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Buch - Herrmann von Unna - Naubert, Benedikte

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Originalwerk · Lesefassung

Herrmann von Unna

Naubert, Benedikte · 1756–1788

Herrmann von Unna von Naubert, Benedikte. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–133 Abschnitte
Porträt von Naubert, Benedikte
Porträt: Naubert, Benedikte · Daniel Caffé · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 2 von 3

Erster Theil

1
Erstes Kapitel
2
Ein Gespräch am Hochzeittage.
3
»Am Montage nach Allerheiligen, als Kaiser Wenzel Sophien, Herzog Johannes von Bayern Tochter heimführte,« so fängt die Urschrift an, welche wir uns bey dieser Geschichte zum Leidfaden erwählt haben, und wir werden keine bessere Probe von der Treue, mit welcher wir unserm Original zu folgen gesonnen sind, ablegen können, als wenn wir uns diesen Anfang gefallen lassen, und dich, lieber Leser, ohne weitern Umschweif mitten in das Gewühl lärmender Freude einführen, welches bei Kaiser Wenzels Hochzeitfeste herrschte, obgleich ein solcher Anfang dir von der Folge dieser Blätter vielleicht einen ganz falschen Begriff beybringen könnte. Wirst du wohl in einer Geschichte ernste Scenen erwarten, welche mit der Beschreibung eines Fests beginnt, von dem man weiter nichts zu sagen braucht, als dass es ganz von dem Charakter desjenigen zeigte, der es anstellte, des Hochzeiters, Kaiser Wenzels?
Vorlage S. 5
4
Nach der Gewohnheit der damaligen Zeit waren schon drei Tage in allen möglichen Arten des Wohllebens verstrichen, und der vierte, der eigentliche Tag der ehelichen Vertrauung war angebrochen, an welchem es gemeiniglich etwas sittsamer zuzugehen pflegte als an den vorhergehenden. Daher kam es, dass der erhabene Hochzeiter nicht allein seine schöne Braut aus Priesters Hand mit nüchternem unbenebelten Verstande einfing, sondern auch noch am Abend, da der Tanz bereits in den weiten Sälen des Schlosses zu Prag begann, nur erst so viele Pokale geleert hatte, als bey ihm hinlänglich waren, jenen Grad von Fröhlichkeit und Vergessenheit der Sorgen zu erkünsteln, die dem guten Herrn bey seiner bedenklichen Lage so nötig war.
Vorlage S. 5
5
Nie hatte ihm, auch selbst in seinen jungen Jahren nicht, seine gränzenlose Liebe zur Bequemlichkeit erlaubt, einen Reiz an dem Vergnügen des Tanzes zu finden; er überließ dasselbe auch diesesmal der adelichen und unadelichen Jugend, die sein wunderlicher Sinn bey diesem Feste durcheinander gemischt hatte, und spielte mit dem Herzog von Ratibor in einer Ecke des Saals, ein Bretspiel, welches wahrscheinlich mit dem tiefsinnigen Schach nicht die entfernteste Aehnlichkeit hatte, ein Zeitvertreib, der, wir müssen es selbst bekennen, seiner Hoheit und seinen Jahren angemessener war, als das üppige Tanzen.
Vorlage S. 5
6
In einer andern Ecke des Saals saß, eben so abgeneigt an der rauschenden Freude Theil zu nehmen als der phlegmatische Kaiser, die Braut, ein holdes Geschöpf in der ersten Blüthe des Lebens, in der Einsamkeit eines Klosters erzogen, das sie gern verließ, um Kaiserin zu werden, und eben so gern wieder bezogen, es auf Lebenszeit zu ihren Aufenthalt gewählt hätte, nachdem sie denjenigen nur ein einigesmal gesehen hatte, der ihr die Krone aufsetzen wollte.
Vorlage S. 6
7
Kaiser Wenzel, ein Fürst, dem in den Jahren der besten männlichen Blüthe, – er war noch nicht vierzig, – Schwelgerey und Indolenz schon die Züge des herannahenden Alters eindrückten, er, auf dessen Wangen, in dessen Augen nicht die liebliche Röthe, das edle Feuer der Jugend, sondern nur jene Röthe, jenes Feuer glühte, welches den Trunkenbold bezeichnet, Kaiser Wenzel, dessen Seele so arm an großen Eigenschaften als seine Person an Reizen war, er, den man ohne die Zeichen seiner Hoheit unter den niedrigsten des Volks verloren haben würde, welch ein Gemahl für Sophien!
Vorlage S. 6
8
Es ist unbekannt, ob das Herz der unglücklichen Braut, je für einen andern dasjenige gefühlt hatte, was man ihr an diesem Tage vor dem Altar gebot für Wenzeln zu fühlen, aber so viel ist gewiss, dass sie in der Versammlung, in welcher sie die Hauptperson vorstellte, fast nicht einen, als etwa Wenzels Busenfreund, den alten Hanussus von Ratibor, erblicken konnte, welcher nicht mit Vorteil gegen den Bräutigam hätte vertauscht werden können, den ihr das Schicksal zugetheilt hatte. Was für eine Betrachtung für eine junge Braut mit einem zarten gefühlvollen Herzen! für sie, die mit diesem Herzen Tugend und Frömmigkeit genug verband, um jeden Gedanken von dieser Art, der etwa in ihr aufstieg, strafbar zu finden, und zu den Leiden, die sie ohnedem quälten, auch noch selbst Vorwürfe zu fügen!
Vorlage S. 6
9
Sophie war indessen so glücklich in dem Herzoge von Bayern dasjenige zu finden, was wenige Töchter an ihren Vätern haben, einen Freund, einen Vertrauten ihrer geheimsten Gedanken; ihm zu Liebe hatte sie einen Schritt getan, den sie so gern wieder zurück genommen hätte, wenn sie nicht gewusst hätte, dass es zum Glück dieses geliebten Vaters gehörte, sie Kaiserinn zu sehen. Sie ward Wenzels Verlobte, war nun seine Gemahlinn, und – musste es bleiben, wenn sie nicht die liebsten Hoffnungen desjenigen zerstören wollte, der ihr alles war, wenn sie sich nicht selbst Schande und Unglück zuziehen wollte.
Vorlage S. 7
10
Herzog Johann, war klug genug, seiner Tochter an diesem traurigen Feste nicht von der Seite zu gehen, und da es ihm unmöglich gewesen war, sie zu einer zerstreuenden Teilnahme an dem Geräusch der Hochzeitfreude zu bewegen, so theilte er ihre Einsamkeit mitten in der zahlreichsten Versammlung mit ihr, hörte ihre Klagen, hörte das Bekenntnis ihrer innersten Gedanken nachsichtsvoll an, und lenkte sie durch weise Rathschläge auf den Weg, welcher nunmehr der einzige war, den sie zu gehen hatte.
Vorlage S. 8
11
Endlich, sagte er, endlich ist es Zeit, dich dieser quälenden Vorstellungen zu begeben. Vergleichungen, die zum Nachteil deines Gemahls ausschlagen müssen, Wünsche, du möchtest nicht an der glänzenden Stelle sitzen, die dir das Schicksal bestimmt, Sehnsucht nach dem Kloster, Klagen, alles ist nun zu spät; zwar immer werde ich geneigt sein sie anzuhören, aber immer werde ich dich auch auf die Vorteile zurückweisen, die dir dein Stand verschaft, und für welche du die Augen so ganz verschließest.
Vorlage S. 8
12
Vorteile? mein Vater, rief Sophie. Diese Krone? der Name Kaiserinn?
Vorlage S. 8
13
Freilich Kleinigkeiten für dich, erwiederte der Herzog, aber was sagst du zu dem Glück, das Wohl von ganzen Nationen in deinen Händen zu haben, zu der Möglichkeit, durch deine Tugend, durch diese holdselige unwiderstehliche Sanftmuth, die selbst mich, deinen Vater, bezaubert, einen verderbten Fürsten zu bessern, der für jedes andere Mittel unverbesserlich war?
Vorlage S. 8
14
Eben so wohl könnte ich hoffen Bley in Gold zu verwandeln! rief die weinende Braut.
Vorlage S. 9
15
Und zu dem Bewußtseyn, den Willen deines Vaters erfüllt, ihn mit Aufopferung deiner Neigungen glücklich gemacht haben? fuhr er fort.
Vorlage S. 9
16
Sophie drückte die Hand des Herzogs an ihre Lippen, und versicherte, dass dieses das einige sei, was sie in dem Elend, das sie auf sich herandringen sähe, wenn sie sich als Wenzels Gemahlin betrachtete, aufrichten könnte.
Vorlage S. 9
17
Nichts von Elend, Sophie, sprach der Herzog, sage mir nichts von Elend, wie kann die unglücklich sein, welche – doch mein Leser, du wirst schon errathen, wovon die Vorlesung handelte, die der weise Vater seiner Tochter hielt. Die Sage berichtet, dieser erwürdige Greis sei einer der beredtesten Fürsten seiner Zeit gewesen, nichts habe der Macht der Wahrheit widerstehen können, wenn sie aus seinem Munde floss, und auch hier waren seine Worte nicht unkräftig.
Vorlage S. 9
18
Sophiens Herz ward durch das, was er ihr sagte, für den gegenwärtigen Augenblick beruhigt, und ihre nachmahlige Aufführung in einem langen traurigen Ehestande mit dem, der ihr jetzt so zuwider war, ihre Treue, ihre Geduld, ihre kluge liebreiche Sorgfalt für ihn in seinen mannichfachen wohlverdienten Unfällen, waren gewiss Folgen von den Lehren, die sie aus dem Munde ihres Vaters anhörte, und die jezt durch eine Begebenheit unterbrochen wurden, die wir im folgenden Kapitel hören werden.
Vorlage S. 10
19
Zweytes Kapitel.
Vorlage S. 10
20
Sophie vergißt ihren Stand.
Vorlage S. 10
21
Es war tief in der Nacht, das Geräusch des Tanzes schwieg, ein Theil der Anwesenden ruhte von dem ermüdenden teutschen Wirbelreihen aus, und nahmen Erfrischungen, indeß den andern von Wein und Ueberdruß die Augen geschlossen wurden, unter welchen letztern auch der hohe Bräutigam war. Ein Streit mit seinem Gegner im Bretspiel, war eben nach Gewohnheit zu seinem Vorteil von ihm selbst entschieden worden, und ein doppelter Trunk aus dem goldnen Becher hatte seinen Sieg bekrönt, und ihn auf seinen Lorbeern eingewiegt.
Vorlage S. 10
22
Sophie und ihr Vater waren zu tief in ihr Gespräch verwickelt, um sich um sein Schlafen oder Erwachen zu bekümmern, und wahrscheinlich war der Auftritt, der sich ihnen in diesem Augenblicke zeigte, das einzige was sie stören konnte.
Vorlage S. 11
23
Die Stille, welche im Saal seit einer halben Stunde herrschte, ward durch ein fernes Getön von sanftern Instrumenten, als die, welche bisher den wilden Tanz belebt hatten, unterbrochen. – Was ist das, rief Sophie, indem sie ihren Vater ansah. – Der Schall kam näher. Himmelstöne! rief sie aus und schlug in die Hände, sanft wie der Chorgesang der Jungfrauen meines lieben, lieben Klosters! – O selige, selige Tage, die ich da verlebte!
Vorlage S. 11
24
Wer kennt nicht die Macht der Musik über ein ohnedem zur Wehmut gestimmtes Herz. Thränen traten in Sophiens Augen, und der Anblick, der sich ihr in der nächsten Minute darstellte, vollendete ihre Rührung. Die Flügelthüren flogen auf, eine Schaar junger Mädchen trat herein, und nahte sich mit abgemeßnen Schritten dem Orte, wo Sophie saß. Sie sangen zu dem Ton von Harfen und Flöten ein Lied, welches, wenn es wörtlich auf unsere Zeiten behalten worden wär, wohl schwerlich bey strengen Kunstrichtern sein Glück machen würde, denn Melodie und Text war ganz so, wie man es von den damaligen ungebildeten Zeiten erwarten konnte; doch dünkte die erste der erhabenen Zuhörerin, göttlich, und das andere erschütterte ihr Herz bis in das Innerste, und brachte, vermuthlich zum erstenmal an diesem Tage, Empfindungen in ihm hervor, die sie angenehm nennen konnte.
Vorlage S. 11
25
O du, so sangen die Mädchen, indem sie einen weiten Kreis um ihre Fürstinn zogen, o du, die heute den jungfräulichen Kranz mit der Krone vertauschte, glücklich sei – dir der Wechsel! du trittst aus der Reihe der Jungfrauen, um den ehrwürdigen Namen einer Mutter deines Volks anzunehmen, o sei es mit willigem frohen Herzen! lehre unsern Herrn väterliche Gesinnungen gegen uns, und ewig wollen wir dich die Urheberinn unsers Glücks nennen. Sieh hier einen ganzen Frühling von Blumen mitten in den rauhen Tagen des Winters; sie, der liebste Schmuck der Jungfrauen, und unsere Herzen sind das einige Opfer, das wir dir bringen können. –
Vorlage S. 12
26
Der Boden rund um Sophien ward bey diesen Worten mit Blumen übersät, die Mädchen knieten vor ihrer Fürsten nieder, und indeß eine jede von ihnen strebte, einen Theil ihres Gewands zu küssen, trat die Führerinn mit sittsamer Geberde, vor die gerührte Sophie, setzte ein Knie auf die Erde, und überreichte ihr in einer goldnen Schaale einen Blumenkranz.
Vorlage S. 12
27
Die überraschte Kaiserinn vermochte nicht zu sprechen, sie reichte der Knienden liebreich die Hand, und beugte sich, ganz uneingedenk ihres Standes, tiefer herab, sie zu küssen.
Vorlage S. 13
28
Süßes holdseliges Geschöpf! rief sie, liebe, liebe Kinder! wie habt ihr mich entzückt! Ja, ja! ich will eure Mutter sein, euer und mein Herr soll durch mich euer Vater werden! wie lauteten die Worte eures Lieds? – o wiederholt sie noch einmahl.
Vorlage S. 13
29
Man machte sich gefasst, den Befehl zu erfüllen, aber Sophie winkte mit der Hand, ohne Gesang, rief sie, eure Melodie ist entzückend, aber ich will jetzt blos die Worte eures Liedes.
Vorlage S. 13
30
Die Führerin gehorchte und wiederholte, was ihre Gespielinnen gesungen hatten, mit einem Nachdruck, mit einem Anstand, der dem, was sie sagte, noch mehrern Reiz gab, als es durch die Begleitung der Musik erhalten konnte.
Vorlage S. 13
31
Sophie weinte, sie hielt fest die Hand der Rednerinn in der ihrigen. Ja, rief sie, indem sie ihren Vater ansah, ja ich gelobe es euch und diesen unschuldigen Seelen, ich will ihre Mutter sein, will es gern sein, will nicht –
Vorlage S. 13
32
Ein Wink des Herzogs warnte sie, nicht zu vergessen, das sie in zahlreicher Versammlung, nicht mit ihm allein sei. – Sophie schwieg, und verwandelte das, was auf ihrer Zunge war, in eine Frage nach dem Namen der Sprecherin. Wie heißt du, mein Kind? sagte sie mit liebreichem Ton, – Ida: antwortete die Gefragte mit niedergeschlagenen Augen – Ida? wiederholte Sophie, ich kannte einst eine Fürstin dieses Namens, bist du vielleicht –
Vorlage S. 14
33
Mein Name ist Ida Münsterinn, erwiederte das Mädchen, indem eine glühende Röthe ihre Wangen überzog, und ich bin die Tochter eines Bildners. –
Vorlage S. 14
34
Die Tochter eines – wie? so schön? so edel? so – wie soll ich es nennen, und nur die Tochter eines –
Vorlage S. 14
35
Mein Vater ist ein sehr ehrlicher Mann, ein treuer Unterthan seines Kaisers.
Vorlage S. 14
36
Außerordentliches Mädchen! Einzige in deiner Art!
Vorlage S. 14
37
O nein, rief Ida, indem sie einige Schritte zurück trat, und auf ihre Gespielinnen zeigte. Wie manche ist unter diesen, die mir es gleich tut, wie manche die mich übertrift?
Vorlage S. 14
38
Wir können hier nicht unterlassen, unsern Lesern zu sagen, dass Ida sich in diesem Urteil gewaltig irrte. Ihre Gefährtinnen waren alle ganz gute, schöne und artige Geschöpfe, aber keine konnte sich nur auf die entfernteste Art mit ihr vergleichen. – Allen sah man ihre Abkunft, allen sah man es an, dass sie nur zur Feyer dieses Tages über ihren Stand geschmückt waren, indessen Ida bey all ihrem Schmuck nur ihr tägliches Kleid zu tragen, und der erhabenen Dame, mit welcher sie sprach, trotz ihrer demüthigen schüchternen Geberde, an Stande gleich zu sein schien.
Vorlage S. 15
39
Sophie nahm Idas verdeckte gutherzige Weisung an. Ihr seid alle meine Kinder, seid mir alle lieb, rief sie, indem sie beide Hände nach den Knienden ausstreckte! Ich muss euch belohnen, muss euch ein Zeichen meiner Gnade sehen lassen. Hier, kleine Blondine, und hier du mit den schalkhaften Augen, hier ein Andenken von mir! erinnert euch dabei eurer Mutter, eurer Kaiserin. – Arme, Brust, und Haarlocken wurden bei diesen Worten geplündert, und der kostbare Raub unter die Mädchen ausgetheilt, welche furchtsam zögerten, die Hand nach dem dargebotenen auszustrecken.
Vorlage S. 15
40
Nehmt doch, nehmt! rief Sophie, welche alle Kostbarkeiten, die sie an sich trug, für ihr ausschliessendes Eigenthum hielt, und noch nicht wusste, dass eine Fürstinn weniger über ihren Schmuck gebieten darf, als die Geringste ihrer Damen. Nehmt gute Kinder, und erinnert euch meiner!
Vorlage S. 15
41
Sophie war in einem fröhlichen Rausche, aus welchem sie durch die Fürstin von Ratibor geweckt ward, welche ihr etwas in die Ohren flüsterte. – Wenn ich Kaiserinn bin, erwiederte Sophie, so will ich mit dem Meinigen tun was mir beliebt! – Es erfolgte noch eine Einwendung von der Fürstinn, und Sophie rief, indem sie eine goldene Kette von ihrem Halse losmachte, sie wolle sich wenigstens nicht das Eigenthumsrecht dieses ihres geliebtesten Schmucks streitig machen lassen. Hier, Ida, rief sie, es ist ein Geschenk meiner Pathe der Gräfinn von Würtemberg, kein Eigenthum der Krone.
Vorlage S. 16
42
Ida verbeugte sich. Ich trage bereits mehr Schmuck als meinem Stande zukommt, sagte sie, indem sie sich mit einer Art von Beschämung betrachtete. Wird es zu kühn von mir sein, wenn ich die Gabe meiner Kaiserinn ausschlage, und um ein Gnadengeschenk nach meiner eignen Wahl bitte?
Vorlage S. 16
43
Fordre was du willst, rief Sophie, wer sollte dich vergebens bitten lassen.
Vorlage S. 16
44
O, rief Ida, eine von den glänzenden Locken, die auf diesem Busen spielen, welch ein Geschenk für mich! sie würde mir der schönste Schmuck, das größte Ehrenzeichen sein! sie würde –
Vorlage S. 16
45
Schwärmerin! rief Sophie! und schnitt eine Locke ihres goldnen Haars mit einer solchen Heftigkeit ab, dass die Spitze der Scheere in ihren Busen fuhr, und ihr Gewand mit Blut färbte.
Vorlage S. 17
46
Ida war kühn genug die erste zu sein mit ihrem Schleier das Blut zu trocknen. Es erhob sich ein Geschrey, die Kaiserin sei verwundet, ungeachtet Schmerz und Wunde nicht viel mehr sagen wollte als ein Nadelstich. Man drängte sich herbey nach dem mächtigen Schaden zu sehen. Die Kaiserin war erschrockener durch den Lärm, den man um sie machte, als durch den unbedeutenden Unfall! die Fürstin von Ratibor entließ die zitternde Ida nebst ihren Gespielen mit oberhofmeisterlicher Strenge, und – man gieng auseinander.
Vorlage S. 17
47
Drittes Kapitel.
Vorlage S. 17
48
Ein Gespräch im Brautgemach.
Vorlage S. 17
49
Schon die erste Erscheinung der Mädchen hatte die ganze Versammlung herbey gezogen, und selbst den schlafenden Kaiser erweckt. Sophie hatte bey allen ihren Handlungen tausend Zeugen, tausend strenge Beurtheiler gehabt. Der letzte Zufall vermehrte das tadelnde Geflüster. Der Kaiser sah finster, Herzog Johann bestürzt aus, und man sagt, dass die Neuvermählte noch vorm Schlafengehen eine sehr ernsthafte Verhaltung von der Fürstin von Ratibor habe aufhören müssen. Diese Dame war schon darüber aufgebracht, dass sie keine Zuhörerin von dem Gespräch hatte sein dürfen, welches Sophie mit ihrem Vater hielt. Ein Wink der jungen Kaiserin hatte sie entfernt, und die alte Dame hatte vergebens vorgewandt, dass sie gemessenen Befehl habe, ihr nie von der Seite zu gehen. Der Verdruss über diese Sache gieng in die Vorlesung über, welche sie ihrer Gebieterin über die Sitten ihres neuen Standes hielt, und ihre Rührung bey der Erscheinung der jungen Mädchens, ihre ausschweifende Freude über eine so geringe Sache, ihre Herablassung gegen diese gemeinen Geschöpfe, ihre Gespräche mit Ida, ihre Geschenke, und vor allen, die letzte Begebenheit mit der Haarlocke, wurden auf so beissende Art vorgestellt, dass Sophie beschämt da saß und gutherzig genug war, einzugestehen, sie sei zu weit gegangen, sie wisse noch nicht recht was einer Kaiserin zieme, habe noch zu viel von der Einfalt des Klosters an sich, und – müsse sich bessern.
Vorlage S. 17
50
Sophie ward in das kaiserliche Schlafzimmer geführt, um – die Lektion, die sie von ihrer Oberhofmeisterin bekommen hatte, von ihrem neuen Gemahl zum zweytenmal zu hören. Seine Majestät hielten sich besonders bey den Geschenken auf, welche die unwissende Kaiserinn so freygebig von dem zur Krone gehörigen Schmuck hätte austheilen wollen, und die durch Vorsicht der Fürstin von Ratibor alle wieder zur Stelle waren. – Ich glaube, sagte Wenzel, indem er die Juwelen in ihrem schimmernden Gehäuse musterte, ihr wäret im Stande gewesen, den Trauungsring auch hinzugeben. O nein, sagte Sophie, den muss ich behalten, um mich immer an meine Pflicht zu erinnern. Wenzel war zu stumpfsinnig um den Stachel in diesen Worten zu fühlen, aber die Neuvermählte erschrack über das was sie gesagt hatte; sie fürchtete die Frage: ob sie eine solche Erinnerung an ihre Pflicht nötig habe, und eilte, um sie zu verhüten, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Sie war von jenen gutherzigen Seelen, welche auf jede kleine Wunde, die sie wider Willen gemacht haben, sogleich lindernden Balsam legen, und jeden Stich ihres Witzes mit einer verbindlichen Rede heilen. Bin nicht auch ich beschenkt worden? sagte sie, indem sie zu Idas Blumenkranz hinhüpfte, den sie in seiner Schale auf einer Tafel stehen sah. Doch nein, fuhr sie fort, das liebe Geschenk ist nicht mein, ich lege es meinem Kaiser zu Füßen.
Vorlage S. 18
51
Wenzel hätte noch weniger Mensch sein müssen als er war, wenn ihn die holde Geberde, mit welcher ihm die blühende Sophie ihren Kranz überreichte, nicht gerührt hätte. Er drückte sie an seine Brust, nannte sie ein gutes Weib, welches eine seiner größten Schmeicheleyen war, und ließ sie aus seinen Armen, um die Gabe, welche für ihn keinen Reiz hatte, an ihren ersten Ort zu legen.
Vorlage S. 19
52
Was ist das? rief er voll Bestürzung, als er die goldne Schale gewahr ward, in welcher Ida ihren Kranz überreicht hatte, und die Sophie kaum bemerkt hatte. – Man hat mir mein Blumengeschenk auf diese Art überreicht, erwiederte sie. Und dieses seidene Tuch? fuhr er fort. Sophie meynte, es sei yermuthlich darum da, damit die Feuchtigkeit der Blumen dem Glanz ihres Behältnisses keinen Schaden tun möchte.
Vorlage S. 20
53
Wenzel schüttelte den Kopf, indem er das Tuch hinweg nahm, und meynte, diese Art von Geschenken sei ihm schon bekannt. Seht ihr, fuhr er fort, indem ihm nach hinweggenommener Hülle der Glanz von einer guten Anzahl goldner Schilde 1 lieblich entgegen blinkte, seht ihr? das wusste ich wohl, dass man es nicht wagen würde, einer Kaiserin ein so elendes Geschenk, wie einen Blumenkranz, anzubiethen, lasst uns zählen.
Vorlage S. 20
54
Wenzel zählte, und Sophie trat indessen an ein Fenster, um sich die Thränen zu trocknen. Sie fühlte – sie wusste nicht was. Ihr Herz war so gepresst als wollte es zerspringen, sie öffnete das Fenster um Luft zu schöpfen, o Gott, seufzte sie, gieb mir Kraft die lange schwere Rolle zu spielen, die ich auf mir habe. Solche Gesinnungen, und ein Kaiser? ein Kaiser? mein Gemahl! ein solcher Mann?
Vorlage S. 20
55
Es sind richtig dreihundert! rief Wenzel. Wie hieß das Mädchen, das sie euch brachte?
Vorlage S. 21
56
Ida Münsterin, erwiederte Sophie mit einer Stimme, welche beinahe ihre Thränen verrathen hätte.
Vorlage S. 21
57
Ida Münsterin, wiederholte er, so so. Aber kommt, meine Liebe, wie steht ihr so in der kalten Nachtluft? doch – ihr habt geweint? was ist euch?
Vorlage S. 21
58
O es ist entsetzlich, rief Sophie mit zusammengeschlagenen Händen, entsetzlich, sich von seinen Unterthanen beschenken zu lassen, und nicht einmal so viel Macht zu haben, sie belohnen zu dürfen, die Kleinigkeiten, welche ich den gutherzigen Geschöpfen gab, wurden ihnen entrissen, und ich soll behalten was sie mir gaben.
Vorlage S. 21
59
Ihr irrt, erwiederte Wenzel, das was ihr geben wolltet, war ohne Vergleichung mehr, als ihr erhieltet.
Vorlage S. 21
60
Und mich dünkt, rief Sophie, so müssen Fürsten belohnen.
Vorlage S. 21
61
Und, fuhr er fort, über dieses sind diese Leute dazu da, ihrem Kaiser einen Anteil von dem Ueberfluß zu zollen, den sie unter seinem Schutz erwerben
Vorlage S. 22
62
O, sprach Sophie, lasst euch von euren Fürsten, von euren Edlen beschenken. Aber diese armen Leute, diese Künstler und Handwerker die –
Vorlage S. 22
63
Noch einmal, sprach der Kaiser, ihr irrt! Eben diese Leute sind es, die uns zollen können und sollen. Der Adel ist arm in Vergleichung mit ihnen; Fleiß und Arbeitsamkeit leiten Schätze in ihren Schooß, welche jene durch Krieg und Räubereyen nimmer erbeuten.
Vorlage S. 22
64
Wenzel hatte recht, die Beschaffenheit der Stände war zu den damaligen Zeiten so wie er sagte, aber Sophie konnte sich in diese Dinge nicht finden, und fuhr fort zu weinen, vielleicht aus Verdruss über ein Geschenk, das sie nicht vergelten durfte, vielleicht auch am meisten über den ganzen Umfang ihrer unglücklichen Lage.
Vorlage S. 22
65
Der Kaiser rufte seine Kammerdiener ihn vollends zu entkleiden und Sophiens Damen traten herein, sie zu Bette zu bringen.
Vorlage S. 22
66
Viertes Kapitel.
Vorlage S. 23
67
Fürstenglück und Fürstengnade.
Vorlage S. 23
68
Sophie war nicht glücklich genug, um über ihren neuen Stand, gleich andern Neuvermählten, jeden andern Gedanken zu vergessen. Der Auftritt mit dem Blumenmädchen, der Einzige auf ihrem ganzen Hochzeitfeste, der ihr Freude machte, hatte ihr des Abends zuletzt im Sinn geschwebt, und er war wieder einer der ersten Gedanken, als sie am Morgen erwachte Sie sandte nach Ida und ließ sie vor sich fordern. Ida war krank. Die Kaiserin schickte noch einmal, um, wenn sie ja nicht bey Hofe erscheinen könnte, von ihr die Namen ihrer gestrigen Gespielinnen zu erfahren, welche nicht krank waren, und auf Sophiens ersten Wink sich da einfunden, wo man ihre Gegenwart verlangte.
Vorlage S. 23
69
Wenzels großmüthige Gemahlin konnte den Gedanken nicht ertragen, von Geringern, von irgend jemand unerwiederte Geschenke anzunehmen; sie begleitete den liebreichen Dank, damit sie ihnen ihre gestrige Erscheinung belohnte, mit Gaben, die man nicht zurückfordern durfte, weil sie nicht von den Schätzen genommen wurden, welche zur Krone gehörten, sondern von den Kostbarkeiten, welche Sophie noch als Prinzessin besaß. Die Fürstin von Ratibor nannte Dank und Geschenke überflüssig, und fand die Unterredung in welche sich ihre Gebieterinn mit diesen einfältigen Kindern einließ, standswidrig. Die Benennung einfältig, mit welcher sie die guten Geschöpfe beehrte, war nicht ganz übel angebracht. Keine einige Ida war unter dem ganzen Haufen, sie wussten nichts als ihr Lied zu singen, und Sophiens Fragen mit äußerster Blödigkeit zu beantworten. Die Kaiserin erkundigte sich nach Ida, von welcher sie nicht begreiffen konnte, wie sie unter einem Haufen von zwanzig solchen Mädchen, bey ähnlichem Stande, ähnlicher Erziehung das werden konnte, was sie war. Aus den Antworten der Gefragten blickte teils heimlicher Neid, teils Verachtung von Verdiensten hervor, die sie nicht erreichen konnten, und die Fragerin wusste am Ende doch so viel, dass Idas Eltern sehr reich und ganz in diese einige Tochter verliebt waren, dass sie zu schön, zu verdienstvoll war, um von ihren Gespielen geliebt zu werden, und dass Liebe zur Einsamkeit, Bewußtseyn ihrer Vorzüge, oder Stolz, wie man es nannte, sie nur selten in den Zirkel kommen ließen, in welchem sie gestern eine so hervorstechende Rolle gespielt hatte.
Vorlage S. 23
70
Der allerhöchste Beyfall der Kaiserin, mit welchem das Bürgermädchen beehrt wurde, wär schon hinlänglich gewesen, den Beyfall des ganzen Hofs nach sich zu ziehen, aber auch ohne Rücksicht auf denselben wurde Idas Name überall genannt. Die jungen Herren des Hofs vermochten die Reize, mit welchen sie erschien, nicht zu vergessen, sie erkundigten sich nach jedem kleinen Umstande, der sie betraf, umschlichen des Haus ihres Vaters, fragten nach den Orten, wo man sie sehen könne, bewunderten, sie nie zuvor gesehen zu haben, und beklagten ihren gemeinen Stand. Einer von ihnen, der junge Hermann von Unna, ein westphälischer Edelmann, nannte sie nicht, fragte nicht nach ihr, beklagte und bewunderte nichts mit lauten Worten, das sie angieng, sondern begnügte sich, heimlich an sie zu denken, und hatte, ehe die andern die tausendfältigen Streitigkeiten über sie zu Ende bringen konnten, in aller Stille die Kirche ausfindig gemacht, in welcher sie täglich Messe zu hören pflegte.
Vorlage S. 24
71
Herrmann war erst achtzehn Jahr, war frühzeitig an Wenzels Hof gekommen, eine Schule, welche eben nicht die beste war. Seine Grundsätze über Liebe, Tugend und Schicklichkeit konnten wahrscheinlich nicht die strengsten sein, und er machte sich also wenig Bedenken über eine angehende Leidenschaft für ein Mädchen, an welches er bey ihrem niedrigen Stande nie mit Ehren denken konnte. – Er war der Liebling des Kaisers, hatte ihm seit seinem Knabenalter als Page aufgewartet, war Vertrauter und Unterhändler in mancher Begebenheit gewesen, wo Wenzel bewies, dass er bey der Liebe nicht auf Stand sah, und ohne Rücksicht auf denselben glücklich zu sein wusste. Wo hätte Herrmann bey solchen Beyspielen Gesinnungen hernehmen sollen, welche seiner Herkunft und Idas Tugend geziemt hätten? doch müssen wir ihm zum Ruhme nachsagen, dass er sich keines sträflichen Gedankens bewusst war, er hieng seiner Liebe nach, ohne weiter zu bedenken was daraus werden sollte.
Vorlage S. 25
72
Es war unmöglich, so sehr der Jüngling auch darnach strebte, Zutritt in dem Hause des alten Münsters zu erhalten. Immer waren seine Thüren vor denjenigen verschlossen, welche nicht in Geschäften zu ihm kamen, und erdichtete Geschäfte zu enträthseln war er schlau genug. Hermann musste also zufrieden sein, das Mädchen, das er bewunderte, bey ihrer täglichen Andacht zu beobachten, die viel zu tief, viel zu herzlich war, als dass sie ihr nur einen Blick auf ihren Bemerker hätte verstatten sollen. Ueberdieses verhüllte sie, so oft sie in die Kirche gieng, immer ein dichter Schleyer, oder ein Regentuch, welches nicht angelegt wurde, um mehr anzulocken als abzuschrecken, sondern das ganz so rauh und ungekünstelt war, wie es zu der schlechten bürgerlichen Kleidung passte, die Ida in den Wochentagen trug.
Vorlage S. 26
73
Nur des Sonntags, wenn der Vater mit der Wehr an der Seite und dem sammtnen Pelz mit goldnen Schnüren zur Kirche gieng, ließ auch Ida sich an der Seite der hochgehaupten Mutter mit offenem Gesicht sehen, und verbreitete, wie Herrmannen dünkte, neues Licht in dem Tempel. Aber dieses Licht glänzte nicht für ihn, und ach was hätte er für einen einigen der zärtlichen andächtigen Blicke gegeben, welche sie an dem Bild einer Ursula oder Maria verschwendete!
Vorlage S. 26
74
Idas Name, den man in der ersten Woche nach Allerheiligen bey Hofe so fleißig nannte, war indessen daselbst so gänzlich vergessen, dass man sich gegen Weihnachten kaum mehr auf denselben besinnen konnte; selbst Sophie dachte nicht mehr an sie; das Feuer der Zuneigung gegen sie war anfangs zu heftig, als dass es lange hätte dauern sollen, Ida versäumte es zu nähren, sie ließ sich nach den ersten genossenen Gnadenbezeugungen nicht wieder sehen, um neue einzufordern, und wahrscheinlich würden dieselben auch ohne diesen Fehler nach und nach sparsamer gekommen sein. Sophie war ein Weib, war – eine Fürstin. Die ersten zärtlichen Gefühle für Ida waren im Grunde nichts mehr, als das, was eine jede junge unerfahrne Person gegen diejenigen empfindet, welche sie aus einem Gewühl von unangenehmem Empfindungen herausreissen, und sie Freude oder etwas der Freude ähnliches erfahren lassen.
Vorlage S. 27
75
Ueberdieses hatte Sophie täglich neue Gelegenheiten zu Gedanken, die sie so ganz beschäftigten, dass ihr kein Platz für etwas anderes überblieb. Mit jedem Tage entdeckte sie neue Züge der Unliebenswürdigkeit an ihrem Gemahl, machte sie neue Erfahrungen von der Trostlosigkeit ihres Zustandes, lernte sie neue Personen kennen, welche ihr ihre Lage erschwerten. Wenig Wochen nach der Vermählung erschien eine Dame bey Hofe, welche ihr unter dem Namen der Frau vom Bade vorgestellt wurde; Sophie fand an ihr eine so gemeine unbedeutende Person, dass sie nie wieder an sie gedacht haben würde, wenn sie sie nicht am nämlichen Tage bey der Abendtafel an der Seite ihres Gemahls wieder gesehen, und aus dem vertraulichen Tone, welcher unter beiden herrschte, gemerkt hätte, dass hier eine alte Bekanntschaft statt finden müsse.
Vorlage S. 27
76
Sophie war in den Landen ihres Vaters, in einem Kloster, in gänzlicher Unbekanntschaft mit der Geschichte ihrer Zeiten erzogen worden. Wenzels Begebenheiten mit der schönen Bademagd, welche in den jetzigen, so wie in den damaligen Zeiten jedes Kind zu erzählen wusste, war ihr Abentheuer aus einer andern Welt. Wahrscheinlich bestrebte sich niemand sie, als sie Kaiserin ward, mit den Ausschweifungen ihres Gemahls zu unterhalten, und hätte man es auch getan, so wär sie vielleicht gutherzig genug gewesen, wenigstens die Liebschaft mit Susannen, unter die ganz vergangne Dinge zu rechnen.
Vorlage S. 28
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Man durfte ja die sogenannte Frau vom Bade nur sehen, um sich hiervon zu überzeugen. Dieser plumpe unbeholfne Körper, dieses aufgeschwollne Gesicht, in welchem nichts gefallen konnte als ein paar Reihen weisser Zähne, diese frechen üppigen Augen, diese feuerrothen Wangen, sollten einen Kaiser, den Gemahl einer Sophie fesseln können? unmöglich!
Vorlage S. 29
78
Wenzel nahm sich selbst die Mühe über der Tafel seine und Susannens Geschichte mit Auslassung verschiedener Umstände zu erzählen, und Sophie sah nunmehr in der vorzüglichen Achtung, mit welcher der Dame begegnet ward, nichts als eine etwas übertriebene oder ungeschickt geäußerte Dankbarkeit, die sie mit ihrer gewöhnlichen Gutherzigkeit übersahe; sie ließ sich sogar so weit herab, der sich über Wenzels Lob aufblähenden Susanne, einige Verbindlichkeiten zu sagen, und nur erst nach einiger Zeit, als Wenzels Vorliebe und dieses Weibes Frechheit zu sehr in die Augen fiel, um verkannt zu werden, nur erst denn konnte sie sich überzeugen, dass zu allen ihren vielfachen Leiden auch noch dieses käme, eine unwürdige Nebenbuhlerin zu haben.
Vorlage S. 29
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Die Einsamkeit war oft Zeuge ihrer Thränen, und die Fürstin von Ratibor, die ihre Gebieterin einst auf diese Art fand, nutzte diese Gelegenheit, sich in das Vertrauen Sophiens einzuschleichen, welches sie bisher auf keine Weise hatte erlangen können.
Vorlage S. 29
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Sophie sehnte sich, ihre Klagen in irgend einen freundschaftlichen Busen auszuschütten. Der einige Theilhaber ihrer innersten Gedanken, ihr Vater, hatte auf diese sehr deutlichen Winke seines kaiserlichen Schwiegersohns Prag schon in den ersten Tagen nach der Vermählung verlassen, und seine unglückliche Tochter war also mit ihrem Kummer ganz sich selbst überlassen. Sophie umarmte die fragende Oberhofmeisterin zum erstenmal in ihrem Leben und obgleich diese Dame geflissen schien die Sache, wovon die Rede war, mehr zu erläutern und auseinander zu setzen, als die Traurende zu trösten, so fand diese doch schon darin einen Trost, dass sie von dem, was sie bekümmerte, sprechen und ihrem Unwillen, ihrer Verachtung gegen ihre Beleidiger freien Lauf lassen konnte.
Vorlage S. 30
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Von diesem Augenblick fieng die Fürstin von Ratibor an ihre Gebieterin unumschränkt zu beherrschen, erhöhte und erniedrigte alles, was sie wollte, schrieb Sophien vor, was sie lieben und hassen sollte, und dass also an Ida bey Hofe nicht mehr gedacht ward, nicht mehr an sie gedacht werden durfte, wenn es der Kaiserin auch beliebt hätte sich ihrer zu erinnern, das leidet keinen Zweifel.
Vorlage S. 30
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Fünftes Kapitel.
Vorlage S. 31
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Seltsame Art, einen Liebhaber Zutritt im Hause der Geliebten zu verschaffen.
Vorlage S. 31
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Aber Herrmann dachte unaufhörlich an das geliebte Mädchen. Die Schwierigkeiten, die er fand, sie zu sprechen, oder nur von ihr bemerkt zu werden, gaben seinen Wünschen neues Feuer, und erhöhten seine Meynung von ihr. Ihr geringer Stand, der ihm anfangs so gleichgültig gewesen war, fieng an ihn zu beunruhigen, er wünschte sie zu sich erheben, oder sich zu ihr erniedrigen zu können, tausend romantische Einfälle dieses möglich zu machen schwärmten in seinem Kopfe, denn obgleich damals noch kein Roman existirte, als etwa der Theuerdank, so fehlte es doch auch zu jenen Zeiten in keinem Jünglingsgehirn an selbst erfundenen und erträumten Abentheuern, die den, der sich mit denselben abgab, so gut amüsirten, als das, was wir aus unserer heutigen Modelektür lernen.
Vorlage S. 31
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Ida zu sich zu erheben, sich ehrlich um sie zu bewerben, und sie zu seiner rechtmäßigen Gemahlin zu machen, war eine Unmöglichkeit. Zwar die Einwilligung des Kaisers zu einer Mißheirath zu erlangen, wär eben keine große Sache gewesen, denn Wenzel dachte in diesen, wie in allen Dingen sehr bequem, aber Herrmann hatte Anverwandte, welche nicht so nachsichtsvoll waren, er war arm, der Stand eines Kammerjunkers, den er seit einem halben Jahre rühmlichst bekleidete, war mit keinen großen Einkünften versehen. Idas Eltern waren zwar reich – aber, – genug Herrmann fieng an das andere Mittel sich glücklich zu machen, für bequemer zu halten. Er wollte sich zu ihr erniedrigen, wollte nicht mehr sein, als sie war, und Stand, Verwandte, und alle künftige Hofnungen, ihr zu Liebe, aufopfern.
Vorlage S. 31
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Es ist ungewiss, was für Schritte er zu Ausführung dieses Entschlusses that; vielleicht suchte er sich in dem Hause des alten Münsters als Lehrling einzuschleichen, aber dieser schlaue Alte musste sich dieses Gesicht, das sich ihm bereits unter so mancherley Vorwänden gezeigt hatte, gemerkt haben, oder er hatte andere Ursach zu Verdacht geschöpft, genug Herrmann musste abgewiesen worden sein, denn die Geschichte stellt uns ihn bald nach der Zeit, da diese Versuche gemacht worden sein mochten, in eben dem trostlosen Zustande als im Anfang seiner Liebe vor.
Vorlage S. 32
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Herrmann war Wenzels Liebling und Vertrauter; bleich und abgehärmt gieng er vor den Augen seines Herrn herum, und jeder seiner Blicke schien zu flehen, man möchte doch nach der Ursach seiner Leiden fragen, und ihm helfen. Aber Wenzel fragte nicht, er war keiner von jenen Fürsten, welche die Wünsche ihrer Favoriten, auf Unkosten tausend anderer befriedigen, er wusste nicht einmal, dass Herrmann welche hatte, er gehörte zu jenen spiegelglatten Seelen, die von allem, was sie umgiebt, nur einen vorübergehenden Eindruck annehmen. Man konnte vor seinen Augen leiden, ohne dass er es fühlte, sterben, ohne dass er es gewahr ward, und wieder lebendig werden, ohne dass er sich darüber wunderte.
Vorlage S. 32
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Diese Fühllosigkeit gegen das Herzensweh eines achtzehnjährigen Kammerjunkers, hatte nun freilich wenig zu sagen, aber er war im Großen eben derjenige, der er im Kleinen war, und – doch zur Fortsetzung meiner Geschichte.
Vorlage S. 33
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Herrmann gehörte zu den Glücklichen, welchen der Zufall oft ehe sie es sich versehen die Erfüllung ihres Wunsches in die Hände wirft, welche sich auf keine Art erkünsteln ließ. Der Kaiser sahe und verstand nichts von des Jünglings erbärmlichen Blicken, mit welchen er absichtlich vor ihm herumgieng, aber ohne sie zu sehen, ohne sie zu verstehen, that er einen Schritt zu Herrmanns geglaubten Besten, der sich nicht besser hätte wünschen können.
Vorlage S. 33
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Herrmann, sagte er eines Tages zu ihm, was soll ich von dir denken? bist du blind, oder willst du den Unmuth deines Herrn nicht sehen? du hattest doch sonst immer eine Frage bereit, was mir fehle!
Vorlage S. 33
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Herrmann verbeugte sich, ohne zu antworten; was hätte er sagen sollen? wie konnte man auf einem Gesicht, wie Wenzels, Spuren des Unmuths oder irgend eines andern Gefühls erkennen? oder heimlichen Verdruss aus dem Betragen desjenigen schliessen, dessen Sitten nie sanft oder einnehmend waren? die Forderung des Kaisers war höchst unbillig, und ließ sich nur mit Stillschweigen erwiedern.
Vorlage S. 34
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Ja, Herrmann, fuhr Wenzel fort, du siehst mich in der größten Verlegenheit, und du hast mir schon aus so vielen seltsamen Händen geholfen, das ich glaube du wirst auch jetzt etwas ausführen können, das mir wohl tut.
Vorlage S. 34
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Herrmann verbeugte sich wieder, doch mit einem Anstand von frohem Selbstgefühl, denn die Worte des Kaisers brachten ihm gewisse Begebenheiten in den Sinn, bey welchen er in der That eine Rolle gespielt hatte, die ihm Hofnung auf künftige, bisher vergebens erwartete, Belohnung einflößen konnte.
Vorlage S. 34
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Du siehst, fieng der Kaiser von neuem an, du siehst mich in dem schrecklichen Geldmangel, der sich denken lässt. Die Aussteuer meines Weibes ist hin, ist auf die Unkosten bey der Hochzeit gegangen; du weißt, ich habe mich nicht schimpfen lassen. Lumpichte vierzigtausend Gulden! sie sind verzehrt, und ich habe mit ihnen eine verdrüßliche Sittenrichterin in den Kauf bekommen, welche mir bleibt, nachdem das, was mir ihre Person wünschenswerth machte, nicht mehr vorhanden ist.
Vorlage S. 34
95
Herrmann kreuzte sich. Zwar war er schon lang ein Zeuge von den sinnlosen Verschwendungen seines Herrn und seiner Blindheit gegen die Betrügereyen derer, die ihn umgeben, gewesen; aber vierzigtausend Gulden, die ganze Aussteuer einer Prinzessin, die man reich nannte, eine Summe, mit welcher der König von Engelland seine Tochter vor kurzem zu großer Zufriedenheit seines Schwiegersohns ausgestattet hatte, das gieng über Herrmanns Begriffe, und hätte Wenzel nicht bald darauf die sogenannte Frau vom Bade, als eine Ursach ungewöhnlicher Ausgaben, genannt, so hätte er sich gar nicht in diese Dinge finden können.
Vorlage S. 35
96
Herrmann kannte Susannen, er hatte von ihrer Wuth bey Wenzels Vermählung mit Sophien gehört, er wusste, dass sie frech genug gewesen war, ihrem Geliebten zu drohen, durch Bekanntmachung von mancherley Sophien und ihrem Vater verborgenen Dingen, die ganze Sache rückgängig zu machen, und es kam ihm also nicht außerordentlich vor, dass der Kaiser ihre Verschwiegenheit durch ansehnliche Summen hatte erkaufen müssen, welche er sehr sinnreich mit auf die Hochzeitunkosten rechnete.
Vorlage S. 35
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Was ist zu tun! fuhr Wenzel fort, ich bin darum nicht arm, weil ich kein Geld in meinen Kasten habe; es ist in den Kasten meiner Unterthanen, und man muss darauf sinnen, wie es in die meinige zu leiten ist. Da ist der alte Münster, der der Kaiserin an Allerheiligen das artige Geschenk machte, er ist ein reicher Mann, man sagt mir, er wär im Stande seine Tochter wohl so gut auszustatten, als der Herzog von Baiern die seinige, und du siehst also wohl, dass er mir helfen kann und muss. Geh' zu ihm! Er soll mir tausend goldne Schilde borgen! ein Fürst hat allezeit Mittel sich seiner Schulden zu entledigen; du kannst ihm zum Anfang die Erlaubnis ankündigen, die einige andre reiche Handwerker so lang vergeblich gesucht haben, des Sontags, gleich den Edeln, eine goldne Kette um den Hals zu tragen. –
Vorlage S. 36
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Herrmann stand wie versteinert: die Freude eine Gelegenheit zu haben in Idas Haus zu gehen, ihren Vater in Geschäften des Kaisers zu sprechen, ihm eine Ehre anzukündigen, die ihn so sehr vor allen andern seines Standes auszeichnen musste, verschlang jeden andern Gedanken, und es fiel ihm erst, als er schon an Münsters Hausthür stand, ein, ob er ihm auch wohl mit seinem Gewerbe angenehm sein würde? ob das kaiserliche Zutrauen, dessen oftmalige Erneuerung in ähnlichen Fällen Herrmann voraus sah, nicht den Wohlstand des Hauses, das ihm so lieb war, zerstören, und Ida mit der Zeit nebst ihren Vater in Armuth und Elend stürzen könne.
Vorlage S. 36
99
Sechstes Kapitel.
Vorlage S. 37
100
Bürgerstolz und Bürgerreichthum.
Vorlage S. 37
101
Während der Jüngling einige flüchtige Betrachtungen von dieser Art anstellte, hatte er schon zweymal an Münsters Hausthüre geklopft; ein alter Diener öffnete sie. Herrmanns Gesicht gehörte unter diejenigen, welchen Idas Vater den Zutritt in seinem Hause nicht zu gestatten pflegte. Jung, schön, in allen Glanz des Hofs gekleidet, was für einen Anblick für denjenigen, der in Abwesenheit seines Herrn, der Ehrenhüter des Hauses war! auch dünkte es dem Knechte des alten Münsters, diese zierliche Figur mehr gesehen und abgewiesen zu haben, welches bey den mannichfachen vergeblichen Versuchen, welche Herrmann seit einiger Zeit gemacht hatte, Zutritt in Idas Wohnung zu bekommen, wohl möglich sein konnte.
Vorlage S. 37
102
Ungestüm ward die Thür zugeschlagen, und ehe noch der Klopfende andeuten konnte, wen er zu sehen verlangte, tönte ihm die rauhe Stimme entgegen: der Herr sei ausgegangen.
Vorlage S. 37
103
Und die Frau? fragte der junge Höfling mit lieblichem Accent. Die Antwort würde vielleicht die nämliche gewesen sein, wenn nicht ein glückliches Ungefähr Idas Mutter eben über den Flur getragen, und ihr die Nachfrage nach ihr, zu Ohren gebracht hätte.
Vorlage S. 37
104
Herrmann hörte innerhalb der Thür einen kleinen Wortwechsel zwischen der Frau und dem Knechte, er klopfte noch einmal, und ihm ward aufgethan. Idas Mutter hatte den unerbittlichen Thorwächter vertrieben, sie selbst öffnete die Pforte, und der Anblick des Hofjunkers nöthigte ihr eine tiefe Verbeugung ab. Wer seid ihr, Herr Ritter? stammelte sie mit einem kleinen Erröthen.
Vorlage S. 38
105
Mein Name tut wenig zur Sache, erwiederte Herrmann mit einigem Unwillen, aber mein Gewerbe muss mir überall Zutritt verschaffen; ich komme auf Befehl des Kaisers.
Vorlage S. 38
106
Des Kaisers? wiederholte sie, doch im Guten? – Doch Gott sei Dank, ich und die Meinigen sind uns keines Vergehns bewusst, und was sich mit Geld abkaufen lässt – Geht herein, Herr Ritter, ich muss nach meinen Mägden sehen, und gleich bin ich wieder bey euch.
Vorlage S. 38
107
Herrmann ward in ein Unterzimmer gelassen, wo das erste, was ihm in die Augen fiel, eine holdselige weibliche Figur war, die er augenblicklich für Ida gehalten haben würde, wenn sie ihm nicht unendlich schöner geschienen hätte, als er sie je sah, und doch gehörten wenig Minuten dazu ihn zu überzeugen, dass sie es wirklich sei. Herrmann hatte das junge Mädchen bisher nicht anders, als in der dichten Kirchenhülle, oder in dem steifen Staate gesehen, welcher damals Mode war. Die hohen Kragen, die dickgefalteten Kleider, und der gothische Kopfputz ließen der lieblichen Dirne noch allemal Reiz genug übrig, vor allen ihren eben so geschmückten Zeitverwandtinnen hervorzustechen, aber ganz ein anderes war es doch immer, sie im häuslichen Gewande ohne weitern Schmuck, als einen kleinen Schleier auf ihren schönen Locken zu erblicken.
Vorlage S. 38
108
Herrmann stand wie versteinert, und Ida an ihrem Spinnrocken blickte kaum auf, den Eintretenden zu betrachten. Es war in den damaligen Zeiten die Sitte der Jungfrauen, ihren neugierigen Blicken zu wehren.
Vorlage S. 39
109
Der Hofjunker war beym Eintritt von der Mutter gebeten worden, sich zu setzen, und sich die Zeit nicht lang werden zu lassen, aber so wohl er das letzte, bey Idas Anblick, der ihm alle Langeweile benahm, beobachtete, so wenig dachte er an das erste; er blieb auf der Stelle stehen, wo er war, und seine Augen verschlangen die schöne Spinnerinn, welche wohl ein bis zweymal den Mund aufthat, als wollte sie den Jüngling an die Bitte ihrer Mutter erinnern, aber ihn schnell wieder schloss, als zweifelte sie, ob es ihr in Abwesenheit ihrer Eltern ziemte, mit einem Fremden, mit solch einem Fremden zu sprechen.
Vorlage S. 39
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Liebe Jungfrauen des achtzehenden Jahrhunderts, es war gar eine seltsame Sache um den jungfräulichen Wohlstand zu Kaiser Wenzels Zeiten, und wenn ihr etwa glauben sollet, als sei Schüchternheit auch damals nur die Sitte geringer Mädchen gewesen, so erinnert euch nur, dass Ida wie ein Fräulein erzogen war, und sich sehr wohl nach dem, was man sie gelehrt hatte, zu halten wusste. Auch hoffe ich, ihr werdet ihr Betragen nicht Einfalt oder Blödigkeit nennen, wenn ihr zurücksinnt, mit wie viel Freymüthigkeit und Anstand sie am Montag nach Allerheiligen erschien, und mit jedem ihrer Worte, jedem ihrer Blicke nicht allein das Herz Sophiens, sondern tausend andere Herzen fesselte. Höret weiter:
Vorlage S. 40
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Herrmanns Aufführung wird nicht weniger seltsam in euren Augen erscheinen. – Die Spinnerin verlor die Spindel, und der junge Herr, an statt dieselbe aufzuheben um der Atmosphäre des Mädchens näher zu kommen, oder Gelegenheit zum Anfang eines Gesprächs zu finden, blieb stehen, und ließ es ruhig zu, dass sie selbst sich beugte, um ihr Handwerkszeug von neuem zu fassen.
Vorlage S. 40
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Ida, welche diesen Fall nicht aus Koketterie veranlaßt hatte, glühte vor Beschämung über ihr Versehen, und fieng an das Rädchen hurtiger zu drehen, um den etwanigen Vorwurf der Unschicklichkeit in dem Herzen des Fremden hinweg zu tilgen.
Vorlage S. 40
113
Es ist schwer zu errathen, ob irgend ein Zufall den Liebenden und die Geliebte näher zusammen gebracht haben würde, da sie diesen so unachtsam vorbeygehen ließen, aber alle Möglichkeit dazu ward in diesem Augenblick durch die Ankunft der Mutter vereitelt.
Vorlage S. 41
114
Und was bringt einen Gesandten des Kaisers in mein schlechtes Haus? fragte die Matrone, indem sie Herrmannen nochmals zum Sitzen nöthigte, und sittig vor ihm stehen blieb. – Der Kammerjunker stockte, erröthete, welches jetzt bei Kammerjunkern etwas seltnes ist, und fand, dass es nicht ohne Schwierigkeit sei, einen Auftrag, wie der, mit welchem Kaiser Wenzel ihn beehrt hatte, auszurichten. Auch sagt die Geschichte nicht, wie er sich endlich dessen entledigte, sondern sie führt uns nur auf die Würkung, die er auf das Gemüt der Münsterin that. Sie lächelte, und winkte mit einem bedeutenden Blick auf Ida; Kind, sagte sie, das bedeutete mir mein Traum, ich fand in Abwesenheit des Vaters Rosen in unserm Garten, Rosen bedeuten Ehre!
Vorlage S. 41
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Mit diesen Worten war die gutherzige Frau nach einen großen Seulenschranke gegangen, den sie mit Geräusch öffnete, und mit einem Kästchen von schwarzem Ebenholze zurückkehrte. Gut, sagte sie, indem sie sich an Herrmanns Seite setzte und das kleine Behältniß auf dem Tische ausleerte, gut dass mein Mann nicht zu Hause ist, und mir die Ehre hinwegnimmt, einem so großen Herrn zu dienen. Hier, Herr Ritter, nehmt so viel ihr wollt, nehmt alles, nehmt es ungezählt, nur diese Kette und diesen Ring nehme ich hinweg, sie gehören meiner Tochter, und, fuhr sie fort, und grüßt unsern Herrn den Kaiser schönstens von mir, und wir liebten ihn alle, seit er uns eine so gute Kaiserin gegeben hätte. Durch sie, hofften wir, sollte manches besser werden.
Vorlage S. 41
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Herrmann erstaunte über die Bereitwilligkeit, mit welcher dieser Frau, wie er meynte, ihren ganzen Schatz dem Vergnügen aufopferte, einem Herrn, wie Wenzel, gedient zu haben. Er sah sie an, sprach etwas von sicherer Wiedererstattung, an welcher er doch selbst nicht glaubte, und trat endlich mit dem Auftrag hervor, den ihm der Kaiser vor den alten Münster zur Belohnung (vielleicht zur einigen Erstattung) für das Darlehn gegeben hatte. Wer soll nun, fragte Herrmann, das Recht haben, mit einer goldnen Kette zu prangen, derjenige, dem der Kaiser es zudachte, oder die gutherzige Frau, welche so bereitwillig ist ihm zu dienen?
Vorlage S. 42
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Mein Mann ist so hochmüthig nicht, sprach die Münsterinn lächelnd, und ich? freilich mir sollte so ein Vorzug vor meines gleichen ganz wohl tun, aber wenn mich der Kaiser belohnen will, so will ich ihn schon einmal um etwas anders bitten, das er mir nicht abschlagen muss, wenn er dankbar sein will.
Vorlage S. 42
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Herrmann versicherte, er getraute sich alles für sie beym Kaiser zu erlangen was sie wünschte, und er glaubte ihr die Freyheit zusichern zu können, jeden Schmuck öffentlich tragen zu dürfen, den sie wünschte, ohne dass ihr darum für die Zukunft eine freye Bitte abgeschlagen werden sollte. – Der junge Mensch, der einen Theil der Liebe für die Tochter auf die Mutter übertrug, sprach mit einem Feuer, das der klugen Münsterinn ein neues Lächeln abnöthigte. Es freut mich, sagte sie, dass ihr so viel bey eurem Herrn geltet, auch danke ich für die Erlaubnis die Kostbarkeiten zu tragen, die ich habe; allenfalls kann ich mich auch im Hause damit schmücken, wenn mir das Freude macht. Aber wie ist das, hat euch der Kaiser, bey dem ihr so viel zu sagen habt, nie erlaubt mit goldnen Ketten zu prangen? Mich dünkt ich habe euch oft in der Kirche und anderwo gesehen, aber nie mit so etwas um euren Hals; und ihr seid doch ein Edler!
Vorlage S. 43
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Herrmann erröthete, denn er wusste die Ursach dieses Mangels, der seinen Grund in seinem wenigen Vermögen, und Wenzels schlechter Freygebigkeit hatte, sehr wohl.
Vorlage S. 43
120
Wie wär es, fuhr die Münsterin fort, wenn ich einmal thät als ob ich Kaiser wär, und euch eine Kette zu tragen erlaubte? Ida, willigst du ein? – die Mutter hielt bey diesen Worten die Kette in die Höhe, von welcher sie vor einem Augenblick sagte, dass sie ihrer Tochter gehöre. Ida verbeugte sich. Nun so steh auf, fuhr die Mutter fort, und lege dem Ritter selbst das Geschenk an, das ich ihm von dem Deinigen gebe.
Vorlage S. 43
121
Ida erröthete, zögerte, und erhub sich endlich auf wiederholtem Befehl ihrer Mutter, gieng zitternd auf Herrmann zu, nahm die Kette aus den Händen der Matrone, warf sie um den Hals des Jünglings, und eilte nach ihren Rocken zurück, ohne auf den zu achten, der halb ausser sich ihr nachsah, und die Arme nach ihr ausstreckte.
Vorlage S. 44
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Eine große Pause erhub sich nach dieser Begebenheit. Ida saß mit niedergeschlagenem Auge und glühendem Gesicht an ihrem Rocken ohne zu spinnen, Herrmann heftete seine Augen mit einem Blick auf sie, welcher sich nicht beschreiben lässt, und die Münsterin saß an ihrem Stuhl zurück gelehnt und sah dem allen mit einem scharfen beobachtenden Blick zu, der schwer zu erklären war.
Vorlage S. 44
123
Eben hatte sie die lange Stille durch die Frage an den jungen Menschen unterbrochen, ob er nicht Ritter Herrmann von Unna sei, und dieser war eben im Begriff zu bejahen, und wiederum zu fragen, woher man ihn kenne? als die Münsterinn den Fußtritt ihres Mannes im steinernen Vorhaus vernahm, und ihren Beysitzer bat, Idas Geschenk in sein Wamms zu knüpfen. Er gehorchte ohne nach der Ursach zu fragen, und Münster trat ein. Ein alternder Mann von stattlichem Ansehen, als sein Stand mit sich brachte, ein stolzer Blick in seinem Auge zeigte den reichen Bürger an, der sich den Edeln gleich hielt, und eine gewisse Gutmüthigkeit in seinen Zügen, machte, dass man ihm diesen Blick nicht übelnehmen konnte. Die Anwesenheit des Kammerjunkers schien ihn zu befremden, er sah seine Frau mit einer Miene voll Unwillen an, befahl Ida das Zimmer zu verlassen, und fragte Herrmann nach seinen Begehren.
Vorlage S. 44
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Der Name des Kaisers machte ihn etwas milder, und das Gewerbe, das derselbe seinem Vertrauten an ihn aufgetragen hatte, nöthigte ihm ein Lächeln ab. Es ist gut, sagte er, nachdem man ihm alles, ausser den Umstand mit Idas Geschenk, entdeckt hatte, es ist gut, dass mein Weib meine Stelle vertreten hat, das nächstemal, dass der Kaiser meiner nötig hat, und ich vermuthe, dies wird bald geschehen, wird die Reihe an mir sein: wir sind verbunden, unserm Herrn mit Gut und Blut zu dienen. In einer von Sr. Majestät treuen Reichsstädten fand ich Schutz und Brodt, als ich arm und vertrieben war, in seinen Landen erwarb ich einen Theil dessen, was ich habe, und ihm gebührt ohne Zweifel ein Theil des meinigen; also, Herr Ritter, so oft ihr wollt im Namen eures Herrn, in dem Eurigen aber – nie.
Vorlage S. 45
125
Herrmann wollte nach dieser Erklärung das Gespräch von neuem anspinnen, aber die Antworten fielen kurz aus, er sprach von Wiederkommen, und fügte einige übel angebrachte Schmeicheleyen für den alten Münster hinzu, aber man übergieng es mit Stillschweigen, und – er entfernte sich. Was sollte er hier? die, welche ihn so mächtig anzog, die geliebte Ida, war ja nicht mehr gegenwärtig, und ihre vorher so freundliche Mutter, hatte seit der Erscheinung ihres Mannes sich so ganz verändert, dass er sie nicht mehr kannte.
Vorlage S. 46
126
Der Kammerjunker gieng langsam nach Hause, und rekapitulirte, was ihm begegnet war. Idas Anblick, die Freundlichkeit ihrer Mutter, das Geschenk, das sie ihm auf so gute Art von der Hand des geliebten Mädchens zu verschaffen wusste, und eine Menge anderer Dinge, welche vorgefallen waren entzückten ihn, liessen ihm Hofnungen fassen, die er sich selbst nicht zu erklären wusste, und machten, dass er die Hauptsache, den glücklich ausgerichteten Auftrag seines Herrn ganz aus der Acht ließ.
Vorlage S. 46
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Erst als er die Schätze der gutherzigen Münsterinn, deren Gewicht er in der Freude seines Herzens nicht gemerkt hatte, in seinen Taschen fühlte, alsdenn erst erinnerte er sich was er zu tun habe, und eilte zu seinem Herrn ihm Nachricht zu geben.
Vorlage S. 46
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Wenzel war niemals zufrieden, und fand also auch hier Ursach zum Verdruss. Die Gaben der großmüthigen Bürgerinn reichten nicht ganz an die Summe, die er verlangt hatte, und dennoch ließ ihre Bereitwilligkeit zu geben es ihm bereuen, dass er nicht mehr gefordert hatte. Münsters Reichthum war in seinen Augen unerschöpflich, und er sann darauf ihm nächstens wieder zuzusprechen.
Vorlage S. 47
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Sein Vertrauter hörte wenig von dem, was er ihm hierüber sagte, er sehnte sich nach Hause, um seine Abentheuer nochmals zu überlegen, und seine Augen an Idas goldner Kette zu weiden, ein Kleinod von ziemlichem Werth, an welchem er nichts auszusetzen hatte, als dass das Schaustück, das daran hieng, nicht mit Idas schönem Gesicht geziert war, ihm nichts als einen alten bärtigen Grafen von Würtemberg vorstellte, der ihn wenig interessirte. – –
Vorlage S. 47
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Herrmann musste über die Gedanken an die Schönheit der Tochter und die Güte der Mutter ganz die Strenge des Vaters vergessen haben, denn des andern Tages mit dem frühesten Morgen trugen ihn seine Füße vor Münsters Pforte, und er war sehr befremdet, abgewiesen zu werden. Man sagte ihm, weder Herr noch Frau seien gegenwärtig, man vermuthe überdieses heute keine Befehle von Sr. Majestät, und andere Angelegenheiten könne und werde der Herr Ritter in diesem Hause nicht haben.
Vorlage S. 47
131
Aehnliche Versuche liefen in der Folge auf ähnliche Art ab, und Herrmann fing an im Ernste zu wünschen, der Kaiser möge wieder Geldmangel haben, und seine Zuflucht zu Münsters Goldquelle nehmen müssen. – Aber Wenzel war empfindrisch genug andre Brünnlein zu entdecken, aus welchen ihm die Schätze, die er brauchte, noch häufiger zufliessen mussten. Er machte Edle zu Grafen, und Grafen zu Reichsfürsten, und ließ sich für diese Promotionen von jedem nach Standesgebühr und Würden zahlen. Ein anderer Erwerbszweig war für ihn, die Erschaffung neuer Richter und Beisitzer jenes fürchterlichen Gerichts, durch dessen eisernen Arm zu den damaligen Zeiten die Gerechtigkeit im Verborgenen geübt wurde. Zwar hatte der Kaiser eigentlich kein Recht zu Vergebung solcher Stellen, zwar war die Uebung dieser Art der heimlichen Gerechtigkeit an ein einiges Land, an Westphalen gebunden, aber daran kehrte sich Wenzel nicht, er schaltete mit allem was ihm nicht zukam, als mit seinem Eigenthum, und freute sich des Vortheils, der ihm daraus zufloß.
Vorlage S. 48
132
Siebentes Kapitel.
Vorlage S. 49
133
Unglück bringt uns oft dem Glücke näher.
Vorlage S. 49
134
Graf Viktor von Mayland lebte in heimlicher Fehde mit einem Fürsten aus dem Hause Visconti. Der Grund ihrer Streitigkeiten und die Ursach, warum beide sich nur heimlich zu schaden suchten, sind Dinge, welche hieher nicht gehören. Ehrgeiz und Rache trieben den Grafen an Wenzels Hof, er bot ihm hundert tausend Gulden, eine für die damaligen Zeiten ungeheure Summe, wenn ihm der Kaiser den herzoglichen Titel gewähren wollte. Der Kaiser war taub gegen die Vorstellung seiner Fürsten, Graf Viktors Bitte abzuschlagen, er hörte nur seinen Eigennutz, er gab, ganz wider die Reichsverfassung, dem Grafen was er öffentlich verlangte, und versagte ihm, wie die Sage berichtet, auch das nicht, warum er heimlich bat, das Recht in seinen Landen ein Freygericht zu stiften, das ist, wider jeden den er haßte, und einen Schein des Verbrechens ausbringen konnte, tausend heimliche Henker zu bewafnen, die ihn richten konnten, wo sie ihn fanden, ohne dass jemand sein Blut rächen durfte.
