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Buch - Resignation - Fouqué, Caroline de la Motte

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Originalwerk · Lesefassung

Resignation

Fouqué, Caroline de la Motte · 1775–1829

Resignation von Fouqué, Caroline de la Motte. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–133 Abschnitte
Porträt von Fouqué, Caroline de La Motte-; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Fouqué, Caroline de La Motte- · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 2 von 3

Erster Theil

1
Elise an Sophie
2
Der redselige Walter hat nicht zuviel gesagt. Der erwartete Gast ist wirklich auf dem Schlosse des alten Comthur angekommen. Gestern, bei unserer Rückkehr von Ihnen, sahen wir, während das Schiffchen den Strom hinabglitt, die Fenster im obern Stockwerk der Burg erleuchtet. Dort brannte seit ewigen Zeiten kein Licht.
3
Mein kleiner Georg, der unter dem Vorwande der Müdigkeit, sich von mir auf dem Schoos hätscheln ließ, machte mich zuerst aufmerksam darauf, denn, indem er die allerliebsten Augen bald zusammen kniff, als wollte er schlafen, bald von hunderterlei, das um ihn vorging, angeregt, sie wieder öffnete, streckte plötzlich das Händchen aus, und rief: »ein großer Stern, Mama!« Ich musste lachen, als ich, der Richtung seiner kleinen Finger folgend, den zusammengezogenen Lichtstrahl hinter den Bäumen entdeckte, und mich dabei Walters Wichtigthun, bei Erwähnung des unbekannten Fremden, erinnerte, der Gevatterinnen und Gastwirthen ein erwünschtes Räthsel sein wird, über das ich schon viele die Köpfe zusammen stecken sehe. Nun ich merke, ich, ich mache es nicht besser, als jene! Die Neugier gehört gewiss zu den Erbsünden; denn es theilen sie meist alle Men schen mit einander. Und was man gleich für Mährchen zusammen spinnt. Unten im Amthofe hat man in vorletzter Nacht eine sechsspännige Kutsche, von mehreren Leuten zu Pferde begleitet, vorbei fahren sehen. Sie nahmen die Richtung nach den Bergen zu. Höchstwahrscheinlich waren es die Schloßgäste. Denke ich nun an Georgs großen Stern und die geheimen Anstalten auf der Burg, so haben wir das intrikanteste Abentheuer von der Welt ganz in der Nähe.
Vorlage S. 1
4
Ich schreibe Ihnen das in aller Eile! teils um Recht von Ihnen zu behalten, in Bezug unsers gestrigen Streites über des Comthur bizarre Hypochondrie, teils um die Anwesenheit unsers Merkurs, des flinken Walters, zu benutzen, der stehenden Fußes zu Ihnen hinüber will, um seinen neu auf der Frankfurter Messe erhandelten Kram, vor Ihnen auszulegen. Beiläufig gesagt, solche umherstreifende Hausirer sind doch bequeme Werkzeuge für den Verkehr auf dem Lande! Mit den Waaren tragen sie auch gelegentlich Bestellungen, Briefchen und diese und jene Botschaft zu ihrer Behörde. So schaffen sie Theilnehmer für Freude und Leid.
Vorlage S. 1
5
Nach dieser Lobrede auf Walters Beruf, die eigentlich ihm selbst, und dem Zufalle galt, der mir ihn gerade heute in den Weg wirft, will ich denn nun auch mit dem Bekenntnisse schließen, dass mir die Unvorsichtigkeit, so spät durch die Nacht mit dem Kinde über den Fluss gefahren zu sein, einen kleinen Verweis von Eduard zugezogen hat, der mich weniger verletzt, als ihn verstimmt, was denn immer wie Wolken an meinem Himmel vorübergeht.
Vorlage S. 2
6
Liebe Sophie, es wäre noch Manches über das rasche Umschlagen der Laune, und das Aetzende der Uebel zu sagen, die alles, am liebsten aber die Süßigkeit des Friedens wegzehrt, führte das Eine nicht zu vielem Andern, was keine Erörterung erlaubt. Leugnen kann ich mir es aber nicht, dass ein Instrument, welches den Ton nicht mehr halten kann, an dem die Wirbel zu lose wurden, um die schlaffen Saiten wieder straff anzuziehen, vergeblich vor jeder Berührung bewahrt wird, die äußere Lebensluft dringt hinein und reißt disharmonische Töne heraus.
Vorlage S. 2
7
Ganz mag das mein langes Außenbleiben gestern wohl nicht entschuldigen, aber glauben Sie nur, zu manchen Zeiten kann der Wind so oder so herkommen, es giebt immer Gewitter! Nun, auf baldiges gutes Wetter! was wir auch in gewöhnlichem Sinne gebrauchen können, denn ich möchte Ihnen wohl auf morgen eine Partie auf den Burgwall, bei der Tannenhäuserin, vorschlagen. Die Frau hat eine saubere Wirthschaft, und ihre wohleingerichtete Wohnung am See ist vielfach von Gästen besucht. Bedenken Sie, den Sonnabend bin ich frei. Eduard hat Vortrag, und muss zur Stadt, wo er bis zum folgenden Tage bleibt. Also – –
Vorlage S. 3
8
Und bringen Sie mit, wen Sie werben können. Ich, meiner Seits, werde alles anordnen. Sie denken wohl, dass ich mich für die kleine Mühe reichlich durch die Unterhaltung mit der ehemaligen Schaffnerin des Comthur wieder bezahlt machen will! Merken Sie jetzt die Absicht? – Lachen Sie mich immer aus. Man lebte nur halb, bekümmerte sich nicht Einer um den Andern, und gäbe es nicht Geschwätz und Geschichten.
Vorlage S. 3
9
E.
Vorlage S. 4
10
N. S.
Vorlage S. 4
11
Zur Steuer der Wahrheit kann ich das Blatt nicht ohne Commentar abschicken. Die sechsspännige Kutsche hat sich in eine offne leere Chaise, mit vier Pferden bespannt, verwandelt, welcher ein Reuter, in einiger Entfernung, folgte. Ob der nun zu der Equipage gehörte oder nicht? das steht dahin. So schrumpft meist alles zur Unbedeutenheit zusammen, was einem, Wunder wie wichtig, zur Behauptung einer abentheuerlichen Grille dünkte! Adieu, liebe Sophie!
Vorlage S. 4
12
Antwort
Vorlage S. 4
13
Für diesmal muss ich ihre Nachsicht in Anspruch nehmen, liebste Elise. Briefe einer ältern Bekannten geben mir heute und morgen zu tun, wodurch ich verhindert werde, Ihren Vorschlag anzunehmen.
Vorlage S. 4
14
Mir ist das Letztere doppelt leid, da Sie Freude davon erwarteten, und ich in Ihrer Gesellschaft immer die frohesten Stunden verlebe. Denn, erlaube ich mir auch manchmal den leichten Muth, zu tadeln, der Sie, liebe, angenehme Elise, so schnell über das Hemmende im Leben wegsehen lässt, so ist es doch gerade der helle Blick, das Bequeme und Behende in Ihrem Umgange, was diesen so anziehend macht. Man kann bei Ihnen niemals an Störung oder Gefahr denken, weil Sie nicht daran glauben. Deshalb fiel mir es auch nicht eher ein, Ihre letzte Nachhausefahrt für ein Wagniß zu halten, bis Sie mich selbst daran erinnern, und ich gezwungen werde, dem verständigen Eduard Recht zu geben, und mich zu schelten, ihm diese Unruhe nicht erspart zu haben. Wie leicht wäre unser gegenseitiges Interesse vermittelt worden, hätte ich Sie, wie es Ihr Plan war, um einige Stunden früher zurückbegleitet, und die Nacht in Ihrem schönen Landhause zugebracht!
Vorlage S. 4
15
Meine beschränkte Stiftswohnung bot Ihnen nicht dieselbe Bequemlichkeit, auch durfte ich Sie nicht bei mir zurückhalten wollen.
Vorlage S. 5
16
Nun, künftig werden wir beide verständiger, und Eduard nachsichtsvoller sein.
Vorlage S. 5
17
Wissen Sie, dass ich eitel genug bin, mir einzubilden, Sie werden nun, da ich nicht daran Theil nehmen kann, die ganze Partie nach dem Tannenhause für heute aufgegeben haben? Diese Voraussetzung klingt indeß schlimmer, als sie ist. Ich hänge mich nur deshalb an das Gewicht, das den Ausschlag geben soll, weil ich mit allen denen zusammen hänge, welche Sie allenfalls zu Ihrer Gesellschaft gewählt hätten, obgleich es mir unmöglich war, sie in Zeiten von den Projecten in Kenntnis zu setzen.
Vorlage S. 5
18
Da nun der Hauptzweck, die gesellige Belebung des hübschen Lustortes, wegfällt, so entschließen Sie sich vielleicht, Eduard nach der Stadt zu begleiten.
Vorlage S. 6
19
Die wenigen Stunden auf der Chaussee, leicht hingerollt, geben Ihnen weniger Beschwerde als dem armen Freunde Erleichterung, indem Sie ihm die kranke Laune tragen helfen. Denn glauben Sie zuverlässig, ist der Mißmuth schon für die Umgebungen ein Druck, so ist er eine noch weit schwerere Last für den, welcher daran trägt, sich dessen bewusst ist, und doch dem Beengenden nirgend Raum zu schaffen weiß. In einem Gespräche zu Zweien lässt man sich leichter einen Theil der herben Ergüsse gefallen. Die Freude, einem guten Menschen wohlzuthun, geht mildernd darüber hin. Man stimmt ihn unwillkührlich nach dem Tone, den man in sich bewahrt, das anfänglich Einanderwidersprechende eint sich befriedigend für beide Theile. Vielleicht hatten Sie denselben Gedanken! In dem Falle erzählen Sie mir nächstens, was Sie während des kurzen städtischen Aufenthalts, den Sie immer vortrefflich zu benutzen pflegen, Interessantes sahen und hörten.
Vorlage S. 6
20
Leben Sie recht wohl, beste Elise, und vergeben Sie Ihrer Freundin, wenn Sie Ihnen diesmal weniger gefällig, als sie es wünscht, erscheint.
Vorlage S. 7
21
Elise an Sophie
Vorlage S. 7
22
Was in aller Welt haben Sie vor? Mich wollen Sie von hier entfernen, Sie selbst verstecken sich hinter Geschäfte, die Sie nicht näher bezeichnen, und von dem Schloßgaste, so wie von allem, was darauf Bezug hat, kein Wort! – Wie sonderbar! Ja, wie unnatürlich, möchte ich sagen, da Sie mich kennen, und es wissen sollten, dass ich erstaunt leicht Contrebande spüre.
Vorlage S. 7
23
Ihr Brief ist himmlisch gut, voll Geist und Wohlwollen. Aber es klingt mir alles, wie hinter einem Vorhange. Ich sehe Sie nicht, ich höre Sie blos, und deshalb üben Sie auch keine Gewalt über mich. Lassen Sie sichs nun nicht wundern, dass ich von dem, was Sie von mir fordern, ohne es mir offen zu sagen, auch nicht das Geringste getan habe. Erstlich ist Eduard in Gottes Namen allein nach der Stadt gefahren, und zweitens habe ich Milch und Früchte bei der Tannenhäuserin, ohne Sie, Eigensinnige, gegessen, und mir viel von der gesprächigen Wirthin erzählen lassen. Doch in der Hauptsache bin ich so klug wie vorher. Die Frau scheint mir durch mancherlei Erfahrungen gewitzigt, sie ist auf ihrer Huth. Ueber eine gewisse Grenze kommt man mit ihr nicht hinaus. Es unterhielt mich ungemein, wie sie meine Fragen so geschickt unterlief, und den Gegenstand von einer ganz andern Seite erfasste. Meistens führte sie alles auf sich selbst zurück, wer sie ist, was sie leistete und noch jetzt schafft und erhält, das erfuhr ich genau. Hier standen wir denn fest, und blieben stehen. »Der Gewinn, werden Sie sagen, war nicht groß.« Freilich nicht, allein ich hatte die Familie des Amtmanns mit mir; die Frau, welche sich nur selten eine Erholung gönnt, und die Kinder eben auch nicht verwöhnen kann, sah sich in die Tage sorgenfreier Jugend versetzt, wo sie mit ihren Eltern solche Lustorte besuchen, sich putzen, frei von Geschäften bequem lustwandeln, die Natur, ohne Nebenbeziehung auf Ertrag und Nutzen, bewundern durfte. Sie war so recht aus Grund der Seele froh, und sagte, was ihr in den Mund kam. Ich habe unglaublich über sie gelacht.
Vorlage S. 7
24
Zuletzt kam noch eine Schüssel mit Backwerk, bei der sich meine Raben gütlich thaten. Ich stopfte sie tüchtig, und spielte dann zu allgemeinem Entzücken blinde Kuh, Katze und Maus und den Dritten abschlagen mit ihnen.
Vorlage S. 9
25
Ich weiß nicht, ob Sie den hübschen, blumigen Wiesenplan zwischen dem See und dem Waldsaum kennen? Die herrlichen Buchen, welche diesen in drei doppelten Reihen einfassen, wölben ihr breites Blätterdach über den Rasen. Man hat hier Schatten, Schutz vor dem Winde und dem feuchten Lufthauch des Wassers. Keinen bessern Spielplatz giebt es unter der Sonne. Die Amtmännin durfte nicht zurückstehen. Auch ging sie gutwillig daran; bald gaben wir den Jungen nichts an Ausgelassenheit nach. Das nahm denn aber für mich ein beschämendes Ende. Während dem Hin- und Herlaufen hatte sich mir, unten am Kleide, der Saum abgetrennt. Ich bemerkte es nicht. Jetzt verwickelte ich mich bei einer Wendung darin. Ich wäre gefallen, hätte ich nicht kurzen Prozess gemacht, das Stück abgerissen und dieses, mit sammt dem Schuhe, um welchen der Streifen geschlungen war, von mir geworfen; ein Ausweg, der mich auf der Stelle wieder auf die Beine, jedoch um meinen Schuh brachte. Dieser war tief in das Gebüsch hineingeflogen. Ich theile dasselbe unter lautem Lachen, da steht ein fremder Mann, halb von den Zweigen verdeckt, vor mir. Er mochte hier schon eine Weile gestanden, und unser ausgelassenes Treiben mit angesehen haben. Das verdroß mich, ich that, als sehe ich ihn nicht; auch trat er sogleich zurück. Ehe ich noch zu den Uebrigen gelangte, war er verschwunden. Ich weiß von dem ganzen Menschen nichts, als dass er blau oder grün angezogen war und eine Flinte auf dem Rücken trug. Erst nachher fiel mir ein, was Ihnen, Sophie, eben auch einfällt. Sehen Sie, ich kann von hier aus in Ihren Zügen lesen, dass Sie mich ohne Worte verstehen. Sie denken wie ich, an den Schloßgast, und der war es auch ohne alle Frage, obgleich die Wirthin diesen nicht kennen will, die Sache bei Seite wirft, den vermeinten, vornehmen Fremden für einen neuen Sekretär des Comthur ausgiebt, so weiß sie doch mehr von allen dem, und glaublich ist es, dass jener bei ihr im Hause war, indeß wir uns mit ihr unterhielten. Dies mag nun sein wie es will. Solche Dazwischenkunft eines Dritten unterbricht immer, und giebt andere Gedanken. Zudem waren wir müde. Die Sonne ging unter. Gerade über dem See stand die glühende Scheibe. Wir setzten uns am Ufer nieder. Es war der köstlichste Abend. Die Kinder pflückten Vergißmeinnicht und gelbe Wasserlilien. Zu unsern Füßen perlte der weiße Wellenschaum. Die kleinen Bläschen zerrannen geräuschlos zwischen Rohr und Calmus. Ich folgte mit den Augen ihrem raschen Verschwinden. Die Amtmännin war still, ja andächtig geworden. Sie saß mit gefaltenen Händen neben mir, sah in die steigende Dämmerung, und gedachte ihrer verstorbenen Eltern. Sie mochten ihr in der Dunkelheit mehr gegenwärtig sein. Sie sprach viel von ihnen. Ich hörte ihr mit Innigkeit zu. Der Vater besonders schien ihr theuer gewesen. In der Jugend begleitete er als Feldprediger sein Regiment auf manchen Zügen, und wohnte mehr als einer Schlacht bei, verlor aber sein Amt wegen einer unvorsichtigen Trauung, zu welcher er sich aus Liebe für einen jungen leidenschaftlichen Offizier verleiten ließ. Nach dem Tode des Fürsten bekam er zwar den Posten seines Schwiegervaters, an der Hofkirche, allein die übereilte Handlung, die zum Unglück des Ehepaars ausschlug, blieb ihm ein störender Vorwurf für sein Leben. Die Tochter rühmte überall die große Zartheit seines Gewissens, und wusste noch mehrere rührende Züge davon anzuführen.
Vorlage S. 9
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Anfänglich flossen ihr die Worte nicht ganz natürlich, wie das wohl bei Leuten der Fall ist, die von dem gewohnten äußern Treiben in die innere Welt zurücktreten. Ihre Sprache klang wie aus einer Putzstube heraus. Aber das währte nicht lange, Gefühle, die ihr stets vertraut blieben, rissen sie, wie alte Bekannte, mit sich fort. Ich empfand aufs neue, was nur einzig wahre Bildung giebt. Rührt der Genius die Flügel der Seele, so hebt er alle Fähigkeit des Innern mit aufwärts.
Vorlage S. 12
27
Sehen Sie, liebe Sophie, die Frau, die ich mir doch immer nur als Nothbehelf mit auf die Fahrt nahm, musste mir so zur Erbauung dienen! Ich glaube, wir säßen noch da beisammen und plauderten, wären die Kinder nicht müde, der Abend dunkel, und die Amtmännin wegen ihres Mannes unruhig geworden.
Vorlage S. 12
28
Ich war bei meiner Nachhausekunft sehr froh, keine eheherrliche Kritik fürchten zu dürfen. Georg aß seine Suppe so vergnügt um neun als um sieben, und ich schrieb dies Alles ungestört an Sie.
Vorlage S. 12
29
Hierauf werden Sie nun wohl denken, dass ich es nicht bereue, von der Fahrt nach der Stadt zurückgeblieben zu sein.
Vorlage S. 12
30
Aufrichtig gesagt, gute Sophie, versteh' ich nicht, was Sie mit dem Vorschlage wollen? Entweder Sie beabsichtigen etwas Verborgenes damit, oder Sie beweisen mir, was ich immer schon dachte, dass jedes Urteil über Verhältnisse, zu denen man ausserhalb steht, eben so schwankend ist, wie es unmöglich wird, aus der Ferne einen Maaßstab für dasjenige zu finden, was in solchen Verhältnissen getan oder unterlassen werden muss. Theorien abstrahiren sich wohl im Allgemeinen, aber das Leben steht nicht einen Augenblick still. Den Widerstand oder die Nachhülfe, die es auf einer Stelle fordert, verwirft es auf der andern.
Vorlage S. 13
31
Mein Gott! was hätte es dem guten Eduard in seiner momentanen Verdrossenheit geholfen, wenn ich an seiner Seite vor Staub und Hitze erstickt wäre, und ihn dadurch gezwungen hätte, auf mich zu merken? Meinen Sie, dass es ihn würde erheitert haben, mich um nichts und wieder nichts gequält zu sehen? Ganz im Gegentheil, er wäre ausser sich gerathen, hätte sich tausend Vorwürfe gemacht, sich den unglücklichsten Menschen der Erde geglaubt, und sinnreich in eigener Qual herausgefunden, dass er es anfangen möge, wie er wolle, er beglücke niemand. Leute seiner Art, die an völlige Isolation und in ihren Geschäften an etwas Mechanisches gewöhnt sind, werden gleich ungeduldig, wenn sie irgend etwas Fremdes durchkreuzt.
Vorlage S. 13
32
Seit vier Jahren, dass wir verheirathet sind, habe ich den Sommer immer still hier verlebt. Eduard würde sehr frappirt über den Gedanken gewesen sein, ihn auf seiner Sonnabendsfahrt begleiten zu wollen. Das geschah nie. Warum jetzt? Fühlen Sie nicht, wie der Einsame das zum Gegenstande mißtrauender Grübeleien gemacht hätte?
Vorlage S. 14
33
Nein, Sophie, Sie heben auch nur Menschen nach vorausgesetzten Annahmen heraus. Das hindert Sie, zu sehen, was Sie sonst sehen würden.
Vorlage S. 14
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Ich hoffe, Ihre Geschäfte sind beendet, und Sie kommen morgen, mich zu versöhnen.
Vorlage S. 14
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Eduard an Elise
Vorlage S. 14
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Arbeiten dringender Art zwingen mich, meinen hiesigen Aufenthalt um mehrere Tage zu verlängern. Ich ergreife eine schickliche Gelegenheit, welche sich mir in der Amtsreise unsers Justizraths darbietet, Dich, liebe Elise, in Zeiten davon zu benachrichtigen. Sein Weg nach dem Schlosse des Comthur geht bei unserm Landsitze vorbei, und so passt sich alles genau zu meinem Zwecke. Du wirst noch diesen Abend von meiner verspäteten Rückkehr unterrichtet, bevor Du im mindesten in Ungewissheit über deren Veranlassung sein kannst. Ich nehme diese Vorsichtsmaaßregeln mehr in meiner als in Deiner Seele, weil mir der Gedanke jeder Unbestimmtheit zuwider und der tätigen Wirksamkeit so überaus hemmend ist.
Vorlage S. 14
37
Auch benutze ich diese Veranlassung, Dich in ähnlichen Fällen zu derselben Aufmerksamkeit zu verpflichten. Vergebliches Warten hat immer den peinlichsten Zeitverlust zur Folge; und einmal aus dem Gleise, in dem man sich bequem fühlt, herausgerissen, werden wir zuletzt auch für das stumpf, was wir herbei wünschten, und das uns nun in einer gewissen Unordnung der Empfindungen überrascht, ohne doch zu befriedigen. Wenn es Dir schwer werden sollte, hierin meinem Beispiele zu folgen, so wird Dich viel leicht die Betrachtung williger dazu machen, dass die meisten Verdrüßlichkeiten und Mißverständnisse im Umgange, aus Mangel rücksichtlicher Beachtung der Lebensordnung herrühren, wodurch, mit der einen Störung, welche Diesen oder Jenen empfindlicher als Andere trifft, zugleich eine allgemeine Erschütterung und eine ganze Kette häuslicher Unbilden hervorgeht. Mit dem Wunsche, Dich und Georg bei meiner Rückkehr wohl zu finden, umarme ich Euch beide zärtlichst.
Vorlage S. 15
38
Elise an Sophie
Vorlage S. 16
39
Können Sie sich denn keinen Augenblick abmüßigen? – Ich sitze hier in tausend Aengsten, von Gewissensbissen und Sorgen gemartert. Fort kann ich nicht, allein wird mirs zu viel, und Sie schweigen und kommen nicht.
Vorlage S. 16
40
Denken Sie nur ums Himmels Villen, die gute kleine Amtmannsfrau ist tödlich erkrankt. Erhitzung, Erkältung, Gott weiß, ob on später her oder jetzt erst veranlaßt? hat sie mit einem Fieber niedergeworfen, das selbst den Arzt für ihr Leben zittern lässt.
Vorlage S. 16
41
Gestern Abend ward ich hinüber gerufen. Die Leute wussten nichts mehr mit dem Manne anzufangen. Ich war im Augenblicke dort. Schon von aussen hörte ich die Kranke laut und hell sprechen. Mir schlug das Herz, die Kniee zitterten mir, ich öffnete zögernd die Thüre.
Vorlage S. 16
42
Vorn, in der Wohnstube, saßen die ältesten Knaben und weinten still in ihrem Winkelchen. Ein allerliebstes kleines Mädchen aß in seliger Unbewußtheit unter Lachen und Kreischen die Abendsuppe. Der rüstige starke Amtmann schwankte mit gefaltenen Händen, ganz zusammengebrochen, von einer Thüre zur andern, wollte Dies und Jenes bestellen, holen, wusste nicht, was er sagte, was er that; die Augen waren ihm, von der ungewohnten Thränenfluth, wie erloschen, die Stimme bebte, unaussprechlicher Jammer sprach aus den schlaffen Zügen.
Vorlage S. 17
43
Als er mich gewahr wurde, brach er von neuem in Thränen aus. Ach! stöhnte er, meine Hand in der seinen pressend, und sie krampfhaft festhaltend! »Wer hätte das gedacht.« Es war alles, was er hervorbringen konnte. Während dem rief ihn die Kranke wiederholt. Er stürzte an ihr Bett. Sie schien unruhig. Es waren aber nur wirthschaftliche Erinnerungen, die sie zu machen hatte. In diesem Augenblick war sie gewiss besonnen. Es hatte alles Zusammenhang, und Hand und Fuß, was sie sagte. Ich näherte mich ihr. Sie bemerkte es. Ganz verständig sagte sie mir guten Abend. Ich drückte blos ihre Hand, die sie mir reichte, ohne etwas zu sagen, aus Furcht, sie durch fremde Vorstellungen zu verwirren. Allein die Vorsicht war unnütz. Mein bloßer Anblick zog sie in ein Zwielicht schwankender Erinnerungen zurück. Sie lächelte, sprach von ihrem Vater, und sagte dann noch etwas, das mir recht auffiel. Es war, als rede sie vom Comthur, indem sie des Fremden auf dem Schlosse erwähnte und hinzu fügte: Jetzt bereuet er alles! was wird's helfen! der Bruder ist todt! Der junge Mensch! – – Sie warf den Kopf in die Höhe, so, als gehe sie der nicht sonderlich viel an. Hernach fragte sie etwas, das ich nicht verstand. Das ging alles durch einander. Allein jedesmal, wenn ihr die Besonnenheit zurückkehrte, war sie mit den Gedanken in ihrer Wirthschaft und den häuslichen Angelegenheiten. Sie hatte recht freundliche Worte für ihren Mann. Der Kinder gedachte sie nur, in Hinsicht ihrer Pflege und Wartung, auch Einiges zu erinnern. Verfiel sie dann wieder in Phantasien, so hatte sie eine ganz andere Sprache, erhöhte Gefühle, confuse, aber doch besondere Bilder. Es war Vater und Mutter, und eine schöne Zeit der Jugend, von der sie mit Liebe träumte.
Vorlage S. 17
44
Sophie! in welcher von beiden Welten leben wir denn eigentlich? in der sichtbaren oder unsichtbaren? Wenn es gerade umgekehrt wäre, und wir hier träumten und dort wachten!
Vorlage S. 18
45
Die meisten Menschen, und wir selbst vielleicht, würden es übel nehmen, wenn man zu behaupten wagte, wir gingen wie Nachtwandler umher. Der Ernst, den wir an unsre kluge Geschäftigkeit setzen, bedeute am Ende nicht mehr, als der im Traume, worüber wir beim Erwachen so vielen Spaß haben.
Vorlage S. 19
46
Doch, was sollen die bizarren Reflexionen hier, wo die einfache Wahrnehmung so traurig ist! Wir blieben in großer Spannung über die Kranke. Es konnte nichts für sie geschehen, bis der Arzt kam. Endlich ward er herbeigeschafft. Er trat in das Haus, ohne dass der Amtmann das Herz hatte, ihm entgegen zu gehen. Ich that es an seiner Stelle. Sie wissen, ich glaube nicht leicht das Schlimmste. Ich zitterte daher nicht vor dem Ausspruche des Einzigen, der hier, mit der richtigen Einsicht, auch Hülfe bringen konnte. Ich beeilte mich nur, dem Manne, der mir übrigens fremd, und hier in der Familie nur wenig bekannt war, eine allgemeine Uebersicht von dem vorliegenden Falle zu verschaffen. Er hörte mehr höflich als beachtend zu, zeigte sich eilig, nahm von allem Aeusserlichen obenhin Notiz, und flößte mir eher Misstrauen als Glauben an seine Fähigkeit ein. Ich wandte mich daher ab, als er sich dem Bette der Kranken nahte. Des Amtmanns ganze Seele hing indeß an seinen Blicken. Auch die armen Kinder standen lauschend in der Thüre. Es war indeß auf dem, plötzlich ganz Auge und Ohr gewordenen Gesichte des Arztes, nichts als fortgesetztes Forschen, aber keine Spur eines Urtheils zu lesen.
Vorlage S. 19
47
Mit demselben Ausdrucke in der Miene stand er jetzt von seinem Platze, an dem Krankenbette, auf, indem er sehr bestimmt sagte: »Nun, ich werde etwas verordnen;« worauf er Feder, Dinte und Papier forderte, rasch zwei Worte aufschrieb, und einen reitenden Boten nach der Stadt sandte, dem er Eile empfahl.
Vorlage S. 20
48
Niemand befragte ihn. Er verstand das. »Ich kann nichts entscheiden,« äusserte er nach einer stummen Pause. Für die kurze Zeit der Krankheit hat sich das Uebel so sehr ausgebildet, dass man nicht wissen kann, ob es schon ganz da, oder nur der Vorläufer von etwas ist, das noch dahinter steckt. Er ging von nun an sogleich zu Fragen und Erkundigungen über, und sah es jetzt recht gern, dass ich im Stande war, ihm gehörige Auskunft zu geben.
Vorlage S. 20
49
Seine Art fing an, mir zu gefallen. Erst wollte er sehen und dann hören, was ihm nötig dünkte, um weiter vorzudringen. Mein rasches Entgegenfahren war ihm unbequem. Er hatte recht. Es half ihm zu nichts.
Vorlage S. 21
50
Ich gewinne leicht Achtung für Leute, die ihre eigene Art haben und behaupten. Deshalb ward ich auch hier ruhiger, und tröstete die Familie, die des Doctors Zurückhaltung peinigend drückte.
Vorlage S. 21
51
Die Nacht ging auf diese Art hin. Die Kinder schliefen endlich ein. Am Morgen fanden sich unwillkührlich alle Gemüter mehr im Gleichgewicht. Man hoffte nichts Bestimmtes, aber das Gefürchtete stand doch ferner.
Vorlage S. 21
52
Es ist ohngefähr noch so. Indeß fühle ich dem Arzt an, er greift behutsam, aber unbefriedigt nach dem unsichtbaren Faden durch dies Labyrinth. Wenn die Frau stürbe! Mein Gott! die Kinder, der Mann! – Sophie, es ist doch etwas sehr Tiefsinniges um Familienbande. Welch geheimnißvoller Verein! Und was heilt den Riss, den hier der Tod machen kann! Das Leben? – Ja, es gleicht äußerlich alles aus, aber die Kinder ohne die Mutter! Die Welt ist nicht reich genug, die Lücke zu füllen.
Vorlage S. 21
53
Ein ganzer Tag und eine Nacht ist wieder vorüber. Wir stehen auf dem alten Fleck.
Vorlage S. 22
54
Mir ist so beklommen, als läge ein Fels auf meiner Brust.
Vorlage S. 22
55
Was daraus werden wird!
Vorlage S. 22
56
Der Arzt ist jetzt in der Stadt. Er kommt erst spät Abends.
Vorlage S. 22
57
Ich bin unaufhörlich auf den Beinen, entweder hinunter nach dem Amthofe oder hierher zurückzugehen. Deshalb flüchte ich mich auch nur auf Momente mit der Feder zu Ihnen. Ich thäte es gern mit Leib und Seele. Allein, fort kann ich nicht von hier, so sehr mich auch alles presst und klemmt. Ich hielte es nicht in der Ungewissheit anderwärts aus. Die Familie ist zu unglücklich.
Vorlage S. 22
58
Walter war eben hier. Er kam von Ihnen. Ist es wahr, was er behauptet? Sie verreisen? Ihre Leute haben es ihm anvertraut, und Sie selbst es angedeutet, indem Sie grauen Taffet zu einem Staubmantel, und einen grünen Schleier von ihm kauften.
Vorlage S. 22
59
Was gehen Sie denn für Umwege mit mir, Sophie? Ein Fremder war bei Ihnen. Ein junger, feiner Herr, wie Walter versichert. Im Hause wusste man seinen Namen nicht. Wenn es der wäre, den ich meine.
Vorlage S. 22
60
Es ist mehr als wahrscheinlich. Ihr plötzliches Verstummen und Abwehren führt auf seltsame Schlüsse.
Vorlage S. 23
61
Leben Sie wohl! Ich bin betrübt und verdrüßlich, seit Sie die Geheimnißvolle gegen mich spielen.
Vorlage S. 23
62
Antwort
Vorlage S. 23
63
Ziehen Sie keine voreilige Schlüsse, liebste Elise. Denken Sie auch nicht, ich wähle verborgene Wege, um Ihnen zu entgehen.
Vorlage S. 23
64
Bei Ihrer Billigkeit, Ihrer freien, natürlichen Weise, braucht es nichts, als das offene Geständniß, dass ich etwas zu verschweigen habe, was mir von Freunden anvertraut ward, die meine Theilnahme wie meinen Beistand in Anspruch nehmen.
Vorlage S. 23
65
Sie sind gewiss weit entfernt, nach fremdem Eigenthum Verlangen zu tragen; aus demselben Grunde würden Sie auch die Erste sein, eine Mittheilung zu wünschen, die ich Ihnen nur auf Kosten Anderer machen könnte.
Vorlage S. 23
66
Lassen Sie sich nicht darnach verlangen, meine Liebe! Es ist eine verjährte, abgestorbene Geschichte, in die, wie ich fürchte, niemals sonderlich viel gesundes Leben hineinzubringen sein wird.
Vorlage S. 24
67
Das Schlimmste ist, ich sehe mich genöthigt, eine beschwerliche Reise zu machen, zu der ich in keiner Art vorbereitet bin, und die mir jetzt doppelt unwillkommen ist, weil ich Sie, liebste Elise, in trüber Bedrängniß zurück lasse.
Vorlage S. 24
68
Leider hege ich keine Hoffnung zur Wiederherstellung der guten Kranken. Der Arzt hat sich andern Orts weniger zurückhaltend gezeigt. Sein Ausspruch ist eben nicht tröstlich. Es herrschen bösartige Fieber in der Gegend, und er fürchtet, hier ein Opfer daran fallen zu sehen.
Vorlage S. 24
69
Sein Sie um alles in der Welt auf Ihrer Huth, liebe Elise! Solche Krankheiten theilen sich den Umstehenden mit. Sie sind so erregbar, so selbstvergessend, und bereit, fremde Lasten auf sich zu nehmen. Sie werden als Pflegerin weit mehr tun, wie Sie sollten, und die Gefahr wird sich gegen Sie kehren. Bedenken Sie Eduard und den Engel Georg. Tausendmal umarme ich das liebe Kind. O vergessen Sie es nicht, dass Sie seine Mutter sind, und sein kleines Leben genau mit dem Ihrigen zusammenhängt.
Vorlage S. 24
70
Ich bitte Gott, Sie beide in seinen Schutz zu nehmen. Mein Herz ist schwer, Elise! Ich reise recht ungern von hier fort. Sein Sie vorsichtig, liebe, liebe, schöne Seele! Weiß der Himmel, ich fürchte immer so viel für Sie.
Vorlage S. 25
71
Ist es, weil ich Ihnen zu sehr ergeben bin? oder stehen Sie wirklich zu sorglos, zu unbewaffnet in der Welt.
Vorlage S. 25
72
Aber Sie können nicht anders! Das ist eben meine Angst.
Vorlage S. 25
73
Nun, Ihr guter Engel verlasse Sie nicht.
Vorlage S. 25
74
Elise an Sophie
Vorlage S. 25
75
Warum Sie nicht dennoch auf einen Augenblick herüber kommen, um Abschied von mir zu nehmen, das liegt am Tage. Sie fürchteten, trotz aller schönen Worte, mich unbescheiden zu finden, und wollten Ihr Geheimnis keiner Gefahr aussetzen. Ach! Sie hätten immer kommen können. Ich bin nicht begierig, das Verborgene zu enthüllen. Wie vieles ist doch über den Menschen verhängt, wovon er keine Ahndung hat. Diese Familie! – vor acht Tagen noch so glücklich, und nun – Ja, es ist vorbei! Sie ist todt! Ich habe sie in den letzten Tagen nicht mehr gesehen. Seit Eduard wieder hier ist, durfte ich nicht das Haus verlassen. Er mag recht haben, nach seiner Art. Ich hatte es nach der meinigen auch. Es ist wahr, die Krankheit theilt sich mit. Die Magd und der älteste Knabe klagen sich seitdem auch.
Vorlage S. 25
76
Wir sollten erst alle nach der Stadt zurück. Allein, dort ist es noch viel schlimmer, die große Hitze hat da mehr als eine Gattung von Uebeln erzeugt. Kinder und Erwachsene sind dort gleich bedroht.
Vorlage S. 26
77
Zu meinem Trost hat der Arzt entschieden, dass nur das Leben in freier Luft ein Gegenmittel gegen Ansteckung sei.
Vorlage S. 26
78
Seitdem treibt mich Eduard schon früh am Morgen zu Fuß oder zu Wagen mit Georg hinaus. Ich lasse mich auch nicht lange dazu nötigen. Mir ist wohler im Freien. Sonst fühle ich mich matt, und so betrübt, dass ich noch zur Zeit an nichts in der Welt Theil nehmen kann.
Vorlage S. 26
79
Die schönen Buchen am See zogen mich zuerst in ihre Schatten. Hier suchte ich die letzten Spuren der Verstorbenen. Wie ich die dunklen Reihen der Bäume entlang ging, glaubte ich die leise, etwas schüchterne Frau, mit ihren kurzen, eiligen Schritten neben mir gehen zu hören. Ich stand still und sah betrübt umher. »Weißt du wohl?« sagte Georg, indem er wichtig mit dem Köpfchen nickte. Er machte eine so gerührte Miene dazu, dass ich mich der Thränen nicht enthalten konnte. Nun fing er auch an zu weinen. Ich suchte gar nicht ihn zu beruhigen. Warum soll er nicht frühe das Traurige traurig nehmen. Man findet sich nur zu leicht darin.
Vorlage S. 26
80
Nach einer Weile tröstete er sich ganz von selbst. Er sprang umher, machte die erste beste Gerte zum Reitpferd, und sagte nur noch einmal, während er sein hölzernes Pferdchen anhielt, und flüchtige Erinnerungen in sich zusammen suchte: »Hier haben wir so hübsch gespielt!«
Vorlage S. 27
81
Diese Betrachtung hinderte ihn aber nicht, gleich wieder recht hübsch zu spielen; das Vergangene war nun vergangen!
Vorlage S. 27
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Wir machen es Alle nicht anders, liebe Sophie. Kinder sind kleine Menschen. Der ganze Unterschied zwischen ihnen und den größern liegt im Bewusstsein der Wandelbarkeit des Innern und der Schaam darüber.
Vorlage S. 27
83
Warum schämen wir uns aber? Da das Festhalten der Gefühle uns doch nur elend macht. Denken Sie selbst, was käme dabei heraus, wollte man bei dem verweilen, was Einem völlig mit der Gegenwart entzweien müsste? In den meisten Fällen ist es besser, mit dem Leben zu gehen, als stehen zu bleiben, und seinen Lauf anzuhalten.
Vorlage S. 28
84
Und denn, wie jeder kann!
Vorlage S. 28
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Es ist wahr, wir ärgern uns, wenn gewisse, mit der Seele eins geglaubte Stimmungen uns plötzlich verklungen scheinen, und oft kein Ton mehr davon zu finden ist. Ich glaube, wir verwechseln den Beruf zur Ewigkeit, mit der Fähigkeit des Herzens, ihr schon diesseits angehören zu können.
Vorlage S. 28
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Aus der einen Täuschung, welche fortgeerbter Wahn heilig spricht, geht das ganze Heer gezierter Selbstbetrügereien hervor, die das wahre Gefühl mehr entweihen als in Ehren halten.
Vorlage S. 28
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Ich war erst böse, als ich gestern den Amtmann zu Pferde bei seinen Arbeitern sah. Ich hatte unrecht. Das Leben tritt nach jeder Unterbrechung wieder in seine alte Ordnung. Man muss da mit hinein.
Vorlage S. 28
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So lange ein Gefürchtetes noch dunkel herannaht, stehen wir in lähmender Spannung auf der Folter der Angst, unfähig etwas Anderes zu empfinden. Ist der Schlag geschehen, so fallen wir entweder mit, oder wir werfen einen wehmüthigen Blick in den Abgrund, der das Liebste verschlang, verschütten ihn, und säen in der aufgelockerten Erde neue Saaten.
Vorlage S. 29
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Georgs Wünschelruthe hilft einem Jeden über die Trauer hinaus. Irgend wo schlägt sie immer ein, wo man Gold, oder doch diesem ähnliches Metall findet.
Vorlage S. 29
90
Mir ist, Sophie, als schüttelten Sie hier zweifelhaft den Kopf. Sie freilich wollen es nicht Wort haben, dass man verschmerzen könne, was das Herz brach. Nun, und dennoch gehen Sie ihren Weg wie alle Menschen, und haben noch überdies etwas, das Sie stets auf das Angenehmste begleitet. Sehen Sie, so verwandelt sich alles, auch der Kummer in sich selbst, und nimmt von der Farbe und dem Lichte der Welt, in der wir leben, unwillkührlich mehr und mehr an. Wir schaffen uns das Verlorne noch einmal, und söhnen uns auf diese Weise mit dem Geschiedenen aus.
Vorlage S. 29
91
Ich lasse diese Blätter unabgeschickt liegen. Sie enthalten zur Zeit wenig, das der Mühe verlohnte, sie einen weiten Weg machen zu lassen. Ich bin gewöhnt, jeden flüchtigen Gedanken zu Ihnen hinüber zu schicken; ich bin jetzt so allein, – Sie fehlen mir an jeder Stelle, ich schreibe also, wie ich schreiben würde, wären Sie in Ihrem Stift, oder wie ich Ihnen gegenüber sprechen würde.
Vorlage S. 29
92
Mit dem Letztern ist es indeß doch etwas anders. Es schreibt niemand wie er redet; schon deshalb nicht, weil das Alleinsprechen eine weit besonnenere Verbindung der Sätze, ja, eine consequentere Gedanken-und Wortfolge heischt, als die mündliche Mittheilung, welche unwillkührlicher und schöpferischer ihre lose Fäden auf gut Glück auswirft, und ein Ganzes, mehr durch die Harmonie des Zusammenklingens, als durch Entwickelung und Abrundung des Einzelnen hervorbringt.
Vorlage S. 30
93
Mein Gott! Sophie, wie gelehrt klingt das! – Ich glaube, das Alleinsein taugt mir nicht. Ich werde eine ganz andere Person. So grübelnd und motivirend. Versicherte mich der Arzt nicht, ich sei gesund, so würde ich mich krank glauben. Es ist mir viel schwerer als sonst. Man sagt von gewissen Gegenden und Orten, sie hätten Einfluss auf die Gemüthsstimmung. Fast möchte ich denken, das Plätzchen unten am See, in dem melancholischen Schatten der Buchen, so voll dunkeln, geheimen Lebens, rege allzu ernste Gedanken in mir auf. Ich horche Stunden lang auf das sonderbare Rauschen über mir in dem hohen Blätterdach, und sehe die grau gestreiften Wellen in immer tieferm Farbenton zwischen den Bäumen hinfließen, ohne dass ich Lust hätte, andere Gesellschaft, als die der einsamen Natur, aufzusuchen. So etwas ist mir fremd. Ich bin nicht für sentimentale Spiele der Einbildungskraft. Sie entzweien mit der Wirklichkeit. Auch scheue ich das wehmüthige Dämmerlicht, was sie den Gegenständen zurücklassen. Und dennoch übt der Platz unwiderstehliche Gewalt über mich aus. Ich werde ihn meiden müssen. Mir taugt das allzu tiefe Hineinsehen in die Verknüpfungen des Daseins nicht. Man sieht doch nur bis auf einen gewissen Punkt, und wird unsicher.
Vorlage S. 30
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Ueberdies bin ich dort nicht mehr völlig allein. Ich habe, glaube ich, vergessen, Ihnen zu sagen, dass der Fremde zuweilen hier umher streift. Entweder er fährt in einem kleinen Kahne pfeilschnell vorüber, oder seine Gestalt erschreckt mich plötzlich zwischen der Umbüschung am Ufer. Die Eile, mit welcher er sich entfernt, scheint seine unberufene Dazwischenkunft entschuldigen zu sollen, indeß fällt mir die Störung immer unbequem; um so mehr, da Georg jedesmal ganz verschüchtert zu mir gelaufen kommt, und mich mit Fragen quält, wer der unartige Mann sei, der so nahe an das Wasser gehe?
Vorlage S. 31
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Ob ich denselben auch nie anders als aus einer gewissen Ferne sah, so scheint er mir doch für einen gewöhnlichen Sekretär oder Geschäftsführer eine allzu edle Haltung zu haben, ja, eine zu vornehme Art, die Dinge anzufassen und zu nehmen. So steht er oft so auf gewisse Weise hoch und gebieterisch, die Arme über einander geschlagen, den Kopf gehoben, in dem Kahn, wenn er diesen, durch ein Paar gewaltsame Ruderschläge, in das Getriebe der Fluth gebracht hat, und ihn nun läßig auf dieser fortschwimmen lässt. Die Arme liegen auf dem ruhenden Holze, das er wie einen Stab gegen den Boden des Schiffchens gestemmt, aufwärts hält, als gebiete er den Wellen.
Vorlage S. 32
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Neulich hatte er im Vorüberfahren, auf solche Weise stehend, das Ruder weggeworfen, und die Jagdflinte auf einen Zug Wasservögel angelegt. Er drückte indeß nicht ab. Auch sah ich ihn das Gewehr bei Seite legen. Vielleicht hatte er das Kind bemerkt, und wollte es nicht erschrecken. Ich nahm bei dieser Gelegenheit indeß wahr, dass er das Weidwerk weder wie ein Laie noch wie ein Mann von Metier trieb, vielmehr den Anstand vornehmer Spielerei dabei entwickelte. Und trotz alledem, wird es doch wohl mit dem subordinirten Sekretärposten seine Richtigkeit haben. Er kennt seine Stellung, und sucht mit Leuten gleichen Standes Bekanntschaft zu machen. Den Tag nach der Beerdigung der Amtmännin kam er spät Abends, der Familie einen Besuch zu machen. Er trat unerwartet ins Haus, klopfte an die erste beste Thüre, und eilte, als der betrübte Hausherr sein gastliches »Herein« gesprochen hatte, mit so bekümmerter Miene auf diesen zu, als habe er eine nahe Anverwandtin in der Todten zu beweinen. Ich bin hier fremd, sagte er, indem er des Amtmanns Hand ergriff, und sie schüttelte, aber ich habe von Ihrem Unglück gehört und kann Ihnen meine Theilnahme nicht länger verbergen.
Vorlage S. 32
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Er schwieg darauf, ohne weiter etwas über sich, seinen Namen, Stand und Aufenthalt hinzuzusetzen. Der Amtmann bat ihn, niederzusitzen. Er lehnte es höflich ab. Seine Augen suchten die Kinder. Der älteste Knabe war nur gegenwärtig. Er legte ihm die Hand, mit dem Ausdruck zärtlichen Mitleids auf den krausen Lockenkopf, und sah ihm eine Weile schweigend, aber tief in die Augen. Gleicht er der Mutter? fragte er darauf. Der Vater schüttelte den Kopf. Hervorstürzende Thränen hinderten ihn, sogleich Worte zu finden.
Vorlage S. 33
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»Sie war die Tochter des Hofpredigers S–? hub der Fremde nach einer Weile an. Ich bin dem Manne viel schuldig,« setzte er hinzu. Um seine Lippen zuckte es schmerzlich. Er zog die Hand von des Kindes Stirne zurück, und ging einigemal in sichtbarer Bewegung auf und ab. Sein ganzes Wesen, wie auffallend auch immer sein Erscheinen sein mochte, drückte tiefsinnigen Ernst und weiches Mitempfinden aus.
Vorlage S. 34
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Wie er gekommen war, so ging er. Unvorbereitet, schnell. Er war fort, ehe man es dachte. »Nun, wir sehen uns bald wieder,« sagte er, leichthin grüßend. Und damit war er zur Stube hinaus.
Vorlage S. 34
100
Ich weiß dies Alles von unserm Arzt, der unter die Zahl meiner Freunde gehört, und mich oft besucht. Er war bei dem seltsamen Auftritte zugegen, und konnte mir den Unbekannten nicht interessant genug beschreiben.
Vorlage S. 34
101
Sophie, das Prädicat als Sekretär tut ihm doch einigen Schaden bei mir. Dies klingt schlimmer als es ist. Denn, wahr bleibt es einmal, was hat man von der Nachbarschaft eines Menschen, der nie zu unserer Gesellschaft gehören wird. So lieb mir der Arzt ist, so fatal wird mir ein gewisser lauter und roher Justizrath, der mit Eduard Geschäfte hat, und mich sehr langweilt. Der Mensch giebt so viel zu verstehen, und plaudert so gern aus der Schule, dass ich ihm, fast wider meinen Willen, aus dem Wege gehen muss, um nur keinen Anteil an einer Indiscretion zu haben, die Eduard weder ihm noch mir verzeihen würde. Gewiss aber ist es, er hat die Hände mit im Spiele, was auf des Comthurs Heerde geschmiedet wird.
Vorlage S. 35
102
Nun werde ich bald mehr erfahren. Die Gräfin kommt mit ihrer Familie aus dem Bade zurück, und bezieht noch für die Sommermonate ihren Landsitz. Die gewandte Frau weiß sicher in vier und zwanzig Stunden mehr von dem, was hier vorgeht, als wir in einem halben Jahre.
Vorlage S. 35
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Hugo an Heinrich
Vorlage S. 36
104
Ich bin hier im Schlosse des Oheims. Das erschöpft eigentlich alles, was ich Dir Interessantes von meinen gegenwärtigen Verhältnissen sagen kann, lieber Heinrich, denn es liegt zugleich die Feststellung eines dieser Verhältnisse überhaupt darin. Da es nun einmal dahin gekommen ist, so mag es darum sein. Mir lag niemals sonderlich viel daran. Ich hätte mir auch so durchgeholfen, und wäre freier geblieben.
Vorlage S. 36
105
Der alte Herr ist ein wunderlicher Heiliger. Er steckt so voll Vorurtheilen und verbrauchter Ansichten, dass es schwer hält, bis zu dem eigentlichen Kern in ihn zu dringen. Dieser ist gut, so viel ich davon entdecken konnte; aber die kleinen Poliermesser moralischer Spitzfindigkeiten haben auch schon erschrecklich daran genagt.
Vorlage S. 36
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Glaubst Du, dass ihm sein früheres Verfahren leid ist? Ganz im Gegentheil! Er tut sich etwas darauf zu gut.
Vorlage S. 36
107
Sieh, solch ein Sclave ist das Gewissen! Es trägt die Livree jeder modernen Grille, die den augenblicklichen Herrn über unsere gesunden Gefühle spielt!
Vorlage S. 36
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Uebrigens, einmal so ausstaffirt von der Zeit, in der ihm seine Rolle überkam, nimmt sich der Comthur in dem steifen Prunk vornehmer Grundsätze weder lächerlich noch dürftig aus. Er imponirt und zieht, wegen der unverkennbaren Wahrheit einer zweiten, angebildeten und angewöhnten Natur, wie ein Räthsel, aus dem man klug werden möchte, jedweden an. Was würde deine psychologische Spurkraft hier nicht alles von Originalität und bizarren Elementar-Mischungen träumen.
Vorlage S. 36
109
Ich, für meinen Theil, hege einen andern Glauben. Originell ist in solchem Wirrwarr nichts. Das sind unverdaute Brocken schlecht gehandhabter Weisheit, die das Leben so lange beschweren, bis dieses sie wieder auswirft.
Vorlage S. 37
110
Grundsätze sind nur dann originell, wenn sie durch starke, eigenthümlich herrschende Gefühle erzeugt, eine Rechtfertigung derselben werden. Was die ganze übrige Welt verwirft, findet in der anders gestellten Ueberzeugung Schutz, und deshalb wird diese so trotzig und unbeugsam.
Vorlage S. 37
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Wenn die sturmgepeitschten Wogen das Schiff krachend gegen ein Eiland werfen, so betrachtet sich die gerettete Mannschaft als Herr des gleichsam eroberten Bodens, und gründet nach eigenen Gesetzen ein neues Reich, eine neue Heimat, welcher Noth und Willkühr den Zauber der ursprünglichen leihen müssen.
Vorlage S. 37
112
Ohne Umsprung des Geschicks, ohne Gewitter der Leidenschaft, zerfällt Niemand mit der Ordnung der Natur.
Vorlage S. 38
113
Aus diesem Quell entspringen aber nur sehr selten Abweichungen. Es giebt so selten starke Gefühle, wie starke Menschen. Das Geschick der Meisten gleicht sich auf ein Haar. Dadurch kommt nichts Neues in das Leben. Es ist immer das Alte, das nur dann überrascht, wenn es um ein Jahrzehend zurück, den vergessenen Rock zwischen einem modernen Costüm blicken lässt. Da ist es alt!
Vorlage S. 38
114
Der arme Comthur ist übrigens in den verwachsenen Kleidern auch nicht auf Rosen gegangen. Es ist nicht leicht, das Unnatürliche mit sich selbst in Uebereinstimmung zu bringen. Der Mann weiß heute zur Stunde noch nicht, was er auch sagen mag, ob er recht oder unrecht daran getan hat, den Bruder aus der väterlichen Erbfolge auszuschließen. Deshalb mein Besuch hier.
Vorlage S. 38
115
Mir ist die ganze Geschichte fatal. Ohne dies Verhältnis zu Emma und die unruhige Geschäftigkeit ihrer Mutter, die sehr geschickt die Muße und den Verstand einer Stiftsdame zu ihren Zwecken benutzte, wäre es niemals dahin gekommen.
Vorlage S. 38
116
Noch einmal, ich bin hier! und werde der Erbe eines reichen Mannes auf Kosten entfernter Vettern, die gewiss eine andere Rechnung gemacht hatten.
Vorlage S. 39
117
Meine Ankunft, wie mein Aufenthalt, ruht eben dieser Vettern wegen unter einer Art geheimnißvollem Schleier. Ich zog in der Nacht hier ein. Den Wagen, der mir entgegen geschickt wurde, benutzte ich nicht. Ich blieb zu Pferde und ritt bescheiden hinter des Oheims Equipage. So ist auch ungefähr mein Benehmen geblieben. Das heißt, ich stelle nichts vor und lasse mich vorstellen.
Vorlage S. 39
118
Unsere erste Zusammenkunft war von beiden Theilen steif. Das konnte nicht anders sein. Der Comthur ist von Natur ein wenig allzu hoch, für einen Sinn, wie der meinige. Ich bin immer ich selbst. Wir fanden uns gegenseitig nicht besonders befriedigt. Indeß hege ich niemals Groll gegen einen Menschen. Meine Brust hat keinen Raum für ein rein gehässiges Gefühl. Und Gründe, es zu erzeugen, fallen stets durch ruhige Betrachtung des Zusammenhangs feindlicher Verhältnisse, in Nichts zusammen. Ich sehe die Dinge wie sie sind. Damit hat in der Regel die Critik ein Ende. Ich bin fertig in mir, und lasse es gut sein.
Vorlage S. 39
119
Diese ruhige Stimmung macht mich unbefangen. Ich streite nicht mit dem alten Manne. Wir nähern uns durch Gewohnheit.
Vorlage S. 40
120
An Emma habe ich geschrieben. Das vermittelnde Stiftsfräulein ist zu ihrer Mutter gereis't. An dem ganzen Gewebe fehlt nichts mehr, als dass es aufgerollt wird. Der Comthur hat schon Hand daran gelegt, und ich bin nun mit meinem Geschick am Ziele.
Vorlage S. 40
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Das wäre ja wohl ungefähr das Wesentliche, was ich von mir zu melden hätte! Historisch betrachtet, ganz erstaunt viel! Für mich selbst, unglaublich wenig. Ich kann Dir nicht sagen, wie lächerlich mir zuweilen all die Anstalten für das Leben erscheinen. Dies selbst geht darüber hin. Das Lästige bleibt auf den Schultern liegen. Der unbefangene Genuss verflog, ehe man ihn kennen durfte.
Vorlage S. 40
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Ich wünsche Dir Glück zu Deiner Freiheit. Halte sie in Ehren. Verschleudre sie um kein Schaugericht. Man wird nicht satt davon.
Vorlage S. 40
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Elise an Sophie
Vorlage S. 41
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Ihr Geheimnis ist am Tage. Es verlohnte nicht der Mühe, die Maske anzulegen. Eine Heirath bringt man auch wohl sonst zu Stande. War der Roman seinem Ende so nahe, wozu die Aufmerksamkeit, durch den Schein des Besondern, auf höchst gewöhnliche Verhältnisse lenken? Es hat mich verdrossen, dass ich mich anführen ließ. Zuletzt lachte mich die Gräfin, mit ihrer gewöhnlichen guten Laune, darüber aus. Ich lache mit; eigentlich ist es mir aber nicht so ums Herz.
Vorlage S. 41
125
Sie hat richtig, wie ich's dachte, den ganzen Zusammenhang ausgespürt.
Vorlage S. 41
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Vorigen Sonnabend ging ich Nachmittags mit Georg den Weg nach der Stadt, Eduard entgegen, der früher als sonst von dort zurückzukommen gedachte.
Vorlage S. 41
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Es währte auch nicht lange, so entdeckten wir in der Ferne einen Wagen, der auf uns zukam. Ich setzte mich mit dem Kinde auf die Steinbank, seitwärts unter den Kastanien, nieder. In einer Wolke von Staub gehüllt, rasselte die offene Chaise heran. Allein, statt Eduards grauem Reisemantel und lederner Schirmmütze, leuchteten mir so viel bunte Bänder, flatternde Swahls und modische Sommerhüte entgegen, dass ich nicht länger an meinen ehrbaren Präsidenten in seiner preoccupirten Vortragslaune denken konnte, sondern neugierig den Vorüberfliegenden nachsah, die sich weit aus dem Schlage herauslegten, und mich in ihren lebhaften Begrüßungen, meine Nachbarinnen erkennen ließen.
Vorlage S. 41
128
Ich musste lachen, wie diese Leute die Residenz mit allem modischen Zwange auf jedem Fleck der Erde, auf Reisen, wie in das freie Landleben hinter sich her schleppen. Indeß flimmerten die bunten Schmetterlingsflügel doch ganz lustig an dem melancholischen Abendhimmel vorüber, und mit einer Art von Freude, fühlte ich, durch ihre Nähe, meine Einsamkeit unterbrochen.
Vorlage S. 42
129
Am folgenden Morgen erhielt ich denn auch schon von der Hand der Gräfin in zwei eben so flüchtigen als verbindlichen Zeilen, die Anzeige ihrer Rückkehr, und das Versprechen ihres nahen Besuchs. Ich kam diesem zuvor, und war gestern in dem grünen Ulmenstein, wo alles lacht, der Garten mit seinen hellen Teichen, das Schloß, die moderne Einrichtung, die eleganten Besitzer, die flinke Dienerschaft, bis auf den Papagey im Messingbauer auf der Terrasse.
Vorlage S. 42
130
Die Gräfin war entzückt über die allerliebste Leichtigkeit, wie sie sich ausdrückte, mit der ich Rücksichten bei Seite zu schieben und Verhältnisse nach Gefallen zu handhaben wisse. »Sie beschämen und ehren mich zugleich, sagte sie, denn indem sie mich aufsuchen, lassen sie mich mit meinem Unrecht ihre Nachsicht empfinden, die nur den schmeichelhaften Grund freundschaftlicher Vorliebe haben kann, und sie zum Engel und mich zu ihrer Sclavin macht.«
Vorlage S. 42
131
Ich kenne ihre extravagante Art, sich auszudrücken. Sie gehört zu ihr. Gehe ich auch nicht in den Ton ein, so verstehen wir einander vielleicht darum um so besser. Sie weiß, wie ich's nehme, und ich, wie sie es giebt.
Vorlage S. 43
132
Als sie mein einfaches, percale Kleid und den Strohhut mit gelbem Bande, wie ich beides Tag für Tag auf dem Lande trage, reizend genannt, den Fall der Locken, den Schnitt der Halskrause durch alle Prädicate gelobt hatte, gab ich ihr für so viel unverdienten Beifall, durch das ungeheuchelte Erstaunen über die vortheilhafte Veränderung ihrer beiden Töchter, meinen Dank zu erkennen.
Vorlage S. 43
133
In der That hätte ich es für unmöglich gehalten, dass einzig der Wechsel äußerer Beziehungen, in einem Zeitraume von zwei Monaten diese Umwandlung hervorbringen könnte. Ich musste mir jetzt die bleichen, nüchternen Gesichtchen zurückrufen, die so lang und so unbedeutend zwischen dem gescheitelten hellen Haar hervor sahen, die so characterlos schienen, dass ich immer Eins mit dem Andern verwechselte. Zwei ganz andere Personen standen in der frischen Toilette, den reich und modisch geordneten Locken, in dem besondern Hauch, warm zurückstrahlender Lebensverhältnisse, frei und gefällig vor mir. Die schüchtern gesenkten Augen hoben sich lachend aufwärts. Es spiegelte sich Bewusstsein und Erwartung darin. Sie fassten ihren Gegenstand und hatten Farbe und Glanz.
Vorlage S. 43
134
Auch die Lippen blieben nicht länger verschlossen. Die Mutter horchte lächelnd auf das, was sie sagten. Die Anerkennung der Gesellschaft hatte augenscheinlich das Maaß der ihrigen bestimmt. Es war nicht mehr sie allein, sondern sie in den Töchtern, welche Aufmerksamkeit und Bewunderung erwartet.
Vorlage S. 44
135
Solch Untergehen einer Persönlichkeit in die andere, lässt die Eitelkeit nichts in den Tagen entbehren, wo sie sonst nur empfindliche Kränkungen erfährt.
Vorlage S. 44
136
Die Gräfin schien mir mehr als je mit der Welt zufrieden. Ueberall fasste sie nur die Lichtseiten derselben auf, und wusste so viel Leben und Interesse hinein zu legen, dass sie Nahes und Fernes, in einer gewissen gemüthlichen Beweglichkeit, durch ihre Unterhaltung fließen ließ.
Vorlage S. 44
137
Hierbei kommen denn auch die Neuigkeiten der Nachbarschaft zur Sprache. »Mein Gott!« rief sie plötzlich, wie von der Wichtigkeit des Gegenstandes auf Vorwurfs ähnliche Weise an ein unverzeihliches Vergessen erinnert. »Mein Gott, und nicht ein Wort von dem Neffen des Comthur, und den geschickten Machinationen ihrer Freundin Sophie?«
Vorlage S. 45
138
»Von welcher Art sind diese?« fragte ich, in höchster Unwissenheit alles dessen, was hierauf Bezug hatte.
Vorlage S. 45
139
»O gehen Sie! gehen Sie! lachte die Gräfin. Spielen Sie doch nicht die Zurückhaltende gegen mich. Die Geschichte ist ja die Neuigkeit des Tages.« »Bis zu mir kam sie nicht,« versicherte ich sie. »Und doch ist Ihr Mann um nichts Geringes dabei im Spiele, versetzte sie spöttisch. Wie pflichttreu der ehrliche Präsident auch sein mag, fügte sie hinzu, so wird er doch seiner allerliebsten kleinen Frau nicht die Mittheilung eines sehr besondern Romans vorenthalten haben?«
Vorlage S. 45
140
Als ich sie vom Gegentheil auf eine Weise überzeugte, die ihr keinen Zweifel ließ, rief sie lachend: »Von was in aller Welt, spricht denn der ernsthafte Mann mit Ihnen, wenn ihm auch seine Geschäfte nicht Stoff dazu bieten dürfen?«
Vorlage S. 45
141
Ich umging die Antwort durch ein Paar allgemeine Epigramme, gegen die Ehemänner. Sie fand das köstlich, Agathe und Rosalie wollten sich halb todt lachen, und ich kam wieder auf den Neffen und den Oheim zurück.
Vorlage S. 46
142
»Nun, fiel die Gräfin schnell ein, mit dem hat es folgende Bewandniß: Sein Vater, als der ältere Bruder unsers Nachbars, war der Erbe eines ansehnlichen Majorats, um das er sich durch eine voreilige und heimlich vollzogene Heirath, mit einem protestantischen Fräulein, brachte.«
Vorlage S. 46
143
»Heimliche Heirath!« unterbrach ich sie. Mir fiel die Erzählung der Amtmännin ein. Jetzt verstand ich den wehmüthigen Anteil des Schloßgastes, an ihrem Tode. Die Gräfin mochte die verwundernde Ausrufung anders deuten. »Nun, nun, lächelte sie, erschrickt Ihre strenge Tugend selbst vor dem gesetzlichen Auswege aus dem Labyrinth der Leidenschaft? wie werden Sie erst den Stab über diejenigen brechen, welche sich auf immer in demselben verirrten.«
Vorlage S. 46
144
»Ich breche über Niemand den Stab, entgegnete ich. Ich bedauere im Gegentheil alle, welche sich aus Vorliebe für träumerische Einbildungen auf eine Art täuschen, die ihnen Nachteil bringt, denn ich glaube nicht an ein Ueberschwängliches, das den Meister über uns spielen kann, die Wirklichkeit zeigt es uns nur in karikirten Kopien verführerischer Romane, aus denen immer bei weitem mehr Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen als lebendige Wahrheit spricht.«
Vorlage S. 47
145
»Im Grunde haben Sie vollkommen recht, stimmte die Gräfin mir bei, aber sagen Sie, was Sie wollen, Romane unterhalten außerordentlich, und die kleinen Kopien davon im Leben sind hübsch, wie viel Thorheit und Selbstbetrug dabei auch im Spiel sein mag.«
Vorlage S. 47
146
Sie lachte bei diesen Worten, wie durch angenehme Erinnerungen erheitert. Die jungen Mädchen lachten mit ihr. Ich musste über die Unbefangenheit erstaunen, mit der die allzu jugendlich gebliebene Frau, sich in Gegenwart ihrer Töchter, rücksichtslos äußerte.
Vorlage S. 47
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Allein, sie lässt niemand lange auf demselben Fleck stehen. Sogleich war sie wieder bei dem neuen Ankömmling, bei den Verwirrungen und Aussöhnungen in seiner Familie, die sie weit mehr beschäftigten, als jene Betrachtungen.
Vorlage S. 47
148
»Es bestehen, fuhr sie dann fort, von den Voreltern des Comthur, testamentliche Verträge, nach welchen jeder Majoratserbe, bei Verlust seines Besitzthums, gezwungen ist, sich mit einer katholischen Glaubensverwandtin zu verbinden. Der junge Mann, welcher diese Bedingung unbeachtet gelassen hatte, sollte nach seines Vaters Tode in dessen Rechte treten. Er hatte nur einen einzigen Bruder, der ihm diese Rechte streitig machen konnte.
Vorlage S. 48
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Beide Brüder liebten sich auf das Innigste. Der Aeltere hegte keinen Zweifel über die rücksichtslose Zustimmung des Andern. Indeß, sei es aus Vorsicht, oder auch aus Unsicherheit, er hielt auch vor ihm die geschlossene Verbindung bei des Vaters Leben geheim. Jetzt stirbt dieser. Der neue Gutsherr tritt mit der jungen Gemahlin, einer armen Waise, das Pflegkind reicher Anverwandten, hervor. Er führt sie zuerst dem Bruder zu, in der Hoffnung der besten Aufnahme. Allein das Herz des Letztern scheint plötzlich gewendet. Unerbittlich widersetzt er sich der Anerkennung der Heirath, und lässt dem erstaunten Grafen die Wahl zwischen dem Opfer der Liebe, oder des Erbrechts. Dieser willigt in Keines von beiden. Ein Prozess soll entscheiden. Es kam nicht dazu. Das Gesetz entschied von vorn herein für den Verlust des Majorats, sobald die Gültigkeit der geschlossenen Ehe bewiesen und behauptet werde. Sonderbar genug that der jüngere Bruder, ganz gegen sein Interesse, alles Mögliche, um Gründe für die Ungesetzlichkeit einer Trauung anzuführen, die ohne väterliche und oberherrliche Zustimmung vollzogen worden sei.
Vorlage S. 48
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Allein der leidenschaftliche Gatte schlug alle diese Einwürfe dadurch nieder, dass er darthat, sich nicht eher vermählt zu haben, bis der verlangte Abschied aus fürstlichem Dienst ihm zugekommen, und er durch erreichte Volljährigkeit jedweder Rechenschaft der Art entbunden worden sei. Nunmehr blieb kein Zweifel, er musste dem Majorat entsagen, und da er zu erbittert, und zu stolz war, um selbst, den ihm gebührenden Anteil des väterlichen Vermögens anzunehmen, so lebte und starb er in Armuth.«
Vorlage S. 49
151
»Und der unnatürliche Bruder, unterbrach ich sie ungeduldig, that nichts, um ihn zu versöhnen? ließ ihn in Verzweiflung darben?«
Vorlage S. 49
152
»Ja, sehen Sie, fiel die Gräfin hastig ein, aus diesem Bruder kann niemand klug werden. Denken Sie, dass er eine sehr zärtliche Neigung aufgab, niemals heirathete, in einen geistlichen Orden trat, die großen Güter gewissenhaft verwalten, ihren Betrag unberührt ließ, und jetzt so lange an der Beweisführung gearbeitet hat, dass der Sohn einer protestantischen Mutter, insofern er im Glauben der wahren Kirche erzogen ward, nicht von der Erbfolge ausgeschlossen ist, bis er dem Neffen, dem einzigen Sohn des unglücklichen Grafen, zum Besitz eines Vermögens verholfen hat, dem er, zu seinen Gunsten entsagt. Kurz, meine Liebe, fuhr die Gräfin mit ungewissem Lächeln fort, der Comthur beweis't durch Alles, dass er der bizarrste Mensch von der Welt, und niemals zu verstehen ist. Bei seinen letzten wohlthätigen Absichten war ihm besonders der Präsident, Ihr Mann, sehr nützlich. Seine große Kenntnis aller Familienurkunden hat es ermittelt, dass wenigstens im Testament dieses besondern. Falles keine Erwähnung geschieht, und dem richterlichen Ausspruch die Freiheit bleibt, alle gemachte Einwendungen aus dem Felde zu schlagen. Erst, da alles besiegt war, ist der überraschte junge Mann hierher berufen, und von seinem Glücke unterrichtet worden.«
Vorlage S. 49
153
»Von seinem Glücke! entgegnete ich. Wer sagt denn, dass er es so nimmt?«
Vorlage S. 50
154
»Wer? fragte die Gräfin. Mein Gott! liebes Kind, er selbst, und recht aus Herzensgrunde, denn er benutzt sogleich die günstige Lage, seine Hand einem sehr hübschen Mädchen zu geben. Er ist schon abgereist, die Tochter der Oberhofmeisterin desselben Hofes, an welchem Fräulein Sophie Hofdame war, heimzuführen. Sehen Sie, lachte sie bedeutsam, so mischen sich die Karten geschickt in einander.«
Vorlage S. 51
155
Da ich einigermaßen verwundert schwieg, rief die Gräfin muthwillig: »O! ich könnte Ihnen noch viel mehr erzählen, was Sie überraschen würde.« »Tun Sie es,« bat ich, sie bei der Hand fassend. »Nein, nein!« entgegnete Sie bestimmt, »ich habe auch meine kleinen Geheimnisse.«
Vorlage S. 51
156
Sie stand hier von ihrem Platze neben mir auf, als fliehe sie meine Ueberredung, und eilte einigen ankommenden Gästen aus der Stadt entgegen. Im Weitergehen wandte sie sich noch einmal mit den Worten zurück: »Mein allerliebster, geschwätziger Justizrath hat mir das Alles im Vertrauen gebeichtet.«
Vorlage S. 51
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Ich sann noch über ihre Mitwirkung in dieser Angelegenheit nach, und beschloss Sophie unverzüglich zu befragen, ob sich wirklich alles so verhalte, wie es die Gräfin dem indiscreten Geschäftsführer abgelauscht hatte, als zu meiner nicht geringen Verwunderung die ganze Sache noch einmal in dem erweiterten Gesellschaftszirkel verhandelt ward.
Vorlage S. 51
158
Die Rückkehr der Gräfin, mit ihren ins Licht getretenen, schimmernden Töchtern, zog sogleich die elegante Welt der Residenz zu ihrem angenehmen Landsitz. Es ward immer bunter in dem Garten. Der Theetisch stand auf einem hübschen, frischen Rasenplatz. Agathe schlüpfte behend auf einen bereitstehenden Sessel, den mehrere Herren mit großem Eifer, ihrer Bequemlichkeit wegen, näher heran schoben. Sie zog die Handschuhe, mit einem kleinen Anstrich nicht übel kleidender Verlegenheit aus, entblößte die niedlichen, vielleicht allzureich mit Ringen und Spangen geschmückten Hände und Arme, und bewegte diese sehr reizend in der Bereitung des Thees. Rosalie machte sich mit den gerösteten Brödchen, den Melonen, die sie zertheilte, und anderm Zubehör zu tun, wobei sie kurz und abgebrochen, doch mit einer gewissen nachläßigen Extase, die vorzüglich in vielen Worten besteht, von dem Badeaufenthalt sprach.
Vorlage S. 52
159
Die Mutter schien sehr aufmerksam und begierig auf den Eindruck, welchen die hübschen Mädchen auch hier machen würden, und war nur mit halbem Blick und halbem Wort für alle diejenigen da, welche ihr in dieser Beziehung unbedeutend schienen. Doch bald einigermaßen in ihren Erwartungen geschmeichelt, hub sie ungefähr eben so, wie kurz zuvor, gegen mich an: »Nun, und unser neuer Nachbar, hat ihn schon Einer aus der Gesellschaft gesehen? Er soll ein interessantes Aeußere und viel Verstand haben!«
Vorlage S. 52
160
Es musste mich, nach allem Vorhergegangenen mit Recht befremden, dass die Meisten sogleich vollkommen zu Haus waren, und Einer, sogar den Vornamen des Unbekannten wissend, vom Grafen Hugo, wie von einem ganz vertrauten Freunde sprach.
Vorlage S. 53
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»Hugo!« wiederholte ich, gegen meinen Vetter Curd gewendet, »man hört den Namen nicht oft, er klingt so tief.«
Vorlage S. 53
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»Rasend tief,« lachte er auf seine leichtfertige, neckende Weise. »Aber Cousine, was wollen Sie eigentlich damit sagen?«
Vorlage S. 53
163
Ich wusste es ihm nicht auszudrücken.
Vorlage S. 53
164
»Denken Sie sich vielleicht einen melancholischen Sonderling dabei? fragte er. Nun, da kann was dran sein; denn recht richtig ist es mit Keinem, der sich aus einem ungeheuren Vermögen nichts macht, wie ein Misantrop in den Wäldern herumwandert, und mit vier und zwanzig Jahren ins Ehejoch kriecht.«
Vorlage S. 53
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»Alle diese Details wissen Sie schon, lieber Rittmeister? lachte die Gräfin. O! kommen Sie her, setzen Sie sich zu mir, erzählen Sie mir ein Bischen von dem mürrischen Menschen. Er interessirt durch seine Originalität, obgleich eine kleine coquette Absicht dabei im Spiele sein mag.«
Vorlage S. 54
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»Gewiss! hörte ich sagen, Gewiss! er fühlt, dass er, als Emporkömmling oder adoptirter Erbe, vielleicht mancher beschämenden Kritik blosgestellt sein muss. Er will im Voraus imponiren. Der Ausweg, den er wählt, zeigt von Gewandtheit und List. Er muss nicht ganz unerfahren in den Nuancen der Weltverhältnisse sein.«
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»Er ist hübsch und elegant, Mama! rief Agathe ihrer Mutter zu. Die Herren hier haben ihn im Bade zu Aachen, im vergangenen Sommer, gesehen. Er war dort ausgezeichnet durch seine Figur und große Kühnheit im Reiten, und viele andere Talente.«
Vorlage S. 54
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»So!« entgegnete die Gräfin gespannt und ungeduldig, da sie nicht wusste, was sie alles gleich hören sollte. »War denn die Braut mit ihrer Mutter auch da?« fragte sie.
Vorlage S. 54
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Die Herren bejahten es.
Vorlage S. 55
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»Die Emma soll charmant sein! fuhr sie fort, indem ihre Blicke unsicher und gewissermaßen vergleichend an den Töchtern hinfuhren. Charmant! wiederholte sie, zerstreut und gedehnt. Ach! die Mutter war wunderschön, fügte sie von frühern Erinnerungen plötzlich fortgerissen, hinzu. Ich habe sie gekannt, ob sie gleich erstaunt viel älter ist, als ich. Jetzt, höre ich, hat sie entsetzlich verloren. Ihre Züge waren immer scharf wie ihre Zunge,« setzte sie lächelnd hinzu.
Vorlage S. 55
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Sehen Sie, Sophie, so schilderte man mir Ihre Freunde. Bewundern Sie es nicht, wie ich so lange bei einem Gegenstande verweilte? da das Neue selten meine Aufmerksamkeit sonderlich erregt. Ich glaube, es ist auch nur der Anteil, den Sie an diesen Men schen nehmen, der mir sie bedeutend macht.
Vorlage S. 55
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Von Emma spricht niemand. Ist nichts von ihr zu sagen? Armer Hugo! –
Vorlage S. 55
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Leben Sie wohl! Zeigen Sie mir bald mehr Vertrauen. Sophie! die Ihrige, wie immer.
Vorlage S. 55
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Die Oberhofmeisterin an den Comthur
Vorlage S. 56
175
Endlich ist die Entscheidung ganz nahe. In wenigen Stunden werden sie getraut. Dann sind die lang gehegten Wünsche erfüllt. Die unruhige Sorge findet ihr Ziel. Das Geschick muss seinen Gang gehen.
Vorlage S. 56
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Zum letztenmale habe ich heute über meine Tochter bestimmt, für sie gedacht, gehandelt, ihren Willen gelenkt, wie es ihrem Vorteile, ihrer Zufriedenheit angemessen war. Von jetzt an nimmt ein Anderer, mehr oder weniger ein Fremder, das Band, an dem ich sie, ihr selbst unbewusst, leise führte, aus meiner Hand. Ich lasse es zu. Die Ordnung der Natur will es so. Alle Mütter machen spät oder frühe dieselbe Erfahrung. Aber gestehen Sie, dass man sehr resignirt sein muss, um sich ohne innere Verzweiflung, so gleichsam entfernt zu sehen.
Vorlage S. 56
