, er flog den vornehmen Gast zu bedienen. Rodrich setzte sich indessen zwischen den blühenden Ranken und freuete sich der lustigen Geschäftigkeit, die Groß und Klein in Bewegung setzte. Ueberall sahe man Vorkehrungen zu dem morgenden Tage, während die heutige Feier Geladne und Ungeladne herbeizog und Alle auf irgend eine Weise daran Theil nahmen. Vor einem gegenüber stehenden Hause wiegten sich zwei zierliche Mädchen mit geschmückten glänzenden Strohhütchen, auf einem schmalen Bret, das über einem abgehauenen Baumstamm lag, während sie mit großer Geschicklichkeit Körbe flochten, die sie öfters in die Höhe warfen, und indem Eine die Andre hob, auf einem Stäbchen wieder auffingen. Ein jedesmal trat dann eine keiffende Alte zur Thüre heraus und verhieß ihnen nicht die freundlichste Hülfe; sie aber wiesen die fast vollendete Arbeit, und trieben das Spiel immer aufs neue, bis plötzlich ein feiner Knabe mitten auf das Bret sprang und ihnen die Körbe wegfing. Auf ihr Geschrei kam die Alte gelaufen, und Rodrich klopfte wirklich das Herz bei ihrem Anblick, denn er sah alles Unheil, was nun entstehen musste. Der betretne Knabe ließ die Körbe sogleich fahren, und die Mädchen folgten willig in das Haus, wo sie Rodrichs Blicke lange vergebens suchte, bis sie endlich aus einem Dachfensterchen hervorguckten, und den bunten Gasthof verlangend und neugierig betrachteten. Alle ihre Bewegungen drückten die höchste Lebhaftigkeit aus, die keine Unfälle beugen könnte, im Gegentheil schien ihre Zuversicht nur zu wachsen, denn sie zeigten einander ihre Arbeit, und klopften in die kleinen Hände voll froher Erwartungen. Bald kam auch der Knabe geschlichen und flisterte ihnen etwas zu, was Rodrich indessen nicht verstehen konnte. Sie bogen sich aber heraus, und lachten heimlich, indem sie ihm die Körbe hinhielten und ihn unaufhörlich neckten, als höchst unerwartet das Gesicht der Alten zwischen den Cherubsköpfchen hervorsahe; doch die Körbe waren fertig, und sie küssten die dürren Wangen, bis sie ein Strahl ihrer Freude belebte und Alle bald wieder vor der Thüre erschienen. Rodrich war durch den kleinen Vorgang so gefesselt worden, dass er es nicht bemerkte, wie es nach und nach immer lebendiger um ihn her ward, und Gäste und Reisende um die besetzten Tische Platz nahmen. Die Emsigkeit des Wirthes, sein unaufhörliches Rufen: »Marie, hierher! Marie, Gläser! o eilig, eilig, ich wäre schon zehnmal wieder da!« machte ihn endlich auf die Anwesenden aufmerksam, und schon zog die Mutter des neugebohrnen Kindes seine Blicke auf sich. Ein langer röthlicher Mantel, in welchen sie das Kind eingeschlagen hatte, und der die eine Schulter deckte, während er sich in den reichsten Falten um die Hüften schlang, gab ihrer übrigens ländlichen Kleidung etwas vornehmes und phantastisches, wie der leichte Anflug von Kränklichkeit und Erschöpfung über ihre funkelnden Augen eine zauberische Milde ausgoß. So oft sie das geliebte Kind an die Brust drückte, oder sich über dasselbe hin bog, flog die schönste Röthe über ihr klares durchsichtiges Antlitz, und sie blickte dann freudig auf Marien, die ihr Entzücken theilte, während der unruhige Vater mit einem flüchtigen Kuß und einer ungeschickten Liebkosung an dem zarten Kinde vorüberflog. Rodrich hatte sie lange Zeit mit Bewundrung angestaunt. Alle Madonnen, die er je gezeichnet kamen ihm wieder ins Gedächtnis, und er sah recht, wie diese Weichheit, diese Demuth und Zuversicht mütterlicher Liebe, dies reiche Spiel wechselnder Gefühle in den strahlenden Zügen unerreichbar sei, als er zufällig einen Mann erblickte, dessen Augen von den aufgestützten Händen beschattet, unverwandt auf die Frau gerichtet waren, als wolle er das schöne Bild, rein von allen störenden Umgebungen, auffassen. Wie einen das Bekannteste, bei unerwarteter Erscheinung, oft fremd dünkt, so konnte er sich im ersten Augenblick nicht besinnen, wen er vor sich habe; doch plötzlich stürzte er voll Freude in die Arme des betroffnen Mahlers, der ihn zweifelhaft ansahe, und halb froh halb betrübt sagte: so schnell bist du der Kunst untreu geworden? Rodrich war wirklich verlegen, was er antworten sollte, denn er fühlte wohl, dass seine Gründe wenig Eingang bei dem eifrigen Künstler finden würden, als dieser heftig fortfuhr: sieh' hieher, was kannst du herrlicheres vollbringen, als diesen ewigen Gedanken der Schöpfung, diese Mensch gewordne Liebe, in dem verklärten Bilde, was hier vor meinen trunknen Sinnen schwebt, immer und immer wieder außer dir hinzustellen und die Kunst in ihm zu verewigen? – Was kannst du noch anders wollen? und darfst du hoffen, bei dem unruhigen Gewerbe, das du ergreifst, je das Bleibende zu er fassen? Was ist bleibend, sagte Rodrich, als der Gedanke des Lebens? und spiegelt sich der nicht in dem steten Wechsel, wie in der ruhigen Wirksamkeit des Menschen? Mich reißt der Augenblick fort, und ich muss mich dem beweglichen Spiele hingeben oder in der innern Unzufriedenheit vergehen. Und zu was, fragte der Mahler, soll dies zwecklose Spiel führen? Zwecklos? wiederholte Rodrich. Nennen Sie so das freieste Ringen und Entfalten der Kräfte, das wie Himmelsklang das Innere durchrauscht und jede trübe Sorge von dem reinen Spiegel einer mutigen Seele weghaucht? Und was, als dieses Entzücken, wird fortleben, wenn die Zeit auch Ihre blühenden Träume verwischt und die Früchte einer mühevollen Laufbahn verschwinden? –