Vorlage S. 49
135
Dieser letzte Theil von Graf Viktors Gesuch liegt zu sehr in Dunkelheit gehüllt, als dass sich etwas zuverlässiges davon sagen ließ, aber so viel ist gewiss, dass er alles erhielt, was er verlangte, und des Kaisers Willfährigkeit noch großmüthiger bezahlte, als er versprochen hatte.
Vorlage S. 49
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Jetzt waren, nach Wenzels Meynung, unerschöpfliche Schätze in seinen Händen. Ganz Prag erschallte von dem Getümmel der Freude, tausend schwelgerische Feste wurden gefeyert, zu denen Herzog Viktors Erhöhung die Veranlassung sein musste. Die Unterthanen, so sehr sie auch die Ausschweifungen ihres Kaisers tadelten, bildeten sich doch im Stillen ihm nach. Wenzels Verschwendung gab auch andern Mittel zum Wohlleben in die Hände, und der Rausch, von welchem bei Hofe alles taumelte, verbreitete sich in die entferntesten Quartiere der Stadt.
Vorlage S. 50
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In einer von denen in dieser Epoche durchschwelgten Nächten, war es, da im östlichen Theil der Stadt jene schreckliche Feuersbrunst ausbrach, von welcher noch einige der ältesten Chroniken gedenken. Mitternacht war bereits vorbei, der Kaiser und sein Zechgeselle, der Fürst von Ratibor, schenkten eben den Pokal ein, der den letzten Ueberrest ihres Bewußtseyns ersäufen sollte, indessen um und neben ihnen bereits alle diejenigen ohne Verstand lagen, die den Wettstreit der Schwelgerey mit ihnen begonnen hatten. Lallend und mit wildem Gelächter erzählten sie einander, wie einer ihrer Gefährten nach dem andern, von Wein übermocht, dahingesunken war, stritten, zuweilen fast bis zur Thätlichkeit, über die Ordnung, in welcher dies geschehen war, und über den Augenblick, in welchem sie das Schicksal der andern treffen würde.
Vorlage S. 50
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Mittlerweile hatte der jüngere, kleinere und bessere Theil der Gesellschaft nur aus dem Becher der Freude getrunken, und ergötzte sich mit dem edlern Vergnügen des Tanzes. Herrmann war mitten in dem jugendlichen frölichen Zirkel. Nachdem er lange unter dem Trupp lachender Jünglinge und Mädchen allein traurig gesessen, bald sich an ein Fenster gestellt hatte, wo er die Gegend von Idas Wohnung sehen konnte, bald sich unmuthig hinweg gewandt, und den tausendmal vergeblich gefassten Entschluss erneuert hatte, das reizende Bürgermädchen zu vergessen, so fieng er endlich an seine Zuflucht zu dem gefährlichen Gegengift des Kummers, dem Trunke, zu nehmen. Er war zu edel, sich um sein Bewustseyn zu trinken, aber doch hatte er endlich den Becher oft genug geleert um froh zu sein, und in jedem Mädchen, das an seiner Hand die bunten Reihen hinabschwebte, eine Ida zu sehen.
Vorlage S. 51
139
Mitten in dem frohen Taumel, in welchem er und alle seine Gefährten sich befanden, wurden sie durch ein ungewohntes Geschrey erschüttert. Es ist die Schildwacht, sagte eine liebliche Blondine zu dem schönen Herrmann, und drückte seinen Arm fester an ihr Herz; sie verkündigt den Tag, lass uns die fliehenden Stunden nicht versäumen! Die Schildwachen, vielleicht die einigen ganz nüchternen Männer in der Gegend des Schlosses, verdoppelten ihr Rufen. Die Musik schwieg, man horchte. Es ist Feuer! riefen einige Stimmen. Feuer! riefen die andern, und der ganze Schwarm der Tänzer wickelte sich in einen Knäuel zusammen, und stürzte nach den Thüren und den Fenstern, um teils zu fliehen ehe man wusste wo die Gefahr war, teils zu forschen, wo sie sei.
Vorlage S. 51
140
Herrmann war unter den letzten. Er flog an das Fenster, wo er diesen Abend so oft gestanden hatte, und sahe den hohen Schloßberg hinab in die weite Ferne hinaus. Die ganze östliche Gegend des Himmels schwamm in Feuer. Plötzlich stieg der Gedanke an Ida in seiner Seele auf, der Taumel der Selbstvergessenheit verschwand. Er rief den Namen seines Mädchens aus, schleuderte die holde Blondine, welche noch an seinem Arm hieng, von sich, und wandte sich halb ausser sich um, das Zimmer zu verlassen. Er arbeitete sich durch das drückende Gedränge, welches das Fenster und die Thüren besetzt hielt, stieß zu Boden was sich ihm widersetzte, und erreichte endlich die Gasse.
Vorlage S. 52
141
Ohne sich der Dauer des Weges bis zu Münsters Hause, oder der Art, wie er ihn zurück gelegt hatte, bewusst zu sein, langte er daselbst an, und – doch man erspare mir die Beschreibung des schrecklichen Schauspiels, welches sich Hermann hier gezeigt haben würde, wenn er für irgend etwas, als die Gefahr seines Mädchens, Sinn gehabt hätte.
Vorlage S. 52
142
Wahrscheinlich war man das Unglück in dem Viertel der Stadt, welches von demselben betroffen wurde, später gewahr geworden, als es die nüchterne Schildwache auf dem hohen Schloßberge ausgerufen hatte. Ein Theil der unglücklichen Bewohner dieser Gegend hatte im schwelgerischen Rausche von Festen, die auch hier gefeyert wurden, der andere in jenem tiefen Schlafe gelegen, in welchen die Arbeitsamkeit ihre Freunde einwiegt.
Vorlage S. 53
143
Die Bewohner des Münsterschen Hauses waren unter den letztern gewesen, bey ihnen wusste man nichts von üppigen Lustbarkeiten, sondern widmete einen Wochentag wie den andern dem Fleiße und die Nächte der Ruhe. Es war die Nacht vor Kreuzerhöhung, da sich diese fürchterliche Begebenheit zutrug, und eine solche Nacht zu durchschwärmen, würde bey dieser frommen Familie doppelt strafbar gewesen sein.
Vorlage S. 53
144
Der halbentseelte Herrmann fand den alten Münster und seine Frau mit gerungenen Händen bey ihrem brennenden Hause stehen, und nach ihrer Ida rufen, mit Mühe hatten die unglücklichen Eltern ihr eigenes Leben gerettet, der Vater, welcher in die Gluth zu rückgekehrt war, und seine Tochter vergebens auf ihrem Zimmer gesucht hatte, fühlte nicht die Schmerzen seines bey dieser Gelegenheit schwer beschädigten Arms, und die Mutter schien alle Augenblick im Begriffe zu sein, sich ins Feuer zu stürzen, um die Verlorne zu suchen, oder mit ihr zu sterben.
Vorlage S. 53
145
Ida? rief Herrmann, als er die Klagen der Eltern hörte, Ida ist verloren? ha! ich muss sie suchen, sie retten! Diese Worte waren kaum geendigt, als er eine Leiter ergriff, und sie an dem Theile des halb zerstörten Hauses anlegte, den ihm die Mutter mit dem Finger zeigte; die lodernde Gluth hatte sich von dieser Ecke gewendet; über glimmende Balken und glühende Steine klimmte Herrmann zu der Kammer seines Mädchens. Der dicke Rauch verbarg ihn dem Auge der Schauenden. Idas Eltern konnten den Retter ihrer Tochter nicht mehr sehen. Auch er ist dahin! schrie die Mutter, und rang die Hände, aber in dem Augenblicke kam er wieder hervor, drängte sich tiefer in die rauchenden Trümmern, verschwand nochmals, zeigte sich wieder, fieng an die Leiter hinabzuklimmen, stürzte sich einigen, die ihm zu Hülfe kamen, in die Arme, und blieb ohnmächtig liegen.
Vorlage S. 54
146
Leer? rief die herbeydringende Mutter, er kommt leer? Ach Gott, wo ist meine Tochter!
Vorlage S. 54
147
Indessen die Mutter über Ida jammerte, beschäftigte sich der Vater mit dem heldenmüthigen Jünglinge, der sein Leben vergeblich gewagt hatte. Der Rauch hatte ihn auf seinen wiederholten Bemühungen um die, die er liebte, fast erstickt, Angst und Anstrengung seine Kräfte aufgezehrt, seine Ohnmacht war dem Tode ähnlich, und nur die Schmerzen der Beschädigungen, die er erlitten hatte, konnten ihn endlich erwecken.
Vorlage S. 54
148
Mit der zunehmenden Gluth mehrte sich auch die Anzahl der herbeydringenden Menge, der Tag war angebrochen, die Schwelger und Schläfer von Prag wurden wach, und man fieng an ernstlich auf Rettung zu denken, die nun fast zu spät kam.
Vorlage S. 55
149
Idas Eltern verliessen die Gegend des Schreckens, wo sie alles verloren zu haben glaubten, und begaben sich nach einem kleinen Hause, welches von den Flammen verschont geblieben war, und welches ihnen gleichfals zugehörte. Idas unglücklicher Retter ließ sich auf ihre Bitte von seinen Leuten an den nemlichen Ort bringen, weil die Mutter schwur, sie könne seine Wartung niemand als sich selbst anvertrauen.
Vorlage S. 55
150
Sie hatten den Weg dahin noch nicht halb zurück gelegt, als aus den immer mehr zuströmenden Gedränge, ein Mädchen, als Ida, sich in ihre Arme stürzte.
Vorlage S. 55
151
Es ist unmöglich die Wirkung zu beschreiben, die die Erscheinung der Verlornen bey den dreyen, die sie so unaussprechlich liebten, anrichtete; der schwache Herrmann ward von neuem ohnmächtig, und der Mutter gieng es nicht besser. Nur der Vater hatte Besonnenheit genug, die Tochter, die weinend in seinen Armen lag, um die Möglichkeit, um die Art ihrer Rettung zu fragen.
Vorlage S. 55
152
Rettung? rief Ida, Gott sei Dank, dass ihr gerettet seid, ich habe nichts von Gefahr gewusst, nichts davon geträumt, bis ich von dem Unglück hörte, dass sich in unserer Gegend zugetragen habe, und halb sinnlos herbeyeilte, euch gerettet zu sehen, oder mit euch zu sterben.
Vorlage S. 56
153
Jetzt erst besann sich der Vater, dass Ida noch des vorigen Abends spät um Erlaubnis gebeten hatte, nebst ihrer Magd, die Metten in der entfernten Marienkirche zu besuchen, welche gleich nach Mitternacht angieng, und mit Anbruch des Tages endigte; dort hatte das Gerücht von dem Unglück ihrer Eltern das fromme Mädchen getroffen; und der gute Engel, der sie vor ihrem eigenen Verderben vorüberführte, brauchte sie nunmehr zum Mittel, auch die andern zu trösten, und sie mitten im Unglück den höchsten Grad von Freude fühlen zu lassen.
Vorlage S. 56
154
Herrmann war zu sich selbst gekommen, man stellte ihm die lebende Ida vor, die ihm ganz so dankte, wie das, was er für sie getan hatte, es verdiente. Er blieb in dem Hause ihrer Eltern, sie ward seine Wärterin, und ob seine Liebe dadurch genährt, und die ihrige angefacht wurde, lässt sich denken.
Vorlage S. 56
155
Achtes Kapitel.
Vorlage S. 57
156
Herrmann bekommt Räthsel zu hören.
Vorlage S. 57
157
Herrmanns Wiedergenesung und der Wohlstand brachten ihn aus Münsters Hause. Er erschien wieder vor dem Kaiser, der sich wenig um ihn bekümmert hatte, und ihn jetzt über sein Abentheuer mit dem Bürgermädchen höhnte. Dem Beyspiel des Herrn folgten die Diener, und Herrmanns und Idas Liebe ward das Märchen vieler Tage. Nur Sophie war edel genug Herrmann nicht zu höhnen, ihn nicht wegen dessen, was er für das schöne Bürgermädchen getan hatte, zu verachten. Ein Funke von jener schnell gefassten Zuneigung für Ida, welchen andere Gedanken und die Fürstin von Ratibor eben so schnell unterdrückt hatten, glimmte noch in ihrem Herzen, sie hörte von dem Unglück ihrer Eltern mit Rührung, freute sich der Rettung des jungen Mädchens, und trug Herrmannen auf, der herabgekommenen Familie ein Geschenk zu überbringen, welches nach dem wenigen, was Sophie in Händen hatte, ansehnlich genug war. Herrmann war entzückt seine geheimen Wünsche erfüllt zu sehen; Idas gestürztes Glück nagte an seinem Herzen, er sah das Kleinod, das er von ihr in ihren bessern Tagen erhielt, mit Wehmut an, hielt es für Pflicht es ihr jetzt zurück zu geben, und da ihm dieses unmöglich war, so beraubte er sich alles dessen, was er von einiger Kostbarkeit hatte, und dessen sehr wenig war, um ihr den Werth dessen, was sie gab, nur einigermaßen zu ersetzen. Er legte es zu dem Geschenke der Kaiserin, um ihm unter diesen erhabenen Namen eine willige Aufnahme zu verschaffen. Der besorgte Jüngling hatte noch andere Gedanken. Er erinnerte sich an das Darlehn der Münsterin, er wusste, dass der Kaiser noch viel von Herzog Viktors Geldern übrig hatte, und er war kühn genug, ihn an die Erstattung des Geborgten zu erinnern; eine Freiheit, welche sehr übel aufgenommen wurde, und vielleicht den ersten Grund zu Wenzels Kaltsinn gegen seinen ehemaligen Liebling legte.
Vorlage S. 57
158
Hat man euch aufgefordert, dieser armseligen Kleinigkeit gegen mich zu gedenken? fragte der Kaiser mit finsterm Blicke. Nein, sagte Herrmann, im Gegentheil hab ich alle Ursach zu glauben, dass die gutherzige Münsterin die Absicht hatte ihrem Herrn nicht ein Darlehn, sondern ein Geschenk zu geben; aber diese Großmuth, ist sie nicht die größte Aufforderung – – Und, fiel ihm Wenzel ins Wort, sagtet ihr mir nicht von einer freien Bitte, welche sich das Weib, als sie mir das Geschenk sandte, vorbehielt. Herrmann bejahte. Nun gut, fuhr der Kaiser fort, so wollen wir warten bis sie mit dieser Bitte einkömmt, und bey meinem kaiserlichen Worte, es soll ihr nichts –
Vorlage S. 58
159
Abgeschlagen werden, wollte er sagen, aber die Furcht, sich zu etwas verbindlich zu machen, das er vielleicht keine Lust haben mochte zu halten, hieß ihn abbrechen, und ein halb unwilliger Wink mit der Hand deutete dem Jünglinge an sich zu entfernen.
Vorlage S. 58
160
Herrmann machte sich auf den Weg nach Münsters kleinem Haust, er trauerte, dass er seine und Sophiens Gaben nicht auf die Art hatte vermehren können, wie er wünschte. Wär er Kaiser gewesen, keine Summen hätten ihn zu groß gedünkt, die Gutwilligkeit der ehrlichen Münster in zu vergelten.
Vorlage S. 59
161
Er fand Idas Vater diesmal allein. Bekümmert, dass sein Opfer nicht so groß war als er gehofft hatte, legte er ihm das vor, was er ihm im Namen der Kaiserin zu liefern hatte. – Münster sah nachdenkend vor sich nieder, und Thränen kamen in seine Augen! Sie ist eine edle Frau, sagte er, eine wahre Mutter des Volks; das was sie an mir tun will, tut sie an tausend Unglücklichen, sie entzieht sich das wenige, was ihr Wenzels Geiz überlässt, um andern zu helfen. O dass ihr Einfluss auf unsern Herrn nicht so groß ist, als wir hofften! – und doch spürt man in manchen Stücken Linderung, und das Land haßt ihn weniger, um des Engels willen, den er ihm zur Fürstin gab.
Vorlage S. 59
162
Herrmanns Herz war noch voll Erbitterung gegen den Kaiser, und er konnte sich nicht entbrechen, dem alten Münster den ganzen Auftritt zu erzählen, den er diesen Tag mit ihm gehabt hatte.
Vorlage S. 59
163
Ihr habt übel getan, sagte der Alte. Wer Kaiser Wenzeln etwas leihet, gedenkt gewiss nicht an die Erstattung, und was meines Weibes freye Bitte anbelangt, so wollte ich, dass ihr euch nicht damit einliesset; die Weiber haben zuweilen wunderliche Einfälle, und sollte sie eine Sache fordern, die dem Kaiser kein Geld kostet, und die er ihr also bewilligte, so könnte ihr das erlangte vielleicht mehr Schaden als Vorteil bringen.
Vorlage S. 60
164
Herrmann ließ den letzten Theil dieser Rede unbeantwortet, und schwur, er würde nicht ruhen bis das Darlehn, das er aus den Händen der gutherzigen Frau für den Kaiser erhalten hätte, ersetzt sei. Ich sehe mich selbst als ihren Schuldner an, rief er, und o Gott, dass ich nur gleich jetzt, gleich jetzt tun könnte was mir zukommt. O Himmel! nur einen Theil, nur einen kleinen Theil der Güter, die du mir vielleicht in der Zukunft zugedacht hast, gern thät ich auf das Ganze Verzicht, wenn ich nur jetzt, nur jetzt! –
Vorlage S. 60
165
Junger Herr, sagte Münster nach einigem Nachdenken, ihr macht euch da ganz unnöthige Sorge, und ich finde es für gut, um euer Herz nur ein wenig zu beruhigen, euch ein Geheimnis zu entdecken, dass selbst den Weibern nicht ganz bekannt ist. Ich bin nicht so arm als ihr denkt, so wie ich auch nie so reich war als mich die Welt vielleicht ausgeschrien hat. Ich wusste das Gerücht, das meine Feinde von meinen Schätzen ausgebreitet hatten, ich hatte es lange erwartet, dass der Kaiser anfangen würde, Versuche zu machen, sie in seine Kasse zu leiten. Mit Bereitwilligkeit hätte ich ihn eingeschläfert, hätte seine Forderungen befriedigt, so lange ich es ohne Schaden hätte tun können, und wär es zu arg geworden, so hätte ich auch dafür Mittel gewusst. Freilich, mit Borgen fängt man an, und mit Rauben hört man auf, ich weiß, wie es andern gegangen ist. An einem ehrlichen Mann kann man bald Ursach finden ihn um das Seinige zu bringen; hätte ich so etwas von weiten gemerkt, so hätte ich zusammen genommen, was ich in diesem kleinen Hause vergraben habe, und wär mit den Meinen davon gegangen; er hätte denn das große Haus, das jetzt abgebrannt ist, und das ich nicht wieder aufbauen werde, ob ich es wohl könnte, zur Schadloshaltung für den Verlust eines ehrlichen treuen Bürgers, behalten mögen.
Vorlage S. 60
166
Herrmann hörte dem Alten mit Verwunderung zu, welcher folgendermaßen fort fuhr. Dass ich hier etwas Geld vergraben habe, weiß meine Frau, aber wie viel, das taugt ihr nicht zu wissen. Weib, bleibt immer Weib, ein eitles aufgeblasenes Ding, wenn ihm das Glück die Flügel wachsen lässt, und nur folgsam und demüthig wenn – Und Ida? unterbrach ihn der Jüngling, den die unbilligen Lästerungen wider das Geschlecht seines Mädchens kränkten.
Vorlage S. 61
167
Mit Ida hat es freilich eine andere Bewandniß, fuhr Münster fort, und schien bey Nennung ihres Namens in ein tiefes Nachsinnen zu gerathen. – Weil wir einmal von ihr reden, fieng er nach einer Weile von neuem an, so muss ich euch bitten, dass ihr euch nicht wundert, wenn ihr sie inskünftige selten oder nie zu sehen bekommt. Dass ihr sie liebt, dass ihr ihr eure Liebe auf die edelste Art bewiesen habt, weiß ich, aber – ihr dürft nicht an sie denken! – Ich hoffe, ihr werdet keine Unmöglichkeiten verlangen.
Vorlage S. 62
168
Herrmann wiederholte das Wort Unmöglichkeit mit einem Tone, der ganz der Abdruck des Entsetzens war, welches ihn befiel, als er das Glück seiner Liebe mit diesem fürchterlichen Namen benennen hörte. Zwar wusste er hier selbst nicht, was er hoffen konnte und sollte, doch hoffte er, und zitterte, wenn man das schwankende Gebäude seiner dunkeln ungewissen Erwartungen antastete.
Vorlage S. 62
169
Meine Leser erlauben mir ein Gespräch zu übergehen, das sich hier zwischen dem Bürger und dem jungen Höflinge erhub, und dessen Inhalt sie errathen können.
Vorlage S. 62
170
Der Alte sprach ernstlich mit dem Jünglinge über das Kapitel von seiner Leidenschaft, dieser vertheidigte sie mit Gründen, welche nicht ganz unwichtig waren, er betheuerte, er sei bereit entweder Geburt, Stand und alle Hoffnungen um Idas willen aufzugeben, oder die kühnsten Schritte zu tun, um sich durch Tapferkeit (in den damaligen Zeiten das sicherste Mittel der Erhebung) hoch genug zu schwingen, dass die Welt es nicht wagen dürfe, wider die Verbindung mit einer Person niedrigen Standes etwas einzuwenden.
Vorlage S. 62
171
Das Urteil der Welt ist's gar nicht, was ich hierbey in Erwägung ziehe, sagte Münster, es dürfte vielleicht anders ausfallen als ihr denkt; aber – genug, ich kann euch nicht alles entdecken, es giebt hier gewisse Umstände, die – kurz ich muss darauf bestehen, dass ihr Ida nicht zu sehen strebt, und alle Mittel anwendet, eine unglückliche Leidenschaft zu tödten, welche sich endlich auch in das Herz des Mädchens einschleichen, auch sie unglücklich machen könnte.
Vorlage S. 63
172
Herrmann tappte hier im Dunkeln. Münsters abgebrochene Winke waren ihm ganz unerklärlich, und er war geneigt alles für künstliche Verschleyerung eines hartnäckigen Widerwillens gegen seine Person anzunehmen, dessen Grund Münster nicht anzugeben wusste, und also seine Zuflucht zu Räthseln nehmen müsse.
Vorlage S. 63
173
Ein treuherziger Händedruck des Alten versicherte Herrmann vom Gegentheil. Nein, junger Herr, sagte er, ich liebe euch, liebte euch damahls schon, als ich alle eure Bemühungen, Zutritt in meinem Hause zu bekommen, vereitelte, und jetzt da die Dankbarkeit mich an euch fesselt, urtheilet was ich jetzt für euch fühlen muss?
Vorlage S. 63
174
Herrmann nahm die Versicherung des Alten kaltsinnig auf, er verließ ihn und fasste den festen Entschluss, Münsters Haus nicht mehr zu besuchen, und doch war er immer, ohne sich dessen bewusst zu sein, nach demselben hingezogen. Es blieb doch immer eine Möglichkeit für ihn, Ida oder ihre freundliche Mutter einmahl zu sehen, auch fühlte er selbst für den harten Vater eine Zuneigung, welche es ihm unangenehm machte, seine Gesellschaft lange zu missen.
Vorlage S. 64
175
Sonderbar war es, dass ein am Hofe herangewachsener Jüngling Geschmack an dem Umgange eines gemeinen Bürgers finden konnte; aber dieser Bürger war ein edler wohldenkender nüchterner Mann, und der Jüngling, der so gern um ihn war besaß Verstand und Tugend genug, um den Ton, der in seinen Reden und Taten herrschte, den Sitten an Wenzels schwelgerischen Hofe weit vorzuziehen, und es sich oft im Stillen zu sagen, er fühle sich besser, dem Laster gehäßiger, der Tugend geneigter, seit er den redlichen Münster kennen lernte.
Vorlage S. 64
176
Gefühle von dieser Art waren indessen nicht hinreichend den jungen Hofmann von jedem Schritte abzuschrecken, der seinem treuherzigen Freunde misfallen konnte, er sann ernstlich darauf, sich eine geheime Unterredung mit Ida oder mit der Mutter zu verschaffen, und das letzte gelang ihm.
Vorlage S. 65
177
Er fand diese gute Frau ihm noch so geneigt wie jemals, sie vereinigte ihre Klagen über den Eigensinn ihres Mannes mit den Seinigen, versicherte ihm Dinge von Wichtigkeit zu sagen zu haben, und benennte ihm einen Abend, wo er in Abwesenheit ihres eifersüchtigen Hüters, nicht allein sie, sondern auch Ida zu sehen bekommen sollte.
Vorlage S. 65
178
Herrmann stellte sich pünktlich ein. Eine verschwiegene Magd sagte ihm, der Herr sei noch nicht ausgegangen, und bat ihn bis zu seinem Abschied in ein kleines Kabinett zu treten, welches nahe genug an dem untern Saale lag, um ihn einige Fragmente von einer Unterredung hören zu lassen, die zwischen Idas Eltern vorfiel und die wir unsern Lesern mittheilen wollen.
Vorlage S. 65
179
Und nach allem diesen, fieng der alte Münster an, als es Herrmannen zuerst einfiel das Ohr an die Thür zu legen, nach allem diesem hältst du mich noch für einen Hasser des jungen Menschen? Glaube mir, alles was ich eingestehen kann, ist, ich liebe ihn einige Grade weniger als Idas Glück; dieses, dieses ist mein einiges Augenmerk!
Vorlage S. 65
180
Auch das Meinige, erwiederte die Frau mit mürrischer Stimme.
Vorlage S. 66
181
Und doch, fuhr Münster fort, erwählst du die widrigsten Mittel deinen Entzweck zu erreichen?
Vorlage S. 66
182
Die besten! versetzte sie. Das Mädchen muss aus der Dunkelheit hervor, wenn ich nicht ewig das bereuen soll, was ich getan habe.
Vorlage S. 66
183
Ja, das soll sie, sprach der Alte, aber nicht durch Herrmann; lass uns doch den geradesten, den kürzesten Weg wählen! Was kann sie von einem Jünglinge hoffen, der sein Glück noch nicht gemacht hat? dem sie vielleicht Jahre lang in die Fremde nachsehen muss, der zu einem Hause gehört welches – –
Vorlage S. 66
184
Nun gut, rief die Münsterinn, so bewillige meinen zweiten Vorschlag.
Vorlage S. 66
185
Frau, erwiederte der Mann, ich bitte dich, gieb die unglücklichen Gedanken auf, was soll Ida an einem Hofe wie Wenzels? Denke, was uns dein Einfall das junge Mädchen an Allerheiligen mit deinem prangenden Geschenke hervortreten zu lassen, schon für Unruhe gemacht hat, willst du noch weiter gehen? – O dass ich dir die närrisch ausgesonnene Feyerlichkeit gestattete! Es ist undankbare Mühe den Großen zu opfern, sie vergessen diejenigen nur gar zu bald, welche ihnen Freude machten.
Vorlage S. 66
186
Welches nicht geschehen sein würde, sagte die Frau, wenn Ida des andern Tages auf Befehl der Kaiserin bey Hofe erschienen wär, wenn sie sich nicht auf deinem Befehl hätte krank stellen müssen.
Vorlage S. 67
187
O wenn die Kaiserin eine festere Neigung für sie gefasst hätte, als Damen ihres gleichen pflegen, so würde es bey einer Einladung nicht geblieben sein. Welches ist besser, jetzt von ihr vergessen zu sein, oder nach einigen glänzenden bey Hof zugebrachten Wochen oder Tagen dieses Schicksal erfahren, und gehaßt, verlacht, und beneidet, in ihre Dunkelheit zurückkehren zu müssen?
Vorlage S. 67
188
Die Münsterin schwieg.
Vorlage S. 67
189
Siehst du ein, fragte der Alte, dass dein Anschlag thöricht war? dass er seines Entzwecks verfehlen musste? und dass es mit dem zweiten eben so gehen wird?
Vorlage S. 67
190
Er war nicht thöricht, verfehlte seinen Entzweck nicht, rief die Frau; ich wusste, dass Ida Aufsehen erregen, dass sie wenigstens ein Herz würklich fesseln musste, und es geschah. Der gute liebenswürdige Herrmann ward von ihr besiegt, er ist es, durch dessen Hand sie das Schicksal hervorziehen will, und er soll sie haben, soll einst ihr Glück mit ihr theilen.
Vorlage S. 67
191
Soll ich dir zum zweytenmahl die Unmöglichkeit vorstellen, welche bey ihm stärker als bey einem andern ist?
Vorlage S. 67
192
Thue es nicht, du richtest nichts aus.
Vorlage S. 68
193
Hartnäckiger Weiberkopf! – Willst du mir auch nicht wenigstens versprechen, deine neuen Chimären aufzugeben, und alles mir zu überlassen?
Vorlage S. 68
194
Idas Schicksal geht mich näher an als dich und –
Vorlage S. 68
195
Nur dies, nur dies nicht, Marie, du weißt, wie ich sie liebe, und welcher Triumpf es für mich sein wird – –
Vorlage S. 68
196
Idas Eintritt verhinderte die Fortsetzung des Gesprächs. Der alte Münster erklärte, er würde diesen Abend zu Hause bleiben, und dem jungen Mädchen ward befohlen statt des Spinnrockens die Harfe zu nehmen, und die Geister des Unmuths von ihren Eltern zu verjagen.
Vorlage S. 68
197
Es war billig, dass Herrmann doch einige Schadloshaltung für eine fehlgeschlagene Hoffnung erhielt; das Vergnügen Ida singen, spielen und sprechen zu hören, ließ es ihn vergessen, dass er sie nicht zu sehen bekam, und die Vertraute, welche endlich eintrat, ihm zu sagen, dass er heute vergebens gekommen sei, und dass er sich hinweg begeben möge, erschien ihm viel zu zeitig. Mit Unwillen verließ er sein dunkles Behältniß, und ging gedankenvoll nach Hause.
Vorlage S. 68
198
Neuntes Kapitel.
Vorlage S. 69
199
Der Ritter von der treuen Minne.
Vorlage S. 69
200
Die Geschichte sagt nicht, ob nach diesem ersten vereitelten Plan zu einer geheimen Zusammenkunft keine weiteren entworfen oder ob sie alle durch Münsters Klugheit zerstört wurden, gewiss ists, dass Herrmann weder Mutter noch Tochter in dieser Zeit zu sehen bekam, auch dauerte die Anwesenheit des Jünglings an dem Orte, wo sein Mädchen lebte, noch zu kurze Zeit, als dass sich eine so schwere Sache als die Berückung eines wachsamen Vaters darinn hätte ausführen lassen.
Vorlage S. 69
201
Herrmann merkte mit jedem neuen Tage vermehrte Kaltsinnigkeit in dem Auge des Herrn, dessen Liebling er ehemals war. Wenzel sagte eines Tages sehr sinnreich zu Susannen: der Pursche säh aus wie ein lebendiger Mahnbrief aus dem Münsterschen Hause, und ob eine Phisiognomie, welche Dinge von dieser Art ausdrückte, seiner Majestät gefallen konnte, lässt sich denken.
Vorlage S. 69
202
Wenzel irrte indessen. Münster hatte es seinem jungen Freunde so oft versichert, dass er die Rückgabe des Darlehns weder wünschte noch erwarte, als dass dieser noch einen Gedanken hätte haben sollen, seinen Herrn an diese verdrüßliche Sache zu erinnern. Hätte der Kaiser sich besser auf die Gesichtskunde verstanden, so würde er in Herrmanns Gesicht ganz andere Dinge gefunden haben. Heimlicher Gram, Ueberdruß und Eckel in allem was ihn umgab, und Sehnsucht nach einer heitern Zukunft lag in seinen Zügen, freilich also übrig genug, einem Herrn zu missfallen, welcher allein das Recht haben wollte unzufrieden zu sein!
Vorlage S. 69
203
Der junge Mensch las seinen Fall, las, denn er kannte seinen Herrn, Gefängnis und Tod in Wenzels Blicken, und fieng an ernstlich an seine Entfernung zu denken; ein Entschluss, welchen der alte Münster, der jeden Gedanken des jungen Menschen erfuhr, mit allen Kräften unterstützte.
Vorlage S. 70
204
Es freut mich, sagte er, dass ihr selbst auf das kommt, was ich euch gern längst gerathen hätte. Was soll endlich hier aus euch werden! Ihr verträumt eure schönsten Jahre in Müßiggange und verliert Zeit und Kräfte zum Guten. Hinaus, junger Mensch, hinaus in die weite Welt, dort winken euch Glück und Ehre! Geht in den Dienst irgend eines großen Herrn, die Welt wird nicht von lauter Wenzeln beherrscht. Noch haben wir Herzoge von Oesterreich und Braunschweig, noch lebt ein König Siegmund in Ungarn, alles Fürsten, die ihrem Stande einige Ehre machen, wählt euch einen Herrn, und rechnet auf die Unterstützung dessen, den ihr mehrmals Vater nenntet. Ihr werdet euch doch nicht schämen, durch einen reichen Bürger die Mängel eures Glücks verbessern zu lassen? so stolz seid ihr doch wohl noch nicht!
Vorlage S. 70
205
Und was ich euch noch rathen wollte, fuhr er fort, als er sahe, dass Herrmann ihn unterbrechen wollte, denkt vor allen Dingen darauf, den Namen würklich zu erhalten, den man euch jetzt schon nach dem Hoftone geben muss. Lasst euch das Ritterschwerd umgürten, es dünkt mich im Grunde lächerlich, einen Kammerjunker Ritter zu nennen, der kein anders Gewehr trägt, als den kleinen goldnen Degen, den er oft aus Irrthum auf die rechte Hüfte schnallt. – Ihr freilich, setzte er hinzu, als er sah, dass sich auf des Jünglings Stirne ein kleiner Unwille zusammen zog, ihr seid kein solcher, man kennt euren Muth und eure Waffenerfahrenheit, aber ihr müsst auch nun endlich einmahl aus der Reihe verzärtelter Jünglinge heraustreten, deren Gesellschaft euch keine Ehre bringt.
Vorlage S. 71
206
Herrmann gehorchte seinem Freunde, er bat bey Kaiser Wenzeln um Helm und Schild, und dieser, dessen Unwille gegen seinen ehemahligen Liebling noch nicht hoch genug gestiegen war, um ihm Leben und Ehre zu misgönnen, war froh ihn vom Hofe los zu werden, und gab ihm was er bat.
Vorlage S. 71
207
Münster, Herrmanns Orakel, hatte ihm gerathen, sich in irgend einen von den damahligen zahlreichen Orden, welche überall ihre Mitglieder hatten, aufnehmen zu lassen, und der junge Mensch wählte, mit Rücksicht auf seinen Zustand, den Orden der treuen oder wie man ihm schon damahls sehr nachdenklich nannte, den Orden der alten Minne.
Vorlage S. 71
208
Der treuherzige Bürger lächelte ein wenig, als er den jungen Ritter mit dem Abzeichen seines Ordens, einem unter der Rüstung hervorschwellenden rosenfarbnen Ermel auftreten sahe, und meynte, er hätte gewünscht, Herrmann möchte sich zu einer Gesellschaft von ehrwürdigerm Ansehen entschliessen! eine Einwendung, die dieser, der nichts ernsteres, nichts ehrwürdigers kannte als eine Liebe, mit Stillschweigen überging.
Vorlage S. 72
209
Der neue Held hatte gehoft, wenigstens am Abend seines Ehrentages Ida zu sehen, aber er ward bald inne, das er dieses Glück nicht ehe als höchstens auf den Tag seiner Abreise von Prag erwarten dürfe, diesen so sehr als möglich zu beschleunigen, war des alten Münsters eifriges Bestreben. Es ward ihm schwer, täglich das Zureden seiner Frau und das Bitten des jungen Menschen zu erdulden, ohne ihnen das gewähren zu dürfen, was beide suchten; die jungen Leute sollten und durften sich seinem Vorsatz nach nicht mehr sehen, und es war also am besten, dass Herrmann entfernt ward.
Vorlage S. 72
210
Idas Mutter hätte so gern noch einmahl den jungen Ritter gesprochen um durch ihn einen Anschlag auszuführen, der ihn schon lange im Sinne lag, und von welchem wir im vorhergehenden schon einige Winke bekommen haben, aber eben dieses wollte Münster verhüten, eben darum drang er auf Herrmanns Entfernung, und es war also keine Möglichkeit hierinn zum Zwecke zu kommen.
Vorlage S. 72
211
Es war den letzten Abend vor Herrmanns Abreise als Münster sich mit der Bitte an ihn wendete, er möchte ihm doch einige nähere Nachricht von der Art, wie er an Wenzels Hof gekommen sei, mittheilen, und der Jüngling war seinem bejahrten Freunde zu viel schuldig, um ihm sein Gesuch abzuschlagen, aber, setzte er hinzu, darf ich meiner Einwilligung auch eine Bitte anhängen? – Ich finde so viel außerordentliches in euch und in eurem ganze Hause. – Diese Ida mit allen ihren Vollkommenheiten, ein Mädchen ohne Stand und Herkunft? Ihr, mit euren edeln Gesinnungen, dergleichen ich unter allen Großen des Hofs nicht fand, ein gemeiner Bürger? – Unmöglich!
Vorlage S. 73
212
Ihr erzeigt unserm Stande viel Ehre, erwiederte der Alte mit einem höhnischen Blicke, vielleicht hat der Bürgerstand heut zu Tage mehr wirkliche Edle aufzuweisen, als der Eurige; doch weil ihr mich nun so gar außerordentlich findet, so wisset, ich bin in meinen jüngern Jahren ein Kriegsmann gewesen, habe lang an den Höfen großer Fürsten und Herrn gelebt, habe große Reisen nach England und Italien getan, und dort die Meisterstücke der Kunst, die ich jetzo treibe, kennen gelernt. Das Schwerd machte mich nicht reich, ich ward sein müde, ich suchte die Kunst hervor, die ich in jüngern Jahren lernte, und sie nährte mich und machte das aus mir was ich jetzt bin, ein freyer Mann der keines Fürsten Gnade zu achten braucht; dahingegen mich das Schwerd immer dienstbar ließ. Ich war unter den Burgmännern eines Fürsten, der mir nach tausend Diensten, die ich ihm erwiesen hatte, eine Gefälligkeit versagte, die nur mir wichtig, ihm eine Kleinigkeit war. Ich liebte ein junges schönes Weib unter den Dienerinnen seiner Gemahlinn, sie war leibeigen, ich bat um ihre Freyheit, um ihr meine Hand geben zu dürfen; man wies mich zurück. Es ereignete sich eine Begebenheit, die es mir und Marien leicht machte, davon zu kommen, ich muss gestehen, es gieng dabei nicht alles so zu, wie es sollte, aber wozu kann uns nicht Weiberliebe bereden!
Vorlage S. 73
213
Wir fanden Zuflucht in Nürnberg. Unser ehemaliger Herr war ein geschworner Feind der Reichsstädte, und ward von ihnen nicht minder gehaßt, es diente uns hier zur Empfehlung, ihm entflohen zu sein. Man gab mir das Bürgerrecht. Ich fieng an zu arbeiten; man fand das was ich lieferte außerordentlich, ich ward berühmt, Reichthümer flogen mir zu, ich war glücklich und würde es noch sein, wenn mich nicht der hochfliegende Sinn meines Weibes hieher gebracht hätte, ihr zu Liebe musste ich Arbeit annehmen, welche mir hier angeboten wurde, und die ich aus Liebe zu der Stadt, die mich zuerst aufnahm und aus andern Ursachen, lieber ausgeschlagen hätte. Doch, dies sind Dinge welche nicht hieher gehören, – ich bitte, fangt eure Geschichte an, welche vermuthlich merkwürdiger sein wird, als die meinige.
Vorlage S. 74
214
Zehntes Kapitel.
Vorlage S. 75
215
Herrmanns Geschichte.
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Merkwürdig genug würde das sein, was ich euch zu erzählen habe, fieng Herrmann an, wenn ich von Vätern und Grosvätern anfangen und euch den eigentlichen Grund der Abhängigkeit, in welcher ich leben muss, vorlegen wollte. Ich bin arm, muss entweder der Diener eines schlechten Fürsten bleiben, oder ein Mönch werden, oder Verbindlichkeiten von denenjenigen annehmen, denen ich lieber selbst welche auflegen möchte. Verzeiht mir, Vater Münster, verdenkt es mir nicht, dass ich lieber unsere Rollen umkehren, lieber euch Wohlthaten erzeigen, als welche von euch annehmen möchte.
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Der alte Münster verstand wohl, worauf dieses ging; der junge Mensch hatte diesen Abend die Geschenke, welche die Kaiserin vor einiger Zeit durch ihn an dieses Haus schickte und die er in der Stille mit dem wenigen was er besaß vermehrt hatte, als einen Nehr und Wehrpfennig von dem gutherzigen Bürger annehmen müssen, und die Art, mit welcher dieses nicht unwichtige Geschenk gegeben wurde, war so edel, so dringend, dass die Verweigerung unmöglich, aber die aufgelegte Verbindlichkeit für Herrmann auch desto lastender ward.
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Meine Väter, fuhr der Erzähler fort, indem er den Händedruck des Alten, die einige Beantwortung seiner vorigen Rede erwiederte, meine Väter haben gesündigt und ich muss dafür leiden. Mein Grosvater, der jüngere Sohn seines Hauses, veruneinigte sich mit seinem ältern Bruder den jetzt regierenden Grafen von Unna; mein Vater zog durch den Anteil, den er und seine ältern Söhne an den Händeln der Martinsritter mit dem Grafen von Würtemberg nahmen, den Haß seines ehrwürdigen Oheims noch mehr auf sich, und ich, der damahls noch in den ersten Kinderjahren war, musste Theil an der Strafe nehmen, ohne Theil an der Versündigung gehabt zu haben.
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Münster stieß bey dem Namen des Grafen von Würtemberg einen tiefen Seufzer aus, und Herrmann fuhr fort.
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Ich weiß nicht, ob euch die Begebenheit Graf Eberhards zu Wisbaden bekannt ist, und will euch also einen kleinen Begriff davon machen.
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Es ist unnöthig, fiel Münster mit einigem Unwillen ein. Ich kenne den Grafen von Würtemberg und die ganze Geschichte besser als ihr. Die Martinsritter wussten, dass er zu Wisbaden lebte, aus Verlangen nach einer guten Beute, vielleicht auch aus andern Ursachen, belagerten sie ihn, und würden ihn mit seinem ganzen Hause in ihre Gewalt bekommen haben, wenn er sich nicht durch den engen Weg bey den Weinbergen gerettet hätte.
Vorlage S. 77
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Diese unglückliche und unrühmliche Expedition, fing Herrmann von neuem an, kostete meinem Vater und einem meiner Brüder das Leben, brandmarkte ihren Namen mit Schande, und zog ihnen den unversöhnlichen Haß des Hauptes unserer Familie zu. Der alte Graf von Unna zog mit Einwilligung des Kaisers den größten Theil unserer Familiengüter ein, und drohte uns mit dem Arm des heimlichen Gerichts, dessen Oberrichter er in unsern Gegenden war, zu verfolgen, dafern sich jemand unter uns fände, der die begangene That rechtfertigen, oder die Strafe für zu streng erklären würde.
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Ich verstand damals von diesen Dingen nichts, so viel ich auch davon zu hören bekam; nur die Würkungen davon wurden mir mit jedem Tage merklicher
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Ich war der jüngste unter einer Menge von Geschwistern, welche größtentheils meine Väter und Mütter hätten sein können, und die auch diese Stelle bey mir vertreten sollten. Bernd der älteste und das nunmehrige Haupt der jüngern Linie von Unna ward von seinen Geschwistern mit einer scheuen Ehrfurcht angesehen, und Liebe zu ihm oder Familienstolz bewegte die meisten von ihnen den geistlichen Stand anzunehmen, damit er im Stande sein möchte den Namen seines Hauses mit einigem Glanze zu behaupten. Daher kommt es, dass ich euch mit geistlichen Geschöpfen aller Art aus meiner Familie dienen kann, es giebt da Domherrn, Aebtißinnen, geistliche Ritter, Klosterjungfern so viel ihr wollt, und es würde auch wenigstens einen Mönch unter uns geben, wenn ich meinen Geschmack nach dem Willen der andern hätte bequemen wollen. Mir war die Ehre zugedacht, in dem Kloster zu Korf Profeß zu tun. Um mich desto eher zu diesem Glück zu befördern, hatte man mit ziemlichen Kosten eine Dispensation vom heiligen Vater ausgewürkt, in welcher geschrieben standt: Junker Herrmann von Unna, sollte wegen seiner frühzeitigen Klugheit und Frömmigkeit, und den außerordentlichen Spuren eines göttlichen Berufs, bereits in seinem dreyzehnten Jahre die Erlaubnis haben, die Welt zu verlassen, und das Leben der Engel anzufangen.
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Unsere Familie musste besonders gesegnet an solchen Wundern der Heiligkeit sein, denn zwo Schwestern von mir, welche einige Jahre vor mir voraus hatten, waren vor kurzen auf ähnliche Art begnadigt worden, aber ich war bey ihrer Einkleidung gegenwärtig, und sie genossen des Vorzugs, den man ihnen gönnte, auf so trübselige Art, dass ich meinen innern Beruf, meine frühzeitige Klugheit und Frömmigkeit anfieng zu bezweifeln, und mich scheute Gebrauch von einer Ehre zu machen, die man mir so unverdient zutheilte.
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Arme Agnes! arme Petronelle! dachte ich, als ich eines Morgens das Kloster verließ, um es nie wieder zu betreten, o dass ich euch so von dem Leben der Engel auf Erden befreyen könnte, wie ich ihm jetzt entsage? Lebt wohl ihr Heiligen, lebt wohl ihr Gräber und all' ihr schallenden Klostergewölber, vielleicht in einem halben Jahrhunderte sehen wir uns wieder!
Vorlage S. 79
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Immer war mein Geist munter und tätig gewesen, schon als achtjähriger Knabe freute ich mich, heimlich das Schwerd meines ältern Bruders schwingen zu können, und von seinen Knechten auf seine Rosse gesetzt zu werden, jetzt da ich heran wuchs, da ich begann stärkere Begierde nach dem zu fühlen was in der Kindheit mein Spielwerk war, jetzt sollte ich mich dem Müßiggange des Klosters widmen? – Nie hatte mir dies in den Sinn gewollt, immer hatte ich mich nur darum verstellt um einmahl desto sicherer entfliehen zu können, und meine Maasregeln waren mit Hülfe eines vertrauten Dieners meines Bruders so klüglich genommen, dass ich sicher über die Gränze und sicher an den Ort kam, den ich mir zu meinem Aufenthalte gewählt hatte.
Vorlage S. 79
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Der Hof des Kaisers war es, wo ich sicher zu sein glaubte. Ich hatte einmal gehört, ein Kaiser sei ein Schützer aller Bedrängten, und ich, der ich mich für den Bedrängtesten von allen Sterblichen hielt, stellte mich seiner Majestät mit so viel Freymüthigkeit und Zuversicht vor, als ob das, was ich suchte, nicht Gnade, sondern ungezweifeltes Recht sei; ich glaube, es war es auch, aber wusste Wenzel wohl etwas von den Rechten der unterdrückten Menschheit? – Doch mir war unbekannt, wieviel Gefahr derjenige lief, der Recht oder Gnade bey ihm suchte; mein guter Engel führte mich gerade in einer Stunde zu ihm, wo er geneigt war, Menschen zu beglücken, und dergleichen Stunden hat doch auch der ärgste Tyrann je zuweilen.
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Porträt von Naubert, Benedikte
Kontextbild zum Werk. Porträt: Naubert, Benedikte · Daniel Caffé · Public domain Bildquelle ↗
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Ich ward unter Wenzels Edelknaben aufgenommen. Die Dankbarkeit für seine Gnade, die ich auf die unbefangenste Art äußerte, meine Munterkeit und froher Muth nahmen ihn ein; ich musste in seinem Zimmer schlafen, musste Tag und Nacht der Ausrichter seiner geheimen Geschäfte sein, und die Unverdrossenheit, mit welcher ich dieses that, setzte mich immer fester in seiner Gunst. Es war unmöglich, dass Wenzel nicht zuweilen in den Augen derjenigen, die ihm dienten, unter der Larve der Schmeicheley heimliche Misbilligung seiner Taten bemerken sollte, bey mir konnte er nichts dergleichen gewahr werden, denn mich dünkte, alles sei recht, was ein Kaiser that. Dieses machte, dass er mich unabläßig um sich haben wollte, und ich ward auf diese Art nach und nach in allen Geheimnissen seiner Schwelgereyen eingeweiht.
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Armer, armer Jüngling! rief der alte Münster, was für eine Schule für dein Herz!
Vorlage S. 81
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Nicht gefährlich, ich versichre euch, ich war zu jung, um eine Neigung zu dem zu fühlen, was ich an meinem Herrn sah, ich dachte, diese Dinge ziemten nur ihm, und ich sehnte mich so wenig seine Pokale zu leeren, oder seine Dirnen zu küssen, als mit den Enten im Teiche zu baden.
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Auf der andern Seite schützte mich Begierde zum Waffen und unabläßige Beschäftigung vor bösen Eindrücken. Die Stunden, welche Wenzel verschlief, oder wachend verträumte, und in welchen selbst ich ihm nicht angenehm war, brachte ich beym alten Herrmann von Hertingshausen, des Kaisers Waffenmeister zu, der mich schon um des Namens willen, den ich mit ihm gemein hatte, liebte, und weder Mühe noch Kosten sparte, schon da, als ich noch ein Page hieß, einen Ritter aus mir zu bilden.
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Ich bildete mir nicht wenig auf meine erlangten Geschicklichkeiten ein, alle meine jungen Gefärten, selbst Kunzmann, der Sohn des alten Hertingshausen, haßten mich um des Stolzes willen, mit welchem ich meine Vorzüge zur Schau trug, und ein Degen, den mir der Kaiser zu tragen vergönnte, und der mich vollends vor allen Jünglingen meines Alters auszeichnete, brachte ihren Neid auf den höchsten Gipfel, man nannte mich nur den wehrhaften Edelknaben, und ich prangte mit diesem Titel, ungeachtet man ihn zu meiner Verspottung ersonnen hatte.
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Die Begierde es in ritterlichen Uebungen immer weiter zu bringen und meinem Herrn treu zu dienen, beschäftigte meine ganze Seele, alles übrige achtete ich nicht. Man wusste, dass ich Wenzels Liebling war, und scheute sich also, mir, der ich meinem Herrn nichts verschwieg, etwas von demjenigen hören zu lassen, wovon ganz Prag, wovon das ganze Land voll war, von dem Abscheu, mit welchem man Wenzels Ausschweifungen anzusehen begunte. Nicht jedermann hatte den Glauben meines einfältigen Herzens, einem Fürsten seien Dinge erlaubt, welche an jedem andern bestraft werden müssten, man haßte, man verachtete ihn und sann darauf seiner los zu werden.
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Erst spät wurde der träge, fast nie seiner selbst bewußte Kaiser dessen inne. Es war, als er endlich aufmerksam ward, bereits so weit gekommen, dass er sich in Prag nicht mehr sicher halten konnte, und sich einst in einer Nacht mit einem kleinen Ausschuß seiner treusten Leute, unter welchen ich freilich nicht fehlen durfte, nach einem wenig Stunden von Prag erbauten Schlosse floh, das er Kunradsburg genannt, und in Rücksicht auf den Fall, der sich jetzt zutrug, stark befestigt hatte.
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Hier erst war es, wo ich die Ursach unserer schleunigen Flucht erfuhr. Ich erstaunte zu hören, dass auch ein Kaiser von Gefahren bedroht werden könnte, und fand bey meinen gränzenlosen Begriffen von den Vorrechten der Majestät die Sache so entsetzlich, dass ich Wenzeln, der sich herabließ, mich selbst von der Lage seiner Sachen zu unterrichten, feyerlich schwur, ihn mit meinem guten Schwerdte bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen.
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Wenzel lachte, und gab mir einen gutgemeinten Schimpfnahmen, mit welchem er mich oft beehrte. Wenn es so weit kommen sollte, dass du mein einiger Vertheidiger wärst, sagte er, so müste es schlimm genug mit mir stehen. Lass dein Schwerd in seiner Scheide, lass deine Fäuste ruhen, und gebrauche deine Ohren, lausche wo du zween heimlich mit einander reden siehst, stelle dich schlafend wenn andere wachen, schimpf und schmähe auf mich, gieb vor, ich habe dich geschlagen, du hassest mich, du wünschest meinen Tod, und man wird dir trauen, du wirst alles erfahren, mir alles entdecken, und wir werden sicher sein.
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Ich fand die Rathschläge meines Herrn meinen Gesinnungen so zuwider, verließ mich so fest auf die Macht meines Schwerds, dass ich jede Gelegenheit ihm auf andere Art zu dienen aus der Acht ließ, und da wir uns nur vor heimlich schleichender List zu fürchten hatten, immer nur auf offenbare Gewalt lauerte.
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Die Erbitterung des Volks gegen Wenzeln wuchs. Bald nach seinem Abzug nach Kunradsburg waren drei der vornehmsten unter den Misvergnügten auf seinem Befehl öffentlich hingerichtet worden, und am nämlichen Tage hatte man meinen treuen Lehrmeister, den alten Hertingshausen, auf dem Wege von Kunradsburg nach Prag ermordet gefunden, in der Rinde des Baums, an welchem der Edle gefallen war, stacken zwei Messer, welche mit seinem Blut gefärbt waren, und über denselben waren die Worte mit grober unleserlicher Schrift eingehauen 2 : Wegen Hochverraths gerichtet von den Freyschöpfen. Jedermann wusste, wer der Urheber dieser That war, nur ich wusste es nicht. Ich lief hinaus, um den Leichnam meines alten Freundes mit meinen Thränen zu netzen, aber man hatte ihn schon dem neugierigen Volk aus den Augen geschaft. Kunzmann, der Sohn des Ermordeten, begegnete mir: siehe, schrie er mir mit einem Blick voll Verzweiflung zu, dies sind die Taten deines lieben Herrn, dem du so treulich dienst!
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Ich war kühn genug, vor den Kaiser zu treten, und ihm das, was mir Kunzmann gesagt hatte, vorzuhalten. Wenzels Zaghaftigkeit war so groß, dass er sich zur Rechtfertigung gegen seinen Diener herab ließ, und ich, der ich jedem glaubte, war leicht zu überzeugen. Du siehst ja, sagte er, dass nicht ich, sondern die Diener des heimlichen Gerichts die Thäter sind. Ob Hertingshausen ein Hochverräther war, das weis ich nicht, aber du siehst wohl aus seinem Exempel, wie auch die geheimsten Verbrechen von der göttlichen Rache verfolgt werden.
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Ich glaubte blindlings, was Wenzel sagte, und versprach auch Kunzmann es glauben zu machen. – Des andern Abends als ich in der Dunkelheit durch eines der Vestungsgewölbe ging, bekam ich einen wüthenden Stoß in die Seite, ohne den zu sehen, der mir ihn gab, doch dünkte mich die Stimme, die ich hörte, Kunzmanns zu sein. Verdammter Klätscher! rief sie mir zu, um deinet willen muss ich fliehen! Ich war zu Boden gefallen, rafte mich auf, sah niemand, sann den Worten nach, die ich gehört hatte, konnte sie nicht begreifen, vergaß sie, und bekümmerte mich wenig drum, als man des nächsten Tages Kunzmann, den ich nie sonderlich geliebt hatte, unter den Edelknaben mißte. Noch vielweniger kam mir es in den Sinn, dass ich seinen Namen unvorsichtig vor dem Kaiser genannt, ihm dessen Verfolgung zugezogen, und dadurch seine Flucht veranlaßt hatte. – –
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Die Beyspiele der kaiserlichen Rache machten, dass man noch behutsamer ward, als zuvor. Wenzel ward heimlich gehaßt, und öffentlich geschmeichelt, mich fürchtete man, und verbarg jeden verdächtigen Schein vor meinen Augen, und so geschah es, dass der Herr und Diener wieder in ihre ehemalige Sicherheit gewiegt wurden.
Vorlage S. 86
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Wenzel getraute sich noch nicht wieder nach Prag, aber er fand in den Gegenden von Kunradsburg so viel Gelegenheit seinen Lieblingsneigungen nachzuhängen, dass er sich nicht von diesem Orte, der wahrlich zu schön für einen sinnlosen Schwelger war, hinweg sehnte.
Vorlage S. 86
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Es gab unterschiedliche Klosterherren in unserm Bezirk, welche sich so gut in des Kaisers Weisen zu finden wussten, dass sie sehr fleißig von ihm auf alle Pokale eingeladen wurden, und ihn eben so oft auf ähnliche Art bewirtheten. Wenzel war eben kein sonderlicher Freund der Geistlichkeit, aber ihr Wein war gut, und mehr brauchte es nicht, allen heimlichen Groll gegen sie aufzuheben, und ihn zu veranlassen, mit ihnen wie ein Bruder zu leben.
Vorlage S. 87
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Auf einem dieser Gelage zu Kloster Braunau war es, dass ihm seine Feinde, vermuthlich mit Hülfe seiner freundlichen Wirthe, überfielen, und ihn gefangen nach Prag führten. Ich war nicht gegenwärtig, meine zunehmenden Jahre machten, dass ich des Kaisers Ausschweifungen nicht mehr mit der kindischen Einfalt, wie vormals, ansehen konnte, sein Anblick, wenn er berauscht war, war mir abscheulich, und die Gesellschaft von einem Dutzend trunkner Mönche gab denen Auftritten, welche alsdenn erfolgten, einen so hässlichen Zusatz, dass ich, der ich dergleichen oft genug hatte ansehen müssen, froh war, dass ich mich diesmal von der Mitreise nach Braunau hatte losmachen und an dessen statt einen Ritt auf die Jagd tun können. Das Geschrey von des Kaisers Gefangenschaft kam mir bey meiner Rückkunft entgegen. Mein Eifer für meinen Herrn erwachte, Liebe und Dankbarkeit rissen mich zur Rettung desjenigen hin, welcher keins von beiden verdiente; ich lenkte mein Roß nach der Stadt, ich hofte, die Schaar, welche Wenzeln entführt hatte, noch zu ereilen, und versprach mir Wunderdinge von meiner Tapferkeit. Auf dem Wege nach Prag, so wie in der Stadt selbst, war alles stille.
Vorlage S. 87
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Ich sank unter dem Thor athemlos vom Pferde, man erquickte mich, und fragte, was mir fehle, ich sprach laut von der Gefangenschaft meines Herrn, und fragte, wo er sei. Um Gottes willen schweiget, sagte einer von der Wache, Gott sei Dank, wir haben ihn, und ich denke, ihr werdet nicht der einzige sein, den dieses nicht freuen solle; aber es darf jetzt noch nichts davon auskommen, er hat zu viel Anhänger unter dem Pöbel.
Vorlage S. 88
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Mehr brauchte ich nicht zu wissen; ich riss mich loß, entrann in die Straßen der Stadt, rief Wenzels Gefangenschaft und meinen Wunsch ihn zu befreyen aus, und ehe man mir wehren konnte, hatte ich einen Trupp vom Pöbel hinter mir, welche mich vor dem Thurm, in welchen man den Kaiser gebracht hatte, begleiteten, und schwuren, sie wollten ihren gütigen gelinden Herrn, den Schüzer der Freyheit des Volkes retten oder sterben.
Vorlage S. 88
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Gewiss hatte Niemand mehr Ursach mit Wenzeln zufrieden zu sein, als der niedrigste Theil seiner Unterthanen; ihre Armuth schützte sie für den Erpressungen, die die Reichen erfahren mussten, er gestattete ihnen alle Freyheit, und scheute sich nicht dem Niedrigsten, wenn es die Gelegenheit gab, ein volles Glas zuzutrinken; auch wusste er ihnen auf Unkosten der Reichen wohlfeil Brod zu verschaffen, ohne dass er Schaden davon hatte.
Vorlage S. 88
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Diese Taten wurden auf unserm Zuge nach Wenzels Gefängnis himmelan erhoben, und der Angriff mit solchem Ernst getan, dass nur etwas mehr Nachdruck und ein besserer Führer nötig gewesen wär, um völlig zu siegen; aber – wir wurden bald aus einander getrieben, und der ganze Vorteil, den ich von meiner Unternehmung hatte, war, dass ich nun die Gefangenschaft mit meinem Herrn theilen konnte.
Vorlage S. 89
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Auch dieses war mir Trost. Ich hofte nichts gewissers als zu ihm gebracht zu werden, und aus seinem Munde das Lob meiner Treue zu hören; aber meine Erwartung ward getäuscht, man warf mich in ein hässliches Gefängnis, welches ich nicht ehe verließ, als bis der Kaiser das seinige ohne meine Hülfe verlassen hatte. Ein Umstand, der mich in dem Innersten meiner Seele kränkte. Der Einfall sich unter dem Vorwand des Badens in dem Fluss hinaus zu stehlen, sich durch Schwimmen, oder vermittelst eines Kahns zu retten, war ja so leicht, so natürlich, warum hatte ich ihn doch nicht gehabt! Ich misgönnte Susannen die Rolle, die sie bey dieser merkwürdigen Entkommung gespielt hatte, und ärgerte mich, dass jemand meinem Herrn beßre Dienste leisten sollte als ich. – Auch ich ward nunmehr frei, man fieng entweder von neuem an sich vor Wenzeln zu fürchten, und getraute sich nicht seine Diener weiter zu beleidigen, oder man hielt meine Person für zu unwichtig, mich, nachdem er los war, noch länger zu halten.
Vorlage S. 89
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Ich eilte nach Kunradsburg, entdeckte meinem Herrn, was ich getan hatte, und was mir wiederfahren war, aber statt des erwarteten Lobes über meine That, oder wenigstens Mitleids wegen meines Unglücks, bekam ich finstre Mienen und Scheltworte. Meine Ungeschicklichkeit war die einige Ursach meines Unfalls, ich hätte die Sache so klug anfangen sollen wie Susanne, ich sollte mich schämen von einem Weibe übertroffen zu werden, und was der schimpflichen Reden mehr waren.
Vorlage S. 90
252
Ich brannte vor Verlangen, die Heldinn Susanne zu sehen, welche hier durchgängig genannt und gefeyert wurde. Auch hier betrog mich meine Erwartung, ich sahe eine plumpe ungeschickte Kreatur, anstatt der Schönheit, wozu die Liebe des Kaisers und die Schmeicheleien der Hofleute sie machten, und erfuhr, dass ihr ganzes Verdienst um Wenzels Leben in ein paar Armen bestand, welchen es nicht an Stärke zum Rudern gebrach.
Vorlage S. 90
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Ich konnte meine Geringschätzung dieses Weibes nicht bergen, und verlor dadurch sehr viel in der Gnade meines Herrn, auch beliebte es ihm zuweilen gar eifersüchtig auf mich zu sein. Ich war ein schlanker Junge von sechszehn Jahren, und die Bademagd hatte es einesmals sich einfallen lassen, mich schön zu nennen; Dinge, welche mir verachteten Unwillen abnöthigten und mein Herz mehr als zur Hälfte von meinem Herrn abwandte.
Vorlage S. 91
254
Der Kaiser konnte mich jetzt so wohl entbehren, dass ich ganze Tage in den Wäldern auf der Jagd zubringen durfte, ohne sonderlich vermisst zu werden. An einem von diesen Tagen war es, dass Wenzel zum zweitenmal in die Hände seiner Feinde kam. Ich hütete mich wohl, diesesmal meine vorige alberne Rolle, zu spielen. Die Rettung des Kaisers war in meinem Herzen beschlossen, aber nicht Liebe und Dankbarkeit, sondern Ehrgeiz war es, was mich dazu antrieb; ich wollte das Andenken eines mislungenen Versuchs verlöschen, und den Schimpf von mir wälzen, dass ein Weib mehr vermocht habe als ich, es war mir unausstehlich, mit Wenzels unwürdiger Geliebten auf die entfernteste Art verglichen zu werden, daher ich auch jede Art der Rettung verwarf, welche mit ihrer Geschichte einige Aehnlichkeit hatte.
Vorlage S. 91
255
Und doch wollte es das Schicksal, dass ich sie endlich kopiren musste. Alle Anschläge, Wenzeln aus dem Prager Thurm zu bringen, verunglückten; es ergab sich, dass ich lange Zeit, Mühe, List und Bestechung verschwendet hatte, ihn aus diesem Kerker zu bringen, als er schon nach Krumlau gebracht war, und auch hier war alles was ich versuchte vergebens, bis ich mich zu dem Susannens Mittel entschloß, welches ich vermeiden wollte.
Vorlage S. 92
256
Ich gewann einen Fischer, wir ruderten des Nachts unter die Fenster seines Kerkers, welche zum Glück nicht vergittert waren, meine Stimme machte ihm kund, dass seine Rettung vor der Thür sei. Es war ein großes Netz aufs Wasser gespannt, und seine Majestät ersucht, sich hinein zu stürzen; wir mussten verschiedene Nächte unsere Operation erneuern, ehe sich der träge Wenzel entschließen konnte einen so gewaltsamen Sprung zu tun. Des dritten Abends kam uns der Wein zu Hülfe, und ich weiß noch bis diese Stunde nicht ob freyer Wille oder die Dünste seines Lieblingsgetränks ihn in unsere Arme stürzten, genug er war gerettet, und klagte, anstatt uns zu danken, über den schweren Fall, den er getan habe, versagte dem Fischer die Belohnung, die ich ihm versprochen hatte, und würde gewiss durch ihn seinen Feinden wieder ausgeliefert worden sein, wenn ich nicht unsern geizigen Führer durch einige kleine Geschenke für den gegenwärtigen Augenblick befriedigt, und ihm gesagt hätte, er möchte sich in Ansehung der Zukunft nicht auf den Kaiser, sondern auf mich verlassen.
Vorlage S. 92
257
Wenzel achtete nicht auf die Beschimpfung, welche darinn lag, dass durch dieses Erbieten unser Führer so gleich gestillt wurde, schien es nicht zu fühlen, dass das Wort seines Dieners mehr galt als das seinige. Er rieb seinen Wanst und seine Lenden, und murrte über die Schmerzen des Falles bis ans gegenseitige Ufer.
Vorlage S. 93
258
Ich lieferte ihn in Susannens Hände, welche ihn öhlte und salbte bis an den dritten Tag, da er wieder genaß, und nun erst sich gefallen ließ, mir eine Art von Dank für das, was ich für ihn gewagt hatte, wiederfahren zu lassen. – –
Vorlage S. 93
259
Herrmann, sagte er, ich bin mit dir zufrieden, du bist klug genug gewesen, mit deinem Netze den größten Fisch im ganzen Reiche zu fangen, wirst du dein Handwerk fortsetzen, wirst du dein Netz weiter ausspannen und auch meine Feinde damit zu bestricken wissen, so will ich dich mit Reichthümern überschütten, und du sollst des Fischens nicht mehr bedürfen.
