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Die Fensterläden im oberen Stockwerk sind fest geschlossen. Seine Bewohner, ein pensionierter Kanzleirat und seine Frau, sind auf Besuch bei der Tochter in Berlin.
Das Parterregeschoß ist in zwei Hälften geteilt, durch die ein ziegelgepflasterter Flur läuft. Links, hinter den Fenstern, an denen die grünen, breitblätterigen Blattpflanzen stehen, wohnt die Besitzerin des kleinen Hauses, Frau Marianne Harms. Rechts, hinter den blutroten Nelkenstöcken, die selbst im Winter Blüten tragen, ihr Sohn Hans, der Obermatrose, und Alrun, seine junge Frau.
Frau Marianne, eine stattliche und noch immer schöne Vierzigerin, lässt die klappernden Nadeln in den Schoß sinken. Ihr Auge sucht durch die Blattpflanzen hindurch ein Stück des grauen, wolkigen Novemberhimmels. Dann seufzt sie einen Augenblick schwer auf, wie sie an ihren Jungen denkt, der da weit draußen auf der Südsee seinen schweren Dienst tun muss. Sie fährt sich über die Stirn. Dann fangen die Nadeln wieder zu klappern an. Es ist ja Narrheit, immer nur an Gefahr und Tod zu denken. Sie ist ein Seemannskind, sie war ein Seemannsweib, sie hats nicht anders gekannt, als dass die Männer in ihrer Familie zur See gegangen sind, warum zittert sie nur so unablässig um den Einzigen, da sie doch sonst niemals weder Grauen noch Angst gekannt?
Auch die Töchter hat sie verloren. Die älteste ist im Kindbett gestorben; die zweite, ein schönes, leichtsinniges Geschöpf, ist zu Grunde gegangen. Es ist ihr nichts geblieben, als ihr Hans und seine junge Frau.
Es war gewiss eine Thorheit gewesen, dass er so jung geheiratet hatte. Aber immerhin, es hat ihn glücklich gemacht. Er liebte das junge Weib, das eigentlich noch halb ein Kind war, über alles. Marianne hatte nicht das Herz »nein« zu sagen. Und so hat er das junge Ding ihr ins Haus gebracht, und Marianne sorgt so ziemlich für alles, was Not tut.
Sie wundert sich oft im Stillen über Alrun, dass sie an so viel anderes denken kann, als an ihren jungen Gatten; dass sie lachen kann, wenn die Herbststürme über das Bollwerk sausen, und verdrießlich sein konnte, als der warme Sommerwind noch lind über die Wellen im Hafen strich. Ja, es gab Marianne sogar einen Stich, wenn Alrun viel mehr von dem kleinen Hans sprach, den sie erwartete, als von dem großen, der fern im Süden auf den einsamen Wassern trieb, wenn sie allerlei kleines, weißes Zeug spielend in den hübschen Händen bewegte, während sie selbst unermüdlich Strümpfe und Unterkleider für ihren großen Jungen strickte.
Das Kleine, nun ja, es war ja gewiss ein Glück, dass es kam, und sie schwur auch darauf, wie Alrun es that, dass es ein kleiner Hans werden würde. Aber was wusste sie davon, was aus diesem Kinde einmal werden würde; und was sie an ihrem Hans, an ihrem Goldjungen besaß, das fühlte sie nie tiefer, als wenn er ferne war und sie sich vor Sehnsucht verzehrte nach seinem guten Gesicht mit den freundlichen, blauen Augen, nach seiner vollklingenden, jugendfrischen Stimme, nach seiner ganzen, gediegenen, stetigen Art. Und sie wusste, es war nicht nur Mutterliebe, die sie blind machte. Er galt überall als ein braver, vortrefflicher Mensch.
Am frühen Morgen war die Luft ganz still gewesen. Jetzt hatte sich der Nebel zerteilt und ein stößiger Wind war aufgekommen, so ein launischer, hinterlistiger Wind, der den Seeleuten zu schaffen macht.
Marianne fuhr jedesmal schreckhaft zusammen, wenn ein Windstoß vom Hafen gegen die niedre Hauswand prallte. Sonst war es noch immer ganz still im Hause und auf der breiten Straße vor ihren Fenstern. Die alte, holländische Wanduhr, die ihr Mann mal aus den Kolonien mitgebracht, hatte eben erst zehn geschlagen. Der Gottesdienst war noch im vollen Gange.
Plötzlich, ohne dass Marianne nahe Schritte vernommen hatte, wurde draußen die Klingel gezogen. Da auch das Mädchen, das heut seinen freien Tag hatte, nicht zugegen war, ging Marianne, um selbst zu öffnen.
Einen Augenblick hielt Marianne den Brief fest und zärtlich zwischen den Fingern der linken und streichelte mit der rechten Hand liebkosend darüber hin. Dann fuhr plötzlich ein jäher Schreck durch ihre Glieder. Die Schrift war nicht die Schrift ihres Jungen. Es war eine fremde Schrift. Eiskalt lief es ihr über den Rücken und ihre Hände flogen wie entsetzt vor dem Brief zurück, so dass er beinahe zu Boden gefallen wäre.
Warum gleich an das Schlimmste denken? Man hatte ja von keinem Schiffsunglück gehört. Vielleicht war Hans krank, eine ganz leichte Krankheit, und ein Kamerad schrieb statt seiner, um sie nicht in Unruhe zu lassen. Ja, das wars, das musste es sein.
Ihre Züge hellten sich förmlich auf und eilfertig zog sie nun die Stricknadel aus dem Strumpf Nummero sechs des neuen halben Dutzend und öffnete den breiten, fest verklebten Umschlag.
Weit vornübergebeugten Hauptes saß sie da. Der Brief war von ihren zitternden Knien herabgeglitten und zu Boden gesunken; statt seiner lagen die krampfhaft in einander verschlungenen Hände in ihrem Schoß und darüber hin murmelten die blutlos gewordenen Lippen wie gedankenabwesend dasselbe und immer dasselbe: »Das kann Dein Wille nicht gewesen sein, lieber Gott – das nicht.«
Die elf dumpfen Schläge der Wanduhr weckten sie aus ihrer stumpfen Verzweiflung. Nein, so war es nicht, so konnte es nicht sein. Sie hob den Brief vom Boden auf, strich ein paarmal über die Augen und begann noch einmal zu lesen, Wort für Wort, Silbe für Silbe:
Das Kommando erfüllt hiermit die traurige Pflicht, Ihnen die ergebene Mitteilung zu machen, dass Ihr Sohn, der Obermatrose Hans Harms, auf der Reise von Apia nach Auckland am 4. d. M., früh 7 Uhr, bei Ausübung seines Dienstes den Tod gefunden hat. Der Genannte fiel, als er sich als Ausguckposten auf der Vormarsraa befand, infolge Bruches derselben über Bord, und blieben die sofort angestellten und mehrere Stunden fortgesetzten Rettungsversuche bei dem äußerst stürmischen Wetter leider erfolglos.
Das Kommando bedauert mit Ihnen den Tod eines seiner besten Obermatrosen und spricht gleichzeitig die Versicherung aus, dass das Andenken desselben bei der Besatzung dauernd in Ehren gehalten wird. So überaus schmerzlich der Verlust ist, so dürfen Sie doch in dem Gedanken einen gewissen Trost finden, dass der Verschiedene getreu seinem Eide als braver Soldat im Dienste seines Kaisers und seines Vaterlandes sein Leben dahingegeben hat.
Sie stieß einen wilden, wahnsinnigen Schrei aus, in den sich etwas wie grimmiges Lachen mischte, Lachen über den Trost, den dieser Fremde da vermessen genug war, ihr geben zu wollen, ihr, einer Mutter, die ihr letztes Kind verliert.
Dann langsam, ganz langsam kam es ihr zu Bewusstsein, dass sie nicht die einzige sei, deren Dasein der Inhalt dieses Briefes vernichtete. Dass ein junges Weib auf der Welt war, dem der Sturm und die tückischen Wellen den Gatten, ein werdendes Kind, dem sie den Vater verschlungen hatten.
Marianne schluchzte auf. Das Kind, das lebendige Erbteil ihres Jungen, das einzige, was ihr von ihm übrig blieb. Wie hatte sie diese beiden vergessen können! Sie mussten geschont, getröstet, erhalten werden.
Mit einem Schlage hatte die Frau ihre Fassung wieder gewonnen. Ihre nächste Pflicht war es, Alrun schonend auf das Furchtbare vorzubereiten. Und mit dem Bewusstsein dieser Pflicht kam eine fast unnatürliche Ruhe, eine Art Fanatismus über sie. Der Gedanke, dass ihr Junge vor allem von ihr verlangt haben würde: schone und tröste mein Weib, nimm Dich meines Kindes an, gab ihr übernatürliche Kraft.