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Emma scheint glücklich. Ich sage scheint, denn was weiß sie, ob sie es ist. Mir erregt ihre Heiterkeit die unbezwinglichste Eifersucht. Ist es denn etwas anders als Wankelmuth, dass sie ihr Heil von einem ungekannten Verhältnisse erwartet, von dem sie sich weit eher abwenden, als darauf hinsehen sollte; da es sie von allem, was ihr werth und theuer sein muss, losreist. Vielleicht kann man es ein Glück nennen, dass die Unerfahrne wie mit Blindheit geschlagen, nur von goldenen Ketten träumt, und so lange damit spielt, bis der Druck der Fessel ihr zur andern Natur geworden ist.
Vorlage S. 56
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Wenn ich indeß einer Seits diese Täuschung segne, so drängt mich auch von der andern unendlich vieles, sie aufzuheben.
Vorlage S. 57
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Um aufrichtig zu sein, Ihr Neffe selbst fordert mich dazu auf. Ihre Gunst hat ihn nicht liebenswürdiger gemacht. Jener Anstrich von Wehmuth, der sich früher so gut zu seiner Verlassenheit, und den anscheinenden Unbilden des Geschicks passte, ist ein stehender Zug seines Temperaments geworden, und zu einer Art schmerzlicher Resignation ausgeartet, die ans Beleidigende gränzt.
Vorlage S. 57
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Alles lässt er geschehen. Er selbst bestimmt nichts, als dass er Emma sogleich nach der Trauung auf eine Ausflucht in die Schweiz entführt. Denn nur darin, wovon er gewiss sein kann, dass es mir wehe tut, in dem allein ist er fest, und mit so viel abweisender Kälte unerschütterlich, dass ich aus Erbitterung schweige. Er übersieht meine Unzufriedenheit, wie er denn überhaupt auch Weniges zu sehen scheint, und in schwärmerische Träume versunken, vor dem wirklichen Leben zurücktritt.
Vorlage S. 57
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Die glänzenden Brautgeschenke, so blendend in ihrer Art, als geschmackvoll in der Wahl, lässt er in Emma's Zimmer tragen, ohne auch nur durch ein Wort seinen Anteil daran zu verrathen. Als das überraschte Kind ihm danken wollte, lächelte er, auf seine schwermüthige Weise, indem er halb spöttisch, halb mitleidig mit sich selber, sagte: »Ich habe kein anderes Verdienst bei der Sache, als dass ich des Oheims Befehle erfülle, indem ich Ihnen seine Gaben bringe. Von mir, fügte er hinzu, die Hand der Braut inniger als sonst wohl drückend, besitzen Sie nichts, als diesen schmalen kleinen Ring, zu dessen Anschaffung meines Vaters Erbe mir die dürftigen Mittel bot. – Wollen Sie mir indeß, lächelte er angenehm, einen Anteil an den Gaben des Reichthums gönnen, so sei es dieser: Ihre Freude darüber mitzuempfinden.«
Vorlage S. 58
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Emma sieht nur das Liebenswürdige an ihm, was sie verletzen sollte, ist für sie nicht da.
Vorlage S. 58
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Soll ich nun noch zweifeln, dass sie blind sei?
Vorlage S. 58
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Sie wissen, ich habe diese Heirath nur gelitten, nicht gewünscht, noch weniger gesucht, und ohne die Dazwischenkunft der vermittelnden Sophie, wäre die damalige Stockung bei Ihres Neffen Werbung, wohl ein ewiges Hindernis jeder denkbaren Annäherung zwischen ihm und mir geblieben.
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Sie haben dies Hindernis vielleicht mit mehr großmüthiger Eile, als prüfender Besonnenheit gehoben. Ob Sie gut daran thaten? – Es ist nicht mehr Zeit, diese Frage aufzuwerfen. Indeß regt sie sich unwillkührlich in mir, je unaufhaltsamer der Zeiger meiner Uhr die Stunde näher rückt, welche durch unwiderrufliche Gelübde zwei Menschen an einander knüpfen wird, die nicht für einander geschaffen zu sein scheinen.
Vorlage S. 59
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Wenn Sie mich über dies Geständniß tadeln, so denken Sie zugleich, wie groß meine Unruhe sein muss, da ich sie Ihnen nicht verbergen kann.
Vorlage S. 59
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Sie hätten an diesem Tage nicht unter uns fehlen sollen. Ich begreife, warum Sie zurückbleiben. Gleichwohl werden Sie dem Kampfe auch in der Ferne nicht entgehen, dem Sie auszuweichen gedenken. – Sie gewinnen wenig, und schaden viel. Es hat etwas Unschickliches, dass der Mann, welcher bei Hugo Vaterstelle vertritt, sich in dem wichtigsten Lebensmomente von diesem wegwendet. Ueberdem hätte Ihre Gegenwart vielleicht dazu gedient, den Jüngling aus seiner Traumwelt herauszureißen. Wir verstehen einander zu wenig, als dass ich gleichen Einfluss auf ihn ausüben könnte. Sophie ist auch unsicher geworden, sie weiß nicht, wie sie diesem besondern Charakter beikommen soll.
Vorlage S. 59
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Und die zärtliche Emma würde wo möglich, noch unscheinbarer und anspruchloser zurücktreten, um nur keines der tiefsinnigen Gedankenspiele ihres erhabenen Freundes zu stören.
Vorlage S. 60
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Wäre ihre Liebe weniger abgöttisch, hätte sie mehr Gefühl für ihre eigene Würde, ich könnte ruhiger über die kommenden Tage sein. Aber so!
Vorlage S. 60
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Es schlägt zwei. Wir fahren nach dem Lustschlosse der Fürstin hinaus. Dort in der Kapelle werden sie getraut; dann besteigen beide den Reisewagen! – Es ist alles so abgerissen, so ohne fortgehende innere Begleitung! Einer treibt den Andern. Die Fürstin schickte schon zweimal. Ihre Gegenwart legt vielen Zwang auf. Vielleicht ist das gut so! Ich weiß es nicht! Ich weiß nichts! –
Vorlage S. 60
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Ich lasse Sie jetzt. Mir schwirrt es vor den Augen. Man läuft hin und her durch meine Zimmer. Leben Sie wohl. Ich schließe. Nichts mehr für heute! – Mir ist das Herz so voll. – Ein Wort noch, und es fließt über! – Gott befohlen! –
Vorlage S. 60
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N. S.
Vorlage S. 61
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Noch einmal öffne ich den Umschlag. Sophie hatte Emma geschmückt. Sie sank zusammen unter der Last der Juwelen, welche die Fürstin ihr anzulegen befahl. Der Kopf schmerzte sie, sie sah blass aus. Ihre Augen waren trübe. Ich betrachtete sie voll unruhiger Theilnahme. Sie zitterte im vergeblichen Bemühen, ihre Thränen zurückzuhalten. Da öffneten sich die Thüren. Hugo trat mit einigem Geräusch herein. Aus der Hast, mit der er sich nahete, sprach die Besorgniß, zu spät zu kommen. Er äußerte dies auch. Seine schönen Züge waren ungewöhnlich belebt, den Schleier, der sich so oft über die dunklen Augen senkte, durchblitzten rasche und feurige Lichter Er sah sehr ungewöhnlich und imposant aus, in der reichen Uniform des Regiments, in welchem er ehemals diente. Der große Orden, den ihm der Fürst diesen Morgen sandte, glänzte stattlich auf seiner Brust. Emma war wie geblendet. Es durchzuckte sie feurige Ueberraschung. Sie hatte nun kein Kopfweh mehr. Leuchtend vor Bewunderung, reichte sie ihm die Hand. Alle Unbequemlichkeit des lästigen Putzes ist vergessen. Sie sieht nichts als ihn in der Welt. Undankbare! – musste dich Leidenschaft so zur Sclavin machen! Warum auch Leidenschaft, wo ruhige Neigung genügt, und dir die eigene Selbstständigkeit bewahrt hätte! –
Vorlage S. 61
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Sie sehen, ich zögere in den Wagen zu steigen, die letzten Schritte zu tun, die der kurze Raum zwischen jetzt und künftig durchmessen soll. Alle warten, selbst die Fürstin! Ich halte Alle auf! O! könnte ich die Zeit aufhalten!
Vorlage S. 62
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Elise an Sophie
Vorlage S. 62
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Sie antworten mir nicht. Sie schweigen wie eine plötzlich Stummgewordene. Warum das? Ich sehe keinen Grund, warum Sie über die älteren Freunde, jüngere vergessen!
Vorlage S. 62
197
Mir ist diese Ungleichheit fremd an Ihnen! Beschäftigt Sie die Hochzeit der Gräfin Emma so sehr? Lassen Sie das gute Kind ihr Loos erfüllen, sie wird früh genug Maiblumen und Veilchen gegen das Heu getrockneter Herbstblüthen vertauschen müssen.
Vorlage S. 62
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Ihr seid dort alle sehr eilig, die Sache abzumachen, und die jungen Leute aus dem Paradiese des Frühlings hinauszustoßen.
Vorlage S. 62
199
Ist es die unruhige Mutter, die so das Kind von ihrem Herzen wegschleudert? weiß sie auch, wohin es fällt?
Vorlage S. 63
200
Ich ward in diesen Tagen, auch ohne Sie, durch eine angenehme Bekanntschaft, in den Abendzirkeln der Gräfin, von der vollzogenen Heirath jenes besprochenen Paares unterrichtet.
Vorlage S. 63
201
Ich weiß nicht, ob der Mund, der es sagte, oder das Ereignis an sich, meine Theilnahme erregte? genug, ich denke unwillkührlich öfter daran, als es die allergewöhnlichste Begebenheit im Leben verdient.
Vorlage S. 63
202
Die halbe Stadt war wieder draußen in Ulmenstein. Es ward geschwatzt, wie man immer schwatzt. Vernünftiges und Unsinn. Auch über Musik! Der ewige Streit, neue und alte Componisten betreffend, kam wieder auf's Tapet. Sie wissen, ich habe keinen Ton, und auch das Gehör öffnet sich mir nur in dem Echo der Seele. Urteil, wie man es nennt, darf ich mir nicht anmaßen wollen. Ich hüte mich auch davor. Doch ließ man nicht ab, in mich hinein zu reden. Beide Partheien zeigten sich einseitig. Ich bekannte zuletzt, dass ich von Natur, den künstlerisch könne ich es nicht motiviren, mehr zu den vollen, erhabenen Meisterwerken der frühern Schule neige, und lieber in Entzücken erbebe, als mich durch Anmuth und Tändeleien verstrickt zu sehen. Doch anerkennen müsse ich das Liebliche, wo es sich zeige.
Vorlage S. 63
203
»Vortrefflich!« rief die Gräfin, indem sie beifällig in die Hände klatschte, »das nenne ich, sich auf die charmanteste Weise von der Welt aus der Affaire ziehen. So stimmen Sie niemanden bei, beleidigen keine Meinung, wollen hier ein Bischen ab, dort ein Bischen zugethan haben, und bringen ungefähr den ganzen Streit auf Nichts heraus. Allerliebst! das sieht Ihnen ganz ähnlich!« Ich fühlte, dass man mich so missverstehen konnte. Ich hatte es anders gemeint. Erklären mochte ich mich darüber weiter nicht. Es wäre auch überflüssig gewesen. Wer mich nicht erräth, dem kann ich einmal nicht helfen. Entwickeln mag ich nichts. Das kommt confus heraus. Ich war sehr einfältig in meiner Ueberklugheit gewesen. Das machte mich verdrüßlich und einsam in dem Gewirr.
Vorlage S. 64
204
Die Fräuleins sollten jetzt ein Duett aus einer unserer neuen Opern singen. Man zog sie zu dem Fortepiano. Die Flügelthüren des Saales standen nach der Terrasse hin offen. Ich blieb mit Mehreren, welche die Zimmerhitze scheuten, im Freien.
Vorlage S. 64
205
Im Hin- und Hergehen sahen wir eine sehr glänzende Equipage die Anhöhe heraufkommen. Die Pracht der Livree, wie des Geschirrs der Pferde, erhielt noch dadurch etwas Auffallendes, dass Schnitt und Formen veraltet waren, wie frisch und neu auch der Stoff selbst war. Der Wagen, dessen helle Spiegelfenster schon von fern in der Abendsonne leuchteten, ebenfalls mit aufwärts stehenden Zierrathen in reicher Vergoldung eingefaßt, erinnerte an fürstliche Staatskutschen aus früherer Zeit.
Vorlage S. 65
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»Wer in aller Welt,« lachte Curd, »sitzt in dem verruchten alten Kasten! Schade um die prächtigen Pferde, die solche Last ziehen müssen!«
Vorlage S. 65
207
Jetzt nahete und hielt das seltsame Prachtwerk. Ein Piqueur sprengte in den Hof.
Vorlage S. 65
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»Cousine!« flüsterte Curd mir ins Ohr, »das ist gewiss ein Abgesandter irgend eines großen Potentaten, der von der Schönheit der beiden Töchter des Hauses gehört hat, und um Eine wenigstens werben soll! Gott!« rief er, sich vor Vergnügen die Hände reibend, »wenn wir doch das der Gräfin einbilden könnten!«
Vorlage S. 65
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Ehe ich noch Zeit behielt, ein Wort hierauf zu erwiedern, hörte ich unsere leichtbewegliche Wirthin schon innerhalb ausrufen: »Wo denn? Wo denn?« Im Augenblick darauf stand sie neben mir auf der Terrasse. Sie sah neugierig nach der Straße hinunter. Die Hand schirmend gegen die Augen haltend, welche die scharfen Strahlen der Abendsonne blendeten, sagte sie überrascht und enttäuscht zugleich: »Mein Gott! der Comthur, und in großer Galla! Er kommt wohl, mir den neuen Majoratsherrn zu präsentiren.«
Vorlage S. 66
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Die Reihe des neugierigen Herzueilens kam nun an mehrere Andere aus der Gesellschaft. Auch an mich, ich leugne es nicht, obgleich ich wissen konnte, dass Hugo nicht in der Nähe war.
Vorlage S. 66
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Agathe und Rosalie ließen Gesang und Musik im Stich, und sahen mit den niedlichen Köpfchen lauschend aus der Thüre.
Vorlage S. 66
212
Jetzt ward der erwartete Gast gemeldet. »O viel, viel Ehre!« rief die Gräfin dem eintretenden Bedienten entgegen. Gleich darauf hielt der Wagen an der andern Seite des Hauses vor der Hauptthüre. Unwillkührlich blickten alle Augen auf den Eingang des Salons. »Sie kennen unsern Nachbar?« sagte die Gräfin zu mir gewendet. »Ich werde ihn heute zum erstenmale sehen,« erwiederte ich. »Unmöglich!« versetzte sie, »war er denn nie bei dem Präsidenten?« Ich wusste gewiss, dass das nicht der Fall gewesen.
Vorlage S. 66
213
»Ach!« versicherte sie, mit einer Art Respekt in Ton und Miene, »da werden Sie eine interessante Bekanntschaft machen.«
Vorlage S. 67
214
Der, von welchem die Rede war, stand indeß schon mitten im Zimmer. Die Gräfin flog mit allen Zeichen achtungsvoller Berücksichtigung auf ihn zu. Beide begrüßten sich unter mancherlei Hin- und Herreden.
Vorlage S. 67
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Ich behielt Zeit, die Anmuth und Würde einer Ehrfurcht gebietenden und rührenden Erscheinung, die ich jemals sah, ungestört zu bewundern.
Vorlage S. 67
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Die zwanglose, vornehme Art, mit welcher der Comthur eingetreten war, hatte nichts von der veralteten Förmlichkeit, die seine Umgebungen ankündigten. Er bewies mir, dass der feine Ton guter Sitte jedem Zeitmomente angehört.
Vorlage S. 67
217
Agathe hing sich mir, während ihre Mutter beschäftigt war, an den Arm, indem sie voll Extase flüsterte: »Er sieht superbe aus! Mein Gott! welch elegante Tournure, und die prächtigen Augen! Wie schade, dass die Haare schon weißlich schimmern! Die Augenbraunen zeichnen sich ganz köstlich gegen die Stirne aus. Sehen Sie, ich bitte Sie, wenn er sich so gegen Mama herunter beugt, mit welcher einzigen Grazie er dann den Kopf bewegt.«
Vorlage S. 67
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»Ein Glück,« lachte Rosalie, welche herzu getreten war, »dass der himmlische Mann nicht zwanzig Jahre jünger ist, wir stritten uns beide bis aufs Blut um ihn.«
Vorlage S. 68
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»Dann müsste ich mich ja mit ihm schlagen,« fiel Curd schnell ein. »Ich könnte ihm doch den Sieg über die beiden schönen Schwestern nicht einräumen. Aber auf Ehre.« fügte er hinzu, »zu seiner Zeit ein gewandter und gefährlicher Gegner! Was das noch für eine Gestalt ist, selbst in dem verwünscht altmodischen schwarzen Rock! Die Taille ist um eine halbe Elle zu breit und zu lang, und doch trägt er sich so hoch, und sieht so schlank aus, dass man ihn beneiden könnte. Aber welch eine Toilette, mir wird angst und bange. Der Ordensstern sitzt unter der Brust, statt oben an der Schulter. Das Halstuch –«
Vorlage S. 68
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»O schweigen Sie! ich bitte Sie,« rief ich ärgerlich. »Der Mann ist ja nicht von heute und gestern, das dächte ich, sähen Sie.«
Vorlage S. 68
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»Das ging wohl auf mich? Cousine,« bemerkte Curd harmlos. »Nun, bin ich gleich keine respectable Antique, so bin ich doch kein Brudermörder. –« Ich sah ihn entsetzt an. »Ja! auf Ehre,« betheuerte er, »an dem ist kein gutes Haar. Hat er nicht auf die schändlichste Weise von der Welt den rechtmäßigen Erben um Alles gebracht?«
Vorlage S. 69
222
»Auf die schändlichste Weise?« wiederholte ich, als die Gräfin mit dem Comthur an der Hand zu mir heran trat, und dadurch unwillkührlich die kleine Gruppe theilte.
Vorlage S. 69
223
»Ich stelle Sie einander nicht erst vor,« sagte die gewandte Frau. »Zwei so liebenswürdige Nachbarn,« lächelte sie verbindlich, »sind durch den beiderseitigen Ruf zu wohl unterrichtet, um nicht auf den ersten Blick über jeden Zweifel hinaus zu sein.«
Vorlage S. 69
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»Wenn auch Ihre Voraussetzung bei mir zutrifft, gnädige Frau,« entgegnete der Comthur, indem ein höchst angenehmes Lächeln sein ernstes Gesicht erhellte, »so darf ich mir nicht schmeicheln, die Aufmerksamkeit der Jugend und Schönheit zu verdienen. Nennen Sie daher der Dame gütigst meinen unbedeutenden Namen.«
Vorlage S. 69
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»Er ist mir nicht fremd,« versicherte ich, in einem unbegreiflichen Gemisch von Theilnahme und Beklemmung. Ich erröthete, als ich das sagte. Mir kam es vor, als habe ich dadurch verrathen, auf welche nachtheilige Weise ich zu seiner Bekanntschaft gekommen war.
Vorlage S. 70
226
Der Comthur heftete nun forschende Blicke auf mich! Sein Gesicht hatte den Ausdruck schmerzlicher Unruhe. Mund und Augen verriethen den Kampf peinlicher Erinnerung. Es that mir leid; denn ob er sich gleich zu lächeln zwang, so glaubte ich doch in allen seinen Mienen etwas zu lesen, das dem Bekenntnis früherer Schuld und dem Tünch eines erkünstelten Gleichmuths ziemlich nahe kam.
Vorlage S. 70
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Wir blieben mehrere Secunden stumm einander gegenüber, bemüht, wie ich glaube, dasjenige zu errathen, was wir gegenseitig verschwiegen.
Vorlage S. 70
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»Ich muss mich doppelt glücklich nennen,« hub er zuerst wieder an, »heute auch Ihre Nachsicht, gnädige Frau, für eine junge Anverwandtin erbitten zu dürfen, deren Ankunft in dieser Gegend ich in Kurzem erwarte. Mein Neffe, Graf Hugo, verheirathet sich, wie ich glaube, heute. Die jungen Eheleute werden bis zur Vollendung des neuen Schlosses zu mir in die Burg ziehen. Wollen Sie der Fremden, hier völlig Unbekannten, eine gütige Beschützerin sein?« fragte er mit einem Tone, der zugleich der Eitelkeit schmeichelte, und die Theilnahme unwiderstehlich in Anspruch nahm.
Vorlage S. 70
229
Während ich ziemlich verlegen, und in dem Gefühle hiervon, wie ich glaube, weniger natürlich als sonst, etwas Unbedeutendes sagte, rief die Gräfin: »Wie! heute ist die Hochzeit des Grafen, und Sie sind hier? Mein Gott! wer soll die Braut anders zum Altar geleiten, als das Haupt der Familie! Ich würde an der kleinen Emma Stelle untröstlich sein, gerade Sie unter den Hochzeitsgästen zu vermissen.«
Vorlage S. 71
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»Es ist besser, ein Fest zu meiden, als es zu verderben,« entgegnete der Comthur, kurz und entschieden, so, als werfe er rasch eine lästige Empfindung bei Seite.
Vorlage S. 71
231
Ich erschrack unwillkührlich vor dem veränderten Tone seiner Stimme. Es lag etwas Schroffes darin, das sich zugleich in seiner völlig verfinsterten Miene zurückspiegelte.
Vorlage S. 71
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Wie sehr er sich auch gleich darauf bezwang, er gewann die vorige, freie und leichte Stimmung nicht wieder, und ob er auch mit Gefühl, ja mit Wärme von der nahen Aussicht sprach, ein ungehofftes Familienglück in der eigenen Häuslichkeit aufblühen zu sehen, so geschah es doch nicht ohne Anstrengung, davon zu sprechen.
Vorlage S. 71
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Sonderbar genug, er wandte sich fast immer in der Unterhaltung an mich. Es befremdete und verwirrte mich anfangs. Ich glaubte, er habe mich errathen und wolle mir eine bessere Meinung von sich geben. Nachher aber sagte ich mir, es geschieht, weil er mich durch Eduard vom dem Gange der ganzen Verhandlung unterrichtet glaubt, und am leichtesten hier anknüpfen mag.
Vorlage S. 72
234
Sei es so oder so! der Mann hat mir ein undeutliches Bild gelassen, das mich anzieht und ängstigt zugleich. Ist der Neffe ihm gleich, oder nehmen die Verhältnisse der neuen Familie dieselbe schwankende Farbe an, so wird es mit den nachbarlichen Beziehungen wohl nicht zu einer besondern Intimität kommen.
Vorlage S. 72
235
Sie sehen, Sophie, Ihr Schweigen ist so unnütz als betrübend. Sie bezwecken nichts dadurch für Ihre dortigen Freunde, und verletzen die hiesigen. – Wenn Sie mich noch liebten, wie ehemals, hätte ich bereits eine weitläuftige Hochzeitsrelation. Seit Sie so bedenklich und berechnend sind, hören Sie auf, verbindlich zu sein. Leben Sie wohl!
Vorlage S. 72
236
Der Comthur an die Oberhofmeisterin
Vorlage S. 73
237
Undankbare! Dies harte Wort, mit dem Sie die Tochter aus Ihren Armen lassen, möchte ich Ihnen zurückgeben.
Vorlage S. 73
238
Ja, Undankbare! können Sie es vergessen, dass Emma dem Leben gehört, dem Sie sie entgegen führen durften? Soll sie darum niemals allein stehen, weil Ihre Hand sie noch länger festhalten möchte?
Vorlage S. 73
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Haben die Jahre Ihnen so viel von der Uneigennützigkeit früherer Liebe geraubt, dass Sie heute anders empfinden, wie in jener Stunde, da das schwankende Kind zum erstenmale dem Leitband der Wärterin entlief, und ein eignes, freies, kleines Wesen vor Ihnen stand, die gewonnene Kraft prüfend?
Vorlage S. 73
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War sie Ihrem Herzen darum fremd, weil sie glücklicher war?
Vorlage S. 73
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Und jetzt? – Gewiss, Sie haben Unrecht, großes Unrecht!
Vorlage S. 73
Porträt von Fouqué, Caroline de La Motte-; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Fouqué, Caroline de La Motte- · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
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Wollten Sie es anders, weshalb überhaupt die weltlichen Beziehungen? Warum bestimmten Sie die Tochter nicht für das Kloster, wenn Sie ihr Herz zu schön für den Wechseltausch menschlicher Empfindungen nennen?
Vorlage S. 73
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Aber es schien Ihnen grausam, das junge Leben in der Knospe verhüllt zu lassen. Auch jetzt bin ich überzeugt, verwerfen Sie mit Abscheu den bloßen Gedanken daran. Nun, ich streite darüber nicht. Ich habe indeß die Ueberzeugung, dass der Mensch sich immer auf die eine oder die andere Art zum Opfer bringen muss. Tut er es nicht freiwillig, so zwingen ihn die Umstände, fremdes oder eignes Wohl, die Ruhe des Gewissens, oft auch der Ueberdruß des Lebens dazu.
Vorlage S. 74
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Es ist nicht abzusehen, welchen von allen diesen Beweggründen die Ansprüche Ihrer Tochter werden erliegen müssen! Doch, es giebt überall nur einen Faden durch das Labyrinth des Lebens, und den muss ein jeder selbst finden. Fremde Brillen passen selten. Sie trüben nur den Blick.
Vorlage S. 74
245
Deshalb Geduld! liebe gnädige Frau. Geduld! Sie waren früher so eilig, das Verhältnis zwischen beiden jungen Leuten zu begründen, lassen Sie ihnen nun Zeit, in Harmonie mit der innern und äussern Welt zu treten.
Vorlage S. 74
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Ich würde mir selbst anmaßend erscheinen, wollte ich ein Urteil über meines Neffen Charakter aussprechen. Die Elemente seiner Natur sind mir meistentheils fremd. Auf das erste Empfinden hin, scheinen alle zu verflüchtigt, um es in ihm selbst, bei der glücklichsten Mischung, zu irgend einer vollständigen Gestaltung der Ideen kommen zu lassen. Es zieht das beobachtende Auge in eine unermessliche Weite hin aus, aber man findet keine Ruhestätte, um zu verweilen. So, sage ich, würde das Selbstgefühl, das eben kein Echo hier findet, sprechen. Doch das Selbstgefühl hat nicht mitzureden, wenn ein fremdes Bild in das Bewusstsein treten soll. Außerdem liegt eine schroffe Klippe zwischen uns. Er kann sie überfliegen, das traue ich ihm zu, allein, ob er mich dabei findet? ist eine andere Frage. Die Sonne hat bekanntlich allein die Macht, den härtesten Stein aufzulösen. So schmilzt auch nur die innere Sonne den Stein des Anstoßes weg! Es ist nicht leicht zu entscheiden, ob solche Gluth Hugo's Seele ausfüllt? oder ob diese nicht leere und kalte Stellen birgt, in denen gerade wir beide zusammentreffen? –
Vorlage S. 74
247
Ich sage Ihnen das, gnädige Frau! damit Sie bei Zeiten meinen Einfluss auf Ihres Schwiegersohnes Herz und Gemüt in das rechte Licht stellen, und hier keine Wunder erwarten.
Vorlage S. 75
248
Das ist überhaupt selten von großer Wichtigkeit, was ein Mensch vom Andern augenblicklich erwirbt. Und irre ich nicht, so wird Hugo in Allem sehr leicht nachgeben, doch nie ein Anderer sein.
Vorlage S. 76
249
Sie haben ihn gekannt, gnädige Frau, als Sie die Neigung der schönen Emma billigten. Wenn er Ursache giebt, Ihre Besorgnisse zu rechtfertigen, so bin ich hierbei doch gewiss außer Schuld.
Vorlage S. 76
250
Aber, weshalb auch Besorgnisse! Ist es jetzt auch schon Zeit dazu? Wir wollen keine andern hegen, als solche, die der Wandel alles Zeitlichen dem Nachdenkenden von selbst aufdringt, dann kommt man nie vom rechten Wege.
Vorlage S. 76
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Es scheint mir gut, dass die jungen Leute sogleich eine kurze rasche Ausflucht in die Schweiz machen. Dies heimathlose Hinziehen durch unbekannte Gegenden, das Abreißen von allen Gewohnheitsbanden, die Einsamkeit in der Fremde führt näher zusammen, und schafft in dem, was die Seele gemeinschaftlich traf, einen eigenthümlichen Quell der Erinnerung. Man schöpft immer eine Weile daraus, und belebt in der Gegenwart dasjenige, was diese anfangs einfarbig und unbequem erscheinen lässt.
Vorlage S. 76
252
Um indeß meinerseits auch nicht ganz müßig zu sein, habe ich gesucht, Emma eine heitere Geselligkeit für die, immer etwas trüben Herbsttage zu gewinnen. Das Haus der muntern Gräfin von Ulmenstein versammelt eine regsame, mittheilende und empfängliche junge Welt. Hier sind die blühenden Töchter des Hauses, und mit ihnen alles, was städtischer Verkehr an ihre Schritte bindet. Tanz, Musik, Conversation, Geist und Gefühl, kurz, das gute und richtige Gemisch übereinstimmender und widerstreitender Elemente, aus denen die Gesellschaft bestehen muss, soll sie überhaupt bestehen. Ich warf mich vor einigen Abenden, ganz meiner Gewohnheit entgegen, in das bunte Gewühl, und ward nicht unangenehm durch Fremdes und Neues, das mir entgegentrat, überrascht. Vorzüglich gefiel ich mir in der Unterhaltung mit der jungen Gemahlin unsers Freundes, des Präsidenten. Sie wissen, wie vielen Dank wir ihm in der Angelegenheit meines Neffen schuldig sind. Den Zutritt in seinem Hause nachzusuchen, schien mir daher für die Neuvermählten eine Pflicht, an welche ich gern durch die anziehende Einfachheit und Grazie der schönen Frau erinnert ward. Sie stand in einem Kreise lachender und schwatzender Modepüppchen, unter denen sie sehr vortheilhaft, durch Gestalt und Wesen, hervortrat. Es war nicht Nachläßigkeit, nicht Absicht in Tracht oder Benehmen zu spüren.
Vorlage S. 77
253
Das frische, weiße Kleid, ohne entstellende Verzierungen, stand sehr wohl zu dem reichen, kastanienbraunen Haare, und dem reinen, tiefen Blick der schönsten blauen Augen, die je eine lange, dunkle Wimper beschattete. Als ich mich ihr nahete, trat sie mir zwanglos entgegen, empfing meinen Gruß, wie eine Schuldigkeit, und würdigte, was davon ihrer Anmuth galt, mit verständigem Gleichmuth. Sie hatte von dem jungen Paare, das ich ihr zuzuführen, um die Erlaubnis bat, gehört, sie fragte mit Theilnahme nach beiden, und zeigte sich, ohne affectirte Uebertreibung des Ausdrucks, bereit, ihnen den Eintritt in die fremde Welt zu erleichtern. Es liegt Natur und Wärme in ihrem ganzen Wesen, das ein feiner Geist, mehr unbewusst begleitet, als bewusst beherrscht. Wie sie ist, hat sie mir gefallen, auch genießt sie allgemeine Achtung, die weniger ihrer Stellung in der Welt, als ihrer Person gilt. Irre ich nicht, so wird Emma in ihr eine Freundin finden.
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Und nun getrost, gnädige Frau! lassen Sie dem Geschick ohne Zagen seinen Lauf. Es kehrt sich wenig an unsere Launen. Auf eine, oder die andere Art macht sichs immer wieder Bahn. Zuletzt sind wir mit allem Rennen und Laufen nicht weiter als zu Anfang, und bringen nur müde Füße mit nach Hause. Vergeben Sie es mir, wenn ich Sie hier frage, ob Sie jemals durch die Ausführung irgend eines Planes völlig befriedigt wurden? oder, ob Sie nicht über den Moment des Erlangens hinaus, lieber alles umgeworfen, und die Sache von neuem und anders angefangen hätten? Glauben Sie mir, Sie sind es nicht allein, es ist der Mensch überhaupt, der so empfindet. Wir kennen keinen Genuss. Was wir so nennen, ist nur das rothe Läppchen an der Angel, die uns fortzieht. Das Ziel thäte es, und nicht das Streben darnach allein.
Vorlage S. 79
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Ich küsse Ihre Hände, und lege diese auf die Häupter Ihrer Kinder, dass Sie sie in Freudigkeit segnen mögen.
Vorlage S. 79
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Ganz der Ihrige.
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Hugo an Heinrich
Vorlage S. 80
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Ich will Dich nicht glauben lassen, die Flitterwochen vermöchten so viel über mich, dass ich die übrige Welt darüber vergäße. Ich bin in meinem Leben nicht geneigter gewesen, da Unterhaltung zu suchen, wo sie sich mir bietet, als eben jetzt. Ehrlich gestanden, dieser Nachhall des ausgesprochenen Ja, ist ein wenig eintönig! Was sagt man sich noch, wenn alles beantwortet ist? Mißverstehe mich nicht. Emma's Nähe ist wie der Frühling. Sie überkleidet alles mit jenen Lichtfarben, die uns anlächeln und den Sinn in behagliches Empfinden einwiegen. Ich sehe mich leicht auf Minuten so angesprochen. Aber – doch genug! – Ich brauche scharfe Schatten, und verliere mich gern in die Tiefe zackiger, unförmlicher Schlüfte, aus denen der wilde Schrei der Natur meine träumende Seele wie ein Echo anruft.
Vorlage S. 80
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Wir sind moderne Reisende, Heinrich. Wir fahren die gebahnte, geebnete Straße, verweilen, wo Alle verweilen, und bewundern, was Alle bewundern. Emma ist entzückt. Ich begleite sie willig, aber sie kann mir auf meinen einsamen Wanderungen durch das Labyrinth großartiger Verwilderung nicht folgen.
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Man nennt nicht unpassend auch das Leben eine Reise. Nenne es, wie Du willst. – So viel weiß ich wohl, dass man sich auf der einen wie auf der andern, allein, am freiesten bewegt.
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Wie selten halten zwei Menschen gleichen Schritt. Wie jener sich beschränkt, muss dieser sich über Vermögen anstrengen. Man mag die Kräfte gegenseitig abwägen, wie man will, jede Probe zeigt, dass die Berechnung falsch war.
Vorlage S. 81
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Doch genug! wir reisen!
Vorlage S. 81
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Es war bei alledem gut, dass wir aus der Klemme der Hofetiquette und Familienrücksichten herauskamen. Ich war wie zwischen zwei Mühlräder zermalmt. Mir ist in der ganzen Gotteswelt nichts lächerlicher, als der Wahn, dass ein Mensch dem Andern eine Gnade zu erweisen denkt. Die Gewohnheit ist hierin, wie in so Vielem, die größte Gauklerin. Sie macht die Fabel zur Historie.
Vorlage S. 81
264
Du kennst indeß meine Art. Ich mag Niemanden Aergerniß geben. Lieber, wie Atlas, die Welt tragen, als einen Wurm in ihr wissentlich kränken. Wer an dem Spiele seine Freude hat, dem spiele ich zu Gefallen mit. Ueberdem, die Maske war einmal angelegt, ich musste ihrem Charakter treu bleiben. So ließ ich mir ein Ordensband umhängen, und meine Schwiegermutter hierauf Pläne und Hoffnungen für die Zukunft bauen. Sie hat etwas darin getan, Pläne zu machen! Nun, ihr ist es Bedürfnis! Emma ist der Edelstein in ihrer Krone. Alles, was sie mit Blicken erreichen kann, muss dem Glanze dieses einzigen, das Werth für sie hat, als Folie dienen. Du kannst Dir vorstellen, was sie den übrigen Menschen ist, und diese ihr unter solchen Umständen sein können?
Vorlage S. 81
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Wir passen wenig für einander. Meine Theorie von leben und leben lassen, findet hier keinen Eingang. Sie hat sich in mir verrechnet, und das verzeiht sie dem Geschick so wenig, als mir.
Vorlage S. 82
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Ich bin ihr bei alledem gut. Mir verschlagen ihre Irrthümer nichts. Sie hat Verstand, und wenn auch mehr Leidenschaft als Gefühl, dennoch eine außerordentliche Regsamkeit des Geistes. Mit solchen Leuten kommt man immer zurecht, wenn sie uns auch zu schaffen machen.
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Unter meine Geduldproben zähle ich die Hochzeitfeier. Es war ein alltägliches Hoffest daraus gemacht worden. Zum Glück, wissen fürstliche Personen dergleichen schnell abzumachen. Trauung, Gratulation, Diner, Entlassung, alles ging in einer Hetze fort, so dass wir uns im Wagen, aus der Stadt, auf dem Wege hierher, befanden, ehe ich noch Zeit behielt, das Geschehene mit Gelassenheit zu überdenken. Emma hatte sich mehr betäubt als gefasst aus den Armen ihrer Mutter gerissen, und es vielleicht kaum wahrgenommen, dass diese das Scharfe, was ihren Empfindungen etwas Aetzendes giebt, ganz auf mich übertrug. Ich war ihr in der Seele zuwider. Sie konnte und wollte das auch nicht verbergen. Mir that es wehe. Ich blieb lange auf das Innigste erschüttert; während Emma ruhig, ohne sichtbare Gemüthsbewegung neben mir saß.
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Ich konnte mich nicht erwehren, sie von Zeit zu Zeit mit unverhehltem Erstaunen anzusehen. Es schien, als entgehe ihr das gänzlich. Es lag ein Ausdruck des Friedens und der innern Einigkeit auf ihrem Gesichte, welcher der abendlichen Stille der Natur zu vergleichen war, und auf mich ungefähr denselben Eindruck machte.
Vorlage S. 83
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Nach einer Weile bemerkte ich, dass sie leise betete, und den Beistand eines höhern Wesens anrief, mit welchem sie sich in liebendem, natürlichem Einverständnisse befand.
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Seitdem fand ich sie öfters so. Gleichwohl kann ich die Spur dieser Richtung noch nicht völlig klar in ihr auffinden. Ich trage auch eine gewisse Scheu vor jedem erläuternden Schritt. Sehr wahrscheinlich weichen unsere Ansichten hier von einander, und die Gewissheit darüber könnte sie stören. Mich stört so leicht Niemand in dem, was in mir feststeht; aber gegen Formen rennt man an, ohne es zu wissen.
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Erst gestern machte ich die Erfahrung. Wir krochen am Simplon herum. Ich ließ Emma auf einer bequemen Stelle bei ihren Trägern. Sie blickte von hier ruhig nach den Thälern hinunter, indeß ich, von innerer Unruhe getrieben, froh, mir einen Augenblick selbst anzugehören, alle Mühseligkeit verachtend, die zackigen Klippen noch um eine bedeutende Strecke hinan klomm, und jetzt auf einem Abhange fast schwebend mit stolzen Erwartungen um mich sah. Allein, die Atmosphäre hing, von Dünsten verdeckt, wie ein wallender Vorhang, zwischen der Stelle, wo ich stand, und den nächsten hundert Schritten unter mir. »Alles ist anders, als man es denkt!« rief ich, und wollte den Rückweg antreten. Es war indeß leicht an dem dumpfen Rauschen und Brausen aus der Ferne, die Vorbereitung einer Explosion der Elemente wahrzunehmen. Ich wollte das abwarten, und folgte nun mit steigendem Anteil dem Kampfe der Natur. Blauschwarze, electrische Ballen wälzten sich unförmlich, und von ihrem eignen Luftzuge gedrängt, übereinander zu einem schauerlichen Chaos. Es ward dunkler und dunkler, zuletzt ganz finster, die Nacht hielt mich dicht umarmt in ihre Schleier gehüllt. Da fuhr der Stoß einer kreuzenden Luftschicht, wie ein langer weißer Strahl in den aufgethürmten Knäuel, und, als sollten Himmel und Erde untergehen, so fasste und riss ein Wirbelwind, der die Welt aus ihren Fugen zu reißen Miene machte, in das Gewölk. Ein Augenblick noch, und die gährenden Stoffe stürzten krachend und schäumend unter Donner und Blitz und Wogenströmen in die Tiefen hinab, über mir ward es hell wie in einer azurnen Kugel. Ich blickte überrascht und sprachlos um mich. Die majestätische Gewalt dieses Vorganges fesselte mich unverrückt auf demselben Fleck. Doch, ich dachte an Emma, und arbeitete mich nun durch das Unwetter, das vor mir herging, hindurch, zu der Stelle, wo ich sie gelassen hatte. Sie war nicht mehr dort. Ihre Träger kamen mir indeß, durch sie abgeschickt, bereits entgegen. Ich erfuhr, dass eine nahe Hütte ihr Obdach gebe, und eilte nun dahin. Es stürmte und regnete noch in einem fort. Sie flog mir in die Arme. Der Gedanke, dass die zerstörende Macht der Elemente uns plötzlich hier am Eingange eines neuen Lebens hätte trennen können, erschütterte mich unwillkührlich. Ich war bewegt, und zeigte es ihr. Sie sah mich mit ihrem stillen, festen Blicke an. »Ich wusste es wohl,« sagte sie, »dass Dir nichts begegnen würde.« »Bist Du so zuversichtlich?« entgegnete ich, vielleicht ein wenig kühler als zuvor. »Ich bin es nur in einer Art,« versicherte sie mit abgewandtem Gesicht, indem sie, ohne weiter etwas hinzuzusetzen, an das kleine Hüttenfensterchen trat. Ich folgte ihr dahin. Das Gewitter zog immer tiefer abwärts. Die jenseitige Bergwand färbte sich schon wieder im röthlichen Licht der Abendsonne, ein feiner Sprühregen flimmerte silbern zwischen den Steinen. Eine Heerde weißer Ziegen und buntgefleckter Kühe zog einzeln und lautlos vorüber. Der junge Hirtenknabe folgte ihnen, sein Liedchen pfeifend. »Sieh,« rief Emma, mit einem Lächeln, das an Corregio und seine Bilderwelt erinnerte. »Sieh, wie schnell Gott den wilden Aufruhr gestillt hat. Die Sonnenlichter drüben gehen wie seine Friedensboten über die Berge.« Ich bemerkte, indem sie sprach, ein kleines silbernes Cruzifix, das sie sonst verborgen an einer Schnur um den Hals trägt, über ihre gefaltenen Hände herabhängen. Gewiss hatte sie, in der Angst ihrer Seele, ihre Zuflucht dazu genommen.
Vorlage S. 84
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Ein jeder hat seine Art, dachte ich, und ließ sie. Doch erwiederte ich: »Hier ist Ruhe und Ordnung, allein dort oben war es, als rolle der feurige Wagen des zornigen Gottes der Israeliten auf den Wolkenbergen hin, und schleudere seine Wetter auf die Erde. Nichts,« fuhr ich fort, »füllt meine Brust mit so heiligen Schauern göttlicher Erhabenheit, als die großen Erscheinungen der Natur. Das sind lebendige Symbole. Sie reden mit andern Zungen, als todte Bilder.«
Vorlage S. 87
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»Die Natur ist auch ein todtes Bild,« meinte sie, »ohne das Leben in dem Glauben des Christen.«
Vorlage S. 87
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Ich lächelte. Sie war ernst geworden. Zum erstenmale sah ich den Schatten einer Wolke auf ihrer Stirne. Sie sagte nichts. Aber es war ganz klar, ich hatte ihr wehe getan. Es wird gewiss nie wieder geschehen. Aber da siehst Du, es sind immer nur Formen, die zwischen die Herzen treten. Das ist der Fluch der Menschheit!
Vorlage S. 87
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Lebe wohl, Heinrich! Was hilft so eine Ausflucht in die Weite! Man muss doch wieder in die gezogenen Schranken zurück.
Vorlage S. 87
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Nun! ich komme auch zurück. Bald bin ich wieder heimisch unter den Meinigen. – Den Meinigen? Wer sind sie? Man hat eine besondere Gewohnheitssprache, ohne viel darüber nachzudenken, angenommen, und damit die Begriffe gewaltig auf den Kopf gestellt.
Vorlage S. 88
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Aber! Lebe wohl! Lebe wohl!
Vorlage S. 88
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Sophie an Elise
Vorlage S. 88
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Sie sollten mir ohne Worte und Gründe verzeihen, geliebte Elise, die Freude des Wiedersehens, hoffte ich, werde meine Vertheidigerin sein. Alles war vorbereitet zur Abreise. Ich sah schon in Gedanken Ihr liebes, gerührtes Lächeln, im Kampfe mit dem kleinen Rest von Empfindlichkeit, der mehr und mehr an der Wärme aufflammender Freundschaft wegschmolz. Das alles sind nur Gedankenbilder geworden. Ich werde Sie sehr lange nicht sehen! Lassen Sie mich alle Empfindungen unterdrücken, die hierbei in mir laut werden. Schelten, urtheilen Sie auch nicht, ehe Sie es wissen, dass ich ein Opfer bringe, und dabei leide.
Vorlage S. 88
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Liebste Elise, die Abreise des jungen Paares hat die Mutter in einen Zustand versetzt, von dem nur diejenigen einen Begriff haben, welche diese merkwürdige, in allen ihren Eigenschaften so eigenthümliche Frau kennen. Vielen mag sie unzusammenhängend vorkommen, da sich im Gegentheil alles scheinbar Abweichende in einer Richtung bei ihr fortbewegt, und ein und dasselbe Ziel hat.
Vorlage S. 89
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Es ist Emma, Emma allein, welche die Saiten ihres Innern so oder so anschlägt. Der jedesmalige Ton hängt hiervon ab. Liebe zu dem Herzen ihres Herzens bedingt die ungestüme oder verhaltene Pulsschläge desselben. Wie die Aussenwelt hierauf einwirkt, oder sie diese, in der einzigen Lebensbeziehung, die sie kennt, umschaffen oder beherrschen will, das ist die einzige Aufgabe ihrer Gedanken und Empfindungen. Die Lösung derselben ist schwierig, sie giebt sie vielen Widersprüchen preis.
Vorlage S. 89
282
Jetzt ist das geliebte Kind ihr entrissen. Ein Anderer übernimmt das Geschäft, für sie zu denken und zu handeln. Ein Dritter, nach ihrem Gefühl ein unberufener Dritter, bestimmt über das Wohl und Weh der Theuren. – Es ist nicht Trauer, nicht Schmerz – Selbstvernichtung, verzehrende Eifersucht, Verzweiflung ist es, die ihre hohl gewordene Brust zerreißt. Die Wahl der Tochter war nicht die ihrige. Alles widerstrebte ihren Wünschen in dem Manne, der auf unbegreifliche Weise den ruhigen Spiegel der Gefühle in Emma erschüttert, und aus dem verborgenen Grunde der fügsamsten Seele eine so starke und ausschließende Neigung heraufgelockt hat, dass hier nichts mehr zu unterdrücken war, sondern auf einer oder der andern Seite ein Opfer gebracht werden musste.
Vorlage S. 89
283
Die Mutter hat es gebracht. Aber, anders ist es mit dem Augenblick der Begeisterung, anders mit dem ruhig fortgehenden Leben! Den ersten überfliegt der Gesammtmensch in uns, dem andern erliegt das Menschliche in jeder momentanen Steigerung empfundener Unbequemlichkeit.
Vorlage S. 90
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Die kluge Weltfrau hat an dem unerwünschten Geschick ihrer Tochter gedreht, geschoben und gehalten, was sie nur daran handhaben konnte, allein das Verschobene gleicht sich nicht aus. Sie erkennt das schärfer als Andere. Deshalb ist sie innerlich gebrochen, und kann nichts mit Haltung kommen sehen.
Vorlage S. 90
285
Es gab einen Zeitpunkt in meinem Leben, wo sie mir als stärkere und weisere Gefährtin kräftig zur Seite stand, und, wenn auch nicht mein Herz zu heilen, doch Ruhe und äussere Verhältnisse der Hoffnungslosen zu bewahren wusste. Ich verdanke ihr die sanfte Ausgleichung unzähliger Widersprüche, die Stille und Freudigkeit meines jetzigen Berufs, einen ruhigen Abend und viele selige Träume vom neuen Tage.
Vorlage S. 90
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Elise, würden Sie es gut heißen, wenn ich die Freundin jetzt verließe, wo ich ihr vergelten kann, was sie an mir that.
Vorlage S. 91
287
Sie würden es nicht gut heißen, das darf ich zuversichtlich behaupten. Ich sage Ihnen daher auch ohne alle Furcht vor Missbilligung, dass ich den Winter über nicht nach meinem Stift zurückkehre, ja, dass ich nicht einmal in Deutschland bleibe, sondern die bekümmerte Frau nach Italien begleite, wohin sie, in Aufträgen ihrer Prinzessin, reist, die, wie Sie wissen, aus dem toskanischen Hause entsproß.
Vorlage S. 91
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Ich irre wohl schwerlich, wenn ich die Absicht der großmüthigen Fürstin in dieser Sendung zu erkennen glaube. Sie will etwas Fremdes in die Seele ihrer betrübten Dienerin schieben, und sie durch andere Gegenstände auf andere Gedanken bringen. Gleichwohl fürchte ich, wird sie hiermit ganz ihren Zweck verfehlen. Es giebt Stimmungen, in welchen das Ableiten nur heftiger und unwilliger auf das eigene Interesse zurückdrängt, und das Uebel ärger macht.
Vorlage S. 91
289
Das Letzte zu verhüten, hauptsächlich aber die Reise selbst nur möglich zu machen, was bei dem schlaffen, schwankenden Gemüthszustand der wahrhaft Erkrankten sehr schwer halten würde, habe ich mich zu ihrer Gesellschafterin aufgeworfen. Die Fürstin billigt, ja wünscht es.
Vorlage S. 92
290
So werden wir denn schon in wenigen Tagen auf dem Wege nach Florenz sein. Gott ist überall! und ich gehorche seinem Willen, hier oder dort.
Vorlage S. 92
291
Dies reicht hin, jede andere Frage des Innern abzuweisen. Machen Sie es auch so, liebe, zärtliche Elise. Ich weiß, Sie missen mich ungern. Sie haben auch sonst Niemand, dem Sie sich, in den vielen unbeschäftigten Augenblicken eines einsamen Tages, mittheilen können. Allein, eben deshalb ist es vielleicht gut, dass ich eine Zeitlang zurücktrete. Es bringt Sie wohl dahin, Andere aufzusuchen. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, dass man Sie ohnehin des Hochmuths beschuldigt, und darin etwas Gesuchtes, ja Anmaßendes finden will. Zudem ist Ihnen Emma in Kurzem nahe. Liebe Elise, was soll ich Ihnen weiter sagen? – Ich fürchte für dies arme Herz. Sie war es, die Hugo ihre Hand gab, er hat sie angenommen! aber er hält sie so lose, so furchtsam, möchte ich sagen, in der seinen, als ängstige es ihn, dass er diese nun nicht besser gebrauchen kann. Der Ernst, die Gewalt ihrer Gefühle, hat das leichte Spiel jugendlicher Empfindungen in einem festen Verhältnis gefangen genommen. Mir ahndet, die Ketten, welche sie arglos um sein wie ihr Geschick legte, werden mit dem vollen Gewicht ihrer Last auf sie allein zurückfallen.
Vorlage S. 92
292
Doch, wozu die nutzlosen und trügerischen Blicke in eine ungewisse Zukunft. Liebe, liebe Elise, sein Sie der Schutzengel der Unerfahrnen. Ich lege sie Ihnen ans Herz. Es ist so schön, das Störende abwenden oder doch mildern helfen.
Vorlage S. 93
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Indem ich Ihnen auf solche Weise einen Theil meiner eignen Verpflichtungen, die ich nur gegen andere vertausche, zurücklasse, und somit mein Andenken auf die lebendigste Weise bei Ihnen gesichert weiß, verlasse ich Sie ruhiger.
Vorlage S. 93
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Könnten Sie in meinem Herzen lesen, Sie würden deutlicher verstehen, was ich kaum anzudeuten vermag.
Vorlage S. 93
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Sein Sie glücklich, beste Elise! und machen Sie Alle durch Ihre Nähe so glücklich, wie ich es mehrere Jahre hindurch war!
Vorlage S. 94
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Auf ewig die Ihrige.
Vorlage S. 94
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Die Oberhofmeisterin an den Comthur
Vorlage S. 94
298
Sie tun sehr wohl, dass Sie Ihren Neffen in Schutz nehmen. Ich kenne auch kaum zwei Menschen, die einander so ähnlich wären, als Sie beide.
Vorlage S. 94
299
Dies mag Sie befremden. Ich glaube es. Sie wissen vielleicht selbst nicht warum. Aber ich bitte, erlassen Sie mir die Beweisführung. Mein Kopf, mein Geist, sind so schwach in diesem Augenblick, dass es vergebliche Mühe wäre, mich auf etwas Bestimmtes einlassen zu wollen. Nur so viel: Verschiedene Umstände bilden dieselben Grundzüge des Charakters, hier so, dort anders aus. Die Familienähnlichkeit bleibt gleichwohl unverkennbar.
Vorlage S. 94
300
Dass Ihre und Hugo's Ansichten von einander abweichen, beweist nichts. Systeme macht man, die Natur hat man. Sie haben beide keine glückliche. Ich empfinde es. Mich friert in der lauen Atmosphäre, die Sie umgiebt. Ich könnte lachen über alles, was Sie in die Seele einer Mutter schwatzen, hätte ich das seit Emma's Abreise nicht verlernt. Was wissen Sie von den zarten Fäden, die von dem Hauch eines unberufenen Wortes erzittern.
Vorlage S. 94
301
Einsiedler, in der Welt wie im Gefühl, predigen Sie in der Wüste, aber nicht am Hausaltar liebender Familien; dies Heiligthum bleibt Ihnen unzugänglich.
Vorlage S. 95
302
Ihr Trost wird Zurechtweisung. Ich forderte den einen nicht, und bin wenig gestimmt, die andere zu ertragen.
Vorlage S. 95
303
Mir werfen Sie es vor, die Verbindung beschleunigt zu haben, welche ich jetzt ungeschehen wünsche. Ich bin sehr unschuldig an dieser Verbindung. Das, dächte ich, wissen Sie. Doch einmal, bis auf einen gewissen Punkt gedrängt, wollte ich Licht sehen, und machte daher Tag. Sie zwangen mich zu handeln, das ist es, was Sie meine Ungeduld nennen. Sie verstehen nicht, wie eine Mutter, auch mit widerstrebendem Herzen, an die Erfüllung der Wünsche ihrer Kinder denken kann!
Vorlage S. 95
304
Aber ich werde ganz krank, bei den vielen unnützen Worten, die Sie doch wieder falsch auslegen werden. Darum lassen wir es gut sein!
Vorlage S. 95
305
Ich bin auf dem Wege nach Florenz. Es ist eine von den vielen Reisen, bestimmt, eine Lücke im Leben auszufüllen, sonst zwecklos, und daher unbequem.
Vorlage S. 96
306
Ich füge mich ohne Widerrede in die Anordnung der Prinzeß, teils, weil sie es so wollte, teils, weil ich einen Augenblick glaubte, unterwegs mit Emma zusammenzutreffen. Es reizte mich die Vorstellung, sie zu überraschen. Allein Hugo hat, wie er sich ausdrückt, so große Ungeduld, die Herbstjagden im heimathlichen Gebirge mitzumachen, und Emma die grünen Wellen des vaterländischen Stroms in dem Lichte der vollen Septembersonne zu zeigen, dass beid schon auf dem Wege zu Ihnen sind. Es mag auch sein! Ich lasse mich nun um so ruhiger fortschieben. Doch bin ich, ich gestehe es, über die Eile Ihres Neffen verwundert. Was zieht ihn denn so mächtig zu Ihnen zurück? Der Gedanke, ein Eigenthum, einen Heerd zu besitzen, und dort als freier Mann zu gebieten, zu handeln? – Nimmermehr! Er dünkte sich wohl freier als jetzt, da er Niemanden verpflichtet war. Ist er des Umherstreifens müde? Nun! so scheut er doch das Bleiben an einem Orte noch mehr. Oder, ist es Emma's Begleitung, die ihm die Lust am Reisen verdirbt? Unter allem ist gerade das Schlimmste das Wahrscheinlichste.
Vorlage S. 96
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Dem Vogel sind die Flügel beschnitten, und für den, welcher gern den Adler gespielt, auf steilen Höhen gehorstet, den freien Flug eifersüchtig bewahrt hätte, für den ist die Rolle des Haushahns im abgegränzten Zwinger anstößig. Mein Gott! warum genügten die Luftregionen nicht. Möchte er immerhin in seiner erhabenen Einsamkeit, auf starrer Klippe, dem Stolz mit prächtigen Träumen schmeicheln, ich hätte nichts dawider gehabt. Aber ihm gelüstete nach den Früchten des Thales. Er ließ sich zu ihnen herab. Der Traum ist aus, das ist sein Unglück.
Vorlage S. 97
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Doch, da ich daran denke! Von Früchten des Thales oder der Welt, mir gleichviel. Es kommt mir vor, auch Sie haben noch nicht den Geschmack daran verloren. Sonderbar genug, ist das einzige Lebendige in Ihrem Briefe, die Schilderung der artigen Frau, welche Sie höchst großmüthig zu Emma's Freundin bestimmen. Bis auf das weiße Kleid und dessen nachläßige Eleganz, zeichnen Sie die neue Dame Ihrer Gedanken auf das Papier. Mein guter Comthur! Sie haben nicht wohl daran getan. Wie sie dort steht, trägt sie alle Züge der gefeierten Herrscherin eines engen und flachen Kreises, welchen die Gräfin überall um sich versammelt, und den Sie gute Gesellschaft zu nennen belieben. Ich weiß es seit lange, dass Männer kein Urteil über Frauen haben, und die Grade des geselligen guten Tones nur nach dem Thermometer ihrer Eitelkeit anzugeben wissen. Wie der Ihrigen durch das zuverlässig einfältige Erstaunen der Kleingeister zu Ulmenstein, bei dem unerwarteten Auftreten eines bekannten Sonderlings, geschmeichelt ward, ist mir gar nicht zweifelhaft.
Vorlage S. 97
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Es ist in der Ordnung, ich tadle Sie deshalb nicht. Aber begreiflich wird es mir, dass die Bizarrerie ganz gewöhnlicher Pretention, die auf besonderem Wege ihrem Ziele nachläuft, Sie bestach. Der Präsident ist kein gewöhnlicher Mensch. Sein Charakter ist der eines Mannes, der seinen Weg bestimmt geht. Durch den Flitter der Mode war der nicht zu erobern, eben so wenig führt eine bequeme Straße zu seinem Herzen. Und wenn es vielleicht auch nur um die Hand zu tun war, so musste doch dieses in Beschlag genommen werden. In solchem Dylemma wählt man denn schon einen ungebahnten Pfad, auf dem sich die jugendliche Gestalt ohnehin um so überraschender und in die Augen springender ausnimmt. Dergleichen Coquetterien sind sehr wohlfeil, und bei der Leichtgläubigkeit der Männer außerordentlich belohnend.
Vorlage S. 98
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Dem sei nun wie ihm wolle, ich hege gegen jede ausgezeichnete Art und Weise der Frauen Argwohn. Was ächt ist, fordert keine besondere Fassung!
Vorlage S. 99
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Ueberdem bedaure ich Ihre Mühe, für Emma eine Wahl getroffen zu haben. Die wählt selbst! Das liegt ja nur zu sehr am Tage.
Vorlage S. 99
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Leben Sie wohl. Haben Sie Mitleid mit mir. Ich bin bis in den Tod betrübt. Deshalb vergessen Sie, wenn ich heftige und ungleiche Worte sprach. Ich weiß kaum, was ich denke und empfinde.
Vorlage S. 99
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Es ist gut, dass Sophie mit mir geht. Ihnen verschlägt das wohl weiter nicht viel, und ihr ist es notwendig.
Vorlage S. 99
314
Leben Sie wohl!
Vorlage S. 99
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Elise an Sophie
Vorlage S. 100
316
Nein, ich schelte, ich urtheile nicht über Sie. Es ist zu viel Wehmuth in mir, um der Galle Raum zu geben! Könnte ich es bis zum Unwillen bringen, ich wäre einer großen Last überhoben! Der Kummer schwächt mich. Ich habe ungern mit ihm zu schaffen.
Vorlage S. 100
317
Mein Gott! wie hängt Eines am Andern! Ich dachte es gleich, als Sie abreisten. Es war der erste Riss in dem sanften, beruhigenden Gewohnheitsleben. Ich dachte es gleich, dabei bleibt es nicht!
Vorlage S. 100
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Solche Erschütterungen machen gewöhnlich einen Abschnitt in den Verhältnissen. Die unterbrochene Zeit scheidet sich in zwei Stücke. Das erste ist durchlebt, es liegt hinter uns. Von dem, was kommen wird, wissen wir nichts. Aber haben Sie schon gesehen, dass ein geschürzter Faden keine Spur des Knotens zurückließe? Geben Sie Acht, an dem Absatz oder Höcker im Gewebe geht viel, viel von der bisherigen Uebereinstimmung verloren.
Vorlage S. 100
319
Sie haben eine seltene Gabe, sich Ihren Freunden unentbehrlich zu machen! Es ist eine Leere um mich entstanden, die der ganzen Gegend die unfreundlichste Kälte giebt. Ich weiß nicht, wo ich mit mir selber hin soll. Werden Sie es glauben? Die Zeit wird mir lang! Und das ist mir so neu, so unbequem, dass ich, aus Schaam und Mitleid mit mir selbst, weine.
Vorlage S. 100
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Kennen Sie wohl die Stimmung, wo Einem Muße und Beschäftigung, beide gleich lästig sind. Ich kenne und verabscheue sie, und doch werde ich sie nicht los.
Vorlage S. 101
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Es ist nicht allein die Trennung von Ihnen, die mich so abspannt; weit eher ist es Ihr Brief. Sie rollen in diesem ein Blatt Ihres Innern auf, und lassen mich gleichwohl nichts anders als den räthselhaften Titel eines langen Romans lesen. Ich weiß es jetzt gewiss, Sophie, eine tiefe, noch jetzt fortdauernde Leidenschaft brachte Sie in die Mauern Ihres Stiftes. Die Gräfin gab längst etwas Aehnliches zu verstehen, und ihre Schuld ist es auch wahrhaftig nicht, wenn ich den Gegenstand nicht kenne. Ich gestehe Ihnen, es war nicht sowohl Bescheidenheit, als unüberwindliche Scheu, was mich ihre Mittheilungen vermeiden ließ. Von Ihnen konnte ich nur durch Sie selbst hören. Solche verstimmte Bruchstücke aus der Geschichte eines Herzens sind mir immer ein Gräuel gewesen.
Vorlage S. 101
322
Die Gräfin lachte mich aus. Sie glaubte mich von allem unterrichtet, und behauptete, ich spiele die Unwissende aus Verschwiegenheit. Ich gab das weder zu, noch bestritt ich ihre Meinung. »Gehen Sie, kleine listige Katze,« rief sie mir mit dem aufgehobenen Finger drohend, »Sie haben sich neulich bei dem Besuch des Comthur verrathen.« – Ich sah sie überrascht an. Das Blut trat mir, mit einem plötzlich aufschliessenden Gedanken, in die Wangen. Die Gräfin bemerkte es nicht sobald, als sie auf meine verwunderte Frage: »bei dem Besuche des Comthur?« vor Entzücken, mich ertappt zu haben, laut jubelte, sich abwandt, und mich stehen ließ.
Vorlage S. 101
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Sophie! auch Ihnen möchte ich wiederholen: »bei dem Besuche des Comthur.« Weshalb erwähnen Sie in Ihrem Briefe gar nichts von allem, was der meinige enthielt? Warum schweigen Sie jetzt bei dem Namen eines Mannes, den Sie vertheidigten, wenn ich ihn angriff, ohne ihn zu kennen?
Vorlage S. 102
324
Es ist überall solch schwankendes Andeuten, jene unselige Allgemeinheit der Gefühle, die mich immer ungeduldig macht, in dem, was Sie sagen und verschweigen, dass ich schon deshalb nicht anders als unbefriedigt, geängstet und mißmuthig sein kann.
Vorlage S. 102
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Georg ist ein Engel! Er saß mir gegenüber, als ich schrieb, und schnitzte sein hölzernes Pferdchen aus einer Fliedergerte zurecht. Ich hatte die Feder in der Hand, und heftete, wie ich es öfter thue, den Blick auf irgend einen Gegenstand meiner Gedanken. »Warum schreibst Du denn nicht?« fragte er, während er Ruthe und Messer sinken ließ, und mich klug und prüfend ansah. »Vater schreibt immer, wenn er einmal dabei ist,« fuhr er nachsinnend fort. Ich lächelte. Er sprang mir schnell auf den Schooß, schlang beide Arme heftig und fest um meinen Hals, und fing an zu weinen. »Sei nicht so traurig!« schluchzte er, »Du siehst so traurig aus, warum lachst Du denn nicht? Lache doch! bitte, lache doch!« rief er immer dringender. Ich war fast erschrocken. Wie hat das kleine Seelchen so schnell und ahndungsvoll das Gegenbild der meinigen aufgefaßt! Denken Sie doch, Sophie! ich sah ihn ja freundlich an, als er zu mir sprach. Und doch! und doch! Wie anders liest der Knabe in meinen Blicken als – Doch genug! er wenigstens wird mich verstehen, und hierin ist unendlicher Trost.
Vorlage S. 103
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Ich komme von des Amtmanns Gut, und habe dort ein Paar angenehme Stunden zugebracht.
Vorlage S. 103
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Georg war einmal aus seinem Spiel heraus. Die Thränen der Kinder sind an manchen Tagen schneller erregt, als gestillt. Der Rührung folgte Unwillen, und ich musste nun ein Uebriges tun, um ihn aufzuheitern. Die Weintrauben drüben am Spalier, dachte ich, werden ihn wohl auf andere Gedanken bringen.
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Ich gab ihm die Hand, nahm das schlanke Pferdchen in die andere, so gingen wir beide, immer noch ein wenig verstimmt, bis an das grüne Gitterthor mit den weißen Spitzen. Es war offen. Die Kinder des Amtmanns fuhren auf einem kleinen Wagen, den ein geduldiger Esel zog. Körbe mit abgeschnittenen Trauben standen darauf. Der Weg ging nach dem Winzerhause, unten am Berge. Georg riss sich sogleich von mir los, und fort ging es mit ihm und den Andern in einem Trabe. Ich blieb stehen, während ich ihm, nicht ohne Besorgniß, nachsah, und dem Aeltesten der Knaben zurief, achtsam auf die Kleinern zu sein. »Fürchten Sie nichts, gnädige Frau!« sagte eine angenehme Stimme hinter mir, »der Wilhelm ist verständig für seine Jahre, man darf ihm trauen.« Ich wandte mich um. Eine kleine, feine Matrone, in einem grauen Röckchen und schwarzem Shwal, stand einige Schritte von der Geisblattlaube, aus der sie nun so eben herausgetreten sein mochte. Sie hielt die schmale Hand schirmend gegen die Stirne, und sah unter dem breiten, herausgerollten Strich ihrer Haube klug und achtsam auf das Treiben der Kinder, verbeugte sich indeß sogleich sehr artig, als sie meinem Blick begegnete. Ich eilte auf sie zu. Wir begrüßten einander. Ihr weißes, sanftes Gesichtchen flößte mir Vertrauen ein. »Wäre Ihnen nicht gefällig,« sagte sie, mir den Platz auf ihrem gepolsterten Armstuhl anbietend, während sie ein hölzernes Schemelchen für sich heranzog. Nichts in der Welt hätte mich dazu vermocht, ihr den bequemen Sessel, der ganz zu ihr gehörte, und in welchem sie sich auch nachher vortrefflich ausnahm, zu rauben. »Bewahre! Bewahre!« rief ich, und kam jeder Einrede dadurch zuvor, dass ich ohne Weiteres das Schemelchen in Besitz nahm. Sie erröthete verschämt, knixte, und wiederholte fast ängstlich: »Darf ich nicht bitten?« Doch es blieb dabei, und wir saßen einander bald an einem Tischchen gegenüber, das mit glänzender grüner Wachsleinwand überzogen, von einer weißen Leiste eingefaßt, so fleckenlos und sauber, wie sie selbst, vor ihr stand. Ein Korb mit Spielzeug und einem Strickstrumpfe, neben diesem ein Deckelglas, dessen klares Wasser eine feine Rinde Brod färbte, war alles, was sich darauf befand. Wir waren einander fremd. Es entstand eine Pause. Sie wusste noch nicht sogleich, wen sie sich vorstellen sollte. Ich dachte hieran nicht. Mir fiel die Luft des Gärtchens, die vielen Herbstblumen, und die abgeblätterten, gebräunten Sterne der weißen und rothen Rosen, an den hohen Stöcken, aufs Herz. Seit dem Tode der Amtmännin war ich heute zum erstenmale hier. Als wir zuletzt in der Laube saßen, blühten die Büsche so voll und prächtig. Sie schnitt mir, zum Abschied, mit großer Emsigkeit, einen Straus der schönsten Rosen ab. Es waren ganz purpurfarbene darunter. Ich verglich diese noch mit ihren Lippen, die sich lächelnd theilten, und um so frischer gegen die weißen Zähne abstachen. Gute, gute, hübsche Frau! dachte ich, wie schnell ist dein junger Morgen durch eine lange, finstere Nacht verhüllt worden.
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Mein graues Mütterchen wandte in diesem Augenblicke den Kopf über die Schulter, und sagte, heiter zurücksehend, mit herzlichem Lächeln: »Komm nur immer hervor, Annchen! die gnädige Frau tut dir nichts.«
Vorlage S. 106
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Ich bemerkte erst jetzt das allerliebste Kind, das ganz in die Zweige hinein gekrochen, dennoch den Kopf neugierig zwischen den Blättern hervor steckte.
Vorlage S. 107
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Ich nickte ihr verstohlen zu, winkte ihr hervor, und ließ Ringe und Armbänder in der Sonne glänzen, um sie anzuziehen. Sie kicherte heimlich mit abgewandtem Gesicht, wollte lange von nichts wissen, plötzlich stand sie neben mir, und spielte mit den angebotenen Schätzen. Ich fasste sie unters Kinn, sah ihr in die scheuen Augen. »Wie gleicht sie der Mutter!« rief ich überrascht. »Finden Sie das auch?« entgegnete meine Nachbarin, in einem leisen, von Rührung gedämpften Tone, der mir ein gepresstes Herz verrieth. Mir drängten sich die Thränen herauf. Ich nickte bejahend. Sie wischte, fast unmerklich, ihre feucht werdenden Augen, und die andere Hand auf den Kopf der Kleinen legend, sagte sie: »Ja, mein Sohn hat einen unersetzlichen Verlust erlitten, aber die armen Kinder sind doch weit übler daran.«
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Ich wusste jetzt, wer sie war, und erwiederte: »freilich wohl, aber es bleibt ihnen doch die Großmutter.« »Ach, was will das sagen!« wandte sie kopfschüttelnd ein. »Mangelt es ihnen auch nicht an Pflege, und liebe ich sie vielleicht nur zu sehr, es artet sich doch alles anders. Der Muth, der jugendliche Sinn fehlt, dem sich die Kinder näher verwandt fühlen. Wir Alten sind ängstlich, wir peinigen durch stete Vorsicht, und glauben die Gefahr abzuwenden, wenn wir sie scheuen. Eine Mutter hegt besseres Vertrauen, und ist meist immer beglückt durch den Erfolg; überhaupt, was soll den Waisen die Mutter ersetzen!« seufzte sie, in den Anblick der kleinen Anna verloren. Ich fühlte, dass sie wahr spreche. Mir schlug das Herz heftiger, als rege sich, um Georgs willen, die Furcht vor dem Tode in mir. Aber es war dies auch wohl nicht! Ich weiß nicht, welche Bangigkeit mich befiel. Der kleine, wilde Trupp stürmte hier wieder in den Garten herein. Mit den stillen Nachgedanken hatte es nun ein Ende. Den Knaben war es nicht anzumerken, dass sie irgend etwas in der Welt vermissten, und Georg sah auch nicht aus, als ahne ihm nahes Unglück. Gleichwohl fand ich die Ersteren roher, und nichtachtender in Worten und Gebehrden, wie ehemals.
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Ich verstand, was die Großmutter vorher sagte. Sie kann sie nicht begleiten in ihrem Sinn, sie steht ihnen zu fern, und darum fahren sie flüchtig und unbekümmert über sie weg. Es war ein anderes Wesen in der Familie. Ich ward lebhaft davon ergriffen. Es schien mir, wie nach einer Feuersbrunst. Man bauet sich wohl wieder auf, aber die Erinnerungen liegen unter der Asche begraben. Die verständige alte Frau fühlte vielleicht etwas Aehnliches. »Solche Veränderungen,« hob sie gleichsam entschuldigend an, »lassen immer zerstörende Spuren zurück. Mein Sohn ist auch nicht mehr derselbe. Sein Haus ist verödet. Er hält nicht lange darin aus. Es ist nicht gut,« setzte sie bekümmert hinzu. »Die Wirthschaft stockt. Die wilden Jungen bleiben sich selbst überlassen, und am Ende fällt doch die Last der schlimmen Folgen auf seine Schultern zurück.« Ich konnte hierzu nichts sagen. »Das macht,« fuhr sie fort, »er hat die Frau zu sehr geliebt. Seit der frühesten Jugend lag ihm nichts, als ihr Besitz im Sinne. Wir waren Nachbarn des Hofpredigers in der Stadt. Mein Mann stand im Dienste des Fürsten. Dieser beschützte ihn und seine Kinder. Er wollte glückliche Menschen aus ihnen machen, darum gab er dem Aeltesten späterhin das Amt hier, das seinen Mann nährt, und eine Frau obendrein, um die es dem leidenschaftlichen Jünglinge hauptsächlich zu tun war. Alles fügte sich wie von selbst. Zufriedenheit und Wohlstand zogen mit dem jungen Paare ein.« Sie schwieg einige Sekunden. Ihr Blick lag am Boden. Als sie wieder aufsah, rollten Thränen über ihr Gesicht. »So schnell,« sagte sie, »folgt Nacht auf Tag. Ist die Sonne eines Hauses untergegangen, so wird es dunkel und verworren im Innern.«
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»Ja,« entgegnete ich, »das Glück ist nur ein Gast auf Erden.« »Oder,« bemerkte sie lächelnd, »ein Bote,« gnädige Frau, »der die Gäste einladen soll.« Die Worte fielen mir auf. Ich sann mehrere Augen blicke darüber nach. Sie fügte nichts weiter hinzu. Vielleicht dachten wir beide etwas ganz Verschiedenes dabei. Mir ist immer das Glück eine Aufforderung zu größerer Klarheit, zu freierem und erhöhetem Aufschwung der Gedanken gewesen. Der Geist scheint dadurch Flügel zu bekommen. Ich verliere mich in Dank und Anbetung. In dem Sinne ergeht wirklich eine Botschaft an mich, die ich, doppelt froh, willkommen heiße. Allein, dem flüchtigen Gruß des himmlischen folgt Abschied und Trauer, wie aller Glanz die Dunkelheit noch dunkler macht.