Vorlage S. 93
260
Ich verstand, was seine Majestät mit ihrer Bildersprache sagen wollten, ich bat um Bedenkzeit, und gestand, dass ich im Grunde mehr Geschick zu ofner Fehde, als zu heimlicher List in mir fühlte.
Vorlage S. 93
261
Das Glück war indessen auf meiner Seite. Es fehlte uns nicht an Ueberläufern aus Prag, wir erfuhren, dass man anfieng, ernstliche Anschläge auf Kunradsburg zu machen, da es nicht wahrscheinlich war, dass Wenzel nach dem, was er erfahren hatte, sich noch einmal ausser seinem Schlosse würde betreten lassen. Es war zu vermuthen, dass man bereits auf einen neuen Kaiser bedacht war, und dass der Tag, an welchem Wenzel zum drittenmal in die Hände seiner Feinde fallen würde, zum Tage seines Todes bestimmt sei. Prag ward stark bevestigt, um es nicht wider uns (deren Macht man nicht sehr fürchtete) sondern wider manche andere Hände zu vertheidigen, welche sich nach Wenzels Tode nach der Krone ausstrecken würden. Täglich rückte neue Mannschaft in die Stadt, und wir hatten Nachricht, dass man in kurzem eine ansehnliche Verstärkung aus Ungarn vom König Siegmund erwartete.
Vorlage S. 94
262
König Siegmund war Wenzels Bruder, er hatte nach des Kaisers Tode das nächste Recht zur böhmischen Krone, aber ob dieses gleich ein Grund für den ausgearteten Kaiser war, ihn zu hassen, so war doch jener viel zu edel, diesen Haß durch Anschläge auf seines Bruders Leben, oder durch Begierde nach seinem Throne zu verdienen, und er hatte wahrscheinlich sich nur darum entschlossen Wenzels misvergnügen Unterthanen Hülfe zu schicken, damit man im Stande sein möchte, seinen Ausschweifungen ein wenig Einhalt zu tun, und ihm die Bedingungen vorzuschreiben, unter welchen er den Thron vom neuem besteigen sollte, wie böse es die Böhmen mit ihrem Herrn im Sinne hatten, das war ihm wahrscheinlich unbekannt.
Vorlage S. 94
263
Ich hatte genug von dem König von Ungarn gehört, um diese Meynung von ihm zu fassen, und es gelang mir auch meinem Herrn dieselbe beyzubringen. Er entschloß sich an seinen Bruder zu schreiben, und ihn um Hülfe zu bitten.
Vorlage S. 95
264
»Auch du, so schrieb er, auch du bist wider mich? – O denke an unsern Vater zurück; suche das nicht an dich zu reißen, was er mir zutheilte, brauche deine Macht nicht zu Unterstützung meiner Feinde, nein zu Rettung eines unglücklichen Bruders.«
Vorlage S. 95
265
Kaiser Wenzels Hof war jetzt so verlassen, so arm an würdigen Männern, dass die Ueberbringung eines Briefs von solcher Wichtigkeit, mir, einem siebzehnjährigen Edelknaben aufgetragen ward, doch dünkt mich, ein anderer hätte schwerlich seinen Auftrag so gut ausrichten können als ich; mein mündlicher Vortrag ersetzte das, was dem Briefe mangelte, und die Treue für meinen Herrn, welche aus jeden meiner Worte sprach, nahm Siegmunden für Wenzels böse Sache ein. Ein Herr, der solche Diener hat, sagte er, kann nicht ganz der verworfene Mensch sein, zu den Wenzeln das Gerücht macht.
Vorlage S. 95
266
Die Bitte des Kaisers ward gewährt. König Siegmund prüfte mich, und ich fand Gnade vor seinen Augen, nur meine Jugend hinderte es, dass er mir nicht das Kommando über die Völker auftrug, welche er seinem Bruder schickte. Ich ward dem Anführer, einem vornehmen versuchten Kriegsmanne, besonders empfohlen, und dieser war herablassend genug, meine Meynung über die Ausführung unsers Anschlags zu hören, und sie seines Beyfalls zu würdigen.
Vorlage S. 96
267
Die Prager hatten Hülfsvölker von König Siegmund erwartet; als solche stellten wir uns ein, und wir befanden uns schon mitten in der Stadt, als wir uns erst als Feinde kund gaben. Die Eroberung des Schlosses Wischerad, war nach der Meynung unsers Führers, das vornehmste, auf was wir zu denken hatten. Es kostete Blut, aber endlich sahen wir uns doch Meister von dieser Festung, und Kaiser Wenzel, der von jedem unserer Schritte Nachricht hatte, war nahe genug, um auf unserm ersten Wink Besitz davon zu nehmen.
Vorlage S. 96
268
Er zeigte sich unter einer ansehnlichen Bedeckung dem Volke von der Zinne der Festung, er hatte sich diesen Tag den Genuss des Weins versagt, und war also nüchtern genug, mit Nachdruck zu ihnen zu reden. Man huldigte ihm von neuem. Es ward eine allgemeine Verzeihung ausgerufen, und zur Bestätigung derselben alle Große der Stadt zum kaiserlichen Mahle eingeladen. – Mein Herz hüpfte bey der Vorstellung eines solchen Friedensfests; ich fand Wenzeln zum erstenmale in meinem Leben groß, seines Standes würdig, weil er so bereitwillig war, seinen Feinden zu verzeihen. Ich sank zu seinen Füßen, als wollte ich ihm für die Gnade danken, die er andern erzeigte; immer hatte ich mich vor den Scenen der Grausamkeit gescheut, welchen ich entgegen sah, wenn Prag wieder in Wenzels Hände kommen sollte, es entzückte mich, so angenehm getäuscht zu sein.
Vorlage S. 97
269
Der Kaiser stieß mich ungestüm von sich, und nannte mich einen läppischen Jungen. Ich konnte mir es nicht erklären, was ihm die Aeußerung meiner Empfindungen so widrig machte, bis am Ende des Gastmahls, auf welches ich mich so gefreut hatte. Freilich konnte Wenzel den Dank nicht anders als mit Unwillen von mir annehmen, den er so schlecht verdiente!
Vorlage S. 97
270
Man saß in tiefen Frieden bey der Tafel. Der Wein begunte die Herzen fröhlich zu machen. Die ehrlichen Prager sagten auf Anforderung ihres neugehuldigten Herrn, was sie in seiner künftigen Regierung abgestellt zu sehen wünschten. Wenzel versprach alles, und die getäuschten Männer gelobten ihm auf diese Bedingung die unbegränzte Liebe, die ewige Treue seines Volks.
Vorlage S. 97
271
Der Kaiser ergriff den Pokal und trank zur Bestätigung des Friedensbunds, die Männer thaten Bescheid; aber ach, dies war das Signal zu ihrem Tode. Zwanzig Schwerdter fuhren hinter ihnen aus der Scheide, der größte Theil von ihnen fiel, ehe er Gefahr ahndete, und Ströme von Blut quollen unter den verschütteten Wein.
Vorlage S. 98
272
Es ist unmöglich meine Empfindungen bei diesem Anblicke zu beschreiben. Das Entsetzen machte mich Anfangs unbeweglich; mein erster Gedanke, als ich mich wieder besinnen konnte, war, Wenzeln um Gnade für diese Unglücklichen zu bitten; der zweite ihnen mit meinem Schwerd an die Seite zu treten, und da mir die Fruchtlosigkeit beider Rettungsmittel in die Augen leuchtete, da in dem nemlichen Augenblick der Mordstahl einen guten achtzigjahrigen Greis, den ich immer wegen seines frommen redlichen Heiligengesichts geliebt hatte, an meiner Seite traf, ohne dass meine ausgebreiteten Arme ihn schützen konnten, da sank auch ich ohne Empfindung zu Boden; der Sturm meiner Gefühle, die Ueberraschung, das Entsetzen war zu groß, ich war jung, hatte wohl Feindes Blut, aber nie das Blut der sichern Unschuld bey einem Freudenmahle fließen sehen; tadelt meine Schwachheit nicht, ich musste unterliegen!
Vorlage S. 98
273
O mit euren übel angebrachten Entschuldigungen! schrie Münster, was wird wohl in der Welt Lob verdienen, wenn hier Tadel statt finden kann!
Vorlage S. 99
274
Und doch tadelte man mich, fuhr Herrmann fort. Wenzel nannte mich einen weibischen Gecken, der kein Blut sehen könnte, und verbot mir auf drei Tage den Hof. – Ich sehnte mich nicht diese Mördergrube wieder zu besuchen, mein Herz war gänzlich von meinem Herrn abgewandt, und ich entdeckte dem Führer der ungarischen Völker, welcher der eine war, der mich in meiner Verbannung besuchte, den Wunsch, in die Dienste seines Königs aufgenommen zu werden.
Vorlage S. 99
275
Der tapfre Krieger, der mich liebte, rieth mir vor der Hand zu bleiben wo ich sei. Ihr seht den gestrigen Auftritt, sagte er, mit zu strengen Augen an, Staatsursachen rechtfertigen manches, das den Anschein des Unrechts hat, es war dem Kaiser allerdings nicht zu rathen, die Rebellen ganz ungestraft zu lassen.
Vorlage S. 99
276
Ich beantwortete eine lange Apologie, die mein Freund hier einer unverantwortlichen That machte, mit Stillschweigen; ich sahe wohl, dass die Welt, dass auch der bessere Theil derselben, über gewisse Dinge ganz anders denke, als die unerfahrne Unschuld.
Vorlage S. 99
277
Es gelang dem Redner, vermittelst der Gewalt die er über mein Herz hatte, mich zu bereden, Wenzeln eine Sache zu verzeihen, die ich nicht zu beurtheilen im Stande sei, seine Gnade anzunehmen, wenn er sie mir so wie zuvor gönnen wollte, die Macht, die ich ohnstreitig über ihn habe, zu gebrauchen, und mich durch eine unzeitige Entfernung nicht um die Belohnung zu bringen, welche er mir für meine geleisteten Dienste schuldig sei.
Vorlage S. 100
278
Ich erschien nach Endigung des gesetzten Termins, den ich gern verlängert gesehen hätte, wieder bey Hofe. Das auszeichnete Wohlwollen, mit welchem mir der Kaiser begegnete, fesselte mich von neuem, und die Urteile, welche über die Getödteten gefällt wurden, brachten es endlich dahin, dass ich mich entschloß, vor dem Andenken an den Auftritt jener entsetzlichen Nacht meine Seele zu verschliessen, damit mein Glaube, den Hingerichteten sei recht geschehen, nicht wankend gemacht werde.
Vorlage S. 100
279
Wenzel schien jetzt eine neue Epoche seines Lebens anfangen und sich ernstlich bessern zu wollen. Es gab ganze Tage, in welchen er nüchtern war, sein Zechgenosse, der Fürst von Ratibor, den das Volk haßte, blieb zu Kunradsburg, weder Susanne, noch die andern feilen Dirnen kamen zum Vorschein, und man sprach von einer Vermählung mit Sophien, der Tochter des Herzogs von Bayern.
Vorlage S. 100
280
Das ganze Land jauchzte über diesen letzten Entschluss, und jedermann behauptete, eine tugendhafte Gemahlin werde Wenzeln völlig bessern. Auch ich fühlte mich, so wie jeder andere, von neuer Hofnung belebt, von neuem zu meinem Herrn hingezogen. Ich sah einem ganz veränderten Leben an dem Hofe, der mir vor kurzem anfieng so verhaßt zu werden, entge gen, und schwur, ihn nie zu verlassen, ein Gelübde, das ich mit gutem Gewissen brechen kann, da meine Hoffnung so getäuscht ward.
Vorlage S. 101
281
Sophie, die reizende tugendhafte Sophie, ist nun unsre Kaiserin, aber wie schwach sind die Spuren der Besserung, die sie bewirken sollte? – Schon am Vermählungsfeste kam der Fürst von Ratibor, und mit ihm die alten Auftritte der Schwelgerey wieder zum Vorschein. – Hinter ihm her schlich die verworfene Susanne. Wenzel begieng die unbegreifliche Frechheit sie seiner Gemahlin vor die Augen zu bringen. – O Münster, ich könnte euch Auftritte erzählen! – Die unglückliche Sophie!
Vorlage S. 101
282
Doch wo denke ich hin? ich erzähle meine Geschichte, und nicht die ihrige! – Auch ist die meinige nunmehr zu Ende. Die wichtigste Begebenheit meines Lebens, Idas Erscheinung! meine Liebe zu ihr, mein Unglück! Die Notwendigkeit sie und den Hof zu verlassen! O Vater, ihr wisst dieses alles! Lasst mich aufhören!
Vorlage S. 101
283
Ihr habt vergessen, sprach Münster, der Belohnung zu gedenken, die euch euer Herr für eure Dienste schuldig war, und die ihr nach dem Rathe eures ungarschen Freundes, hier abwarten solltet.
Vorlage S. 102
284
Der höhnische Blick, mit dem ihr dieses sagt, erwiederte Herrmann, bezeichnet die Meinung eurer Worte. – Ich erinnere mich wohl, dass mir einst in einem Rausch von Wein und Dankbarkeit, das erste erledigte große Reichslehn versprochen ward; ein Versprechen, dessen Sinn, wenn ich es mit meiner Person zusammen dachte, ich nicht recht einsehen konnte. Wenzel mochte damit sagen wollen, was ihm beliebte, so dünkte es mich auf alle Fälle zu groß; ich lehnte es mit vieler Demuth ab, und bat um eine anständige Stelle bey der Armee. Mir ward anstatt des Gebetenen, eine erledigte Kammerjunkerstelle zu Theil, der Anfang, und vermuthlich auch das Ende alles dessen, was ich hier zu erwarten habe. Zwar ich irre, ist das Ritterschwerd und die Erlaubnis mein Glück zu suchen, wo ich will, für nichts zu rechnen? –
Vorlage S. 102
285
Eine lange Pause folgte hierauf. Münster und sein junger Freund schienen ganz in Gedanken verloren zu sein. Herrmann riss sich endlich aus seinem schwermüthigen Nachdenken empor, und legte seinem treuherzigen Rathgeber seinen Entschluss vor, in Königs Siegmunds Dienste zu gehen, dem er nicht unbekannt sei, und an dessen Hofe er den Ungarschen Heerführer zum Freunde habe, dessen wir im Vorhergehenden gedacht haben, und von dem Herrmann selbst noch nicht wusste, dass er einer der Größten des Reichs war.
Vorlage S. 102
286
Der alte Münster billigte diesen Plan, versprach, ihm einen von seinen treuesten Knechten mitzugeben, welcher auch ehemahl unter König Siegmunden Kriegsdienste getan habe, und man trennte sich für diesen Abend.
Vorlage S. 103
287
Eilftes Kapitel.
Vorlage S. 103
288
Ein heisser und ein kalter Abschied.
Vorlage S. 103
289
Der Tag des Abschieds brach an. Herrmann hatte sich bereits alle der lästigen Cerimonienbesuche entledigt, welche seine Entfernung nötig machte. Nur ein Weg, der schwerste von allen, stand ihm noch bevor. Der Weg nach Münsters Hause. Er sollte sich von dem treuherzigen Alten trennen, sollte Ida – der Vater hatte es ihm versprochen – noch einmal sehen, und den ersten und letzten Kuß auf ihre Wangen drücken, was für Gedanken für den liebenden Jüngling.
Vorlage S. 103
290
In halben Taumel langte er am Orte seiner Bestimmung an. Münster empfieng ihn an der Thür, und führte ihn, unter inständigem Bitten sich zu fassen, und der Weiber zu schonen, in das Unterzimmer. Ida war das erste, was sich ihm zeigte. Er nahte sich ihr mit Schüchternheit. Ihre Blässe, und die von Weinen getrübten Augen, wollten ihn fast bereden, dass dem holden Mädchen das Wort Trennung so schrecklich lautete, als wie ihm. – Man stand eine Weile, ohne zu sprechen, von der einen Seite mit zur Erde gesenktem Blick, von der andern mit Augen, welche jeden Zug des geliebten Gegenstandes zu verschlingen schienen, um ihn sich immer vergegenwärtigen zu können.
Vorlage S. 104
291
Kinder, rief Münster endlich, ihr brecht mir das Herz. Dieses Zögern vermehrt eure Quaal! Umarmt euch, und denn das Lebewohl!
Vorlage S. 104
292
Herrmann nahte sich, Idas Wangen zu küssen, sie duldete es mit aller Zurückhaltung, die den Jungfrauen ihrer Zeit eingeprägt ward. Sein Arm erkühnte sich ihren Nacken zu umschlingen und unwillkührlich öffneten sich die ihrigen, sie drückte ihn an ihre Brust, und ein: O lebe wohl! lebe wohl, mein Herrmann! stürzte aus ihrem Munde. Der Vater drohte mit dem Finger. Ida macht sich von dem Jünglinge los, gab ihm noch einen Blick, und verließ mit glühendem Gesicht das Zimmer.
Vorlage S. 104
293
Münster sprach viel mit Herrmann, nachdem das geliebte Mädchen verschwunden war, ohne von ihm verstanden zu werden. Es war schlechterdings nichts mit ihm anzufangen. Der Alte schwieg endlich, und der junge Mensch hatte sich nach einer Weile hinlänglich erholt um zu fragen, ob er nicht auch Idas gute Mutter zum Abschiede würde zu sehen bekommen? – Münster bejahte die Frage, und nach einiger Zeit trat die Matrone herein. Mit Willen hatte sie gezögert, um vielleicht noch am Ende einen Theil desjenigen, was sie auf dem Herzen hatte, ausrichten zu können. Auf ihrem Gesichte war mehr Unruh und Erwartung als Betrübniß abgebildet, und sie schien die Bewegungen ihres Mannes ängstlich zu bewachen, ob sie ihm nicht vielleicht einen Augenblick abstehlen und Herrmann einige geflügelte Worte sagen könnte. – O dass ihr, flüsterte sie ihm in einer Minute zu, da sich der Alte nach dem Fenster gewendet hatte, o dass ihr nie wieder Gelegenheit suchtet mich heimlich zu sprechen, ich hatte euch so viel zu sagen! –
Vorlage S. 105
294
Münster drehte sich um, eine gleichgültige Anmerkung zu machen, und das Gesprüch ward sehr schläfrig fortgesetzt. Herrmann eilte nicht Abschied zu nehmen, der Gedanke, vielleicht doch noch etwas von den Geheimnissen der Münsterin zu erfahren, hielt ihn zurück. – Münster ward, wahrscheinlich auf Veranlassung seiner Frau, hinausgerufen. O Herr Ritter, rief sie in dem nemlichen Augenblicke da er die Thür schloss, dass ihr jetzt schon reisen musstet! Nur noch einen Tag, ich bitte euch! Ich habe ein Gesuch beym Kaiser, ein Gesuch für Ida! Ihr müsst es unterstützen, ihm wenigstens erinnern, dass er mir noch die Gewährung einer Bitte schuldig ist.
Vorlage S. 105
295
Sie wollte noch mehr sagen, aber in dem nemlichen Augenblicke trat ihr Mann wieder herein, und obgleich Herrmann noch drei Stunden verweilte, so wich er doch nicht einen Schritt von der Stelle, und Herrmanns Neugierde blieb unbefriedigt.
Vorlage S. 106
296
Ihr versprachet mir, sagte der Jüngling, indem er aufstand sich zu entfernen, ihr versprachet, Vater Münster, mir einen treuen Knecht zur Begleitung mit zugeben; ich habe in dieser Erwartung meine Leute abgedankt, und wünschte sehr meinen künftigen Diener zu sehen?
Vorlage S. 106
297
Münster gieng nach der Thür, um den alten Andreas zu rufen. – Ida ist nicht unsere Tochter, flüsterte die Münsterin indessen, ich bin nur ihre Amme, beleidigte Liebe und Furcht sie in den Händen einer bösen Stiefmutter zu lassen, bewegten mich. –
Vorlage S. 106
298
Der Alte kam zurück, ohne dass die Frau ausreden konnte. Bald darauf erschien der Knecht, gelobte seinem jungen Herrn treu zu sein, und erhielt von ihm das Versprechen, er wollte ihn auf diese Bedingung nie von sich lassen, und ihn Theil an dem Glücke nehmen lassen, das ihm der Himmel etwa möchte beschieden haben; eine Versicherung, die der junge Ritter gewiss mit mehr Herzlichkeit würde gegeben haben, wenn er im Stande gewesen wär, das treuherzige Gesicht seines neuen Dieners, und das Feuer, mit welchem er ihm sein Gelübte ablegte, zu beachten; aber hiezu war er gegenwärtig ganz ungeschickt. Er hatte keinen Sinn als für die ausserordentliche Nachricht, die er eben aus dem Munde der Münsterin gehört hatte, keinen Wunsch, als mehr hiervon zu wissen, wenigstens den Namen der Eltern seiner Ida zu erfahren.
Vorlage S. 106
299
Er setzte alle seine Hoffnung auf die letzte Umarmung der Mutter; die gute Frau machte sie sehr lang, und drückte ihn fest an ihre Brust, indem sie ihm ins Ohr sagte: sie ist die Tochter des Grafen –
Vorlage S. 107
300
O was macht ihr! rief Münster, indem er sie lächelnd trennte, glaubt ihr denn, junger Herr, dass mich Liebkosungen von dieser Art nicht eifersichtig machen könnten.
Vorlage S. 107
301
Herrmann war verdrüßlich, und beantwortete die Rede des Alten mit etwas Unwillen, auch in Münsters Blicken lag ein wenig Kaltsinn und Mißvergnügen; es war fast unmöglich, dass ein so schlauer Mann nicht etwas von den Dingen hätte ahnden sollen, die hinter seinen Rücken vorgenommen wurden.
Vorlage S. 107
302
So trennte man sich, und das Gewirr von Erstaunen, Unwillen und fehlgeschlagner Hoffnung, machte, dass die Bedrübniß gar nicht an die Reihe kam, und dass bey der Trennung, die man sich so thränenvoll gedacht hatte, kein Auge nass gemacht wurde.
Vorlage S. 108
303
Zwölftes Kapitel.
Vorlage S. 108
304
Vernichtete und von neuem entworfne Plane.
Vorlage S. 108
305
Herrmann schwang sich auf sein bereit stehendes Pferd und sprengte zum Stadtthor hinaus, sein Geist war auf so mannichfache Art beschäftigt, dass er den Weg nicht bemerkte, den er hinter sich legte, nicht gewahr ward, dass der Abend hereinbrach, und nichts von den Fragen des alten Andreas vernahm, wo man Nachtherberge nehmen wollte. Idas Umarmung, die ihm so deutlich sagte, dass sie ihn liebte, die Nachricht von ihrem Stande, der seinem Ehrgeiz so angemessen war, die Ungewissheit, wer sie eigentlich sei, was für Aufgaben zum tiefsten Nachsinnen! Er vergaß über diesen Dingen denjenigen Punkt ganz und gar, der ohnstreitig der Münsterin das wichtigste war, und sie wahrscheinlich allein bewogen hatte, ihm das übrige zu entdecken, er vergaß das Gesuch der ehrlichen Bürgerin beym Kaiser, das er mit seiner Vorbitte unterstützen, um dessen Willen er nur noch einen einigen Tag zu Prag bleiben sollte.
Vorlage S. 108
306
Ich weiß nicht, welcher Gedanke ihm die Erinnerung an die vergessene Sache noch endlich herbey führte; genug, auf einmahl fuhr sie wie ein Blitzstrahl durch seine Seele, er besann sich wo er war, sah die hereinbrechende Nacht, sah Prag in weiter Ferne hinter sich liegen, und schalt auf seine Unachtsamkeit.
Vorlage S. 109
307
Wir müssen augenblicklich zurückkehren, rief er seinem Diener zu, indem er sein Pferd umlenkte, ich habe was nothwendiges vergessen, habe ein wichtiges Geschäft beym Kaiser, habe –
Vorlage S. 109
308
Andreas hatte diesen Tag über schon etliche mal Zweifel wegen des gesunden Verstandes seines neuen Herrn gehabt, und diese wurden in diesem Augenblick durch die Heftigkeit, mit welcher Herrmann sprach, durch den Inhalt seiner Rede, und durch seinen verstörten Blick fast zur Gewissheit gemacht.
Vorlage S. 109
309
Mitlerweile stieß der Ritter der treuen Minne sein Roß an, und nahm den Weg, den er eben gekommen war, mit solcher Eile von neuem vor sich, dass Andreas ihn aus den Augen verlor, ehe er sich noch recht besonnen hatte, was für seinen unglücklichen Herrn zu tun sein möchte.
Vorlage S. 109
310
Ihm nachzueilen war jetzt das nothwendigste. Zum Glück war es nicht in die Weite des zurückgelegten Weges, sondern nur ein benachbartes Gebüsch, was ihn seinen Augen entzogen hatte, er erblickte ihn bald von neuem, und setzte die Reise dicht hinter ihm, oder vielmehr, um immer ein wachendes Auge auf seine Handlungen zu haben, fast an seiner Seite fort.
Vorlage S. 109
311
Die Geschichte meldet nicht, wenn Herrmann Prag erreichte, und wenn Andreas von der schlechten Meynung, die er von ihm hatte, zurück kam, das erste geschah vermuthlich sehr bald, und das andere sehr spät. – Es kam alles zusammen die Unruhe des jungen Ritters zu verlängern und zu vermehren. Diesen Abend, oder vielmehr diese Nacht noch nach Hofe zu gehen war unmöglich. Die erste Nachricht, welche er am Morgen erhielt, war, der Kaiser sei des vorigen Abends nach Kunradsburg abgegangen. Er eilte dahin, um nach Krumlau gewiesen zu werden. Er fand ihn nicht; man wies ihn an den dritten und vierten Ort, und als er endlich nach vielen Tagen wieder zu Kunradsburg angelangt, Wenzeln wirklich daselbst getroffen, und sich überzeugt hatte, dass der Kaiser wohl diesen Ort alle die Zeit über nicht möge verlassen haben, so ward ihn der Zutritt zu denjenigen, den er sonst alle Stunden ungefordert sehen konnte, so schwer gemacht, dass er die Sache völlig aufgab, und sich begnügte, einen seiner ehemaligen Freunde bey Hofe, der sich endlich von ihm sprechen ließ, sein Gewerbe aufzutragen. Der Höfling versprach die pünktlichste Ausrichtung, und vergaß die Sache im nächsten Augenblicke.
Vorlage S. 110
312
Herrmann setzte seine Reise nach Ungarn fort, er fieng an mit den seltsamen Dingen, welche sein Gemüt anfangs so sehr verwirrten, bekannt zu werden, und für andere Gegenstände Gefühl zu haben. Andreas begunnte zu merken, dass sein Herr wirklich Verstand wie andere Menschen, und ein Herz wie ein Engel habe. Seine Milde, seine Herablassung nahm den alten Knecht gänzlich für ihn ein, er hätte sein Leben für ihn aufgeopfert, und Herrmann konnte mit Recht hoffen, dass er ihm geringere Opfer nicht versagen würde.
Vorlage S. 111
313
Der junge Ritter wusste, dass Andreas lange im Hause des alten Münsters gelebt hatte, es war Möglichkeit, dass er etwas vor Idas Herkommen wusste, und er sparte keine Mühe ihn zu Eröffnung alles dessen, was ihm bekannt war, zu bewegen, aber der Alte hatte entweder nichts zu entdecken, oder Münster war zu schlau gewesen ihm einen Diener mitzugeben, der nicht im Stande gewesen sein sollte, die Geheimnisse des alten Herrn vor dem neuen zu verbergen.
Vorlage S. 111
314
Der nemliche Unmuth, welcher den Ritter bey dieser Fehlschlagung seiner Hofnungen befiel, herrschte auch zu Prag in dem Münsterschen Hause. Münster war unzufrieden mit seiner Frau und vermisste den Umgang seines jungen Freundes, ob er gleich auch gegen ihn einen kleinen Unwillen in seinem Herzen hegte; Ida weinte über ihren Herrmann und durfte ihre Thränen niemand als ihrer so genannten Mutter sehen lassen, diese wartete täglich, nach Hofe berufen und um ihr Begehren befragt zu werden, und – wartete vergebens. Er muss mich vergessen haben, rief sie in der Fülle ihres Unmuths aus, muss abgereist sein ohne meinen Auftrag auszurichten. – Gleichwohl hat man ihn den Tag nach dem Abschiede von uns noch hier geseben. Er ist in Kunradsburg gewesen, wo der Kaiser sich jetzt aufhält. – Nun nun! wenn Wenzel zurückkehrt! Geduld, Zweiflerinn! es wird noch alles gut werden.
Vorlage S. 111
315
Aber Wenzel kehrte zurück, und die ehrliche Bürgerinn ward nicht nach Hofe gefordert! – Tage, Wochen, und Monate vergingen, und sie entschloß sich endlich zu dem Mittel ihre Zuflucht zu nehmen, durch welches man ungezweifelt nicht allein Zutritt bey Wenzeln erhalten, sondern auch überzeugt sein konnte, ihm angenehm zu sein und alles von ihm zu erlangen was man wünschte.
Vorlage S. 112
316
Die Münsterinn legte eines Morgens in Abwesenheit ihres Mannes ihre festlichsten Kleider an, langte aus dem heimlichen Schatze, den auch sie gleich ihrem Manne in ihrer jetzigen kleinen Wohnung vergraben hatte, zweyhundert goldne Schilde die Hälfte des ganzen, besonn sich ein wenig, ob sie wohl mit so einer Wenigkeit vor dem geizigen Kaiser erscheinen dürfe, ob sie nicht das Ganze aufopfern müsse um glücklich zu sein, vermehrte endlich die Summe noch mit funfzig ihrer ersparten Goldstücke und machte sich auf den Weg.
Vorlage S. 112
317
Die Art, mit welcher sie ihre Gabe bey Wenzeln anbrachte, und das was sie bey ihm suchte, steht in unserer Geschichte nicht umständlich verzeichnet, doch ergiebt sich das letzte aus den Folgen, und was das erste anbelangt, so ist bekannt, dass man wenig Nachsinnen brauchte um Wenzeln mit Schonung seiner Delicatesse eine Bezahlung einer geforderten Gnade beyzubringen.
Vorlage S. 113
318
Ida sah ihre Mutter ausgehen und wiederkommen. Ihre festliche Kleidung, ihre gedankenvolle zweifelnde Miene bey dem ersten, und ihr triumphirender Blick bey dem andern, fiel ihr auf, aber sie fragte nicht: andere Gedanken, Gedanken an ihren Herrmann beschäftigten sie zu sehr um ihr Neugier für etwas anderes überzulassen.
Vorlage S. 113
319
Wirst du nie aufhören zu weinen, fragte die Mutter, als sie des Nachmittags bey der Arbeit saßen. Mädchen, Mädchen! die Einsamkeit nährt deinen Kummer, ich muss dich herausreißen, oder mir es gefallen lassen dich auf ewig zu verlieren.
Vorlage S. 113
320
Lasst mir meine liebe Einsamkeit, rief Ida, indem sie mit der einen Hand ihre Thränen trocknete, mit der andern die Hand ihrer Mutter an ihre Brust drückte. Welche Gesellschaft sollte ich dieser ruhigen Stille, der Freundin meines Grams, vorziehen?
Vorlage S. 114
321
Je nun, sprach die Mutter, freilich nicht die Gesellschaft unserer Jungfern, die sich so gern deine Gespielinnen nennen, aber wenn ich dich in eine Sphäre bringen könnte, wo alles was schön und groß ist dich umglänzte, und wo du doch überall als die schönste hervorstrahltest, nicht wahr, Ida, da würde dir wohl sein, da würdest du nicht mehr so viel an deinen Herrmann denken, oder thätest du es, so würde es nur mit froher Hoffnung, nie mit Thränen geschehen?
Vorlage S. 114
322
Ich sehne mich nicht nach Unmöglichkeiten, Mutter; ich begehre nur in eurem Hause zu glänzen, wenn ihr es so nennen wollt.
Vorlage S. 114
323
Und wenn deine Bestimmung der Hof wär?
Vorlage S. 114
324
Ich danke Gott, dass er es nicht ist.
Vorlage S. 114
325
Wenn die Kaiserinn dich unter ihre Frauenzimmer aufnähme?
Vorlage S. 114
326
O die unvergleichliche Dame! rief Ida, indem sie Sophiens seidne Locke küsste, die sie noch immer an einer goldnen Schnur am Halse trug. Ja ihr zu dienen, sie täglich zu sehen, von ihr geliebt zu werden, das wär etwas –
Vorlage S. 114
327
Das du dir wünschtest? – Nun so freue dich: deine Wünsche sind erfüllt. Du wirst die Dunkelheit, die sich schlechter für dich schickt als du meinst, vielleicht morgen verlassen, man wird dich nach Hofe fordern, du wirst eine Gespielinn der edelsten Jungfrauen dieses Landes sein, und du hast nun nichts weiter zu tun, als dich ihnen gleich zu achten, es gänzlich zu vergessen, dass du bisher unsre Tochter genannt wurdest.
Vorlage S. 115
328
Mutter, schrie das Mädchen, indem sie von ihrem Sitz aufsprang, euch vergessen? meine Herkunft vergessen? mich in eine Sphäre mischen, in welche ich nicht gehöre? – Ihr versucht mich? nein, so eitel, so pflichtvergessen ist Ida nicht. Ihr müsst mir nicht jede kleine Aeußerung meiner Gedanken so übel auslegen. Ich liebe die Kaiserinn weit weniger als euch, möchte ihre Gesellschaft nicht für die Eurige vertauschen. Zärtlich schmiegte sich das liebliche Mädchen bey diesen Worten an den Hals ihrer so genannten Mutter, welche in Thränen ausbrach, sie fester an sich drückte, und schluchzend betheuerte, sie verdiene die Liebe ihrer Ida nicht; ein Ausdruck, welcher dem jungen Mädchen sehr anstößig war, weil sie ihn nicht so gut verstand als der Leser.
Vorlage S. 115
329
Dreyzehntes Kapitel.
Vorlage S. 116
330
Wer spricht am klügsten, der Mann oder die Frau?
Vorlage S. 116
331
Der alte Münster kam des andern Tages gegen Mittag ganz athemlos nach Hause! bleich und entstellt warf er sich auf seinen Stuhl, und schien lange Zeit nichts von dem Fragen seiner Frau, was ihm fehle, zu verstehen.
Vorlage S. 116
332
O Marie! rief er endlich, solch eine Zeitung! du wirst erstaunen, und bist du klug, dich so beunruhigen wie ich, wenn du sie hörest! – Ich komme von Hofe. Ich ward vorgefordert. Man hat mit mir von Ida gesprochen, man verlangt sie unter das Frauenzimmer der Kaiserin.
Vorlage S. 116
333
Und das ist die schreckliche Zeitung? – –
Vorlage S. 116
334
Weis Gott, was die Ursach dieser so genannten Gnade ist! Man sprach viel von Idas Schönheit, von dem Ruf ihrer Tugend. Ich halte nichts von den Mädchen, welche so im Rufe sind, sollte es auch wegen ihrer guten Eigenschaften sein! – Ach Frau, Frau! dein unüberlegter Einfall, sie an Allerheiligen so öffentlich zur Schau zu stellen!
Vorlage S. 116
335
Aber ich bitte dich, was soll endlich aus der Dunkelheit werden, in die du sie einkerkern willst? – Ist sie deine Tochter, willst du sie für irgend einen ehrlichen Bürger unsers gleichen aufheben? oder soll ein Ritter ihres Standes kommen, und sie unter deinen Schlössern und Riegeln aufsuchen? – Den guten Herrmann von Unna hast du verjagt, würdest du es einem andern besser machen? – Sollten wir nie darauf denken ihr das wieder zu geben, was wir ihr raubten?
Vorlage S. 116
336
Wir, Maria? – Wir? Ich weiß wohl wer es that, du handeltest, ich rieth ab, und ach leider, ich willigte endlich nur ein um dich nicht zu verlieren. Du weist wohl, wie du mir das Kind aus den Armen rissest, als ich einesmahls darauf bestand, es dem Grafen wieder zu bringen. Entweder mich und das Kind; riefst du, oder keins von beiden! Wo sie ist, bleibe ich auch, ich kann sie nicht allein in den Händen der neuen Gräfinn lassen!
Vorlage S. 117
337
Ida hatte einen Vater, er würde sie geschützt haben!
Vorlage S. 117
338
Alle diese Vorwürfe sind zu spät, ich mache mir sie vielleicht nur gar zu oft selbst, alles was wir jetzt zu tun haben, ist Vergütung dessen, was wir raubten. – Und doch, was sage ich! – Vergütung? Wem sind wir Vergütung schuldig, dem Grafen, der Ida bey den Kindern seiner neuen Gemahlin vielleicht nicht einmal vermisste, oder ihr, die wir zu einem Stande herabzogen, für den sie nicht gebohren ist? – Graf Eberhardt mag meinetwegen immer einmahl erfahren, dass Ida, sein verlohrnes Kind noch lebt, aber freuen wird es mich, wenn dies nicht eher geschieht, bis wir ihr, ohne seine Hülfe, ohne seinen erlauchten Namen, ein Glück verschaft haben, das ihrem Stande gemäß ist! – O dass du meine Anschläge mit dem Ritter von Unna vereiteltest. –
Vorlage S. 117
339
Hast du vergessen, was Herrmanns Familie Graf Eberhardten für Schimpf erzeigte? Der alte Berndt von Unna war einer der Anführer der Martinsritter. Nie wird der Graf ihm oder den seinigen die Händel bey Wisbaden verzeihen? –
Vorlage S. 118
340
Brauchten wir Graf Eberhardts Einwilligung zu Idas Glück? Genug wenn sie wieder in die Sphäre kam, in welche sie gehörte, das andere konnte sich geben. Unser Reichthum hätte Herrmanns Mangel am Vermögen ersetzt, seine Tupferkeit hätte ihn empor gehoben, und alle meine Wünsche wären erfüllt gewesen. Aber leider hast du nun meine schönen Hoffnungen vernichtet; Herrmann ist fort und ich muss meine Plane von neuem entwerfen. –
Vorlage S. 118
341
Deine Plane? – Höre die Meinigen, Marie! Lass uns den offenen geraden Weg der Redlichkeit gehen, er ist der sicherste. Lass uns die Zeit abwarten, wenn Graf Eberhart seine Händel mit den Reichsstädten abgethan hat! es kann nun nicht lang mehr anstehen. Dann wird er ruhig auf seiner Burg sitzen und Muse haben, die Entdeckung zu genießen, die ich ihm machen will. Ich trete denn mit Ida und allen Beweisen ihrer Geburt den Weg an, ich stelle mich vor ihm, und sage; hier, Herr, ist eure Tochter; diese und diese Ursachen bewegten uns, sie euch zu rauben. Wir haben gefehlt, aber seht hier die Ersetzung des Geraubten, Eure kleine kränkliche, in der traurigen Verfassung, in welcher ihr damals waret, tausend Unfällen ausgesetzte Tochter geben wir euch erwachsen, schön und wohlerzogen zurück. – Wie meinst du Marie, wird Idas Anblick uns nicht Verzeihung erwerben? –
Vorlage S. 118
342
Verzeihung für das, wofür uns im Grunde Dank geziemte? Doch was soll dieser Streit über das, was geschah, und was hätte geschehen sollen, wir wissen was nun geschehen wird. Ida kommt nach Hofe. Bleibt Herrmann ihr in der Ferne getreu, so findet er sie hier wieder; geschieht dies nicht, so kann ihr ihre Schönheit andere Herzen erobern, und sie ihrer Herkunft gemäß erheben, ohne dass wir einer Demüthigung vor Graf Eberhardten nötig haben. –
Vorlage S. 119
343
Frau, Frau; rief Münster; indem er Marien steif ansah, mir geht ein schreckliches Licht auf. Sollte es möglich sein? solltest du Theil an der Begebenheit haben, die mir so viel Kummer macht? Soltest du durch Weiberlist Idas Berufung nach Hofe bewirkt haben? –
Vorlage S. 119
344
Und wenns so wär, was hätte ich damit gesündigt? –
Vorlage S. 120
345
Diesem Winke folgten tiefere Nachforschungen, diesen das freye Geständniß aller Schritte, welche die Frau zu Ausführung ihrer Plane getan hatte, und diesem – ein Ungewitter, wie wohl in Mariens friedlichem Ehestande noch nie eines über sie losgebrochen war.
Vorlage S. 120
346
Es dauerte lange, ehe die Frau durch Thränen, Bitten und wahre oder erkünstelte Reue über das, was sie that, und was nunmehr unwiederruflich war, den ergrimmten Münster besänftigte, und alles was sie erlangte, war am Ende doch nicht mehr, als dass er sein erstes Wüthen in bittere Vorwürfe, und in Vorstellungen verwandelte, was aus ihrem unüberlegten Schritte erfolgen würde.
Vorlage S. 120
347
Ich weis nicht, sagte er, ob du so thörigt gewesen bist, Winke von Idas wirklichem Stande zu geben, aber so viel versichere ich dich, man wird sie nie für das erkennen, was sie ist, wenn ihr Vater sie nicht öffentlich seine Tochter nennt; spielt sie denn auf der andern Seite ihre Rolle bey Hofe als ein Bürgermädchen, so wird sie ihrer Schönheit und Tugend zum Trotz gehaßt und verleumdet, und wenn auch die Gnade ihrer Fürstinn ihr zu Theil werden sollte, doch verachtet werden. Der Neid ihrer Gespielinnen wird sie von der Stufe drängen, auf welche du sie ohne Schutz gestellt hast. Die zügellosen Sitten an Wenzels Hofe werden ihre Unschuld, oder wenigstens ihren guten Namen vergiften, und – höre die Strafe deiner Thorheit, die dir in kurzem bevorsteht, und die dich wahrscheinlich am empfindlichsten kränken wird: du wirst das Vergnügen deinen Abgott, deine Ida zu sehen oder wenigstens eine nahe Zeugin ihres so genannten Glücks zu sein, nicht lang genießen. Man spricht stark von einer Reise des Kaisers nach Westphalen, seine Gemahlin wird ihn begleiten, und Ida wird nicht zurück bleiben; es müsste denn sein, dass sie um diese Zeit schon ihre schimmernde Rolle ausgespielt, und beschimpft und verachtet in unser Haus zurück geschickt worden wär, welches freilich wohl sein könnte.
Vorlage S. 120
348
Vierzehntes Kapitel.
Vorlage S. 122
349
Hofscenen.
Vorlage S. 122
350
Die Münsterin brach in Thränen aus. Ihr Mann hatte recht; die letzte Vorstellung rührte sie am meisten. Ida nicht mehr zu sehen, welch ein Gedanke! Gern hätte sie zurück genommen, was sie getan hatte, um nur nicht die Trennung von derjenigen erfahren zu müssen, welche sie über alles liebte, aber – es war nunmehr zu spät. – Ida ward noch diesen Abend zur Kaiserinn gerufen, und bedeutet, sie müsse sich entschließen, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, und das Hofleben zu versuchen.
Vorlage S. 122
351
Es ist unmöglich die Verfassung des jungen Mädchens bey einem Antrage zu beschreiben, der ihr so unerwartet kam, (denn die Reden ihrer Mutter dünkten ihr nur Scherz zu sein) dessen Grund sie nicht einsehen und von welchem sie sich selbst nicht erklären konnte, ob er ihr Freude oder Kummer machte. – Allerdings war etwas in ihr, das ihr sagte, sie sei nicht für die Sphäre geboren, in welcher sie bisher gelebt hatte; aber doch war auch so vieles, das ihr in ihrer bisherigen Lage gefiel. Sie sollte die ruhige Stille, die sie liebte, die ihrem sanften Charakter so angemessen war, mit dem Geräusch der großen Welt vertauschen, sollte Eltern verlassen, um unter Fremden zu leben? – Münster sah ihren Kampf und beklagte sie. Ihre sogenannte Mutter drückte sie fest an ihr Herz, sprach vom Glück, Schicksal, Trennung, und tausend Dingen, deren Sinn das Mädchen nicht einsehen konnte, weil man nicht für gut fand, ihr den kleinsten Wink von demjenigen zu geben, was sie doch so nahe anging. – Vielleicht würde die Münsterinn jetzt bey dem Eintritt einer der wichtigsten Epochen ihres Lebens kein Bedenken getragen haben, ihr alle Geheimnisse zu entdecken, aber Münster verbot es ihr, und sie musste sich entschließen, nach so vielen eigenmächtig gethanen Schritten doch in einem Stücke zu gehorchen. – Die Kenntnis ihrer Herkunft nützt ihr nichts, sagte er, sie wird ohne dieselbe weit weniger Versuchung haben, von der Demuth, der Bescheidenheit, der löblichen Zurückhaltung abzuweichen, die ihr zukommen, und die noch das einige sind, was sie auf dem schlüpfrigen Wege, den sie antritt, aufrecht erhalten können. Auch mag sie immer glauben, dass man sie aus eigner Bewegung nach Hofe fordert; dieses kann ihr auf der andern Seite einen kleinen Stolz einflößen, der sie veranlassen wird, nie die gute Meynung zu verscherzen, welche man jetzt von ihr zu haben scheint, auch könnte es vielleicht sein, gute Marie, dass sie dir es in der Folge nicht sehr danken würde, dass du unvorsichtig genug warest, ihr ihren gefährlichen Posten zu erkaufen, und es ist dir doch wohl daran gelegen, in den Augen der verständigen Ida nicht zu verlieren.
Vorlage S. 122
352
Der Mann sprach wie ein Orakel, man folgte ihm diesmahl, und das junge Mädchen ward mit allgemeinen guten Lehren abgefertigt, welche in nicht viel mehrern bestanden, als darinn, sie sollte immer ihrem redlichen truglosen Herzen gemäß handeln, und sich in zweifelhaften Fällen des Raths ihrer Eltern bedienen. Münster war der altmodischen Meynung, dass der gerade Weg nie trügen könne.
Vorlage S. 124
353
Die Geschichte meldet nichts umständliches von Idas Aufnahme bey Hofe, nur dies sagt sie, dass sie die Kaiserinn, für welche sie eine so große Ergebenheit in ihrem Herzen fühlte, bey weitem nicht so hold und gnädig fand, als da sie sie an Allerheiligen zum erstenmahl sahe.
Vorlage S. 124
354
Diese Erscheinung war etwas sehr natürliches; Sophie, so kurze Zeit auch seit ihrem Leben am Hofe verflossen sein mochte, war jetzt nicht mehr die junge unerfahrne Prinzeßinn, die beym ersten Schritt aus dem Kloster in die Welt von jedem neuen Gegenstande heftig gerührt wurde, und ihre Gefühle ohne lange Ueberlegung, ohne Zurückhaltung äusserte. Auch hatte ihr die Fürstinn von Ratibor ein gewisses Bewustseyn ihrer Hoheit eingeflößt, welches sie hinderte ganz so liebenswürdig zu sein, als sie konnte, sie war eine majestätische Fürstinn, aber für den, der ihr gleichgültig war, keine einnehmende Frau, und gleichgültig war ihr Ida für den gegenwärtigen Augenblick. – Der ehemahlige Eindruck war gänzlich verschwunden, sie sah in Ida nichts als das gemeine Bürgermädchen, welches sich erkühnte, schöner und einnehmender zu sein, als ihr Stand mit sich brachte. Auch verlor Ida dadurch unendlich viel, dass sie Sophien aufgedrungen ward. Der Kaiser hatte mit seiner gewöhnlichen heroischen Art seiner Gemahlinn erklärt, dass er wünsche die junge Münsterinn unter ihrem Frauenzimmer zu sehen. Sophie hatte, wie sie denn manchmal pflegte, gefragt, warum? und Wenzel hatte sich wohl gehütet zu antworten, weil mir die Mutter zweyhundert und funfzig goldne Schilde dafür gezahlt hat, sondern er hatte ganz kaltsinnig seinen Willen, und die Schönheit des jungen Mädchens zur Ursach angeführt; eine Erklärung, welche von Sophien mit Stillschweigen und von ihrer Oberhofmeisterinn mit einem höhnischen Seitenblick auf ihre Gebieterinn beantwortet wurde.
Vorlage S. 124
355
Soll ich Ew. Majestät zur glänzenden Verwahrung ihrer Hofstatt glückwünschen? fragt die Fürstinn von Ratibor als sie mit Sophien allein war. Die Kaiserinn schwieg. – Nun wahrhaftig, fuhr die Fürstinn fort, wenn wir die gemeinen Bürgerdirnen unter unsere Fräuleins aufnehmen wollen, so wird unser Hof bald allen andern zum Muster dienen können! – Doch jedes Ding hat seine Ursach. Die Münsterinn wird für schön gehalten wie ich höre, und Susanne wird alle Tage hässlicher. Ein kleiner Tausch, ein Wechsel ist ja wohl dem Herrn des deutschen Reichs erlaubt.
Vorlage S. 125
356
Man hört aus dieser Probe, dass die Oberhofmeisterinn Erlaubnis hatte, sehr frei mit Sophien zu sprechen, sie war die einige Vertraute von Wenzels unglücklicher Gemahlin und dieses gab ihr ein Recht, zu sagen was sie wollte. Sie fuhr in ihrer giftigen Rede fort, und fand so viel Eingang bey der Kaiserin, dass es Wunder war, wie Ida noch so empfangen werden konnte, als sie empfangen ward.
Vorlage S. 126
357
Das junge Mädchen merkte indessen wohl, dass sie hier andere Blicke würde ertragen lernen müssen, als sie gewohnt war, doch beredete sie sich, dies sei Hofton, und rechnete das, was ihr von dieser Art mehr als andern zu Theil ward, sehr demüthig auf ihren niedrigen Stand. Zuweilen fiel es ihr denn auch wohl ein, warum man sie aus ihrer Dunkelheit hervorgezogen habe, wenn man ihr nicht besser begegnen wollte, doch half ihr die fromme Einfalt ihres Herzens alles zum besten erklären, und alles ertragen.
Vorlage S. 126
358
Aller Augen waren indessen auf das junge Bürgermädchen gerichtet, ungeachtet alle sich stellten sie zu übersehen. Die Männer flüsterten sich hinter ihrem Rücken zu; sie ist schön, sehr schön, und die Damen spähten mit Adleraugen nach Fehlern an derjenigen, welche so widerrechtlich in ihre glänzende Reihe eingeschoben wurde.
Vorlage S. 127
359
Keine von allen Frauen des Hofs war aufmerksamer auf Ida als die Fürstinn von Ratibor, sie lauerte auf Gelegenheit die Meynung, die sie Sophien von ihr beygebracht hatte, zu bestätigen. Vergebliche Mühe! Die junge Münsterinn, wie man sie hier nannte, ging still und ruhig ihren Weg vor sich hin, ahndete nicht einmahl, dass sie bemerkt wurde, und handelte doch so, dass sie die Augen der ganzen Welt zum Zeugen haben konnte. Sie füllte ihren Platz bey Hofe aus, wenn es ihr ziemte, brachte die übrige Zeit mit ihrem Mädchen auf ihrem Zimmer zu, ging täglich in die Kirche, besuchte ihre Eltern an den Tagen da es ihr erlaubt war, und führte sich, wenn Spiel oder Tanz bey Hofe war, so anständig auf, dass alle Pfeile der Verläumdung von ihr abprallten. Dazu kam auch noch, dass der Kaiser gar keine Notiz von ihr nahm, und dadurch die Winke der Fürstin von Ratibor, die sie Sophien des Abends von Idas Aufnahme gab, völlig Lügen strafte. Wenzel war wie bekannt, kein Feind der Weiber, aber die Schönheit der Dirnen, welche ihm gefielen brauchte von keinem so hohen Styl wie Idas Reize zu sein; Susannens Person war so ohngefehr das Model von dem, was ihn fesseln konnte.
Vorlage S. 127
360
Da die Oberhofmeisterinn nichts schlimmers von dem jungen Mädchen zu sagen wusste, so schwieg sie gar. Sophie hörte nichts böses mehr von Ida, und da sie sie täglich in ihrer vollen Liebenswürdigkeit vor sich sah, so fing sie von neuem an ihr gewogen zu werden. Sie stach so gar sehr vor den andern Fräuleins hervor, welche sie zu bescheiden war, ihre Gespielinnen zu nennen, und die doch immer ihrer stolzen verächtlichen Blicke ungeachtet nur wie ihre Dienerinnen neben ihr standen. Es war in diesen jungen Personen ein unabläßiges Streben einander zu verdunkeln, ein Haschen nach Blicken der Aufmerksamkeit, ein Ringen nach einem Lächeln ihrer Fürstinn, und dieses ließ sie neben der holden unbefangenen Ida in einem unendlich nachtheiligen Lichte erscheinen.
Vorlage S. 128
361
Es war zum Anfange schon genug, dass Herrmanns Geliebte nicht mehr von ihrer Gebieterinn verächtlich übersehen, dass sie mit einigem Wohlwollen angeblickt wurde, es war nur ein kleiner Zufall nötig, dieses Wohlwollen in Gewogenheit zu verwandeln.
Vorlage S. 128
362
Sophie hatte eines Tages Langeweile, wie es, wenn man es recht bedenkt, Fürstinnen in ihrer Lage oft begegnen muss. Es ist unbekannt, wie sie sich an den Tagen, an welchen sie keine Langeweile hatte, zu beschäftigen pflegte; aber so viel ist gewiss, dass an diesem alle gewöhnliche Artikel der Unterhaltung ausgegangen waren. So gar von Susannen gab es nichts zu sprechen, denn der Kaiser hatte jetzt, da sich einige Hoffnung zeigte, seine Gemahlinn würde ihn mit einem Erben beschenken, sich von seinen Räthen bereden lassen, diesen Stein des Anstoßes auf einige Zeit nach Kunradsburg zu schaffen. Die Kaiserinn durfte jetzt schlechterdings keinen Anlass zu Verdruss und Aergerniß bekommen, es hing zuviel davon ab, dass der schwankende Thron des schwelgerischen Wenzels durch einen Reichsnachfolger befestiget wurde.
Vorlage S. 129
363
An diesem Abende also, der so ganz leer an Zeitvertreib war, fiel es der Kaiserinn ein, ihre Jungfrauen aufzufordern, und einen Preis für diejenige aufzusetzen, welche irgend ein Mittel ausfündig machen könnte, ihr die schleichenden Stunden angenehm zu vertreiben.
Vorlage S. 129
364
Augenblicklich kam alles in Bewegung, jede der jungen Damen wollte ihre Geschicklichkeit zeigen. Die Sängerinnen, die Tänzerinnen, die Märchenerzählerinnen drängten sich herbey, und thaten ihr Werk so gut sie konnten, aber entweder sie verstanden ihre Künste schlecht, oder der Geist des Unmuths, der Sophien quälte, war so hartnäckig, dass er keiner Beschwörung weichen wollte. – O schweiget, schweiget! rief die Kaiserinn, hört auf, ich bitte euch! Was für Töne! was für Schritte! welche langweilige Tiraden! wie unglücklich bin ich solche ungeschickte Geschöpfe an meinem Hofe zu haben!
Vorlage S. 129
365
O ihre Majestät klagen nicht, rief die boshafte Ratibor. Hier ist ja noch die Münsterinn übrig, sie steht so müßig und unbesorgt da, als ob die Bedienung ihrer Fürstinn sie nichts angienge, und doch zweifle ich nicht, sie wär im Stande alle unsere Fräulein mit ihren Talenten zu verdunkeln. Kommt her, Jungfer, fuhr sie in ihrem höhnischen Tone fort, sprecht, was für Künste versteht ihr die Kaiserinn zu unterhalten? Ihr müsst nicht glauben, dass man um nichts und wieder nichts, eine solche Stelle wie die eurige einnimmt.
Vorlage S. 130
366
Ohne Zweifel war es die Absicht der heimtükischen Oberhofmeisterinn, Ida durch eine unvorhergesehene Aufforderung, durch eine Aufforderung in diesem Tone, so aus der Fassung zu bringen, dass sie, sie möchte auch können was sie wolle, mit Schande bestehen müße. – Ihr Anschlag verunglückte. Ich spiele ein wenig die Harfe, sagte Ida mit einer freymüthigen Verbeugung, und ich würde schon um Erlaubnis gebeten haben sie zu holen, wenn ich es hätte wagen dürfen, Geschicktern als ich vorzugreifen, oder wenn ich hoffen könnte. – –
Vorlage S. 130
367
O hole, hole sie, mein Kind! rief Sophie, ich liebe sie, die Harfe! Ida entfernte sich, und die Fürstinn von Ratibor erwähnte indessen gegen die Kaiserinn, dass sie nächstens ihre Tochter aus dem Kloster erwarte, welche, wie man ihr sage, die Harfe meisterhaft spiele.
Vorlage S. 131
368
Ida trat indessen mit ihrem Instrument herein, stellte sich Sophien zur Seite, griff einige vorläufige Accorde, welche die Meisterinn bezeichneten, und begann – o ihr Genien der Harmonien, welcher unter euch gab ihr den Gedanken ein – begann das Lied, das auf die Kaiserinn an ihrem Vermählungsfeste so eine wundernswürdige Wirkung that. – Sophie athmete kaum, sie heftete ihr Auge fest auf ihre reizende Harfnerinn, die mit ihrem unschuldigen Engelsblick da stand, als ob sie nichts sähe als ihre Saiten, und bald darauf ihr schönes Auge erhob, um den Worten, die sie ihrer entzückten Zuhörerinn sang, doppelten Nachdruck zu geben. – Das Lied war zu Ende, Sophie saß noch mit starr auf sie geheftetem Blick, als spähte sie dem letzten Ton der Harmonie nach, da trat das liebliche Mädchen näher, setzte ein Knie auf die Erde, nahm den Blumenkranz von ihrem Haar, und legte ihn, wie es die Worte des Gesanges heischten, zu Sophiens Füßen. –
Vorlage S. 131
369
Himmlisches Mädchen! Zauberinn! rief Sophie, indem sie die Arme um Idas Nacken schlug, und sie küsste. Welche Empfindungen hast du in meine Seele zurück gerufen! – Steh auf, mein Kind, sagte sie nach einer Weile, als sie die Blicke ihrer Aufmerkerinn, der Ratibor, fest auf sich gerichtet sah, steh auf, du hast deine Sachen gut gemacht! – Der Blick und der Ton der Kaiserinn bey diesen Worten war nicht ganz so gnädig als ihre Umarmung. Ida erkühnte sich noch einmahl, die dargebotne Hand zu küssen, und trat auf die Seite.
Vorlage S. 132
370
Und wär Ida die ausgelernteste Seelenkennerinn gewesen, so hätte sie nichts wirksameres ersinnen können, das Herz der Kaiserinn völlig zu erobern, als das Lied das sie sang. Sophiens Empfindungen bey der Erscheinung der jungen Mädchen an ihrem Hochzeitfeste musten entzückend gewesen sein, da schon die bloße Erinnerung an diesen Auftritt sie so bezaubern konnte. Doch Dinge von dieser Art sind nichts ungewöhnliches; für wem giebt es nicht gewisse Töne, gewisse Winke, welche ihm den oder jenen Auftritt seines Lebens dermaßen vergegenwärtigen können, dass er alles, was er damals fühlte, von neuem zu erfahren glaubt, und, ist die Erinnerung von angenehmer Art, durch einen unwiderstehlichen Zug zu demjenigen hingerissen wird, der sie hervorbrachte?
Vorlage S. 132
371
Sophie war aufgestanden, und trocknete am Fenster ihre Augen. Die Fräuleins musterten die ruhig an ihre Harfe gelehnte Ida mit neidischen Blicken, und die Oberhofmeisterinn merkte an, dass es sehr spät sei, dass Ihro Majestät der Ruhe bedürften, und dass man sich entfernen müsse. Sophie jahte es, und man gehorchte.
Vorlage S. 133
372
Funfzehntes Kapitel.
Vorlage S. 133
373
Volles Licht des Hofglücks.
Vorlage S. 133
374
Ohne Zweifel hätte die Fürstinn von Ratibor es gerne gesehen, wenn die junge Harfenspielerinn das Zimmer ihrer Gebieterinn auf jene Art hätte verlassen müssen, wie eine ihrer Kunstverwandtinnen in unsern Zeiten, aber entweder war es etwas leichteres vor einer Kaiserinn als vor einer Königinn von Frankreich zu spielen, oder Ida war ihres Instruments mächtig, und der Gegenwart einer Monarchinn gewohnt genug, um weder von dem einen noch dem andern bis zur Ohnmacht angegriffen zu werden, und sie entfernte sich also nebst den andern ruhig mit ihrer gewohnten guten Art.
Vorlage S. 133
375
Was für ein kaltes phlegmatisches Geschöpf ist dieses Mädchen! rief die Ratibor, als sie mit ihrer Fürstinn allein war. Welche andere würde nicht durch so viele Gnadenbezeugungen bis in das Innerste der Seele gerührt worden sein, und diese –
Vorlage S. 134
376
Ich sahe Thränen in ihren Augen; sagte Sophie.
Vorlage S. 134
377
O dann, wenn sie weinen kann! erwiederte die Oberhofmeisterinn.
Vorlage S. 134
378
Ich bitte euch, Ratibor, sprach die Kaiserinn mit ungewöhnlich finsterm Blicke, verbittert mir nicht alles was mir Freude macht!
Vorlage S. 134
379
Eine Aeußerung von dieser Art wär schon hinlänglich gewesen den Haß bey Idas Feindinn auf das höchste zu treiben, aber es stand ihr auf den andern Tag noch ein kleiner Nachtisch für ihren Neid bevor.
Vorlage S. 134
380
Ida ward in Sophiens Schlafzimmer gerufen. Liebe Münsterinn, sagte die gnädige Dame, ihr habt mir in der That gestern eine angenehme Stunde gemacht. Ich vergaß alles über euren hinreißenden Spiel; auch das, dass ich einen Preis aufgesetzt hatte, der ohne Zweifel euch zukommt, und den ich euch noch schuldig bin. Er sei dieses Band, das euch zu meiner nähern Bedienung berechtigt, denn mit Kleinoden, setzte sie lächelnd hinzu, darf man doch bey euch nicht kommen, ihr habt mir schon einmahl etwas dergleichen abgeschlagen.
Vorlage S. 134
381
Ida empfieng kniend das kaiserliche Geschenk, und die Fürstinn von Ratibor bekam Befehl, es ihr anzulegen; es war ein Band von himmelblauen Sammt, welches von der rechten Schulter auf die linke Hüfte in einer großen Schleife gebunden ward, und das nur die ersten Staatsfräuleins der Kaiserinn tragen durften.
Vorlage S. 135
382
Ida war erstaunt, bestürzt von diesem Uebermaas von Gnade, und doch getrauen wir uns zu sagen, dass sie den ganzen Umfang derselben bey weitem nicht so stark fühlte, als die Fürstinn von Ratibor. Das Mädchen war in jenem glücklichen Alter, in welchem uns der Unterschied zwischen Gnadenbändern und Sternen, und zwischen einem leicht geknüpften Band im lockigten Haar, oder einer frischgepflückten Morgenrose, noch nicht so gar groß dünkt, wo wir nichts weiter sehen, als dass beide zur Zierde dienen. – Doch bekam Sophiens Geschenk durch die Hand der geliebten angebeteten Geberinn einen hohen Werth in Idas Augen, und sie dankte mit unverstellter Rührung. Die Fürstinn von Ratibor machte ohngefehr so eine Miene, wie weiland der persische Hofmann, als er dem ebräischen Weisen die Kennzeichen der königlichen Gnade anlegen musste, doch verlor sich am Ende ihr hämischer Blick in jenes bitter süße Lächeln, welches freilich eine so unschuldige Seele wie Idas nicht zu entziffern wusste. – Ida verbeugte sich, nachdem sie ihre Danksagung bey der Kaiserinn abgelegt hatte, mit der ihr eigenen Holdseeligkeit gegen die Fürstinn von Ratibor, und ward von ihr mit einer gnädigen Umarmung beehrt. –
Vorlage S. 135
383
Sie ist doch mit alledem ein reizendes Geschöpf, diese Münsterinn, sprach die Fürstinn zu Sophien, indem sich Ida entfernte, schade, dass sie nur ein Bürgermädchen ist!
Vorlage S. 136
384
Die Blicke aller Fräuleins waren neidisch auf Idas blaues Band gerichtet; ein Ehrenzeichen, welches nur drei oder viere von ihnen zu tragen gewürdigt waren, aber das junge Mädchen bemerkte nichts davon, begegnete ihnen mit ihrer gewöhnlichen Ehrerbietung, ohne über den empfangenen Vorzug einen Stolz zu äußern, und harrte unruhig dem Abend entgegen, an welchem es ihr erlaubt war, ihre Eltern zu besuchen. Sie wollte sich ihnen in ihrem Schmucke zeigen, sie wusste, dass sie, dass wenigstens die Mutter, durch die Ehre, die ihr wiederfuhr, erfreut werden würde.
Vorlage S. 136
385
Sie hatte recht, nur die Mutter war es, welche sich freute. Münster sah trüb und gedankenvoll aus, und wiederholte seine Ermahnungen an das junge Mädchen, behutsam und immer ihren Grundsätzen treu zu sein.
Vorlage S. 137
386
Von dem Tage an, da Ida das erste Gnadenzeichen von ihrer Fürstinn erhielt, schien sich ihr Ansehen fast stündlich zu vermehren, sie hatte öfter die Aufwartung bey Sophien als ihre Gespielinnen, weil sich diese von niemand lieber bedienen ließ, als von ihr. Kein Abend vergieng, da sie nicht mit ihrer Harfe im Kabinet der Kaiserinn erscheinen musste, und alle ihre kleinen Talente wurden hervorgesucht, um ihre Gebieterinn zu unterhalten. Ob Ida darum glücklicher war, lässt sich schwer bestimmen; sie beredete sich, sie sei es, weil man sie zum Glück einer dritten Person für nötig hielt, aber im Grunde vermisste sie wohl bey dem unaufhörlichen Zwange, in welchem sie lebte, die ruhigen Stunden, die sie anfangs auf ihrem einsamen Zimmer zubrachte, und so manchen heitern Abend, da sie ihre Eltern sehen, und sich in ihre ehemahlige Lage zurückträumen konnte; Augenblicke, welche jetzt immer seltner wurden.
Vorlage S. 137
387
Auch fehlte es ihr jetzt, da sie fast beständig um die Monarchinn war, nicht an mancherley andern kleinen Leiden, Sophie war nicht allemahl heiter, sprach nicht allemal liebe Münsterinn, wenn sie mit ihr redete. Spuren von neckender Verläumdung zeigten sich immer, ob sie gleich wenig zu sagen hatten. Bald war Ida an Orten gesehen worden, wo Sophiens Fräuleins nicht hingehen durften, bald hatte sie in der Kirche gelacht, bald unehrerbietig von der oder jener alten Ehrendame gesprochen, oder beym Tanze zu frei mit einem Ritter gescherzt; Anklagen, welche die Unschuld des Mädchens allemal so schnell vernichten konnte, dass sie ihr selten mehr als einige trübe Minuten machten, denn Sophiens Gnade kehrte allemahl nach solchen überstandenen Stürmen mit verdoppeltem Glanze zurück, und die Oberhofmeisterinn lächelte lieblicher als jemahls.
Vorlage S. 137
388
Die Fürstinn von Ratibor hatte gehoft, Ida würde das gewöhnliche Hofglück erfahren, ihr Ansehen würde so schnell und mit so leichten Mitteln zu vernichten sein, als es entstanden war; jetzt, da diese Hofnung getäuscht ward, zählte sie auf noch ein wirksames Mittel ihre Absichten zu erreichen, auf die Erscheinung einer neuen Person. Das Neue pflegt ja immer das Alte zu verdrängen, und Ida genoss schon über einen Monat die Gnade der Kaiserinn.
Vorlage S. 138
389
Die Tochter der Fürstinn von Ratibor, die junge Imago wurde bey Hofe erwartet, sie war im Kloster erzogen worden, man sagte Wunderdinge von ihren Vollkommenheiten, und ihre leichtgläubige Mutter ermangelte nicht, gewaltig in die Posaune zu stoßen, und alles auszubreiten, was die Klosterfrauen von dem jungen Fräulein überschrieben. – Sie triumphirte in den Gedanken die verhaßte Münsterinn bald durch ihren Liebling verdunkelt zu sehen. Fast war ihr der Sieg über ein so gemeines Mädchen zu klein, und sie sann auf Mittel, sich noch mehr Genugthuung für den Verdruss, den sie bisher erlitten hatte, zu verschaffen.
Vorlage S. 138
390
Imago erschien, und da der Eindruck, den sie auf ihre Mutter machte, nicht sonderlich war, so lässt sich errathen, dass sie bey Hofe noch weniger Aufsehen verursachte. Sie ward vorgestellt, ganz gnädig aufgenommen, erhielt das blaue Band, welches Ida nur durch ihre Verdienste erwerben konnte, wegen ihres Standes auf den ersten Anblick, und ob gleich ihr Auge sich nach mehreren auszeichnenden Gnadenbeweisen umzusehen schien, so war doch dieses für diesmahl alles was ihr zu Theil ward. Sie konnte ruhig in die Reihe ihrer nunmehrigen Gespielinnen treten, ohne dass den ganzen Abend wieder nach ihr gefragt wurde. Doch ging des andern Tages bey Hofe die Rede, die junge Prinzeßinn von Ratibor sei recht schön, gewiss recht schön, und auch artig, und überdies, wie es schien, von recht gutem Gemüt; Dinge, die man so oft sagte, und sich sie mit so vielem Eifer versicherte, als ob man vermuthete, es könnten Zweifel dawider gemacht werden.
Vorlage S. 139
391
Die Fürstinn von Ratibor sahe ihre Plane abermahls verunglücken, sie hatte eben nicht willens ihre Imago lange im Dienste der Kaiserinn zu lassen, in welchem sie das Unglück hatte, einer Bürgerinn an die Seite gestellt zu werden; man dachte auf ihre Vermälung. Man erwartete einen jungen italiänischen Prinzen bey Hofe, die Prinzeßinn von Ratibor war nicht hässlich, ihre Eltern waren im Stande sie ganz artig auszustatten, und es ließ sich hoffen, dass man wohl hier durch Hülfe geschickter Mittelspersonen eine Heyrath stiften könnte. Um bis dahin die Zeit nicht müßig zuzubringen, beschäftigte man sich von Seiten der Fürstinn von Ratibor, den Vorrath von Imagos Talenten zu untersuchen, und zu sehen, ob sie etwa von besserm Gehalt wären, als ihre Schönheit. Die junge Dame mochte in der That im Stande gewesen sein, in einem Kloster, mit dem was sie konnte, etwas ausserordentliches vorzustellen, aber in der Welt – taugten alle ihre erworbenen Geschicklichkeiten weniger als nichts, es fand sich so vieles, das ganz hinweggeworfen, so vieles, das erst ein wenig aufgestutzt werden musste, um einiges Aufsehen zu machen, und ach, noch so unendlich mehr, welches ganz fehlte und nun erst nachgeholt werden musste. Das arme kleine Geschöpf ward genöthigt sich der Quaal des mühsamen Lernens, welche sie überstanden zu haben glaubte, von neuem zu unterwerfen, um nur eine erträgliche Figur zu machen. Die wenige Munterkeit, welche sie noch etwa besaß, und die vielleicht, wohl angewendet, hätte liebenswürdig machen können, ging über dieser Anstrengung verloren; sie ward in ihrem Hause mürrisch und ungestüm, bey Hofe eine Träumerinn, und bald kam die gewöhnliche Frucht vergeblicher schmerzhafter Bemühungen nach unerreichbaren Vollkommenheiten, der Neid zum Vorschein, und machte sie, die sonst wohl in ihrer Sphäre hätte gefallen können, zur unerträglichsten aller Kreaturen.