Sie sah auf die Uhr. Es war Mittagszeit. Alrun hätte von der Kirche längst zurück sein müssen. Sie war vermutlich noch zu einer Freundin gegangen, mit der sie plauderte und lachte – während Hans – die Frau durchschauerte es. Gleich aber richtete sie sich wieder stramm in den Schultern auf und machte sich daran, den Tisch zu decken.
Kaum, dass Marianne die letzte Gabel neben den Teller gelegt hatte, klang Alruns leichter Schritt unter den Fenstern auf – jetzt ging sie die beiden Steinstufen herauf, jetzt zog sie die Klingel.
Vor der Thür stand Alrun und lachte sie an. Einen Augenblick packte es Marianne mit wütendem Grimm, als sie die weißen Zähne zwischen den frischen roten Lippen aufblitzen sah, und die blauen Augen unter dem krausen Blondhaar mit den Lippen um die Wette lachten, aber sie fasste sich schnell und fragte, während sie beide in das Zimmer zurückschritten, in dem der Tisch gedeckt stand, ganz ruhig, nur mit etwas unsicherm Stimmfall, wo Alrun so lange gewesen sei.
»Gleich Mutter, gleich –«, die junge Frau warf sich übermütig auf den nächsten Stuhl – »lass mich nur erst zu Atem kommen. Wir haben so gelacht, Theda und ich, Du glaubst es nicht, Mutter, wie die kleinen Kinder – Du weißt doch, dass die »Windsbraut« seit gestern Abend im Hafen liegt – und Peter Larsen natürlich mit ihr – nur für ein paar Tage – sie müssen schon nächste Woche mit einer Ladung Stückgut wieder fort – und der Peter, der bleibt immer derselbe – was er uns alles für Schnurren erzählt hat – Theda, und die kleinen Krabben erst, die konnten garnicht genug kriegen – aber Du hörst ja garnicht zu, Mutter?«
Drunten auf dem Grunde des Meeres lag der Leichnam ihres Jungen – ihres herzlieben, einzigen Jungen – und seine junge Frau lachte, lachte über die läppischen Schnurren eines anderen, den die launischen Wellen sicher in den Hafen zurückgetragen hatten.
»Geh, geh, ich denke nicht daran. Ich – ich habe Hunger. – Es ist spät geworden – geh hinaus, trag' uns die Suppe auf – Minna isst heut bei ihrem Bruder draußen in Haidhof.«
Ein heiserer Schrei stieg in ihrer Kehle auf. Was quälte sie sich so! Wer weiß, ob es dies junge, leichtfertige Ding gleich zu Boden werfen würde, wenn sie ihm unvorbereitet sagte – dennoch – nein – wenn nicht um Alrun, um des Kindes willen wollte sie stark und liebreich sein.
Sie hatte eine weiße Schürze über das dunkelblaue Wollkleid gebunden. Ihr Gesicht strahlte in Frische und Jugend. Marianne blickte verstohlen nach ihr hin.
Sie war noch ein halbes Kind – warum sollte sie nicht fröhlich sein? Gerade diese Fröhlichkeit hatte Hans so sehr an ihr geliebt. Sie durfte sie deshalb nicht tadeln. O nein, gewiss, sie wollte es auch nicht.
»Weißt Du was, Mutter – ich hole Dir eine Flasche von dem kräftigen Rotwein herauf, den Kaufmann Steffen uns voriges Jahr abgelassen hat – der wird Dir gut tun –«
Sie war schon aus der Thür. Marianne lehnte den Kopf in beide Hände und stöhnte auf. Wenn Alrun nur irgend etwas aufgebracht hätte, an das sie sich hätte klammern können, irgend etwas, das es ihr möglich machte, von dem Entsetzlichen zu beginnen – eine Besorgnis – eine Unruhe. – Wenn sie nur über haupt von Hans gesprochen hätte – aber nichts, nichts als den Unsinn von Peter Larsen hatte sie im Kopf, daran dachte sie immer fort, auch während der gutherzigen, kleinen Sorgfalt für sie, dass wusste Marianne ganz gut.
»Brrr« – machte Alrun – »gehts schon wieder los. Heut nach der Kirche hats ordentlich gefegt, als wir bei Larsens saßen, aber das machte uns nichts – fidel waren wir – denk nur Mutter, in China –«
Die Frau war sich mit der Hand über die Stirne gefahren, um den perlenden Schweiß fortzuwischen, den die Todesqual ihr auspreßte. Alrun, welche die Bewegung bemerkt hatte, meinte:
»Das ist gut – nun wirst Du bald wieder auf dem Posten sein – siehst Du, meine Kur war ganz gut. Hans sagt immer, wenn der Schweiß kommt, ist der Mensch wieder gesund.«
»Hans – so – ja –.« Marianne gurgelte es förmlich heraus und dann plötzlich abgebrochen, gepresst: »Mich dünkt, Hans hat recht lange nicht geschrieben –«
»Hat Dir das die Laune verdorben, Mutter? Deswegen kannst Du ruhig sein. Noch nicht vier Wochen ist's her, dass der letzte Brief gekommen ist. Na, und wenn's nicht wäre, wenn er nicht geschrieben hätte! Du bist doch auch 'ne Seemannsfrau gewesen, Mutter. – Seemannsfrauen müssen nicht gleich den Kopf hängen lassen, die müssen lustig sein, das sagte auch Peter Larsen heute noch – und so eine wie ich, sagte er, müsse eigentlich jeder Mann auf See haben, dann wäre ihm das Herz nicht schwer, wenn er nach Hause dächte und er könnte noch einmal so gewissenhaft seine schwere Pflicht tun – und er würde sich nie eine andere nehmen, wie eine von meinem Schlag. Und nun, Mutter, wenn Dir's recht ist und Du doch nicht essen magst, können wir uns auch ebenso gut eine gesegnete Mahlzeit sagen.«
Marianne hatte von dem, was Alrun zuletzt gesprochen, kaum ein Wort gehört, jedenfalls nicht eins verstanden; alle ihre Sinne waren weit, weit fort. Ihre Augen sahen nichts, als den starren Leichnam ihres Kindes auf dem Grund des Meeres, ihre Ohren hörten nur das Rauschen und Rollen und Dröhnen von Sturm und Wellen, die an ihrem Kinde zum Mörder geworden waren, ihre Hände tasteten nach der Todesbotschaft, die sie auf der Brust eingeknöpft trug.
Mechanisch erhob sie sich. Dann, ohne dass sie es eigentlich wahrgenommen, hatte sie ein dunkles Gefühl, dass Alrun das Zimmer verlassen habe, dass sie allein sei.
Alrun fuhr vor diesem gänzlich ungewohnten Ton zurück. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Was sollte das bedeuten? Die Mutter, die ihr auf Hans' Geheiß jeden Willen ließ, verbot ihr plötzlich ein ganz unschuldiges Vergnügen, wie einem kleinen Kinde, ohne Grund, ohne Ursache.
»Ich – ich werde heut nicht zu Onkel Willem gehen – ich – Du weißt ja – ich bin nicht ganz auf dem Posten. Aber wenn Du noch ausgehen willst – um meinetwillen brauchst Du nicht zu bleiben –«, Marianne stockte, – »nur gerade nach Wolfshagen mit den Beiden – eine förmliche Lustpartie –«
»Eine Lustpartie nun gerade nicht – aber lustig wärs schon gewesen mit Theda und Peter –« dann zuckte sie mit den Achseln und war mit einer raschen Bewegung zur Thür hinaus. Marianne hörte, wie Alrun die Thür ihrer kleinen Wohnung jenseits des Flurs heftig ins Schloß warf.
Nach Tisch pflegten die Frauen, wenn keine besondere Hausarbeit vorlag, mit einer Näherei beschäftigt in Mariannens Zimmer zu sitzen. Dann und wann kam auch wohl gerade um diese Stunde ein Besuch.
Nach einer Stunde verzweifelnden Brütens kroch die Frau mehr als sie ging, über den Gang bis vor Alruns Zimmerthür. Es kostete sie einen schweren Entschluss, das kleine warme Nest zu betreten, das ihr Junge mit so viel Liebe für sein junges Glück geschmückt, und das er nun auf immer mit dem kalten Wellengrabe vertauscht hatte.
Leise klinkte Marianne die Thür auf. Alrun saß auf dem erhöhten Tritt am Fenster, an dem die Nelkenstöcke blühten und nähte an einem winzigen Stückchen Leinewand.