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Ich empfand in meiner Welt, Sophie. Die gute, kleine Alte deutete offenbar nach einer andern hin, die mir ein so erhabenes Geheimnis ist, dass ich dem Spiel der Vorstellungen und Begriffe hierüber niemals Raum gebe. Doch rührte mich ihr Auge und der Ausdruck stiller Zuversicht in den gelassenen Mienen. Sie ward auch wieder heiter, spielte mit der kleinen Anna, und als sie unsern Freund Walter am Gitterthor gewahr ward, stand sie geschäftig auf, fragte nach diesem und jenem, und zögerte sichtlich nur aus Rücksicht für mich, ihn eintreten zu lassen. Ich kam ihrer Unsicherheit zu Hülfe, indem ich den Handelsmann, der, mit geforderten Waaren versehen, hierher bestellt war, aufs Beste begrüßte, worauf er denn auch unverzüglich näher kam. Er packte Kisten und Kästchen aus, wir beschauten seine Schätze. Er lobte und pries sie an. Wir ließen uns dabei die Neuigkeiten des Tages erzählen. Urteilen Sie, ob ich nicht ganz Ohr war, als er anhub: »Diesen Morgen trug sich ein Unglück mit dem großen Marktschiffe zu. Es schlug um. Ein junges Weib mit zwei Kindern stürzte in die Fluth. Der Strudel unterhalb dem Wehr riss sie fort, ehe ihnen Hülfe werden konnte.«
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»Gott! mein Gott!« rief ich, entsetzt aufspringend, »so sind sie rettungslos umgekommen?« »Sie wären es,« entgegnete Walter mit Nachdruck, »wenn nicht die Tollkühnheit eines Fremden, der sich am Strande zeigte, als das Schiff abfahren wollte, Eins nach dem Andern dem Verderben entriss.« »Ein Fremder?« versetzte ich, seinen Arm mit unruhiger Neugier fassend! Er sah mich groß an. »Ja wohl,« erwiederte er, »oder wissen Sie, wer der Mann war?« Ich schüttelte den Kopf, ohnerachtet mir es innerlich vorkam, als müsse ich ihn kennen. »Die Leute,« fuhr Walter lächelnd fort, »wollen wohl sagen, es sei der junge Herr von der Burg gewesen. Mehrere versichern, ihn erkannt zu haben. Aber Niemand weiß es gewiss. Denn schnell wie der Blitz, hatte er die lästigen Kleider abgeworfen, und hinein sprang er, ins Wasser bis an's Kinn, ehe sich diejenigen, welche herzuliefen und eine Strecke davon, mit den andern Verunglückten zu tun hatten, noch besinnen konnten.«
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»Was ward denn nun aber aus der Frau und ihren Kindern?« unterbrach ihn des Amtmanns Mutter. Walter entgegnete gelassen, indem er seinen Kram auslegte: »O mit denen hatte es nachher keine Noth. Wie sie ihr Retter ans Land gebracht hatte, so sorgte er denn auch für das Uebrige.
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Ehe das kleine Häufchen noch das Vorgefallene fassen konnte, saßen alle drei schon in warmen Kleidern, bei hellem Feuer droben in einer der Lachsfängerhütten, eine gute Suppe kochte lustig vor ihren Augen, sie hatten, was sie brauchten, der, welchem sie es verdankten, war über alle Berge.«
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Sophie, mir klopfte das Herz vor Freude und Ungeduld. Nichts Erhebenderes, als eine kühne und anspruchlose That! Meine kleine Alte forschte indeß umständlich nach dem Hergange der Sache. Walter wusste nur im Allgemeinen hierüber Auskunft zu geben. Der Schiffsraum, meinte er, sei schon überfüllt gewesen; zuletzt, als die Frau mit den Kindern hereintrat, wären Alle, am meisten der Schiffer, unwillig geworden. Scheltend und brummend stieß er vom Ufer ab. Sein Gesicht weissagte nichts Gutes. Wir verstanden hierbei nur nicht, weshalb man die Frau einließ, wenn Gefahr dabei war?
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»Wie es wohl so in der Welt kommt!« sagte Walter, den Kopf nachläßig aufwerfend. »Es muss sich denn immer alles gerade so fügen, wie es sein soll.«
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Bewundern Sie nicht, liebe Sophie, dass dieselbe unabänderliche Notwendigkeit zu allen Zeiten, bei allen Völkern, in jeder Glaubenslehre vorherrscht? Die Einen nennen es Geschick oder Verhängnis, was den Andern das gewaltige Schicksal ist. Wir wechseln die Worte, der Begriff ist derselbe!
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Ich hatte nicht lange Zeit, hierüber nachzugrübeln. Der Amtmann kam von einem Ritt über Feld zurück und meldete mir, dass mehrere Herren und Damen bei mir angefahren seien.
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Ich brach sogleich auf, doch hörte ich noch die Begebenheit mit dem Marktschiff und der Rettung der Verunglückten vom Amtmann bestätigen. Er fügte hinzu, das Fahrzeug sei schon losgebunden gewesen und habe bereits über seine Anzahl Passagiere geladen, als jenes junge Weib athemlos, ein Kind auf dem Arme, das andere bei der Hand, gelaufen kam, und mit dem Ton verzweiflungsvoller Angst den Schiffer anflehte, sie aufzunehmen.
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Ihr Mann, schluchzte sie, sei bei einem Bau in der Stadt als Zimmergeselle angestellt, und dort von einer tödtlichen Krankheit befallen worden. Erst in diesem Augenblicke komme ihr die Kunde hiervon; sie wisse sich nicht vor Angst zu fassen, und bitte und beschwöre die Männer im Kahn, wenn sie ein menschliches Herz in der Brust trügen, sie nicht zurückzuweisen. Die hastige Zuversicht, mit der sie sich während dem anschickte, das Fahrzeug zu besteigen, der Schmerz in ihren Zügen, das Schneidende einer gepressten und doch gewissermaßen um Hülfe schreienden Stimme, überraschte die Besonnenheit der Schiffer. Sie ließen es geschehen, dass Jene im Schiffe Platz nahm. Ward nun dieses wirklich hierdurch aus dem Gleichgewicht gebracht, oder ist das Geschehene einem andern Umstande zuzuschreiben? genug der Erfolg war, wie ihn Walter zuerst berichtete. Die leidenschaftliche Heftigkeit, mit welcher die Frau ihre Kinder ergriff und sie zu retten strebte, riss sie wahrscheinlich zuerst dem Verderben entgegen! Sie soll sogleich über Bord gestürzt sein. Ihr Angstgeschrei: »Herr Jesus hilf!« ward noch gehört, als man sie schon nicht mehr sah. Doch in demselben Augenblick sprang ein Mann in Jagdkleidung hinter niederm Buschwerk am Ufer hervor, und wie er die Verunglückten errettete? und wer er war? darüber blieb keinem unter allen Augenzeugen ein Zweifel.
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Voll von den Vorstellungen, die sich an das erschütternde Ereignis reiheten, ging ich jetzt nach Hause, fest überzeugt, meine Gäste könnten Niemand anders als der Comthur und seine jungen Anverwandten sein. Mir schlug das Herz unwillkührlich vor innerer Bewegung. Nennen Sie es Neugierde, Sophie, oder Theilnahme, ich weiß nicht, welcher von beiden Regungen meine Ungeduld angehörte, allein ich ging so schnell, dass mich Georg selbst aufmerksam ma chen musste, wie schwer es ihm werde, mir zu folgen. Ich erschrack über die unzeitige Eile. Doch urtheilen Sie, wie doppelt beschämt ich war, als ich im Hofe Curds wunderliches Cabriolet mit den zwei hintereinander gespannten Pferden und neben diesem, die Equipage der Gräfin erblickte. »Sie also sind es, die mich erwarten!« sagte ich kleinlaut, und ging die Anhöhe hinauf. Agathe und Rosalie hatten mich schon von weitem kommen sehen. Sie flogen mir entgegen. Beide redeten zugleich. Sie waren voll von irgend einer Neuigkeit, und brannten vor Ungeduld, mich in aller Eile durch Gruß und Umarmung in soweit abzufertigen, dass sie erzählen konnten, und ich hören musste. So hing sich mir dann jede an einen Arm. Wir eilten dem Vorsaal zu, während beide mir sagten: »Wir haben die junge Emma, im Vorbeifahren, am Gitter des Thiergartens stehen sehen! Sie glauben nicht, wie sie uns in dem Grün, unter den hohen Bäumen, überraschte! Eine Hirschkuh mit zwei allerliebsten Kälbchen stand vor ihr. Sie hielt ihnen Blätter, die sie aus einem Korbe nahm, ohne alle Furcht entgegen; die Hand schien allerliebst! Ein Jäger mit einem Waldhorn stand neben ihr. Er war groß, und sah vornehm aus. Mama behauptete, es sei der Graf selbst gewesen. Wir grüßten, die Gräfin dankte etwas fremd, doch mit vielem Anstande. Ihrer Haltung sieht man es gleich an, dass sie bei Hofe erzogen ist.« »Sie hatte ein schwarzes Kleid an,« fiel Rosalie ein, »mit langen, weiten Aermeln, ich wette, es war ihr Reisekleid, und in Wien gearbeitet. Es hatte ganz den Schnitt, die Taille so sehr lang, die krausen Falten nach unten so breit ausfallend. Es saß allerliebst!«
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Mit diesen Worten traten wir in den Salon. Die Mutter verwies es den Töchtern, mich mit ihrem Geschwätz aufgehalten zu haben, indem sie auf ihre höfliche Weise hinzusetzte, dass sie mit jeder Minute geize, die sie meiner Unterhaltung abstehlen könne. »Aber ich weiß schon,« fuhr sie fort, »Sie sind auch ein Bischen neugierig auf unsere neue Nachbarin; es macht Ihnen Spaß, von ihr zu hören, und wirklich lässt ihr erstes Erscheinen einen recht bizarren Eindruck zurück. Die junge Person nahm sich ordentlich pitoresk unter den uralten Bäumen aus. Es ist etwas Dunkles und Fremdes in ihrem Gesichte. Sie hatte den Hut, im Schatten der Bäume, aus den Augen gerückt. Ihr Teint erinnert an den feinen, bräunlichen Farbenton der Italiener. Auch ist das Haar ganz schwarz. Sie trägt es gescheitelt, wodurch das allerliebste Oval des kleinen Gesichtchens sehr vortheilhaft bezeichnet wird.«
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»Mein Gott!« lachte ich unwillkührlich, »Sie haben mit dem vorüberfliegenden Blick die ganze Person aufgefaßt! Sie steht, wie sie lebt und webt, vor mir.« – »Wahrhaftig!« entgegnete die Gräfin geschmeichelt; nun, ich bin auch nicht gerade vorüber geflogen. Unter uns gestanden, ich wusste, dass die jungen Leute gestern angekommen waren, und da ich mich immer, was man auch gegen den Comthur sagen mag, für ihn interessire, so fühlte ich mich gespannt auf die Bekanntschaft seiner Hausgenossen. Ich ging deshalb den Thalweg, der an die Burg hinführt, überzeugt, bei dem schönen Wetter die Gesellschaft im Park zu finden. Wie Sie sahen, ist mir meine kleine List gelungen!« lächelte sie selbstzufrieden.
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Ich lächelte auch über die Naivetät, mit der die gute Frau den Zweck ihres Besuches aussprach. Sie war indeß so voll von dem einen Gegenstande, dass sie ganz arglos blieb, und wirklich, wie so oft in der Welt, mit offnen Karten spielte, ohne eine Ahndung davon zu haben. Curd flüsterte mir zu, alles dies sei geschehen, um sich sogleich zu überzeugen, ob die hübsche Nachbarin wohl den Sieg über Rosalie und Agathe davon tragen werde? – Der Umstand, dass jener ein glänzender Ruf voranging, habe die Eitelkeit der Mutter und der Töchter erregt. Er sei blos mitgefahren, um alle drei zur Verzweiflung zu bringen, ich möge nun Acht geben, wie ängstlich sie jedes lobende Wort begleiteten, und durch welche Gründe sie sich zu trösten wüssten. Ich war gar nicht geneigt, ihn in so hinterlistigen Plänen zu unterstützen. Im Gegentheile warf ich den Pfeil auf ihn selbst dadurch zurück, dass ich erklärte: er habe seine Begleiterinnen nur deshalb die steinige Straße geführt, weil er hoffte, die Aufmerksamkeit der Dame des Schlosses auf ein so tolles Fuhrwerk zu lenken. – »Sie tun ganz recht,« setzte ich hinzu, »denn seit es keine Originalität des Charakters mehr giebt, reicht es vollkommen aus, die Ordnung umzukehren, damit man bizarr erscheine. Wie witzlose Leute gewöhnlich Worte oder Sätze umdrehen, um die Lacher zu flüchtigem Beifall zu zwingen.«
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»Cousine,« flüsterte Curd halb empfindlich, halb gutmüthig neckend, »ich räche mich, ich kenne auch schon das Werkzeug hierzu. Sein Sie gewiss, Sie büßen den Muthwillen über kurz oder lang.« Und als wolle er sogleich Wort halten, fuhr er dann lauter redend fort: »Wenn Sie mir den Wunsch zutrauen, von einer reizenden Frau beachtet zu werden, so bin ich meiner Seits gewiss, dass Sie nicht gleichgültiger gegen die ächte Originalität eines genialen Sonderlings sein können, der aus dem Schlamme unserer verächtlichen Zeit sehr glücklich auf den Schauplatz der Welt auftaucht. Graf Hugo hat seine Probe diesen Morgen gemacht. Er ist es werth, den Ritterschlag zu empfangen.«
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Mit vielem Pathos erzählte Curd jetzt die Begebenheit mit dem Marktschiff, und schloss den Bericht damit, dass er versicherte, später habe der Graf die Frau und ihre Kinder selbst in einem kleinen Fischerkahn zur Stadt gerudert, und sie dort bis an das Krankenlager des Mannes begleitet.
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Agathe überschrie sich vor Entzücken und Bewunderung. Sie hielt das zierlich gestickte Batisttuch einigemal vor die Augen, und wirklich wurden diese auch feucht. Rosalie lachte sie deshalb eben nicht gar zu rücksichtsvoll aus, doch fand auch sie die Begebenheit einzig und den Grafen sehr interessant.
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Die Mutter horchte lächelnd auf die Aeußerungen der Töchter, dann sich zu mir wendend, flüsterte sie: »die Kleine ist ganz wie ich, das Herz läuft mit dem Kopf davon, ich schwöre Ihnen, ich habe Mühe, mich der Thränen zu enthalten. Es ist wahr, Graf Hugo muss allerliebst sein! Es ist so viel Herz in allem, was er tut, und so erstaunlich viel originelle Energie! Aber ein Bischen bange bin ich doch, dass er zu weit geht in seiner angenommenen Manier. Die Welt vergiebt eher das zu Wenig als das zu Viel. Man wird das Geniale darin seiner beschränkten Beziehung und dem Mangel an Kenntnis der Formen zuschreiben. Und ehrlich gesprochen, ich glaube, dass auch etwas daran ist. Aber ums Himmelswillen, kein lautes Wort hierüber. Sie fühlen wie ich, man muss gewisse Saiten nicht zuerst anschlagen!«
Vorlage S. 121
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Sie hatte sie indeß angeschlagen, und hörbar oder nicht, sie klangen bald hell und schneidend durch einen immer größer werdenden Kreis hinzukommender Gäste hindurch, die der Gräfin auf dem Fuß folgten, und meine kleine Villa zu einem andern Ulmenstein machten.
Vorlage S. 121
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Curd wiederholte bis zum Ertödten aller Anwesenden Hugo's Abentheuer. Sichtlich gefiel er sich, das Urteil eines Jeden herauszufordern.
Vorlage S. 122
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Man wünschte dem Grafen Glück, mit einer poetischen Farce aufgetreten zu sein; schmeckte diese gleich nach veralteten Romanen, so gab sie doch Veranlassung, von sich sprechen zu machen. Es ward wirklich viel gesprochen. Ich aber konnte kein einziges Wort finden. Es war nichts in mir, was sich an diese Fäden anknüpfen ließ. Das Schlimmste dabei ist, dass auch ich über den Menschen selbst Anfangs confus geworden bin. Mein früheres Bild von ihm ist mir verwischt. Unwillkührlich schlüpft so etwas von provinzieller Abentheuerlichkeit in meine Vorstellung hinein. Ich will das weg haben. Ich bin ärgerlich, und komme nicht mit mir zurecht.
Vorlage S. 122
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Nun, ich werde ja selbst sehen und urtheilen! Sie fühlen aber auch aus allem dem, welche Aufgabe Ihre Schützlinge hier zu lösen haben. Ich wünsche, dass es Ihnen damit glücken möge.
Vorlage S. 122
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Leben Sie wohl, Sophie! und glückliche Reise! Ich bin betrübt und verstimmt, ich verlasse Sie, um nicht noch trüber zu werden.
Vorlage S. 122
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Heinrich an Hugo
Vorlage S. 123
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Man glaubt immer, man könne einem Andern etwas Wichtiges, für ihn selbst Bedeutendes, sagen. Es ist eine Täuschung. Entweder weiß er es schon, oder er hört es nicht. Das innere Ohr ist eine Sensitive. Es verschließt sich, so wie man ihm nahe kommt.
Vorlage S. 123
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Ich hatte mir in der vergangenen Nacht, die ich schlaflos zubrachte, vielerlei ersonnen, was ich Dir mittheilen zu müssen glaubte. Nun es dazu kommt, lasse ich es lieber. Dir hilft es nichts, und mich verleitet es vielleicht zu einer Uebereilung.
Vorlage S. 123
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Hugo! wir verstehen uns ohne Worte. Aber ich fürchte, es kommt für Dich, wie für mich, wenig dabei heraus. In der Hauptsache macht es uns beide nicht klüger; denn bis auf einen gewissen Punkt bleibt der Mensch dem Menschen immer ein Räthsel. Die Alten kehrten das Inwendige nach Außen. Das schöne Ungeheuer, die Sphinx, war selbst das Symbol ihrer unaufgelösten Aufgabe. Der Kopf wickelt sich wohl heraus aus der Hölle der Nacht, aber bis der Leib aufsteht, und sich nach eignen Gesetzen bewegt, bis der Gedanke ein Dasein hat, da müssen die Zeiten ihren Kreislauf vollenden, und die gebundenen Gebeine des Oedipus erst frei werden!
Vorlage S. 123
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Du bist gefesselt, Hugo, was klagst Du mehr, als ein Anderer?
Vorlage S. 124
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Im Grunde warst Du doch auch nicht mit Deiner frühern Stellung zufrieden. Hättest Du Dir genügen lassen an dem Besitz der Idee, wäre Dir das Eigenthum höherer Freiheit über alles lieb gewesen, und könntest Du Deinen ganzen Stolz darin finden, über die Köpfe eines leeren und flachen Geschlechts hinweg, mit den Flügeln des Geistes, die Nebel um Dich her zu zertheilen, Du lebtest freier. Doch, Dir spukt das vornehme Wesen und die Gespenster aus der Nacht alter Vorurtheile auch noch im Blute, Du bist auch erst mit halbem Leibe heraus. Trage, was Du nicht los werden kannst. Du wirst es lernen! Am Ende versöhnst Du Dich doch wohl noch mit der neuen Weise.
Vorlage S. 124
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Die Ungleichheiten des Lebens verebnen sich eher, wenn es etwas giebt, die Zwischenräume auszufüllen, und Glanz, Reichthum, Ansehen und Bequemlichkeit ändern Vieles.
Vorlage S. 124
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Wenn Du ein gewöhnlicher, nichtiger, schlaffer Alltagsmensch würdest! Unmöglich! So beschwichtigt sich der heiße Durst der Seele nicht. Die Welt gießt wohl Wasser in die Flamme, aber, wo das Oel aus dem Mark und Saft des Innern quillt, da belebt sich die Gluth durch sich selbst.
Vorlage S. 125
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Ich erinnere mich jetzt oft einer Aeusserung von Dir. Du warst noch sehr jung. Wir standen im Begriff, die Akademie zu verlassen. Die Pläne Deines Vaters, im Betreff Deiner militärischen Laufbahn, wollten Dir nicht einleuchten. Du hattest den Gedanken, in einem andern Welttheile zu suchen, was Du hier nicht zu finden glaubtest. Wir lasen gerade Le Vaillant's Reisen in Afrika. Dich stachelte der Trieb, das geheimnißvolle Herz dieses fremdgebliebenen Stückes Erde zu durchdringen. Es entstanden Dir, wie jedem Jünglinge, über alles, was er nicht kennt, phantastische Bilder. Tritt dergleichen erst in die Anschauung, so hat es auch Leben und Wirklichkeit. Man ist davon überzeugt, und will es auch Andern beweisen. Deinen Reiseprojecten fehlte nichts als die Ausführung. Ich setzte Dir alles das entgegen, was auf Verhältnisse einer abhängigen Lage Bezug hat. Du gingst schweigend im Zimmer auf und ab. Nach einer langen Pause bliebst Du vor mir stehen, in einer Hand das Buch haltend, worin wir gelesen, legtest Du die andere auf meinen Arm, indem Du noch in Nachsinnen vertieft, ausriefst: »Ich will Dir etwas sagen, entweder man hat einen Zweck oder man hat keinen.
Vorlage S. 125
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Im letzten Falle lässt man sich beherrschen, im ersten bedeuten die angelegten Ketten wenig.
Vorlage S. 126
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Conventionelle Verträge sind eben auch nur conventionell. Sie sind etwas, insofern sie einer Idee entsprechen; geht diese über sie hinaus, so zerfallen sie in sich selbst. Deshalb, wie unbeweglich der behende Wettläufer auch dasteht, bis das erwartete Zeichen gegeben wird, der Fuß ist schon gehoben, das Auge fasst sein Ziel, und er mißt in schneller Berechnung Raum und Kraft gegen einander ab. Jetzt erschallt der Ruf. Im Fluge ist die Ferne durchmessen, die einen Augenblick zuvor unabsehbar schien. Glaube mir, der Mensch wurzelt nur da fest, wo ihn Trägheit bindet, oder Mangel eigner Kraft zum Nachgeben an eine fremde, überwiegende zwingt. Der Erdenfleck, wo er steht, verschlägt hierzu nichts.«
Vorlage S. 126
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Diese Worte, Hugo, sind mir unvergesslich geblieben, nicht sowohl ihrer Bedeutung wegen, denn in diesen Jahren nimmt man es damit nicht so genau, und vieles klingt nur, weil es schallt, allein Dein Gesicht, Deine Gestalt machte in dem Augenblick einen besondern Eindruck auf mich. Die Augen flammten Dir, Deine Stirn glänzte, um die Lippen spielte ein geistig Lächeln, Du schienst mir größer; ich glaubte, der Boden trüge Dich nicht mehr, und sah Dich schon in Gedanken in weiter Ferne, über die Berge, den Strom und das ganze Festland wegfliegen. Nun bist Du doch wohl eingewurzelt. Die Zeit hat Dir, wie manchen andern Freiheitskindern, die Flügel beschnitten. Dir ahndet selbst so etwas. Der Ton Deiner Briefe ist melancholisch. Du hattest immer einen gewissen Hang zu dieser Richtung der Empfindungen, die, wie alle Blüthen eines schönen Frühlings, die Köpfe neigen, wenn der hohe Sommer heraufzieht. Bei Dir stand die Sonne schon sehr frühe in ihrem Culminationspunkte. Sonderbar! der kalte Norden drängt die Uebergangsperioden alljährlicher Entwickelung fast in einen Zeitmoment zusammen. Wäre auch in Dir mehr Gluth als Wärme, und der Winter Dir nahe, wenn Du noch Rosen zu brechen gedenkst?
Vorlage S. 127
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Es waltet eine gewisse, laue Ergebung in Allem, was Du sagst, die mich ängstigt. Sie erinnert eben nicht tröstlich an das Senken der Flügel, ehe man weiß, dass diese gebrochen sind. Lieber Hugo! Dir steht eine fatale Zwischenzeit bevor, und wohin Dich diese auch führe, ohne harte Kämpfe kann das nicht abgehen. Rüste Dich immer im Stillen dazu. Ueber Eins bin ich nur unsicher geworden. Hattest Du jemals einen eigenthümlichen Lebenszweck? und warst Du völlig im Klaren darüber? Sage mir das aufrichtig in Deinem nächsten Briefe. Das Maaß der Deutlichkeit unserer Vorstellungen hierüber bestimmt wohl zumeist das Notwendige oder Zufällige einer Richtung.
Vorlage S. 128
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Ich bin begierig auf Deine Antwort, lieber Hugo. Lebe bis dahin recht glücklich. Ganz der Deinige.
Vorlage S. 128
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Emma an einen Geistlichen
Vorlage S. 128
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Wenn ich aus Gründen, die Sie, theuerster Lehrer, heller durchschauen, als ich sie angeben darf, in den Briefen an meine Mutter nur allgemeine Umrisse der verflossenen Tage, der neuen Verhältnisse, der Personen, welche diese bilden, hinwerfe, so will ich Ihnen in dem Allen mich selbst mit meinen innigsten Gefühlen, mit meinen geheimsten Gedanken ungetheilt geben. Sie sollen niemals aufhören, mich in jedem Zuge der Seele, in den bangen Regungen, wie in der stillen, sichern Befriedigung des empfundenen Daseins zu begleiten. Durch Sie will ich mich und Andere verstehen lernen.
Vorlage S. 128
374
Lieber, väterlicher, verehrter Freund! es ist nicht alles mehr so einig in mir wie sonst. Jeder Schritt vorwärts in das Leben hinein öffnet neue Ansichten, theilt den Blick, vervielfältigt die Eindrücke. Ich werde nicht irren, aber vielleicht unbillig sein, und hierüber bin ich ängstlich.
Vorlage S. 129
375
Erschrecken Sie nicht. Es ist nichts vorgefallen, es hat sich nichts verändert, ich, ich allein muss anders geworden sein!
Vorlage S. 129
376
Das Leben hört auf, dasselbe zu bleiben, seit die leichten Umrisse sich plötzlich körperlich gestalten, die Dinge zwei Seiten gewannen, ein jedes Dasein für sich, wie im Zusammenhange mit Andern betrachtet sein will. Meine einfache Weise es zu nehmen, passt nicht mehr. Es wird so voll, so laut um mich. Weder die innere noch die äussere Stimme reicht aus, mich meiner Welt verständlich zu machen. Ich werde in dem Maaße sprachloser, als mir die rechten Worte fehlen. In dieser Einsamkeit der Seele quält mich ein entsetzlicher Zweifel. Ich fürchte, nicht im Einverständniß mit Gott gewünscht, gewollt, und in der Gebetserhörung nur eine Prüfung erstürmt zu haben, die um so schwerer zu bestehen sein wird, als sie mich nicht allein trifft.
Vorlage S. 129
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Sehen Sie, das ist es, das ist es hauptsächlich, was mich beugt. Ach Gott! und ich kann mich fast nicht länger täuschen, dass ich unbewusst zwar, doch nicht unschuldig das Geschick des geliebtesten Menschen verwirrt, einen Vorwurf auf sein großes Herz geladen habe! Hugo's kühner Gang wird durch mich gehemmt.
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So kann und darf ich nicht einmal versuchen, seinen Weg zu gehen. Ich erschrecke oft, wenn es mir klar wird, dass er den Kampf allein hätte ausfechten, ich aber im Verborgenen, beschränkt und entsagend, für ihn beten sollen, ohne unser beider Geschick in unklare Beziehung zu einander zu stellen.
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Vielleicht war ich überhaupt nur für das Kloster geboren. In der Dunkelheit entfaltet sich das Geheimnis des Innern am besten.
Vorlage S. 130
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Hier, unter so verschiedenen Menschen, zwischen die entgegengesetztesten Richtungen geschoben, wie kann ich, ohne anzustoßen, mich frei bewegen?
Vorlage S. 131
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Der Comthur, der mir eigentlich eine Stütze sein müsste, verletzt mich durch sichtliche Abgeschlossenheit gegen Hugo. Er misstraut diesem, und scheint auf der Huth gegen Angriffe, welche gleichwohl nie erfolgen. Mich betrachtet er oft bedenklich. Sein ernster, hoher Blick wird dann von unverkennbarer Rührung gemildert, er findet immer ein inniges Wort für mich. Der Ton der Stimme, das Herabbeugen des stolzen Nackens, die stumme Sprache seiner Mienen, alles an ihm athmet in solchem Augenblicke fast unwiderstehliche Wärme, ich glaube, wir verstehen uns dann vollkommen, allein wir gleiten beide über das hinweg. Ich wüsste nicht, wie ich es anfinge, ihm gegenüber gewisse Saiten zu berühren, die nur den Mißton zwischen Oheim und Neffe noch schärfer herausheben würden. Ich fühle ja ohnehin deutlich genug, dass Hugo niemals darin gewilligt haben würde, sich mit dem Urheber so großer Familienstörungen auf eine Weise zu vergleichen, die ihm drückende Verpflichtungen auflegt, wäre es nicht in Bezug auf die Verbindung mit mir geschehen. Auch hierin glaube ich ein Werkzeug höhern Willens zu sein. Mit heimlichem Stolze betrachtete ich mich, als unverkennbare Vermittlerin verjährter, gehässiger Mißverständnisse. Allein auch hier diente ich nur, den stumpf gewordenen Stachel tiefer in die alte Wunde zurückzudrücken. Was vergessen, oder unbeachtet, mit der Zeit seine Schärfe verliert, das wetzt sich an den täglichen, unmerklichen Reibungen so schneidend heraus, dass jede Berührung verwundet. Ich fühle Hugo etwas Aehnliches an. Er wird immer einsilbiger. Auf seinem Gesicht liegen die Schatten unauslöschlicher Schwermuth, selbst wenn er lacht, verdunkelt sich sein Auge, als schelte es die Lippen, dass sie sich so leichtsinnig öffneten.
Vorlage S. 131
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So gehen wir in sehr verschiedener Seelenstimmung neben einander hin. Der Comthur mag wohl denken, die Einsamkeit drücke auf uns. Er sinnt daher auf Veränderung. Wir durchstreifen die Gegend um das Schloß nach allen Richtungen, ohne gleichwohl Bekanntschaft zu machen. Gestern endlich führte er uns bei einer Dame der Nachbarschaft ein. Ich hatte seit meiner Verheirathung wenig von der geselligen Welt gesehen. Mir fiel jetzt Manches auf, woran ich sonst gewöhnt war. Ich kam mir hier sehr einsam vor. Der Abend war auf diese Art ziemlich langweilig hingegangen. Wir saßen noch spät im Freien. Der Mond stand hell am Himmel, sein liebes, ruhiges Licht flimmerte silbern durch die Zweige Ich saß ganz im Schatten, vor mir dehnte sich ein runder Platz, über den die breiten Lichtstreifen ausgegossen lagen. Da sehe ich einen Herrn und eine Dame auf uns zukommen. Die Frau des Hauses wird ihrer nicht sobald gewahr, als sie mit den Worten aufsprang: »Ach! da ist sie ja dennoch! Willkommen, willkommen, liebe Elise.« Meine Aufmerksamkeit wurde sehr natürlich auf diese gerichtet; sie ging mit leichtem, freiem Schritt über den erhellten Rasensitz, ihre Gestalt schwamm im Schein des Mondes, es war, als umfließe sie ein durchsichtiger Glanz. Sie kam mir außerordentlich schön vor, ich betrachtete sie mit großer Ueberraschung, und als sie anfing zu sprechen, klopfte mir das Herz, wie beim Tone unsichtbarer Musik. Wir waren einander jetzt ganz nahe. Unsere Wirthin stellte uns gegenseitig vor. Ich konnte nichts sagen, meine Zunge stockte wie gebunden. Die Fremde blieb unbefangener. In ihrem Benehmen lag die reizendste Sorglosigkeit. Sie sah umher, und schien jemand zu suchen. Hugo stand ihr in demselben Augenblicke zur Seite. Er war durch ihren Anblick eben so sehr überrascht. »Aha!« rief sie aus, als er ihr genannt ward. Beide betrachteten sich aufmerksam. Mich überfiel eine unbegreifliche Angst. Es war, als müsse ich zwischen sie und Hugo treten. Ich konnte mich auch lange nicht wieder finden. Seitdem bekämpfe ich vergebens ein banges Vorgefühl, dass an jener Minute die Wendung meines Erdengeschicks hänge. Ich schelte mich darüber, ich verbanne es als sträflichen Aber glauben, aber ich kann es nicht los werden.
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Später, da wir in die erleuchteten Zimmer des Hauses zurückgingen, der Einfluss geheimnißvoller Dämmerung vor einer bestimmten Klarheit verschwand, die Formen des Herkömmlichen ohnehin den Phantasiespielen ein Ende machten, gerieth ich dem allem ohnerachtet in einen hässlichen Widerspruch mit mir selbst, als jene anziehende Erscheinung mich aufsuchte, fast vertraut mit mir redete, ihre Freundschaft für das Stiftsfräulein erwähnte, sich dadurch in Beziehung zu uns allen setzte, Bekannte und meine Willfährigkeit in Anspruch nahm, solches Entgegenkommen wenigstens in etwas zu beantworten. Werden Sie es glauben? ich fühlte mich zugleich hingerissen und erstaunt. Mein Auge, meine Gedanken, mein Gefühl lag fest, wie gebannt durch einen Zauber, auf dem Ausdruck des schönsten, ja rührendsten Gesichtes, das ich jemals sah. Alles spricht darin, der Blick, das Lächeln, der weiche Ton einer fast durchsichtigen Haut, die wechselnden Mienen, die Harmonie vollkommen gebildeter Züge. Ich sah mehr, als ich hörte. Sie erröthete oftmals wie beschämt über mein stummes Anstarren. Ich besann mich. Wir sprachen seitdem wie Menschen, deren Bekanntschaft durch Anderer Vermittelung vorbereitet ist. Es kam zu Einladungen und Versprechungen baldiger Besuche. Der Comthur zeigte sich galant und liebenswürdig. Hugo trat aus seiner Verschlossenheit hervor. Nie sah ich ihn bereitwilliger die Fäden des Gesprächs aufnehmen, zusammenwerfen, um Gefühle und Anschauungen daraus hervorgehen zu lassen. Elise war bei der Abendtafel seine Nachbarin. Sie weiß mit Anmuth einen leichten Streit geistreich zu führen. Sichtlich wollten beide vor einander glänzen. Sie steigerten sich im Laufe der Unterhaltung bis zu einem Punkt, der wirklich blendende Funken über den ganzen Kreis ausstreute. Der Wettkampf hatte sie, wie durch eine Reihe electrischer Schläge, mit einander in Berührung gebracht. Es lag in ihrem Ton vertraulicher Scherz und Wohlwollen. Sie kannten sich schon von früher. Niemand war Sieger geblieben, aber keinem von beiden war es entgangen, wie viel ein jedes in die Waagschaale zu legen vermochte. Ich hatte mit gelacht, geredet, sie durch Widerspruch gestachelt; doch es war nicht unbewusster Trieb, es war Stolz, Unruhe, Furcht, hier unbedeutend zu erscheinen, die mir Worte gab, mich zur Theilnahme fortriß. Sehen Sie, und nun ist mir das unbehaglichste Gefühl, eine Art Verlegenheit gegen Elise, gegen Hugo, ja gegen die ganze Gesellschaft geblieben, die mich zugleich demüthigt und erkältet.
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Was ist das? Ist es Demuth? Eifersucht? Nicht wahr, ich, ich bin anders geworden. Musste so bald der ruhige Einklang bescheidner Ansprüche an dem Wechselverkehr des Lebens scheitern? Ist es auch denkbar, am Hofe erzogen, bringt eine Abendversammlung auf dem Lande mein Gemüt in Verwirrung. Ich bin entschlossen, mich selbst für so viele Thorheit zu strafen. Noch heute will ich die gefährliche Elise aufsuchen! Es ist doch sonderbar, dass mich das so viel kostet.
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Wie beneide ich jetzt die Menschen, die durch Orden und Gelübde in einer bezeichneten Gränze gehalten, sich selbst treu bleiben! Niemals war es mir begreiflicher, dass man der Welt gern entsagt, um das Gewissen zu retten. Ach! eher ein Glück aufgeben, als es unter Vorwurf und Zweifel halb sein nennen.
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Sie, Sie, mein einziger Vertrauter, sollen mir helfen, mich wieder zu finden. Werden Sie anstehen, mir die Wahrheit zu sagen? Kann auch die zärtlichste Schonung zögern, Wunden zu schlagen, um das Gift aus der Seele zu ziehen?
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Hugo an Heinrich
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Ich habe recht sehr über Deinen Brief gelacht. Du hast immer noch die alte Gewohnheit, bei einem freundschaftlichen Besuche den Gallarock über das Hauskleid anzuziehen. Wozu der Prunk mit mir? Ich kenne die Gelegenheit, und weiß, was diese täglichen Redensarten bedeuten. Gerade herausgesprochen, Du bist irre an mir geworden, und willst wissen, woran Du bist.
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Ich kann Dir es nicht verdenken, wenn Du Dir überhaupt etwas Besonderes bei mir gedacht hast. Lieber Heinrich! es geht Freunden, wie Eltern und Verwandten, die immer das Außerordentliche von denen erwarten, die ihrem Gefühle am nächsten stehen. Selten ist dies aber etwas mehr als schwankende, in das Blaue hineintaumelnde Vorstellung von allgemeiner Berühmtheit. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie uns da die Eitelkeit ein X für ein U vormacht.
Vorlage S. 138
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Deine Frage, auf die es Dir hauptsächlich ankommt, und die eigentlich nichts anders heißt, als ob ich wirklich jemals gewusst habe, was ich wollte? sagt mir, dass es Dir auch nicht sonderlich klar geworden ist, was ich soll?
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Wir waren beide einmal jung, wie andere Jünglinge. Lass es dabei, Heinrich, und frage nicht weiter. Ich bitte Dich, sieh' um Dich! da lernt man schweigen, und den Narrenspossen den Abschied geben.
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Hast Du nicht mehr Achtung für die Idee, als dass Du sie abhängig glaubst von dieser oder jener Stellung im Leben? – Sie stirbt nicht, da sei Gott vor! Er weiß, wenn die Sonne scheinen oder Dünste sie verhüllen sollen. Man muss warten können, Doch diese Kunst ist nicht leicht. Basta! hierüber! Worte thuns nicht. Eins ist indeß eine gar zu schwache Stelle in Deinem Briefe, die muss ich doch rügen. Du thust ja, als habe ich mich von meinem Oheim für bequemen Lebensgenuß erkaufen lassen und ihm meine bessere Ueberzeugung mit in den Handel gegeben. Wärest Du ohne so viel Umstände geradezu in meine Stube gekommen, und hättest Dich darin umgesehen, so würdest Du Bescheid wissen.
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Das Verhältnis zu dem Comthur ist Folgendes:
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Mein Vater ging seines Erbes aus Ursachen verlustig, die Du kennst, sein Bruder trat in seine Rechte. Er wird Geistlicher, der Zweig ist todt. Nun entsteht die Frage, rankt eine Nachbarpflanze an dem Stamme heran? oder ist der junge Schößling, der aus der Wurzel heraustreibt, durch Saft und Blut mit jenem eins geblieben? und werth erkannt, das Ganze zu beleben? – Diese Frage entstand immer einmal. Ob nach dem Tode des Oheims? oder bei dessen Lebzeiten? Der ganze Unterschied ist der, dass sie jetzt schneller entschieden ward.
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Kam mir das Erbe zu, sollte ich es wegstoßen? Weshalb? wozu? Sage doch, glaubst Du, dass man Flügel bekommt, wenn man dem Glück ein Schnippchen schlägt und sich in seine Armuth hüllt. Wem die Flügel gewachsen, den tragen sie wohl, wohin er Lust hat. Die Metapher hat überdem seit der Geschichte des Ikarus einen Stoß weg. Brauche sie nicht mehr, es liegt etwas Lächerliches darin.
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Und nun zu andern Dingen.
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Es mag Dich unterhalten, wie wir hier leben.
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Recht erträglich, ich versichere es Dich. Die schönen Waldungen, welche unmittelbar hinterm Schloßbezirk anheben, die Höhen bekränzen, spiegelhelle Seen umschließen, und sich bis an den Strom ausbreiten, würden hinreichen, eine mannigfaltige Unterhaltung zu geben. Ich hause hier Tage lang. Wege und Stege sind mir überall bekannt. So manches kleine Abentheuer mit Menschen und Thieren stößt mir hier auf. Jäger, Reisende, Arbeiter und Bettler, alle geben mir Stoff zu Beobachtungen, mit allen gerathe ich in Berührung, schwatze, verkehre mit ihnen. Ich kenne nach gerade ihre Art. Es wird mir leicht, ihnen in ihrem Ideengange zu folgen. Wir sind sehr eitel, Heinrich, wenn wir uns einbilden, auf solche Leute herabzusehen. Ich weiß, man hat das schon oft gesagt, aber ich denke mir vielleicht etwas anders dabei. Es ist nicht sowohl, dass sie auch öfters Geist, Gemüt, Verstand haben wie Andre, mir fällt besonders auf, dass sie diesen Verstand so scharf auszubilden, so gerade zu richten, und so fest zu halten verstehen. Bei größerer Lebensfrische bleibt ihnen auch länger die gesunde Art des Gebrauches. Der Kreis, in dem sie sich bewegen, ist eng, das ist wahr, aber sie sind Herr darin, und was hinein fällt, verfällt ihrem Urteil, das dann auf energische Weise die Dinge auf beide Füße stellt, und sie zeigt, wie sie sind. So flach hin sehen sie nichts an, bis auf den rohen Frevler, fasst jeder seinen Gegenstand ganz und tüchtig. Man kommt auf besondere Resultate im Umgange mit ihnen. Sie sind doch wenigstens etwas. Was sind wir? Wir werfen ihnen die Rohheit ihrer Laster vor, und nennen deren Quell: thierische Selbstliebe. Die Sünde, ohne Deckmantel erregt ungefähr das nämliche Entsetzen, als wenn man sich in einem entstellenden Spiegel sieht. Es ist die Phisiognomie, es sind die Grundzüge, nur durch zufällige Bedingungen verschoben. Verfeinerter Egoismus geht unterhalb der Formen weg, ohne diese sichtbar zu erschüttern, er gräbt nach Innen, und verwüstet da unmerklich so viel, als sein frecher Zwillingsbruder äußerlich zu Stande bringen kann. Menschen aus den untern Klassen stehen, wie das Wild der Forsten, in einer Art Krieg mit der Welt. Darum ist so viel List und Spürkraft in ihnen. Ihre Taktik macht meine Bewunderung aus. Nenne diese immerhin beschränkt. Wer sieht denn viel rechts und links, wenn er auf etwas Bestimmtes los geht? Der Instinkt findet seine Schranken vorgezeichnet. Die Erfahrung muss sie erst ziehen lernen.
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Und lieber will ich blind geboren sein, als blind werden!
Vorlage S. 142
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Mein loses Gesindel im Walde hat, ich versichere Dich, eher die Gabe, das Unsichtbare zu fühlen, als wir andern, an den Block vornehmer Einseitigkeit Geschmiedete. Die Begriffe der Letztern, die nicht mehr Anschauungen sind, machen sie ganz aberwitzig. Ich bin nun einmal auf die Natur jeder Gestalt angewiesen. Es ist so viel Wehmuth in ihrer Entstellung. Mir erscheint sie oft, wie ein schönes Kind, das die Blattern verzerrte. Die Augen sind doch wenigstens geblieben. Zuweilen blinkt eine Träne darin, und dann spiegelt sich der Himmel zurück.
Vorlage S. 142
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Meine gegenwärtige Lage passt auch wohl noch am meisten für mich. Ich bin freier, als irgendwo. Emma ist das beste Herz. Sie lässt mich tun, was ich will. Ich danke es ihr, und freue mich, dass sie eine Unterhaltung in der Gesellschaft einer artigen Frau der Nachbarschaft gefunden hat, ja einer seltenen Frau, Heinrich, wie ich glaube. Sie ist sehr geistreich, und scheint es nicht zu ahnden. Ihr Wesen hat die Farbe der arglosesten Heiterkeit. Mir gefällt sie ungemein. Ich kenne nichts Einfacheres als sie. Ihr Mann ist eine ziemlich gewöhnliche Figur, nicht ohne Verstand, doch auf den ersten Blick hat man das Zunftmäßige an ihm weg. Er gehört zu den Leuten, deren Meinungen sich den Verhältnissen so anpassen, dass sie bald nicht einen Funken Eigenthümlichkeit mehr haben. Zuletzt schrumpfen sie ganz eng zusammen. Je trockner sie dann werden, je reifer glaubt man sie. Du kennst wohl diese Art Menschen, die bis auf das stumme Lächeln immer ein Urteil aussprechen. Ich lasse sie gern bei Seite. Dieser ließ mich aber nicht. Wahrscheinlich wollte er sehen, ob ich wisse, wie sehr ich ihm verpflichtet. Er hat an der Entscheidung meiner Angelegenheit großen Theil. Wir sprachen darüber. Ich weiß selten viel zu sagen, insbesondere wenn ein Anderer mich hören will. Hier lag mir noch dazu etwas ganz Fremdes im Sinne. Ich suchte mir es deutlich zu machen, wie der Mann zu einer solchen Frau kommen konnte? In einem Haare hätte ich laut aufgelacht! Man zeichnet keine ärgeren Karikaturen, als die, welche Zusammenstellungen aus dem Leben bilden!
Vorlage S. 142
402
Darin liegt der Witz der großen Welt, durch den sie sich über sich selbst lustig macht. Wer diese Seite an ihr weg hat, der kennt keine Langeweile. Ich fürchte dies Gespenst sonst mehr als die geträumten, und sah mit einer Art heimlichem Grauen auf eine sogenannte allerliebste Parthie im Grünen, zu der uns die Gräfin Ulmenstein bei sich einlud. Da nun das Grün jetzt schon ziemlich gelb ist, die modernen Gärten mit ihren vielen abgestreiften Pappeln kahl und dürr aussehen, die Gesellschaft mir fremd war, unsere Wirthin ohne Jugendreiz, den Mangel an Geist durch viele unruhige Eitelkeit ersetzt, welche ihr das Prädikat: die Seele der Gesellschaft erwarb, so hegte ich großes Misstrauen gegen den versprochenen Zauber der Abendversammlung.
Vorlage S. 144
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Aber siehst Du, alles das waren falsche Schlüsse. Denn erstlich nahmen sich die geputzten, städtischen Figuren unter dem herbstlichen Blätterdache, von manchem scharfen Windstoß getroffen, in ihrer Toilette derangirt, und auf diese achtend, so gezwungen, so unsicher, so sichtlich unbequem aus, dass ihre Mühe, sich und Andern hierin zu entgehen, allein schon eine komische Unterhaltung bot. Dann belustigte mich auch die Art und Weise der Gräfin ungemein. Die Sicherheit, mit der sie das Gewöhnliche für etwas Besonderes ausgiebt, und wirklich ihren Zweck erreicht, niemals um eine Antwort verlegen ist, jede Einwendung berichtigt. Ich sage Dir, es ist zum Todtlachen! Und Viele lassen sich belehren, obgleich eigentlich kein Sinn und Verstand in allen den angeführten Gründen ist. Wie geht das zu? Solche Probleme machen mir sehr viel Spaß! Ich bin diesem indeß ziemlich auf der Spur. Die Frau rückt gleich mit ganz außerordentlicher Höflichkeit ins Feld. Dadurch stumpft sie, von Hause aus, die Waffen ihrer Gegner ab, dann wickelt sie die Aufmerksamkeit eines Jeden, den sie überzeugen will, mit unglaublicher Behendigkeit auf einen Knäuel, in welchem die gemischten Fäden zusammen laufen. Niemand ist im Stande, einen einzigen festzuhalten. Mit dem Letzten schürzt sie dann geschwind das Ganze zusammen und wirft den Ball auf gut Glück in die Luft. Man sieht ihn fliegen, und lässt es gut sein! Sie ist fertig. Die Wenigsten denken daran, dass sie es nicht sein können. Dadurch behauptet sie ihren Ruf. Selbst der Comthur glaubt einigermaßen an sie. Sein Benehmen drückt eine Berücksichtigung aus, die eigentlich nichts rechtfertigen kann, als eben dieser Ruf. Ueberhaupt finde ich die heutigen alten Leute immer viel leichter bestochen und über die Gegenstände der Anerkennung getäuscht, als unsers Gleichen. Dem galanten Manne aus jener Zeit fällt es nicht ein, dass eine Frau von Ton anders als bedeutend sein könne. Der Onkel beweist mir übrigens täglich mehr, dass die Abgeschlossenheit, in der er so streng verharrt, nichts als ein enger Rock ist, der ihn tausendmal kneift, und ihn gleichwohl nicht ablegt, weil er einmal der Welt darin bekannt ist. Zuweilen knöpft er ihn auf. Dann schlägt sein Herz frei, die Worte gehen von selbst über die Lippen, er wird ein anderer Mensch. Unsere Nachbarin, die schöne Elise, gilt viel bei ihm, und er huldigt ganz unverholen dem jugendlichen Reiz ihrer lebendigen, geistvollen Unterhaltung. Ich sehe aus allem dem, dass wir mit dem Hause des Präsidenten in ein freundschaftliches Verhältnis treten werden. Die wenigen Monate, die wir auf dem Lande noch zuzubringen gedenken, mag, wie gesagt, ganz angenehm für Emma sein. Ich bin wenig dabei interessirt. Die hübsche Frau müsste es sonderbar anfangen, wenn sie mich meiner Waldeinsamkeit entrisse! Dort geben mir meine Landstreicher etwas auf zu rathen. Wenn sie nicht selbst eine besondere Art von Räthsel ist, so würde sie Mühe haben, mich zu fesseln. Zur Zeit ist mir nichts an ihr unbegreiflich, als ihre Heirath. Doch über dies Kapitel kann man bis zum Wahnsinn grübeln, und man kommt damit nicht aufs Reine.
Vorlage S. 144
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Lebe wohl? Solche Gedanken verweht ein rascher, scharfer Nachtwind am besten! Ich gehe auf die Jagd. Noch einmal, Lebe wohl!
Vorlage S. 147
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Rosalie an Agathe
Vorlage S. 147
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Warum Du auch gerade in den Paar Tagen, die wir in der Stadt zubringen wollen, den fatalen rothen Fleck auf die Backe kriegen musstest! Er entstellt Dich eigentlich gar nicht, und wer es nicht wüsste, hätte es kaum bemerkt. Aber Mama sagte noch unterweges: Eine junge Person könne nicht ängstlich genug sein, sich jeden Augenblick auf das Vortheilhafteste zu zeigen. Oft reiche ein einziger, ungünstiger Eindruck hin, ihre ganze Zukunft zu untergraben. Und darum sei es recht gut, dass Du zurückbleiben, und Dich auf dem Lande verstecken könntest. Mama hat in so etwas sehr viel Erfahrung! Ueberhaupt ist sie unglaublich klug. Denke Dir, sie hat es richtig dahin gebracht, dass ihr gestern der neue englische Gesandte und seine Frau die erste Visite machen mussten. Es war übrigens einmal wieder so voll in unserem Salon, wie mitten im Carnaval. Ich hatte das neue Pariser Linonkleid an, und die Haare von Charles arrangirt, Du kennst seine einzige Art. Curd sagte, ich sähe gerade aus, als hätte man mich aus dem hübschen Wiener Modejournal herausgeschnitten. Ich fand, dass er Recht hatte. Meine Toilette war äusserst modern, und sehr gelungen, denn der Lord und die Lady fixirten mich mehrmals, und sagten dann zur Mama: ob ich in Paris erzogen sei? Mama lächelte geschmeichelt, musste aber die Wahrheit bekennen, was ihr, denke ich, sehr zur Ehre gereicht, da wir doch allein durch sie sind, was wir sind.
Vorlage S. 147
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Stelle Dir vor, der Nachbar der Tante, Baron Wildenau, ließ sich mit seinem Sohne melden, gerade als die ganze elegante Welt bei uns versammelt war. Ich hatte bald den Tod vor Schreck. Erinnerst Du Dich wohl noch den langen, dünnen, ungelenken, verdrießlichen Leontin, der so oft, während unsers langweiligen Aufenthalts bei der guten Tante, auf einem abscheulich hässlichen Schimmel geritten kam, einen schiefen Diener machte, an der Thüre stehen blieb, und kein Wort sagte? Mir war die Figur unvergesslich geblieben. Es sind vier Jahre her, wir waren beide ziemlich klein, aber ich sah uns noch verstohlen hinter der Gardine, so oft die Visite im Anzuge war. Nun mache Dir einen Begriff von Mama's Verlegenheit, wie der Name Wildenau genannt ward! Sie behielt keine Zeit, etwas zu erwiedern, die Thüren gingen auf, Vater und Sohn standen vor uns. Es ging aber Gottlob besser, als ich dachte. Der Baron sieht am Ende aus, wie viele Leute seines Alters, und Leontin hat sich ziemlich ausgebildet, seit er von seinen Reisen zurück ist. Mama sagt auch, er sei allenfalls zu produciren, ob er gleich außerordentlich zurückhaltend ist, auch viel steifes Wesen behalten hat. Ob er sprechen kann? weiß ich nicht, ich glaube aber, damit ist es noch so, wie sonst. Im Ganzen nimmt er sich aber, ich versichere Dich, ganz leidlich aus, und wenn er nur einen ordentlichen Contretanz in Paris einstudirte, so werde ich es auf dem nächsten Balle nicht ausschlagen, mit ihm zu tanzen, denn, wirst Du es glauben? die Lady betheuerte, sie habe den Herrn für einen Engländer gehalten. Ich musste beinahe laut auflachen, dachte ich an unsere frühere Bekanntschaft zurück.
Vorlage S. 148
408
Weißt Du, Agathe, ich wäre rasend gern eine Lady. Es klingt so erstaunt appart. Diese hier ist zwar gar nicht auffallend. Ich hätte es ihr nicht angemerkt, dass sie übers Meer kam. Ja, um aufrichtig zu sein, ich würde sie eher für eine Dame aus der Provinz gehalten haben. Sie zieht sich geschmacklos und doch übertrieben kostbar an, sitzt ganz grade, und bewegt sich nur selten, wenn sie spricht. Es klingt immer, als wenn sie blöde und unsicher wäre; das schadet ihr aber alles nicht, sie wird doch ausgezeichnet, da sie eine Fremde ist. Das tut gar zu viel in der Welt. Mein Gott, warum kann ich nicht für einen Winter nur, eine Fremde sein!
Vorlage S. 150
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Der Baron hat Mama gebeten, Leontin in der Gesellschaft Zutritt zu verschaffen. Mama warf einen ihrer prüfenden Blicke auf den jungen Menschen, als wenn sie sehen wollte, ob es sich der Mühe verlohne? Er stand vor ihr, ließ den Vater für sich sprechen, setzte nicht eine Sylbe hinzu, und wandte sich, mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt, wieder ab, als beide aufhörten, von der Sache zu reden. Mich betrachtete er ein paarmal, ohne indeß eine Miene zu verziehen. Curd lachte mich darüber aus, ich musste wohl oder übel, mit lachen, unser stumme Gast ging eben vorüber. Ich hörte, wie ihn Curd ziemlich spöttisch fragte, weshalb er nicht die alte Bekanntschaft mit der Tochter des Hauses erneuere? Leontin sah ihn verwundert an, indem er kurz und trocken erwiederte: »ich fand noch keine Veranlassung dazu!« Findest Du das nicht höchst sonderbar? Mir scheint es unhöflich.
Vorlage S. 150
410
Stelle Dir vor, alle Leute sind hier voll von der Schönheit unserer neuen Nachbarin. Man übertreibt wieder einmal auf das Lächerlichste. Mama sagt, es thue ihr leid um die kleine Frau. Wenn sie erscheinen werde, dann sei es Jeder schon müde, von ihr zu sprechen, und sie werde damit enden, gar nicht zu gefallen. Hugo hat ganz den Ruf eines interessanten Sonderlings. Ich werde von aller Welt über ihn befragt. Es ist wahr, er ist der schönste Mann, den ich kenne.
Vorlage S. 151
411
Morgen sind wir auf ein Dejeuner beim russischen Gesandten. Der Hof wird auch da sein. Die himmlische Meierei an der Burgwiese ist neu dazu eingerichtet. Ich freue mich unmenschlich darauf. Arme Agathe, wenn Du doch auch hier wärest!
Vorlage S. 151
412
Ich schicke Dir diesen Boten, um Dich zu bitten, dass Du mir Deinen allerliebsten Basthut mit den Veilchen leihen möchtest. Thue mir den einzigen Gefallen, liebe Schwester. Siehst Du, meiner hat auf dem Transport einen Kniff in der Krempe gekriegt, und seit ihn die Nettencourt in die Hände genommen hat, um ihn wieder zurecht zu machen, ist er total verdorben. Mama schwört, dass sie es absichtlich getan hat, aus Aerger über die französische Waare. Nicht wahr, Du leihst mir Deinen? Ich rechne bestimmt darauf. Es wäre auch unglaublich unfreundlich, wenn Du mirs abschlügst. Jetzt kannst Du ihn ja doch nicht gebrauchen. Mit dem enormen Fleck auf der Backe, würdest Du doch nicht erscheinen können, und Mama gäbe es auch gar nicht zu, könnte es um Deinetwillen nicht zugeben. Siehst Du, und im Winter ist er aus der Mode, dann schenke ich Dir einen neuen. Ich spare schon Geld dazu. Vielleicht brauche ich das nicht einmal zu tun. Es kann sich wohl bis dahin Vieles ändern! – Weißt Du, die Tante ist sehr krank, Baron Wildenau sagte es gestern. Wenn sie stirbt, sind wir die reichsten Parthien im Lande. Dann kriegen wir auch Zobelpelze zu Weihnachten! Das Dümmste wäre nur, wenn sich die Krankheit noch lange hinzöge, und der Tod uns die Trauer mitten im Carnaval auflegte. Wer will aber so weit vorausdenken? Und nicht wahr, Agathe! Du schickst mir den Hut?
Vorlage S. 152
413
Adieu, liebe Schwester! Ich umarme Dich tausend mal.
Vorlage S. 153
414
Antwort
Vorlage S. 153
415
Du bist unausstehlich mit Deinen ewigen Prätentionen. Niemals hast Du was, und doch willst Du immer und ewig mehr als andere Leute vorstellen. Den Hut hast Du Dir ja muthwillig, durch das unaufhörliche Aufprobiren verdorben. Standest Du denn nicht den ganzen Morgen vor dem Spiegel, und schobst und rücktest daran, und drehtest den Kopf hin und her, unter lauter Trillern und Singen, dass mir noch die Ohren davon wehe tun. Die Nettencourt sollte ihn heimlich wieder zurechtmachen. Du hast Dich wohl gehütet, Mama zu bekennen, was eigentlich damit vorgegangen war; und nun muss die arme Person die Schuld auf sich nehmen. So machst Du es immer.
Vorlage S. 153
416
Wenn Du ein gutes Herz hättest, so würdest Du wohl daran denken, was es mich kosten muss, hier so allein zu sitzen, während Du Dich göttlich unterhältst. Du würdest Mitleid mit mir haben, und nicht noch eine Gefälligkeit obendrein von mir fordern. Es ist wahrhaftig kein geringes Opfer, was ich bringe, wenn ich Deinen Wunsch erfülle. Ich thue es aber recht ungern, das versichere ich Dich, denn dass ich den Hut niemals wieder werde aufsetzen können, davon bin ich überzeugt. Du verdirbst ja gleich alles, was Du anfaßt. Und wiederkaufen kannst Du mir auch keinen andern. Mein Gott, Rosalie! Dein Taschengeld reicht ja niemals aus.
Vorlage S. 154
417
Was Du von dem Tode der Tante sagst, ist recht sündlich. Ueber dergleichen muss man niemals leichtsinnig reden. Und wer weiß denn auch, ob sie so reich ist?
Vorlage S. 154
418
Ein rechter Querstrich wäre es doch bei allem dem, wenn mir auch noch die Wintervergnügungen verdorben würden! Wäre dies der Fall, ich würde noch mehr weinen, als ich es jetzt schon thue!
Vorlage S. 154
419
Ja gewiss, ich schwimme in Thränen, während Du Dich mit meinen Sachen putzest, und zu den Festen fährst. Morgen bleibe ich gewiss bis Mittag im Bette. Ich will nicht sehen, ob es Nacht oder Tag ist.
Vorlage S. 154
420
Mama mag sehr klug sein, aber sie ist auch sehr sonderbar. Um solche Kleinigkeit so viel ängstliche Rücksicht! Glaube mir, mit meiner Figur, mit meinen Augen, hätte Niemand auf ein Bischen unruhige Haut gesehen. Aber ich weiß schon – – –
Vorlage S. 155
421
Sage mir doch, ist noch Niemand in der Stadt angekommen? Er wollte doch schon Ende vorigen Monats dort sein. Statt von dem langweiligen Leontin zu schreiben, hättest Du mir etwas Interessanteres mittheilen können.
Vorlage S. 155
422
Verbrenne um Gotteswillen dies Blatt, damit es kein Mensch sieht, am wenigsten – Du verstehst mich wohl.
Vorlage S. 155
423
Ich schließe hier, der Bote eilt. Mein Himmel, Du wirst ja doch noch zeitig genug zu Deinem brillanten Dejeuner fertig werden.
Vorlage S. 155
424
Geh nur! geh! Du bist nicht halb so gefühlvoll, als ich. Das ist auch mein einziger Trost. Die Besten müssen immer am meisten leiden! Adieu!
Vorlage S. 155
425
Elise an Sophie
Vorlage S. 156
426
Ich schreibe Ihnen mit Bleistift auf einer sehr lustigen Jagdparthie zwei Worte durch Curd, der durch alle erdenkliche Mittel imponiren will, in der Geschwindigkeit eine Reise nach Italien macht, und noch diesen Abend dahin abgeht. Er trifft Sie in Florenz, und bringt Ihnen mit tausend warmen, zärtlichen Grüßen dies Blatt. Mögen Sie lesen können, was es enthält. Ich fürchte, die Schriftzüge werden ziemlich verwischt zu Ihnen gelangen.
Vorlage S. 156
427
Nun auf gut Glück!
Vorlage S. 156
428
Zuerst, was Sie interessirt. Ihre jungen Freunde sind hier, gefallen beide, sind liebenswürdig, und scheinen glücklich. Ich bin ihnen von Herzen ergeben. Emma bezwingt mich durch etwas Unwiderstehliches, das ich nicht nennen kann. Es ist viel stille, geistige Fühlbarkeit in ihr. Die dunkeln Augen werden eben so oft feucht, wie der allerliebste Mund lächelt. Alles an ihr ist leise, unkörperlich möchte ich sagen.
Vorlage S. 156
429
Der dicht umschlossene, ruhig bewegte Waldsee, an dem ich hier sitze, giebt mir das beste Bild von ihr. So erscheint sie mir.
Vorlage S. 156
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Dem sonderbaren Hugo fällt das Meiste im Leben von selbst zu. Er bemüht sich nicht darum. Er hat es. So auch die Aufmerksamkeit, die Theilnahme, die Bewunderung der hiesigen Gesellschaft. Ich hatte Unrecht getan, Absicht bei ihm vorauszusetzen. Was er sagt und tut, ist immer unwillkührlich. Das Außerordentliche liegt ihm vielleicht näher, als Andern! Ich kann nicht eben finden, dass er mich blende. Im Gegentheile, es ist das Unscheinbare in seiner Art und Weise, wodurch er die Gedanken frei an sich heraustreten, und sie in ihrer Natürlichkeit jedem verwandt, empfinden lässt. Es liegt hierin eine Magie, das ist wahr! Aber der Genius der Natur giebt sie allein. Gewöhnliche Taschenspielerkünste würden es nicht so weit bringen.
Vorlage S. 157
431
Ich gerathe zu tief in den Text hinein. Das Blatt ist zu Ende. Leben Sie wohl, geliebte Ungetreue! Sein Sie gewiss, Sie fehlen mir gerade jetzt am meisten.
Vorlage S. 157
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Apropos, Eduard lässt Sie grüßen. Auch Georg, der allerliebste kleine Junge! Beide trugen es mir schon längst auf. Noch einmal, leben Sie wohl!
Vorlage S. 157
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Der Geistliche an Emma
Vorlage S. 158
434
Vor allem, meine gnädige Frau, empfangen Sie den innigsten Glückwunsch zu Ihrer Rückkehr in die Heimat. Ich weiß Sie gern an dem Ort Ihrer Bestimmung. Es ist mir so gewiss, dass Sie dort, wo Beruf und Wirksamkeit Ihrer warten, auch Zufriedenheit finden werden, dass ich gern noch einen zweiten Brief kommen ließe, ehe ich den ersten beantwortete. Gleichwohl scheinen Sie dieser Antwort, als etwas entgegen zu sehen, von dem Sie besondere Aufschlüsse über sich und Ihre Verhältnisse erwarten.
Vorlage S. 158
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Sie misstrauen Empfindungen, bei denen Sie gleichwohl viel zu lange verweilen, wenn Sie Ihnen gefährlich dünken. Kurz, Sie sind noch von den Erschütterungen der Reise aufgeregt, und wünschen wieder in Ruhe zu kommen.
Vorlage S. 158
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Liebe, gnädige Frau, ich war vor einiger Zeit Abends bei einer Augenkranken. Das Zimmer, in welchem sie sich befand, war so dunkel, dass man sich nur mühsam darin zurecht fand. Gleichwohl warf die dichtverhangene Lampe ihren schwachen Schein auf naheliegende Gegenstände, welche bei der leisesten Verrückung scharfe Lichtstrahlen zurückspiegelten, und den Sehenerv schneidend trafen. Die Kranke schrie, so oft der Fall eintrat, unwillkührlich hell auf; besonders übermannte sie der empfindlichste Schmerz, wenn die weißlakirte Thüre eines Seitenzimmers aufging, und die Bewegung des hellen Körpers blendend die Nacht umher theilte. Ich litt um so mehr mit der Armen, als mein gesundes Auge von dem jähen, durchfahrenden Schimmer afficirt ward. Mit der innigsten Theilnahme verließ ich sie später. Ich konnte lange nicht ohne eine gewisse Beklemmung an den Abend denken. Wie groß war deshalb meine Freude, als ich, nach nicht gar langer Zeit, fast um die nämliche Stunde, vor dem Hause vorbeigehe, und die Fenster desselben erleuchtet finde. Ueberrascht bleibe ich stehen, betrachte mir die Lage des Krankenzimmers, und kann nicht zweifeln, dass ein, im Mittelpunkt desselben angebrachter Kronleuchter seine brennenden Kerzen unverhüllt flammen lasse. Ich eile nun hinauf, gewiss, das Uebel gehoben zu sehen. Allein ich fand meine Erwartung getäuscht. Meine arme Freundin saß noch mit dem grünen Augenschirm, unfähig, den Blick frei zu bewegen. Ihr Zustand war leider ungefähr derselbe, doch mit dem Unterschiede, dass sie in einem gleichmäßigeren Empfinden des Schmerzes, seiner mehr Herr ward, ja, in der ruhigen Helle des Gemaches den wohlthuenden Einfluss des Lichts im Allgemeinen genoss, ohne den leidenden Theil dadurch verletzt zu fühlen. Ich äußerte ihr meine Verwunderung hierüber, hinzu setzend, dass mich eben diese Helle getäuscht habe, indem ich sie nicht mit der Natur ihres Unwohlseins zu vereinigen gewusst hätte.
Vorlage S. 158
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»Das macht,« entgegnete sie, »das Licht kommt von oben, so ergießt es sich ohne Abschattung nach allen Seiten, ich bin mitten darin, wie am Tage unter freiem Himmel.«
Vorlage S. 160
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Gnädige Frau, Sie empfinden, wie ich in diesem Augenblicke empfand. Die Wahrheit ist so einfach, dass sie uns auf die einfachste Weise am nächsten liegt.
Vorlage S. 160
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Lassen Sie das Licht von oben in Ihre Welt hineinfallen. Sie werden sich darin zurechtfinden, ohne überall auf Ecken zu stoßen.
Vorlage S. 160
440
Weiter wüsste ich Ihnen für jetzt nichts zu sagen, nichts zu rathen. Alle Verhältnisse des Lebens sind kraus und bunt. Es hilft nicht viel, äußerlich daran zu rücken oder darüber zu klügeln. Man muss hindurch. Deshalb bewahren Sie sich Klarheit und Muth. Sie haben, ich will es glauben, mit ungewöhnlichen Menschen zu tun. Lassen Sie sich das nicht irren. Bleiben Sie Ihrem Gott und Ihrem Herzen getreu. Auf Ausdauer kommt es zumeist im Leben an. Wie viele ungleiche Wallungen prallen an dem festen Damm unerschütterlicher Gesinnung ab. Der Fels steht, wenn die Woge zerrinnt.
Vorlage S. 160
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Lassen Sie das Licht von oben kommen. Sie finden den Pfad durch das Labyrinth von selbst.
Vorlage S. 161
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Und so leuchte Ihnen denn die ewige Sonne unverhüllt. Das ist das Gebet, mit dem ich Sie einem höhern Schutze empfehle.
Vorlage S. 161
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Hugo an Elise
Vorlage S. 161
444
Hier ist das befohlene Buch. Ich hätte es Ihnen lieber gebracht als geschickt. Aber Sie wollten mich nicht hören, ehe Sie lasen. Es ist auch meine Art, fremdes Urteil zu entfernen, ehe ich mit dem Gegenstand bekannt werde, von dem es sich handelt. Ich bin neugierig, wie wir hier zusammentreffen werden? Es bleibt doch morgen bei der Parthie nach dem Vogelheerd? Heute ist es trauriges Wetter! Es regnet. Der Tag ist für mich so gut wie verloren. Er fesselt mich unbarmherzig zu Hause. Bedauern Sie mich ein Bischen.
Vorlage S. 161
445
Ganz Ihr unterthäniger Hugo.
Vorlage S. 162
446
Antwort
Vorlage S. 162
447
Der Regen dauert fort! Es ist zum verzweifeln! Natürlich wird aus dem Frühstücke im Walde nichts! Morgen vielleicht! Man sagt das so hin, und giebt auf, weil man schon an den Ersatz denkt. Was sichert uns diesen?
Vorlage S. 162
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Ich glaube, Ihr Buch hat mich ganz umgestimmt! Mir ist etwas davon in der Seele geblieben, das schwer wiegt. Fragen Sie mich nicht, ob es mir gefällt? Das weiß ich nicht, auch ist das eigentlich gar kein Ausdruck für Gefühle und Zustände des Innern. Genug, ich habe in einem Zuge fortgelesen, bis zu Ende, und bleibe mitten darin. Wollen Sie noch ein anderes Urteil? Ich kann mich sonst auf nichts Bestimmteres einlassen. Aber so viel ist gewiss, die Bücher werden immer seltener, die Einem empfinden lassen, dass es noch eine Welt giebt, ausser der, von heute und gestern. Eine andere Frage wäre, ob die Welt, in die ich mich hineingelesen habe, meine Heimat sein darf oder nicht? Ist sie es, was fange ich denn mit dem Aussenleben an.
Vorlage S. 162
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Ich wollte heute mit Ihnen über das Alles weitläufig sprechen. Aber es regnet. – Der Himmel sagt zu Vielem Nein, was der Wille anders will. Leben Sie wohl!
Vorlage S. 163
450
Hugo an Elise
Vorlage S. 163
451
Ich bestreite den letzten Satz Ihres Billets, gnädige Frau! Der Himmel sagt zu Wenigem Nein, was der Wille recht will. Wäre es wirklich Ihre Absicht gewesen, mir mehr mitzutheilen, als die flüchtigen Zeilen enthalten, Sie hätten die Sonnenblicke am Mittage zu einer Spatzierfahrt im Walde benutzt. Mich, waren Sie gewiss, dort zu treffen. Auch hatte die Tannenhäuserin Befehl, mich sogleich von Ihrer Ankunft zu benachrichtigen. Jetzt ist es zu spät, und Sie fürchten morgen wohl auch die feuchte Luft.
Vorlage S. 163
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Wäre der Präsident nicht in Geschäften abwesend, und ich dreist genug, ohne Emma's Begleitung Ihre Einsamkeit zu unterbrechen, Sie würden mich schon frühe am Tage an Ihrem Gartenpförtchen sehen. Allein Sie äusserten einmal: Nur unter Frauen könne zwangloser, nachbarlicher Verkehr stattfinden. Nun, und die meinige ist am Krankenbette des Onkels gefesselt, dem das Podagra viel zu schaffen macht, sonst hätte ich ihre Fürsprache bei Ihnen nachgesucht, denn gewiss, mich verlangt, mehr über ein Thema zu hören, das viele Streitfragen in sich fasst.
Vorlage S. 163
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Gnädige Frau! ich kehre gleich die von Ihnen aufgeworfene um: »Was finge ich mit dem innern Leben an, wenn die Welt der Empfindungen nicht meine Heimat wäre?« Sagen Sie selbst, hört man nicht auf, ein Fremdling zu sein, wenn man es hier ist?
Vorlage S. 164
454
Antwort
Vorlage S. 164
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Kommen Sie immer, wenn Emma Sie auch leider nicht begleiten kann. Ich habe große Lust, mit Ihnen zu streiten.
Vorlage S. 164
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Emma an den Geistlichen
Vorlage S. 165
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Sie hatten ganz recht! Die Ruhe nach der Reise machte mich krank. Wie wünsche ich mir Glück, Niemanden als Ihnen, ehrwürdiger Herr, meine Schwachheit anvertraut zu haben! Jetzt sehe ich Alles in ganz anderm Lichte. Ich weiß nicht, ob dieses von oben kommt? Allein, es ist überall Tag, es ängstigt mich länger kein trüglicher Schatten, ich athme frisch und lebe heiter.
Vorlage S. 165
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Es war vielleicht ein Glück, dass der Oheim seine gewöhnlichen Gichtanfälle dieses Jahr früher, als sonst, bekam. Wir naheten uns einander dadurch schneller. Seine Bedürftigkeit und mein Wunsch, ihn diese weniger empfinden zu lassen, setzten uns über unzählige kleine Zwischenräume hinweg, welche der geordnete Lauf der Dinge erst nach und nach beseitigt.
Vorlage S. 165