Vorlage S. 140
392
Die Fürstinn von Ratibor bemerkte diese Dinge mit Betrübnis, sie zitterte, wenn man ihre Tochter ansah, zitterte, wenn sie angeredet ward, und suchte alle Gelegenheit zu vermeiden, Imagos ehedem gerühmte Vollkommenheiten wieder ins Andenken zu bringen. Gleich in den ersten Tagen ihrer Erscheinung bey Hofe hatte es die Gelegenheit gegeben, vom Harfenspiel zu reden. Sophie hatte sich erinnert, dass einst die Geschicklichkeit der Prinzeßinn auf diesem Instrumente dem Zauberspiel ihrer Ida an die Seite gesetzt wurde, sie forderte Proben; die jungen Künstlerinnen mussten certiren, und die Sache fiel so sehr zu Imagos Beschämung aus, dass ihre Mutter wünschte geschwiegen zu haben und sich und ihre Tochter nur hinter dem Ausspruch retten konnte, es käm Prinzeßinnen nicht zu, solche Kleinigkeiten mit der Application zu treiben, wie Personen, welche vielleicht Profeßion davon machen wollten.
Vorlage S. 141
393
Ida war betreten, teils über den Wink, der sie zur Tonkünstlerinn von Profeßion machen wollte, welches in den damaligen Zeiten kein kleiner Schimpf war, teils weil sie wider Willen etwas beygetragen hatte, eine junge Person zu demüthigen, welche sie nie beleidigt hatte; man hätte sie in diesem Augenblicke nach ihrer niedergeschlagenen Miene für die Ueberwundene halten sollen, und sie war nicht im Stande, den Beyfall, der ihr zu Theil ward, mit frohen Herzen zu genießen. – Sie war nach der Hand zurückhaltender mit ihren Geschicklichkeiten, und da es der Prinzeßin von Ratibor nie wieder einfiel sich neben sie zu stellen, so lebte man auf einen ganz artigen Fuß mit einander.
Vorlage S. 142
394
Es war zu verwundern; man hätte denken sollen, die vielen fehlgeschlagenen Versuche der Fürstinn von Ratibor die junge Münsterinn zu verdunkeln, mussten nach dem Charakter, der ihr eigen war, den bittersten Haß gegen Ida nach sich gezogen haben aber es ereignete sich das Gegentheil. Sie schien ihr gewogen zu werden, sie gestattete ihrer Tochter mit ihr zu sprechen, lud sie zuweilen in ihren Pallast ein, und trat endlich mit dem Antrage hervor, Imagos Lehrmeisterinn in der Tonkunst zu werden; ein Zumuthen, welches Ida mit soviel Herzlichkeit annahm, als sie ein ihr vorläufig angebotnes sehr kostbares Geschenk für diese Bemühung ausschlug und alle künftige Erbietungen von dieser Art verbat.
Vorlage S. 142
395
Ida war also, so oft es die Aufwartung bey Hofe erlaubte, in dem Hause der Fürstinn von Ratibor, – sie suchte Imagos Talente auszubilden, künstelte zuweilen an ihrem verschobenen Charakter, suchte Gefühle in ihr zu erwecken, welche ihrem Stande angemessen waren – aber – nicht aus jedem Holze lässt sich ein Götterbild schnützen. – Imago blieb was sie war, und gab Ida zu verstehen, dass sie sie lieber unter dem Namen der Freundinn als der Lehrerinn um sich dulden möchte.
Vorlage S. 143
396
Die jungen Mädchen wurden vertraut, es gab Stunden, wo man den Unterscheid des Stands ganz zu vergessen schien; sie spazierten, sie spielten, sie badeten mit einander und zuweilen geschahe es, dass sie sogar auf einem Lager ruhten. Die alte Münsterinn freute sich dieser Ehre, wenn Ida bey ihren Besuchen ihr zuweilen davon erzählte, aber ihr Mann schüttelte den Kopf und erzählte die Fabel von der irdenen und ehernen Schale, welche er einmahl von einem Mönche gelernt hatte; – Vertraulichkeiten von dieser Art, sagte er, haben ihre eigenen Folgen, man entdeckt sich einander zu treuherzig, und hat oft in der Folge Ursach es zu bereuen. Es sollte mich wundern, wenn die Prinzeßinn noch nie Versuche gemacht hätte, deine kleinen Geheimnisse auszuspähen. –
Vorlage S. 143
397
Geheimnisse mein Vater? rief die lächelnde Ida, ich habe keine!
Vorlage S. 144
398
Münster drohte mit dem Finger, und nannte den Namen Herrmann.
Vorlage S. 144
399
Es ist wahr, erwiederte Ida mit Erröthen, Imago hat etliche mahl mit mir über diesen Namen gescherzt, ich muss ihn im Traum genannt haben, denn wachend erwähne ich ihn nie.
Vorlage S. 144
400
Ich wollte du thätst es auch nicht im Traum, sprach Münster, der sich nicht enthalten konnte über die unschuldige Antwort des Mädchens zu lachen.
Vorlage S. 144
401
Und dann, fuhr Ida fort, jetzt fällt mir noch etwas ein, welches die Prinzeßinn that, und das mir nicht ganz lieb war. Ihr wisst doch das kostbare Geschenk meiner Kaiserinn, ihre Locke; ich habe sie, seit ich bey Hofe bin, nicht öffentlich getragen; ein solcher Schmuck würde mir ein prahlerisches Ansehen gegeben haben, aber mich gänzlich von diesem lieben Kleinod zu trennen war unmöglich, es kommt nie aus meinem Busen, wird nie abgelegt als wenn ich bade. Bey einer solchen Gelegenheit sahe es die Prinzeßinn, und hatte mir es, ich weis nicht aus welcher Neckerey, heimlich entwendet. – Ich leugne nicht, es entstand ein kleiner Streit unter uns, sie wollte mir es nicht gestehen, bis ich die goldne Schnur an ihrem Halse sah, und damit die Locke aus ihrem Busen hervorzog, noch hielt sie sie scherzend fest, und wollte mir sie nicht ehe überlassen, bis ich ihr die Geschichte, wie ich zu diesem Geschenk kam, umständlich erzählt hatte; sie schien schon von dem ganzen Vorgang durch ihre Mutter unterrichtet zu sein, welche, wie ihr wisst, bey dieser Gelegenheit gegenwärtig war, und drang nur in mich zu wissen, was ich mit diesem seltsamen Schmuck mache; ich lachte und machte einen Scherz daraus. Ich glaube, sagte ich, die Kaiserinn wird mich immer lieben, so lange ich einen Theil von ihrem Selbst auf meinem Herzen trage.
Vorlage S. 144
402
Das war eine sehr wunderliche Rede, sprach Münster mit Kopfschütteln, und ich bitte dich nochmals, mein Kind, sei behutsam, und hüte dich für allzugroßer Vertraulichkeit mit Personen, welche es, wie ich gewiss glaube, im Grunde böse mit dir meynen.
Vorlage S. 145
403
Sechszehntes Kapitel.
Vorlage S. 146
404
Ein seltsames Gnadenschreiben.
Vorlage S. 146
405
Der junge Prinz, auf den man für die Prinzeßinn von Ratibor die Augen geworfen hatte, erschien. Es war ein reicher Herr von den größten Hoffnungen aus dem Hause Viskonti. Vorläufige Unterhandlungen waren schon getroffen, man hatte ihm von Imagos Schönheit mit den gewöhnlichen Vergrösserungen gesprochen, er brannte vor Verlangen sie zu sehen, er ward ihr vorgestellt, und wahrscheinlich machte er einen größern Eindruck auf sie, als sie auf ihn, denn – er sah sie an Idas Seite. Welches Mädchen hätte neben dieser auf Eroberungen Anspruch machen können! und was hatte die Prinzeßinn von Ratibor, sie, die den meisten andern Schönheiten nachstehen muste, was hatte sie denn zu erwarten. Er wandte kein Auge von Ida, und selbst nachdem man ihm von dem geringen Stande derjenigen, welche seine Aufmerksamkeit zu reizen schien, Nachricht gegeben hatte, welches unvorzüglich geschah, selbst dann konnte er sich noch nicht überwinden, seiner bestimmten Braut etwas mehr als etliche Seitenblicke zu gönnen, indessen er fortfuhr, sich in Idas Anschauen zu vertiefen, welche hiedurch so aus aller Fassung gebracht wurde, dass sie sich entfernen musste.
Vorlage S. 146
406
Ida ward nicht mehr in den Pallast der Fürstinn von Ratibor gefordert, und Imago schien, wenn sie sie bey Hofe traf, ihre alte Freundinn nicht mehr zu kennen. Der Prinz besuchte den Pallast der Fürstinn von Ratibor oft, ohne diejenige wieder zu finden, welche er eigentlich daselbst suchte, er sah Ida bey Hofe, und brauchte eben so wenig Vorsicht die Bewunderung, mit welcher er sie betrachtete, zu verbergen, als bey ihrem ersten Anblick. Man sagte ihm zu wiederholten mahlen, dies bewunderte Mädchen nenne sich Ida Münsterinn, aber der Name schien nicht die Würkung zu haben, die man erwartete; er fuhr fort zu schauen, und Gelegenheit zu suchen diese außerordentliche Person auch zum Sprechen zu bringen. Das letzte mislang. Ida floh ihn auf alle mögliche Art, weil sie seine Liebe merkte, die Anträge eines Prinzen nicht anhören, ihre Freundinn nicht ausstechen, und Herrmann nicht vergessen mochte. – Der junge Italiäner hielt sich nur so lange zu Prag auf, als er Zeit brauchte, sich zu überzeugen, dass er nichts von derjenigen, die er liebte, zu hoffen hatte. Er vergas in der Eil von der Prinzeßinn von Ratibor Abschied zu nehmen, und hatte überhaupt während seinen ganzen Aufenthalt an Wenzels Hofe, nicht ein Wort von der Ehre gedacht, welche man ihn daselbst zutheilen wollte.
Vorlage S. 147
407
So war denn die gute Imago sammt ihrer ehrgeizigen Mutter abermahl getäuscht. Man war so weit gegangen unter der Hand schon die Glückwünsche des Hofs zu der bevorstehenden Vermählung anzunehmen, und die Beschämung, zurück gesetzt zu sein, war also nicht gering.
Vorlage S. 148
408
Alle Schuld der fehlgeschlagenen Hoffnung ward auf die unschuldige Ida geschoben, welche weiter nichts verbrochen hatte, als das sie schöner war als Imago, als die meisten ihrer Gespielinnen. Die Oberhofmeisterinn und ihre Tochter vermochten die Wuth, die in ihren Herzen kochte, fast nicht mehr zu bergen, und Ida würde schreckliche Dinge geahndet haben, wenn ein Verdacht in ihr unbefangnes trugloses Herz hätte kommen können.
Vorlage S. 148
409
Ihre sogenannten Eltern dachten in diesem Stücke anders. Beide hielten es nicht für gut das junge Mädchen furchtsam zu machen, aber ihr gefahrvoller Stand war oft bis tief in die Nacht der Gegenstand ihrer ängstlichen Berathschlagungen, und jedes beschloss in der Stille seine Maasregeln zu nehmen, damit das Leben und die Ehre derjenigen, welche ihnen so theuer war, auf alle Art sicher gestellt würde.
Vorlage S. 148
410
Die alte Münsterinn war in diesem Stück noch weit ängstlicher und sorgsamer als ihr Mann. Der Fürst von Ratibor und sein ganzes hohes Haus war bey ihr in sehr schlechtem Kredit, sie wusste hundert Geschichten zu erzählen, von welchen immer eine schrecklicher als die andere war, und welche alle bewiesen, dass diejenigen, welche das Unglück hatten, ihm oder den seinigen zu missfallen, sich aus der Welt verloren, ohne dass man genau zu sagen wusste, wohin sie gekommen waren; wie leicht war es, dass die unglückliche Ida auf ähnliche Art verloren ging, und welche Sicherheit konnte der besorgten Matrone, die den Mutternamen bey dem jungen Mädchen führte, wohl gross genug sein, ihr Leben zu schützen.
Vorlage S. 149
411
Es ist zu glauben, dass alle die Dinge, mit welchen sich die alte Münsterinn quälte, in die Reihe der Gespenstermärchen gehörten, welche zu den damahligen Zeiten sehr Mode waren, aber leider haben erdichtete Schreckbilder einen eben so großen Einfluss auf schwache Gemüter als Wahrheiten, und sie haben vor den letzten noch das zum Voraus, dass man um ihnen zu entfliehen meistens Mittel wählt, die so seltsam ersonnen sind, dass sie uns würklichem Unglück entgegen führen.
Vorlage S. 149
412
Und die Besorgnisse im münsterschen Hause zu vermehren, entstand das Gerücht, welches bald darauf von Idas Mund bestätigt wurde, dass die Reise des Kaisers nach Westphalen, von welcher so lang gesprochen worden war, in wenig Wochen vor sich gehen, und dass also Ida, wenn sie dem Hofe folgte, bald ganz hülflos der Bosheit ihrer Feinde überlassen sein würde.
Vorlage S. 149
413
Münsters erster Gedanke auf diese Nachricht war seine so genannte Tochter wieder in sein Haus zu nehmen; seine Frau stimmte diesmahl aus vollem Herzen ein, und Ida, welche nie einen andern Willen hatte, als diejenigen, welche sie ihre Eltern nannte, widersprach nicht.
Vorlage S. 150
414
Der Antrag ward getan. Aber die Kaiserinn hatte sich so an ihre reizende Gesellschafterinn gewöhnt, dass an keine Trennung zu denken war, und dass die Bitte des alten Münsters, die er in Person vortrug, abgeschlagen ward. Ich danke euch, guter Alter, sprach Sophie mit ihrer gewöhnlichen Herablassung, ich danke euch, dass ihr mir eure Tochter so lang gönntet, aber wollt ihr sie jetzt von mir nehmen, so ist das vergangene kaum dankenswerth, den es nahen sich mir jetzt Stunden, in welchen ich die liebreiche Wartung, und die heitere Unterhaltung des guten Mädchens doppelt nötig habe, sie muss mir die Geister des Unmuths hinwegschwatzen und spielen; oder gönnt ihr ihr nicht die Ehre, eurem künftigen Herrn die ersten Wiegenlieder zu singen?
Vorlage S. 150
415
Dieses hies den alten Münster auf seiner schwachen Seite angreifen. Es verstand sich, dass an Idas Rückkehr in sein Haus nicht mehr gedacht wurde, da aber nichts im Stande war seine Besorgniß um sie, wenn er nicht täglich von ihr hören konnte, zu heben, so fasste er einen Entschluss, den wir in der Folge sehen werden; seine Frau fasste in der Stille auch den ihrigen, setzte ihre noch übrigen hundert und funfzig goldne Schilde daran ihn auszuführen, und ging dabei mit ihrer gewöhnlichen Voreiligkeit zu Werke.
Vorlage S. 151
416
Der Tag der Abreise nahte heran, aber es ereigneten sich Umstände, welche weder die Geschichte noch die Sage 3 deutlich benennt, die Wenzeln nöthigten, noch einige Zeit in Prag zurück zu bleiben, und seine Gemahlinn nebst ihrer Hofstatt allein abgehen zu lassen.
Vorlage S. 151
417
Der ganze Hof war zur Abschiedsaudienz im Vorgemach des Kaisers versammelt, als sich eine Sache zutrug, welche jedermann, und diejenige, welche sie unmittelbar betraf, in das größte Erstaunen setzte. Schon hatte Wenzel mit den Vornehmsten von Sophiens Hofstatt gesprochen, und der geringere Theil derselben sollte wie gewöhnlich auf allgemeine Art entlassen werden, als Ida aus dem Haufen ihrer jungen Gespielinnen hervorgerufen und bedeutet wurde von den Kaiser zu treten.
Vorlage S. 151
418
Seid ihr Ida Münsterinn? fragte er.
Vorlage S. 152
419
Das Mädchen antwortete mit einer bejahenden Verbeugung.
Vorlage S. 152
420
Ein Wink des Kaisers befahl einem hinter ihm stehenden Geheimschreiber, ihr ein grosses Pergament mit dem kaiserlichen Siegel zu überreichen.
Vorlage S. 152
421
Ida ward bestürzt.
Vorlage S. 152
422
Ihr könnt dieses Geschenk, sagte Wenzel, nicht so außerordentlich finden, als es mir selbst vorkommt, aber man hat es für gut gefunden es für euch bey mir zu suchen, und ich bin ein zu liebreicher Vater meiner Unterthanen, um auch dem geringsten von ihnen eine mögliche Bitte zu versagen. Geht, und seid meiner kaiserlichen Gnade versichert.
Vorlage S. 152
423
Ida trat voll Verwirrung zurück. Jedermann drängte sich um sie, jeder wollte den Inhalt dieses räthselhaften Blattes wissen, aber sie eilte zu der Kaiserinn es ihr zu überreichen, welche es einem Kammerherrn gab, der es zu allgemeinem Erstaunen folgendermaßen vorlas:
Vorlage S. 152
424
»Wir Wenzeslaus etc. nehmen dich Ida Münsterinn in unsern kaiserlichen Schutz, so dass wir dein Leben und deine Ehre von der Hand dessen fordern, auf welchen der kleinste Schein des Verdachts beruht, sie angetastet zu haben, auch begnadigen wir dich mit dem Vorrechte, dass keiner über dein Leben und Tod zu sprechen habe, als wir, auch keiner dich wegen irgend einer Anschuldigung belangen könne, als vor unsern unmittelbaren Gericht, oder vor denen welche unter Königsbann an unserer Stelle sitzen. etc.«
Vorlage S. 152
425
Wer verkennt hier wohl die Hand der gutherzigen, der voreiligen Münsterinn, sie hatte nichts unterlassen wollen, die geliebte Ida sicher zu stellen, und hatte also für das beste gehalten, ihr den unmittelbaren kaiserlichen Schutz zu erkaufen. Wenzel, welcher immer bereit war das zu tun was man auf diese Art von ihm bat, hatte – (vielleicht im halben Rausche) eine Schrift ausfertigen lassen, welche jedermann ein Räthsel sein musste, und die im Grunde derjenigen, welcher sie zum Besten gereichen sollte, mehr Nachteil als Nutzen brachte.
Vorlage S. 153
426
Jedermann sahe sich nach Verlesung dieses Schreibens mit verwunderungsvollen Augen an, einige verächtliche Seitenblicke fielen auf Ida, und alle kamen darinn überein, es müste eine ausserordentliche Bewandnis mit diesem Mädchen haben. Ordentlicher Weise brauche die Unschuld keinen andern Schutz als sich selbst; so viel man wisse, habe noch niemand es sich einfallen lassen, verdächtige Anschläge auf Ida zu machen, oder sie vor irgend einem Gericht zu belangen, dieses müsse vorborgene Bewandnisse haben, und was der seltsamen Reden mehr waren.
Vorlage S. 153
427
Ida stand voll Bestürzung da, sie fühlte, dass diese seltsame Begebenheit einen verdächtigen Schein auf sie warf, ungeachtet sie von allen dem, was darüber gesprochen wurde, nichts vernahm, sie nahte sich der Kaiserinn, und bat um Erlaubnis, dieses ausserordentliche Gnadenschreiben dem Monarchen in Demuth zurückgeben zu dürfen. Ich fordere, sagte sie, keine andere Sicherheit als die ein jeder in dem Schutz eines guten Fürsten findet, keine andern Vorrechte als die mir die Gnade meiner Kaiserinn gewährt.
Vorlage S. 154
428
Nein, nein, rief Sophie, die die ganze Sache aus einem andern Gesichtspunkte ansah als die andern, mit einem kleinen Lachen, nein, nein Ida, dieses Schreiben will ich zu deinem Besten verwahren; und wenn es weiter keinen Nutzen hat, so wird es einst deinen Enkeln sagen, dass du ein würdiger Gegenstand der besondern Vorsorge deines Fürsten warest.
Vorlage S. 154
429
Diese Begebenheit ward ein Gegenstand des allgemeinen Gesprächs, sie kam vor Münsters Ohren, ehe Ida noch Gelegenheit hatte, ihn selbst davon zu benachrichtigen. Er errieth den Ursprung derselben ohne Mühe, und hielt mit seiner Frau ein sehr ernsthaftes Gespräch über die seltsamen Dinge, die sie die Neigung für ihren Liebling begehen machte. Die Münsterinn betheuerte, dass sie nichts bey dem Kaiser gesucht habe, als sein besonderes Ansehen auf Idas Bestes, ohne eben darüber eine schriftliche Ausfertigung, ein Schreiben in Gestalt eines eisernen Briefs zu fordern. – Münster, welcher seine Frau selten auf einer Lügen ertappt hatte, glaubte ihr, und das Ganze musste also einer von den Streichen sein, wie Wenzel sie zuweilen im Rausche beging, wenn man es nicht lieber einen sonderbaren Zug des Schicksals nennen will, eine von ihm ausgezeichnete Person außerordentlichen Begebenheiten entgegen zu führen.
Vorlage S. 154
430
Siebzehntes Kapitel.
Vorlage S. 155
431
Ein fürchterliches Ungewitter.
Vorlage S. 155
432
Ida letzte sich mit ihren Eltern. Die Mutter schwamm in Thränen, aber der Vater war getrost, und sprach von baldigem Wiedersehen.
Vorlage S. 155
433
Der Abschied war auf allen Seiten vorbei, die Reise ward angetreten, aber, verzeihet meine Leser, wenn ich von dieser Gegend meiner Geschichte bis auf einen gewissen Zeitpunkt, so wohl was Zeit als was den Ort betrift, unbestimmt reden muss, die Mängel meiner Urkunden sind Ursach an meiner Ungewissheit.
Vorlage S. 155
434
Die Kaiserinn hatte den Ort, an welchen für diesmahl ihre Reise gieng, in einer Zeit erreicht, die ich nicht nahmhaft zu machen weis, sie sah ihrer Niederkunft täglich entgegen. Den Kaiser hielt Krankheit oder etwas anders ab, nicht so wie ihm zukam, bey dieser großen Begebenheit gegenwärtig zu sein, doch hatte er Sorge getragen, alles zu bestimmen wie es in seiner Abwesenheit bey der Erscheinung des jungen Thronerben sollte gehalten werden. Die Böhmen murrten, dass man durch eine unzeitige Reise sie um das Glück gebracht hatte, ihren künftigen Beherrscher in seinem Lande zum erstenmahl weinen zu hören; um sie zu trösten, ward ein engerer Ausschuß ihrer Vornehmsten ausgesandt, ihrer Monarchinn beym Wochenbette aufzuwarten, und als Zeugen bey Aufnahme des jungen Herrleins (ein Prinz musste erscheinen) in den Schooß der Christenheit gegenwärtig zu sein. Von Fürsten und Herren war zu dieser feyerlichen Handlung niemand erbeten, als der Herzog von Bayern, der Vater der erhabenen Kindbetterinn, und der Graf von Würtemberg, ihr Pathe.
Vorlage S. 156
435
Sie so wohl als die treuen Böhmen erschienen zu rechter Zeit, und es fehlte niemand mehr zu Feyerung des großen Festes, als – die Hauptperson, er, um dessen willen alle zugegen waren, Kaiser Wenzels künftiger Erbe. –
Vorlage S. 156
436
Der gewünschte Tag verzog sich von einer Zeit zur andern, die Kaiserinn war kränklich, ihre Schwäche verwandelte sich in Krankheit, in gefährliche Krankheit, sie war dem Tode nahe, das ganze Land schrie um ihre Rettung zum Himmel, und – endlich erschien eine todte Prinzeßinn!
Vorlage S. 157
437
Ich weiß nicht, ob es in den damaligen Zeiten etwas unerhörtes war, auf diese Art in seinen liebsten Hoffnungen getäuscht zu werden, oder ob wenigstens Fürsten dieses niemals wiederfuhr; genug, diese traurige Begebenheit verbreitete ein solches Schrecken über alle, welche nah und fern davon hörten, als wenn nie zuvor auf diesem Erdenrund etwas ähnliches geschehen wär. Die Personen, welche hieran Anteil nahmen, und wer nahm nicht an allem Anteil, was die geliebte Sophie betraf, theilten sich in zween Haufen, davon der eine sich mit den Vorzeichen, der andere mit den Ursachen dieser großen Begebenheit beschäftigte, indessen nur wenige an das wichtigste, an die Folgen derselben dachten.
Vorlage S. 157
438
Die Lehre von den Vorzeichen war damahls einer der wichtigsten Glaubensartikel, und ich hätte niemand rathen wollen, denen zu widersprechen, welche alle, seit zehn Jahren erschienene Kometen, Himmelszeichen, und gewöhnliche Naturprodukte, auf Sophiens todtgeborne Prinzeßinn deuteten. Diejenigen, welche sich bestrebten die Ursach von der fehlgeschlagenen Hoffnung eines ganzen Volks zu ergründen, verstanden noch weniger Scherz als ihre Gesellen von der ersten Ordnung, und es würde bey ihnen Hochverrath gewesen sein, wenn man hätte muthmaßen wollen, dass die unzeitige Reise, oder die unwissenden Aerzte der hohen Kindbetterinn, hier wohl einigen Einfluss haben möchten, oder dass das letzte Aergerniß der Kaiserinn könne geschadet haben, als sie durch dienstfertige Briefe aus Prag erfuhr, dass die Susanne, von welcher man ihr beredet hatte, sie sei gänzlich abgethan, wieder erschienen sei, ihren Platz an Wenzels Seite öffentlich behaupte, in den kaiserlichen Zimmern als in den ihrigen hause, und keine geringen Hoffnungen auf Sophiens Tod baue, welcher bey ihrer Niederkunft wohl erfolgen könne.
Vorlage S. 157
439
Dinge von dieser Art waren nichts in den Augen unserer Klügler, ihre Nachforschungen gingen weiter. Zauberey, Zauberey war es, was das Land um seine Hoffnungen gebracht hatte, hier musste der Arm der Gerechtigkeit schleunig Einhalt tun, dass das Uebel nicht weiter ging, und sich vielleicht gar an Sophiens geheiligter Person vergriffe, welche immer noch zwischen Tod und Leben schwebte. Das ganze Frauenzimmer der Kaiserinn ward eingezogen, selbst die Fürstinn von Ratibor nicht ausgenommen, nur Ida blieb in dem ruhigen Besitz ihres Zimmers, und hatte über nichts zu klagen, als dass man ihr nicht verstattete ihre geliebte Gebieterinn in ihrer Schwachheit zu warten, welche ihren Namen alle Stunden nannte, und behauptete, sie könnte ohne ihre Ida weder leben noch sterben.
Vorlage S. 158
440
Die Untersuchung ging schnell und streng vor sich. Der Herzog von Bayern und der Graf von Würtemberg, die Vorsitzer des Gerichts, waren der erhabnen Leidenden viel zu sehr ergeben, waren viel zu gute Christen, als dass sie da mit Schonung hätten verfahren sollen, wo man Zauberey ahndete. Doch, so streng auch die Untersuchung sein mochte, so wurden doch alle beschuldigte Damen auf das erste Verhör losgesprochen, und selbst die Fürstinn von Ratibor bekam nicht den kleinsten Verweis, dass sie so schlecht für das Wohl ihrer Kaiserinn gewacht hatte, ihr einen Brief mit den obengemeldeten in die Hände kommen zu lassen; man wusste von diesem Briefe, wusste, dass Sophie nach Lesung desselben ohnmächtig geworden, mit Konvulsionen und heftigem Frost zu sich selbst gekommen, und von da an, bis zu dem Augenblick ihrer Niederkunft, bis auf den gegenwärtigen Augenblick dem Tode nahe gewesen war, aber mein Gott, davon war ja die Rede nicht. Die Untersuchung ging auf übernatürliche Künste, welche Sophien und ihr Kind ums Leben gebracht haben sollen, und hievon fanden sich bey dem unschuldigen Frauenzimmer nicht die kleinsten Spuren.
Vorlage S. 159
441
Ida beklagte ihre unglücklichen Mitschwestern, auch nur in den entferntesten Verdacht solcher Dinge, an welche sie mit allen ihren Zeitverwandten von ganzem Herzen glaubte, gekommen zu sein; sie meynte, sie hätte einen solchen Verdacht nicht überleben können. Sie prieß sich glücklich allein ausgenommen worden zu sein, und hofte, da sie hörte, dass die Fürstinn von Ratibor und die andern wieder los seien, und bey der Kaiserin die Aufwartung gehabt hätten, auch sie würde nun die geliebte Sophie wieder zu sehen bekommen.
Vorlage S. 160
442
Sie hatte sich eines Morgens völlig ankleiden lassen, um, wenn sie nach Hofe berufen würde, fertig zu sein, als ihr Mädchen mit einem Gesicht herein trat, welches der lebendige Abdruck des Entsetzens und der Verzweiflung war, sie trug einen Zettel in der Hand, den sie ihrer Gebieterinn schien überreichen zu wollen, aber ehe sie sich ihr nähern konnte, sank sie ohnmächtig zu Boden. Ida sprang zu, ihr zu helfen, allein als sie ihren Namen auf dem auf der Erde liegenden Zettel erblickte, so überwand die Neugier das Mitleid, und sie las folgendes; doch nein sie las nicht zu Ende, schon bey der zweiten Zeile vergiengen ihr die Gedanken, und sie sank an der Seite ihrer Dienerinn nieder.
Vorlage S. 160
443
Urteile, lieber Leser, ob sie Ursach hatte sich zu entsetzen.
Vorlage S. 161
444
»An Ida Münsterinn.
Vorlage S. 161
445
Ida! Ida! Zauberinn! Mörderinn! Hochverrätherinn! erscheine! Wir die heimlichen Rächer Gottes, laden dich, binnen drei Tagen vor Gottes Gericht! – Erscheine! erscheine!«
Vorlage S. 161
446
Was ist das? rief Ida, als sie auf die Bemühung ihrer andern Dienerinnen, welche herzugelaufen waren, sich wieder erholte. Habe ich recht gesehen? reicht mir das Blatt noch einmal. – Sie überlas die schrecklichen Zeilen von neuem, ließ die Hände sinken, und lehnte sich todtenbleich an ihren Stuhl zurück. –
Vorlage S. 161
447
Indessen erzählten die Mägde, wie sie das Pergament diesen Morgen an der großen Pforte, welche zu den Zimmern ihrer Gebieterinn führte, angeheftet gefunden, wie sie aber, weil sie es nicht lesen können, es nicht geachtet hätten, bis das herzulaufende Volk sie von dem Inhalte benachrichtigt, und ihnen unter Bedrohung geboten, es abzunehmen, und es ihrer Gebieterinn zu bringen.
Vorlage S. 161
448
Ida hörte fast leblos vor Entsetzen zu, ohne genau zu wissen was sie hörte. Wär sie mehr bey sich selbst gewesen, sie würde in dem Ton, in den Blicken der Erzählerinnen, einen Unwillen, eine Verachtung gelesen haben, der ihr bey denen, welche sie umgaben, und von welchen sie durchgängig angebetet wurde, etwas ganz neues sein musste.
Vorlage S. 162
449
Gott! was habe ich getan? und was soll ich tun? schrie Ida mit gerungenen Händen!
Vorlage S. 162
450
Was ihr getan habt, mögt ihr am besten wissen, sprachen die Weiber, und was ihr tun sollt, darin können wir euch nicht rathen; wir müssen euch verlassen, damit nicht auch uns die Rache Gottes verfolge!
Vorlage S. 162
451
Willst du auch von mir gehen? fragte Ida das Mädchen, welche ihr den Zettel zuerst überreicht hatte, und die jetzt vor ihr auf den Knien lag und ihren Schoos mit Thränen netzte.
Vorlage S. 162
452
Sagt mir, was ich für euch tun kann, erwiederte sie, und ich will nicht gehen.
Vorlage S. 162
453
Eile zu der Fürstinn von Ratibor, sprach Ida, und sage ihr – sage ihr nur – ich weis nicht! – Genug du wirst ihr schon alles alles, meine ganze Lage entdecken, sie soll mir Rath geben! Gott weis, wie ich zu diesem Unglück komme!
Vorlage S. 162
454
Das Mädchen ging und kehrte in kurzer Zeit zu der ängstlich harrenden Ida mit der Antwort zurück, die Fürstin lasse ihr versichern, dass sie sie nicht kenne.
Vorlage S. 163
455
Die Gesandtschaft ward an einige andere Damen der Kaiserinn eben so vergeblich abgefertigt. Ida erinnerte sich an den Herzog von Bayern, und an den Grafen von Würtemberg, welche ihr immer mit auszeichnender Achtung begegnet hatten. Sie sandte zu ihnen und erhielt die Antwort, sie möge Trost bey Gott suchen, wenn ihr Gewissen rein sei, und was den Rath anbeträfe, so wär der einige, den man ihr geben könne, dass sie sich ja nicht weigere, auf die erhaltene Ladung zu erscheinen, weil ihr Leben doch auf alle Fälle verwirkt sei.
Vorlage S. 163
Max Liebermann – Garten des Waisenhauses in Amsterdam. Vergleichsbild zu Garten, Alltag und Gemeinschaft; keine Buchillustration.
Kontextbild zum Werk. Garten eines Amsterdamer Waisenhauses · Max Liebermann · Public domain Bildquelle ↗
456
Erscheinen? rief Ida, wo soll ich erscheinen? Hast du nicht gefragt, wo der Ort des heimlichen Gerichts ist?
Vorlage S. 163
457
Die Dienerinn schwieg.
Vorlage S. 163
458
Mein Leben verwirkt! schrie die Unglückliche nach einem langen schrecklichen Stillschweigen. – Gott was habe ich denn getan? ich bin ja unschuldig! – Gott gebe, dass ihr es seid! schluchzte das Mädchen.
Vorlage S. 163
459
Ja bey Gott das bin ich! rief Ida und sank auf die Knie, ich schwöre es bey dem der ewig lebt!
Vorlage S. 164
460
Sie lag lang mit verhülltem Gesicht auf ihren Knien und schien zu beten, endlich rafte sie sich auf. – Was sagte der Graf von Würtemberg? rief sie, ich sollte Trost bey Gott suchen? O Gott hat mich schon getröstet, und er wird mich noch mehr trösten, trösten durch den Mund seines Dieners. Gieb mir meinen Schleyer, ich will in die Kirche, ich will beichten. Der ehrwürdige Pater Johann wird mir sagen, was ich tun soll.
Vorlage S. 164
461
Wollt ihr es wagen? fragte das Mädchen. Das Volk ist aufgebracht wider euch, es könnte euch ein Unglück – Gieb mir den Schleyer, rief Ida, ich wage alles, ich habe nichts auf der Welt zu verlieren. – Es ist wohl nicht nötig euch zu begleiten? fragte die Dirne – Thue was dich recht dünkt, erwiederte Ida. –
Vorlage S. 164
462
Ida trat ihren Weg an, ohne sich umzusehen; sie hüllte sich dicht in ihren Schleyer, um nicht erkannt zu werden. Hier und da tönte ihr ihr Name mit Verwünschungen begleitet in die Ohren. Das Volk schien mehr von ihren Beschuldigungen zu wissen, als sie selbst. Die Namen Zauberinn, Mörderinn, Hochverrätherinn, schwebten ihr bisher ohne weitern Zusammenhang vor, jetzt erst erfuhr sie aus einigen abgerissenen Reden der vor ihr übergehenden, dass sie die Unthaten, die man ihr Schuld gab, an ihrer besten Freundinn, an der angebeteten Sophie, sollte verübt haben. Es fehlte unterschiedliche mahl wenig, dass sie nicht zu Boden sank, sie wankte und musste sich an den Mauern fest halten.
Vorlage S. 164
463
Endlich kam sie in die Kirche, wo sie bey ihrem einigen noch übrigen Freunde, ihrem Beichtvater, Rath und Trost holen wollte. Es war schon weit gegen den Abend, sie ging durch die dämmernden Hallen des Gewölbes, setzte sich in eine dunkle Nische, und erwartete den ehrwürdigen Pater Johann, von welchem die Geschichte nicht sagt, ob er der berühmte Beichtiger Sophiens, der heilige Johannes Nepomucenus, der noch jetzt in allen Landen wegen seiner schweigenden Zunge, hoch belobt ist, gewesen sein mag. So viel ist gewiss, dass Sankt Nepomuk sich schwerlich in jener großen Prüfung stiller verhalten konnte, als dieser bey der Herzenserleichterung dieser bedrängten Sünderinn, oder vielmehr, dieser unschuldigen Heiligen.
Vorlage S. 165
464
Ida hatte ihr ganzes Herz vor ihm ausgeschüttet, hatte vor ihm geweint, geseufzt, um Rath gefleht, und noch schwieg er. – Die Trostlose flehte nur um ein Wort aus seinem heiligen Munde. – Geht hin, sagte er nach einer langen Pause, reiniget euch von eurer Missethat, und dann will ich euch von euren Sünden lossprechen.
Vorlage S. 165
465
Aber was soll ich tun? Ich bin vor Gericht gefordert, ich weis nicht von wem! Ich soll mich stellen, ich weis nicht wo? was soll ich tun?
Vorlage S. 166
466
Erscheinen!
Vorlage S. 166
467
Und wer werden meine Richter sein?
Vorlage S. 166
468
Die furchtbaren Unbekannten, die im Verborgenen richten!
Vorlage S. 166
469
Und wo ist ihr Gerichtsstuhl?
Vorlage S. 166
470
Ueberall und nirgends!
Vorlage S. 166
471
Ida badete sich in Thränen, sie vermochte an den Mann mit dem eisernen Herzen keine Frage mehr zu tun. – Er stand auf, sich zu entfernen. – Erbarmet euch! erbarmet euch! rief das Mädchen, indem sie sein Gewand fest hielt. Es ist Nacht, verschaffet mir Zuflucht in diesem Kloster, oder gebt mir einen Begleiter zu, der mich sicher nach Hause bringe.
Vorlage S. 166
472
Die heiligen Frauen werden euch nicht aufnehmen, und niemand wird euch begleiten wollen.
Vorlage S. 166
473
Die Unglückliche verhüllte ihr Gesicht in ihren Schleyer, und fieng von neuem an zu weinen; als sie sich wieder umsah, war sie allein. Die große Ampel war in der Höhe des Kirchengewölbes aufgehangen und verbreitete ein sparsames Licht. Sie stand auf, wankte durch die düstern Hallen, wallte durch die dunkeln Gassen der Stadt, und kam endlich an ihrer Wohnung an. Sie weinte nicht mehr, eine Art von Härte, von dumpfer Fühllosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt. Sie rief ihren Mädchen, die Kerzen anzuzünden, niemand antwortete. Sie ging hinaus in die Vorsäle, in die Kammern ihrer Dienerinnen, alles war leer. – So bin ich denn ganz ganz verlassen? schrie sie und kehrte mit gerungenen Händen auf ihr Zimmer zurück. – Gott, womit habe ich das verdient! ist denn Beschuldigung soviel als erwiesenes Verbrechen? – Sollte ich vielleicht wirklich schuldig sein? – Man sagt ja, es sei möglich ohne sein Wissen zu sündigen. – Ja ja! es ist so, ich bin eine Verbrecherinn, denn jedermann hält mich dafür, und der heilige Vater Johann hat mir die Absolution versagt.
Vorlage S. 166
474
Ida war in jenem schrecklichen Zustande, der nur einen Schritt von Verwirrung und Verzweiflung entfernt ist; da erhob sich ein Geräusch in ihrem Vorgemach, die Thür ging auf. Ida! rief eine bekannte Stimme.
Vorlage S. 167
475
Wer ists? wer ruft? antwortete sie in holem Tone.
Vorlage S. 167
476
Ida! meine arme unglückliche Ida! rief die Stimme von neuem mit dem zärtlichsten Accente.
Vorlage S. 167
477
Ida richtete sich von der Erde auf. Die Gestalt, die sie jetzt bey einer dunkeln Leuchte, welche sie trug, erkennen konnte, kam näher.
Vorlage S. 167
478
Wer bist du? fragte Ida, bist du einer von den furchtbaren Unbekannten, die im Verborgenen richten?
Vorlage S. 167
479
Kennst du mich, kennst du deinen Vater nicht mehr? rief der Ankommende, der jetzt die Leuchte heller machte, den Mantel von sich warf, und die Unglückliche in seine Arme schloss.
Vorlage S. 168
480
Vater! Retter! Engel von Gott gesandt! stammelte sie und sank leblos an seinen Busen.
Vorlage S. 168
481
Achtzehntes Kapitel.
Vorlage S. 168
482
Münster tröstet, so gut er vermag.
Vorlage S. 168
483
Kennt die Menschheit wohl eine herrlicher größere Empfindung als jene, die die Seele bey Erscheinung eines Freundes im tiefsten Abgrunde des Elends durchschaut? – Idas Herz war zu eng dieses Gefühl zu fassen, es wollte brechen! Man denke, was sie diesen Tag über erfahren hatte, man denke sich die Ueberraschung, sich in dem Augenblick, da sie sich von allen verlassen glaubte, in den Armen eines Vaters zu sehen.
Vorlage S. 168
484
Ist es möglich? rief sie, als sie vermögend war zusammenhängend zu sprechen, ist es möglich? – nein! mich täuscht ein Traum! – mein Vater hier? in solch einem Augenblicke?
Vorlage S. 168
485
Und konnte denn Ida denken, fragte Münster, dass der, den sie Vater nennt, sie einen Augenblick in verdächtigen Händen allein lassen könne? Ich habe die Reise mit dir zugleich angetreten, bin dir überall gefolgt, habe alle deine Schritte bemerkt, wollte mich nicht melden, um einmahl zu sehen, wie du handeln würdest, wenn du dir ganz allein überlassen wärest. – Ich war fest entschlossen, dich eben so unbemerkt wieder nach Prag zu begleiten, und es würde geschehen sein, wenn dich nicht dieser unvermuthete Schlag getroffen hätte.
Vorlage S. 168
486
O Gott, rief Ida, ein Schlag, den ich nicht überleben werde!
Vorlage S. 169
487
Nicht überleben? – Eine schöne Vertheidigung deiner Unschuld! – Nein, Ida, du wirst leben, du musst leben, um deine Ankläger zu beschämen, die dich gern als eine Verbrecherinn sterben sähen!
Vorlage S. 169
488
Wer sind meine Ankläger?
Vorlage S. 169
489
Weis ich es. Ich habe diesen ganzen Tag, so bald die schreckliche Zeitung ausbrach, du seyst vor das heimliche Gericht geladen, hier und da unter dem Volk gelauscht, um etwas zu erfahren, und das zuverläßigste was ich weis, ist, dass beym Verhör des kaiserlichen Frauenzimmers, die Fürstinn von Ratibor, ihre Schuldlosigkeit an dem unglücklichen Wochenbette der Kaiserinn nicht besser als durch deine Anklage zu beweisen geglaubt hat. – Ihre Aussage hat gelautet: sie bürge mit dem fürchterlichen Eide für sich und alle gegenwärtigen Damen, aber es fehle noch eine Person von Sophiens Frauenzimmer, und wenn der Anschein nicht trüge, so müsse diese die Schuldige sein.
Vorlage S. 169
490
Man forderte die Ursachen ihres Verdachts wider dich, die Fürstinn sagte, was man mir nicht wieder zu sagen wusste. Du sollst vorgefordert werden, und die Richter zürnten, dass dieses nicht sogleich geschehen, dass du allein von dem, was sich die übrigen hatten gefallen lassen müssen, ausgeschlossen worden wärest.
Vorlage S. 170
491
Ein bedenkliches Achselzucken beantwortete dieses. Die Geschichte von dem unglücklichen Freybriefe, den dir der Kaiser auf Veranlassung meines unvorsichtigen Weibes gab, ward der Länge nach erzählt, und mit Erklärungen versehen, die man sich denken kann. Die Richter sahen einander an. Brauchen wir einen weitern Beweis wider die Verbrecherinn? fragten sie, warum suchte sie außerordentlichen Schutz, wenn sie unschuldig war? warum machte sie es unmöglich, sie vor den gewöhnlichen Gerichtsstühlen zu belangen, wenn sie sich nicht geheimer Unthaten bewusst war, welche an den Tag kommen und sie in die Hände der Gerechtigkeit bringen konnten? Aber soll sie darum ungestraft bleiben? und welch ein Mittel ist übrig, sich ihrer zu bemächtigen? –
Vorlage S. 170
492
Meine Nachrichten hören hier auf, ich weis nicht was hierauf weiter vorging, nur dieses sagte man mir, dass die Versammlung erst um Mitternacht auseinander gegangen sei, nach dem alle sich durch einen feyerlichen Eid verbunden hätten, dein nicht zu schonen.
Vorlage S. 171
493
Ida verbarg sich an dem Busen ihres Vaters und weinte. Fahret nur fort, fahret fort, schluchzte sie, tödtet mich ganz mit der fürchterlichen Erzählung meines Unglücks!
Vorlage S. 171
494
Mein Kind, sagte Münster mit tröstendem Ton, es ist nötig, dass du alles wissest; wie soll dir sonst geholfen werden?
Vorlage S. 171
495
Und des Freybriefs ungeachtet, rief sie, bin ich doch vor Gericht, ach unschuldig vor Gericht gefordert?
Vorlage S. 171
496
Für kein weltliches, erwiederte er, für das große Gericht Gottes. Getraust du dich nicht vor Gottes Gericht in deiner Unschuld zu stehen?
Vorlage S. 171
497
O wenn er, wenn er mein Richter ist! rief Ida mit gefaltenen Händen, und einem Blick in welchem der Himmel war.
Vorlage S. 171
498
Nun, sprach Münster, mit diesem getrosten Muthe geh an dein Schicksal, du bist unschuldig, es kann nicht schrecklich sein. Die Unbekannten, die im Namen Gottes richten, sind deine Richter; sie waren die einigen, vor denen man dich belangen konnte, hast du die Worte in deinem Freybriefe vergessen, dass du nur vor dem Kaiser unmittelbar oder vor denen, welche an seine Stelle unter Königsbann richten, anklagt werden kannst?
Vorlage S. 171
499
Ich habe sie nicht verstanden, sagte die niedergeschlagene Ida, welche wenig Trost in ihres Vaters Reden fand.
Vorlage S. 172
500
Glaubst du, dass Männer, welche den fürchterlichsten Eid geschworen haben recht zu richten, deine Unschuld verkennen werden? fragte Münster weiter.
Vorlage S. 172
501
Ich glaube alles was ihr wollt, sprach sie mit kaum hörbarer Stimme, aber so viel weis ich, ich werde sterben, wenn ich allein vor diesem furchtbaren Richter erscheinen soll.
Vorlage S. 172
502
Das sollst du nicht, ich werde dich begleiten.
Vorlage S. 172
503
Und wohin? wo ist ihr Gerichtsstuhl? Ueberall und nirgends, sagte Pater Johann, was heißt das?
Vorlage S. 172
504
Niemand hat noch die Stelle gesehen, wo sie richteten, sprach Münster, ausser sie selbst und die Beklagten, aber wenn du erscheinen sollst, so muss man dir auch Mittel zeigen, wie du deine Richter finden kannst, diese Mittel auszuspähen soll mein Werk an diesen beiden Tagen sein.
Vorlage S. 172
505
Und wen wollt ihr fragen, wenn keiner aus dieser geheimnißvollen Gesellschaft euch bekannt ist?
Vorlage S. 172
506
Das weis Gott! ich kenne keinen von ihnen, nur so viel weis ich, sie wandeln mitten unter uns in tausendfachen Gestalten, ohne dass wir sie kennen, gehen an unserer Seite, speisen an unserm Tisch, und wir wissen es nicht, meine Stimme wird doch einen von ihnen erreichen, der mir sagt was ich tun soll? –
Vorlage S. 173
507
Gespräche von dieser Art dauerten bis an den Morgen. Ida saß vor ihrem Vater bald in Totenblässe gehüllt, bald mit glühenden Wangen, und Augen, in welchen das verzehrende Feuer des Fiebers funkelte. Der alte zitterte für ihr Leben, er nöthigte ihr einen kleinen Becher Wein auf, welchen er heimlich mit dem Saft einiger beruhigenden Kräuter vermischte. Ida entschlief, Münster trug sie leise auf ein Ruhebette, verschloss ihre Thür und ging, ehe der Tag völlig anbrach, seine großen Erkundigungen anzustellen.
Vorlage S. 173
508
Neunzehntes Kapitel.
Vorlage S. 173
509
Ida in den Händen der furchtbaren Unbekannten.
Vorlage S. 173
510
Ida verschlief diesen ganzen Tag, der heilsame Schlaftrunk hatte kräftig gewürkt, sie war eben erst erwacht, als ihr Vater in der Abendämmerung wieder kam. Er nöthigte sie etwas Speise zu nehmen, die er mit sich gebracht hatte, sie schien durch den Schlaf und das was sie genossen hatte, ein wenig erquickt zu sein, und er fand sie ruhig genug, das Resultat seiner Erkundigungen zu hören.
Vorlage S. 173
511
Wir sind, sagte er, in einem Lande, in welchem der eigentliche Sitz der heimlichen Gerechtigkeit ist. Nachrichten von dem nothwendigsten zu erhalten, ist hier nicht so schwer als wir dachten. Vorladungen von dieser Art, wie die deinige, sind hier nichts ungewöhnliches; auch hat man Exempel genug von solchen, welche den heimlichen Rächern entgangen, oder von ihnen losgesprochen wurden, eine besondere Ehre haftet auf denen, welche sie unschuldig fanden. Man hatte mir eine sonderbare Geschichte eines hiesigen Edeln, eines Konrads 4 von Langen erzählt, nach welchem noch bis diese Stunde die heimliche Gerechtigkeit beide Arme ausgestreckt hat, ohne sich seiner bemächtigen zu können.
Vorlage S. 174
512
Und stünd nicht auch mir die Flucht offen? fragte Ida. – Du kannst, darfst, und wirst nicht fliehen, sprach Münster, denn du bist unschuldig, ob Konrad es ist, weis ich nicht, und wir wollen ihm denn tun lassen was ihm recht dünkt.
Vorlage S. 174
513
Ich gedachte seiner nur darum, weil mir bey Erzählung seiner Geschichte in den Sinn kam, ihn oder einen von seinen Leuten aufzusuchen, und auf die Art zu erfahren, was wir wissen müssen. Ich fand auf Nachweisung seinen Hausmeister, und o Glück, ich entdeckte in ihm meinen alten Waffengenossen, Walter, der, als wir die Berner überrumpelten, seine linke Hand verlor, und nicht länger dienen konnte. Er sagte mir der Dinge viel, und doch stockte er oft auf eine so seltsame Art, kehrte hier und da so schleunig um, dass ich nicht recht wusste, wie ich mit ihm dran war. Ritter und Knecht, Edle und Bürger, sprach er, sind in den Diensten des geheimen Gerichts. Sollte er vielleicht selbst? – doch dieses gehört nicht hieher. Er sagte mir die gewöhnliche Art, vor die Stühle des heimlichen Gerichts zu gelangen, wär durch Gewalt. Selten erschienen die Vorgeladenen auf die erste Forderung, und die, welche die zweite und dritte abwarteten, nähm man hinweg, wo man sie fände und stellte sie vor die Unbekannten. Diejenigen, welche auf die erste Ladung erschienen, so wie meine Ida erscheinen wird, hätten den Vorteil, dass man grosse Muthmassung zu fassen pflegte, dass sie unschuldig seien, und gelinder mit ihnen verführe als mit andern. Sehr selten begäbe sich aber dieser Fall, und das einige Mittel wie Personen von dieser Art zur Gerichtsstätte kommen können, sei, sich drei Viertelstunden nach Mitternacht auf den nächsten Platz zu begeben, auf welchem vier Wege sich scheideten, da sich denn allemahl einer fänd, welcher sie mit verbundenen Augen vor die Richter führe.
Vorlage S. 175
514
Ich war so froh, so viel zu erfahren; sprach, du würdest dich auf die Art stellen und ich wolle dich begteiten. Walter sah mich scharf an. Bist du einer von ihnen? fragte er. – Ich wusste nicht was er wollte und antwortete nicht. Er fasste mich noch genauer ins Auge und sagte einige Worte zu mir, welche weder Verstand noch Zusammenhang hatten. Ich schwieg abermahls. Nun gut, sagte er nach einer Weile, begleite sie oder begleite sie nicht, es kommt drauf an, ob man es dir gestatten wird, auf allen Fall aber kannst du sicher sein, dass sie auch ohne dich sicher an Ort und Stelle kommen wird! das weitere hängt von ihrer Unschuld ab.
Vorlage S. 176
515
Ich weis nicht, was für Beruhigung in Münsters räthselhafter Erzählung lag, genug, Ida fand sich nach Anhörung derselben etwas getröstet. Sie konnte gelaßner von ihrem Schicksal sprechen, konnte Entschliessungen fassen, und vermochte über die Dunkelheit hinaus zu blicken, die sich vor ihr ausbreitete. Dass sie diese schreckliche Dinge überstehen, sich gerechtfertigt sehen, wieder solche Tage verleben könne, dünkte ihr nicht mehr unmöglich, und Münster bemühte sich, jede ihrer Hofnungen zu stärken, keine, auch die schwankenste nicht, anzutasten.
Vorlage S. 176
516
Vielleicht, dass würklich einige Winke in dem, was sie gehört hatte, Grund zu Hoffnungen darboten, vielleicht auch dass es ihr so ging wie den meisten Unglücklichen, welche nur von dem ersten Sturm zu Boden geworfen werden, und sich in der Folge, wenn ihnen das Schreckbild bekannter wird, besser fassen lernen! – Oder giebt es vielleicht gute Geister, die ihren Erwählten zur Stunde des tiefsten Schmerzens einen Tropfen himmlischen Trostes in den Leidensbecher mischen!
Vorlage S. 177
517
Dem sei wie ihm wolle; genug, Ida war ruhig, und schlief diese Nacht an der Seite des sie bewachenden Vaters den sanften unerkünstelten Schlummer der Unschuld. Auch der drauf folgende Tag, der letzte vor der entscheidenden Nacht, ging leidlich vorüber, nur gegen den Abend fing das unglückliche Mädchen an unruhig zu werden. Es war in den damahligen Zeiten Sitte, da Trost zu suchen, wo man ihn jetzt nicht mehr zu finden weis. Münster schlug einen Kirchgang vor. Gern willigte Ida ein; man besuchte ein Gotteshaus, welches von Pater Johannes Klosterkirche weit entfernt war, und kehrte getröstet zurück. Eine sparsame Mahlzeit von dem, was die Vorsorge des Alten verschaft hatte, und ein Trunk Wein labte die Ermatteten. Sie waren so ruhig als vielleicht keiner ihrer Feinde geglaubt, keiner ihnen gegönnt hätte. So gar ein gewisser Grad von Fröhlichkeit fand in der Unterhaltung der beiden Leidenden statt. – Gott! rief Ida mit einem lächelnden gen Himmel gewandten Blicke, ich habe dich um Gelegenheit meine Unschuld zu beweisen angefleht; ohne zu bedenken, dass sie schon in meinen Händen ist. Walter sagte, man sei geneigt, die Unschuld dererjenigen zu muthmasen, welche sich auf die erste Vorladung stellten. Ich komme, ich komme meine Richter, so bald ihr mich ruft! Meine Willigkeit meine Freudigkeit wird euch eine Bestätigung dessen sein, was ich euch antworten will, ach ihr werdet mich lossprechen, sobald ihr mich erblicket!
Vorlage S. 177
518
Münster nährte diese glückliche Laune so viel er vermochte. Die Zeit verstrich, die Mitternachtsstunde schlug, beide hörten es ohne einander zu mahnen. Das Gespräch ward kalt, man schwieg endlich gar. – Wie mein Herz schlägt, sprach Ida, und legte die Hand auf die Brust. – Was mag die Uhr sein? – Wenn der Mond gerad über dem Thurme steht, ists eine halbe Stunde nach Mitternacht, antwortete Münster, welcher ans Fenster getreten war.
Vorlage S. 178
519
Ida ging unruhig auf und ab. Wie steht der Mond? fragte sie nach einer Weile. – Er steht – ich wollte, du nähmst deinen Schleyer, und wir gingen, erwiederte er. – O Gott! Gott! rief sie und sank auf die Knie. Jetzt schon? Jetzt? –
Vorlage S. 179
520
Sie betete im stillen, und Münster begleitete ihre Seufzer mit den seinigen. Sie stand auf! wir wollen gehen, sprach sie, indem sie sich verhüllte.
Vorlage S. 179
521
Schweigend wallten sie durch manche lange Straße. Idas Knie zitterten vor Frost, indeß ihre Wangen mit dem höchsten Purpur glühten.
Vorlage S. 179
522
Dort jener Platz! stammelte sie, nicht wahr, dort, mein Vater? – Jetzt standen sie an der großen Thür der Bartholomäuskirche. Vier tiefe Straßen zogen sich von da nach den äußersten Enden der Stadt hinab, der Platz um sie her war hell vom Mondlicht, auf der Ferne ruhte tiefes Dunkel. Da kam aus der Dämmerung gegen sie ein Mann herauf, den die täuschende Nacht und Idas Angst zum Riesen vergrößerte. Ein schwarzes Gewand verhüllte ihn um und um, nur die Augen waren sichtbar. Er nahte sich langsam. Wer seid ihr? murmelte er mit unkenntlicher Stimme. Ida Münsterinn und ihr Vater, war die Antwort.
Vorlage S. 179
523
Die erste suche ich, der andere kann sich entfernen.
Vorlage S. 179
524
Ich entferne mich nicht, ich begleite sie auf jedem ihrer Schritte.
Vorlage S. 180
525
Begleitest du sie? – wir wollen sehen! Wie nennst du diese vier Straßen, auf welche ich deute? Jene im Mondglanze nenne ich 5 Feuer, die dort in der Dämmerung, Eisen, und die beiden übrigen, wie heißen sie?
Vorlage S. 180
526
Münster erstaunte vor dem Unsinn, den er hörte. –
Vorlage S. 180
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Nun so geh, rief der Vermummte, du taugst nicht für uns!
Vorlage S. 180
528
Euch verlassen, Vater? euch verlassen? schluchzte Ida. – Der Unbekannte riss sie aus seinen Armen, und stieß ihn mit einiger Heftigkeit zurück. – Geh doch nur, sprach er mit einer Stimme, die zu sanft für die Handlung war, welche sie begleitete, du kannst mir das Mädchen sicher anvertrauen.
Vorlage S. 180
529
Was war das für eine Stimme? rief Münster, indem er sich unter das Kirchthor setzte. Mich dünkt, ich soll sie kennen. – Ida ward indessen von ihrem Führer fortgerissen, der sich noch einige mahl nach Münstern umsah, ihm winkte sich zu entfernen, und bald darauf aus seinen Augen verschwand.
Vorlage S. 180
530
Zwanzigstes Kapitel.
Vorlage S. 181
531
Ida erzählt.
Vorlage S. 181
532
Lieber Leser, gern erlauben wir dir, die unschuldig Verklagte vor Gericht zu begleiten, aber dürfen wir es wagen dich an einen Ort zu führen, den noch kein profanes Auge sah? Setze dich lieber mit dem ehrlichen Vater Münster unter das Thor der Bartholomäuskirche, siehe, der Mond ist untergegangen, die Morgenröthe dämmert dort hervor, wir müssen bald etwas von Ida hören.
Vorlage S. 181
533
Münster war so gewiss von der Unschuld seiner so genannten Tochter überzeugt, als du und ich es nimmermehr sein können – Walter hatte ihn des vorigen Tages versichert, dass er Ida nimmermehr wiedersehen würde, wenn sie schuldig befunden würde, weil die Rächer Gottes Urteil und Vollziehung unmittelbar zu verbinden pflegten, aber, setzte er hinzu, glaube auch im Gegentheile, dass, wenn nur etwas ist, das ihre Unschuld zu erweisen scheint, sie dir von dem, dem du sie des Nachts überliefertest, am Morgen sicher wieder zugeführt werden wird.
Vorlage S. 181
534
Münsters Zutrauen in Idas Unschuld, in Walters Worte, und in die Gerechtigkeit der heimlichen Richter war gleich groß, er wartete ruhig bis zur Morgenstunde, und durfte nicht lange warten, denn ehe noch die Bewohner der umliegenden Häuser erwachten, lag Ida schon wieder in seinen Armen.
Vorlage S. 181
535
Du bist mein? bist wieder mein? rief er, bist unschuldig?
Vorlage S. 182
536
Das bin ich, bey Gott meinem Richter sei es geschworen, obgleich noch niemand mich dafür erkennen will. – Ach eure Ida ist euch nur auf kurze Zeit wieder geschenkt. Das Rachschwerd hängt noch an einem dünnen Faden über meinem Haupte. Ich soll mich entschuldigen! Gott wie kann ich es, da aller Anschein wider mich ist!
Vorlage S. 182
537
Ida vermochte vor Thränen nicht weiter zu reden, man trat den Weg nach Hause stillschweigend an. – Das Mädchen setzte sich athemlos nieder, stützte sich auf den Arm und trocknete die Thränen unter dem Schleyer.
Vorlage S. 182
538
Erzähle mir, mein Kind, ich bitte dich, sage mir alles, rief der Alte mit bittendem Blick.
Vorlage S. 182
539
Dass muss ich auch, erwiederte sie, denn ich werde nicht lange bey euch sein, man hat mir aus besonderer Gnade vergönnt, bis zu Austrag meiner Sache, meinen Aufenthalt bey den Ursulinerinnen zu nehmen, und ich vermuthe, man wird mich bald abholen. – Trauret nicht mein theurer Vater, es ist euch erlaubt, mich dort zu besuchen, ich habe darum gebeten.
Vorlage S. 182
540
Münster drückte ihre Hand, und bat sie, ihre Erzählung anzufangen.
Vorlage S. 183
541
Wie soll ich euch beschreiben, sprach sie, wie mir zu Muthe war, als mich mein Führer von euch riss? Ich glaubte zu sterben. Und doch wars, als wenn ein gewisses etwas mir Trost zuflüsterte, der Vermummte, ihr habt es selbst gesehen, hatte nichts menschenfeindliches und grausames in seinem Betragen; seine Stimme war sanft, ich sah beym Mondenlicht in seinem Auge eine Träne blinken, und was mir ganz besondere Gedanken machte, als er mich so dahin führte, so ward ich gewahr, dass ihm die linke Hand fehle. Sollte es etwa euer Freund, der treuherzige Walter gewesen sein?
Vorlage S. 183
542
O Walter! Walter! rief Münster, gewiss er war es, denn jetzt besinne ich mich auch auf seine Stimme.
Vorlage S. 183
543
Mir war dies tröstlich, fuhr Ida fort, so war ich doch nicht ganz unter Unbekannten, und ihr hattet mir immer so viel gutes von diesem Walter, diesem alten Helden erzählt, dass ich mich an seinem Arm sicher dünkte. Wir hatten uns etwa eine Straße lang entfernt, als er mir eine dicke Hülle über das Gesicht warf, welche mir es unmöglich machte den Weg, den wir nahmen, zu unterscheiden; er dauerte lang, gieng über Stock und Stein, Berg auf, Berg ab, durch Gegenden wo mich frische Feldluft anhauchte, und durch weite schallende Gewölbe. Wir stiegen endlich dreyßig Stufen hinab, die ich, ich weis nicht warum sorgfältig zählte, meine Hülle ward mir abgenommen, und ich sah mich in einem düstern dämmernden Orte, wo ich anfangs nichts unterscheiden konnte. Mein Führer erlaubte mir, mich, weil ich sehr ermüdet war, auf einen Stein zu setzen. Mein Gesicht gewöhnte sich nach und nach an die Helligkeit des Orts, ich sah, dass ich an dem Eingang zu einem weiten Platze saß, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn Gebäude oder freye Gegend nennen soll, denn rund um her, so weit meine Augen reichten, erblickte ich hohe Mauern, und über mir den gestirnten Himmel. In der Ferne webten bey dem Schimmer einiger Kerzen, welche den weiten Ort, so zahlreich sie auch waren, nur schwach erleuchteten, dunkle menschliche Gestalten, deren einige sich nahten, und sich zu meinem Führer gesellten; sie waren alle vermummt wie er, auch fand unter ihnen keine andere Unterredung als mit Zeichen und halben Worten statt, die Stille rund um her war bey der Versammlung, die mich immer größer dünkte, und sich meinen Augen bis in die Hunderte vermehrte, unbegreiflich; von meiner Seite ward sie durch nichts als Weinen und Schluchzen unterbrochen.
Vorlage S. 183
544
Auf einmal hörte ich den dumpfen Schall einer Glocke, sie ward dreymal angeschlagen, und mir bebte das Herz bey dem fürchterlichen Laut. Der Schauplatz ward heller, ich erblickte rund umher auf schwarzbekleideten Stühlen eine zahllose Menge schwarzvermummter Gestalten, von welchen mir mein Führer sagte, dass sie meine Richter wären. Ihr werdet diesen Augenblick gefordert werden, sagte er heimlich, bereitet euch, wenn ihr unschuldig seid, mit gutem Muth hervor zu treten. – Legt den Schleyer ab, flüsterte er nach einer Weile, ihr müsst mit offenem Gesicht erscheinen.
Vorlage S. 185
545
Er hatte noch nicht ganz ausgeredet, als eine Stimme mit gräßlichem Ton zu rufen begann:
Vorlage S. 185
546
Ida Münsterinn! Ida! Ida! Zauberinn! Mörderinn! Hochverrätherinn! erscheine! wir die heimlichen Rächer des unsichtbaren Gottes, laden dich vor Gottes Gericht! Erscheine! erscheine!
Vorlage S. 185
547
Man kann sich nichts entsetzlichers denken, als die Wiederholung der Worte, die mir hier nicht zum ersten mahle vorkamen. Mein Herz empörte sich, dass Bewustseyn meiner Unschuld hob mich hoch empor. Ich stand aufgerichtet und schaute kühn in die Versammlung, ohne einen Fuß zu regen. Ich kann auf keine solche Ladung erscheinen, rief ich mit einer Stimme, welche die Heftigkeit des Affekts stärkte. Mein Name ist Ida, aber ich bin keine Verbrecherinn!
Vorlage S. 185
548
Tritt hervor, rief der, welchen ich vor dem Oberrichter halten musste, vom Thron herab, und höre, was die Kläger klagen und die Zeugen wider dich zeugen.
Vorlage S. 186
549
Ich trat hervor und sank auf meine Knie. Ich schwöre bey dem der ewig lebt, rief ich mit starker Stimme, dass ich keine Zauberinn, keine Mörderinn, keine Hochverrätherinn bin, dass es falsch sei, was diese Kläger klagen, und die Zeugen zeugen!
Vorlage S. 186
550
Das Gericht hub an, aber, o mein Vater, wie soll ich euch erzählen, was mir aufgebürdet wurde! Ists möglich, dass man die geringsten Kleinigkeiten zu Verbrechen, oder wenigstens zu Kennzeichen des Verbrechens machen kann?
Vorlage S. 186
551
Die Locke meiner geliebten Kaiserinn war das erste, wessen gedacht ward, ach ich musste sie hingeben, die goldne Schnur ist leer! – Dass man dieses geliebte Andenken in meinem Busen fand, war einer der Hauptbeweise wider mich. Es klebte Blut an meinem Schleyer, ihr wisst, dass ich gestern Abend in der Dunkelheit mir die Wange verletzte, dieses musste der mit dem Blut der Kaiserinn gefärbte Schleyer sein, den ich an ihrem Vermählungsfeste brauchte die kleine Wunde, die sie sich von ohngefehr gab, zu trocknen. Man fragte mich, aus was für Absicht ich diese Dinge an mir trüge? Ob ich nicht einst zu einer Freundinn gesagt habe, so lange Sophiens Locke auf meinem Herzen ruhte, müsse mir die Kaiserinn hold sein? Ob ich nicht das Herz dieser Dame dermassen bezaubert hätte, dass sie keinen Tag ohne mich und mein Harfenspiel sein könne; dass sie noch jetzt in ihrer Krankheit bekannt habe, sie könne ohne mich weder leben noch sterben?
Vorlage S. 186
552
Hat sie dieses gesagt? rief ich im Ton des Entzückens, o die unvergleichliche Dame! o dass ich sie nur noch einmahl sehen, dass ich, wenn ich sterben muss, nur zu ihren Füßen sterben könnte! Man gebot mir zu schweigen, und das Fragen dauerte fort. Woher die Reichthümer meiner Eltern kämen, nachdem sie durch den Brand wie bekannt um all' ihre Habe gekommen wären? Durch welche zauberische Mittel ich erfahren habe, dass dieses verheerende Feuer auskommen werde, und warum ich so gottlos gewesen, die Stadt nicht zu warnen, ja nicht einmahl auch meine Eltern zu retten, sondern boshafter Weise euch verlassen habe, und nur allein dem Unglück aus dem Wege gegangen seye. Wohin der Herrmann von Unna gekommen, den ich durch meine Zaubereyen in mich verliebt gemacht, denn des Verstandes beraubt habe, so dass er drei Tage lang sinnlos im Lande herumgelaufen, und dann wahrscheinlich durch mich getödet wär.
Vorlage S. 187
553