Sie nickte der Eintretenden zu, ohne das Auge von der Arbeit zu erheben. Die Frau war mitten im Zimmer stehen geblieben. Ihr Herz war nicht so verhärtet durch den furchtbaren Schicksalsschlag, dass es dies liebliche Bild harrenden Mutterglücks nicht in sich aufgenommen hätte. Und das alles hatte der Tod ihrem Hans geraubt!
Alrun war neben der Ohnmächtigen niedergekniet. Sie hatte ihr das Gesicht mit Wasser benetzt, ihr die kalten, erstarrten Hände gerieben, Marianne hat sich nicht gerührt. Da war Alrun entsetzt vor ihr zurückgewichen. Mein Gott, wenn sie tot wäre! Sie hatte um Hilfe rufen wollen, da war ihr eingefallen, dass das Haus leer war, dass sie allein sei mit der Bewusstlosen.
Ein schwerer, stöhnender Laut von Mariannens Lippen hatte sie wieder an ihre Seite getrieben. Sie öffnete ihr die Taille, um der Schweratmenden Luft zu schaffen. Da fiel ihr ein zerknittertes Briefblatt entgegen. Mit den Augen fuhr sie flüchtig darüber hin, dann starrte sie auf das Blatt, wie Marianne zuvor getan. Aber nicht lange, so kamen ihr die befreienden Tränen, und ungestüm ihren Schmerz laut ausschreiend, warf sie sich über den ohnmächtigen Leib der Mutter.
Am Ostersonntag gab Alrun einem kräftigen Knaben das Leben. Als Marianne das Bürschchen im Arm hielt, und das einzige, was von ihrem Jungen übrig geblieben war, ans Herz drückte, zog das erste wehmütige Lächeln über ihre Züge.
Ein Seufzer, leise genug, dass Alrun ihn nicht hören konnte, stahl sich über ihre Lippen. Sie würde dies Kind niemals lieben können, wie sie seinen Vater geliebt hatte und noch heute liebte.
Hatte sie vor der Geburt des Kindes schwermütigen Anwandlungen unterlegen und mehr als einmal sich und dem Kinde den Tod gewünscht, da sie ja doch einsam und verlassen durch die Welt würde gehen müssen, so erinnerte jetzt, als ihr die Kräfte wiederkamen, nichts in ihrem Wesen mehr daran, welch einen Verlust sie seit Monatsfrist zu beklagen hatte.
Alrun sprach auch selten nur von dem Toten. Sie ging völlig in dem Kinde auf, das man nach dem Vater Hans genannt hatte. Sie spielte und tändelte, lachte und jauchzte mit dem kleinen Menschenbündel, sorglos und gedankenlos, als ob es keine Vergangenheit, keine Zukunft für sie gäbe. Zuerst mit einer Art wehmütiger Freude, dann mit Kopfschütteln, zuletzt mit schlecht verhehltem Ingrimm sah Marianne diesem kindischen Getändel zu.
Hatte dies junge, kindische Weib keinen Gedanken mehr für den, dem sie den Knaben hatte gebären sollen? Keine Tränen mehr für den, der ihr Glück nicht hatte teilen dürfen, der elend zu Grunde gegangen, tot und verwesend am Meergrund lag, ohne Sonne, ohne Liebe – während sie, die er über alles geliebt hatte, Leben und Glück in vollen Zügen genoss!
Es stieg etwas Heißes in der Brust der Frau auf, das beinah dem Hasse gleich kam. Dann suchte sie ihren leidenschaftlichen Grimm zu bezwingen. Sie sagte sich's wieder und immer wieder, dass es am Ende doch auch nur der natürliche Zug der Mutter zum Kinde sei, den sie da vor sich sah. Aber sie kam nicht weit damit. In ihrer Schmerzversunkenheit gab es für Marianne für jetzt nur eine Mutter – und das war sie selbst, und nur ein Kind – das ihre. Das aber war vergessen da, wo es am meisten geliebt hatte, und über seinem frühen Grabe wurde gelacht und getändelt.
Gegen den Herbst zu änderte sich manches in Alruns Wesen. Sie schien kein volles Genüge mehr darin zu finden, sich stundenlang nur mit dem Kleinen zu beschäftigen, oder an seiner Wiege sitzend seinen Schlaf zu bewachen. Mehr und mehr überließ sie das Kind Mariannen, während sie selbst draußen ruhelos umherwanderte.
Marianne schob diese Rastlosigkeit auf den wieder erwachenden Schmerz um den Verlorenen, dessen Todestag nahe bevorstand, und die Bitterkeit gegen Alrun begann sich langsam zu lösen.
Auch der Kleine wuchs ihr mit den zunehmenden Pflichten, die sie für ihn übernommen hatte, wärmer ans Herz. Marianne fing an, das Kind zu lieben, und mit diesem Gefühl zog ganz langsam eine Art versöhnender Friede in ihre Brust.
Sie sah es geduldig und freundlich mit an, dass Alrun jetzt wieder häufig bei Theda Larsen vorsprach, und Theda Alrun besuchte. Ja sie selbst suchte zuweilen die Gesellschaft der Freundinnen und zwang sich, Anteil an ihren Gesprächen zu nehmen, die gesetzterer Art zu sein schienen als früher, wenigstens war Alrun schon lange nicht mehr mit Lachen von Theda heimgekommen, und auch von Peter, der noch immer mit der »Windsbraut« auf See war, war nicht mehr – in Mariannens Gegenwart wenigstens nicht – so viel die Rede.
Im tiefsten Grunde ihres Herzens mochte Marianne die Larsens mit ihrer immer gleichen Lustigkeit, mit ihrem brutalen Glücksbedürfnis, mit ihrem Dünkel minder Begünstigten gegenüber nicht leiden. Es war ja richtig, dass alles, was die Larsens anfingen – ohne dass sie einen Pfennig Vermögen gehabt hätten – einschlug, dass sie alles erreichten, was sie erreichen wollten, selbst wenn es noch so leichtfertig eingefädelt war, dass Krankheit und Sorgen und Tod sie verschonten.
Aber Marianne haßte das Auftrumpfen der Larsens auf ihr stadtbekanntes Glück, und die brutale Rohheit, mit der sie meist dazu kamen, verletzte ihr Feingefühl aufs tiefste. Dennoch blieb sie geduldig der neu gepflegten Freundschaft Alruns gegenüber. Die augenscheinliche Erregung, in der das junge Weib sich befand, hatte ihr ans Herz gegriffen.
Oft, so hörte Marianne, zog es Alrun allein durch die Haide bis an den Strand. Was anders konnte sie an das mörderische Meer hinaustreiben, als der Schmerz um den Toten, als die qualvolle Sehnsucht, einen Blick auf den Riesensarg zu tun, in dem er gebettet lag?
Wenn Alrun jetzt nach Haus kam, grüßte sie zum ersten Mal seit Hans' Tode ein wirklich inniger Blick aus Mariannens Augen, aber Alrun wich diesen Blicken aus, und Marianne suchte beschämt die Schuld in sich selbst. Sie hatte Alrun verletzt und zurückgestoßen, aber es sollte wieder besser werden zwischen ihnen, es musste besser werden, um des armen Jungen willen, der da unten lag.
Draußen stürmte es wie an jenem Tage, da der Briefbote die Todesbotschaft in das kleine Haus am Bollwerk gebracht hatte. Dürre Kastanienblätter wurden zu Haufen bis unter die Fenster gewirbelt, hinter denen noch immer die Blattpflanzen und die Nelken standen.
In Mariannens Herzen stieg eine wirklich zärtliche Sorge um Alrun auf. Wo sie nur blieb! Man konnte ja heute beinahe auf festem Lande Unglück haben. Auch das Kind war heut unruhig. Es schrie und wollte nicht in seinem Bettchen bleiben. Marianne trug es leise singend hin und her, – aber dazwischen hörte sie immer wieder auf den zunehmenden Sturm.
Eine unheimliche, beängstigende Ahnung wie von nahendem Ungkück hatte sich ihrer bemächtigt. Es war beinahe, als ob sie noch einmal um ihres geliebten Jungen Leben zu zagen gehabt hätte.
Da endlich klang Alruns Schritt unter dem Fenster wie an jenem Sonntagmorgen. Marianne legte den Kleinen trotz seines Sträubens rasch in die Wiege zu rück und öffnete selbst die Thür, noch ehe Alrun die Klingel gezogen hatte.
