Nora oder Ein Puppenheim von Ibsen, Henrik. Volltext der angegebenen historischen deutschen Übersetzung.
DramaKlasse 9–10 · 11–135 Abschnitte
Historische Textüberlieferung von „Nora oder Ein Puppenheim“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · Henrik Ibsen · Public domainBildquelle ↗
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Ein gemütlich und geschmackvoll, aber nicht luxuriös eingerichtetes Zimmer. Rechts im Hintergrund führt eine Tür in das Vorzimmer; eine zweite Tür links im Hintergrund führt in Helmers Arbeitszimmer. Zwischen diesen beiden Türen ein Pianino. Links in der Mitte der Wand eine Tür und weiter nach vorn ein Fenster. Nahe am Fenster ein runder Tisch mit Lehnstühlen und einem kleinen Sofa. Rechts an der Seitenwand weiter zurück eine Tür und an derselben Wand weiter nach vorn ein Kachelofen, vor dem ein paar Lehnstühle und ein Schaukelstuhl stehen. Zwischen Ofen und Seitentür ein kleiner Tisch. An den Wänden Kupferstiche. Eine Etagere mit Porzellan und anderen künstlerischen Nippessachen; ein kleiner Bücherschrank mit Büchern in Prachteinbänden; Teppich durchs ganze Zimmer. Im Ofen ein Feuer. Wintertag.
Im Vorzimmer klingelt es; gleich darauf hört man, wie geöffnet wird. Nora tritt vergnügt trällernd ins Zimmer; sie hat den Hut auf und den Mantel an und trägt eine Menge Pakete, die sie rechts auf den Tisch niederlegt. Sie lässt die Tür zum Vorzimmer hinter sich offen, und man gewahrt draußen einen Dienstmann, der einen Tannenbaum und einen Korb trägt; er übergibt beides dem Hausmädchen, das ihnen
Tu den Tannenbaum gut weg, Helene. Die Kinder dürfen ihn jedenfalls erst heut abend sehen, wenn er geputzt ist. Zum Dienstmann, indem sie ihr Portemonnaie hervorzieht. Wieviel –?
Da ist eine Krone. Nein – behalten Sie den Rest. Der Dienstmann dankt und geht. Nora schließt die Tür. Sie lacht noch immer stillvergnügt vor sich hin, während sie den Hut und Mantel ablegt. Sie zieht eine Tüte mit Makronen aus der Tasche und isst ein paar; dann geht sie vorsichtig an die Tür ihres Mannes und lauscht. Ja, er ist zu Hause. Trällert wieder leise vor sich hin, indem sie rechts an den Tisch tritt.
Nicht stören! Bald darauf öffnet er die Tür und sieht herein, mit der Feder in der Hand. Einkäufe, sagst Du? Diese vielen Sachen? Ist das lockere Zeisiglein wieder ausgewesen und hat Geld verschwendet?
Aber Torvald, dies Jahr dürfen wir doch wirklich ein bisschen über die Stränge schlagen. Sind es doch die ersten Weihnachten, wo wir nicht zu sparen brauchen.
Doch, Torvald, wir dürfen jetzt schon ein bisschen Luxus treiben. Nicht wahr? Nur ein ganz, ganz klein bisschen. Du bekommst ja nun ein großes Gehalt und wirst viel, viel Geld verdienen.
Nora! Geht hin zu ihr und zupft sie scherzhaft am Ohr. Geht schon wieder der Leichtsinn mit Dir durch? Gesetzt den Fall, ich borgte ihr heute tausend Kronen, und Du brächtest sie in der Weihnachtswoche durch, und am Sylvesterabend fiele mir ein Ziegelstein auf den Kopf, und ich läge da –
Nora, Nora, Du bist ein Weib! Aber im Ernst, Nora: Du weißt, wie ich in diesem Punkt denke. Keine Schulden! Niemals borgen! Es kommt etwas Unfreies und damit auch etwas Unschönes über ein Hauswesen, das auf eine Borgwirtschaft gegründet ist. Bis auf den heutigen Tag haben wir beide tapfer ausgehalten, und das wollen wir nun auch noch die kurze Zeit tun, wo es nötig ist.
Ei, nun darf aber die kleine Lerche auch nicht die Flügel hängen lassen. Wie? Das Eichhörnchen steht und mault? – Zieht das Portemonnaie. Nora, was mag ich da wohl haben?
Ja, ja, das werde ich schon. Aber nun komm und lass Dir alle meine Einkäufe zeigen. Und so wohlfeile Einkäufe. Schau her, – ein neuer Anzug für Ivar – und dazu ein Säbel. Hier ist ein Pferd und eine Trompete für Bob, und da eine Puppe und Puppenwiege für Emmy. Es ist freilich recht einfach, aber sie macht doch immer gleich alles entzwei. Und hier Kleiderstoff, und Taschentücher für die Mädchen. Mutter Anne-Marie müsste eigentlich viel mehr haben!
Ach ja, tu's, lieber Torvald, ich bitte Dich recht sehr; ich wickle mir dann das Geld in schönes Goldpapier ein und hänge es an den Weihnachtsbaum. Wäre das nicht reizend?
Ja, ja, lockere Zeisige, – ich weiß schon. Aber wir wollen es so machen, wie ich sage, Torvald: dann habe ich Zeit zu überlegen, was ich am notwendigsten brauche. Ist das nicht sehr vernünftig, Torvald, wie?