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Mit steigender Freude fühlte ich, wie notwendig ihm meine Pflege ward. Hiermit regten sich Kräfte und Wille wie neu beseelt in mir. Gottlob! es ist so geblieben. Ich bin auf meinem Platz. Von da aus sieht es sich klarer, bestimmter auf die Gegenstände hin, welche unsere Welt bilden. Ich glaube, des Oheims Auge hat auch erst einen Blick für mich gewonnen. Er betrachtet mich nicht mehr so prüfend. Wenn er mich ansieht, lese ich Vertrauen und wohlwollende Güte in seiner Miene. Es giebt nichts Einfacheres, aber auch nichts Friedlicheres, als unser Leben. Und wissen Sie wohl, wer zumeist den stillen Geist hineingetragen hat? Jene schöne, liebe Frau, deren erster Anblick auf mich bei weitem nicht den beschwichtigenden Eindruck machte, den sie jetzt nach jeder Zusammenkunft in mir zurückläßt. Von dieser Leichtigkeit des Umganges, dieser Seele und Wärme in jedem Worte, können Sie sich keinen Begriff machen. Oft überrascht mich ihre Art und Weise so, dass ich sie staunend ansehe, ohne zu wissen, wie ich das Unwillkührliche dieses fessellosen Innern mit der steten Berücksichtigung alles dessen, was andere betrifft, vereinen soll. Sie sieht mich dann wieder an, und die Miene, mit der sie fragt: »Was ist Ihnen, Liebe?« hat solchen Zauber kindlicher Neugier, dass jeder Gedanke an Absicht oder Künstelei davor verschwindet. Seit mich des Oheims Kränklichkeit im Schlosse fesselt, ist sie täglich, wenigstens auf ein paar Stunden hier. Sie kommt und geht wie ein anmuthiges Feenkind, das durch allerlei Zaubereien die alltägliche Gegenwart umher verwandelt. Immer hat sie etwas zu erzählen. Wie unbedeutend das auch sein mag, sie weiß es so eigenthümlich vorzutragen, dass es nie ohne Interesse bleibt. Der Kranke vergisst Schmerz und Unbequemlichkeit, wenn er sie nur sieht. Vorzüglich unterhält es ihn, wenn er Hugo mit ihr in Streit verwickeln kann. Das geschieht, so oft von der Gesellschaft in Ulmenstein die Rede ist, zu deren Gunsten Elise mancherlei anführt, was jener mit Witz und Laune widerspricht. Sie endet häufig damit, ihn über sein nichtiges, abweisendes Benehmen gegen Fremde, die er weder kennt noch kennen lernen will, auszuschelten, und ihm Stolz oder Trägheit vorzuwerfen. Der Comthur stimmt hierin mit ein. Er reizt und neckt den Neffen. Dieser giebt sich willig her, lacht, widerspricht ohne sich zu rechtfertigen, erzählt dann schnell ein paar Jagdabentheuer, schiebt irgend ein fremdes, anziehendes Bild hinein, wodurch er die Theilnahme seiner Gegner anders lenkt und ihnen entschlüpft. Elise bemerkt seine List zu spät. Es ärgert sie, doch weiß sie auch dieser Empfindung Grazie zu leihen. Sie ist allerliebst, wenn sie zankt. Ihr Eifer, mit dem es ihr in solchen Augenblicken ganzer Ernst ist, trägt ein eigenes Gepräge von Natur und Wahrheit. Ich glaube, sie erscheint vorzüglich deshalb so unendlich liebenswürdig. Der Oheim nannte gestern ihren Unwillen gefährlich. Er warnte Hugo, ihn zu reizen. Ich weiß nicht, wie es kam, dass gerade in diesem Moment Hugo's Blick dem meinigen begegnete. Es lag etwas Gezwungenes in seinem Lächeln. Ich ward unwillkührlich wie mit Blut übergossen. Es war wohl die Erinnerung meiner frühern Schwäche, die mich beschämte, allein Hugo? Hat er mich schon damals errathen? Die unbefangene Elise blieb sich gleich. Sie ist zu großartig, um dergleichen heimliche Regungen vorauszusetzen.
Vorlage S. 165
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Bald darauf nahm sie, ohne alle weitere Rücksicht, Hugo's Arm, und hieß ihn, sie zur Strafe, dass er sie so lange durch unnütze Worte aufgehalten habe, den Berg hinab zu ihren Wagen führen. »Mein armer, kleiner Georg,« setzte sie, fast erschrocken über die Erinnerung an diesen, hinzu, »wird gewiss schon recht ungeduldig über mein Aussenbleiben geworden sein.« »Wie,« entgegnete ich überrascht, »der Kleine begleitete Sie, und Sie ließen ihn die ganze Zeit draussen in der naßkalten Herbstluft?«
Vorlage S. 168
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»Ganz so arg,« lächelte sie sorglos, »habe ich es nicht gemacht. Das Kind ist mir mit sammt dem Wagen späterhin gefolgt. Ich bin den Fußpfad durch den Wald gegangen, meine Absicht war blos, nach dem Befinden unsers Kranken zu fragen, und dann den Rückweg mit einer Spatzierfahrt zu verbinden. Ich habe mich einmal wieder hier vergessen,« fügte sie achselzuckend hinzu. »Aber nun auch keine Minute länger!«
Vorlage S. 168
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Sie grüßte flüchtig. Ehe ich ihr Lebewohl sagen konnte, war sie mit Hugo die Treppe hinunter, zum Schlosse hinaus? Ich trat ans Fenster. Es dunkelte schon. Mir schien es gewagt, sie und das Kind noch so spät der Gefahr des Umwerfens auszusetzen. Ich sprach das gegen den Oheim aus. Er erwiederte nichts. Als ich vom Fenster zurück trat, und wieder neben ihm niedersaß, fand ich ihn, den Kopf in die Hand gelehnt, vor sich hinsehend. Sein plötzliches Schweigen fiel mir auf, ja es ängstigte mich. Litt er körperlich, oder war etwas geschehen, das ihm mißfiel? Mein fragender Blick drückte wohl aus, was ich dachte. Er richtete den Kopf in die Höhe, doch ohne sich weiter zu erklären, sagte er zerstreut und durch Anderes beschäftigt: »Ja, ja, Sie haben ganz recht, es ist zu spät!« – Nachher besann er sich, wir redeten über Mancherlei, doch unsrer Nachbarin gedachte er weiter nicht, es kam mir sogar vor, als vermeide er alles, was auf sie Bezug hatte. Weshalb das? glaubt er mich unfähig, den Werth der seltenen Frau zu empfinden? und hat ihn die flüchtige Aeußerung über sie, aus meinem Munde, verdrossen? – Ich dachte seitdem oft darüber nach. Auch würde ich glauben, hierin nicht zu irren, machte er es gegen Hugo anders. Als dieser nach mehreren Stunden zurück kam, fragte der Oheim weder nach dem, was ihn außerhalb beschäftigte, noch wie und wo er seine Dame verlassen habe?
Vorlage S. 169
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Seine Dame! Es ist doch eigentlich seltsam, wie die kleinen Lebensverhältnisse eine Frau augenblicklich in Beziehung zu einem Manne setzen. Dieser kann ihr nicht den Arm bieten, ohne sich für ihren Beschützer zu erklären, was immer gegenseitige Verpflichtung bedingt. Wie mir dies gerade hierbei auffällt? Ich schäme mich, es einzugestehen. Allein ich glaube, es sind noch dumpfe Nachklänge des ersten, unreinen Tones, den Elisens Erscheinen in mir weckte. Ich werde darauf nicht wieder hören. Ich verspreche es Ihnen.
Vorlage S. 170
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Ueber Eins möchte ich doch Ihre Meinung wissen. In einem unserer kleinen Abendzirkel war von einem Buche die Rede, das Hugo sehr lebhaft gegen die Angriffe unserer Nachbarin in Schutz nahm. Diese nannte es hinreißend schön, doch abirrend für die Phantasie, welche das Gebiet melancholischer Schattenbilder vor allem Andern zu meiden habe. »Das unbefriedigte Innere,« sagte sie lebhaft, »versinkt ohnehin allzu leicht in jene krankhafte Unbestimmtheit, die den Besitz des Daseins erschüttert, alle schöne Gaben desselben bleicht, und das Herz mit nichtzustillender Wehmuth füllt.«
Vorlage S. 170
465
Hugo lächelte, indem sich die tiefe Falte auf seiner Stirne finster zusammenzog. »Ist, wie Sie es sagen,« entgegnete er, »dies die unbezwingliche Neigung der Menschenbrust, lockt uns so Vieles, und am meisten das eigene Gefühl in den dunklen Strom unbegriffener Ahndungen hinüber, was sperren wir uns gegen den Andrang der Wogen, wenn sie uns einmal bis zum Herzen steigen? Was büßen wir Großes dabei ein, wenn nun auch wirklich Alles um uns und in uns in flüchtige Atome zerflösse? Hat das Farbenspiel des Tages die ernsten Schatten der Nacht zu fürchten, dürfen wir es bedauern, wenn das Unbeständige erbleicht? wer beklagt den Verlust eingebildeter Güter??«
Vorlage S. 171
466
»Wie,« unterbrach ihn Elise, »zum trügerischen Gaukelspiel entadeln Sie mir die frische, blühende, kräftige Welt, in der ich athme, und mich wirklich fühle?« –
Vorlage S. 171
467
»Und dennoch,« versetzte Hugo mit neckender Zuversicht, indem er das besprochene Buch vom Tische nehmend, es gewichtig auf der flachen Hand ruhen ließ; »Und dennoch geben Sie Ihre Wirklichkeit für solche Träume hin. Ich weiß gewiss,« fuhr er lächelnd fort, »Sie vergaßen alles Andere, während Sie lasen.«
Vorlage S. 172
468
Elise erröthete in sichtlicher Verwirrung.
Vorlage S. 172
469
»Von jeher,« nahm Hugo das Wort, »flüchtete der Mensch mit seinen Gefühlen in eine andere Heimat, als die ihm angewiesene. Da war er Herr und Schöpfer einer unermesslichen Welt. In ihr hatte und besaß er, was die vergängliche ihm versagte. Aus höherer Naturmystik nannten die Alten die Nacht, Mutter der Dinge. Erst wenn sie, die Königin, im geheimnißvollen Dunkel heraufzieht, am Saume ihres Mantels duftige Träume spielen, und Schlaf und Tod aus den schwarzen Falten hervor treten, erst dann gestaltet sich ein Dasein, das uns gehört, dessen Herrscher der träumende Gedanke ist.« Er sagte das Letzte mit seltsam erschütternder Melancholie in Ton und Miene. Im Sessel zurückgelehnt, die Arme über einander geschlagen, wandte er nur das Auge zu seiner Nachbarin, die ihn überrascht, wie es schien, ungewiss betrachtete.
Vorlage S. 172
470
»Man wirft so oft den Christen vor,« unterbrach ich die augenblickliche Stille, »dass sie sich den Genuss des Lebens verkümmern, die Schöpfung, durch trübe Betrachtungen über den Wechsel der Dinge, ihres Reizes entkleiden, ja das Gemüt durch Abtödtung in unerfreuliches Entsagen zwingen; doch so unbarmherzig in das schwankende Grau der Nacht verweisen sie die geängstete Seele nicht, wie jene Heiden, deren Du erwähnst, Hugo. Sage doch, welche andere, als traurige, unbestimmte Bilder können der Phantasie in solchen Nebeldünsten entsteigen?«
Vorlage S. 173
471
»Mein liebes Kind,« entgegnete er etwas trocken, »es ist hier nicht von Glaubenssätzen verschiedener Religionsansichten die Rede, sondern von allgemein menschlichen Naturzuständen, die sich in ihren Bedingungen, wie in ihren Anforderungen, von jeher auf ein Haar glichen. Immer wollte das Herz, was es nicht hat, immer suchte es sich im Unermesslichen zu genügen. Die Formen, in welche das mannichfach abgeschattete Streben sich wechselnd kleidete, tun zur Sache wenig.«
Vorlage S. 173
472
»Ich meine doch,« entgegnete ich, »der Christ denkt nicht allein, er fühlt auch anders, wie der Heide.« Hugo schwieg. Des Oheims Blicke ruhten auf Elisen. Sie schien in sich das Gehörte zu erwägen.
Vorlage S. 173
473
»Wir sollten,« hub jener nach einer Pause an, »den wüsten Sturm einer Gigantenbrust nicht zum Maaßstabe unsrer Empfindungen machen wollen. Dort ist der Drang des Schrankenlosen in die ringende Verwirrung des Lebens gegeben. Der Fluss sucht erst sein Bett. Das Gefühl hat keine Worte. Große Natursymbole werden ihr unwillkührlicher Ausdruck. Für uns sind das verbrauchte Spielereien. Wir gefallen uns darin, weil es so tönend klingt, und über die Ungenügsamkeit verwöhnter Herzen täuscht. Wir schwärmen aus Schwäche, und träumen aus Trägheit. Schwermuth ist der trübe Schatten entflohener Lebenskraft.«
Vorlage S. 174
474
An Hugo's Lippen zuckte ein zweideutiges Lächeln. Er öffnete sie, als wolle er etwas sagen, doch unterließ er es.
Vorlage S. 174
475
»Deshalb,« fuhr der Oheim fort, »stimme ich dem Urteil unserer Freundin bei, welches Schriften, die dem kranken Zuge der Seele Vorschub leihen, abirrend nennt.«
Vorlage S. 174
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»Und somit,« entgegnete Hugo, bedacht und leise, »somit wären alle Fäden zerschnitten, durch die unser Sein mit höherer Ahndung zusammen hängt, und diese selbst zum schwerfälligen Phantom dickblütiger Fieberphantasie herabgesunken! Lieber Onkel,« fuhr er, näher sich zu ihm wendend, die Hand freundlich auf seinen Arm gelegt, fort, »Sie fühlen es anders. Sie haben die Einsamkeit lieb. Sie kennen die Stunden wohl, wo der Blick nichts sieht, nichts sucht, wie in einem Abgrund versinkt, die Brust immer voller wird, der Wunsch stockt, die Sehnsucht das All umfasst, unbezwingliche Traurigkeit uns fest umklammert, wir uns fühlen und nicht fühlen! dann plötzlich reißt der Geist sich aus den Banden los, wir glühen, eine, nur eine That zu tun, die das heiße Streben stille. Nein! O nein! Melancholie ist nicht die Ausgeburt schlaffer Trägheit, sie ist die trauernde Gefährtin des Menschen, der, ein stets erneuerter Prometheus, sich und seine Schöpferkraft in Ketten geschlagen fühlt.«
Vorlage S. 174
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Des Comthurs Schmerzen kehrten hier heftiger wieder. Er hielt zuckend die Hand gegen den leidenden Fuß, indem er mit Anstrengung sagte: »Ich verstehe wohl, wie Du es meinst, allein auch Prometheus war aus seiner Bahn gewichen, und wenn auch göttlicher Wahnsinn, so ist Wahnsinn immer Krankheit. Uebrigens täuschen wir uns gern mit prometheischer Schöpferkraft, wenn uns das Nächste zu schlecht dünkt, oder zu mühsam, es anzufassen.«
Vorlage S. 175
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»Ja wohl,« rief Elise, indem sie mit komischem Eifer von ihrem Stuhle aufsprang und an des Comthurs Lager eilte. »Während wir hier um des Kaisers Bart streiten, versäumen wir, Ihnen die Kissen zurecht zu legen. Es ist da etwas, das Sie drückt. Wir hätten es gewiss längst bemerkt, wären wir nicht so unverzeihlich mit uns selbst beschäftigt gewesen.«
Vorlage S. 176
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»Da haben Sie die Moral von der Fabel,« sagte sie, gegen Hugo gewendet. »Das gesunde Auge wird blind, wenn man durch Künstliche sieht.«
Vorlage S. 176
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Der Oheim küsste ihr die Hand, die sich auf leichte und gefällige Weise um ihn zu tun machte. Schaffte sie ihm wirklich Erleichterung, oder war der unbequeme Anfall rasch vorüber gegangen? Genug, er fand seine frohe Stimmung sogleich wieder, er scherzte, lachte Hugo aus, während er dessen Gegnerin, in der klugen Nutzanwendung des Streites, lobte. Diesen hatte man fallen lassen. Es blieb, soviel mir klar ward, Alles unentschieden. Auch bei mir. Deshalb wünschte ich Ihre Ansicht darüber zu hören. Elise war, sie mochte sich dagegen immer sträuben, nicht sowohl durch die Süßigkeit ahndungsvoller Wehmuth in sich zurückgezogen, als sie vielmehr Hugo's düstere Begeisterung überraschte! Sie fand sich in einer unheimlichen und doch fesselnden Region. Der Oheim hat immer viel Kraft und Selbstüberwindung von sich und Andern gefordert. Hierin setzt er den ganzen Werth des Mannes. In Opfern aller Art zeichnete er sich aus. Ja, man erzählt, er warf alle Lebensansprüche hin, zerriss eine Verbindung, die, im Begriff vollzogen zu werden, seinem Herzen das schönste Glück verhieß, weihete sich stillem Entsagen, suchte und fand Trost in der Tätigkeit für Andre. Dem Fehlgriffe seines Bruders hatte er die ganze Strenge gesetzlicher Vollkraft entgegen gestellt, sich selbst dafür zu strafen, das Mißverhältniß auszugleichen, ward er Geistlicher. In diesem Bewusstsein betrachtet er das Leben, wie ein Feld streitender Kräfte, auf dem Niemand müde werden darf. Am wenigsten kann er das Vonsichdrängen des Kampfes, das Flüchten in die Labyrinthe müßiger Betrachtungen, dulden. Er will immer Gewappnete um sich sehen, überzeugt, dass jeder Augenblick eine That mit sich heraufträgt. Genuss kennt er nicht, in sofern dieser Rast und Ruhe bedingt. Sehen Sie, ehrwürdiger Herr, so gesinnt, dünken ihm Hugo's Aeußerungen lauter Mißtöne. Ich finde gleichwohl Harmonie darin. Geht doch alles in einen Grundton seiner Seele über! diese füllt heißer, ungestillter Durst nach dem, was die Welt nicht hat. Oft denke ich mir, Gott habe den geliebten Mann durch seine ganze Natur zum Priesterstande bestimmt. Er würde sich in den heiligen Abgrund des Geheimnisses versenkt, aus dem verborgenen Quell geschöpft haben. Und doch, finden wir nicht auch unter den Gläubigen dunkle Seher? Ist der tiefe Blick nicht oft der trübe? Bleibt die Sonne darum weniger sie selbst, weil sie hinter dunkeln Wolken weilt? Und eben so, ist Finsterniß darum wirklich Finsterniß, weil wir das Licht nicht sehen? Ich kann mir in einem Menschen alles anders denken, als er nach Außen erscheint. Hugo ist mir in manchen Augenblicken so verständlich, ich traure nur mit ihm. Ein Glück, dass die heitre Elise so viel duftige Farben über das Leben zu verbreiten weiß! ihre Nähe ist uns Allen gewiss recht wohlthätig.
Vorlage S. 176
481
Irre ich in meiner Ansicht, geehrter Freund, so lassen Sie mich recht bald in Ihrer gütigen Antwort den Irrthum einsehen.
Vorlage S. 178
Carl Spitzweg – Der Bücherwurm, um 1850. Motivvergleich zu Lesen und Wissen; keine Darstellung einer Figur dieses Buches.
Kontextbild zum Werk. Der Bücherwurm · Carl Spitzweg · Public domain Bildquelle ↗
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Elise an Sophie
Vorlage S. 179
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Mit Befremden werden Sie an dem Ortszeichen dieses Briefes meinen verlängerten Aufenthalt auf dem Lande sehen. Die vorgerückte Jahrszeit fand mich niemals hier. Es wäre auch jetzt nicht der Fall, hielt eine unvorhergesehene Geschäftsreise Eduard nicht von uns entfernt, wodurch ich Freiheit gewinne, über mein Gehen und Bleiben zu bestimmen. Sie wissen, liebste Sophie, ich reiße mich immer schwer von dem Orte los, wo ich eben bin. Im Frühling möchte ich die Stadt, im Herbst den lieben, wohnlichen Gartensaal mit seinem Kamine, die Blumen und Fruchtkörbe nicht verlassen. Ich kann Ihnen sagen, mir ist recht innerlich wohl, so hier zu sitzen, als brauche ich gar nicht aufzustehen, weder von Einpacken, noch Fortschicken der Wagen, noch von Reisen sprechen zu hören, und Stunden und Tage gehen zu lassen, ohne der Zukunft zu gedenken! Dazu nehmen Sie noch, dass ich im mindesten nichts an fröhlicher Gesellschaft einbüße. Meine Nachbarn folgen meinem Beispiel. Die Eine aus Notwendigkeit, die Andere aus Grille. Auf der Burg hält das Podagra den Comthur, die Pflicht ihn zu pflegen, die jungen Leute, zurück; in Ulmenstein erinnerte sich die Gräfin, dass man in England immer erst spät nach der Stadt zurückkehrt; zudem ist es pikant, sich erwarten zu lassen. Diesen Triumph vorzubereiten, bietet sie jedes Mittel auf, dem Rufe ihres Hauses noch an Glanz und erhöheter Fröhlichkeit das Wünschenswertheste hinzuzusetzen. Man jagt in ihrem Park, spielt Comödie, stellt lebende Bilder dar, sitzt in großen Kreisen und am gastlichen Kamin, und erzählt schauerliche Geistergeschichten bis in die Nacht hinein. Von fern und nahe strömen müßige, neugierige, oft lebensfrohe Genossen herzu. Es ist, ich versichere Sie, ein sonderbares, konfuses Treiben dort, das eben, in seiner Anarchie, etwas Berauschendes hat, und dem ich mich zu Zeiten gern überlasse. Einen seltsamern Contrast giebt es nicht, als wenn nun Einzelne, des ewigen Wirrwarrs müde, nach der ernsten Burg, oder mit dessen Bewohnern, hierher zu mir flüchten, wir zu zweien oder vieren in einem kleinen, geschlossenen Kabinet sitzen, die Welt drüben ganz vergessen, nichts wollen, als stilles Genügen im Beisammensein, ruhigen Gesprächs, warme, beseelende Mittheilung. Und wie sich die Brust dann plötzlich erweitert, ein rascher Blitz das Gemüt trifft, und schnell ein Funke den andern fasst, bis alles hell und durchsichtig um uns ist! – O Liebe! – Oft noch spät, nach einem durchschwärmten Tage kommen wir Abends so zusammen. Dann ist es, als haben die wechselnden Berührungen von Aussen die Saiten in uns nur angeschlagen, damit ein lang verhaltenes, geheimnißvolles Echo die Töne schwer, aber tief zurückgebe, und so das Mißgestimmte in Akkorden zusammenfließe.
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Vor Kurzem wohnten wir zu Ulmenstein einer Vorstellung des schwarzen Mannes von *** bei. Eines von jenen Theaterstücken, die am häufigsten auf Privat-Bühnen gegeben werden, und viel zu schwer für die augenblickliche Belustigung sind. Der junge Leontin, Sohn des Baron Wildenau, machte die Rolle des spleenkranken Engländers. Agathe hatte man zu seiner Gattin erwählt. Sie spielte maniirt, war mehr mit ihrer kleinen Person, als mit dem Charakter derjenigen beschäftigt, die sie vorstellen sollte, kurz sie war, was die meisten Püppchen, die man so figuriren lässt, zu sein pflegen. Dies stach auffallend, und nicht zum Nachtheile Leontins, gegen dessen düsteres Spiel ab. Es lag erschütternde Wahrheit darin, und wenn er auch, wie nicht zu läugnen, den Ort, den Zweck, ja vielleicht den Gedanken des kleinen Drama ein wenig aus der Acht ließ, so weckte er auch dafür Empfindungen, die weit über den flüchtigen Zeitvertreib hinausgingen. Ich sah mir den Mann zum erstenmale genauer an. Er hatte sich uns früher mit nachläßiger Hingebung angeschlossen, doch meist nur den stummen Zuhörer bei unserer Unterhaltung abgegeben. Sein Wesen deutet auf Leerheit oder Zurückgezogenheit. Ich schwankte in meinem Urteile, doch war ich geneigt, von Beiden etwas anzunehmen. Jetzt, auf den Brettern, schien er plötzlich den Ausdruck seines verhüllten Selbsts gefunden zu haben. Ich ward aufmerksam auf ihn. Den folgenden Abend trafen wir auf der Burg zusammen. Er hatte seinen schwarzen Rock nicht mehr an. Der hellfarbige Frack, nach englischer Sitte, mit weit über die Handknöchel hervorgezogenem Hemde, die künstlich gelegte, steife Cravatte, das bauschige Jabot, erinnerten an viele unserer maniirten Anglomen, und rief mir es zurück, dass man ihn allgemein in diese Cathegorie setze. Ich hasse ein für allemal jede Copie. Er musste indeß die fremde Manier gut aufgefaßt haben, wenn in seinem Spiel nicht eigenthümlicher Charakter lag. Ich brachte das Gespräch darauf. Hugo persiflirte das Stück. Wir sind selten einer Meinung. Ich wollte doch tiefere Anklänge darin finden. Leontin sagte wie gewöhnlich nichts. Als nun aber mein ewiger Widersacher mit vieler Laune einwarf, dieser Engländer sei, wie die meisten Figuren der Art auf unserer Bühne, eine Puppe, nach todten Formen gebildet, mit abgerissenen Lappen, schlecht abstrahirten Raisonnements ausgestopft, ein Ding, das sein Pensum hersage, und zuletzt durch eine unmodivirte Catastrophe zu einem stillen, guten Manne aus der bürgerlichen Welt gemacht werde: da wandte ich mich ärgerlich gegen Leontin, und rief ihn auf, ein Geschöpf der Phantasie zu vertheidigen, in das er sich so vollkommen hinein gedacht, das er verwirklicht habe.
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Er blickte ein wenig finster auf, indem er ruhig erwiederte: »Nun, mein Gott, der schwarze Mann ist ein Sceptiker, der eine Seele hat, ohne sie zu fühlen, und plötzlich eine andere findet, durch die er zu sich selber kommt.«
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Es war augenscheinlich, Hugo überraschte die Antwort. Er sah mich lächelnd an. War es nun, um Recht zu behalten, oder wollte er Leontin leise verspotten, er fragte, ob er dem Schreckschuß zu guterletzt die Gewalt zutraue, eine, auf Grundsätzen basirte Sinnesart so mit einemmale, wie Spreu, zu zerstäuben? Er, seiner Seits, wittre hinter dem Knall und Dampf ein Leichenfeld aller Gefühle, und den wahren Tod, den man zum Scheintod habe machen wollen.
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Leontin entgegnete mit mehr jugendlicher Wärme, als ich ihm zugetraut hätte: »Das Leben eines Menschen ist am Ende kein Pappenstiel! um es bei einem geliebten Wesen aufs Spiel gesetzt zu sehen, kann wohl erschüttern, und auf Gedanken bringen, die man früher nicht hatte.«
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Er erzählte hierauf, nach einer kleinen Pause, wie er im nördlichen England einem Manne begegnet sei, welcher durch völlige Entäußerung alles selbstbestimmten Handelns, den Anstrich des Wahnsinnes bekommen habe, ob er gleich, in jeder andern Beziehung, einen klaren, folgerechten Geist bewährte. »Dieser Sonderling,« fuhr der Baron fort, »kam und ging wie Jemand, der ohne Zweck des Daseins lebt. Er verlangte weder Speise, Trank noch Ruhestätte, genoss indeß, was man ihm bot, ohne Widerstand, wie ohne Verlangen. Im Mittelstande geboren, hatte er sich früher als Rechtsgelehrter sehr ausgezeichnet, doch irrte er schon lange geschäftslos umher. Die welke Hingebung seines Wesens, der nachläßige Anzug, das Willenlose bis in die geringste Lebensanforderungen, bildete einen räthselhaften Contrast mit dem großen, feurigen Auge, einer blühenden Gesichtsfarbe, und raschen, oft launigen Ergüssen des Witzes. Man war verlegen, ob man den Mann für krank, oder absichtlich maniirt halten sollte? Allein, weder von dem Einen noch dem Andern ließ sich eine Spur entdecken.
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Ich ward,« setzte der Baron seine Erzählung fort, »durch diese originelle Erscheinung an der Wirthstafel eines kleinen Städtchens lebhaft angezogen. Täglich sah man hier den Gegenstand so mancher unstatthaften Vermuthungen, in Gesellschaft eines, ihm auf Leib und Leben ergebenen Freundes, wiederkehren. Denn Letzterm schien daran gelegen, seinen Schützling allmählig in mannigfachen Beziehungen einzuspinnen, woraus er ein Gewebe unbestimmter Anregungen, in Gedanken entstehen und den trüben Wahn des Gemüthskranken schwinden sah. Er ließ dies mehr durch sein Benehmen, als durch unmittelbare Aeusserungen abnehmen. Er vermied im Gegentheil alles fremde Zudringen. Man hörte ihn immer nur ausweichend über den Freund reden. Was er indeß auch hoffte, und wie er die Erfüllung vorbereitete, es sollte anders kommen.
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Eines Tages, als die Tischgenossen länger wie gewöhnlich beisammen blieben, viel erzählt und viel getrunken ward, ohne gerade sonderlich auf ein starkes Gewitter zu achten, das über den Ort hinzog, fuhr plötzlich der Blitz nieder, und zündete in seinem unzuberechnenden Laufe an zwei Stellen des leicht, aus Fachwerk erbauten Hauses. Dampf und Geschrei, das Brausen der Flamme, so wie die Furcht vor ihrer Annäherung, jagten die Sorglosen von ihren Plätzen auf. Es stürzten alle durch einander hin. Man ergriff, fasste, was zu retten stand, mindestens sich selbst, da bald jeder Einzelne hier bedroht war. Den Advokaten hatte man im ersten Wirrwarr gleich vermisst. Sein Freund glaubte jedoch ihn an seiner Seite zum Hause hinausgehend, gesehen zu haben. Er rief ihn deshalb mit lauter Stimme; da jener aber keine Antwort gab, wandte sich der Erschrockene wiederum nach der Brandstätte. Hier prallte er vor der Gluth des zusammenstürzenden Gebäudes zurück. Das ganze Haus lag in schwarze Rauchwirbel verhüllt, zwischen denen Funken und Flammen in wilder Wuth prasselten. Ein kürzlich vollendeter Anbau von massivem Mauerwerk, in welchem sich das Eßzimmer befand, war freilich durch davorstehende Bäume geschützt, und bis jetzt ziemlich außer Gefahr geblieben. Allein, den Weg von Innen dahin zu betreten, lag außer dem Bereich denkbarer Möglichkeit; denn ward auch allenfalls durch den Garten der schmale Hof erreicht, in welchen die Fenster des neuen Flügels hinausgingen, so durchdrang die innere, wachsende Hitze doch den engen Raum schon in solchem Maaße, dass der Vorrath aufgestapelten Brennholzes, welcher sich hier befand, durch ein inneres Knistern und Dampfen, das nahe Losbrechen der Flamme nur allzu furchtbar verkündete, weshalb sich denn auch Niemand mehr mit Löschgeräth hierher wagte, aus Furcht, in dem Dunste zu ersticken. Alles dieses hielt indeß den treuen Freund nicht zurück. Mit einer niedern Gartenleiter versehen, drang er glücklich bis zu der Fensterbrüstung des Gemaches, in welchem er den Vermissten zu finden hoffte. Die Mauer glühete wie eine Feueresse, alle Scheiben waren bereits gesprungen. Der heldenmüthige Mann glaubte mitten in Flammen zu stehen. Dem ungeachtet gelang es ihm, jedem Hindernisse zu trotzen. Er war jetzt mitten im Saale. Seiner kaum noch bewusst, fiel gleichwohl sein erster Blick auf den ruhig dasitzenden Advokaten, der ihn verwundert anstarrte.
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›Um Gottes Willen,‹ rief der Eintretende, ›was machst Du hier? Geschwind, besinne Dich nicht lange! Folge mir, sonst sind wir beide verloren!‹
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Der Andere winkte abwehrend mit der Hand. ›Geh!‹ bat er, ohne sich von der Stelle zu rühren, ›geh! ehe es zu spät wird! Mich lass hier,‹ setzte er hinzu. ›Ich entfliehe dem Verderben nicht, glaube mir, am wenigsten, wenn ich dabei tätig sein wollte.‹
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›Thorheiten!« versetzte jener, ›ist es jetzt Zeit, albernen Grillen Raum zu geben?‹
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Mit diesen Worten umschlang er den willenlosen Träumer, riss ihn vom Stuhle auf, schleppte ihn zum Fenster, und ohne die kreisenden Funkenwirbel zu achten, die jetzt den Hof erfüllten, ohne die prasselnden Holzhaufen zu fürchten, bestieg er die Leiter, den Advokaten auf dem Rücken tragend. Doch, kaum hatte er die ersten Sprossen betreten, so fühlte er sich unter seiner Last erliegen, er schwankte, die Gluth um ihn her raubte ihm die Besinnung, er widerstand einem jähen Schwindel nicht, der ihn und den unglücklichen Freund mit einem fürchterlichen Fall zu Boden stürzte. Der Advokat fiel auf seinen Retter. Einen Augenblick harrte jener, was nun geschehen würde? Da aber der Andere kein Zeichen des Lebens gab, so durchzuckte die entsetzliche Ahndung der Wahrheit den Kranken. Er sprang empor, umfasste und trug seinen Wohlthäter durch den Garten, über die Straße, zu seinem Hause hinein, rief Aerzte herbei, ordnete mit kluger Besonnenheit jedes erdenkliche Rettungsmittel an; nichts lähmte seinen Eifer, selbst der niederschlagende Ausspruch des Arztes nicht, der alle angewandte Mühe für vergeblich erklärte. Noch einmal schlug der treueste der Freunde die Augen auf, ein kurzer Kampf vollendete das Opfer seines Lebens.
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Jedweder zitterte nun für das Geschick des Zurückbleibenden. Laut weinend stand dieser am Grabe des Einzigen, der ihn so geliebt. Als die herabrollende Erde jetzt die Gruft füllte, ein kleiner Hügel die Stelle bezeichnete, seufzte der Advokat tief, sein dunkles Auge lag fest am Boden. Träumerisch sagte er nach einer Weile: »So oder so! Es ist alles Eins! Man muss, was man soll! O!« rief er plötzlich mit dem Ausdruck des bittersten Schmerzes: »Sei ruhig, lieber Freund, da unten in Deinem Bette, ich will, ja ich will arbeiten hier auf Erden, vielleicht erliege ich wie Du, Unvergesslicher!«
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Er hielt in so weit, was er versprochen, dass man ihn von jetzt seinen früheren Beruf mit Eifer erfüllen sah. Noch in den ersten Tagen heftiger Erschütterung theilte er mehreren neugewonnenen Bekannten den Grund seiner frühern Seltsamkeit mit. Schon als Kind hörte er seine Wärterin sagen: »Was der anrührt, zerbricht.« Sie hatte recht, deshalb schmerzte es ihn. Er ward ängstlich. Spielte er mit den Geschwistern, so traf er wohl Diesen unglücklich mit dem Balle ins Auge, oder stieß im Laufen einen Andern, dass er fiel, und sich verletzte. Bald verlor er die Lust am Spiel. Zurückgezogen und einsam, lernte er aus Langweile mehr, als die Gefährten. Weniger zerstreut als sie, vergaß er selten das Erlernte.
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Das blieb nicht unbemerkt, allein es diente nur, seine Mitschüler zu beschämen. Eifrige und lebhafte Lehrer thaten das oft schonungslos. Der Träumer, den Niemand leiden mochte, ward vollends verhaßt. So fühlte er nur Qualen in dem, was Andere erfreut hätte.
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Als er die Universität von Cambridge bezog, war er mit den glänzendsten Zeugnissen ausgerüstet. Er wagte nur schüchtern davon Gebrauch zu machen. Die Art seines Benehmens dabei theilte sogleich die Meinung über ihn. Er stellte sich, und stand unbestimmt. Spott über den linkischen Neuling konnte nicht ausbleiben. Er ertrug das, so lange es zu ertragen war. Dann folgten ernste Händel. Er focht sie glänzend aus, allein auf Kosten eines bildschönen Jünglings, den er durch einen Hieb übers Gesicht für die Zeit seines Lebens entstellte. Jetzt war es vollends um seinen Ruf getan. Man beschuldigte ihn, den Streich absichtlich so geführt zu haben. Dies verwundete seine Seele mehr, als Alles Vorhergehende. Er verließ Cambridge.
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Gleichwohl konnte es bei seinen Kenntnissen nicht fehlen, dass er schnell in seiner Bahn vorrückte, und in Amt und Wirksamkeit trat. Von der übrigen Welt zurückgezogen, weihete er sich nun ganz seinem Berufe. In Kurzem hörte man seinen Namen bei Lösung verwickelter Rechtshändel mit Achtung nennen. Vorzüglich gewann ihm die Entscheidung eines vieljährigen Prozesses allgemeine Aufmerksamkeit. Allein, eben der Ausgang desselben füllte seine Brust mit Kummer, denn indem er dem lang bestrittenen Rechte alle Gültigkeit verschaffte, und es siegreich aus dem Labyrinth unzähliger Irrungen hervor hob, führte er nur den Sturz einer angesehenen Familie, ja den Selbstmord ihres gesunkenen Oberhauptes herbei. Der Advokat schauderte vor dem Anteil, den sein unseliges Mitwirken in der Sache hatte, und als ein Jahr später eine jugendliche Verbrecherin, durch ihn zum Bekenntnis ihrer Schuld gebracht, der gerichtlichen Strafe überliefert ward, traten die prophetischen Worte der alten Wärterin: »Was der anfaßt, zerbricht!« wieder in seine Erinnerung.
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Er beschloss, dem feindlichen Geschick ein Ziel zu setzen. So ward er ein müßiger Grübler, zuletzt ein Automat aus Grundsatz. Er glaubte abwenden zu können, was überwunden sein will.«
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Leontin schwieg. Hugo war indeß leise mit gesenktem Haupte im Zimmer auf und abgegangen, ohne uns in seinen Mienen den Anteil lesen zu lassen, den ihm diese sonderbare Erzählung einflößte. Jetzt stand er still, sah auf, indem er Leontin fragte: »Und hat er es überwunden?«
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»Ich denke ja!« war die Antwort. Hugo schüttelte den Kopf. »Ich fürchte Nein,« entgegnete er. »Rufen Sie sich nur zurück, was ihm unbewusst am Grabe des Freundes über die Lippen flog, das war die innere Anschauung seiner Bestimmung. Wem die einmal klar ward, der ist nicht mehr zu täuschen. Der Mann wusste auf ein Haar, was er zu erwarten hatte, verlassen Sie sich darauf. So oder so! Es ist alles Eins! –«
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Emma heftete einen sonderbar fragenden Blick auf ihn.
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Liebste Sophie, vergeben Sie mir meine Offenheit; allein diese Frau sieht zuweilen so verwundert und fremd in Dinge hinein, als wäre gar kein Schlüssel in ihr, zu den Räthseln eines großartigen Charakters. Ich weiß nicht, ob Hugo dieselbe Empfindung hatte, allein er mied jetzt ihr Auge, das ihn nicht verließ. Anders war es mit Leontin. Dieser saß mit untergeschlagenen Armen der schönen Frau gegenüber, ohne Theilnahme für das, was fernerhin gesprochen wurde, ganz versunken in Gedanken, welche eine innere Verwandtschaft mit dem haben musste, was Emma's Seele beschäftigte, denn, ob er gleich nur flüchtig, und wie unter melancholischen Wolken, aufsah, so verrieth doch sein Gesicht, was in ihm vorging. Es ist nicht zum erstenmale, dass ich diese fliegende Schatten von ihm zu ihr hinübergleiten sehe. Ich weiß nicht, weshalb mich das so erschüttert? Auch jetzt. Allerlei Gedanken schwirrten mir zugleich durch den Sinn. In einer Art Verlegenheit, in die ich wohl gerathe, wenn das Gespräch plötzlich stockt, trat ich zum Clavier. Erst schlug ich auf gut Glück einzelne Töne an, dann spielte ich die Melodie von Göthe's Fischerliede. Hugo setzte sich zu mir. Er hat eine volle, schöne Stimme, ich höre ihn gern, und ließ mir seine Begleitung gefallen. In den Worten:
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»Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm,
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Da war's um ihn gescheh'n;
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Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
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Und ward nicht mehr geseh'n«
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lag seine ganze Seele. Ich sah eben bei der letzten Strophe zu ihm auf. Er war ungewöhnlich bewegt. Mir ward auf einmal klar, wie er dürste, sich mit einer unbekannten Gewalt zu messen, wie geisterhaft ihn diese locken, und was er tun und leiden könne, um sich nur selbst in dem erhöheten Gefühl zu entgehen.
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Sophie! mich dauert jeder, dem man Fesseln anlegt. Dieser, vor vielen Andern, war es werth, frei zu bleiben.
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Ich schüttelte unwillkührlich den Kopf, als das Lied geendet war. Er bog sich näher zu mir, indem er leise fragte: Ob ich ihn auch mißverstehe, wie die Meisten, auf deren Gesichter er nichts als tadelnde Verwunderung lese?
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»Was kümmert Sie die Meinung Anderer?« entgegnete ich rasch. »Sie achten Niemand genug, um viel auf ein Urteil zu hören.«
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»Sie tun mir wehe,« entgegnete er verletzt. »Ich bin nicht starr und dünkelhaft, glauben Sie mir. Wie ich mich zu den Menschen stelle, so stehen gemeinhin alle, ohne es zu wissen. Ihr eigentliches Selbst bleibt ein unenthüllbares Geheimnis. Der Schleier zerreißt nur durch den zündenden Blitz zusammenfallender Gefühle. Der Blitz« – – – er hielt inne. Ich mochte nicht weiter in ihn dringen. Sein Herz lag ihm schon auf der Zunge. Solch ein Vertrauen, das geahndete Mißverhältnisse zwischen zwei gleich lieben Menschen ausspricht, ist um so peinlicher, wenn, wie hier, der Druck gerade von der Seite am stärksten empfunden wird, wo mit der größten Kraft auch die Fähigkeit liegt, ihn abzuschütteln. In solchen Fällen ist das Wort schon halbe That, und wenn diese auch nicht ausbleiben wird, so mag ich auf keine Weise Theil daran haben.
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Ich war aufgestanden, ich wollte fort, mir war es entgangen, dass Sturm und Regenwetter die Nacht undurchdringlich machten. Ich musste endlich darein willigen, den morgenden Tag auf der Burg abzuwarten. Leontin ließ sich indeß nicht zurückhalten. Er bestieg, trotz des wilden Aufruhrs der Elemente, sein Pferd. Wir Alle traten ans Fenster, und baten ihn, umzukehren. Er entgegnete wenig, grüßte, und ritt seines Weges. Wie er sich so unter dem heftigen Regen, der zwischen den Bäumen herabfiel, allmählig in den schwarzen Hintergrund der Bergwände verlor, ließ er mir ein undeutliches, unbequemes Gefühl zurück. Mir ward beklommen, wie bei einem angekündigten Geheimnis, dessen Bedeutung man noch nicht kennt. Ich weiß nicht, wie dieser eintönige Mensch so schwere und tiefe Klänge in der Seele anschlagen kann! Alles dies irrt und quält mich in seiner Nähe, und doch möchte ich ihn in unserm Kreise nicht missen.
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Den andern Morgen schien die Sonne hell in mein Zimmer. Alle träumerischen Grillen waren wie verflogen. Ich lachte mich aus, eilte in das Frühstückzimmer, und wollte nun alles Ernstes machen, dass ich nach Hause käme. Es war indeß hier leer. Ich suchte Emma. Man wies mich nach dem Thiergarten. Ich sah sie schon von ferne, zwischen den entlaubten Bäumen, in einen grauen Mantel gehüllt, einsam stehen. Gemächlich kamen jetzt zahme Hirsche und Rehe aus dem Dickicht auf sie zu. Sie naheten ihr, und standen nun scheu und erwartend da, bis sie die Hand nach einem Gefäß ausstreckte, was eben ein Jägerknabe brachte. Jetzt drängte das Wild sich in dichten Rudeln um sie her. Sie streute ihnen Futter in kleine, zu dem Ende angebrachte Krippen. Der Knabe ging, da sein Geschäft abgethan war. Emma blieb, an den dunklen Stamm einer Eiche gelehnt, allein zurück. Sie hatte noch ihre Lust an den Thieren. Doch lag etwas in ihrer Stellung, in dem winterlich verödeten Hain, ja, in dem Gedanken, dass sie hierher ihre Liebe tragen müsse, was mich unbeschreiblich rührte. Mir fiel allerlei Trauriges, alte Mährchen, das Gedicht der Genovefa ein, ich flog auf sie zu, ich schloss sie in die Arme, mir traten Thränen in die Augen, sie verstand meine Rührung nicht, ihr Wesen ist ruhig, doch gefühlvoll, so drückte sie mir die Hand, und ohne mich um das zu befragen, was ihr auffallen musste, begleitete sie mich nach dem Schlosse. Mit uns zugleich nahete sich Hugo diesem. Er kam von der Jagd. Mehrere Jäger folgten ihm. Sie gingen den jenseitigen Rand des Burggrabens entlang. Als uns der Graf gewahr ward, gab er Flinte und Jagdtasche weg, und sprang mit großer Leichtigkeit über den Graben. Emma erschrack, die Jäger murmelten beifällig, Hugo lachte, als ich ihm vorwarf, uns um eine coquette Bizarrerie willen beunruhigt zu haben. Er mochte sich getroffen fühlen, denn er ließ es hierbei bewenden, ihm lag etwas Anderes im Sinn. Durch Jagdlust und Morgenfrische angenehm erregt, hatten sich ihm allerlei belustigende Bilder erzeugt. »Wir sollten,« sagte er, »das Leben in Ulmenstein einmal durch phantastische Zwischenspiele auffrischen. Mir ist eingefallen, die Neigung der Gräfin fürs Theater auf andere Weise zu benutzen. Wie wäre es, wenn sich eine muntere Gesellschaft vereinte, unerkannt, unter der Firma einer reisenden Schauspielertruppe auf dem Schlosse Zutritt zu suchen, und irgend eine wirkliche Posse auf das dortige Theater brächte?« Mich ergötzte der Einfall, ich stimmte ihm fröhlich bei. »Was sagen Sie zu einzelnen Scenen aus dem Sommernachtstraum von Shakespeare?« fragte er, ganz mit seinem Plane beschäftigt. »Es ist gerade so viel Spaß dabei, um zu belustigen, und mehr Tiefsinn, als die Seele tragen kann, wenn sie nicht Spott damit treibt.«
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Wir waren bald einig. Der Morgen verfloß unter Entwürfen, Vorkehrungen und all dem Unterhaltenden, was der Verwirklichung eines Projectes vorangeht. Wir hatten beschlossen, zuerst die plumpen Gesellen in der Probe des Pyranus und Tisbe auftreten zu lassen, und dann die Elfenscenen zwischen Oberon und Titania, sammt der Bezauberung Zettels folgen zu lassen. Die Aufgabe war nicht klein. Doch, einmal mit dem Gedanken vertraut, übernahm ich es, die zierlichen Geister zu suchen, und für unsern Zweck zu gewinnen. Emma lächelte über meinen Eifer. Darauf fragte sie, ob mir nicht etwas unheimlich bei einem Spiele sei, das fast zu schauerlich die Täuschbarkeit des Herzens verhöhne? »Weshalb?« fiel Hugo rasch ein, »es giebt keinen köstlichern Spiegel, als die Ironie. Wo alles auf dem Kopfe steht, nimmt man es mit sich selber nicht allzu genau.«
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Emma entfärbte sich. »Es ist nur ein Glück,« hob sie nach einer Weile an, »dass zuletzt ein zärtlicheres Empfinden ausgleicht, was muthwillige Neckerei verwirrte.« »Wer weiß,« lachte Hugo, »hat der schlaue Oberon nicht dennoch einen trügerischen Frieden geschlossen; in dem Falle wäre der letzte Betrug der ärgste!« »Wie meinst Du das?« fragte Emma. »Nun,« entgegnete er, »dass im Gelingen oft das Mißlingen liegt.« Sie sah eine Weile nachdenkend vor sich nieder. »So gäbe es keinen Faden aus dem Labyrinth der Träume,« seufzte sie. »Der eine straft nur den andern Lügen, und Wahrheit –« »Ist der Stein der Weisen,« ergänzte Hugo, ihre Hand ergreifend, »wir suchen alle darnach, mein Kind! –« Sie schüttelte den Kopf. Nach einigen Augenblicken verließ sie das Zimmer. Mich dünkte, ihre Augen waren feucht. Es that mir wehe. »Sonderbar,« rief der Graf, »Hausfrauen haben jedem luftigen Spinngewebe, auch dem der Phantasie, den Tod geschworen. Sie stoßen gleich mit einer handwerksmäßigen Waffe dagegen. Ihr Nützlichkeitsgefühl leidet gar zu sehr, dass sich aus den Fäden nichts Haltbares drehen und weben lässt!«
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»Das ist freilich ein entsetzliches Unrecht in den Augen derer,« rief ich aus, »die sich nicht gern halten lassen, und so auf den Wechsel gestellt sind, dass ihnen der geordnete Sinn und das beständige Herz untergeordnete Gaben dünken, über die sie lustig hinfahren können!« Hugo sah mich überrascht an. »Elise!« sagte er leise. Es lag etwas Geheimnißvolles in dem gedämpften Laute seiner Stimme. Ich wollte lachen, um meine Bewegung zu verbergen, aber ein Blick auf ihn nahm mir den Muth. Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, was aus seinen Zügen so ängstigend und rührend zugleich sprach. Ich mochte nicht dabei verweilen, ich flog zu Emma. Die liebe Frau! – Gewiss, Sophie! sie ist bei alledem ein Engel. Wäre ich an ihrer Stelle! – Mein Gott! welch ein toller Gedanke! –
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Leben Sie wohl! Ich will nun den ewig langen Brief schließen. Noch einmal, leben Sie wohl, liebe Sophie! Ich habe oft die lebhafteste Sehnsucht, Sie zu sprechen. Wären Sie doch hier! Zuweilen komme ich mir ganz verlassen vor. Ich werde verstimmt, schwermüthig, es liegt mir wie eine Schuld auf der Brust, und doch weiß ich nichts, was ich mir vorwerfen sollte.
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Kommen Sie bald, recht bald zurück! Sie haben unrecht, um einer Einzigen willen, Alle, die Sie lieben, zu vergessen. Erwägen Sie das wohl, Sophie!
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Sophie an Elise
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Die flüchtigen Zeilen, welche Sie mir von den Ufern des kleinen Waldsees schrieben, sind richtig in meine Hände gekommen. Wollte ich den Inhalt nach der Zahl der Worte messen, liebe Elise, so würde ich Ihre Eile anklagen, und etwas eifersüchtig auf das neue Verhältnis zu Ihren jungen Nachbarn drein sehen müssen. Allein Sie dachten an mich, Ihr liebes, offnes Herz suchte die Entfernte mitten in dem frohen Aufrufe angenehm bewegter Gefühle! Auch dass Sie mit dem Blättchen zu dem still umgränzten Wasser flüchteten, dass Sie hier, mit der Freundin allein sein wollten; gerade das, Liebste, giebt dem Briefchen unschätzbaren Werth. Nur wünschte ich, Sie hätten einen andern Boten gewählt. Dieser unstäte Neuigkeitsjäger, den die Langweile durch das Leben hetzt, der arglos heißt, weil er unbedeutend ist, und eine ehrliche Seele genannt wird, weil er zu flach und zu bequem ist, sich anders zu zeigen, als er ist; kurz, Ihr Vetter Curd ist zu keiner guten Stunde hier aufgetreten. Erst freuten wir uns, den Landsmann, den Bekannten wieder zu sehen. Er ward mit Fragen bestürmt. Aufmerksam horchten wir auf jedes seiner Worte, wir ließen es uns gefallen, dass er deren mehr machte, als nötig war; doch der Zügel ward ihm zur Unzeit gelassen. Er schwatzte das Hundertste ins Tausendste. Bald wusste er nicht mehr, wo und zu wem er sprach. Zweideutige Anspielungen, triviale Anekdoten, aus müßiger Beobachtung und geistloser Spottsucht zusammengetragen, tauchten erst versteckt auf, wagten sich dann dreister hervor, und reichten eben hin, die reizbare Verletzlichkeit meiner lebhaften Freundin auf das Unangenehmste in Bewegung zu setzen. Denn, wurden auch nicht Namen genannt, so waren doch Verhältnisse bezeichnet, und ohne den Schlüssel zu dieser eigenthümlichen Chiffresprache der Klätscherei zu besitzen, ließ sich leicht combiniren, was und wie es gemeint war.
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Von jetzt an sieht die Oberhofmeisterin mit gespanntem, feurigem Blick in das innerste Familienleben ihrer Tochter hinein. Was sie immer unter wachsendem Unwillen geahndet, wird ihr Gewissheit.
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Sie glaubt, Emma's Unglück als ausgemacht annehmen zu müssen. Für sie ist länger keine Ruhe hier. Zwischen Furcht, jenen Argwohn bestätigt zu finden, und dem brennenden Verlangen, die Urheber ihrer gescheiterten Hoffnungen zu strafen, treibt sie zur Abreise, und zögert mit dieser. Indeß beschwichtigen Emma's Briefe, die den vollen Frieden ruhiger Uebereinstimmung mit sich und der Welt athmen, von Zeit zu Zeit die leidenschaftliche Mutter. Allein das sind Augenblicke, die nicht vollwichtig genug sind, peinliche Zwischenräume zu füllen, in denen eine stets zu eigener Qual arbeitende Phantasie unbeschäftigt bleiben könnte.
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So bewährt es sich denn aufs Neue, dass ein leeres Gefäß, welches die Gelegenheit mit ihren zufälligen Gaben füllte, gewöhnlich mehr Gift enthält, als das boshafte Genie aus sich selbst zu erzeugen vermag; gewiss, Klätscherei ist eine ärgere Feindin des Familienfriedens, als Verläumdung!
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Ich gestehe es, ich bin bekümmert, auch um das, was nicht ist, und gleichwohl scheint. Der Ruf ist darum so heilig, weil er den Weg zu menschlichem Vertrauen bahnt oder verschließt.
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Dass eine Gesinnung, wie die des Grafen, in Widerspruch mit den Anforderungen der Gesellschaft gerathen musste, war von Anfang nicht zu verkennen. Vieles davon musste, früh oder spät, störend ins Leben treten. Ich war darauf gefasst, ich erwartete für Emma nur in sofern Zufriedenheit, als ich fest auf die großartige Selbstentäußerung ihrer frommen, frühgereiften Sinnesart baute. Allein, es ist etwas, außer der allgemeinen Freigeisterei, in Hugo's Benehmen, das über jene ein zweideutiges Licht wirft, und es dahin gestellt sein lässt, ob ein kranker, unstäter Sinn, ob herzloser Egoismus, Unfähigkeit, irgend einen Gegenstand ganz zu umfassen, oder kühner, jugendlicher Trieb, das All sein zu nennen, den größern Anteil an seinem kalten Entschlüpfen innigerer Bande hat?
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Sie sehen, liebste Elise, das Gift hat mich auch nicht unangefochten gelassen! Ich schäme mich fast, keine kräftigere Gegenmittel angewendet zu haben; allein, man thue, was man wolle, es bleibt immer etwas von dem Gehörten zurück. Dann weiß ich auch sehr wohl, wie viel ich von dem zu halten habe, was mir Curd, im Vertrauen auf ein williges Ohr, heimlich zuflüsterte, auch kann ich leicht abnehmen, wie Gerüchte entstanden, die den geistvollen, feingebildeten Grafen edlere Gesellschaft verschmähen, Tage und Nächte bei umhertreibendem Gesindel in Wäldern und Feldern weilen, mit ihnen auf müßige Abentheuer ausziehen lassen, so liegt doch dem Allen die Wahrheit zum Grunde, dass Hugo unbeschäftigt, läßig und zwecklos umherstreift, die wilden Forsten, seiner Häuslichkeit vorzieht, Emma unbeachtet lässt, in nichts verräth, dass er ernsten Anteil an der Welt wie an seinem Berufe nimmt. Nicht der Bau des neuen Schlosses auf den angränzenden Gütern, noch diese selbst, wie unbeschränkt sie ihm auch schon jetzt als Eigenthum überlassen wurden, nehmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Es scheint, er habe sich in das ihm unbekannte Verhältnis, ohne Wunsch und Wille, hineinziehen lassen, und verharre nun auch so in ihm. Was aber füllt sein Inneres? womit täuscht er den strebenden Geist, dessen Fittige noch jüngst so unruhig rauschten und höhern Flug verhießen?
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Ich frage Sie, liebe Elise, da Sie ihn fast täglich, wie ich glaube, sehen und sprechen. Sie sind unbefangen und offen. Ihrem Urteile vertraue ich gern, Sie werden mir sagen, wie er Ihnen erscheint. Ich bedarf in der That einige Sicherheit, um den wechselnden Stimmungen meiner armen Freundin zu begegnen. Sie ist durchaus unfähig, ein Bild aus der Ferne festzuhalten. Ihre Empfindungen sind viel zu beweglich, um die Phantasie irgend etwas vollenden zu lassen. Sie erträgt die Anschauung des Unglücks nicht, und mißtrauet dem Geschick zu sehr, um tröstlichen Verheißungen geduldigen Glauben zu schenken. Deshalb treibe ich unabläßig zur Rückkehr in die Heimat. Es hält uns auch in der That nur die vorgerückte Jahrszeit, welche der Gesundheit meiner Gefährtin nachtheilig werden könnte, vor der Hand hier fest. Wir leben gleichwohl mit unsern Gedanken und Gefühlen mehr im Vaterlande, als an den blühenden Ufern des Arno. Denn wo die Seele ihren Frieden nicht findet, wird der Anblick des Schönen nur eine trübe Mahnung an den Druck, der uns so beugt, dass wir unempfindlich gegen die vielen Gaben der Natur und Kunst bleiben. Sie begreifen mich vielleicht nicht in dieser Verstimmung, die Ihnen fremd an mir sein muss. Ich selbst, liebe Elise, würde mir unverständlich werden, schöbe ich nicht etwas von so viel Muthlosigkeit auf Rechnung der stets leidenschaftlich wogenden Unterhaltung mit einer Frau, die mir Mitleid wie peinliche Besorgniß einflößt. Und dann – es liegt etwas Tragisches in dem Gedanken, dass kein Opfer, das einmal zertrümmerte Glück eines Hauses wieder herstellen kann. Meine schöne, junge Freundin, wenn Sie mich von dieser immer wachsenden Ueberzeugung mehr ergriffen sehen, als es sich mit meinen isolirten Verhältnissen im Leben verträgt, so suchen Sie den Grund davon in der Theilnahme für Andere. Diese warme Theilnahme, die auch Ihr Geschick liebend umfasst, lässt es nicht zu, dass ich ruhig bleibe, wenn ich für die Ruhe allzu sicherer Freunde zittere.
Vorlage S. 206
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Uebersehen Sie das nicht, Beste, und verzeihen Sie mir, wenn ich zu weit gehe!
Vorlage S. 208
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Hugo an Heinrich
Vorlage S. 208
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Wenn Du Dir, wie ich nicht zweifle, die alte Gewohnheit bewahrt hast, lieber Heinrich, mich auf gute Manier auszulachen, so biete ich Dir heute die willkommenste Veranlassung dazu. Nichts Lächerlicheres als ein abgeblitzter Spaß, und keine ärgere Zielscheibe des Witzes, als der unglückliche Urheber desselben!
Vorlage S. 208
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Siehst Du, ich wollte den Leuten zeigen, was gesellige Unterhaltung sei, welchen Schwung eine Posse nehmen, wie der Geist sich mitten im Wechsel der Belustigung erheben könne. Ich wusste mir etwas mit diesem Plane, ich that groß damit vor mir und wichtig vor Andern. Nun, und das Ende war, die ganze Sache fiel platt zu Boden. Kein Mensch wusste, was ich wollte, Niemanden hat es unterhalten, geschweige denn ergötzt, der Abend ging auf die miserabelste Weise hin, und das Schlimmste ist, Spott und Tadel folgten mir.
Vorlage S. 208
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Das ist des Menschen Klugheit.
Vorlage S. 209
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Um Dir den Vorgang zu erklären, müsste ich weit ausholen, Dich an eine Gräfin Ulmenstein erinnern, deren Nachbarschaft uns von Zeit zu Zeit in ihre bewegliche Lebensweise hineinzieht. Vielleicht besinnst Du Dich auf sie. In einem meiner Briefe glaube ich von ihr gesprochen zu haben; anfänglich war mir das Treiben in ihrem Hause, wie sie selbst, neu, es überraschte mich Manches, ich bildete mir ein, neue Fäden des innern Lebenszusammenhanges zu entdecken. Nachher war es damit, wie mit dem Meisten, nichts. Das flache Wesen fing mich an unglaublich zu langweilen. Indeß hatte sie mich einmal mit vieler Emphase als ein ausgezeichnetes Genie gepriesen, mich ihrem Kreise so empfohlen. Sie und ich, wir mussten Wort halten. Deshalb war nicht von ihr loszukommen. Die Töchter, so vergnügungssüchtig wie die Mutter, ziehen einen Schwarm nüchterner Gecken hinter sich her. Unter gewissen Menschen muss immer etwas vorgenommen werden, um die Langweile zu bannen. Gesellschafts-Theater bilden sich überall, wo man am bequemsten durch Andere sprechen und antworten kann. Eine Weile unterhält das, was aber gemeinhin für die Darstellung ungeübter Dilettanten gewählt wird, gleicht deren alltäglichem Treiben auf ein Haar. Es ist immer heute und gestern, macht denselben Effekt, lässt denselben Eindruck zurück. Man ist damit fertig, sobald die Schminke abgewischt, das umgestaltende Costüm weggeworfen, und das Theater einem andern Schauplatze, im Ball- oder Speisesaal gewichen ist. Ich hatte das bald weg. Mehrere waren eben so klug; das Ding fing an, matt zu werden. Jetzt stachelte mich die Eitelkeit. Mein Plan war gemacht. Eine neue kleine Welt stand mir zu Gebot. Die Fee, welche mir ihren Beistand lieh, rief Kobolde und Geister von fern und nahe herbei. Ein wandernder Schauspielertrupp, vertheilten wir uns, auf abentheuerliche, ausstaffirte Karren und Wagen, versteckten uns hinter Larven und tollen Putz, und nahmen so den Weg nach Ulmenstein. Bis dahin ging alles gut. Wir lebten in der Posse, Witz, Humor, die schellenkappige Thorheit mit ihrem buntscheckigen Mantel, waren unsere Reisegefährten. Plötzlich erhebt sich, wie aus heiterm Himmel, aus einer einzigen Wolke, der heftigste Sturm, den ich je hörte. Regenströme stürzten nieder, wir konnten uns kaum bergen; die bunten Decken, dass übergespannte Linnen, Mäntel, Hüte und Schleier, nichts widerstand der Wuth der Elemente. So übel zugerichtet, steuerten wir mit abgetakeltem Fahrzeuge mühsam in den Schloßhof der Gräfin. Hier hatte man vor dem Unwetter Thüre und Thore geschlossen. Keine Seele ließ sich an den Fenstern sehen. Wir lenkten unter den Schutz einiger schirmenden Bäume. Unser Häufchen drängte sich dicht zusammen. Lange konnte die Prüfung nicht dauern, der blaue Himmel schimmerte bereits zwischen dem zerrissenen Wolkenberg hindurch. Indeß wog in diesem Zustande jede Minute schwer. Die Nässe hatte einen merklichen Theil des phantastischen Feuers ausgelöscht. Ungeduldig regte sich Dieser und Jener. Einige murrten laut, Andere verwünschten im Stillen den ganzen Einfall. Ich hätte mich ausschütten mögen, vor Lachen, warf ich einen Blick auf die trübseligen Gestalten in der närrischen Verkappung. Indeß unterdrückte ich jeden Ausbruch des Muthwillens, den mir meine übelgelaunten Gefährten wohl um so weniger verziehen hätten, als sie im Geheim die Schuld ihrer mißlichen Lage auf mich warfen, und nun erwarteten, ich solle derselben ein Ende machen. Ich säumte denn auch nicht. Ein neugieriger Stallbube, der sehr verwundert aus einer Lucke auf die bunten Puppenspieler, für die er den fremden Troß hielt, hinstarrte, ward sogleich herbeigerufen. Ich übergab ihm eine Botschaft an die Gräfin. Als Direktor kündigte ich dieser meine dramatischen Vorstellungen an, bat um die Erlaubnis, Scenen aus dem Shakespeare auf ihrem Theater geben zu dürfen u.s.w. Leute von Welt sind selten durch Fremdartiges oder Ungewöhnliches zu täuschen. Das tritt nicht in den Bilderkreis ihrer Vorstellungen. Wenn es ihnen naht, suchen sie etwas dahinter, gespielten oder wirklichen Betrug! Die Gräfin war sogleich entschlossen. Ihre Thüren wurden uns geöffnet, sie selbst eilte uns entgegen. Doch wie das Bedürftige in der menschlichen Natur sogleich allem Scherz ein Ende macht, so zerstörten auch hier die nassen Kleider, die Furcht vor Erkältung, und was es sonst noch alles zu bedenken gab, den letzten Rest mühsam bewahrter Illusion. Kurz, wir standen entlarvt da, und hatten Niemand als uns selbst gequält. Glücklich genug, wenn es damit sein Bewenden gehabt hätte! Allein, nachdem sich jedweder in seinem gewohnten Rocke warm und bequem fühlte, sollte er diesen wieder abwerfen, und das versprochene Spiel beginnen. Ich wich dem Anliegen aus, das ich weit mehr einer gewissen vorschriftsmäßigen Höflichkeit, als dem Wunsche, uns figuriren zu sehen, zuschrieb. Wir waren aus dem Charakter gefallen, die Stimmung war eine andere geworden, es lag eine Lächerlichkeit darin, sich bei völliger Nüchternheit berauscht zu stellen. Doch die Meinung Einiger, dass man nicht so umsonst und um nichts solche Anstrengungen gemacht, sich in Unkosten gesteckt, die Gesundheit daran gewagt habe, trieb uns am Ende Alle auf die Bretter. Jetzt erst, da es zu einer wahrhaften Ausführung meines Entwurfs kam, fühlte ich die ganze Schwierigkeit davon. – Denke Dir den Sommernachtstraum – die Rüpel- und Elfenscenen – und unser heutiges Publikum aus den feinen Zirkeln! – Unglücklicherweise hatte die lebhafte schöne Elise, unsre liebenswürdige Nachbarin, nur zu schnell meine Gedanken verwirklicht; sie war es, die ein Paar schnell aufgeschossenen Knaben die Frauenrollen, zierlichen Mädchen die der Elfen zutheilte, junge Leute aus der Nachbarschaft für Zettels Schaar warb, ihm selbst, dem Heros aller witzigen Eselsköpfe, sein Pensum einstudirte, kurz, die Puppen an ihren Drähtchen lenkte, und feenartig ein Feenspiel schuf. Aber was wollen die luftigen Wesen auf der ausgebildeten, fertig gestalteten Erde? – Sie sind so sehr aus der Mode, dass selbst ihre Allegorie abschreckend geworden ist. Lieber Heinrich, es giebt ein Feld, wo der beste Witz, wie taube Nüsse zu Boden fällt, und Niemand ihn aufhebt. Nun, wir standen mit unsern Bemühungen auf einem solchen Felde. Um uns herum lauter müde und matte Blicke, lange Gesichter, gezwungene Aufmerksamkeit, ängstliche Wiederholung aller Regeln der guten Erziehung, um nur nicht die tödtliche Langweile blicken zu lassen, und nachher die Ausrufungen: »Und wie gespielt! Aber wie vollendet!« Und Zettel! der ist nun meine ganze Passion! Siehst Du, Heinrich, mein innerer Mensch zuckt vor abgedroschenen Redensarten zusammen. Die Lüge des Hergebrachten presst mir Angstschweiß auf die Stirn! sie nimmt sich so lumpicht aus, und macht sich so breit mit dem abgetragenen Plunder. Kennst Du die Empfindung, wenn fremde Dürftigkeit uns zu Boden drückt? Ich will nicht den reichen Mann auf Kosten Anderer spielen. Ich will glauben, dass der Aufwand, mit dem ich aufzutreten meinte, wie veralteter Prunk, zu schwer wog; auch, dass ich unrecht hatte, mich darauf zu stützen, allein denken sollte man doch, Gold halte immer die Probe, wie lange es auch im Winkel verborgen stand. Das ist aber nicht wahr. Kein Mensch glaubt Dir, dass es welches ist; und Niemand stellt die Probe an. Genug, wie dem auch sei, ich zog geschlagen aus dem Felde. Ich hatte mich verrechnet, das lag am Tage. Es blieb auch so eine gewisse, verlegene Aengstlichkeit nach geendigtem Spiele zurück; dann sprach man gar nicht mehr davon. Es war, wie nicht geschehen, ich hatte Zeit, Betrachtungen anzustellen.
Vorlage S. 209
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Nach dem ersten kleinen Verdruss über meine eigene Einfalt, machte ich es, wie Du jetzt tun wirst, ich lachte den Narren im Menschen aus! Mein Dünkel, der Eifer, mit dem ich ihn einige Tage gefüttert, alle die Mühe und Noth, ehe es zu dem Haupteffekt und der Beschämung kam, das Nachspiel hinter den Coulissen, war, ich versichere Dich, sehr drollig. Zuletzt sagte ich mir dann aber doch Einiges zum Trost. Unter anderm, dass es mit den neuen Anforderungen an die Poesie ein eignes Ding sei. Sie muss sententiös oder materiell auftreten, wenn sie Eingang finden soll. Man will ein Paar schlagende Phrasen mit nach Hause nehmen oder sich durch illusorische Anschauungen so getäuscht finden, dass man wirklich in China oder Mexico, in einem schlechten Gasthofe mit gemeinen Gesellen, in der alten, oder unter den Menschenfressern in der neuen Welt zu sein glaubt, und dies alles, blos um zu wissen, wie es die Kerls da treiben? Die Töne einer göttlichen Sprache zerrinnen in der untern Atmosphäre zu Begriffen. Davon, dass es eine Region giebt, in deren feinen, leichten Luftschwingungen die Seele unwillkührlich gehoben wird, so dass sie die Spiegelbilder der Erde nur im Widerschein, aber dafür in jener magischen Beleuchtung eines wärmern und glänzendern Gestirns, der Sonne des Dichters sieht, davon redet man wohl, aber man kennt es nicht mehr.
Vorlage S. 215
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Nein, Heinrich, man kennt es nicht mehr! Auch Du, und ich, die wir in einzelnen Augenblicken des tiefsten Schmerzes, der innern Verzweiflung, des gänzlichen Zerfallens mit der Welt, davon träumen, vergessen es wieder, müssen es in einer so gestalteten Welt vergessen! Das ist der Widerspruch, in dem wir leben. Wir wollen, was wir nicht können! Begreifst Du, wie zerrissen, wie fragmentarisch dies Geschlecht in der Weltgeschichte dastehen wird?
Vorlage S. 216
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Doch wieder auf mein Abentheuer zu kommen. Es hat mich der liebenswürdigen Elise auf immer zum Freunde gemacht. Leichter, gutmüthiger nimmt keine Frau auf Erden ähnliche Kränkungen der Eitelkeit auf. Ihr klarer, milder Sinn fand sogleich den Gesichtspunkt, aus welchem unser Missgeschick natürlich erschien. Sie tadelte weder sich noch Andere. »Es passte nicht!« sagte sie, und damit behielt jeder sein Recht.
Vorlage S. 216
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Es passt so Vieles nicht, Heinrich. Wird darum das, was in Uebereinstimmung zu einander tritt, nicht unauflöslich Eins werden?
Vorlage S. 217
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Ich habe einen eigenen Glauben von der Sympathie der Freundschaft. Sie scheint mir gegründeter, als die der Liebe. Von dem was man so nennt, halte ich überall wenig. Das sind Selbsttäuschungen, mit denen der Mensch groß von sich selber tut, wenn er am kleinsten ist. In der Regel bleibt nach dem poetischen Wahnsinn eine Armuth des Innern zurück, die den Rest des Lebens dürftiger, als billig gestaltet, während die Freundschaft wie ein mächtiger Strom unzählige Arme ausbreitend, die Steppen und Wüsten des Daseins umfasst, den Hauch der Belebung ausathmet, und eine veränderte, frische, fortbildende Welt schafft.
Vorlage S. 217
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Ich empfinde das in Elisens Nähe. Diese Frau hat einen freien, ja männlichen Geist, der mit seltner Kühnheit Verhältnisse durchschaut und lenkt. Und dabei so viel Regsamkeit des Verstehens, solche Fülle und Wärme in allen Lebensbeziehungen! Eines Engels Güte, eines Helden Muth! Niemals lässt sie das zärtere Geschlecht in sich vergessen, und doch fühlst Du ihr gegenüber nur den Einfluss einer höheren Seele, die keinem Geschlechte, keinen Bedingungen der Erde angehört. Ich bringe meine liebsten Stunden bei ihr zu. Wir reden, wir lesen mit einander. Meine Lieblingsschriften sind auch die ihrigen. Es peinigt sie wie mich, alles Enge, Abgeschlossene. Ein freier Flug der Ideen trägt uns oft, wie die reinere Bergesluft ihre nachbarlichen Adlers Gespielen, in unermessliche Fernen, aus denen wir, inniger verschwistert, in die beschränkende Gegenwart zurückkehren.
Vorlage S. 217
542
Niemand versteht mich, wie sie! Wenn es wahr ist, dass die menschliche Gesellschaft nur da sei, damit Einer den Andern ergänze; so ward Elise geboren, alle Lücken und Mängel meiner unvollkommenen Natur durch den Reichthum ihres schönen Selbsts auszugleichen.
Vorlage S. 218
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Schade, dass sie auf den Einfall kam, sich zu verheirathen! Sie musste für sich allein ihre Bahn durchlaufen. – Der Begleitung konnte sie entrathen. Mich stört der Mann entsetzlich! Er kommt jetzt von einer langen Geschäftsreise zurück. Er wird das bisherige zwanglose Sein und Treiben notwendig einengen. Vor der trockenen Gemessenheit mancher Leute kommt kein gesunder Gedanke auf. Elise ist gefällig, fügsam, ihr verschlägt es nichts, sich in die Art und Weise derer zu schicken, denen sie ein Recht über ihren Willen zuschreibt, sie ist immer sie selbst. Ich kann nicht so denken, nicht so empfinden, ich ertrage das Hofmeistern pedantischer Rechthaberei nicht leicht, und wenn ich auch Jedem gern seine Art lasse, so bleibe ich doch da weg, wo Vorurtheil und Dünkel die Luft verdicken. Zudem ist der Dritte immer zu viel, in einem Verhältnisse, wo sich zwei genügen.
Vorlage S. 218
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Ich sehe daher ruhig zu, wie drüben im Hause gepackt, geräumt wird, man sich anschickt, das Land zu verlassen, und nach der Stadt aufzubrechen. Ich werde ihnen nicht folgen! Um unsere stillen Abende ist es doch getan! Ich werde ein Paar Wintermonate in den Mauern der Burg verschlafen, und aufwachen, wenn die Frühlingssonne hell über den Strom in meine Fenster sieht! Lebe bis dahin wohl, lieber Heinrich!
Vorlage S. 219
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Die Gräfin Ulmenstein an Curd
Vorlage S. 220
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Es ist äußerst liebenswürdig von Ihnen, dass Sie sich meiner in den interessanten Umgebungen, die Sie so richtig zu schätzen wissen, erinnern wollten!
Vorlage S. 220
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Ihr Briefchen mit den italienischen Carricaturen, den Zeichnungen, den Nationaltrachten, des Mailändischen Doms, der Peterskirche und andere Herrlichkeiten, nach deren Anblick meine Seele seit Jahren dürstet, haben nicht allein meine Töchter und mich entzückt, sie wurden auch die Quelle unserer Abendunterhaltung am Theetisch. Der junge Leontin, Sie sahen ihn vielleicht noch vor Ihrer Abreise bei mir, der sehr unterrichtet und überall gewesen ist, erklärte die flüchtigen Skizzen meines gütigen Correspondenten. Agathe hatte sich ein geschmackvolles Costüm für das nächste Maskenfest in der Residenz ausgesucht. Sie bat Leontin, es ihr genau in den kleinsten Details zu bezeichnen. Alles dies belebte die Unterhaltung. Sie glauben nicht, welchen allerliebsten Abend Sie uns gemacht haben, fast so bunt und lustig, als wären Sie mitten unter uns. Ich sage Ihnen nicht, wie Sie zurückgewünscht werden. Ohne Uebertreibung, Sie fehlen uns vorzüglich bei demjenigen, was wir hier auf dem Lande vornehmen, um die schlechte Jahreszeit, so wie die Stadt zu vergessen. Die letztere hat in diesem Augenblick gar keinen Reiz für uns, da eine ziemlich ernste Familientrauer, der Tod einer Tante, meine Töchter wie mich, vom geselligen Vergnügen ausschließt. Man überdauert solche Prüfungszeit am bequemsten da, wo das Leben unbeachtet, ungefähr eben so hingeht, wie die Convenienz es verbietet, öffentlich zu genießen.