Herrmanns Erwehnung machte, dass ich ohne Besinnung zur Erde sank, man erquickte mich, und ich fing an laut über Herrmanns Tod zu klagen; o Gott, wenn es wahr, wenn Herrmann tod sein sollte!
Vorlage S. 188
554
Ida brach in Thränen aus, und es dauerte lang, ehe Münster sie durch die Versicherung: Herrmann habe ihm kürzlich geschrieben, zufrieden sprechen konnte.
Vorlage S. 188
555
Die Anklagen, fuhr Ida fort, wurden immer entsetzlicher. Auch der italiänische Prinz, welcher der Prinzeßinn von Ratibor untreu ward, und den ich durch Zauberkünste in mein Netz gezogen haben sollte, kam an die Reihe, und zuletzt das schrecklichste von Allen, die unglückliche Niederkunft der Kaiserinn, und die Gefahr, in welcher sie noch jetzt schwebt.
Vorlage S. 188
556
Gott weis, was ich auf alle diese Dinge sagte, aber ich, die ich mich für so schwach, so verzagt hielt, fühlte übernatürliche Stärke, ich schwieg auf keinen dieser Artikel, ich sprach wenig und mit Bescheidenheit, aber was ich sprach, musste Nachdruck haben, denn ich brachte meine Kläger verschiedenemahl zum Schweigen. Der Himmel über uns fing an zu dämmern, die Hähne krähten in der Ferne und verkündigten den Tag, und auf einmahl erhub sich die ganze Versammlung.
Vorlage S. 188
557
Ida, rief der Richter vom Throne, noch immer droht dir das Schwerd, wofern du nicht binnen ein und zwanzig Tagen unumstößliche Beweise deiner Unschuld darlegst; deine Bereitwilligkeit auf die erste Ladung zu erscheinen, macht, dass wir dich jetzt in Frieden ziehen lassen, aber denke auf keine Flucht, unser Auge und unser Arm ist überall, wie die Gegenwart des Allsehenden!
Vorlage S. 189
558
Ich warf mich vor dem Thron nieder und bat um Zuflucht in einem Nonnenkloster, meine Bitte ward mir gewährt, und mir auch noch überdies wegen meines Geschlechts und meiner Jugend eine ausserordentliche Begnadigung zugesprochen, welche mir nicht genannt ward.
Vorlage S. 189
559
Man verhüllte mich von neuem und führte mich ab, ich bat unterwegens meinen Führer, er möchte für mich bitten, dass ich zu den Ursulinerinnen, die ich immer gern zu besuchen pflegte, geschickt würde, und euch daselbst sehen dürfte, und er versicherte mich, dass er mir dieses für sich selbst versprechen könne, weil man ihm Dinge von dieser Art ganz zu überlassen pflegte. Ich wollte noch mehr mit ihm sprechen, aber er ward wieder so stumm wie des vorigen Abends; an der Ecke der Strasse verließ er mich, vermuthlich um nicht von euch beym Tageslicht erkannt zu werden und zeigte mir euch von weitem wie ihr meiner, unter dem Bartholomäusthore wartetet.
Vorlage S. 189
560
O Ida, rief Münster, als sie endete, sei getrost! mich dünkt deine Sache geht gut, und über dieses hoffe ich heute noch einen andern Schritt zu deiner Rettung zu tun, den mir bisher die Abwesenheit der Person, auf welche ich hoffe, unmöglich machte. Ich wandte mich am Morgen deiner Anklage, ehe ich dich noch gesehen hatte, an den Grafen von Würtemberg, ich hatte ihm wichtige Dinge zu sagen, welche dir würden genützt haben, aber man wieß mich zurück, unter dem Vorwand, er wär verreist und würde unter dreyen Tagen nicht wieder kommen; diese drei Tage sind vorbei und ich eile unmittelbar, nachdem man dich zu den Nonnen gebracht hat, zu ihm.
Vorlage S. 190
561
O vergebliche Mühe! rief das Mädchen, auch ich wandte mich an ihn, weil er sich immer vorzüglich gnädig gegen mich erzeigt hat, aber auch er wies mich zurück. Er ist vielleicht auch nicht einmahl würklich abwesend gewesen, hat nur keine Vorbitte für mich hören, euch nur darum nicht sehen wollen, weil ihr mein Vater seid!
Vorlage S. 190
562
Du sagtest, er habe sich gnädig gegen dich erwiesen? fragte Münster nach einem tiefen Stillschweigen, was that er dir, das den Namen Gnade verdient?
Vorlage S. 190
563
O ihr wisst ja, dass man das kleinste Lächeln der Grossen Gnade nennen muss, und zu der Zeit, da alles mir lachte, pflegte auch er mir zu lächeln. Ich erinnere mich noch, als er mich das erstemahl im Kabinet der Kaiserinn sahe, dass er mich vor allen andern auszeichnete, sich mir mit einer Achtung näherte, welche mich würklich beschämte, und als die Ratibor, wie gewöhnlich, gleich mit meinem Namen, ach diesem theuren Namen, den ich immer für meine Ehre halten werde, hervortrat, um meinen Bürgerstand nicht in Vergessenheit zu bringen, so schien der Graf dadurch nur desto aufmerksamer zu werden. Münsterinn? wiederholte er, Ida Münsterinn? – Der Name Ida ist Musik in meinen Ohren, er erinnert mich an meine, ach längst verstorbene Gemahlin. Die Oberhofmeisterinn trat mit der Bemerkung hervor, man sähe den Stolz meiner Eltern schon daraus, das sie mir einen fürstlichen Namen gegeben hätten, aber der Graf kehrte sich hieran nicht, er zog mich zu sich und küsste mich liebreich auf die Wange. Es ist mir lieb, sagte er lächelnd, dass du ein Bürgermädchen bist, bey einer Dame dürfte ich keine solche Aeusserung meines Wohlgefallens wagen. Die Prinzeßinn von Ratibor, die neben mir stand, sah mich verächtlich an, und ihr Blick sagte mir, dass sie die Rede des alten Grafen mir für schimpflich hielt, aber ich war zu einfältig, zu gemein, um dieses zu finden, ich küsste die Hand des ehrwürdigen Greises, und erhielt zu meiner Beschämung noch einen Kuß auf die Stirne. – Von der Zeit an fragte er immer nach mir, nennte mich seine Ida, fragte nach meinen Eltern, sagte, es sei einmahl ein Münster, ein braver Mann in seinen Diensten gewesen, und was der kleinen Verbindlichkeiten mehr waren, welche der Geringe dem Großen so hoch anrechnet. – Ich dachte oft an ihm einen würklichen Gönner zu haben, aber freilich, jetzt in meiner Bedrängniß habe ichs erfahren, dass ich mich irrte.
Vorlage S. 190
564
Münster schwieg auf Idas Reden, auch hatte er keine Zeit zu langen Erwiederungen gehabt, denn in dem Augenblicke kam man das junge Mädchen in das Kloster, das sie sich gewählt hatte, abzuholen. Vater und Tochter nahmen treuherzigen Abschied, und versprachen sich einander bald wieder zu sehen.
Vorlage S. 192
565
Ein und zwanzigstes Kapitel.
Vorlage S. 192
566
Nie ist die Unschuld ohne Freunde.
Vorlage S. 192
567
Münster erschien gleich des andern Tages an dem Sprachgitter der Ursulinerinnen. Ich habe dir seltsame Dinge zu erzählen, sprach er zu Ida, lies dieses Blatt, dergleichen man heute fast an allen öffentlichen Gebäuden angeheftet sieht.
Vorlage S. 192
568
Ida las: »Wir die heimlichen Richter des Verbrechens und die Retter der Unschuld wenden uns gegen die vier Enden der Erde, und rufen: Ist jemand, welcher es wagt, die verklagte Ida zu vertheidigen, der komme!«
Vorlage S. 193
569
Gott! Gott! schrie Ida und hielt den Zettel in den gefalteten Händen in die Höhe, ich fühle es, du verlässest mich nicht ganz! du wirst mich retten!
Vorlage S. 193
570
Ich war bey meinem Freund Walter, fuhr Münster fort, und zeigte ihm dieses Blatt, er lächelte und versicherte, dies sei eine ausserordentliche Gnade, deren du dich zu rühmen habest, es sei fast unerhört, dass man einem auf diese Art Beklagten, einen Vertheidiger zugelassen, vielweniger dass man die ganze Welt gleichsam zu seiner Rettung aufgefordert habe. Ich sagte ihm meinen Entschluss, auf diese Forderung zu erscheinen und die Beweise deiner Unschuld auf mich zu nehmen, aber er schüttelte den Kopf: wäret ihr, sagte er, einer von den Beysitzern des heimlichen Gerichts und könntet auftreten und sagen: Ich schwöre, unsern fürchterlichen Eid, meine Tochter ist unschuldig, so möchte dies wohl von grossem Gewicht, möchte wohl nicht viel geringer als völlige Lossprechung sein, aber ausserdem gilt euer Wort so viel als nichts. Weder Vater, noch Gatte noch Bruder, noch einiger anderer Verwandter, dafern er ein Profaner ist, darf im heimlichen Gericht die Vertheidigung des Beklagten führen, sondern in den wenigen Fällen, da Vertheidigung zugelassen wird, muss ein Fremder erscheinen und die Sache des Verbrechers führen, und um die Erscheinung eines solchen möglich zu machen, wird die Zeit des zweiten Gerichts, wie eurer Tochter wiederfuhr, auf ein und zwanzig Tage verschoben. – Wiederfuhr? fragte ich, du sprichst von der Sache, als wenn du gegenwärtig gewesen wärest; sollte ich mich würklich nicht geirrt haben, solltest du würklich. –
Vorlage S. 193
571
Walter unterbrach mich mit Unwillen ohne meine Frage zu beantworten, er trieb mich von sich und bat mich nie wieder zu kommen, wenn ich auf diese Art mit ihm sprechen wollte.
Vorlage S. 194
572
Von ihm ging ich zu dem Grafen von Würtemberg, es ging mir wie du vermuthet hattest. Ich ward abgewiesen, und noch muss ich, ich muss mit ihm sprechen. Es ist mir ein Mittel eingefallen, durch welches ich Zutritt bey ihm erlangen könnte. Du weißt die goldne Kette, die ich dir an deinem zehnten Geburtstage schenkte, ich habe sie – er gab – ich – genug, es hat eine gewisse Bewandniß mit diesem Kleinod, und ich glaube, ich werde nicht wieder abgewiesen werden, wenn ich ihm dasselbe zuschicke, und ihn dabei an gewisse Dinge erinnern lasse. – Wolltest du mir wohl diesen Schmuck, der dir jetzt sehr entbehrlich ist, überlassen? er soll dir herrlicher als du denkst ersetzt werden. – Wie? du erschrickst? – solltest du dieses wichtige Kleinod verloren haben? – sollte etwa bey jenem Brande, der uns um unser Vermögen brachte? – Doch nein! deine Mutter versicherte mich, als ich einst ernstlich darnach fragte, es sei gerettet, du habest es bey deinem damahligen Kirchgange getragen! – Sprich Ida? was soll ich denken? – Ich versichere dich, die Sache ist keine Kleinigkeit!
Vorlage S. 194
573
Mein Vater, rief die erschrockene Ida, ich – meine Mutter – genug die Kette ist nicht mehr in meinen Händen! – Herrmann von Unna bekam sie einst, als er – –
Vorlage S. 195
574
Unvorsichtiges Mädchen! schrie Münster, du hast dein Glück aus den Händen gegeben. – Und mein Weib! – Gott wie konnte sie? – Herrmann hat das Kleinod? – o dass ich ihn zu finden, es ihm zu entreissen wüsste, es wär im Stande jetzt dein Leben zu retten!
Vorlage S. 195
575
Münster tobte noch eine Weile auf diese Art. Ida bat, fragte, suchte ihn zu besänftigen, aber umsonst! Sie bot ihm einen Ring, den sie mit der Kette zugleich von ihm erhielt, er stieß ihn von sich, und sagte, er sei ohne seine Gefährtinn die Kette ohne Nutzen. Ida weinte und bat um Erklärung dieser räthselhaften Dinge, er riss sich von ihr loß, und verließ sie das erstemahl in seinem Leben mit allen Merkmahlen des Unwillens. –
Vorlage S. 195
576
Da Ida sich nicht vorstellen konnte, was der Verlust einer solchen Kleinigkeit, als ihrer ernsten Seele ein Stück weiblichen Schmuckes war, auf sich haben könne, so schlug sie es bald aus dem Sinne, und trauerte nur über den Unwillen ihres Vaters, den sie doch bey seinem nächsten Besuche schnell zu heben dachte; sie wusste, wie sehr sie von ihm geliebt ward, wie viel ihre Bitten, ihre Thränen über ihn vermochten. – Aber vergebens sah sie ihm diesen und die beiden folgenden Tage entgegen. Sie ward unruhig, sie erhielt bey der Oberinn des Klosters, welche ihr geneigt war, die Vergünstigung nach ihm in seiner bisherigen Wohnung fragen zu lassen. – Seine Zimmer waren verschlossen, niemand hatte ihn gesehen. Man schickte zu Waltern; die Antwort war, er habe ihn das letzte mahl ein wenig unfreundlich von sich gewiesen, und dies müsse ihn beleidigt haben, er sei seit dem nicht wieder gekommen. –
Vorlage S. 196
577
Was für Nachrichten für Ida! brauchte sie wohl noch neuen Stoff zur Bekümmerniß? – Von den ein und zwanzig Tagen bis zu dem nächsten Vorbescheid vor den furchtbaren Gericht waren bereits viere vergangen, die übrigen verschlichen unter tausenderley Beängstigungen bis auf einen, und in diesem Einen sollte sie nun herbeyschaffen, was sie in so vielen nicht vermocht hatte, sollte unumstößliche Beweise ihrer Unschuld darlegen oder sterben! Schrecklicher Zustand des armen Mädchens! Es schien als wenn alles, worauf sie einigen Trost baute, vernichtet werden sollte. Sie hörte von der Wiedergenesung der Kaiserinn, sie konnte denken, dass diese von ihrem Unglück nichts, oder nur unvollkommen wissen würde, sie konnte hoffen, dass, wüsste sie dasselbe, sie alles für sie tun würde; aber so sinnreich auch die Nonnen, ihre Freundinnen, waren, Mittel zu erdenken, vor die Monarchinn zu kommen, so schlug doch alles fehl, und da am Ende der letzte entscheidende Tag anbrach, da sie sich überzeugen musste, dass für sie in der Hauptsache nichts mehr zu tun sei, als ihrer Unschuld zu trauen, so quälte sie noch die Sorge, wie sie vor das Gericht kommen sollte, das ihr in der künftigen Nacht bevorstand. – Auszubleiben war wider ihre Ehre und ihre Grundsätze, allein, ohne Führer sich an dem bestimmten Orte einzustellen, unanständig und gefährlich. Was sollte sie tun? Man ging im Kloster ernstlich darüber zu Rathe, und die gutherzige Oberinn erlaubte, dass der alte Walter herbey gerufen und gebeten wurde, diese Nacht bey der Tochter seines Freundes Vaterstelle zu vertreten.
Vorlage S. 196
578
Der Greis gerieth bey diesem Anmuthen in die augenscheinlichste Verwirrung, er veränderte die Farbe, wollte reden, stammelte, stampfte endlich voll Unwillen mit dem Fuß, und schrie, man sollte aufhören ihn mit unmöglichen Dingen zu quälen. Mit diesen Worten verschwand er, und hinterließ Ida und die Klosterjungfern in der äußersten Bestürzung.
Vorlage S. 198
579
Unter Weinen und Beten kam die Nacht heran. Man hatte Ida allein gelassen, und bey der Domina ward großer Rath gepflogen. Es ist unmöglich, sagte die gutherzige Alte, das Mädchen ihrem Schicksale zu überlassen. Ich wollte es wagen auf das Bild der heiligen Jungfrau zu schwören, dass sie unschuldig ist, dass sie für unschuldig erkannt werden wird; sollten wir denn so grausam sein, sie einem Verderben anderer Art entgegen gehen zu lassen? Sie ist schön, wie ihr und ich in unsern bessern Jahren; wenn es in der Welt noch so zugeht wie zu meiner Zeit, so droht ihr auf dem kleinsten Wege unausbleibliche Gefahr, sie wird irgend einem laurenden jungen Wüstlinge in die Hände fallen, und für unser Kloster verloren sein, welches doch, es gehe wie es wolle, einst ihre Zuflucht werden wird, was sollen wir tun Schwestern? was sollen wir tun? Wärs wohl Verletzung unserer heiligen Regel, sie bis an den Ort ihrer Bestimmung zu begleiten? Ich nebst den vier ältesten aus der Schwesterschaft übernehme dies Werk, und –
Vorlage S. 198
580
Es war der heiligen Frau unmöglich zu enden, ein lauter Beyfall unterbrach ihre Worte. Die Liebe zu der holdseeligen Ida, die sie, ich weis selbst nicht warum, als eine künftige Mitschwester ansahen, oder das Verlangen, einmahl den Fuß aus den ängstlichen Klostermauren zu setzen, machte, dass man sich, (ein seltner Streit unter alternden Jungfern) um den Vorzug der Jahre stritt, und dass die Domina, um Friede zu erhalten, genöthigt war, dem ältern Theil ihrer Fräuleins, aus welchen ihr Rath bestand, ohne Ausschluss einer einigen, die Bestehung dieses Abentheuers zu gestatten. – Eine allgemeine Freude erhob sich unter ihnen, und es ward augenblicklich eine Gesandtschaft an die angstvolle Ida abgeschickt, ihr den Schluss des Konvents kund zu tun.
Vorlage S. 199
581
Sie war entzückt über die außerordentliche Probe der Achtung, die sie erhielt, die lebhafteste Dankbarkeit durchströmte ihr Herz, und es schwebte ein Gelübde auf ihren Lippen, welches mit lauter Freude von den Nonnen, welche schon darauf rechneten, würde aufgenommen worden sein, und das nur durch Dazwischenkunft irgend eines Zufalls konnte zurück gehalten werden. Die Mitternachtsstunde schlug, der Weg nach dem Bartholomäuskirchhofe war weit, man durfte sich nicht aufhalten, so gar die feyerliche Einsegnung in der Klosterkirche, die man zu diesem großen Schritte für nötig gehalten hatte, und die gewiss in dem Herzen der frommen Ida irgend ein unglückliches Angelöbnis hätte hervorlocken können, musste unterbleiben. Man nahm eilig die Schleyer, visitirte in der Geschwindigkeit ein wenig die Zellen der jüngern Nonnen, damit keine sich unter der Hand der Vorrechte der ältern theilhaftig machte, wallte die langen schallenden Klostergänge hindurch, öfnete das Thor und that mit Herzklopfen den Schritt aus den geheiligten Mauern in die Welt.
Vorlage S. 199
582
Auch Idas Herz klopfte, sie ging mit ihren ehrwürdigen Begleiterinnen in dämmernden Sternenlichte den Weg, den sie schon einmahl an der Hand ihres Vaters gegangen war. Die Domina, an deren Seite sie wandelte, überhäufte sie mit Tröstungen und frommen Betrachtungen, aber das Stillschweigen, unter welchen ehemals Münster diesen traurigen Gang mit ihr that, war ihrem Zustande angemeßner, und sie hätte viel darum gegeben, auch jetzt still und ungestört weinen zu dürfen.
Vorlage S. 200
583
Endlich langte man an dem Ort der Bestimmung an. Ihr vermummter Führer, der ihrer bereits wartete, stutzte, sie in so großer Begleitung kommen zu sehen; doch schien die Gegenwart der heiligen Frauen einen vortheilhaften Eindruck auf ihn zu machen; er beugte sich tief vor ihnen, ließ der weinenden Ida Zeit, sich mit ihnen zu letzen, bot ihr dann freundlich den rechten Arm, und entfernte sich langsam unter öfterm Zurücksehen nach den Nonnen, welche ihn neugierig mit den Augen verfolgten. – Als sie um eine Ecke kamen und ihr Begleiter ihr die dichte Hülle überwarf, vermisste sie abermahls seine linke Hand. Ach rief sie, warum wollt ihr mir doch verbergen, dass ihr Walter seid! es würde mir so tröstlich sein, es zu wissen, dass ich an der Hand eines Bekannten, eines wackern redlichen Mannes gehe! – Ein unverständliches Murmeln, in welchem Ida nur den Ton des Unwillens unterscheiden konnte, beantwortete diese Rede. Beide schwiegen, und man kam, wie ihr dünkte, weit eher als das vorige mahl an Ort und Stelle.
Vorlage S. 200
584
Auch kam ihr der Ort, wohin man sie brachte, anders vor als vorhin, die Decke, der funkelnde Sternhimmel, war die nehmliche, aber den Umkreis bezogen nicht hohe ängstliche Mauren, sondern das Auge hatte, von allen Seiten, so viel die falbe Dämmerung erlaubte, eine freye Aussicht, die nur von der Seite, woher Ida kam, durch dichte Gesträuche und auf der entgegen gesetzten vermuthlich auf eben die Art begränzt war, unter ihren Füßen fühlte Ida weichen Rasen, und es ward ihr aus einigen Umständen wahr scheinlich, dass sie sich in einer ausgeholzten Gegend eines ihr wohlbekannten Waldes befand; welches wohl sein konnte, denn ein jeder Ort mochte (wie einige alte Schriften sagen) zu Hegung des Vehmgerichts taugen, wenn er nur heimlich und hehr war.
Vorlage S. 201
585
Die Versammlung an diesem Orte war so zahlreich als das erstemahl, aber die Erleuchtung schwächer, und die Stille wo möglich noch schauerlicher. Das Zeichen mit der Glocke ward gegeben. Die Stimme, welche Ida schon einmahl gehört hatte, erhub sich und rief:
Vorlage S. 202
586
»Wir, die Diener des unsichtbaren Gottes, der im Verborgenen richtet, wendet uns gegen die vier Enden der Erden, und rufen dir, Vertheidiger der angeklagten Ida! Erscheine!« –
Vorlage S. 202
587
Der Ruf ward dreymahl wiederholt, der Schauplatz ward heller, und Ida wollte ungefordert hervortreten. Ihr werdet heute nicht zu sprechen haben, flüsterte ihr Führer, haltet euch ruhig.
Vorlage S. 202
588
Ida sah die Versammlung der fürchterlichen Unbekannten mit frohem Muthe an, ein Gefühl von Freude und Hoffnung durchströmte ihr Herz, welches zum unaussprechlichen Entzücken ward, als sich auf dem dritten Ruf eine Gestalt hervorthat, die, ungeachtet sie vermummt war, wie die andern, doch ein gewisses Etwas an sich hatte, das ihr in Idas Augen den Vorzug vor jedem der Anwesenden gab.
Vorlage S. 202
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Der Vertheidiger der Unschuld ging langsam vorwärts und stellte sich vor den Thron des Richters. Hier! rief er, hier bin ich, tödtet mich, wenn Ida schuldig ist!
Vorlage S. 203
590
Die Hegung des Gerichts hub an. Die Fragen, welche Ida schon einmahl gehört hatte, wurden wiederholt, aber sie hörte sie nicht mit dem Schrecken wie das erstemahl, der Unbekannte wusste auf jede derselben zu antworten, und ihren Gedanken nach war ihre Unschuld völlig erwiesen, aber die Richter waren schwerer zu befriedigen. Die in jenen finstern Zeiten des Aberglaubens so verdächtige Geschichte mit der Locke blieb doch einmahl wahr, die unüberlegten Worte, welche sie zur Prinzeßinn von Ratibor gesagt hatte, waren nicht zu leugnen und zeugten wider sie. Noch war die Kaiserinn nicht völlig genesen, und Herrmann von Unna, den man hier für todt hielt, und, ich weis nicht warum, Ida seine Mörderinn nannte, war, wie man versicherte, nirgend zu finden.
Vorlage S. 203
591
Der Retter der Unschuld bat, man möchte die Genesung Sophiens abwarten, und dann sie über Idas Leben entscheiden lassen, da sie, wenn Ida schuldig sei, die heftigste Beleidigung von ihr erlitten habe, und gewiss mehrere Umstände als man hier wisse, werde angeben können; aber man verwarf diese Bitte. Er erbot sich die andere Anklage wegen Herrmanns Ermordung auf der Stelle zu zernichten, aber man hies ihn schweigen, und verwieß ihn vornehmlich auf den Beweis, dass Ida keine Zauberinn sei, als welcher hier den Grund und die Hauptsache des Ganzen ausmache. – Idas Vertheidiger fühlte, wie schwer, wie unmöglich ein Beweis von dieser Art sei, er verfiel in ein dumpfes Stillschweigen, welches der Beklagten ein Vorbote des Todes war.
Vorlage S. 203
592
Nun denn, rief er endlich, ich weis, was ich übernommen habe, ich weiß, dass in diesem Gericht keiner den Beklagten vertheidigen darf, ohne wenn jener schuldig befunden wird mit ihm gleiche Strafe übernehmen zu müssen. Hier bin ich, tödtet mich denn, wenn für sie keine Rettung ist. Aber ich rufe Himmel und Erde zu Zeugen, sie ist unschuldig! und zittert! ihr Blut wird nicht ungerochen bleiben, sie ist nicht die Tochter eines geringen unbekannten Bürgers, sie ist eine Fürsten Tochter!
Vorlage S. 204
593
Unter den Anwesenden erhub sich ein Geflüster, die meisten riefen, dieses sei eine Erdichtung, um den Prozess der Beklagten ins Weite zu ziehen, sie schwuren, man dürfe ihn nicht in Freyheit lassen, bis er seine Aussage erwiesen habe. Man bemächtigte sich seiner. Ida schrie: sie tödten ihn! vor ihren Augen schwamm die ganze Versammlung in einem düstern Nebel, die Lichter verloschen, ein fürchterliches Getöß umsaußte ihre Ohren, und sie sank ohne Empfindung nieder.
Vorlage S. 204
594
Zwey und zwanzigstes Kapitel.
Vorlage S. 205
595
Die Sonne scheint für Idas mäßige Wünsche fast zu hell.
Vorlage S. 205
596
Ida fieng an sich zu erholen, die Begebenheiten der vergangenen Nacht dünkten ihr ein Traum zu sein. Sie sah um sich her, der Tag war angebrochen, und sie lag unter dem großen noch geschlossenen Thor der Bartholomäus Kirche. Sie richtete sich auf, sie wollte aufstehen, aber sie vermochte es nicht; da kam aus einer der Straßen, die sich hier scheideten, ein Mann gegen sie daher, den sie schon in der Ferne für Waltern erkannte, sie breitete die Arme nach ihm aus und nannte, so laut sie konnte, seinen Namen. Er nahte sich ihr mit Eile. – Kommt, sagte er, dass ich euch wieder zu euren Nonnen bringe, doch – ich vergesse zu fragen, wie ihr hieher kommt? – Habt ihr die Vorgänge voriger Nacht vergessen? stammelte Ida, welche jetzt vermögend war sich völlig zu besinnen, mich dünkt, ihr waret sowohl gegenwärtig als ich.
Vorlage S. 205
597
Was soll das unnütze Reden, erwiederte er mit verdrüßlichem Ton. Kommt, ehe man euch hier antrift!
Vorlage S. 206
598
Gott! schrie Ida, Gott! was soll aus mit werden? sprecht, was habe ich nun zu tun? ihr wisst, dass auch meine letzte Hoffnung vernichtet ist.
Vorlage S. 206
599
Walter schwieg, und besann sich erst nach einer Weile, dass er fragen müsse, was sie meyne, wenn er seine Rolle gut spielen wolle.
Vorlage S. 206
600
Ida drang in ihn, sich ihrer zu erbarmen, sich nicht gegen sie zu verstellen, weil es ihm nie gelingen würde, sie zu überreden, dass er nicht alles wisse, und ihr am besten rathen könne. – Walter ward unwillig. Sie führte die fehlende linke Hand, und er seine Kleidung, die mit der eines Vermummten keine Aehnlichkeit hatte, zum Beweis des Behaupteten an. Ida, welcher wichtigere Sorgen auf dem Herzen lagen, schwieg endlich, und man langte vor dem Kloster an.
Vorlage S. 206
601
Es sei mir erlaubt, die Art des Empfangs bey den Ursulinerinnen, welche hoften, das unglückliche Mädchen ganz gerechtfertigt wieder zu sehen, mit Stillschweigen zu übergehen. – Sie waren anfangs entrüstet, dass man derjenigen, die durch die Ehre, die sie ihr in voriger Nacht erzeigten, schon in einem vortheilhaften Lichte hätte erscheinen sollen nicht besser begegnet hatte, nach und nach schlichen sich Zweifel ein, ob Ida auch wirklich so unschuldig sei, als man sie im Kloster glaubte. Man fing an, sie zu vernachläßigen, man tröstete sie nicht mehr, sprach ihr nicht mehr in ihrer Einsamkeit zu, und es gerieth bald dahin, dass der alte Walter, welcher sie täglich am Sprachgitter besuchte, ihr einiger Trost war.
Vorlage S. 206
602
Ida wusste nicht, was sie von ihrem eignen Schicksale halten sollte, sie hatte Ursach, zu den größten Besorgnissen, und gleichwohl lag ihr das Ergehen desjenigen der sich im Gericht zu ihrem Vertheidiger aufgeworfen hatte, weit mehr am Herzen.
Vorlage S. 207
603
Meynt ihr nicht, fragte sie Waltern, dass es mein Vater ist?
Vorlage S. 207
604
Er zuckte die Achseln.
Vorlage S. 207
605
Wer wär es sonst? Wer könnte es sein?
Vorlage S. 207
606
Ich weis nicht!
Vorlage S. 207
607
O Walter, ich beschwöre euch, ihr wisst es, sagt mir alles.
Vorlage S. 207
608
Wollt ihr mich mit eurem Geschwätz von euch treiben?
Vorlage S. 207
609
So nehmt euch wenigstens meines Retters an, wenn ihr könnt, und forscht nach dem Aufenthalte meines Vaters.
Vorlage S. 208
610
Eures Vaters? kennt ihr ihn?
Vorlage S. 208
611
Ida sah ihn mit verwunderten Augen an, und wiederholte seine Frage.
Vorlage S. 208
612
Walter that noch einige, und als er aus ihren Antworten merkte, dass sie das Bekenntnis des Unbekannten von ihrer Geburt nicht verstanden habe, sich noch bis jetzt für Münsters Tochter hielt, so verfiel er wieder in sein geheimnißvolles Stillschweigen.
Vorlage S. 208
613
Ida weinte über die Härte des Alten, und dieser bat sie endlich ruhig zu sein und alles zu hoffen. Vielleicht, setzte er hinzu, dass sich euer Schicksal in kurzem ändert.
Vorlage S. 208
614
Sehet, sagte er, als er eines Morgens zu ihr kam, sehet hier die Erfüllung meiner Weissagung. Ida hatte die Schriften der heimlichen Rächer schon zu oft gesehen, um den Zettel, den er ihr darbot, nicht sogleich zu kennen. Sie zitterte, ungeachtet der vortheilhaften Art, mit welcher er ihr ihn ankündigte, ihn zu lesen. Walter that es an ihrer Statt. Er enthielt, – Leser stelle dir das Entzücken der Unglücklichen vor – enthielt eine feyerliche Bekanntmachung ihrer Unschuld, und völlige Lossprechung von allen Anklagen. Die Freude that die Würkung auf sie, welche der Schmerz schon so oft gehabt hatte. Sie kam wieder zu sich selbst um die Frage, ob dies wahr, ob es würklich möglich sei, tausendmahl zu wiederholen. Das frohe Gerücht breitete sich aus, die Nonnen eilten herbey, und Glückwünschungen, Freundschaftsversicherungen, und Bitten sie nie zu verlassen, immer eine Bewohnerinn ihres friedlichen Hauses zu bleiben, strömten auf sie zu. Ida erinnerte sich wohl, dass man ihr in den letzten Tagen oft und deutlich genug hatte zu verstehen gegeben, dass ihr Aufenthalt in diesem Kloster bey ihrer unerwiesenen Unschuld nicht lang würde dauern können, aber sie war zu glücklich um es jetzt zu ahnden; sie beantwortete die Höflichkeiten der Klosterfrauen mit ihrer gewöhnlichen Treuherzigkeit, ob sie gleich Bedenken trug, sich zum beständigen Aufenthalt an einem Orte anheischig zu machen, wo man so leicht von einem Aeussersten aufs andere fiel.
Vorlage S. 208
615
Sie konnte sich aus dem Gewirr, das sie umgab, noch nicht herausfinden, als man ihr sagte, es warte an der Klosterpforte ein Wagen, der Befehl habe, sie zum Grafen von Würtemberg zu bringen.
Vorlage S. 209
616
Ida konnte hoffen, dass so bald ihre Lossprechung kund werden würde, die alte Freundschaft in den Herzen aller derer erwachen würde, welche sie bisher verlassen hatten, und es schmeichelte ihr, dass der Graf von Würtemberg, den sie immer geschätzt hatte, einer von den ersten war, welche sich ihrer wiederum erinnerten.
Vorlage S. 209
617
Sie floh in den Wagen, den er ihr sandte, sie vertiefte sich unterwegs in tausend angenehmen Träumen, hoffte bey ihm ihren Vater und ihren unbekannten Retter zu finden, durch ihn wieder bey der geliebten Kaiserinn eingeführt zu werden, und was hofft nicht eine junge Person alles, welche das kleinste Lächeln des Glücks für ein Unterpfand seiner größten Gunstbezeugungen anzunehmen geneigt ist.
Vorlage S. 210
618
Auch hatte es das Ansehen, als ob Ida von ihren Erwartungen nicht sehr getäuscht werden würde. Sie langte an, der alte Graf von Würtemberg eilte ihr selbst entgegen, und schloss sie mit einem Feuer in seine Arme, welches ihr befremdend vorgekommen sein müsste, wenn sie in ihrer gegenwärtigen Verfassung Raum zum Ueberlegen gehabt hätte. Der Graf führte sie durch eine Reihe glänzender Hofleute, die sich vor ihr bis zur Erde beugten in sein Kabinet. Ida! Ida! rief er, und schloss sie in seine Arme, o mein weissagendes Herz, wie wahr hast du gesprochen! – Das schüchterne Mädchen fand die immer von neuem angehenden Liebkosungen von einem Fremden zu groß, sie wand sich aus seinen Armen, und umfasste seine Knie.
Vorlage S. 210
619
Gnädiger Herr, rief sie, die Herablassung, mit der sie mir begegnen, die Güte, mit welcher sie sich über mein Glück freuen, lässt mich hoffen, dass sie sich nicht weigern werden, es vollkommen zu machen. Ich wünschte meinen Retter zu sehen, um ihm danken zu können, meinen Vater wieder zu sehen, den ich verloren habe, der erste kann, denke ich, nicht weit sein, und den andern ausfindig zu machen kann einem Fürsten, dessen Auge, dessen Arme so weit reichen, nicht schwer werden.
Vorlage S. 211
620
Deinen Retter? deinen Vater? fragte der Graf, siehe hier beydes in einer Person. Ida sah sich um, und sah, dass sie mit dem Grafen allein war, der sie von neuem in seine Arme schloss. – Sie betrachtete ihn mit verwundernden Augen und getraute sich nicht, seine Liebkosungen zu erwiedern. – Du glaubst mir nicht? dein Herz hat keine Stimme für mich? fuhr er fort. Ich bin dein Vater, sage ich dir! Sieh dieses Kleinod, das dich mir kenntlich machte. Ida erblickte in des Grafen Händen die Kette, welche sie Herrmann ehemals schenkte, und das Andenken an den geliebten Jüngling verdunkelte die Vorstellung von dem, was sie hörte, und das sie ohnedem noch nicht recht begreifen konnte, gänzlich.
Vorlage S. 211
621
Der Graf sah ihre Bestürzung; du zweifelst? rief er, ich muss dich überführen, er gab ein Zeichen, eine Nebenthür that sich auf, und der alte Münster trat herein. Weder er noch der Graf waren vermögend, ein Wort vorzubringen, denn Ida sprang auf den ersten Anblick des redlichen Greises auf, und floh in seine Arme, o mein Vater! schrie sie, ists möglich, dass ich euch wieder habe? – Nein, Gräfinn, sprach Münster, indem er ihre Hand ergriff und sie zu dem Grafen führte, der mit einigem Unwillen in seinen Blicken auf der Seite stand, nein, diese Ehre ist für mich zu groß, ihr seid die Tochter dieses Fürsten, ich war nur euer Erzieher, und wenn ich es recht sagen soll, ehemals euer Räuber. Hier, gnädiger Herr, fuhr er fort, indem er Idas linke Hand in des Grafen Rechte legte, hier seht ihr noch einen Beweis von der Wahrheit meiner Aussage. Diese Hand trägt noch das Maal, welches die Gräfinn mit auf die Welt brachte, und dieser Ring ist euch die lebhafteste Erinnerung an eure Gemahlinn, die bey der Geburt dieser Tochter das Leben einbüßte. O ich brauche keinen Beweis, rief der Graf, als mein eigen Herz und diese Züge, die meiner verstorbenen Ida so unaussprechlich gleichen, dass ich nicht weis, wie ich sie so lang verkennen konnte. Doch, ich bin immer durch eine unwiderstehliche Sympathie zu dir hingerissen worden; Ida, du weists, wie mich gleich Anfangs dein bloßer Name erschütterte, wie ich dich immer, deinen Feinden zum Trotz, vor allen andern auszeichnete.
Vorlage S. 211
622
Idas Erstaunen fing an sich in Freude zu verwandeln, ihr Herz sprach für Graf Eberhardten wie das Seinige für sie, sie sank in seine Arme, sie schlang ihre Linke um seinen Nacken, indem sie die Rechte nach Münstern ausstreckte, der ihr zu theuer war, als dass irgend jemand ihm den Vorrang in ihrem Herzen hätte streitig machen können. – Auf die ersten Entzückungen der Freude folgten Erklärungen, nach denen meine Leser vielleicht so begierig sein werden als Ida, aber wie verwirrt sind die Erläuterungen, die man in dem Gewirr mannichfaltiger Leidenschaften ertheilt und anhört! Wir müssen einen ruhigern Zeitpunkt wählen, dir, mein Leser, das Ganze dieser verwickelten Begebenheit mitzutheilen.
Vorlage S. 213
623
Ida sah mit bekümmertem Herzen, dass Münster bey weitem nicht in dem Ansehen bey dem Grafen war als bey ihr. Graf Eberhardt sah in ihm den ehemaligen Räuber seiner Tochter, sie, ihren Erzieher, ihren treuen Rathgeber, ihren Tröster zu der Zeit, da jeder mann sie verließ. Der Graf mißgönnte dem Alten jede Liebkosung, die sie ihm erwieß, und sie konnte nicht vergessen, dass sie ihn so lang hatte Vater nennen dürfen. Sonderbar! ich weiß gewiss, dass manche meiner Leserinnen es nicht werden begreifen können, dass das Vergnügen, eines Fürsten Tochter zu sein, nicht das Gefühl der Dankbarkeit und jede andere Empfindung bey Ida verdrängte; freilich war dies ein Beweis, dass sie nicht nach den Grundsätzen der großen Welt erzogen worden war.
Vorlage S. 213
624
In Idas Herzen lebte noch ein unerfüllter Wunsch, der ihr die Freude über die väterliche Zärtlichkeit des Grafen verbitterte. Sie hatte schon mehrmahl nach ihrem Vorsprecher vor dem heimlichen Gerichte gefragt und ihn zu sehen gewünscht, sie hatte ihn ihren Retter genannt und die lebhafteste Dankbarkeit gegen ihn geäußert, und allemahl hatte sie der Graf versichert, sie habe ihre Rettung niemand als ihm zu danken, welches sie zwar nach dem, was man ihr sagte, und was meine Leser mit der Zeit auch erfahren sollen, glaubte, aber doch allemal mit ihren Fragen auf den großmüthigen Unbekannten zurückkam, der doch ohne Zweifel durch seine Vorsprache den ersten Grund zu ihrer Rettung gelegt hatte. – Man hatte keine Lust, diese Frage deutlich zu beantworten, Ida schwieg und suchte ihren Verdruss zu verbergen, um die Liebe ihres neuen Vaters nicht mit Undank zu belohnen. Münster, welcher auf Idas Bitte in dem Zimmer des Grafen bleiben durfte, war zurückhaltend um keine Eifersucht zu erregen, und Graf Eberhardt fand jede Liebkosung seiner Tochter kalt gegen dasjenige, was er erwartet hatte. – So ging man am Abend auseinander, froh über entflohnes Unglück und neugewonnene Freuden, und doch mit einem kleinen Dorn im Herzen, der auch bey dem größten Entzücken der Erde nie ganz fehlt.
Vorlage S. 214
625
Drey und zwanzigstes Kapitel.
Vorlage S. 215
626
Ein verdächtiger Besuch.
Vorlage S. 215
627
Ida bekam Befehl, den Pallast ihres Vaters nicht wieder zu verlassen, man wies ihr Zimmer an, und sie wahr froh, endlich nach einem Tage voll der seltsamsten Veränderungen, zur Ruhe und zum Nachdenken zu kommen. Sie entließ die Frauen, die man ihr zugab, sehr bald, und warf sich angekleidet auf einen Sessel, um die Geschichte des Tages von neuem zu überlegen. – Ein leises Klopfen an der Thür weckte sie aus ihrem Tiefsinn. Eine Mannsperson trat schnell herein. Sie erschrack, wollte fliehen, wollte nach ihren Leuten rufen, aber der Kommende fiel auf die Knie, fasste sie bey ihrem Gewand und bat mit einem Tone, der ihr Innerstes durchdrang, sich nicht zu übereilen. Was ist das für eine Stimme? schrie Ida, und dies Gesicht? – O Herrmann! Herrmann!
Vorlage S. 215
628
Ja ich bin es, Gräfinn! sprach er. Ich bin genöthigt, zudringlich, verwegen zu sein. Ich muss mit euch sprechen, und jetzt oder niemahls. Mit diesen Worten stand er auf, verschloss leise die Thür, und nahte sich der bleichen Ida von neuem, welche halb außer sich vor Entsetzen und Freude an das Getäfel gelehnt da stand, und nicht wusste, was sie tun sollte.
Vorlage S. 216
629
Ein Mädchen mit dem gehörigen Ceremoniel der Tugend bekannt, würde bey Herrmanns Handlungen Zorn gefühlt oder affektirt haben. Ein Liebhaber in der einsamen Mitternachtsstunde, bey verschlossenen Thüren, war in der That eine bedenkliche Sache, konnte auch dem entscheidensten guten Ruf einen Flecken anhängen. Ida dachte in der ersten freudigen Bestürzung nicht an das was ihr zukam, sie beugte sich zu Herrmann, der ihre Knie von neuem umfasste, herab, sie breitete ihre Arme gegen ihn aus und zog sie schnell mit Erröthen zurück, um ihren Fehler wieder gut zu machen. Herrmann kannte seinen Vorteil zu gut, um es bey dem Anfange dessen zu lassen, was ihm zugedacht war, er erkühnte sich, sie in seine Arme zu schließen; sie wand sich mit Unwillen von ihm los, und eilte nach einer Nebenthür, von welcher sie glaubte, dass sie in das Kabinet ihrer Frauen führe, er folgte ihr, und beide sahen sich auf einem Altan, welcher keinen weitern Ausgang hatte. –
Vorlage S. 216
630
Ich beschwöre euch, Gräfinn, rief jetzt Herrmann von neuem, treibt mich nicht zur Verzweiflung, ich muss mit euch sprechen, und ich hoffe, ihr trauet mir zu, ich würde mich nicht so zur Unzeit bey euch eindrängen, wenn ich irgend ein anders Mittel säh, euch vor einer langen, ach vielleicht ewigen Trennung das zu sagen, was ihr wissen müsst. Ewige Trennung? wiederholte Ida mit zur Erde gesenktem Blick. Ja ewige Trennung von dem, den ihr ehemals nicht mit ungünstigen Augen ansahet! rief der Jüngling. Hat euer hoher Stand eure Gesinnungen so schnell ändern können? –
Vorlage S. 217
631
Herrmann, rief Ida mit dem Ausdruck des höchsten Affekts, ihr kennt mich nicht! mich ändern? gegen den ändern, der mich, als ich so weit unter ihm war, so – – so heiß, so zärtlich liebte, ersetzte der Jüngling ihre abgebrochenen Worte, und der euch, wenn ihr Königinn der ganzen Welt wäret, nie anders lieben könnte als damahls Ida Münsterinn von ihm geliebt wurde, und als –
Vorlage S. 217
632
Haltet ein, unterbrach ihn Ida mit einem etwas ernstern Blick als bisher, ihr sehet, dass es meine Ehre erfordert, dass euer nächtlicher Besuch so kurz werde als möglich, brechet also von diesen Dingen ab, und saget mir eilig, was ihr zu sagen habt.
Vorlage S. 217
633
Herrmann gelobte Gehorsam, man nahm Platz auf den Altan, der eine liebliche Aussicht in einen einsamen vom Mond beglänzten Garten hatte, und der Jüngling hub an, sich über das zu erklären, was er auf dem Herzen hatte. – Ich muss euch, sagte er, warnen, eurem gegenwärtigen Glücke nicht zu viel zu trauen; ihr seht, was mir widerfuhr, als ich in jenem nächtlichen Gericht eure Sache führte, damals –
Vorlage S. 218
634
Wie? schrie Ida, ihr, ihr waret es, der sein Leben für mich wagte? mich zu retten strebte, als ich von allen verlassen war? O Gott, werde ich jemahls im Stande sein? – Nein das ist zu viel! Thränen strömten aus ihren Augen, ihre Hände waren gen Himmel gefaltet, und ein Blick fiel auf Herrmann, welcher ihm alles sagte was ihr Herz empfand.
Vorlage S. 218
635
Also wisset ihr nicht? man sagte euch nicht? stammelte er – Ja, in diesem Zuge erkenne ich den Grafen, und ihr sehet was wir, was ich, will ich sagen, von ihm zu erwarten habe.
Vorlage S. 218
636
Ihr müsst mir alles alles entdecken, rief Ida, vom ersten Anfange, von unserer Trennung an, die Nacht ist lang, wir sind allein, niemand wird uns stören.
Vorlage S. 218
637
Ida schien ganz vergessen zu haben, was sie vor einem Augenblicke sagte, dass ihre Ehre die Abkürzung des nächtlichen Besuchs erfordere, und Herrmann fiel es noch viel weniger ein, daran zu denken.
Vorlage S. 218
638
Wie ich mich bey jenem Abschied aus Münsters Hause von euch, oder vielmehr, ihr euch von mir loßrisset, fing er an, das könnet ihr noch nicht vergessen haben, so heftig mich auch die Trennung von allem, was ich liebte, erschütterte, so stand mir doch bey dem Abschiede von eurer sogenannten Mutter noch ein Sturm bevor, welcher diesen beinahe übertraf. Gott, ich bekam von ihr die ersten Winke von dem, was auch ihr nunmehr, was die ganze Welt weis, dass ihr das Gepräge des höchsten Standes nicht umsonst an euch tragt, dass ihr das wirklich seid, wofür euch jeder halten muss, die Tochter eines Fürsten. Eile und die Gegenwart des alten Münsters, der mich und seine Frau bewachte, verursachte, dass ich den Namen des Glücklichen nicht verstand, der euch seine Tochter nennt, und mich auf diese Art in größerer Ungewissheit als je befand, was ich dereinst für meine Liebe zu hoffen hätte; denn, ihr müsst mir verzeihen, so hoch ihr auch durch diese Entdeckung über mich erhoben wurdet, so traute ich doch auf meinen Muth und mein gutes Schwerd, welches mich schon, wie ich dachte, dereinst noch dahin bringen könnte mein Auge nach der Tochter eines Fürsten erheben zu dürfen. Große unabsehliche Plane über diesen Gegenstand durchkreuzten mein Gehirn, meine Gedanken verwirrten sich, ich vergas alles andere und besann mich erst spät auf die Bitte, welche eure Amme, die gutherzige Münsterinn, beym Abschiede an mich getan, noch einen Tag zu Prag zu verziehen, um ein Gesuch, das sie euretwegen an den Kaiser wollte gelangen lassen, bey ihm zu unterstützen. Ich eilte nach Prag zurück, von da nach Kunradsburg und an verschiedene andere Orte, an welche man mich, um meiner zu spotten, hinwies. Nirgend fand ich den Kaiser, und überall erregte meine Wiedererscheinung, nachdem ich schon förmlich entlassen worden war, Neugier, und die Besorgnis, in der man mich sah, spöttische Anmerkungen. Ich war in der That ausser mir, einen Auftrag, der euch betraf, nicht besser und schleuniger ausrichten zu können, er konnte sich auf die Bekanntmachung eurer Geburt beziehen, konnte Eile haben, ich wusste nicht was ich tun sollte, und mein seltsames Betragen legte vielleicht den Grund zu dem wunderbaren Gerüchte, ich habe meinen Verstand verloren, welches mir in dem heimlichen Gerichte, da man es zur Anklage wider euch machte, zum erstenmahl zu Ohren kam.
Vorlage S. 219
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Ich hatte, wie ich meynte, noch einen Freund bey Hofe, den ich endlich zu sprechen bekam, und der mich beredete mich zu entfernen, weil ich hier meines Lebens nicht sicher sei, und ich mich in der Ausrichtung meines Geschäfts auf ihn wie auf mich selbst verlassen könnte. – Wie ich nachmahls erfuhr, erschreckte man mich nur darum vom Hofe hinweg, weil der Kaiser meine Anwesenheit, die man ihm verhelte, endlich erfahren, und mich zu sprechen gewünscht hatte. Schon lange beneidete man mir die armseeligen Ueberbleibsel der Gunst, die er mir ehemals schenkte, man besorgte, ich möchte wieder meine ehemalige Stelle bey ihm behaupten, wenn ich ihm von neuem vor Augen käme, man verjagte mich unter dem Vorwand als werde mir nach dem Leben getrachtet, und breitete um seine Nachfragen nach mir zu stillen das Gerücht von meinem Tode aus, welches überall, und wie ihr wisst, auch selbst bey den allwissenden heimlichen Richtern für Wahrheit genommen wurde.
Vorlage S. 221
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Ich setzte indessen meinen Weg nach König Siegmunden fort, ich fand bey ihm meinen alten Freund, Nicolaus Gara, unter dessen Kommando ich einst wider die rebellischen Prager gedient hatte, dessen hohen Rang ich erst jetzt kennen lernte, und der mich mit Freuden unter seine Leute aufnahm. Man rüstete sich am ungarischen Hofe zum Türkenkriege. König Siegmund hatte seine von dem Volk angebetete Gemahlinn Maria verloren, mit ihr war der größte Theil der Neigung seiner Unterthanen für ihn gestorben. Er war nicht ausser Verdacht, dass er durch schlechte Begegnung oder wenigstens kalte Liebe den Tod der unglücklichen Königinn verursacht habe; man haßte ihn, machte Spottgedichte auf das üppige Leben an seinem Hofe, nannte ihn den zweiten Wenzel, und er, der all diesen Tadel, wie ich glaubte, höchstens nur halb verdiente, musste darauf denken die bösen Eindrücke aus den Gemüthern des Volks zu tilgen, und sich durch irgend eine tapfere That bey ihm in Ansehen zu setzen. Ein Zug wieder die Ungläubigen ward für das Würksamste zu Erreichung dieses Endzwecks gehalten, und die Teilnahme an dem Türkenkriege war beschlossen. Welch eine Aussicht für den, dessen Seele nach Ehre und nach dem Besitz einer Ida strebte! Welche Lorbern dachte ich hier einzuerndten: welche Stufen mir zu bauen, um dich, himmlisches Mädchen, erreichen zu können! Kein Fürst sollte, wie ich meynte, Bedenken tragen mich zu seinem Eydam zu wählen, wenn ich mit dem Blut und der Beute der Ungläubigen bedeckt zurückkehrte, und die Stellen an Siegmunds Hofe einnähme, mit welchen meine Eitelkeit, und mein partheischer Freund, der Feldherr Gara mir schmeichelte; – – Hoffnungen, welche vielleicht möchten erfüllt worden sein, wenn ich geneigt gewesen wär, den Absichten desjenigen, der für alles zu sagen hatte, dieses Nikolaus Gara, in allen die Hand zu bieten.
Vorlage S. 221
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Wir reisten ab, wir vereinigten uns mit den andern Feinden des Erbfeindes, wir griffen ihn mit Heldenmuth an, thaten Wunder der Tapferkeit, und – siegten doch fast niemahls; ein feindseeliges Geschick wand uns den Sieg fast allemahl in dem Augenblicke, da wir ihn zu erreichen gedachten, aus der Hand.
Vorlage S. 223
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Mir waren diese Dinge anfangs unbegreiflich. Das Volk schrieb unsere öftern Fehlschlagungen den heimlichen unentsündigten Verbrechen seines Königs zu, der Feldherr stimmte ziemlich laut in diese rebellischen Klagen ein, ich aber hatte mehr als wahrscheinliche Muthmaßungen, das Nikolaus unvermerkt das Glück seines Herrn zu untergraben suchte, und den Feind in der Stille begünstigte um ihm zu schaden. Meine Muthmaßungen wurden nachher zu Wahrscheinlichkeiten, als der Feldherr gegen mich immer mehr mit dem heimlichen Haß gegen seinen Herrn hervortrat, und auch mich von ihm abwendig zu machen suchte.
Vorlage S. 223
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Er war der älteste Sohn des alten Nikolaus Gara, welchen Siegmund ehemals hinrichten ließ. Haß und Rache gegen den Mörder seines Vaters brütete in seinem Herzen, und Siegmund hätte keinen nachtheiligern Schritt tun können, als dass er dem einen Sohn des Ertödeten alle Gewalt beym Heer übergab, und den andern, den heimtückischen Andreas Gara als Statthalter des Reichs hinterließ; aber Siegmund war offen, grosmuthig und unvorsichtig, mochte gern angethane Beleidigungen vergüten, und gab sich in die Gewalt seiner Feinde, indem er dachte sie zu seinen Freunden umzuschaffen. Mir wurden die bösen Absichten des Feldherrn immer heller. Ich war meinem Herrn dem König mit aller Treue ergeben, ich bezeugte unverstellt den Abscheu, den mir Garas Vorschläge, ihm zum Untergange der Monarchen die Hand zu bieten, einflößten. Ach ich hatte schon vorhin Gelegenheit gehabt den redlichen Charakter des Feldherrn zu bezweifeln; war er es nicht, der ehemahls im Stande war, Wenzels verrätherischer Ermordung der böhmischen Großen das Wort zu reden?
Vorlage S. 223
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Ich verheelte ihm nichts von der Meynung, die ich von ihm hegte. Meine Aufrichtigkeit brachte mir den Untergang; Gara ward kaltsinnig gegen mich; man bürdete mir ungeschehene Vergehungen auf, ich hörte auf zu steigen, ward nach und nach im Dienste immer einige Stufen tiefer herabsetzt, und erhielt endlich gar die Erlaubnis, mich vom Heer zu entfernen. Da dies nur Erlaubnis nicht Befehl war, so achtete ich es nicht, ich wollte meinem König lieber als der geringste Kriegsknecht dienen als ihn mitten unter seinen Feinden verlassen. O Gott, wie gern hätte ich ihn gewarnt! aber war dies möglich? man bewachte seine und meine Schritte, man hatte mich bey ihm verhaßt gemacht, es war unmöglich, ihn unter vier Augen zu sprechen.
Vorlage S. 224
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Doch wird es mich immer freuen, dass ich, ehe mich mein Schicksal ganz von ihm riss, noch im Stande war, ihm einen würklichen Dienst zu leisten. – Wir hatten nach Gewohnheit wieder einmahl tapfer wider die Ungläubigen gefochten ohne zu siegen. Wir mussten die Schlacht verlieren, denn Nikolaus Gara wollte es. Der Herzog von Burgund war schon in den Händen der Türken, meinem Könige war das nehmliche Schicksal zugedacht; die seinigen wandten sich verrätherisch hinter ihm ab, und verließen ihn im einzelnen Kampfe mit dem tapfern Achmet! der ihm offenbahr überlegen war. Auch ich sollte auf Befehl des Feldherrn weichen, und einen andern Posten beziehen, aber ich war taub, ich sammelte zwanzig von Siegmunds treusten Ungarn um mich, wir trennten ihn von seinem furchtbaren Gegner, und brachten ihn davon. O dass ich fast in dem nehmlichen Augenblick genöthigt war ihn zu verlassen! die Liebe rufte mich, ich war zu schwach ihrem Ruf zu widerstehen! O Ida, das Gerücht von deiner Gefahr kam mir zu Ohren, ich musste dich retten, die Liebe zu meinem Könige war gegen die Deinige nichts! Hinterließ ich doch Siegmunden unter der Aufsicht treuer Leute; wer hätte es wagen dürfen öffentlich etwas wider seine geheiligte Person vorzunehmen? Mein Werk wär völlig getan gewesen, hätte ich ihn vor heimlichen Nachstellungen warnen können, aber er war schwer verwundet, war in den heftigen Anfällen des Fiebers, die Folge seiner Wunden, der Besinnungskraft beraubt, ich trug das, was ich nicht tun konnte, den treuen Dienern auf, die ich um ihn zurückließ, und eilte nach dir, nach dir Ida, die von dem Arme der heimlichen Gerechtigkeit bedroht wurde, die nach Verhältnis des Weges, den ich bis zu dir machen musste, nur wenig Tage bis zu Entscheidung ihres Schicksals übrig hatte.
Vorlage S. 225
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Und ich bitte euch, Ritter, unterbrach ihn die Gräfinn, wie konntet ihr in so weiter Ferne Post von meinem Unglück haben?
Vorlage S. 226
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Eine Sache, erwiederte er, die mir selbst noch bis jetzt nicht ganz deutlich ist, die ich euch aber erklären will, so gut ich sie selbst verstehe. Ihr erinnert euch ohne Zweifel noch des alten Andreas, den mir Vater Münster bey meiner Abreise von Prag zum Knechte gab?
Vorlage S. 226
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O ja, sagte Ida, es war mehr als eine Person in unserm Hause, – die sich freute, an ihm einen wachsamen Kundschafter der geheimsten Dinge zu verlieren, ich gehörte, wie ihr denken könnt, nicht unter seine Hasser, ich schätzte ihn wegen seiner Treue, ungeachtet ich nicht leugnen kann, dass mir seine anscheinende Einfalt, wie so manchen Zügen von schlauer List, die er oft unversehens blicken ließ, immer so seltsam contrastirte, dass ich nicht recht wusste, was ich aus ihm machen sollte.
Vorlage S. 227
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Dies waren die Bemerkungen, fuhr Herrmann fort, die ich auch über ihn machte, und zu denen er mir unzählige Gelegenheiten gab. Höret jetzt, auf wie außerordentliche Art er die erste Ursach meiner plötzlichen Erscheinung bey euch, und, wenn es mir zu sagen erlaubt ist, eurer Rettung ward. – Wir rüsteten uns an jenem großen Tage, von welchem ich euch vorhin sagte, zur Schlacht. Andreas, der es sonst ungeachtet seines Alters in Ansehung des Muths und der Unerschrockenheit mit dem Jüngsten aufnahm, war, als er mir die Waffen anlegte, niedergeschlagen und traurig. Herr, sagte er, der Weg, den wir jetzt gehen, kann der Weg zum Tode sein, ich kann fallen, und wohl mir, wenn ich meinen Tod vor dem Feinde fände, aber im Fall dieses geschieht, so muss ich euch vorher warnen: Wenn die Schlacht vorüber ist, so haltet euch hier nicht lange auf, mir ists als stände es in meines alten Herrn Hause nicht ganz so wie es sollte. Das Leben einer Person, die euch nicht gleichgültig sein mag, ist in Gefahr. – Ich sah ihn mit unverwandten Augen an, und fragte nach dem Grunde seiner Besorgnisse, er stockte, verbarg sich hinter seine gewohnte einfältige Miene, und schützte schwere Träume vor. – Ungeachtet ich nie auf Dinge dieser Art etwas hielt, so war ich doch schwach genug, bestürzt zu werden, und weiter zu fragen. – Lasts nur gut sein, sprach Andreas, jetzt müssen wir vor den Feind, bleibe ich, so wisst ihr allenfalls genug, im entgegengesetzten Fall sollt ihr mehr erfahren. –
Vorlage S. 227
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Wir rückten auf unsere Gegner an, Andreas war einer der ersten, die an meiner Seite fielen, ich ließ ihn aus dem Gedränge tragen, und Rath zu seinen Wunden schaffen. Was in der Schlacht vorfiel, das wisst ihr bereits, aber dieses noch nicht, dass eine der ersten Nachrichten, welche ich erhielt, nachdem ich das Zelt des verwundeten von mir geretteten Königs verlassen hatte, der Tod des ehrlichen Andreas war. Sein Kammerad, der mir die Post brachte, sagte mir, der alte Kriegsknecht hätte noch sterbend den Namen einer gewissen Ida oft genannt, und mich ermahnen lassen, sie zu retten, weil sie in Gefahr sei in die Hände der heimlichen Rächer zu fallen; die Zeit, in welcher ihr noch zu retten wäret, und der Ort eures Aufenthalts wurde mir auf einem mit seltsamen mir unverständlichen Charaktern bezeichneten Blatt, das der Sterbende aus seinem Busen gezogen hatte, angezeigt, und ihr könnt euch wohl vorstellen, mit welcher Eile ich mich, ohne weiter auf den Grund dieser sonderbaren Dinge zu denken, auf den Weg machte. – Die Zeit des Nachdenkens über die Umstände dieser befremdenten Begebenheit kam erst nachher, und von der Auflösung meiner Zweifel kann ich euch nur so viel sagen, dass mir es mehr als wahrscheinlich ist, dass Andreas einer von den heimlich Verbundenen des fürchterlichen Gerichts war, dessen Mitglieder durch die ganze Welt verstreut sind, und die, wie durch ein verborgenes Zauberband verbunden, fast im Augenblicke Nachricht von allem haben, was in den entferntesten Gegenden ihres unsichtbaren Reichs vorgeht. Wie groß die Anzahl der Richter und Beysitzer dieses fürchterlichen Tribunals ist, habt ihr zum Theil gesehen, aber ich habe Ursach zu glauben, dass ihr Anhang unter den Geringen im Volk noch weit ausgebreiteter sei als unter den Großen; diese Art Leute sind die Glieder, welche diese unermessliche Kette zusammen halten, die verborgenen Triebräder der ungeheuren Maschine, die tausend Augen, mit welchen die Allgegenwärtigen, wie sie sich nennen, alles durchschauen, die Zeugen, welche ihnen die verborgensten Geheimnisse verkünden. Ohne Zweifel war Andreas einer von dieser Klasse, und seine Treue für das Haus seines alten Herrn machte, dass er die Gränzen der heiligen Verschwiegenheit, zu welcher seine Brüderschaft verpflichtet ist, so weit überschritt als er konnte, um mich zu eurer Rettung aufzumahnen.
Vorlage S. 228
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Ich kam an, ohne genau zu wissen, wie die Gefahr beschaffen sei, welche euch drohte, oder wie man euch helfen könne; indessen war eure Geschichte der Gegenstand des allgemeinen Gesprächs, die Aufforderung euch zu vertheidigen, dafern es möglich sei, stand noch an allen Ecken der Straßen an allen öffentlichen Gebäuden angeschlagen, und ich war bald von allem unterrichtet was ich wissen musste. Es waren noch zween Tage bis zur letzten Entscheidung eurer Sache, und ich wandte dieselben so an, wie mich ein alter treuherziger Mann, ein gewisser Walter, in dessen Bekanntschaft mich der Zufall brachte, unterrichtete. Ich wollte euch in eurem Kloster sprechen, aber es ward mir widerrathen, weil kein Anwald vor dem heimlichen Gericht zugelassen wird, von dem erweislich ist, dass er binnen Jahrsfrist den entferntesten Umgang mit dem Beklagten gepflogen habe. Ich erfuhr von Waltern, dass es auch an einem Begleiter auf eurem Wege nach dem Orte fehle, von wo ihr von den Unbekannten solltet abgeholt werden, und ob es mir gleich nicht erlaubt war, euch meine Hand zu bieten, so konnte ich mich doch nicht enthalten auf dem Wege, den ihr gehen musstet, heimlich zu lauschen, damit der einsamen verlassenen Unschuld kein Unglück begegne. Ich sah euch in Begleitung der Klosterfrauen daher kommen, und ich muss gestehen, war etwas, das die Meynung, die ich von euch hegte, erhöhen konnte, so war es diese ehrwürdige Gesellschaft, die durch die Achtung, mit der sie euch begegnete, das redendste Zeugnis von eurer Schuldlosigkeit ablegte. Auch habe ich hernach erfahren, dass diese Handlung der gutherzigen Nonnen einen für euch sehr vortheilhaften Eindruck auf eure Richter machte.
Vorlage S. 230
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Und dennoch, rief Ida, wollte man dem mächtigen Vertheidiger meiner Urschuld kein Gehör geben? ging so gar so weit, sich seiner Person zu bemächtigen, und dadurch, wie ich meynte, meine Rettung unmöglich zu machen? – O Gott! mir schwanden die Sinnen bey diesem Anblick, und noch jetzt – noch jetzt! –
Vorlage S. 231
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Wer vermag alle Dinge in den Handlungen der Unbegreiflichen zu enträthseln? unterbrach Herrmann die stockende Ida, auch ich kann, und könnte ich, darf es nicht. – Euch schwanden, wie ihr sagt, die Sinnen, man brachte euch hinweg, und derjenige, welcher euch herbey geführt hatte, legte euch an den Ort nieder, wo er euch aus den Händen der Nonnen empfangen hatte, doch wie ich weis, nicht ohne im Verborgenen für eure Sicherheit zu wachen. Ich ward indessen ins besondere Verhör geführt. Man verfuhr strenge mit mir. Ich hatte euch die Tochter eines Fürsten genannt, und sollte beweisen, ich hatte keine andere Bestätigung meiner Aussage als die Worte der Münsterinn. Der Oberste von den Richtern stand auf und nahte sich mir, er that mit einer Stimme, in welcher die heftigste Rührung nicht zu verkennen war, Fragen an mich, die ich nicht zu beantworten wusste. Man hatte mich, wie es in diesem Fall die Sitte mit sich bringt, entkleidet, und mich mit entblößtem Haupt und Füßen, und am Leibe nur mit einer leinenen Hülle bedeckt, zum Verhör geführt. Meine Kleider waren untersucht worden, und die Kette, welche ich ehedem von euch erhielt, war in den Händen des mich fragenden Oberrichters; auch sie war ein Gegenstand seiner Nachforschungen. Woher ich sie bekommen? ob ich das daran hangende Bild des Grafen Eberhard von Würtemberg kenne? ob ich nicht auch einen ähnlichen Ring habe? ob ich die Beklagte vordem gekannt? ob ich nie an ihrer linken Hand ein Mahl, in Gestalt eines kleinen Kreuzes, bemerkt habe? ob ich nicht auf den Fürsten rathen könne, dessen Tochter sie sein solle? diese und ähnliche Fragen beantwortete ich kurz und nach der Wahrheit, so gar auch diese: warum ich euch so vertheidige? ob ich euch liebe? euch mit Hoffnung liebe? euch kürzlich gesprochen habe? und was dergleichen mehr war. Man entließ mich endlich und gab mir meine Kleider zurück bis auf das geliebte Kleinod, die Kette, die erste Gabe aus eurer Hand, das wahrscheinliche Mittel eurer Erkennung.
Vorlage S. 231
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Man bedeutete mich, nicht ohne Erlaubnis aus der Stadt zu weichen, und mich auf die erste Forderung zu stellen, aber – ich ward nicht vorgefordert. – Nur dies erfuhr ich auf eine Art, die ich euch nicht begreiflich machen kann, dass in voriger Nacht nochmahls stilles Gericht über euch gehalten worden, dass der Oberrichter von seinem Stuhl aufgestanden sei, und eure Unschuld mit dem gewöhnlichen fürchterlichen Eyde der Unbekannten beschworen habe, und dass darauf eure förmliche Lossprechung erfolgt sei.
Vorlage S. 233
655