Ei freilich –, das heißt, wenn Du das Geld, das ich Dir gebe, wirklich festhalten und Dir selbst etwas dafür kaufen könntest. So aber geht es im Haushalt und für allerhand unnütze Dinge drauf, und dann muss ich wieder herausrücken.
Lässt sich nicht leugnen, meine kleine liebe Nora! Legt den Arm um ihre Taille. Mein lockerer Zeisig ist entzückend, aber er braucht eine schwere Menge Geld. Man sollte es nicht glauben, wie hoch einem Mann solch ein Vögelchen zu stehen kommt.
Du bist ein sonderbares Dingchen. Ganz wie Dein Vater. Auf jede Art bemühst Du Dich, Geld in die Hand zu kriegen, und sobald Du es hast, verschwindet Dir's zwischen den Fingern; Du weißt nie, wo es geblieben ist. Na, aber man muss Dich nehmen, wie Du bist. Das liegt im Blut. Ja, ja, ja, Nora, so was vererbt sich.
Und ich möchte Dich gar nicht anders haben, als Du bist, meine liebe, kleine, singende Lerche. Doch – da fällt mir etwas ein. Du siehst heute so –, so, – wie soll ich gleich sagen? – so verdächtig aus –
Nein, das weiß ich ja wohl. – Und dann hast Du mir ja Dein Wort gegeben – Geht zu ihr. Behalt Deine kleinen Weihnachtsüberraschungen nur für Dich, mein Herz. Heut abend, wenn der Baum brennt, werden sie schon ans Licht kommen, davon bin ich überzeugt.
Nein. Aber das ist ja gar nicht nötig. Es versteht sich von selbst, dass er mit uns speist. Übrigens werde ich ihn einladen, wenn er heut vormittag herkommt. Guten Wein habe ich schon bestellt. Nora, Du glaubst gar nicht, wie ich mich auf den heutigen Abend freue.
Ach, es ist doch ein herrlicher Gedanke, eine feste gesicherte Stellung, sein reichliches Auskommen zu haben. Nicht wahr! Der Gedanke ist ein Hochgenuß!
Denkst Du noch an vorige Weihnachten? Drei liebe lange Wochen vorher hast Du Dich Abend für Abend bis in die tiefe Nacht hinein eingeschlossen, um Blumen für den Baum und die vielen andern Herrlichkeiten anzufertigen, womit wir überrascht werden sollten. Uh, das war die ödeste Zeit, die ich je erlebt habe.
Nein, mein armes Norachen, dafür konntest Du freilich nichts. Du hattest den besten Willen, uns alle zu beglücken, und das ist die Hauptsache. Aber gut ist es doch, dass die knappen Zeiten vorüber sind.
Nun brauche ich hier nicht allein herumzusitzen und mich zu öden. Und Du brauchst Deine lieben Augen und Deine zarten, feinen Händchen nicht anzustrengen –
Nein, nicht wahr, Torvald, das brauchen wir nun nicht mehr!? O, wie wunderbar schön sich das anhört. Nimmt seinen Arm. Nun pass mal auf, Torvald, wie ich mir unsere künftige Einrichtung gedacht habe. Sobald Weihnachten vorbei ist – Es läutet im Vorzimmer. Ach, da läutet es! Räumt schnell ein wenig im Zimmer auf. Es kommt gewiss jemand. Wie dumm!
So lange haben wir uns nicht gesehen? Wahrhaftig, ja! Ach, die letzten acht Jahre waren eine glückliche Zeit! – Das kannst Du glauben. Und nun bist Du in die Stadt gekommen? Hast mitten im Winter die weite Reise gemacht? Das war brav.
Natürlich, um Dir ein Weihnachtsvergnügen zu machen. Wie nett! Wir wollen auch recht lustig sein. Aber so leg' doch Deine Sachen ab. Du frierst doch nicht? Hilft ihr. So – jetzt setzen wir uns gemütlich an den Ofen. Nein, da in den Lehnstuhl! Ich setze mich in den Schaukelstuhl. Ergreift ihre Hände. Ja, das ist ja das alte, bekannte Gesicht; nur im ersten Augenblick –. Etwas bleicher bist Du freilich geworden, Christine, – und vielleicht auch etwas magerer.
Na ja, vielleicht ein bisschen älter; aber nur ganz, ganz wenig, nicht der Rede wert. Hält plötzlich inne; ernst. Ich gedankenlose Person! Da sitze ich und schwätze! Liebste, einzige Christine, kannst Du mir vergeben?
Gott, ich wusste es ja; ich habe es ja in den Zeitungen gelesen. Ach, Christine, Du kannst mir glauben, immer wollte ich Dir schreiben in der Zeit; aber jedesmal habe ich es wieder aufgeschoben; stets kam was dazwischen.
So ganz allein! Wie furchtbar schwer das für Dich sein muss. Ich habe drei reizende Kinder. Augenblicklich kann ich sie Dir nicht vorstellen, – sie sind mit der Kinderfrau aus. Aber nun musst Du mir alles erzählen –
Nein, Du musst anfangen. Heute will ich nicht egoistisch sein. Heut will ich nur an Deine Sachen denken. Aber eines muss ich Dir doch sagen. Hast Du schon davon gehört, welch großes Glück uns in diesen Tagen beschert worden ist?