Vorlage S. 220
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Unter dem Anschein völliger Zurückgezogenheit, bleibt mein Saal allen Freunden und Bekannten geöffnet. Es geht, ich versichere Sie, so fröhlich darin zu, als würfe kein schwarzes Kleid einen trüben Schatten auf die lachenden Gesichter. Aufrichtig gestanden, die gute, alte Person hat mir auch gar nicht Ursache gegeben, ihr Andenken zu ehren. Sie war meine nächste Anverwandte, die Schwester meines Vaters, kinderlose Wittwe, außerordentlich reich, und starb, ohne ihren rechtmäßigen Erben einen Pfennig zu hinterlassen. Ihr Vermögen zersplittert sich in Stiftungen und Legate. Das Bedeutendste von den letztern ist aber dem jungen Baron Wildenau zugefallen, der sehr in ihrer Gunst stand. Es wäre unbegreiflich, weshalb sie den fremden Menschen auf Kosten ihrer Angehörigen begünstigte, hätte sie dabei nicht die unausgesprochene Absicht gehabt, gerade hierdurch ihrer Vorliebe, wie den gesetzlichen Verpflichtungen, ein Genüge zu leisten, indem sie den jungen Mann in die Lage versetzte, einer meiner Töchter seine Hand anzubieten. Eine alte Vertraute der Tante, die Castellanin des Schlosses, welches Leontin bald als Eigenthum beziehen wird, eröffnete mir den stillen Wunsch der Verstorbenen im Geheim. Es wäre auch lächerlich, wollte ich den tiefen Eindruck nicht bemerken, welchen insbesondere Agathe auf das Herz des Neulings gemacht hat. Allein er ist von einer so lächerlichen Zurückhaltung, und ein solcher Misantrop, dass er öfters unsern heitern Zirkel flieht, und sich drüben zu dem podagraischen, mißgelaunten Comthur und seiner stummen, trübseligen Nichte flüchtet, um nur nicht zu verrathen, was ihm doch sichtlich das Herz abdrückt. Mag er sich stellen, wie er will, ewig wird er nicht schweigen! Doch wünsche ich ihm, dass er nicht zu spät das Wort finde, wonach er sucht. Es giebt andere Leute, die beweglichere Zungen haben, und meine Töchter besitzen ein Theilchen von dem Stolz und dem Eigensinne ihrer Mutter. Die eintönigen Abendunterhaltungen im Cabinet der Burgfrau könnten dem bedächtigen Freier doch sehr bittere Reue bereiten. Uebrigens mißgönne ich der armen, kleinen Frau die einzige Unterbrechung ihrer langweiligen Existenz keineswegs. Denken Sie sich, ihr Mann hat neben hundert andern lächerlichen Einfällen, auch den, den ganzen Winter auf dem Lande zubringen zu wollen, das heißt, er lässt sein Haus mit Frau und Dienerschaft dort, nimmt selbst das Ansehn, als sei er einheimisch, während er unaufhörlich hin- und hergeht, niemals auf der Burg anzutreffen ist, halbe Tage in der Residenz bei seiner Freundin zubringt, diese nur verlässt, wenn sie, durch ihre Verhältnisse gezwungen, Gesellschaften beiwohnt, die nicht von seiner Höhe sind, und die er verschmäht.
Vorlage S. 221
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Sie sehen, das Spiel ist gut berechnet. Es geht einen raschen Gang! Mir ist solche Freimüthigkeit, bei so unerlaubter Intimität in meinem Leben nicht vorgekommen. Die Leute treiben das Alles mit einer Miene, als verstehe sich ihr auffallendes Benehmen von selbst. Nach gerade wurde indeß die unbegreifliche Dreistigkeit doch sehr peinlich. Man hatte ungefähr das Gefühl dabei, als wenn Jemand durch eine unbewusste Unordnung in der Toilette, das Auge Anderer verletzt, und im vollen Gefühl schicklicher Haltung, die ungeahndete Indecenz noch mehr heraushebt. Ich bin deshalb froh, dass der Präsident zu rechter Zeit kam, seine Frau nach der Stadt zu führen. Die geselligen Beziehungen der Nachbarschaft brachten mich, ich versichere Sie, in fatale Collisionen. Ganz offenbar nahm der Graf von dem leichtern, bequemern Ton, der in meinem Hause herrscht, Veranlassung, seinen Absichten hier ein freies Feld zu bahnen. In diesem Sinne mischte er sich in die Anordnung unserer Bühne, und brachte ein plumpes, licencieuses Ding zum Vorschein, das allenfalls in einer Dorf schenke, von Puppenspielern dargestellt, das dortige Publikum ergötzt haben würde, für uns aber ganz unschmackhaft blieb. Es soll von dem jetzt oft genannten, von Vielen so gefeierten alten englischen Poeten sein, dessen Name ich immer vergesse, weil er mir die Kinnbacken zerbricht, wenn ich ihn aussprechen will. Mag indeß Theil daran haben, wer nur will, dieser Mischmasch von platter Trivialität und bilderreichem Unsinn, von langweiligen Tiraden und pöbelhafter Gemeinheit, gehört vor ein anderes Publikum, als vor das unserige. Auch bin ich überzeugt, der Graf war nicht einen Augenblick im Irrthum über den Werth des Stückes. Seine Wahl fiel nur vorzugsweise deshalb darauf, weil es für den übrigen Plan passte, und geschickt war, der zwanglosen Gemeinschaft einer zusammengerafften Bande umherziehender Schauspieler zum Vorwande zu dienen. Die List war ziemlich grob eingefädelt. Ich war gleich auf der rechten Spur. In Wahrheit, die Leutchen machten ihre Sachen ungeschickt. Mit einem bischen Vertrauen ließe sich viel übersehen. Doch sie sind so stolz und anmaßend, betheure ich Ihnen, auf den Schwung ihrer Gefühle, dass sie alle Zungen mit Pfeilen bewaffnen. Aus diesem Grunde danke ich es ordentlich der guten Tante, dass sie gerade diesen Zeitpunkt wählte, um zu sterben. Ihr Tod fesselt mich hier, und setzt mich außer Verbindung mit zwei Familien, denen ich gleiche Rücksichten schuldig bin, und die mich demungeachtet beide gezwungen haben würden, öffentlich zu brechen, um auch den Schatten von Theilnahme an einem unerlaubten Handel von mir zu entfernen. Eine Mutter kann gar nicht delikat genug in der Wahl ihrer Gesellschaft sein.
Vorlage S. 223
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Mich dauert die stille, schüchterne Emma ganz außerordentlich. Man sagt, sie erwarte ihre Mutter in Kurzem von einer Rückreise aus Italien. Nun, das wird hübschen Lärm geben, wenn die Oberhofmeisterin hinter des Schwiegersohns geheime Verbindungen kommt!
Vorlage S. 226
551
Leben Sie wohl bis dahin! Wenn etwas, des Berichtens werth, unter uns vorfällt, rechnen Sie auf die Feder Ihrer bereitwilligen Freundin.
Vorlage S. 226
552
Emma an den Geistlichen
Vorlage S. 226
553
Ihr letzter Brief, ehrwürdiger Freund, fordert mich mit fast beschämender Güte auf, Ihnen zu jeder Zeit mein Herz offen zu erhalten, Alles, was darin vorgeht, Ihrer Theilnahme zu vertrauen, jeden Zweifel in der freien Mittheilung aufzuhellen und überall rücksichtslos wahr zu sein.
Vorlage S. 226
554
Ach! mein gütiger Lehrer, was bliebe Ihnen auch von dem verschwiegen, was ich mir selbst eingestehe! Ich glaube, ich könnte der Worte entbehren, Sie erriethen mich dennoch.
Vorlage S. 226
555
Dem Himmel sei Dank, noch scheue ich den Blick nicht, der die Tiefen meiner Seele durchdringt. Ich weiß, Sie sehen bis auf den Grund, und nichts verwirrt Sie, was die Bewegung des Augenblickes undeutlich auf der Oberfläche erscheinen lässt.
Vorlage S. 226
556
Anders ist das mit meiner Mutter. Die ruhige Begleitung eines Freundes, der nichts will, als dem Gefährten zur Seite bleiben, lässt dessen Gang frei, doch ängstliche Sorge hemmt den Schritt. Ich habe es stets so gewissenhaft vermieden, irgend einen leisen Schatten in die Seele meiner Mutter zu werfen. Nur in den stillsten, ruhigsten Stimmungen, bei allem Frieden der innern und äussern Welt um mich her, schrieb ich meine Briefe an Sie. Nie ist mir ein Wort entschlüpft, das sie doppelsinnig deuten könnte; warm und zärtlich sprach ich die Empfindungen meines befriedigten Herzens aus, wie kommt es dennoch, dass sie dem allen keinen Glauben schenkt? Unwillig bestreitet sie mir meine Ruhe, mit leidenschaftlicher Besorgniß dringt sie auf mich ein, und strebt, mir ein Geheimnis zu entreißen, das mir fremd ist, dessen undeutliche Erwähnung mich unaussprechlich ängstigt. Sie wirft mir Zurückhaltung, ja Heuchelei vor, und schwört, Licht in der Sache haben zu wollen, um einer Verblendung ein Ziel zu setzen, die sie für die Würde ihres Kindes beeinträchtigend hält. Von diesem brennenden Wunsche getrieben, nimmt sie ihren Rückweg aus Italien gerade hierher. Sie kommt! sie kommt in den nächsten Wochen! und wenn mein Herz vor Freude zittert, sie wieder zu sehen, so stockt es auch vor Bangigkeit und Furcht, als sei das Ende aller Glückseligkeit, ja das Ende meines Lebens nahe!
Vorlage S. 227
557
Die Unnatur solcher Widersprüche macht mich völlig irre an mir selbst, an meinen Verhältnissen, ach! an den liebsten Menschen. Ich frage mich unzähligemal: was ich fürchte? für wen ich fürchte? Und wenn mir dann eine ängstigende Antwort nahe tritt, und ich sie nicht hören will, dann ist es, als sähe ich in ein unabsehbares Gewirre von Mißverständnissen hinein, von denen ich den Blick erschrocken abwende.
Vorlage S. 228
558
Mein Gott! ich war so ruhig, ich genoss die unaussprechliche Freude, Hugo völlig zufrieden und heiter zu sehen. Ich empfand, dass er den einzigen Wunsch meines Herzens, ihm in keiner Art hemmend in den Weg zu treten, erkannte, er genoss seine Freiheit, und kehrte lebensfrischer, klarer, oft wärmer, als er ging, zurück. Wie hätte ich fürchten sollen, dass gerade dasjenige, was mir das Gleichgewicht entgegengesetzter Naturrichtungen zu erhalten schien, Hingebung und Liebe, den Samen unseliger Mißverhältnisse ausstreuen würde!
Vorlage S. 228
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Wie ist man nur so eilig, Gegenstände zu beurtheilen, die man nicht kennt. Niemand weiß ja, was in der Brust des Andern vorgeht. Ich war glücklich, ich versichere Sie, seit es stiller um uns ward, die Nachbarn die Gegend verließen, oder die mißlichen Gebirgsschlüfte mieden. Die Einsamkeit auf der Burg ist mir erwünscht, ich liebe das ernste, großartige Gebäude überaus. Das Gewöhnlichste im Leben gestaltet sich hier anders. Es geht ein Geist durch Häuser und Gemächer, den oft die wechselnden Bewohner nicht bannen. Im Gegentheil, sieht man diese wohl unwillkührlich dem verborgenen Einflusse nachgeben, Geschmack und Neigung dem gebietenden Zuge unterwerfen; ja, sich selbst, wie die gewohnte Weise, in eine andere Form fügen.
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Hier, unter den festgewölbten Bogengängen, den kräftigen Sinnbildern gegenüber, findet weder Langweile Raum, noch kleinliches Gelüst Eingang. Hier ist alles bleibend, ruhig, das Gemüt erhebend; und wenn ich in Hugo's Abwesenheit in seinem lieben Zimmer sitze, mir es so unaussprechlich wohl in den schönen, hohen Räumen ist, ich mich in die Kissen seines Sopha's schmiege, seine Nähe täuschend empfinde, mein Blick dann, durch die Glasthüren, über den Altan weg, in die reizende Landschaft sieht, der breite Strom so still und majestätisch vorüberfließt, die dunklen Thalwände hinter ihm riesenhaft aufsteigen, Dörfer und Städte aus ihrem bläulichen Dunst hervortreten, dann fühle ich, wie die Seele des kräftigen, kühnen Mannes sich da hinaussehnt, und theile seinen Unmuth wie sein Streben. Ich selbst möchte ihm das Thor öffnen, den Weg bahnen! Gedanken, die ihn beschäftigen, umringen mich! ich werde ganz er selbst, fühle, wünsche wie er, und athme frei, wenn ich mich besinne, dass er fern von hier, wenigstens auf Stunden und Tage, jetzt sich selbst angehört, seinem ungestillten Drange nach Freiheit augenblicklich Genüge tut. Lange, lange sitze ich dann so, begleite ihn auf Wegen und Stegen, bilde mir ein, seinen Schritten zu folgen, und während ein zärtlicher Wahn die Zwischenräume durchmißt, bin ich weder allein, noch entbehre ich das Glück der Gegenwart.
Vorlage S. 229
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Nein, lassen Sie michs bekennen, ich kann, mir selbst überlassen, weit ungestörter Hugo's Bild be trachten, als ihm gegenüber. Ja, mir steht er fest, rein, unberührt von dem, was zuweilen die Wirklichkeit umdunkelt. Es ist der wahre Hugo, den ich ungetheilt mein nenne, den ich liebe, den ich liebkose, zu dem ich frei aus dem tiefsten Herzen rede.
Vorlage S. 230
562
O! wer mag zweifeln, dass ich eben in den Stunden, die mir falsches Mitleid rauben will, glücklich bin!
Vorlage S. 231
563
Lieber Freund, wenn nur meine Mutter das so wüsste, wenn es sie beruhigen könnte, dass mir diese unscheinbare Stellung im Leben lieb ist, dass ich sie um Vieles nicht wechseln möchte, dass ich vor jeder Veränderung zittre. Manchmal habe ich ihr ganz rücksichtslos schreiben, sie bitten wollen, ja an nichts zu rühren, was sich allzuleicht durch fremdes Eingreifen verschiebt. Allein, wozu würde es nützen? Sie mißt mein Glück nach ihrem Empfinden. So freilich muss sie hier unzufrieden sein! Und wenn ich mir nun denke, wie mit heißer Sehnsucht sie sich her zu mir wünscht, wie ihre unbegränzte Liebe mich nie verließ, ich ihr Alles auf Erden bin, sie keinen, auch nicht den kleinsten Wunsch hegt, der nicht ihrer Emma Wohl beträfe, dann sinkt mir der Muth, dann weiß ich nicht, wie ich ihr das Unabänderliche anders darstellen, das Mangelnde, was allein der Fortgang des Lebens ergänzt, im Augenblicke verhüllen soll.
Vorlage S. 231
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Auch der Oheim ist nicht ohne Sorge. Er sagte mir noch diesen Morgen: »Liebes Kind, Ihre Mutter wird nicht mit uns zufrieden sein, sie wird sich hier missfallen. Wäre es nicht besser, Sie folgten Hugo nach der Residenz, und empfingen sie dort?«
Vorlage S. 232
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Ich war verlegen, was ich ihm erwiedern sollte. Hugo hat mich nie aufgefordert, ihn nach der Stadt zu begleiten; er vermeidet es wohl, weil es nicht das Ansehen haben soll, dort einen längern Aufenthalt zu wählen. Seine Stellung bleibt auf solche Weise freier. Er sichert sich das Gehen wie das Kommen, wenn er über Beides nur mit dem Augenblicke zu berathen hat. Es wäre mir nicht möglich, ihn gerade hierin hemmen zu wollen. Auch bin ich nicht des Oheims Meinung. Aus vielen Gründen ist es mir lieb, die Mutter hier auf dem prächtigen Familiensitze bei mir zu sehen. Das Schloß, seine Umgebungen, der Zuschnitt der Verhältnisse, die ganze Lebensweise, werden ihr in gewisser Hinsicht genügen. Der Glanz, wenn er nicht blendet, ergötzt immer das Auge, und macht es williger, Unebenheiten zu übersehen. Und dann – gleichförmige Ruhe hält Störungen entfernt.
Vorlage S. 232
566
Dies alles bei mir überdenkend, schwieg ich einige Augenblicke, ohne meinen wohlwollenden Beschützer zu beruhigen.
Vorlage S. 233
567
Er ergriff meine Hand, drückte sie fest in der seinen, indem er zärtlich sagte: »Machen Sie es, wie Sie wollen. Ihr klarer Geist giebt Ihnen von selbst den Faden durch dies Labyrinth in die Hand.«
Vorlage S. 233
568
Er ging. O! hätte er gewusst, in welcher Unsicherheit er mich zurückließ, wie orakelhaft seine Worte klangen, was er in mir verworren, was er geweckt hat!
Vorlage S. 233
569
Ich sehe es nun wohl, die Welt tadelt Hugo, beklagt mich, erfindet und spinnt das Erfundene emsig zusammen. Wie ich diese müßige Geschäftigkeit hasse! wie mich eine Theilnahme drückt, die ohne Herz und Gemüt, nur das Fremde an sich reißen, es durchschauen möchte.
Vorlage S. 233
570
Die Menschen wissen nicht, wie wehe sie mir tun! Ist es denn nicht möglich, anders zu sein, als Andere, und doch für sich recht zu behalten? Ich bin so ängstlich, seitdem der Oheim ging. Ich weiß nicht, was ich tun oder lassen soll? Der Brief meiner Mutter ist in großer Leidenschaft geschrieben. Er klingt fast drohend. Die wenigen Zeilen, welche das Stiftsfräulein ins Couvert hineinschrieb, sollen mich wohl beruhigen, allein sie enthalten die niederschlagende Nachricht, dass beide Freundinnen sich auf einem gewissen Punkt der Reise trennen, und während die Eine dieser Gegend zueilt, die Andere sich zurück, zu der Fürstin wendet, um dieser erwartete Briefe und Berichte zu überbringen. So fehlt mir denn auch die vermittelnde Sophie. Von ihr hätte ich erfahren, wer all die Leidenschaft, die ängstliche Hast erregt? Sie würde mir geholfen haben, mich gegen schmerzliche Angriffe zu waffnen, und zugleich die Zärtlichkeit der liebevollsten Mutter zu schonen. Jetzt bin ich ganz allein, Hugo ahndet nicht, was mich quält, auch ist er nicht anwesend. Und wäre ers, was dürfte ich ihm sagen?
Vorlage S. 233
571
Ich lese in Ihrem klaren, frommen Auge, was ich vergessen zu haben scheine. Sie sehen fast strafend auf die Unruhe meines Herzens. Ja, ich verstehe, ich verstehe, wozu Sie mich anmahnen. Ich werde ja auch den Weg nicht verloren haben, auf dem Muth und Besonnenheit zu finden ist. Ich bin nur so erschrocken! ich weiß selbst nicht, wovor? Ich sehe nicht, was ich fürchte, und doch fühle ich es. Lesen Sie mit Nachsicht diese verworrenen Zeilen, denken Sie, ich finde mich so am ersten zurecht, wenn ich nach des Lehrers, des Freundes Hand greife, wenn ich schwach, doch willig, mich aufzurichten, Ihren Beistand suche. – – –
Vorlage S. 234
572
Abends spät.
Vorlage S. 235
573
O es ist Alles anders, Alles gut! Hugo ist hier! Er kam in Nacht und Dunkelheit. Er fand mich in seinem Zimmer. Es überraschte ihn. Er war bewegt, als ich ihm gestand, dass mir hier allein wohl sei. Sein Auge hatte den schönen, tiefen Blick, vor dem meine Seele immer so innerlich bebt. Er sah mich mit dem Blicke an. Eine Welt lag darin! und ich war mitten in dieser, in seiner Welt! Jetzt, – was habe ich zu fürchten. Meine Mutter wird uns so finden. Hugo weiß, dass sie kommt. Er freut sich von ganzem Herzen, sie hier zu sehen. Wir wollen ihr beide eine Tagreise entgegen fahren. Wie anders nun dies Wiedersehen! – Wie der Mensch schwach ist! Wie zaghaft, wie kleingläubig!
Vorlage S. 235
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Geehrter Freund, soll ich es Ihnen bekennen? Sahen Sie nicht etwas Trübes, Unreines im Hintergrunde meiner Angst sich verbergen? O guter Gott, wie gern will ich mich eines Gefühls schämen, das mich doppelt zerreißt, weil es dem geliebtesten Menschen zu nahe tritt!
Vorlage S. 235
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Heiterer, als ich zu Ihnen kam, verlasse ich Sie jetzt. Möge mich ihr Segen aufrecht gegen so schlimme Anfechtungen halten!
Vorlage S. 236
576
Elise an Sophie
Vorlage S. 236
577
Was lag Ihnen im Sinn, Liebe! dass Sie so aus dem Charakter fallen, so unverzeihlich von dem nüchternen Gerede meines albernen Vetters eingenommen werden konnten?
Vorlage S. 236
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Gewiss, Sophie, ich erkenne Sie nicht in der Heftigkeit, mit der sich Gedanken und Empfindungen auf jenem Blatte jagen. Ist die Luft in dem schönen Italien so entzündbar, dass auch der Thau im Kelche einer Lilie aufbraust?
Vorlage S. 236
579
Ihr Blut schien mir bis dahin von anderer Natur, als das der übrigen Menschen. Sein milder Lauf verirrte sich nie zu ungleicher Wallung. Man empfand immer, dass es nur den einen Weg, den zum Herzen kannte; dessen sanfter Schlag, wie der Atem der Liebe, Sie selbst, das was Sie umgab, die Welt mit ihren Verirrungen, in Uebereinstimmung zu bringen wusste. Und jetzt! –
Vorlage S. 236
580
Sophie, Entfernung und Trennung sind doch etwas! Man sage, was man wolle, der Raum trennt die Körper nicht allein. Sie hätten mir von Ihrem Stift aus nicht diesen dürren, heftigen Brief geschrieben, der Ihren Unwillen ins Blaue hinein rief und durch nichts verrieth, dass Sie zu mir sprachen.
Vorlage S. 237
581
Ihre ganze Reise war mir vom Anfange zuwider. Jetzt setzen Sie diesem Gefühl die Krone auf.
Vorlage S. 237
582
Welche Gewalt übt denn diese furchtbare Frau über Sie aus, dass sie Sie nicht allein dem gewohnten Kreise entführt, dass sie auch Ihr Inneres umwandelt! Und nun schicken Sie sie uns noch gar hierher. Sie droht jeden Tag mit ihrem Besuch. Zum erstenmale bin ich froh, in der Stadt zu sein! Hier kann ich ihr aus dem Wege gehen! Ich werde es tun, denn ich sehe immer ihr Bild auf Emma's Schreibtisch mit Widerstreben an. Es ist etwas in den schönen, regelmäßigen Zügen, in den durchdringenden Augen, was mich schon darum erbittert, weil in dem Gesicht Ihr ganzer letzter Brief, Sophie! geschrieben steht. So beurtheilt, so fasst ein herrschsüchtiges, einseitig beziehendes Gemüt Menschen und Handlungen auf. Ich kann mir denken, was Sie täglich aus einem Munde hören müssen, dessen schmerzlich verzogene Winkel mehr Unzufriedenheit als Schwermuth ausdrücken. Wo sich so viel strenge Absonderung offenbart, da kann nichts in natürlichem Zusammenhange, in nothwendiger Folge gedacht werden.
Vorlage S. 237
583
Sagen Sie doch, wenn Ihre Freundin weniger abhängig von gewissen Erdenvortheilen war, würde sie es übersehen haben, dass sich Niemand weniger als Hugo zu ihrem Schwiegersohn passte? Wem wirft sie nun den Mißgriff vor? dem Grafen? Emma? Mein Gott! wann war die Jugend frei von Verblendung? Und nun, da die Schiefgestellten schief stehen, was zeigt sie mit Fingern darauf, und macht die Welt zum Zeugen ihrer Verkehrtheit?
Vorlage S. 238
584
Es ist nicht zu läugnen, es ist wahr, es ist nicht wie es sein sollte mit dem ungleich zusammengewürfelten Paare. Aber, wenn dies Beide fühlen, und sich die peinliche Gemeinschaft, Jeder wie er kann, erleichtern, soll man sie nicht gewähren lassen? Geht die Oberhofmeisterin von dem Grundsatz aus, sie könne auch Gemüter nach ihrem Willen umschaffen, so wird sie hier viel Unheil stiften. Der Graf verehrt sie, aber er ist unbiegsam gegen ihre Eingriffe.
Vorlage S. 238
585
Sie sehen hieraus, liebe Sophie! so wie aus frühern Mittheilungen, dass ich mit den Verhältnissen, wie mit der Sinnesart Ihrer jungen Freunde sehr vertraut bin. Ich hielt nie mit meinem Urteile zurück. Ich verschwieg Ihnen nicht, dass mir Hugo den Eindruck umfassender, großartiger Geisteskraft, ungewöhnlicher Tiefe und Klarheit gemacht hat, dass ich ihn bewundern, verehren, und auch da an ihn glauben muss, wo ich ihn nicht immer verstehe. Dies sagte ich Ihnen längst. Meine Briefe sind voll von ihm und Emma. Noch kürzlich müssen Sie die ausführlichsten Berichte über jeden Umstand in dem Leben auf der Burg erhalten haben, was sollen nach dem Allen, Ihre dringend an mich gerichteten Fragen? Was rufen Sie mich auf, unbefangen und offen zu sein? Weshalb gedenken Sie meinem letzten Ausspruche mehr Glauben zu schenken, als dem frühern?
Vorlage S. 239
586
Ist denn irgend etwas Verstecktes, Zweideutiges in meinen Worten? Warum sucht man bei mir nach etwas Anderm, als ich gebe?
Vorlage S. 239
587
Ich werde mir selbst ganz unverständlich. Auch Eduard wägt, mißt und ergründet, was ich thue und sage. Er ist von übler Laune, seit der letzten Reise. Mein verlängerter Aufenthalt auf dem Lande war ihm nicht recht. Und dann die mißlungene Darstellung auf dem Theater zu Ulmenstein! Der Schatten einer Lächerlichkeit reicht hin, ihm den Himmel zu trüben. Die Gräfin hat ihm den Spaß ungeschickt vorgetragen, ob absichtlich? oder durch Zufall? ich weiß es nicht, aber gewiss ist es, ihre Gunst für mich hat einen Stoß erlitten, und in dem Falle kratzen Leute ihres Schlages, wenn sie liebkosen. So finden sich denn viele Unannehmlichkeiten auf meinem Wege, denen ich nicht mit der gewohnten Heiterkeit begegnen kann, da es nicht schwer ist, abzusehen, wo sie hinaus laufen werden. Eduard sucht Ursache an mir, um Georg fremder Leitung übergeben zu können. Er hat das längst gewünscht, doch traut er nicht, damit hervor zu treten. Jetzt ist er unzufrieden mit dem Kinde, er findet es vernachläßigt, er sucht den Grund davon in meinem getheilten Leben auf dem Lande.
Vorlage S. 239
588
Ein Geistlicher ist schon gefunden, der bei uns einziehen, und mir den Knaben abnehmen soll, wie Eduard sich ausdrückt. Abnehmen! Das Wort konnte nur ein Geschäftsmann finden, dessen lastende Wirksamkeit die Liebe ausschließt.
Vorlage S. 240
589
Ich habe nichts darauf erwiedert, ich lasse es geschehen. Aber ich weiß, dass mit dem Riss das Leben vollends auseinander fallen wird!
Vorlage S. 240
590
Und in diesem Augenblick Ihr Brief! Sophie! Sie dachten nicht, da Sie ihn schrieben, dass er in schlimmer Stunde bei mir eintreffen würde!
Vorlage S. 241
591
Ich habe seitdem gegen einen fatalen Unwillen in mir gekämpft. Es ist nicht so leicht, als es die Philosophie vorschreibt, sich verkannt zu wissen, und es großmüthig zu übersehen!
Vorlage S. 241
592
Doch jetzt, da ich wieder einmal Abschied nehmen soll, mein Herz mir wehe tut, ich mich unbeschreiblich nach Ihnen sehne, jetzt wird es mir leicht; Sophie, ich weiß nichts mehr von Allem, wodurch Sie mich kränkten.
Vorlage S. 241
593
Hugo an Heinrich
Vorlage S. 241
594
Du hast mich öfters abergläubisch gehalten, weil ich auf gewisse prophetische Winke in der Natur achte, sie in der Erinnerung festhalte, mit spätern Ereignissen zusammenfüge, und neue Belege für meine Theorie der innern Verwandtschaften darin suche. Unsere Discussionen bekehrten weder Dich noch mich. Du hast keine Vorstellung in Dir von der Herrschaft verborgener Wirkungen. Das Organ dazu fehlt manchem Menschen. Ich kann es Dir nicht geben, eben so wenig, wie Du mir die Ueberzeugung von einem Dualismus des Weltregiments wegraisonniren kannst. Mein Gefühl sagt mir es nur zu deutlich, dass ich abwechselnd Sclav und Herrscher bin, dass außer meinem Willen noch ein anderer Wille über mich bestimmt. Ob der Streit immer Streit bleiben soll? Ob er eine Vermittlung finden kann? und welche das sein wird? Mein Theurer! das ist die Region des Unerforschlichen. Wir streifen daran, aber wir können nicht hinein. In manchen Augenblicken zwar, wenn Du ein Wesen so recht, so überschwenglich liebst, dann ist, dann muss Dir sein, als wäre die Vermittlung längst geschehen. Doch lass das! lass das!
Vorlage S. 241
595
Ich will Dich auch nicht für meine Ansicht gewinnen, ich will Dir nur etwas erzählen, was mir auffiel, was mich beschäftigt. Vor ein Paar Tagen kehrte ich Abends allein zu Pferde von einer Ausflucht nach der Stadt zur Burg zurück. Es war noch nicht eben allzu spät, doch der Jahreszeit gemäß, dunkel. Als ich mich dem Walde, durch den mein Weg führt, nahte, ging, wie bestellt, der Mond auf. Er stand im bläulichen Nachtdunst voll und feurig auf dem Scheitel hoher Wolkenberge. Ich ritt langsam. Die Luft war mild. Eine dünne Schneedecke lag am Boden. Unter den Bäumen, tiefer ins Dickicht hinein, entdeckte ich Spuren von Wild. Ich lenkte einer schmalen Hügelreihe am See, der Wall benannt, zu. Dort hat sich aus einem einsiedlerischen Plätzchen des Comthurs, zwischen dichten Schwarztannen versteckt, erst ein Haus, dann eine Meierei, zuletzt das Besitzthum einer ehemaligen Vertrauten gebildet.
Vorlage S. 242
596
Landleute, Reisende, auch das benachbarte Jägervolk besuchen von Zeit zu Zeit die Tannenhäuserin. Ich ziehe öfters ohne Umstände mein Pferd dort in den Stall, wenn ich Lust habe, mich auf Rehe und Hirsche einige Stunden auf den Anstand zu stellen. So geschah es auch heute.
Vorlage S. 243
597
Als ich über den Hof zurück ging, begegnete ich dem Burschen, der mit zwei andern Pferden an mir vorüber tappte. Ich rief ihm zu, das Meinige gut zu warten, ohne mich um sonst etwas zu bekümmern. Nachher fiel mir's wohl ein, wer noch so spät hier an gekommen sein möchte? aber es beschäftigte mich weiter nicht. Eine Strecke weiter hin ist der Wall, wo er das eigentliche Ufer des See's bildet, mit uralten Buchen besetzt. Die dichtgereihten Bäume verschlingen ihre hochgewölbten Kronen zu einem weiten, hallenartigen Dome zusammen. Gewisse Ideenverbindungen legen den Gegenständen oft eine Art Heiligkeit bei. Ich bin hier jedesmal auf unwiderstehliche Weise wie festgebannt. Es giebt da eine Stelle – kurz nach meiner Ankunft in dieser Gegend sah ich hier – genug! die Stelle ist mir lieb. Ich suchte sie unvorzüglich auf, blieb an einen der Baumstämme gelehnt, und dachte, meine Beute kommen zu lassen.
Vorlage S. 243
598
Indeß vergaß ich bald Jagd und Wild und was damit zusammen hängt.
Vorlage S. 244
599
Der See lag zwischen den schneeigen Ufern blau und klar vor mir. In seinen leise bewegten Spiegel tauchte der Mond, wie eine herabgefallene Feuerkugel. Unwillkührlich suchte der Blick oberhalb nach dem ruhigeren Lichte. Die aufgethürmten Wolkenschichten hatten sich auseinander getan. Ein schwarzer Streif umsäumte die Gränze des Horizonts, während leichte Dünste, in allerlei Gestalten zerfließend, den Himmel mit unzähligen Bildern besäeten. Es ist nicht zu glauben, was das Auge Alles sieht, wenn es, sich völlig selbst überlassen, bei einem Gegenstande verweilt!
Vorlage S. 244
600
Heinrich, ich ließ so Unsägliches an mir vorübergehen. Die duftigen Umrisse schrieben eine ganze Geschichte auf das blaue Feld über mir nieder.
Vorlage S. 245
601
Wer verlor sich nicht einmal in das Treiben der Wolken! Ich hätte stundenlang so stehen und die Riesenköpfe mit unförmlichem Bart und Nase, die fliegenden Engel mit weit ausgebreiteten, mächtigen Fittigen, die monstruösen Thierlarven betrachten, belachen, bewundern können! Gott weiß, weshalb mir ein Ding, das wie ein vierrädriger Wagen aussah, so besonders auffiel! Er rollte, wie aus tiefem Abgrunde, hinter den schwarzen Streifen hervor, und fuhr, von schneidendem Windzuge getrieben, sausend über das leuchtende Firmament an dem Monde vorüber, der zerschnitten und zermalmt unter den Rädern verschwand.
Vorlage S. 245
602
Es war ganz deutlich ein Wagen. Ob Pferde oder andere fabelhafte Creaturen ihn zogen, kann ich Dir nicht sagen, allein, eine Gestalt mit gehobenem Arme, drohend, oder auch nur das Fahrzeug lenkend, stand mehr über als in demselben. Es war ein Weib mit lang flatterndem Schleier. Je höher das Wolkenbild heraufzog, je mehr dehnten sich die Massen ins Ungeheuere. Wagen, Schleier und menschliche Gestalt thürmten sich bald zu einem Gebirge zusammen, durch dessen duftige Kuppe der Mond plötzlich wie ein großes, gewaltiges Auge hindurch sah.
Vorlage S. 245
603
Mein Blick heftete sich immer fester auf die majestätische Erscheinung. Trieben nun Zufall oder Phantasie ihr Spiel mit mir? genug, ich glaubte mitten in dem Dunstknäuel die alten Umrisse des Wagens wieder zu erkennen. Aber dieser war jetzt dunkel und scharf, und sah eher wie ein Kasten, ja fast wie ein Sarg aus. Ich schauderte unwillkührlich bei dem Gedanken; da sagte eine Stimme unter mir: »Um Gottes Willen, mache er, dass wir anlegen.« Zugleich hörte ich den verdoppelten Schlag nahender Ruderer. Nicht lange, so rauschte es im Rohr. Ein Kahn ward am Ufer befestigt Ich trat weiter vor. Ein Mann mit schwerer Bürde auf dem Rücken stieg zuerst ans Land. Ein keifendes, zorniges Weib folgte ihm mit einiger Schüchternheit. »Komme Sie nur getrost, alte Marthe!« sagte der Mann. »Sie sieht, wir sind auf dem Trocknen. Was will Sie mehr? Hier herum ist auch ein gutes Wirthshaus, worin es immer Narren genug giebt, denen Sie Ihre Hexenkünste vormachen kann.« »St! St!« flüsterte das Weib, den Kopf in die Schultern gezogen, den Finger drohend gehoben. »Bei Leibe nichts von Hexen,« sagte sie heimlich. »Den Leuten würde sonst bange vor mir.« »Der Name tut es Ihr nicht, Marthe,« lachte ihr Begleiter, indem er den schweren Kasten, den er trug, gegen einen Baum stemmte, und einen Augenblick ausruhte. »Laufen doch so schon die Kinder, wo Sie sich nur sehen lässt, drum fliegt Sie auch mit den Eulen erst Nachts aus.« Er kicherte bei den Worten selbstzufrieden. »So treffen wir doch einmal zusammen,« entgegnete sie spitz. »Es war gut, dass Er noch spät bei den Comtessen in Ulmenstein zu tun hatte. Nun machen wir den Weg mit einander.«
Vorlage S. 246
604
»Hat Sie denn der Mutter und den Töchtern aus dem Kaffeegrunde prophezeiht?« fragte der Mann, in welchem ich jetzt einen, in der Gegend umherstreifenden Hausirer, mit Namen Walter, erkannte. »Oder,« fuhr dieser fort, musste Sie ihnen die Karten legen und die Freier anrücken lassen?« »Nichts von allem dem,« brummte jene kopfschüttelnd. »Und wär's auch, was geht es Ihn an! Die Paar alten Kleider, die ich von den hübschen Kindern in den Kauf kriege und spottwohlfeil wieder verkaufe, die tun seinem Verkehr keinen Abbruch.«
Vorlage S. 247
605
»Spottwohlfeil,« höhnte sie Walter. »Geh' Sie doch, Alte! wir kennen uns! Ihre Schliche sind weltbekannt. Aber erzähle Sie einmal, hat Sie es nicht auspunktirt, wird aus der Heirath mit dem jungen Baron etwas?«
Vorlage S. 248
606
»Hm!« entgegnete Marthe, in einem Tone, als wolle sie sagen, dass ich eine Närrin wäre, und es ihm wissen ließe. Sie wandte sich zugleich ab, und ging ein Paar Schritte tiefer in den Wald hinein.
Vorlage S. 248
607
»Bleibe Sie doch!« rief Walter. »Sie weiß ja hier herum keinen Bescheid, und die schmucke, feine Tannenhäuserin lässt Sie in dem Aufzuge schwerlich ein, wenn ich Sie nicht begleite.«
Vorlage S. 248
608
Dieser letzte Zusatz machte, dass ich die Frau genauer ins Auge fasste. Ein großer Hut und die zunehmende Dunkelheit versteckten ihr Gesicht. Doch war dem Hute selbst, mit seinem verbrauchten Putz von bunten Blumen und schlaffen, eingeknickten Federn, das widrig Fratzenhafte ihrer ganzen Erscheinung auf den ersten Blick anzusehen. Wahrscheinlich mochte sie die, in Ulmenstein erhandelten Herrlichkeiten nicht bequemer haben fortbringen können, als auf dem eigenen Körper. So hatte sie dann den fremden Staat übergeworfen, und streckte nun die nackten, gemeinen Hände, die auf einem knotigen Bettelstabe ruhten, aus Flor, Stoff und anderm farbigen Modetand hervor. Eben so ragten ihre schlecht und grob beschuheten Beine weit unter den kurzen, auf zierliche Figürchen angepaßten Röcken heraus. Es war ein rasender Anblick! Sie blieb auf Walters Ruf stehen. Er schickte sich an, ihr zu folgen. Ich schlich hinten drein.
Vorlage S. 248
609
Im Stalle drüben, wo ich mein Pferd abholen wollte, fand ich jetzt noch die beiden Vorerwähnten. »Wer ist von Fremden drinnen im Hause?« fragte ich den Burschen. »Der junge Baron von Wildenau,« war die Antwort. »Der Baron?« rief ich, »was will der hier?« »O er besucht uns öfter,« entgegnete jener. »Er macht es, wie der Herr Graf, er lässt sein Pferd hier, und streift in der Gegend umher.« Sonderbar! dachte ich, dass wir uns nie begegneten. Ich ging mechanisch nach dem Hause. Die Wirthin kam mir entgegen. Sie hat immer ein eigenes Zimmerchen für mich frei. Heute waren zwei Gäste darin, jener Leontin von Wildenau und ein Geistlicher. Ich begrüßte beide, und sagte, um etwas zu sagen: »Hier neben im Zimmer befindet sich eine Carricatur, wie sie nicht toller ersonnen wird!«
Vorlage S. 249
610
Das Ungewöhnliche reizt in Jedem die Neugier. Der Baron öffnete in demselben Augenblick die Thüre nach der anstoßenden Gaststube. Hier saß nun die alte Marthe so buntscheckig ausstaffirt, dass ich sie mit lautem Gelächter begrüßte. Auf das Geräusch wandte sie den Kopf nach mir hin. Sie sah nur aus einem Auge, mit halb wahnwitzigem, halb pfiffigem Blick, der Mund war nach einer Seite verzogen, so, als lächelte sie schalkhaft, während das graue, verschrumpfte Gesicht etwas Weinerliches hatte. Ich stand mit unterschlagenen Armen dem widrigen Geschöpfe gegenüber. Sie kam mir wie ein Spuk vor, der dem Sarge entschlüpft, mit den Lappen der Narrheit geschmückt, von der Welt nicht loskommen kann.
Vorlage S. 250
611
Leontin hatte sich sogleich mit den trocknen Worten: »Ich kenne das!« zu dem Geistlichen zurück gewandt.
Vorlage S. 250
612
Der Hausirer näherte sich mir. Mein festgewurzelter Blick auf die fremde Erscheinung mochte ihn zu einer Erklärung über diese auffordern. »Es ist zu Zeiten nicht richtig mit ihr,« flüsterte er mir ins Ohr. »Eine Liebschaft, aus der nichts ward, späterhin Einsperrung und Krankheit haben sie gestört.«
Vorlage S. 250
613
»Wer ist sie?« fragte ich, eben so leise, ohne gleichwohl die Augen von ihr abzuwenden. »Was treibt sie sich Nachts so unstät umher? hat sie kein bleibendes Obdach?«
Vorlage S. 251
614
Walter belehrte mich: sie sei eines Gärtners Tochter aus der Residenz, habe Blumen ausgetragen, und durch diese und ein hübsches Gesicht, Zutritt in vornehmen Häusern gefunden. Was sie dort sah und hörte, reizte sie über die Maaßen. Reichthum und Glanz dünkten ihr beneidenswerthe Güter. Sie fing an, sich herauszuputzen. Ein Theil ihres Verdienstes ging damit hin. Die Eltern verdroß das; sie zankten mit ihr. Aus Aerger, und da sie längst auf ein besseres Glück hoffte, hing sie sich vollends an einen Mann, der ihr Kleider, Ringe, Bänder und andere Narrenspossen, aber nie seine Hand gab. Plötzlich war er fort. Sie hörte nichts weiter von ihm. Die Eltern hatten aus Schaam über die Tochter Stadt und Gegend verlassen. Marthe blieb, wie ausgesetzt in die Welt, allein zurück. Anfangs suchte sie einen Dienst in guten Familien zu bekommen. Ihr verrätherischer Putz, von dem sie nicht lassen konnte, erweckte Misstrauen, die Thüren blieben ihr verschlossen. Gram und Noth hatten sie angegriffen. Sie wollte sich zu den Eltern hinbetteln. Aber sie vermochte es nicht, die Kräfte versagten ihr, auch hielten sie die Stadt mit ihrem immer noch lockenden Geräusch, den Kutschen und Pferden, prächtigen Häusern und geputzten Leuten, fest. Sie wankte wie ein Schatten zwischen dem Allen hin, und nährte sich von Almosen. An einem heißen Sommermorgen sank sie erschöpft auf die Stufen eines kleinen Ladens nieder. Eine Jüdin, welche Trödelkram führte, von Versatz und Borg lebte, verschmitzt war, Jegliches zu benutzen wusste, und eben eine Magd brauchte, die mit geringem Lohn und kargem Unterhalt zufrieden sein musste, hatte nicht sobald den Fuß auf die Treppe gesetzt, und die ohnmächtige Person erblickt, als sie diese aufrüttelte, sie angebrannte Federn und Knoblauch riechen ließ, und mit Hülfe eines Handlangers von der Straße in ihre Wohnung trug.
Vorlage S. 251
615
»Hier,« so schloss Walter, »ist Marthe so lange geblieben, bis sie, nach dem Tode der Israelitin, deren Gewerbe allein fortführte, und, obgleich nach jener Ohnmacht mit verzerrten Gesichtszügen und wirren Gedanken einhergehend, hat sie doch den Ruf einer klugen Frau, oder gar Prophetin in solchem Maaße behauptet, dass sie von Vornehmen besucht, in angesehene Häuser beschieden, und oft ihre List zu geheimen Zwecken benutzt wird.«
Vorlage S. 252
616
»Was macht sie denn so berühmt?« fragte ich, mit dem Scheine der Unwissenheit über die verbotenen Künste des Weibes. Der Hausirer zuckte die Achseln. Er wiederholte, was er dieser schon im Walde vorgeworfen hatte. In einem Anfall guter Laune sagte ich: »Nun, so kann sie ja gleich ihr Talent zeigen.« Walter sah mich überrascht an. »Um Ihren Spaß damit zu haben,« lächelte er. »Natürlich!« entgegnete ich, ob mir gleich der Gedanke an etwas Spaßhaftes ganz unverträglich mit dem Anblick des gespenstigen Wesens dort drüben am Tische schien.
Vorlage S. 253
617
»Hier geht es aber nicht,« raunte mir mein Nachbar zu. »So öffentlich darf sie es nicht treiben. Befehlen Sie, so will ich sie nach einer Weile in das kleine Zimmerchen hier neben führen, Sie schließen dann die Thüre ab, und« – –
Vorlage S. 253
618
Es ist ein Kobold in uns, Heinrich, der lustig aufspringt, wenn man ihn von Außen anruft! Der grillenhafte Schelm war gleich in mir bereit, Walters Vorschlag einzugehen. Er hatte »Ja« gesagt, ehe ich noch die nächsten Schwierigkeiten überlegte. Der Baron und sein Begleiter waren lästige Zeugen bei dem Possenspiel. Entfernen konnte ich sie einmal nicht, und sie in mein Interesse zu ziehen, schien mir zu langweilig für die geringe Ausbeute des Spaßes. Gleichwohl musste das letzte versucht werden. Ich trat daher mit den Worten zu Leontin: »Sie haben ohne Zweifel von den Künsten gehört, die der Närrin drinnen den Ruf einer Prophetin erwarben. Ihr verrücktes Wesen ist mir verdächtig. Ich wittre dahinter mehr Absicht als Krankheit. Ich wäre neugierig zu sehen, wie sie es anfängt, gescheute Leute hinters Licht zu führen. Deshalb habe ich sie hierher zu uns ins Zimmer beschieden. Geben Sie Acht, wie verblüfft sie sein wird, wenn ihre List nicht glückt.«
Vorlage S. 253
619
Ich hatte kaum geendet, so trat Walter mit seiner Begleiterin herein. Der Geistliche schien verlegen. Dem Baron war die Sache lästig, das sah man ihm an; doch wusste er nicht sogleich loszukommen. Indeß fragte Marthe ziemlich mürrisch: was sie hier solle? Ich sagte es ihr. Sie lachte. Ich bemerkte, dass sie unruhig nach dem Geistlichen hinschielte. Dieser sah ernsthaft, doch nicht unwillig aus. Jetzt stellte ich mich an einen Tisch neben die zaudernde Pythia. Sie zog darauf ein schmutziges Spiel Karten aus der Tasche, das sie Mühe hatte, mit ihren dürren, krummen Fingern auseinander zu bringen. Ich empfand großen Eckel daran, und bat sie, das Schicksal auf andere Weise zu befragen. Es schien ihr nicht recht. Indeß sagte sie auf kurze und abstoßende Weise: »Gleichviel!« worauf sie ein Ei und ein Glas Wasser forderte. Als ihr beides gebracht ward, gab sie mir das Ei, hieß mich, es gegen das Glas zerschlagen, und den Dotter hineinzuschütten. Ich that, wie ich geheißen ward. Im Augenblick bildeten sich allerlei Gestalten im Wasser, die mir meine heutigen Himmelsbeobachtungen lebhaft hervorriefen; neugieriger als zuvor, was die Sibylle daraus machen würde, sah ich mich forschend nach ihr um. Sie war sehr roth im Gesicht, eine finstere, hässliche Falte auf der Stirne zog sich immer tiefer zusammen, ungeduldig wischte sie das blitzende, wilde Auge, sah mich dann zornig an, und sagte halb verwundert, halb böse: »das sind lauter Teufeleien! Was soll das vorstellen, he? war das Wasser unrein? Oder« – sie stellte die Lichter anders. »Sind das geweihte Kerzen? Wollt ihr mich zum Narren haben?«
Vorlage S. 254
620
Walter beruhigte Marthe über alle geäusserte Zweifel. Sie schüttelte den Kopf. Der Baron war sehr aufmerksam geworden. Er trat näher zum Tisch. Ich winkte ihm lachend zu, dass sie mit ihrem Latein zu Ende sei. Marthe bemerkte es. Sie schob mit verbissenem Ingrimm das Glas von sich, und machte Miene, das Zimmer zu verlassen.
Vorlage S. 256
621
»So wird es also heute nichts?« sagte ich. Sie antwortete nicht. Ich hielt ihr einen Thaler hin, hieß sie einpacken, und ihrer Wege gehen.
Vorlage S. 256
622
Sie drückte aber meine Hand und das Geld ärgerlich zurück. »Geduld!« rief sie. »Ich werde es schon sagen, wenns Zeit ist.«
Vorlage S. 256
623
Leontin kämpfte mit Neugier und Unwillen zugleich. Der Geistliche blieb ohne alle Theilnahme. Er hatte ein Fenster geöffnet, und sah, als ob er Jemand erwarte, nach der Straße hinaus. Marthe räusperte sich jetzt. »Nun,« lachte sie triumphirend, »da haben wir es ja, wollen Sie es hören?«
Vorlage S. 256
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Sie sah erst Leontin, dann mich an. Es schien, als ob sie uns beide verwechselte, denn ohne, dass ich etwas erwiederte, fuhr sie ausschließend gegen mich gewendet, fort: »Es ist nichts als Unruhe und Wechsel in Ihrem Schicksalszeichen. Nehmen Sie sich in Acht. Es steht Ihnen eine große Veränderung bevor. Sie werden das Ihrige über kurz oder lang mit dem Rücken ansehen, und wie Sie mit Kutsch' und Pferden früher in ein großes Schloß einzogen, so flüchten Sie dann unstäten Fußes daraus. Der Wittwerflor hängt an Ihrem Hute, und doch haben Sie zwei Frauen zugleich. Wenn das Gestirn des Wagens über Ihrem Hause steht, dann ist die Entscheidung nahe. Die, welche Ihnen die Nächsten sind –«
Vorlage S. 256
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»Genug!« rief ich unangenehm erschüttert, »ich will nichts mehr hören.« Sie blickte mürrisch nach mir um, runzelte die Stirne, sah dann wieder in das Glas, und brummte: »Es ist ohnedies vorbei. Alles fließt wieder zusammen. Ich kann nichts mehr unterscheiden. Aber, was gewiss ist, bleibt doch gewiss, die Zwietracht sitzt an Ihrem Heerde, und wenn Sie die Glocke wieder neun schlagen hören, wie jetzt, hat sie Ihnen schon manches Lied gesungen.«
Vorlage S. 257
626
Der Baron hatte seit einer ganzen Weile über die Schultern der Alten weg, in das flockige Gebräue hinein gesehen. Sie bemerkte es erst jetzt. »Was machen Sie hier?« rief sie scheltend. »Sie haben auch wohl Ihre Hände mit im Spiele?«
Vorlage S. 257
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Ich lachte unwillkührlich über seine Verlegenheit. »Lachen Sie nicht!« schrie sie widrig, mit einem verwünscht pfiffigen Gesicht.
Vorlage S. 258
628
In dem Augenblick ward eine fremde Stimme im Nebenzimmer laut. Der Geistliche schloss das Fenster, und sagte, indem er mit freundlicher Verbeugung an uns vorüber ging: »Verzeihen Sie, es erwartet mich hier Jemand.«
Vorlage S. 258
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Marthe hatte im Nu ihre Habseligkeiten zusammengepackt, meinen Thaler genommen, und sich aus dem Staube gemacht.
Vorlage S. 258
630
So blieben Leontin und ich allein. Wir waren beide unbequem mit einander. Er ist niemals von vielen Worten, und jetzt, sichtlich durch meine Gegenwart gedrückt, fehlte es ihm auch an dem Unbedeutendsten. Mich hatte sein Anteil an dem ganzen Vorgange frappirt. Ich war begierig, den Grund davon herauszubringen, und deshalb auf dem Punkt, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als ich den Präsidenten, Elisens Gatten, dicht nebenan sagen hörte: »Hier also? Nun, lassen Sie mich ihm meinen Dank abstatten.« Somit öffnete er die Thüre, und stand, in Begleitung des Geistlichen, vor mir. Meine Anwesenheit mochte ihn überraschen, er grüßte flüchtig, fast obenhin, wandte sich dann zum Baron, gegen den er mit Wärme eines Dienstes erwähnte, welchen ihm dieser so eben geleistet haben musste. Aus dem Verfolg des Gesprächs erfuhr ich sodann, dass der Geistliche ein längst erwarteter Aufseher und Führer von Elisens schönem Knaben, Georg, war; dass Leontin diesen empfohlen, hierher begleitet, und dem Präsidenten zugeführt hatte.
Vorlage S. 258
631
Des Barons Mitwirken in einer Angelegenheit, die Elisen Kummer machte, fiel mir gerade in diesem Augenblick um so mehr auf, als bis jetzt hiervon nichts verlautete, folglich geheim getrieben ward, und ziemlich nach einer Vertraulichkeit mit dem Manne, auf Kosten der Frau schmeckte. Mich kümmert dergleichen sonst sehr wenig. Häusliche Angelegenheiten, so oder so gestellt, gehören immer zu den Plackereien, die getragen sein wollen, es verschlägt daher eben nichts, ob die Last um ein Gran schwerer oder leichter wiegt. Es war auch nicht das, es waren, ich wette, die letzten Worte des Weibes, die etwas Fremdes in meine Seele geworfen hatte. Ich fühlte dies wie einen Stachel darin stecken. Es brannte mir heiß im Herzen, als ich den Vater, mit aller Umständlichkeit eines weitschweifigen Pedanten, von dem Knaben sprechen, und sein Dasein von dem der Mutter ablösen hörte.
Vorlage S. 259
632
Ich sage Dir, Heinrich, es wurden hier Grundsätze der Erziehung entwickelt, die einen Menschen rasend machen können. Meine arme Freundin wird darüber untergehen! Ihr zartes Innere, durch die materiellen Handhaben abstrakter Pädagogik verletzt, kann dem Gedanken nicht Raum lassen, dass, je ärger das Joch presst, je schneller rüstige Schultern es abwerfen. Sie selbst bewegt sich so leicht und frei in der hellen Sphäre schuldloser Gefühle, ihre Gedanken schwingen sich zu seltener Höhe, nirgends beengt eine der tausend künstlichen Gränzen den Flug ihres schönen, reichen Gemüthes; und wie sie unbewusst die angewiesene Bahn verfolgt, so lässt sie auch, auf die natürlichste Weise von der Welt, das kleine Seelchen ihres Lieblings die heitern Räume mit durchfliegen. Der Knabe ist ein Seraph, und so zu ihr gehörig, wie das Morgenlüftchen, das die goldene Aurora umspielt. Denke Dir nun diese beiden Menschen von den eisernen Klammern harter Regeln umspannt. Denke Dir das abgeschlossene Muss und Soll, gegen den freien Flügelschlag harmloser Willkühr. Athme nur einen Augenblick in der Region der Güte und Liebe, und siehe dann das Chaos auf einander gethürmter Gebote unter Dir, betrachte den finstern Führer, der am harten Strick das müde Lämmchen durch all die Windungen sich nachzieht, höre die tonlosen, leiernden Worte von brechen des Eigenwillens, von Demuth, blindem Gehorsam; lass den Geistlichen noch über das Thema zerknirschter Herzen und Abtödtungen des Fleisches sein Pensum hersagen, und dann begreife, wie mich das Alles zur Thüre hinaus, unter Gottes freien Himmel jagen, die Brust mit Wehmuth, den Kopf mit unruhigen Bildern füllen musste. In dieser Stimmung stoße ich auf die Tannenhäuserin, die mir vor dem Hause begegnete. Sie grüßte, fragte nach dem Befinden des Comthurs, und setzte hinzu, wie ihr der Baron über dasselbe gute Nachricht gegeben.
Vorlage S. 260
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»Der Baron war also heute drüben auf der Burg?« unterbrach ich sie. »Allerdings!« war die Antwort. »Und, wie ich höre, sind der geistliche Herr von dort in des gnädigen Herrn Begleitung hierher gekommen. Die Frau Gräfin haben denselben empfohlen, verschrieben, wie ich nicht anders weiß.«
Vorlage S. 261
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Heinrich, mir stieg das Blut nach dem Kopfe. Emma, dachte ich. Hat sie ihre reinen Hände in dem heimlichen Spiele? Wie kommt sie dazu, mit Leontin gemeinschaftlich gegen den Wunsch der armen Elise zu wirken. Es sah alles so abgekartet, so versteckt aus. Dazu kam das verabredete Zusammentreffen gerade in dem entlegenen Winkel hier, man wollte das Ansehen der Theilnahme vermeiden. Der Präsident musste bei Nacht und Nebel den Aufseher über Frau und Kind auf geheimnißvolle Weise in Empfang nehmen. Ich war dabei ein sehr unberufener, ja unbequemer Zeuge. Ging Leontins überraschter Blick etwa hierauf, als Marthe ihm vorwarf, die Hand in dem verderblichen Spiele zu haben? »Hexe!« rief ich in mir, indem ich mich verdrüßlich aufs Pferd schwang, und nach der Burg ritt.
Vorlage S. 261
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Ich weiß nicht, was mir Alles während meines Rittes durch den Wald im Kopf spukte? Genug, ich sah zum erstenmale um mich, als ich etwa tausend Schritte vom Schlosse, am Fuße des Berges, anhielt. Der breite Weg, welcher in Schlangenwindungen auswärts führt, ward scharf vom Mondlichte bezeichnet, bis ihn zuletzt eine dunkle Tannengruppe verdeckt, und man seiner erst dicht an der Terrasse des Gebäudes wieder ansichtig wird. Sehr natürlich fiel mein Blick, als auf den hellsten Punkt der Landschaft, dahin, doch mit seltsamem Schreck fuhr ich zusammen, da gerade in demselben Moment ein Wagen hinter der schwarzen Decke der Bäume hervorrollte, und vor der Burg hielt. Ich wusste sogleich, wer darin saß, eben deshalb schallten mir Marthens Worte: »Die Zwietracht sitzt an ihrem eigenen Heerde,« wie ein Echo aus dem Walde zurück. Ich raffte mich zusammen, eilte nach Hause, fand meine Schwiegermutter, und mit ihr ein Heer ängstlicher Rücksichten, kalten Formen und lauernden Anspielungen. Ich bin wie gelähmt, das Dach des Schlosses drückt mit Centnerlast auf mich.
Vorlage S. 262
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Es ist eine Schwüle in den Mauern, als müsse die Flamme jeden Augenblick aufschlagen.
Vorlage S. 263
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So war es heute und gestern! Wer weiß, wie es morgen sein wird?
Vorlage S. 263
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Heinrich! Heinrich! die Fäden, die unser Geschick lenken, laufen wahrhaftig nicht so einzeln durch das Leben.
Vorlage S. 263
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Lebe wohl! ich sehe einem Unwetter entgegen.
Vorlage S. 263
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Elise an Hugo
Vorlage S. 264
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Sagen Sie, was Sie wollen. Sie waren gestern nicht natürlich! Wenn ich vor so manchem Gesicht eine Maske dulden mag, so ist sie mir bei Ihnen unerträglich.
Vorlage S. 264
642
Was wollten Sie mit der erzwungenen Redseligkeit, mit der ironischen, frostigen Laune sagen, die Niemand, am wenigsten die Klugen der Welt täuscht? Für wen spielten Sie Comödie? Hugo!
Vorlage S. 264
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Es hat mich verdrossen. Ich wollte mit Ihnen reden. Deshalb trat ich zu Ihnen ins Fenster. Sie wichen mir aus. Ihr Gehirn war in jener hüpfenden Bewegung, die den Witz überall Seitensprünge machen lässt, und das Gespräch in Brocken zerstückelt. Eine Stimmung, die zu der meinigen durchaus nicht passte. Fühlten Sie nicht, oder wollten Sie es nicht fühlen, dass mir etwas auf dem Herzen lag, was herunter musste?
Vorlage S. 264
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Was ist ein Freund, wenn er den Klang der beengten Seele in einem stummen Luftzuge, ohne Echohall, zu uns zurückschickt?
Vorlage S. 264
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Ich habe Kummer. Sie sollten es wissen. Der dünne, blasse, stumme Caplan, der mir wie ein Gespenst nachschleicht, und auf den Fersen sitzt, sobald sich Georg zu mir flüchtet. Eduards blindes Vertrauen zu ihm, die peinlichen Tischgespräche, der Zwang, mit dem Menschen meinen Tag zuzubringen, seine Begleitung auf Spatziergängen und Fahrten dulden zu müssen, wenn ich das geängstete Kind nicht martern lassen will; dies und noch unendlich Vieles, was damit zusammenhängt, was auf die Zukunft hindeutet, was mir nur zu gegründete Sorge giebt, sollten Sie von mir hören. Ich kann nicht mit Ihnen lachen. Sie, hoffte ich, würden mit mir denken, wie dem frostigen, pressenden Einflusse auf das frohsinnige Kind, so wie auf mich, entgegen zu wirken sei? Aber mit nichts konnte ich Sie fassen, Hugo! nicht meine Bitten, nicht mein Unwille. Wo waren Sie mit Ihrem Selbst, dass ich Sie nicht zu finden wusste? Es giebt einmal nichts Unbequemeres für mich, als Besorgnisse hegen zu müssen. Mit dem Schmerz nehme ich es eine Weile auf. Entweder ich besiege ihn, oder ich ergebe mich darin, und will nichts mehr, als die Dinge so gehen lassen, wie sie wollen.
Vorlage S. 264
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Ehe es aber so weit kommt, giebt es viele Mittelzustände, in denen dem Menschen allerlei zugemuthet wird, was er sich nicht gefallen lassen darf; Widersprüche aus Unsinn und Vorurtheil erzeugt, an denen sich unser Scharfsinn, wie die Kraft des Stärkern prüfen soll. Aus diesem Grunde biete ich auch deshalb alles auf, dem Steine auszuweichen, den mir das Geschick entgegen rollt, und stoße ich doch darauf, so überspringe ich ihn. Stehen bleiben und müßig klagen, kann ich nicht. Die Ueberzeugung, dass gegen jedwedes Uebel ein Mittel zu finden sein müsse, hat es mir noch niemals an einer passenden Auskunft fehlen lassen. Warum bin ich aber jetzt so ganz ohne Zuversicht und Klarheit? Den Caplan entfernen, hieß gegen den Strom im Moment der Brandung schwimmen wollen. Ihn dulden und unschädlich machen, dazu gehört ein anderer Charakter, als der meinige. Wen ich nicht von selbst gewinne, der bleibt für mich verloren. Berechnen kann ich weder mich noch Andere. Das Leben gehen lassen, ist in vielen Stücken gut, allein hier kann zu Vieles untergehen, ehe die Natur ihr stilles Recht behauptet.
Vorlage S. 265
647
Was ist also zu tun?
Vorlage S. 266
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Schaffen Sie Rath, Hugo! Auf Sie zähle ich in meiner Angst. Wissen Sie auch, von woher mir der Schlag kam? Aus Ihrem Hause! Dem Oheim und der Nichte verdanke ich diese Zugabe meines Hauskreuzes. Tadeln Sie indeß Niemand. Beide handelten nach bester Ueberzeugung. Ihnen fiel es nicht ein, meiner Ueberzeugung zu nahe treten zu wollen.
Vorlage S. 266
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Emma schrieb mir zugleich das hübscheste Briefchen von der Welt über die Schritte, welche in der Sache geschehen waren. Ich lege es Ihnen hier bei, hinzusetzend, dass es mir übrigens so spät überkam, dass für mich nichts mehr zu tun blieb.
Vorlage S. 267
650
Sehen Sie! so sündigt Emma gegen mich, ohne eine Ahndung davon zu haben.
Vorlage S. 267
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Wie Vieles wäre noch darüber, wie Vieles über das Nichtverstehen der Menschen zu sagen. Allein, ich muss Ihnen ja dies schon schreiben. Sie sind nicht zu erreichen, seit Sie den Weltmann in der Stadt und den vornehmen Schloßherrn auf der Burg spielen. Wie Ihnen das schlecht steht, und wie fremd Sie mir erscheinen!
Vorlage S. 267
652
Könnten Sie einen Augenblick finden, der Sie, in Ihren grauen Mantel gehüllt, unscheinbar und bescheiden zu meiner Thüre brächte, ich würde glauben, Sie seien wieder Sie selbst, um mit Ihnen reden, denken, überlegen und ruhig sein zu können, wie sonst.
Vorlage S. 267
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Gute Nacht! Ich bin müde, ich habe geweint, und doch weiß ich, ich werde nicht schlafen. Mir liegt Vieles im Sinn.
Vorlage S. 267
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Emma an Elise
Vorlage S. 268
655
(Im vorigen Briefe eingeschlossen.)
Vorlage S. 268
656
Ich ward verhindert, diesen Morgen zu Ihnen zu kommen und Ihnen mitzutheilen, was Sie vor allem Andern wissen sollen.
Vorlage S. 268
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Liebe Elise, es war gestern in den Zimmern des Comthur die Rede von Eduard's Wunsche, einen Erzieher für ihren lieben Knaben zu finden. Er hatte dem Baron Wildenau den Auftrag gegeben, ihm einen solchen suchen zu helfen. Die Wahl dünkte diesem schwer. Der Oheim wandte sich an mich, und rief mir einen Mann ins Gedächtnis, der mir von dem Lehrer und Freunde meiner Jugend empfohlen worden. Einen bessern Fürsprecher konnte sich so leicht Niemand rühmen. Ich erwog einen Augenblick, in wie fern ihre Anforderungen mit den Leistungen jenes jungen Geistlichen zusammen treffen möchten? fand gleichwohl, dass eine edle Geburt, feine Erziehung, frühere günstige Stellung zur Welt, Bekanntschaft mit dieser, wie mit den Wissenschaften, der junge Mann zu Georgs Begleiter sich eigene, und schwerlich ein passenderer in diesem Augenblicke zu finden sei. Deshalb nur, und weil der Baron selbst der Ueberbringer meines Schreibens sein wollte, entschloß ich mich, ohne erst Ihre Einwilligung abzuwarten, der des Präsidenten war ich gewiss, den Schüler meines alten Lehrers hierher zu bescheiden, und es dann Ihrer Bestimmung zu überlassen, auf welche Weise er bei Ihnen eingeführt werden soll?
Vorlage S. 268
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Bin ich voreilig gewesen, so verzeihen Sie es dem Eifer, Ihnen und dem lieben Georg, von den wenigen wahrhaften Diensten, die in der Gewalt wohlmeinender Freunde stehen, den Wesentlichsten leisten zu wollen.
Vorlage S. 269
659
N. S.
Vorlage S. 269
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Eduard war bei mir. Er wusste schon Alles durch Leontin, und übernimmt es, Ihnen dies Briefchen zuzustellen.
Vorlage S. 269
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Hugo an Elise
Vorlage S. 269
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Sie schelten mich. Sie sind unzufrieden mit mir. Hier lobt man mich. Emma's Auge strahlt vor Freude, sie sieht mit einer Art Triumph von mir zu ihrer Mutter hin.
Vorlage S. 269
663
Wer von Beiden kennt mich nun am besten?
Vorlage S. 270
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O lassen Sie diese Frage unbeantwortet! Es hängen an der einen, unzählige andere, die, einmal ausgesprochen, Herz und Seele mit herausreißen, dem Leben ein Ende machen, oder es anders gestalten müssten!
Vorlage S. 270
665
Ich komme nicht zu Ihnen, Elise. Auch nicht auf Ihr dringendes Gebot. Urteilen Sie darnach, wie unmöglich es mir sein muss. Unmöglich! ja ja! Belachen Sie den Ausdruck nicht. Ich spreche nicht in Räthseln. Noch ein einziger, kurzer Schritt, und die Fluth treibt mich, wohin ich nicht will, wohin kein Auge reicht, was kein Maaß, keine Gränze kennt. Elise, hörten Sie nie – Gott nein! – Der bodenlose Abgrund verworrener Begriffe liegt tief, tief unter der Region, in der Sie athmen. Genug, ich komme nicht. Ich schreibe Ihnen. Endlich ist Ruhe um mich. Sie schlafen, die mich müde hetzten, und mir nicht einmal den Schlaf lassen können. Sie haben ihn mir schon lange, lange geraubt!
Vorlage S. 270
666
Es ist tiefe Nacht. Sind wir endlich allein, Ganz allein, Elise? dunkle Schatten liegen, wie Wächter, um die Freistatt der Gedanken. Sind wir auch hier der Welt und ihren Gesetzen verfallen? Giebt es keine Ewigkeit in der Zeit, und kann die Sehnsucht niemals, niemals den Kerker sprengen, der Geister von Geistern trennt? Wie ertragen wir denn den Tod unserer Lieben? was schleichen wir zu ihren Gräbern und rufen Bilder der Vergangenheit in die Gegenwart zurück? Ist das stille Hinübergleiten von einer Welt in die andere nichts, als ein suptileres Phantom der Einbildungskraft? Stoßen wir überall, auch in uns nur auf Täuschungen, die den Drang des Innern mit Phantasmen hinhalten, wie Kinder in einer gespielten, die erwartete Welt vorausleben?
Vorlage S. 270
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Sei es, ich träume denn also, und sehe Sie, und rede mit Ihnen im Traum.
Vorlage S. 271
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Was aber darf ich Ihnen sagen?
Vorlage S. 271
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Die Nacht verwirrt mich. Ich will den Morgen abwarten, der Brief soll unvollendet bleiben.
Vorlage S. 271
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Er wird kein Ende finden! Wo soll ich aufhören? Vielleicht hätte ich besser getan, niemals anzufangen. Jetzt! – Ja so, Sie wollten wissen, was ich von dem Caplan halte? Mein Gott! lassen Sie den guten Mann nur immer machen. Weder dieser noch ein anderer, ich versichere Sie, erzieht den Menschen. Das sind alles handwerksmäßige Uebungen. Lehrjahre hat ein Jeder. Das muss sein. Der Künstler wird geboren. Das Genie giebt und nimmt sich nicht. Und was das Wecken und Ersticken desselben betrifft, so halte ich von dem nicht viel, das nicht stärker wäre, als ein mechanisches Band. – Der Widerspruch lehrt zuerst sprechen, und zugleich denken. Gleichviel, was augenblicklich für Resultate daraus entstehen! Man muss dabei nicht allzupeinlich verweilen. Ein wenig Trotz hebt Kopf und Nacken in die Höhe. Der Blick lernt dieselbe Richtung finden. Zuletzt fällt dann das eigene Maaß kurz genug aus, wenn man es vergleichend an Ideale legt. Man lernt Andere dulden, weil man sich Vieles verzeihen muss. Sie kennen ja meine Theorie über die einzigen Ausgleichungsmittel im Leben. Güte und wohlwollende Achtung für die Freiheit Anderer. Ich büße lieber von der meinigen ein, als jene zu beschränken. Machen Sie es auch so. In der Regel kann man, bis zu einem gewissen Punkt, über Vieles lachen und es gut sein lassen.
Vorlage S. 271
671
Ich lache jetzt oft, und deshalb auch letzthin bei unsrer lauernden Nachbarin. Danken Sie mir das, Elise. Hätte ich dem Ernst sein Recht eingeräumt, jener gewisse Punkt wäre vielleicht nicht unberührt geblieben, und dann wäre mehr, als die losen Schlingen des Scherzes zerrissen worden.
Vorlage S. 272
672
Hüten Sie sich, schöne, arglose Seele, aus der Region heiterer Unbewußtheit herauszutreten. Noch bewache ich die Gränzen. Drängen Sie mich nicht von meiner Stelle. Ich bitte Sie, fragen Sie nicht zuviel. Ich habe schon mehr erfahren, als gut ist; die Binde ist mir von den Augen genommen, und kein Gott kann den Traum seliger Blindheit wieder herstellen.
Vorlage S. 273
673
So weit hatte ich geschrieben. Ich wollte Ihnen das Blatt mit dem Frühesten schicken. Die Gelegenheit mit dem Marktschiffe dünkte mir zu langsam. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken, selbst nach der Stadt zu reiten und den Brief in Ihrem Hause abzugeben. Ich ließ auch wirklich mein Pferd vorführen, warf mich darauf und sprengte davon. Doch war ich noch nicht weit gekommen, als ein mir nacheilender Reitknecht ein Billet von Emma überbrachte, in welchem sie mir anzeigt, dass, gleich nachdem ich die Burg verlassen, ein fürstlicher Jäger mit der Meldung dort eingetroffen sei, der Fürst hege den Wunsch, in den umliegenden Forsten zu jagen, und sage sich zu dem Ende, zu einem Frühstücke auf dem Schlosse an.
Vorlage S. 273
674
Mir blieb natürlich nichts anders übrig, als umzukehren und die erforderlichen Vorkehrungen zu treffen.
Vorlage S. 274
675
Sehen Sie, Elise! Fesseln, die den Menschen zum Sclaven gemacht haben, ehe er es noch einmal recht weiß, werden immer durch unabwendbare Verhältnisse geschmiedet. Was diese entstehen lässt? was sie durch einander bedingt? das liegt außerhalb menschlicher Berechnung. Es hat sich eins auf ungefähre Weise gebildet, und der Ring ist sogleich geschlossen, der unsere Freiheit umspannt!
Vorlage S. 274
676
Die Jagd ist nichts als ein Vorwand. Der Fürst sucht die Oberhofmeisterin hier auf, weil es nicht das Ansehen persönlicher Beziehung zu ihm haben soll. Und doch existirt diese Beziehung. Sie hat etwas vor. Sie nimmt den Einfluss des längst gekannten Freundes in Anspruch. Mit mir will sie etwas. Ich sehe sie von Weitem kommen! Schon lange dreht sie das Seil. Jetzt hofft sie, die Schlinge zu schürzen!
Vorlage S. 274
677
Von hier fort, in Tätigkeit will sie mich wissen? deshalb die vertrauliche Annäherung des Fürsten, das zwanglose ländliche Beisammensein! Der Weg soll gefunden werden, der geradezu auf meine Eitelkeit losgeht. In das eigene Netz will man mich verwickeln. Sie hat sich verrechnet. Der Springer im Schachspiel durchkreuzt wohl auch einmal den Gang der Königin. Ich weiß das! ich fühle mich! und dennoch, wenn es zu einer offnen Erklärung käme – wenn ich reden müsste – was würde da Alles laut werden? wohin kann ein Wort das andere führen!
Vorlage S. 274
678
Und Sie werfen mir vor, den Weltmann in der Stadt, den Schloßherrn auf der Burg zu spielen. Ahnden Sie denn gar nicht, was mein Spiel verdeckt und abwehrt? – – – –
Vorlage S. 275
679
Ein Tag voll unruhigen Umhertreibens, voll lästiger Geschäftigkeit ist nun vorüber! Es ist wieder Nacht, die Stunden laufen ab, die Zeit wechselt, das Leben rückt nicht vor, ich stehe auf dem alten Fleck. Entsetzliches Bewusstsein! Es jagt mir das Blut mit Höllenangst durch die Adern! Wie das noch werden soll! Der Fürst maß mich heute ein Paarmal mit seinem seitwärts fallenden Blick, der, bei aller Flüchtigkeit doch auf Kundschaft ausging. Welche Spur hat man ihm nur gegeben, dass er so zuversichtlich darauf fortgeht? Im Uebrigen that er ganz unbefangen, war gesprächig, und ganz auf der Jagd. Er ist ein gewandter Schütze. Ich äußerte das mit bescheidenem Lobe. Er lächelte. »Ja,« sagte er darauf, »es war immer mein Lieblingsvergnügen, deshalb erlaube ich mir es nur selten. Es kann leicht zur Leidenschaft werden; und vor nichts hege ich mehr Furcht, als vor einer solchen Haustyrannin, die man am eignen Heerde groß zieht!«
Vorlage S. 275
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Er schwieg, allein hier eben war es, wo sein Blick mich suchte. Ich that, als bemerke ich es nicht, indem ich den Gegenstand fallen ließ, und nur neue Veranlassung suchte, der eingestandenen Neigung Vorschub zu leihen. Er ging einen Augenblick in meinen erweiterten Jagdplan ein, doch bald nachher bemerkte er, das führe zu weit. Man dürfe nicht so allein an sich denken. Oben auf der Burg erwarteten uns die Damen und der würdige Comthur, wir seien ihnen Rücksichten schuldig, er wolle nicht das Ansehen haben, solche gering zu achten. Elise, ich biss mir in die Lippen, so lächerlich war mir der fürstliche Sittenprediger, den man bis unter Gottes freien Himmel an mich abgeschickt hatte.
Vorlage S. 276
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Es mochte indeß hingehen. Wir fuhren nach Hause. Unterwegs lobte er den Wald, die Gegend, fragte nach dem neuen Bau drüben auf Wehrheim, drang deshalb in mich, wollte Alles wissen, und schloss dann unter lautem Lachen mit der Bemerkung, dass ich schlecht bei mir selbst zu Hause sei. Ich fühlte den Stich, verschmerzte ihn aber, da er nichts Wesentliches in mir verletzte. So lachte ich mit ihm, vielleicht mehr von Herzen, als er. Nach und nach rückte er denn heran, sprach von umfassender Tätigkeit, öffentlichem Leben, dem Interesse an Staatsverhältnissen, nannte das große Lügennetz: die Politik, das eigentliche Gewebe des Scharfsinns, und meinte, der schlaue Jäger finde hier erst ein geräumiges Feld, sein Wild aufs Korn zu nehmen.
Vorlage S. 276
682
