Ein kleines Elfenwesen begegnet Pflanzen und Tieren und erfährt den Wandel der Jahreszeiten. Die märchenhafte Erzählung verbindet Naturbeobachtung mit Gesprächen über Leben, Sterben und die Beziehung der Geschöpfe zueinander.
NaturmärchenKlasse 5–6 · 7–8 · 9–1018 Abschnitte
Historisches Bildnis von Waldemar Bonsels — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Grete Kolliner · Public domainBildquelle ↗
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Bei der Waldwiese, auf der alten Linde, die sich noch kaum belaubt hatte, saß Kuno, der Star, vor Sonnenaufgang und putzte sich im Frühlicht. Seine Brust glänzte schwarz und golden, er war ein prächtiger Vogel.
»Hier? Wo denn? In der Linde? Zwischen Krähen, Eulen und Eichhörnchen, oder gar in Ihrer Nähe? Sie haben eine Ahnung, Madame. Aber ich habe mir gleich gedacht, dass Sie nichts verstehen. So sitzen Sie doch wenigstens still. Mein Gott, ist das ein Tag!«
»Ach, denken Sie sich,« rief Kuno erstaunt, »das haben verschiedene Leute schon oft behauptet, ich kann mir gar nicht recht ausmalen, wie solch ein Gerücht hat aufkommen können. Die Leute sind heutzutage geradezu auf böse Nachrichten aus. Merkwürdig. Aber ein Tag ist das heute, nicht wahr?«
»Warten Sie,« rief der Star, »und reden Sie nicht immer; dabei kommt ja kein Wesen zu vernünftigen Worten. Was haben Sie da eben gegen den Frühling gesagt? Es ist sonderbar, wie geschwätzig ihr Waldvögel werdet, wenn kaum einmal etwas Frühlingssonne durch die Wolken gesehen hat. Da traf ich eben im Schlehdorn einen Mistfinken, und der Kerl sagte zu mir, er sei ein Goldspatz. Wissen Sie, ich könnte mich totlachen über solche Leute. Er meinte, seine ganze Familie sollte ihren Namen ändern, und dann flog er auf den Misthaufen zurück, der Goldspatz, verstehen Sie?«
»Der Schlehdorn blüht schon,« sagte der Star nachdenklich, »haben Sie einmal mitten in diesem reinen Blütenlicht gesessen, so recht mitten darin, womöglich bei Sonnenschein? Ich sage Ihnen, Madame... aber Sie da unten in Ihrem Morast sind ja eigentlich nur dem Namen nach ein Vogel. Doch jetzt halten Sie mich nicht länger auf, ich muss fort.«
Und er machte einen kleinen Sprung und segelte schnurgerade über die Saatfelder dahin, auf die Wohnungen der Menschen zu. Ein kleiner dürrer Ast brach ab und fiel nieder ins Moos, mitten zwischen die Anemonen, die noch nicht erwacht waren.
Kontextbild zum Werk. Historisches Bildnis von Waldemar Bonsels — Bildnis zur Autorschaft; keine Szene aus dem Buch. · Grete Kolliner · Public domainBildquelle ↗
Die Bachstelze wollte sich zuerst noch längere Zeit ärgern, aber dann dachte sie: Es hat nicht den geringsten Wert. Erstens ist dieser Narr doch jetzt fort, und zweitens beginnt ein geradezu fabelhafter Frühlingstag. Sie atmete die kühle Luft ein, die von den Bäumen her über die Waldwiese zog. »Erdgeruch, Veilchen und Tau,« sagte sie, »und dabei eine Frische, die man nicht glauben würde, wenn man sie nicht durch den ganzen Körper bis in die Flügelspitzen spürte.«
Bald darauf stieg die Morgensonne am Frühlingshimmel empor, und die Anemonen wiegten sich sanft im Wind, der kühl und unsichtbar, nach Windesart, aus den Zweigen der großen Linde niederzusinken schien. Die Gräser wurden wach, fröstelten ein wenig unter den winzigen Tauperlen, die zu vielen Tausenden an ihnen hingen, und rasch verbreitete sich die Nachricht unter den Erwachenden, dass es ein heller Sonnentag werden sollte.
Man muss nun wohl bedenken, dass ein Tag den Pflanzen viel mehr bedeutet als den Menschen, denn das Leben der meisten ist kürzer bemessen, als das der großen lebendigen Geschöpfe, es gibt unter ihnen sogar viele, die nur einen Tag lang blühen, sie erwachen in der Frühe, entfalten ihr Blumenangesicht im heraufsteigenden Licht der Sonne, der Mittag des Tages ist der Mittag ihres Daseins, und die hereinbrechende Nacht ist das Ende ihres Frühlings. So erscheint den kleinen Pflanzen, auch denen, welche länger leben, die Dauer eines Tages um vieles wichtiger und bedeutungsvoller, als den Tieren oder uns Menschen. Ihre allerschönste Zeit sind die Tage, in welchen sie blühen.