Ja, ein riesiges Glück. Ein Advokat hat ein so unsicheres Brot, besonders wenn er sich nur mit feinen und anständigen Geschäften befassen will. Und das hat Torvald natürlich immer gewollt; und darin halte ich es auch ganz mit ihm. Glaub' mir, wir freuen uns! Schon zu Neujahr tritt er in die Bank ein, und dann kriegt er ein großes Gehalt und viel Prozente. Von jetzt ab können wir ganz anders leben als bisher –, ganz, wie wir wollen. Ach, Christine, wie leicht und glücklich ich mich fühle! Ja, es ist doch wunderschön, tüchtig viel Geld und keine Sorgen zu haben. Nicht wahr?
Ja, das sagt Torvald heutigentags noch. Droht mit dem Finger. Aber »Nora, Nora« ist nicht so dumm, wie Ihr denkt. – Uns ist es wahrhaftig nicht so ergangen, dass ich hätte verschwenden können. Wir haben beide arbeiten müssen.
Ja, Kleinigkeiten –, Handarbeiten, Häkeleien, Stickereien und dergleichen, – Leichthin. – und auch noch andere Sachen. Du weißt doch, dass Torvald aus dem Ministerialdienst ausgetreten ist, als wir heirateten? In seinem Rayon war keine Aussicht auf Beförderung, und er musste doch mehr Geld verdienen als früher. Im ersten Jahr überarbeitete er sich aber ganz gräßlich. Er war, wie Du Dir denken kannst, auf allerhand Nebenverdienste angewiesen und musste von früh bis spät schaffen. Das konnte er nicht vertragen, und so wurde er totkrank. Die Ärzte erklärten es für notwendig, dass er nach dem Süden ginge.
Ja, gewiss. Glaub' mir, es war nicht leicht wegzukommen. Ivar war eben geboren. Doch weg mussten wir auf jeden Fall. Ach, es war eine wunderbar schöne Reise, und sie hat Torvald das Leben gerettet. Aber eine schwere Menge Geld hat sie gekostet, Christine.
Ja, Christine, gerade damals. Und denk nur, ich konnte nicht zu ihm reisen und ihn pflegen. Ich erwartete ja täglich die Geburt meines kleinen Ivar. Und dann musste ich ja auch meinen armen totkranken Torvald pflegen. Der liebe, gute Papa! Ich habe ihn nicht mehr gesehen, Christine. Ach! das ist das Schwerste, was ich seit meiner Verheiratung erlebt habe.
Das war Doktor Rank. Der kommt aber nicht als Arzt zu uns. Das ist unser bester Freund und lässt sich hier bei uns täglich wenigstens einmal sehen. Nein, Torvald ist auch noch nicht eine Stunde wieder krank gewesen. Und die Kinder sind munter und gesund, und ich auch. Springt auf und klatscht in die Hände. Gott, o Gott, Christine, es ist doch wunderbar schön, zu leben und glücklich zu sein! – – Ach, aber es ist abscheulich von mir –; ich spreche immer nur von meinen eigenen Sachen. Setzt sich dicht neben sie auf einen Schemel und legt die Hände auf Frau Lindes Schoß. Ach, Du musst mir nicht böse sein! – Sag' mal, ist es wirklich wahr, dass Du Deinen Mann nicht geliebt hast? Warum hast Du ihn denn genommen?
Meine Mutter lebte noch und war bettlägerig und ohne Mittel. Und auch für meine beiden jüngeren Brüder hatte ich zu sorgen. Es schien mir unverantwortlich, seinen Antrag zurückzuweisen.
Dann musste ich mich mit einem kleinen Kramladen und einer kleinen Schule und allem Möglichen durchschlagen. Die letzten drei Jahre sind ein einziger langer, ruheloser Arbeitstag für mich gewesen. Jetzt ist er zu Ende, Nora. Meine arme Mutter braucht mich nicht mehr, – sie ist gestorben. Und die Jungen auch nicht, – sie haben jetzt Stellungen und können für sich selber sorgen.
Nein, Du, – nur so unsagbar leer. Niemand mehr, für den ich leben kann. Steht unruhig auf. Deshalb hielt ich es da in dem entlegenen Nest nicht mehr aus. Hier muss man doch leichter etwas finden können, das einen in Anspruch nimmt und die Gedanken beschäftigt. Wenn es mir nur gelänge, eine feste Stellung zu finden, ein wenig Bureauarbeit –
Aber Christine, das ist ja entsetzlich anstrengend und Du siehst ohnehin schon so angegriffen aus. Es wäre viel besser für Dich, wenn Du eine Badereise machen könntest!
Liebe Nora, sei Du mir nicht böse. Das ist das Schlimmste bei Verhältnissen wie den meinigen, dass sie so das Gemüt verbittern. Man hat für niemand zu arbeiten, und doch muss man fortwährend tätig sein. Denn man muss doch leben, und so wird man Egoist. Als Du mir von der glücklichen Veränderung in Eurer Lebenslage erzähltest – wirst Du mir glauben, da freute ich mich nicht so sehr um Deinet-, wie um meinetwillen.
Das soll er auch, Christine. Überlaß das nur mir; ich werde es schon so fein einfädeln, so fein, – etwas recht Liebenswürdiges aushecken, das bei ihm verfängt. Ach, ich möchte Dir so furchtbar gern helfen.
Wie schön von Dir, Nora, dass Du so für meine Sache eintrittst – doppelt schön von Dir, die Du selbst die Last und Mühsal des Lebens so gar nicht kennst.
– dass ich nichts geleistet habe in diesem schweren Dasein.
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Kontextbild zum Werk. Historische Textüberlieferung von „Nora oder Ein Puppenheim“ — Werkbezogene Bildquelle; keine belegte Zuordnung zu der hier angezeigten einzelnen Textstelle. · Henrik Ibsen · Public domainBildquelle ↗
Du unterschätzt mich durchaus, Christine; aber das solltest Du nicht tun. Du bist stolz darauf, dass Du so lange und so schwer für Deine Mutter geschafft hast.
