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Buch - Evremont - Bernhardi, Sophie

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Originalwerk · Lesefassung

Evremont

Bernhardi, Sophie · 1822

Evremont von Bernhardi, Sophie. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–134 Abschnitte
Porträt von Bernhardi, Sophie
Porträt: Bernhardi, Sophie · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 2 von 4

Erster Theil

1
Vorrede
2
Dieser Roman, welchen ich dem Publikum übergebe, ist die letzte Arbeit meiner verstorbenen Schwester Sophia 1 , welchen sie nur wenige Jahre vor ihrem Tode vollendete. Mein Urteil über dieses Werk könnte ein partheiisches scheinen, und ich enthalte mich daher, weitläuftig über diese Composition zu sprechen, oder ihre Vorzüge auseinander zu setzen. Der unpartheiische Kenner wird ohne meine Erinnerung einsehn, mit welchem Fleiß und mit welcher Liebe dieses Werk, welches die Verfasserin so manches Jahr beschäftigte, ausgeführt ist. Wenn die Dichterin in ihren früheren Produkten nur Traum- und Mährchenwelt darzustellen strebte, oder ein schönes Gedicht des Mittelalters neu erzählte, so hat sie in diesem Roman ihre Ansichten der Welt und der Menschen und vielfache erfahrungen niedergelegt. Die denkwürdigsten Jahre der neuen Geschichte bilden den Hintergrund dieses großen, mit mannichfachen, wechselnden Figuren ausgestatteten Gemäldes, und die Erzählung, die gut angelegt ist, hebt sich aus dem klaren Vordergrund, und das Interesse wächst mit jedem Kapitel. Die Erinnerungen eines jeden, welcher beobachten konnte und richtig schildern kann, werden aus jener merkwürdigen Periode ein gewisses Interesse haben, und seine Worte werden um so eindringlicher sein, wenn ihm die Gabe verliehen ist, diese Bilder und Ereignisse in ein mehr oder minder künstliches Gewebe einzuflechten. Eine solch Darstellung, ergießt sie sich aus einem reichen und vollen Gemüt, wird sie nicht durch Eigensinn und Vorurtheil beschränkt, hat, außer dem poetischen, theilweise einen geschichtlichen Werth. Diese freie, deutsche Gesinnung offenbart sich in diesen Blättern, die ich hier dem Publikum übergebe, mit dem Wunsche, dass die Freunde der Wahrheit, dass der gebildete Leser sie nicht unbefriedigt aus der Hand legen mögen. Auch hoffe ich, dass diese Darstellung das Andenken der Verfasserin bei ihren wohlwollenden Freunden erneuen wird, und dass ihr Name denen wird zugesellt werden, die das Schöne, Edle und Gute erkannten und es, so viel unsere geschränkten Kräfte vermögen, erstrebten.
Vorlage S. 5
3
Ludwig Tieck.
Vorlage S. 7
4
I
Vorlage S. 1
5
Im Spätherbst, wenn die Nebel schwer und feucht an den Bergen hängen, wenn die Sonnenstrahlen nur noch matt das graue Gewölk durchdringen, und die Natur keinen erheiternden Anblick mehr gewährt; dann ist der Mensch am Leichtesten geneigt, alle traurigen Erinnerungen in seine Seele zurück zu rufen, und unwillkührlich bildet sich so seine innere Stimmung nach den Eindrücken, die er von außen empfängt. In den letzten Tagen des Novembers im Jahre 1806, an einem solchen traurigen Herbstabend, saß die Gräfin von Hohenthal mit ihrer Nichte, Fräulein Emilie von Stromfeld, am Theetisch, im Besuchzimmer des alten Schlosses Hohenthal. Die hohe Gestalt der Gräfin, ihre würdige Haltung, die dunkeln durchdringenden Augen, die edeln Formen des Gesichts ließen, obgleich durch zunehmende Magerkeit etwas zu scharf gezeichnet, dennoch deutlich erkennen, mit welch einem hohen Grade von Schönheit die Natur ihre Jugend geschmückt haben musste, und noch jetzt, obgleich sie vierzig Jahre zählte, durfte sie Anspruch auf jene würdevolle Schönheit machen, die oft noch lange bleibt, wenn der Reiz der Jugend auch verschwunden ist.
Vorlage S. 1
6
Der Zug des Schmerzes um den Mund und die blasse Gesichtsfarbe zeugten von vergangenen Leiden, so wie die fest geschlossenen Lippen des feinen Mundes auf einen entschiedenen Charakter deuteten. Fräulein Emilie, ihre Nichte, war kaum achtzehn Jahre alt, in der Blüthe der Jugend und Schönheit, schlank, leicht, fein gebaut, so zart, dass die leiseste Bewegung des Gemüts eine Veränderung ihrer Gesichtsfarbe hervorbrachte; ihr frischer Mund lächelte mit unglaublicher Anmuth und verrieth im Lächeln die Neigung ihres Gemüts zur Heiterkeit, so wie die großen dunkelblauen, von langen seidnen Wimpern beschatteten Augen deutlich zeigten, dass ihr auch das Leid des Lebens nicht fremd geblieben war; die reiche Fülle der schönen, glänzenden blonden Haare erhöhte den Reiz dieser lieblichen Gestalt.
Vorlage S. 1
7
Beide Frauen saßen stumm da, Emilie mit einer Handarbeit beschäftigt, von der sie von Zeit zu Zeit aufsah, um einen theilnehmenden Blick auf die Gräfin zu richten, die, in sich versenkt, Alles um sich zu vergessen schien. Es ist heute ein trauriger Abend, unterbrach endlich Emilie das Schweigen mit ungewisser Stimme, der Herbst kündigt sich uns recht schwermüthig an; die Gräfin fuhr beim ersten Tone nach der langen Stille erschreckt zusammen, und zeigte dadurch deutlich, dass ihre Gedanken sie so sehr beschäftigt hatten, dass die Gegenwart des Fräuleins gänzlich von ihr war vergessen worden. Sie hörte nur halb auf Emiliens Bemerkung, stand auf, ging ein Paar Mal durch das Zimmer und sagte dann mit einem halb bittern, halb schmerzlichen Lächeln: An einem solchen Abende, glaube ich, würde auch der begeistertste Freund der schönen Natur und des einfachen Landlebens in seiner Vorliebe ein wenig wankend werden, und sich im Stillen wenigstens, wenn er sich schämte es laut zu gestehn, nach dem leichtsinnigen Geräusche der Stadt sehnen, nach Gesellschaft, die er oft langweilig genannt hat, nach Schauspiel, wenn es auch mittelmäßig wäre und die Forderungen der Kunst keineswegs befriedigte, kurz, nach allem Dem, was wir immer so hochmüthig sind verachten zu wollen, und was doch kein gebildeter Mensch entbehren kann.
Vorlage S. 1
8
Ehedem, bemerkte Emilie, war das Leben auf dem Lande heiterer, man brachte wohl schwerlich einen solchen Abend einsam zu; mehrere Familien aus der Nachbarschaft vereinigten sich, man lachte und scherzte die düstern Stunden hinweg, und ehe man es dachte, war Herbst und Winter verschwunden, und der Frühling mit allen seinen Blüthen entzückte uns von Neuem. Es ist traurig, dass Ihr erster langer Aufenthalt auf dem Lande grade in eine so ungünstige Zeit fällt. Der Krieg hat alle Menschen ängstlich gemacht, es wagt sich beinahe Niemand heraus, und wenn sich auch eine Gesellschaft vereinigt, so fehlt doch die ehemalige Heiterkeit.
Vorlage S. 2
9
Die Gräfin unterdrückte eine Antwort, die sie geben, oder eine Bemerkung, die sie machen wollte, und sagte nur seufzend: ich wollte, gutes Kind, Du könntest mich zerstreuen.
Vorlage S. 3
10
Würde Musik Sie vielleicht erheitern? fragte Emilie, indem sie aufstand und sich dem Instrumente näherte. Um Gottes Willen nicht, erwiederte die Gräfin, in meiner jetzigen Stimmung würde Musik mein Gefühl beleidigen.
Vorlage S. 3
11
Soll ich Ihnen vorlesen? fragte Emilie ein wenig schüchtern. Lesen, sagte die Gräfin mit Bitterkeit, lesen statt leben, es ist die allgemeine Meinung unserer Zeit, wir verschleudern unser eigenes Leben, um das eingebildeter Personen zu lesen; nun so lass uns denn so thöricht sein, wie alle Andern, nimm ein Buch und lies mir vor, nur bitte ich Dich keine Poesien, lass es schlichte gewöhnliche Prosa sein, woran wir uns ergötzen wollen.
Vorlage S. 3
12
Wer sollte wohl in dieser Aeußerung, sagte Emilie lächelnd, die leidenschaftliche Verehrerin der Poesie wiedererkennen?
Vorlage S. 3
13
Eben weil ich die Poesie verehre, versetzte die Gräfin, soll sie nicht in meiner jetzigen Stimmung vergeudet werden. Ich vermag heute nicht Aufmerksamkeit genug darauf zu verwenden, um die Schönheit eines Gedichtes heraus zu hören, und in solchem Zustande ist ein Roman das Beste, was man lesen kann.
Vorlage S. 3
14
Ich habe nicht geglaubt, sagte Emilie, dass Sie auch so gering von dem Romane dächten, wie die meisten gelehrten Recensenten, und nun, da es doch so scheint, werde ich in meiner eignen Ansicht irre.
Vorlage S. 4
15
Wer sagt Dir, dass ich gering von dem Roman denke? fragte die Gräfin; doch, fuhr sie fort, lass Deine Ansicht über ihn hören.
Vorlage S. 4
16
Sie wollen über mich lachen, antwortete Emilie, und wenn es Sie erheitern kann, will ich mich gern Ihnen so gegenüberstellen, als könnte auch ich ein Urteil haben.
Vorlage S. 4
17
Gar zu bescheiden, sagte die Gräfin, Du weißt, meine Liebe, auch das Gute muss man nicht übertreiben.
Vorlage S. 4
18
Emilie erröthete ein wenig und sagte dann: jetzt wird es mir in der That schwer, eine Ansicht zu entwickeln, die ich vor Kurzem noch mit so viel Klarheit in mir hatte; aber ich dächte, die Romane wären deßwegen so allgemein beliebt, weil sie uns in der That die Gesellschaft am Meisten ersetzen; wir leben im Kreise der Menschen, die uns dargestellt werden, wir kennen die Gegend, in der sie leben, ihre Häuser und Hausgenossen, es entwickelt sich ihr Charakter vor uns, sie vertrauen uns ihr Glück und ihre Leiden an, und ist ein Buch beendigt, so habe ich wenigstens das Gefühl, als ob ich aus einer Gegend abreiste, worin ich viele Freunde und interessante Menschen zurücklasse, wo mir auch die komischen Figuren ihr Herz entfaltet haben und so mir lieb geworden sind, und selbst die bösartigen sich so gezeigt haben, dass ich sie entweder beklagen oder bewundern muss.
Vorlage S. 4
19
Du sprichst von guten Romanen, sagte die Gräfin, aber selbst die mittelmäßigen besitzen noch Vieles von diesen Reizen, und wenn uns ein wahrhaft elender in die Hände fällt, der uns in gar zu langweilige oder zu schlechte Gesellschaft versetzt, so giebt es nichts Leichteres, als sich hier zurückzuziehen, denn nichts weiter ist nötig, als dass wir das Buch wegwerfen. Nimm denn also einen Roman und lies; lass uns versuchen, ob wir uns fremde Menschen, eine andere Gesellschaft herzaubern und darüber uns selbst vergessen können.
Vorlage S. 5
20
Emilie richtete einen traurigen Blick auf die Gräfin und wollte sich entfernen, um ein Buch zu holen; die Gräfin aber nahm sie bei der Hand und sagte mit milder Stimme: Ich quäle Dich, gutes Kind, durch meine heutige Laune, aber glaube mir, es liegt mir so Manches drückend auf dem Herzen, dass, wenn ich darüber spräche, Du mich bedauern und gern Geduld mit mir haben würdest.
Vorlage S. 5
21
Sie fürchten vielleicht, sagte Emilie mit einiger Beklemmung, dass die Feinde dennoch durch die Bergschlucht dringen und uns hier beunruhigen werden, obgleich der Onkel es für unmöglich hielt. Nicht diese Sorgen quälen mich am Meisten, erwiederte die Gräfin, obgleich ich fürchte, dass es möglich ist, und dass, wenn es geschieht, ein großer Theil unseres Vermögens verloren gehn kann, was doch auch nicht gleichgültig von uns betrachtet werden darf; Emilie schwieg und die Gräfin fuhr fort: Man braucht nicht geizig zu sein, um einen großen Werth auf ein bedeutendes Vermögen zu legen, das, indem es den Rang unterstützt, den wir in der Welt einnehmen, unsere Unabhängigkeit sichert, und gewiss hat man nur in der Jugend die Großmuth, alle irdischen Güter zu verachten, weil man weder ihren wahren Werth, noch ihren rechten Gebrauch kennt. Der edelste, uneigennützigste Mensch wird sich gedrückt fühlen, wenn Mangel an Vermögen ihn von Andern abhängig macht.
Vorlage S. 5
22
Emilie konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrücken, und die tiefe Röthe, die sich über ihre Wangen verbreitete, verrieth der Gräfin ihre Gedanken. Emilie fühlte sich errathen, und die schöne Röthe stieg bis zur reinen Stirn empor, indem die Augen sich senkten und Thränen darin hinter den langen Wimpern sich verbargen. Es schmerzte die Gräfin, ihre junge Freundin verwundet zu haben; sie legte den Arm um ihre Schulter und ging so mit ihr durch das schwach erleuchtete Zimmer, damit Emilie in der größten Entfernung von den Lichtern die Thränen unbemerkt in den Augen zerdrücken konnte. Ich meine, fuhr die Gräfin nach einem kurzen Schweigen fort, es würde mir schmerzlich sein, wenn unser Vermögen so zerrüttet würde, dass der Graf gezwungen wäre, die Unabhängigkeit aufzugeben, die ihm so theuer ist, und dies könnte geschehen, wenn ein feindlicher Einfall die Güter zerstörte; doch aber noch ein anderer Kummer liegt mir auf dem Herzen, der mich mehr als diese Sorgen quält.
Vorlage S. 6
23
Beide Frauen waren an einem Fenster stehen geblieben und sahen in die dunkle Nacht hinaus; ein feiner Regen schlug gegen die Fenster, die Sterne waren durch schwarze Wolken verhüllt, und kein Gegenstand ließ sich draußen unterscheiden. Ich hoffe, sagte die Gräfin, wir werden allein bleiben, obgleich die Einsamkeit mir heute sehr drückend ist, denn ich wünsche nicht, dass der Graf, bei dieser unfreundlichen Witterung, in der dunkeln Nacht den Weg über das Gebirge zurück machen möge. Er wollte aber nicht die Nacht in Heinburg bleiben, versetzte Emilie. Es ist unrecht, erwiederte die Gräfin mit kaum bemerklichem Lächeln, dass der gute alte Baron mit seinen unschuldigen Thorheiten ihm so sehr zuwider ist; ich hoffe aber, er wird heute lieber einige von dessen etwas weitläuftigen und nüchternen Geschichten anhören, als bei diesem Wetter den Rückweg unternehmen wollen.
Vorlage S. 7
24
Schimmert nicht ein Licht dort unten im Thale? fragte Emilie. Wo? rief die Gräfin.
Vorlage S. 8
25
Dort, links vom Schlosse, erwiederte jene, mich dünkt, es bewegt sich aus der Schlucht her, auf dem Wege, den der Onkel kommen muss.
Vorlage S. 8
26
Die Gräfin schaute aufmerksam nach der Gegend hin, und in der That bemerkte man nun mehrere Lichter, die sich auf dem Wege um eine dunkle Masse zu bewegen schienen. Die Dunkelheit der Nacht machte es unmöglich, einen Gegenstand zu unterscheiden, da selbst die Lichter nur matt und trübe durch den fallenden Regen schimmerten.
Vorlage S. 8
27
Die Gräfin zog heftig die Klingel und befahl dem eintretenden Bedienten, vom Schlosse aus mit mehreren Leuten den Lichtern entgegen zu gehn und eilig zu berichten, Wer da komme, und ob diese unvermutheten Gäste das Schloß zu besuchen gedächten. Aengstlich blieben beide Frauen am Fenster stehen, und man bemerkte nun bald, wie mehrere Menschen aus dem Schlosse mit Laternen dem Zuge entgegen eilten, der sich offenbar dem Schlosse näherte. Einige Diener kehrten bald zurück und berichteten, es sei der Herr Graf, begleitet von mehreren Bauern aus einem nahe gelenen Dorfe, die einen Mann auf einer Bahre nach dem Schlosse trügen.
Vorlage S. 8
28
Bestürzt blickte die Gräfin auf Emilie, wickelte sich dann in ihren Shawl und befahl zu leuchten. Emilie folgte der Gräfin; Bediente gingen mit Lichtern voran, und so stiegen beide Frauen die große Treppe des Schlosses hinunter; die Flügelthüren des Hauses wurden geöffnet, und in demselben Augenblicke auch mit großem Geräusch das Thor des Hofes; der Graf sprengte, begleitet von einem Reitknechte, herein und warf sich sogleich vom Pferde, als er die Gräfin bemerkte, die im offenen Thore des Hauses stand, auf Emilie gelehnt, und hinter beiden mehrere Bediente mit vielen Lichtern. Der untere Raum des Hauses füllte sich bald mit der Dienerschaft des Schlosses, die Neugierde, vermischt mit Furcht, herbei führte.
