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Buch - Ourika - Duras, Claire de

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Deutsche Übersetzung · Lesefassung

Ourika

Duras, Claire de

Ourika wächst als aus Senegal nach Frankreich verschlepptes Kind in einem aristokratischen Haus auf. Ihre eigene Erzählung zeigt, wie rassistische Ausgrenzung und gesellschaftliche Erwartungen ihre Möglichkeiten zu leben und zu lieben bestimmen.

NovelleKlasse 11–136 Abschnitte
Historisches Bildnis von Claire de Duras
Historisches Bildnis von Claire de Duras — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Marie Marguerite Françoise Jaser, épouse Rouchier · Public domain Bildquelle ↗

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Deutsche Übersetzung: Stöber, Ehrenfried

Hinweise für den Unterricht
  • Der historische deutsche Titel und der unveränderte Quelltext enthalten rassistische Fremdbezeichnungen. Die Novelle eignet sich für eine ausdrücklich kritische Auseinandersetzung mit Rassismus und Kolonialgeschichte.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 4 von 6

Urika.

1
Urika.
Vorlage S. [13]
2
Jch wurde in einem Alter von zwei Jah-
ren, durch den Herrn Chevalier von B., aus
Senegal, wo derselbe Gouverneur war, mitge-
bracht. Er erbarmte sich meiner eines Tages,
als er Sclaven auf einem Negerfahrzeuge ein-
schiffen sah, welches bald den Hafen verlassen
sollte. Meine Mutter war todt, und man brachte
mich, ohngeachtet meines Schreiens, zu Schiffe.
Herr von B. kaufte mich, und bei seiner Ankunft
in Frankreich, übergab er mich der Marschallin
von B., seine Tante und die liebenswürdigste
Frau ihrer Zeit, welche die erhabensten Eigen-
schaften mit der rührendsten Güte zu verbinden
wusste.
Vorlage S. [13]
3
Mich aus der Sclaverei zu retten, mir Frau
von B. zur Wohlthäterin zu geben, hieß mir
zweimal das Leben schenken. Jch wurde undank-
bar gegen die Vorsehung, dass ich nicht glücklich
war; und doch, ist das Glück immer ein Erzeug-
niß der Gaben der Jntelligenz? — Jch möchte
vielmehr das Gegentheil glauben. Die Wohl-
that der Erkenntnis muss man mit dem Wunsche
bezahlen, unwissend geblieben zu sein, und die
Fabel sagt uns nicht, ob Galathe das Glück
fand, nachdem sie Leben empfangen hatte.
Vorlage S. 14
4
Jch erfuhr erst lange nachher die Geschichte
meiner ersten Jugendzeit. Meine entferntesten Er-
innerungen erstreckten sich nicht über das Zimmer
der Frau von B. hinaus. Dort brachte ich meine
Tage hin, geliebt von ihr, geschmeichelt und
verdorben durch alle ihre Freunde, mit Geschen-
ken überhäuft, gerühmt, und als das geistreichste
und liebenswürdigste Kind erhoben. Man hielt
in dieser Gesellschaft fest auf seinen Grundsätzen,
allein mit einer solchen Festigkeit, dass ihr gu-
ter Geschmack Alles auszuschließen wusste, was
einer Uebertreibung ähnlich sah. Man lobte,
was zu loben war, man entschuldigte Alles,
was Gelegenheit zum Tadel darbot, und oft,
mit liebenswürdiger Geschicklichkeit, wandelte
man selbst Fehler in gute Eigenschaften um.
Der Erfolg macht Muth. Man galt bei
Frau von B. alles, was man gelten konnte,
und vielleicht etwas mehr; denn sie legte, ohne
es selbst zu wissen, ihren Freunden ihre eignen
Eigenschaften bei. Wenn man sie hörte, wenn
man sie sah, glaubte man ihr ähnlich zu sein.
Vorlage S. 14
5
Jn morgenländische Tracht gekleidet, und zu
den Füßen der Frau von B. sitzend, hörte ich
ohne sie noch zu verstehen, die Unterredung der
ausgezeichnetesten Männer jener Zeit zu. Jch
hatte nichts von dem Ungestüme anderer Kinder;
ich war nachdenkend, ehe ich denken konnte; ich
war glücklich an der Seite der Frau von B.
Meine Wonne war es dort zu sein, sie zu
hören, ihr zu gehorchen, und mehr noch, sie an-
zublicken. Es konnte meine Verwunderung nicht
rege machen, mitten im Aufwand zu leben; nur
von den geistreichsten und liebenswürdigsten Men-
schen umgeben zu sein; ich kannte nichts Ande-
res. Allein, ohne es selbst zu wissen, fasste ich
eine große Geringschätzung für alles, was nicht
dem Kreise zugehörte, in welchem ich lebte.
Der gute Geschmack ist für den Geist das, was
für die Töne ein richtiges Gehör ist. Schon
als Kind war mir der Mangel an Geschmack
zuwider; ich fühlte ihn, ehe ich mir ihn erklären
konnte, und die Gewohnheit hatte mir ihn noth-
wendig gemacht. Diese Anlagen würden mir
gefährlich gewesen sein, wenn ich eine Aussicht
in die Zukunft gehabt hätte; allein für mich gab
es eine solche Zukunft nicht, und ich ahnete es
selbst nicht.
Vorlage S. 16
6
Jch erreichte ein Alter von zwölf Jahren

ohne nur die Jdee gehabt zu haben, dass man
auch anders glücklich sein könne, als ich es war.
Es that mir nicht leid, eine Schwarze zu sein;
man sagte mir, ich sei allerliebst; nichts ließ
mich hierin einen Nachteil sehen. Andere Kin-
der sah ich fast nicht; ein einziges war mein
Freund, und meine schwarze Farbe hinderte ihn
nicht, mich lieb zu haben.
Vorlage S. 17
7
Meine Wohlthäterin hatte zwei Enkel; sie
waren die Kinder einer frühe verstorbenen Toch-
ter. Karl, der jüngste, war beinahe gleichen
Alters mit mir. Mit mir auferzogen, war er
mein Vertheidiger, mein Rathgeber und mein
Helfer bei allen kleinen Versehen, die ich beging.
Mit sieben Jahren kam er ins Kolleg. Jch
weinte, als er uns verließ; dies war mein er-
ster Kummer. Jch dachte oft an Karln, allein ich
sah ihn fast nicht mehr. Er studierte, und ich
meiner Seits lernte, Frau von B. zu Gefallen,
alles, was zu einer vollkommnen Erziehung ge-
hört. Sie wollte, dass ich alle Talente besitzen
sollte. Jch hatte eine gute Stimme; die geschick-
testen Meister bildeten sie aus. Jch fand Ge-
schmack an der Malerei; ein berühmter Maler
und Freund der Frau von B. leitete meine
Versuche. Jch lernte Englisch, Französisch, und
Frau von B. bekümmerte sich selbst um meine
Lectüre. Sie leitete meinen Verstand, und bil-
dete meine Urtheilskraft aus. Wenn ich mit ihr
sprach, und den Reichthum ihrer Seele entdeckte,
fühlte ich die meinige sich erheben, und die Be-