Ich unterschätze gewiss niemanden. Aber eins ist wahr: ich bin stolz und glücklich in dem Gedanken, dass es mir vergönnt gewesen ist, meiner Mutter die letzten Lebenstage einigermaßen sorgenfrei zu gestalten.
Ist auch gar nicht nötig. Es ist ja gar nicht gesagt, dass ich mir das Geld geborgt habe. Ich kann es mir ja auf andere Weise verschafft haben. Wirft sich ins Sofa zurück. Ich kann es ja von irgend einem Verehrer bekommen haben. Wenn man leidlich hübsch aussieht, wie ich –
Aber er durfte ja doch nichts wissen! Herrgott, kannst Du denn das nicht begreifen? Er durfte nicht einmal wissen, wie schlimm es um ihn stand. Zu mir kamen die Ärzte und sagten, es wäre Gefahr für sein Leben, und nur ein Aufenthalt im Süden könnte ihn retten. Meinst Du denn, ich hätte nicht zunächst auf andere Weise versucht, aus der Verlegenheit zu kommen? Ich sprach mit ihm darüber, wie nett ich es finden würde, mal wie andere junge Frauen ins Ausland reisen zu können. Ich weinte und ich flehte; ich sagte ihm, er sollte doch daran denken, in welchen Umständen ich mich befände, er sollte doch gut sein und mir nachgeben, und dann deutete ich an, er könnte ja wohl ein Darlehn aufnehmen. Aber da wurde er beinahe böse, Christine. Er sagte, ich wäre leichtsinnig, und es wäre seine Pflicht als Ehemann, meinen Mucken und Launen – so nannte er es, glaube ich – nicht nachzugeben. Nun wohl, dachte ich bei mir, gerettet musst Du werden; und da verfiel ich auf diesen Ausweg –
Nein, niemals. Papa starb gerade in jenen Tagen. Ich hatte vor, ihn in die Sache einzuweihen und ihn zu bitten, dass er nichts verriete. Weil er nun aber so krank darniederlag –. Leider wurde es nicht mehr nötig.
Nein, um des Himmelswillen, was fällt Dir ein? Ihn, der in diesen Dingen so streng ist! Und außerdem – Torvald mit seinem männlichen Selbstgefühl, – wie peinlich und demütigend wäre ihm das Bewusstsein, mir etwas zu verdanken. Das würde unser gegenseitiges Verhältnis vollständig verschieben. Unser schönes, glückliches Heim wäre nicht mehr, was es jetzt ist.
Doch, – vielleicht später einmal; – nach vielen Jahren, wenn ich nicht mehr so hübsch bin wie jetzt. Du darfst darüber nicht lachen. Ich meine ja nur: wenn Torvald sich nicht mehr so viel aus mir macht wie jetzt; wenn es ihm keine Freude mehr gewährt, dass ich ihm etwas vortanze und mich verkleide und deklamiere. Dann ist es vielleicht gut, etwas in der Reserve zu haben –. Abbrechend. Ach Unsinn, Unsinn, Unsinn! Die Zeit kommt nie. – Na, aber was sagst Du zu meinem großen Geheimnis, Christine? Tauge ich nicht doch zu etwas? – Du darfst mir übrigens glauben, die Sache hat mir viel Kummer bereitet. Es ist mir wahrhaftig nicht leicht geworden, meinen Verpflichtungen immer zur rechten Zeit nachzukommen. Du musst nämlich wissen, im Geschäftsleben gibt es etwas, das man Quartalszinsen nennt, und noch etwas, das Abzahlung heißt; und die Gelder sind immer so entsetzlich schwer zu beschaffen. Da habe ich denn an allen Ecken und Enden sparen müssen, wo ich nur konnte, siehst Du. Vom Wirtschaftsgelde konnte ich so gut wie nichts erübrigen, denn Torvald musste ja gut leben. Die Kinder konnte ich doch auch nicht in schlechter Kleidung umhergehen lassen; was ich für sie bekam, dachte ich, das müsste ich auch für sie verbrauchen. Die süßen, herzigen Kleinen!
Ja, natürlich. Ich war ja auch die Nächste dazu. Jedesmal, wenn Torvald mir Geld zu neuen Kleidern und dergleichen gab, verwandte ich nie mehr als die Hälfte darauf; ich kaufte stets vom Billigsten und Einfachsten. Ein wahres Glück, dass mir alles so gut steht, und Torvald also nichts merkte. Manchmal ist es mir aber recht schwer geworden, Christine, denn es ist doch himmlisch, fein gekleidet zu gehen. Nicht wahr?
Na, und dann hatte ich ja auch noch andere Einnahmequellen. Im vorigen Winter hatte ich das Glück, eine Menge Schreibarbeit zu bekommen. Da schloss ich mich ein und schrieb jeden Abend bis tief in die Nacht hinein. Ach, zuweilen war ich so müde, so müde. Aber es war trotzdem riesig unterhaltend, so zu arbeiten und Geld zu verdienen. Ich kam mir beinahe wie ein Mann vor.
