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Buch - John Riew' - Storm, Theodor

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Originalwerk · Lesefassung

John Riew'

Storm, Theodor · 1885

John Riews Erinnerungen an das Seemannsleben führen zu einer Geschichte von Fürsorge und menschlicher Verantwortung. Die Erzählung stellt einer rauen Lebenswelt die Möglichkeit verlässlicher Nähe entgegen.

NovelleKlasse 9–10 · 11–134 Abschnitte
Porträt von Storm, Theodor; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Porträt · Storm, Theodor · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und zeitgebundene Wertvorstellungen gemeinsam einordnen. Klassenangaben sind redaktionelle Orientierung.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Deutsch · Abschnitt 1 von 4

Theodor Storm · Leseabschnitt 1

Redaktioneller Leseabschnitt innerhalb von „Theodor Storm“. Die zusätzliche Gliederung verändert weder Wortlaut noch Reihenfolge.

1
Theodor Storm
2
John Riew'
3
Mein Haus steht auf dem Lande, in einer holzreichen Gegend zwischen einem Kirchdorf und einem kleinen, in breiten Kastanienalleen fast vergrabenen Orte, welcher allmählich um einen Gutshof aufgewachsen ist, von beiden kaum zehn Minuten fern. Fast täglich mache ich nach rechts oder links meinen Spaziergang, und im Frühling und Sommer ergötzt mich dann das Leben, das hier aus den Bauerngehöften, im Orte aus den kleinen Häusern der dort wohnenden Handwerker oder Handelsleute auf den Weg oder in die Vorgärten hinausdringt; die Kinder des Gutsortes und ich, wir grüßen uns allzeit ganz vertraulich; um Weihnachten aber beehren sie mich von beiden Seiten, sei es als »ruge Klas« oder als »Kasper und Melcher aus dem Morgenland«, und sind freundschaftlicher Behandlung sicher.
Vorlage S. 633
4
Deshalb plagte mich ein Haus am Ende des Gutsortes. Ich selber hatte es teilweis bauen sehen, und als ich einmal einige Monate fortgewesen war, stand es bei meiner Heimkehr fertig da; aber sooft ich später daran vorbeiging, es wollte mir nicht vertraut werden, denn in diesem Hause war kein Leben: niemals sah ich einen Menschen dort hinein- oder herausgehen, niemals regte sich etwas hinter den blanken Fenstern, die je zwei zu den Seiten des vertieften Säuleneinganges aus den roten schwarzgefugten Mauern auf einen mit dunklen Koniferen vollgepflanzten Vorgarten hinausgingen. Den Einblick wehrten ungewöhnlich hohe Vorsätze von schwarzblauem Drahtgewebe; dahinter sah man schattenartig und regungslos nur die weißen Gardinen herabhängen. Alles war sauber und wie unberührt, aber zwischen den gelben Klinkern, von denen ein breiter Fries um das Haus lag, und zwischen den drei Granitstufen der Haustreppe trieben die grünen Grasspitzen hervor. Und dennoch sollte das Haus bewohnt sein: ein Auswärtiger – so hörte ich – habe das früher dort gestandene geräumige, aber verfallene Gebäude in Erbgang oder sonstwie erworben und statt dessen durch einen fremden Maurermeister den jetzigen Bau dorthin setzen lassen; ja, nicht er allein, es sollte außerdem von einer ältlichen kränkelnden Frau und von einem gar argen zwölfjährigen Buben bewohnt sein; wie aber das Verhältnis der drei Personen zueinander war, darüber wussten die von mir Befragten nicht Bescheid zu geben: die Bewohner schienen nur miteinander zu verkehren.
Vorlage S. 633
5
Von dem Jungen freilich ging bald allerlei Gerede: er sollte aus der Volksschule wegen dort unzähmbaren Wesens fortgewiesen sein und seit einiger Zeit die vornehme Institutsschule besuchen, wo die Knaben Französisch und Englisch, sogar Latein und Griechisch lernen konnten; auch hier war er schon ein paarmal eingesperrt gewesen; dennoch sollte der alte Riewe – diesen bei uns nicht ungewöhnlichen Namen trug der Hausherr – ihn zu seinem Erben eingesetzt haben. Bändigen sollte auch er ihn nicht können; ja, man erzählte, als nach einer neuen Schulstrafe der alte Herr mit liebreicher Ermahnung auf den Knaben eingedrungen sei, habe dieser plötzlich eine freche Gebärde nach ihm hin gemacht und, aus der Tür rennend, auf plattdeutsch noch zurückgeschrien: »Din Geld krieg ick doch, ohl Riew'!«
Vorlage S. 633
6
Ich frug wohl diesen und jenen, woher denn der Mann gekommen sei; die einen meinten: aus Lübeck, die andern: aus Flensburg oder Hamburg; auch wohl, was er denn sonst getrieben haben möge, und diese machten ihn zu einem Makler, die andern zu einem früheren Schiffskapitän. Ich hätte mich bei der Gutsobrigkeit erkundigen können, aber, obgleich die Dinge mich sonderbar interessierten, welche Veranlassung hätte ich zu solch offizieller Erkundigung gehabt?
Vorlage S. 633
7