Vorlage S. 8
29
Der Graf warf einem Bedienten seinen von Regen durchnäßten Mantel zu, trat dann eilig zu der Gräfin und sagte, indem er ihre Hand fasste: »Es ist nichts, meine Liebe, das Sie beunruhigen dürfte, der junge Mann ist im Walde ohnmächtig und beinahe an seinen Wunden verblutend gefunden worden. Da ich glaubte, dass wir hier am Besten im Stande wären, ihm wirksame Hülfe zu leisten, so habe ich ihn hieher tragen lassen. Er scheint, nach der Uniform zu urtheilen, ein französischer Officier zu sein, also zur feindlichen Armee gehörig, doch kann dies kein Hindernis sein, ihm alle Hülfe zu leisten, die in unsern Kräften steht.«
Vorlage S. 9
30
Kaum hatte der Graf diese eilige Erklärung gegeben, als sich die Lichter, welche die Frauen vom Fenster des Schlosses ans bemerkt hatten, zum Thore des Hofes hinein bewegten. Voran ging der Schulze des Dorfes, ein junger, kräftiger Mann; er trug in einer Hand eine Laterne und mit der andern nahm er seine mit Pelz verbrämte sonntägliche Mütze ab, um, indem er sich tief vor der Gräfin verbeugte, zugleich mit einer heftigen Bewegung den Regen davon abzuschütteln. Mehrere Bauern trugen eine Bahre, auf der der Verwundete lag, und welche von andern, die Laternen mit brennenden Lichtern in den Händen trugen, umgeben war. Auf den Befehl des Grafen wurde die Bahre mit dem Verwundeten nun durch das offne Thor des Schlosses getragen; die Gräfin zog sich an die Mauer zurück, um den Trägern Raum zu lassen, und warf einen Blick auf den Kranken, indem er vor ihr vorbeigetragen wurde. Er lag auf Kissen in Decken gehüllt und schien völlig leblos zu sein; so wie die Gräfin die Augen auf ihn richtete, zuckte ein schmerzlicher Schrecken durch ihren Körper; sie bedeckte die Augen mit ihrer Hand, und der fest geschlossene Mund zeigte, dass sie nach Fassung rang. Emilie berührte leise den Arm der Gräfin und fragte theilnehmend: Ist Ihnen nicht wohl? Es ist nichts, sagte die Gräfin, indem sie ihre dunkeln Augen schnell wechselnd auf verschiedene Gegenstände richtete, um durch eine augenblickliche Zerstreuung einen gewaltsamen Eindruck zu bekämpfen; dann suchten ihre Augen mit einer gewissen Besorgniß den Grafen, der aber zu sehr mit dem Kranken beschäftigt war und in diesem Augenblicke nicht auf die Frauen achtete.
Vorlage S. 9
31
Es wurde nun schnell ein Zimmer im Schlosse bereitet; der Graf rief nach dem Arzte des Hauses, und die Gesellschaft wurde durch den Prediger des Dorfes vermehrt, der als ein vorsichtiger Reiter seinen Weg so langsam gemacht hatte, dass ihm sogar die Bauern, welche den Kranken trugen, vorgeeilt waren. Er ritt in diesem Augenblicke zum Thore des Hofes ein, von einem Knechte begleitet, der ihm eine Laterne vortrug und ihm nun den Steigbügel hielt. Langsam und bedächtig stieg der Pfarrer ab, und sein kleines, mageres Pferd wurde von dem Knechte ohne Weiteres nach dem Stalle geführt, indem der Geistliche ihm mit etwas heiserer Stimme noch verschiedene Vorsichtsmaßregeln nachrief, wenn das Pferd etwa heiß sein sollte, was sich bei dem langsamen Ritt in einer kalten, regnigten Nacht kaum vermuthen ließ; auch schien das Pferd überhaupt nicht so viel Sorgfalt zu verdienen, noch auch sonst zu genießen, denn sein Bau und ganzes Ansehen verrieth, dass es eben sowohl zum Pflügen und jeder anderen Arbeit, als zu den Spazierritten des Pfarrers gebraucht wurde. Nachdem der bedächtige Reiter auf diese Weise für sein getreues Roß gesorgt hatte, näherte er sich so eilig, als es ihm Mantel, Ueberrock und sonstige Verhüllungen seiner Person erlaubten, der Gräfin, die sich nun völlig wieder gefasst hatte und den Prediger mit gewohnter Höflichkeit bewillkommnete.
Vorlage S. 11
32
Der Kranke war indeß in ein Zimmer des untern Stockwerkes gebracht worden, wohin der Graf, begleitet vom Arzte, folgte, und der Prediger eilte, von Theilnahme und Neugierde getrieben, ebenfalls zu dem Verwundeten; die Gräfin zog sich nach ihrem Zimmer zurück, und Emilie ging, um der Haushälterin alle Aufträge zu geben, die, um den Zustand des Kranken zu erleichtern, nötig waren.
Vorlage S. 12
33
II
Vorlage S. 12
34
Nachdem der Arzt die Wunden des Kranken untersucht hatte, die von verschiedenen Säbelhieben herzurühren schienen, bemerkte er, dass er sie an sich nicht für tödtlich hielte, dass ihm aber der Zustand des Kranken dennoch gefährlich schiene, durch die starke Verblutung sowohl, als durch seine heftige Erkältung, da er wahrscheinlich lange hüflos im Walde gelegen hätte, der rauhen Jahreszeit und der unfreundlichen Witterung Preis gegeben. In der That gab der Verwundete nur schwache Zeichen des Lebens und schlug erst nach langer Zeit die großen dunkeln Augen auf, doch ohne dass er irgend etwas von den Gegenständen um sich zu bemerken schien. Der Pfarrer leistete dem Arzte alle mögliche Hülfe in der Behandlung des Kranken und verrieth eben so viel Theilnahme für den Verwundeten, als Kenntnis der Wundarzneikunst. Nachdem der Kranke versorgt war, und der Arzt die nötigen Verhaltungsregeln gegeben, vor Allem verordnet hatte, dass man den Kranken auf keine Weise zum Sprechen reitzen müsse, eine Verordnung, die dem Pfarrer sehr unangenehm war, obgleich er ihre Notwendigkeit einsah, kehrten Alle in das Gesellschaftszimmer zurück. Die Gräfin zeigte nichts von der trüben Stimmung, der sie sich überlassen hatte, als sie mit Emilie allein war, und fragte mit Theilnahme nach dem Verwundeten.
Vorlage S. 12
35
Der Graf unterrichtete sie von seiner gefährlichen Lage und sagte, es wäre wohl gut, wenn Dübois die Sorge für ihn übernehmen wollte; es würde dem alten Manne zwar beschwerlich sein, indeß bei seiner Gutmüthigkeit und Theilnahme für alle Unglücklichen, glaube ich, würde er es gern tun, besonders da der Verwundete sein Landsmann ist, der wahrscheinlich keine andere, als die französische Sprache zu reden versteht und sich folglich keinem von der Dienerschaft verständlich machen kann. Die Gräfin zog die Klingel, und der Pfarrer sagte vorschnell: So sollten der Herr Graf ihm befehlen, die Nacht bei dem Kranken zu wachen. Ich befehle nicht gern einem alten Manne, sagte der Graf höflich, doch ein wenig verdrüßlich, der mehr aus Anhänglichkeit an uns in meinem Hause lebt, als aus einem andern Grunde, und den ich niemals wie einen Bedienten betrachte. Man konnte überhaupt bemerken, dass sowohl der Graf, als die Gräfin ein uneingeschränktes Vertrauen zu dem alten Dübois hatten, der die Verrichtungen eines Kammerdieners und eines Haushofmeisters, wie es schien, freiwillig übernahm, denn wenigstens der Graf richtete nie einen Befehl an ihn, sondern drückte seinen Willen als Wunsch aus und ließ ihn so gewöhnlich durch die Gräfin an den alten Mann gelangen, der auch bei aller Ehrerbietung, die er gegen den Grafen zeigte, doch eigentlich nur die Gräfin als seine Herrschaft betrachtete. Dem Bedienten, der auf den Ruf der Klingel eingetreten war, sagte die Gräfin, er solle Herren Dübois bitten, einen Augenblick zu ihr zu kommen.
Vorlage S. 13
36
Der Pfarrer, ein Mann ohne feine Erziehung, der in seiner Umgebung sich zu beherrschen nicht gelernt hatte, ließ durch seine Mienen, die eine schlaue Verwunderung ausdrückten, und durch das halbe Lächeln, mit dem er den Arzt ansah, deutlich merken, wie sehr ihn diese Art, mit seiner Dienerschaft umzugehen, befremdete.
Vorlage S. 14
37
Nach wenigen Augenblicken trat der alte Haushofmeister mit einer höflichen Verbeugung ein und hielt sich ehrerbietig nah an der Thüre. Es war unmöglich, beim ersten Blicke, den man auf ihn richtete, dem alten Manne Wohlwollen und Zutrauen zu versagen. Seine hohe Stirn zeugte von einer so einfachen Redlichkeit des Gemüts, die grauen Augenbraunen beschatteten so gutmüthige Augen, die wenigen grauen, sorgfältig gepuderten Haare erweckten Theilnahme für sein Alter, und eine Trauer in seinem Gesichte, die niemals verwischt wurde, obgleich er bei jeder Rede ein wenig lächelte, verrieth mehr Tiefe des Gemüts, als man bei gewöhnlichen Dienern findet. Es war bekannt, dass er die französische Revolution mit allen ihren Folgen verabscheute, und er dehnte diesen Abscheu auf Alles, sogar auf die jetzige Kleidertracht aus, die, wie er meinte, auch eine Folge der Revolution sei. Er also war der alten guten Zeit getreu geblieben, wie in seinem Innern, so auch in seinem Aeußern, und ihn schmückte noch ein brauner Rock mit seidenem Futter und goldgesponnenen Knöpfen, wie es sich für einen Haushofmeister aus dieser guten Zeit ziemte. Seine Haare waren frisirt und gepudert und hinten in einem zierlichen Haarbeutel vereinigt, er steckte, wenn er vor seine Herrschaft trat, drei Finger seiner rechten Hand in die mit Seide und ein wenig Gold gestickte, atlaßne Weste, indeß er den Hut unter dem linken Arme hielt, auch erlaubte er sich nie anders, als in seidnen Strümpfen, vor der Gräfin zu erscheinen. So belehrte er die Bedienten des Hauses, mit solcher Ehrerbietung behandelte man ehedem seine Herrschaft und zeigte dadurch öffentlich der Welt, dass man Leuten von hoher Geburt diente, die durch ihre edeln Eigenschaften unsere tiefste Verehrung verdienten. Aber jetzt, seufzte er dann oft, jetzt ist freilich Alles anders, seit der unglücklichen Revolution kümmert sich kein Diener mehr darum, von welcher Geburt seine Herrschaft ist, auch sind ihm ihre Eigenschaften gleichgültig, Geld und Lohn wird jetzt allein berücksichtigt. Wahrhaft gekränkt konnte der alte Mann sein, wenn auf solche Rede ein leichtsinniger Bedienter antwortete: Natürlich, was geht mich die Herrschaft an, Wer am Besten bezahlt, dem diene ich am Liebsten, und mich kümmert es wenig, was er ist oder wie er ist. Wenn er solche Antworten auf seine wohlgemeinten Reden erhielt, dann zog er sich gewöhnlich auf sein Zimmer zurück und las Anekdoten aus der guten alten Zeit, von treuen Dienern und edeln Herren, und Niemand würdigte so sehr, als er, den bekannten Haushofmeister des großen Condé, der sich in Verzweiflung selbst entleibte, weil er glaubte, er würde den König nicht so bewirthen können, wie es die Ehre seines Herren erforderte.
Vorlage S. 14
38
Diesem Dübois näherte sich nun die Gräfin und fragte, indem sie ihn mit ihrem gewöhnlichen durchdringenden Blick ansah, mit etwas leiser Stimme: Haben Sie den verwundeten Officier schon gesehen? Ja, gnädige Gräfin, erwiederte der alte Mann, indem er sich verbeugte, ich habe ihn gesehen. Er richtete einen schnellen traurigen Blick auf die Gräfin, indem er diese wenigen Worte sagte, der Niemand sonst auffiel, der aber die Gräfin so bewegte, dass sie mit wankender Stimme sagte: Der Graf wünscht, lieber Dübois, Sie möchten die Sorge für den Kranken übernehmen, wenn es Ihre Kräfte und Ihre Gesundheit erlauben, das heißt, fügte sie erklärend hinzu, Sie möchten die Oberaufsicht führen, damit ihm nichts mangle, und da er wahrscheinlich nur französisch reden wird, und folglich Niemand von der Dienerschaft ihn verstehen kann, seine Wünsche von ihm erfahren und dann den Bedienten die nötigen Befehle geben. Ich habe den gnädigen Herren Grafen schon um die Erlaubnis bitten wollen, antwortete der alte gutmüthige Mann, für die Pflege des Kranken zu sorgen; denn, sezte er mit einem Seufzer hinzu, wenn ich auch sonst keine Theilnahme für ihn hätte, so ist er doch ein Franzose, zwar ein Franzose aus der jetzigen Zeit, aber doch immer ein Sohn meines Vaterlandes, und das ist für mich hinreichend, um für ihn wie für einen eigenen Sohn zu sorgen. Ich wusste, dass Sie so denken, sagte der Graf, indem er ihm freundlich auf die Schulter klopfte, und Sie erzeigen mir eine wahre Gefälligkeit dadurch, dass Sie die Pflege des jungen Mannes übernehmen, denn nun kann ich völlig sicher sein, dass nichts versäumt wird, und in seiner gefährlichen Lage alle Vorschriften des Arztes genau befolgt werden. Dieser war nun auch hinzugetreten, und da er vernommen hatte, dass Dübois die Krankenpflege übernehmen wollte, so behandelte er ihn von diesem Augenblicke an halb als einen Amtsgenossen, halb als einen Untergebenen; er gab ihm ohne Umstände eine Menge Aufträge, was er alles für den Kranken tun sollte, und fügte bei jedem Auftrage die Ursache hinzu, warum Dieses und Jenes geschehen müsse. Dübois hörte Alles geduldig an und blieb in seiner höflichen Fassung, doch als der Arzt endlich im Eifer der Rede einen Knopf der atlaßenen Weste fasste, und indem er heftig daran zog, ihm einschärfte, alles Sprechen des Kranken zu verhindern, wurde der alte Mann ungeduldig, entzog sich mit einer geschickten Bewegung den Händen des Arztes und verließ mit einer Verbeugung das Zimmer, indem er sich kaum enthalten konnte zu bemerken, dass ehedem, vor der Revolution, auch die Aerzte besser erzogen gewesen wären, und nur die eigene gute Lebensart ihm die Kraft gab, diese unfeine Bemerkung zu unterdrücken.
Vorlage S. 16
39
Der Graf wendete sich nun an den Prediger mit der Bitte, die Nacht auf dem Schlosse zu bleiben, um ihm am andern Morgen beizustehn, den nötigen Bericht an die Regierung über den Verwundeten aufzusetzen; mein Beamter, sagte er, ist in diesem Augenblicke abwesend, und ich, fügte er lächelnd hinzu, bin erst seit so kurzer Zeit hier, dass ich völlig fremd in den Geschäften bin. Der Prediger war sehr gern bereit, allen Beistand zu leisten, und nachdem auch seine Sache abgemacht war, und man den Befehl ertheilt hatte, den Schulzen und die Bauern auf's Beste zu bewirthen, begab sich die Gesellschaft nach dem Speisezimmer, um sich nach den Beschwerden des Tages bei einer wohl zubereiteten Abendmahlzeit zu erholen.
Vorlage S. 18
40
Da wir nun ein wenig zur Ruhe gekommen sind, sagte die Gräfin, so bitte ich Sie, uns doch mitzutheilen, wo Sie den Verwundeten in so kläglichem Zustande gefunden haben.
Vorlage S. 19
41
Sie wissen, erwiederte der Graf, dass unser guter Nachbar, der Baron Löbau, nicht mit mir über die Grenzen unserer Besitzungen einig ist, und dass ich, da mir der Zustand der Ungewissheit im Großen, wie im Kleinen zuwider ist, und ich Streitigkeiten verabscheue, mich entschloß, trotz der ungünstigen Witterung, mit ihm nach der Gegend hinzureiten, um wo möglich an Ort und Stelle Alles auszugleichen. Wir machten den Ritt mit einander, und auf einer kleinen, von waldbewachsenen Hügeln umgebenen Fläche, mitten im streitigen Grenzlande, fanden wir den unglücklichen jungen Mann; wir entdeckten, da wir untersuchten, noch Spuren des Lebens, ich hüllte ihn in meinen Mantel und ritt nach dem nächsten Dorfe, um Hülfe herbei zu rufen; der Herr Prediger war so gut mich zu begleiten, wir boten den Schulzen und die Bauern auf, und eilten, so schnell es sich tun ließ, nach dem Walde zurück. Der gute Baron war indeß bei dem Verwundeten geblieben, er hatte ihn mit Hülfe des Bedienten auf eine trockene Stelle gebracht und suchte ihn gegen den Regen so viel als möglich zu schützen. Der Kranke hatte die Augen einigemale aufgeschlagen, und ein dumpfes Stöhnen zeigte, dass er noch lebte; der Herr Pfarrer verband in der Eile seine Wunden, wir legten ihn auf Kissen und hüllten ihn in Decken, und ich nahm meinen Mantel zurück. Als der Verwundete auf der Bahre lag, trat der Baron davor, und indem er feierlich um sich blickte, fragte er, wohin nun mit ihm? Es käme dem zu, für ihn zu sorgen und der Regierung darüber zu berichten, auf dessen Grund und Boden er gefunden worden, allein wessen ist der Grund und Boden? Ich bemerkte, da meine Wohnung näher liege, als das Schloß des Barons, so wollte ich mich der Pflege des Verwundeten annehmen. Sehr wohl, erwiederte der Baron, aber ohne dass dadurch ein Recht auf diesen Grund und Boden entsteht; wenn Sie es bloß als eine Handlung der Menschlichkeit und nicht als eine Posseß-Ergreifung betrachten wollen, so bin ich zufrieden, dass Sie ihn fortbringen lassen. Ich gab feierlich mein Wort, auf die Handlung kein Recht zu begründen; der Herr Pfarrer war Zeuge unseres Vertrags, und danach sezte sich der Zug in Bewegung. Wir hielten im Dorfe an, der Herr Pfarrer suchte dem Kranken einige stärkende Mittel einzuflößen, wir versahen uns mit Lichtern, und so erreichten wir endlich nach manchen ängstlichen Augenblicken das Schloß.
Vorlage S. 19
42
Und hier, rief der Arzt mit Hastigkeit, wird nun der junge Mann unter meinen Händen entweder genesen oder sterben.
Vorlage S. 21
43
Eines von beiden, erwiederte der Graf, wird wahrscheinlich eintreten, doch hoffe ich von seiner Jugend und Ihrer Geschicklichkeit das Beste.
Vorlage S. 21
44
Es steht schlimm um ihn, bedenklich schlimm, sagte der Arzt, indem er die Augen fest zudrückte und den Kopf auf die linke Schulter senkte. Aber warum, fuhr er nach einem kurzen Schweigen den Pfarrer an, warum haben Sie ihn nicht lieber in ihrem Hause behalten? Der lange, beschwerliche Weg über das Gebirge hat die Kräfte des armen Kranken noch vollends erschöpft und gewiss seinen Zustand sehr verschlimmert.
Vorlage S. 21
45
Ich dachte, sagte der Pfarrer mit einiger Verlegenheit, da Sie hier im Hause sind, und ärztliche Hülfe das Wichtigste für den jungen Mann ist, dass es am Besten sei, wenn er unter Ihren Augen wäre.