wunderung eröffnete mir die Wege der Erkennt-
niß. Ach! ich ahnete es nicht, dass diese ange-
nehme Studien so bittere Tage zur Folge haben
würden. Jch gedachte nur Frau von B. zu ge-
fallen; ein beifälliges Lächeln auf ihren Lippen
war meine ganze Zukunft.
Vorlage S. 18
8
Jch las indessen immer mehr. Die Dichter
hauptsächlich sprachen meine jugendliche Einbil-
dungskraft an; allein ohne Zweck, ohne Plan
ließ ich meinen ausschweifenden Gedanken freien
Lauf, und mit dem der Jugend eigenen Selbst-
vertrauen sagte ich mir, dass Frau von B. mich
wohl glücklich zu machen wissen würde. Jhre Zärt-
lichkeit, das Leben, welches ich führte, selbst, al-
les hielt mich im Jrrthume hin, und entschuldigte
meine Verblendung. Jch will Jhnen ein Beispiel
der Sorgfalt und Auszeichnung anführen, deren
Gegenstand ich war.
Vorlage S. 20
9
Es wird Jhnen vielleicht, indem Sie mich jetzt
sehen, Mühe kosten zu glauben, dass ich wegen
der Schönheit meines Wuchses berühmt war.
Frau von B. rühmte oft, was sie Anmuth an
mir nannte, und ihren Wünschen gemäß, sollte
ich vollkommen tanzen lernen. Um mein Talent
recht glänzen lassen zu können, hatte meine Wohl-
thäterin einen Ball veranstaltet, zu welchem ihre
Enkel als Vorwand dienten, dessen eigentlicher
Zweck aber war, mich in einer Quadrille der
vier Welttheile, und worin ich Afrika vorstellen
sollte, mit Vorteil zeigen zu können. Man zog
Reisebeschreibungen zu Rath, man durchblätterte die
Bücher, welche über die Völkertrachten geschrieben
waren; man las gelehrte Werke über die Afri-
kanische Musik nach, und wählte endlich eine
Komba, welche ein Nationaltanz meines Landes
ist. Mein Tänzer nahm einen schwarzen Flor
vor das Gesicht; ich hatte es, ach! nicht nötig
einen vor das meinige zu nehmen; allein damals
kam mir eine solche Betrachtung nicht. Ganz
dem Vergnügen des Balles hingegeben, tanzte
ich die Komba, und mit so gutem Erfolg, als
man nur immer von der Neuheit des Schau-
spiels und der Wahl der Zuschauer erwarten
konnte, deren größter Theil, Freunde der Frau
von B., sich bis zur Begeisterung für mich hin-
gerissen fühlten, und ihr ein Vergnügen zu
machen glaubten, indem sie sich diesem Gefühle
mit aller Lebhaftigkeit hingaben. Der Tanz war
übrigens sehr anziehend. Er bestand aus einem
Wechsel schöner Stellungen und abgemessenen
Schritten; man stellte die Liebe, den Schmerz,
den Triumph und die Verzweiflung vor. Jch
kannte von diesen heftigen Bewegungen der
Seele noch keine; allein ich weiß nicht, welcher
Jnstinkt mich sie errathen ließ; genug, dass es
mir gelang. Man klatschte mir Beifall zu; man
umringte mich; nichts konnte damals noch die
Sicherheit beunruhigen, in welcher ich mich
wiegte. Es war einige Tage nach diesem Balle,
dass eine Unterredung, welcher ich zufällig zu-
hörte, mir die Augen öffnete und meiner Kind-
heit ein Ende machte.
Vorlage S. 21
10
Es befand sich im Ansprachzimmer der Frau
von B. eine große, lackirte spanische Wand.
Diese verdeckte eine Thüre, reichte aber auch bis
zu einem der Fenster, und zwischen der Wand
und dem Fenster stand ein Tisch, an welchem
ich bisweilen zeichnete. Jch hatte eines Tages
mit besonderer Aufmerksamkeit ein Miniaturge-
mälde vollendet. Jn meine Arbeit vertieft, war
ich lange unbeweglich geblieben, und Frau von
B. glaubte ohne Zweifel, dass ich hinaus gegan-
gen sei, als man eine ihrer Freundinnen, die
Marquise von *** ankündigte. Es war eine
Dame von kalter Vernunft, scharfem Verstande,
und bis zur Trockenheit zuverlässig.
Vorlage S. 23
11
Sie entwickelte denselben Charakter in ihren
freundschaftlichen Verhältnissen. Aufopferungen,
zum Wohl und zum Besten ihrer Freunde, koste-
ten sie nichts; allein sie ließ ihnen ihre große
Anhänglichkeit theuer zu stehen kommen. Alles
ausforschend und wunderlich, glich ihre Anma-
ßung ihrer Zuneigung, und sie war, unter den
Freundinnen der Frau von B., die minder lie-
benswürdigste.
Vorlage S. 24
12
Jch fürchtete sie, ob sie gleich gütig gegen mich
war; allein sie war es auf ihre Weise. Jemand
auszufragen, und selbst strenge auszufragen, war
bei ihr ein Zeichen des Antheils. Ach! ich war
so an das Wohlwollen verwöhnt, dass die Gerech-
tigkeit selbst mir immer nur fürchterlich vorkam.
Vorlage S. 25
13
„Während wir allein sind‟, sagte die Mar-
quise zur Frau von B., „will ich mit Jhnen
„von Urika sprechen. Sie wird reizend, ihr Ver-
„stand ist völlig ausgebildet. Sie spricht wie Sie;
„sie ist voller Talente, anziehend, natürlich; allein
„was soll aus ihr werden?‟ — „Ach!‟ sagte
Frau von B., „dieser Gedanke beschäftigt mich
„oft, und ich gestehe es Jhnen, immer mit Kum-
„mer. Jch liebe sie, als wenn sie meine Toch-
„ter wäre, und werde alles tun, um sie glück-
„lich zu machen, und dennoch wenn ich über ihre
„Lage nachdenke, so finde ich, dass solche ohne
„Rettung ist. Arme Urika! Jch sehe sie allein,
„ich sehe sie verlassen stehen, für ihr ganzes
„Leben.‟
Vorlage S. 25
14
Es wäre mir ohnmöglich, die Wirkung zu
schildern, welche diese wenigen Worte in mir
hervorbrachten. Schneller ist der Blitz nicht.
Jch sah alles; sah mich als Negerin, abhängig,
verschmäht, ohne Vermögen, ohne Stütze, ohne
ein Wesen meiner Art, an welches ich mein
Schicksal knüpfen könne; bis jetzt ein Spielzeug,
zur Unterhaltung meiner Wohlthäterin, bald aber
von einer Welt zurückgestoßen, für welche ich
nicht gemacht war.
Vorlage S. 26
15
Ein fürchterliches Herzklopfen befiel mich,
meine Augen verdunkelten sich, und die Schläge
meines Herzens machten mich einen Augenblick
unfähig, weiter zuzuhören. — Jch erholte mich
endlich so weit, dass ich den Verfolg des Ge-
sprächs hören konnte.
Vorlage S. 27
16
„Jch fürchte‟, sagte die Marquise, „dass Sie
„sie unglücklich machen. Wen wollen Sie, dass
„sie befriedigen soll, nachdem sie ihre Lebenstage
„in dem traulichen Vereine Jhrer Gesellschaft
„zugebracht hat?‟ — „Nun, sie mag darin blei-
„ben‟, sagte Frau von B. — „Ja‟, versetzte
die Marquise, „so lange sie noch ein Kind ist.
„Allein, sie ist fünfzehn Jahre alt; an wen wol-
„len Sie sie verheurathen, mit der Ausbildung
„und der Erziehung, welche Sie ihr gegeben
„haben? — Wer wird je eine Schwarze heura-
„then wollen? und wenn sich auch einer gegen
„Geld dazu verstünde, schwarze Kinder zu be-
„kommen, so könnte es nur ein gemeiner Mensch,
„ein Mensch in niedrigen Verhältnissen sein, mit
„welchem sie nur unglücklich sein würde. Sie
„kann nur solche haben wollen, welche ihrer nicht
„begehren.‟
Vorlage S. 27
17
„Dies ist alles wahr‟, sagte Frau von B.,
„allein noch ahnet sie es nicht, weil sie glücklich
„ist, und ich hoffe, dass die Anhänglichkeit, welche
„sie für mich hat, sie noch lange von der Beur-
„theilung ihrer Lage abhalten wird. Um sie
„glücklich zu wissen, hätte ich ein gemeines Weib
„aus ihr machen müssen. Jch glaube aufrichtig,
„dass dieses ohnmöglich war. Wohlan denn!
„vielleicht macht sie sich hinlänglich bemerklich,
„um sich über ihr Schicksal zu erheben, da sie
„nicht darunter bleiben konnte.‟
Vorlage S. 28
18
„Sie machen sich leere Hoffnungen‟, sagte
die Marquise, „die Philosophie erhebt uns über
„die Missgeschicke. Allein sie vermag nichts ge-
„gen diejenigen Uebel, welche aus Ueberschrei-
„tung der Ordnung entspringen, welche die Na-
„tur vorgeschrieben hat. Urika hat ihr Geschick
„nicht erfüllt. Sie hat sich ohne Erlaubnis in
„die Gesellschaft gedrängt; die Gesellschaft wird
„sich an ihr rächen.‟
Vorlage S. 29
19
„Sicher ist sie dann sehr unschuldig an die-
„sem Vergehen‟, sagte Frau von B.; „allein Sie
„sind strenge gegen dieses arme Kind.‟ —
Vorlage S. 30
20
„Jch meyne es besser mit ihr, als Sie‟, ver-
setzte die Marquise ***, „ich wünsche ihr Glück
„zu befördern, und Sie stürzen solche ins Ver-
„derben.‟
Vorlage S. 30
21
Frau von B. antwortete heftig, und ich sollte
eben die Veranlassung eines Streites zwischen
den beiden Freundinnen werden, als man einen
Besuch ankündigte. Jch schlich mich hinter der spa-
nischen Wand fort, und entwischte. Jch eilte nach
meinem Zimmer, wo eine Thränenfluth meinem ar-
men Herzen einen Augenblick Linderung gewährte.
Vorlage S. 30
22
Es war eine große Veränderung mit meinem
Leben vorgegangen, dass das Blendwerk, womit
ich bis jetzt umgeben gewesen, von meinen Augen
gefallen war. Es gibt Täuschungen, welche dem
Licht des Tages gleichen, wenn man sie verliert,
so verschwindet Alles mit ihnen.
Vorlage S. 31
23
Jn dem Gewirre der neuen Jdeen, welche
auf mich einstürmten, fand ich nichts mehr von al-
lem, was mich bisher beschäftigt hatte; es ein war
Abgrund mit all seinen Schrecken. Diese Verach-
tung, womit ich mich verfolgt sah; diese Gesell-
schaft, in welche ich nicht gehören sollte; dieser
Mensch, der vielleicht für Geld einwilligen würde,
schwarze Kinder zu bekommen; alle diese Gedan-
ken stiegen wie Gespenster hinter einander in mir
auf und klammerten sich wie Furien an mich
an; vorzüglich der, dieser Abgeschiedenheit, dieser
Ueberzeugung, dass ich allein stand in diesem
Leben, für immer allein; Frau von B. hatte es
gesagt, und jeden Augenblick wiederholte ich es
mir: allein! für immer allein! — Noch am vor-
herigen Tage, was lag mir daran, allein zu
sein? ich wusste es nicht; ich fühlte es nicht;
ich brauchte etwas, das ich liebte; ich dachte
nicht daran, dass das, was ich liebte meiner
nicht bedürfe. Aber nun waren mir die Augen
geöffnet, und das Unglück hatte schon das Miß-
trauen in meine Seele geworfen.
Vorlage S. 31
24
Als ich zur Frau von B. zurück kam, war
jedermann über meine Veränderung erstaunt.
Man frug mich. Jch sagte, dass ich krank sei,
und man glaubte mir. Frau von B. ließ Bar-
thes rufen, der mich sorgfältig ausforschte, mir
den Puls fühlte, und barsch äußerte; es fehle
mir nichts. Frau von B. beruhigte sich, und
versuchte, mich zu zerstreuen und zu unterhalten.
Jch wage es nicht zu gestehen, wie undankbar
ich gegen diese Aufmerksamkeit meiner Wohlthä-
terin war, mein Herz hatte sich gleichsam in sich
verschlossen.
Vorlage S. 32
25
Die Wohlthaten, welche zu empfangen ange-
nehm sind, sind diejenigen, welche das Herz zu
vergelten vermag. Das meinige war voll einer
zu bitteren Empfindung, um sich nach außen er-
gießen zu können. Eine Unendlichkeit verwand-
ter Jdeen beschäftigten mich immerwährend, sie
erzeugten sich unter tausend verschiedenen Formen
wieder. Meine Einbildungskraft lieh ihnen die

finstersten Farben. Jch brachte oft die ganze
Nacht mit weinen hin. Jch erschöpfte mein Mit-
leiden an mir selbst. Meine Gestalt flößte mir
Abscheu ein, und ich wagte es nicht, mich in
einem Spiegel zu beschauen. Wenn meine Augen
auf meine schwarzen Hände fielen, glaubte ich
diejenigen eines Affen zu sehen. Jch vergrößerte
meine Hässlichkeit, und diese Farbe erschien mir
als das Zeichen meiner Verworfenheit. Sie
war es, die mich von allen Wesen meiner Gat-
tung abschied, welche mich verdammte allein zu
sein; immer allein! nimmer geliebt! Ein Mensch
sollte sich vielleicht, für Geld, dazu verstehen,
schwarze Kinder zu bekommen! Mein Herz em-
pörte sich mit Unwillen bei diesem Gedanken.
Vorlage S. 33
26
Jch hatte einen Augenblick die Jdee, Frau
von B. darum zu bitten, mich in mein Vater-
land zurück zu schicken. Allein auch hier wäre
ich allein gewesen; wer würde mich gehört, wer
mich verstanden haben? Ach! ich gehörte ja nie-
manden an; ich war ein Fremdling für das
ganze menschliche Geschlecht.
Vorlage S. 34
27
Erst sehr spät nachher begriff ich die Mög-
lichkeit, mich in ein solches Schicksal zu ergeben.
Frau von B. war keine Betschwester. Jch ver-
dankte einem ehrwürdigen Geistlichen, welcher
mich zur ersten Communion vorbereitet hatte,
alle meine religiösen Gesinnungen. Sie waren
aufrichtig, wie mein ganzer Charakter; allein ich
wusste nicht, dass die Frömmigkeit, um frucht-
bringend zu sein, mit all unsern Handlungen
verwebt sein muss. Die meinige hatte mich nur