Der hohe, seitwärts von dem Hause fortlaufende und mit einem dichten Dornenzaun besetzte Erdwall begrenzte nach der Straße hin den durch alte Obstbäume verdüsterten Garten, welcher sich nach einer Waldwiese abwärts senkte. Im Sommer freilich war alles durch den Zaun verdeckt; aber jetzt war es Herbst, die Drosseln fielen in die roten Beeren, und eine Fülle bunten Laubes war von den Alleebäumen schon auf den Weg gefallen. Als ich eines Spätnachmittags jetzt dort vorüberging, gewahrte ich eine entblätterte Stelle in dem Zaun und blieb stehen, um einen Blick in das sonst unsichtbare Gartengrundstück hineinzuwerfen. Ich hatte mich auf den Fußspitzen erhoben, aber ich erschrak fast: ein blasses und – so erschien es mir – wunderbar schönes Knabenantlitz mit dunkelgelocktem Haupthaar stand dicht vor dem meinen und sah von der anderen Seite mir starr und schweigend entgegen; ich gewahrte noch, dass die großen, gleichfalls dunkeln Augen voll von Tränen standen; dann war es verschwunden, und ich hörte langsame Schritte in den Garten hinab.
Vorlage S. 633
8
War das der arge Bube, von dem die Leute redeten? Nachdenklich setzte ich meine Abendwanderung fort, denn das Gesicht, welches ich eben sah, einmal musste ich es schon gesehen haben, vor fünfzehn oder zwanzig Jahren – aber das ging ja nicht, der Knabe mochte jetzt kaum zwölfe zählen.
Vorlage S. 634
9
Noch am Abend dieses Tages hörten wir, in dem neuen roten Hause liege die alte Haushälterin im Sterben; aber das Haus selbst war am Nachmittage, als ich dort vorbeigegangen, in seiner gewohnten, wunderlichen Einsamkeit dagestanden, die Gardinen hatten, wie immer, unbewegt hinter den blauen Vorsätzen gehangen, keinen Laut hatte ich vernommen, selbst der schöne wilde Knabe hinter dem Gartenzaune war mir nur wie ein Gespenst erschienen; auch das Sterben wurde hier ganz still besorgt.
Vorlage S. 634
10
Als ich am andern Tage mit meiner Frau vorüberging, sagte ich: »Im neuen Hause hier soll eine zum Sterben liegen; zu leben scheint man nicht darin.«
Vorlage S. 634
11
»Dann wird sie schon gestorben sein«, erwiderte sie, indem sie durch die Zaunlücke in den Garten wies; »sieh nur, dort unter dem großen Apfelbaum stehen zwei Frauen und reden miteinander; das ist mir hier noch nimmer vorgekommen.«
Vorlage S. 634
12
Wir sahen sonst nichts weiter, aber meine Frau hatte recht geschlossen: noch am selben Abend lief es durch das Dorf, die Haushälterin, wie die alte Frau im roten Haus benannt wurde, habe seit jenem Vormittag ihr Tagewerk auf immer eingestellt. Einige Tage später wurde ein Sarg auf der Landstraße an meinem Hause vorbeigetragen, hinter welchem nur ein weißhaariger Mann mit einem Knaben ging, aber der Zug war, als ich vor die Tür kam, schon zu weit entfernt, das Antlitz der beiden konnte ich nicht mehr sehen. Mein Nachbar, der zu mir trat, sagte: »Der arme Bursche sah aus wie der Tod selber; es war seine Großmutter, die sie nun bei der Kirche da begraben; seine Mutter soll er nie gekannt haben.«
Vorlage S. 635
13
›Der arme Junge!‹ dachte auch ich; ›was wird aus ihm, wird der Alte sich allein nun mit ihm abgeben?‹
Vorlage S. 635
14
Als ich mit Frau und Kindern am Nachmittagstee saß, bei dem goldnen Herbstsonnenschein noch einmal im Freien auf der Terrasse, brach aus dem Armenhausgarten, welcher derzeit mit dem unseren zusammenstieß, ein lautes Schreien und Toben, unterbrochen durch die scharf redende Stimme des Armenvaters, zu uns herüber, so dass das Gespräch aufhörte und alles dorthin horchte. Die schreiende Stimme kam offenbar von einem Knaben.
Vorlage S. 635
15
»Ich fürchte«, sagte lächelnd unser Nachbar, der neben uns saß, »er wird nicht mit ihm fertig!«
Vorlage S. 635
16
»Mit wem?« frug ich. »Wer ist denn das?«
Vorlage S. 635
17
»Nun, das wissen Sie nicht? Der Junge von dem Riew'; er ist gleich vom Kirchhof in das Armenhaus gebracht. Er mag sich das wohl nicht gedacht haben; mit dem Erben ist es auch wohl eitel Wind! «
Vorlage S. 635
18
»Unglaublich! Empörend!« rief meine Frau, während drüben das Geschrei noch immer fortging.
Vorlage S. 635
19
Der Nachbar zuckte die Achseln. »Ja, du lieber Himmel, der Bengel ist ein Ausbund, von den schlimmsten; erst gestern haben sie ihn wieder aus der Institutsschule fortgewiesen; was soll der Alte mit ihm aufstellen? Er hat die Frau nun auch nicht mehr zur Hülfe.«
Vorlage S. 635
20
Aber die Frauen an unserem Tische schüttelten gleichwohl die Köpfe.
Vorlage S. 636
21
Ob dann der Armenvater endlich das aufgeregte Kind beruhigt hatte oder ob die Szene nach einem an dern Teil des Hauses verlegt war, kann ich nicht sagen; aber der Lärm hörte auf, und wir sprachen weiter nicht davon.
Vorlage S. 636
22
– – Einige Tage später, da ich von dem Jungen nichts mehr gemerkt hatte, frug ich über unseren Zaun den Armenvater, der einige Weiber bei der Arbeit in seinem Garten überwachte: »Nun, wie geht es mit Ihrem neuen Alumnen?«
Vorlage S. 636
23
»Wen meinen Sie?« frug der Mann zurück und sah mich wie unwissend an.
Vorlage S. 636
24
»Wen sollte ich meinen? Natürlich den Riew'schen Jungen; ich weiß nicht seinen Namen.«
Vorlage S. 636
25
»Oh, der! Der sitzt schon längst wieder im warmen Nest; der beerbt den Alten noch bei lebendigem Leibe. Ich hätte ihn nur behalten sollen!« fügte er mit einer entsprechenden Handbewegung hinzu.