Vorlage S. 21
46
Nichts, nichts! rief der Arzt, Sie selbst verstehen recht viel von der Kunst, Sie hätten ihn gut pflegen können, Sie hätten die Einsichten gehabt, alle nötigen Mittel richtig anwenden zu können, es wäre dem Kranken nichts bei Ihnen abgegangen.
Vorlage S. 21
47
Aber, sagte der Pfarrer verdrüßlich, Sie hätten nicht so oft nach ihm sehen können, und das ist doch das Wichtigste.
Vorlage S. 22
48
Ich hätte mir, rief der Arzt, mein Pferdchen satteln lassen, schnell wäre ich des Morgens bei Ihnen gewesen; was mach ich mir aus Beschwerde! Und hätte ich hier keinen Kranken gehabt, und das Wetter wäre zu schlecht gewesen, so wäre ich die Nacht bei Ihnen ge blieben, das hätte sich Alles machen lassen, und Sie haben immer unrecht daran getan, den armen Menschen so weit, auf so schlechten Wegen, bei solchem Wetter und in einem so elenden Zustande fortschleppen zu lassen.
Vorlage S. 22
49
Der Arzt ahnte nicht, wie sehr er den Pfarrer quälte, denn er wusste nicht, dass dieser zwar höchst dienstfertig war und alle Hülfe leistete, so lange bloß seine Tätigkeit in Anspruch genommen wurde, dass er sich aber augenblicklich zurück zog, wo seine Hülfsleistungen ihm Kosten verursachten oder Verantwortlichkeit zuziehen konnten. Als man deßhalb vor seinem Hause mit dem Verwundeten anhielt, kämpfte er in der That mit sich, ob er ihn nicht aufnehmen sollte, denn er sah das Gefährliche seines Zustandes wohl ein, indeß die Furcht vor Kosten und Verantwortlichkeit trug den Sieg über seine Menschenliebe davon, und er folgte dem Zuge mit banger Sorge, denn ihn quälte die Furcht, der Kranke möchte unterwegs sterben, und es war ihm eben so peinlich, daran zu denken, was auf den Fall alle seine Pfarrkinder von ihm sagen möchten, als wie sehr ihn sein eigenes Gewissen beunruhigen würde. Der Graf suchte den Pfarrer von den Vorwürfen des Arztes zu erlösen, indem er erklärte, er, als der Grundherr, würde es nicht wohl haben zugeben können, dass der Verwundete, der ein feindlicher Offizier scheine, sich anderswo, als unter seinen Augen aufhielte, so lange, bis eine Bestimmung über ihn von der Regierung einträfe. Der Arzt schwieg zwar einen Augenblick, wendete sich aber gleich wieder zum Pfarrer und rief: Ich hätte mir den Kranken nicht entgehen lassen, Sie haben immer unrecht getan!
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50
Nach aufgehobener Tafel zogen sich die Frauen in ihre Zimmer zurück, und der Graf, begleitet vom Arzt und Prediger, besuchte noch einmal den Kranken; sie fanden ihn schlafend, und Dübois berichtete, er sei in so weit zu sich gekommen, dass man ihm einige Arzneien und auch einige Nahrungsmittel habe einflößen können, darauf sei er eingeschlafen. Gut, sehr gut, rief der Arzt, nun gewacht, darauf geachtet, wenn er aufwacht, dann gleich zu mir gekommen und mich gerufen, damit wir sehen, was alsdann zu tun ist; nur den Schlaf des Kranken nicht gestört, der Schlaf stärkt und beruhigt alle Nerven. Der Arzt hatte die Gewohnheit, alle seine Verordnungen entweder in so abgerissenen Sätzen zu geben, oder sehr weitläuftig auseinander zu setzen, weßhalb dieses oder jenes geschehen solle, und die beabsichtigte Wirkung genau zu zu beschreiben, in der Regel wendete er aber die lezte Art, seine Verordnungen mitzutheilen, nur bei Gebildeten an, von denen er voraussetzte, dass sie ihn verstehen könnten.
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51
Der Graf sagte freundlich zu dem alten Haushofmeister: Sie werden doch, lieber Dübois, nicht die Nacht aufbleiben wollen? Es würde Sie bei Ihrem Alter zu sehr angreifen?
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52
Der gnädige Herr Graf bemerken, sagte der alte Mann, dass ich es mir schon in dieser Absicht bequem gemacht habe. (Er hatte einen weiten braunen Oberrock angezogen.) Es wird mir nichts schaden, einige Nächte aufzubleiben, und ich habe denn doch, wenn Gott den Kranken zu sich nehmen sollte, ein ruhiges Gewissen. Er sah in diesem Augenblicke auf das bleiche Gesicht des Verwundeten und konnte seine Thränen nicht zurückhalten, ob er es gleich nicht schicklich fand, in Gegenwart des Grafen zu weinen. Dieser drückte ihm gerührt die Hand und sagte: Sie sorgen stets so treu für Andere und so wenig für Sich selbst, denken Sie daran, wie sehr es die Gräfin und mich schmerzen würde, Sie zu verlieren, und schonen Sie sich.
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Der alte Mann hielt einen Augenblick die Hand des Grafen, und sah ihm mit Dankbarkeit und Entzücken in die Augen. Er kam sich in diesem Augenblicke vor wie der Diener eines hohen Fürsten aus der guten alten Zeit vor der französischen Revolution, dessen Treue und Ergebenheit öffentlich von seinem Herren vor den Edeln des Reichs anerkannt wird. Der Graf drückte noch einmal seine Hand und sagte mit großer Güte: Gute Nacht dann, lieber Dübois; schlafen Sie wohl, meine Herren, sagte er drauf mit einer Verbeugung zum Arzt und Pfarrer, und verließ das Zimmer. Dübois schwieg, aber seine Liebe für den Grafen und die Gräfin wuchs diesen Abend zu einem so hohen Grade, dass keine Opfer, welche sie auch von ihm hätten fordern können, ihm zu groß gedünkt hätten.
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54
Der Arzt bemerkte, dass es noch nicht spät sei, und lud den Pfarrer ein, da nun die Geschäfte des Tages vollbracht wären, noch ein Stündchen ihm auf seinem Zimmer bei einer Pfeife Tabak Gesellschaft zu leisten. Diese Einladung wurde vom Pfarrer um so bereitwilliger angenommen, je mehr er sich längst darnach gesehnt hatte, seine gewohnte Abendpfeife in behaglicher Ruhe bei einer zwanglosen Unterhaltung zu rauchen.
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III
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56
Schon längst war es der sehnlichste Wunsch des Pfarrers gewesen, die nähern Familienverhältnisse des Grafen zu erfahren. Ohne bösartig zu sein, wurde er von einem inneren Verlangen getrieben, Alles zu erforschen, was irgend einen Menschen oder eine Familie betraf, die zu dem Kreise seiner Bekanntschaft, wenn auch in weitester Entfernung, gehörten; ja, Manche, die ihn näher kannten, behaupteten, seine große Dienstfertigkeit entspringe zum Theil daher, weil sie ihm Gelegenheit verschaffe, Manches zu erfahren, was ihm verborgen bleiben würde, wenn er sich nicht willig mit den Angelegenheiten vieler Menschen beschäftigte. So kam es, dass er der allgemeine Rathgeber der ganzen Gegend war, ihr Rechtsfreund, wenn die Prozesse nicht zu wichtig waren, der Arzt aller Bauern und Beamten, die weit lieber ihm ihre Gesundheit anvertrauten, als sich an einen wirklichen Arzt wendeten. Er häufte auf diese Weise Arbeit und Beschwerden aller Art auf sich, und fühlte sich vollkommen belohnt, wenn seine Klienten und Patienten alle Fragen, die er ihnen vorlegte, gewissenhaft, genau und treu beantwortteten, dagegen konnte er aber in unbescheiden üble Laune gerathen, wenn es sich Jemand beikommen ließ, nur seine Arzneimittel oder seinen Rath benutzen zu wollen, ohne ihm weitere Auskunft über sich und Andere zu geben, so wie er eine mitleidige Verachtung gegen die Wenigen empfand, die in der That nichts zu sagen wussten, weil sie sich nicht um die Angelegenheiten Anderer bekümmerten; einem Solchen konnte er mit wahrer Bitterkeit sagen: Es ist unbegreiflich, wie man in der Welt mit den Menschen kann leben wollen, ohne sich um sie zu bekümmern. Bei solchen Eigenschaften war es natürlich, dass, ob er zwar sein Amt vorschriftsmäßig verwaltete, und man nicht sagen konnte, dass er etwas von seiner Pflicht versäumte, doch allen seinen Handlungen der geistliche Charakter, möchte ich sagen, fehlte, und man auf der Kanzel, wie vor dem Altar immer den Geschäftsmann sah, der nun grade dies Geschäft abmachte, weil Zeit und Stunde es forderten. Er fühlte dies selbst und zwang sich oft, Ernst und Salbung in seine Haltung und Mienen zu bringen, die, weil sie im vollkommenen Widerspruche mit seinem übrigen Tun und Treiben standen, ihm einen Anstrich von Heuchelei gaben, die seiner Seele fremd war.
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Diesem Manne nun musste es höchst peinlich sein, dass der Graf seit einigen Monaten auf dem Schlosse lebte, ohne dass er erfahren konnte, weßhalb. Denn ihm schien es unnatürlich, dass ein Mann wie der Graf, der beinah funfzig Jahr alt war und seit zwanzig Jahren unumschränkter Besitzer eines großen Vermögens, der sich in der ganzen Zeit wenig um seine Güter bekümmert, sondern immer abwechselnd in den größten Städten Europas gelebt hatte, nun auf ein Mal, und zwar im Herbst, sich ohne Ursache auf eines seiner Schlösser zurückziehen sollte. Ebenso hatte er nur dunkle Nachrichten über die Art, wie die Verbindung zwischen dem Grafen und der Gräfin sich gebildet hatte, denn obgleich die Gräfin in Schlesien geboren war, so war sie doch im Auslande mit dem Grafen verheirathet worden, und er wusste nicht einmal recht, wo? Der Graf war der protestantischen Kirche zugethan, dagegen war die Gräfin katholisch, ja er hatte dunkel gehört, sie sei dazu bestimmt gewesen, sich dem Kloster zu weihen, und er hatte nie erfahren können, was ihren Entschluss konnte geändert haben.
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Der einzige Bruder der Gräfin hatte große Besitzungen, die kaum zehn Meilen von dem jetzigen Wohnorte des Grafen entfernt waren, aber auch er war seit langer Zeit abwesend, und der Pfarrer wusste nicht einmal, wo er sich aufhielt. Der Graf und die Gräfin behandelten sich gegenseitig mit großer Achtung, aber mit einer gewissen Zurückhaltung, und es ließ sich nicht bestimmen, ob sie glücklich oder unglücklich mit einander lebten. Selbst der alte Dübois war ihm eine räthselhafte Person, und er konnte es nicht herausbringer, weßhalb er von dem Grafen und der Gräfin mit so viel Schonung, Achtung und Aufmerksamkeit behandelt wurde.
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Diese Fragen, die er sich selbst oft vorgelegt hatte, ohne sie befriedigend beantworten zu können, glaubte er, würden ihm nun wenigstens zum Theil aufgelöst werden. Denn da der Arzt mit dem Grafen gekommen war und, wie es schien, ihn schon eine Zeitlang auf seinen Reisen begleitet hatte, so glaubte er, dass dieser ihm über Vieles Aufschluß geben könnte.
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Es war dem Pfarrer zu vergeben, dass er so falsche Hoffnungen auf den Arzt gründete, er hatte noch nicht Gelegenheit gehabt, ihn näher kennen zu lernen, nur bei Kranken hatte er ihn einigemal angetroffen, die die ganze Aufmerksamkeit des Arztes in Anspruch nahmen, und es war zwischen ihm und dem Pfarrer von nichts die Rede gewesen, als von dem Zustande dieser Kranken. Er hatte also nicht bemerken können, dass der Arzt zu den unschuldigen Egoisten gehörte, die nur sich selbst beachten und nur ihre Wissenschaft verehren, für die also die übrigen Menschen nur in so weit bedeutend sind, als sie diese Wissenschaft an ihnen ausüben können. Darum war ein gefährlich Kranker für ihn von höchster Wichtigkeit, der seine ganze Theilnahme in Anspruch nahm, dem er alle seine Zeit, alle seine Gedanken widmen konnte, und für den er eine dankbare Liebe gewann, wenn er endlich, nachdem er sich pünklich allen Vorschriften unterworfen hatte, genas, und durch Leben und Gesundheit zeigte, dass die Wissenschaft über die Krankheit zu triumphiren vermag. Dagegen hatte er eine Art von Verachtung gegen Personen, die häufig leiden, ohne sich für eine bestimmte Krankheit zu entscheiden und sie nach den Regeln durchzumachen, deren reizbare Seele nachtheilig auf den Körper wirkt, und die dann, wenn der Körper dem Uebel erliegt, das ihm die Seele zufügt, zum Arzte ihre Zuflucht nehmen. Zu diesen Unglücklichen gehörte eigentlich die Gräfin, und es war dem Arzt jedesmal verdrießlich, wenn er zu ihr gerufen wurde. Gesunde konnten in der Regel nur in so fern darauf Anspruch machen, seine Theilnahme zu erregen, als er sie geeignet fand, mit ihnen über seine Wissenschaft oder über sein Leben zu reden. Denn so arm und eng sein Leben auch war, so höchst wichtig, bedeutend und lehrreich erschien es ihm; der kleinste Vorfall dünkte ihm eine wunderbare Begebenheit, die nicht verfehlen könnte, ein großes Interesse zu erregen; seine Meinungen und Ansichten kamen ihm entscheidend vor, und er hatte keine Ahnung davon, dass er von der Welt und dem Leben gar nichts wusste, denn er hielt sich sonderbarer Weise mit allen diesen Eigenheiten für einen Weltmann.
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Diese beiden nun saßen im Zimmer des Arztes, Jeder in einer Ecke des Sophas behaglich Taback rauchend, der Pfarrer mit dem bestimmten Plane, so viel als möglich vom Arzte zu erfahren, und dieser im Nachdenken versunken, wie sein Kranker auf's Beste zu behandeln sei.
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Sind Sie schon lange mit dem Herren Grafen auf Reisen? unterbrach endlich der Pfarrer das Stillschweigen.
Vorlage S. 31
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Auf Reisen? erwiederte der Arzt; ich bin gar nicht mit ihm auf Reisen gewesen, ich liebe solide Studien, das kann man auf Reisen nicht haben. Ich war eine Zeitlang in Wien in des Grafen Hause und bin dann mit ihm hieher gereist, wo ich mich gänzlich nieder zu lassen denke. Ja, ja! rief er lächelnd, ich will mich hier ansiedeln, Sie hätten wohl nicht gedacht, dass ich hier meine Hütte bauen will.
Vorlage S. 31
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Die Gegend ist äußerst angenehm, sagte der Pfarrer, das würden Sie im Frühlinge finden, jetzt kann es Ihnen freilich wenig hier gefallen.
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Ei, sagen Sie das nicht, rief der Arzt, ich bin sehr angenehm beschäftigt gewesen, so lange ich hier bin, ich habe drei so merkwürdige Kranke, dass mich die Aerzte in Wien darum beneiden würden. Der eine, wissen Sie, ist der alte Schmidt, bei dem ich Sie einmal antraf, wie heißt er doch gleich? ich fand ihn in dem erbärmlichsten Zustande von der Welt, als ich hier ankam, jetzt fängt er an sich zu erholen, dass es eine Freude ist ihn anzusehn; bring' ich den Menschen den Winter durch, so sollen Sie sehen, er wird voll kommen hergestellt. Der Leinweber, das ist wahr, der ging mir drauf, aber es war auch nichts an dem Menschen, er hörte nicht, er folgte nicht, er wollte nach seinem Kopfe leben, und er hat gesehn, was dabei heraus kömmt.
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Der Pfarrer wollte nichts hören von Leuten, die er in allen ihren Verhältnissen genau kannte, und suchte deßwegen das Gespräch auf andere Gegenstände zu lenken. Ich meine, sagte er, die Natur kann jetzt keinen Reiz für Sie haben, die im Frühling und Sommer hier unglaublich schön ist.
Vorlage S. 32
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Freilich, freilich, erwiederte der Arzt, die Natur schlummert jetzt, aber die Studien, Herr Pfarrer, die Studien müssen uns schadlos halten, der Graf hat auf meinen Vorschlag alle neueren medicinischen Schriften kommen lassen, die älteren besitze ich längst selbst, dabei wird mir der Winter verfliegen, dass ich es beklagen werde, wenn er vorbei ist.
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Sie leben wenig in der Welt, wie es scheint, bemerkte der Pfarrer. In der Welt, antwortete der Arzt, wie sollte ich nicht? Ich lebe immerfort in der Welt, von einem Kranken geht es zum andern, von Hohen zu Niedern, von Niedern zu Hohen, dadurch gewinnt man Menschenkenntniß, Herr Pfarrer, vor dem Arzte versteckt man sich nicht, der Arzt ist wie der Beichtvater, er durchschaut die innerste Seele.
Vorlage S. 32
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Sie haben Recht, sagte der Pfarrer, und manche Uebel könnten wohl nur der Arzt und der Beichtvater gemeinschaftlich heilen.
Vorlage S. 32
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Solche Uebel sind mir zuwider, sagte der Arzt, eine reine, vernünftige Krankheit, da weiß man, was man tun soll, und wenn in solchem Falle der Körper auf die Seele wirkt, der Kranke schwermüthig, trübsinnig wird, so weiß man, wie man ihn erheitern, zerstreuen soll; man liest ihm vor, man erzählt ihm, und ist es so weit, dass es angeht, so führt man ihn spazieren. Aber wo die Seele auf den Körper wirkt, mit solchen Kranken ist gar nichts anzufangen.
Vorlage S. 33
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Sollte nicht die Frau Gräfin eine solche Kranke sein? fragte der Pfarrer mit schlauer Miene.
Vorlage S. 33
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Ei, ei! rief der Arzt erstaunt, ja beinah erschreckt, wer hat Ihnen das verrathen? Meine Lippen sind versiegelt, ich bin stumm wie das Grab; schändlich der Arzt, der eines Mißbrauches dessen fähig ist, was er an seinen Kranken bemerkt.
Vorlage S. 33
73
Ich glaubte, sagte der Pfarrer, man kann es der Gräfin auf den ersten Blick ansehen, dass sie nicht glücklich ist.
Vorlage S. 33
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Wie so? fragte der Arzt bestürzt; woran wollen Sie das bemerkt haben?