einige wenige Augenblicke des Tags beschäftiget,
allein allem Uebrigen war sie fremd geblieben.
Mein Beichtvater war ein heiliger, nicht sehr
argwöhnischer Greis. Jch sah ihn zwei oder
drei mal jährlich, und da ich mir nicht einbil-
dete, dass es ein Vergehen sei, sich zu grämen,
so sagte ich ihm von meinem Kummer nichts.
Vorlage S. 35
28
Nach und nach fühlte ich dessen nachtheilige
Einwirkung auf meine Gesundheit; allein, son-
derbar! meine Verstandeskräfte nahmen zu.
Ein Weiser des Orients sagte: „Wer nicht ge-
litten hat, was weiß er?‟
Vorlage S. 36
29
Jch sah ein, dass ich vor meinem Unglücke
nichts gewusst hatte. Die Eindrücke wurden in
mir zum Gefühle; ich urtheilte nicht, aber ich
liebte. Reden und Handlungen, wie Personen,
gefielen oder mißfielen meinem Herzen. Jetzt war
mein Verstand von diesen unwillkürlichen Ge-
müthsbewegungen getrennt. Der Kummer wirkt,
wie die Entfernung, er lässt uns die Gegenstände
im Zusammenhange beurtheilen. Seitdem ich
mich allem fremd fühlte, war ich schwieriger ge-
worden, und tadelnd untersuchte ich jetzt fast
alles, woran ich bisher Gefallen gefunden
hatte.
Vorlage S. 36
30
Diese Stimmung konnte der Frau von B.
nicht entgehen. Jch habe nie erfahren, ob sie
deren Ursache errieth. Sie fürchtete vielleicht
meinen Kummer zu vermehren, wenn sie mir er-
laubte ihn auszuschütten; allein sie erwieß mir
noch mehr Güte wie vorher. Sie sprach mit
gänzlicher Hingebung mit mir, und um mich in
meinen Sorgen zu zerstreuen, unterhielt sie mich
mit ihren eigenen.
Vorlage S. 37
31
Sie hatte mein Herz richtig beurtheilt; denn
nur die Jdee meiner Wohlthäterin notwendig,
oder wenigstens nützlich zu sein, konnte mich
wieder an das Leben knüpfen. Der Gedanke,
der mich am meisten verfolgte, war der: allein
auf dieser Welt zu stehen, und dass ich würde
sterben können, ohne jemandes Bedauern zu er-
regen. Jch war ungerecht gegen Frau von B.,
sie liebte mich, sie hatte es mir bewiesen; allein
sie hatte Jnteressen, welche mir bei weiten vor-
gingen. Jch beneidete die Zärtlichkeit nicht, die
sie für ihre Söhne, vorzüglich Karln, hatte, allein
ich hätte wünschen mögen, ebenfalls wie sie,
Mutter! zu ihr sagen zu können.
Vorlage S. 38
32
Familien-Verhältnisse machten überhaupt
schmerzliche Eindrücke auf mich, die ich nie, we-
der Schwester, noch Gattin, noch Mutter von
jemand sein sollte. Jch stellte mir diese Bande
vielleicht süßer vor, als sie es in der Wirklich-
keit sind, und vernachläßigte jene, die mir erlaubt
waren, blos weil ich erstere nicht erreichen
konnte.
Vorlage S. 39
33
Freundinnen hatte ich nicht; niemand besaß
mein Zutrauen. Was ich für Frau von B.
fühlte war vielmehr eine unbegrenzte Verehrung,
als Neigung, allein ich glaube, dass ich für Karln
alles empfand, was man für einen Bruder empfin-
den kann.
Vorlage S. 39
34
Er war noch auf der Schule, welche er bald
verlassen sollte, um seine Reisen zu beginnen.
Er reisete mit seinem ältesten Bruder und seinem
Hofmeister ab, und sie sollten Deutschland, Eng-
land und Jtalien sehen; ihre Abwesenheit aber
sollte zwei Jahre dauern.
Vorlage S. 39
35
Karl war über seine Abreise sehr erfreut,
und ich betrübte mich nur im letzten Scheidungs-
Momente, denn ich freute mich über das, was
ihm Vergnügen machte. Jch hatte ihm nichts
von den Jdeen geäußert, welche mich beschäftig-
ten. Jch sah ihn niemals allein, und ich hätte
geraume Zeit gebraucht, ihm die Ursachen meiner
Leiden zu erklären. Jch bin gewiss, dass er mich
damals verstanden hätte.
Vorlage S. 40
36
Allein bei einer sanften und ernsten Miene,
hatte er eine Anlage zur Spöttelei, welche mich
furchtsam machte. Jn Wahrheit übte er sie nur
gegen lächerliche Anmaßungen aus, alles Ernste
entwaffnete sie. Jch sagte ihm demnach nichts.
Seine Abreise war übrigens eine Zerstreuung
für mich, und ich glaube, dass es mir wohl that,
mich über einen andern, als meinen gewöhnlichen
Schmerz zu grämen.
Vorlage S. 40
37
Es war kurz nach der Abreise Karls, dass
die Revolution einen ernsteren Charakter annahm.
Jch hörte in dem Ansprachzimmer der Frau von
B. den ganzen Tag von nichts, als den großen
moralischen und politischen Jnteressen reden,
welche die Revolution bis in ihren Ursprung in
Bewegung setzte. Es handelte sich um das, was
die größten Geister aller Zeiten beschäftiget hatte.
Nichts war fähiger, meine Jdeen zu erweitern
und auszubilden, als das Schauspiel dieses Kampf-
platzes, wo die ausgezeichnetsten Männer jeden
Tag aufs Neue Fragen verhandelten, die man
bis dahin als entschieden betrachtet hatte. Sie
erschöpften alle Gegenstände, und stiegen bis
zum Ursprung aller Jnstitutionen hinauf, allein
nur zu oft um alles zu erschüttern, um alles zu
zerstören.
Vorlage S. 41
38
Werden Sie mir es wohl glauben, dass,
jung wie ich war, fremd allen Jnteressen der
Gesellschaft, und im Stillen meine geheime Wunde
nährend, die Revolution eine Veränderung in
meine Jdeen brachte, und einen Augenblick mich
meiner Leiden vergessen machte, indem sie mein
Herz mit einigen Hoffnungen erfüllte? So suchen
wir emsig, was uns zum Troste gereichen kann.
Es schwebte mir dunkel vor, dass ich in der
großen Unordnung meinen Platz finden könne; dass
wenn alle Reichen gestürzt, alle Stände in ein-
ander verschmolzen, alle Vorurtheile verschwun-
den seien, vielleicht ein Zustand der Dinge her-
beigeführt werden könne, in welchem ich weniger
fremd bliebe; und dass, wenn ich einige Ueber-
legenheit des Verstandes, oder irgend eine ver-
borgene Eigenschaft besäße, man sie zu schätzen
wissen würde, wenn meine Farbe mich nicht
mehr wie bisher mitten in der Gesellschaft ab-
sondere. Allein nur zu bald widerstrebten diese
Eigenschaften selbst, die ich an mir zu finden
hätte hoffen dürfen, der Täuschung, welcher ich
mich hingab; denn nicht lange konnte ich wünschen,
dass so viel Böses geschähe, meines kleinen per-
sönlichen Nutzens halber. Auf der andern Seite
sah ich das Lächerliche aller jener Menschen ein,
welche sich zu Herren der Begebenheiten aufwer-
fen wollten. Jch sah das Kleinliche ihres Cha-
rakters; ich errieth ihre geheimen Absichten; ihre
falsche Philantropie hörte auf mich zu täuschen,
und ich gab die Hoffnung auf, indem ich sah,
dass mitten unter so vielen Widerwärtigkeiten
für mich noch viel der Verachtung übrig blieb.
Jch nahm indessen noch immer den größten An-
theil an diesen lebhaften Erörterungen, allein sie
verloren bald das, was ihren größten Reiz aus-
machte.
Vorlage S. 42
39
Die Zeit war schon nicht mehr, wo man nur
zu gefallen wünschte, und wo die erste Bedin-
gung des Gelingens die war, die Triumphe der
Eigenliebe zu vergessen. Als die Revolution auf-
hörte eine schöne Theorie zu sein, und die in-
nigsten Jnteressen aller berührte, arteten die Ge-
spräche in Zänkereien aus, und Erbitterungen
und Persönlichkeiten nahmen die Stelle der Ver-
nunft ein. So traurig ich auch war, ergötzten
mich dennoch bisweilen alle diese heftigen Aus-
brüche, welche im Grunde fast nie etwas Ande-
res, als Anmaßungen, Verstellung, oder Furcht
waren. Allein die Fröhlichkeit, die in der Auf-
findung des Lächerlichen ihren Grund hat, tut
dem Herzen nicht wohl. Es liegt zu viel Bos-
heit in dieser Fröhlichkeit, um ein Herz erfreuen
zu können, das nur an unschuldigen Freuden
Gefallen findet. Man kann diese spöttelnde Fröh-
lichkeit besitzen, ohne dass man aufhört, unglück-
lich zu sein. Vielleicht macht uns das Unglück
hierzu noch aufgelegter, denn die Bitterkeit, wo-
von sich die Seele nährt, macht die gewöhnliche
Nahrung dieses traurigen Vergnügens aus.
Vorlage S. 44
40
Die so bald zerstörte Hoffnung, welche mir
die Revolution eingeflößt hatte, hatte meine Ge-
müthsstimmung nicht verändert. Jmmer mißver-
gnügt mit meinem Schicksale, wurden meine Lei-
den mir durch das Zutrauen und die Güte der
Frau von B. versüßt. Mitten unter diesen poli-
tischen Unterhaltungen, deren Heftigkeit sie nicht
Einhalt zu tun vermochte, sah sie mich biswei-
len traurig an. Dieser Blick war ein Balsam
für mein Herz; er schien mir zu sagen: Urika,
du allein verstehst mich!
Vorlage S. 46
41
Man fing an von der Befreiung der Neger-
sclaven zu reden. Es war ohnmöglich, dass mich
eine solche Frage nicht lebhaft berührte. Es
war eine Täuschung, der ich mich abermals so
gerne hingab; ich hatte doch wo meines Gleichen.
Sie waren unglücklich, darum hielt ich sie für
gut, und nahm an ihrem Schicksal Anteil.
Ach! ich wurde nur zu bald enttäuscht. Die
Metzeleien auf St. Domingo verursachten mir
einen neuen, heftigen Schmerz. Bis hierhin
hatte es mich gekränkt, einer geächteten Men-
schenklasse anzugehören; jetzt schämte ich mich
der Verwandtschaft mit einer Race von Barbaren
und Mördern.
Vorlage S. 46
42
Die Revolution machte indessen schnelle Fort-
schritte. Man war erschreckt, die heftigsten
Menschen sich aller Plätze bemächtigen zu sehen.
Bald schien es, dass diese Menschen entschlossen
seien, nichts mehr zu achten. Die fürchterlichen
Tage des 20. Junius und 10. Augusts mussten
auf alles vorbereiten. Was von der Gesellschaft
der Frau von B. übrig geblieben war, zerstreute
sich bei dieser Epoche. Die Einen flüchteten sich
vor den Verfolgungen in fremde Länder, die
Andern versteckten sich oder zogen sich in die
Provinz zurück. Frau von B. that weder das
Eine, noch das Andere. Sie war mit ihrem
Herzen beschäftiget, an ihre Heimat gekettet; sie
blieb theuren Erinnerungen getreu, in der Nähe
eines Grabmals.
Vorlage S. 47
43
Wir lebten seit einigen Monaten in der Ein-
samkeit, als gegen Ende des Jahres 1792 das
Dekret zur Einziehung der Emigranten-Güter er-
schien. Mitten in diesem allgemeinen Unglück
würde Frau von B. den Verlust ihres Vermö-
gens für nichts gezählt haben, hätte es nicht
ihren Enkeln angehört; allein vermöge einer
Familien-Uebereinkunft, hatte sie hiervon nur den
Nießbrauch. Sie entschloß sich also Karln, den
jüngsten der beiden Brüder, zurückkommen zu
lassen, und den ältesten, welcher ohngefähr zwan-
zig Jahre zählte, zur Condeischen Armee zu
schicken. Sie waren damals in Jtalien, die,
unter ganz verschiedenen Umständen, vor zwei
Jahren unternommene Reise zu vollenden. Karl
kam zu Anfang Februars 1793, kurz nach dem
Tode des Königs, nach Paris zurück.
Vorlage S. 48
44
Dieses große Verbrechen hatte der Frau von
B. den lebhaftesten Schmerz verursacht. Sie
überließ sich ihm ganz, und ihre Seele war stark