Diesen Morgen ward ich zu den Grafen von Würtemberg gefordert, er empfing mich gnädig, entdeckte mir, dass die junge Person, deren ich mich so treulich angenommen, für seine Tochter erkannt worden sei, und bot mir für das, was ich hierbey getan hatte, ein Geschenk, welches seiner Großmuth Ehre macht, aber leider waren die damit verbundene Worte sehr ungroßmüthig: dass ich die reizende Ida Münsterinn geliebt habe, so lauteten sie, dieses sei recht gut und meinem Stande sehr angemessen, aber man hoffe, ich würde nunmehr aufhören, an eine Person zu denken, welche das Glück so weit über mich erhoben hätte, und auf die ich überdem als einer aus dem Hause Unna, ein Anverwandter der Wisbadenschen Feinde Graf Eberhards, nun und nimmermehr Ansprüche machen könne. Die Antwort, die ich eurem übermüthigen Vater gab, war den Empfindungen meines Herzens, welche nahe an Wuth gränzten, angemessen, wir schieden im Zorne von einander, sein verächtliches Geschenk ward mir nachgetragen, und ihm wieder zurückgeschickt. Ich würde in keinem Fall ein Geschenk für Idas Leben angenommen haben, und in dem gegenwärtigen? – –
Vorlage S. 233
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Herrmann war aufgestanden, und maß den Ort, wo sie waren, mit großen Schritten. Ida sah wie ergrimmt er war, auch sie fühlte ihr Theil, wo nicht von Zorn doch von innerer Betrübnis und getraute sich nicht zu sprechen, um ihre Bewegung nicht zu verrathen.
Vorlage S. 234
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Ritter, fing sie endlich mit zitternder Stimme an, ihr seid, denke ich, mit eurer Geschichte fertig, der Tag bricht an, wir müssen scheiden, und noch habt ihr mir nichts von dem entdeckt, was euch eigentlich zu mir brachte. Ihr wolltet mich warnen, sagtet ihr, vor einer Gefahr, welche mir bevorsteht, oder – –
Vorlage S. 234
658
O Ida, rief Herrmann, indem er sich ihr mit dem vollen Ausdruck seiner Zärtlichkeit näherte, ahndet ihr nicht bereits aus dem, was ich euch gemeldet habe, Gefahr? Gefahr wenigstens für mich? ewige Trennung von euch? Oder ist euch das Schicksal desjenigen, den, den ihr – mein Schicksal, will ich sagen, ist es euch so ganz gleichgültig? – Doch, fuhr er fort, als Ida sich schüchtern von ihm losmachte, doch ists dieses noch nicht allein, höret was ich heute erfahren habe, und urtheilet was ihr zu tun habt. Als ich von dem Grafen, der euer Vater ist, und es nicht zu sein verdient, als ich von ihm wegging, so begegnete ich dem ehrlichen Münster. – Ach er war auch streng gegen mich, aber doch wollte ich, dass ihr noch seine Tochter wäret! – Ich erzählte ihm den Auftritt, den ich eben mit dem, welchen ich nicht einmal nennen will, gehabt hatte, wollte ihm auch das vorhergehende erzählen, aber es schien ihm größtentheils schon bekannt zu sein. Er nahm mich mit in seine Wohnung und befriedigte meine begierigen Nachfragen nach euch, mit der umständlichsten Nachricht von allem was ihm wissend war. Er hatte euch damahls, als er aus eurem Munde erfuhr, dass das Kleinod, welches eure Geburt bestätigen sollte, in meinen Händen sei, in der Absicht so eilig verlassen, mich aufzusuchen und es mir abzufordern. Bald darauf war ihm dies zu weitläuftig vorgekommen, und er hatte ein anderes Mittel zu eurer Rettung gewählt. Worinn dieses bestanden hatte, darüber erklärte er sich nicht deutlich, doch mir ist wahrscheinlich, dass er gesucht habe, in die Zahl der Beysitzer des heimlichen Gerichts aufgenommen zu werden, weil er einmahl von einem Freunde erfahren hatte, ein solcher könne durch einen Eyd auf die Unschuld des Beklagten viel zu dessen Rettung beytragen. Münster wusste nicht, dass es kein leichtes sei, in das fürchterliche Tribunal aufgenommen zu werden, dass hier erst Prüfungen auszustehen, Proben abzulegen und niedere Grade zu durchlaufen waren, ehe man dahin kommen konnte einigen Einfluss zu haben, und dass bis dahin lange Zeit verlaufen müsse, da ihr doch schleunige Rettung bedurftet. Indessen waren die vorläufigen Schritte einmahl getan, er konnte nicht wieder zurück, man hielt ihn fest, die Hände zu anderweitigen Rettungsmitteln für seine Ida waren ihm gebunden, und er musste ihr Schicksal der Vorsehung überlassen.
Vorlage S. 235
659
Binnen dieser für ihn so angstvollen Zeit erschien ich, er wusste meine Anwesenheit ohne mich sprechen zu dürfen. Ich legte das Bekenntnis von eurer Geburt ab, von welchem man wusste, dass er bisher für Idas Vater gehalten worden war, ward darüber in Anspruch genommen, er ward vor dem Grafen von Würtemberg gefordert, (der allem Vermuthen nach der Oberrichter des heimlichen Gerichts in diesen Gegenden ist, seine Stimme, seine Gestalt sind mir ungeachtet seiner Vermummung, da ich ihn an dem unbekannten Orte sah, kenntlich geblieben.)
Vorlage S. 236
660
Münsters Aussage klärte eure Herkunft völlig auf. Der Graf ward von der Unschuld seiner Tochter so unwidersprechlich überzeugt, dass er sich getraute sie endlich zu bezeugen. Man beschloss das, was hernachmahls folgte, und ihr waret gerettet. Diese Dinge erfuhr ich mehr von einem Dritten, den ich nicht nennen darf, als von dem verschwiegenen Münster, dessen Gespräch mit mir größtentheils in Ermahnungen bestand, euch zu verlassen, und in Vorstellungen der Unmöglichkeit, jemahls in meiner Liebe glücklich zu sein. Ihr wisst, sprach er, was ich euch oft über diesen Gegenstand sagte, als ihr mich noch für Idas Vater hieltet, ihr glaubtet mir nicht, und ihr seht nun, dass ich recht hatte. Ob eine Gräfinn von Würtemberg für euch zu hoch sei, will ich nicht untersuchen; aber ihr seht, wie ein hartnäckiger Feind eures Hauses Graf Eberhard ist, er wird euch die Händel bey Wisbaden, so unschuldig ihr an denselben seid, nie verzeihen, überdieses hat er ganz andre Absichten mit seiner Tochter. – Da er mit gutem Grunde zweifelt, ob ihm seine Absichten auf den höchsten Stuhl im Reiche gelingen möchten, so wünscht er wenigstens, sich mit dem künftigen Besitzer desselben fest zu verbinden. Es wird für wahrscheinlich gehalten, dass Herzog Friedrich von Braunschweig dereinst Kaiser Wenzels Stelle bekleiden könne, und dieser ists, den der Graf von Würtemberg zu seinem Schwiegersohne bestimmt hat. Er hat kürzlich eine Tochter verloren, welcher Herzog Friedrichs Hand zugedacht war, und er ist erfreut, seine wieder gefundene Ida an die Stelle ihrer verstorbenen Schwester einschieben zu können; eine Sache, die er, da sie derselben an Schönheit weit vorgeht, für etwas sehr leichtes hält. Und wolltet ihr, fuhr Münster in seiner Rede an mich fort, wolltet ihr wohl das Glück derjenigen, die ihr liebt, zerstören? ihr den Anspruch auf die höchste Krone der Welt rauben? – Wie ich Münsters Frage beantwortete, gehört nicht hieher, aber erlaubt mir, Gräfinn, dass ich eine ähnliche an euch ergehen lasse. Wolltet ihr wohl eure Hand einem Fürsten geben, der euch nicht kennt, euch, wenn er euch wählt, blos aus Staatsabsichten wählen wird? der von anderer Liebe eingenommen, eure Schwester, die man ihm zudachte, verachtete, zurücksetzte? vielleicht durch Gram zum Tode beförderte? und der, wenn er, durch eure Schönheit geblendet, mehr für euch fühlt als für sie, doch nicht lang anstehen wird, euch Nebenbuhlerinnen zu geben, welche – – – Ein heftiges Klopfen an der äussersten Thür von Idas Zimmer unterbrach hier den Sprechenden. Beide erschracken. Die Gräfinn eilte hinaus, und, o Entsetzen! ihr Vater war es, der ihr entgegen kam.
Vorlage S. 237
661
Ha; rief er mit einem sonderbaren Blicke, noch so früh, der Tag ist kaum angebrochen, und du bist schon völlig gekleidet?
Vorlage S. 239
662
Mein Vater, ich pflege – pflege früh aufzustehen.
Vorlage S. 239
663
Du bist auf dem Altan gewesen? Wo sind deine Weiber? Man hat dich sprechen hören, pflegst du mit dir selbst zu reden?
Vorlage S. 239
664
Ida war in der äussersten Verlegenheit, sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und hätte ihr Vater nur noch eine einige Frage getan und die Beantwortung erwartet, er hätte alles erfahren, was er nach der Lage der Sachen nicht wissen durfte. Aber zum Glück war er zu heftig, das Examen gelassen fortzusetzen. Er eilte auf den Altan, fand ihn leer, kehrte besänftigt zurück, und bat die zitternde Ida, welche sich nicht getraute ein Auge aufzuschlagen, sie möchte sich inskünftige nicht mehr der kalten Morgenluft aussetzen, noch viel weniger durch ihre sonderbaren Selbstgespräche Anlass zu seltsamen Nachreden geben. Das frühe Aufstehen, setzte er hinzu, hat dir ein trübes verstörtes Ansehen gegeben. Du hast mir meinen ganzen Plan vereitelt, ich wollte dich heute nach Hofe führen, aber ich sehe wohl, ich muss dir noch einen Tag Zeit gönnen dich zu erholen.
Vorlage S. 239
665
Hier folgte eine zärtliche Umarmung und die Bitte, sich wieder nieder zu legen, weil der Tag noch kaum angebrochen sei, und sie Ruhe vonnöthen habe.
Vorlage S. 240
666
Vier und zwanzigstes Kapitel.
Vorlage S. 240
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Wiedervereinigung zweyer Freundinnen.
Vorlage S. 240
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Ida konnte nicht begreifen, wie es zuging, dass sie so gut aus diesem seltsamen Handel gekommen war. Sie lief auf den Altan, um zu sehen, wo Herrmann hingekommen sei, alles war leer und ihr blieb nichts übrig als die Muthmaßung, dass er einen Sprung in den Garten gewagt habe, um dem Grafen, dessen Stimme er gehört haben musste, zu entgehen. Sie schaute hinab, alles war still, doch sah sie in der Fern eine Schildwach auf und abgehen, welche ihr vor Herrmanns Entkommen und ihren guten Namen bange machte. Ach, seufzete sie im Zurückkehren, müssen denn die Großen sich überall Zeugen ihrer geheimsten Handlungen hinstellen, damit sie ja nicht unbemerkt, ja nicht ohne Zwang handeln können? – Ach das ruhige Leben in Münsters Hause, und ach der höfischen Einschränkungen, die ich, wie es scheint, hier noch besser werde kennen lernen als an Sophiens Hofe.
Vorlage S. 240
669
Ida gehorchte gern der Anmahnung ihres Vaters sich zur Ruhe zu legen, sie bedurfte sie, sie war müde, gedankenvoll, und ward durch beydes am Schlafe gehindert, sie stand auf, um die Aufwartungen ihrer Leute anzunehmen, bekam diesen Tag niemand zu sehen, der ihr lieb war, selbst den Grafen von Würtemberg nur auf wenige Augenblicke, hatte Langeweile und durfte keine Vergleichung mit ihrem jetzigen und ihrem ehemahligen Stande anstellen um nicht unmuthig zu werden. Nur die Vergleichung zwischen der Lebensgefahr, in der sie vor kurzem schwebte, und ihrer gegenwärtigen Ruhe, den Schimpf und die Verachtung, der sie ausgesetzt war, und ihrer nunmehr geretteten Unschuld machte ihr Freude, und ihr Herz floss von Dank gegen Gott und ihre Retter über. Herrmanns Erzählung gab ihr Stoff zu neuen Betrachtungen, und diese wurden endlich durch das Andenken an die geliebte Kaiserinn verdrängt, welcher sie morgen sollte vorgestellt werden. Sophien wieder zu sehen, sie gerettet, gerechtfertigt wieder zu sehen, ihr alles zu sagen was sie um ihrentwillen gelitten habe, ihre Feinde durch den Glanz ihrer Unschuld, durch den Glanz ihres hohen Standes zu beschämen, was für Vorstellungen! Ida hätte kein Mädchen sein, was sage ich! hätte kein menschlich Herz im Busen tragen müssen, um hier nicht Freude zu fühlen.
Vorlage S. 241
670
Der erwünschte Tag erschien. Ida ward wie eine Fürstinn geschmückt, sie war schön, und die Züge des ausgestandenen Kummers, welche auf ihrem Gesicht noch nicht ganz verwischt waren, dienten nur dazu, ihr Ansehen desto interessanter zu machen.
Vorlage S. 242
671
Graf Eberhard hatte der Kaiserinn Nachricht gegeben, wen er ihr heute vorstellen wollte, und die Fürstinn von Ratibor, ward dazu erwählt, die junge Gräfinn in dem Staatswagen Sophiens abzuholen und sie von der Ungeduld, mit welcher sie erwartet würde, zu versichern. – Wer kennt nicht die eiserne Stirn der gewöhnlichen Hofkreaturen? Die Fürstinn schien nicht verlegen bey dem Auftrage, den sie an die so sehr von ihr beleidigte Ida ablegen musste. Alles womit das edle Mädchen sie für die Unverschämtheit belohnte, mir welcher sie ihre eigene Teilnahme an dem unvermutheten Glück der Verstoßenen, die sie vor kurzem nicht kennen wollte, zur Schau legte, war ein mitleidiger Blick, der am Ende ein wenig ins verachtende fiel.
Vorlage S. 242
672
Graf Eberhard war nicht so nachsichtig; der Charakter einer Abgesandten der Kaiserinn, in welchem die Ratibor erschien, machte, dass er sie schonen musste, aber er sagte ihr genug, um sie an die ganze abscheuliche Rolle zu erinnern, welche sie in Ansehung Idas gespielt hatte, und die niemand besser als ihm bekannt war. Seine Reden voll Kraft und Nachdruck zogen die Augen der Damen, welche nebst ihr gekommen waren, die junge Gräfinn nach Hofe zu führen, mit jenem triumphirenden Blicke auf sie, der noch am ersten im Stande ist höfische Schamlosigkeit nieder zu schlagen. Eine jede dieser Damen pries sich glücklich, Graf Eberhards Tochter nicht geschadet zu haben – eines mehrern konnten sie sich freilich nicht rühmen – indessen die Fürstinn zum erstenmahl in ihrem Leben nicht wusste, wo sie die Augen hinwenden sollte, die sonst so geübt in niederschmetternden Blicken waren.
Vorlage S. 243
673
Ida wurde am Eingange des Zimmers der Kaiserinn vom Herzog von Bayern empfangen: er umarmte sie und machte ihr eine verbindliche Entschuldigung, dass auch er sich in Ansehung ihrer Unschuld habe verblenden lassen. Die Großen haben das Vorrecht, oder glauben es zu haben, dass sie immer mit der kleinsten verbindlichen Rede eine ganze Last von Beleidigungen entsündigen können, und dabei blieb es auch hier. Ueber dieses hatte auch Ida kaum acht auf das, was er sagte, denn ihr Herz wallte nach Sophien zu, welche, noch etwas bleich von der überstandenen Krankheit, im Grunde des Zimmers saß, versuchen wollte aufzustehen, und ihre Arme nach der Kommenden ausbreitete.
Vorlage S. 243
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Ida stürzte sich zu ihren Füßen. Arme liebe Heilige! holde unschuldige Seele! rief die Kaiserinn und drückte sie an ihren Busen, was hast du um meinet willen gelitten! wie war dirs möglich es zu überstehen? Fluch über die, welche meine Schwachheit nützen konnten, meinen Liebling zu verderben.
Vorlage S. 244
675
Ida netzte die Knie der Monarchinn mit ihren Thränen. Steh auf, edles Mädchen, rief Sophie, überlaß das Knien deinen Beleidigern! O wie leid ist mirs, dass sie jetzt deinem Stande das leisten müssen, was sie schon deiner Unschuld schuldig sind! wie leid, dass du nicht mehr die unbekannte Ida Münsterinn bist, die ich so hoch erheben konnte als ich wollte! Warum that das Glück das für dich, was ich so gern dir allein erweisen möchte? –
Vorlage S. 244
676
Sophien machte die Freude beredt, Ida ward stumm durch dieselbe, wahrscheinlich fühlte sie noch mehr als die Kaiserinn; so wie sie zu lieben, vermochten nur wenige Herzen, auch machte das lebhafteste Andenken an ihre Leiden, und an die glänzende Errettung aus denselben, ihre Gefühle mannichfaltiger und unaussprechlicher.
Vorlage S. 244
677
Die Kaiserinn forderte alle ihre Damen auf, die Gräfinn von Würtemberg zu bewillkommen. Die scheinheilige Ratibor, und ihre Tochter, welcher der Neid auf dem blaßgelben Gesicht saß, machten den Anfang, ihnen folgten die andern mit etwas weniger gezwungenem Anstand, alle versicherten, der reizenden Ida wiederführ nicht mehr als sie verdiente, und alle wollten auf den ersten Anblick etwas Großes in ihr geahndet haben.
Vorlage S. 245
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Sophie, welche ihren Neid und ihre heimlichen Verfolgungen besser kannte, lächelte verächtlich, und befahl ihnen sich zu entfernen, um mit dem Herzog von Bayern, Graf Eberhardten und seiner schönen Tochter allein zu sein. –
Vorlage S. 245
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Die Geschichte sagt nicht, worinn die Gespräche dieser vier Personen bestanden, aber dieses meldet sie, dass die Unterhaltung erst denn ihre volle Anmuth erlangte, als Sophie mit Ida allein war. Wer kennt nicht die Ergießungen zweyer gleichgestimmten Seelen, welche durch Leiden getrennt wurden, und die nun das Fest der Wiedervereinigung feyern! auch merkte Ida wohl, obgleich Sophie das Gegentheil versichern wollte, dass ihre erhabene Freundinn sich mit mehr Huld zu der Gräfinn von Würtemberg als zu der geringen Ida Münsterinn herabließ, und ob ihr diese Entdeckung kränkend oder erfreulich war, lässt sich schwer entscheiden.
Vorlage S. 245
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Ida war von dem Glück, das sie an Sophiens Seite genoss, so eingenommen, dass sie ihr ganzes Herz vor ihr ausschüttete, ihr keinen ihrer Gedanken verhelte, selbst ihre Liebe zu Herrmann nicht, selbst nicht seinen nächtlichen Besuch; nur in Erzählung dessen, was sie von ihm erfuhr, brauchte sie einige Einschränkung, weil es Dinge betraf, welche nicht durchgängig sie allein angingen, und von denen sie nicht genau wusste, wie sie von der Monarchinn würden aufgenommen werden.
Vorlage S. 246
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Sophie schwur ihrer Freundinn, ihre Liebe zu Herrmann auf alle Art zu begünstigen, und es ist zu glauben, dass sie, welche vielleicht auch einst gewünscht hätte, wählen zu dürfen, und die das Schicksal zur Gemahlinn eines Wenzels machte, ihr Versprechen so redlich zu halten dachte, dass hierbey für nichts zu sorgen war, als dass sie sich nur zu Erreichung ihres Entzwecks der besten Mittel bedienen möchte. –
Vorlage S. 246
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Ida vermochte alles über die Kaiserinn! auf ihre Bitte ward auch der alte Münster nach Hofe gefordert und mit Gnadenbezeugungen überhäuft, eine Sache, die bey dem dankvollen Herzen seiner ehemahligen Tochter so etwas natürliches war, dass wir sie kaum erwähnt haben würden, wenn sie uns nicht zu einer Erzählung führte, die wir unsern Lesern nicht länger schuldig bleiben dürfen.
Vorlage S. 246
Caspar David Friedrich – Wanderer über dem Nebelmeer, um 1818. Künstlerische Landschaft als Vergleichsmotiv, keine konkrete Buchszene.
Kontextbild zum Werk. Der Wanderer über dem Nebelmeer · Caspar David Friedrich · Public domain Bildquelle ↗
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Sophie war so neugierig als sie vielleicht sein werden, Idas frühe Jugendgeschichte und die Art wie sie aus den Armen ihrer Eltern gerissen wurde, zu erfahren. Münster ward an einem Tage, da er allein mit Ida im Kabinett der Kaiserinn war, aufgefordert, zu erzählen, und er trug vor, was wir im folgenden Kapitel finden werden.
Vorlage S. 247
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Fünf und zwanzigstes Kapitel.
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Idas Jugendgeschichte.
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O Gräfinn, rief Münster nach einigem Nachdenken, welch eine Aufforderung für einen Mann, dem eure Gewogenheit und die Gnade seiner Monarchinn so theuer ist, Fehler zu bekennen, welche ihn um beydes bringen könnten, welche euch in so großes Elend stürzten, und die – am Ende durch nichts entschuldigt werden können, als durch verblendete Liebe gegen ein Weib, das so schön wie Eva wohl einen Adam zur Sünde verleiten konnte. Ida, ihr kennt eure gewesene Mutter, und könnet aus den Ueberbleibseln ihrer Schönheit schließen, ob sie in ihrem vier und zwanzigsten Jahre reizend war. Ich liebte Marien, aber der Unterschied unseres Standes machte mein Glück fast unmöglich; auch unter den Niedern des Volks giebt es Misheurathen. Marie war eine Leibeigene und ich einer von den vornehmsten Dienstleuten des Grafen von Würtemberg. Sie war eine Wittwe; der Tod ihres Mannes, und ihres neugebohrnen Kindes erregte Mitleiden und machte, dass man sich der Verlassenen am Hofe des Grafen mit doppelter Gnade annahm, sie kam in die unmittelbaren Dienste der damahligen Gräfinn von Würtemberg, die Gräfinn starb, und Marie musste ihre Stelle bey der noch nicht entwöhnten Ida vertreten. Schon bey Lebzeiten ihrer Gebieterinn war Maria die Freyheit versprochen worden; der Rang einer Amme in dem gräflichen Hause vermehrte ihre Ansprüche auf diese Gnade, und die Hoffnungen meiner Liebe.
Vorlage S. 247
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Doch das Glück der Geringern ist in den meisten Fällen ein zu kleiner Gegenstand für die Aufmerksamkeit der Fürsten. Man hätte uns durch ein einiges Wort beseeligen, uns auf Lebenszeit verbinden können, aber man sprach dieses Wort nicht. Man entfernte mich weit von dem Orte meiner Wünsche in den Krieg, und begegnete meiner Geliebten mit einer Härte, welche Haß und Bitterkeit in ihr Herz säete und ihr vielleicht in der Folge einen Schritt erleichterte, den sie ohne anderweitige Veranlassungen wohl nicht würde getan haben. Die kleine Ida, ein reizendes Geschöpf, das von jedermann bewundert und von seiner Amme fast vergöttert wurde, war noch nicht zwei Jahr, als die verstorbene Gräfinn von Würtemberg bereits vergessen war, und man darauf sann, eine Person an ihre Stelle zu setzen, welche nichts für sich hatte, die Wahl des Grafen zu rechtfertigen, als Schönheit und hohe Geburt.
Vorlage S. 248
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Sie dachte unedel genug den Charakter einer Gemahlinn Graf Eberhards und den einer Mutter seiner Kinder von einander zu trennen, sie liebte den ersten oder schien ihn zu lieben, und haßte die andern. Marie, welche Mittel gefunden hatte, mir zuweilen heimlich Bothschaft zu tun, ließ mir viel von den Verheerungen sagen, welche die Stiefmutter in dem gräflichen Hause anrichtete: die unerwachsenen Söhne ihres Gemahls wurden in den Krieg geschickt, ohne das was man bey der Art, wie das geschah, auf ihren Stand, ihr Vermögen, oder ihr Alter die geringste Rücksicht nahm, die Töchter wurden an Fürsten verschleudert, welche nur durch ihren Rang auf die Ehre, Graf Eberhards Schwiegersöhne zu sein, Anspruch machen konnten, und deren Fehler man übersah, weil sie gefällig in Ansehung der Aussteuer der jungen Gräfinnen waren. Eine noch unerwachsene Schwester der kleinen Ida kam durch Verwahrlosung ums Leben, und Marie unterließ nicht, diesen Fall auf die Rechnung der Gräfinn zu schreiben, so wie sie die wachsende Kränklichkeit ihres Pflegekinds der jüngsten ihrer Geschwister, nicht ermangelte geheimen Mitteln schuld zu geben, von welchen sie behauptete, dass sie gebraucht würden, auch diese aus dem Wege zu räumen; Beschuldigungen, welche vielleicht zu streng für diejenige waren, welche sie betrafen, und die ich nur um der geliebten Person willen, welche sich mit diesen Dingen beunruhigte, für wahr halten konnte.
Vorlage S. 249
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Ich ward von Marien aufgefordert, heimlich nach der Residenz des Grafen zu kommen, und Mittel ersinnen zu helfen, wie die geliebte Ida zu retten, und meine Verbindung mit meiner Geliebten möglich zu machen sei; welches letztere durch die Härte der neuen Gräfinn, und Mariens beständig verschobene, endlich gar gänzlich versagte Freylassung, so sehr erschwert ward.
Vorlage S. 250
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Die Botschaft meiner Geliebten lenkte meinen Weg nach Wisbaden, woselbst sich der Graf mit seinem ganzen Hause damahls aufhielt. Er brauchte nach den langen, zum Theil für ihn unglücklichen Händeln mit den Reichsstädten, die Ruhe des stillen Orts, und seine Gemahlinn, welche sich schwanger befand, musste sich auf Anrathen der Aerzte daselbst aufhalten. Ich flog in Mariens Arme, niemand durfte meine Anwesenheit wissen, weil mich die Befehle meines Herrn eigentlich an einem andern Orte hätten zurück halten sollen, allein die Nacht begünstigte unsere Zusammenkünfte, bey welchen wir keine andere Zeugen hatten, als die kleine Ida, um welche man sich, seit die Gräfinn schwanger war, noch weniger als sonst bekümmerte, die man mit ihrer Wärterinn in einem elenden abgesonderten Zimmer fast wie gefangen hielt, und es beiden oft an dem nöthigsten fehlen ließ.
Vorlage S. 250
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Die zweifelhaften Aussichten für unsere Liebe waren bey weitem nicht der einige Gegenstand der Unterhaltung bey unsern geheimen Berathschlagungen. Idas Schicksal ging Marien weit mehr zu Herzen als ihr eignes. Hoffe nur nicht, sagte sie zu mir, dass ich je daran denken werde, einen von deinen Anschlägen zu unserer Verbindung zu begünstigen, so lang ich wegen dieses Kindes nicht außer Sorgen sein kann, du musst uns beide retten oder auch auf mich Verzicht tun. – Süße leidende Unschuld! setzte sie hinzu, indem sie die kleine Ida, welche auf ihrem Schoosse eingeschlafen war, an ihre Brust drückte, dich verlassen? dich in den Händen dieser Stiefmutter verlassen? dass dieses ohnedem hinwelkende Leben vollends ganz verblühte? die geknickte Blume völlig gebrochen würde? – sieh nur, Trauter, kennst du wohl in dieser bleichen zärtlichen Gestalt die ehemahls so blühende Ida? und gleichwohl genießt sie nichts als was ich ihr selbst bereite; ich muss besorgen, die Luft, die wir hier athmen, ist vergiftet, und der Basiliskenblick der bösen Gräfinn kann das Leben dieses Kindes zerstören, denn mehr als das Anschauen der holden Kleinen würde ich ihr nie gönnen; wenn sie sie auch so sehr suchte als sie sie jetzt von sich stößt.
Vorlage S. 251
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Liebe und Argwohn machten Marien geschwätzig, sie wusste jeden Tag neue Proben von der Grausamkeit der Stiefmutter anzuführen, und behauptete, wenn die Gräfinn erst selbst Mutter würde, denn müsste alles noch schlimmer gehen, der Graf würde sich noch weniger als jetzt um seine Ida bekümmern, und diese würde ihren künftigen Geschwistern ganz aufgeopfert werden.
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Es war nicht schwer Mariens Wünsche zu errathen, ich sollte durch einen kühnen Streich ihr ihre Freyheit, mir ihre Hand, und der kleinen Gräfinn Rettung aus den Gefahren, die sie umgaben, schaffen; eine Forderung, welche bey mir, was das letzte betraf, immer viel Widerspruch fand. Ich liebte die holdseelige Ida, aber ich konnte mich nicht bereden ihre Lage für so gefährlich anzusehen, dass sie zu Verbesserung derselben ihrem Vater entrissen und der Rechte ihrer Geburt beraubt werden dürfte. Ich rechnete viel von Mariens Besorgnissen auf die übergrosse Zärtlichkeit, die sie für ihr Pflegekind, und den eben so übertriebenen Haß, den sie für diejenige fühlte, welche sich in den Platz ihrer angebeteten Gebieterinn, der verstorbenen Gräfinn von Würtemberg gedrängt hatte. Ich hofte, dem Kinde könne auf leichtere Art geholfen werden, und blieb fest bey dem Vorsatze, nie mich zu einem Raube zu verstehen, den ich für den sträflichsten von allen hielt.
Vorlage S. 252
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Indessen ereignete sich eine Begebenheit, welche mich überwand und Mariens Anschläge zur Würklichkeit brachte, ohne dass es nötig war die geringsten Anstalten dazu zu machen. Was soll ich sagen? Liebe und Mitleid besiegten, der Anschein einer besondern göttlichen Fügung verblendete mich, Marie war klug genug meine Schwäche zu nützen, und der Schritt ward getan, welcher mir in der Folge so viel Sorge, Reue und Gewissensbisse, und diesem unglücklichen Kinde so viel Leiden machte, der Schritt, dessen böse Folgen jetzt erst, wie ich hoffe, gänzlich gehoben sind.
Vorlage S. 253
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Ich hatte meine Wohnung, um desto verborgener zu bleiben, eine reichliche Stunde von dem Schlosse, auf welchem Graf Eberhard zu Wisbaden residirte. Ich machte mich täglich bey eintretender Nacht auf, Marien zu besuchen, und kehrte nach dem Gespräch von einigen Stunden, den seeligsten meines Lebens, zurück, um nicht von dem anbrechenden Tage verrathen zu werden. Mein Weg trug mich allemahl durch ein dichtes Gehölz, welches von den Leuten dieser Gegend für die Wohnung böser Geister gehalten wurde, und das ich also ohne die Kraft der allmächtigen Liebe nie würde haben ohne Schauer betreten können, vornehmlich da mir in demselben sehr oft Dinge begegneten, welche ich mir nicht recht zu erklären wusste.
Vorlage S. 253
696
Gott weis, sagte ich oft zu Marien, was ihr in eurem Walde habt. Dieses bey Tage so öde Gehölz ist zur Nachtzeit durchaus belebt, Stimmen lassen sich hören, Gestalten schleichen auf und ab, und kommen oft so nahe, dass sie mich zu berühren scheinen; aber, Gott sei Dank, sie tun dem friedlichen Wanderer kein Leid, auch lasse ich sie gehen, mache mein Kreuz, und scheine sie nicht zu bemerken.
Vorlage S. 254
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Eines Abends, da ich Marien, wegen einer Krankheit ihres Pflegekinds, die ihr keine Achtsamkeit für mich überließ, zeitiger als sonst verlassen hatte, begegnete mir etwas, das meine Zweifel in Ansehung des unheimlichen Waldes gänzlich aus dem Wege räumte, und das Signal zu einer Handlung gab, die ausserdem wohl nie würklich geworden sein möchte.
Vorlage S. 254
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Es war eine von jenen finstern Nächten des Herbsts, in welchen kein Mond, kein Sternenlicht durch die nebliche Luft zu dringen vermag. Ein feuchter Duft ruhte auf der ganzen Gegend, man ging wie in einer Wolke, und sahe nichts als zuweilen einen hüpfenden schnell auffahrenden Funken, der vielleicht von Irrlichtern, vielleicht von noch etwas schlimmern herrühren mochte.
Vorlage S. 255
699
Ich tappte auf dem so oft gethanen Wege wie ein Unwissender, stieß wider die Bäume an, glitt auf dem morastigen Boden aus, rafte mich auf, tappte von neuem, und verlor den Pfad endlich so gänzlich, das ich, aus Furcht immer tiefer in das Gehölz, vielleicht an gefährliche Oerter zu gerathen, die man mir in der Herberge genannt hatte, mich entschloß den Morgen abzuwarten, und die Nacht auf dem feuchten Boden zuzubringen, den ich so gut ich konnte mit dem abgefallnen Laube bedeckte, das ich in der Dunkelheit zu sammen zu raffen vermochte.
Vorlage S. 255
700
Ich hatte noch keine Stunde auf diese Art geruhet, als ich das Geräuch hörte, welches mir in diesem Walde so oft kalten Schauer gemacht hatte, und das dem entfernten Schritt gewapneter Leute glich. Es kam näher, zertheilte sich, ward still, und erhob sich von neuem. Mich dünkte, ich hörte jetzt einen doppelten Fußtritt, und die Stimme zweyer dieser Wesen, die ich bis hieher für Geister gehalten hatte. Dicht an dem Strauch, hinter welchem ich lag, hielten sie, und ich vernahm zum erstenmahl! dass diese Stimmen, die mir der Wiederschall des Waldes bisher nur immer wie ein holes unartikulirtes Lallen zum Ohre geführt hatte, würkliche Worte zu bilden vermochten: eine Entdeckung, welche mir grosse Zweifel in Ansehung desjenigen beybrachte, was ich bisher von ihnen geglaubt hatte. Immer dachte ich, und ich denke es auch noch, jene stillen Bewohner einer andern Welt müssen andere Mittel haben, einander ihre Gedanken mitzutheilen als menschliche Worte.
Vorlage S. 255
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Mein Muth fing an zu wachsen! ich strengte mein Gehör an um durch dasselbe den Mangel des Sehens zu ersetzen, welches die undurchdringliche Nacht mir gänzlich verwehrte. – Ich ward bald völlig überzeugt, dass diese Schreckbilder, welche mich bisher so oft geängstigt hatten, Menschen waren wie ich, die sich über die Unbequemlichkeit der Witterung beschwerten, auf die schmähten, welche ihnen zu befehlen hatten, und den Tag herbey wünschten. Schon war ich im Begriff mich ihnen kund zu geben, und durch gemeinschaftliches Gespräch und vielleicht gegenseitige Hülfe die lange Nacht zu vertreiben, und uns unsere Lage zu erleichtern, aber einige Worte, die ich hörte, machten mich neugierig vorher zu wissen mit wem ich zu tun habe, und ich zog mich dichter zusammen um desto bequemer zu lauschen.
Vorlage S. 256
702
Was war das? rief einer von ihnen, es rauschte im Gesträuch! Ist der Mann aus dem Walde schon vorüber? – Einmahl: sagte der andere. Das zweytemahl erscheint es gemeiniglich wenn die Nacht sich vom Tage scheidet. Es tut keinem Menschen leid, fürchte dich nicht, und wenn es jetzt vorbeystriche.
Vorlage S. 257
703
Ich halte, sprach der andere, es ist Hans Herdsmann, der wie das Landvolk spricht, in dieser Gegend erschlagen ward, ich gehe ihm allemahl aus dem Wege, wenn ich ihn ziehen sehe, und bete vor seine arme Seele. Gott tröste ihn, sprach der erste, sein Gewand ist weiß, das Blut, das man ihm aus dem Leibe zapfte, klebt nur an seinem Saume, er mag wohl unschuldig gewesen sein.
Vorlage S. 257
704
Diese und noch einige Worte der Art machten mir es wahrscheinlich, dass meine Nachbaren von mir sprachen; mein weißer Reutermantel mit den rothen Säumen ward gar zu natürlich bezeichnet, und es nöthigte mir ein heimliches Lachen ab, dass ich hier die Rolle eines Gespenstes bey denen gespielt hatte, welche ich selbst, nicht ohne Schauer, für Geister zu halten gewohnt war.
Vorlage S. 257
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Mich dünkte, ich hörte etwas, fing der eine an, wie wenn einer in die Faust lacht; es neckt uns hier, wir wollen weiter gehen! – Nicht von der Stelle, rief der andre, du weißt, dass wir die Herrn hier erwarten müßen. – Sind sie wieder auf Wisbaden zugeritten? – Ja, mich wundert nur noch was aus diesen Dingen werden wird –
Vorlage S. 258
706
Bald darauf hörte ich das Geräusch einiger Kommenden. Meine bisherigen Nachbarn mussten abtreten, nachdem sie ihren Herrn unter den Bäumen ein Lager von ihren Mänteln gemacht hatten. Meine neuen Gesellschafter waren allein, und ich hatte Gelegenheit ein Gespräch zu hören, welches interessanter war, als das vorige, und das endlich meine Aufmerksamkeit so ganz hinriß, dass wenig fehlte, ich hätte mich verrathen. Was ich vernahm, war nichts geringers als ein Anschlag auf den Grafen von Würtemberg, den sie in seiner Sicherheit zu Wisbaden zu überrumpeln dachten. Der eine von meinen Nachbarn, der das Haupt einer nicht kleinen Anzahl von räuberischen Rittern zu sein schien, wie ich aus seinen Reden abnehmen konnte, bekannte seinem Gefährten offenherzig, dass er nicht so wie seine Leute auf die ansehnliche Beute dächte, welche ihnen bey dem reichen Grafen nicht entgehen könne, sondern mehr auf Graf Eberhards schöne Gemahlin, welche ihn ehemahls geliebt habe, seiner müde geworden sei, und bald darauf sich in die Arme des Grafen von Würtemberg geworfen habe.
Vorlage S. 258
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Ich ward in meinem Gebüsche immer aufmerksamer, denn jetzt hörte ich die Anzahl der Feinde Graf Eberhards, jetzt ihre Nahmen nennen, unter welchen sich auch zwei Herrn von Unna, unsers Herrmanns Vater und Bruder befanden. Der Morgen fing an heranzudämmern; es erschienen mehrere Geharnischte: man ging zu Rathe; die beiden ersten Ritter sagten aus, was sie zu Wisbaden erkundschaftet hatten; der Tag des Ueberfalls ward bestimmt, und, o stellt euch mein Entsetzen vor, es war der, welcher eben jetzt angebrochen war; mein Anschlag, den Grafen zu warnen, den ich währenden Hören fasste, musste augenblicklich ausgeführt werden, wenn ich dem Unglück das ihm drohte, zuvorkommen, und ihm Zeit gewinnen wollte, auf seine Rettung zu denken.
Vorlage S. 259
708
Ohne mich lang zu besinnen erhob ich mich leise aus meinem Hinterhalt. Ich wollte die Meynung nützen, welche die Knechte von mir hatten, und wovon ich auch in dem Gespräch der Ritter einige Spuren entdeckt hatte. Ich kehrte meinen Mantel um, damit die ganz roth gefärbte innere Seite meine Erscheinung desto schrecklicher machte. Ich ging langsam einen Pfad, welcher dicht bey ihnen vorbei führte; ich merkte, dass man mich ungeachtet der Dämmerung gewahr ward, und dass mein Anblick ein allgemeines Entsetzen verbreitete. Alle schwiegen wie vom Donner der Sprache beraubt, und ich war schon ziemlich entfernt, als ich erst die Worte vernahm: Schon fast Tag, und noch diese Erscheinung? so nahe bey uns? Sein Gewand blutroth? Das bedeutet nichts guts, der Tag wird blutig werden!
Vorlage S. 259
709
Sobald ich ihnen aus den Augen war, verdoppelte ich meine Schritte, und kam fast außer Atem zu Wisbaden an. Ich verlangte mit dem Grafen zu sprechen; man sah mich mit Verwunderung an und brachte meinem Herrn geschwind die Botschaft: Münster, den man in Italien geglaubt habe, sei angelangt, und habe ihm wichtige Dinge vorzutragen.
Vorlage S. 260
710
Graf Eberhard empfing mich, ungeachtet ich unzurückgefordert erschien, gnädig; meine bekannte Treue machte ihm muthmaßen, dass ich nicht ohne Ursach meinen Posten verlassen haben würde. Ohne mich mit den Bewegungsgründen meiner Ankunft in diesen Gegenden aufzuhalten, entdeckte ich gleich, was ich diese Nacht im Walde gehört, den Anschlag der Martinsritter, (diesen Namen hatten sie sich gegeben, weil sie ihrer Sache am Martinsabend waren einig geworden) und die Zeit des Ueberfalls.
Vorlage S. 260
711
Unvorsichtiger Weise erwähnte ich auch das, was der verstoßene Liebhaber der Gräfinn von Würtemberg von dieser seiner ehemahligen Geliebten gesagt hatte, und verderbte damit den ganzen Handel. Die Gräfinn war gegenwärtig; sie schrie über Beschimpfung, gab mein ganzes Anbringen für Fabel aus, die zu Erreichung irgend eines boshaften Entzwecks erdichtet sei, sprach, meine heimliche Anwesenheit sei ihr nicht ganz unbekannt, einige des Gesindes hätten mich schon seit etlichen Tagen in diesen Gegenden gesehen und was der Anklagen weiter waren, welche Graf Eberhardten gegen alles, was ich ihm vorstellte, verblendeten, und mich ins Gefängnis brachten.
Vorlage S. 261
712
Man stelle sich meine Angst vor! – Nicht allein in bösem Verdacht bey meinem lieben Herrn, ins Gefängnis gerathen zu sein, sondern auch meine guten Absichten vernichtet, ihn, und die ich so sehr liebte, meine Marie und das Kind, das ihr alles war, der größten Gefahr unvorbereitet überlassen zu sehen.
Vorlage S. 261
713
Die Zeit des Ueberfalls erschien; mein Herz schlug stärker. Einigen Trost gab es mir doch, dass ich auf dem Schloßhofe Geräusch von Wagen und Pferden, und Geschrey der hinweg eilenden vernahm, es schien doch, dass man meine Worte nicht gänzlich in den Wind geschlagen habe, war doch möglich, dass die, welche ich liebte, gerettet wurden.
Vorlage S. 261
714
Die Todtenstille, welche hierauf folgte, bestärkte mich in meiner Meynung, und ich hörte es mit ziemlicher Ruhe, als ich um die Abendzeit wildes Waffengetös und alle Anzeichen vernahm, dass die Martinsritter ihrem Vorsatz getreu geblieben waren, und sich eingestellt hatten. Was sie fanden, was sie ausrichteten, war mir unmöglich zu errathen, ich hörte blos Geschrey der Obsiegenden und Unterliegenden, und o Himmel, endlich ward mir fast alle Besonnenheit benommen, als ich Worte vernahm, die mir wahrscheinlich machten, man wollte, um die vorgehabte Frevelthat zu bekrönen, das Schloß beym Abschiede den Flammen übergeben; eine Drohung, die mir das Blut in den Adern zu Eis machte und welche bald darauf durch alle meine Sinne bestätigt ward. Der Rauch drängte sich durch die kleine vergitterte Oefnung im Gewölbe meines Kerkers herein, mein düstrer Aufenthalt ward durch Feuerstrahlen erhellt, ich war gefangen, musste hier ohne Hülfe verderben, wenn nicht ein Wunder zu meiner Rettung geschah.
Vorlage S. 262
715
Ich hielt mich nicht für heilig genug ein solches vom Himmel zu erwarten, und bediente mich in Ermanglung dessen meiner starken Schultern, welche ich wider die Thür meines Kerkers setzte, und mir dadurch, indem ich sie zersprengte, Luft machte; ein Entschluss, den ich eher hätte fassen können, ohne erst das Aeußerste abzuwarten.
Vorlage S. 262
716
Ich kam aus dem unterirdischen Gange, in welchen die Thür meines Kerkers führte, endlich in einen der Schloßhöfe hinauf. Der eine Flügel des Gebäudes stand in vollen Flammen; unwillkührlich wandten sich meine Augen nach dem andern, in welchen Mariens Kammer lag, und der bis jetzt nur noch erst an einigen Stellen glimmte und rauchte. Wohl mir, sagte ich zu mir selbst, dass sie geborgen ist, ohne Zweifel war sie mit unter denen, welche dem Verderben noch zu rechter Zeit entkamen. Aber ist sie auch geborgen? flüsterte mir der Engel der Liebe zu, und ohne mich weiter zu besinnen, flog ich nach dem Orte, den ich nie mit dem Wunsche betreten hatte wie jetzt, Marien nicht daselbst zu finden.
Vorlage S. 263
717
Alles war öde und stille, jedermann schien geflohen zu sein. Der Rauch und die Hitze waren fast unausstehlich. Marie wird nicht allein zurückgeblieben sein, rief in mir die Selbstliebe und der Abscheu vor der Gefahr, die mir hier auf jedem Schritte drohte, aber die Liebe sprach lauter; ich musste mich unwidersprechlich überzeugen, und eilte die hundert Treppen hinauf, die man bis zu Mariens armseligen Kämmerlein zu steigen hatte. – Nahe am Ende meines mühseligen Weges machte mich das Winseln eines Kindes aufmerksam. Ich verdoppelte meine Schritte. Ich vernahm die Stimme der kleinen Ida deutlicher. Jetzt stand ich an ihrer Thür, die, o Entsetzen, mit einem großen eisernen Riegel von außen versperrt war, ich brach hinein, Marie lag ohnmächtig auf dem Boden, das Fenster war geöfnet, aus welchem sie vermuthlich hatte entfliehen wollen, aber von der Höhe des Sprungs zurück geschreckt worden war, die kleine Ida lag schreyend auf der Erde und schien ihre Amme erwecken zu wollen. Welch ein Anblick! – Doch ich hielt mich nicht mit langen Betrachtungen auf. Marie ward ziemlich ungestüm vom Boden aufgerissen und auf meine Schultern geladen, die kleine Gräfinn schloss ich in meine Arme, und so kam ich, ich weis noch selbst nicht wie, in den Hof hinab, wo ich meine Bürde von mir legte um zu Atem zu kommen. Ein Engel musste mich auf seinen Fittigen getragen haben, sonst wärs fast unmöglich gewesen, bey der erstickenden Luft, bey dem immer gefährlicher werdenden Wege das zu vollbringen, was ich getan hatte.
Vorlage S. 263
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Marie kam zu sich selbst. Wir nützten den ersten Augenblick, da sie zu gehen vermochte, unsere Flucht weiter fortzusetzen, denn so weitläuftig auch der Schloßhof war, so fanden wir doch auch hier keine Sicherheit mehr. Wir entkamen in das Gehölz, den bisherigen Aufenthalt der treulosen Mordbrenner, und hier erst war es, da wir es wagten zu ruhen und uns vor Feuer und Feindesschwerd sicher hielten.
Vorlage S. 264
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Ich fragte Marien, wie es möglich sei, dass man sie und die kleine Gräfinn allein in dem verlassenen Schlosse habe zurücklassen können. Ich merkte aus ihren Antworten, dass sie von allem was vorgegangen war nichts gewusst hatte, bis die Feuersbrunst sie vor ihr Leben besorgt gemacht, sie vergebens um Hülfe gerufen, vergebens die Thür zu öfnen, vergebens hinab zu springen gesucht hatte und endlich aus Entsetzen ohnmächtig nieder gesunken war.
Vorlage S. 265
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Die wahre Beschaffenheit der Sache war, wie ich lang nachher erfuhr, diese. – Graf Eberhard von seinem Weibe, Gott weis aus welcher Absicht, getäuscht, glaubte meinen Warnungsworten nicht eher, bis schon, nachdem ich etliche Stunden im Gefängnis gelegen hatte, meine Aussage durch einen Hirten dieser Gegend bestätigt ward. Dieser Mann hatte so wie ich, etwas von dem Anschlage der Martinsritter belauscht, und eilte den Grafen zu warnen. Graf Eberhard eilte, das, was ihm am liebsten war, seine Familie in Sicherbeit zu bringen, indessen er zurückbleiben, seine Leute sammeln, und den Feind erwarten wollte. Der Hirt machte sich anheischig die Fliehenden durch einen geheimen Bergweg zu retten. Der Graf letzte sich mit seiner Gemahlinn, befahl ihr, nichts im Schlosse zu lassen, was gerettet zu werden verdiente, und bezog seinen Posten. Die Gräfinn hatte den Befehl ihres Herrn befolgt, nichts war im Schlosse geblieben, was sie der Rettung würdig schätzte; dass hierunter die Amme und Ida sich nicht befand, dass sie wissentlich oder aus Versehen vergessen ward, ist bey den Gesinnungen ihrer grausamen Stiefmutter so sehr nicht zu verwundern.
Vorlage S. 265
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Indessen wusste Marie von allen diesen Dingen nichts. Sie bemerkte wohl einigen Auflauf in dem Hofe, in welchen ihre Fenster gingen, sah, dass man Anstalten zu einer Reise machte, aber sie ahndete, es würde eine von den gewöhnlichen Reisen zu den benachbarten Edeln sein, während welchen sie mit ihrem Pflegkinde immer das glücklichste Leben zu führen pflegte, und denen sie immer mit Freuden entgegen sah. Die Höhe ihrer Wohnung verhinderte sie, zu verstehen, was in der Tiefe gesprochen wurde, so wie auch der abgelegene Hof, in welchen ihre Fenster gingen, sie zu sehr von der Hauptseite des Schlosses entfernte, als dass sie den Anfall der Feinde anders als in der Ferne hatte vernehmen können.
Vorlage S. 266
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Doch machte sie das, was sie davon hörte, neugierig genug, um sie zu bewegen, den verbotenen Weg aus dem kleinen Revier, das sie bewohnte, versuchen zu wollen, sie fand es ohne sonderliche Befremdung verschlossen; dergleichen pflegte, wenn der Gräfinn die Laune kam, oft zu geschehen, und sie hofte, die Oefnung der Thür und die Erklärung dessen, was sie wissen wollte, von der Magd, welche gewöhnlich das Abendessen zu bringen pflegte. Sie erschien nicht, es ward spät. Marie und die kleine Ida, schon gewohnt, zuweilen ungespeist zu Bette zu gehen, entschliefen, und wurden endlich durch das Getös des Feuers er weckt Sie suchte vergebens zu fliehen. – Furcht und Entsetzen benahmen ihr die Sinne, und sie sah sich jetzt gerettet, durch mich gerettet, ohne weder Gefahr noch Rettung ganz begreifen zu können. – Auf die Erklärungen, die wir uns hierüber machten, folgten Entschließungen für die Zukunft; die Meinigen waren von Mariens ganz verschieden. Ich sann darauf, die kleine Ida wieder in ihres Vaters Hände zu liefern, indessen sie von dem letzten bösen Streiche, den man diesem unglücklichen Kinde gespielt hatte, bis zur Wuth erbittert, mir zuschwur, nie mir wieder einen Blick zu gönnen, wenn ich meine Absicht ausführte. Ob Marie Ursach hiezu hatte, ob es wahr war, dass die kleine Gräfinn wieder in die Hände der Stiefmutter zu bringen und sie zu ermorden, einerley sei, das gebe ich meinen erhabenen Zuhörerinnen zu bedenken; mir wollte es nicht ganz einleuchten. Ich hoffte auf Graf Eberhards Liebe für seine Tochter, und auf seinen Schutz, wenn man ihm die Augen über die bösen Gesinnungen seiner Gemahlinn öfnete? aber Liebe und Unmöglichkeit setzen sich der Ausführung dessen, was ich für recht hielt, entgegen. Ungern wollte ich Mariens Liebe verlieren, und unmöglich war es jetzt zu Graf Eberhardten zu kommen und ihm sein verlornes Kind wiederzugeben. Die Martinsritter machten die Wege noch immer unsicher. Der Haß der Reichsstädte machte, dass der Graf von Würtemberg lang keine bleibende Stätte hatte. Mit Mühe wusste er seine Gemahlinn aus den Händen der Räuber retten, in welche sie aller Vorsicht ungeachtet doch gefallen war Sie fanden endlich Zuflucht bey dem Bischoff von Strasburg, aber dieser war ein Verwandter der Gräfinn von Würtemberg, und wir mochten ihm unsere Ida nicht vertrauen.
Vorlage S. 266
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Wir hatten indessen bereits Ruhe und Glück gefunden. Ein Auffenthalt von etlichen Tagen in dem Walde, den man in dieser Gegend für eine Wohnung der Geister hielt, hatte uns zu Besitzern eines kleinen Schatzes gemacht, der die Quelle unserer nachmahligen Reichthümer ward. Ich wollte mir und den Meinigen gleich am ersten Tage unserer Ankunft im Walde eine Art von Obdach wider den Regen, der unaufhörlich herabtroff, erbauen, ich grub in die Erde um einige Pfähle einzurammeln, ich stieß auf ein kleines eisernes Behältniß, das mit Geld angefüllt war, und das, wie wir aus einem dabei gelegten Stück Pergament sahen, jenem Hans Herdsmann gehört haben mochte, den man in dieser Gegend für einen Räuber hielt, und als einen solchen vor mehr als zwanzig Jahren in diesem Walde überfallen und erschlagen hatte.
Vorlage S. 268
724
Ich erinnerte mich dieser letzten Umstände aus dem Gespräch der beiden Reuterknechte der Martinsritter, die ich des vorigen Abends hier belauscht hatte, und hielt es nicht für Unrecht der Erbe desjenigen zu sein, dessen Person ich in den Augen der furchtsamen Krieger eine Zeit lang gespielt hatte.
Vorlage S. 269
725
Unser gefundenes Geld machte, dass es uns, nachdem wir den Wald verlassen konnten, nicht an Zuflucht fehlte. Wir wandten uns nach Nürnberg, wurden als entflohne Unterthanen des Grafen von Würtemberg, wofür uns Mariens Geschwätzigkeit bald bekannt machte, wohl aufgenommen, und durch Gefälligkeiten und Versprechungen fest gehalten. Ich heyrathete meine Geliebte, und musste ihr, ehe ich ihre Einwilligung erhielt zuschwören, in den nächsten zehn Jahren nicht an Idas Auslieferung zu denken, sondern sie, bis sich die Zeiten für dieses unglückliche Kind besserten, als meine Tochter anzusehen.
Vorlage S. 269
726
Wir richteten unser Hauswesen ein, ich fing an zu arbeiten, ich lieferte Stücke, welche Verwunderung erregten, und meinen Ruf weit ausbreiteten. Ich arbeitete für Kirchen und Klöster, ward endlich nach Prag berufen, wo die Erbauung der Domkirche mich so lange in Arbeit erhielt, bis ich die Stadt gewohnt zu werden, sie lieb zu gewinnen begann und daselbst zu bleiben beschloss. Unsere Ida war indessen herangewachsen, ihre Schönheit und die Erziehung, die wir ihr in Rücksicht auf ihren Stand gegeben hatten, zeichneten sie aus; wir mussten sie eingezogen halten, wenn wir kein Aufsehen erregen wollten. Der Vorwitz meines Weibes machte, dass die Regel, die ich ihr in Ansehung der jungen Gräfinn vorgeschrieben hatte, ein einig mahl überschritten wurde; Ida kam bey eurer Vermählung, gnädige Frau, zum Vorschein, und diese einige Erscheinung ward der Grund alles ihres nachmahligen Unglücks.
Vorlage S. 270
727
Meines höchsten Glückes! rief Ida, indem sie Sophiens Hand zärtlich an ihre Lippen zog.
Vorlage S. 270
728
Marie, fuhr Münster fort, hatte ihre eigene Absichten; sie machte sich Vorwürfe, die geliebte Gräfinn um die Vorrechte ihres Standes gebracht zu haben, aber nie wollte sie einwilligen, dass ich sie wieder in das Haus ihres Vaters brächte, sie wollte sie empor heben ohne seine Hülfe, sie haßte ihn viel zu sehr, konnte ihm seine blinde Liebe gegen Idas Stiefmutter und die Nachläßigkeit gegen sein Kind viel zu wenig verzeihen, als dass sie ihm gönnen sollte Anteil an dem künftigen Glück ihrer Pflegetochter zu haben. Sie hofte auf die Gnade der Kaiserinn, hofte auf den jungen Herrmann von Unna, von welchem sie bald merkte, dass er Ida liebte, und den sie um so viel mehr begünstigte, weil sie wusste, dass sein Haus dem Grafen von Würtemberg zuwider war. Sie machte tausend Entwürfe, that tausend falsche Schritte hinter meinem Rücken, bis sie endlich das Schicksal derjenigen, die sie liebte, so sehr verwickelte, dass die, welche sie glücklich zu machen suchte, beinahe das Opfer ihrer verunglückten Plane geworden wär, wenn nicht ich endlich noch mit meinem Anschlage durchgedrungen hätte. – Ich offenbarte Idas Herkunft ihrem Vater, es war leicht ihm die Augen ihretwegen zu öfnen, Idas Gesicht und andere Merkmahle waren zu kenntlich um von ihm verworfen zu werden, überdieses ist die böse Stiefmutter seit länger als einem Jahre gestorben, der Tod ihrer einigen Tochter, der verschmähten Braut des Herzogs von Braunschweig, zog den ihrigen nach sich, und Graf Eberhards Herz war jetzt leer und frei genug, um diejenige aufzunehmen, die er ehemals vernachläßigte, sie auf Vorspiegelung seines Weibes bisher bald für verloren, bald für Tod hielt und – und welcher er nun verspricht ihr alles zu ersetzen, was sie ehedem durch seine Schuld litte.
Vorlage S. 270
729
Münster stockte beym Ende seiner Erzählung, Ida seufzte, und Sophie versprach, ihre Mutter und Versorgerinn zu sein, wenn der Graf es an treuer Erfüllung seines Versprechens sollte ermangeln lassen. Das vornehmste, setzte sie hinzu, was wir jetzt zu tun haben, wird sein, dass wir dich, liebe Ida, so bald als möglich zur Gemahlinn deines Herrmanns machen. O mein Kind, das Leben ist kurz, man kann nicht zu zeitig anfangen glücklich zu sein! Die Väter sind zuweilen wunderlich, denken eine Tochter überherrlich zu beglücken, wenn sie sie mit irgend einem großen Herrn verbinden, dem es an Liebe, Tugend und Anmuth gebricht, der nichts vor sich hat als sei nen Rang, ach Ida! ich weis Exempel!
Vorlage S. 272
730
Die Kaiserinn seufzte tief bey diesen Worten, und Ida verstand sie vollkommen. Sie dankte ihr für den Eifer, mit welchem sie sich ihrer anzunehmen dachte, und setzte sehr weislich die Bitte hinzu, nichts zu übertreiben, sondern es der Zeit zu überlassen, Dinge möglich zu machen, an welche jetzt schwerlich zu denken sein würde; eine Vorstellung, welche bey Sophien sehr nötig war, und die doch gänzlich von ihr in den Wind geschlagen wurde.
Vorlage S. 272
731
Sechs und zwanzigstes Kapitel.
Vorlage S. 273
732
Schaden durch übergroße Gnade.
Vorlage S. 273
733
Ida musste sich auf Befehl der Kaiserinn entfernen. Münster, den sie gern auf jede Art auszeichnete, es gern vor aller Welt sehen ließ, dass sie noch immer kindliche Gesinnungen gegen ihn hege, sich nicht schäme einst seine Tochter geheißen zu haben, begleitete sie nach Hause, und sie brachte daselbst einige der seligsten Stunden ihres Lebens in seiner Gesellschaft zu. Seine Erzählung hatte die heißesten Gefühle der Dankbarkeit in ihrem Herzen rege gemacht, die mancherley Gefahren, aus denen er sie rettete, die mehr als väterliche Zärtlichkeit, mit welcher er sich ihrer annahm als sie ganz verlassen war, die Aufopferung, mit welcher er immer ihr Wohl dem seinigen vorzog, was für Stoff zu Herzensergießungen, die sie auf seine Bitte nie öffentlich wagen, allezeit für die Einsamkeit versparen musste!
Vorlage S. 273
734
Einige Stunden entflohen ihnen auf diese Art, ohne dass sie es gewahr wurden, und eine ähnliche Zeit würde kaum hinlänglich gewesen sein, das was sie noch vor sich hatten zu enden, denn eben entdeckte Ida ihrem ehemaligen Vater den Wunsch, diejenige, welche sie so lange Mutter genannt hatte, der sie ebenfalls tausendfachen Dank schuldig war, immer um sich zu haben, und die Hoffnung, die Erfüllung desselben leicht beym Grafen von Würtemberg zu erhalten.
Vorlage S. 273
735
Münster schüttelte den Kopf, er schien die Ehre, welche man seiner Marie zudachte, weder zu wünschen noch zu hoffen, er wollte den Grund seiner Zweifel eben entdecken, als Idas Frauen die Ankunft des Grafen meldeten. Die beiden Sprechenden erhuben sich dem Kommenden in tiefer Ehrfurcht entgegen zu gehen. Der Graf trat ungestüm ein, ein Ungewitter schwebte auf seiner Stirne, er beantwortete Idas Liebkosungen mit Kälte, und befahl ihrem ehrwürdigen Freunde mit einem Winke sich zu entfernen.
Vorlage S. 274
736
Ich wundere mich, rief er nach einem langen unruhig Auf- und Abgehen, ich wundre mich, wie du in deiner jetzigen Lage vergangne Zeiten noch so gar nicht vergessen kannst; du bist die Tochter des Grafen von Würtemberg, nicht dieses Münsters, den du wegen des Unrechts, das er dir angethan hat, hassen und fliehen, ihn nicht mit Liebkosungen überhäufen, nicht Stunden lang in deinem Zimmer dulden, oder dich öffentlich von ihm begleiten lassen solltest.
Vorlage S. 274
737
Mein Vater! Ein so treuer Diener wie Münster, der Retter, der Versorger eurer Tochter, als sie – –
Vorlage S. 275
738
Genug! – Ich höre, dass er die Geschichte deiner Entführung heute in Gegenwart der Kaiserinn erzählt hat, und ich hoffe, du wirst klug genug sein einzusehen, wie schlecht er an dir handelte, wie sehr er durch diese That, welche alle seine Erdichtungen nicht zu entschuldigen vermögen, an dir und mir handelte. – Ich hätte Recht und Macht ihn zu strafen, aber – um deinetwillen schone ich ihn. Lass dies genug sein, und reize mich nicht weiter.
Vorlage S. 275
739
Ida, welche nicht an diesen Ton der väterlichen Sprache gewöhnt war, wusste das, was sie hörte, nicht anders als mit Stillschweigen zu erwiedern. – Es erfolgte eine lange Pause, Graf Eberhard setzte seinen Spatziergang fort und fing nach einer Weile das Gespräch von neuem an.
Vorlage S. 275
740
Ich habe, sagte er, heute auf mannichfaltige Art um deinetwillen gelitten. Am Morgen vernahm ich Dinge von dir, welche ich für unglaublich hielt, und am Abend wurde mir bey Hofe über einen gewissen Gegenstand zugesetzt, der meinen Glauben an deine Unschuld wankend machte, und den –
Vorlage S. 275
741
Lieber Vater, sprach Ida mit liebkosendem Ton, nicht diesen geringen Blick, der Unwille hemmt eure Worte, was habe ich getan? sollte ich wirklich, wirklich so unglücklich sein, euch Leiden zu machen?
Vorlage S. 275
742
Das thust du, wenn du nicht im Stande bist, die Fragen, welche ich dir jetzt vorlegen will, mit nein zu beantworten – Komm, sage mir, sollte es möglich sein, dass in jener Nacht, der ersten, nachdem du wusstest, dass ich dein Vater sei, in jener Nacht, da ich dich zur Unzeit wachend fand, du einen Jüngling bey dir gehabt habest, der, als ich erschien, mit Lebensgefahr vom Altan in den Garten hinabsprang, bey der Wache vorbei strich, und von ihr in Zweylichten für Herrmann von Unna erkannt wurde? Du schweigst? – Eine schöne Vertheidigung deiner Unschuld! – Höre die zweite Frage: Warst du es, welche die Kaiserinn bewog, mich diesen ganzen Abend mit Bitten, mit Vorstellungen wegen der unmöglichen Liebe zu quälen, die zwischen dir und diesem Herrmann, diesem elenden Sprößling eines verworfenen Hauses statt finden soll? – Du weißt die Bitten der Monarchinn sind Befehle, war dir es möglich deinen Vater in eine solche Verlegenheit zu stürzen? – Du schweigst abermahls? – Gut, ich kenne dich nunmehr! Ich weis, was ich zu tun habe, dein Urteil ist gesprochen!
Vorlage S. 276
743
Der Graf von Würtemberg entfernte sich, und hinterließ seine Tochter in einer Bestürzung, welche durch nichts vermehrt werden konnte, als durch den Befehl, den sie noch diesen Abend erhielt, sich zur Abreise gefasst zu halten, weil Dinge von Wichtigkeit es notwendig machten, den Hof eilig zu verlassen.
Vorlage S. 276
744
Ida verstand vollkommen, welches die Bewegungsgründe zu dieser schleunigen Reise waren. Sie sah alle Hofnungen ihrer Liebe wie einen Dampf verschwinden, bedauerte es, sich einer Vorbitterinn vertraut zu haben, welche durch den Eifer, mit welchem sie ihr zu dienen strebte, alles verderbte, bedauerte jeden Schritt, den sie getan hatte, selbst ihre Liebe zu Herrmann, weil durch sie ein Vater gekränkt wurde, der sie verehrte, dem sie zu gefallen, ihn glücklich zu machen wünschte. Die Trennung vom alten Münster, von der geliebten Kaiserinn, ihr dunkles Schicksal in der Zukunft, was für Aufgaben zu den traurigsten Betrachtungen! sie verlor sich in denselben, überließ ihren Frauen die Zubereitungen zur Reise, dachte an kein zur Ruhe gehen, und war daher des Morgens, als ihr Vater kam sie abzuholen, schon völlig gekleidet, um ihm überall hin zu folgen; ein Umstand, der ihn ohne Rücksicht auf ihre rothgeweinten Augen überredete, dass ihr der Gehorsam gegen seine Befehle nicht allzuschwer ankomme, dass sie Biegsamkeit und Bereitwilligkeit genug habe, um sich ganz so leiten zu lassen, als er wünschte.
Vorlage S. 277
745
Diese Vorstellung, welche, was das letzte betraf, nicht ganz unrichtig war, erwarb ihr einige väterliche Liebkosungen. Graf Eberhard versicherte sie, dass er sie innig liebe, dass er sie glücklich machen wolle, wenn sie sich entschließen könne, gehorsam zu sein, das ist, ihre liebsten Wünsche seinem Willen aufzuopfern; eine Kleinigkeit, welche, wie er meynte, keine Schwierigkeiten habe.
Vorlage S. 278
746
Sie ward zur Abschiedsaudienz bey der Kaiserinn geführt. Die Worte, welche zwischen Sophie und dem Grafen gewechselt wurden, waren äußerst kalt und ceremoniös, ein Theil von Sophiens Kälte fiel auch auf Ida zurück, nur am Ende erfolgte noch eine so herzliche Umarmung, wie sie von ihr gewohnt war. Undankbares Mädchen! rief sie, du liebst mich nicht, hast nicht Geist genug dich denen zu widersetzen, welche dich von mir reißen wollen! Sprecht, Graf Eberhard, würdet ihr es wohl wagen, mich meiner liebsten Gespielinn zu berauben, wenn sie entschlossen wär, sich nicht von mir trennen zu lassen?
Vorlage S. 278
747
Der Graf kannte seine Tochter genug um zu wissen, was er von ihrem Gehorsam erwarten sollte; er versicherte, Ida dürfe nur sprechen, wenn sie Bedenken trüg ihm zu folgen. – Ida verstand wie man wollte, dass sie antworten sollte, und da sie sich nicht überreden konnte zu heucheln, so schwieg sie, – Sophie gab ihr noch einen kalten Kuß, der Graf drückte ihr die Hand um ihr sein Wohlgefallen über ihre Aufführung zu bezeugen, und beide entfernten sich von allen Damen der Kaiserinn begleitet, in deren Blicken, so sehr sie auch Betrübnis erkünsteln wollten, die Freude über die Entfernung ihrer Mitbuhlerinn nicht zu verkennen war.