Vorlage S. 33
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Sie hat etwas Schwermüthiges in den Augen, erwiederte der Pfarrer, ihre Stirn ist nicht heiter, die Blässe der Gesichtsfarbe scheint die Folge von Gram und Kummer zu sein, sie tut sich selbst Gewalt an, um an der Unterhaltung Anteil zu nehmen; das Alles weist hin auf einen entweder durch eigene, oder durch fremde Schuld gestörten Seelenfrieden.
Vorlage S. 33
76
Der Arzt schwieg einen Augenblick und sagte dann: Ich glaube, die Gräfin ist ungern hier, sie scheint das Landleben zu hassen, sie ist mehr für die große Welt. In der ersten Woche, die wir hier zubrachten, verließ sie beinah ihr Zimmer nicht, und ich sah sie gar nicht. Endlich führte mich der Graf eines Abends zu ihr, und ich fand sie so angegriffen, so verwandelt, dass ich mich recht entsezte. Es war mir leicht einzusehen, dass Gemüthsbewegungen das Alles hervorgebracht hatten; ich sagte es ihr klar und deutlich, dass sie selbst das Beste dafür tun müsste, um sich herzustellen, dass meine Mittel allein nicht wirken könnten. Sie verstand mich nicht und wollte mich nur los sein, um wieder den ganzen Abend zu weinen, wie das solche Kranke an sich haben; aber ich sagte ihr gerade heraus, dass sie Gesellschaft brauche und sich zerstreuen müsse; ich bot ihr an, eine Parthie Schach mit mir zu spielen, dazu hatte sie mich sonst zuweilen aufgefordert; ich meinte es aufs Beste, aber nichts war mit ihr anzufangen, der Graf mischte sich hinein und wollte behaupten, Einsamkeit würde heute am Wohlthätigsten auf sie wirken. Ich bewies ihm deutlich, dass er sich irrte, und gab ihm zu verstehen, dass er von der Medicin nichts wüsste, und können Sie den ken, ein so gescheiter Mann, als der Graf, wurde empfindlich und sagte mir ganz trocken: meine Einsicht möge die bessere sein oder nicht, man müsse auf jeden Fall dem Wunsche der Gräfin nachkommen.
Vorlage S. 34
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Mein Amtseifer verleitete mich zu sagen: Wenn es also der Wunsch der Frau Gräfin ist, ihre Gesundheit völlig zu Grunde zu richten, so muss ich als Arzt ihr darin beistehen? Ich sah wohl, dass der Graf böse wurde, aber ich war so aufgebracht in dem Augenblick, dass ich Alles aufs Spiel setzte und mich um die Folgen nicht bekümmerte, wenn sie auch die entsetzlichsten gewesen wären. Die Gräfin sagte einige Worte englisch zum Grafen, sie weiß, das verstehe ich nicht, und auf einmal war der Graf ganz ruhig. Sie bat mich nun, den andern Morgen zu ihr zu kommen, und versprach mir, dann eine ernstliche Kur anzufangen und Alles, was ich verordnen würde, gewissenhaft zu brauchen. Was blieb mir übrig, ich musste gehen, aber ich fühlte damals, lieber Herr Pfarrer, die Wahrheit der Behauptung: dass es keine Rosen ohne Dornen gibt; ich fühlte mich in einer, einem Manne nicht geziemenden Abhängigkeit vom Grafen und bedurfte aller meiner Philosophie, um mich über mein Schicksal zu trösten.
Vorlage S. 35
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Es scheint also, bemerkte der Pfarrer, dass die Gräfin sehr auf den Grafen einwirkt, dass seine Ansichten sich nach den ihrigen richten, mit einem Wort, dass sie eine gewisse Herrschaft über ihn ausübt.
Vorlage S. 35
79
Ja, ja! rief der Arzt, das mag wohl sein, da zünden Sie mir ein großes Licht an, Herr Pfarrer, wodurch ich auf einmal die richtige Ansicht bekomme. Es ist doch sonderbar, dass ich immer in meinen wichtigsten Lebensverhältnissen mit Frauen zusammentreffe, die ihre Männer beherrschen.
Vorlage S. 36
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Ist Ihnen das schon öfter begegnet? fragte der Pfarrer lächelnd.
Vorlage S. 36
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Auf eine höchst merkwürdige Weise ist es mir begegnet, entgegnete der Arzt, im wichtigsten Augenblick meines Lebens ist es mir begegnet. Ich wäre beinah Ihr Amtsbruder geworden, müssen Sie wissen, ich studirte Theologie, meine Angehörigen wünschten es, man verschaffte mir ein Stipendium, und der erste Professor der Theologie auf der Universität, die ich bezog, war mein Oheim. Ich verschweige den Namen der Universität, ich will Niemanden schaden: Sie sehen, ich hatte brillante Aussichten. Aber ich darf wohl sagen, von der Wiege an verfolgte mich das Unglück, vernichtete meine schönsten Träume und stählte mich eben dadurch zum Philosophen.
Vorlage S. 36
82
Was begegnete Ihnen denn so Seltsames? fragte der Pfarrer mit gespannter Neugierde.
Vorlage S. 36
83
Denken Sie, antwortete der Arzt, ich komme an und finde meinen Oheim, den Professor, verheirathet.
Vorlage S. 36
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Nun, sagte der Pfarrer lächelnd, das ist weder seltsam, noch merkwürdig, beinah alle Professoren sind verheirathet.
Vorlage S. 37
85
Ja, aber wie war er verheirathet, versetzte der Arzt, darauf kommt es an. Entwürdigt hatte er sich, erniedrigt bis zur Verbindung mit seiner Haushälterin, einer rohen Person, die von Bauern abstammte, keine Kenntnisse hatte, als was Kochen und Waschen anbetraf, eine Gesellschafterin, die eines Gelehrten völlig unwürdig war. Ich überwand mich, diese rohe Bäuerin Frau Base zu nennen, weil ich niemals gegen die Pflichten der feinen Lebenart verstoße; ich ließ mir aber die Ueberwindung deutlich merken, die es mich kostete, um meiner eignen Würde nichts zu vergeben, und die rachsüchtige Furie verfolgte mich von dem Augenblick an. Ich bemerkte es bald, dass sie meinen Oheim ganz beherrschte und zu meinem Nachteil auf ihn wirkte; seine Güte für mich hörte auf, und das Leben in seinem Hause wurde mir sehr verbittert. Dadurch wuchs die Abneigung gegen die Theologie, die ich immer empfunden hatte; meine Neigung zur Medicin wurde größer, als je; außerdem erlaubte mir meine schwache Brust nicht zu predigen, und so entschloß ich mich zu handeln wie ein Mann. Ich schrieb meinem Oheim einen Brief, worin ich ihm alle Gründe auseinandersetzte, die meinen Entschluss bestimmten, und nahm von der Theologie Abschied. Ich meldete ihm zugleich, ich wünschte ihn den Abend auf seinem Studirzimmer zu sprechen, um mich mit ihm über meine Laufbahn zu berathen. Ich stellte mich ein zu der Stunde, die ich ihm bestimmt hatte, aber denken Sie sich mein Erstaunen, er war abwesend, und auf seinem Studirzimmer traf ich statt seiner die Megäre, sein Weib. Er hatte die Schwachheit gehabt, ihr mein Schreiben mitzutheilen, und sie stürmte mir mit einem Strom von Scheltworten entgegen, nannte mich unsinnig, dass ich mein Studium aufgeben wollte, fragte mich, wovon ich leben wollte, ob ich ihr zur Last zu fallen gedächte, und was der Gemeinheit mehr war. Ich, empört, dass eine so unwürdige Person sich ein Urteil über Männer anmaßen wollte, deren Handlungen sie gar nicht fähig war, zu begreifen, sagte, indem ich meine Stimme bedeutend erhob, mit einem Ausdruck von Würde, der sie stutzig machte: Frau Professorin und Frau Base, merken Sie den Spruch und wenden sie ihn auf sich an, denn es ist darin nicht bloß die Kirche gemeint, sondern alles Würdige und Edle, was für Männer und nicht für Weiber gehört, Mulier taceat in ecclesia, dieses verordnete schon der Apostel Paulus.
Vorlage S. 37
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Nun, sagte der Pfarrer, da ihre Base vermuthlich nicht lateinisch verstand, so ging diese Bitterkeit unschädlich vorüber.
Vorlage S. 38
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Ich übersezte ihr, was ich gesagt hatte, rief der Arzt, aber nun war es auch hohe Zeit, der Furie zu entrinnen, ich verließ das Zimmer meines Oheims sogleich, und sein Haus vor Anbruch des Tages. Ich schrieb ihm aus Jena, wohin ich nun eilte, um mit ganzer Seele Medicin zu studiren, ich erhielt aber nur eine kurze, trockne Antwort, worin er mir meldete, dass er seine Hand gänzlich von mir abziehe, da ich mich erdreistet habe, seine Gattin mit solcher Frechheit zu beleidigen. Was war zu tun, ich musste mich fügen, und ich kann sagen, dass ich mit geringen Mitteln die Arzneiwissenschaft wie ein Held erobert habe.
Vorlage S. 38
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Jedoch, wie kamen Sie mit dem Grafen in Verbindung? fragte der Pfarrer, der gern wieder das Gespräch auf diesen Gegenstand leiten wollte, der ihm wichtiger war, als die Lebensgeschichte des Arztes, ob er gleich auch diese nicht ohne Theilnahme anhörte, denn es war ihm ein Bedürfnis geworden, aller Menschen Verhältnisse genau zu kennen, mit denen er irgend in Berührung kam.
Vorlage S. 39
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Ich hatte es möglich gemacht, sagte der Arzt mit selbstgefälligem Lächeln, indem ich meine eignen Studien trieb, noch so viel durch Unterricht, den ich Andern gab, zu gewinnen, dass ich nicht nur lebte, sondern auch noch ein Sümmchen ersparte, womit ich mich auf den Weg nach Wien machte, um die großen Geister der dasigen Region kennen zu lernen. Es ging auch dort mühsehlig, aber es ging doch; ich erreichte meinen Zweck und studirte mit Eifer. Der Graf hielt sich zu der Zeit in Wien auf, er suchte einen geschickten jungen Arzt, der ihn auf seine Güter begleiten sollte, man empfahl mich, und ich erndtete nun die Früchte meines Fleißes; ich kann bei einem bedeutenden Gehalte nun ein völlig sorgenfreies Leben führen und ungehindert mich meinem Lieblingsfach widmen.
Vorlage S. 39
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Der Pfarrer versuchte es einigemal, das Gespräch wieder auf den Grafen zu lenken; indeß die Phantasie des Arztes war zu sehr durch seine eigne wunderbare Lebensgeschichte angeregt und alle Fragen, die der Pfarrer an ihn richtete, er mochte sie wenden, wie er wollte, führten den Arzt immer wieder auf einen Vorfall seiner Jugend oder Kindheit, so dass nichts mehr aus ihm herzubringen war, und der Pfarrer, verdrießlich über die geringe Ausbeute, die er gemacht hatte, sich endlich entschloß, zu Bette zu gehen. Er verabredete noch vorher mit dem Arzte, dass sie um fünf Uhr am andern Morgen aufstehen und den alten Dübois von seiner Krankenwache ablösen wollten.
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Nach dieser Verabredung begaben sich beide zur Ruhe, und überließen sich den Träumen, die ihrem Lager nahen wollten.
Vorlage S. 40
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IV
Vorlage S. 41
93
Mit dem Schlage fünf stand der Pfarrer, der in allen Geschäften höchst pünktlich war und sein ganzes Leben zum Geschäft machte, vor dem Bette des Arztes und ermahnte ihn, der Verabredung gemäß, aufzustehen, indem er ihm zugleich anzeigte, dass der Kaffee schon auf dem Tische stehe, wie sie es am vorigen Abend bestellt hätten.
Vorlage S. 41
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Der Arzt sprang auf, kleidete sich mit großer Hast an und rieth dem Pfarrer, seine Morgenpfeife beim Kaffee zu rauchen, weil er nicht zugeben könne, dass im Zimmer des Kranken geraucht würde. Er selbst machte das Kaffeetrinken eilig ab, denn er hatte eine große Begierde, den Kranken zu sehen. Nach wenigen Minuten begaben sich beide, Arzt und Pfarrer, nach dem Krankenzimmer; sie fanden den Verwundeten ruhig schlummernd und den alten Haushofmeister neben dem Bette desselben in einem Lehnstuhl sitzend. Er hatte seine silbergrauen Haare mit einer weißen Nachtmütze bedeckt, Pantoffeln an den Füßen, seinen weiten braunen Ueberrock bis oben zugeknöpft und las mit der Brille auf der Nase andächtig in einem französischen Gebetbuche, beim Schein einer Lampe, deren Schimmer er so gerichtet hatte, dass der Kranke nicht von den Lichtstrahlen belästigt wurde.
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Nun, wie gehts, bester Herr Dubois, rief der Arzt eilig, wie geht's mit unserm jungen Manne? Sie haben mich nicht gerufen, in der Nacht ist also wohl nichts vorgefallen?
Vorlage S. 41
96
Der Kranke, versetzte der Haushofmeister, erwachte aus seinem Schlummer vor einigen Stunden, er blickte um sich und wollte sich aufrichten; es war ein rührender Anblick, dem armen jungen Mann fehlten die Kräfte, ich bat ihn ruhig zu sein. Wo bin ich? fragte er französisch. Ich gab ihm in der Kürze einige Auskunft, ich weiß aber nicht, ob er mich verstanden hat; er forderte zu trinken, und als ich seinen Wunsch befriedigt hatte, sank er wieder in Schlummer, wie Sie ihn noch sehen.
Vorlage S. 42
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Es ist gut, sagte der Arzt, es ist sehr gut, indem er den Puls des Verwundeten lange mit bedächtigen Mienen untersuchte. Jetzt, alter Freund, können Sie zu Bett gehen, und wir Beide, der Herr Pfarrer und ich, wollen die Krankenwache übernehmen.
Vorlage S. 42
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Wäre es nicht besser, wenn ich hier bliebe? fragte der Haushofmeister; der junge Mann hat sich vielleicht schon an meinen Anblick gewöhnt, auch kann ich mich ihm verständlich machen.
Vorlage S. 42
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Meinen Sie, es könne Niemand hier französisch sprechen als Sie? sagte der Arzt empfindlich; ich spreche so gut als Sie, und kann also mich dem Kranken eben so wohl verständlich machen. Diese letzten Worte fügte er als Beweis der Behauptung, die sie enthielten, französisch hinzu, indem er zugleich alles Nötige zum Verbande des Verwundeten auf den Tisch in Ordnung legte; da er aber das Deutsche im härtesten Thüringer Dialekt sprach und diesen auch auf das Französische übertrug, so klangen seine Worte den Ohren des geboren Parisers so rauh, wie die Rede eines Wilden, und er sah den Arzt mit Erstaunen an, der so unbefangen behauptet hatte, dies sei so gutes Französisch, als nur immer er, der Pariser, zu sprechen vermöge.
Vorlage S. 42
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Nun machen Sie, alter Mann, gehen Sie zu Bett, wiederholte der Arzt, Sie müssen durchaus einige Stunden schlafen, sonst werden Sie krank, und dann fallen Sie in meine Hände.
Vorlage S. 43
101
Diese letzte Aeußerung schien in der That Eindruck auf den Haushofmeister zu machen, denn er wollte sich stillschweigend mit einer Verbeugung aus dem Zimmer entfernen, der Pfarrer aber trat ihm in den Weg und ersuchte ihn, doch sogleich einen Boten zu schicken und den Kreisarzt aus dem nächsten Städtchen holen zu lassen; das hätten wir gleich gestern tun sollen, bemerkte er, es wurde aber in der Unruhe vergessen; es ist nötig, dass er den Kranken sieht, der Herr Graf könnte sonst Ungelegenheiten haben. Dübois entfernte sich, um diesen Auftrag zu besorgen und sich dann zur Ruhe zu begeben. Der Arzt wartete auf das Erwachen des Kranken, und der Pfarrer fing an, den Bericht an die Regierung über ihn aufzusetzen. Diese Gesellschaft wurde nach einigen Stunden durch den Kreisarzt vermehrt. Der Kranke erwachte, seine Wunden wurden von allen Dreien gemeinschaftlich untersucht und verbunden, und auf einige Fragen, die er tun wollte, wurde er von Allen gemeinschaftlich bedeutet, dass er in guten Händen sei, aber sich fürs Erste alles Sprechens enthalten müsse, wenn er sein Leben erhalten wolle. Die größte Ermattung des Verwundeten machte, dass er sich geduldig in Alles fügte, was über ihn beschlossen wurde, und die fremden Menschen, die ihn umgaben, mit ruhigem Erstaunen betrachtete.
Vorlage S. 43
102
Nach acht Uhr vermehrte der Graf die Gesellschaft; man hatte ihm die Gegenwart des fremden Arztes gemeldet; er begrüßte ihn höflich und erkundigte sich mit vieler Theilnahme nach dem Verwundeten.
Vorlage S. 44
103
Nachdem ihm die Aerzte und der Pfarrer berichtet hatten, was sich nach der ruhigen Nacht, die der Kranke gehabt hatte, Gutes hoffen ließe, näherte sich der Graf dem Bette desselben. Der junge Mann richtete seine großen dunkeln Augen auf den Grafen und schien ihn als den Herren des Hauses zu erkennen, denn er versuchte es sich empor zu richten. Der Pfarrer aber und der Doktor Lindbrecht, so war der Name des Hausarztes, riefen ihm zugleich zu: er solle alle Anstrengungen unterlassen. Der Graf, der sich neben seinem Lager nieder ließ, bat ihn, indem er seine Hand fasste, ruhig zu bleiben und nicht selbst durch unnöthige Anstrengungen seine Herstellung zu verzögern. Ein schwacher, kaum merklicher Druck der Hand, womit der seinige erwiedert wurde, zeigte dem Grafen, dass ihn der Kranke verstand. Er gab ihm nun selbst Nachricht, wo er sich jetzt befände, und bat ihn, sein Haus so zu betrachten, als ob er im Hause seines Vaters wäre, und alle Hülfe und Dienste, die man ihm gerne leisten wolle, so ruhig anzunehmen, als ob er sie von seinen nächsten Angehörigen empfinge.
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104
Trotz seiner großen Schwäche richtete der Kranke einen so rührend dankbaren Blick auf den Grafen, dass dieser sich wunderbar erweicht fühlte. Es war ihm, als ob aus den dunkeln Augen des Kranken ein theurer, geliebter Freund zu ihm aufblickte, auf dessen Namen er sich nur nicht gleich besinnen könne. Er betrachtete nachdenkend das schöne, edle, obwohl durch Krankheit entstellte Gesicht des jungen Mannes, die dunkeln Haare, die sich in weichen Locken um die hohe, kühne Stirn legten, den wohlgeformten Mund; Alles dünkte ihm so bekannt, und doch konnte seine Seele das Bild nicht finden, dem dieser Jüngling glich.