genug, das Abscheuliche dieser Frevelthat nach
seiner Unermeßlichkeit selbst zu beurtheilen.
Schwere Bekümmernisse haben an dem Alter
etwas Auffallendes; sie haben das Ansehen der
Vernunft für sich. Frau von B. litt mit aller
Heftigkeit ihrer Karakterstärke. Jhre Gesundheit
hatte gelitten; allein ich bildete mir nicht ein,
dass man versuchen könne, sie zu trösten, oder
selbst sie zu zerstreuen. Jch weinte; ich schloss
mich ihren Gesinnungen an; ich suchte meine
Seele zu erheben, um sie der ihrigen näher zu
bringen, und wenigstens eben so viel wie sie zu
leiden.
Vorlage S. 49
Historisches Bildnis von Claire de Duras
Kontextbild zum Werk. Historisches Bildnis von Claire de Duras — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Marie Marguerite Françoise Jaser, épouse Rouchier · Public domain Bildquelle ↗
45
Jch dachte, so lange die Schreckenszeit dauerte
fast nicht an meinen eigenen Kummer; ich würde
mich geschämt haben, mich in Gegenwart so
großer Missgeschicke unglücklich zu finden; ich
fühlte mich überdieß nicht mehr allein, seitdem
alles um mich her unglücklich war.
Vorlage S. 50
46
Die Meynung gleicht in diesem Stücke einem
Vaterlande; sie ist ein Gemeingut, dessen man
sich zusammen erfreut; man wird zum Bruder
um sie zu behaupten, oder zu vertheidigen. Jch
sagte mir bisweilen: dass ich, obgleich eine arme
Negerin, dennoch durch das Bedürfnis der Ge-
rechtigkeit, welches ich mit ihnen gemeinschaftlich
fühlte, an alle großen Seelen gemeinschaftlich
geknüpft sei; der Tag, an welchem die Tugend
und die Wahrheit triumphire, würde ein Tag
des Triumphs für mich und sie sein; allein ach!
dieser Tag war noch sehr ferne.
Vorlage S. 51
47
Sobald Karl angelangt war, reiste Frau von

B. aufs Land. Alle ihre Freunde hielten sich
damals entweder verborgen, oder hatten sich
geflüchtet. Jhre Gesellschaft war beinahe auf
einen alten Abbé beschränkt, den ich seit zehn
Jahre alle Tage die Religion bespötteln hörte,
und der jetzt zornig wurde, dass man die geist-
lichen Güter verkauft habe, weil er hierdurch zwan-
zig Tausend Livres Renten verlor. Dieser Abbé
ging mit uns nach St. Germain. Sein Umgang
war sanft, oder vielmehr ruhig; denn es lag in
seiner Ruhe gerade keine Sanftmuth; sie war
eher das Erzeugniß seiner Denkweise, als seines
Seelenfriedens.
Vorlage S. 51
48
Frau von B. war von jeher in der Lage
gewesen, viele Dienste zu erweisen. Jn freund-
schaftlichen Verhältnissen mit Herrn von Choiſeul,
vermochte sie, während dessen langen Ministe-
riums vielen Menschen nützlich zu werden. Zwei
dieser Menschen, die einflußreichsten in der
Schreckenszeit, waren Frau von B. Verbindlich-
keiten schuldig; sie erinnerten sich derselben und
waren erkenntlich. Sie stets im Auge behaltend,
ließen sie solche keiner Gefahr aussetzen; sie
wagten selbst einigemal ihr Leben, um das
ihrige von der Wuth der Revolutionsmänner zu
retten; denn man muss bemerken, dass in dieser
traurigen Periode selbst die heftigsten Partheihäup-
ter, ohne Gefahr für sie selbst, auch nicht ein wenig
Gutes ausüben konnten. Es schien, als wenn
auf dieser verheerten Erde man nur durch das
Uebel regieren könne; da es allein die Ge-
walt gab oder nahm. Frau von B. kam nicht
in’s Gefängnis; sie wurde unter dem Vorwande
mißlicher Gesundheitsumstände in ihrem Hause
bewacht. Karl, der Abbé und ich blieben um
sie, und widmeten ihr unsere ganze Sorgfalt.
Vorlage S. 52
49
Nichts vermag den Zustand der Angst und
des Schreckens der Tage zu schildern, die wir
damals zubrachten, wo wir jeden Abend in den
Tagblättern die Verurtheilung und Hinrichtung
der Freunde der Frau von B. lasen, und wo
wir jeden Augenblick zitterten, dass ihre Be-
schützer nicht die Gewalt gehabt hätten, sie vor
dem nämlichen Schicksale zu bewahren. Wir
erfuhren, dass sie wirklich nahe daran gewesen
war, umzukommen, als der Tod Robespierre’s
so vielen Gräueln ein Ende machte. Man ath-
mete wieder, die Wachen verließen das Haus
der Frau von B., und wir blieben, alle vier,
in der nämlichen Einsamkeit, so, wie man sich,
denk’ ich, nach großen Plagen wieder findet,
denen man mit einander entgangen ist. Man
hätte glauben sollen, alle Bande wären durch
das Unglück enger geknüpft worden; ich hatte
fühlen lernen, dass ich da wenigstens keine Fremde
war.
Vorlage S. 54
50
Wenn ich einige süße Augenblicke in meinem
Leben kennen gelernt habe, seitdem ich die Täu-
schung meiner Kindheit verlor; so ist es jener
Zeitraum, welcher auf diese verhängnißvollen
Tage folgte. Frau von B. besaß im höchsten
Grade, was den Reiz des häuslichen Lebens
ausmacht. Sie war nachsichtig und verträglich,
man durfte in ihrer Gegenwart alles äußern;
sie errieth, was man sagen wollte, was man
gesagt hatte. Nie erkältete eine strenge oder
falsche Auslegung das Zutrauen, die Gedanken
galten für das, was sie gelten sollten, man war
für nichts verantwortlich. Diese Eigenschaft der
Frau von B. hätte ihre Freunde schon beglückt,
wenn sie auch nur diese eine besessen hätte. Al-
lein wie viele andere Vorzüge besaß sie nicht
noch überdieß. Wenn man sich mit ihr unter-
hielt, fühlte man nie Leere oder Langeweile, al-
les diente ihr, die Unterhaltung zu beleben. Der
Anteil an geringfügigen Dingen, welcher bei
gemeinen Menschen zur Nichtswürdigkeit wird,
ist bei ausgezeichneten Personen die Quelle man-
nichfaltigen Vergnügens; denn es ist das Eigene
überlegener Köpfe, etwas aus nichts zu machen.
Die gewöhnlichste Jdee wurde fruchtbar, indem
sie durch den Mund der Frau von B. ging; ihr
Verstand wusste sie mit tausenderlei neuen Far-
ben auszuschmücken.
Vorlage S. 55
51
Karl hatte Charakterähnlichkeit mit Frau von
B., auch glich sein Verstand dem ihrigen, das
heißt, er war, was der ihrige gewesen sein
mochte, gerecht, entschlossen und ausgebreitet,
allein ohne Beschränkungen; die Jugend kennt
sie nicht. Für sie ist alles gut oder bös, wäh-
rend es die Klippe des Alters ist, nichts, weder
vollkommen gut, noch ganz schlecht zu finden.
Vorlage S. 57
52
Karl besaß die zwei schönen Leidenschaften
seines Alters, nämlich: Gerechtigkeit und Wahr-
haftigkeit. Jch habe gesagt, dass er selbst den
Schatten einer Verstellung vermied; er hatte den
Fehler, sie bisweilen da zu sehen, wo sie nicht
war. Gewöhnlich zurückhaltend, war sein Zu-
trauen schmeichelhaft; man sah, wer es gab;
dass es die Frucht seiner Hochschätzung war, und
nicht der Neigung seines Charakters. Was er
bewilligte, hatte Werth, denn fast nichts war
unwillkührlich bei ihm, und daher alles natür-
lich. Er hielt so viel auf mich, dass er nicht
Einen Gedanken hatte, den er mir nicht sogleich
mittheilte. Abends, wenn wir um einen Tisch
versammelt saßen, waren unsere Gespräche man-
nichfaltiger Art. Unser alter Abbé nahm dabei
seinen Platz ein. Er hatte sich ein so vollstän-
diges Gewebe falscher Jdeen gebildet, und be-
hauptete sie mit so vieler Treuherzigkeit, dass er
eine unerschöpfliche Quelle der Belustigung für
Frau von B. war, deren scharfsinniger, heller
Geist die Albernheiten des armen Abbe’s vor-
trefflich herauszuheben wusste, welcher nie dar-
über aufgebracht wurde. Jhr Witz brachte nem-
lich seiner Jdeen-Ordnung solche Querhiebe bei,
dass man sie den berühmten Säbelhieben des
Ritter Rolands oder denen von Charlemagne
vergleichen könnte.
Vorlage S. 57
53
Frau von B. war eine große Spaziergänge-
rin. Sie ging jeden Morgen nach dem Walde
von St. Germain, in Begleitung des Abbé’s,
der ihr den Arm lieh. Karl und ich folgten
ihr von weitem. Es war dann, dass er mit
mir von allem sprach, was ihn beschäftigte,
von seinen Plänen, seinen Hoffnungen, über-
haupt von Dingen, Menschen und Begeben-
heiten. Er verhehlte mir nichts, ohne nur daran
zu denken, dass er mir etwas anvertraue. Er
zählte auf mich schon seit so langer Zeit her,
dass ihm meine Freundschaft zur Gewohnheit ge-
worden war, wie das Leben; er genoss ihrer,
ohne es zu empfinden; er verlangte von mir we-
der Anteil, noch Aufmerksamkeit; denn er wusste
wohl, dass, wenn er mit mir von sich selbst sprach,
dies so gut war, als wenn er mit mir von mir
selbst gesprochen hätte, und dass ich mehr er war,
als er selbst. Der Reiz eines solchen Zutrauens
ersetzt alles; das Glück selbst.
Vorlage S. 59
54
Jch dachte nie daran, Karln etwas von dem
zu sagen, was mir so viele Leiden verursacht
hatte. Hätte er mich darum gefragt, so würde
er mich daran erinnert haben, dann hätte ich
ihm alles gesagt; aber er bildete sich nicht ein,
dass ich auch ein Geheimnis habe. Man war es
gewohnt mich leiden zu sehen, und Frau von B.
that so viel für mein Glück, dass sie glauben
konnte, ich sei glücklich. Jch hätte es sein sol-
len; ich sagte mir es oft; ich klagte mich der
Undankbarkeit oder der Thorheit an. Jch weiß
nicht, ob ich es gewagt haben würde zu geste-
hen, bis zu welchem Grade dieses unheilbare
Uebel, meine Farbe, mich unglücklich machte.
Vorlage S. 60
55
Es ist etwas Demüthigendes, wenn es einem
selbst widerstrebt, sich der Notwendigkeit zu un-
terwerfen; auch nehmen diese Schmerzen, wenn
sie sich der Seele bemächtigen, alle den Charak-
ter der Verzweiflung an.
Vorlage S. 61
56
Was mich auch bei Karln furchtsam machte,
war seine etwas strenge Jdeenrichtung. Das
Gespräch war eines Abends auf das Mitleiden
gerichtet worden, und man frug sich, ob der
Kummer mehr in seinem Resultate oder seiner
Ursache Anteil erwecke. Karl hatte sich für
die Ursache ausgesprochen; er glaubte also, dass
alle Schmerzen vernünftig seien. Allein wer
sagt uns, was die Vernunft ist? Jst sie die-
selbe für die ganze Welt? Haben alle Herzen
dasselbe Bedürfnis? und ist das Unglück nicht
eine Entbehrung desjenigen, wessen das Herz
bedarf? —
Vorlage S. 61
57
Selten jedoch führten unsre Abendunterhal-
tungen mich auf diese Weise zu Betrachtungen
über mich selbst zurück; ich trachtete so wenig
wie möglich daran zu denken. Jch hatte alle
Spiegel aus meinem Zimmer entfernt, ich trug
beständig Handschuhe; meine Kleider verbargen
meinen Hals und meine Aerme, und zum Aus-
gehen trug ich einen großen Hut mit einem
Schleier, welchen ich auch oft zu Hause nicht
ablegte. Ach! so betrog ich mich selbst; wie die
Kinder verschloss ich die Augen, und glaubte,
man sähe mich nicht.
Vorlage S. 62
58
Gegen das Ende des Jahres 1795 war die
Schreckenszeit vorüber, und man fing an, sich
wieder zu finden. Die Trümmer der Gesell-
schaft der Frau von B. vereinigten sich wieder
um sie. Mit Schmerzen sah ich den Kreis ihrer
Freunde sich erweitern. Meine Stellung in die-
ser Welt war so mißgriffen, dass, jemehr die
Gesellschaft in ihre natürliche Ordnung zurück-
kehrte, ich mich desto mehr daraus verstoßen fand.
So oft ich neue Personen bei Frau von B. ein-
treten sah, empfand ich eine neue Qual. Der
mit Verachtung gemischte Ausdruck des Erstau-
nens, welchen ich in ihrem Gesichte wahrnahm,
fing an mich zu beunruhigen. Jch ward sicher
bald der Gegenstand geheimen Flüsterns in den
Fensternischen; denn man musste sich es wohl
erklären lassen, wie eine Negerin dazu kam,
in die auserwählte Gesellschaft der Frau von
B. aufgenommen zu werden. Jch litt während
dieser Erklärung das Märtyrthum. Jch haͤtte in
mein barbarisches Vaterland zurück gebracht sein
mögen, mitten unter die Wilden, die es bewoh-
nen, und ich hätte sie minder gefürchtet, als die
Gesellschaft, welche grausam genug war, mich
für ein Uebel verantwortlich machen zu wollen,
wovon sie die alleinige Ursache war. Mehrere
Tage hindurch verfolgte mich immer die Erinne-
rung dieser höhnischen Gesichter; ich sah sie im
Traume; sie erschienen mir jeden Augenblick, sie
schwebten mir vor, wie mein eigenes Bild. Es
war, leider! eine von den Chimären, von denen
ich mich hinreißen ließ. Mein Gott! du hattest
mich noch nicht gelehrt, diese Fantome von mir
zu bannen; ich wusste noch nicht, dass ich meine
Ruhe nur in Dir suchen sollte.
Vorlage S. 63
59
Nur in dem Herzen Karl’s suchte ich jetzt
Trost. Jch war stolz auf seine Freundschaft,
ich war es noch mehr auf seine Tugenden. Jch
bewunderte ihn als das Vollkommenste, was ich
auf Erden kannte. Jch hatte ehemals geglaubt,