Vorlage S. 636
26
Ich dachte an das zarte Gesicht des Knaben und sprach zu mir selber: ›Es ist doch besser so.‹
Vorlage S. 636
27
Es war schon in den letzten Tagen des Oktober, als ich eines Nachmittags wieder an dem Rieweschen Garten entlangging, wo der Zaun jetzt freie Durchsicht ließ; auch war dort heute wirklich was zu sehen, denn oben im Geäste eines großen Birnbaums hing der hübsche Knabe und langte mit ausgestrecktem Leibe nach ein paar goldgelben Birnen, die noch an einem fast blätterlosen Zweige hingen. Unter ihm am Stamm sah ich einen untersetzten Mann, der mir seinen breiten Rücken zuwandte; nur seinen weißen, seitwärts abstehenden Backenbart konnte ich außerdem gewahren. »Zum Teufel, Rick, so komm herunter!« rief er; »das ist kein Mastkorb, worin du arbeitest!«
Vorlage S. 636
28
»Wart nur, Ohm!« erwiderte der Knabe; »ich krieg sie gleich, die allerletzten sollen doch nicht sitzenbleiben!« Und er reckte sich stöhnend noch ein Stückchen weiter.
Vorlage S. 637
29
»By Jove! Du brichst dir um zwei Birnen noch das Genick!« Und der Alte griff in die Tasche und schien ihm eine kleine Münze hinzuhalten. »Komm herunter und kauf dir welche! Der Schuster hat dieselben.«
Vorlage S. 637
30
Der Junge aber hörte nicht danach; er suchte droben den Zweig, woran die Birnen saßen, zu sich heranzubiegen. Ich stand in plötzlichem Besinnen; auch die alte Stimme war mir bekannt. Eine untersetzte grauhaarige Gestalt aus meinen Hamburger Schülerjahren tauchte vor mir auf, daneben ein Kinder-, ein Mädchenangesicht. ›Wenn er es wäre!‹ dachte ich bei mir selber; ›und Riewe heißt er, vielleicht John Riew'!‹
Vorlage S. 637
31
Da hörte ich einen Krach, und als ich aufblickte, sah ich es vor mir durch die Luft zur Erde fahren; ein gebrochener Ast baumelte oben von dem Baum herab; es war kein Zweifel, der Junge war herabgestürzt. »Man hat noch den Tod von dir!« schrie der Alte. »Sind denn die Planken heil geblieben?« Und gleichzeitig hatte er sich gebückt und wollte dem Jungen auf die Beine helfen.
Vorlage S. 637
32
Der aber war schon aufgesprungen. »Tut nichts!« sagte er, sich zuckend seine Hüfte reibend. »Unkraut vergeht nicht, Ohm!«
Vorlage S. 637
33
Der Alte brummte etwas, das ich nicht mehr verstand, denn ich fürchtete, auf meinem Platz entdeckt zu werden, und hatte deshalb meine Wanderung fortgesetzt. Aber sein Gesicht war mir zugewandt gewesen, und ich wusste nun, es war mein alter Kapitän John Riew', der sich dies Haus gebaut hatte. Noch jetzt blühten ihm seine guten roten Wangen, nur Bart und Haare waren weiß geworden; denn wohl achtzehn Jahre mochten verflossen sein, seitdem wir uns zuletzt gesehen hatten. Damals aber – es war zur Zeit meiner Selektanerschaft auf dem Johanneum zu Hamburg – hatten wir fast täglich uns gesehen; denn dort, unweit des nun verschwundenen Kaiserhofes, an dessen reich ornamentierter Fassade mein Schulweg mich vorüberführte, wohnten wir beide als einzige Mieter in einem zweistöckigen Häuschen, das zwischen himmelhohen Speichern aus alter Zeit zurückgeblieben war. Unsere Wirtin war eine Schifferwitwe, deren trunkfälliger Mann im Rausch durch einen Unfall sein Leben verloren und seiner Frau wohl kaum anderes als den kleinen Fachbau hinterlassen hatte, in welchem ich eine Stube unten neben der Haustür innehatte. John Riewe, damals schon ein ergrauter Mann, bewohnte oben die einzige Etage, und so eines Sommerabends, auf der Bank vor der Haustür, hatten wir Bekanntschaft gemacht. Er war lange als Kapitän zur See gefahren; nach Rio, Hongkong, auch weniger fern nach Lissabon und London; kurz, er hatte mehr gesehen als wir studierten Leute und wusste davon zu erzählen. Endlich war er seemüde und dann hier Makler geworden. »Es ist kommoder«, sagte er, »den Sturm vom Bette aus zu hören.«
Vorlage S. 637
34
Unsere Wirtin war eine einfältige Person: er musste ihr in allem Rat erteilen, ja es war, als habe sie alles auf ihn abgeladen; ich weiß nicht, weshalb er sich so von ihr plagen ließ. Das Beste an der Frau war jedenfalls ihre zwölfjährige Tochter Anna; braun, feingliedrig, mit dunklem Haar und, oh, mit welchen Augen! Es war etwas Begehrliches in dem Mädchen; aber alles, was sie tat, und mochte sie in einen Apfel beißen, geschah mit einer Art von froher Anmut. Wie jetzt mit dem Jungen, so hatte der Kapitän es damals mit dem Mädchen: er wusste selbst nicht, was er dem verzogenen Ding zu Willen tun sollte; er kaufte ihr seidene Schürzen und rote Tüchelchen, mit denen sie dann auch sogleich erschien; er stopfte ihr Marzipan und gebrannte Mandeln in die Taschen, und wenn sie vergnügt zu schmausen anfing, dann lachte er über sein ganzes gutes Angesicht. »Nicht wahr, schlecken und dich putzen«, sagte er und schüttelte das hübsche Ding an beiden Schultern, »das möchtst du wohl dein Leben lang; aber wart nur, Rackerchen, es wird noch anders kommen!« Und sie sah mit lachenden Augen zu ihm auf und nickte nur, denn sie hatte ihr Mäulchen noch voll von seinem Futter. »Naschkatze du!« rief dann der Kapitän und schaute, die Hände in den Taschen, ihr voll Vergnügen zu.