Vorlage S. 45
105
Nach einigen Augenblicken bemerkte der Graf, dass unwillkührlich alle im Zimmer Anwesenden ihm nachahmten und den Verwundeten eben so ernsthaft betrachteten, wie er selbst, welches den jungen Mann zu quälen schien. Er wandte sich also an den Pfarrer mit der Bitte, ob er ihm nun behülflich sein wolle, den nötigen Bericht an die Regierung abzufassen. Ich glaube, sagte der Pfarrer, es wird weiter nichts nötig sein, als, was ich hier aufgesezt habe, zu unterschreiben. Mit diesen Worten reichte er dem Grafen den fertigen Aufsatz hin, der ihn durchlas und sich nicht enthalten konnte, innerlich zu bemerken, dass der Pfarrer wohl nicht in der bürgerlichen Welt auf seiner rechten Stelle stehe, und dadurch ein vortrefflicher Jurist verloren gegangen sei. Es herrschte eine Genauigkeit in diesem Aufsatze, die jedem möglichen Verdruss in der Zukunft vorbeugte, und diese Genauigkeit war mit einer bewundernswürdigen Kürze und Deutlichkeit verbunden. Die Uniform des Verwundeten war beschrieben, wodurch die Gerichte, wenn ihnen daran gelegen war, ausmitteln konnten, zu welchem feindlichen Regiment er gehöre.
Vorlage S. 45
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Die Zeugnisse der Aerzte waren diesem Bericht beigelegt, und der Graf hatte in der That nichts weiter nötig, als seine Unterschrift hinzuzufügen.
Vorlage S. 46
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Mit großem Vergnügen bemerkte der Graf die Brauchbarkeit des Pfarrers, und der Gedanke ging schnell durch seine Seele, ob er sich nicht an ihn in manchen Angelegenheiten wenden sollte, die er ungern gerichtlich betreiben wollte, und wo sich ihm vielleicht in der Person des Pfarrers unvermuthet ein guter Unterhändler darbot. Nur die vorschnelle Art desselben, sich in alle Gespräche zu mischen, die unbescheidene Zudringlichkeit, womit er sich über Dinge zu fragen erlaubte, die man nicht beantworten wollte, machte den Grafen irre, und er fürchtete, ein unbescheidener Frager möchte nicht mit Bescheidenheit schweigen können. Indem der Graf dies dachte, ruhten seine Augen forschend auf dem Pfarrer, der sich diesen Blick nicht erklären konnte und sich verdrießlich nach dem Arzt umsah, den er für einen halben Narren hielt, von dem ein vernünftiger Mensch nichts erfahren könne.
Vorlage S. 46
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Der Graf besann sich, dankte dem Pfarrer sehr höflich, unterschrieb den Bericht, sendete ihn ab und nahm sich vor, den Geistlichen genauer zu beobachten und auf eine gute Art Erkundigungen über seinen Charakter einzuziehen, um dann diesen Nachrichten und seinen Beobachtungen gemäß sein Vertrauen zu bestimmen.
Vorlage S. 47
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Der Pfarrer sowohl, als der fremde Arzt blieben der Mittag noch auf dem Schlosse und verließen es nach der Tafel, ohne dass weiter etwas Erhebliches vorgefallen wäre. Es war natürlich, dass sich beinah alle Gespräche um die Begebenheiten drehten, die alle Gemüter mit Sorgen erfüllten. Die unglückliche Schlacht bei Jena und ihre bekannten Folgen ließen befürchten, dass sich die Feinde auch über diesen Theil von Schlesien verbreiten würden; Alle glaubten, dass man es nur den engen Schluchten zu danken haben würde, die zu dem jetzigen Wohnorte des Grafen führten, wenn das Schloß von feindlichem Besuche verschont bliebe; desto mehr war für die andern Besitzungen des Grafen zu befürchten. Der Pfarrer erschöpfte sich in Vermuthungen, welche Veranlassung den französischen Offizier könnte nach einem so einsamen Orte im Walde geführt haben, wie der war, wo man den jungen verwundeten Mann gefunden hatte. Eben so war es unbegreiflich, Wer seine Gegner gewesen sein konnten, da die vielen Wunden, die er empfangen, bewiesen, dass kein Zweikampf vorgefallen war, sondern wahrscheinlich mehrere Gegner den Unglücklichen niedergehauen hatten. Da Spuren von Pferden bemerkt worden waren, so ließ sich vermuthen, dass Reiter diese Handlung verübt und nach dem Falle des jungen Mannes sein Pferd mit sich geführt hatten; denn da er selbst mit Sporen gefunden worden, so konnte man annehmen, dass auch er zu Pferde gewesen war.
Vorlage S. 47
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Es lässt sich nicht ausmitteln, sagte der Graf, wie die Begebenheit zusammenhängt, wir müssen uns in Geduld fügen, bis die Brustwunden des Kranken so weit geheilt sind, dass er selbst sprechen und uns die nötigen Aufschlüsse geben kann. Der Pfarrer gab diese Notwendigkeit mit einem Seufzer zu und bemerkte nur: wenn der Kranke an seinen Wunden sterben sollte, so werde man niemals den Zusammenhang erfahren. Die Gräfin wendete sich erschreckt an die Aerzte und fragte, ob sie die Wunden für so gefährlich hielten. Beide mussten es zugeben, dass hauptsächlich die große Erschöpfung den Zustand des jungen Mannes gefährlich mache, und dass man nur durch die sorgfältigste Pflege und die Jugend des Kranken eine ungewisse Hoffnung begründen könne. Die schöne Emilie in der unschuldigen Regung ihres Herzens verbarg ihr Mitleid nicht und sagte mit großer Rührung: Ach Gott, wie traurig muss es für eine Mutter oder Schwester sein, einen Sohn oder Bruder in der Blüthe der Jugend zu verlieren. Und wenn nun dieser vollends hier sterben sollte, wir wissen nicht, wer er ist; wir können seinen Angehörigen keine Nachricht geben, und sie haben nicht einmal den traurigen Trost zu erfahren, dass die Leiden seiner letzten Stunden in so weit gelindert worden sind, als es in menschlichen Kräften steht.
Vorlage S. 48
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Die Gräfin, obgleich gewohnt, alle ihre Empfindungen zu beherrschen, konnte eine schmerzliche Theilnahme nicht verbergen, und man sah es ihr an, dass sie sich erleichtert fühlte, als die Fremden das Schloß verließen. Sie äußerte, ehe sie sich auf ihr Zimmer zurückzog, den Wunsch, den alten Dübois zu sprechen, um ihm einige Aufträge zu geben, und der Graf versprach, ihn ihr zu schicken und indessen selbst bei dem Kranken zu bleiben.
Vorlage S. 49
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Als der Haushofmeister das Zimmer seiner Gebieterin betrat, fand er sie in heftiger Bewegung mit gefalteten Händen, den thränenschweren Blick zum Himmel gerichtet, und hörte noch einige Worte eines klagenden Gebets, mit dem sie Trost und Ruhe vom Himmel herab rufen zu wollen schien. Der alte Mann stand in seiner gewöhnlichen Stellung in der Nähe der Thüre und richtete einen schüchtern-flehenden Blick auf die Gräfin, die, als sie ihn bemerkte, schnell ihre Augen trocknete, dann das Gesicht einige Minuten mit der Hand bedeckte, als wolle sie die Spuren des Schmerzes im Verborgenen von ihrem Antlitz vertilgen. Der treue Diener wartete, bis sie ihn anreden würde, und endlich näherte sie sich ihm mit erzwungener Ruhe und sagte: Ich will eine Frage an Sie tun, lieber Dubois, die mich Ueberwindung kostet. Man hörte es ihrer Stimme an, mit welcher Anstrengung sie sprach, es schien, dass ein gewaltsam zum Herzen zurückgedrängter Schmerz die Brust beklemmte, und ihr das Athmen und das Sprechen beinahe unmöglich machte. Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit noch leiserer, ungewisserer Stimme fort: Haben Sie nicht an dem Verwundeten eine auffallende Aehnlichkeit bemerkt mit – sie zitterte und schwieg; ein Blick auf den alten Diener zeigte ihr, dass er sie verstand, denn seine alten Augen füllten sich mit Thränen; er faltete unwillkührlich die Hände und neigte einigemal bejahend sein graues Haupt. Der gewaltsam in die Brust der Gräfin zurückgedrängte Schmerz behauptete nun sein Recht und strömte in Thränenfluthen aus ihren Augen; die stillen Seufzer lösten sich in Klagen auf, die den Himmel der Ungerechtigkeit beschuldigten, und der erschreckte Alte wusste nicht, was er tun sollte, um diese Stürme zu beruhigen. Erschöpft sank die Gräfin endlich in einen Lehnstuhl nieder. Das Feuer ihrer Augen erlosch, die bleichen Wangen wurden noch bleicher, und die zitternden Hände, schien es, suchten ein befreundetes Wesen. Es schien, als wolle der Lebensfunken der unglücklichen Frau erlöschen, oder wenigstens eine tiefe Ohnmacht sich ihrer bemeistern.
Vorlage S. 50
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Sie fühlte ihren Zustand und suchte ihn durch die Kraft ihrer Seele zu beherrschen, der Schmerz in ihren Zügen wurde milder, sie richtete das matte Auge auf den alten Diener, der in stummen Thränen ihr zur Seite stand. Lassen Sie uns ruhig sein, guter Dübois, sagte sie mit kranker Stimme, ich wollte Ihnen auftragen, wo möglich den Namen des jungen Mannes zu erforschen, vielleicht hat er Papiere bei sich, die Auskunft geben, vielleicht – es ist Wahnsinn, Dübois, was ich hoffe, ich weiß es, und dennoch, ich bitte, tun Sie, wie ich Ihnen sage. Der Alte versprach, was die Gräfin von ihm forderte, und warf, ehe er sich entfernte, einen flüchtigen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob sein Gesicht und seine Haltung keine Spur des Schmerzes zeigte, den er so eben mit seiner Gebieterin getheilt hatte, und den er den Grafen nicht wollte bemerken lassen. Bitten Sie Fräulein Emilie zu mir, rief ihm die Gräfin mit matter Stimme nach.
Vorlage S. 51
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Emilie eilte zur Gräfin. Der Haushofmeister hatte ihr gesagt, sie befände sich nicht wohl, aber Emilie bebte zurück, als sie die Gräfin erblickte, die völlig ermattet noch im Lehnstuhl saß, und deren bleiches Gesicht noch feucht von Thränen war, die ihren Augen unwillkührlich immer wieder von Neuem entströmten. Komm zu mir, liebe Emilie, sagte die Gräfin, Du musst Geduld mit mir haben, Du sanftes Kind, ich plage Dich mehr, als ich mir selbst verzeihe.
Vorlage S. 52
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Was ist Ihnen begegnet, fragte Emilie mit ängstlicher Stimme, das Sie so erschüttert haben kann? Soll ich den Onkel rufen? Soll man den Arzt kommen lassen?
Vorlage S. 52
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Nein, mein Kind, sagte die Gräfin matt aber bestimmt, ich will den Grafen nicht durch meinen Zustand beunruhigen, und der Arzt kann mir nicht helfen.
Vorlage S. 52
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O! wüsste ich ein Mittel, sagte Emilie, indem sie die Hand der Gräfin weinend küsste, wodurch Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe hergestellt werden könnten.
Vorlage S. 53
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Befremdet sah die Gräfin ihre junge Freundin an, die erröthend die Augen niedersenkte und durch ihre Verlegenheit verrieth, dass sie aus Liebe und Mitleid sich übereilt, und mehr gesagt hatte, als sie sich erlauben wollte. Weßhalb glaubst Du, dass mir Ruhe des Herzens mangelt? fragte die Gräfin nach kurzem Stillschweigen.
Vorlage S. 53
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Emilie war zu wahr, als dass sie sich nun durch halbe Antworten hätte aus der Verlegenheit ziehen können; auch war die Gräfin zu klug, als dass sie sich anders als scheinbar durch solche Antworten würde haben befriedigen lassen, und Emilie wäre in Gefahr gerathen, Achtung und Vertrauen ihrer Tante völlig zu verlieren, und als eine Auskundschafterin der Handlungen und der Gedanken derselben betrachtet zu werden; sie entschloß sich also offenherzig zu antworten, wenn sie auch die Gräfin dadurch kränken sollte. Warum antwortest Du mir nicht, fragte diese ein wenig ungeduldig ihre junge Freundin, die noch von Röthe überzogen, verlegen, mit niedergeschlagenen Augen vor ihr stand.
Vorlage S. 53
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Weil ich Sie kränken müsste, wollte ich diese Frage beantworten, die meine Unbesonnenheit veranlaßt hat, sagte Emilie, indem sie die schönen blauen Augen freimüthig auf die Gräfin richtete.
Vorlage S. 53
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Sprich aufrichtig mit mir, sagte diese in mildem Tone und doch halb misstrauisch erwartend, welche Erklärung nun folgen würde.
Vorlage S. 54
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Sie sind so weit erhaben, sagte Emilie, über Eitelkeiten und ähnliche kleinliche Leidenschaften, die manchen Frauen eine ungleiche Laune geben, Ihr Geist ist zu gebildet, als dass Sie aus Eigensinn eine solche haben könnten, und dennoch – Emilie schwieg zögernd, – Und dennoch? fragte die Gräfin, ich bitte Dich fahre freimüthig fort.
Vorlage S. 54
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Ich muss es, sagte Emilie, nachdem unser Gespräch diese Wendung genommen hat; Sie haben mir so viele Güte bewiesen, dass Sie mich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet haben, und ich bin in Gefahr, dass sie mich nun als undankbar verabscheuen werden.
Vorlage S. 54
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Nein, nein, sagte die Gräfin, sprich ohne Zögerung und weitere Einleitung.
Vorlage S. 54
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Bei der Güte Ihres edeln Herzens, bei der Großmuth Ihrer Seele, sagte Emilie, können Sie dennoch in der Laune, die Sie eben beherrscht, mich oft so schmerzlich verwunden, mit so kränkend wegwerfender Bitterkeit in manchen Stimmungen meine Fehler rügen.
Vorlage S. 54
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Glaubst Du, fragte die Gräfin mit erzwungenem Lächeln, dass Du niemals Tadel verdienst?
Vorlage S. 54
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Ich bin so thöricht nicht, erwiederte Emilie sanft, aber thue ich meiner mütterlichen Freundin Unrecht, wenn ich glaube, es würde Güte und Liebe mir die Bahn zeigen, die ich zu wandeln habe, und nicht Bitterkeit und kränkender Spott, wenn Ihr Herz die schöne Ruhe empfände, die Sie so sehr verdienen? Würden Sie bei der Großmuth Ihrer Seele mit solcher Verachtung von der Armuth sprechen, wie Ihre Laune es Ihnen oft gebietet, gegen das hülflose Geschöpf, das einzig von Ihrer Freigebigkeit lebt, und das Sie dadurch oft zwingen, die Nahrung, die es Ihrer Güte verdankt, mit seinen Thränen zu benetzen? Kann diese Bitterkeit, diese Heftigkeit, der Stolz und die Verachtung wohl eine andere Ursache haben, als dass Ihr Herz an verborgenen Qualen leidet, Ihrer Seele der Frieden fehlt, den ich für Sie so oft mit Thränen vom Himmel erbeten habe?
Vorlage S. 55
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Emilie schwieg erschrocken und erstaunt über ihre Dreistigkeit, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte. Die Gräfin hatte die Augen ernst auf ihre junge Freundin geheftet, indeß sie sprach, doch löste sich dieser Ernst bald in Liebe und Güte auf. Du hast Recht, Emilie, sagte sie, ich habe Dir Unrecht getan, schuldlos bist Du oft von mir geplagt und gekränkt worden, und Deine Sanftmuth hat mir immer mit Liebe erwiedert. Du hast Recht, diese Ungerechtigkeit entspringt aus einer gequälten Seele, aus einem von tausend Qualen zerrissenen Herzen; aus Erinnerungen an Leiden, die ich nicht vertilgen kann und nicht mit theilen will. Vergieb mir, Emilie, dass ich Dir wehe getan habe, und statt ein Kind, das ich mir zu plagen erlaubt habe, wirst Du mir künftig eine Freundin sein, an deren Brust ich über meinen Kummer weinen kann; nur frage mich nie um diesen Kummer.
Vorlage S. 55
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Sie breitete, indem sie dies sprach, ihre Arme aus und drückte Emilie mit Liebe an die Brust, die ihre Umarmung mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit erwiederte.
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Nach diesen Erklärungen bat die Gräfin ihre junge Freundin, sie einige Zeit allein zu lassen, dass sie sich zu sammeln vermöchte, und Emilie war verwundert, als nach einer Stunde die Gräfin im Gesellschaftszimmer zur Theezeit erschien, zwar noch blass und matt, aber im Aeußern vollkommen ruhig. Sie nahm an allen Gesprächen Anteil, und sprach mit Geist und Feuer über Musik und Poesie, als die Unterhaltung sich dahin lenkte, und bat zuletzt Emilie, viele ihrer Lieblingslieder zu singen, wozu der Graf bereit war zu accompagniren, so dass der Abend viel heiterer zugebracht wurde, als sich nach einem so stürmischen Tage erwarten ließ.
Vorlage S. 56
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V
Vorlage S. 57
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Es waren einige Wochen vergangen seit diesen Begebenheiten, ohne dass auf dem Schlosse etwas Merkwürdiges vorgefallen wäre. Der Verwundete besserte sich langsam, aber noch immer konnte ihm nicht zu sprechen erlaubt werden, um nicht die tiefen Wunden auf seiner Brust zu reizen. Die Nachforschungen des alten Dübois waren fruchtlos gewesen, denn es schien, dass man den jungen Mann nach seinem Falle beraubt habe, weil eben so wenig ein Taschenbuch, als Geld oder Uhr oder irgend eine Sache von Werth in seinen Kleidern gefunden wurde. Der Graf hatte dem Haushofmeister aufgetragen, den jungen Mann mit Wäsche, Kleidern und Allem, was er bedürfen würde, zu versorgen, und man musste nun abwarten, bis er selbst Aufschluß über sein Schicksal geben könnte. Der Pfarrer war mehreremale auf dem Schlosse gewesen und hatte es jedesmal unbefriedigt verlassen; der Kranke durfte nicht sprechen, der Arzt wusste nichts anders, als seine Begebenheiten, seine Erfahrungen, seine Empfindungen mitzutheilen, und die Uebrigen wollten sich auf nichts einlassen. Alles, was der Pfarrer in Bezug auf das Ereignis hatte in Erfahrung bringen können, war, dass feindliche Reiterei in der Entfernung von einigen Meilen passirt sei, was wenigstens möglicher Weise in Beziehung mit dem Verwundeten stehen konnte, aber die Nachrichten die er darüber erhalten, waren dunkel, da sie ihm ein wandernder Krämer mitgetheilt hatte, der sie wieder von Bauern erfahren haben wollte. Es blieb nach vielen vergeblichen Versuchen dem Pfarrer nichts anders übrig, als sich so gut wie alle Andern in Geduld zu fügen.