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Sie hatten sich gleich beim ersten Erkennen aus der Laube entfernt. Rodrich sprach mit vieler Heftigkeit, denn es erbitterte ihn, dass seine Freude so ungetheilt blieb, und der Freund nur auf die Verschiedenheit ihrer Wege achtete. Und wiederum konnte sich dieser gar nicht zufrieden geben, so die besten Erwartungen getäuscht und alle Sorge und Fleiß verschwendet zu sehen. Er betrachtete Rodrich mit unwilligen Blicken, ohnerachtet dessen freier Anstand und die edle Haltung dem künstlerischen Auge nicht zuwider sein konnte. Tausend Versuche ihn der Kunst wieder zu gewinnen, glitten an der verschloßnen Seele des gereitzten Jünglings ab, der endlich unwillig ausrief: Ich kann nun einmal weder die Ruhe, noch die Freiheit erringen, in den abgeschloßnen Bahnen eine Welt aus mir hervorzurufen, die reich und gehaltvoll genug wäre, um mein Verlangen zu stillen, und ich will der Natur den Schimpf nicht anthun, zu glauben, als führe nur ein Weg zur Seligkeit. Ich habe es immer gefühlt, sagte der Mahler, dass dir die rechte Liebe fehle, aber ich glaubte dich nun schon zu vertraut mit der Kunst, um je wieder von ihr lassen zu können. Jetzt sehe ich wohl, es war der Ritter und das Schwerdt, was dich an jenem Abend in der Hütte bewegte, und nicht die Freude am Bilde selbst, wie ich thöricht glaubte. Und doch, sagte Rodrich, durch jene Erinnerungen erweicht, ich kann da nichts trennen, und ich wollte, ich hätte diese Einheit, dies Zusammenfallen oder Zusammenhalten der Gefühle in allen Verzweigungen des Lebens bewahren können, aber da spaltet und fächert sich alles so seltsam von einander, dass die rechte Lust in tausend Stückchen zerbröckelt, und nichts übrig bleibt, als die dürre Ueberlegung, die in besonnenen Augenblicken das Gerippe zusammenhält.
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Der Mahler wandte sich verdrießlich von ihm ab, und er blieb in dem Andenken des hervorgerufnen Bildes und der Stunde versenkt, die ihn zuerst der Welt zuführte. Alles was er dem gütigen Beschützer verdankte, die edlere Bildung, äußeres Wohlseyn, die jetzigen Verhältnisse, alles dies reihete sich unmittelbar an jene Erinnerungen, und es that ihm leid, sich so schroff und stolz gezeigt zu haben, da auch sein jetziger Tadel eine Theilnahme verrathe, welche die Liebe für ihn und die Kunst so umfasse, dass er sie vielleicht selbst nicht zu trennen wusste. Indessen war es ihm tröstlich, dass ihm dieser Streit wieder neue Anregungen gegeben, und ihn klar einsehen lehrte, wie nur das bewegliche, flüssige Licht des Geistes durch alle Zeiten fortströme, und sich von Geschlecht zu Geschlecht in den Herzen verjünge, während die kleinen Werke der Menschen zerfallen und ihr unscheinbares Daseyn von der Erde verschwindet. Und so, rief er, ist auch die stille Liebe und Seligkeit der Unglücklichen, deren Grab ich heut betrat, nicht gestorben, denn alles, was nur recht tief im Innern empfunden wird, das ist so gewiss ewig, wie das Leben selbst. Er sehnte sich mehr als jemals nach dem Kriege, wo die Gegensätze recht scharf hervorspringen, und der Mensch so groß über die Erde hinsieht und sich freudig vergisst in der Ehre und dem Ruhm, der ihn weit überleben soll. Unter diesen Gedanken ging er mit raschen Schritten auf und ab, als ganz unerwartet, die beiden Mädchen vor ihm standen, die ihn vor wenigen Augenblicken so ergötzten. Es waren zwei zarte Röschen, deren nahes Erschließen sich in den halb jungfräulichen halb kindischen Blicken und Geberden offenbarte. Die Älteste sah schon recht listig aus dem Strohhütchen hervor, und als sie Rodrich umschlang, wehrte sie den Kuß nur leicht ab, der den frischen Mund flüchtig berührte. Die kleine Laura erzählte nun alles, was sie auf dem Herzen hatte, und wünschte sehnlich, die Aufmerksamkeit des schönen Herrn auf sich zu ziehn. Rodrich hörte auch willig zu, und ließ sich gern von dem Syrenenstimmchen in den süßesten Taumel hineinschwatzen. Cyane trieb indeß zur Eile, da die Musi klängst angefangen hätte, und in der Laube schon getanzt würde. Als sie unter das Laubdach traten, kam ihnen Marie mit einem Korbe der schönsten Kränze entgegen, die sie überall an den Ranken befestigte, und das bunte Gewinde in der Luft spielen ließ, was den lustigsten Anblick gewährte, indeß die bewegten Blumen erfrischenden Duft verbreiteten und die zarten Wangen der Mädchen mit ihrem Glanze färbten. Alles war wie berauscht, und der Wirth, der es wirklich war, lief mit lächerlichen Geberden umher, und indem er den vollsten Kranz herunterriß, und ihn auf die rothe Stirn drückte, glich er einem Faun, der mit seinen Bocksprüngen die Gesellschaft zum unversiegbaren Gelächter reizte. Rodrich hätte Cyanen, die beim Tanzen den Strohhut ablegte, des Gegenstücks wegen die schönsten Blumen zwischen die braunen Locken geflochten, und fühlte, als er die Reihen mit ihr hinunterflog, nicht ohne Bewegung die kleine Brust an der seinigen schlagen. Die andern Mädchen hatten sich indessen vertraulich genähert, und sahen mit Wohlgefallen in die hellen Blicke des vornehmen Fremden. Der leichte Ton, den er sich hier erlauben durfte, die ungezwungene Art des Tanzes, die leichtfertigen freien Blicke seiner Tänzerinnen, alles riss ihn fort, und er wiegte sich an der Hand einer schlanken Blondine in lüsterne Träume, als seine Augen denen der einsamen Mutter begegneten, die in dem Anschauen ihres Kindes versenkt, in einer eignen Welt lebte, und nur zuweilen und flüchtig auf die wogende Fluth blickte. Er wusste selbst nicht, wie es geschah, dass er an Miranda dachte, und sich jeder unheiligen Regung in tiefster Seele schämte. Marie, die dem Kinde auch ein Blumenkettchen gewunden hatte, kniete vor diesem nieder, und