Vorlage S. 638
35
Auch ins Theater, als einmal ein Zauberstück gegeben wurde, hatte er sie mitgenommen. Dort aber hatte sie nur auf die silbernen Sternen- und Meernixenkleider gesehen, wenn auch sonst die glänzendsten Helden über die Bühne schritten; sie hatte nur davon geredet und ihn immerfort gezupft und angestoßen und zuletzt gesagt, wenn sie groß wäre, wolle sie auch Komödiantin werden und solche Kleider tragen. John Riew' war in Todesangst geraten. »Dass du dich nicht unterstehst!« hatte er so laut gerufen, dass das ganze Parterre die Köpfe nach ihm umgewandt; »weißt du wohl, wenn sie tot sind, die kommen alle in die Hölle!« Seitdem hatte er sie nicht mehr in die Komödie gebracht.
Vorlage S. 639
36
Auf sein Zimmer aber kam das Kind mehrmals am Tage; denn die Mutter hatte es so eingerichtet, dass sie selber mich, ihre Tochter aber, wenigstens außerhalb der Schulzeit, den Kapitän bediente. Es ist mir wohl später eingefallen, dass dies, bei aller Ehrenhaftigkeit des Mannes, auch kein Zeugnis für die Verständigkeit der Frau gewesen sei; denn die Herzensgüte unseres Kapitäns war doch mitunter derart, dass sie mehr zu einem handfesten Schiffsjungen, so zwischen See und Sturm, als zu einem zierlichen halbgewachsenen Mädchen passen mochte.
Vorlage S. 639
37
Als wir eines kalten Oktoberabends wieder einmal plaudernd auf der Straßenbank saßen, fuhr der Nordwest uns endlich so eisig in den Nacken, dass er mich einlud, mit ihm in seine Kabine hinaufzusteigen, wo wir behaglicher unser Gespinst abwickeln könnten. Ich hatte nichts dagegen und saß dort kaum in einem guten Polsterstuhl, den er mir hingeschoben hatte, als ich ihn auch schon, die Hand am Schlüssel, vor einem Wandschränkchen stehen sah. »Nun, Nachbar«, rief er, »wir müssen, deucht mir, ein Quantum heizen! Rum oder Kognak? Für Prima-Qualität wird garantiert.«
Vorlage S. 639
38
Von den Schätzen dieses Schrankes hatte ich schon gehört. »Das wird Ihnen überlassen, Kapitän!« rief ich.
Vorlage S. 639
39
»Also Rum!« erwiderte er. Dann schloss er auf, und nachdem er an der Klingelschnur gerissen hatte, stellte er eine Flasche und zwei tüchtige Glashumpen auf ein daneben stehendes Tischchen.
Vorlage S. 640
40
Nach einer Weile flog ein leichter Schritt die Treppe herauf, und Anna trat mit einem Kesselchen voll heißen Wassers in die Stube; sie nickte uns vertraulich zu, entzündete dann die auf dem Tisch stehende Spirituslampe und setzte den Kessel darüber.
Vorlage S. 640
41
»Nachbar«, flüsterte der Kapitän, »was sagt Ihr zu meinem kleinen Maat?«
Vorlage S. 640
42
Der kleine Maat aber stand, die Hände in den Schoß gefaltet, und neigte das dunkle Köpfchen nach dem Kessel. Als es zu sausen anhub, wandte sie sich und wollte gehen.
Vorlage S. 640
43
»Oho!« rief der Kapitän, »du meinst wohl, wir sollen uns unser Glas heut selber machen!«
Vorlage S. 640
44
Sie blieb stehen, schüttelte den Kopf und wurde purpurrot. Dann aber ging sie lautlos nach dem Schrank, hob ihre schmächtige Gestalt auf den Zehen und holte vom obersten Bord eine Schale mit Zucker herab.
Vorlage S. 640
45
»So recht, Anna!« rief der Kapitän. »Nun zeige, was du von mir gelernt hast!«
Vorlage S. 640
46
Und das feine Ding nickte wieder ein paarmal, nur so in den Schrank hinein, aber doch, als sollt es heißen: »Ohne Sorge, soll schon werden!« Dann begann sie die drei Elemente sorgsam zu mischen, schaute auch einmal durch das Glas, indem sie es mit dem etwas hageren Ärmchen gegen die jetzt über unserem Tische brennende Ampel hielt, und goß noch ein paar Feuertropfen in dasselbe, ohne aber vorher weder mit noch ohne Löffelchen daraus gekostet zu haben.
Vorlage S. 640
47
»Wenn's gefällig ist!« sagte sie dann, indem sie uns die Gläser auf einem Tablettchen darbot.
Vorlage S. 640
48
Ich nahm das meine, und schon an dem Dufte merkte ich, es war ein steifes Seemannsglas. Der Kapitän aber, als sie zu ihm trat, legte beide Arme vor sich auf den Tisch. »Nun?« sagte er und sah lachend unsere kleine Schenkin an; »ich muss wohl heut um alles betteln gehen!«
Vorlage S. 640
49
Sie stand einen Augenblick wie verlegen.
Vorlage S. 641
50
»Oder scheust du dich vor unserm jungen Herrn?« fügte der Kapitän hinzu.
Vorlage S. 641
Porträt von Storm, Theodor; Kontextbild zur Autorin oder zum Autor, keine Szene aus dem Buch.
Kontextbild zum Werk. Porträt · Storm, Theodor · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
51
Da hob sie das Glas an ihre Lippen. »Wohl bekomm's!« sagte sie leise; dann trank sie, und es schien mir, dass sie mit Behagen trinke.
Vorlage S. 641
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»Halt, halt, Jüngferlein!« rief der Alte lachend; »ei, seht doch, schickt sich das für ein so zartes Manntje?«