Karln als einen Bruder zu lieben; allein seitdem
ich litt, kam es mir vor, als ob ich gealtert
habe, und dass meine Liebe für ihn nur einer
Mutterliebe gliche. Wirklich konnte nur eine
Mutter dieses leidenschaftliche Verlangen empfin-
den, ihn glücklich zu wissen; denn ich würde
gerne mein Leben hingegeben haben, um ihm
einen Augenblick Kummers zu ersparen. Jch
sah lange vor ihm den Eindruck, den er auf
Andere hervorbrachte; er war zu glücklich, um
sich darum zu bekümmern. Dies ist ganz natür-
lich. Er hatte von ihnen nichts zu fürchten;
nichts konnte ihm diese beständige Unruhe ein-
flößen, die ich über die Gedanken anderer Men-
schen empfand. Alles harmonirte in seinem Schick-
sale, in dem meinigen war alles Mißstimmung.
Vorlage S. 65
60
Eines Morgens kam ein alter Freund von
Frau von B. Er war mit einem Heiraths-An-
trag für Karln beauftragt. Fräulein von The-
mines war auf eine grausame Weise eine reiche
Erbin geworden. Sie hatte an einem Tage ihre
ganze Familie auf dem Schaffote verloren; es
blieb ihr nur noch eine Großtante übrig, welche
eine Nonne gewesen war, und welche, da sie
Vormünderin des Fräuleins von Themines ge-
worden war, es für ihre Pflicht hielt, sie zu
verheirathen. Sie glaubte sich eilen zu müssen,
weil sie schon über die achtzig Jahre zählte, und
deshalb zu sterben, und ihre Nichte allein und
hülflos in der Welt zurück zu lassen fürchtete.
Fräulein von Themines vereinigte alle Vorzüge
der Geburt, des Vermögens und der Erziehung