Ja, das kann ich nicht so genau sagen. Weißt Du, es ist sehr schwierig, sich in solchen Geschäften zurecht zu finden. Ich weiß bloß, dass ich bezahlt habe, was ich nur zusammenkratzen konnte. Gar manches Mal habe ich mir keinen Rat gewusst. Lächelt. Dann saß ich da und stellte mir vor, es hätte sich ein reicher, alter Herr in mich verliebt –
Ach Unsinn! – und dass er stürbe, und als man sein Testament öffnete, stand mit großen Buchstaben darin: »Alle meine Gelder sollen der liebenswürdigen Frau Nora Helmer sofort bar ausbezahlt werden.«
Herrgott, begreifst Du denn nicht? Der alte Herr existierte ja gar nicht; das habe ich mir ja nur vorphantasiert – immer und immer wieder, wenn ich nicht aus noch ein wusste, um Geld zu beschaffen. Aber das ist nun alles eins; der alte langweilige Mensch kann meinetwegen bleiben, wo er ist; ich mache mir weder aus ihm noch aus seinem Testament etwas, denn jetzt bin ich die Sorgen los. Springt auf. Gott, o Gott, Christine, es ist doch ein himmlischer Gedanke! Sorgenfrei! Sorgenfrei zu sein, ganz sorgenfrei; mit den Kindern spielen und sich tummeln zu können; es hübsch und nett im Hause zu haben, ganz so, wie Torvald es liebt! Und denk, nun kommt bald der Frühling mit seinem weiten, blauen Himmel! Vielleicht können wir dann eine kleine Reise machen. Und ich darf vielleicht das Meer wiedersehen! Ach ja, ja! Wie wunderbar, zu leben und glücklich zu sein!
Ja, dann haben Sie wohl die Güte, sich ins Bureau zu bemühen. Grüßt gleichgültig, indem sie die Tür zum Vorzimmer schließt; darauf geht sie an den Ofen und sieht nach dem Feuer.
Nein, nein, lieber Freund, ich mag nicht stören; ich will lieber ein bisschen zu Deiner Frau hineingehen. Schließt die Tür hinter sich und bemerkt Frau Linde. O, – ich bitte um Vergebung; hier stör' ich am Ende auch?
Allerdings will ich das. Bin ich auch elend dran, so möchte ich doch, dass die Qual noch möglichst lange dauere. Meinen Patienten geht es allen ebenso. Und mit den sittlich Bresthaften ist es nicht anders. In diesem Augenblick ist gerade solch ein moralischer Lazarus bei Helmer drin –
Ach, es ist ein Anwalt Krogstad, – Sie kennen den Menschen nicht. Der ist verdorben in den Wurzeln des Charakters, verehrte Frau. Aber selbst der fing an, davon zu schwätzen, wie von einer hochwichtigen Sache: dass er leben müsse.
O freilich, – er hat dort so eine Art Anstellung. Zu Frau Linde. Ich weiß nicht, ob Sie in Ihrer Gegend da auch solche Leute haben, die überall atemlos umherrennen, um moralische Fäulnis aufzuspüren und dann die Betreffenden für irgend eine vorteilhafte Stellung in Vorschlag zu bringen. Die Gesunden müssen sich dann hübsch darein finden, das Nachsehen zu haben.
Was kümmert mich die dumme Gesellschaft?! Ich lache über ganz etwas anderes, – etwas ungeheuer Komisches. – Sagen Sie mal, Doktor, – werden nun alle, die bei der Aktienbank angestellt sind, von Torvald abhängig?
Lassen Sie mich nur, lassen Sie mich nur! Spaziert im Zimmer auf und ab. Ach, der Gedanke, dass wir – dass Torvald so großen Einfluss auf so viele Menschen hat, ist wirklich über alle Maßen ergötzlich. Zieht die Tüte aus der Tasche. Doktor, ein Makronchen gefällig?
Na, na, na; erschrick nur nicht. Du konntest ja nicht wissen, dass Torvald das verboten hat. Du musst nämlich wissen, er hat Angst, dass ich schlechte Zähne davon kriege. Ach was! Einmal ist keinmal! – Nicht wahr, Doktor? Hier, bitte! Steckt ihm eine Makrone in den Mund. Und Du auch, Christine. Und ich kriege auch eine; nur eine ganz kleine – oder höchstens zwei. Geht wieder umher. Ja, jetzt bin ich wirklich über die Maßen glücklich. Nun gibt es nur noch eins auf der Welt, wozu ich eine riesige Lust hätte.
Christine ist nämlich außerordentlich geschickt in Bureauarbeiten. Und nun möchte sie so furchtbar gern unter die Leitung eines tüchtigen Mannes kommen und noch mehr lernen, als sie schon kann –
Und als sie nun hörte, dass Du Bankdirektor geworden bist – der Telegraph hatte es verkündet – ist sie so schnell wie möglich hergereist und –. Nicht wahr, Torvald, mir zuliebe kannst Du schon ein wenig für Christine tun? Was?
Auf Wiedersehen! Heut abend kommst Du, selbstverständlich. Und Sie auch, Doktor. Was? Wenn Sie wohl genug sind? Natürlich sind Sie wohl genug. Packen Sie sich nur recht gut ein.
Rank, Helmer und Frau Linde gehen die Treppe hinunter, die Kinderfrau geht mit den Kindern ins Zimmer. Nora ebenfalls, indem sie die Tür zum Vorzimmer schließt.