Jetzt wusste ich, wo man hinaus wollte. Zum Glück hielten wir bereits an der Schloßtreppe. Meine Antwort blieb ich ihm schuldig. Er wird sie mir schon noch abfordern. Doch sei es wann und wo es wolle, die Wahrheit soll er gewiss hören.
Vorlage S. 277
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Gott behüte mich vor neuen Ketten! Als wenn ich nicht schon an den jetzigen schwer genug zu tragen hätte. Meine Schwiegermutter ist seitdem von der besten Laune. Sie geht in Jedes ein, was ich sage, giebt mir Recht, theilt ganz meine Ansichten. Was hat das anders zu bedeuten, als dass mein Urteil gesprochen ist, und sie dem harten Ausspruch einen milden, bestechlichen Klang einhauchen möchte. Elise! geben Sie Acht, das ist der Stein, an dem Vieles zerschellen wird!
Vorlage S. 277
684
Ich breche kurz ab. Es hat sich ein Bote gezeigt, der das Schreiben noch vor Ihrem Erwachen zur Stadt trägt. Ich lag im Fenster. Es dämmerte kaum. Da hörte ich schon von ferne die weit ausgreifenden, taktmäßigen Tritte eines geübten Fußgängers. Nicht lange, so ging Jemand dicht an dem Hause entlang. Ich beugte mich vor. »Walter!« rief ich halblaut. Die große, gebückte Gestalt für diesen haltend. »Ja!« antwortete der Wandrer, »was giebts?« »Seid Ihr's, Walter?« fragte ich noch einmal. Dieser nickte mit dem Kopfe, ohne etwas zu erwiedern.
Vorlage S. 278
685
»Was habt Ihr denn Eiliges hier zu tun?« lachte ich, ohne mir etwas dabei zu denken. »Hier schläft noch Alles, Handel und Wandel wird um diese Stunde nicht getrieben.« »Ist auch nicht meine Absicht,« entgegnete der Hausirer. »Ich gebe nur gelegentlich einen Brief an die Frau Gräfin ab. Ich komme drüben von der Tannenhäuserin, und gehe hinunter nach Wehrheim, um von dort mit dem Marktschiffe nach der Stadt zu gelangen. Das Schreiben ist von dem Herrn Caplan, er hat es, ich weiß nicht wie, unsrer Wirthin zur weitern Beförderung zustellen lassen.«
Vorlage S. 278
686
Walter hatte sich während dem auf einen Stein gesetzt. Ich hieß ihn da warten, bis ich hinunter kommen würde. Ich habe nun diese Zeilen niedergeschrieben, ich füge nichts hinzu; aber – wie ein Zug dunkler Nachtvögel, schwirren widerwärtige, verworrene Vermuthungen an mir vorüber. Emma! – der Caplan! – Der geheimnißvolle Weg ihrer Mittheilung! – O die Geistlichen sind so verschlagen, und die Tauben so zahm! so zum Abrichten gemacht!
Vorlage S. 279
687
Ich verlasse Sie in einer sonderbaren Stimmung. Nein, Elise! nein, ich verlasse Sie nicht, niemals, ich bin Ihr Freund, mehr als jemals! Ich begleite Sie wie Ihr Schatten. Sein Sie ruhig, ich bitte Sie! Es ist nichts! Ich bin bei Ihnen, verlassen Sie sich darauf.
Vorlage S. 279
688
Ich eile zu Walter hinunter. Ich werde ihm den Brief vom Caplan abnehmen, ich will ihn Emma selbst geben! Sie ist wahr, sie kann – doch leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Elise!
Vorlage S. 279
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Die Oberhofmeisterin an Sophie!
Vorlage S. 280
690
Wundern Sie sich nicht, dass ich mir so viel Zeit ließ, ehe ich an Sie schrieb? Nur wenn Sie hier wären, würden Sie es verstehen, wie ich zu dieser Enthaltsamkeit kommen konnte.
Vorlage S. 280
691
Es ist nicht leicht, Worte zu finden, wenn man nicht weiß, was man denkt oder fühlt? Sehen Sie, jede andere wie ich, würde hier ruhig, und leidlich zufrieden sein. Ich bin es nicht, ich kann es nicht sein, ob ich gleich gestehen muss, dass ich Niemand einen Vorwurf zu machen habe, noch etwas Bestimmtes tadeln kann. In den ersten Augenblicken nach meiner Ankunft war ich völlig geblendet. Hätte ich Ihnen da geschrieben, Sie würden triumphiren. Es war Nacht, als ich den Fels hinan, zu dem erleuchteten Burghofe einfuhr. Die große Ampel über dem Steinbrunnen, die hohen Tannen, zwischen denen sie schwebt, das Licht selbst so magisch über die besondere Architektur ausgegossen, und Emma endlich, schöner als je, unter den gothischen Bogen, auf der gewundenen Treppe stehend, hinter ihr der Comthur, imposant wie immer, durch Gestalt und Haltung, ich sage Ihnen, ich war überrascht, durch das Neue und Sonderbare des Anblicks. Mich selbst, und was mich hierher trieb vergessend, rief ich schon, ehe man mich hören konnte: »Willkommen, willkommen, liebe Kinder!« Bei dem ersten Laut meiner Stimme füllt sich der Hof mit Menschen und Lichtern; Emma stürzte an den Schlag des Wagens, sprang auf den Tritt desselben, und lag in meinen Armen, in einer Bewegung, die ihr Sprache und Besinnung raubte. Ich fühlte, ich hörte die Schläge ihres lieben Herzens, das meinige brach fast vor Entzücken. Indeß war Hugo auch herabgekommen, er hob mich aus dem Wagen, und führte mich und Emma zum Schlosse hinein.
Vorlage S. 280
692
Mit stummer Rührung drückte er unsere Hände in den seinen. Es erschütterte ihn sichtbar, uns so einander wiedergegeben zu sehen. Er hat an Behutsamkeit, an Feinheit des Betragens gewonnen, man fühlt, er kennt seine Stellung, und dabei hat er nichts von jenem Besondern verloren, das unsre Fürstin, die Schwingung eines tiefen, melancholischen Accordes nennt. Sie wissen! ich bin nicht für Schwärmereien der Art, indeß musste ich mir, wenn auch widerstrebend, eingestehen, dass man Hugo nicht nahet, ohne in eine ungewöhnliche, denkende und nachempfindende Stimmung zu versinken. So flohen die ersten Stunden hin, indeß mich, was ich sah und hörte, immer mehr erregte, immer williger machte, die neuen Eindrücke mit Feuer und Bewunderung aufzunehmen. Ich fordere auch Besonnenere als ich bin, auf, ungeblendet von dem Reiz des rührendsten, lieblichsten Wesens, der einzigen, über alles geliebten, nach langer Trennung wiedergefundenen Tochter zu bleiben. Sie selbst, von Freude strahlend, mitten im Glanz der sonderbarsten, erhabensten Umgebung glücklich, die Fürstin ihres Kreises, darin gebietend und herrschend mit dem Zauber einer Fee; sie so zu sehen, und auf die Plackereien, das Gezänk und Gewäsch miserabler Flachheit zurück zu blicken, den Maßstab der Beurtheilung von da herzuholen, kurz, zu wissen, was man früher wollte! Ach ich athme nun, wie in andrer Luft! Ich hätte schwören können, mir wäre nie ein Zweifel über die vollkommene Zufriedenheit Emma's in den Sinn gekommen.
Vorlage S. 281
693
Der feierliche Ernst des Comthur, zu welchem er schon in der Jugend eine leichte Anlage hatte, und der ihm nun zur andern Natur geworden sein mag, stemmte sich zuerst gegen die raschen Ausbrüche meiner sorgenfreien Laune. Ich stieß mich so zu sagen an ihm, und in der unangenehmen Empfindung, die auf so etwas folgt, sah ich mir den Mann, den Ort, die Menschen bestimmter an. Ich spürte leicht die Spannung heraus, die sich an gewissen Tagen über häusliche Verhältnisse, über Personen und deren Art und Weise verbreitet. Emma kam mir ängstlich, Hugo nicht natürlich, der Oheim unsicher zwischen beiden vor. Es ist unglaublich, wie das leiseste Verrücken des Gesichtspunktes, sogleich Blick, Gedanken, Gefühl, Stimmung in uns anders macht! Ich wurde nachdenkend wie der Comthur. Es half diesem wenig, dass er gleichgültige Gespräche mit Feinheit und Anmuth zu beleben suchte, als sei zwanglose Heiterkeit hier einheimisch, ich hatte es bald weg, man war bemüht, mich zu unterhalten, und jedweder hatte dazu seinen Festtagsrock angezogen.
Vorlage S. 282
694
Das ist im Ganzen auch so geblieben, nur werden wir nach gerade der Spielereien überdrüßig. Hugo sieht manchmal aus wie die stumme Verzweiflung. Emma überbietet sich dann in Gesprächigkeit und launigen Anekdoten, sie lacht und erzählt, aber ihr Lachen jagt mir das Blut ins Gesicht, ich schäme mich in ihre Seele, dass sie gezwungen ist, eine Rolle vor mir zu spielen, die ihres Mannes hölzerne Leblosigkeit sehr schlecht unterstützt. Und ich, Sophie, soll unschuldig genug sein, dahinter nichts anders zu suchen, als Eigensinn und Laune? Nein, ich spiele mit! und gehe, wie alle Andere, frei hinter den Coulissen hin und her. Es steht da noch Mancher, der frühe oder spät in die Scene treten wird. Bis zur Entwickelung sind wir noch nicht gelangt, denn die Fäden der Intrigue laufen kraus durch einander.
Vorlage S. 283
695
Der Intrigue? Ja, ja! ich bin gewiss, dass sie existirt, dass sie sich unter Emma's Augen angesponnen und gebildet hat, dass sie es sieht, es weiß und duldet, um nur den Undankbaren nicht zu stören, der unser Aller Elend machen wird. Darin liegt der Schlüssel ihres Betragens, deshalb die Anstrengungen unheimlicher Fröhlichkeit, denen weder ihre innere noch äußere Kraft gewachsen ist.
Vorlage S. 284
696
Das ist es, Sophie, was ich herausfühlte. Zu bemerken, zu entdecken ist hier nichts. Dazu sind Alle in stillschweigender Uebereinkunft zu einig, denn sie wissen, dass man demjenigen, den man ans Licht ziehen will, unter der künstlichsten Verkappung nachspürt. Doch finden sich auch willige Hände, die unversehens den Finger ausstrecken, und hinzeigen, wo man sehen soll.
Vorlage S. 284
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Unsere Gräfin in Ulmenstein ist in solchen Fällen von unzuberechnender Dienstfertigkeit. Ich war kaum auf der Burg angekommen, so kam sie auch. Meine Laune stimmte schlecht zu solchem Besuch. Musste ich hier gleich auf eines der lästigen Geschöpfe stoßen, die in ihrer faden Wichtigkeit schon so breite Plätze am Hofe und in der Stadt einnehmen! Mit der stummen Höflichkeit, die Sie mir unzählige Male vorwarfen, parirte ich den Andrang unbequemer Geschwätzigkeit, mit der die bewegliche Frau auf mich zurannte. Sie ward nicht einen Augenblick irre. Ohne im Mindesten von ihrem Eifer abzulassen, hatte sie mich in Kurzem, zu meiner Strafe und ihrem Triumph, in das Netz ihrer Worte verstrickt. Ich büßte jetzt meine frühere Gleichgültigkeit durch die stechendste Neugier. Urteilen Sie nur, wie ich aufhorchte, als sie unter endlosen Faseleien und ewigem Kichern auf die spaßhafteste Weise von der Welt bemerkte: Es sei ein wahres Werk der Barmherzigkeit, dass ich gerade in diesem Augenblicke hierher gekommen sei; ihre Trauer um die arme, liebe Tante, wie sie mit plötzlich veränderter Miene und einem kleinen Anflug süßlicher Wehmuth hinzusetzte, ihre Trauer feßle sie jetzt, als verständige und alles überlegende Frau, in Ulmenstein, die ganze Nachbarschaft sei verödet ohne sie, die Burg ebenfalls ausgestorben, da die häusliche Emma die Einsamkeit zu sehr liebe, um selbst nur ihren Mann nach der Residenz begleiten zu wollen, wohin ihn doch sehr natürlich unzählig kleine und größere Verpflichtungen alle Augenblicke riefen.
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Ihre lächelnde Stimme lief hier in die unangenehmste Feinheit aus. Ich arbeitete an meinem Tapisserie, wühlte unter den bunten Knäueln, hielt die Farben zusammen, zählte und berechnete Stiche und Fäden, während das Blut schon unruhiger in mir wogte, doch hielt ich es zurück, ich lächelte ebenfalls, und erwiederte in demselben Tone: »Es ist auch sehr schön hier im Schlosse, ich begreife, dass man sich sehr ungern daraus entfernt.«
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»Ja, bei Gott! sehr schön,« rief sie emphatisch aus. »Wer weiß das nicht? Aber man muss doch auch ein klein Bischen uneigennützig denken, und die übrige Welt nicht ganz über seine Lieblingsgenüsse vergessen. Werden Sie es glauben,« lachte sie hier wieder auf eine schneidende Art, »dass die böse kleine Frau über einen Monat nicht ein einzigesmal bei mir zu Mittag gegessen hat? Immer war entweder der Graf im Begriff, abzureisen, oder er sollte eben an diesem Tage wieder kommen, und so geizt die zärtliche Gattin mit jeder Minute, die sie der Muße ihres beschäftigten Freundes abstehlen kann, dass sie uns andern armen Leuten auch keine einzige davon aufopfern will.«
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»Sie sind sehr gütig,« erwiederte ich, über meine Arbeit gebeugt, und die Augen auf dieser hin- und hergehen lassend, um nur die Schwätzerin nicht anzusehen. »Sie sind sehr gütig, meine liebe Gräfin, sich soviel um die Undankbare zu bekümmern, die nur einer alten, bösen Gewohnheit der Bequemlichkeit nachgiebt, wenn sie die rücksichtsvolle Ehefrau spielt. Wie oft mag sie dem guten Hugo einen Ritt oder eine Fahrt nach der Stadt andichten, um nur ihre Trägheit zu entschuldigen.«
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»Das nicht! das nicht!« fiel die Gräfin lebhaft ein. »O! ums Himmels Willen, demüthigen Sie mich doch nicht so sehr, hier eine bloße Ausflucht zu suchen, wo ich ein besseres Motiv voraussetze, das meiner Eitelkeit weniger empfindlich ist. Nein, ich weiß, die liebenswürdige Emma weicht meinen Einladungen nicht ohne Grund aus.«
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Es blitzte bei diesen Worten so ein gewisses, rasches, gelbes Licht aus ihren kleinen, beweglichen Augen, dass ich, unwillkührlich zu ihr aufsehend, davon auf das Unangenehmste überrascht wurde. Es war keine Frage, sie deutete auf etwas hin, das sie nicht gesonnen war, mir verbergen zu wollen. Mir lag aber daran, es nicht durch sie zu erfahren, deshalb drückte ich meine Hand leise auf ihren Arm, indem ich so wenig trocken als möglich sagte: »Ich sehe wohl, Ihre Freundschaft für Emma macht Sie eifersüchtig! Sie rechten selbst mit Hugo, dem Sie die Minuten nachzählen, welche er in der Gesellschaft seiner Frau verlebt.«
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Die Gräfin ward hier sehr roth, und half sich mit ihrem gewohnten Lachen. Nach einer Weile trat der Comthur ins Zimmer. Die Gräfin war honigsüß mit ihm. Er ließ sich das nicht ungern gefallen. Es ist keine Angelruthe so abgenutzt, dass nicht die Eitelkeit der gescheutesten Männer zu gewissen Zeiten anbisse. Jetzt wurden wir neu bestürmt, in den nächsten Tagen nach Ulmenstein zu kommen. Ich verwahrte mich dagegen wie ich wusste und konnte, doch zuletzt musste ich es geschehen lassen, dass die Einladung auf den folgenden Mittag angenommen ward.
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Man hat ein Vorgefühl von dem, was einem treffen wird. Ich hatte es, als ich in den Wagen stieg, um die Fahrt zu machen. Mir war diese an sich höchst fatal. Ein Diner auf dem Lande gehört zu dem Widersinnigsten, was ich kenne. Da, wo alle Ostentation entfernt sein sollte, erscheint sie doppelt lächerlich. Man ist nicht geneigt, sie sich gefallen zu lassen. Man will und verlangt etwas anders, und wird verdrüßlich, immer das Alte zu finden.
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Es ließ sich, nach der Persönlichkeit der Gräfin, auf die Prätentionen ihrer häuslichen Einrichtung schließen. So etwas stößt mich ab. Ich legte in keiner Epoche meines Lebens Werth auf das Vorübergehende, und wenn ich übertriebene Modesucht schon bei der Jugend unnatürlich finde, so dünkt sie mir im Alter die Schminke der Dummheit und Leerheit zu sein.
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Ich suchte den Grund meiner Scheu vor dem Besuch in Ulmenstein in dieser natürlichen Abneigung gegen unpassende Künsteleien. Wir saßen auch schon eine Weile bei Tisch, ehe ich mich besinnen konnte, und bewusst ward, was mich eigentlich auf unbegreifliche Weise beklemme. Zufällig begegnete ich Emma's Blicken, welche mit einem sonderbaren Ausdruck von Befremden, bald auf Hugo, bald auf Ihrer Freundin, der soviel besprochenen, schönen Präsidentin ruhten. Schneller wie der Blitz stand das Gespenst vor mir, dessen dunkle Nähe mich geängstigt hatte. Sie war es, diese pomphaft angekündigte, gepriesene Dame der Gedanken des Oheims, und nur zu wahrscheinlich auch der des Neffen. Dieser hatte seinen Platz weit von ihr, auf derselben Seite der Tafel genommen, wo ich mich befand, sie saß mir gegenüber. Beide hatten noch nicht ein Wort mit einander gewechselt. Emma hingegen überhäufte sie mit Herzlichkeit. Was bedeutete das Alles? Was sollten die langen, fragenden Blicke jetzt entdecken?
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Ich fasste, von da, den verdächtigen Gegenstand schärfer ins Auge. Die Frau ist schön, und fast bis zum Unscheinbaren einfach. Sie hatte den Comthur an ihrer Seite. Er unterhielt sie mit großer Lebhaftigkeit, ohne gleichwohl ihre Aufmerksamkeit fesseln zu können. Sie schien zerstreut, und wie mir es vorkam, in einer nachdenkenden, bekümmerten Stimmung. Hugo, der alle Schleusen seines witzigen Humors öffnete, hatte sich in Kurzem der Unterhaltung bemächtigt. Er beherrschte, wie es ihm wohl zuweilen glückt, die ganze Gesellschaft, und ließ sie nach Gefallen lachen und sich verwundern. Elise sah ein paarmal mit großem Ernst nach ihm hin. Der Ausdruck ihres Gesichts trug die Spuren schmerzlicher Ungewissheit.
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Ich ward immer gespannter. Das Herz klopfte mir laut in der Brust. Mein Gesicht verräth augenblicklich, was in mir vorgeht. Emma hatte schon alles darauf gelesen, ich sah es ihr an, auch bemühte sie sich, mich anderweitig zu beschäftigen. Ein junger Baron Wildenau dünkte ihr werth, von mir beachtet zu wer den. Sie verflocht uns in ein Gespräch, wozu meine Rückkehr aus Italien und seine früheren Reisen dahin, natürlich Veranlassung gaben. Ohne unhöflich zu sein, konnte ich mich dem nicht entziehen. Der junge Mensch hat überdem so was Ungewöhnliches, das interessirt. Sein dunkles Gesicht zeichnet sich durch Regelmäßigkeit der Züge, und lange, schwarze Augenwimpern aus, die wie ein Schleier das ernste Gesicht beschatten, und zu der stummen Zurückgezogenheit seines Wesens passen. Er spricht leise, bis zur Undeutlichkeit, so dass ich mich ganz zu ihm wenden und anstrengend hinhören musste, wollte ich nichts von dem verlieren, was er Gutes und Gescheutes sagte. Hierzu kam, dass die Gräfin auf jedes seiner Worte lauschte, sie mit Exklamationen der Bewunderung begleitete, und öfters ihre anderswo beschäftigten Töchter zu gleicher Theilnahme aufrief, weshalb denn der bescheidene junge Mann meist den Blick senkte, und mehr allgemeinhin, als zu mir redete, was der Conversation etwas Drückendes gab. Hierüber hatte ich das, was mir eigentlich viel näher lag, aus den Augen verloren.
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Die Tafel ward aufgehoben. Man zerstreute sich in den Nebenzimmern. Die Gräfin hielt mich bald beim Fortepiano fest. Ich sollte ihre Töchter singen hören. Der Baron Wildenau, im ganzen Hause auf vertraute Weise, Leontin genannt, musste diese begleiten. Er hat Kraft und Weichheit der Stimme, einen italienischen Vortrag, Sinn und Gefühl, so dass ich bei meiner unbegränzten Liebe für Musik unwillkührlich gefesselt ward. Die Gräfin schwelgte in meinem Beifall. Leontin soll ein Stückchen Erbschaft, das ihr entgangen, auf ihr Haus übertragen, deshalb projectirt sie eine Heirath zwischen ihm und einer ihrer Töchter. So lange er nicht Nein sagt, nimmt sie das Ja als entschieden an, und fühlt sich in ihm geschmeichelt. Wie immer, überbot sie sich auch heute im Eifer. Das Singen nahm kein Ende. Zuletzt dachte sie auch an das Talent Anderer. Emma und Elise wurden aufgerufen. Die Letztere fehlte in dem Kreise, der sich nach und nach um das Instrument gebildet hatte. Emma sprang mit einer Eile auf, sie zu suchen, die ich an ihr sonst nicht kenne. Verwundert folgte ich ihr mit den Augen. Sie schlüpfte in eine Fenstervertiefung des nächsten Zimmers. Hugo trat eben aus dieser heraus. Einige Minuten darauf folgten die beiden Frauen. Die Gräfin warf einen Blick des Einverständnisses auf ihre Töchter, alle drei lächelten verstohlen, sie umringten darauf Elise, zogen sie zum Clavier, und hießen sie Emma und Hugo accompagniren. Mechanisch that jene, was man wollte. Sie war weder verlegen, noch bemüht, sich zu verbergen. Ganz mit sich und was in ihr vorging beschäftigt, ließ sie die Finger Töne anschlagen, das Auge Noten lesen, und andere daraus machen, was sie wollten. Emma stand indeß mit Fieberröthe auf den Wangen, hinter ihrem Stuhl; Hugo etwas weiter vor, mehr mit den umzuschlagenden Blättern als dem Gesange beschäftigt, hatte eines der komischen italienischen Duos aufgesucht, das er zu allgemeinem Ergötzen auf das Lustigste vortrug, worin ihn Emma mit einer Selbstverleugnung und Gewandtheit begleitete, die mich einen Augenblick zweifelhaft ließ, was ich hier am meisten bewundern sollte. Von allen Seiten ergossen sich Lobsprüche und schmeichelhafte Ausrufungen. Der Graf verzog den Mund zu einem satyrischen Lächeln, trat dann, wie Jemand, der sein Kunststück gemacht hat und abgefertigt ist, von dem Instrument zurück. Leontin hatte nicht aufgesehen. Es lag etwas in seiner Miene, zu dem ich wohl den Schlüssel haben möchte.
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Von jetzt an war es um meine Ruhe getan. Alle Kunst der Gräfin reichte nicht hin, die Verstimmung, welche immer ansteckender um sich griff, wieder zu entfernen. In den Veilchenaugen der Präsidentin standen Thränen. Sie blieb befangen, ich fand sie weder so anziehend noch so ungewöhnlich, als sie mir geschildert ist. Ich sagte das der Gräfin, als diese mich um mein Urteil über sie befragte.
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»Sie haben recht,« entgegnete sie, »es ist aber auch eine Veränderung mit der Frau vorgegangen, von der man keine Vorstellung hat. Ich glaube,« setzte sie vertraulich hinzu, »es sind häusliche Unannehmlichkeiten, die jetzt manchen Sturm veranlassen. Der Präsident hat ein Bischen den Herrn gespielt, und der Fahrlosigkeit mit dem einzigen Kinde, einem bildschönen, aber unleidlich verzogenen Knaben, ein Ziel gesetzt. Ein strenger Aufseher für Mama und Sohn ist angekommen, und irre ich nicht, so lockt dieser die Thränen aus den schönen Augen.«
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»Ach!« entgegnete ich gelangweilt, »es sind nicht die Domesticalien einer fremden Familie, die meine Wißbegier reizen, ich verweile einzig bei dem, was ich sah, darüber darf ich reden, das Uebrige interessirt mich wenig.« »Nun,« versetzte die Gräfin, den Stich verschmerzend, »ich möchte wohl wetten, sie betrachten die Person nicht so angelegentlich um der bloßen Persönlichkeit willen, man denkt immer noch was hinzu, und bei dieser fällt einem Mancherlei ein.«
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Sie begleitete das Letzte wieder mit ihrem gewöhnlichen Lächeln. Ich war nur zu gewiss, sie verstanden zu haben.
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Elise hatte sich indeß entfernt. Sie eilte nach der Stadt zurück. Auch wir brachen nun auf. Hugo war zu Pferde. Ich sah ihn den Abend nicht mehr. Er blieb auf seinem Zimmer, doch erfuhr ich, dass er mit uns zugleich im Schlosse angekommen war. Es ist Bewusstsein und Ueberlegung in dem Allen, und das ist ein gefährliches Zeichen.
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Die Nacht ließ mich schlaflos in meinem Armsessel. Sie wissen, ich scheue bei der leisesten Bewegung der Seele das Bett, wie eine Marterbank. In den Falten der Vorhänge, in den Decken lauern all die hüpfenden, beweglichen Gedanken, die immer dichter, immer näher gegen mich anrücken, und mich zuletzt ganz toll und verwirrt machen, bis ich aufspringe, und ein Lager fliehe, das eingebildete und wirkliche Sorgen mit brennenden Nesseln bestreuen.
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Unzähligemale rief ich mir zurück, was ich heute gesehen und gehört hatte. Ich bemühte mich, es ruhig zu betrachten. Es konnte sein, dass ich auf ohngefähre Andeutungen zuviel gegeben, dass ich Zufälliges in falschen Zusammenhang gebracht hatte, es konnte aber auch anders sein. Und was denn? Sagen Sie doch, Sophie! was denn? Ich gestehe Ihnen, es öffnet sich dabei ein Abgrund vor meinen Füßen. Vielleicht deshalb, vielleicht auch, weil mein Gefühl, mein Stolz, meine ganze Natur widerstrebt, das Demüthigendste, was es giebt, zu denken, denke ich es noch nicht deutlich. Aber, aber! wenn –!
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Es ward mir aus Manchem klar, dass ich meinen Verdacht hier sorgfältig verbergen, und eben so unbefangen scheinen müsse, als man es um mich her zu sein bemüht ist. Denn ein Wort, ein einziges Wort reicht hin, das ganze Gebäude künstlicher Harmonie zusammen zu stürzen. Und wenn mein Argwohn grundlos wäre, Sophie! – Im Stillen arbeiten will ich indeß, einen möglichen Ausweg zu bahnen. Ich habe an den Fürsten geschrieben. Selbst mochte ich ihn nicht in seiner Residenz aufsuchen. Ich werde keinen Schritt tun, der in die Augen fallen könnte. Man giebt mir ja in diesem Hause das beste Beispiel rücksichtsvoller Besonnenheit, denn das wenigstens ist gewiss, dass Hugo seine ganze Lebensweise, seit ich hier bin, verändert hat. Denken Sie doch nur, nicht ein einzigesmal hat er das Schloß in dieser ganzen Zeit verlassen. Wie kommt er zu dieser Stätigkeit, wenn er mich nicht irre zu machen gedächte?
Vorlage S. 296
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Wüsste ich nur, was er die Nächte über treibt. Seine Zimmer sind unter den meinigen. Ich höre ihn stundenlang gehen, die Fenster öffnen und schließen, zuweilen sprechen. Mit wem spricht er? Irre ich nicht, so sah ich ihn neulich über die Brücke dem Walde zuschreiten. O die geheimen Wege haben nur ein dunkles Ziel.
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Mehrere Tage darauf.
Vorlage S. 297
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Der Fürst war hier. Er ging sehr geschickt in das ein, was ich ihm nur andeuten konnte. Eine Jagd in den hiesigen Forsten musste ihm zum Vorwande seines Besuches dienen. So kam er denn Allen unerwartet, außer mir. Haben Sie eine Vorstellung meines Schreckens? Er weiß, er weiß mehr, als ich zu ahnden wagte. Ja, ja, Sophie! Ihre Freundin steht entlarvt vor der Welt. Jedes Kind kennt ihr Verhältnis zu Hugo. Man lacht darüber, wie man immer den pfiffigen Betrug als einen Gegenstand der Kurzweil betrachtet. Alles in mir glüht! ich habe die witzigen Ausfälle des Fürsten bestritten, weil ich das Ridicul wohl fühle, das auf mich und Emma dadurch fällt. Aber fort muss Hugo von hier! Und wäre es auch nur des Anstandes wegen. Der Fürst sieht das ein. Der Schlag wird nächstens geschehen. Unvorbereitet soll er Alle treffen. Den Comthur denke ich indeß zu schonen. Ich bin begierig auf die Unterredung mit ihm.
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Dass ich krank bin, dass ich Zimmer und Bett hüte, denken Sie wohl von selbst. Doch sterben, sterben werde ich jetzt nicht, das darf nicht sein. Tavanelli, der junge Caplan, von dem ich Ihnen einmal schrieb, ist hier, ist im Hause der berühmten Circe. Emma ist seine Beschützerin. Wünschen Sie mir Glück zu dem Funde. Ich will ihn nicht ungenutzt lassen.
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Max Liebermann – Garten des Waisenhauses in Amsterdam. Vergleichsbild zu Garten, Alltag und Gemeinschaft; keine Buchillustration.
Kontextbild zum Werk. Garten eines Amsterdamer Waisenhauses · Max Liebermann · Public domain Bildquelle ↗
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Leben Sie wohl. Mein Gott! wie wird das enden!
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Elise an Hugo
Vorlage S. 299
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Der Einfall, mir durch den Hausirer zu schreiben, war recht glücklich. Ich empfing Ihren Brief zu einer Stunde, wo ich allein war, und Vieles mit mir abmachen konnte. Sie haben recht, da wo ich Sie verstehe. Allein ich glaube, Sie reden klarer, als Sie schreiben. Ich kann mir wohl vorstellen, dass Sie geschriebene Auseinandersetzungen scheuen. Es wird einem damit unter der Hand anders, als man will! für Leute, wie Sie und ich, die nicht anders als wahr sein können, ist eine solche Künstelei unerträglich. Allein halbe Andeutungen können auch eine Sünde gegen die Wahrheit werden.
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Ich bin nicht gewohnt, meine Freunde auf Socken um mich herum schleichen zu sehen. Das hilft auch zu nichts. Ich höre sie kommen, und bin nicht eher ruhig, bis ich weiß, was mir naht. Sie, Hugo, treten an manchen Stellen Ihres Briefes dreist genug hervor. Es kann nicht Ihre Absicht sein, mir zu entschlüpfen. Sie wollen sich eine Mühe ersparen, und ich soll Ihre Aphorismen ergänzen.
Vorlage S. 299
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Ich verstehe das nicht. Mir sind dergleichen Räthsel eine Qual. Kurz und gut, sagen Sie, in einfacher Prosa, ohne Ausrufungen und Phrasen, wie die Gefahr heißt, die Sie heranrücken sehen. Ist sie mehr als ein Luftbild, das in Ihren Burgnebeln schwimmt, so haben Sie unrecht, sich nicht bestimmter darüber auszulassen.
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Es ist so viel Fremdes in Ihrer pathetischen Beschwörung, nicht weiter forschen zu wollen, dass ich mich erst auf Sie besinnen musste, ehe ich Sie wieder erkannte.
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Sie waren zu gespannt, als Sie schrieben, um zu bedenken, was Sie forderten. Genügen soll ich mir lassen, dass Sie wissen, was Sie mir verbergen, ohne es abwehren zu können?
Vorlage S. 300
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Nun, beruhigen Sie sich. Ich weiß es, und verliere weder Fassung noch Muth.
Vorlage S. 300
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Konnten Sie glauben, man werde mich schonen, wenn man überhaupt den Sinn für Zartheit verläugnet? Wo die Fähigkeit des Verstehens fehlt, können verletzende Mißgriffe nicht ausbleiben. Es ist viel schwerer, als man denkt, mit gutem Gewissen durch die Welt zu kommen. Die Menschen nehmen an Allem Aergerniß, und ein Herz, wie das meine, möchte das gern Jedem ersparen. Aber das ist vergebene Mühe!
Vorlage S. 300
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Ich bin unbefangen, und gebe mich so. Die Wenigsten wollen das glauben. Es mag auch wohl für alle diejenigen schwer sein, welche Zwecke und Absichten haben. Ich hatte niemals andre, als mir in jedem Augenblicke treu zu bleiben, das heißt, dem innern Gefühle nicht entgegen zu handeln, das mich zu Offenheit und Wahrheit zwingt. Ich sagte das gestern, bei irgend einer Gelegenheit in des Caplans Gegenwart. Er sah mich überrascht an, ohne etwas zu erwiedern. »Nun?« fragte ich, aus guten Gründen bemüht, mich mit ihm zu verständigen. »Ich zweifle,« äußerte er bescheiden, »dass es uns gerade durch das Gefühl klar werden könne, was das eigentliche Wahre in uns sei.«
Vorlage S. 300
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»Gerade im Gefühl!« entgegnete ich lebhaft, »wo dies unverdorben ist, hat es eine Stimme, die uns leise und hörbar zuruft: du belügst dich selbst! hüte dich!« »Wo das Gefühl unverdorben ist?« wiederholte der bleiche Tavanelli. »Wo ist das? werden unsere Leidenschaften uns nicht auch glauben lassen, wir folgen den Geboten eigenthümlicher Wahrheit, da es doch nur die Lüge geblendeter Sinne ist, die uns eine andere Natur aufzwingt?«
Vorlage S. 301
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»Ich halte nicht viel,« erwiederte ich kalt, »von den zwei Naturen, zwischen denen man uns herumhetzt, ohne dass das gequälte Gemüt jemals zur Ruhe kommen kann. Das sind Bilder, um die Undeutlichkeit der Begriffe klar zu machen. Es geht damit, wie mit allem Bildlichen, man hält dieses fest, und lässt den Gedanken fahren.« –
Vorlage S. 301
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»Wie?« unterbrach mich mein Gegner erstaunt. »Sie glauben nicht an ein Doppelwesen in uns, dessen wechselndem Regimente wir erliegen würden, hätten wir nicht eine höhere Vermittlung?« »Sprechen Sie Ihr Anathema nicht all zu eilig über mich aus,« lächelte ich vertraulich. »Ich bin keine so große Ketzerin, um den Einfluss des Bösen und Guten aus der Welt des Menschen wegphilosophiren zu wollen. Allein ich halte dafür, beides entspringe aus einer Natur, die, ihrem Wesen nach, göttlicher Art ist, und nur durch falsche Beziehungen des Lebens verzerrt und entstellt wird.« Er schüttelte den Kopf. »Wäre es auch so,« sagte er ernst, »was sichert uns, dass wir, unter den unzähligen Trugbildern der Sinne, diese ursprüngliche Natur in uns finden?« –
Vorlage S. 302
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»Wir drehen uns im Kreise herum,« rief ich aus. »Ihre Frage ist schon durch meine erste Annahme beantwortet. Jenes instinktartige Gefühl, das wir den himmlischen Theil unsers Selbsts nennen sollten, das warnende Wort einer unsichtbaren Stimme, das sichert uns vor aller trügerischen Verwechselung.«
Vorlage S. 302
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Der Caplan wollte mich hier unterbrechen, allein wir verstummten beide vor Eduards Dazwischenkunft. Ihnen aber, Hugo, habe ich das mitgetheilt, um Ihnen zu zeigen, was mich gegen Angriffe stählt, denen Sie nicht sonderlich zu begegnen wissen. Ein Paar schlechte Epigramme aus der Ulmensteiner Klike, eine Wolke auf der Stirne Ihrer Schwiegermutter reichen hin, Sie außer Fassung zu setzen. Sind das Ursachen, um einer Melancholie Raum zu geben, die Sie in der Freundschaft schwankend, in allen andern Verhältnissen schwach und ängstlich erscheinen lässt? Während Sie sich einbilden, die Gränzen einer Region bewacht zu haben, welche Sie meinem schwachen Vermögen anweisen, vergessen Sie, dass Ihr Eifer ziemlich ins Schrankenlose ausartet, und ich viel Muth haben muss, um einen Brief zu beantworten, der so auf Schrauben steht und nichts oder zu viel sagt.
Vorlage S. 303
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Ich wiederhole es Ihnen, ich bin unbefangen, und gebe mich so. Auf dieser Unbefangenheit beruht mein Vertrauen zu Ihnen, mein Verhältnis zu Ihrem Hause. Zeigen Sie sich ängstlich, so haben Sie mich nie gekannt.
Vorlage S. 303
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Deutlicher mag ich hier nicht reden. Genug, ich wünsche nicht, dass auch Sie dem ganz Natürlichen künstliche Farben anlegen. Die häusliche Unzufriedenheit, die Sie jetzt wohl zu Zeiten drückt, macht Sie zum Sclaven Ihrer Stimmung. Der Unwille darüber steigert die Empfindlichkeit in Ihnen bis zur Leidenschaft. Ich kann das begreifen und verzeihen. Allein so weit dürfen Sie sich nicht vergessen, dass Sie Emma's Weg durchkreuzen. Sind Sie unbillig genug, ihrer Freiheit zu nahe zu treten, während Sie eifersüchtig über die eigene wachen?
Vorlage S. 303
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Lassen Sie sie gehen, wie sie kann. Ich verstehe Ihre Unruhe über einen Briefwechsel nicht, der ganz natürlich auf dem Verhältnis gegenseitiger Uebereinstimmung beruht. Wollen Sie den Austausch aller Ansichten hemmen, die nicht die Ihrigen sind, wen nennen Sie denn noch Tyrann in Ihrem Geschlechte, wenn Sie es nicht sind? Ich habe mich geschämt in Ihre Seele, dass Sie eine Zufälligkeit blos darum so hoch anschlagen, weil sie zu ungewöhnlicher Stunde Ihre kranke Phantasie erschütterte. Wie, wenn der hausirende Walter Ihnen heute Abend meinen Brief eben so unerwartet überbrächte, wäre er auf verbotenem Wege zu Ihnen gelangt?
Vorlage S. 304
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Emma mag glauben und denken wie sie will, sie hat einen hohen Sinn, und kleinliche Machinationen sind Niemand fremder als ihr.
Vorlage S. 304
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Fürchten Sie übrigens nichts von Tavanelli. Leute seiner Art, sind entweder bei näherer Beleuchtung anders, als wir sie uns denken, oder dieser ist zu weich und erregbar, um sich in strenger Abgeschlossenheit bewahren zu können. Er wird nie meinen Rechten auf Georg zu nahe treten, und nicht um die Welt, könnte er mich in dem Knaben verletzen. Ich denke, wir werden uns wohl verständigen. Ueber den ersten Schreck hinaus, konnte es auch nicht fehlen, dass mich ein ordentlicher Entschluss zu gewünschten Resultaten führen musste. Taugte der Mann nur etwas, so ließ sich leicht abnehmen, dass wir auf gemeinschaftlichem Wege einander nicht fremd bleiben würden. Und nun ich Sie gescholten und beruhigt habe, mein armer Freund! will ich Sie auch bedauern, und Ihnen die Last unvermeidlicher Widersprüche tragen helfen, die zu gewissen Zeiten, und in manchen Stimmungen geringern Widerstand als sonst in uns finden. Man kann da mit Niemanden rechten, warum er die Dinge so und nicht anders sieht? Es giebt nur einen Gesichtspunkt für ihn.
Vorlage S. 305
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Hugo, Sie haben sich selbst bei dem Kauf um Ruhe und Frieden gebracht. Jetzt reuet Sie der Handel; zumal, da man nicht müde werden wird, zu fordern, und Sie doch einmal »Halt!« rufen müssen.
Vorlage S. 305
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Das kommt von dem gleichgültigen Geschehen lassen. Man wusste es hier gleich, dass der Fürst bei Ihnen war, und fabelt davon allerlei. Können Sie denn nicht einen Augenblick stehlen, um zu mir zu kommen? Ich habe Ihnen tausenderlei zu sagen, was sich nicht schreiben lässt, was ich wenigstens nicht weitläuftig abhandeln mag. Oft sind ein Paar mündliche Worte von unermesslichem Werthe! Bedenken Sie dieses!
Vorlage S. 306
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Antwort
Vorlage S. 306
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Oft sind ein Paar mündliche Worte von unermesslichem Werthe. Ja, Elise, ja, ich habe es bedacht. Sie haben recht. Es ist allerdings notwendig, dass wir uns sprechen. Ich komme. Aber nicht zu Ihnen, nicht nach der Stadt. Ich kann, ich darf nicht. Ich werde Ihnen das Alles erklären, wenn wir uns sehen. Wann? wo das sein wird? Morgen, Elise, morgen bei der Tannenhäuserin, eine Spatzierfahrt giebt Ihnen leicht den Vorwand. Ich bitte Sie, schlagen Sie Ihrem Freunde den Wunsch, an welchem seine Ruhe hängt, nicht ab. Nur ein Paar flüchtige Minuten sollen Sie mir schenken. Ich muss, hören Sie wohl! ich muss mit Ihnen reden. Sie wissen nicht, wie es hier steht. O, wenn Sie meine Freundin sind, werden Sie anstehen, es mir zu beweisen? Ich zähle auf Sie, und zweifle nicht, Sie bei dem milden Frühlingswetter im Walde zu treffen.
Vorlage S. 306
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Der Caplan Tavanelli an Leontin
Vorlage S. 307
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Ihr Schutz, mein lieber Herr Baron, geleitete mich in dies Haus. Ihre wohlwollende Theilnahme half meine Schüchternheit überwinden. Sie sind so gut, ich habe Sie so lieb, dass mich mein Herz treibt, Ihnen eine Schwäche, und meine Angst darüber, zu entdecken. Bester Herr Baron, was ist es doch mit dem Menschen, dass er nicht eine Stunde seiner selbst gewiss sein darf!
Vorlage S. 307
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Es war so still in mir. Jedes schien auf seinem Platze, in einfacher, natürlicher Verbindung nach erkannten Gesetzen zu wirken. Ich fühlte mich leicht, mit meinem Gewissen in Ruhe. Alle erlittenen Drangsale, die Stürme früher Jugend, die unaussprechlichen Kämpfe des schwachen, ringenden Innern, es trat mir der ganzen Vergangenheit, wie gesunkener Nebel, zurück. Der frei gewordene Himmel, die milde Klarheit um mich her, mein besänftigtes, gestilltes Herz – ich glaubte fest zu sein, weil mich nichts erschütterte, ich hielt mich für einen Andern, weil mein Auge nur die Bilder der Welt sah, in der ich ganz ausschließend lebte. Was ich so vollkommen empfand, was so innig Eins mit mir schien, wie sollte ich ihm nicht gleichen! Welch ein Wahn täuscht so das Bewusstsein!
Vorlage S. 307
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Seit ich diese Schwelle hier betrat, bin ich in einer Unruhe, die mich von Widerspruch zu Widerspruch treibt.
Vorlage S. 308
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Ist es der Dunstkreis, dieser einander ganz unähnlichen Menschen, der mich beengt? sind es die Reflexe ihrer Seelen, die in undeutlichen Umrissen meine Phantasie quälen? Was ist's, das in der schöpferischen Fortbewegung, die wir Leben nennen, plötzlich eine Bilderreihe neuer Ansichten an mir vorüberjagt? oder giebt es ansteckende Einflüsse in der moralischen, wie in der physischen Atmosphäre, von denen uns nichts träumt? Genug, ich fühle es mit Schaam, ich bin nicht mehr derselbe. Es steigen Fragen in mir auf, Fragen, lieber Herr Baron, die mehr an die Hölle als an den Himmel gerichtet sind, da sie eine verneinende Antwort erwarten lassen.
Vorlage S. 308
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Damals, als wir uns in dem Zimmer des Waldhauses befanden, der Herr Graf herein trat, und mit der Landstreicherin seinen Spaß hatte, ward ich auf eine Weise beklommen, als waffneten sich feindliche Gewalten gegen meine Grundsätze und Ueberzeugungen. Es regten sich, mitten durch den Widerwillen gegen verbotene Künste, heimliche Zweifel über den Grund solches Verbotes in mir. Das elende Geschöpf weckte meinen Zorn wie meine Neugier. Ich hörte ihre Worte, ohne sie hören zu wollen. Sie dünkten mir Unsinn, und doch beschäftigten sie mich. Als nun endlich zu meiner Freude der Herr Präsident erschienen, glaubte ich mich gerettet. In seiner Nähe fühlte ich mich ruhiger. Ich dankte meinem Gott aufrichtig, als ich neben ihm im Wagen saß. Er nahm sogleich das Wort, um mir seine Ansichten zu entwickeln. Ich hörte aufmerksam zu, und konnte nicht anders, als sie vernünftig finden. Allein nach einer Weile bemächtigte sich meiner eine mir sonst fremde Ungeduld über die Langsamkeit des Fahrens. Ich sah erwartend in der Gegend umher. Sie dünkte mir traurig. Ich ward es auch. Nicht, dass ich etwas vermisst hätte, ich wollte es nur anders. Bald empfand ich, dass es mein neuer Hausherr war, der mich ermüdete. Ich ward ganz beschämt vor mir selber. Wir redeten von jetzt an nur noch wenig zusammen. Er hatte seine Meinung gesagt, ich hatte sie gehört, damit war er zufrieden. Der Hochmuth flüsterte mir Manches zu, was mir vollends zur Last viel. Als wir nun in der Stadt angekommen waren, und ich vor die Mutter meines kleinen Zöglings trat, empfing mich diese nicht sowohl kalt als misstrauisch. Das Kind sah mich groß an, ich wusste nicht, wie ich dieser gespannten Verwunderung begegnen sollte. Mir ward unsäglich bange ums Herz, die Worte versagten mir. Wir blieben so. Ich hätte den Abend auf meinem Lager in Thränen zerfließen mögen. Des andern Tages sah ich den schönen Knaben nur flüchtig. Die Eltern gar nicht. Es schien, man wolle sich erst an den Gedanken gewöhnen, mich im Hause zu haben. Ich war damit nicht unzufrieden. Mir lag selbst daran, das verlorne Gleichgewicht wieder zu finden. Ich merkte indeß bald, dass dies nicht leicht sein werde. Denn, gestaltete sich auch späterhin das gegenseitige Verhältnis nach und nach gefälliger, so wuchs gerade daraus der Samen aller meiner jetzigen Qual.
Vorlage S. 309
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Die gütige und geistreiche Dame, welche von der Natur mit den bewundrungswürdigsten Gaben beschenkt ward, zählt unter diesen, als eine der ersten, die liebenswürdigste Aufrichtigkeit. Von dieser geleitet, eröffnete sie mir, wie sie in Bezug auf mich und meinen Einfluss auf die Erziehung ihres Sohnes denke. Sie hält mit nichts zurück und enthüllt eine Sinnesweise, die ich einerseits verehren, und von der andern Seite verdammen muss. Das Letztere ängstigte mich unbeschreiblich, da ich ihr Vertrauen nicht verscherzen will. Werden Sie es glauben, der Wunsch, ihr gefällig zu sein, ließ mich meine Gesinnungen, wenn auch nicht verläugnen, doch so umhüllen, dass sie nichts geradezu Verletzendes für sie enthielten. Seitdem stehen wir nun auf dem Fuße des gegenseitigen Austausches der Ansichten. Aber, mein Gott! wie fühle ich oft die meinigen angegriffen, erschüttert! Mit welcher Todesangst muss ich dann zu ihrer Wurzel zurück flüchten und mich ganz eng und klein an sie zusammen krümmen, um nur nicht von dem Flug freierer Ideen fortgerissen zu werden. Bin ich in den Zimmern des Herrn Präsidenten, so erhole ich mich wohl wieder, und fühle mich mehr als ein bloßes Werkzeug trockener Systematik. Doch ihr, der beschwingten Psyche gegenüber, im Gespräch mit dem großartigen Ketzer, dem Grafen, regen sich die alten Zweifel, und meine Brust wird der Kampfplatz verderblicher Einflüsse.
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Es würde mir wenig helfen, wollte ich mich meinem würdigen Beschützer, dem geistlichen Herrn in *** entdecken. Er pflegt zu dergleichen wenig zu sagen. Seine Art, die Menschen zu führen, besteht vornehmlich darin, dass solche selbst die Wegweiser sind, die Richtung giebt er. Im Uebrigen, meint er, müsse jeder sich selbst versuchen. Er macht auch nicht viel aus Fehltritten, noch sucht er die Unruhe darüber zu beschwichtigen. Meine Bangnisse würden ihm kindisch dünken. Ich sehe ihn gutmüthig darüber lächeln. Wenn mir das einerseits Zuversicht geben könnte, so macht es mich auch wieder schüchtern. Was mir am Herzen liegt, es ganz erfüllt und einnimmt, will ich bestritten oder anerkannt wissen.
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Bedächte ich nicht mehr, ich gäbe meine gegenwärtige Stellung auf, und entfernte mich unter einem schicklichen Vorwande. Es ist zudem so Manches hier, was mich wegtreibt. Ich habe auch deshalb schon einmal ganz im Geheim an die Frau Gräfin auf der Burg geschrieben, und sie um ihren Rath gebeten, allein sie macht es, entweder wie unser gemeinschaftlicher Lehrer, dem sie wohl näher stehen mag als ich, oder sie ist verlegen um der Frau Präsidentin willen, und schweigt. Lass ich mir erst lange Zeit, so werde ich unwillkührlich in solche Verbindlichkeiten verstrickt, die mir das Gehen unmöglich machen.
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Noch heute kam der kleine Georg weinend zu mir, und bat mich, mit ihm zu seiner Mutter zu kommen, die jetzt immer so betrübt sei und gar nicht spreche; sie werde gewiss wieder vergnügt werden, wenn ich ihr eine von den hübschen Geschichten vorlesen wolle, die da vor mir in dem großen Buche ständen. Er wies dabei auf eine Sammlung heiliger Sagen, die mit schönen Holzschnitten geziert, eine Quelle angenehmer Unterhaltung für ihn waren. Ich wagte nicht, des Kleinen Aufforderung zu folgen. Doch als wir nach der Mittagstafel noch eine Weile versammelt blieben, fragte mich die gnädige Frau nach dem Buche, von dem ihr Georg gesprochen hatte. Ich holte es auf ihren Befehl herbei. Sie blätterte mit Achtsamkeit darin. Darauf schloss sie es wieder, und sagte, indem sie mir es zurück gab: »es geht ein stiller, einfacher Sinn durch diese Gattung von Dichtungen, allein es ist nicht mehr der unsrige. Wir werden davon gerührt, aber nicht befriedigt.«
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»Dichtungen!« rief ich ganz bestürzt, »Sie zweifeln an der Aechtheit der Ueberlieferung?«
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»Nun, so oder so!« entgegnete sie leicht. »Ob innerlich oder äußerlich erlebt, es sind Erscheinungen einer Zeit, die hinter uns liegt. Wir wenden uns wohl dahin zurück, allein das Leben lässt sich nichts aufbinden. Es hat seine eigene Bedingungen, man schraubt es nicht zusammen. Zum Verweilen findet Niemand mehr Raum da.«
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Ich war so erschrocken und verlegen, dass ich sie sprachlos anstarrte.
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Sie mochte nicht wissen, was sie aus meinem Schweigen machen sollte.
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»Glauben Sie mir,« fuhr sie, vielleicht deshalb lebhafter, fort, »nur das Naturgemäße bewegt sich zu freier und erhöheter Entwickelung fort. Künstliche Zustände der Seele lassen uns, wie bei gezwungenen Stellungen des Körpers, jeden äußern Anstoß fürchten, der dem Spiel ein Ende machen könnte.«
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»O!« rief ich, mit vor Schmerz zusammengefalteten Händen, »die Verehrung des Höchsten und Heiligen, das brünstige Hingeben heißer Anbetung ist wahrlich unabhängig von der Farbe der Zeit, und wie die Gemeinschaft der Geister nicht wechselt, und die Liebe nicht altert, so hat auch ihre Sprache eine ewige Jugend; sie darf mich heute wie ehemals in den schlichten Worten rufen, und wird mein Ohr offen finden.«
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Die Augen meiner schönen Gegnerin ruhten prüfend auf mir. Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Wir reden nächstens mehr hierüber. Ich bin heute durch Vieles befangen. Ich fühle wohl, was auf Ihre Einwürfe zu antworten wäre, allein ich kann mich nicht zusammenfassen. Es fliegt mir so kraus durch den Sinn. Nächstens! hören Sie wohl, nächstens noch recht viel über diesen Gegenstand!«
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Sie sagte dies mit großem Ernst, indem sie sich abwandt, und mich stehen ließ. Ich war erschrocken über meine Heftigkeit. Ich sah ihr verlegen nach. Seitdem kann ich es nicht hindern, dass mir mein leidenschaftlicher Eifer verdächtig scheint. Sie war so ruhig, so fest. Welche von beiden Ueberzeugungen, ihre oder die meine, hat den festesten Grund?
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Herr Gott! wenn ich ein Gefangener, kein Geretteter wäre, wenn ich knechtisch unter das Gesetz flüchtete, und nur wähnte, in der Wahrheit zu leben! Ich darf sie nicht fragen, ich werde ganz irre.
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Von jeher haben mir die eignen Gedanken zu schaffen gemacht. Ich entschlage mich ihrer gern. Aber hier werden sie so oft und so laut angesprochen, dass es keine Rettung giebt.
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Und doch sind es diese Gespräche gerade, die mich nötigen, zu bleiben. Soll ich verschmähen, mir selbst klar zu werden? Sagen Sie doch, kann ein Feldflüchtiger Anspruch auf die Siegespalme machen?
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Lieber Herr Baron, wenn wir einmal wieder zusammen einen Spatziergang durch den Wald machen könnten! Ich bin in diesen Tagen zu der Frau Oberhofmeisterin auf die Burg beschieden. Ich zähle diese vortreffliche Dame unter meine Beschützerinnen. Ihr meine Aufwartung machen zu dürfen, gereicht mir zu großer Ehre. Vielleicht bin ich so glücklich, Sie, mein bester Herr Baron, auf dem Schlosse anzutreffen. Von welchem Trost würde mir Ihr gütiger, beruhigender Zuspruch sein!
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Emma an den Geistlichen
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Ich fürchte, ehrwürdiger Herr, ich bin einer warmen Aufwallung des Herzens allzurasch gefolgt. Mich quält der leise Vorwurf, Hugo beunruhigt, ihn unsicher gemacht, ein freundliches, natürliches Verhältnis gestört zu haben. Ich sehe das Hugo an. Er sagt nichts, aber seine Traurigkeit lastet schwer auf mir.
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Sehen Sie, es kam so unwillkührlich. An einem von den Abenden, an welchen wir die Ankunft meiner Mutter erwarteten, ich gespannt auf jedes Geräusch horchte, mit Anstrengung sprach und zerstreut zuhörte, lächelte Hugo über meine Unruhe. »Wer Dich so sieht, Emma, der muss glauben, dass mehr Bangigkeit als Freude Deine große Unruhe veranlaßt.« Das Blut stieg mir ins Gesicht. Er hatte den rechten Fleck getroffen. Es fuhr ein Stich durch meine Seele. Leutselig, und vielleicht die flüchtige Aeusserung bereuend, fasste mich der gute Mann bei der Hand, indem er, in mein Auge sehend, auf seine leise und eindringliche Weise fragte: »Was fürchtest Du denn, liebe Emma?« Ich fiel ihm schweigend um den Hals. Mir ward mit einemmale so beklommen. Alles, Alles, was ich mir selbst verschwiegen hatte, sprach mit schnellen Zungen zugleich in mir. Ich war wie betäubt, und weiß auch wahrhaftig nicht, wie es kam, dass ich zuletzt sagte: »Für Dich, Liebster, fürchte ich allein.«
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Er ließ mich langsam aus seinen Armen gleiten, ohne etwas zu erwiedern. Die Falte auf seiner Stirn war dunkler. Ich erschrack. »Nimm es nicht so hoch,« bat ich. Er versetzte aber mit großem Ernst: »Wodurch gebe ich Dir denn Veranlassung zur Besorgniß?« Ich empfand so sehr in seiner Seele, dass ich mich sogleich selbst anklagte, und ihn um Verzeihung bat, wenn eine innere Aehnlichkeit mit meiner Mutter, mich zum Voraus errathen lasse, was diese tadeln könne. »Tadeln?« fragte er scharf. »Nun! und das wäre?« »Großer Gott!« rief ich, seine Hände ergreifend, »ich erwähne es nicht, um Dich zu kränken; allein, da einmal die Rede davon ist, und mir ein stiller Augenblick das Herz aufschließt, so soll es wohl so sein, dass Dir nichts darin verborgen bleibe.«
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Er ward im höchsten Grade aufmerksam. Näher zu mir heranrückend, sah er mich an, als wolle er mir die Worte von den Lippen lesen. Das verwirrte mich. Ich stockte. Er lehnte sich nun ganz in den Sessel zurück, schlug die Arme über einander, und richtete den kummervollen Blick nach dem Fenster. Jetzt, da ich nicht mehr seinem Auge auszuweichen hatte, fuhr ich mit mehr Muth fort: »Ich berge Dir es nicht, es giebt Stunden, in denen ich die glückliche Elise beneide, der es Gott gegeben hat, Dich auf leichte und gefällige Weise zu beschäftigen.« Es zuckte hier etwas um sei nen Mund, das ich nicht Spott nennen möchte; es war wohl überall nur ein Zucken, vielleicht aus Verlegenheit. »Wenn sich,« fuhr ich fort, »solch selbstsüchtiges Gefühl in mir regt, lieber Hugo! so glaube gewiss, dass es mich beschämt, und ich um keinen Preis Deine Freiheit kränken möchte. Allein –« ich hielt hier inne. Es lag so viel schmerzlicher Ernst in seiner Miene. Tausendmal bereuete ich das Gesagte. Allein, die Saite war angeschlagen. Sie hatte den Ton verstimmt zurückgegeben. So verletzend durfte sie nicht verklingen. »Allein,« hub ich wieder an, »wenn ich Dich auch weit mehr liebe, als mich selbst, und nur froh bin, wenn Du es bist, so kann ich mir vorstellen, dass meine Mutter« – »Aha!« unterbrach mich Hugo, indem er vom Stuhle aufstand, und die Hände auf dem Rücken, mit gesenktem Kopf im Zimmer auf- und abging.
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»Missverstehen wir uns denn heute ganz?« fragte ich betrübt.
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Er trat an meinen Stuhl, legte seine Hand auf die meinige, und sagte: »Sei ruhig, Emma! Deine Mutter soll nicht über mich klagen dürfen. Ich verspreche Dir das. Kann es Deinen Frieden sichern, und ihr eine unwillige Minute ersparen, so meide ich alle andere Gemeinschaft, und bleibe, wo Ihr mich haben wollt.«
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»Du guter Mann!« rief ich bewegt, »wie kannst Du glauben, dass ich ein solches Opfer von Dir fordere? Nein! gehe, und komme nur. –«
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»Nur?« lächelte er ironisch. »Was denn, Emma, heißt Dein nur? bleibe nicht länger, als es uns passend scheint? Spare Dir und mir den Nachsatz. Meinst Du, ein Vogel habe was davon, wenn Du ihm die Thüre des Käfigs aufmachst, ihn flattern lässt, und doch den Fuß in einer Schlinge hältst, und so den Flug regierest? Besser, er sitzt still auf seiner Stange, und vergisst, dass es über ihm ein Luftmeer giebt und muntre Segler, die es behend durchschneiden.«
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Ich war wie zermalmt durch die letzten Worte. Was hatte ich getan? Musste ich ihn so reizen? so das Verborgene aus seiner Brust reißen? Ich fühle, er müsse, er werde es verwünschen, dass ich es war, die ihn dazu verleitete! sagen ließ sich in diesem Augenblicke nicht wohl etwas. Wir empfanden das Beide. Eine lange, ernste Pause zerriss vollends alle Fäden der Mittheilung unter uns. Die schwüle Stille drückte unaussprechlich auf mich. Hugo verließ das Zimmer nicht. Er ging darin auf und ab. Ich war ebenfalls aufgestanden. Es peinigte mich, ihn so zu sehen und nun doch nicht mehr einlenken zu können.
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Er brach zuerst das Stillschweigen. »Eins sage mir,« bat er, »kam, was Du eben äußertest, ganz aus Dir selbst, Emma? oder halfen Dir Andere darauf?«
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»Ueber Dich, Hugo, und was Dich betrifft,« entgegnete ich schnell, »sei gewiss, traue ich nur meinem Herzen. Wenn es eitel ist, Dich allein besitzen zu wollen, so vergieb ihm diese zärtliche Schwäche.«
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»Besitzen! besitzen!« wiederholte er ein paarmal kopfschüttelnd. »Ihr betrachtet alles wie Eigenthum und Waare. Ich schlage den Menschen höher an, er ist mir eben soviel, als die ganze Welt; ich kenne keinen Kaufpreis für ihn. Doch sei ruhig,« fügte er hinzu, »ich besitze mich zum Glück noch selbst. Du hast Niemand zu beneiden.«
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Er wollte hier das Zimmer verlassen. »Sage mir ein gütigeres Wort!« rief ich ihm flehend nach. »Du solltest mich nicht so verkennen. Wenn ich Dir meine Schwäche bekannte, so geschah es nur, weil ich sie auch bei Dir voraussetzte, und Dir ersparen wollte, dadurch verhetzt zu werden.«
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»Ich danke Dir,« sagte er, einen kurzen Augenblick zu mir zurücksehend. »Ich kann mir denken, wie alles steht, und werde auf meiner Huth sein. Verlaß Dich darauf.« Er ging. Ich sehe nun wohl, dass er sich gerade da gekränkt fühlt, wo er unangefochten zu bleiben verlangt; eifersüchtig bewacht er die innere Freiheit. Er hält mich für anmaßender, als ich bin; das gerade verzeiht er mir am Wenigsten. Ich habe dies voreilige Vertrauen schon mit heißen Thränen beweint. – – – –
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Mehrere Wochen darauf.
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Seit meine Mutter hier ist, lebe ich in einer Spannung, die mich innerlich aufreibt. Wo sollte ich anfangen, wollte ich Ihnen, mein lieber, lieber Freund! alle die tausend Uebergänge quälender Besorgniß, trügerischer Freude und herber Enttäuschungen aufzählen!
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Sie wissen, wie ich das Alles voraussehe. Aber, lieber Gott! man sieht doch nur im Allgemeinen! Das Einzelne wird erst durchs Leben geboren.
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Je regsamer dies von allen Seiten um mich wird, je drängender nahen sich Gefahren, denen nicht mehr auszuweichen ist.
Vorlage S. 323
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Nein, nein, es giebt hier keinen Ausweg! Ein jeder führt zu dem Opfer meines Herzens. Ich hatte längst diese Ueberzeugung.
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Hugo liebt! liebt zum erstenmale. Urteilen Sie, von welcher Stärke eine Leidenschaft sein muss, die seiner Herr war, ehe er sie noch ahndete.
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O! ich habe es immer gedacht! Wenn sich diese Brust einmal einem Einzigen öffnen könnte, es würde eine Sonne darin aufgehen, vor der die kleinen Monde der Erdennacht in sich verdämmern müssten.
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Ich kann Ihnen nicht in Ordnung erzählen, ehrwürdiger Herr, was sich Alles hier zugetragen hat. Es kam nach und nach, und war dann mit einemmale da. Anfangs schien meine Mutter ruhig. Hugo wich nicht aus der Burg. Sie hatte das Ansehen, als genüge ihr das. Ich nahm es so. Wir glitten beide über unsere wahre Empfindungen weg. Mir war dabei innerlich so unheimlich, dass ich es nicht aussprechen kann. Hugo's stetes Verweilen drückte mich wie die schwerste Last. Die ausgelassene Laune, mit welcher er sich zu Zeiten überbot, presste mir im Geheim Thränen aus. Indeß entging meiner Mutter nichts. Ein Paar unselige Stunden im Hause der Gräfin Ulmenstein gaben den Ausschlag. Bald darauf machte uns der Fürst einen Besuch auf der Burg. Hugo lächelte. Er empfand schnell, was dies bedeutete. Ich sah ebenfalls meine Mutter von Weitem kommen. Uns nahte ein entscheidender Schlag. Indeß standen wir Alle, wie unter einer Gewitterwolke, stumm, gespannt, unser Geschick erwartend.
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Da trat eines Morgens Hugo mit einem Brief in der Hand zu mir herein. Sein Gesicht kündigte mir etwas Ungewöhnliches an. Die Unruhe, in welcher ich seither lebte, gab dem Geringfügigsten eine Bedeutung. »Was hast Du da?« fragte ich hastig, indem ich meine Hand nach dem Brief ausstreckte. Ich hatte wohl unwillkührlich die Farbe gewechselt und mochte ängstlich aussehen. Hugo's scharfer Blick setzte mich in Verlegenheit.
Vorlage S. 324
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»Was ich da habe?« sagte er kalt. »Ein Bote hat Nachts das Schreiben für Dich abgegeben.«
Vorlage S. 325
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Ich hatte keine Ahndung von seinem Inhalte. Die Handschrift war mir nicht sogleich erinnerlich.
Vorlage S. 325
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»Vom Caplan Tavanelli!« berichtigte Hugo meinen Zweifel, da er sah, dass ich die Addresse mehrmals las.
Vorlage S. 325
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»Von Tavanelli?« wiederholte ich, indem ich das Siegel erbrach. »Was kann der wollen?«
Vorlage S. 325
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»Das musst Du wissen!« war die etwas spöttische Antwort.
Vorlage S. 325
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Nicht ohne große Bangigkeit überflog ich die eng geschriebenen Zeilen. Leider ergoß sich der junge Mann in bittre Klagen über das Peinliche seiner neuen Verhältnisse. Er zeichnete mit scharfen Strichen, und verweilte hauptsächlich bei dem verderblichen Einflusse der ansteckenden Freigeisterei von Seiten der Präsidentin. Wie dieser Brief war, konnte ich ihn Hugo nicht mittheilen. Ich legte ihn daher mit den Worten bei Seite: »Sie verstehen dort einander noch nicht recht. Der Caplan ist unerfahren und deshalb ängstlich.«
Vorlage S. 325
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»Sie werden sich niemals verstehen,« versetzte Hugo obenhin. »Das war zu denken.«
Vorlage S. 325
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»Ich meinte es gut!« erwiederte ich, vielleicht ein wenig empfindlich.
Vorlage S. 326
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»Du meintest etwas anders!« bemerkte Hugo, »und dachtest nicht richtig.«
Vorlage S. 326
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Ich war betroffen durch seinen spitzen Ton. »Ueberhaupt,« fuhr er fort, »sind Einmischungen der Art, Eingriffe in die Rechte Anderer. Es ist Eitelkeit und Vorwitz, das Steuerruder lenken zu wollen, wenn das Fahrzeug seine Richtung schon genommen hat.«
Vorlage S. 326
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Ich erschrack, dass mir die Thränen aus den Augen strömten. In demselben Augenblick wurde Hugo ein großgesiegelter Brief, den ich sogleich für einen fürstlichen erkannte, eingehändigt. Er riss ihn auf. Dann brach er in lautes Lachen aus, und verließ, ohne weiter etwas zu sagen, mein Zimmer.
Vorlage S. 326
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Seitdem sind mehrere Tage verflossen. Er beobachtet das tiefste Stillschweigen. Meine Mutter verlässt das Zimmer nicht. Mich sieht und spricht sie nur flüchtig. Der Comthur hat allein freien Zutritt bei ihr.
Vorlage S. 326
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Ich stehe wie auf Kohlen. Fragen kann ich Niemand. Ich fürchte die Antwort; und von selbst spricht Niemand frei zu mir.
Vorlage S. 326
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Gott! Gott! wodurch habe ich Hugo's Zutrauen verscherzt! Er glaubt mich gegen ihn verbündet; er hält absichtlich mit etwas, das ihn ärgert, gegen mich zurück.
Vorlage S. 327
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Um das Maaß meiner Unruhe voll zu machen, muss die arme Elise am Hofe eine Kränkung erfahren haben. Die Stadt ist voll davon. Hugo und mein Name werden dabei genannt. Der junge Wildenau war hier. Ich hörte ihn mit dem Oheim auf einem Spatziergange im Garten angelegentlich davon reden, ohne dass ich das Nähere deutlich verstehen konnte noch wollte.
Vorlage S. 327
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Werfen Sie aus Ihrem hellen Himmel einen Blick in meine verworrene Welt, und sagen Sie mir bald, wie ich es anfange, klar und beruhigend für Andere zu denken und zu handeln. Was hilft es, fände ich auch mich selbst ganz und vollständig wieder, kann ich den geliebten Mann nicht zufrieden stellen!
Vorlage S. 327
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Elise an Hugo
Vorlage S. 328
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Nein, ich wanke nicht, verlassen Sie sich darauf. Ich kann Vieles aufgeben, nur mich selbst nicht. Was einmal Wurzel in meiner Seele schlug, das verwächst mit ihr, und ist ewig wie sie! Ich habe keinen Begriff von einer Freundschaft, die den Umständen weicht.
Vorlage S. 328
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Was ist, das ist! Die Welt kann davon nichts ab, nichts hinzu tun. Diese freilich wird jetzt eine andere für uns.
Vorlage S. 328
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Wie dem Erdbeben die Bewegung lebloser Körper vorangeht, so höre ich um mich jenes dumpfe Dröhnen, das innere Zittern und Anklingen, was mit heimlicher Geschäftigkeit auf Zusammenbrechen der Form hinarbeitet.
Vorlage S. 328
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Es ist sehr unheimlich in meiner Welt geworden, Hugo! Sehr unheimlich!
Vorlage S. 328
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Ich fasse es oft nicht, wie der heitre, frische Lebensbach mit seinen hüpfenden, leicht bewegten Wellchen plötzlich solch dunkler Strom werden konnte.
Vorlage S. 328
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Und dabei ist nichts geschehen. – Kein Umsturz der Verhältnisse, keine Erschütterung des Daseins hat an dem Bestehenden gerüttelt.
Vorlage S. 328
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Alles blieb, wie es war. Nur das Leben! das Leben, ist auf unbegreifliche Weise anders geworden.
Vorlage S. 328
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Sagen Sie mir, haben Sie den Schlüssel zum Geheimnis? Bin ich denn ganz verblendet gewesen? Bin ich es noch, dass ich nicht sehen kann, was Andern so großes Aergerniß giebt? Mein Gott! liegt denn die Idee innerer Harmonie so tief, dass sie die Leute nicht finden können? Müssen sie ihre kleinen, geselligen Bedingungen dem unterlegen, was in sich bedingungslos ist?
Vorlage S. 329
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Wäre ich eine phantastisch Ueberbildete, ich könnte glauben, von künstlichen Netzen umsponnen zu sein. Aber, meine ganze Natur ist dem fremd. Ich athme nur frei, wo ich Wahrheit finde. Und gäbe es eine andere Wahrheit für mich, wie für diejenigen, welche mich richten?
Vorlage S. 329
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Man beschuldigt mich, einen Raub an Emma begangen, Sie dieser entrissen zu haben. Es fehlt nicht viel, so wirft man mich mit allen müßigen Thörinnen in eine Klasse, und macht Gefallsucht und Eitelkeit zum Hebel eines Einverständnisses, das wahrhaftig ohne Wissen und Willen da war, ehe an seine Existenz gedacht ward.
Vorlage S. 329
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Giebt es denn auch Klausen und Zellchen für die Geister, dass sie einander nicht nahen dürfen? und ist um jedes Hauses Heerd eine geheiligte Schranke gezogen, die selbst des Himmels Macht nicht sprengen soll? Es verschlüge mir wenig, Thoren darüber schwatzen zu lassen, aber auch gute Menschen, solche, die mir zugethan sind, fällen ein hartes Urteil. Sie wissen, welche Veranlassung die Zungen löste! Es hat mir wehe getan. Und wie Eduard darunter leidet! Gott! der Mann, dem die Stimme der Welt viel mehr, als die des eignen Herzens gilt, wie schwer erträgt er die Ueberzeugung, diese gegen mich zu wissen.
Vorlage S. 329
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Auch hat er in vielen Stücken recht. Es ist nicht gleichgültig, wie wir zu den Menschen stehen. Ich fühle das sehr gut. Es ist schon eine Weile her, da schrieb mir Sophie, diese bedeutungsvollen Worte, welche ich damals weit entfernt war, auf mich zu beziehen.
Vorlage S. 330
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»Der Ruf ist darum so heilig,« sagte sie, »weil er den Weg zum menschlichen Vertrauen bahnt oder verschließt.« Sehen Sie, man mag sich dem Angewöhnenden gegenüber so oder so stellen, man steht nicht mehr unbefangen und frei.
Vorlage S. 330