schlang den Kranz um die weißen Küssen. Die schöne Frau küsste sie auf die Stirn, und Rodrich, der sich genahet hatte, hörte dass sie ihr leise zuflisterte, bringe doch den Bruder zur Ruhe, die Thorheiten ängstigen mich. Großer Gott! dachte er, muss dieser Himmel gerade von der gemeinsten Rohheit getrübt werden, und ist denn nichts rein in der Welt, dass man sich an keinem Gebilde ohne wehmüthige Störungen erfreuen darf. Ach es ist wahr, das Glück und die Freude spielen nur auf der Oberfläche des Lebens, und wenn man sie fassen will, so winken sie uns weit aus der unerreichbaren Tiefe, wo der Mensch schaudert, hinabzusteigen. Der Mahler trat jetzt auf ihn zu, und fragte spöttisch, bist du so schnell mit der Wirklichkeit zerfallen, dass Du mit diesen trübseligen Mienen in die allgemeine Freude hineinschauest? – Und dankt Dirs der fliehende Augenblick nicht besser, dem Du dich so gern hingiebst? Wer hat ihn, fesseln wollen, fragte Rodrich, durch die Frage schnell zu sich selbst gebracht. Dies Ziehen und Wandeln, dieser ewige Wechsel von Lust und Schmerz ist ja das rechte Leben, dessen höchstes Ziel wohl jedem gleich abwärts steht. Dem Künstler nicht, erwiederte jener, der weiß den Streit zu lösen, und den Augenblick zu verewigen. In den reinen Himmel seiner Phantasie tritt nur das Urbildliche der Welt, und die niedre Mangelhaftigkeit schwindet vor dem ewigen Schönen, das seinen Blick verklärt. Wenn ihn dieser Blick nicht durch das ganze Leben begleitet, sagte Rodrich, so sind dies auch nur Erhebungen, die er überall mit den höhern Menschen gemein hat, und was ist denn der Künstler anders als ein rüstiger Streiter, dem die Siegespalme aus der Ferne winkt. Oder ist es nicht ein Streit zu nennen, wenn Gedanke und That mit einander ringen, und die Schöpfung langsam ans Licht tritt und oft ganz anders, dem schaffenden Geiste fremd da steht, und er das eigne Kind widerstrebend anerkennt? – Ist es etwa keine Mangelhaftigkeit, wenn der zurückgezogne Blick aus der innern Welt hervortritt und die kleinen Sorgen des Lebens ihm begegnen, den frischen Muth anfallen, an ihm nagen und zerren, bis er geängstet in seinen Himmel flüchtet, und ihm das nur ein Zufluchtsort bleibt, was eigentlich gar nicht von dem Leben losgerissen, sondern Eins mit ihm in der innern und äußern Verklärung gedacht werden soll? Wohl dem, erwiederte der Künstler, der sich diesen Zufluchtsort nicht versperrte, er ist ihm ein sichrer Anker auf der tosenden Fluth, wo die meisten ohne Halt herumirren und rettungslos untergehen. Wer sich so frech dem Kampfe blosstellt, und mit Riesenarmen die ganze Fülle der Natur im bunten Wiederschein ihres wandelnden Lebens umfassen will, dem widersteht alles, bis die Hand, in der jede Lust zerbrach, dem thörichten Herzen Fesseln schmiedet, und ihm in der gänzlichen Hoffnungslosigkeit erst die rechte Hoffnung erblühet. So ging es manchem frommen Einsiedler, den ein mühevoller Weg doch nur zum verfehlten Ziele drängte. Haben Sie, sagte Rodrich ihn schnell unterbrechend, den Heiligen gekannt, dessen Bild Sie mit der hinreißenden Wahrheit auffaßten, so dass ihn Niemand ohne Rührung sieht. Ja, sagte der Mahler ernst. Mein keimendes Talent entfaltete sich unter seinem Schutz. Er stand zu hoch, als dass ich in sein Inneres hätte dringen sollen, allein ich weiß, wie das Opfer eines geliebten Kindes die schuldbeladne Seele befreien sollte, und darum ward er zum Märtyrer an des Sohnes That. – Rodrich, den diese Worte außerordentlich bewegten, wollte weiter in ihn dringen, und sagte ihm, was er selbst Näheres von dem Zusammenhange des Ganzen wusste; allein der Mahler bat ihn, diese Erinnerungen nicht wieder aufzuwecken. Hat doch, setzte er hinzu, die Hand des Himmels jede Spur getilgt, und es soll ja vergessen sein.
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Ein allgemeiner Lärm zog sie hier zu der Menge hin. Der Wirth hatte in der Trunkenheit das Kind von dem Schooße der Mutter gerissen, und sprang in den gefährlichsten Stellungen mit ihm umher. Niemand wagte sich zu nahen, aus Furcht, ihn zu wildern Ausbrüchen zu reitzen. Vergebens flehete Marie, vergebens streckte die weinende Mutter die Arme aus, er schrie und jauchzte vor innerer Lust und trieb sein tolles Spiel ungestört. Rodrich kannte sich nicht vor Wuth, er theilte schnell die gaffende Einfalt und rief mit fürchterlicher Stimme: steh' Kobold, und gieb mir das Kind! Wie gebannt ließ der Erschrockne die Arme sinken, und Rodrich fasste leicht und behend den zarten Liebling, den er in der heiligsten Rührung an das geängstete Mutterherz legte, indem er sagte: die Engel der Unschuld mögen dich hier bewachen und jede Gefahr von dir abwenden; und als umfinge ihn diese Unschuldswelt, neigte er sich vor der segnenden Hand der bewegten Frau, die ihm nur weinend dankte. Der Mahler drückte ihn an das Herz und konnte lange nicht sprechen, dann sagte er: lebe wohl, mein liebes Kind, ich muss dich jetzt verlassen, aber ich scheide ruhiger von dir, als ich dich begrüßte, und wer weiß wie alles kommt, du kehrst wohl noch einmal zu deiner frühern Beschützerin zurück. Rodrich dachte jetzt nicht an die Kunst, und freuete sich nur der wiederkehrenden Liebe seines Wohlthäters, der sich seinen Umarmungen entriss und forteilte. Er wollte nun auch seinen Weg verfolgen, da ihm ohnehin die vorige Störung das kleine Fest verleidet hatte, und als er hierzu Anstalten machte, sah er mit großer Beschämung den reich gekleideten Felix von der schönen Blondine mehr als sich begünstigt. Er ließ schnell die Pferde kommen und ritt eiligst davon.