Vorlage S. 278
748
Sieben und zwanzigstes Kapitel.
Vorlage S. 279
749
Herrmann tritt von neuem auf.
Vorlage S. 279
750
Die Fürstinn von Ratibor gehörte unter jene vielgeschäftigen Damen, deren es an jedem Hofe giebt, die Theils zu Unterhaltung ihrer Gebieterinnen, teils zu ihrer eigenen Belehrung, die genausten Nachrichten von allem zu haben strebten, was in dem Bezirk ihres Aufenthalts vorgeht. Ida war von jeher ein Gegenstand der besondern Aufmerksamkeit für sie gewesen, und es ist zu glauben, dass sie ihre Hand und ihren allwaltenden Blick nicht von ihr abzog, nachdem sie Gräfinn von Würtemberg geworden war. Sie wusste alles, was in ihrem geheimsten Zimmer vorging, und ihren Nachforschungen hatte also auch der nächtliche Besuch eines Jünglings nicht verborgen bleiben können. Dass Herrmann dieser Jüngling gewesen war, muthmaßte sie nur, aber sie baute kühn auf diese Muthmaßung fort, und hatte, wie zuweilen geschieht, blindlings die Wahrheit getroffen.
Vorlage S. 279
751
Idas guten Namen zu schaden, sie durch vermehrte und verbesserte Erzählung dieser Geschichte bey der Kaiserinn in Ungunst zu bringen, hatte sie schon versucht, aber da diese bereits von der Sache unterrichtet war, so mislungen ihre Streiche auf dieser Seite und sie musste sie daher auf eine andere wenden. – Sie war es, welche dem Grafen von Würtemberg von dieser durch ihre Noten so anstößigen Geschichte Nachricht gab. Ihre Eingebungen regierten die Aussagen der angehörten Wache, und so bildete sich, durch ihren unermüdeten Fleis, endlich die Erfüllung des Wunsches, nach welcher sie so lang auf tausendfache Art gestrebt hatte, die Entfernung der gehaßten Ida.
Vorlage S. 280
752
Die junge Gräfinn sah wohl, dass ihr Vater und die Ratibor beym Abschiede freundlichere Blicke wechselten, als zuvor, aber sie war zu gutherzig, die Ursach davon zu errathen, zu gutherzig, in der letzten geheimen Unterredung, die noch an der Thür des Audienzzimmers zwischen beiden vorfiel, etwas zu argwohnen, das ihr Herz durchbohrt haben würde, wenn es ihr bekannt gewesen wär.
Vorlage S. 280
753
Die Ratibor ward von dem Grafen, mit Erbietung aller freundlichen Gegendienste, ersucht, ein wachendes Auge auf diesen Herrmann von Unna zu haben (welcher, wie man sagte, noch gestern in der Stadt gesehen worden sei) und dafern man sich seiner bemächtigen könnte, es ihm nach eigenem Belieben unmöglich zu machen fürterhin an Ida zu denken.
Vorlage S. 280
754
Es ist zu glauben, dass Graf Eberhardt die Bosheit derjenigen nicht kannte, welcher er eine solche Vollmacht gab. Es war ihm sicherlich nicht eben um Herrmanns Untergang zu tun, und er hätte ihm vielleicht gern Glück und Leben gegönnt, wenn er ihn nur hundert Meilen weit von derjenigen hätte entfernen können, die nach seinem Willen nie die Seinige werden sollte.
Vorlage S. 281
755
Ein guter Engel wachte indes für Herrmanns Bestes. Die Fürstinn von Ratibor hatte Recht, er war bisher noch immer in der Nähe gewesen um die Schritte seiner Ida auszuspähen, jede Gelegenheit zu belauschen, wo er sie sehen, wo er sie vielleicht gar sprechen könnte. Die unermüdete Aufmerksamkeit war die Ursach, dass er die Entfernung seiner Geliebten augenblicklich erfuhr, und da er nach ihr hier nichts mehr zu suchen hatte, keine Stunde nach ihr zurückblieb, und so allen Verfolgungen entging.
Vorlage S. 281
756
Seine Absicht war, ihr überall zu folgen, in tausendfachen Verkleidungen immer um sie zu sein, und zu versuchen, ob nicht endlich irgend eine derselben ihm sein Glück, ein Wort, einen Blick von ihr verschaffen könnte. Wahrscheinlich würde er zu seinem und ihrem Nachteil diesen Plan ausgeführt haben, wenn ihm nicht der Himmel einen Freund zugeführt hätte, der seinen Entschlüßungen eine bessere Richtung gab – Herrmann wusste durch die kleinen Künste, durch welche er alles erfuhr, was Beziehung auf Ida hatte, dass sie die zweite Nacht nach ihrer Abreise mit ihrem Vater in einem Dorfe übernachten würde, das ihm bekannt war, und nach welchem er durch einen kürzern Weg zu gelangen wusste, als denjenigen, welchen die Reisenden gewöhnlich zu nehmen pflegten. Hier war es, wo er seine Geliebte erwartete, um, wenn ihm ja kein größeres Glück bestimmt war, sie wenigstens aus dem Wagen steigen zu sehen, wenigstens den Laut ihrer Stimme in der Ferne zu vernehmen, und hier war es, wo er seinen alten Freund, den redlichen Münster traf.
Vorlage S. 281
757
Die Geschichte sagt nicht, ob der alte Mann ähnliche Absichten gehabt habe, als wie der Ritter von der treuen Minne, nur dieses versichert sie, dass er die Plane des letzten höchlich getadelt und alle Mühe angewandt habe, ihn auf vernünftigere Gedanken zu bringen. Was wollt ihr machen? rief er, als Herrmann seine offenherzige Beichte abgelegt hatte. Eure Zeit im Müßiggange zubringen? ewig Ritter Herrmann von Unna bleiben, der nie an die Tochter des stolzen Grafen von Würtemberg denken darf? Tausend Gelegenheiten Ruhm zu erwerben versäumen? Euer Leben, eure Ehre, die Ehre eurer Geliebten in Gefahr setzen, wenn man euch entdeckt? und werdet ihr von niemand, und also auch von ihr nicht erkannt, euch Jahrelang mit fruchtlosen Bemühungen um ein Nichts beschäftigen, und es zu spät bereuen, dass ihr einem Schatten nachjagtet, indessen ihr schon Riesenschritte zu eurem wirklichen Glück hättet getan haben können? – Nein, Ritter, glaubt mir, verlasst diesen Ort, verlasst ihn augenblicklich, ehe noch diejenige erscheint, die den Entschluss, den ihr fassen müsst, könnte wankend machen. Geht zu dem Posten zurück, den ihr um Idas willen verlassen habt. König Siegmund war in keinen guten Händen, als euch die Gefahr eurer Geliebten von ihm rief. Die Liebe entschuldiget, was ihr damahls thatet, aber, nichts ist, was euch zu statten komme, wenn ihr nunmehr säumt, eure Pflicht gegen euren Herrn zu erfüllen. Die Gerüchte, welche von ihm gehen, sind sonderbar. Eure Macht ist zwar klein, ihm nützlich zu sein, aber eure Treue gegen ihn ersetzt alles, ihr seid vielleicht der einige, der es redlich mit dem unglücklichen Könige meynt, wollt ihr ihm eure Hülfe entziehen?
Vorlage S. 282
758
Der alte Münster wusste noch auf tausenderley Arten Herrmanns Ruhmbegier, seinen Trieb zur Beobachtung seiner Pflichten, seiner Treue für seinen Herrn in Bewegung zu setzen, und sie zur Schutzwehr wieder fruchtlose Liebe und Müßigang zu machen, und es gelang ihm endlich: Herrmann schwur, nie seine Gedanken auf Ida aufzugeben, aber auch nie ihm auf Unkosten seiner andern Pflichten nachzuhängen. Münster versprach ihm dagegen immer ein wachendes Auge auf Ida zu haben, und beide trennten sich, wie solche Freunde sich trennen.
Vorlage S. 283
759
Acht und zwanzigstes Kapitel.
Vorlage S. 284
760
Schach dem König.
Vorlage S. 284
761
Nie hat wohl ein Mensch seinem Herrn mit mehrerer Treue gedient als dieser Herrmann. Wie er gegen Kaiser Wenzeln gesinnt war, gegen ihn, den niemand liebte, gegen ihn, der die Ergebenheit des gutherzigen Jünglings mit Haß und Undank belohnte, das haben meine Leser im vorhergehenden gesehen. Es gehörte Zeit dazu, ehe er sich überzeugte dass es ihm erlaubt sei, einen andern Herrn zu suchen; und dieser andre Herr, dieser Siegmund hatte bey ihm die nehmlichen Vorrechte seines Vorgängers. Herrmann wurde von ihm verachtet, verkannt, übersehen, dem ohngeachtet war der Gedanke ihm nützlich zu sein, ihm ohne Rücksicht auf eigenem Vorteil, der hier gar nicht statt fand, dienen zu können, mächtig genug, ihn aus den Armen der Liebe zu reissen, und in ein Land zu führen, wo er, seit Nikolaus Gara ihn haßte, keinen einigen Freund, keinen Beförderer hatte.
Vorlage S. 284
762
Diese Winke, welche ihm der alte Münster von der zweydeutigen Lage seines geliebten Herrn gab, wurden bey Fortsetzung seiner Reise bestättigt. Bald sollte König Siegmund gar nicht von dem Zuge wider die Ungläubigen zurückgekommen, wahrscheinlich in ihren Händen geblieben sein, bald war er in der Gewalt der noch gefährlichern Widersacher, die er unter seinen eigenen Unterthanen hatte, bald war er gefährlich verwundet, bald gar tod; Gerüchte, welche sich minderten, so bald Herrmann auf ungarischem Grund und Boden kam, und sich gar verloren, als er sich der Hauptstadt näherte. Hier erfuhr der junge Ritter, dass sein Herr, bisher von Krankheit zurückgehalten, nun erst sich dem Sitz der königlichen Hoheit nähere, und dass jedermann sich rüste, ihn königlich zu empfangen.
Vorlage S. 285
763
Es ist nicht König Siegmunds Geschichte, die ich schreibe, und ich werde daher nur so viel von seinen Begebenheiten mit nehmen, als sich unmittelbar an Herrmanns Abentheuer anketten. Nichts daher von dem Einzug des Königs in der Stadt, die er endlich unter dem Zujauchzen des Volks betrat, das ihn bey allen seinen Fehlern liebte; nichts von dem Gedräng der Grossen, das ihn umgab, nichts von denen Entschuldigungen, Vorstellungen und Versprechungen, die von einer und der andern Seite gemacht wurden, um den Grund zum gegenseitigen Einverständnis zu legen. Freilich waren Siegmunds Leichtsinn, Ueppigkeit, Liebe zur Verschwendung, und gelegentliche Grausamkeit, Flecken in seinem Charakter, welche das Misvergnügen Einiger entschuldigen konnte, freilich hatte er aus seinem Türkenzuge weder Sieg noch Beute mit gebracht, dadurch ehemahlige Fehler hätten können ausgetilgt werden; aber man versprach Vergessenheit des Vergangenen, Siegmund versprach es auch, und verschloss die Augen nur gar zu sehr gegen die tausend Spuren von Treulosigkeit und Verrätherey, die er an dem und jenem seiner Fürsten, vornehmlich an den Gebrüdern Gara nicht verkennen konnte
Vorlage S. 285
764
Das Gedräng um den Konig am Abend nach dem Einzug war so groß, dass es Herrmannen, welcher vor Verlangen brannte ihn zu sehen, unmöglich war Zutritt zu bekommen. An wen sollte er sich wenden? Sein ehemaliger Gönner, der Feldherr Nikolaus Gara, haßte ihn, nachdem er auf dem Zuge wider die Türken seine Treue gegen den König unerschütterlich gefunden hatte, und Herrman konnte den nicht lieben, sich nicht überwinden konnte irgend etwas bey dem zu suchen, den er als einen heimlichen Feind seines Herrn kannte.
Vorlage S. 286
765
Der junge Ritter entschloß sich endlich, sich selbst Zutritt zu verschaffen; er drängte sich bey der Abendtafel so dicht hinzu, dass er beinahe des Königs Kleider berührte, Siegmund fasste ihn ins Auge. Der Jüngling hatte keins von den gewöhnlichen Gesichtern, welche man zwanzigmahl sieht, ohne ihre Züge zu behalten, überdas hatte der König ihn zuletzt bey einer Begebenheit gesehen, die sich seinem Gedächtnis zu tief eingeprägt hatte, als dass einer von denen dabei gegenwärtigen, dass derienige, welcher die Hauptrolle dabei spielte, hätte vergessen sein sollen. –
Vorlage S. 287
766
Siegmund wusste sich anfangs den Zusammenhang seiner Ideen selbst nicht recht zu erklären, er saß nachdenkend, rieb die Stirn, und wandte sich dann zu dem neben ihm sitzenden Andreas Gara. Wie kommt es doch, rief er, dass uns oft bey der Fülle der Freude traurige Erinnerungen umschweben! Einer der schrecklichsten Auftritte meines Lebens geht jetzt vor mir über, liegt mir so deutlich vor Augen, dass ich jede Züge davon machen wollte. Rathet ihr wohl, Andreas, welcher das sei? – Andreas verbeugte sich und schwieg. Doch, fuhr Siegmund fort, ihr könnt das nicht wissen, ihr waret nicht gegenwärtig, euer Bruder war es. O vielleicht hättet ihr mich nicht so treulos verlassen als Nikolaus! – Doch, ich habe versprochen zu vergessen! meine Freunde vergesse ich nie! Ich war allein in der Schlacht, jedermann wandte sich hinter mir ab; Achmets Schwerd stürmte fürchterlich auf mich ein, ich musste erliegen. Da drängte sich zu mir heran eine ritterliche Schaar mich zu retten. Mein Pferd war unter mir getödtet, mein Helm und mein Schild mir entrissen, nur das Schwerd hielt noch fest in meinen Händen. Der Führer meiner Helfer sprang von seinem Rosse und hob mich hinauf, er reichte mir seinen Schild, und riss den Helm von seinem Haupte, das meinige damit zu decken, ich weis nicht, wie mir geschah, weis nicht, was um mich vorging, aber ein Bild ist mir fest in der Seele geblieben, das Bild meines Retters, dessen Gesicht mir wie das Gesicht eines Engels Gottes entgegen strahlte. Dieses Gesicht ist, das mir jetzt die ganze fürchterliche Scene zurück ruft, ich sehe es in dem Gedränge, das meinen Tisch umringt, es sind die Züge meines alten treuen oft verleumdeten und oft verkannten Dieners Herrmann von Unna. Tritt hervor, tritt hervor, mein Retter! empfange den Dank und die Gnade deines Königs!
Vorlage S. 287
767
Herrmann hatte sich, während Siegmund sprach immer näher gedrängt, um keins der Worte zu verlieren, welche ihm so nahe angingen. Jetzt beym Schluss seiner Rede überfiel ihn ein freudiger Schauer, wie er an jenem Tage diejenigen überfallen wird, die aus dem grossen Kreise mit den Worten werden hervorgerufen werden: Das habt ihr mir getan!
Vorlage S. 288
768
Herrmann stürzte sich seinem König zu Füßen, küsste seine Hände und badete seine Knie mit seinen Thränen. Welch ein Gefühl von demjenigen, von welchem man sich immer übersehen und verkannt glaubte, dem man tausend Proben der Treue gab, ohne bemerkt zu werden, so vor Tausenden ausgezeichnet, vor einer ganzen Versammlung so geehrt zu werden.
Vorlage S. 289
769
Nachdem der erste Sturm der Freude in dem Herzen des jungen Ritters vorüber war, zog er sich bescheiden unter die aufwartenden Edelleute zurück, aber Siegmund wandte sich oft nach ihm um, und er durfte nicht von seinem Stuhle weichen.
Vorlage S. 289
770
Die stolzen Magnaten, die mit dem Könige zu Tische sassen, schienen bey der vorhergehenden Scene gar nicht gegenwärtig gewesen zu sein, sie sagten nichts zu dem, was ihr König that, und konnten sich nicht herablassen, dem von ihm so sehr geehrten Jünglinge ein Wort zuzusprechen.
Vorlage S. 289
771
Die Glückwünschungen, welche er erhielt, blieben nur unter den jungen Edelleuten, welche mit ihm bey der Tafel aufwarteten, und er hatte die Freude, manchen unter ihnen zu finden, dessen Gesicht nebst dem treuherzigen Händedruck ihn alter Freund und Spiesgesell nannten. Keine von diesen Erscheinungen war ihm angenehmer als das Gesicht eines Jünglings, den er von Kindheit auf gekannt hatte, ehemals an Kaiser Wenzels Hofe durch Misverstände von ihm getrennt worden war, ihn denn unter König Siegmunds junger Ritterschaft wiedergefunden, und im Türkenkriege so manche tapfere That von ihm gesehen hatte, dass der Gedanke an vergangene Dinge ganz von Liebe und Bewunderung verschlungen ward. Es war der junge Kunzmann von Hertingshausen, welcher Herrmann ehemals, als beide Jünglinge noch Kaiser Wenzels Edelknaben waren, für den Ursacher seiner Flucht vom Hofe gehalten hatte, wie sich vielleicht meine Leser noch aus der Erzehlung erinnern, welche der Ritter der treuen Minne ehemahls dem alten Münster von seinen Jugendgeschichten machte.
Vorlage S. 289
772
Kunzmann schien schon damahls, als er Herrmann im Türkenkriege wiederfand, allen alten Groll vergessen zu haben, und auch jetzt bewillkommte er ihn, wie man alte Freunde bewillkommt. Es war hier nicht der Ort viel Worte zu machen; ein Händedruck, und die Worte, mein Herrmann! mein Hertingshausen, waren alles was man sich sagen konnte, das übrige wurde für eine verabredete Zusammenkunft auf die künftige Nacht verspart.
Vorlage S. 290
773
König Siegmund hatte sich jetzt lange nicht nach seinem neuen Diener zurückgewandt, ein ernstes Gespräch mit den Gebrüdern Gara hielt ihn fest. Man hatte die Pokale fleißig geleert, aber nicht der Becher der Freude war es, der hier um die Tafel ging, es war der Becher der höllischen Zwietracht. Herrmann hatte schon lang bemerkt, dass die gegen ihn über sitzenden Fürsten seinen Herrn nicht so anblickten, wie es ihnen zukam; verachtender Unwille, oder tückische Schadenfreude war es, was er auf diesen vom feurigen Ungerweine hochroth gefärbten Gesichtern las. Auch misfiel ihm die Unterhaltung, welche zwischen Siegmund und den beiden Garas vorfiel. Sie schienen gänzlich zu vergessen, mit wem sie sprachen. Die Rede war von dem letzten Türkenzuge, man wechselte Vorwürfe, vertheidigte sich mit Hitze, und die Stimme des Feldherrn und seines Bruders erhob sich bald so sehr, dass sie jeden Laut von den Worten des Königs verschlang.
Vorlage S. 290
774
Was ist dies? sprach Herrmann zu Hertingshausen, indem er an seinem Schwerd zuckte, sollen wir diese Beschimpfung unsers Herrn dulden. Das Getümmel an der Tafel ward stärker; jedermann erhub sich von seinem Sessel; hier und da wurden einige Schwerdter blos, und man begunnte so heftig auf den König einzudringen, dass die bösen Absichten, die man wider ihn hatte, nicht mehr zweifelhaft blieben. Herrmanns Schwerd fuhr aus der Scheide, ihm folgte Hertingshausen und die andern Jünglinge. Siegmund ward von seinen Feinden zu Boden gerissen, man erkühnte sich Waffen auf ihn zu zücken, die keinem Rittersmanne ziemen. Herrmann fasste den Andreas Gara, und riss ihn ungestüm von seinem Herrn hinweg, indessen die andern Jünglinge auf ähnliche Art mit dem Feldherrn Nikolaus verfuhren. Der Platz war erstritten, die Person des Königs gedeckt, aber – die Partie war ungleich. Die reisigen Knechte wurden herein gerufen, Siegmunds Retter teils zu Boden geworfen, teils entwafnet, der König auf die unwürdigste Art behandelt, und endlich so wie die, welche fest bey ihm hielten, mit Fesseln belegt.
Vorlage S. 291
775
Nur zwei hatten die Ehre, das Unglück mit ihrem Könige zu theilen, Herrmann und Hertingshausen, die übrigen, meistens weibische Hofjunker, ließen sich leicht durch Drohungen und Versprechen von ihrer Pflicht abziehen, und misgönnten es Siegmunds beiden treuen Dienern nicht, dass sie die nehmliche Begegnung mit ihrem Herrn erfuhren, gleich ihn mishandelt, gleich ihn gefesselt, und auf verdeckten Wagen nach einem Orte geführt wurden, wo die heimtückischen Magnaten hoffen konnten, ganz das Schicksal ihres Herrn in ihrer Macht zu haben, ohne eine Einrede von dem Volke befürchten zu dürfen.
Vorlage S. 292
776
Neun und zwanzigstes Kapitel.
Vorlage S. 293
777
Wenzels Bruder kommt zum Vorschein.
Vorlage S. 293
778
Es war der Montag nach Sankt Vitalis Tag, als die Gefangenen auf dem Schlosse Soclos ankamen. Herrman kannte diesen Ort als den Hauptsitz des Hauses der Garas, und er konnte sich vorstellen, was der unglückliche König an einem Orte, wo nichts die Gewalt seiner Feinde einschränkte, zu hoffen habe.
Vorlage S. 293
779
Doch täuschten ihn diesesmahl schrecklicher seine Erwartungen, welche ihm nichts als Beschimpfung und Tod für seinen Herrn in der Ferne zeigten.
Vorlage S. 293
780
Die Begebenheit, welche König Siegmunden hieher brachte, war angelegter Plan; so wollte, so musste man sich seiner hinterlistig bemächtigen, um ihn vom Throne zu stossen, um einen andern auf denselben zu heben; aber in der Ausführung dieses teuflischen Anschlags hatte man allerdings die Gränzen überschritten, welche man sich vorgeschrieben haben mochte, und man hielt es für gut, nun zu den Regeln der Bescheidenheit und des Wohlstandes zurückzukehren. Die Kräfte des Weins hatten bey jenem unglücklichen Mahle verursacht, dass Siegmunds Feinde es ganz vergaßen, dass der, den sie wie einen Sclaven behandelten, doch gleichwohl ein König war, dass sie sich selbst noch mehr als ihn durch ihre unwürdige Aufführung beschimpften. Der Rausch war ausgeschlafen. Wuth und Rache kochten nach wie vormahls in den Herzen der Garas, aber sie schämten sich eine Rolle fort zu spielen, welche ihnen das Recht entreißen, und es auf die Seite des verhöhnten Sohns Kaiser Karls des vierten wenden musste.
Vorlage S. 293
781
Dem Könige wurden die Fesseln abgenommen; man gab ihm statt des Kerkers, in den er anfangs geworfen ward, ein wohlverwahrtes Gemach, ging so weit ihn zu fragen, ob er die Aufwartung seiner gefangenen Diener verlange, und ihm auf die Bejahung dieselben ihrer Fesseln entladen zuzuschicken.
Vorlage S. 294
782
Siegmunds Zustand war leidlich, und er wurde noch erträglicher als Nikolaus und Andreas ihr Schloß verließen, weil Reichsgeschäfte sie in die Hauptstadt forderten, und ihrer Mutter die Aufsicht über ihren erhabenen Gefangenen übertrugen.
Vorlage S. 294
783
Es ist unmöglich, dass ich bey dieser Stelle der Geschichte, so wie bey andern vorbeyschlüpfen kann, ich muss meinen Lesern einige Worte von dieser Helena Gara, der Wittwe des Nikolaus, den Siegmund ehemahls ermorden ließ, der Stiefmutter des Feldherrn Nikolaus und des Statthalter Andreas sagen. Sie war eine junge schöne Person von fünf und zwanzig Jahren, welche zu wenig Kummer über den Verlust ihres bejahrten Gemahls gefühlt hatte, um einen dauernden Haß wider seinen Mörder zu fassen. Sie sprach nur von Rache und Blut, so lange es ihre Söhne hörten, schmiegte sich nur in ihre Anschläge, weil sie musste, und sahe Siegmunds Gefangenschaft auf dem Schlosse Soclos aus Ursachen gern, welche mit den Anschlägen seiner Feinde nichts gemein hatten.
Vorlage S. 294
784
Helena war ein Weib, wie es in den damahligen Zeiten viel gab, ein Wesen aus Ueppigkeit und Herrschsucht zusammen gesetzt. Siegmund war ungeachtet seiner Jahre einer der schönsten Prinzen der damaligen Zeit, er war, seine Widersacher mochten ihn nun nennen wie sie wollten, war ein König; so lange Wenzel lebte, der Bruder eines Kaisers, und starb dieser, oder verlor er den Thron, sein wahrscheinlicher Nachfolger; was für Betrachtungen für die Dame des Schlosses! Hatte sie auch noch eine Wahl? konnte sie noch zweifelhaft sein, ob sie den ungerechten weitaussehenden Anschlägen ihrer Söhne beytreten, oder sich eines unschuldigen Prinzen annehmen wollte, der ihr das, was sie für ihn tun konnte, auf doppelte Art zu vergelten vermochte?
Vorlage S. 295
785
Helena sah sich schon im Geist als Siegmunds Geliebte, als seine Gemahlinn, als die Besitzerinn des höchsten Throns der Welt, und die ersten Schritte, die Erfüllung ihrer Wünsche einzuleiten, wurden eilig getan. Sie genoss des unumschränkten Zutrauens ihrer Söhne, sie wusste, dass sie durch das Geschäft, den jungen Ladislaw, auf Siegmunds erledigten Thron zu befestigen, lang würden abwesend gehalten werden, und sie säumte nicht, ihren Operationsplan zu eröfnen.
Vorlage S. 295
786
König Siegmund bekam einen ganzen Flügel des Schlosses zu seiner Bewohnung, seine Hofstatt, welche bisher nur aus Kunzmann und dem Ritter von Unna bestand, wurde vermehrt. Er ward königlich bedient, bekam Erlaubnis, den Garten zu besuchen, und konnte es an nichts abnehmen, dass er ein Gefangner war, als an der Wache, welche seine und seiner Diener Schritte allemahl in einiger Ferne beobachtete.
Vorlage S. 296
787
Siegmund jauchzte über die Veränderung seines Schicksals, welche ihm Anlass gab, seine Hoffnungen noch mehr zu erweitern. Er forschte nach dem Grunde der glimpflichen Begegnung, die ihm wiederfuhr, und es konnte ihm nicht lang verborgen bleiben, dass er ihn in der Gewogenheit der Fürstinn Gara suchen müsse. – Helenas Bild hing in allen seinen Zimmern, auch hatte sie Siegmund etliche mahl von Fern im Garten gesehen und bewundert.
Vorlage S. 296
788
Weiberschönheit war die Klippe, an welcher er am leichtesten scheiterte, auch war sein Wohlgefallen an den Reizen der Damen mit einer so guten Meynung von seinen eigenen verbunden, dass er sich keine schöne Frau als grausam gegen seine Liebe vorstellen konnte. Wie Helena gegen ihn gesinnt war, das konnte ihm nicht lang verborgen bleiben, ihre Handlungen sprachen für sie. Siegmunds Liebe zur Gemächlichkeit, die er mit seinem Bruder gemein hatte, sein Herz zu sinnlichen Vergnügen, ward täglich auf neue Art geschmeichelt, und seine Dankbarkeit, seine Neigung für die schöne Zauberinn, die so sinnreich war, ihm seine Gefangenschaft angenehm zu machen, wuchs desto mehr, da sie schlau genug war, ihm nie in den Weg zu kommen, ihm die Möglichkeit ihr persönlich zu danken stets vergeblich wünschen zu lassen. Die Gemälde von ihr, und die Lobeserhebungen der Leute, welche sie ihm zugegeben hatte, machten Siegmunds Dankbarkeit zur Liebe, die Begierde sie zu sehen, zur Flamme. Es wurden heimliche Anschläge geschmiedet, Botschaften hin und her geschickt, zufällige Zusammenkünfte veranstaltet, bis endlich ein Verständnis zwischen beiden zu Stande kam, das man für gut hielt, des Wohlstands wegen, mit einem Schleyer zu umhüllen, der aber durchsichtig genug war, allen Bewohnern des Schlosses nichts zu rathen übrig zu lassen.
Vorlage S. 296
789
Kunzmann von Hertingshausen spielte bey diesen Dingen eine große Rolle, er schien zu dem Geschäft, Unterhändler einer verbotenen Liebe zu sein, einen sonderlichen Beruf zu haben, und er erwarb sich durch seine Talente die gränzenlose Neigung seines Herrn.
Vorlage S. 297
790
Herrmann war in solchen Dingen einfältig, er kannte nur eine Art Liebe, die, welche er für seine Ida fühlte, oder wie sie etwa zwischen Engeln statt finden mag. Verbindungen von anderer Art nannte er verboten, und war nicht schlau genug seinen Widerwillen dafür zu verbergen. Er hatte als Knabe an Kaiser Wenzels Hofe, als er noch geneigt war, alles für Recht zu halten, was sein Herr that, Leichtsinn und Ueppigkeit in ihrer hässlichen Gestalt kennen gelernt, und er trauerte aufrichtig, hier diese Auftritte von einem Fürsten erneuert zu sehen, den er liebte und schätzte, an dem er so ungern eine Familiengleichheit mit seinem schwelgerischen Bruder entdeckte.
Vorlage S. 298
791
König Siegmund war nicht gewohnt Misbilligung seiner Handlungen in den Augen seines Dieners zu lesen. Herrmann ward zurückgesetzt, und der schlaue Bote der Liebe, der gefällige Hertingshausen überall hervorgezogen.
Vorlage S. 298
792
Da Herrmanns Achtung für seinen Herrn zu fallen begunte, so ward der Vorzug, den ein anderer vor ihm erhielt, nicht allzu schmerzhaft von ihm empfunden. Er beneidete Kunzmann sein Glück bey einem Fürsten nicht, den er jetzt, ach wie gern, verlassen hätte. Was soll ich endlich hier in diesem weichlichen müßigen Leben? sagte er zu sich selbst. Ist dies die Art sich empor zu schwingen, sich der Hand einer Gräfinn von Würtemberg würdig zu machen? O fliehe, fliehe Herrmann! hier verträumst du deine Zeit auf strafbarere Art, als die gewesen sein würde, welche dir Münster in einem so gehäßigen Lichte vorstellte!
Vorlage S. 298
793
Dreyßigstes Kapitel.
Vorlage S. 299
794
Von König Siegmunds Beständigkeit,
Vorlage S. 299
795
ein kurzes Kapitel.
Vorlage S. 299
796
Alles Ding hat seine Zeit, Liebschaften von dem Gehalt wie die zwischen Siegmund und Helenen sind nie daurend, und wir wären fast geneigt der Dame die Ehre anzuthun, und ihr wenig Erfahrung in diesem Stücke zuzutrauen; wie hätte sie sonst hoffen können, ihren Geliebten ewig zu fesseln? einst noch an seiner Seite die Krone zu tragen? – Liebe und Zutrauen auf ihre allmächtigen Reize mussten sie verblenden; sie musste nie etwas von den vorigen Geschichten des flatterhaften Stegmunds gehört haben. Ihre gute Meynung von seiner Treue war gränzenlos, er beherrschte sie ganz, und es kam bald dahin, dass er kein Gefangner mehr, dass er unumschränkter Gebieter auf dem Schlosse Soclos war.
Vorlage S. 299
797
Dass Siegmund ins Geheim drauf sann sich einer ihm lästig werdenden Buhlerinn, und seiner Einkerkerung auf einmahl zu entledigen, das kam ihr nicht in den Sinn, und sie ward würklich überrascht, schrecklich überrascht, als sie eines Tages den König, völlig zur Abreise gerüstet, in ihr Zimmer treten sah. Sie stutzte, rieth auf eine Jagdpartie, und bot sich an, wie gewöhnlich, ihren Geliebten bey derselben zu begleiten. – Nein, sagte Siegmund, meine schöne Fürstinn, ich muss euch gänzlich verlassen!
Vorlage S. 299
798
Verlassen? haftet nicht mein Leben für eure Freyheit? – und ist nicht das meinige in Gefahr, wenn ich länger hier verweile? Eure rebellischen Söhne sind von der Güte benachrichtigt, mit welcher ich hier behandelt werde; bald werden sie erscheinen, und mich mit Fesseln belegen, welche nicht so leicht sein werden wie die Eurigen. –
Vorlage S. 300
799
Ja wohl leicht! Es kostet euch wenig Mühe sie abzuschütteln! –
Vorlage S. 300
800
Helena! Werde ich hier in den Armen der Liebe den Anfang machen können, mich von neuem auf den Thron zu schwingen, von welchem man mich verdrängt hat? Bedenkt, was ihr fordert, bedenkt das Glück, den Ruhm dessen, den ihr liebt!
Vorlage S. 300
801
Helena fiel in ein tiefes Nachdenken, aus welchem sie mit der Frage erwachte; Ob er, wenn das Glück ihn bey seinen Unternehmungen begünstigte, ihrer noch gedenken, Liebe und geschworne Treue nicht vergessen wollte?
Vorlage S. 300
802
Siegmund, welcher nichts auf die Bündigkeit im Rausch der Leidenschaft gethaner Schwüre hielt, schlüpfte bey der Erinnerung an dieselben vorbei, aber er versetzte seine Reden mit so viel Süßigkeiten anderer Art, dass die Fürstinn getäuscht ward – und in seine Entfernung willigte. Sie bat nur um einen, dann nur um zwei, um mehrere Tage, sich mit ihrem Geliebten zu letzen, bis der König, aus Besorgniß, man möchte ihm endlich aus lauter Liebe Zeit und Mittel zur Freyheit gänzlich rauben, heimlich davon ging, und Helenen dadurch den Vorteil verschafte, bey ihren Söhnen ausser Verdacht eines Antheils an seiner Flucht zu bleiben.
Vorlage S. 301
803
Ein und dreyßigstes Kapitel.
Vorlage S. 301
804
Etwas von Potiphars Weibe.
Vorlage S. 301
805
Niemand war über die Entfernung aus dem Pallast dieser Circe erfreuter, als Herrmann. Er jauchzte, endlich einmahl dem Müßiggang entrissen zu werden, ohne darum seinen Herrn verlassen zu dürfen, den er jetzt für einen Neubekehrten der Tugend zu halten, ihn wieder zu lieben begann. Seine Täuschung dauerte kurze Zeit. Siegmund lenkte seinen Weg nach dem Grafen Cyly, dem Bruder des Gemahls seiner Schwester, und hier warteten seiner Begebenheiten, welche das Herz seines treuen Dieners von neuem von ihm wenden mussten.
Vorlage S. 301
806
Immer waren die Cylys treue Anhänger Siegmunds gewesen; der eine ward durch das Band der Verwandschaft an ihn gefesselt, und der andere, eben der Graf Peter Cyly, zu welchem jetzt die Reise ging, ward durch einen Zauber von noch stärkerer Art zu ihm hingerissen. Graf Cyly der Jüngere, sonst auch Peter der Einfältige genannt, verdiente diesen letzten Namen vollkommen, er war ein Kind an Verstand, hatte nichts das ihn auszeichnete als seine schöne Gemahlinn Barbara, ehemahls erstes Hoffräulein der Königinn Marie von Ungarn, jetzt, durch König Siegmunds Gnade, die Seinige. Eben diese Barbara war das Mittel ihn in unverletzlicher Treue seines Herrn zu erhalten, von welcher ihn sonst ein jeder, der seine Schwäche zu nützen wusste, hätte losreissen können. Barbara war ihrem Könige von jeher mit besonderer Gewogenheit zugethan, sie behauptete, es sei nur Dankbarkeit, dass er sie mit Peter dem Einfältigen verband, die sie auf jeden Vorteil ihres Wohlthäters aufmerksam machte, und ihr Gemahl glaubte dieses aus ganzem Herzen; aber andere Leute hatten andere Gedanken hierüber, und die Folge wird lehren, welche Meynung die richtigste war. – So viel ist gewiss, dass sie Graf Petern, welcher immer einen Antrieb von außen nötig hatte, wenn er sich regen sollte, in steter Tätigkeit zu Siegmunds Besten erhielt, da wo seine Schläfrigkeit nichts auszurichten vermochte, selbst handelte, und die Hauptursach war, warum sich König Siegmunds Schritte jetzt lieber nach dem Schlosse ihres Gemahls als nach einem andern Orte lenkten. König Siegmund und seine beiden Knappen, Herrmann und Hertingshausen, wurden mit offenen Armen empfangen, und obgleich Graf Peter mit einfältigem Herzen seine Erscheinung unverhoft, überraschend nannte, so schien doch Barbara ihren hohen Gast längst erwartet zu haben.
Vorlage S. 302
807
Herrmann war nicht so verblendet wie Graf Cyly, er sah das verdächtige Augenspiel zwischen Siegmunden und der Gräfinn, sah, dass auch Hertingshausen von diesen Geheimnissen wissen müsste, und dass er von der schönen Barbara als ein alter Bekannter behandelt ward. Ihm ward es klar, dass in der letzten Epoche des Aufenthalts auf Helenens Schlosse, da Siegmund und seine Leute nicht mehr wie Gefangene behandelt wurden, Hertingshausen nur darum so öfters abwesend war, weil er ein geheimes Verständnis zwischen dem Könige und der Gräfinn unterhalten musste, und dass dieser Helenen nicht so wohl aus Ueberdruß des unthätigen üppigen Lebens, als vielmehr aus Sehnsucht nach seiner alten Freundinn der Gräfinn Barbara floh.
Vorlage S. 303
808
Wenig Tage reichten zu, Herrmann zu überzeugen, dass die Auftritte von Soclos hier wieder von vorn angehen würden, und dass er vergebens gehofft hatte, hier endlich in Tätigkeit gesetzt, seinem Glück näher gebracht zu werden.
Vorlage S. 304
809
Seine Entschlüsse, seinen Herrn zu verlassen, wurden erneuert, er fand nichts, das ihn hier zurückhielt. Zwar wurde zuweilen in Siegmunds Kabinet davon gesprochen, dass nächstens ernstliche Schritte getan werden sollten, ihn wieder auf seinen Thron zu erheben, aber dieses Nächstens ward immer weiter hinaus geschoben, und die Mittel, deren man sich zur Erreichung dieser großen Absichten gebrauchen wollte, waren nicht so wohl das Schwerdt, als List und heimliche Ränke; Dinge, auf welche Herrmann sich nicht verstand, und die er in seiner Einfalt nicht zu billigen vermochte.
Vorlage S. 304
810
Was ihm den Aufenthalt auf Cylys Schlosse noch mehr verbitterte, war der Mangel an irgend einem Freunde, den er lieben oder sich ihm vertrauen konnte. Schon zu Soclos hatte sich Hertingshausen ihm in einem nachtheiligen Lichte gezeigt, aber hier verlor er vollends alles, was einen Herrmann zu seinem Freunde machen konnte. Hertingshausen schien hier nicht nur Unterhändler sondern auch Theilnehmer der verbotenen Liebe seines Herrn zu sein. Er hatte keine Augen als die schönste Gräfinn von Cyly, und diese legte den ihrigen nur so lange Zwang an, als sie von Siegmunds bemerkt ward, vor Herrmann, den sie anfangs für ein unschädliches unbedeutendes Geschöpf hielt, scheute sie sich hierinn so wenig als vor Peter dem Einfältigen.
Vorlage S. 304
811
Herrmanns unschuldiges Herz hielt einen solchen Leichtsinn, als er an der Gräfinn bemerkte, fast für unglaublich, er traute seinen Sinnen kaum, er kannte die allumfassende Männerliebe dieser Messaline, von welcher die Geschichte noch jetzt zu sagen weis, noch nicht, und ward erst dann überzeugt wer Barbara sei, als sie endlich ihre Augen auch auf ihn warf, auch ihn in ihre Stricke zu ziehen suchte.
Vorlage S. 305
812
Man erlaube mir, alle Auftritte, welche hieher gehören, mit Stillschweigen zu übergehen, genug sei es zu sagen, dass sie Herrmannen Cylys Schloß zur Hölle machten, dass er auf nichts sann, als auf die Flucht, und dass ihn nur noch die Ueberlegung zurück hielt, ob er schweigen, oder seinem Herrn die Augen über die Aufführung seiner Geliebten öfnen sollte.
Vorlage S. 305
813
Das erste verbot ihm die Redlichkeit, und das andere seine Delikatesse, hätte er nicht durch ein solches Gespräch mit Siegmunden gestanden, dass er seine Ansprüche auf Graf Peters treuloses Weib kenne, und gewissermaßen billigte? – Er blieb unentschlossen, bis neue Entdeckungen seinen Abscheu vor Cylys Schlosse und seinen Bewohnern aufs höchste brachten, und ihn fast blindlings von dannen trieben.
Vorlage S. 306
814
Die Verachtung, mit welcher er die Liebe der Gräfinn belohnte, erregten ihren Haß, der bald auch in Siegmunds Herz übergetragen wurde. Herrmann war nicht mehr nächst Hertingshausen, der ihn schon zu Soclos von der ersten Stelle gedrängt hatte, des Königs Vertrauter, er wurde nicht mehr zu den Berathschlagungen gezogen, welche wegen Siegmunds Thronbesteigung gehalten wurden, nur das merkte er aus flüchtig aufgefangenen Worten, dass Siegmunds Absichten jetzt nicht mehr blos auf die ungarische Krone gingen, dass ihm die herrschsüchtige Barbara Begierden nach einer noch höhern einzuflößen gewusst hatte. Ihr war einst der Name Kaiserinn geweissagt worden, sie sah sich schon als Siegmunds Gemahlinn an, wer konnte sich wundern, dass sie ihn antrieb die Stufe zu erreichen, nach welcher sie strebte, und auf welche er sie erheben konnte.
Vorlage S. 306
815
Alle diese Dinge gefielen Herrmannen übel, er hörte Anschläge wider Wenzeln, unter welchen damahls schon der Thron zu schwanken begunnte, Anschläge wider Herzog Friedrichen von Braunschweig, der nebst noch einigen andern große Hoffnung zur Kaiserkrone hatte, und sein Herz zitterte, hier nicht augenblicklich retten und warnen zu können. Er vergaß ganz, dass letzterer sein Mitbuhler war, dass ihn Graf Eberhardt zu Idas Gemahl bestimmt hatte, er sah nur in ihm den meuchelmörderisch verfolgten Fürsten und hätte sein halbes Leben drum gegeben ihn sowohl als Wenzeln aus der Gefahr reißen zu können.
Vorlage S. 307
816
Keine Nacht mehr in dieser Mörderhöle, wie ihn Graf Cylys Schloß jetzt schien, zu bleiben, war sein fester Entschluss. Er machte sich auf die Flucht, aber es war nicht so leicht aus diesem Bezirk zu kommen als er meynte. Der Park, durch welchen sein Weg ging, war mit einer hohen Mauer umgeben, deren Pforte bey Nacht verschlossen und am Tage nie unbewacht war. Es ward ihm immer deutlicher, dass König Siegmund und seine Leute, hier sich im Grunde so wenig der Freyheit zu rühmen hatten, als auf dem Schlosse Soclos. – Herrmann hatte die Nacht zur Ausführung seines Entschlusses gewählt, jetzt musste er sich entschließen, den Morgen zu erwarten weil er hoffen konnte, durch ein gutes Geschenk den Thorwächter der Parkmauer eher überwinden, als durch seine Stärke die eiserne Pforte erbrechen zu können. – Er lagerte sich in eine Laube, dergleichen in allen Ecken dieses zauberischen Orts angelegt waren, und war hier Zeuge einer Unterredung, welche uns wichtig genug dünkt, dem Leser in einem besondern Kapitel vorgelegt zu werden.
Vorlage S. 307
817
Zwey und dreyßigstes Kapitel.
Vorlage S. 308
818
Abentheuer in der Laube.
Vorlage S. 308
819
Herrmann ward bald gewahr, dass er sich in der geräumigen Laube nicht allein befand. Seine Sicherheit erforderte, sich verborgen zu halten, und Notwendigkeit und Zufall machten ihn zum Lauscher; ein Name, auf welchen er sonst nie Anspruch zu haben wünschte. Wer seine Gefährten waren, werden meine Leser aus dem Fragment einer Unterredung sehen, welche Herrmann durch seine Ankunft veranlaßte.
Vorlage S. 308
820
Horch! Ein Geräusch!
Vorlage S. 308
821
Nicht doch, Gräfinn, es war das Rauschen der Blätter! –
Vorlage S. 308
822
Ich wollte nicht, dass uns jemand belauschte? –
Vorlage S. 308
823
Wer wollte denn? Eure beiden Gemahle hat der Wein in festen Schlummer gewiegt –
Vorlage S. 309
824
Spötter! Meine Gemahle! Bist du eifersüchtig Hertingshausen? –
Vorlage S. 309
825
Die Gemahle mögen es auf den Liebhaber sein, und dieser nicht auf jene! –
Vorlage S. 309
826
Und sie könnten es werden! Kunzmann! Kunzmann! ein andermahl vorsichtiger! Diesen Abend vergassest du dich ganz und gar. Sei doch zufrieden, unter vier Augen an der Seite deiner Barbara sitzen zu dürfen; aber in Gegenwart des Königs? in Gegenwart Graf Peters? – Gewiss der Wein musste dich bethören!
Vorlage S. 309
827
Hat nichts zu sagen, Siegmund sah und hörte wenig mehr, und der Graf hatte auch seinen guten Rausch? –
Vorlage S. 309
828
Weißt du nicht, dass die Einfältigen im Rausche klug, die Verzagten mutig werden? –
Vorlage S. 309
829
Ja bey Gott, mutig! – Nüchtern hätte er es nicht wagen sollen, mir einen Kuß auf eure Lippe mit einem Hiebe über meine Schultern zu belohnen. –
Vorlage S. 309
830
Pfui, Kunzmann! jetzt besinne ich mich: dieser Schlag haftet noch auf deinen Rücken. Steh auf von mir! Ich kann keinen Mann an meiner Seite dulden, den Peter der Einfältige schlug. –
Vorlage S. 309
831
Gräfinn!
Vorlage S. 309
832
Du bist noch ein purer lautrer Edelknabe! steh auf sag' ich dir! Herrmann hätte keinen Schlag vom Graf Petern – keinen Schlag vom Könige Siegmunden ungerochen erduldet. –
Vorlage S. 310
833
Herrmann? Gräfinn? macht mich nicht unsinnig! – Der Nichtswürdige! Ihr wisst, was ich einesmahls bemerkte! Nicht wahr, er wäre glücklich bey euch gewesen, wenn er gewollt hätte?
Vorlage S. 310
834
Die Tapfern sind ja allemahl glücklich? –
Vorlage S. 310
835
Zum rasend werden! Herrmann! Herrmann! du musst sterben! Wo bist du? wo soll ich dich finden? –
Vorlage S. 310
836
O ja doch! wer sich nicht fürchtete! Graf Peter wird morgen unter des tapfern Herrmanns Schutz auf die Jagd gehen! habt ihr etwa Lust euch zugleich an beiden zu rächen? – Geht, geht, wir wollen sehen was euch Liebe und Rache eingiebt; aber ich denke wohl, eure Hände, eure Kleider werden morgen noch so rein sein wie heute; wer wollte die zarten Pagenhände, die seidnen Hofkleider gern mit Blut besprützen. –
Vorlage S. 310
837
Die Rede der Furie war durch öftere Flüche des aufgebrachten Hertingshausen unterbrochen worden; beym letzten Worte braußte er wie ein Sturmwind zur Laube hinaus, und Barbara schickte ihm ein teuflisches Gelächter nach.
Vorlage S. 310
838
Herrmann war so betäubt, dass er nicht wusste, was er tun sollte; doch hätte ihn der Schluss von Barbaras Rede und Kunzmanns schnelles Hinwegeilen nachgetrieben, wenn er nicht auf einige Augenblicke noch zurückgehalten worden wäre. Er pflegte nie vor seinem Feinde zu fliehen, auch war ihm vor Graf Peters Leben bange, mit welchem er wirklich eine Jagdpartie, auf den nunmehr seiner Flucht geweihten Tag verabredet hatte, und den er mit unter die Unmündigen und Weiber rechnete, die er als Ritter zu schützen verbunden war.
Vorlage S. 310
839
Das was ihn noch auf einige Minuten zurückhielt, war der Eintritt von Barbaras Zofe.
Vorlage S. 311
840
Brecht auf, ihr Liebenden! rief die glattzüngige Dirne, der Tag erwacht! –
Vorlage S. 311
841
Die Losung, erwiederte Barbara, gilt heute nichts, ich bin allein. –
Vorlage S. 311
842
Allein? –
Vorlage S. 311
843
Ich habe Hertingshausen ein wenig aus dem Schlummer geschüttelt. Herrmann und Peter dürfen keinen Tag länger leben; ich habe ihnen den ergrimmten Wolf auf den Hals gehetzt. Ich kenne Kunzmann nicht, oder er tödtet sie, wo er sie findet. –
Vorlage S. 311
844
Aber warum? Gott warum? –
Vorlage S. 311
845
Närrinn! Jeden Tag neue verachtende Blicke von dem einen, und gestern Abend diesen Auftritt mit dem andern? Das fehlte noch, dass Peter der Einfältige Muth bekäme, meine Lieblinge zu schlagen, bald würde die Reihe auch an mir sein. –
Vorlage S. 311
846
Gräfinn, darf ich noch immer euch nicht blutgierig nennen?
Vorlage S. 312
847
Blutgierig? – Ich erinnere dich zum zweytenmahl an Marien. Lebt sie nicht noch ruhig in ihrem Kloster? verachtete ich es nicht, mein Glück auf ihr Blut zu bauen?
Vorlage S. 312
848
Dass Herrmann diese Worte wohl vernahm und beherzigte, werden wir aus der Folge sehen, uns aber ist es fast unbegreiflich, wie sie bey der Eile, mit welcher er in dem nemlichen Augenblick, da sie gesprochen wurden, die Laube verließ, ihm hörbar sein konnten.
Vorlage S. 312
849
Was war das? schrie die Zofe, welcher Herrmann im Vorbeystreichen einen gewaltigen Stoß gab.
Vorlage S. 312
850
Gott! rief Barbara, wenn man uns belauscht hätte! – Gerade da ihr von der Königinn spracht, erhub es sich von jener Seite wie ein Sturmwind. – Ach Gräfinn! ich fürchte! ich fürchte! Sind eure Hände rein an Mariens Blut? –
Vorlage S. 312
851
Ich schwöre es dir! – Warum hätte ich eine Nebenbuhlerinn, die mir so wenig Schaden in Siegmunds Herzen that, tödten sollen? ohne Noth vergieße ich kein Blut! –
Vorlage S. 312
852
Es ist schauerlich hier! sprach die Zofe, auch bricht der Tag an. Gefällt es euch nach Hause zu gehen? –
Vorlage S. 312
853
Barbara schwieg, und beide verließen die Laube.
Vorlage S. 313
854
Drey und dreyßigstes Kapitel.
Vorlage S. 313
855
Wer andere aus der Grube ziehen will,
Vorlage S. 313
856
fällt oft selbst darein.
Vorlage S. 313
857
Herrmann durchflog den Wald, um seinen Verfolger zu finden, er fand ihn nicht. Er eilte nach dem Schlosse, um Graf Petern zu warnen, auch dieser war nicht zu finden. Seine Kammerdiener sagten, der Ritter von Hertingshausen habe ihn vor einer halben Stunde im Namen König Siegmunds abgefordert; auch nach Herrmann sei gefragt worden, weil er in dem nemlichen Flügel des Schlosses seine Wohnung hatte, und man habe geantwortet, er sei wahrscheinlich auf die Jagd gegangen.
Vorlage S. 313
858
Herrmann konnte errathen, welchen Weg Kunzmann mit dem unglücklichen Grafen genommen habe, Peters Einfalt an jeden Ort zu locken, wohin er wollte, konnte dem schlauen Verräther nicht schwer werden. Der Retter des armen Schlachtopfers verdoppelte seine Schritte, aber er hatte den Schloßhof noch nicht zurückgelegt, als er sich von der Wache umgeben sahe, welche ihm in König Siegmunds Namen das Schwerd abforderte, und ihn bat, ohne Weigerung den Arrest anzunehmen, den man ihm ankündigte.
Vorlage S. 313
859
Herrmann folgte, oder vielmehr er musste folgen. Seine Weigerung hätte nichts gefruchtet, als dass er vielleicht einige von den unschuldigen Ausrichtern des königlichen Befehls verwundet oder getödtet hätte, ohne sich frei zu machen. Man brachte ihn in einen Thurm, der an der Nordseite des Schlosses stand, zuckte auf seine Frage, was er verbrochen habe, die Achseln, und versprach, auf seine Bitte, Leute in den Wald zu schicken, um Graf Petern aufzusuchen, welcher, wie er sagte, von Lebensgefahr bedroht würde. –
Vorlage S. 314
860
Um den Mittag ward der Gefangene vor seinen Richter gestellt, König Siegmund sah ihn mit einem Blicke an, den er noch nie an ihm wahrgenommen hatte. Herrmann stand vor ihm mit jener festen Miene, die nur der Unschuld eigen ist. – Schleicher! niederträchtiger Heuchler! rief der König endlich. Musstest du darum den Tugendprediger machen, auf jene erlaubte Lust mit neidischem richtenden Blicke hinschielen, um im Verborgenen nach demjenigen streben zu dürfen, was das Eigenthum deines Herrn ist? –
Vorlage S. 314
861
Mein König! sprach Barbara, die Herrmann jetzt erst gewahr ward, verzeihet, verzeihet seiner Jugend! Er hatte den Wein vielleicht zu oft kredenzt, seine Sinne waren benebelt, und überdies, was ist ein Kuß? –
Vorlage S. 314
862
Ein Kuß? schrie Siegmund, ein Kuß ist euch Kleinigkeit? Verrätherinn! ihr liebt Herrmann, sonst würdet ihr nicht so sprechen! –
Vorlage S. 315
863
Hat man mich vielleicht vor Hertingshausen genommen? fragte Herrmann mit verachtendem Blicke auf die Gräfinn. –
Vorlage S. 315
864
Bist du mit meinem Augen im Bunde? rief der König. – Auch mir stellten sie bey der verruchten That nicht deine, sondern Hertingshausens Gestalt vor; aber ich war im halben Schlummer, und die Gräfinn hat Recht; nicht er, du warest es, der sich an meinem liebsten Kleinod vergriff! –
Vorlage S. 315
865
Mein Herr! mein König! sprach Barbara mit bittendem Blicke, gewiss ihr irrt; ja ja, Hertingshausen war es, nicht der arme unschuldige Herrmann! nur ihn, nur ihn schont, wenn ihr nicht auch mich tödten wollt! –
Vorlage S. 315
866
Fort aus meinen Augen! schrie Siegmund. Nicht der Kuß bringt dich ums Leben, der ist ja Kleinigkeit, wie die Gräfinn sagt, aber, dass sie dich liebt, dass die Schönste der Welt dich liebt, mit dir sterben will, – O entsetzlich! – Fort! Fort aus meinen Augen? – Herrmann ward in sein Gefängnis zurückgeführt. Er durchschaute den ganzen Plan seiner verruchten Anklägerinn: ihre schwankenden Reden, ihre künstlich geäußerte Zuneigung sollte Siegmunds Eifersucht aufs höchste treiben, sie, das wusste sie, konnte sich mit einem Blick, einer Träne vor dem Zorn ihres Geliebten schützen, aber Herrmann musste das Opfer desselben werden.
Vorlage S. 315
867
Das war ein Meisterstreich! sagte Barbara, als sie mit ihrer Zofe allein war. Siegmund hatte im Rausche nur allzugut gesehen. Mein Hertingshausen hätte unausbleiblich sterben müssen! Wie gut, dass ich Siegmunds benebelten Augen Herrmanns Bild unterschieben konnte. –
Vorlage S. 316
868
Ich war so froh, sagte die Zofe, als ich ihn hier auf dem Schlosse sah, war so froh, dass er Kunzmanns blutgierigem Schwerdte entgangen war, und nun dieser neue Anfall! O hätte ich euch nur nicht gesagt! –
Vorlage S. 316
869
Weichherzige Närrin! ich glaube, du weinst? –
Vorlage S. 316
870
Und ihr liebtet ihn doch ehemals! –
Vorlage S. 316
871
Komm in meine Lage, und du wirst erfahren, welch einen Haß verschmähte Liebe erzeugt! –
Vorlage S. 316
872
Herrmann könnte ich nicht hassen, wenn er mich tausendmahl verschmähte! –
Vorlage S. 317
873
Hör auf! und sieh nach dem Fenster, das auf die Heerstraße geht – Kömmt Hertingshausen noch nicht? – Er wird doch einen von meinen Aufträgen ausgerichtet haben! –
Vorlage S. 317
874
Die Zofe weinte und sahe durchs Fenster, welches Herrmann zur nemlichen Zeit in seinem Gefängnisse auch that.
Vorlage S. 317
875
Der nördliche Thurm des Schlosses, wo Herrmann war, hatte die Aussicht auf die Heerstraße, die sich vom Walde nach dem Schlosse herauf zog. Der Abend dämmerte heran, ein Trupp Reuter that sich aus dem Wald hervor, und sprengte mit verhängtem Zügel aufs Schloß zu. In ihren Blicken saß Entsetzen, und die Worte, welche sie, als sie sich jetzt am Thor von den Pferden schwangen, mit einander wechselten, waren mehr verworrnes Geschrey, als Gespräch zu nennen. Doch war Herrmanns vergittertes Fenster niedrig genug, um ihn einige abgebrochene Laute verstehen zu lassen. Der entsetzliche Fang, rief der eine von den Reutern, den ihm der Eber in die linke Seite gegeben hat, nie sah ich etwas ähnliches. – Ja wohl! schrie der andere, mehr die Wunde von einem breiten Schwerdte, als von dem Hauer einer wilden Bestie! der Ritter von Unna sagte es wohl, als er uns ihm zu Hülfe schickte, er muss den Geist der Weissagung haben! –
Vorlage S. 317
876
Und ganz ganz todt?
Vorlage S. 318
877
Ja leider! – Er war doch ein guter Herr! betrübte kein Kind! –
Vorlage S. 318
878
Mich jammerte der brave Kunzmann, der muss ihn recht vertheidigt haben! er blutete auch stark!
Vorlage S. 318
879
Stand er nicht wie das lebendige Bild der Verzweiflung neben dem Todten und weinte und raufte sein Haar! nie dachte ich, dass er ihn so liebte! –
Vorlage S. 318
880
Er mag ihn ja geliebt haben! rief einer von denen, welche zuerst geredet hatten, und Herrmann schlug sein Fenster zu und sank fast empfindungslos auf den Boden.
Vorlage S. 318
881
So? So triumphirt das Verbrechen, und die Unschuld muss verderben? O ewiger Richter wo ist deine Rache? So rief Herrmann und verfiel in eine Betäubung, aus welcher er erst nach einer Viertelstunde durch das hole Rasseln eines Wagens geweckt wurde. Das Geschrey, das sich erhub, unter welchem er auch die klagende Stimme der Gräfinn zu vernehmen glaubte, sagte ihm, dass man den Leichnam des unglücklichen Grafen von Cyly brächte. Ein kalter Schauer überlief seine Glieder, und er vermochte nicht ans Fenster zu gehen, und das klägliche Schauspiel mit anzusehen.
Vorlage S. 318
882
Es ist schwer zu beschreiben, mit was für Gedanken und Empfindungen Herrmann die Zeit der fürchterlichen Stille, die auf dieses Trauergetös folgte, zubringen mochte. – Es war weit nach Mitternacht, als er aus seinen schrecklichen Träumereyen durch ein Geräusch an der Gefängnißthür geweckt wurde.
Vorlage S. 319
883
Die Riegel öfneten sich. Eine weibliche Stimme rief, Ritter von Unna, ihr seid frei! –
Vorlage S. 319
884
Ich frei? auf wessen Befehl? –
Vorlage S. 319
885
Durch Hülfe eines armen Mädchens, welches Mitleid mit euch hat, und ihre schweren Sünden gern durch eine gute That abbüßen wollte. Fliehet! Fliehet! ehe es zu spät wird! –
Vorlage S. 319
886
Ich fliehen! Die Unschuld fliehet nie! –
Vorlage S. 319
887
Gilt eure Unschuld hier etwas? –
Vorlage S. 320
888
Ich muss wenigstens erst Graf Peters Blut rächen, seinen grausamen Mörder entdecken! –
Vorlage S. 320
889
Wird man euch hören? –
Vorlage S. 320
890
Siegmund muss, muss mich hören! Ich will diese Barbara vor seinen Augen entlarven! –
Vorlage S. 320
891
Meine Frau? O ich bitte euch, macht euch nicht unglücklich. –
Vorlage S. 320
892
Deine Frau? Bist du auch eine von ihren Sündengenossinnen?
Vorlage S. 320
893
Ich bin! – ja ich bin! – o ich bitte euch, fliehet! Die Gräfinn hat jetzt allein auf dem Schlosse zu gebieten. Der König hat es vor einer Stunde eilig verlassen. Ein reitender Bote von Prag, brachte Nachrichten. – Man spricht von wichtigen Veränderungen. Aber was mache ich, eilet, ehe es zu spät wird! Ich muss den Thurm wieder verschliessen, in welchem man gesonnen ist, euch durch Hunger zu tödten. Man wird euch nicht gleich vermissen, weil in den nächsten Wochen niemand diese Schlösser wieder öffnen wird, aber mich wird man vermissen, und ihr macht ein Mädchen, welches es gut mit euch meynet, unglücklich, wenn ihr länger zögert.
Vorlage S. 320
894
Es ist wohl zu glauben, dass Herrmann nach dem, was er hier vernahm, nicht länger zögerte, seiner Retterinn zu folgen. Er drückte ihr dankend die Hand und fragte nach ihrem Namen: sie nannte ihn, und erzählte zum Abschied, – (welche Zofe hört auch in den bedenklichsten Augenblicken auf zu erzählen) – erzählte, dass Ritter Kunzmann seiner Verwundung und des Bittens der Gräfinn ungeachtet den König hätte begleiten müssen, und dass dieser vermuthlich aus einem Ueberbleibsel von Verdacht ihn nicht so gnädig wie vordem angeblickt habe.
Vorlage S. 321
895
Vier und dreyßigstes Kapitel.
Vorlage S. 321
896
Herrmann wird mit einer Löwenhaut bekleidet.
Vorlage S. 321
897
Herrmann flohe, flohe mit Vorsichtigkeit, denn er wusste, der Zorn eines rachsüchtigen Weibes verfolgte ihn. Auf seinem Weg, der lang genug dauerte, kamen ihm Zeitungen mancher Art entgegen. – Kaiser Wenzel war so gut als abgesetzt, seine Gemahlinn, die vortrefliche Sophie, theilte das Elend, in welchem er lebte, großmüthig mit ihm, sie schien ihn jetzt, da er durch Unglück gedemüthigt war, erst liebzugewinnen, bemitleidete ihn, rechnete es ihm hoch an, dass er Susannens Stelle nicht durch eine neue verächtliche Mitbuhlerinn ersetzte, und war edelmüthig genug, selbst dieses elende Geschöpf zu bedauren. Diese unglückliche Kreatur sollte, um ihrem erhabenen Liebhaber ganz ähnlich, eine würdige Gefährtinn seiner Schwelgereyen zu werden, die Pokale, welche Wenzels tägliches Contingent waren, eben so herzhaft leeren lernen als er, aber sie war zu schwach, und starb in der Lehre, ohne von dem, welcher sie aufopferte, beklagt zu werden. Alles was Wenzel ihr in die Gruft nachrief, war: Es ist doch nichts mit den Weibern, sie sind zu nichts gut, nicht einmal zum Saufen!
Vorlage S. 321
898
Indessen Wenzel auf ein einsames Schloß verbannt, blos durch Sophiens kluge Vorsicht erhalten wurde, und ihr ihre Treue auf die ihm eigene Art vergalt, kam Siegmund in Ungarn wieder empor. Seine Feinde waren gedemüthiget, und er bestieg, durch Hülfe des Grafen Cyly, Graf Peters des Einfältigen Bruders, den Thron von neuem. Barbara ward seine Gemahlinn, und diese Wahl war hinlänglich, alle Treulosigkeit an ihn zu rächen, welche er an der Königinn Marie, an der Fürstinn Helena Gara, und vielleicht an tausend andern begangen hatte. Barbara war in allem seine unumschränkte strenge Gebieterinn, nur dieses konnte sie nicht über ihn erhalten, dass er den Ritter von Hertingshausen in seinen Diensten behalten hätte. Das Andenken an den im halben Schlummer geschehenen Kuß, den er doch immer lieber ihm als Herrmann beymaß, war unauslöschlich. Kunzmann war genöthigt, den Hof zu meiden, und sich in ziemlich armseeligen Umständen in die Dienste des Churfürsten von Köln zu begeben, wo wir ihn vielleicht bald wieder finden werden.
Vorlage S. 322
899
Siegmunds Anschläge auf die Kaiserkrone waren verunglückt, es waren eine Menge Hände nach diesem Kleinod ausgestreckt, unter welchen Pfalzgraf Ruperts, Graf Eberhards und Herzog Friedrichs, schon fast im Zugreifen waren.
Vorlage S. 323
900
Herrmann hörte nicht sobald den Namen des Herzogs von Braunschweig und des Grafen von Würtemberg nennen, erfuhr nicht so bald, dass sie sich nebst allen Competenten zur Krone auf dem Reichstage zu Nürnberg befänden, als sein Zweifel, wohin er seine Schritte lenken sollte, verschwand. Er wusste bisher nicht, wo Ida war, jetzt ward es ihm klar, dass sie sein müsste, wo ihr Vater und ihr Bräutigam sich befänden. Ida zu sehen, und Friedrichen vor heimlichen Nachstellungen zu warnen, lag ihm beydes am Herzen. Aber, Idas Vater! ihr Bräutigam! was für Worte in Herrmanns Ohren! Ida, die Tochter oder die Braut eines künftigen Kaisers? Armer Jüngling, was für Aussichten für deine Liebe!
Vorlage S. 323
901
Herrmann befand sich jetzt in den Gegenden von Fritzlar. Das Gerücht kam ihm entgegen, Herzog Friedrich von Braunschweig sei von den deutschen Fürsten verworfen worden, und habe sich in vollem Zorn nebst seinem Schwager, Rudolfen von Sachsen, von Nürnberg aufgemacht, um wieder in sein Land zu ziehen. Welch eine Zeitung! Der gefürchtete Nebenbuhler hatte also seine Geliebte verlassen, er sollte nie den Namen Kaiser erlangen, den Graf Eberhard seinem Schwiegersohn so gern gegönnt hätte, wenn er ihn selbst nicht erhalten konnte! Neue Hoffnungen stiegen in Herrmanns Seele auf, er glaubte alles überwunden zu haben, da nur der fürchterliche Herzog vom Schauplatz abgetreten war, und dachte nicht, dass die Tochter eines muthmaßlichen künftigen Kaisers noch immer unerreichbar für ihn blieb.
Vorlage S. 324
902
Er hatte nicht so bald gehört, dass Herzog Friedrich vielleicht hier vorüber ziehen würde, als er begierig ward denjenigen zu sehen, der ihm bisher so viel Furcht eingejagt hatte und ihm einige Warnungsworte vor Gefahr zuzurufen; er interessirte sich doppelt für ihn, seit er ihn nicht mehr für Idas Bräutigam hielt. Er setzte sich unter einen Baum an der Heerstraße, und schaute in die Weite hinaus. Die Gegend war einsam; man war in diesem Bezirk es zu gewohnt große Herrn vorüber ziehen zu sehen, als dass man sich, so wie ietzt, dazu hätte drängen sollen, sich zu überzeugen, dass sie auch Menschen wären.
Vorlage S. 325
903
Das Warten dauerte Herrmann zu lang, er war diesen Tag weit gegangen, und er entschlief. Sein Schlaf konnte wohl etliche Stunden gedauert haben, als er von einem schrecklichen Traum erwachte. Ihm träumte, Herzog Friedrich von Braunschweig sei von einem Löwen zerrissen worden, und man wollte ihn mit der Haut seines Mörders bekleiden. Er ermunterte sich, fuhr auf und sahe neben sich einen langen bleichen Menschen mit verworrenem Haar und ausgezogenem Schwerdte stehen.
Vorlage S. 325
904
Herrmann sprang in die Höhe. Was machst du mit meinem Schwerdte? schrie er, indem er das seinige in der Hand des Fremden gewahr ward. –
Vorlage S. 326
905
Dein Schwerdt? rief der andere, indem er es blitzschnell ins Gebüsch schleuderte, siehe, das ist das deinige; ich fand es neben dir, und der fürchterliche Anblick machte, dass ich bey dir stehen blieb, und weil ich dich für einen Mörder hielt, meinen Degen zog, um mich, wenn du erwachtest, vor dir zu schützen.
Vorlage S. 326
906
Herrmann sah sich um und erblickte an der Stelle, wo er gelegen hatte, ein mit Blut getränktes Schwerdt. – Unseeliger! schrie er, indem er den Fremden bey der Brust fasste und ihn gewaltsam schüttelte, sprich, was ist das? – Aber Gott was sehe ich! Kunzmann? Hertingshausen? Graf Peters Mörder? –
Vorlage S. 326
907
Herrmanns Hände sanken vor Entsetzen nieder, und Kunzmann fühlte sich nicht so bald frei, als er wie ein Pfeil von der Sehne davon floh, und den Ritter von Unna in einer Bestürzung verließ, welche mit nichts zu vergleichen war.
Vorlage S. 326
908
In dem nemlichen Augenblick erhob sich ein fürchterliches Geschrey; Hier, hier muss die That geschehen sein! fasset, fasset den Mörder! Von allen Seiten stürzten gewaffnete Männer herbey, von denen einige schrieen: Ach unser Herzog, unser theurer Herzog! andere 6 : Nein, hier ist er nicht gefallen, wir fanden ihn hundert Schritt weiter im Gebüsch! und noch ein andrer: der Mörder kann nicht weit sein, ich hatte ihn schon einmal ereilt, aber er entfloh mit dem blutigen Schwerdte.
Vorlage S. 327
909
Herrmann stand noch mit in einandergeschlagenen Armen bey Kunzmanns Schwerdte, als ihn dieses gräßliche Getös aufmerksam machte. Er that einige Schritte vorwärts, um zu fragen, ob das, was er hörte, noch überbliebene Ideen seines Traums, oder Wahrheit wären, aber – –
Vorlage S. 327