Wie frisch und fröhlich Ihr ausseht. Und die roten Backen, die Ihr mitbringt. Wie Äpfel und Rosen. Die Kinder sprechen während des Folgenden durcheinander mit ihr. Habt Ihr Euch gut unterhalten? Das ist ja herrlich. Ach – Du hast Emmy und Bob Schlitten gefahren? – Denk mal an! Ja, Du bist ein fixer Kerl, Ivar. Gib sie mir ein bisschen, Anne-Marie. Mein süßes, kleines Puppenkind! Nimmt der Kinderfrau das Kleinste ab und tanzt mit ihm. Ja, ja! Mama wird mit Bob auch tanzen. Was? Ihr habt Euch geschneeballt? Oh, da hätte ich mit dabei sein mögen! Lass nur, ich will sie selbst ausziehen, Anne-Marie. Lass mich doch; ich tu's so gerne. Geh so lange in die Kinderstube. Du siehst so verfroren aus. Auf dem Ofen steht heißer Kaffee für Dich.
Die Kinderfrau geht in das Zimmer zur Linken. Nora nimmt den Kindern die Mäntel und Hüte ab und wirft alles umher; inzwischen läßt sie sie durcheinander reden.
Ach was! Ein großer Hund ist Euch nachgelaufen? Aber gebissen hat er Euch nicht? Nein, solche kleine nette Püppchen beißen die Hunde nicht. Nicht in die Pakete gucken, Ivar! Was das ist? Ja, wenn Ihr das wüsstet! Ach nein, nein, da ist etwas Garstiges drin. So? Spielen möchtet Ihr? Was wollen wir spielen? Verstecken. Ja. Spielen wir Verstecken. Bob soll sich zuerst verstecken. Ich? Na ja, dann verstecke ich mich zuerst.
Sie und die Kinder spielen unter Jubel und Lachen im Zimmer und in dem anstoßenden Raume zur Rechten. Zuletzt versteckt Nora sich unter dem Tisch. Die Kinder stürmen herein, suchen, können sie aber nicht finden. Dann hören sie ihr unterdrücktes Lachen, stürzen an den Tisch, heben die Decke auf und sehen sie. Stürmischer Jubel. Sie kriecht hervor, als wolle sie sie schrecken. Neuer Jubel. Inzwischen hat es an der Eingangstür
Mit – Leise zu den Kindern. Geht hinein zu Anne-Marie. Was? Nein, der fremde Herr will Mama nichts zu leide tun. Wenn er fort ist, spielen wir weiter. Sie führt die Kinder in das Zimmer links und schließt die Tür hinter ihnen.
Herr Krogstad, wie können Sie sich erlauben, mich auszuforschen?! Sie, ein Untergebener meines Mannes? Aber da Sie einmal fragen, so sollen Sie es auch wissen: jawohl, Frau Linde wird angestellt werden. Und ich selbst habe mich ihrer Sache angenommen, Herr Krogstad. Nun wissen Sie es.
Mein Gott, man hat doch auch sein bisschen Einfluss! Weil man eine Frau ist, so ist damit noch lange nicht gesagt, dass –. Wenn man eine subalterne Stellung einnimmt, Herr Krogstad, so sollte man sich wirklich hüten, einen vor den Kopf zu stoßen, der – hm –
Ach, mir gegenüber brauchen Sie nicht die Ahnungslose zu spielen. Es leuchtet mir sehr wohl ein, dass es Ihrer Freundin nicht angenehm sein kann, sich einem Zusammentreffen mit mir auszusetzen, und ich begreife jetzt auch, wem ich es zu danken habe, dass man mich wegjagen will.
Nicht wegen des Einkommens allein! Darum ist mir doch am wenigsten zu tun. Es handelt sich um etwas andres –. Na ja, – ich muss heraus mit der Sprache! Sehen Sie, – es ist folgendes. Ihnen ist es gewiss so wie aller Welt bekannt, dass ich mir vor etlichen Jahren habe eine Unbesonnenheit zu Schulden kommen lassen.
Die Sache kam nicht vor Gericht. Aber von dem Augenblick an waren mir mit einem Mal alle Wege wie versperrt. Nun warf ich mich auf die Geschäfte, die Sie ja kennen. Irgend etwas musste ich doch beginnen, und ich darf wohl sagen, ich war keiner von den Schlimmsten. Jetzt aber muss ich aus der ganzen Geschichte heraus. Meine Söhne wachsen heran; um ihretwillen muss ich versuchen, mir so viel bürgerliche Achtung wie möglich wieder zu erringen. Der Posten bei der Bank war sozusagen die erste Stufe für mich. Und nun will Ihr Mann mich mit einem Fußtritt von der Treppe hinunterstoßen, so dass ich wieder in den Schmutz zu liegen komme.
Das wäre schändlich von Ihnen. Die Tränen sind ihr nahe. Dieses Geheimnis, das meine Freude und mein Stolz ist –, er sollte es auf so hässliche und plumpe Art erfahren? Von Ihnen es erfahren? Sie würden mich den schrecklichsten Unannehmlichkeiten aussetzen –
Aber tun Sie es nur! Sie selbst werden den größten Schaden davon haben; dann wird mein Mann erst sehen, was für ein schlechter Mensch Sie sind. Und Sie werden Ihren Posten erst recht nicht behalten!
Hören Sie, Frau Helmer; – entweder haben Sie kein gutes Gedächtnis, oder Sie haben keine Ahnung von Geschäften. Ich muss Ihnen die Sache wohl etwas gründlicher auseinandersetzen.
Ich versprach, Ihnen die Summe unter gewissen Bedingungen zu verschaffen. Sie waren damals von der Krankheit Ihres Mannes so in Anspruch genommen und so eifrig darauf aus, das Reisegeld zu bekommen, dass Sie für alle Nebenumstände wohl keine Gedanken hatten. Es ist daher sehr angebracht, Sie daran zu erinnern. Nun denn, – ich versprach, Ihnen das Geld gegen einen Schuldschein zu verschaffen, den ich aufsetzte.