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Wie er nun endlich das Ziel seiner kleinen Reise erreichte und die alte stark befestigte Stadt betrat, fühlte er eine innere Scheu, die sich beim Anblick des etwas feierlichen Generals nur noch mehrte. Er konnte Anfangs nicht begreifen, wie dieser für den heitern offnen Grafen passe, und was sie eigentlich verbinde. Allein es offenbarte sich ihm bald eine ganz neue Seite seines Standes, die er bis jetzt noch nicht so beachtete, und die der erfahrne Graf wohl zu ehren verstand. Es war nicht sowohl das freie mutige Soldatenleben, was er hier traf, sondern der tiefere Kriegersinn, das Wissenschaftliche der edlen Kunst, was sich im Laufe der ernsten Gespräche verkündete, und als Rodrich seine Unwissenheit hierin nicht bergen konnte, mahnte ihn der gebildete Feldherr zum Fleiß und strengen Studium an, und gab ihm mit vieler Güte selbst einige Anleitungen, indem er ihm die reichen Hülfsquellen seiner Büchersammlung eröffnete. Ich sehe wohl, sagte er, es fehlt Ihnen nicht an dem schnellen Blick, der Gewandtheit und Kraft, die das eigentliche Geniale des Kriegers verkünden, und was keine Kunst der verschloßnen Natur aufdringt; allein verschmähen Sie nichts, was Sie tiefer in das Wesen der Sache einführt, und Ihren Gesichtskreis in jedem Augenblick erweitert. Es ist nicht selten, dass die jugendliche Fülle sich ohne innern Halt früh erschöpft, und das schnell verströmte Feuer eine leere, schlaffe Unthätigkeit zurückläßt. Ich habe Jünglinge gekannt, die wohl früher die Welt erstürmt hätten, und sich dann in den engen Kreis mechanischer Fertigkeiten zurückzogen, um ein träges Leben hinter einer gemeinen Wirksamkeit zu verbergen. Und wer weiß, ist die früh geendigte Laufbahn vieler Helden nicht oft die Rettung ihres Ruhms gewesen. Manchem wollte das Schicksal nicht so wohl, der dann eine glorreiche Jugend durch kleine Rücksichten befleckte. Es ist notwendig, eine große innere Tätigkeit in sich zu erhalten, um den gewaltsamen Drang nach außen zu beschränken, der nicht immer das Rechte erzielt. Nur da, wo die Einsicht Vorsicht wird, und den eigentlichen prophetischen Blick erzeugt, ohne welchen der Feldherr nicht einen Schritt tun kann, da soll sich die innere Kraft ungemessen ergießen, bei der wachsenden Gefahr immer stärker anschwellen und wie ein gewaltiger Strom alles zu dem hohen, erkannten Ziele fortreißen.
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Rodrich sah wohl dass ihm noch vieles mangele, um mit Sicherheit den leicht betretnen Weg fortzugehen, und dass er, wie es wohl mehrere tun, die umfassende Wirksamkeit zu flüchtig überschaute, um sie gehörig zu würdigen. Es beruhigte ihn daher, als der General fortfuhr: Sie haben durch die Kenntnis alter Sprachen vielfache Mittel in Händen, alle Stufen der Kriegskunst zu durchlaufen. Je tiefer Sie sich in die großen Begebenheiten der Welt verlieren, je herrlichere Ideen strömen Ihnen von allen Seiten entgegen. Dies weite Feld eigener Nachforschungen und spekulativer Folgerungen, kann nur der rohe Haufe zu betreten verschmähen. Ich dächte, auch ein wenig entzündbares Gemüt müsse es bewegen, die großen Worte des Cäsar zu lesen, und wer nimmt ohne Ehrfurcht die Anabasis in die Hand und bleibt kalt bei den Beschreibungen der selbst erlebten, oft mitgefochtnen Schlachten großer Geschichtschreiber! Es gehört glücklicherweise zu den nicht mehr geltenden Gemeinplätzen, dass dem Soldaten Gelehrsamkeit unnütz sei, und ich freue mich Ihretwegen, dass Sie die größten Schwierigkeiten überwunden haben.