Vorlage S. 641
53
Aber schon hatte sie das Glas vor ihn auf den Tisch gesetzt, und wir hörten, wie sie draußen wiederum die Treppe hinunterflog.
Vorlage S. 641
54
»Eine Wetterhexe!« sagte der Kapitän ; »wenn die ein Junge wäre, mit dem ginge ich noch einmal auf die alten Planken!«
Vorlage S. 641
55
Ich aber weiß noch sehr wohl, wie ich ihn um sein Glas beneidete, an dem der süße Mädchenmund geruht hatte.
Vorlage S. 641
56
– – Wie eine Bilderreihe zog das alles jetzt an mir vorüber; plötzlich aber stolperte ich, mein Stock flog mir aus der Hand, und ich sammelte mich geduldig vom Erdboden auf; denn ich war mitten im Walde, der mir soeben seine dicken Buchenwurzeln vor die Füße gestreckt hatte. Langsam kehrte ich um und ging nach Hause, doch die Gedanken wollten mich nicht lassen. Das anmutige Kind, von dem ich später nie wieder etwas gehört hatte, sie mochte jetzt etwa dreißig Jahre zählen – was war aus ihr geworden?
Vorlage S. 641
57
Es ließ mir doch keine Ruhe: Wie kam der Kapitän hieher? Was war das mit dem Jungen?
Vorlage S. 641
58
Tags darauf ließ ich den Abend herankommen, es mochte schon neun Uhr sein, als ich vor dem roten Hause stand. Alles war dunkel, aber eben vorher hatte ich von der Hinterseite aus einen Lichtschein auf den kahlen Gartenbüschen wahrgenommen. Ich drückte die Haustür auf, an der keine Glocke läutete, und stand in einem dunkeln Flur, in den jedoch, scheinbar durch das Schlüsselloch der Tür einer Hinterstube, ein schmaler Lichtstreifen hineindrang. Es rührte sich aber nichts im Hause, und ich tastete weiter, bis ich mit den Händen an die Türe stieß.
Vorlage S. 641
59
»Herein! Wer ist da?« rief es drinnen, als ich eben eintrat.
Vorlage S. 642
60
Der Kapitän saß neben einer Lampe an dem Sofatische und las in einer großen Zeitung, die ich später als den »Hamburger Korrespondenten« erkannte – außer ihm war nur der schöne Knabe in dem Zimmer; er stand mit einem brennenden Lichte vor dem Spiegel und schnitt Gesichter, die er einigen Fratzen im »Kladderadatsch« nachzumachen schien; wenigstens lag auf dem Spiegeltischchen ein Exemplar davon.
Vorlage S. 642
61
»Guten Abend, Kapitän!« sagte ich kräftig; »da Sie nicht zu mir gekommen sind, so haben Sie wohl nichts dagegen, dass ich Ihnen meinen Antrittsbesuch mache?«
Vorlage S. 642
62
Er war aufgestanden, während der Junge seine Unterhaltung mit unbekümmerter Geschäftigkeit fortsetzte, und ich konnte den Alten im Schein der Lampe ungestört betrachten. An Haar und Bart sah man freilich, es war Winter geworden; aber seine Wangen blühten noch immer, und die guten Augen darüber sahen mich wie einstens hell und freundlich an. Ich wollte reden; aber er legte seine Hand schwer auf meine Schulter. »Halt! – Halt!« sagte er. »Ich werfe Anker! Hamburg – beim Kaiserhof – das Häuschen – meine Kabine! Alle Millionen Windrosen, Herr Nachbar, und Sie wohnen hier?«
Vorlage S. 642
63
»Ja, ja, Kapitän ; und Sie wohnen hier?«
Vorlage S. 642
64
»Ei, freilich«, rief er lachend, »und so wohnen wir alle beide hier! Rick!«, und er wandte sich zu dem Knaben, »zünde die Spritflamme an und nimm eine Flasche aus dem Schränkchen! – Junge, hörst du denn nicht!«
Vorlage S. 642
65
»Ja, Ohm, ich höre ja schon!« rief der Knabe, setzte den Leuchter auf das Spiegeltischchen, dass das Licht aus der Röhre sprang, und vollbrachte dann das aufgetragene Geschäft. Meine Augen folgten ihm, und mit Verwunderung sah ich hier im neuen Hause ein gleiches Schränkchen wie in der Hamburger Baracke.
Vorlage S. 642
66
Der Kapitän hatte indessen mein Gesicht gemustert, als wolle er die Züge des einstigen Gymnasiasten herausstudieren. »Sie also sind der Doktor, der sich das große Haus dort auf der Höhe gebaut hat?«
Vorlage S. 643
67
»Ja freilich, Kapitän ; und was für Abenteuerlichkeiten habe ich nicht hinter Ihrem stillen Neubau wittern müssen, aber freilich...« Meine Augen fielen auf den Knaben, und ich schwieg.
Vorlage S. 643
68
Er hatte eben den kochenden Kessel nebst Flasche, Gläsern, und was sonst nötig war, vor uns hingestellt. »Dank, mein Junge«, sagte der Alte. »Aber nun geh mit deinem Licht in deine Koje; es ist Kinderbettzeit.«
Vorlage S. 643
69
Aber der Junge fiel ihm um den Hals und flüsterte ihm eifrig bittend in das Ohr.
Vorlage S. 643
70
»Nein, nein, Rick, heute nicht«, sagte der Alte; »der Herr kommt schon mal wieder, und früher, als die Hühner auf die Wiemen müssen.«
Vorlage S. 643
71
»Doch! doch!« rief der Knabe. »Ohm! Alter John, nur eine Viertelstunde!« Und er würgte ihn fast mit seinen Armen.
Vorlage S. 643
72
Da riss der Alte ihn heftig von sich und hielt ihn, nach des Knaben Gesicht zu urteilen, nicht eben sanft an beiden Handgelenken vor sich. »Kalkuliere«, sagte er im ruhigen Kommandoton, »du gehst jetzt augenblicklich in deine Koje!« Dann ließ er ihn los, und der Knabe nahm, ohne ein Wort zu sagen oder uns nur anzusehen, sein Licht und ging zur Tür hinaus ; ich hörte, wie er eine Treppe nach dem Oberhaus hinaufstieg.