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Ich sagte das Eduard. Er ist billig genug, es einzusehen. Zum Glück bot der erwachende Frühling einen schicklichen Vorwand, die Stadt zu verlassen. Wir sind nun hier auf dem Lande. Es war eine traurige Rückkehr, Hugo! Das Haus sieht so nüchtern aus den unbelaubten, kaum erst knospenden Bäumen hervor. Die Zimmer sind unfreundlich, der Gartensaal ist noch nicht zu bewohnen, Blumen und Staudengewächse bleiben vor der Hand in den Treibhäusern ein geschlossen. Als wäre aller Schmuck von dem Leben abgestreift, gehe ich an den leeren Gestellen, zwischen kahlen Brettern einher, und suche den Herbst mit seinen langen, glühenden Abendlichtern, dem goldenen Blätterdach und purpurnen Wolkenbergen. Wie reich war die Natur! welche Fülle des Daseins strömte die warme, lieblich scheinende Sonne zuletzt noch in unsere frohen Herzen! Als ich jetzt hier eintrat – ich sank in den nächsten Stuhl und weinte, weinte ohne aufhören zu können. Ich habe auch meiner Seits versprochen, Sie nicht hier zu sehen, Hugo!
Vorlage S. 330
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Welch' wahnsinnige Gewalt übt der Mißverstand über die Freiheit Anderer aus! Und zu was? Ich könnte über die Täuschung lachen, dass es nur die Hohlspiegel der Augen sind, die einen Gegenstand sehen! Aber ich lache nicht mehr. Es bedeutet mir nichts Gutes. Ich lachte im vorigen Herbst so viel, und nun hat die junge Frühlingssonne solchen blassen, fahlen Wasserring!
Vorlage S. 331
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Mein allerliebster Georg kränkelt seit einiger Zeit. Er kann den Caplan nicht gewohnt werden. Der fremde, schüchterne Mann ängstigt das arme Kind unbeschreiblich. Wenn er zu ihm gehen, bei ihm bleiben soll, schlägt das liebe kleine Herz so bange und heftig, dass ich weinen möchte. Und doch ist Tavanelli gut mit dem Knaben. Er verzärtelt ihn fast zu sehr. Was ist es denn, das die Liebe hier erschreckt und nicht rührt? Weshalb zieht sich die unbestochene Natur davor zurück? Ach, es bleibt zu wahr, auch die himmlischen Mächte reden nur durch irdische Organe zu uns, und was diese bedingt, und wie sie uns fremd oder verwandt berühren, davon hängt Verstehen oder Missverstehen ab.
Vorlage S. 332
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Einige Tage später.
Vorlage S. 332
826
Hören Sie, Hugo, hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe! Meine Seele ist voll davon. Es war eine erschütternde Stunde! fast zu gewaltig für das beschränkte Erdenleben! Aber, Ruhe! Ruhe! Sie sollen Alles wissen. Sie vor Allen, müssen es erfahren.
Vorlage S. 332
827
So lassen Sie sich denn erzählen: Georg schien mir kränker. Er sah erhitzt aus, und war ungewöhnlich aufgeregt. Ich erschrack. Eine Krankheit geliebter Menschen, steht gleich wie ein Unglück bringendes Gespenst vor mir. Ich nahm das unruhige Kind in meine Arme, trug es auf mein Bette, suchte es durch Lieblingsgeschichtchen zum Schweigen, vielleicht auch zum Schlafen zu bringen.
Vorlage S. 332
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Bei zugezogenen Vorhängen, bei einer kleinen Lampe setzte ich mich auf den Rand des Bettes. Ich erzählte langsam und flüsternd, alte, tausendmal wiederholte Histörchen. Es war fast ganz dunkel um uns. Der Kleine nahm die Bilder mit in seine Träume, und schlummerte, mit halbgeschlossenen Augen, eine Weile fort. Allein sein Schlaf war unruhig. Er warf sich hin und her, sprach, nannte fremde Namen, schrie hell: »Tavanelli! fort! fort!« lachte dann wohl dazwischen, kurz, erfüllte mich mit Todesangst. Ich weckte ihn. Er blieb in dem nämlichen Taumel. Ich schickte jetzt eilig nach der Stadt zu Eduard, zum Arzt. Indeß vergingen ein paar Stunden auf dieselbe Weise. Den Caplan hatte ich gleich anfangs entfernen müssen. Seine Nähe reizte den Unwillen des Kindes. Neun Uhr Abends war unter wachsender Besorgniß herbeigekommen. Ich lauschte am Fenster auf den rückkehrenden Boten. Da fuhr ein Wagen in den Hof. Der Vater! dachte ich, mit dem Doktor! In der Erwartung öffnete ich leise die Thür, und trat in den Vorsaal. Ich hielt die Lampe in der Hand. Ihr schwacher Schein erhellte nur einen kleinen Theil des Gemachs, doch gerade den, in welchem ich den Eintretenden entgegen sah. Urteilen Sie von meiner Ueberraschung, als Emma mit schnellen Schritten auf mich zueilte.
Vorlage S. 333
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Ich weiß nicht, war es Verlegenheit oder Ueberspannung des Geistes? dass ich in demselben Augenblicke ausrief: »Wie gut, dass Sie kommen, Sie finden mich in großer Bestürzung.« Ich habe nachher über die Worte, und was ich damit meinte, nachgedacht. Als ich sie sagte, wusste ich nichts davon. Sie gingen mir wie ein Seufzer über die Lippen.
Vorlage S. 334
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Emma schloss meine Hände in die ihrigen. Weich und seelenvoll, wie ein Engel, entgegnete sie: »Ich habe es schon draußen gehört, Georg ist krank. Arme Elise! Und gerade, nun sie hier auf dem Lande sind!« Ich sagte ihr, dass ich nach Hülfe geschickt hätte. Wir waren indeß zurück an das Bett des Kleinen getreten. Sie beugte sich über ihn. Ich hielt die Lampe so, dass sie dem Kinde ins Gesicht sehen konnte. Sie blieb eine Weile in der Stellung; darauf erhob sie sich, ohne etwas zu sagen, aber ihr Auge fiel mit einem Blick auf mich, in welchem ich deutlich las: »So reich bist Du, Glückliche! und dennoch!« Es durchlief mich heiß vom Scheitel bis zur Zehe.
Vorlage S. 334
831
Wir setzten uns auf einen kleinen Sopha, ganz im Winkel, nahe bei Georg.
Vorlage S. 335
832
»Ich komme zu einer unbequemen Stunde?« brach Emma endlich das Schweigen. »Aber,« fuhr sie fort, »man muss die Zeit nehmen, wie sie sich uns giebt.«
Vorlage S. 335
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Sie hielt inne. Vielleicht erwartete sie meine Antwort. Allein mir zog sich die Brust beklommen zusammen. Wir hatten uns lange nicht gesehen. Jetzt saßen wir mit verschlungenen Händen einander so nahe, rings um uns die unsichere Dämmerung. In meinem Herzen, Sorgen um mein Kind, überall ängstliche Erwartung, ich fand keinen deutlichen Gedanken in mir. Ich drückte ihr leise die Hand. »Liebe Elise,« sagte sie, »vielleicht sollte man gewisse Dunkelheiten im Leben nicht aufklären wollen. Man zerreißt mit dem Nebel wohl noch mehr, als diesen.«
Vorlage S. 335
834
»O nicht weiter!« flüsterte ich ängstlich. »Jetzt nicht! in diesem Augenblicke, wo ein einziges Gefühl mich mit so großer Bangigkeit erfüllt!«
Vorlage S. 335
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»Fürchten Sie denn,« lächelte Emma sanft, »ich wolle etwas anders, als uns Allen Ruhe schaffen? Mein Gott! ich würde gewiss schweigen, aber wir sind in eine allzugroße Verwickelung hinein gerathen, und es hilft wenig, dass Jeder heimlich und allein seinen Weg geht. Dadurch werden uns Vertrauen und Zuneigung vollends getödtet.«
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»Liebe!« unterbrach ich sie. »Wäre von Anfang mehr Vertrauen unter uns gewesen, dies könnte jetzt nicht so unbegreiflich erschüttert sein.«
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»Ich glaube es selbst,« entgegnete sie nachdenkend. »Aber was hilft es, darauf zurückzukommen. Jetzt müssen wir rasch vorwärts eilen, um über die hemmende Stelle hinwegzuschreiten. Ich, ich will die Erste sein,« sagte sie leise und schneller als zuvor, »die Erste, die das entscheidende Wort spricht. Ich weiß es, ich weiß es besser, dass Sie Hugo liebt, dass diese Liebe seine Brust durchströmt, dass er keine Stelle in sich findet, wo er verweilen, ja nur stille stehen kann. So soll es mit ihm nicht bleiben, wir beide dürfen ihn nicht in Ungewissheit über sich, über uns lassen. Was ihn reizt und ängstigt, das falle weg! meine Ansprüche an ihn, Elise! die Vorstellung davon, wir müssen sie durch gegenseitiges Einverständniß wegräumen. Ich will, mein Gott! ich will Euern Bund nicht stören, ich nicht dazwischen treten. Oeffnet mir Eure Herzen, seid frei und wahr mit mir. Ich habe eine Seele, Euch zu begleiten, stoßt mich nicht zurück, zerreißt Euch selbst nicht!«
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Sie hatte sich aus der halbliegenden Stellung aufgerichtet. Unangelehnt saß sie fast knieend vor mir, die gefaltenen Hände hoben sich, während sie sprach, öfters leise in die Höhe, die Worte folgten einander mit beschwörender Hast. Es war nicht Leidenschaft, es war Seelenangst, die aus ihr redete. Ich war so erschüttert, dass ich unter einem Strom von Thränen an ihre Brust sank. Werden Sie es glauben, Hugo! es fehlte mir an aller Fähigkeit, ihr zu antworten. Sie mißdeutete das, sie sah in meinen Thränen das schweigende Bekenntnis dessen, was sie voraussetzte. In dem Sinne fuhr sie fort, in mich zu dringen. Die innere Qual gab mir endlich Worte. »Liebe, Gute,« rief ich lebhaft, »lassen Sie doch einen Wahn, der ja alles Unglück anrichtete, nicht so ausschließend über sich herrschen. Es ist nicht, wie Sie denken, es ist ganz anders. Sie sahen es auch früher so. Verwandtes Begegnen, Gewohnheit, sich gerade auf gewisse Weise verstanden zu fühlen, Ineinanderschlingen des Gedachten und Empfundenen, Sie wissen, wie hieraus Vertraulichkeit, Theilnahme entsteht. Hugo braucht es, sich vielfältig mitzutheilen. O könnte die Welt das so sehen, hätte sie nichts anders sehen wollen!«
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Emma achtete gespannt auf jedes meiner Worte. »Wenn Sie sich nicht täuschen, liebe Elise,« lächelte sie fast heiter, »so bin ich doch gewiss, dass Sie mich nicht täuschen wollen. Es wäre möglich,« fuhr sie nach kurzem Besinnen fort, »dass sich Alles verhält, wie sie sagen. Wir verwickeln uns so oft in Irrthümer. Ich habe es wohl auch schon gedacht. Aber« – seufzte sie – »Hugo! was drückt ihn so zu Boden?« »Der Despotism des Mißtrauens,« fiel ich schnell ein. »Die engen Rücksichten, in welche ihn dieser hineintreibt, er findet hierin eine unerträgliche Anmaßung.«
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»Sagte er Ihnen das?« fragte sie schwermüthig. »Ja!« entgegnete ich, im Begriff noch mehr hinzuzusetzen, als sie ausrief: »Weshalb Ihnen? wenn er mich nicht aufgab! Erwartet er nur durch Sie den Trost, den er bei mir nicht sucht?« »Sie sind ungerecht, Emma,« fiel ich ein. »Vergessen Sie, dass er sich durch Sie missverstanden glaubt?« »Hat er auch von mir verstanden sein wollen?« fragte sie. »Nein, nein, so durchaus bloßer Wahn ist es nicht, was unsern Frieden stört!« setzte sie eilig hinzu. »Deshalb eine Bitte. Versprechen Sie nur das Eine, kein Geheimnis in Bezug auf Hugo für mich zu haben. Ich fordere auch nicht, dass Sie ihm Eins aus meinem Anliegen machen, denn ich bin Willens, dasselbe Gesuch an ihn zu richten. Können Sie, wollen Sie das? so bin ich ruhig, und Sie dürfen es ebenfalls sein, wie auch der äußere Gang der Dinge gehen möge.«
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Hugo, ich habe es versprochen, und werde dies Wort nur mit meinem Leben brechen.
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Wir brachten nachdem nur noch wenige stumme Minuten mit einander zu. Die Ankunft des Arztes erinnerte mich erst, dass Georg die ganze Zeit sanft geschlafen hatte, dass meine Sorge übertrieben, und der Zustand des Kindes nicht so beunruhigend war, als ich fürchtete.
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Emma's Anwesenheit versetzte Eduard späterhin, der nun auch gekommen war, in die beste Laune; und so hat dieser Engel ein Licht zurückgelassen, das noch meine Einsamkeit erhellet. Georg ist wieder wohl. Ich danke dem Himmel, und sehe still zu, wie sich die Erde allmählig vergrünt und der volle Strom des Daseins durch alle Adern des Lebens quillt!
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Hugo, die Menschen mögen es anfangen, wie sie wollen, das Lebendige lebt fort! Was kümmert uns das Uebrige!
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Die Oberhofmeisterin an Sophie!
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Was ich wollte, ist geschehen. Schlag auf Schlag ist gefallen, und Alles steht wie es stand! Ich bin erschöpft. Eine höhere Hand muss hier Ordnung machen. Mein Einfluss ist zu Ende!
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Und wie sie sich betrügen, wie Einer den Andern, wie jeder sich selbst täuscht!
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Wenn die Leute erst von der Welt in ihrer Brust, dem Schwunge und dem Umfange ihrer Empfindungen faseln, dann bin ich gleich fertig. Das ist freilich eine fremde Region! Da untersteht sich kein vernünftiger Mensch mit spatzieren zu gehen.
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Emma ist so gut in die Höhe geschraubt, wie Alles, was den bahnlosen Schwärmern anhängt. Ich höre ihr oft mit Staunen zu, mit welcher ehrlichen Miene sie uns die unsinnigsten Lügen auftischt.
Vorlage S. 340
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Freundschaft! Freundschaft! das ist hier das dritte Wort, und Keiner, wette ich, weiß, was das Wort in sich fasst.
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Die heitre, klare, unbegehrliche, immer empfängliche, immer tätige Gemeinschaft der Seele, gleicht diesem hypochondrischen Versinken, der eifersüchtigen Scheu, dem schwärmerischen Selbstbespiegeln, wie Sonnenschein und Gewitterluft.
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Sie haben sich verständigt, heißt es, sie sind ruhig! Aber das ist eine Ruhe, die an künstliche Einschläfrungsmittel erinnert, und nicht eine Spur von lebendiger Wahrheit in sich trägt.
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Die Spannung war auf das Höchste gestiegen. Der Knoten zog sich immer enger zusammen. Lange konnte die Absichtlichkeit, durch die man mich, durch die man sich selbst zu täuschen bemüht war, nicht mehr dauern. Da machte ein Antrag des Fürsten, indem er Hugo zum Gesandten an unsern Hof ernannte, dem Spiel ein Ende. Unverstellt brach jetzt die Leidenschaft hervor.
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Stolz und wegwerfend bezeigte Hugo seine Verwunderung über die lächerliche Wahl, forderte Emma, forderte mich durch unerträgliche Sarcasmen heraus, riss mich zu offner Erklärung hin, schlug ziemlich trocken das Anerbieten aus, und bewaffnete dadurch Hof und Stadt gegen sich und Ihre Freundin. Die Letztere musste dies am Geburtstage der Fürstin Mutter erfahren. Die strenge Frau empfing sie bei der Morgencour mit beleidigender Verwunderung, indem sie sagte: Sie habe erwartet, es werde sich ihr an diesem Tage kein trübes Gesicht nahen wollen, und ein heiteres dürften ihr die nicht zeigen, über welche soviel schmerzliche Thränen flößen. Sie wandte sich bei diesen Worten ab, indem sie sich gegen eine nahe stehende Dame laut äußerte: »Man hört nichts als beunruhigende Neuigkeiten von dem Schlosse des Baron, dem alten Comthur. Das hat der Mann davon, einen Undankbaren zu sich heraufzuziehen!«
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Der Auftritt machte unglaubliches Aufsehen. Der Fürst litt in der Seele des Präsidenten. Es that ihm auch um des äußern Anstandes willen leid. Er wollte es wieder gut machen. Er näherte sich Elise. Seine Mutter rief ihn in diesem Augenblicke zu sich. Sie sprach lebhaft mit ihm. Kurz darauf entließ sie die Versammlung. Die Schwergekränkte hielt standhaft aus. Ihre stille und gesammelte Haltung imponirte für den Augenblick Allen. Sie blieb, und war die Letzte in den fürstlichen Sälen. Dann entfernte sie sich langsam, am Arme ihres Mannes, mit dem man sie gelassen, scheinbar gleichgültig sprechen sah. Doch diese glückliche Gegenwart des Geistes hinderte nicht, dass der Stab über sie gebrochen, und sie gezwungen ward, unter einem schicklichen Vorwand die Stadt zu verlassen.
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Sie kennen mich zu gut, um nur einen Augenblick glauben zu wollen, dass ich mich an der Kränkung der Unglücklichen weidete. Einmal, bin ich nichts weniger als boshaft! und wäre ichs auch, so müsste ich doch dies Verletzen aller äußern Sitte schon darum tadeln, weil es unpolitisch ist, die Meinung theilt, das Mitleid in Anspruch nimmt, und denen, welche im Recht sind, das Ansehen des Unrechts giebt. Emma fühlt dies wie ich. Sie verdoppelt ihren Eifer, Elise mit jedem Tage zu verbinden. Die Intimität beider Häuser ist völlig hergestellt. Der Präsident sieht darin eine Art Ehrenerklärung für seine Frau, wie es überhaupt das Ansehen hat, den ganzen Vorfall bei Hofe den Faseleien einer kindisch gewordenen alten Dame zuzuschreiben, wodurch wir, als glückliche Ausbeute bei dem ganzen Handel, die Genugthuung genießen, die gefährliche Feindin unserer Ruhe recht oft hier zu sehen.
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So weit sind wir nun! – Das sind die Resultate meines Hierseins! O Sie haben recht, ganz bestimmt recht! zum Laufen hilft nicht schnell sein. Am allerwenigsten bringt man eine Sache ins Klare, wenn man darin rührt. Ich habe auch meine Hände zurückgezogen. Ich sehe zu. Aber Sophie, ich sehe, ich sehe! Sein Sie gewiss, mir entgeht nichts. Es wird schon der Tag kommen, wo ich werde hervortreten und sagen können: »Das war es! wisst Ihrs nun?«
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Einige Tage später.
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Das fehlte noch! Emma ist krank! nicht bedeutend, nicht gefährlich, aber immer genug, um mich unsäglich zu beunruhigen.
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Dahin musste es kommen? wenn ihr Zustand schlimmer würde? wenn – wenn – Gott! mein Gott! lass mich deine Hand nicht schwerer fühlen, als ich tragen kann! Sie werden wieder denken, ich übertreibe, ich sehe mit leidenschaftlichem Blick, Emma habe vielleicht nur flüchtig geklagt. – Nein, nein! Sie hat gar nicht geklagt! Das ist es ja eben. Wüsste sie zu sagen, was ihr fehlte, man könnte helfen. Aber so! Der Arzt meint, ein wenig Ruhe stelle das Gleichgewicht wohl wieder her. Ruhe! – Ein armes, kleines, leicht über die Lippen gleitendes Wörtchen, und welche Tiefe und Höhe himmlischer und irdischer Bedingungen fasst es zugleich in sich!
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Wer ist ruhig in dieser Welt des Unbestandes? Wer darf sagen, er sei es, wenn er nur irgend etwas auf Erden liebt? Emma, und ruhig sein! Wenn sie da liegt, nicht fort kann, nicht fragen, an nichts außer sich Theil nehmen darf, und er sich im Kahne schaukelt, Wasserhühner schießt, die Wolken ziehen, und den Abendstern über dem Hause des Präsidenten aufgehen sieht, hinüber rudert, zwischen Schilf und Calmus im Versteck liegt, und die schlaue Circe belauscht, die niemals ohne den Knaben und Tavanelli erscheint, aus dem sie auch einen Esel, oder noch ein ärgeres Thier gemacht hat. Nun, Gott sei dem Verstande der Menschen hier gnädig! Ich fürchte, auch den meinigen zu verlieren. Wüssten Sie, Sophie, was ich jetzt weiß! Wie es hätte anders kommen können! wie glücklich Emma, wie zufrieden ich jetzt wäre, wenn der unselige Badeaufenthalt uns Hugo nicht zu geführt hätte! –
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Dieser Leontin, von dem ich Ihnen schon einmal schrieb, der ernste, bescheidene, entschlossene junge Mann, er liebt, ich zweifle nicht einen Augenblick länger, er liebt meine Tochter. Eine Mutter ist hierüber selten im Irrthum, und er ist zu arglos, zu rein, um außer sich selbst noch irgend Jemand zu täuschen. Wie anders bewacht er indeß sein Gefühl, als Hugo! Nur selten erlaubt er sich den Zutritt in diesem Hause, und reitet er auch fast täglich hier vorüber, so lenkt er doch stets nach Ulmenstein hin, als folge er nur einem verwandtlichen Zuge. Die Meisten nehmen es auch so, doch ich errieth ihn, und er fühlte es!
Vorlage S. 345
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Gestern war es, da kam er in großer Unruhe herauf zu mir. Er hatte von Emma's Unwohlsein gehört. Blass, erschüttert vom raschen Ritt, die feinen Lippen kaum zu einer bangen Frage geöffnet, stammelte er, mit abwärtsgewandtem Blicke, erzwungen gleichgültig: »Hoffentlich doch Alles unbedeutend? – nichts als ein vorübergehendes Uebel – so hörte ich wenigstens,« setzte er leiser, fast unverständlich hinzu. Ich beruhigte ihn, doch ergriff mich der bloße Gedanke an die Möglichkeit einer Gefahr so unwiderstehlich, dass ich mit den Worten: »Es wäre ja auch zu schrecklich!« in meinen Sessel zurücksank, das Tuch vor die Augen drückte und in Thränen zerfloß.
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Er blieb mir gegenüber lautlos stehen. Ein gewisses Wiegen seiner schlanken Gestalt, der zurückgezogene, furchtsame, auf mich geheftete Blick sagte mir, als ich wieder zu ihm aufsehen konnte, dass er meine kummervolle Bewegung in schmerzlicher Angst begleitete. Er äußerte kein Wort weiter, allein er blieb so leise, so weich, so innerlich; sein ganzes Betragen gegen mich trug das Gepräge eines wehmüthigen Geheimnisses. Ich ergriff seine Hand mit Herzlichkeit, als könne ich ihm sein Mitgefühl nicht genug danken. Er schien überrascht. Es flog wie ein Strahl über seine Stirne, die Lippen zuckten, allein, dabei blieb es. Er ließ meine Hand an der seinen abgleiten, er sagte nichts, er schien sehr betroffen, eine Träne, eine einzige, rollte langsam über sein marmorbleiches Gesicht. – O Gott! er hätte Emma anders zu würdigen gewusst!
Vorlage S. 347
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Ich darf das nicht denken. Ich mag es auch nicht denken! Und doch! Der Mensch hat mir einen sonderbaren Eindruck zurückgelassen. Wie er nun, nach einer fast stummen halben Stunde, zögernd ging, und noch im Hofe eine Weile an dem Steinbrunnen in sich gekehrt stand, dann sein Pferd am Zügel führend, in seinen weißen Mantel gehüllt, so groß und schlank, und wie fast alle Hochgewachsene, etwas gebeugt, den Bergpfad entlang ging, erinnerte er mich an Bilder pilgernder Kreuzritter. Die Mühen des Lebens lasteten auf dieser Gestalt, aber der Blick kannte das Ziel, und der Fuß ging den Weg mit festem Tritt.
Vorlage S. 347
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Schlafen Sie wohl, Sophie! Ich bin von ganzer Seele betrübt, was soll ich Ihnen sonst noch sagen? –
Vorlage S. 348
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Rosalie an ihre Mutter
Vorlage S. 348
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Erlaube, liebe Mama, dass ich Dir diese flüchtigen Zeilen noch vor Deiner Ankunft in der Stadt entgegenschicke.
Vorlage S. 348
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Ich war kaum mit unserer guten, alten Schweitzerin in das Haus getreten, und hatte, wie Du es befohlen, einen Blick auf die neue Einrichtung der Zimmer geworfen, deren Beurtheilung Du meinem Geschmack anvertrautest, als schon eine Menge Menschen, die Licht in den Fenstern sahen, herbeirannten und wissen wollten, ob wir angekommen wären? Du kannst Dir wohl denken, dass ich Niemand annahm, außer Deinen nächsten Bekannten, zu denen der gute Hofmarschall ja von jeher gehört. Ich schreibe Dir hauptsächlich seinetwegen, denn es drückt mir das Herz ab, was er mir alles in den wenigen Minuten sagte. Denke Dir, dass die Fürstin Mutter es so unglaublich vernünftig von uns findet, die Trauer so lange gehalten und nicht eher den ländlichen Aufenthalt verlassen zu haben. Sie hat öffentlich darüber gesprochen, Dich als gescheute und pflichtvolle Frau gerühmt, und versichert, sie sei im Voraus überzeugt, uns vollkommen gut erzogen zu finden. Als der Hofmarschall das bestätigte, sagte sie: »Es ist nur Schade, die hübschen Kinder werden uns nicht lange bleiben. Das Vorzügliche wird immer gesucht. Solche Mädchen verheirathen sich bald. Ich möchte sie hier fixiren.«
Vorlage S. 348
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Und nun stelle Dir vor, darauf hat sie den jungen Baron Wildenau genannt, der ihr kürzlich vorgestellt ward, indem sie hinzusetzte: »Ich hoffe, er wird so viel Verstand haben, und mit meinen Augen sehen.«
Vorlage S. 349
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Du kannst wohl glauben, liebe Mama, dass ich an so etwas weiter nicht denke; aber lachen würde ich doch, wenn der steife, unentschlossene Leontin auf diese Art zu einer Erklärung gezwungen würde.
Vorlage S. 349
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Apropos! von Leontin, und was damit zusammenhängt. Es ist doch außerordentlich, wie lächerlich die Leute werden, wenn sie etwas Besonderes sein wollen. Du kannst Dir nicht vorstellen, was man sich hier Alles über die fortgesetzte Freundschaft der beiden Nachbarhäuser sagt. Ich kann es Dich nur errathen lassen, denn es zu wiederholen, erlaubt die Schicklichkeit nicht. Hätte sich die gute Präsidentin doch mehr mit ihrer Toilette beschäftigt, als mit den albernen, romanhaften Grillen! Was helfen der sentimentalen Närrin nun Verstand und überspannte Gefühle? Sie bekommt nie wieder Gewicht in der Gesellschaft. Ich für meinen Theil bin gewiss, dass ich nicht in ähnliche Thorheiten verfallen könnte. Wer bescheiden von sich denkt, der ist leicht befriedigt.
Vorlage S. 350
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Adieu, liebe Mama! Ich küsse Dir die Hand. Es ist doch fatal, dass die Tante uns nichts vermacht hat. Die kleine Französin war heute früh hier. Sie hat mir wunderschöne Ballroben und himmlische Blumen gezeigt. Ich verwies sie auf Deine gränzenlose Güte. Wenn Du erst hier bist – nicht wahr, sie darf wiederkommen?
Vorlage S. 350
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Deine Rosalie.
Vorlage S. 351
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Der Comthur an Sophie
Vorlage S. 351
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Sie wollen es von mir hören, geliebte Sophie, was eigentlich für Ihre und meine Freunde zu fürchten sei? Ach! leider Alles! denn sie stehen auf einem Krater, und kein warnendes Anzeichen macht sie aufmerksam. Möchte das entscheidende Wort Ihr weiches Herz, theure, unvergessliche Freundin! nicht härter treffen, als es meine Liebe ertragen kann. Sie wollten es hören. Aus meinem Munde, sagten Sie, werde es Ihnen weniger verletzend klingen. Glauben Sie das? Wie wehe muss es uns beide tun, auf den Trümmern unsers Glückes, wieder nur Trümmer aufgeschichtet zu sehen.
Vorlage S. 351
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Es ist Niemand dadurch reicher geworden, dass ich arm blieb. Doch, weg mit den eigennützigen Rückblicken! Es reicht hin, das Gewissen gerettet, die Absicht einer ehrwürdigen Institution unverletzt erhalten zu haben. Erfolge sind nicht zu berechnen! Glauben Sie mir, oft muss sich alles vereinigen, um einer Handlung, welche die Welt nicht verstand oder verstehen wollte, noch in ihren Folgen den Krieg machen zu können. Gehört das zu der speciellen Prüfung des Handelnden? oder liegt es in der Natur des auffallenden Schrittes überhaupt, dass jede Handbreit Weges erkämpft sein will? Vielleicht beides zugleich; denn eine reine That muss sich vielfach bewähren, um mit dem eigenen Bewusstsein zurecht zu kommen.
Vorlage S. 351
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Ihnen, Sophie! mag ich es nicht bergen, dass ich große, innere Anfechtungen zu erdulden habe.
Vorlage S. 352
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Wenn ich die sonderbare Richtung bei Hugo, im Widerspruch mit dem Bestehenden des Lebens, so bis zur Unnatur leidenschaftlich losbrechen, ihn rechts und links nur zerstören, und nichts an die Stelle setzen sah, als Scherben und Splitter, wenn ich es ihm anfühle, dass es ihm auch nur um diese Siegestropheen der Willkühr zu tun ist; dann sage ich mir: das ist der ätzende Bodensatz bitterer Gährung. Der gekränkte Vater, die betrübte Mutter, das bewegte Jugendleben, das hat den Stolz entflammt, den weichen Sinn gehärtet, den ganzen Menschen zu einer Waffe der Selbstvertheidigung geformt! Hätte ich das einmal Geschehene seinen Gang gehen, es sich mit der Zeit fortbewegen lassen, es ist kein Zweifel, diese hätte mit neuen Ansichten auch neue Gründe gefunden, das Verletzte zeitgemäß und natürlich zu ergänzen. Mein Bruder wäre im Besitz des väterlichen Erbes geblieben, so lange ich nicht protestirte. Er lebte vielleicht noch, und hätte es erlangt, sich mit spätern Agnaten über die Stiftungsacte des Majorats zu vereinen, denn es wiegen sich momentane Vorteile sehr schnell gegen spätere Ansprüche auf. Der Mensch der Gegenwart hält es gewöhnlich mit dem Sprüchwort vom Sperlinge in der Hand und den zehn andern auf dem Dache. An historische Existenz denkt und kann der nicht denken, dessen augenblickliche bedroht ist.
Vorlage S. 352
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So würde sich dann auf andere Weise gestaltet haben, was jetzt auf Umsturz hinarbeitet, und über kurz oder lang zerfallen muss. Denn es ist keine Frage, was ich that, einer frivolen, selbstsüchtigen, gewissenlosen Richtung entgegen zu wirken, hat diese nur gefördert. Hugo ist das Kind empörter Elemente. Er steht gewaffnet gegen mich auf, und wird das Recht, welches die Jugend gegen das Alter mit so leichter Scheinbarkeit behauptet, aufbewahren. Meine Tage sind ihrem Ende nahe, der neue Tag, der mit ihm beginnt, führt keine wohlthätige Sonne herauf. Ich ahnde das Ungewitter und die Ausbrüche vulkanischer Gährung, die das lang Bewahrte, langsam Geschaffene, in raschen Stößen zerstören werden.
Vorlage S. 353
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Bei dem Allen ist es mein Trost, nach innigster Ueberzeugung festgestanden, und dem gemäß, der Gefahr entgegengetreten zu sein.
Vorlage S. 354
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Es bleibt mein Trost, sage ich, es ist der wiederkehrende, beruhigende Gedanke, wenn tausend Erschütterungen mich von allen Seiten fassen und mein Herz zerdrücken, meine Seele zerreißen.
Vorlage S. 354
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Sehe ich auf meine nächsten Umgebungen, was erblicke ich? den Neffen, den Erben meines Namens, meiner Güter, den Sohn meiner Wahl, trocken, kalt, von einer Leidenschaft verzehrt, welche allen Erwartungen seiner Freunde zu spotten scheint. So geht er an dem Leben hin, als habe es keinen Theil an ihm. Und Emma? die schöne, starke Seele, sinkt ermattend in sich zusammen. Ruht sie nur aus von den Kämpfen, oder lastet die Erde zu schwer auf ihr, und kann sie sich nicht mehr frei machen von der harten Decke? Ist es wirklich vorbei für diese Welt? Sie scheint es zu glauben, mit fast an Stumpfheit gränzender Abspannung, lässt sie geschehen, was sie allein noch hindern könnte. Seit sie schwach und matt das Zimmer hütet, kümmert sie sich wenig um Dinge, die außerhalb vorgehen. Sie hat das Ansehn, Niemand zu vermissen, und bemerkt es kaum, dass Hugo ganze Tage außer dem Hause zubringt. Uns Alle ängstigt diese Gleichgültigkeit. Die Mutter setzt sie in Verzweiflung. Der Arzt sagt wenig dazu. Hugo scheint nicht zu wissen oder nicht zu glauben, dass man anders als vor Alter sterben könne. Und kennt er auch gefährliche Krankheiten, so ist ihm doch das Kranksein zu fremd, um seine Bedeutung recht einzusehen.
Vorlage S. 354
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Kurz, es ist unmöglich, Ihnen, liebste Sophie! einen Begriff von den peinlichen Widersprüchen zu geben, die hier einander durchkreuzen. Die Spannung wächst täglich. Die einzige Vermittlerin schweigt. Umstände und Leidenschaft werden den entscheidenden Schlag herbeiführen. Halten Sie sich bereit, geliebte Freundin! uns auf den ersten Ruf zu Hülfe zu eilen. Ich bin gewiss, dass der Augenblick nicht mehr fern ist.
Vorlage S. 355
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Gestern, in aller Frühe, hat Tavanelli dem Prior drüben bei den Remonstratensern gebeichtet.
Vorlage S. 355
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Es war noch dunkel, als er sich an dem Klosterthor zeigte. Der Pförtner glaubte einen Wahnsinnigen vor sich zu sehen. Mit sonderbarer Hast, mit unstätem, verwildertem Blick forderte er Einlaß. Er gab vor, ein Kranker verlange geistlichen Beistand. Hierauf wurde ihm geöffnet. Nach einer Weile sah man ihn, in Begleitung des Sacristan, nach der Kirche gehen. Nicht lange, so folgte der Prior. Dieser blieb geraume Zeit mit dem Jünglinge im Beichtstuhl verschlossen; als Tavanelli den Rückweg späterhin antrat, lagen Bangigkeit und Zerknirschung auf seinem todtbleichen Gesicht. Seitdem ist er schon zweimal an Emma's wie auch an meiner Thüre gewesen, ohne gleichwohl Zutritt zu finden. Ich hege eine Scheu vor ihm, wie vor allen überspannten Menschen, die sich in Momenten der Exaltation nicht angehören, und Worte über ihre Lippen fliegen lassen, die sie vielleicht späterhin mit ihrem Leben zurückkaufen möchten.
Vorlage S. 355
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Zum Glück hat die Oberhofmeisterin nichts von jenen wiederholten Besuchen erfahren. Sie schlief noch, oder war spatzieren gefahren, als der Geistliche hier war. Ich habe ein Vorgefühl von dem, was er uns bringen will! Aber wenn es das ist – wenn das Unglück einmal auf dem Wege zu uns ist, werden wir hindern können, dass es irgendwo bei uns eindringt?
Vorlage S. 356
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Ich schreibe Ihnen mit mehr Unruhe, als weise, mit mehr Unwillen, als recht ist. Ich weiß nicht, wen ich bei der allgemeinen Verwirrung eigentlich tadeln soll? und deshalb bin ich mit Niemand zufrieden. Auch nicht mit mir. Ich verehre, ich bewundere Emma, ich beweine ihr Geschick; doch kann ich nicht aufhören, mit zärtlicher Hinneigung an Elisen zu denken. Ich würde die Hand zu lähmen wünschen, die es versuchte, einen Stein gegen sie aufzuheben. Und doch, wenn ich die Thränen der Mutter sehe, wenn ich an Emma's Bett sitze! –
Vorlage S. 357
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Gott allein ist hier Richter. Wir wollen schweigen und zum Handeln bereit sein. Deshalb, meine Sophie! lassen Sie Ihren Freund nicht vergebens bitten. Eilen Sie, so bald Sie können, größerem Uebel vorzubeugen. Elise bedarf Ihrer, so viel ist ausgemacht. Sie kennen ja ihren arglosen Trotz gegen die Meinung der Welt. Was sie in dieser Stimmung zu tun im Stande ist? welche Veranlassung sie müßigen Lauschern geben könnte, mit ihr, uns Alle zu verderben? Beste! Liebe! eilen Sie, eilen Sie zu uns!
Vorlage S. 357
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Leontin an Tavanelli
Vorlage S. 358
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Ich suchte Sie gestern Abend in Ihrem Zimmer auf. Sie waren nicht darin. Doch stand es offen. Mehrere Papiere flogen mir vom Boden entgegen. Ueber den Stuhl vor dem Schreibtisch hing ein abgeworfener Rock. Hut und Handschuh fand ich hier und dorthin geschleudert, der Spatzierstock lag quer über dem Sopha, alles trug die Spuren einer Unachtsamkeit, die ich sonst nie an Ihnen bemerkte. Es fiel mir auf, dass die Leute im Hause von Ihrer Abwesenheit nicht unterrichtet waren, da sie mich hierher zu Ihnen gewiesen hatten. Die Vermuthung, Sie vielleicht unten im Garten zu treffen, entstand nun ganz natürlich in mir. Ich ging, und kam bis an die Bucht am See, ohne einem Menschen begegnet zu sein. Hier spielte, zu meiner großen Verwunderung, Georg mit einer Ziege, die er von seinem kleinen Wagen losspannte, und sie Gras fressen ließ. »Wo ist Dein Freund Tavanelli? Kind!« fragte ich, ahndend, dass Sie in der Nähe sein müssten. Der Kleine antwortete erst gar nicht; später, als ich meine Frage wiederholte, sagte er gleichgültig, ohne von seinem Spiele aufzusehen: »Tavanelli? Ja, das weiß ich nicht. Der läuft immer umher.« »Und Dich, armes Kind!« sagte ich, »lässt er so allein? Es ist ja fast schon dunkel, bekümmert sich denn Niemand um Dich?« »Um mich braucht sich auch Keiner zu bekümmern,« entgegnete er zuversichtlich. »Ich ziehe die Liese hier in den Stall, und dann gehe ich auch zu Bett. Das ist immer so!« »Immer so?« wiederholte ich, »und Deine Mutter weiß –« »Ach!« lachte Georg, »die weiß von gar nichts, die glaubt, der Caplan ist bei mir, aber der denkt nicht an mich!«
Vorlage S. 358
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»Komm,« sagte ich, »wir wollen zu Deiner Mutter gehen.« »Da könnten wir schön laufen, ehe wir die fänden,« versicherte Georg, indem er sich halb unwillig von mir losmachte. »Mutter,« fuhr er fort, »geht alle Abend am See. spatzieren, und manchmal fährt sie auch im Kahn auf dem Wasser.« »Wer sagt Dir das?« unterbrach ich ihn schnell. »Tavanelli!« erwiederte er, als wenn sich das von selbst verstände. »O! der ist manchmal so böse, so böse, wenn sie gar nicht wieder nach Hause kommt. Er rennt durch alle Zimmer und schilt, und ächzt! Ich höre dies bisweilen wohl, wenn es auch so aussieht, als schliefe ich.«
Vorlage S. 359
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Ich ließ das Kind nicht weiter die Geheimnisse des Hauses ausschwatzen. Ich mischte mich in sein Spiel, ging mit ihm nach dem Stall, und blieb so lange bei ihm, bis er schläfrig ward, worauf ich ihn dann der Sorgfalt eines Bedienten überließ, der wohl beauftragt war, sich seiner anzunehmen
Vorlage S. 359
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Aber Sie Unglücklicher, wohin führte Sie der eigennützige Wunsch, sich selbst genügen zu wollen? Kommt es auf Ihre Ruhe an, wenn Sie die Pflicht, für die Ruhe Anderer zu sorgen, übernehmen? Was gehen Sie fremde Irrthümer an? Genügt es nicht, das zarte Gefühl, dem Sie Ihr Streben widmeten, davor zu bewahren? Und weshalb erschrecken Sie vor Anfechtungen, die Ihnen nicht fremd sind? deren Schlingen Sie sehr wohl kennen? Glauben Sie ein Heiliger zu sein? Hofften Sie wirklich, der bloße Entschluss reiche zur gänzlichen Umwandlung hin? Mit sonderbarem Stolz finden Sie sich durch den Andrang menschlicher Widersprüche empört. Es dünkt Ihnen unbegreiflich, dass sich dergleichen bis zu Ihnen wagen. In der verlegenen Entrüstung darüber, durchkreuzen Sie den Kampfplatz mit feiger Scheu, ohne einem einzigen Feind ins Gesicht zu sehen.
Vorlage S. 360
895
Ja, ich schelte Sie feige, denn nur in dieser schlimmsten Krankheit des Geistes entdecke ich den Grund Ihrer lahmen Willenskraft.
Vorlage S. 360
896
Wo suchen Sie ein Schild, fest genug, den zaghaft Zitternden zu schützen?
Vorlage S. 361
897
Sie haben es weggeworfen, Tavanelli! Es lag Ihnen ganz nahe. In der Liebe und Tätigkeit für das Kind, das man Ihren Händen anvertraute, fanden Sie Ihren Beruf; da, da hätten Sie eine Brustwehr gegen jede Gefahr gehabt. Jetzt –? Sehen Sie auf das, was Sie thaten. Sie haben Gift in die kleine Seele geworfen. Es wird nachwirken, verlassen Sie sich darauf.
Vorlage S. 361
898
In das Kloster zu dem Prior flüchten Sie, und beichten. Was beichten Sie denn? Auch die Sünde, die Sie in dem Augenblick begehen, da Sie sich selbst untreu werden? das Kind verlassen? die Zunge des Gesindes beflügeln, den Ruf der Mutter preis geben? O! zurück, zurück in Ihre Kammer, auf den Knien vor dem, der überall ist, der Ihren Muth beflügeln, Ihren Willen stählen kann. Halten Sie aus, Tavanelli! der Friede ist bei Gott. Auf Erden ringen seine Streiter. Hier giebt es keine andere Ruhe, als in der Zuversicht heiligen Ausganges. Ich wiederhole es Ihnen, weichen Sie nicht von Ihrem Platz. Es ist die höchste Pflicht, damit nicht noch größeres Unglück geschehe.
Vorlage S. 361
899
Ich weiß nicht, welche Unruhe ich dieserhalb hege. Ihr Zimmer – das Kind – der Garten – es hat mir den allerpeinlichsten Eindruck gelassen.
Vorlage S. 362
900
Könnten Sie doch fühlen, dass Sie nicht der einzige Unglückliche auf der Welt sind! Es giebt Schmerzen! Schmerzen! – Aber ich klage nicht! Die nächste Stunde kann die entscheidende sein, und diese fordert den ganzen Menschen in all seiner Kraft! Erwägen Sie das, und halten Sie aus.
Vorlage S. 362
901
Elise an Hugo
Vorlage S. 362
902
Wir haben uns, wir haben Emma betrogen. Ich dulde den Vorwurf nicht in meiner Seele! Ein rasches, offnes Geständniß soll die großmüthige Frau zu unserer Richterin machen. Durfte ich es mir bekennen, dass ich Sie liebe, Hugo! konnte ich es Ihnen gestehen, so habe ich keine zweite Demüthigung zu scheuen. Mein Gott! war es möglich? trägt das Leben solches Gift in sich, dass die allereinfachsten, natürlichsten Beziehungen, die harmloseste Mittheilung, die ruhige Freude angenehmen Umganges, ein Netz um uns spinnen konnten, in dem Alles, bis auf den Willen, frei zu sein, gefangen ist?
Vorlage S. 362
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Ich verstehe weder Sie noch mich, noch was wir beide empfinden! In diesem dumpfen Schwindel hege ich keinen andern Wunsch, als dass Emma wisse, wie mir ums Herz ist. Morgen, heute kann ich nicht mehr zu ihr dringen, morgen liege ich auf meinen Knien vor ihrem Bette, und beschwöre sie, mir zu glauben, dass ich unwissend fehlte!
Vorlage S. 363
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O Hugo! Hugo! wo ist mein heiterer Muth, mein klarer, fester Blick! Ich bin gefangen, und keine Macht der Erde spricht mich frei!
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Antwort
Vorlage S. 363
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Uebereilen Sie nichts. Der Augenblick ist unpassend. Emma leidet. Die Seele ist so abhängig vom Körper! Warum sie durch unvorgesehene Stürme aufs neue erschüttern? Und wozu? Was ist es denn, das Sie ihr sagen wollen? Fürchten Sie nicht, durch laute, bestimmte Worte dem Geheimnis in sich zu nahe zu treten? Zittern Sie nicht, die Wahrheit zu verletzen, indem Sie durch ihren Schein das Gewissen hintergehen? Können Sie sagen: »so ist! so war es!« ohne zu empfinden, dass es ganz, ganz anders war? Lässt sich der Hauch des Lebens, der Atem der Seele, wie ein Ding fassen, das man halten und geben kann, wie das Bedürfnis der Verständigung es fordert? – Es ist vergebens! Sie werden Emma nichts entdeckt haben, wenn Sie gleich Ihr Herz vor ihr entblößen, und sie zwingen, das strafende Auge verletzend darauf zu richten.
Vorlage S. 363
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O Elise! wollen Sie denn gleich den Frost strenger, kalter Erörterung auf die Blüthe eines neuen Daseins werfen? Ich verstehe Sie, ich verstehe Sie vollkommen. Aber Sie täuschen sich! Es geht nicht! Die Sprache giebt den Begriff wohl wieder, doch das Unbegreifliche durchdringt uns, wie der Strahl des Lichts! Er ist überall, und weder das Bewusstsein, noch irgend eine Kraft des Geistes vermag das Unaussprechliche unentweiht in die Gränzen der Anschauung zu zwingen.
Vorlage S. 364
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Warten Sie wenigstens noch einen Tag, ehe Sie Ihr Vorhaben ausführen. Ueberlegen Sie, was Sie tun wollen. Zähmen Sie den unruhigen Durst, sich in einer ungewöhnlichen Aufopferung zu genügen.
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Ich komme, Elise. Ich bin diesen Abend mit dem Kahn an Ihrem Garten. Eilen Sie, eilen Sie, dem Geschick die fliehenden lieben Stunden abzustehlen! Gegen acht Uhr Abends bin ich bei Ihnen. Gute, liebe Elise! Verwickeln Sie Ihren freien Sinn nicht in jene nachschleppenden, hinkenden Gedanken, die das Gefühl lähmen und den Wunsch doch nicht tödten können. Sein Sie auch diesmal die starke, kräftige Frau, die sich selbst ihre Bahn zeichnet!
Vorlage S. 365
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Tavanelli an Leontin
Vorlage S. 365
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Zu spät! Zu spät! Ihre Warnung verfliegt in den Wind! Ich kann nichts ungeschehen machen. Ich darf es auch nicht. Sie wissen nicht, was Sie fordern. Sie kennen die Qualen nicht, die mich foltern. Sie werden es auch nicht fassen, wenn ich Ihnen sage, dass, um Elise zu retten, ich sie verderben musste. Ja, sie muss zeitlich untergehen, um ewig zu leben. Niemand liebt sie, wie ich sie liebe. Niemand! Ich habe mein Herz mit tausend Pfeilen durchstochen. Auch das ihrige wird bluten. Aber Gott weiß, es geht nicht anders! Meine Füße tragen mich nicht mehr, und doch muss ich unstät umherlaufen, bis! – Er kömmt gewiss! Walter bringt ihm diese Zeilen. Heute Abend – o ich zittre an allen Gliedern! Gottes Gericht ist fürchterlich.
Vorlage S. 365
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Leontin an den Arzt
Vorlage S. 366
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Säumen Sie nicht eine Sekunde. Fliegen Sie, wenn Ihnen der Wunsch, ein Leben zu retten, Flügel geben kann!
Vorlage S. 366
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Kaum athmet noch der schöne, liebe Knabe. Sein guter Engel führte mich ans Ufer, ehe es auf immer um ihn geschehen war.
Vorlage S. 366
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Aber es ist vielleicht nur das letzte Zucken des Daseins! Ewiger Richter im Himmel! lass dies das einzige Opfer sein! Ich fürchte, auf der Burg wird diese Nachricht den Ausschlag geben! Ja, ja! finsterer Tavanelli, Gottes Gericht ist fürchterlich!
Vorlage S. 366
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Der Comthur an Sophie
Vorlage S. 366
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Bleiben Sie, arme Sophie, bleiben Sie, wo Sie sind. Hier können Sie Niemanden mehr nützen.
Vorlage S. 366
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Emma hat mit ihrer Mutter die Burg in einem Zustande verlassen, der ihr die Fähigkeit nahm, über sich selbst zu bestimmen.
Vorlage S. 366
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Dahin ist es gekommen! Ich tadle Niemand! Der Fall war von der Art, dass er ein Gemüt, wie das der Oberhofmeisterin, zum Aeußersten treiben musste.
Vorlage S. 367
920
Was soll ich Ihnen weiter sagen? Alles ist entdeckt, der Riss geschehen! Eine geschickte Hand könnte wohl zusammenhalten – aber Leben giebt nur Leben, und das ist an der Wurzel erschüttert.
Vorlage S. 367
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Erlassen Sie mir den peinlichen Bericht des Geschehenen. Mir widersteht die gewaltsame Verwüstung ruhig geordneter Verhältnisse. Ich wende mich betrübt davon ab, um soviel als möglich nicht wieder darauf hinzusehen. Unser Freund, der Arzt, übernimmt es, Ihnen alle Umstände eines Vorfalles mitzutheilen, bei welchem sein Beistand von mehr als einer Seite in Anspruch genommen ward. Er rede, wenn ich schweigend in mich selbst zurücktrete und hier die Welt aufsuche, in der wir, Liebste, unzertrennlich bleiben! –
Vorlage S. 367
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Der Arzt zur Fortsetzung. – Am Mittwoch Abend saß ich am Ruhebett der Frau Gräfin. Ich fand ihren Zustand besser. Wir redeten von gleichgültigen Dingen, als mir ein Billet mit dem Zusatze eingehändigt wurde: der Reitknecht sei beauftragt, mir sein Pferd zu überlassen, um mich schneller nach dem Landhause des Herrn Präsidenten zu bringen, woselbst dringende Gefahr meine Gegenwart notwendig mache.
Vorlage S. 367
923
Ich erschrack um so mehr, da mich ein flüchtiger Blick auf die ersten Worte des Schreibens ein Unglück ahnden ließ. Dies, und die große Reizbarkeit meiner theuren Kranken bedenkend, bemühte ich mich, mit so viel Gleichmuth, als mir nur zu Gebot stand, meinem schnellen Aufbruch durch die Aeußerung, dass man drüben sehr ängstlich sei, das Beunruhigende zu nehmen. So stand ich noch ein paar Minuten neben der Frau Gräfin, die Finger an ihren Puls gelegt, als ich diesen stocken fühlte, und sie die eiskalte Hand losmachend, krampfhaft die meinige mit den Worten umschloß: »Ich beschwöre Sie, halten Sie sich nicht mit mir auf. Ich bin ja ganz wohl! aber dort, – Sie werden sehen – es ist gewiss etwas Entsetzliches vorgefallen.«
Vorlage S. 368
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Ich wollte ihr das ausreden, aber sie ließ mir keine Zeit dazu. »Um Gotteswillen!« rief sie, indem sie aufstand und mich bis zur Thüre begleitete, »verlieren Sie keine Zeit.«
Vorlage S. 368
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Ich folgte ihrem Befehl. Wie ich indeß die Thüre öffne, tritt mir die Frau Oberhofmeisterin mit ganz verstörtem Gesicht entgegen; und, lebhaft wie sie ist, auch wohl in dem Gedanken, dass ihre Tochter im Hintergrunde des Zimmers nichts von dem hören könne, was hier gesprochen werde, flüsterte sie eilig: »Bleiben Sie, drüben kommen Sie ohnehin zu spät, das Kind ist todt; und hier sind Sie nötig, Hugo ist verwundet. Gehen Sie zu ihm!«
Vorlage S. 369
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Ein heller Schrei, und ein Fall dicht hinter mir, ließen es außer Zweifel, dass die unseligen Worte von der Gräfin gehört wurden. Ich befand mich in der schrecklichsten Verlegenheit. Wohin nun zuerst meine Schritte lenken! Ich wandte mich nach dem Zimmer zurück, als die gebieterische Dame mit einer Fassung, die mich in Verwunderung setzte, schnell entschied: »Diese überlassen Sie mir. Zu ihm müssen Sie hinunter, und mich sogleich wissen lassen, ob Gefahr zu fürchten ist?«
Vorlage S. 369
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Ich flog nach des Grafen Cabinett. Im Hause herrschte die größte Bestürzung. Aus einzelnen, flüchtigen Aeußerungen der Leute, die sie mir so im Vorbeigehen zuwarfen, fasste ich schnell den traurigen Zusammenhang des ganzen Ereignisses. Ich trat deshalb mit einiger Befangenheit zu dem Verwundeten hinein. Er lag in einem Winkel des Sopha's, den einen Arm auf mehrere, über einander gethürmte Kissen ge legt. Er hatte den Rock abgeworfen. Das Hemd und ein starkes um den Arm gebundenes Tuch trieften von Blut. Es war Niemand sonst im Zimmer. Der Blutverlust schien mir sehr groß zu sein, ich rief daher unwillkührlich erschrocken: »Herr Gott! in welchem Zustande finde ich Sie!« der Graf fuhr aus seinem Kissen in die Höhe. Er sah entsetzlich bleich aus. »Was wollen Sie bei mir?« fragte er unwillig. »Mir fehlt nichts! Mit dem Ritz da,« fuhr er, verächtlich auf den Arm deutend, fort, »werde ich bald fertig werden.« Als ich gleichwohl Miene machte, die Wunde näher zu besichtigen, widersetzte er sich sehr bestimmt, versicherte, der Dorfbarbier könne das auch heilen! ich solle nicht länger ein Leben auf das Spiel setzen, an welchem so unendlich viel liege. Er riss bei diesen Worten, in fieberhaftem Zorn, den Verband vom Arme, und mir in der That nur eine bloße Fleischverletzung zeigend, klingelte er, um den berufenen Chirurgus eintreten zu lassen. Da ich nun sah, dass hier für mich nichts zu tun war, begnügte ich mich, die Frau Oberhofmeisterin über den Zustand des Grafen zu beruhigen, und eilte unter tausend bangen Ahndungen zu dem nachbarlichen Landsitze.
Vorlage S. 369
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Die Sonne war schon hinter die Berge. Das rothe Abendlicht durchschnitt den Himmel in langen Streifen. Es war schwül und still in der Luft. Man hörte nichts, als das schrillende Säuseln der Aehren in den Kornfeldern und das Gezirp der Heimchen.
Vorlage S. 371
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Mir schlug das Herz immer ängstlicher in der beklommenen Brust. Einzelne Arbeiter, die auf das Gerücht eines Unfalles, ihr Tagewerk verlassen hatten, um zu sehen, was es gäbe, kamen jetzt zurück, Geräth und Kleidungsstücke aus dem Felde abzuholen. Sie sahen betrübt aus und wiederholten Alle dasselbe. Das Kind der Herrschaft drüben sei verunglückt und für todt aus dem Wasser gezogen worden. Es müsse wohl einer daran Schuld sein, den man sich nicht zu nennen getraue. Es wäre großer Zank und Streit darüber entstanden, und viele wollten sagen, es seien zwei Schüsse gefallen. Wer geschossen? wisse jedoch Keiner. So kam ich, von den unheimlichen Gerüchten gejagt, endlich bis zu dem Gehege des Gartens. Es war hier und da eingerissen, um den Zudringlichen Bahn zu machen. Diese standen und saßen, vom Gaffen und Schwatzen müde, auf dem Boden umher. Weiber mit ihren Kindern auf dem Arm, jammerten über den kläglichen Anblick des bläulich angeschwollenen kleinen Leichnams, indeß Andere mit giftiger Zunge der Sünde Schuld auf das Gewissen der Mutter warfen, und diese mit Schmähreden überschütteten. Ich sprang vom Pferde, und mir durch das Gewühl Platz machend, stieß ich auf einen Mann, der versicherte, in dem Knaben sei noch Leben. Er selbst habe das Herz schlagen fühlen. Auch wäre die Rettung zu schnell gekommen, als dass der Tod schon volle Gewalt geübt habe. Der brave Herr da unten, von Wildenau, sei ja gleich bei der Hand gewesen, setzte er hinzu. Ich athmete auf. Die Andern mochten es nicht Wort haben, dass man irgend Hoffnung hegen dürfe. Sie ließen sich nichts von dem vollen Maaße des Entsetzlichen streitig machen. Ihr Widerspruch gab mir Muth. Dieser sank gleichwohl, als ich in den Gartensaal trat, der erschütternde Eindruck des Jammers, der hier so plötzlich Alles umgewandelt hatte, nahm mir alle Fassung.
Vorlage S. 371
930
Gleich der Thüre gegenüber lag der bleiche Georg, ganz in Betten und Decken gehüllt, so, dass nur das seitwärts, auf die Brust hängende blonde Lockenköpfchen sichtbar war. Neben ihm saß des Amtmanns Mutter, die sanften, feuchten Augen auf die geschlossenen des Kindes gerichtet; zu ihren Füßen kniete eine unkenntliche Gestalt, dem Tode ähnlicher als den Lebendigen, bewusstlos, regungslos, verriethen nur die starken und raschen Athemzüge, dass der Schmerz wenigstens diese arbeitende Brust bewege. Es war die schöne, unglückliche Präsidentin.
Vorlage S. 372
931
Der bunte Zierrath des Zimmers, die hohen Blumenkübel, das frische Roth unzähliger, in Körben und Schaalen umher stehender Rosen, all der Schmuck jugendlicher Sinnenlust, stach auf das Schneidendste gegen die farblose Gruppe der tiefsten Trauer ab.
Vorlage S. 373
932
Ich näherte mich leise. Der Baron Wildenau kam aus einem Seitenzimmer auf mich zu. Wir drückten einander schweigend die Hände. »Ich fürchte,« flüsterte er, »ein Schlagfluß hat hier schneller geendet, als meine rasche Hülfe es sonst begreiflich macht. Das Kind lag nicht über einige Minuten im Wasser.«
Vorlage S. 373
933
Ich erwiederte nichts. Mein Blick lag fest auf dem kleinen Bettchen, an dessen oberstem Rande, da, wo es die Wange des Schlummernden berührte, eine Feder leise hin und her zu wehen schien. Der Baron folgte meinem Blicke. Ich bog mich über das Bett. Ich hörte schwache Athemzüge. Ohne mich weiter zu bedenken, öffnete ich dem Kind eine Ader. Das Blut tropfte erst langsam, dann sprang es in einem Bogen über die weiße Decke auf die gefaltenen Hände der Mutter, die mit einem Schrei aus ihrer Betäubung auffuhr. Sie sah irre und verstört umher. »Er hat mich geküsst!« flüsterte sie, kaum hörbar. »Wahrhaftig, er hat mich geküsst! Er lebt!«
Vorlage S. 373
934
»Ja,« versetzte ich zuversichtlich. »Er lebt. Aber jetzt erschrecken Sie die rückkehrende Besinnung nicht. Schweigen Sie, um Ihres eignen Friedens Willen, nur noch wenige Augenblicke.«
Vorlage S. 374
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Sie sah mich schüchtern an. Auf ihren Zügen lag dumpfe Ungewissheit. Doch that sie, was man ihr sagte. Und ob sie gleich nicht von den Knieen aufstand, so schob sie sich doch auf diesen seitwärts in einen Winkel des Zimmers, von wo sie, angstvoll zusammengesunken, auf Georg sah.
Vorlage S. 374
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Der Umschwung in dem kleinen Körper war schnell geschehen. Von der Betäubung zum Erwachen brauchte es, sobald die Springfedern innerer Tätigkeit in Bewegung gesetzt waren, nur wenige Minuten. Ein paar Tropfen Aether, der flüchtige Geist scharfer Essenzen, und das Anwehen frischer Luftzüge durch die geöffneten Fenster, vollendeten das Werk völliger Wiederbelebung in Kurzem. Das erste vollständige Zeichen derselben war der anfangs undeutliche, dann wiederholte Ruf nach der Mutter.
Vorlage S. 374
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Diese schauerte vor dem Tone, als komme er aus einer andern Welt. Sie hatte kaum die Kraft, sich zu erheben. Ich eilte auf sie zu. Alle Glieder flogen ihr, wie im stärksten Fieberfrost. Sie schwankte, die fragenden Augen bittend umher gesandt, nach dem Bette des Kleinen. Wie dieser aber jetzt aufsah, die Aermchen matt hob, und mit dem rührendsten Tone: »Liebe Mutter!« sagte, da sank sie laut schluchzend über ihn hin, und vielleicht waren es ihre Thränen, die seine Brust vollends erwärmten, die Schläge seines Herzens schneller hoben. Hier war jetzt die gestörte Ordnung unter die Gesetze des Daseins zurückgetreten. Die Natur stellte sich durch sich selbst her. Des Kindes Rettung beflügelte die Seele der Mutter. Gehoben und gesammelt, stand diese nach einer Weile wieder unter uns. Sie schien nichts gelitten, nichts empfunden zu haben. Mit einer Wärme und Innigkeit, wie sie nur dieser reichbegabten, unwiderstehlichen Frau inwohnt, ließ sie uns ihr Entzücken theilen. Sie sagte wenig, that nichts, aber aus jeder Miene, aus den rührenden Blicken, aus dem stillen, tiefsinnigen Versinken über ihr unbegreifliches Glück, athmete das schmerzensstille Herz seliges Vergessen.
Vorlage S. 375
938
Leider! sollte sie bald an das Vergangene erinnert werden.
Vorlage S. 376
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Der Präsident stürzte, nach einer kurzen Abwesenheit, ungestüm ins Zimmer. Die Nachricht von Georgs Rettung war ihm schon von allen Seiten entgegen gedrungen. Die große Erschütterung plötzlicher Freude erhöhte den leidenschaftlichen Zustand seines Gemüts, der heute zum erstenmal, in reifern Jahren, aus den Grundsätzen beherrschender Mäßigung, in die dammlose Fluth empörter Gefühle hineingerathen war. Seine unzusammenhängenden Worte, das Heftige, ja Stürmische in ihm, erschreckte den Knaben. Er ward blöde, schwieg oder weinte, und stachelte dadurch die Todtesangst des Vaters, ihn zwar lebend, doch krank und leidend wiedergefunden zu haben. In seiner unbemeisterten Besorgniß äußerte dieser das unverhohlen, wie er überhaupt, ganz im Gegensatz sonstiger Rücksicht, jetzt nur laut dachte und empfand, was die Umstehenden in große Verlegenheit setzte. Die Verwirrung stieg auf das Höchste, als der Präsident, nachdem ich ihm die vollkommene Wiederherstellung Georgs verheißen, sich, ohne die Anwesenheit seiner Gemahlin zu beachten, zu der Mutter des Amtmanns mit den Worten wandte: »Nun dann, Madame Lindhof, so übertrage ich Ihnen die Sorge für des armen Knaben Gesundheit, bis ich von einer unerläßlich gewordenen Reise zurückkehre.« Er nahm hierauf die verlegen dastehende, ängstlich überraschte Frau bei der Hand, führte sie in ein anderes Zimmer, um das Nähere seiner Anordnungen zu bestimmen. Ich hatte nicht den Muth, vom Boden aufzusehen. Der Baron gab mir einen Wink, das Zimmer zu verlassen. Wir eilten in den Garten.
Vorlage S. 376
940
»Gott!« rief ich hier, unter die Last unerträglicher Gefühle gepresst, aufseufzend, »muss denn dies Haus zusammen brechen! Und ist keine Klarheit nach dem Gewitter zu hoffen?«
Vorlage S. 377
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»Keine!« entgegnete der Baron, der noch bleicher und melancholischer aussah, als sonst.
Vorlage S. 377
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»O,« sagte ich lebhaft, »warum wurdest du denn ins Leben zurückgerufen, armes Kind! Besser wäre es gewesen, du hättest den unnatürlichen Riss häuslicher Eintracht still verschlafen! dein kleines Herz wäre gebrochen, ehe Unwille und Bitterkeit darin keimten.«
Vorlage S. 377
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Der Baron sah mich schmerzlich an, ohne etwas zu erwiedern. Wir gingen mit raschen Schritten tiefer in das Gebüsch. Meine Seele war voll Kummer. Ich sah nicht, wohin uns der Weg führte, als mich das zertretene Gras und der Anblick des Sees plötzlich aufschreckte.
Vorlage S. 378
944
»Hier also?« fragte ich stillstehend. Mein Begleiter nickte bejahend, während sein betrübtes Auge langsam über die Wellen glitt.
Vorlage S. 378
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»Wie kam es nur,« fragte ich zögernd, »und was trug sich sonst noch Unseliges zu, das solche Folgen haben konnte?«
Vorlage S. 378
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Der Baron schien mit der Antwort zu kämpfen. Ich hatte bis jetzt eine Scheu gehegt, deutlicher in die Verwirrung hineinzusehen. Die schonungslose Härte des Präsidenten erschütterte und empörte mich. Ich wollte ihn allein schuldig wissen. Die Frage sprang mir über die Lippen.
Vorlage S. 378
947
Was ich von ihm erfuhr, war Folgendes: Der Präsident kam gegen Abend auf seinem Landhause unerwartet an, fand Niemand dort, fragte hierauf seine Dienstboten scharf und heftig nach seiner Gemahlin und nach Georg aus; doch ihre Antwort nicht erwartend, stürzte er eilig dem Garten zu. Hier sah man ihn ungestüm hin- und herlaufen, hörte ihn laut rufen, und bemerkte nicht ohne Besorgniß, dass er in einen Kahn sprang, diesen losmachte und nach dem jenseitigen Ufer des Sees hinüberfuhr. Die unmäßige Heftigkeit, welche affectlose Menschen zu Zeiten, wie mit triumphirender Gewalt, befällt, musste die bestürzten Domestiken hier um so mehr mit banger Ahndung erfüllen, als das sorglose Betragen ihrer jungen Gebieterin schon längst an ihr zum Verräther ward. Niemanden unter allen Leuten des Hauses, blieb der Zweck jener langen, nach der Wohnung der Tannenhäuserin führenden Spatziergänge, ein Geheimnis. Hierher flüchtete die schöne Frau, und beruhigte ihr Gewissen, wenn der Graf in seinem schmalen Boot stehend, mit ihr redete, während sie am Ufer saß, und es das Ansehen hatte, dem Freunde zufällig begegnet zu sein. Jäger und Fischer, welche Abends des Weges kamen, hatten sie oft so gesehen. Es ward hier und da darüber gesprochen. Mehrere weissagten längst nichts Gutes davon. Jetzt war es klar, dem Präsidenten musste Jemand die Augen geöffnet haben. Auf Tavanelli fielen Alle. Er ließ sich seitdem, ganze Tage nicht sehen. Den Knaben, hieß es, habe er mitgenommen. Andere wollten versichern, dieser spiele im Garten. Er sei mit der Mutter die Allee links hinuntergegangen.
Vorlage S. 378
948
Indem die zusammengetretene Dienerschaft so mit einander verhandelte, hörten sie ein kurzes, wiederholtes, helles Angstgeschrei von der Seite her, wo sie Georg zuletzt gesehen hatten. Es war ein herzzerschneidender Ton, den das Echo über den See gellend zurückschallte. »Das Kind! das Kind!« sagten Alle voller Entsetzen, indem sie dem verzweifelnden Rufe folgten. Ehe sie gleichwohl die Stelle erreichen konnten, wo das Unglück geschehen war, hatte der Baron Wildenau, von bangem Vorgefühl getrieben, und in der Absicht, den verstörten, unstäten Tavanelli aufzusuchen, sich in den Garten begeben. Seine Entschlossenheit rettete den schönen Knaben. Er entriss ihn den Wellen, doch trug er ihn leblos ans Land.
Vorlage S. 380
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Indeß war der fürchterliche Schrei zu dem Vater gedrungen. »Georg!« sagten alle Stimmen der Seele zugleich in ihm. Er arbeitete sich wie ein Verzweifelnder nach dem Garten zurück. Ungeübt, mit dem Kahne zu fahren, erreicht er erst das Ufer, als dort schon ein Haufen Klagender und Schreiender durch einander rennt. Sprachlos vor Angst theilt er die Menge. Sein erster Blick begegnet der athemlos herbeistürzenden Mutter, die das bleiche Kind an sich reißt, es umschlingt, küsst, mit Entsetzen in die Höhe gegen das Licht hält, und da sie die Augen geschlossen sieht, kein Leben spürt, zu den Füßen ihres Mannes sinkt, mit der Hand krampfhaft nach Graf Hugo zeigt, und laut ruft: »Er und ich! –«
Vorlage S. 380
950
Sie vermochte nichts weiter hervor zu bringen. Die Zunge versagte ihr. Aber in Blick und Miene lag eine schwerere, eine zermalmende Anschuldigung.
Vorlage S. 381
951
Der Präsident blieb einen Augenblick wie eingewurzelt in dumpfer Erstarrung. Er mochte sein Geschick nicht fassen. Diese Stille, dies Verstummen tiefster Natur in dem Manne, der als Richter hier vor ihr stand, löste ihr ganzes Wesen in leidenschaftliche Verzweiflung auf. Sie klagte sich jetzt laut und fürchterlich an, bekannte ihre heiße Liebe für den Grafen, gesteht, dass, um ihn zu sehen, sie das Kind beredet, hier im Garten zu spielen, während sie die weite Strecke bis zur Tannenhäuserin in kurzer Zeit zurückzulegen gedachte; nannte sich im Aufruhr aller Sinne, des Knaben Mörderin, und flehte den strafenden Himmel nur um die erbarmende Gnade an, ihrem sündlichen Leben ein Ende zu machen.
Vorlage S. 381
952
Diese und noch wildere Klagen flogen in verwirrender Hast über ihre Lippen, ohne dass die Umstehenden es hindern konnten. Der Präsident starrte sie lange ungewiss an. Endlich, als falle das ganze Gewicht seines Elendes auf ihn nieder, zuckte er zusammen, und wandte sich rasch nach dem Grafen hin. Der Moment war entscheidend. Jener empfand sogleich, worauf es ankam. Er trat dem schwer Beleidigten mit wehmüthiger Ruhe entgegen, indem er leise sagte: »Sie haben keine Minute zu verlieren, um das Leben Ihres Kindes zu retten. Das ist jetzt das Nächste. Später wie und wann Sie wollen.«
Vorlage S. 382
953
Die Mahnung an Georgs Gefahr, die Furcht, ihn vielleicht schon verloren zu haben, drückte für einen Moment den aufflammenden Zorn in dem unglücklichen Vater nieder. Er flog auf den Kleinen zu, entriss ihn der Mutter, setzte alles in Bewegung, um Hülfe herbei zu holen. Er selbst ging und kam, klagte, schalt, trieb und drängte die geängstigte Dienerschaft hin und her, so dass diese es kaum wusste, als er, vielleicht in der Absicht, selbst ärztlichen Beistand zu suchen, unter den Umstehenden verschwand. Jedermann war so betäubt von dem Schreck, so vertieft in dem eifrigen Bemühen, den Tod von des Knaben Schläfen zu verscheuchen, dass selbst der nahe Knall zweier Schüsse bei Niemanden Sorge erweckte, und man sich erst besann, den Präsidenten vermisst zu haben, als dieser zurückkehrte.
Vorlage S. 382
954
»Es sind,« hub Baron Wildenau, nachdem er mir soviel mitgetheilt hatte, nach einer Pause wieder an. »Es sind hier dunkle Schattenstellen, die uns einen Theil des Zusammenhanges verhüllen. Lassen wir sie, ohne daran zu rühren. Die Zeit wird Alles aufklären.«
Vorlage S. 383
955
Wir standen beide noch eine Weile in Gedanken verloren, als wir, durch das Geräusch eines vorüberrollenden Wagens aufmerksam gemacht, uns umsahen. Auf das Höchste überrascht, erkannten wir die Equipage der Oberhofmeisterin. Die große Reisekutsche, die beiden, in dunkelroth und schwarz gekleideten Bedienten auf dem Bock. Es ließ sich nicht verkennen. »Mein Gott, Emma!« rief der Baron, beide Hände, wie von einem großen Schreck überwältigt, zusammenschlagend! »Was ist mit ihr?« fragte ich unruhig. »Die Mutter entführt sie gewaltsam,« entgegnete er. »Sehen Sie doch nur, ihr Wagen schlägt den Weg ein, welcher auf die große Straße führt. Sie kehrt nach der Heimat zurück. Wie würde sie das tun, begleitete sie die Tochter nicht. Nimmermehr würde sie solche jetzt zurücklassen.«
Vorlage S. 383
956
»Bei dem Gesundheitszustand der Gräfin?« warf ich ihm ein. »Eben deshalb!« versetzte der Baron. »Eben diese Schwäche giebt der entschlossenen Mutter volle Gewalt über sie.«
Vorlage S. 384
957
Aus der Ungewissheit zu kommen, eilte ich nach der Burg zurück, da mich länger keine Pflicht an das Lager des Kindes fesselte, und mich ohnehin hier nichts band. Ich fand den Comthur einsam in seinem Zimmer. Es war geschehen, wie es Baron Wildenau voraussagte. Die Betäubung der Gräfin, die Verwirrung im Hause, alles bot der Frau Oberhofmeisterin die Mittel zur schnellen, heimlichen Abreise. Wie sie die Tochter überrascht, wie sie sie überredet hat, ist noch ein Geheimnis. Zwei Zeilen an den Grafen sagen weiter nichts, als: »Wir verlassen die Burg! dass ein Dach uns nicht länger beschirmen kann, ist klar. Genießen Sie nun Ihre Freiheit, wie Sie können.«
Vorlage S. 384
958
Das Blatt fiel in des Oheims Hände. Er zögerte noch, es dem Neffen zuzustellen. Dieser lässt Niemand vor sich. Ich versuchte vergebens, zu ihm zu dringen.
Vorlage S. 384
959
Weiter wüsste ich dem treuen Bericht, in Bezug der unglücklichen Familienverwirrung beider verehrten Häuser, nichts hinzuzufügen.
Vorlage S. 385
960
Der Präsident hat einen langen Urlaub nachgesucht und erhalten. Seine Gemahlin verließ die Gegend. Sie soll zu einer fernen Verwandtin gegangen sein. Georg spielt mit den Kindern des Amtmanns. Er erzählt jedem, der es hören will, seinen Unfall, mit dem Zusatze: dass er sich aus Furcht vor dem Vater, der so laut und lärmend nach ihm gerufen, im Rohr versteckt, nachher aber nicht wieder an derselben Stelle ans Ufer hinauf gekonnt hätte, in der Angst ausgegleitet und ins Wasser gefallen sei.
Vorlage S. 385
961
Leider hat sein Unfall den Sturz zweier Häuser nach sich gezogen.
Vorlage S. 385