Vorlage S. 295
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Mehrere Tage waren ihm auf die angenehmste Weise in dieser unterrichtenden Gesellschaft verflossen, als ein Brief des Grafen seine Rückreise beschleunigte. Er schied von seinem neuen Gönner und den leicht gewonnenen Cameraden in der besten Hoffnung, Sie Alle nächstens im Felde zu begrüßen und eilte der Hauptstadt entgegen, wo er Alles in Bewegung und zum Aufbruch bereit zu finden meinte, statt dessen aber Straßen und Häuser festlich geschmückt, und viel Volk vor den Fenstern des Schlosses stehen, aus welchem laute freudige Klänge erschallten. Auf sein Nachfragen erfuhr er, dass der Cardinal den Abend zuvor eingezogen und heut seine Ankunft bei Hofe gefeiert werde. Er blickte nicht ohne Widerwillen zu dem Schlosse auf, wo die ersten unangenehmen Eindrücke seine Freude trübten, und ging dem Grafen seinen Bericht abzustatten. Allein hier war alles leer. Die große Feierlichkeit hatte die schöne Seraphine und ihren Gemahl notwendig herbeigezogen, kaum erfuhr er noch, was sie alle beschäftige, da die ansehnliche Dienerschaft sie fast insgesammt, den Glanz zu vergrößern, begleitet hatte. Er ging verdrießlich durch die leeren Zimmer, und da der Auftrag des Grafen einen Aufschub von wenigen Stunden litt, und er ihn noch nicht zurück erwarten konnte, so beschloss er, zu Stephano zu gehen, wenn er nicht auch etwa zu dem verhaßten Feste geladen sei. Im Hinausgehen bemerkte er indessen durch eine Seitenthür Rosalien, die emsig schrieb, während ihre Cammerfrau mit Einpacken beschäftigt, Anstalten zu einer Reise machte. Er trat hinein, um die Veranlassung dieses unerwarteten Entschlusses zu erfahren. Doch als er sich nahete, und sie die seltsam glänzenden Augen aufschlug, ohne ihn eigentlich zu sehen, ohnerachtet ihre Blicke auf ihm ruheten, fühlte er sich so befangen, dass er sie kaum anzureden wagte. Nach einigem Besinnen schob sie indessen das Geschriebene fort, und sagte: Sie sehen, ich muss wieder fort! Es geht hier auch nicht. Ich finde überall keine Ruhe, und alles widersteht mir so leicht, so gar die Musik, ich kann keinen Ton mehr finden, der mir nicht die heftigsten Schmerzen erregte. Wenn ich nur so recht aus voller Seele reden könnte, bis sich alles löste und der Druck, der furchtbare Druck verginge! Aber die Worte versagen mir, und meine Freunde verstehen mich nicht mehr, und sehen mich so befremdet an, dass mir gleich die Lust am Gespräche vergeht. Darum will ich auch in die Einsamkeit zurück, und immer fort schreiben, bis ich selbst nichts mehr weiß. Das Papier nimmt alle meine Gedanken so willig auf, und ein leerer Bogen sieht mich so lange lockend an, bis ich ihm mein heiligstes Geheimnis vertraue. Ich könnte gar nicht mehr leben, wenn ich die weiße Fläche nicht vor mir sehe. Nur fühle ich zuweilen hier, auf der Stirn einen unerträglichen Schmerz, dann wird mir so seltsam, alle meine Träume verschwinden, ich kann dann gar nichts denken. Die Cammerfrau sagte jetzt, dass alles bereit sei und der Wagen sie erwarte. Rodrich bat um die Erlaubnis, sie in ihrem Schlosse aufsuchen zu dürfen, und versicherte sie seiner zärtlichsten Theilnahme, die jeden Augenblick für ihr schönes Vertrauen dankbar sein werde; allein sie schien auf nichts anders zu achten, als nur schnell fortzukommen, und so entkräftet sie war, eilte sie mit ängstlicher Hast dem Wagen entgegen.
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Rodrich sah ihr wehmüthig nach. Die schöne Gestalt, über die der Schmerz so hinziehend alle Blüthen eines edlen Geistes grausam abstreifte, rührte ihn unbeschreiblich. Er sah mit Schmerzen, wie das freie Spiel ihrer Gedanken sich verwirrte, und ihre Phantasie wie ein drehend Rad herumtrieb. Die hellen Flammen des Verstandes entzündeten wohl auch ihr Licht, aber der Brennpunkt war verschoben, und es kreisete alles wild durcheinander. Er hatte sich unter wehmüthigen Erinnerungen auf ihren Platz gesetzt, als ihm jene Blätter in die Augen fielen, die sie ohnlängst beschrieb, und ohne weiter einen Werth auf sie zu legen, hier vergaß. Er konnte sich nicht erwehren, hineinzusehn, und fand gleich zu Anfang folgende Worte.
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»Ich sehe die alte Liebe wieder in Deinen Augen glänzen, Du verschmähst nicht länger, was Dir ewig angehört. Wie könntest Du auch den schmeichelnden Regungen widerstehen, die Dich, wie mich gefangen halten. Ende darum nur bald das ängstende Spiel, und löse die Ketten, die Dich halten.«
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Gleich darunter stand:
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»Niemand darf unsre Verbindung ahnen. Die Todten sollen unser Glück beschützen. Ich fliehe aus der Stadt, am Grabe meiner Mutter erwarte ich Dich. Da ist es still und heimlich.«
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Rodrich wusste kaum, was er las, die Sicherheit und der Zusammenhang dieser Worte machte ihn zweifelhaft, ob sie nicht mehr als einen glücklichen Traum enthielten. Doch bald riss ihn Folgendes aus allen Zweifeln.