Vorlage S. 57
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Der Baron Löbau, Erbherr auf Heimburg, wie er sich gern nennen hörte, war ebenfalls auf dem Schlosse gewesen, um der Gräfin, wie er sagte, seine Aufwartung zu machen und sich nach dem Unglücklichen zu erkundigen, dessen Pflege der Graf, wie er nachdrücklich bemerkte, aus Menschenliebe übernommen habe; man fülte, er wollte, indem er dem Grafen etwas Verbindliches sagte, doch zugleich an den Grenzstreit und sein bewahrtes Recht erinnern.
Vorlage S. 58
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Der Baron Löbau war in seiner Jugend am Hofe gewesen und hatte sich damals die feinsten Sitten zu eigen gemacht, Neigung für das Landleben bestimmte ihn, sich früh zurückzuziehn und diesem sich zu widmen; obgleich er nun aber ein höchst thätiger Landwirth geworden war, so hatte er dessen ungeachtet nicht seine Ansprüche auf das Lob eines feinen Hofmannes aufgegeben, hatte er auch seit mehr als dreißig Jahren diese glänzende Bühne, auf der er sich in früher Jugend hatte versuchen wollen, nicht mehr betreten. Er dachte nicht daran, dass auch über das Betragen die Mode herrsche, und zweifelte keinen Augenblick daran, dass, was zu seiner Zeit als fein, galant und artig angesehen worden, auch noch jetzt so betrachtet werden müsse. Er hielt sich für einen Philosophen, weil er das Landleben liebte, für einen Hofmann, weil ihm auch Gesellschaft angenehm war, für einen Gelehrten, wenigstens für einen sehr gebildeten Mann, weil er einige Bücher gelesen hatte, für einen Kunstkenner, weil er einige schlechte Bilder und einige höchst mittelmäßige Kupferstiche besaß, für einen Staatsmann, weil er alle Rechte genau inne hatte, die sich auf die Provinz, in der er lebte, und auf seine besondern Verhältnisse anwenden ließen. Er gefiel sich in seiner Würde als ein bedeutender Gutsbesitzer, von dem viele andere Personen abhängig waren. Er war bei diesen unschuldigen Thorheiten gütig, dienstfertig, wohlwollend und dennoch weniger geliebt, als er es verdiente. Wenige Menschen gaben sich die Mühe, seinen Charakter genau kennen zu lernen, und beinah alle seine Nachbaren fühlten sich von ihm beleidigt und beschuldigten ihn des Mangels an Aufrichtigkeit.
Vorlage S. 58
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Diesen Verdacht zog sich der gute Baron unwillkührlich zu, denn bei seiner leicht gereizten Phantasie machte die Gegenwart den lebhaftesten Eindruck auf ihn, und da er so viele Neigungen in sich vereinigte, so schloß er sich allemal unwillkührlich mit seiner Höflichkeit und Verehrung dem Repräsentanten eines Faches seiner verschiedenen Bestrebungen an, der in der Gesellschaft eben am Glänzendsten erschien; so huldigte er abwechselnd dem Reichsten, dem Vornehmsten, dem Gebildetsten, dem Klügsten, dem Künstler und dem Landwirth; und da er den Fehler beging, den ganzen Vorrath seiner höflichen Aufmerksamkeit immer diesem einen Begünstigten zu widmen, so geschah es ganz natürlich, dass er alle andern vernachläßigte und eben dadurch beleidigte. Doch gab sich diese unangenehme Stimmung der Nachbaren selten entschieden zu erkennen, denn da von Zeit zu Zeit jeder seiner ausschließlichen Aufmerksamkeit sich zu erfreuen hatte, so wurden sie abwechselnd versöhnt und beleidigt; nur allein mit dem Pfarrer stand er ohne Unterbrechung in einem gespannten Verhältnis, denn da der Fall nie eintrat, dass dieser in Gesellschaft dem Baron als der Reichste, der Vornehmste, der Klügste oder der Gebildetste erschien, so wurde er alsdann jedesmal gänzlich von ihm übersehen, und er war nur höflich gegen ihn, wenn er mit ihm allein war, wodurch der Pfarrer, indem er es ihm als Hochmuth auslegte, sich im Inneren sehr beleidigt fühlte. Seine Empfindlichkeit pflegte er dann durch kurze, mit einer auffallenden Bitterkeit gegebene Antworten auszudrücken, so oft der Baron ihn anredete; dieser dagegen setzte seiner schnöden Bitterkeit dann wieder eine so kalte Höflichkeit entgegen, dass sie den Pfarrer jedesmal aufs Neue beleidigte, und so erhielt sich in Beiden seit vielen Jahren diese Stimmung. Der Baron glaubte es als einen Verstoß gegen die Höflichkeit betrachten zu müssen, wenn er im Beisein der Gräfin über die Grenzstreitigkeit sprechen wollte, und doch war es leicht zu bemerken, dass dies Geschäft ihm am Herzen lag und ein Hauptgrund seines Besuches war. Der Graf befreite ihn von der Qual, die er sich auferlegt hatte, darüber zu schweigen, indem er selbst das Gespräch darauf lenkte. Nachdem nun Jeder seine Rechte eine Zeitlang vertheidigt hatte, sagte der Graf: wir wurden neulich davon abgehalten, den ganzen Theil des Waldes zu durchreiten, über den wir streiten, ich werde beim ersten schönen Wetter den Ritt noch einmal unternehmen, Alles selbst betrachten, und können wir auch dann nicht einig werden, so denke ich, sollten wir die Sache Schiedsrichtern anvertrauen. Mit dieser Anordnung musste der Baron zufrieden sein, denn es ließ sich nichts Vernünftiges dagegen einwenden, und dennoch hätte er es lieber gesehen, mit dem Grafen allein zu unterhandeln. Man trennte sich freundschaftlich nach dieser Verabredung, und der Graf versprach, sehr bald dem Baron seine Vorschläge mitzutheilen.
Vorlage S. 59
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In der That lag dem Grafen daran, eine Streitigkeit, die zu Spannungen Anlass geben konnte, sobald als möglich zu beendigen. Er ritt also an einem schönen Wintermorgen, begleitet von seinem Förster, nach der Gegend des Waldes hin; er bemerkte, indem er die Grenzen umritt, dass der Baron in der That den Anspruch, den er machte, nicht begründen könne, dass aber für ihn selbst der Verlust nicht bedeutend sein würde, wenn er sich um des nachbarlichen Friedens Willen zur Abtretung eines Theiles von dem, was der Baron forderte, verstände, und, indem er bei der Stelle wieder vorbei kam, wo Beide den Verwundeten gefunden hatten, beschloss er, dem Baron die Hälfte dessen freiwillig anzubieten, was er schwerlich durch einen Rechtsspruch gewinnen konnte, und dann die Grenze zwischen beiden Besitzungen durch dies schöne Thal zu führen. Erfrischt, gestärkt durch den schönen Wintertag, unter dem heitern blauen Himmel, fühlte der Graf überhaupt mehr die Geringfügigkeit ihres Streites, als im geheizten Zimmer, in einem beschränkten Raume, und machte für sich selbst die Bemerkung, dass die Menschen überhaupt eigennütziger und eigensinniger in ihren Häusern als unter freiem Himmel sind.
Vorlage S. 61
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Beschäftigt mit diesen Betrachtungen, näherte er sich dem Dorfe und dem Wohnhause des Pfarrers; es fiel ihm ein, denselben zum Vermittler in dieser kleinen Streitigkeit zu wählen und vielleicht dadurch eine Veranlassung zu finden, ihn auch in wichtigeren Fällen zu benutzen. Er hielt vor der Wohnung des Geistlichen an, bei dem längst Mittag vorüber war, und gab sein Pferd dem Reitknechte, der ihn begleitet hatte, indem er zugleich dem Förster nach Hause zu reiten erlaubte. Als er die niedrige Pforte des Raumes öffnete, der das Haus zugleich als Hof und Garten umschloß, sprangen ihm mehrere Hunde von verschiedener Größe bellend entgegen, die von mehreren Kindern verschiedenen Alters, die im Hofe spielten, augenblicklich zur Ruhe gebracht wurden; einige ältere Knaben sprangen eiligst in das Haus, um die Ankunft des Fremden zu melden, die jüngern Kinder stellten ihre Schlittenfahrten auf dem Hofe ein, um den Fremden und seine Pferde zu betrachten; der Pfarrer, der den Grafen vom Fenster aus bemerkt hatte, kam ihm an der Thür des Hauses so höflich und freundlich entgegen, dass man es ihm ansah, er erwarte etwas Ungewöhnliches von diesem Besuche. Als der Graf nach den ersten Begrüßungen das Zimmer betrat, bemerkte er den Schulzen des Dorfes, der sich vor dem gnädigen Herren, so tief er vermochte, bückte. Nu, lebe Er wohl, mein Freund, sagte der Pfarrer zu dem Landmanne, komme Er morgen wieder, Er sieht, ich habe heute keine Zeit mehr. Der Schulze bückte sich, indem er sich zugleich mit der linken Hand im Kopfe krazte, und blieb zögernd an der Thüre stehn.
Vorlage S. 62
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Wenn der Mann ein Anliegen an Sie hat, Herr Pfarrer, sagte der Graf, so bitte ich, lassen Sie sich durch meine Gegenwart nicht stören. Wenn mir der Herr Graf denn erlauben wollen, sagte der Geistliche sehr freundlich, und indeß die Güte haben wollen, Platz zu nehmen; er machte eine einladende Bewegung nach dem Sopha hin, und schob mit dem Fuße zugleich hölzerne Pferde, Schubkarren und anderes Spielzeug seiner Kinder aus dem Wege, das auf dem Boden zerstreut lag. Der Graf stieg über ein aufgestelltes Kegelspiel hinweg, um sich in der Ecke des Sophas niederzulassen, und der Pfarrer wendete sich kurz nach dem Landmanne um und sagte in einem gebietenden Tone: Nun hurtig, Freund, erkläre Er sich, was Er von mir zu wissen wünscht.
Vorlage S. 63
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Der Schulze räusperte sich ein wenig und sagte: Nicht wahr, Herr Prediger, Sie kennen die alte Liese Lemmerten aus Krumbach? Der Pfarrer besann sich ein wenig und fragte: ist das nicht die Schenkwirthin? Der Schulze nickte bejahend. Nun, was ist mit der? rief der Pfarrer, Er sieht, ich habe Eile.
Vorlage S. 64
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Nun, lächelte der Schulze freundlich: die hat Gott zu sich genommen. Was! rief der Pfarrer mit Verwunderung, ist die gestorben, wie tausend habe ich denn das nicht erfahren?
Vorlage S. 64
141
Ja, sagte der Schulze sehr zufrieden, morgen gehn wir alle zum Begräbnis, meine alte Mutter wird sich auch aufmachen.
Vorlage S. 64
142
Und was geht das mich an? sagte der Pfarrer, Krumbach gehört nicht zu meiner Kirche, was habe ich dabei zu tun?
Vorlage S. 64
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Nichts, Herr Pfarrer, sagte der Landmann, Sie sollen auch gar nicht zum Begräbnis kommen, ich sagte bloß, ich und meine alte Mutter werden hinüber fahren.
Vorlage S. 65
144
Was will Er denn eigentlich? fragte der Pfarrer ungeduldig. Die Erbschaft, erwiederte der Schulze. Die Lemmerten war eine alte reiche Frau, und von meinem Vater her muss ich erben. Nun da wünsche ich Ihm Glück, sagte der Geistliche, ich weiß, die Verstorbene muss ein bedeutendes Vermögen hinterlassen haben; der Bauer Kielmann hat auf sein Gut und Haus von ihr fünf tausend, der Bäcker Köhler weiß ich auch, auch der Krämer; zehn bis zwölf tausend Thaler müßen da sein, sagte der Pfarrer, nach meiner kurzen Berechnung, ohne ihr eigenes Haus und ihren Hof.
Vorlage S. 65
145
Ja, aber sie wollen mir nichts geben, klagte weinerlich der Schulze.
Vorlage S. 65
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Weßhalb? fragte der Pfarrer schnell, Wer will es ihm verweigern, sind nähere Erben da?
Vorlage S. 65
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Nein, nein, nein! rief der Schulze, gar keine Erben sind da, das ist eben das Unglück.
Vorlage S. 65
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O! spreche Er deutlich und nicht unvernünftig, sagte der Prediger scheltend.
Vorlage S. 65
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Nun, so lassen Sie mich doch die ganze Geschichte erzählen, erwiederte der Schulze im zänkischen Tone. Die alte Liese Lemmerten, nun das war die Schwester von meinem Großvater, Gott habe ihn selig, nun weiter waren keine Geschwister, als der selige Mann und die selige Frau; nun sehn Sie, die selige Frau hatte keine Kinder, aber mein seliger Großvater der hatte zwei Kinder, meinen Vater und seine Schwester, nun, und die Schwester, das weiß nun kein Mensch, wo die geblieben ist, und darum soll ich die Erbschaft nicht kriegen, die Person soll erst ausgekundschaftet werden.
Vorlage S. 65
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Wie wir das hörten, da sagte meine alte Mutter: Peter, – ich heiße Peter – nun Peter, sagte sie, gehe Du nur zum Herren Pfarrer, der Herr Pfarrer weiß Alles, und Deine alte Muhme mag stecken, wo sie will, so kriegt er es heraus, und kriegt er es nicht heraus, so wird es ein Anderer gar nicht herauskriegen.
Vorlage S. 66
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Während dieses Vortrages war die alte Kinderwärterin herein gekommen und hatte das verschiedene Spielzeug der Kinder vom Boden aufgelesen, um es heraus zu bringen; sie hörte des Schulzen Rede mit an und mischte sich, als er geendigt hatte, ohne Umstände in das Gespräch. Seines Vaters Schwester, Herr Schulze, sagte sie, das war ja Lore Breitler, die diente ja, wie ich noch ein junges Ding war, mit mir zusammen bei der seligen Frau Baronin Schlebach auf Seizheim, ich weiß aber nicht, wo sie nachher hingekommen ist.
Vorlage S. 66
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Das war ja die Mutter der Frau Gräfin, sagte der Pfarrer, indem er sich schnell zum Grafen wendete, der diese Frage bejahte.
Vorlage S. 67
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Komme Er nach dem Begräbnis wieder zu mir, sagte der Pfarrer hierauf zum Schulzen, ich werde suchen Erkundigungen einzuziehen und werde sehen, wie ich Ihm dienen kann.
Vorlage S. 67
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Der Schulze und die Kinderwärterin verließen jetzt mit einander das Zimmer, und setzten ihr Gespräch über Lore Breitler und die zu hoffende Erbschaft noch vor der Thüre eine Zeitlang ziemlich lebhaft fort. Der Pfarrer aber wendete sich zum Grafen und bat ihn noch einmal um Entschuldigung, dass er sich habe durch den Landmann abhalten lassen, ihn zu unterhalten.
Vorlage S. 67
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Ich konnte um so weniger verlangen, erwiederte der Graf, dass Sie den Schulzen ohne eine befriedigende Antwort von sich ließen, da ich selbst in der Absicht zu ihnen gekommen bin, Sie um Ihren Beistand in einer Angelegenheit zu bitten.
Vorlage S. 67
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Der Geistliche, aus wirklicher Dienstfertigkeit und aus Reugiede, die Angelegenheit des Grafen zu erfahren, erbot sich mit größter Bereitwilligkeit zu allen möglichen Diensten.
Vorlage S. 67
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Der Graf war im Begriff dem Pfarrer seinen Entschluss über die Grenzstreitigkeit mit dem Baron Löbau mitzutheilen und ihn zu ersuchen, als Vermittler dem Baron sein Anerbieten mitzutheilen, als sich die Thüre öffnete und die Frau des Predigers die Unterhaltung unterbrach. Da man beim Pfarrer schon längst zu Mittag gespeist hatte, so wurde angenommen, der Graf mache einen Nachmittags-Besuch; ihm wurde Kaffee angeboten, und man fing zugleich an, Anstalten zum Theetrinken zu treffen; diese Aussicht bestimmte den Grafen, so schleunig als möglich dem Pfarrer die nötigen Mittheilungen zu machen und den gewünschten Beistand von ihm zu erbitten. Der Geistliche bekämpfte eine Zeitlang den Entschluss des Grafen, ein Stück des Waldes abzutreten, indem er ihm auseinandersetzte, dass die Ansprüche des Barons sich auf leere Einbildungen gründeten; da er aber sah, dass der Graf entschlossen war, ein kleines Opfer zu bringen, um Weitläuftigkeiten zu vermeiden, so übernahm er gern den gegebenen Auftrag und versicherte im Voraus, dass dies Anerbieten sehr bereitwillig vom Baron würde angenommen werden. Der Graf dankte ihm vorläufig und stand auf, um Abschied zu nehmen. Ich fahre morgen nach Heimburg, sagte der Pfarrer, und komme dann übermorgen zu Ihnen und bringe Ihnen die Antwort.
Vorlage S. 68
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Zufrieden, dies Geschäft so eingeleitet zu haben, trabte der Graf heiteren Muthes nach seinem Schlosse zurück und kam noch zeitig genug an, um zu Mittag zu speisen.
Vorlage S. 69
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VI
Vorlage S. 69
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Versprochener Maßen fand sich der Pfarrer auf dem Schlosse ein, um die Antwort des Baron Löbau zu überbringen, die so ausgefallen war, wie er es vorhergesagt hatte, und schlug nun in dessen Namen vor, die Grenze in der künftigen Woche zu führen. Der Graf war dazu bereit, doch bemerkte der Geistliche, dass sein Betragen nicht so offen war wie sonst. Es schien ihn etwas zu beunruhigen, worauf seine Gedanken unwillkührlich immer wieder zurück kamen. Der Pfarrer blieb zu Mittag auf dem Schlosse, und der Arzt machte bei Tische Mittheilungen über den Zustand des Kranken, die ungemein günstig lauteten; man konnte aber bemerken, dass der Graf, so lebhaft er auch daran Theil nahm, doch nicht dadurch erheitert wurde. Auch die Gräfin schien verstimmt, und die Unterhaltung wurde nur mühsam fortgeführt.