Erschreckt wich Marianne vor Alruns Anblick zurück. Von Sturm zerzaust, von Erinnerungen gefoltert, hatte sie Alrun zurückerwartet. Die da vor ihr stand, war ein Bild blühender Jugend und Schönheit, lachenden, begehrlichen Lebens. Alruns tiefblaue Augen glänzten wie Edelgestein. Ihre vollen Lippen blühten und glühten und ihre rosigen Wangen waren wie von warmer Freude angestrahlt. Dem jungen Weibe entging der erschreckte, dann beinahe starr werdende Blick Mariannens nicht. Eine heiße, verlegene Röte flog über ihr Gesicht. Dann, ohne eine Wort zu sprechen, eilte sie ins Zimmer, stürzte auf die Wiege zu, riss den Kleinen heraus und an ihre Brust, ihn mit ihren Küssen schier erstickend, bis er mit Händen und Füßen sich wehrend, laut aufschrie, und die Ärmchen nach Marianne ausstreckend, von Alrun fortbegehrte.
Auf Alrun schien sein Fortbegehren keinen besonders tiefen Eindruck zu machen. Sie gab dem Kinde einen kleinen, scherzhaften Klaps und trat dann vor den Spiegel. Sie nahm den Hut ab, strich das krauslockige Haar von den Schläfen hinter die Ohren zurück, betrachtete angelegentlich den Schnitt ihres hübschen, noch immer dunkeln, aber nicht mehr schwarzen Wollenkleides und wandte sich dann leicht verlegen wieder nach Marianne um, die gerade im Begriff war, das in ihren Armen sogleich ruhig gewordene Kind in die Wiege zurückzulegen.
»Er war ein bischen unruhig, unser Hans, aber sonst sehr brav den ganzen Tag über, während Du draußen warst.« Und als Alrun nicht antwortete: »Wo in aller Welt bist Du denn so lange gewesen – Du weißt – ich frage sonst nicht viel – ist meine Sache nicht – aber bei diesem Sturm – und nun kommst Du nach Haus – so – so eigen – beinah' als ob Du Wein getrunken hättest –« Alrun hatte sich wieder abgewendet, so dass Marianne, die an der Wiege saß, nur die Fülle ihres Blondhaars und ein Stückchen ihrer rosigen Wange gegen den verdämmernden Tagesschein sah.
»Ich – ich war erst im Hafen – im Osthafen und dann bei Theda – wir haben uns verplaudert –« und dabei senkte sie den Kopf tief auf die wogende Brust hinab.
Marianne runzelte die Brauen. Sie fand den Schlüssel zu Alruns auffälligem Gebahren nicht, aber sie war überzeugt, dass irgend etwas Besonderes dahinter stecke. Irgend etwas, das ihr verheimlicht werden sollte.
»Du sprachst da eben – von Wein. Haben wir noch von dem guten, weißt Du, den ich Dir einmal heraufholte, als Du nicht so ganz bei Wege warst – bei irgend einer Gelegenheit,« fügte sie zerstreut hinzu, die Gelegenheit mit ihren Gedanken suchend.
Jede Minute des entsetzlichen Tages, an dem die Nachricht von Hans' Tode gekommen war, stand unverrückt und unablässig vor ihrem Auge, und sie, seine Frau –
Das also war's! Peter Larsen war wieder da. Das bedeuteten Alruns strahlende Augen, ihre blühenden, lachenden Lippen! Und plötzlich zerriss etwas vor Mariannens Augen, das all die Zeit wie ein Vorhang darüber gelegen hatte. Er war nicht nur da – nein, er war erwartet – heiß und sehnsüchtig erwartet worden. Alruns ruheloses Wesen hatte nicht der Trauer um einen Toten, sie hatte der Sehnsucht nach einem Lebenden gegolten. Nicht die Grabstätte verlorenen Glücks hatte sie draußen am Strand gesucht, neuer Hoffnung, neuem Lebensglück hatte sie sehnsüchtig harrend entgegengeblickt. Die Arme, die Lippen, die ihren Jungen geherzt hatten, würden bald einen an dern umfangen, während er – ihr Hans – – –
Tastend, wie Hilfe suchend, hatte Marianne die Hand über den Rand der Wiege gelegt und das Fäustchen des Kindes umklammert. Das hielt sie nun fest, und jetzt erst konnte sie sprechen. Aber so weit konnte sie sich nicht überwinden, Alrun das Geständnis, das sie auf den Lippen hatte, leicht zu machen.
»Und Wein, Wein willst Du gar geben, weil Peter Larsen kommt, als ob es etwas Besonderes mit dieser Ankunft wäre – als ob die »Windsbraut« jetzt nicht alle paar Monate im Hafen läge.«
»Ja aber heut – heut – ach Mutter –« und plötzlich brach Alrun in eine Art schluchzendes Lachen aus, dann, ebenso plötzlich, stürzte sie der steif und mit einem bitteren Zug um die Lippen dasitzenden Marianne um den Hals.
Sie konnte es nicht ertragen, den weichen Körper des jungen Weibes so dicht an dem ihren zu fühlen, der vor Liebe und Verlangen nach einem fremden Mann bebte.
Marianne löste sich langsam von der Wand, an der sie bisher wie festgewurzelt gestanden hatte. Schweren, schleppenden Ganges schob sie sich langsam auf Alrun zu.
Hans würde nicht so hart gewesen sein! Sollte Alrun in ihrer Einfalt das erlösende Wort gefunden haben! Würde Hans, wenn er auf sie herabsehen könnte, auch in dieser Stunde wie in so mancher anderen, da Marianne kopfschüttelnd vor einer Thorheit des kindischen Weibes gestanden, ihr sagen:
Marianne bewegte heftig abwehrend den Kopf. Sie, sie konnte es nicht. Heut war Alrun kein Kind mehr. Vieles, alles hatte sich geändert, sie war Witwe, sie war Mutter geworden. Waren denn all diese Ereignisse, die jedes andere Weib gereift haben würden, ausgelöscht und getilgt? Lebte denn nichts anderes in diesem leichtfertigen Geschöpf als der unstillbare Durst nach Liebe, Leben, Glück?
Alrun blickte hoffend durch die Dunkelheit zu ihr auf, und wie ein Kind, das da fühlt, dass man im Begriff ist, nachzugeben und ihm den Willen zu tun, fuhr sie, eifrig Mariannens Rede fortsetzend fort:
Mit eiligen, kleinen, trippelnden Schritten lief sie zum Zimmer hinaus und die Kellertreppe herunter. Sie holte den Wein herauf, setzte ihn auf und Gläser und Backwerk dazu, zündete die Lampe an, und dann schob sie den kleinen Hans weiter noch in eine dunkle Ecke des Zimmers.
Sie war gerade mit ihren Vorbereitungen fertig geworden, als sie unter dem Fenster Peter Larsens Schritt vernahm. Sie lauschte einen Augenblick mit vorgebeugtem Haupt ob Thedas daneben laut wurde. Dann huschte ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht, er kam allein. Leise, damit die Mutter auf der andern Seite des Flurs es nicht hören sollte, schlich sie zur Hausthür und öffnete, ehe noch Peter die Klingel gezogen hatte. Dann legte sie die Finger auf die Lippen und zog ihn ins Zimmer hinein.
»Wird sich geben,« meinte er gleichmütig. Dann, nachdem er die Mütze in einem Winkel geworfen, zog er Alrun auf sein Knie und drückte die volle, weiche Gestalt heftig an sich.
Sie selbst hatte es noch nicht über sich gewonnen, ihn zu küssen. Es war als ob noch etwas zwischen ihnen stehe, etwas unsichtbares, das erst gebannt werden müsse.
»Was soll denn das kindische Zieren? Wenn Du doch mal mein Weib werden willst, musst Du mich auch herzhaft küssen können. Gehts nicht – na denn adieu überhaupt.«
Alrun fuhr zusammen. Sie hatte solche Sprache noch nie gehört. Hans war immer nachgiebig gewesen; alles, was sie that, war ihm recht und gut und schön erschienen, und er, den sie über alles liebte, um dessentwillen sie die fürchterliche Stunde mit der Mutter durchgemacht hatte, fuhr gleich in der ersten Stunde wie Sturmwind über sie hin.
Ein triumphierendes Lächeln spielte um Peters volle Lippen, in seinen dunkeln Augen, dann sprang er auf, fasste Alrun um den Leib und hob sie mit seinen kräftigen Armen ohne jede Anstrengung vom Boden auf, sodaß sie einen Augenblick in der Luft schwebte.
In ihrer verliebten Versunkenheit hatte keiner von ihnen beiden es bemerkt, dass der kleine Hans drüben in seinem dunkeln Winkel wach geworden war, sich in der Wiege aufgerichtet und mit großen, fragenden Augen zu ihnen herübergeschaut hatte. Erst jetzt, als das Kind beim Anblick des großen, fremden Mannes kläglich zu weinen begann, eilte Alrun an die Wiege, um es zu beruhigen.