Vorlage S. 643
73
John Riew' zog jetzt die Gläser an sich und begann den heißen Trank für uns zu mischen ; als er aber die Flasche aufgezogen hatte, spürte ich an dem Duft, dass es Madeira oder Xeres sei, welchen er hineingoß. »Ei was, Kapitän«, sagte ich; »Sie trinken ja wie ich! Hat der Jamaika Sie jetzt verlassen?«
Vorlage S. 643
74
»Ich trinke ihn nicht mehr«, erwiderte er ernst; »doch wenn's Ihnen lieber, es wird noch eine alte Flasche da sein.«
Vorlage S. 643
75
»Ich danke, es ist mir so eben recht. Aber Sie? Vertragen Sie ihn nicht mehr? Sie sehen doch aus, als hätten Sie zeitlebens zusammenhalten müssen!«
Vorlage S. 643
76
»Es wäre auch sonst wohl so gewesen; aber – seit der Junge da geboren, haben wir uns geschieden. Doch – Sie schwiegen vorhin ; jetzt ist frei Wasser, wonach wollten Sie denn fragen?«
Vorlage S. 644
77
»Nun, Kapitän, zunächst freilich nach dem Jungen! Waren Sie inzwischen verheiratet? Sind Sie Witwer? Ist der Junge Ihr eigen, oder wo haben Sie ihn aufgelesen? Und wie kommen Sie dazu, sich hier auf dem völlig trockenen Lande anzubauen?«
Vorlage S. 644
78
»Holla!« rief er dazwischen, »nun ist's genug für einmal! Aber Sie erlebten mit mir den Anfang, so mögen Sie auch das Ende wissen!«
Vorlage S. 644
79
»Wenn ein Mensch zu viel Tugenden hat« – so begann er sein Gespinst, indem er mir eins der dampfenden Gläser zuschob –, »dann ist der Teufel allemal dahinter.«
Vorlage S. 644
80
Ich mochte wohl gelacht haben. »Nein, Nachbar«, fuhr er fort, »das ist die simple Wahrheit; es ist gegen die Natur des unvollkommenen Menschen, den unser Herrgott nun einmal so geschaffen hat; denn irgendwo in unsrem Blute sitzt er doch, und je dicker er mit Tugenden zugedeckt wird, desto eifriger bemüht er sich, die Hörner in die Höh zu kriegen. Ich hatte so einen Freund, Rick Geyers hieß der Junge, und wir fuhren auf einem Schiff; glaubt nicht, dass er ein Duckmäuser war, nein, im Gegenteil, ein wilder Kerl, aber dabei ein wahres Nest von Tugenden: seine halbe Heuer, solange sie noch lebte, schickte er an seine Mutter und saß und schrieb an sie, während wir an den festen Wall gingen und unsern Talern Flügel machten. Hatte ein armer Teufel Unheil angerichtet, Rick wollte an allem schuld sein; aber man glaubte ihm zuletzt nicht mehr, denn er verstand fast ohne Wind zu segeln, unser großmäuliger Kapitän ging selbst bei ihm zu Rathaus; und dabei war er ein halb Dutzend Jahre kürzer auf der Welt als ich. Vor den Weibern, wenn er einmal mit uns andern an Land war, konnte er sich kaum bergen; in Hongkong, da ist eine Gasse – freilich ehrbare Leute sollten dort nicht kommen –, Ihr hättet nur sehen sollen, als wir einmal mit ihm hindurchgingen, wie das niedliche schlitzäugige Gesindel um ihn herum war! Rick Geyers aber sah mit seinen großen braunen Augen über sie weg, und wenn sie zu dicht an ihn herantänzelten und ihre Locktöne machten, dann räumte er sie schweigend wie eine Schar von Ungeziefer mit den Armen von sich. Die Dirnchen – denn sie sind zart und gelenkig – schlenkerten ihre feinen Händchen gegen ihn und flogen mit Angstgekreisch an ihre Haustüren, wo sie ihm wieder mit den feinen Fingern winkten; uns andere plagte, by Jove, die Eifersucht. Rick aber ging stumm und zornig neben uns. »Ein andermal, wenn ich bitten darf, gehen wir nicht durch die Menagerie hier!« sagte er, als wir hindurch waren.
Vorlage S. 644
81
Und so dauerte es denn nicht lange, und er war Kapitän, als ich noch das Rad am Steuer drehen musste. Aber Freunde blieben wir auf Not und Tod, und der Wind wechselte nicht allzuoft, da hatte ich auch mein Schiff; aber trafen wir uns am Wall, so waren wir gleich beisammen.
Vorlage S. 645
82
Nun fand sich derzeit in Hamburg bei einer vornehmen alten Senatorstochter eine Art Mamsell, so gegen die Dreißig schon: Riekchen hieß sie und war ehrlich und zuverlässig, allzeit wie mit eben geplätteten Kleidern angezogen und, ganz egal, mit einer gelbblonden langen Locke hinter jedem Ohr. Sie konnte kochen und braten, sagte nie ein Wort entgegen und hatte niemals eine Meinung; die alte Dame behauptete, es gäbe auf der Welt keinen Mann für diese Perle, und wirklich, es begehrte sie auch keiner.
Vorlage S. 645
83
Und das war das Schicksal, für Rick Geyers, mein ich; denn in dieses Unmuster von Tugend musste der unselige Junge sich vergaffen, und noch mehr, er wollte sie heiraten und kaufte sich sogleich zum Schauplatz seines Eheglückes die Baracke, wo wir beide, Herr Nachbar, später einst gewohnt haben. Nun, Sie haben ja das Riekchen selbst noch gekannt. Ich packte den Rick eines Tages unter den Arm, ging mit ihm durch die Stadt und dann nach dem Stintfang hinauf, wo unten im Hafen seine stolze Brigg lag und die rot und weißen Wimpel im leichten Morgenwinde wehten. »Rick! Rick!« sagte ich, »besinne dich doch! Du bist verblendet, bete vierundzwanzig Vaterunser, und es wird vorübergehn! Was willst du das einfältige Tugendmensch heiraten? Du hast ja selbst die volle Ladung davon; unter soviel Tugend geht dein Schiff zugrunde! Kann's nicht anders sein, so nimm dir eine schmucke wilde Katz, an der du deine Plage und doch auch dein Vergnügen hast! Was meinst du, Rick?«