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»Fernando weiß um unsre Liebe. Er wird mich begleiten. Fürchte Dich nur nicht. Der Stern in seiner Brust dreht sich zwar kreisend umher, und berührt mich oft mit seinen Strahlen, dass es wie Flammen auf meiner Stirn brennt; aber er hat mir versprochen, ihn zu verdecken, und darum sei nur ruhig.«
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Rodrich hatte noch nie die Qualen seiner unglücklichen Freundinn so lebendig als heut empfunden. Alle Kämpfe dieser geängsteten Brust, das fruchtlose Ringen und der arme Trost einer geträumten Liebe, pressten ihm heiße Thränen aus. Er lag noch weinend vor ihrem Bilde in Seraphinens Cabinet, als ein nahes Geräusch ihm die Ankunft des Grafen verkündete. Er sammelte sich so gut es gehen wollte, um mit Anstand vor ihm zu erscheinen. Doch kaum gedachte er mit rechtem Ernste seines Geschäfts und dessen Beziehung auf eine freudige Zukunft, so blitzte die alte Lust wieder in ihm auf, und er ging rüstig und frei zu dem Grafen und richtete seine Aufträge aus. Nach einer kurzen Unterredung, in welcher er mit Freuden hörte, dass die Entscheidung nahe und der Krieg mehr als wahrscheinlich sei, der Herzog aber die jetzige fröhliche Stimmung durch keine voreilige Nachricht trüben wolle, trat die Gräfinn herein, und berührte Rosaliens schnelle Abreise, die ihrem Gemahl noch unbekannt war, mit aller ihr eignen Schonung, indem sie hinzusetzte, dass der Arzt mit dieser Veränderung ihres Aufenthaltes zufrieden sei, und von der Stille und Ruhe ländlicher Einsamkeit wenigstens körperliche Erholung erwarte. Allein der Graf war diesmal nicht so leicht zu beruhigen, und verlor sich in vergeblichen Muthmaßungen über diesen unerwarteten Entschluss. Rodrich, der wohl die tiefsten Blicke in ihr zerrüttetes Gemüt getan, wusste ihm nichts tröstliches zu sagen, und so schwiegen sie alle betrübt, denn selbst Seraphine hatte nicht mehr das Herz ihre ewig blühenden Hoffnungen laut werden zu lassen. und blickte selbst muthlos in die Zukunft. Doch riss sie der Graf, der sich nie dem Kummer ergab, und den Schmerz als seinen bittersten Feind haßte, gegen den er schnell und immer ankämpfte, aus der augenblicklichen Verstimmung, indem er selbst andre Gespräche herbeiführte, und sich mit vieler Laune über den Hof und seine ganz eigne Demuth gegen den Cardinal ausließ. Ich weiß nicht, sagte Seraphine, welche seltsame Scheu er auch mir einflößt, es ist nicht Ehrfurcht, nicht Andacht, die ich bei seinem Anblick empfinde; aber mir ist als wenn die göttliche Verdammniß über der Erde hinschritte, und ich sinke ordentlich zerknirscht in mich zusammen, jeder lustige Gedanke erstirbt mir auf der Zunge, wenn die scharfen Blicke so gerade auf mich hinzielen, und auf der glatten Fläche des kalten Gesichts keine Spur von Theilnahme und Wohlwollen zu finden ist. Ich begreife nur nicht, wie man noch seinetwegen Feste anstellen und freudige Menschen versammeln kann. Er sieht so gleichgültig darüber hinweg und steht da, wie der rächende Engel, dem das Verderben von selbst in die Arme laufen müsse. Miranda ist die Einzige, die sich in seiner Nähe gleich bleibt, und welche die Achtung für seinen Stand, mit der eignen Würde zu behaupten weiß. Alle Andern sind verändert. und ich selbst schäme mich meiner Furcht. Mich hat er nicht gestört, sagte der Graf, ich kenne ihn lange und sehe gern über ihn weg. Diese Ruhe und lauernde Kälte ist ja nichts Neues bei den Heiligen der Welt, und mich befremdet nichts, was von dieser Seite kommt. Nun, sagte die Gräfinn, morgen werden Sie ihn ja sehen. Es ist eine Abendversammlung in Theresens Lustschloß. Jedermann hat Zutritt im Garten, und es werden viel lustige Masken und Aufzüge dort erscheinen, indessen Sie und wir Alle, die zum engern Ausschuß gehören, seine Heiligkeit umgeben müssen.
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Rodrich war unaussprechlich erfreut Miranda wiederzusehen, und hoffte, ihre ruhige Heiterkeit werde ihn vor jedem feindseligen Einflusse bewahren. – So trennte er sich heiter vom Grafen und erwartete in stiller geheimnißvollen Rührung den folgenden Abend.
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Der erleuchtete Garten glänzte ihm schon von fern entgegen. Hohe duftende Blumenranken verbanden die Gebüsche und trugen in vielfachen Bogen farbige Lampen. Statüen und Springbrunnen traten in dem spielenden Glanze recht freudig hervor. Ueberall hörte man unsichtbare Musik. Auf dem Strome wiegten sich die beleuchteten Schiffe wie bunte Flammen, unzählige Masken drängten sich durch einander, Gesang, Spiel und Tanz wechselten in den verschiednen Gegenden des Gartens ab, und mitten aus der allgemeinen Verwirrung strahlte das Schloß auf den hohen Terrassen wie ein fester Stern. Von dort aus übersah man das Ganze mit einem Blick, die seltsamsten Erscheinungen drängten sich daran vorüber, während im Innern alles die Ruhe einer abgeschloßnen Welt athmete. Rodrich trat in die glänzende Versammlung, deren leises Flistern und stilles Wesen seltsam gegen den äußern Lärm abstach, Wie er dem Cardinal vorgestellt ward, fühlte er sich keinesweges durch dessen Anblick überrascht. Er war fest überzeugt ihn wo gesehen zu haben. Dies Bild hatte ihm immer vorgeschwebt, und jedem Geistlichen lieh er in der Erinnerung diese Züge und diese schreckende Kälte. Er zog sich indessen sogleich zurück und fand sich bald zwischen Miranda und Elwiren an einem geöffneten Fenster, das nach der Wasserseite sah. Das lustige Spiel der Menge nahm sie hier gefangen. Sie weideten sich an dem Reichthum und der geschmackvollen Anordnung prächtiger Masken. Ein Triumph des Aurelian mit der strahlenden Zenobia und dem gedemüthigten Tetrikus zog mit allem ersinnlichen Pomp vorüber. Auf dem Strom schwamm dagegen ein künstliches Fahrzeug, das einen Neptun zwischen Tritonen und Nereiden zeigte. Ein neckender Proteus stand am Ufer und verwandelte Harlekin und Colombinen in Meerkälber und Ungeheuer, die er dann unter lautem Jubel den Strand entlang trieb. Alles drängte sich ihnen nach, während ein einsamer Sänger in wunderlicher alter Tracht aus dem Gebüsch trat und folgende Worte sang:
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Blumen süßes Angedenken,
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Blumen, meiner Liebsten Gabe,
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Seid ein Bild der kurzen Freuden,
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Die mit euch verblühend schwanden.
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Seh' euch todt nun vor mir liegen,
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Muss mit Wehmuth die betrachten,
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Deren reiches, frisches Leben
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Freudig meinen Sinn erlabte.
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Zaid nimmt die welken Blumen,
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Drückt sie gegen Mund und Wange,
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Will mit Thränen sie benetzen,
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Will mit Küssen sie erwarmen.
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Und der Thränen helle Perlen
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Glänzen in des Mondes Strahlen.
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Bebend so in Lichtes Wonne,
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Spielen sie viel tausend Farben.