in sich. Sie war sechszehn Jahre alt, und schön
wie der Tag. Es war gegen dieselbe nichts
einzuwenden.
Vorlage S. 67
61
Frau von B. besprach sich mit Karln dar-
über, welcher im Anfange erschrack, dass er sich
so frühe verheirathen sollte. Bald jedoch wünschte
er Fräulein von Themines zu sehen. Die Zu-
sammenkunft fand Statt, und von nun an war
er nicht mehr unentschlüssig. Anais von The-
mines besaß wirklich alles, was Karln gefallen
konnte. Sie war artig, ohne es zu wissen, und
von einer so ruhigen Bescheidenheit, dass man
sah, dass sie nur der Natürlichkeit diese herrliche
Tugend verdankte. Fräulein von Themines er-
laubte Karln sie zu besuchen, und bald wurde er
leidenschaftlich verliebt in sie. Er unterhielt
mich von den Fortschritten seiner Liebe. Jch
war ungeduldig diese schöne Anais zu sehen, die
Karls Glück machen sollte. Sie kam endlich
nach St. Germain. Karl hatte ihr von mir ge-
sprochen; ich hatte diese verächtlichen, forschen-
den Blicke von ihr nicht zu ertragen, welche mir
immer so wehe thaten; sie hatte vielmehr die
Miene eines Engels der Güte. Jch gelobte ihr,
dass sie mit Karln glücklich sein würde; ich be-
ruhigte sie über seine Jugend; ich sagte ihr, dass
er im ein und zwanzigsten Jahre die Vernunft
eines reiferen Alters besitze. Jch beantwortete
alle ihre Fragen, und sie that deren viele an
mich, weil sie wusste, dass ich Karln von Jugend
auf kannte. Auch war es mir so süß, Gutes
von ihm zu erzählen, dass ich nicht müde wurde,
von ihm zu sprechen.
Vorlage S. 68
62
Die Berichtigung der vorläufig hierzu nöthi-
gen Geschäfte verschob den Abschluss der Heirath
um einige Wochen. Karl fuhr fort Fräulein
Themines zu besuchen, und oft blieb er zwei
bis drei Tage hinter einander in Paris. Diese
Abwesenheit betrübte mich, und ich war unzu-
frieden mit mir selbst, da ich sah, dass ich mein
Glück demjenigen Karls vorzog; so zu lieben,
war ich nicht gewohnt. Die Tage, wo er zurück
kam, waren Festtage. Er erzählte mir, was ihn
beschäftiget habe, und wenn er in dem Herzen
seiner Anais neue Fortschritte gemacht hatte, so
freute ich mich darüber.
Vorlage S. 70
63
Eines Tages jedoch erzählte er mir von der
Weise, wie er leben wolle: „Jch werde,‟ sagte
er mir, „ihr ganzes Zutrauen zu verdienen
„suchen, so wie sie das meinige haben soll. Jch
„werde ihr nichts verhehlen, alle meine Gedan-
„ken soll sie wissen, alle Bewegungen meines
„Herzens kennen lernen; ich wünsche, dass zwi-
„schen ihr und mir ein Zutrauen herrsche, wie
„das unsrige, Urika!‟ Wie das unsrige? Die-
ses Wort that mir wehe; es erinnerte mich, dass
Karl um das einzige Geheimnis meines Lebens
nichts wusste, und er benahm mir die Lust, es
ihm anzuvertrauen.
Vorlage S. 70
64
Nach und nach dauerte Karls Abwesenheit
längere Zeit; er verweilte beinahe nur noch
wenige Augenblicke in St. Germain. Er kam
zu Pferde, um weniger Zeit unterwegs zuzubrin-
gen, und kehrte Nachmittags nach Paris zurück;
so, dass wir die Abende jetzt alle ohne ihn zu-
brachten. Frau von B. scherzte oft über seine
lange Abwesenheit; ich hätte gewünscht es eben
so machen zu können, wie sie.
Vorlage S. 71
65
Eines Tages gingen wir in dem Walde spazie-
ren. Karl war beinahe die ganze Woche abwe-
send gewesen. Jch gewahrte ihn plötzlich an
dem Ende der Allee, wo wir gingen; er kam zu
Pferde und sehr eilfertig. Als er uns erreichte,
stieg er ab und ging mit uns. Nach einigen
Minuten allgemeiner Unterhaltung, blieb er mit
mir zurück, und wir fingen an, uns zu unter-
halten wie sonst. Jch machte ihm die Bemer-
kung. „Wie sonst!‟ rief er, „ah! welch ein
„Unterschied! Hatte ich denn damals etwas zu
„sagen! Es scheint mir, als wenn ich seit zwei
„Monaten erst zu leben angefangen hätte. Urika!
„ich kann es nicht sagen, was ich für sie
„empfinde! Bisweilen glaube ich zu fühlen, dass
„meine Seele in der ihrigen verschmilzt. Wenn
„sie mich anblickt; so athme ich nicht mehr;
„wenn sie erröthet; so möchte ich mich zu ihren
„Füßen werfen und sie anbeten. Wenn ich dar-
„an denke, dass ich der Beschützer dieses Engels
„sein werde, dass sie mir ihr Leben, ihr Schick-
„sal anvertraut; dann bin ich stolz auf das mei-
„nige. Jch werde sie glücklich machen; ich werde
„ihr Vater und Mutter ersetzen, die sie verloren
„hat; aber auch Gatte und Liebhaber sein.
„Sie wird mir ihre ganze Liebe schenken, und
„ihr Herz sich in das meinige ergießen; wir
„werden nur ein Leben führen, und ich werde
„nicht zugeben, dass sie im Laufe unserer langen
„Jahre sage, sie habe eine Stunde mit mir
„verlebt, ohne sich glücklich zu fühlen. Welche
„Wonne, Urika! zu denken, dass sie die Mutter
„meiner Kinder werden wird, dass sie im Schooße
„meiner Anais ihr Leben empfangen werden!
„Sie werden mild, sie werden schön werden
„wie sie! Was that ich, o Gott! um ein solches
„Glück zu verdienen?‟
Vorlage S. 72
66
Ach! ich richtete zum Himmel in diesem Augen-
blicke eine Frage ganz entgegen gesetzter Art.
Diese leidenschaftlichen Worte weckten in einigen
Augenblicken unerklärbare Gefühle in mir. Guter
Gott! du bist Zeuge, dass ich mich in dem Glücke
Karl’s glücklich fühlte; allein warum hast du
der armen Urika das Leben gegeben? Warum
starb sie nicht auf dem Negerfahrzeuge, dem sie
entrissen wurde, oder auf dem Schooße ihrer
Mutter? Ein wenig Afrikanischer Sand hätte
sie bedeckt, und diese Last würde sehr leicht ge-
wesen sein. Was konnte der Welt daran liegen,
dass Urika lebte? Warum wurde sie zu leben
verurtheilt? Es war also darum, dass sie allein
leben sollte, immer allein, nimmer geliebt! O
mein Gott! gieb dies nicht zu. Nimm die arme
Urika von der Erde! Niemand bedarf ihrer;
steht sie nicht einsam in diesem Leben?
Vorlage S. 74
67
Dieser fürchterliche Gedanke ergriff mich jetzt
heftiger, wie nie noch zuvor. Jch wankte; ich
fiel auf meine Kniee; meine Augen schlossen sich,
und ich glaubte zu sterben.
Vorlage S. 75
68
Jndem sie diese Worte endigte, schien die
Beklemmung der armen Nonne zuzunehmen, ihre
Stimme wurde schwach, und einige Tränen
rollten über ihre verwelkten Wangen. Jch wollte
sie bitten, ihre Erzählung zu verschieben; sie wei-
gerte sich dessen. „Das ist nichts‟, sagte sie zu
mir; „der Kummer ist in meinem Herzen nicht
„mehr anhaltend; seine Wurzel ist abgeschnitten.
„Gott hat Mitleiden mit mir gehabt. Er hat
„mich dem Abgrunde entzogen, in welchen ich
„nur darum gefallen war, weil ich ihn nicht
„kannte und liebte. Vergessen Sie also nicht,
„dass ich glücklich bin, aber, ach!‟ fügte sie
hinzu, „damals war ich es nicht.‟
Vorlage S. 76
69
Bis zu dem Zeitraume, wovon ich Jhnen
sprach, hatte ich meine Leiden ertragen; sie hat-
ten meine Gesundheit geschwächt, allein ich hatte
eine Art Herrschaft über mich selbst behauptet.
Mein Kummer, wie der Wurm, der die Früchte
zernagt, hatte in meinem Herzen angefangen; in
meinem Jnnern trug ich den Keim der Zerstö-
rung, da äußerlich noch alles Leben schien. Die
Unterhaltung gefiel mir, eine Streitfrage belebte
mich; ich hatte selbst eine Art Fröhlichkeit bei-
behalten; aber die Freuden des Herzens waren
für mich verloren gegangen. Bis zu diesem Zeit-
raume also, wovon ich mit Jhnen sprach, war
ich stärker wie meine Leiden; jetzt fühlte ich, dass
meine Leiden die Oberhand über mich gewinnen
würden.
Vorlage S. 76
70
Karl brachte mich in seinen Armen bis nach
Hause; hier wurde mir alle Hülfe geleistet, und
ich kam wieder zu mir selbst. Als ich meine
Augen aufschlug, sah ich Frau von B. an der
Seite meines Bettes. Karl hielt meine Hand.
Sie hatten mich selbst bedient, und ich las in
ihrem Gesichte eine Mischung von Bangigkeit
und bis in das Jnnere gehendem Schmerze. Jch
fühlte das Leben wiederkehren; meine Tränen
flossen. Frau von B. trocknete mir sie sanft;
sie sagte mir nichts; sie that keine Fragen an
mich. Karl überhäufte mich damit. Jch weiß
nicht, was ich ihm antwortete; ich schrieb meinen
Zufall der Hitze, der Länge des Weges zu. Er
glaubte mir, und die Bitterkeit kehrte in mein
Herz zurück, da ich sah, dass er mir glaubte.
Meine Tränen trockneten sich. Jch sagte mir,
dass es leicht sei diejenigen zu täuschen, deren
Teilnahme anderswo gefesselt sei; ich zog meine
Hand zurück, die er noch hielt, und versuchte
ruhig zu sein.
Vorlage S. 77
71
Karl reisete, wie gewöhnlich, um fünf Uhr
ab; dies verwundete mich; ich hätte wünschen
mögen, dass er meinethalben unruhig gewesen
wäre; ich litt ja so viel. Er wäre dennoch ab-
gereiset, ich hätte ihn dazu gezwungen; allein,
ich würde mir gesagt haben, dass er das Glück
des Abends mir verdanke, und dieser Gedanke
hätte mich getröstet. Jch hütete mich wohl,
Karln diese Bewegung meines Herzens sehen zu
lassen. Zarte Gefühle haben eine Art Scham-
haftigkeit, sie bleiben unvollständig, wenn sie
nicht errathen werden. Man möchte sagen, man
kann sie nicht empfinden, als nur zu zwei.
Vorlage S. 79
72
Kaum war Karl abgereiset, als ich einen
heftigen Fieberanfall bekam, welcher die beiden
folgenden Tage immer zunahm. Frau von B. ver-
pflegte mich mit gewohnter Güte, sie war über
meine Lage und die Unmöglichkeit, mich nach
Paris bringen zu lassen, wohin sie Karls Hoch-
zeit des andern Tages zu gehen nöthigte, äußerst
bekümmert. Die Aerzte sagten der Frau von B.,
dass sie für mein Leben stünden, wenn sie mich
in St. Germain lasse. Sie entschloß sich hierzu,
und bezeugte mir bei ihrem Abschied eine solche
zärtliche Liebe, dass sie einen Augenblick mein
Herz beruhigte. Allein die gänzliche Abgeschie-
denheit, in welcher ich mich, nach ihrer Abreise,
zum erstenmal in meinem ganzen Leben befand,
versetzte mich in eine verzweifelte Stimmung.
Jch sah diejenige Lage sich verwirklichen, welche
mir meine Einbildungskraft so oft vorgemalt
hatte, weit von denen zu sterben, die ich liebte,
und deren Ohr nicht einmal mein trauriges
Stöhnen vernehmen würde. Ach! es würde ihre
Freude gestört haben. Jch sah sie, ferne der
sterbenden Urika, sich der Wonnetrunkenheit ihres
Glücks überlassen. Urika hatte in diesem Leben
niemand wie sie; aber sie hatten Urika nicht nö-
thig; niemand bedurfte ihrer. — Es ist dieses
fürchterliche Gefühl des Ueberflüssigseyns, wel-
ches das menschliche Herz am meisten zerreisset.
Es gab mir einen solchen Abscheu vor dem Le-
ben, dass ich aufrichtig wünschte, an der Krank-
heit, an welcher ich darnieder lag, zu sterben.
Jch sprach nicht, ich gab fast kein Lebenszeichen

von mir, nur der einzige Gedanke schwebte mir
klar vor: ich will sterben.
Vorlage S. 80
73
Jn andern Momenten war ich bewegter, ich
erinnerte mich dann aller Worte jener letzten
Unterhaltung, die ich mit Karln in dem Walde
gehabt hatte; ich sah ihn, in dem Meer dieser
Wonne schwimmend, die er mir geschildert hatte,
während ich verlassen starb; einsam in dem Tode,
wie in dem Leben. Diese Jdee war mir pein-
licher wie die Schmerzen, welche ich erduldete.
Jch erschuf mir eitle Träumereien, um diesem
neuen Gefühle zu entsprechen. Jch stellte mir
Karln vor, nach St. Germain zurückkommend.
Man sagte ihm: sie ist todt. Werden sie es
glauben, dass ich mich seines Schmerzes freute?
Derselbe rächte mich, und wofür? großer Gott!
dafür, dass er der schützende Engel meines Le-
bens gewesen war? Dieses grausame Gefühl
flößte mir bald Abscheu ein. Meine Jdeen nah-
men hiernach eine andere Richtung; ich versuchte
mich zu überwinden, in mir die Stärke zu fin-
den, die Gefühle zu bekämpfen, welche mich be-
wegten; allein ich suchte diese Stärke nicht, wo
sie zu finden war. Jch schämte mich meiner Un-
dankbarkeit. Jch werde sterben, sagte ich mir,
ich will sterben; allein ich werde nicht dulden,
dass gehässige Leidenschaften sich meinem Herzen
nähern. Urika ist ein enterbtes Kind; allein die
Unschuld bleibt ihr noch, sie soll nicht durch Un-
dankbarkeit in mir entweihet werden. Jch werde
über die Erde wandeln, gleich einem Schatten-
bild; allein im Grabe wird mir Friede werden.