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

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Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Vorigen Sonnabend ging ich Nachmittags mit Georg den Weg nach der …«

Eine Antwort ist richtig.

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2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Doch […] müsse ich das Liebliche, wo es sich zeige.«

Eine Antwort ist richtig.

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3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Man lernt Andere dulden, weil man sich Vieles verzeihen muss.«

Eine Antwort ist richtig.

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4. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Man kommt auf […] Resultate im Umgange mit ihnen.«

Eine Antwort ist richtig.

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5. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Wir hätten es gewiss längst bemerkt, wären wir nicht so […] mit uns selbst beschäftigt gewesen.««

Eine Antwort ist richtig.

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6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Die gütige und geistreiche Dame, welche von der Natur mit den bewundrungswürdigsten Gaben beschenkt ward, zählt unter diesen, als eine der ersten, die liebenswürdigste Aufrichtigkeit.« B: »Laut weinend stand dieser am Grabe des Einzigen, der ihn so geliebt.« C: »Wie jener sich beschränkt, muss dieser sich über Vermögen anstrengen.«

Eine Antwort ist richtig.

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7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich empfand großen Eckel daran, und bat …«

Eine Antwort ist richtig.

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8. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Doch finden sich auch willige Hände, die unversehens …«

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9. Welcher Ausschnitt enthält ausdrücklich einen Grund oder eine daraus gezogene Folge? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

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Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Der redselige Walter hat nicht zuviel gesagt. Der erwartete Gast ist wirklich auf dem Schlosse des alten Comthur angekommen. Gestern, bei unserer Rückkehr von Ihnen, sahen wir, während das Schiffchen den Strom […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
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2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Es ist nicht allein die Trennung von Ihnen, die mich so abspannt; weit eher ist es Ihr Brief. Sie rollen in diesem ein Blatt Ihres Innern auf, und lassen mich gleichwohl nichts anders als den räthselhaften […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
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3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] noch Andere. »Es passte nicht!« sagte sie, und damit behielt jeder sein Recht.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] dem Labyrinth der Träume,« seufzte sie. »Der eine straft nur den andern Lügen, und Wahrheit –« »Ist der Stein der Weisen,« ergänzte Hugo, ihre Hand ergreifend, »wir suchen alle darnach, mein Kind! –« Sie schüttelte den Kopf. Nach einigen […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] ach! an den liebsten Menschen. Ich frage mich unzähligemal: was ich fürchte? für wen ich fürchte? Und wenn mir dann eine ängstigende Antwort nahe tritt, und ich sie nicht hören will, dann ist es, als sähe ich in ein unabsehbares Gewirre […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] der Sympathie der Freundschaft. Sie scheint mir gegründeter, als die der Liebe. Von dem was man so nennt, halte ich überall wenig. Das sind Selbsttäuschungen, mit denen der Mensch groß von sich selber tut, wenn er am kleinsten ist. In der […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Es ist nicht allein die Trennung von Ihnen, die mich so abspannt; weit eher ist es Ihr Brief. Sie rollen in diesem ein Blatt […]« und »Was ist ein Freund, wenn er den Klang der beengten Seele in einem stummen Luftzuge, ohne Echohall, zu uns zurückschickt?«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
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8. Am Abschnittsende steht: »Leider hat sein Unfall den Sturz zweier Häuser nach sich gezogen.« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
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9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Der redselige Walter hat nicht zuviel gesagt. Der erwartete Gast ist wirklich auf dem Schlosse des alten […]« / »Leider hat sein Unfall den Sturz zweier Häuser nach sich gezogen.«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
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Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Der redselige Walter hat nicht zuviel gesagt.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Man wies mich nach dem Thiergarten.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Leider hat sein Unfall den Sturz zweier Häuser nach sich gezogen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Resignation von Fouqué, Caroline de la Motte ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Resignation

Caroline de la Motte Fouqué: Resignation. Ein Roman. Theil 1–2, Teil 1, Frankfurt a.M.: Friedrich Wilmans, 1829. Fouqué, Caroline de la Motte 1- Frankfurt a.M.

Das Werk Resignation von Fouqué, Caroline de la Motte ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.