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Blumen, wollt auch ihr mich täuschen
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Neu erblüh'nd im mächt'gen Glanze?
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Wollt euch dem Gestirn verbünden,
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Das im Dunkel trüg'risch waltet.
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Leben habt ihr mir gelogen;
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Will nicht länger euch bewahren,
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Denn für solch ein falsches Leben
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Wähl' ich's einsam zu verschmachten.
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Und er wirft die Liebespfänder
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Johannes Vermeer – Briefleserin in Blau, um 1663. Vergleichsbild zum Motiv des Lesens und Briefeschreibens, keine konkrete Buchszene.
Kontextbild zum Werk. Briefleserin in Blau · Johannes Vermeer · Public domain Bildquelle ↗
280
Von dem steilen Meeresstrande
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281
Tief hinunter in die Fluten,
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282
Sie auf ewig zu begraben.
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Wie die Blumen dort verschwimmen,
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Gar vergessend aller Farben,
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Hat die Thrän auf ihren Blättern
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Bald zur Perle sich gestaltet.
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Perlen sind ja Liebesthränen,
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Denn, von Wehmuth süß umfangen,
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Ruht des Feuers ew'ger Funke
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Mild verklärt im stillen Wasser.
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Ruhig athmeten die Wasser,
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Sonne glänzt' im Liebeslichte,
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293
Und auf sanft bewegten Wellen
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Floß daher ein leichtes Schiffchen.
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Schön gebaut aus seltnem Holze,
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Reich geziert mit bunten Wimpeln,
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Deren roth und weiße Streifen
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Lieblich in der Sonne spielten.
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Auf den sammtnen Polstern ruhend,
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Unter seidnem Baldachine,
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Lacht in Jugend, Pracht und Schönheit
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Fatme, des Alhambras Zierde.
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Muntre Fischer ihr zu Füßen,
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Ihres Hofes edle Diener,
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Die, auf Fatmes Winken lauschend,
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Leicht geschürzte Netzchen hielten.
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Hell ertönten zu den Flöten
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Viele männlich schöne Stimmen,
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Und die Zauberkraft der Töne
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Drang hinunter in die Tiefe;
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Und es folgten gern dem Rufe
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Grün und goldgesprengte Fische,
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Aus der Tiefe sich erhebend
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Zu des Meeres obern Spiegel.
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Doch der Ton war ihr Verderben,
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Denn auf Schiffesrand sich schwingend,
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Warf das Netz ein feiner Knabe,
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Leicht erspäh'nd der Herrin Willen;
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Nahm sie allzumahl gefangen,
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Die im frohen Liebesspiele
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Sich erlabend an den Klängen,
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In den seidnen Kerker liefen.
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323
Er, ihr Schrecken nicht beachtend,
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Öffnete behend die Schlinge,
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Und was sich zuerst ihm zeigte,
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War der schönsten Perle Schimmer.
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Lächelnd wandt' er sich zur Herrin,
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Sprach mit höfisch feiner Sitte:
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Dir allein gebührt dies Kleinod,
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Sieh' in ihm dein göttlich Bildniß.
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Fatme nahm entzückt die Perle,
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Drückte sie an glüh'nde Lippen:
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Perle, mir vor allem theuer,
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Die so unverseh'ns ich finde.
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Will in feines Gold dich fassen,
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Sollst das Haar mir glänzend zieren,
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Und du, holder Knabe, lese
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Meinen Dank in meinen Blicken.
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Schöne Perle, schöne Perle,
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Sieh mich weinend stehn am Ufer,
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Lass dich meine Klagen rühren,
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Folge meinem bangen Rufe.
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Du, des reichen Schmuckes Zierde,
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Bist nun meinem Blick entschwunden,
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Und ich Arme muss vergebens
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Dich am öden Strande suchen.
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Süßes Kleinod, kehre wieder,
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Zier' aufs neu' mir Haupt und Busen,
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Lass in deinem Glanz mich leuchten,
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Leben nur in deinem Ruhme!
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Nein, du bist in Nacht geboren,
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Bist ein Kind der schlimmsten Mutter;
Vorlage S. 316
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Trüg'risch war dein sanftes Leuchten,
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Zu verlocken meine Jugend.
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Grausend steh' ich hier alleine –
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Schäumend naht ihr, wilde Fluthen,
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Wollt auch mich hinunterreißen,
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Wie die Perl' ihr habt verschlungen!
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Ihr entgegen klingen Stimmen,
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Wie aus tiefem Meeresgrunde:
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»Holder Perle süßes Leben
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Blüht im stillen Heiligthume.
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Was der Tiefe ward entrissen,
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Kühn aus Tageslicht gerufen,
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Sinkt zurück in Liebesarme
Vorlage S. 317
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Scheu vor euren wilden Gluten.
Vorlage S. 317
367
Steig hinunter in die Wasser,
Vorlage S. 317
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Kühle deines Herzens Wunden,
Vorlage S. 317
369
Und im feuchten Schooße finde
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Neu erblüht die Wunderblume.«
Vorlage S. 317
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Alle drei blickten ihm schweigend nach, als Elwire wie aus einem Traum aufschreckte. Mein Gott! meine Lieblingsromanze, wie kommt die hieher? Sie sprang vom Fenster und Miranda sagte nach einigem Besinnen: Es ist sonderbar, vor kurzem ging es mir fast eben so. Diese Lieder haben einen innern Zusammenhang, ich kannte sie sehr frühe schon und habe sie sonst niemals gehört! Rodrich wusste nicht, was er denken sollte. Er war Miranda gefolgt, die in die Halle trat, und ging neben ihr, ohne dass beide redeten, so heilig und still war es in ihrer Seele, und keiner bemerkte, dass der Weg immer einsamer ward, und sie plötzlich vor dem matt erleuchteten Pavllion der Prinzessinn standen. Sie traten hinein, und eine unbeschreibliche Wehmuth ergriff sie, als die vorigen Töne aufs neue vorüber rauschten. Sie mussten beide weinen, und in der seeligsten Rührung sanken sie einander in die Arme. Als sie aufblickten, stand der Sänger hinter ihnen, er hatte die Larve abgenommen und Rodrich rief voll Entzücken: Florio, mein Florio; so musste ich Dich wiederfinden! Miranda hatte ihm die Hand gereicht, und sagte mit bewegter Stimme: Bist Du der Engel, der uns zusammenführte, so bewahre das Geheimnis, dass es ewig in unsrer Brust verschlossen bleibe! – Sie eilte hinaus, und Rodrich zog den Wiedergefundenen eilig an sein Herz, das alle Seeligkeit der Welt auf einmal erfüllte. Komm nur, sagte er, jetzt kann ich noch alles nicht fassen, aber ich werde mich wiederfinden, und mein unaussprechliches Glück begreifen lernen. – Sie stießen hier auf Stephano, der einsam an einem Baum lehnte und weit über den Strom hinaus sah. Rodrich eilte auf ihn zu, schloss ihn stumm an die Brust, und ging unter Freudenthränen an Florio's Hand zurück in die Stadt.