O, Gott! sie genießen schon der Seligkeit;
wohlan, so gib ihnen auch noch Urika’s Anteil,
und lass mich hinsterben wie ein Blatt, das in
dem Herbste dahin sinkt. Habe ich denn nicht
genug gelitten? —
Vorlage S. 82
74
Jch genas nur vor dieser Krankheit, welche
mein Leben in Gefahr gesetzt hatte, um in einen
Zustand von Siechthum zu fallen, woran der
Kummer großen Anteil hatte. Frau von B.
ließ sich, nach Karls Hochzeit, in St. Germain
nieder. Er kam oft in Begleitung von Anais
dahin, niemals ohne sie. Jch litt immer mehr,
wenn sie da waren. Jch weiß nicht, ob das
Bild ihrer Glückseligkeit mir mein eigenes Unglück
fühlbarer machte, oder ob die Gegenwart Karls
das Andenken unserer alten Freundschaft erneuerte.
Jch suchte ihn bisweilen wieder zu finden, aber
ich erkannte ihn nicht mehr. Dennoch sagte er mir
ohngefähr alles, was er mir sonst gesagt hatte;
allein seine jetzige Freundschaft glich der vergan-
genen, wie die künstliche Blume der natürlichen
gleicht. Sie ist dasselbe, das Leben und den
Wohlgeruch ausgenommen.
Vorlage S. 84
75
Karl schrieb der Zerrüttung meiner Gesund-
heit die Veränderung in meinem Charakter zu.
Jch glaube, dass Frau von B. meinen traurigen
Gemüthszustand besser beurtheilte, dass sie errieth,
was mich insgeheim quälte, und darüber lebhaft
bekümmert war; allein die Zeit war vorbei, wo
ich andere tröstete; ich hatte mit niemand mehr
Mitleiden, als mit mir selbst.
Vorlage S. 85
76
Anais wurde schwanger und wir kehrten nach
Paris zurück. Meine Traurigkeit nahm mit je-
dem Tage zu. Dieses innere so friedliche Glück;
diese süßen Familienbande; diese Liebe in Un-
schuld, immer eben so zärtlich wie leidenschaft-
lich, welches Schauspiel für eine Unglückliche,
die bestimmt war, ihr trauriges Leben in der
Abgeschiedenheit hinzubringen, zu sterben ohne
geliebt worden zu sein, ohne andere Bande ken-
nen gelernt zu haben, als diejenigen der Abhän-
gigkeit und des Mitleidens. Die Tage, die
Monate flossen so dahin; ich nahm an keiner
Unterhaltung Theil; ich hatte die Ausübung al-
ler meiner Talente aufgegeben; wenn ich ja eine
Lectüre leiden mochte: so war es eine solche,
worin ich das unvollkommene Gemälde der Lei-
den wieder zu finden glaubte, welche an mir
nagten. Jch bereitete mir ein neues Gift dar-
aus; ich berauschte mich in meinen Tränen,
und überließ mich, einsam auf meinem Zimmer,
ganze Stunden lang meinem Schmerz.
Vorlage S. 85
77
Die Geburt eines Sohnes setzte Karls Glücke
die Krone auf; er eilte, mich davon zu benach-
richtigen, und in dem Rausche seiner Freude er-
kannte ich einige Anklänge der alten Vertraulichkeit.
O! wie weh sie mir thaten! Ach! es war die
Stimme des Freundes, den ich verloren hatte,
und alle Erinnerungen der Vergangenheit kehr-
ten mit dieser Stimme zurück, um aufs Neue
meine Wunde aufzureissen.
Vorlage S. 87
78
Karls Kind war schön wie Anais; das Ge-
mälde dieser jungen Mutter mit ihrem Sohne
rührte jedermann; ich allein war durch mein
sonderbares Schicksal verdammt, es mit Bitter-
keit zu betrachten. Mein Herz verschlang dieses
Bild einer Glückseligkeit, die ich nie kennen ler-
nen sollte, und der Neid nagte wie ein Geier
an meinem Jnnern. Was hatte ich denen ge-
than, welche mich zu retten glaubten, indem sie
mich in dieses Land der Verbannung führten?
Warum ließ man mich meinem Schicksale nicht
folgen? Nun wohl! ich würde vielleicht die Ne-
gersclavin irgend eines reichen Kolonisten gewor-
den sein; von der Sonne verbrannt, baute ich
das Land eines Andern: allein ich würde meine
kleine Hütte haben, um mich am Abende darin
zu bergen; ich würde einen Gefährten meines
Lebens, ich würde Kinder meiner Farbe haben,
welche mir: Mutter! zuriefen; ohne Abscheu wür-
den sie ihren kleinen Mund auf meine Stirne
drücken; ihr Kopf würde an meinem Busen ru-
hen, und sie würden in meinen Armen einschlum-
mern! — Was that ich, um verdammt zu wer-
den, nie jener süßen Bande mich zu erfreuen,
für welche allein mein Herz geschaffen ist! O
mein Gott! nimm mich von dieser Welt; ich
fühle, dass ich das Leben nicht mehr ertragen
kann.
Vorlage S. 87
79
Jn mein Zimmer hingeknieet, richtete ich die-
ses gottlose Gebet zu dem Schöpfer, als ich
meine Thüre öffnen hörte. Es war die Freun-
din der Frau von B., die Marquise von ***,
welche seit Kurzem aus England zurück gekom-
men war, wo sie mehrere Jahre zugebracht hatte.
Jch sah sie mit Schrecken bei mir; ihr Anblick
erinnerte mich beständig, dass sie mir zuerst mein
Schicksal verkündet hatte; dass sie es war, die
mir zuerst die Leidensquelle öffnete, aus welcher
ich bisher so reichlich geschöpft hatte. Seit sie
in Paris war, erregte mir ihr Anblick nur schmerz-
liche Gefühle.
Vorlage S. 89
80
„Jch komme Sie zu besuchen und Sie zu
„sprechen, meine liebe Urika!‟ sagte sie zu mir.
„Sie wissen, wie sehr ich Sie seit Jhrer Kind-
„heit her liebe, und ich kann ohne wahrhaften
„Kummer die Schwermuth nicht sehen, in welche
„Sie sich versenken. Jst es möglich, dass Sie,
„mit einem Verstande wie der Jhrige, keine bes-
„sere Parthie aus Jhrer Lage zu ziehen wissen?‟ —
„Der Verstand, Madam!‟ antwortete ich, „dient
„meist nur dazu, die wahren Uebel zu vermeh-
„ren; er lässt sie uns unter ihren mannichfalti-
„gen Gestalten sehen!‟ — „Allein‟, erwiederte
sie, „wenn das Uebel unheilbar ist, ist es dann
„keine Thorheit, uns nicht darein zu fügen und
„gegen die Notwendigkeit ankämpfen zu wollen?
„denn wir sind doch die Stärkeren nicht.‟ —
„Das ist wahr‟, sagte ich, „allein es scheint mir,
„dass in diesem Falle die Notwendigkeit ein
„Uebel mehr ist.‟ — „Sie werden aber doch zu-
„geben, Urika! dass uns alsdann die Vernunft
„räth zu verzichten und uns zu zerstreuen.‟ —
„Ja, Madam! allein um sich zu zerstreuen, muss
„man sonstwo eine Hoffnung erblicken.‟ — „Sie
„könnten wenigstens versuchen, Beschäftigungen
„Geschmack abzugewinnen, um Jhre Zeit auszu-
„füllen.‟ — „Der Geschmack, Madam! den man
„der Beschäftigung erst abgewinnen muss, ist
„eine Anstrengung und kein Vergnügen.‟ —
„Aber‟, sagte sie weiter, „Sie besitzen viele Ta-
„lente.‟ — „Wenn die Talente eine Hülfsquelle
„werden sollen‟, antwortete ich ihr; „so muss man
„sich einen gewissen Zweck vorsetzen; meine Ta-
„lente würden der Blume des englischen Dich-
„ters gleichen, welche ihren Wohlgeruch in die
„Wüste ausduftet.‟ Born to blush unseen
And wast its sweetness to the desert air.
Gray. — „Sie vergessen Jhre
„Freunde, die Sie damit erfreuen könnten.‟ —
„Jch habe keine Freunde, Madam! ich habe nur
„Beschützer, und das macht einen Unterschied.‟ —
„Urika!‟ sagte sie, „Sie machen sich sehr un-
„glücklich, und unnützer Weise.‟ — „Jn meinem
„Leben ist alles unnütze, selbst mein Schmerz.‟ —
„Wie können Sie ein so bitteres Wort aus-
„sprechen, Urika! Sie, die Sie sich so hinge-
„bend bezeigten, als Sie, während der Schrek-
„kenszeit, allein bei Frau von B. blieben?‟ —
„Ach, Madam! ich bin wie jene böse Genien,
„die nur zur Zeit des Unglücks Gewalt haben,
„und die das Glück vertreibt.‟ — „Vertrauen
„Sie mir Jhr Geheimnis, theure Urika! öffnen
„Sie mir Jhr Herz; denn niemand nimmt an
„Jhnen einen größern Anteil als ich, und viel-
„leicht kann ich Gutes für sie wirken.‟ — „Jch
„habe kein Geheimnis, Madam!‟ antwortete ich
ihr, „meine Lage und meine Farbe sind mein
„einziges Unglück, wie Sie wissen.‟ — „Weg
„damit‟, erwiederte sie, „können Sie es läugnen,
„dass Sie in dem Jnnersten Jhrer Seele einen
„schweren Kummer bergen? Man darf Sie nur
„sehen, um sich hiervon zu überzeugen.‟ Jch
bestand darauf, ihr zu wiederholen, was ich
schon gesagt hatte. Sie wurde ungeduldig und
hob ihre Stimme. Jch sah, dass das Wetter
losbrechen sollte. „Jst das Jhre Wahrhaftig-
„keit?‟ sagte sie, „jene Aufrichtigkeit, worum
„man Sie so gerühmt hat? Urika! nehmen Sie
„sich in Acht; die Zurückhaltung führt bisweilen
„zur Falschheit.‟ — „Nun, was könnte ich Jh-
„nen anvertrauen‟, sagte ich zu ihr, „Jhnen
„hauptsächlich, die Sie schon so lange voraus-
„gesehen haben, welches Unglück aus meiner
„Lage entspringen würde? Jhnen am wenigsten
„habe ich etwas Neues hierüber zu sagen.‟ —
„Das werden Sie mich niemals glauben machen‟,
erwiederte sie; „da Sie mir aber Jhr Zutrauen
„versagen, und versichern, Sie hätten kein Ge-
„heimniß, wohlan denn, Urika! so nehme ich es
„über mich, Jhnen zu sagen, dass Sie eins ha-
„ben. Ja, Urika! all Jhr Gram, all Jhre
„Schmerzen rühren nur von einer unglücklichen
„Leidenschaft her, einer thörichten Leidenschaft,
„und wenn Sie nicht in Karln auf ein tolle
„Weise verliebt wären; so würden Sie sich wohl
„darin zu finden wissen, eine Negerin geworden
„zu sein. Leben Sie wohl, Urika! ich gehe,
„und ich erkläre Jhnen, mit weit minderer Theil-
„nahme, als ich für Sie mitbrachte.‟ Bei die-
sen Worten verließ sie das Zimmer. Jch war
vernichtet. Was hatte sie mir entdeckt! Wel-
ches fürchterliche Licht hatte sie über den Ab-
grund meiner Leiden geworfen. Großer Gott!
es war wie das Licht, welches einmal in die
Tiefe der Hölle drang, um ihren unglücklichen
Bewohnern die Finsterniß desto fühlbarer zu ma-
chen. Wie! Jch hegte eine verbrecherische Lei-
denschaft! Sie war es, die bisher an meinem
Herzen genagt hatte! Dieses Verlangen, einen
Platz in der Kette der Wesen einzunehmen, die-
ses Bedürfnis der Bande der Natur, dieser
Schmerz des Alleinseyns war nur der Gram
einer frevelhaften Liebe gewesen! und wenn ich
das Vorbild des Glücks zu beneiden glaubte; so
war es das Glück selbst, welches der Gegenstand
meiner gottlosen Wünsche gewesen war! Allein
was that ich denn, dass man mich von dieser
hoffnungslosen Leidenschaft befallen glauben
konnte? Jst es denn ohnmöglich etwas mehr,
als sein Leben in Unschuld zu lieben? Welche
Gefühle sind es denn, die jene Mutter beseelten,
welche sich dem Löwen in den Rachen stürzte, um
ihren Sohn zu retten? Diese Geschwister, welche
mit einander auf dem Schaffot zu sterben wünsch-
ten, und zu Gott beteten, ehe sie es bestiegen;
hatte eine frevelhafte Liebe sie vereiniget? Er-
zeugt die Menschlichkeit nicht täglich erhabene
Beispiele der Hingebung? Warum konnte ich
Karln, den Gespielen meiner Kindheit, nicht
ebenso lieben? und dennoch weiß ich nicht,
welche Stimme mir aus dem Jnnern zuruft,
dass man Recht hat, und dass ich schuldig bin.