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

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Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Jünglingsgehirn an selbst erfundenen und erträumten Abentheuern, die den, der sich mit …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »eigenen Verderben […], brauchte sie nunmehr zum Mittel, auch die andern zu trösten, und sie mitten im Unglück den höchsten Grad von Freude fühlen zu lassen«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Es ward eine allgemeine Verzeihung ausgerufen, und zur Bestätigung derselben alle Große der Stadt zum kaiserlichen Mahle eingeladen. – Mein Herz hüpfte bey der Vorstellung eines solchen Friedensfests; ich fand Wenzeln zum erstenmale in meinem Leben groß, seines Standes würdig, weil er so bereitwillig war, seinen Feinden zu verzeihen.«

Eine Antwort ist richtig.

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4. Welcher Ausschnitt kennzeichnet eine Aussage ausdrücklich als Möglichkeit oder Vermutung? Achte auf die Formulierung; entscheide nicht, ob die Aussage tatsächlich wahr ist.

Eine Antwort ist richtig.

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5. Was bedeutet »weiland« in diesem Ausschnitt? »Die Fürstinn von Ratibor machte ohngefehr so eine Miene, wie weiland der persische Hofmann, als er dem ebräischen Weisen die Kennzeichen der königlichen Gnade anlegen musste, doch verlor sich am Ende ihr hämischer Blick in jenes bitter süße Lächeln, welches freilich eine so unschuldige Seele«

Eine Antwort ist richtig.

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6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Herrmann erstaunte über die Bereitwilligkeit, mit welcher dieser Frau, wie er meynte, ihren ganzen Schatz dem Vergnügen aufopferte, einem Herrn, wie Wenzel, gedient zu haben.« B: »Ich ward in meinem Gebüsche immer aufmerksamer, denn jetzt hörte ich die Anzahl der Feinde Graf Eberhards, jetzt ihre Nahmen nennen, unter welchen sich auch zwei Herrn von Unna, unsers Herrmanns Vater und Bruder befanden.« C: »Aber die Kaiserinn hatte sich so an ihre reizende Gesellschafterinn gewöhnt, dass an keine Trennung zu denken war, und dass die Bitte des alten Münsters, die er in Person vortrug, abgeschlagen ward.«

Eine Antwort ist richtig.

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7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ich eilte nach Prag zurück, von da nach Kunradsburg und an …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Hier folgte eine zärtliche Umarmung und die Bitte, sich wieder nieder zu legen, weil der Tag noch kaum […] sei, und sie Ruhe vonnöthen habe.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »nachdem« in diesem Textausschnitt? »Er wandte kein Auge von Ida, und selbst nachdem man ihm von dem geringen Stande derjenigen, welche seine Aufmerksamkeit zu reizen schien, Nachricht gegeben hatte, welches unvorzüglich geschah, selbst dann konnte er sich noch nicht überwinden, seiner bestimmten Braut etwas mehr als etliche Seitenblicke zu«

Eine Antwort ist richtig.

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10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Was ihm den Aufenthalt auf Cylys Schlosse noch mehr verbitterte, war der …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »»Am Montage nach Allerheiligen, als Kaiser Wenzel Sophien, Herzog Johannes von Bayern Tochter heimführte,« so fängt die Urschrift an, welche wir uns bey dieser Geschichte zum Leidfaden erwählt haben, und wir […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
Textstelle nachlesen ↗

2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Sie wollte noch mehr sagen, aber in dem nemlichen Augenblicke trat ihr Mann wieder herein, und obgleich Herrmann noch drei Stunden verweilte, so wich er doch nicht einen Schritt von der Stelle, und Herrmanns […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
Textstelle nachlesen ↗

3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Lieber Leser, gern erlauben wir dir, die unschuldig Verklagte vor Gericht zu begleiten, aber dürfen wir es wagen dich an einen Ort zu führen, den noch kein profanes Auge sah? Setze dich lieber mit dem ehrlichen Vater Münster unter das Thor […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] von Ratibor, die sie Sophien des Abends von Idas Aufnahme gab, völlig Lügen strafte. Wenzel war wie bekannt, kein Feind der Weiber, aber die Schönheit der Dirnen, welche ihm gefielen brauchte von keinem so hohen Styl wie Idas Reize zu […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] ist. Aber ich rufe Himmel und Erde zu Zeugen, sie ist unschuldig! und zittert! ihr Blut wird nicht ungerochen bleiben, sie ist nicht die Tochter eines geringen unbekannten Bürgers, sie ist eine Fürsten Tochter!«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Schall einer Glocke, sie ward dreymal angeschlagen, und mir bebte das Herz bey dem fürchterlichen Laut. Der Schauplatz ward heller, ich erblickte rund umher auf schwarzbekleideten Stühlen eine zahllose Menge schwarzvermummter Gestalten, […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Sie wollte noch mehr sagen, aber in dem nemlichen Augenblicke trat ihr Mann wieder herein, und obgleich Herrmann noch drei […]« und »Walter schwieg, und besann sich erst nach einer Weile, dass er fragen müsse, was sie meyne, wenn er seine Rolle gut spielen wolle.«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »Herrmann stand noch mit in einandergeschlagenen Armen bey Kunzmanns Schwerdte, als ihn dieses gräßliche Getös aufmerksam machte. Er that einige Schritte vorwärts, um zu fragen, ob das, was er hörte, noch […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
Textstelle nachlesen ↗

9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »»Am Montage nach Allerheiligen, als Kaiser Wenzel Sophien, Herzog Johannes von Bayern Tochter heimführte,« so […]« / »Herrmann stand noch mit in einandergeschlagenen Armen bey Kunzmanns Schwerdte, als ihn dieses gräßliche Getös […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Am Montage nach Allerheiligen, als Kaiser Wenzel Sophien, Herzog Johannes von Bayern Tochter heimführte,« so fängt die Urschrift an, welche wir uns bey dieser Geschichte zum Leidfaden erwählt haben, und wir werden keine bessere Probe von der Treue, mit welcher wir unserm Original zu folgen«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Wer bist du? fragte Ida, bist du einer von den furchtbaren Unbekannten, die im Verborgenen richten?«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Er that einige Schritte vorwärts, um zu fragen, ob das, was er hörte, noch überbliebene Ideen seines Traums, oder Wahrheit wären, aber – –«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Herrmann von Unna von Naubert, Benedikte ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Herrmann von Unna

Benedikte Naubert: Herrmann von Unna. Eine Geschichte aus den Zeiten der Vehmgerichte. Theile 1–2, Teil 1, Leipzig: Weygandsche Buchhandlung, 1788. Naubert, Benedikte 5- Leipzig

Das Werk Herrmann von Unna von Naubert, Benedikte ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.