Vorlage S. 317

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1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Jene, fast bewusstlos herausgestoßenen, Worte, haben mir zwei Freunde gewonnen, zu denen …«

Eine Antwort ist richtig.

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2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Ich trug indeß das Bild der schönen Dame immer mit mir herum, und hoffte um so eher, sie solle mir einmal erscheinen, da Florio behauptete: sie komme oft im Traume zu ihm, und bringe ihm dann eine goldne Harfe und so […] Blumen, wie er nie wachend gesehen habe.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welcher Ausschnitt enthält eine ausdrückliche Verneinung oder einen Ausschluss? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

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Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

4. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Er dachte hier an Brutus, und was diesen selbst vom […] unterschied.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Eusebio blickte lächelnd auf mich hin, während ein finsterer Mönch hereintrat, mir mein liebes kleines Spiel entriss und es unter Flüchen und Verwünschungen gegen die gottlose Entweihung eines Heiligen in die Flammen warf.« B: »Noch hatte er nie des Herzogs in seiner Gegenwart gedacht, und es schien ihm unzart, den unbezwinglichen Widerwillen gegen ihn laut werden zu lassen, der ihn vom ersten Augenblick ängstete.« C: »Sie hatten lange Zeit vom Altane die herrliche Aussicht genossen, als ein dumpfes Rauschen im Walde sie er schreckte.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Nischen mit hohen Spiegeln versehen, fingen die bunten Lichtstrahlen …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ist es nicht frech, so zermalmend hinzutreten und der …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

9. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Es war Abend, als Rodrich in die Thore der […] einfuhr.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

10. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Nur tun Sie doch nicht gut, die […] so scharf von einander abzuschneiden, wir könnten bei consequenter Folgerung auf den Punkt kommen, wo alle Ihre Worte verschwendet wären, wo wir wirklich nichts, gar nichts von einander wüssten, und Menschen so kalt gegenüber ständen, wie abgeschloßne Welten.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Es war Abend, als Rodrich in die Thore der Hauptstadt einfuhr. Die erleuchteten Straßen zeigten ihm das Getümmel vieler Tausende, die des Lebens Spiel kreisend hin und her trieb. Glänzende Wagen, ferne […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
Textstelle nachlesen ↗

2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Sie waren noch nicht weit gegangen, als Stephano mit mehrern Offizieren zu ihnen stieß. Der Ritter schlug vor, den Tag bei ihm zuzubringen, was von Allen gern angenommen ward, da seine lebhafte Unterhaltung […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
Textstelle nachlesen ↗

3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] gezeigt ward. Das frei ausströmende Gefühl hätte sich vielleicht dahin gerichtet, wohin man es absichtlich zu lenken suchte; allein jeder Schein von Zwang empört ein jugendliches Herz, und ich betrübte oft die gütige Mutter durch einen […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] zugleich bethörte, was ist denn Wahn? Ist es ein absoluter Gegensatz der Wahrheit: so sage ich, dass er gar nicht statt finden, und dem Menschen einwohnen könne; ist er nur das Zufällige der Wahrheit: so lassen Sie uns das Bleibende darin […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] und der bleiche Tod auf den starren Zügen lag, da überfiel ihn eine Angst, dass er kaum aufzublicken wagte. Um sie los zu werden, theilte er Macbeths Trotz, und focht in Gedanken für ihn um den Thron, bis sein blutiges Haupt die furchtbare […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Bruder, den mir Alexis lebhaft zurückruft. Er verschwand einem Freunde zu Liebe aus der Welt, und sein verschollnes Andenken lebt nur noch in meiner Brust. Wir beide, setzte er hinzu, erregten den Zorn der Geistlichkeit, weil wir der […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Sie waren noch nicht weit gegangen, als Stephano mit mehrern Offizieren zu ihnen stieß. Der Ritter schlug vor, den Tag bei ihm […]« und »»Du hast es gewollt, meine Rosalie! Ich folgte Deinem Wink, und fasste die Hand eines frommen Kindes, das auf der Welt Niemand […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »Alle drei blickten ihm schweigend nach, als Elwire wie aus einem Traum aufschreckte. Mein Gott! meine Lieblingsromanze, wie kommt die hieher? Sie sprang vom Fenster und Miranda sagte nach einigem Besinnen: Es […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
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9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Es war Abend, als Rodrich in die Thore der Hauptstadt einfuhr. Die erleuchteten Straßen zeigten ihm das […]« / »Alle drei blickten ihm schweigend nach, als Elwire wie aus einem Traum aufschreckte. Mein Gott! meine […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Es war Abend, als Rodrich in die Thore der Hauptstadt einfuhr.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Reitzend schmiegen sich die Glieder«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Rodrich eilte auf ihn zu, schloss ihn stumm an die Brust, und ging unter Freudenthränen an Florio's Hand zurück in die Stadt.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Rodrich von Fouqué, Caroline de la Motte ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Rodrich

Caroline de la Motte Fouqué: Roderich. Ein Roman in zwei Theilen. Theil 1–2, Teil 1, Berlin: Julius Eduard Hitzig, 1806–1807. Fouqué, Caroline de la Motte 1- Berlin

Das Werk Rodrich von Fouqué, Caroline de la Motte ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.