Vorlage S. 645
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Aber er lüpfte nur den Hut, dass die Luft durch seine braunen Locken ging, und sah mich lachend aus seinen hellen Augen an. »Dank für deine Weisheit, John«, sagte er; »aber was einer muss, das kann nur einer wissen.«
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Da sah ich wohl, dass er weitab von aller Vernunft sei, und so hat er die Perle Riekchen zu seinem Unheil dann geheiratet. Aber ich sage Ihnen, Nachbar, auch derzeit, da sie jünger war – zehn Jahre auf einer Robinson-Insel!« Und der Kapitän spreizte abwehrend seine Hände vor sich. »Doch«, rief er dann wieder, »das Getränk nicht zu vergessen; God bless you, Sir!«
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– – Schon einigemal hatte ich ein Rühren an der Türklinke vernommen; jetzt, während wir mit den Gläsern anklirrten und tranken, sah ich, dass die Tür, der ich zugewandt saß, um einen schmalen Spalt geöffnet wurde.
Vorlage S. 646
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»Kapitän!« sagte ich, »es ist jemand vor der Stube.«
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Er wandte sich. »Das ist Rick!« sagte er. »Junge, warum schläfst du nicht?«
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Aber die Tür öffnete sich weiter. »So komm her ein«, rief er, »wenn du was auf dem Herzen hast!«
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»Ich kann nicht«, kam es von der Tür; und ich gewahrte jetzt freilich, dass der arme Schelm barfuß und im blanken Hemde draußen stand.
Vorlage S. 646
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Da stieß der Alte einen Seufzer aus, erhob sich und schritt nach der Tür: »Nun, Rick, was willst du denn?«
Vorlage S. 646
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»Ohm«, sagte der Knabe leise und vor Kälte zitternd, doch so, dass ich's verstehen konnte, »ich hab dir ja noch gar nicht gute Nacht gesagt!«
Vorlage S. 646
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»Und deshalb konntest du nicht schlafen?«
Vorlage S. 646
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Ich glaubte nur zu sehen, wie Rick stillschweigend mit dem Kopfe schüttelte. Und der Alte gab ihm einen herzhaften Schmatz: »Gute Nacht, mein Kind! Aber nun schlaf und bitt vorher unsern Herrgott, dass er dein weiches Herz allzeit bei deinem harten Kopfe lasse!«
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Da hörte ich, wie der Knabe behend die Treppen hinauflief; der Alte aber setzte sich langsam wieder an seinen Platz. Wir saßen eine Weile schweigend. »So ist er immer«, sagte er dann; »der Grund ist gut; ich dacht schon, dass er kommen würde.«
Vorlage S. 647
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»Und doch«, erwiderte ich – ich konnte es nicht zurückhalten – »haben Sie ihn neulich recht hart behandelt, Kapitän!«
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Er blickte mich an: »Sie meinen das mit dem Armenhause! Ja, ja, es mag auch so aussehen; aber er musst einmal erfahren, wohin er ohne mich geraten würde.« Er trank einen Schluck und starrte vor sich hin. »Doch«, hub er wieder an, »ich wollte Ihnen von meinem alten Rick erzählen ; der Junge ist ja noch gar nicht auf der Welt.«
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Da fiel's mir bei, ich frug: »Ist er der Sohn von Ihrem Freunde? Ich mein, es war doch nur das Mädchen da?«
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»Geduld, Nachbar«, sagte der Kapitän und legte seine Hand auf meinen Arm; »der Junge wird, leider, auch geboren werden; Ihr sollt alles noch erfahren! Also – wie in den ersten Ehejahren von Rick Geyers der Seegang gewesen ist, das weiß ich nicht, denn ich war überall, nur nicht in Hamburg. Dann aber, in einem Junimonat, kam ich wieder heim und hörte, auch Rick sei dort, er habe Havarie gehabt; sein Schiff liege auf der Werfte, er selber warte in seinem Hause die Zeit ab. Wer war fröhlicher als ich! Ich konnt es nicht erwarten, bis ich bei ihm war. Als ich die Tür seiner Baracke aufstieß, by Jove, da standen die beiden Tugendmenschen schon auf dem Flur; aber freilich, allzu lustig sahen sie nicht aus. Einen Augenblick noch, dann fiel Rick mir um den Hals: »Hurra for John!« rief er; »gib ihm die Hand, Riekchen!« und mit einem wunderlichen Blick auf seine Frau: »Aber, nicht wahr, verteufelt elend sieht der Kapitän doch aus?«
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Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich frug wohl diesen und jenen, woher denn der Mann gekommen sei; …«