Gut. Aber dem fügte ich unten noch einige Zeilen hinzu, worin Ihr Vater die Bürgschaft für die Schuld übernahm. Diese Zeilen sollte Ihr Vater unterschreiben.
Ich hatte das Datum in blanko gelassen; das heißt, Ihr Vater selbst sollte den Tag angeben, an dem er das Papier unterschrieb. Erinnern Sie sich, gnädige Frau?
Und das haben Sie natürlich auch sofort getan, denn schon nach fünf oder sechs Tagen brachten Sie mir das Papier mit der Unterschrift Ihres Vaters zurück. Darauf bekamen Sie den Betrag ausgezahlt.
Ganz richtig. Ich habe mich danach erkundigt. Und deshalb kann ich mir einen sonderbaren Umstand – Zieht ein Papier hervor. – ganz und gar nicht erklären.
Ihr Vater starb am 29. September. Nun sehen Sie her, – hier datiert die Unterschrift Ihres Vaters vom 2. Oktober. Ist das nicht sonderbar, gnädige Frau?
Auffallend ist auch, dass die Worte »2. Oktober« und die Jahreszahl nicht die Handschrift Ihres Vaters zeigen, vielmehr eine Handschrift, die mir bekannt vorkommt. Na, das lässt sich ja erklären. Ihr Vater kann vergessen haben, seine Unterschrift zu datieren, und dann mag irgend ein anderer das Datum aufs Geratewohl hingesetzt haben, bevor man noch von dem Todesfall wusste. Dabei ist auch nichts Schlimmes. Auf die Namensunterschrift kommt es an, und die ist doch echt, Frau Helmer? Ihr Vater hat doch in eigener Person seinen Namen hier hingeschrieben?
Es war unmöglich. Papa lag ja krank. Wenn ich ihn um seine Unterschrift gebeten hätte, so hätte ich ihm auch sagen müssen, zu welchem Zweck ich das Geld brauchte. Aber so einem Schwerkranken konnte ich doch nicht sagen, dass Gefahr für meines Mannes Leben sei? Das war ganz unmöglich.
Darauf konnte ich gar keine Rücksicht nehmen. Sie gingen mich absolut nichts an. Ich konnte Sie nicht ausstehen, weil Sie so herzlos waren und so viele Schwierigkeiten machten, obgleich Sie wussten, wie gefährlich es um meinen Mann stand.
Frau Helmer – wessen Sie sich eigentlich schuldig gemacht haben, davon haben Sie offenbar keine klare Vorstellung. Aber ich kann Ihnen sagen: das, was ich einst begangen habe, und was meine ganze bürgerliche Stellung untergraben hat, ist nichts Größeres und nichts Schlimmeres gewesen.
Das glaube ich nun und nimmermehr! Eine Tochter sollte nicht das Recht haben, ihrem alten, todkranken Vater Angst und Kummer zu ersparen? Eine Frau sollte nicht das Recht haben, ihrem Manne das Leben zu retten? Ich kenne die Gesetze nicht so genau, aber ich bin überzeugt, irgendwo muss darin stehen, dass so etwas erlaubt ist. Und darüber wissen Sie nicht Bescheid, Sie, ein Anwalt? Sie müssen ein schlechter Jurist sein, Herr Krogstad.
Mag sein. Aber nicht wahr, auf Geschäfte, – auf solche Geschäfte, wie wir sie miteinander haben, auf die verstehe ich mich doch wohl? Gut. Tun Sie jetzt, was Ihnen beliebt. Aber das sage ich Ihnen: werde ich zum zweiten Male ausgestoßen, so sollen Sie mir Gesellschaft leisten. Er grüßt und geht durchs Vorzimmer ab.
Ach was! – Er will mir Angst machen! So einfältig bin ich denn doch nicht. Fängt an, die Mäntel der Kinder zusammenzulegen, hält bald damit inne. Aber –? – – Nein, das ist ja doch unmöglich! Ich habe es doch aus Liebe getan.
Ja, aber ich kann jetzt nicht! Geht hinein, ich habe zu viel zu tun. Hinein, hinein mit Euch, meine lieben, süßen Kinder. Sie nötigt sie liebevoll in das anstoßende Zimmer, schließt die Tür hinter ihnen und setzt sich aufs Sofa; sie nimmt eine Stickerei und macht einige Stiche, hält jedoch bald wieder inne. Nein! Wirft die Stickerei hin, steht auf, geht an die Vorzimmertür und ruft hinaus. Helene! Den Tannenbaum! Geht links an den Tisch und öffnet die Schieblade, hält wieder inne. Nein, – aber das ist ja ganz unmöglich!
Nein, danke, ich habe alles, was ich brauche. Das Mädchen hat den Baum hingestellt und geht wieder hinaus. Nora beginnt den Baum zu putzen. Hier kommen Lichter hin, – und da Blumen. – Der abscheuliche Mensch! Unsinn! Unsinn! Unsinn! Es ist alles in Ordnung. Der Weihnachtsbaum soll schön werden. Alles will ich tun, was Dir Freude macht, Torvald; – ich will Dir etwas vorsingen, – vortanzen –
Nora, Nora, und darauf konntest Du Dich einlassen? Mit einem solchen Menschen eine Unterhaltung führen und ihm noch Versprechungen machen? Und mir obendrein die Unwahrheit sagen!