Vorlage S. 69
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Da ich doch einmal auf Heimburg war, fing der Pfarrer nach einer Pause an, während welcher Jedermann mit sich beschäftigt war, so wollte ich auch gleich versuchen, ob ich nichts für den Schulzen tun könne, und erzählte dort den Todesfall der alten Schenkwirthin und auch die Verlegenheit wegen der Ausmittelung seiner Base. Die Frau Baronin versicherte mir, fuhr er fort, indem er sich an die Gräfin wendete, ich würde von der Frau Gräfin die beste Auskunft erhalten können.
Vorlage S. 69
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Von mir? fragte die Gräfin verwundert. Sie wissen, ich bin hier wie eine Fremde zu betrachten, wie könnte ich Auskunft über den Schulzen oder seine Base geben?
Vorlage S. 70
163
Ich hatte erfahren, erwiederte der Pfarrer, dass die Miterbin des Schulzen einmal bei Ihrer seligen Frau Mutter gedient hatte, und theilte dies der Frau Baronin mit. Da beide Häuser immer in vielfachem Verkehr mit einander gestanden haben, so hoffte ich mit Recht etwas Näheres zu erfahren. Die Frau Baronin ließ ihre alte Dienerschaft rufen, und darunter sind noch manche, die sich recht gut der Zeit und der Person erinnern, und sie versicherten alle einstimmig, als die Frau Gräfin mit ihrer verstorbenen Frau Mutter vor einigen zwanzig Jahren nach fremden Ländern verreist sei, hätte sie diese Lore Breitler zu ihrer Bedienung mitgenommen, und sie würde sich also wahrscheinlich erinnern, ob sie gestorben, oder wo sie sonst geblieben sei.
Vorlage S. 70
164
Die Gräfin schrak ein wenig zusammen, als sie den Namen hörte, und eine feine Röthe färbte die blassen Wangen; Beides entging dem beobachtenden Geistlichen nicht, eben so wenig, als die Bewegung in der Stimme, mit welcher die Gräfin nach einer kleinen Pause sagte: Es ist wahr, wir hatten diese Person zu unserer Bedienung mit uns genommen, sie hat uns aber nachher verlassen, und ich weiß nicht mehr, ob sie in Frankreich oder in der Schweiz von uns gekommen ist, auch habe ich nie wieder etwas von ihrem Schicksale erfahren.
Vorlage S. 71
165
In welchem Jahre hat sie wohl Ihren Dienst verlassen? fragte der Pfarrer, indem er den Blick fest auf die Gräfin heftete.
Vorlage S. 71
166
Ich vergesse so leicht Jahrzahlen, sagte die Gräfin, ich kann mich in der That nicht erinnern.
Vorlage S. 71
167
War sie noch bei Ihnen, fragte der Pfarrer im Ton eines Polizeibeamten, der eine Untersuchung zu führen hat, nachdem Sie mit dem Herren Grafen vermählt waren?
Vorlage S. 71
168
Nein, antwortete die Gräfin mit Beklemmung, ungefähr ein halbes Jahr vorher war sie von uns weggekommen.
Vorlage S. 71
169
Nun, dann lässt sich ja das Jahr ausmitteln, bemerkte der Pfarrer mit unbescheidenem Lächeln, denn die Frau Gräfin werden ohne Zweifel sich des Jahres Ihrer Vermählung erinnern.
Vorlage S. 71
170
Es sind in diesem Herbst fünfzehn Jahre gewesen, sagte der Graf mit mehr Stolz in Haltung und Mienen, als man gewöhnlich an ihm bemerkte, dass ich so glücklich gewesen bin, mich mit der Gräfin zu verbinden, und ich glaube, fuhr er mit einem Tone der Stimme fort, der offenbar den Geistlichen in seine Schranken zurückweisen sollte, Sie werden nun die Nachforschungen nach der Base des Schulzen fortsetzen können, ohne dass die Gräfin ferneren Anteil daran zu nehmen braucht.
Vorlage S. 72
171
Der Pfarrer wurde empfindlich, doch fühlte er auch zugleich, dass er selbst zu weit gegangen war, und wollte sein Verhältnis zum Grafen nicht verderben. Emilie suchte einigemale ein Gespräch anzuknüpfen, die Unterhaltung aber wollte kein Leben gewinnen, und Jedermann athmete freier, als die Tafel aufgehoben wurde. Die Gräfin und Emilie verließen den Saal sogleich, der Arzt entfernte sich, um einige Kranken zu besuchen, und der Graf ging mit dem Pfarrer einige Zeit stillschweigend im Gesellschaftszimmer auf und ab.
Vorlage S. 72
172
Ich habe heute unsern Verwundeten noch nicht besucht, sing der Pfarrer nach langem Schweigen an; wenn der Herr Graf erlauben, möchte ich wohl jetzt sehen, wie er sich befindet.
Vorlage S. 72
173
Schenken Sie mir noch einige Augenblicke, sagte der Graf mit Hastigkeit; es war sichtbar, dass er mit dem Entschluss kämpfte, dem Geistlichen eine Mittheilung zu machen, und dass es ihm schwer wurde, dem Manne sein Vertrauen zu schenken, dessen vorschnelle, unbescheidene Art zu fragen ihn noch eben so empfindlich verlezt hatte.
Vorlage S. 73
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Ich wollte Ihnen eine Sache mittheilen, sagte der Graf nach langem Schweigen, die mir sehr am Herzen liegt; vielleicht könnte Ihr Rath und Ihre Tätigkeit mir vielen Verdruss ersparen, große Unannehmlichkeiten von mir abwenden; doch müsste ich vorher versichert sein, dass Sie sich der Mühe gern unterzögen und vor allen Dingen das unverbrüchlichste Stillschweigen beobachten wollten.
Vorlage S. 73
175
Die Empfindlichkeit des Pfarrers war nach dieser Einleitung völlig verschwunden, und mit wahrer Gutmüthigkeit und reger Theilnahme sagte er: So viel in meinen Kräften steht, bin ich von ganzem Herzen bereit Ihnen zu dienen, und die Mühe, die ich dabei haben könnte, verdient gar nicht in Anschlag gebracht zu werden; auch gebe ich Ihnen mein heiliges Wort, dass, was Sie mir auch anvertrauen mögen, in meiner Brust so sicher bewahrt ist, wie in Ihrer eigenen. Ein Geistlicher, der nicht schweigen könnte, sezte er mit schlauem Lächeln hinzu, wäre ja der verächtlichste und der unbrauchbarste Mensch von der Welt.
Vorlage S. 73
176
So hören Sie denn den Grund meiner Sorgen und meiner Unruhe, sagte der Graf. Der größte Theil meines Vermögens rührt von einer Erbschaft meines Aeltervaters her, die er damals gemeinschaftlich mit seinem Bruder machte; mein Aeltervater behielt die Güter und zahlte seinem Bruder die Hälfte des Werthes aus, und es wurde ein Dokument darüber aufgesetzt, welches in dem Archiv des hiesigen Schlosses aufbewahrt wurde mit allen andern Familienangelegenheiten betreffenden Papieren. Vorigen Sommer nun meldete mir ein Freund nach Wien als ein Gerücht, dass die von dem Bruder meines Aeltervaters abstammende Linie gesonnen sei, Ansprüche auf mein Vermögen zu machen, indem sie vorgebe, die Theilung sei nie geschehen und ich also widerrechtlich im Besitz des ganzen Vermögens. Ich fand die Behauptung lächerlich, da ich zu gut wusste, dass das Dokument vorhanden sei. Indeß die Sache war zu wichtig, als dass ich sie hätte Fremden anvertrauen mögen, und ich entschloß mich selbst im vorigen Herbste hieher zu kommen. Der Ausbruch des Krieges rief andere Gedanken und andere Sorgen hervor, und ich dachte nicht mehr ernsthaft an die erste Veranlassung meines Hierseins. Vor einigen Wochen erfuhr ich, dass meine Gegner nur den Frieden abwarten wollen, um ihren Prozess gegen mich einzuleiten, und diese Nachrichten bestimmten mich, eine ernstliche Nachforschung anzustellen, und denken Sie sich meine Unruhe, ich habe das ganze Archiv durchsucht, ohne das Dokument zu finden.
Vorlage S. 74
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Sind Sie gewiss, dass es vorhanden war? fragte der Pfarrer, indem er sinnend vor sich niederblickte.
Vorlage S. 75
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So gewiss, als ich lebe und Ihnen dies mittheile, rief der Graf.
Vorlage S. 75
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Das gibt einen abscheulichen Prozess, sagte der Pfarrer mit nachdenklicher Miene, und der Ausgang ist ungewiss, Sie können ihn verlieren und zu allen Kosten nicht nur verurtheilt werden, sondern auch zum Ersatze aller Zinsen von der Hälfte Ihres Vermögens, die in Anspruch genommen wird. Das würde nicht weniger als beinahe Alles kosten, was ich besitze, sagte der Graf mit bitterem Lächeln, und es ist keine erfreuliche Aussicht, wenn man sein ganzes Leben hindurch an Ueberfluß gewöhnt war, beim herannahenden Alter Mangel und Entbehrungen befürchten zu müssen.
Vorlage S. 75
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Nun, nun! so weit sind wir ja noch nicht, tröstete der Pfarrer. Wenn Sie gewiss wissen, hub er nach einer Weile wieder an, dass das Dokument in Ihrem Archive war, so ist es vielleicht Ihrer Aufmerksamkeit entgangen; in so wichtigen Angelegenheiten sucht man oft zu ängstlich, zu übereilt, und findet darum nicht. Wollen Sie mir den Schlüssel anvertrauen und mich noch einmal nachsuchen lassen? Vielleicht bin ich glücklicher.
Vorlage S. 75
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Sehr gern, sagte der Graf, indem er dem Geistlichen den Schlüssel reichte, den er noch bei sich trug, denn er hatte erst diesen Morgen die Nachsuchung geendigt. Doch, fügte er mit einem Seufzer hinzu, ich bin überzeugt, Sie werden nichts finden.
Vorlage S. 76
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Wer weiß, sagte der Pfarrer, indem er den Schlüssel nachdenklich betrachtete. Wenn ich nichts finde, fügte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen hinzu, so muss das Dokument entwendet worden sein. Haben Sie auf Niemanden Verdacht, Wer hätte in Ihrer Abwesenheit den Schlüssel des Archivs?
Vorlage S. 76
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Der alte Lorenz, den Sie ja müssen gekannt haben, sagte der Graf. Er war eine Art von Kastellan hier im Schlosse seit dem Tode meines Vaters, er hatte alle Schlüssel, also auch diesen; aber ich glaube nicht, dass er jemals das Archiv betreten hat.
Vorlage S. 76
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Hm, hm! brummte der Pfarrer, der alte Lorenz! Wer das Dokument entwendet hat, fuhr er wie im Selbstgespräche fort, hat es unfehlbar getan, um es den Gegnern zu verkaufen, und es kann also der alte Lorenz nicht sein, denn hätte er es verkauft, so würde er nicht in Geldnoth sein, und er wollte noch diese Woche von mir borgen; das ist also kaum möglich, und doch, wer kann des Menschen Herz ergründen? Weßhalb haben Sie den alten Mann aus Ihrem Dienste entlassen? fragte er hastig den Grafen.
Vorlage S. 76
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Sie wissen, antwortete der Graf, ich kam im Herbst allein hieher. Ich hatte die Gräfin in Breslau gelassen, ich wollte erst das Schloß mit Allem versorgen, was sie gewohnt ist und nicht entbehren kann; ich kam also, dem alten Lorenz gewissermaßen unerwartet, eines Abends allein, und da mir die Sache mit dem Dokument am Herzen lag, forderte ich noch denselben Abend den Schlüssel des Archivs. Ich suchte die Schrift auf der Stelle, wo ich mir einbildete, dass sie liegen musste, doch machte ich mir keine Sorgen, da ich sie nicht fand, und meinte, ich irrte mich über den Ort, wo ich sie aufgehoben glaubte, und nahm mir vor zu gelegenerer Zeit ordentlich zu suchen. Der alte Mann schien mir empfindlich und verstimmt, dass ich ihm die Schlüssel sogleich bei meiner Ankunft abgefordert hatte; auch schien er mir verdrüßlich, als er die lange Ruhe des Schlosses gestört sah, da in den nächsten Tagen die ganze Dienerschaft eintraf, deren wir hier bedurften. Kurz, er bat mich, ihm zu erlauben, die Pension, die er von Alters her hat, an einem andern Orte verzehren zu dürfen, da er sich selbst zu alt fühle, mir noch dienen zu können. Ich bewilligte seine Bitte gern, und wir trennten uns zu beiderseitiger Zufriedenheit, denn wenn ihm die Unruhe zuwider war, so war mir seine ewige Unzufriedenheit unerträglich.
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Hm, hm, brummte der Pfarrer, es ist kaum denkbar, dass er das Dokument haben sollte, und ich hoffe noch immer, ich werde es finden.
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Sie würden mir eine große Unruhe vom Herzen nehmen, sagte der Graf.
Vorlage S. 78
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Wir haben heute Mittwoch, bemerkte der Pfarrer, bis Sonnabend Nachmittag habe ich Zeit hier zu bleiben, dann muss ich nach Hause und an meine Predigt denken; wenn Sie mir könnten ein Zimmer in der Nähe des Archivs anweisen lassen, so wollte ich diese Zeit dazu benutzen, um eine genaue Nachsuchung anzustellen, ich müsste aber meine Frau davon erst benachrichtigen, damit sie mich nicht vergeblich erwartet.
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Der Graf zog die Klingel und gab dem eintretenden Bedienten die nötigen Aufträge. Wenn der Reitknecht gesattelt hat, fügte der Pfarrer hinzu, so soll er noch erst zu mir kommen, damit ich ihm ein Billet an meine Frau mitgeben kann.
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Nachdem diese Anordnungen getroffen und das Zimmer des Pfarrers eingerichtet war, nahm er es in Besitz, und war so unvermuthet auf mehrere Tage ein Gast des Schlosses geworden. Nachdem er nun an seine Frau geschrieben hatte, verfügte er sich sogleich nach dem Archive und fing seine Nachforschungen an. Der Reitknecht kam vor Abend mit der Antwort von der Frau Predigerin zurück und brachte zugleich einige Wäsche für den Pfarrer, Pfeifen und einen großen Vorrath Taback zu seinem Gebrauche mit.
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Während der Graf und der Pfarrer im Gesellschaftszimmer geblieben waren, und der Erstere den Geistlichen mit seinen Verlegenheiten bekannt gemacht hatte, hatte sich der Haushofmeister Dübois zur Gräfin verfügt, um ihr Alles, was er über den Kranken hatte in Erfahrung bringen können, mitzutheilen.
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Porträt von Bernhardi, Sophie
Kontextbild zum Werk. Porträt: Bernhardi, Sophie · Urheber unbekannt · Public domain Bildquelle ↗
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Der junge Mann war viel besser geworden, und selbst der Arzt untersagte seit einigen Tagen das Sprechen nicht mehr gänzlich. Dübois hatte ihm also mit Geschicklichkeit nach und nach abgefragt, wovon er glaubte, dass es die Gräfin zu wissen wünschte, um aber so viel als möglich ihr jede Bewegung des Gemüts zu ersparen, hatte er die gesammelten Nachrichten aufgeschrieben und reichte der Gräfin das Blatt. Es ist besser, sagte er, wenn die gnädige Frau Gräfin das Aufgeschriebene lesen, als wenn ich es mündlich vortrage, beim Sprechen könnten leicht Erinnerungen rege werden, die Erschütterungen verursachen würden.
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Es hätte der Haushofmeister unstreitig besser getan, an diese Erinnerungen nicht zu erinnern, indeß die Gräfin beherrschte sich und nahm mit scheinbarer Gelassenheit das Blatt aus seiner Hand. Der Name des jungen Mannes, las die Gräfin, ist Adolph St. Jülien. Adolph! wiederholte sie und eine Träne fiel auf das Blatt. Er ist der Sohn, fuhr sie mit zitternder Stimme fort, eines reichen Banquiers, der vor mehreren Jahren gestorben ist; die Mutter lebt noch, und der Sohn wünscht sehnlichst, ihr Nachricht von sich geben zu können. Da er in den Rheinprovinzen erzogen ist, so spricht er beinah eben so gut Deutsch, als Französisch. Er dient seit einigen Jahren in der Armee und ist Kapitain des Regiments.
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Die Gräfin schwieg und schaute lange vor sich nieder, endlich richtete sie mit einem tiefen Seufzer die Augen auf den Haushofmeister und sagte: Es klingt ganz so fremd, wie ich vernünftiger Weise erwarten musste; nehmen Sie Ihr Blatt zurück, fuhr sie fort, indem sie es ihm hinreichte, und vergessen Sie meine wahnsinnigen Hoffnungen, die ich durch nichts, durch gar nichts begründen kann und kaum vor mir zu entschuldigen vermag.
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Die Aehnlichkeit ist so auffallend, sagte Dübois furchtsam.
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Sie rathen mir Erinnerungen zu vermeiden, sagte die Gräfin schmerzlich lächelnd, die Sie selbst nun erregen.
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Mich zwingt die Pflicht ehrerbietig daran zu erinnern, sagte der alte Mann schüchtern. Herr St. Jülien ist jetzt in der Besserung, er wird morgen etwas aufstehen; er wird in einiger Zeit das Zimmer verlassen können, und wird dann doch natürlich wünschen, der gnädigen Frau Gräfin seine Dankbarkeit zu bezeugen. Wenn nun sein Anblick –
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Ich verstehe Sie, sagte die Gräfin, Sie haben Recht, ich muss meine Gedanken schon daran gewöhnen, diese Aehnlichkeit in einem mir völlig fremden Wesen zu betrachten, um ruhig zu bleiben, oder doch zu scheinen, wenn er mir lebendig vor Augen steht. Sein Sie ohne Sorgen, guter Dübois, fuhr sie fort, indem sie sich ihm näherte. Hatte ich auch keinen Grund mich zu beherrschen, als nur diesen alten Augen Thränen zu ersparen, die schon so viele über meine Leiden vergossen haben, so würde er mir hinreichend sein. Verlassen Sie mich aber jetzt, fuhr sie gütig fort, wir sind in Gefahr uns beide zu erweichen, und wenn Sie das für meine Gesundheit nachtheilig finden, so kann es Ihnen bei Ihrem Alter nicht anders als höchst schädlich sein.