Eine Antwort ist richtig.

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2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Als ich mit Frau und Kindern am Nachmittagstee saß, bei dem goldnen […] noch einmal im Freien auf der Terrasse, brach aus dem Armenhausgarten, welcher derzeit mit dem unseren zusammenstieß, ein lautes Schreien und Toben, unterbrochen durch die scharf redende Stimme des Armenvaters, zu uns«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deshalb« in diesem Textausschnitt? »Der Alte brummte etwas, das ich nicht mehr verstand, denn ich fürchtete, auf meinem Platz entdeckt zu werden, und hatte deshalb meine Wanderung fortgesetzt.«

Eine Antwort ist richtig.

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4. Welcher Ausschnitt verweist mit einer Zeitangabe ausdrücklich auf eine frühere Zeit? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Was bedeutet »allzeit« in diesem Ausschnitt? »Häusern der dort wohnenden Handwerker oder Handelsleute auf den Weg oder in die Vorgärten hinausdringt; die Kinder des Gutsortes und ich, wir grüßen uns allzeit ganz vertraulich; um Weihnachten aber beehren sie mich von beiden Seiten, sei es als »ruge Klas« oder als »Kasper und«

Eine Antwort ist richtig.

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6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »ein paar Feuertropfen in dasselbe, ohne aber vorher weder mit noch ohne Löffelchen daraus gekostet zu haben« B: »Die schreiende Stimme kam offenbar von einem Knaben.« C: »»Wenn ein Mensch zu viel Tugenden hat« – so begann er sein Gespinst, indem er mir eins der dampfenden Gläser zuschob –, »dann ist der Teufel allemal dahinter.««

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Meine Augen folgten ihm, und mit Verwunderung sah ich hier …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »»Es wäre auch sonst wohl so […]; aber – seit der Junge da geboren, haben wir uns geschieden.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deshalb« in diesem Textausschnitt? »»Und deshalb konntest du nicht schlafen?««

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »»der Grund ist gut; ich …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Häusern der dort wohnenden Handwerker oder Handelsleute auf den Weg oder in die Vorgärten hinausdringt; die Kinder des Gutsortes und ich, wir grüßen uns allzeit ganz vertraulich; um Weihnachten aber beehren sie mich von beiden Seiten, sei es als »ruge Klas« oder als »Kasper und«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.

Impulse zur Selbstprüfung

Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.

  • Situation oder Gedanke verständlich erklärt
  • Mindestens ein passender Textbeleg
  • Eigene Formulierungen statt bloßer Abschrift
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2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Häusern der dort wohnenden Handwerker oder Handelsleute auf den Weg oder in die Vorgärten hinausdringt; die Kinder des Gutsortes und ich, wir grüßen uns allzeit ganz vertraulich; um Weihnachten aber beehren sie mich von beiden Seiten, sei es als »ruge Klas« oder als »Kasper und« und »seine Frau: »Aber, nicht wahr, verteufelt elend sieht der Kapitän doch aus«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.

Impulse zur Selbstprüfung

Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.

  • Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
  • Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
  • Deutung und wörtlichen Beleg unterschieden
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »fuhr der Nordwest uns endlich so eisig in den Nacken, dass er«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.

Impulse zur Selbstprüfung

Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.

  • Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
  • Wirkung als begründete Deutung formuliert
  • Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
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Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Mein Haus steht auf dem Lande, in einer holzreichen Gegend zwischen einem Kirchdorf und einem kleinen, in breiten Kastanienalleen fast vergrabenen Orte, welcher allmählich um einen Gutshof aufgewachsen ist, von beiden kaum zehn Minuten fern.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »»ich muss wohl heut um alles betteln gehen!««. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »»gib ihm die Hand, Riekchen!« und mit einem wunderlichen Blick auf seine Frau: »Aber, nicht wahr, verteufelt elend sieht der Kapitän doch aus?««. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Das deutschsprachige Original ist nach den geprüften Lebensdaten des Autors in Deutschland gemeinfrei. TextGrid und www.editura.de stellen den bearbeiteten Datenbestand unter CC BY 3.0 DE bereit.

John Riew'

Theodor Storm: Sämtliche Werke in vier Bänden. Herausgegeben von Peter Goldammer, 4. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau, 1978. Storm, Theodor 633- 1978 Berlin und Weimar

Das Werk John Riew' von Storm, Theodor ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; underlying texts public domain per source Lizenz

Originalsprache · Deutsch

Unveränderte deutsche Quellfassung; die andere Spalte bietet eine gesonderte Lesefassung. Beide Ansichten gehören zu demselben Werk.

Das Werk John Riew' von Storm, Theodor ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Autorschaft und Ausgabe: Storm, Theodor

Originaltext und Ausgabe ↗ · TextGrid / Editura · Lizenz und Nutzungsbedingungen

Theodor Storm: Sämtliche Werke in vier Bänden. Herausgegeben von Peter Goldammer, 4. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau, 1978. Storm, Theodor 633- 1978 Berlin und Weimar

Die Fassungen folgen den jeweils angegebenen Quellen; ihre Gliederung kann abweichen.

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.