Sagtest Du nicht, es wäre niemand hier gewesen? Droht mit dem Finger. Das darf mein Singvögelchen nie wieder tun. Ein Singvogel darf nur mit reinem Schnäbelchen zwitschern, – keine falschen Töne! Fasst sie um die Taille. Muss es nicht so sein? Ja – ich wusste es wohl. Lässt sie los. Und nun nichts mehr davon. Setzt sich vor den Ofen. Ah, wie warm und gemütlich es hier ist. Blättert in den Papieren.
Ich habe mir von der abtretenden Direktion Vollmacht geben lassen, die nötigen Veränderungen im Personal und im Geschäftsplan vornehmen zu dürfen. Dazu muss ich die Weihnachtswoche benutzen. Ich will bis Neujahr alles in Ordnung haben.
Keiner hat ja einen so feinen Geschmack wie Du. Nun möchte ich gern recht hübsch aussehen auf dem Kostümball. Torvald, kannst Du mir nicht helfen und bestimmen, als was ich gehen, und wie mein Anzug gemacht sein soll?
Ach, das ist reizend von Dir. Geht wieder an den Weihnachtsbaum; Pause. Wie hübsch die roten Blumen sich machen. – Sag' einmal, ist das wirklich so schlimm, was dieser Krogstad verbrochen hat?
Ja, oder – wie so mancher andere – aus Leichtsinn. Ich bin nicht so herzlos, dass ich einen Menschen um einer solchen vereinzelten Handlung willen unbedingt verurteilen würde.
Nun denke Dir, wie solch ein schuldbewußter Mensch nach allen Seiten hin lügen und heucheln und sich verstellen muss; wie er vor seinen Allernächsten, ja selbst vor seiner eigenen Frau und seinen Kindern eine Maske tragen muss. Vor den Kindern, Nora, das ist gerade das Entsetzlichste.
Weil ein solcher Dunstkreis von Lüge in die ganze Familie Ansteckungs- und Krankheitsstoff bringt. Jeder Atemzug, den die Kinder in einem solchen Hause tun, ist erfüllt von Keimen irgend einer bösen Tat.
Am häufigsten kommt es von den Müttern her. Aber Väter wirken natürlich in derselben Richtung. Das ist jedem Juristen sehr wohl bekannt. Und doch ist dieser Krogstad Jahre hindurch imstande gewesen, seine eigenen Kinder durch Lüge und Verstellung zu vergiften; und deshalb nenne ich ihn moralisch verkommen. Streckt ihr die Hände entgegen. Darum muss meine herzige kleine Nora mir versprechen, nicht seine Partei zu ergreifen. Hand darauf? Nun, nun. Was ist das? Gib mir die Hand. So. Abgemacht also. Ich versichere Dir, es wäre mir unmöglich, mit ihm zusammen zu arbeiten. Mich überkommt in der Nähe solcher Menschen buchstäblich ein körperliches Unbehagen.
Ja, ich muss auch vor Tisch hiervon noch einiges durchlesen. Und auch an Dein Kostüm muss ich denken. Vielleicht habe ich sogar etwas auf Lager, das man in Goldpapier an den Weihnachtsbaum hängen könnte. Legt die Hand auf ihren Kopf. O, Du mein geliebtes Singvögelchen! Er geht in sein Zimmer und schließt die Tür hinter sich.
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Ich habe mich […] gar nicht gelangweilt.«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Ja, ja, ja, – kurz und gut: noch ist es Zeit, und ich rate Ihnen, Ihren Einfluss aufzubieten, um das zu verhindern.«
B: »Herrgott, kannst Du denn das nicht begreifen?«
C: »Das Eichhörnchen steht und mault? – Zieht das Portemonnaie.«
7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Und als sie nun hörte, dass Du Bankdirektor geworden bist – der …«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Herr […], wie können Sie sich erlauben, mich auszuforschen?!«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Das Eichhörnchen steht und mault? – Zieht das Portemonnaie.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Das Eichhörnchen steht und mault? – Zieht das Portemonnaie.« und »lügen und heucheln und sich verstellen muss; wie er vor seinen Allernächsten«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »Telegraph hatte es verkündet – ist sie so schnell wie möglich hergereist und«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Ein gemütlich und geschmackvoll, aber nicht luxuriös eingerichtetes Zimmer.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Und denk, nun kommt bald der Frühling mit seinem weiten, blauen Himmel!«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Das ist in alle Ewigkeit nicht wahr!«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Autor und namentlich belegte Übersetzung sind nach den geprüften Lebensdaten in Deutschland gemeinfrei. TextGrid und www.editura.de stellen Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE bereit.
Nora oder Ein Puppenheim
Ibsen, Henrik: Ein Puppenheim. [Übers. v. M[arie] von Borch], in: Henrik Ibsen: Sämtliche Werke, Vierter Band. Hg. v. Julius Elias u. Paul Schlenther, Berlin: S. Fischer, 1907. Ibsen, Henrik 2- Berlin
Das Werk Nora oder Ein Puppenheim von Ibsen, Henrik ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Vollständiger norwegischer Dramentext mit Personenverzeichnis und sämtlichen Akten. Die Schreibweise der digitalen Quellfassung bleibt erhalten und kann von historischen Druckausgaben abweichen. Keine bestimmte Druckauflage oder Satzgleichheit mit der deutschen Übersetzung wird behauptet.
Henrik Ibsen; digitale Quellenfassung und Mitwirkende der norwegischen Wikisource, CC BY-SA4.0.
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