Ungeduldig, mit eifersüchtigem Ärger, sah Peter ihren Bemühungen zu. Als das Kind nicht still werden wollte, machte er von Alrun ungesehen eine heftig ausholende Bewegung mit der Hand, dann küsste er Alrun flüchtig auf die Stirn und eilte, ohne ein weiteres Wort, davon.
Marianne, die das Geschrei des Kindes gehört hatte und Peter Larsen dann im Schein der gegenüberliegenden Straßenlaterne forteilen sah, faltete die Hände und sagte:
Man rechnete es Marianne Harms hoch an, dass sie darauf gedrungen hatte, Alrun auch mit ihrem neuen Gatten in dem Häuschen zu behalten. Man bedauerte sie sogar dieses opfermütigen Entschlusses wegen. Es musste ihr doch schwer ankommen, an Stelle ihres Sohnes nun tagaus tagein einen Fremden an der Seite der jungen Frau zu sehen.
Das Opfer, sich von dem kleinen Hans zu trennen, der in dieser Ehe schwerlich zu seinem Recht kommen würde, wäre ein weit größeres gewesen. Und dann hatte es noch einen Grund für Marianne gegeben, Alrun mit ihrem Mann im Hause behalten; sie wollte durch ihre stete Gegenwart das Andenken an ihren armen, so rasch verdrängten Jungen aufrecht erhalten. Die Erinnerung an ihn sollte nicht ganz und gar ausgestrichen sein aus Alruns Leben. Das war sie ihrem Toten schuldig.
Trotz ihres sprichwörtlichen Glückes in allem, was sie anfingen, waren die Larsens mit Reichtümern nicht gerade gesegnet, und da Peters Gehalt als zweiter Steuermann noch immer nicht mehr als hundert Mark pro Monat betrug und er Alrun ohne die Aussicht auf den Harmsschen Besitz schwerlich geheiratet hätte, stimmte es nur mit seiner Rechnung überein, sich in das fertige, warme Nest zu setzen und gemeinsam mit Frau Marianne zu wirtschaften. Auch dass der Junge, der ihm eine entsetzliche Last war und der ihn in seinem Zusammenleben mit Alrun störte, auf diese Weise den größten Teil des Tages in der Obhut Mariannens sein würde, war ein Vorteil, auf den er stark gerechnet hatte.
Alrun war wieder mal das reine Kind gewesen, dass sie so heftig aus dem Hause der Mutter fortbegehrt hatte. Nein, darauf hatte er's wahrlich nicht abgesehen, sich zu quälen und zu schinden. Er wollte sein Leben und Alruns Liebe genießen. Was kümmerte ihn die Erinnerung an Hans Harms? Mochte sein Andenken schrecken, wen es wollte, ihm that es nichts an. Und auch für Alrun fürchttee er nichts.
Sie war ihm so ganz, so sklavisch zu eigen, dass er nicht die geringste Ursache hatte, vor den Gespenstern der Vergangenheit zu zittern. Er hatte das junge Weib mit seiner brutalen Leidenschaft so fest an sich gekettet, dass kein Toter und kein Lebender sie aus ihrem Glückstaumel aufzuschrecken vermochte. – –
Obschon es aller Voraussicht nach bei dieser einen Fahrt vorerst sein Bewenden haben würde und die »Windsbraut«, nachdem sie gelöscht und frisch geladen, ohne weiteren Aufenthalt wieder heimkehren würde, geberdete sich Alrun wie eine Wahnsinnige. Marianne kannte sie kaum wieder.
Wie von einem aufkeimenden Gefühl von Ekel ergriffen, sah sie in diesen Tagen auf Alrun, die sich so weit vergaß, selbst in Gegenwart der Mutter, sich in ungebändigter Leidenschaft an den Mann zu hängen, den sie auf kurze Zeit entbehren sollte. In solchen Augenblicken hätte Marianne Peter Larsen mit kaltem Mut ans Leben gekonnt.
Wie stumpfsinnig lebte die junge Frau dahin bis die erste telegraphische Nachricht aus einem Küstenorte kam, in dem die »Windsbraut« noch Stückgut aufzunehmen hatte. Dann, als sie Peter wieder auf See wusste, erbebte sie bei jedem Windstoß, der um das Haus fuhr, trotzdem das Wetter für die Jahreszeit ungemein günstig und die Seeberichte durchaus und andauernd beruhigende waren.
Jeder Windstoß, der Alrun heut erzittern machte, erinnerte Marianne an jenen furchtbaren Sturmtag, an dem man ihr die Nachricht von Hans' Tode gebracht, während Alrun eine Lustpartie verabredet hatte.
Die gequälte Frau zermarterte sich den Kopf wieder und immer wieder über dieselbe Frage: Wie war es möglich, dass das feine, zartsinnige Wesen ihres Jungen, seine hingebende selbstlose Liebe nicht annähernd die Gegenliebe in Alrun erweckt hatte, als Peter Larsens bis zur Rohheit gewaltthätige Leidenschaft und selbstsüchtige Tyrannei?
Ja, sie fragte sich oft und öfter: hatte Alrun ihren Hans überhaupt je geliebt, oder hatte sie ihn nur genommen, um versorgt zu sein, da sie allein und mittellos in der Welt stand? War alle Liebe, alle Hingebung ihres guten Jungen, die sie dem jungen Weibe oft insgeheim mit blutendem Herzen beneidet hatte, an eine Gleichgiltige verschwendet worden, deren Herz und Sinne erst ein Mann von Peter Larsens Art zu wecken imstande gewesen war?
Die Bitterkeit stieg ihr bis in den Hals hinauf. Sie meinte oft, sie auf der Zunge zu spüren, und es gab Tage, an denen Marianne keinen Bissen über die Lippen brachte, in so stark physischen Äußerungen trat das Gefühl seelischer Verbitterung bei ihr auf.
Einzig die Fürsorge für den kleinen Hans, der nun schon ein ganz ordentliches, kleines Menschenkind geworden war, vermochte es, ihrer besseren Natur wieder aufzuhelfen und den tiefen Groll, den sie gegen Peter Larsen und Alrun empfand, immer wieder, auf kurze Zeit wenigstens, zurückzudrängen.
Alrun fragte jetzt in ihrer stumpfsinnigen Versunkenheit, die mit einer förmlich wütenden Sehnsucht nach dem fernen Gatten abwechselte, kaum noch nach dem Kinde, dem Marianne die eigentliche Mutter war. Der kleine Bursch dagegen hing mit einer förmlich anbetenden Liebe an Alrun und ließ nicht ab, in rührendster Weise um ihre Gegenliebe zu werben.
Wenn er einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, sich seiner Mutter auf den Schoß oder in die Kleiderfalten zu stehlen, konnte er still vor sich hin weinen, wie ein Erwachsenes, dem ein großer, verschwiegener Kummer das Herz abdrückt.
Als Peter Larsen wiederkam, hatte das Kind noch schlechtere Tage. Instinktiv begann es in seinem Stiefvater den Feind zu fühlen, der ihn vollends um die schon so spärliche Liebe der Mutter brachte, und wenn er die beiden liebkosend bei einander fand, konnte er kirschrot vor Wut werden und die kleinen Fäustchen ballen. Niemals aber kam ein Laut über seine Lippen. So klein er war, er verbiß den eifersüchtigen Groll in sich hinein.
Wenn Marianne zufällig Zeugin solcher Szenen war, krampfte sich ihr das Herz zusammen. Mein Gott, was sollte aus dem allen werden! Der Tote vergessen, jede Erinnerung an ihn in den Küssen des andern erstickt, das einzige, was von ihm geblieben, sein unschuldiges Kind, in seinem natürlichsten Empfinden, der Liebe zur Mutter, erbittert und gekränkt!
Aber dann sagte sie sich wieder, dass sie es tragen müsse, weil es die letzte Liebespflicht gegen den Toten und sein armes, vaterloses Kind sei. Auch sollte, auch musste es anders werden, so oder so. Marianne hatte sich's zugeschworen.
Wenn nur Larsen erst wieder draußen war, dann wollte sie ihren Zorn gegen Alrun schon bezwingen. Das junge Weib war ja liebebedürftig. Sie würde liebevollem Zureden sich nicht verschließen. Dann wollten sie wieder gemeinsam Erinnerungen an den Toten austauschen, dann wollte sie versuchen, das Herz der Mutter für ihr Kind zurückzugewinnen.