Man merkte gleich, wie wichtig so ein warmer Frühlingstag ist, an der Art, wie glücklich eine ältere Gänseblume sich langsam gegen das Licht aufrichtete und zurückgelehnt den roten Schein aufnahm. Sie hatte überwintert und war sehr erfahren. Es sah aus, als tränke ein durstiges Wesen in vollen Zügen Wasser an einer Quelle. Dann rief sie den erwachenden kleineren Blumen, die rund um sie her standen und alle von ihrer Art waren, den Morgengruß der Blumen zu:
Es will hier gesagt sein, dass unter vielen Menschen die Meinung verbreitet ist, dass die Pflanzen und Tiere keine Sprache hätten. Das ist nun freilich insofern wahr, als die Sprechweise dieser Geschöpfe der unsrigen nur schwer zu vergleichen ist, sie reden gewiss nicht auf dieselbe Art miteinander, wie Menschen es tun. Aber daraus darf niemand zu Recht den Schluss ableiten, dass alle diese Geschöpfe sich nicht auf ihre Weise miteinander verständigten, ihre Sinne sind wohl anders beschaffen, als die unsrigen, aber deshalb sind sie nicht weniger fein und fügsam, nicht weniger klar oder eindringlich. So bedürfen die Pflanzen, um miteinander zu verkehren, des Windes oder ihres Duftes und vor allem der Insekten, die einen großen und weitverzweigten Nachrichtendienst zwischen allen Blumen versehen, die alle Ansprüche, Wünsche und Gedanken, ja sogar die feinsten und lieblichsten Empfindungen, derer die Pflanzen fähig sind, auf wundervolle Art vermitteln.
Es hat in der Vergangenheit Zeiten gegeben, in welchen der Glaube der Menschen an die Sprache und die Stimmen der Geschöpfe der Natur verbreiteter war, als es heute der Fall ist. Es muss daher gekommen sein, dass vor Tausenden von Jahren die Menschen enger am Herzen der Natur lebten, dass sie den Pflanzen dankbarer waren für ihre Früchte, den Tieren für ihre Dienste und den Wäldern für das Obdach, das sie ihnen gewährten. So hörten sie in frommer Andacht auf die Stimmen ihrer Wohltäter und lauschten auf das Rauschen der alten Linden. Sie vernahmen in der Stimme des Baums, die Stimme der Vergangenheit und der Zukunft. Wir müssen uns wohl hüten, diese alte Weisheit rasch als ein Zeichen des Aberglaubens zu verwerfen; alle, welche die Natur draußen kennen, werden gerne gestehen, dass der Sonnenschein über weiten Wiesen oder das Rauschen der Bäume im Wind das menschliche Herz ruhiger machen, besonnen und frei. Wer sähe aber die Vergangenheit oder die Zukunft, oder auch die Sorgen der Gegenwart nicht mutiger und gerechter an, wenn sein Herz einer solchen Freiheit teilhaftig geworden ist? Auf diese Art war zu manchen Zeiten ein Band tiefen Einvernehmens zwischen der Welt der Menschen und der übrigen Geschöpfe der Natur geschlungen, und es ist nur unser Verschulden, wenn wir verlernt haben, es zu erkennen.
Wenn ich euch nun so mancherlei aus dieser Welt erzähle, so übersetze ich alles, was ich gesehen und gehört habe, in die Sprache der Menschen, bis ihr einmal selbst hinausgeht, um die Sprechweise der Tiere und Pflanzen zu lernen, und wahrscheinlich werdet ihr dann mehr und Besseres erfahren, als ich euch erzählen kann, denn es ist nun einmal so in der Welt bestellt, dass man von allem Schönen, das man erlebt, das Beste nicht sagen, sondern nur empfinden kann.
Die meisten der wichtigen Ereignisse, die in diesem Buch erzählt werden, haben sich auf der Waldwiese am Traulenbach abgespielt, dort wo die tausendjährige Linde an der Grenze der Felder und des Laub- und Föhrenwaldes steht. Es ist ein von den Menschen fast ganz vergessener Ort, nur im Frühling oder im Herbst kommt ein Landmann in die Nähe dieser Waldwiese, wenn er seine Äcker besät oder pflügt, und alle Jahre vielleicht einmal ein Jäger mit seinen Hunden, aber nicht einmal das ist ganz sicher.
So hatten die Tiere des Waldes, die Bäume, Pflanzen und Blumen auf der Waldwiese ein ruhiges Leben auf ihre Art, das nicht von Menschen gestört wurde. Die meisten von ihnen kannten nur den Wind, den Sonnenschein und den Regen, außer dem dunklen Erdboden, dem sie vertrauten. Sie hörten wohl durch die Bäume oder Vögel von den Menschen, auch kam es vor, dass an schönen Abenden die Linde aus ihrer an Erlebnissen reichen Vergangenheit erzählte, aber die wenigsten von ihnen hatten den Menschen überhaupt jemals gesehen.