Großer Gott! so will ich denn auch die Gewis-
sensbisse in mein trostloses Herz aufnehmen!
Urika soll den Kelch aller Bitterkeiten trinken,
alle Leiden schmecken! Wie! meine Tränen soll-
ten in Zukunft verbrecherisch sein? es wäre mir
verboten an ihn zu denken? wie! ich sollte es
nicht mehr wagen dürfen, mich zu härmen?
Vorlage S. 90
81
Diese grausamen Betrachtungen warfen mich
in einen, dem Tode ähnlichen, Zustand. Dieselbe
Nacht bekam ich das Fieber, und in weniger
als drei Tagen verzweifelte man an meinem Le-
ben. Der Arzt erklärte, dass man keinen Augen-
blick Zeit zu verlieren habe, wenn ich die heili-
gen Sakramente empfangen sollte. Man schickte
nach meinem Beichtiger, er war seit wenigen Ta-
gen todt. Frau von B. ließ also einen Geist-
lichen der Pfarre rufen. Er kam und gab mir
die letzte Ölung, denn ich befand mich außer
Stand, das Viaticum zu empfangen; ich lag
ohne Bewußtseyn, und man erwartete meinen
Tod jeden Augenblick. Ohne Zweifel hatte Gott
damals Erbarmen mit mir; er erhielt mir das
Leben; gegen alle Erwartung dauerten meine
Kräfte aus. Jch litt auf diese Weise ohngefähr
vierzehn Tage; wornach ich meine Besinnung
wieder erhielt.
Vorlage S. 98
82
Frau von B. verließ mich nicht, und Karl
schien seine ehemalige Liebe gegen mich wieder
gefunden zu haben. Der Geistliche fuhr fort,
mich jeden Tag zu besuchen, denn er wollte den
ersten Augenblick benutzen, mich Beichte zu hören.
Jch verlangte es selbst. Jch weiß nicht, welche

innere Bewegung mich zu Gott hintrieb und
mir es zum Bedürfnisse machte, mich in seine
Arme zu werfen und dort Ruhe zu suchen. Der
Priester hörte das Geständniß meiner Vergehen;
er wurde nicht erschreckt über den Zustand meiner
Seele. Er kannte, gleich einem alten Steuer-
manne, alle Stürme. Er fing damit an, mich
über diese Leidenschaft zu trösten, worüber man
mich anklagte. „Jhr Herz,‟ sagte er mir, „ist
„rein, Sie haben sich selbst nur wehe getan,
„allein Sie sind darum nicht weniger strafbar.
„Gott wird Jhnen von dem Glück Rechenschaft
„abfordern, das er Jhnen anvertraut hatte.
„Was haben Sie damit getan? Dieses Glück
„lag in Jhren Händen, denn es besteht in der
„Erfüllung unserer Pflichten. Haben Sie sie
„auch nur gekannt? Gott ist des Menschen
„Endzweck; was war der Jhrige? Verlieren
„Sie aber den Muth nicht; bitten Sie Gott,
„welcher gegenwärtig ist, dass er Sie in seine
„Arme aufnimmt; für ihn giebt es weder schwarze
„noch weiße Menschen; vor seinen Augen sind alle
„Herzen gleich, und das Jhrige verdient seiner
„würdig zu werden.‟ Auf diese Weise war es,
dass der ehrwürdige Geistliche der armen Urika
Muth einsprach. Diese schlichten Worte gossen
in meine Seele, ich weiß nicht, welchen Frieden,
wie ich ihn nie noch gekannt hatte. Jch dachte
anhaltend darüber nach, und wie aus einer
fruchtbaren Ader, gingen mir immer neue Betrach-
tungen daraus hervor. Jch sah in Wahrheit,
dass ich meine Pflichten nicht gekannt hatte;
Gott hat deren den Einsamen, wie jenen Men-
schen vorgeschrieben, welche in der großen Welt
leben. Wenn er ihnen die Bande des Blutes
versagte, so hat er ihnen die ganze Menschheit
zur Familie gegeben. Die barmherzige Schwe-
ster, sagte ich mir, ist nicht allein in diesem
Leben, ob sie gleich allem entsagt hat; sie hat
sich eine Familie ihrer Wahl geschaffen; sie ist
die Mutter aller Waisen, die Tochter aller armen
Greise, die Schwester aller Unglücklichen. —
Haben Weltmänner nicht oft eine freiwillige
Einsamkeit gewählt? Sie wollten allein sein
mit Gott; sie verzichteten auf alle Vergnügungen,
um in der Einsamkeit die reine Quelle alles
Guten und alles Glücks anzubeten; sie arbeiteten
in ihren geheimen Gedanken daran, ihre Seele
würdig zu machen, vor dem Herrn erscheinen zu
können. Für dich, o Gott! ist es schön sein
Herz so zu veredeln und mit allen dir wohl-
gefälligen Tugenden, wie zu einem Festtage aus-
zuschmücken. Ach! was habe ich getan? —
Ein unbesonnenes Spielzeug der eigenwilligen
Bewegungen meines Herzens, war ich den Freu-
den der Welt nachgejagt, und hatte darüber mein
Glück vergessen. Allein es ist noch nicht zu spät.
Gott, der mich in dieses fremde Land führte,
wollte vielleicht mich für ihn bestimmen. Er
entzog mich der Erniedrigung der Sclaverei,
und ließ mich sein Gebot kennen. Dieses Gebot
zeichnet mir alle meine Pflichten vor; es bezeich-
net mir den Weg, den ich gehen soll. Jch werde
deine Wohlthaten nicht mehr dazu missbrauchen,
um dich, o Gott! zu beleidigen, ich werde dich
nicht mehr meiner eigenen Vergehungen wegen
anklagen.
Vorlage S. 99
83
Dieser neue Gesichtspunkt, unter dem ich
meine Lage betrachtete, brachte in mein Herz
bald Beruhigung zurück. Jch wunderte mich des
Friedens, der auf so viele Stürme folgte. Man
hatte dem Strom einen Ausweg verschafft, wel-
cher sein Ufer verwüstete, und der jetzt seine
besänftigte Wogen in das ruhige Meer trug.
Vorlage S. 104
84
Jch entschloß mich eine Nonne zu werden.
Jch sprach mit Frau von B. davon. Sie be-
trübte sich darüber, aber sie sagte mir: „Jch
„that Dir so viel Böses, indem ich Dir Gutes
„tun wollte, dass ich nicht das Recht zu haben
„glaube, mich Deinem Entschlusse zu widersetzen.‟
Vorlage S. 104
85
Karl war heftiger in seinem Widerstand; er
bat, er beschwor mich zu bleiben; ich sagte ihm:
Lass mich, Karl! an den einzigen Ort gehen,
wo es mir erlaubt ist, beständig an dich zu den-
ken. …
Vorlage S. 105
86
Hier brach die Nonne auf einmal ihre Er-
zählung ab. Jch fuhr fort, ihr meine Sorgfalt
zu widmen, allein unglücklicher Weise vergeblich.
Sie starb mit Ende Octobers; sie fiel mit den
letzten Blättern des Herbstes.
Vorlage S. 105

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

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Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ach! ich ahnete es nicht, dass diese ange- …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »„Dies ist alles wahr‟, sagte Frau von B., „allein noch ahnet sie es nicht, weil sie glücklich „ist, und ich hoffe, dass die […], welche „sie für mich hat, sie noch lange von der Beur- „theilung ihrer Lage abhalten wird.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »nachdem« in diesem Textausschnitt? »Wen wollen Sie, dass „sie befriedigen soll, nachdem sie ihre Lebenstage „in dem traulichen Vereine Jhrer Gesellschaft „zugebracht hat?‟ — „Nun, sie mag darin blei- „ben‟, sagte Frau von B. — „Ja‟, versetzte die Marquise, „so lange sie noch ein Kind ist.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

4. Welcher Ausschnitt verweist mit einer Zeitangabe ausdrücklich auf eine frühere Zeit? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

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Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Welche „Wonne, Urika! zu denken, dass sie die Mutter „meiner Kinder werden wird, dass sie im Schooße „meiner Anais ihr Leben empfangen werden!« B: »Meine Wonne war es dort zu sein, sie zu hören, ihr zu gehorchen, und mehr noch, sie an- zublicken.« C: »Vielleicht macht uns das Unglück hierzu noch aufgelegter, denn die Bitterkeit, wo- von sich die Seele nährt, macht die gewöhnliche Nahrung dieses traurigen Vergnügens aus.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Guter Gott! du bist Zeuge, dass ich mich in dem Glücke …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Jch sah diejenige Lage sich verwirklichen, welche mir meine […] so oft vorgemalt hatte, weit von denen zu sterben, die ich liebte, und deren Ohr nicht einmal mein trauriges Stöhnen vernehmen würde.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Jhre Gesellschaft war beinahe auf einen alten Abbé beschränkt, den ich seit zehn Jahre alle Tage die Religion bespötteln hörte, und der jetzt zornig wurde, dass man die geist- lichen Güter verkauft habe, weil er hierdurch zwan- zig Tausend Livres Renten verlor.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Der Arzt erklärte, dass man keinen Augen- blick Zeit zu …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »war; und doch, ist das Glück immer ein Erzeug- niß der«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
Textstelle nachlesen ↗

2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »war; und doch, ist das Glück immer ein Erzeug- niß der« und »eine ehemalige Liebe gegen mich wieder gefunden zu haben«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »ich der Notwendigkeit zu un- terwerfen; auch nehmen diese Schmerzen, wenn«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
Textstelle nachlesen ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Jch wurde in einem Alter von zwei Jah- ren, durch den Herrn Chevalier von B., aus Senegal, wo derselbe Gouverneur war, mitge- bracht.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Jch dachte nie daran, Karln etwas von dem zu sagen, was mir so viele Leiden verursacht hatte.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Sie starb mit Ende Octobers; sie fiel mit den letzten Blättern des Herbstes.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Textstelle nachlesen ↗

Ausgabe, Herkunft und Rechte

Autor und historische Übersetzer sind in Deutschland gemeinfrei. Die Lizenz und Quellenangabe der digitalen Ausgabe bleiben erhalten.

Urika, die Negerin

Quelle: Deutsches Textarchiv (BBAW), Duras, Claire de Durfort de: Urika, die Negerin. Übers. v. [Ehrenfried Stöber]. Frankfurt (Main), 1824. Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Quelltext und Ausgabe ↗ · Distributed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 License. Lizenz

Originalsprache · Französisch

Vollständiger Werktext in der bezeichneten Originalsprache; Wortlaut und Interpunktion der digitalen Quellausgabe bleiben erhalten. Fremde Werke in Sammelbänden, Herausgebereinleitungen und ausdrücklich abgegrenzte Verlagsapparate werden nicht als Teil des Werkes wiedergegeben. Quellenedition und deutsche Übersetzung können unterschiedliche Schreibweisen und Kapitelgliederungen besitzen.

Duras, Claire de: Ourika. Originaltext nach Project Gutenberg, eBook 26820.

Autorschaft und Ausgabe: Duras, Claire de

Originaltext und Ausgabe ↗ · Project Gutenberg · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.