Zwar war Peter Larsen auch jetzt, besonders abends, viel von Haus abwesend. Wenn er Alruns überdrüssig war, ging er in den »Seeadler«, wo er immer Kameraden traf, und da er meist sehr spät in der Nacht erst nach Haus zu kommen pflegte, hätte Marianne auch jetzt schon Zeit und Muße gehabt, ihren guten Vorsätzen folgend, auf Alrun einzuwirken.
Dennoch hielt sie noch zurück. Bei dem beinahe dämonischen Zwang, den Peter auf Alrun übte, hätte ein einziges Wort von ihm genügt, alles, was sie vielleicht bei Alrun erreicht, wieder über den Haufen zu werfen. Nein, er musste erst ganz aus dem Wege sein, ehe sie ihr Liebeswerk beginnen konnte. Die »Windsbraut« musste ja jeden Augenblick Fahrorder bekommen, und diesmal würde sie zweifellos nicht schon nach Monatsfrist wieder im Hafen sein.
Eines Abends im Spätherbst, die Frauen hatten kaum eine Stunde bei der Lampe einander gegenüber gesessen, kam Larsen herein gestürmt. Er warf die Mütze nach seiner Gewohnheit in die erste beste Ecke und sich selber fast ausgestreckt auf den leerstehenden Stuhl zwischen die beiden Frauen.
»Kannst die Thränenschleusen wieder aufziehen, Alrun, Montag gehts nach Singapore, und dann so weiter, werden wohl diesmal ein paar Jährchen rauskommen. Na, na, heul nur nicht gleich los; so schlimm ists nicht gemeint. Ist schon Order da, dass wir von Singapore erst noch mal zurück müssen, wegen der Getreideladungen. I, zum Kuckuck, Alrun, Du erstickst mich ja!«
An allen Gliedern bebend, war sie ihm um den Hals geflogen und hielt die Arme so fest um ihn geschlungen, dass der kräftige Mann sich ihrer kaum zu erwehren vermochte.
Marianne war aufgestanden und hatte stumm und finster das Zimmer verlassen. Ehe sie ihre Wohnung betrat, hörte sie noch, dass ein Stuhl heftig fortgeschleudert wurde, und das laute Auflachen Larsens. Dann wurde es still und von den beiden war den Abend über nichts mehr zu sehn.
Am Morgen erschien Alrun mit dick verweinten Augen beim Frühstück. Auch Peter schien nicht gerade rosiger Stimmung zu sein; er machte sein brummigstes, unliebenswürdigstes Gesicht.
Unwillig wandte er den Kopf, als der kleine Hans mit seinen unsicheren, trippelnden Schritten an Mariannens Hand hineingetappt kam. Mit entzückender Unbeholfenheit und einem reizenden Ausdruck zärtlicher Scheu schlich sich das Kind an die Seite der Mutter. Als es zwischen Peter und Alrun stand und die Mutter am Kleid zupfte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, sprang Peter heftig auf und riss das Kind bei Seite, dass es hart auf den Boden auffiel.
»Du fehlst mir gerade noch, unnützer Bengel,« schrie er das weinende Kind an und stürzte dann zur Thür hinaus, die er krachend hinter sich ins Schloß warf, Alrun aufschluchzend hinter ihm her, ohne auch nur einen Blick für ihr weinendes Kind zu haben.
Der Blick schnitt Marianne durch die Seele. Es war der Blick ihres toten Jungen, der Blick, den er stets gehabt als Kind, als Knabe, als Jüngling, als Mann, wenn er in seiner wortlos stillen Art irgend etwas von ihr hatte erbitten wollen. Ihr liebevolles Herz hatte diesen stummen Blick stets richtig deuten gelehrt. Las sie ebenso scharfsichtig in dem Herzen ihres Kindeskindes?
Bedeutete der Blick wirklich das, was sie darin zu lesen glaubte? Wollte dies Kind mit seinem Blick ihr sagen, was es noch nicht in Worte kleiden konnte – »hilf mir – befreie mich von dem Mann, der mir das Herz meiner Mutter gestohlen hat,« oder war es nur der instinktiv schutzsuchende Blick eines mißhandelten Kindes?
Eine Stunde später brachte Theda Alrun heim und half ihr sich zu Bett zu legen, ohne dass Marianne, die gerade mit dem Kleinen beschäftigt war, ihre Schwiegertochter auch nur gesehen hätte.
Gegen neun Uhr, nachdem sie Theda hatte fortgehen hören, klopfte Marianne noch einmal an die Thür von Alruns Zimmer – keine Antwort. Behutsam versuchte sie die Thür zu öffnen – sie war verschlossen – drinnen regte sich nichts.
Am nächsten Morgen verließ Alrun schon früh das Haus. Marianne mutmaßte, dass sie zu ihrer Schwägerin gegangen sei, um bei ihr den Trost zu suchen, den sie zu Haus nicht finden zu können schien.
Das durfte nicht sein. Marianne hatte sich's zugeschworen, Alrun sich und dem Kinde, und wenn es sein konnte, der Erinnerung an ihren Jungen zurückzugewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen, musste Alrun vor allem erst wieder Vertrauen zu ihr fassen.
Wäre nur dieser unverständig wilde Schmerz um die Abwesenheit des Mannes nicht, wie viel leichter würde es Marianne sein, Alruns Herz wieder zu gewinnen.
Ruhiger als Marianne erwartet hatte, kam Alrun von Theda zurück. Auch das Mittagbrot in Gesellschaft des Kleinen, der auf seinem hohen Stühlchen zwischen den Frauen saß, ging ohne Verzweiflungsausbruch vorüber.
Das gab Marianne Mut, Alrun den Vorschlag zu machen, wie früher wohl nach dem Essen mit einer Handarbeit zusammen zu bleiben. Alrun willigte mit einem müden Blick ein. Das Kind spielte auf einem Otterfell zu Mariannes Füßen, nachdem es vergebliche Versuche gemacht hatte, der Mutter auf den Schoß zu kriechen.
Marianne sah beklommen zu Alrun herüber. Als sie den leeren Blick gewahrte, mit dem die Frau über das Kind fort durch das Fenster zu dem dickbewölkten Himmel aufstarrte, kam ihr plötzlich der Gedanke, ob es nicht am Ende besser für sie alle gewesen sei, wenn Alrun auch Peter ein Kind geschenkt hätte.
Auch in diesem Augenblick versuchte sie keineswegs vor sich selbst zu verbergen, dass sie mit einer gewissen Genugthuung stets an dem Gedanken gehangen hatte, dass wenigstens Alruns Mutterschaft ihrem Hans allein gehört habe. Aber eben so ehrlich gestand sich Marianne in diese Stunde ein, dass diese Genugthuung nur ein selbstisches Empfinden gewesen sei, dass Alruns Leidenschaft für Peter, wenn sie auch ihm ein Kind geboren hätte, einen gesunden und natürlichen Abzug gefunden, und dass dem kleinen Hans, Schulter an Schulter mit einem zweiten Kinde, ein ganz anderes Leben, eine ganz andere Jugend erblüht wäre.
Nun, der Himmel konnte ja diesen Segen noch geben. Vielleicht auch, dass Alrun, bitter und verschlossen wie sie geworden war, das Fehlen dieses Segens schwer empfand und Peter Larsen mit ihr. Vielleicht dass seine Rohheit gegen das arme vaterlose Kind nichts als Neid darüber war, dass Alrun ihm keines geschenkt.
In diesem Augenblick wandte sich der kleine Hans mit einer halblauten Frage an Marianne. Ihm sanft über den blonden Krauskopf streichend, beantwortete sie des Kindes Begehr, dann wandte sie sich mit auf das Haupt des Kindes gesenktem Blick zu Alrun und sagte leise, ruckweis, als ob sie sich's abringen müsste:
Der ganze wilde Haß gegen die selbstische brutale Natur des Mannes stieg wieder in ihr auf. Aber sie beherrschte sich und sagte nach einer kleinen Pause mit ruhiger Stimme:
»Wie verschieden doch die Männer sind, auch auf diesem Punkt. Weißt Du noch wie beglückt uns Hans über Deine Mutteraussichten schrieb, die ich ihm zuerst mitteilen musste, weil Du Dich schämtest, dummes kleines Ding, das Du warst.«
Auf dem Nähtisch am Fenster, vor dem sie saß, stand neben dem großen Strickkorb ein kleines Kästchen aus Pernambucoholz, das ihr Hans einmal aus Brasilien mitgebracht hatte; das klappte sie auf und nahm von den Briefen, die es verwahrte, einen der obersten heraus.