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »So […] Sie doch wenigstens still.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »deshalb« in diesem Textausschnitt? »Aber daraus darf niemand zu Recht den Schluss ableiten, dass alle diese Geschöpfe sich nicht auf ihre Weise miteinander verständigten, ihre Sinne sind wohl anders beschaffen, als die unsrigen, aber deshalb sind sie nicht weniger fein und fügsam, nicht weniger klar oder eindringlich.«
4. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Ich sage Ihnen, Madame... aber Sie da unten in Ihrem Morast sind ja […] nur dem Namen nach ein Vogel.«
5. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Sie atmete die kühle Luft ein, die von den Bäumen her über die […] zog.«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Es will hier gesagt sein, dass unter vielen Menschen die Meinung verbreitet ist, dass die Pflanzen und Tiere keine Sprache hätten.«
B: »Ein kleiner dürrer Ast brach ab und fiel nieder ins Moos, mitten zwischen die Anemonen, die noch nicht erwacht waren.«
C: »Zwischen Krähen, Eulen und Eichhörnchen, oder gar in Ihrer Nähe?«
7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Himmelswunder, kühler Wind, Tau aus deinen Schwingen, …«
8. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Es hat in der Vergangenheit Zeiten gegeben, in welchen der Glaube der …«
9. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Bei der Waldwiese, auf der alten Linde, die sich noch kaum belaubt hatte, saß Kuno, der Star, vor […] und putzte sich im Frühlicht.«
10. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Die […] machte halt und sah hinauf.«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Ordne diese Textstelle in den Zusammenhang ein: »Bei der Waldwiese, auf der alten Linde, die sich noch kaum belaubt hatte, saß Kuno, der Star, vor Sonnenaufgang und putzte sich im Frühlicht.«. Was geschieht oder wird hier besprochen? Erkläre in drei bis fünf Sätzen auch, was davor und danach wichtig ist.
Impulse zur Selbstprüfung
Lies die verlinkte Stelle mit ihrer Umgebung. Trenne ausdrücklich Gesagtes von Vermutungen.
2. Vergleiche die beiden Ausschnitte: »Bei der Waldwiese, auf der alten Linde, die sich noch kaum belaubt hatte, saß Kuno, der Star, vor Sonnenaufgang und putzte sich im Frühlicht.« und »ich alles, was ich gesehen und gehört habe, in die Sprache der«. Welche Entwicklung, Gemeinsamkeit oder Spannung erkennst du? Begründe mit beiden Textstellen.
Impulse zur Selbstprüfung
Auch eine gleichbleibende Haltung ist ein mögliches Ergebnis. Erfinde keine Entwicklung, wenn sie sich aus dem Text nicht belegen lässt.
Beide Ausschnitte im Zusammenhang gelesen
Eine Gemeinsamkeit oder einen Unterschied erläutert
3. Untersuche die sprachliche Wirkung dieses Ausschnitts: »von den Bäumen her über die Waldwiese zog«. Wähle ein auffälliges Wort, ein Bild oder eine Formulierung. Erkläre seine Wirkung und begründe eine mögliche andere Lesart.
Impulse zur Selbstprüfung
Es gibt nicht nur eine richtige Interpretation. Prüfe beide Lesarten am Kapitel und benenne, was offen bleibt.
Sprachliches Merkmal am Wortlaut benannt
Wirkung als begründete Deutung formuliert
Alternative Lesart oder Grenze der Deutung erklärt
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Bei der Waldwiese, auf der alten Linde, die sich noch kaum belaubt hatte, saß Kuno, der Star, vor Sonnenaufgang und putzte sich im Frühlicht.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Und sie wippte wiederholt auf ihre ungemein zierliche Art und eilte bachaufwärts davon, durch die jungen Sprossen des Schilfs und der Primeln.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Sie hörten wohl durch die Bäume oder Vögel von den Menschen, auch kam es vor, dass an schönen Abenden die Linde aus ihrer an Erlebnissen reichen Vergangenheit erzählte, aber die wenigsten von ihnen hatten den Menschen überhaupt jemals gesehen.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Deutschsprachiger Originaltext. Der urheberrechtliche Zeitraum des namentlich belegten Autors ist nach dokumentierten GND-Lebensdaten für Deutschland abgelaufen. Abbildungen und moderne Begleittexte der Ausgangsausgabe werden nicht übernommen.
Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott
Bonsels, Waldemar: Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott, Project Gutenberg eBook 27220.
Quelltext und Ausgabe ↗ · Original German author text is public domain in Germany by documented author lifetime. Project Gutenberg US status is not the DE rights basis. Lizenz
Originalsprache · Deutsch
Unveränderte deutsche Quellfassung; die andere Spalte bietet eine gesonderte Lesefassung. Beide Ansichten gehören zu demselben Werk.
Bonsels, Waldemar: Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott, Project Gutenberg eBook 27220.
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