»Und wie Du glücklich warst, Alrun, als die Antwort kam« – fuhr sie fort, ohne nach ihrer Schwiegertochter hinzublicken – »gerade habe ich sie zur Hand. Hör' doch, Alrun, was Hans damals schrieb.«
»Was Du mir über Alrun und ihre große Hoffnung schreibst, Mutter, hat mich ganz beseligt. Ich lege natürlich einen Brief für mein liebes, kleines Weib bei. Dir aber muss ich sagen, dass sich mit dieser Nachricht mein höchster Wunsch erfüllt hat. Ich danke Gott aus tiefster Brust für diesen neuen Segen, und bete zu ihm, dass meine Alrun in ihrer schweren Stunde –«
»Das sieht ihm ähnlich, diesem Schwätzer,« rief er überlaut in sein eignes, verhallendes Lachen hinein. »Hältst hier ja eine famose Bibelstunde ab, Frau Mutter. Glaube nur, dass es Alrun ein willkommenerer Gottesdienst sein wird, dass ich wieder hier bin, als Dein alter verwaschener Salbader da. Predigst uns ja schon mit Blicken genug, Frau Mutter, brauchst nicht noch der Worte. Dein Sohn natürlich, der war der weißgewaschene Engel, und ich bin der Deibel in Person. Nützt Dir aber doch nichts, kannst Dich anstellen wie Du willst. Alrun liebt nun mal diesen Deibel und hat Deinen Engel längst vergessen – und wenn die überflüssige Erinnerung da nicht wäre –« Peter warf einen wütenden Blick auf den mit weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen dasitzenden Knaben – –, »wäre die alte Geschichte längst vollends ausgelöscht und vergessen. Nicht wahr Alrun?« Und er küsste die Frau, die längst in den Armen des so plötzlich Heimgekehrten lag, mit einem hörbaren Kuß auf Mund und Wangen.
Marianne war wie eine Tote anzusehn. Weiß bis in die Lippen saß sie reglos da. Dann hob sie den Blick, einen furchtbaren, medusenhaften Blick zu den beiden auf, die noch immer eng verschlungen in dem Thürrahmen standen, und die Hand erhebend rief sie mit gänzlich veränderter, rauh befehlender Stimme:
»Ach was, fang Du auch noch zu predigen an! Anstatt Dich zu freuen, dass ich wieder hier bin. 's war höchste Zeit, dass man der Alten mal reinen Wein einschenkte. – Na, und nun sag mal, was meinst Du eigentlich was los ist, dass ich schon wieder da bin?«
»Das hat die »Windsbraut« nicht nötig. Habt ihrs denn nicht bis hier gehört? Ach so, der Wind steht nach Süden – die schießen ja da draußen, dass es man so bollert. Probieren wieder mal ein neues Geschoß. Wir mussten vier Seemeilen von hier vor der Schußlinie liegen bleiben. Morgen früh muss ich wieder an Bord, aber für diesen Nachmittag und diese Nacht habe ich mir Urlaub erbeten. Hatte auch keine Schwierigkeit, da unser erster Steuermann, der alte Seebär, keine Gelüste nach einer jungen Frau hatte und gern an Bord geblieben ist.«
»In einer halben Stunde muss ich nochmal fort in den »Seeadler«. Kannst Du mir nicht schnell noch was zu essen schaffen, Alrun, ich habe einen Wolfshunger!«
»Natürlich will ich. Was meinst Du! Nochmal in fideler Gesellschaft ein paar »Steife« zu trinken, werd' ich mir doch noch genehmigen können! Na, heul' nur nicht gleich wieder los. Werd' in nächster Zeit mehr Wasser zu sehen kriegen, als mir lieb ist. Jetzt ist's sechs. Bis sieben bleibe ich bei Dir und bin um zehn wieder hier. Na, mehr kannst Du nicht verlangen.«
»Wie willst Du denn zurückkommen, wenn ich fragen darf? Ich bin mit dem kleinen Boot der »Windsbraut« gekommen – 's liegt draußen bei der Lootsenstation hinter den Weiden im Schilf.«
»Wenn Du mich heute nicht quälst und mir die Rückkehr aus dem Seeadler nicht auf die Minute nachrechnest, wüsste ich vielleicht doch ein Mittel, wie Du wieder zurück könntest.«
»Es soll noch Stückgut nachgeladen werden. Bolich hat den Auftrag gekriegt, es morgen früh bis sieben mit der »Marie« heranzuschaffen. Der könnte Dich allenfalls mit zurücknehmen. Aber nun hol' auch endlich was zu essen. Das übrige wird sich später finden.«
Marianne antwortete nicht auf Alruns Anrede, die verlegen eine Art von Entschuldigung für Peter stammelte. – Ja, sie drehte Alrun geflissentlich den Rücken zu und rührte in der Milch für den Kleinen, während Alrun am Küchentisch stand und ein paar Scheiben Schinken für Peter herunterschnitt.
»Du wirst ja Peter nicht mehr zu sehen bekommen, Mutter«, fing Alrun nach einer kleinen Pause noch einmal begütigend an. »Er muss morgen ganz früh an Bord zurück und ich – ich darf ihn begleiten – das Boot liegt draußen an der Lootsenstation hinter den Weiden im Schilf. Ich kann dann bis um zehn Uhr herum mit Bolich wieder zurück sein, der noch Stückgut auf die »Windsbraut« schafft. Wenn wir uns bis dahin nicht mehr sehen sollten – gute Nacht Mutter.«
Sie war, den Teller mit Schinken in der Hand, bis zur Thür gegangen, ohne dass Marianne mit einer Silbe geantwortet oder sich auch nur umgewandt hätte.
Marianne blickte ihr mit starr-finsterm Ausdruck nach. Dann nahm sie die Milch, ging zu dem Kleinen hinüber, und nachdem sie ihm zu trinken gegeben, rief sie das Mädchen herein.
»Bring den Kleinen in einer halben Stunde zu Bett, Minna, und verwahr ihn so lange, bis ich wieder hier bin. Wenn Frau Larsen nach mir fragen sollte, ich bin zu Onkel Willem in die Stadt gegangen. Gute Nacht, mein Bürschchen. Großmutter küsst Dich noch im Schlaf. »Sei brav, mein Junge. – Gute Nacht, mein lieber Junge –«
Dann nahm sie einen Mantel um, schlang ein Tuch um den Kopf und schlich sich lautlos über den ziegelgepflasterten Flur die Treppe zur Bodenkammer hinauf. Als sie nach kurzem wieder herabkam, trug sie einen langen, sorgfältig in Zeitungspapier eingewickelten Gegenstand in der Hand, den sie unter dem Mantel verbarg.
Sie schlug den Weg nach der Stadt zu ein. An der ersten schmalen, menschenleeren Straße, die aus der Stadt hinaus nach dem Außenhafen führte, bog sie ab.
Als sie in die Stille und die hier kaum noch dann und wann erhellte Dunkelheit hinaustrat, stockte ihr Fuß eine kurze Weile. Sie atmete ein paar Mal schwer und heftig auf, dann presste sie die Hand aufs Herz, blickte zum Himmel auf, an dem statt der Sterne dicke, grauschwarze Wolkenmassen standen und schritt dann, leise, abgebrochene Worte vor sich hin murmelnd, ohne Aufenthalt bis an das dichte Weidengebüsch, das gemischt mit hohem Schilfrohr bis tief in die kleine Bucht an der Lootsenstation hineinwächst. – – –
Alrun wartete lange auf ihren Mann. Es war beinahe Mitternacht als er lärmend aus dem »Seeadler« heimkam. Aber sie sagte kein Wort und hielt auch ihre Tränen tapfer zurück. Sie wollte seine gute Laune nicht stören und sich nicht um die Erlaubnis bringen, ihn bis zur »Windsbraut« begleiten zu dürfen. Sie wusste, bei dem leisesten Vorwurf hätte Peter seine Drohung wahr gemacht und sie zu Haus gelassen. So bezwang sie sich tapferer als je zuvor. An der Mutter Verbot, mit Peter zu fahren, dachte sie nicht einmal.
Als sie in die Küche kam, in der eine trübselig glimmende Öllampe brannte, wich sie erschreckt zurück. In dem flackernden, unsicheren Licht, unheimlich anzuschauen, stand die Mutter, genau wie sie gestern gegen Abend gestanden, am Herd und rührte in einem Topf.
Sie trug ihre Tageskleider wie gestern. Nur statt der starken Lederstiefel hatte sie weiche Hausschuhe an den Füßen. Dabei ging ein feuchter Geruch von ihr aus, als ob sie im Regen draußen gewesen sei, während doch, soviel Alrun wusste, abends kein Tropfen gefallen war.
Alrun schüttelte den Kopf. Sie hörte garnicht auf sie. Sie sah nur immer, wie seltsam Marianne aussah, die bis gestern noch so schöne, stattliche Frau: alt und verfallen, die Gesichtsfarbe weißlich grün, und in den Augen ein so merkwürdiges Licht. Sie musste krank sein, schwer krank, und gewiss, sie wollte sich um sie annehmen, wenn sie wiederkam – Peter hatte sie wirklich zu hart gekränkt, das musste sie wieder gut machen – nur jetzt nicht – jetzt konnte sie sich keine Minute mehr für ein anderes abstehlen – die wenigen, kostbaren Stunden gehörten ihm, ihm allein.
»Es klingt ja, als ob Du ganz durchnäßt wärst,« sagte Alrun, nur um etwas zu sagen. Marianne raffte den Saum eilends in die Höhe und blickte halb scheu, halb trotzig auf Alrun; aber die war mit ihren Gedanken schon längst wo anders.
Alrun hatte alles auf einem Brett zusammengestellt und wollte nun an Marianne vorüber, die noch immer mitten in der Küche stand und in dem Topf fortrührte.
»Warum rührst Du eigentlich so krampfhaft an der Suppe für den Jungen? 's ist ja noch viel zu früh. Vor sieben kriegt er doch nichts, der schläft doch gewiss noch wie ein Sack.«
»Er schläft garnicht – hat die ganze Nacht geweint – es ist nicht richtig mit ihm – mag sein, dass ihm eine Krankheit in den Gliedern steckt – möchtest Du nicht mal nach ihm sehn – und dann gleich selbst zum Doktor laufen –«
Marianne brach auf dem Küchenschemel am Herd zusammen. Der Topf mit der Morgensuppe für den Kleinen entsank ihrer Hand und fiel klirrend, in Scherben zerspringend, zu Boden.
Dann ließ sie die Hände wieder sinken und richtete Kopf und Oberkörper auf. »Sie will es so – wohl denn, ich kann ihr nicht helfen. Gott sei ihrer Seele gnädig.«
Eine Viertelstunde später hörte Marianne Schritte und Sprechen auf dem Flur. Sie schlich zur Küchenthür und öffnete sie leise, um durch den Spalt noch einen Blick auf Alrun zu werfen. Es war zu spät. Die Hausthür fiel klirrend ins Schloß. Die Schritte verhalten auf dem Pflaster vor dem kleinen Haus. – Aus und vorüber – – – – – – – – – – – – – – – – –
Marianne hielt den kleinen Hans im Arm, der seine verweinte Nacht in ihrem Schoß ausschlief, als Minna mit weit aufgerissenen Augen und verstörter Miene ins Zimmer gestürzt kam.
Marianne verlor keinen Augenblick ihre Fassung. Sie wusste genau, was nun kommen würde. Sie drückte das Kind, das Erbteil ihres heißgeliebten, unvergessenen Jungen, fester an die Brust, und fragte mit ruhiger Stimme:
Minna ließ einen jungen Menschen hinein, der seine Mütze verlegen in den Händen drehte und scheue Blicke auf die ruhig mit dem Kinde im Arm dasitzende Frau warf.
»Ja, Frau Steuermann, ein großes Unglück – Peter Larsen und die junge Frau, was Ihre Schwiegertochter ist – das Boot – das Ding muss reine weg leck gewesen sein, 'nen Zusammenstoß hats nicht gegeben, nirgend wo war ein Boot in Sicht – Na, Frau Steuermann, es ist nun mal so, wie's ist – das Boot ist gesunken – 'ne knappe Seemeile von der Küste« – der junge Mensch wischte sich mit der Hand über die Stirn, auf der trotz des kalten Morgens die Schweißtropfen standen – »und nichts mehr war übrig – rein garnichts mehr, Frau Steuermann. Und wenn man wie Sie schon einen Sohn da unten auf dem Grund –«
Er stotterte noch etwas, was wol wie Beileid klingen sollte, und als sie nichts erwiderte und über den Kopf des ruhig fortschlafenden Kindes ins Leere starrte, zog er sich langsam zurück und ging kopfschüttelnd zum Hause hinaus.
Alle Nachforschungen auf See und an dem nächstgelegenen Küstenstrich, wie das Unglück hatte geschehen können, blieben erfolglos. Tagelang sprach man in der kleinen Hafenstadt von nichts anderm, als von diesem rätselhaften Unglücksfall. Neugier und Teilnahme trieben fast die ganze Stadt vor die Thür des kleinen Hauses am Bollwerk.
Wenn sich Marianne überhaupt sehen ließ, was selten genug der Fall war, bewahrte sie stets dieselbe gleiche, starre Ruhe. Keine Träne kam in ihre Augen, kein weiches Wort von ihren Lippen.
Als Marianne nach Monatsfrist das kleine Haus verkaufte, die Stadt verließ und mit dem Kinde von der Küste fort, landeinwärts zog, gab es Niemanden, der darin etwas unerwartetes gefunden hätte.
Die Frau hatte ja nichts mehr auf der Welt als das Kind. Was Wunder, dass sie das grausame Meer mit ihm floh, um es in anderer Umgebung aufwachsen zu lassen. Sollte sie auch das letzte, dies Kind den tückischen Wellen opfern, die ihr ganzes Geschlecht hingemordet hatten? Marianne selbst hat niemals auf diese oder eine ähnliche Frage Antwort gegeben.
Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.
Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.
Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.
1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Dann war ihre frische, bräunliche Gesichtsfarbe gelb-weiß …«
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Marianne blickte […] nach ihr hin.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Aber dann sagte sie sich wieder, dass sie es tragen müsse, weil es die letzte Liebespflicht gegen den Toten und sein armes, vaterloses Kind sei.«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Alrun blickte hoffend durch die Dunkelheit zu ihr auf, und wie ein Kind, das da fühlt, dass man im Begriff ist, nachzugeben und ihm den Willen zu tun, fuhr sie, eifrig Mariannens Rede fortsetzend fort:«
B: »Marianne griff sich mit beiden Händen ans Herz.«
C: »»Fort willst Du – während dieser paar Stunden auch noch fort!««
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Ich danke Gott aus […] Brust für diesen neuen Segen, und bete zu ihm, dass meine Alrun in ihrer schweren Stunde –««
9. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.
10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »»Warum rührst Du eigentlich so krampfhaft an der Suppe …«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Lies den Abschnittsbeginn: »Sonntagmorgen. In dem kleinen Häuschen, das ein wenig abseits von den andern, nahe dem Bollwerk liegt, herrscht tiefe Stille.« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Es gab ihr wie einen Stich ins Herz, dass Alrun sie am Ende gar belügen wollte. – War es schon so weit mit ihnen gekommen!« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Aber er ließ ihr nicht lange Ruh. Wieder umschlang er sie und bettelte um den ersten Kuß, den sie ihm noch schuldig war.«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Alrun senkte den Kopf, aber sie konnte nicht lügen, nur sehr verschüchtert sagte sie:«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] schrecken, wen es wollte, ihm that es nichts an. Und auch für Alrun fürchttee er nichts.«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] anderes in diesem leichtfertigen Geschöpf als der unstillbare Durst nach Liebe, Leben, Glück?«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Es gab ihr wie einen Stich ins Herz, dass Alrun sie am Ende gar belügen wollte. – War es schon so weit mit ihnen gekommen!« und »Das durfte nicht sein. Marianne hatte sich's zugeschworen, Alrun sich und dem Kinde, und wenn es sein konnte, der Erinnerung an […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
8. Am Abschnittsende steht: »Die Frau hatte ja nichts mehr auf der Welt als das Kind. Was Wunder, dass sie das grausame Meer mit ihm floh, um es in anderer Umgebung aufwachsen zu lassen. Sollte sie auch das letzte, dies Kind den tückischen […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Sonntagmorgen. In dem kleinen Häuschen, das ein wenig abseits von den andern, nahe dem Bollwerk liegt, […]« / »Die Frau hatte ja nichts mehr auf der Welt als das Kind. Was Wunder, dass sie das grausame Meer mit ihm floh, […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »In dem kleinen Häuschen, das ein wenig abseits von den andern, nahe dem Bollwerk liegt, herrscht tiefe Stille.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Wenn er ihr ernsthaft zürnte – wenn er ginge – heut am ersten Abend, ohne ein gutes Wort –?«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Marianne selbst hat niemals auf diese oder eine ähnliche Frage Antwort gegeben.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
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Mütter
Dora Duncker: Mütter. Drei tragische Novellen, Berlin: F. Fontane & Co., 1897. Duncker, Dora 3- Berlin
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