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Der Haushofmeister folgte dem Winke seiner Gebieterin und schwur bei sich, dass niemals eine Königin auf Frankreichs Throne ihre Diener edler behandelt habe, als die Gräfin ihn.
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200
VII
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201
Der Pfarrer lebte ganz in dem Archive, er kam nur zum Abendessen zur übrigen Gesellschaft. Frühstück, Mittagessen und Thee ließ er sich dort hinbringen, und durchsuchte mit der größten Genauigkeit Alles. Endlich war die Nachforschung geendigt, und er hatte nichts gefunden. Er stützte sich gedankenvoll auf den großen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und bedauerte wahrhaft den Grafen, für den er in demselben Grade seine Freundschaft zunehmen fühlte, als er mit seinen Geschäften und Verhältnissen bekannter wurde. Willenlos zog er die Schublade des Tisches auf, in der er noch einige Papiere bemerkte, die aber von keiner Wichtigkeit zu sein schienen, und unter denen das Dokument gewiss nicht verborgen sein konnte, denn es waren Umschläge von Briefen, alte Recepte zu Arzneien, kleine, zum Theil zerrissene Rechnungen. Auch der Graf hatte diese Schublade geöffnet, aber sich gleich überzeugt, dass sie nichts enthalte, was schon der Größe nach die gesuchte Schrift sein könnte, also den Inhalt nicht weiter beachtet; der Pfarrer aber, der dergleichen Dinge gründlicher betrieb, sezte sich noch einmal vor den Tisch nieder, entfaltete und betrachtete jedes Blatt, und so fielen ihm zwei kleine, unordentlich zusammengedrückte Stücke Papier in die Hände, in denen er, als er sie entfaltete, bald einen Anfang der Abschrift der gesuchten Urkunde erkannte. Es war deutlich, dass der Abschreiber sich beide Male verschrieben, das Papier verdrüßlich zusammengedrückt und in die Schublade geworfen hatte, wo es gewiss nicht hatten bleiben sollen. Freudig über seine gemachte Entdeckung, ließ der Geistliche sogleich den Grafen rufen und theilte ihm die gefundenen Papiere mit; der Graf erkannte die Hand des alten Lorenz; er holte Briefe herbei, die er früher von ihm erhalten hatte, und auch der Pfarrer überzeugte sich durch die Vergleichung, dass kein Anderer, als er, der Abschreiber der Urkunde gewesen sein könnte.
Vorlage S. 81
202
Was ist nun zu tun? sagte der Graf. Hat er die Urkunde meinen habsüchtigen Verwandten verkauft und kommt es zum Prozess, so kann ich zwar durch diese Blätter die Entwendung derselben wahrscheinlich machen, aber dann mache ich im besten Falle den Menschen unglücklich, der meinem Vater so lange gedient hat, und beschimpfe die Mitglieder meiner eignen Familie, die sich aus Eigennutz so niedrige Schritte erlaubt haben.
Vorlage S. 83
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Ich glaube nicht, dass das Dokument schon verkauft ist, sagte der Pfarrer, nach einigem Nachdenken. Es ist klar, dass der alte Schelm die Urkunde abgeschrieben hat, und das lässt sich nur auf eine Art erklären, nämlich, man hat mit ihm unterhandelt und sich vorerst überzeugen wollen, ob er in der That im Stande wäre, eine so höchst wichtige Schrift zu überliefern. Da wir diese Blätter hier gefunden haben, so ist es klar, dass die Abschrift nicht lange vor Ihrer Ankunft gemacht worden ist, und dass der Alte gewiss die Absicht gehabt hat, alle Spuren dieser Arbeit zu vertilgen. Daher können Sie sich auch seine üble Laune erklären, als Sie ihm bei Ihrer unvermutheten Ankunft sogleich die Schlüssel des Archives abforderten, und sein Gewissen trieb ihn, sich so bald als möglich davon zu machen.
Vorlage S. 83
204
Wohl, sagte der Graf, aber was kann ihn gehindert haben, nun, seitdem er sich aus dem Schlosse entfernt hat, die Urkunde meinen Gegnern zu überliefern?
Vorlage S. 84
205
Die Angst, erwiederte der Pfarrer, vor den möglichen Folgen; vielleicht auch ist der Handel noch nicht abgeschlossen, vielleicht fordert er mehr, als man ihm bietet. Kurz, da ich bestimmt glaube, dass die Schrift vor Ihrer Ankunft nicht verkauft war, so zweifle ich mit Recht daran, dass sie es jetzt ist, denn auf den Fall würde er noch Geld haben, ob er gleich locker lebt, und er hat keins, denn er hat mich noch kürzlich schriftlich gebeten, ihm Geld auf seine Pension, die er von Ihnen zieht, vorzuschießen.
Vorlage S. 84
206
Was wollen Sie daran wenden, fragte der Pfarrer nach einer kleinen Pause, um die Urkunde wieder zu bekommen?
Vorlage S. 84
207
So viel Sie für nötig halten, sagte der Graf, bin ich gern bereit zu zahlen, um diese Geschichte auf eine anständige und für mich beruhigende Art zu endigen.
Vorlage S. 84
208
Sie lassen mir also völlig freie Hand, sagte der Pfarrer, wenn es Ihnen auch hundert Dukaten kosten sollte?
Vorlage S. 84
209
Ich würde Ihnen Zeitlebens dankbar bleiben, rief der Graf, wenn Sie mich für ein so geringes Opfer von dieser Sorge befreien könnten.
Vorlage S. 85
210
Das hoffe ich gewiss, versicherte der Pfarrer. Ich habe zugleich, fuhr er fort, da ich alle Papiere durchgehen musste, das Archiv für Sie geordnet, und wenn Sie es nun in dieser Ordnung lassen, so kann es Ihnen niemals mehr Beschwerde machen, eine Urkunde, die Sie nötig haben, aufzufinden. Bei diesen Worten reichte er dem Grafen ein kleines Heft, worin dieser alle Lehnbriefe, Schenkungen, Prozesse, Familien-Abmachungen, die das Archiv enthielt, numerirt und chronologisch geordnet fand. Wenn wir nun das Dokument vom alten Lorenz wieder bekommen, bemerkte der Pfarrer, so brauchen wir es nur hier in diese Rubrik einzutragen; er deutete mit dem Finger darauf.
Vorlage S. 85
211
Der Graf konnte sich nicht der Verwunderung erwehren, dass ein Mann, der in seiner nächsten Umgebung, in seinen Wohnzimmern so wenig das Bedürfnis der Ordnung empfand, eine so musterhafte in alle Geschäfte brachte. Denn wie in dem Wohnzimmer des Pfarrers, so war ihm hier wieder, als er das Archiv betrat, das der Geistliche nur wenige Tage bewohnt hatte, höchst widrig aufgefallen, wie der Tabacksrauch in Wolken im Zimmer schwebte, die Pfeifen zwischen Papieren auf dem Tische lagen und die ausgebrannte Asche derselben auf dem Boden, Kleidungsstücke auf allen Stühlen, und von frühem Morgen her die Geräthschaften zum Kaffee nachbarlich vereinigt mit Tellern, die noch die Ueberreste von kaltem Braten enthielten, den sich der Geistliche hatte kommen lassen. Dagegen aber waren alle Pergamente sowohl, als die Schränke, worin sie aufbewahrt wurden, von Staub gesäubert; was unordentlich seit Menschenaltern durch einander gelegen hatte, war in bestimmten Fächern geordnet, und es war dem Pfarrer nicht zu beschwerlich gewesen, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen und ununterbrochen den ganzen Tag zu arbeiten, um dies Geschäft zu beendigen.
Vorlage S. 85
212
So gewann denn der Graf die Ueberzeugung, dass von dem Pfarrer, der in seiner Umgebung weder der Ordnung, noch weniger der Zierlichkeit zu bedürfen schien, und dem so wenig darauf ankam, ob er in der Gesellschaft liebenswürdig erschien, doch ein Jeder, der reelle Dienste nötig habe, die die höchste Tätigkeit und angestrengteste Arbeit erforderten, diese gewiss nicht vergeblich hoffen würde. Er nahm sich also vor, dessen schroffes Betragen künftig milder zu beurtheilen und keinen Anstoß mehr an der wunderlichen Unordnung in seinem Hause zu nehmen.
Vorlage S. 86
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Der Pfarrer erbat sich die Erlaubnis, den gefundenen Anfang der Abschriften mit sich zu nehmen, und versprach dem Grafen, ihm den Erfolg seiner Untersuchung sogleich mitzutheilen, sobald er den alten Lorenz gesprochen hätte. Man trennte sich freundlich, und der Pfarrer ritt nach Hause, um zunächst an seine Predigt zu denken, die er den Sonntag halten musste. Als er damit fertig war, schrieb er dem ehemaligen Kastellan des Schlosses in Erwiederung seines Gesuchs um einen Geldvorschuß, welches er früher mit Stillschweigen zu übergehen gesonnen war, und lud ihn ein, persönlich zu ihm zu kommen, um über dies Geschäft mit ihm zu reden. Er stellte seine Worte mit Klugheit so, dass sie ihn zu nichts verpflichteten, aber doch dem alten Lorenz alle Hoffnung gaben, das gewünschte Darlehn zu erhalten, und er erwartete also mit Recht, diesen mit Nächstem bei sich zu sehen.
Vorlage S. 86
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Er hatte sich nicht getäuscht in seinen Vermuthungen, denn kaum waren drei Tage verflossen, so hielt vor dem Eingange zu des Pfarrers Wohnung eine Equipage, die keinen vornehmen Besuch ankündigte. Ein Mittelding zwischen Karren und Kalesche, dessen mit Oelfarbe angestrichener Kasten schief in sehr beschädigten Riemen hing, und dessen Thüren in Ermangelung der Schlösser mit Schnüren gebunden waren, hatte ein mageres, auf allen Füßen steifes und lahmes Pferd mühsam durch die Straße des Dorfes gezogen, und dadurch dem darin sitzenden alten Manne vollkommen Zeit gewährt, mit heuchlerischer Freundlichkeit auf beiden Seiten alte Bekannte zu begrüßen, die die Köpfe verwundert aus den kleinen Fenstern steckten.
Vorlage S. 87
215
Der alte Lorenz – denn Niemand anders, als er war der Reisende – öffnete eine Thüre seines Wagens, indem er die befestigenden Schnüre losknüpfte, stieg langsam aus und trocknete mit einem bunten Schnupftuche die Thränen aus seinen rothen, immer triefenden Augen, klopfte den Staub, so gut es gehen wollte, von dem blauen, mit metallenen Knöpfen versehenen Rocke und entblößte sein halb kahles, mit wenigen weißen Haaren bedecktes Haupt schon, ehe er die Pforte öffnete, die zu des Pfarrers Wohnung führte, wozu ihm dieser vollkommen Zeit ließ, indem er, ruhig am Fenster stehend, mit der Pfeife im Munde, alle Vorbereitungen betrachtete, die der alte Mann machte, um anständig vor ihm zu erscheinen. Nicht immer war Herr Lorenz so höflich gewesen, alle Bauern zu grüßen oder so besorgt, mit gehörigem Anstande vor dem Pfarrer zu erscheinen. Er hatte viele Jahre das Schloß beinah allein bewohnt, ein gutes Gehalt bezogen, sich des Kellers, der Gärten, der Fischerei und der Wildbahn ohne Umstände bedient, stillschweigend unter diesen Bedingungen sich verheirathet und, nachdem er Wittwer geworden war, zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, nachläßig genug erzogen. Er ließ den Sohn die Rechte studiren, und man hatte ihn, seitdem er die Universität bezogen, in der Gegend seines Geburtsortes nicht mehr gesehen. Die Tochter verließ den Vater, vorgeblich, um als Kammerjungfer zu dienen, seitdem der Graf schon aus der Ferne den alten Lorenz beschränkte, indem er andern, zuverläßigern Personen die Verwaltung der Guts-Einkünfte übertrug, und Herr Lorenz konnte nun weder für sich selbst seinen Tisch nach gewohnter Weise auf Kosten des Grafen ferner besetzen, noch seine zahllosen Freunde mehr so gastfrei bewirthen. Da ihm Gesellschaft und Genüsse mancher Art zum Bedürfnis geworden waren, so suchte er auswärts, was er sich im Schlosse nicht mehr verschaffen konnte; fing an die Schenken zu besuchen, begnügte sich mit gemeineren Getränken und wurde in demselben Grade mit den Bauern vertrauter, als sich seine vormalige Gesellschaft von ihm zurückzog. Natürlich war nun sein Gehalt nicht hinreichend, seine Ausgaben zu bestreiten; so verwickelte er sich in Schulden und fing an, als diese ihn nach und nach bedrängten, erst seine entbehrlichen Besitzthümer, und nach und nach alle zu verkaufen, so dass er eigentlich sich schon in großer Armuth befand, als der Graf ihn aus seinen Diensten entließ.
Vorlage S. 88
216
In seiner früheren, glücklicheren Zeit war er von Allen, die ihn kannten, mit einer gewissen Achtung behandelt worden, und eben auch dem Pfarrer war er nicht immer ein unwillkommener Besuch gewesen, sondern dieser hatte ihn früher oft freundlich an der Thüre seines Hauses bewillkommnet; schon seit langer Zeit aber war dies Verhältnis zwischen beiden aufgehoben, und der Geistliche nickte dießmal nur nachläßig mit dem Kopfe in Erwiederung der tiefen Verbeugung, mit der ihn der ehemalige Kastellan begrüßte, als er endlich das Zimmer betrat.
Vorlage S. 89
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Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte der Pfarrer nach einem kurzen Schweigen, um das Gespräch zu eröffnen; wie geht's, seitdem Sie das Schloß verlassen haben?
Vorlage S. 90
218
Lorenz richtete die rothen Augen heuchlerisch gen Himmel, stützte sich mit beiden, gefalteten Händen auf seinen knotigen Stab und sagte, indem er aus tiefer Brust seufzte: Ach Gott! Herr Pfarrer, wie kann es einem alten, verlassenen Manne gehen? Kinderlos, freundlos, verstoßen von dem Herren, dem ich so viele Jahre gedient habe, wie seinem Vater vor ihm, nun, Gott sei es überlassen, ich klage Niemand an, aber ich wurde verstoßen, und Ausländer, Franzosen, Landesfeinde, die nehmen den Platz ein, der einem alten treuen Diener gebührte; nun, ich will nicht klagen, Gott mag richten, ihm sei es überlassen.
Vorlage S. 90
219
Der Graf aber, erwiederte der Pfarrer, sagt, Sie selbst haben das Schloß verlassen wollen, also sind Sie gegangen, und Niemand hat Sie vertrieben.
Vorlage S. 90
220
Ja, ja, der Graf sagt so, fuhr Lorenz seufzend fort, aber wie ich behandelt wurde, welches Mißtrauen man mir zeigte, mir, dem alten redlichen Diener, das sagt der Herr Graf wohl nicht. Ja, ja! arme Leute müssen schweigen und großer Herren Unrecht leiden, das ist der Lauf der Welt, Herr Pfarrer, und ich will nicht darüber murren. Aber mein guter seliger Herr hätte mir das nicht getan, sezte er weinend hinzu, mit meinem seligen Herren wurde alle meine Freude in dieser Welt begraben.
Vorlage S. 91
221
Sie haben aber doch noch manche gute Stunde erlebt, sagte der Pfarrer, nach dem Ihr seliger Herr lange begraben war.
Vorlage S. 91
222
Was will das sagen, seufzte Lorenz, indem er ein schelmisches Lächeln kaum unterdrücken konnte; was ist alle irdische Lust, die man mit traurigem Herzen genießt? Und was ist die Erinnerung an vergangene, bessere Tage, wenn man mit Alter und Armuth kämpfen muss?
Vorlage S. 91
223
Aber der Graf, sagte der Pfarrer, hat Ihnen ja Ihre Pension gelassen und, wie ich gehört habe, sogar noch zugelegt.
Vorlage S. 91
224
Alles wahr, Herr Pfarrer, klagte Lorenz, aber was braucht ein alter schwacher Mann nicht Alles?
Vorlage S. 91
225
Sie könnten als ein einzelner Mann recht gut leben, sagte der Pfarrer verweisend, wenn Sie nicht immer in den Schenken säßen, wenn Trunk und Spiel Ihnen nicht so viel kosteten.
Vorlage S. 91
226
Lieber, lieber Gott! jammerte Lorenz mit Thränen, wie sind deine Menschen doch so hart. Richtet nicht, Herr Pfarrer, so werdet ihr nicht gerichtet. Wenn ein alter Mann unter Gottes Himmel einsam wandelt, und ruht sich nach der Ermüdung aus und labt sich in seiner Ermattung durch einen Trunk, so schilt ihn die Welt einen Säufer; wenn ein trauriger Mensch seinen Kummer zerstreuen will, und greift in der Angst seiner Seele nach den bunten Blättern oder nach den Würfeln, so nennt Ihr ihn sündlich einen Spieler.
Vorlage S. 92
227
Es lässt sich wenig Gutes mehr von Ihnen hoffen, sagte der Pfarrer ungeduldig, Sie sind ein rechter Heuchler geworden.
Vorlage S. 92
228
Ich ergebe mich in den Willen Gottes, sagte Lorenz, ohne sich aus seinem angenommenen Charakter herausschelten zu lassen. Ihm gefällt es, dass ein alter Mann geschmäht und gescholten werden soll von denen, auf deren Beistand er hoffte. Ich dachte Ihr Herz milder zu finden, Herr Pfarrer, sezte er mit einem Tone hinzu, in dem ein sanfter Vorwurf liegen sollte. Ich klagte Ihnen meine Noth, und Ihr Brief ließ mich hoffen, dass Sie genigt wären, sie zu lindern.
Vorlage S. 92
229
Es ist gegen meine Grundsätze, sagte der Pfarrer, Geld zu solchen Zwecken auszuleihen, wozu Sie es verwenden würden, wenn ich auch eine Summe übrig hätte.
Vorlage S. 92
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Des Herren Wille geschehe, sagte Lorenz; aber wozu, fügte er verdrüßlich hinzu, ließen Sie mich denn dann den weiten Weg machen? Um mir eine abschlägige Antwort zu holen? Hätten Sie mir die nicht schriftlich geben können, ohne mir die Zeit zu rauben, in der ich mich nach andern Mitteln hätte umsehn können?
Vorlage S. 93
231
Welche Mittel haben Sie denn? fragte der Pfarrer mit scheinbarer Theilnahme, um sich aus der Noth zu helfen.
Vorlage S. 93
232
Ich weiß es nicht, sagte der alte Heuchler, Gott wird mir Wege zeigen; vielleicht, dass mein Sohn im Stande ist, mir beizustehen.
Vorlage S. 93
233
Erhielten Sie kürzlich Nachrichten von Ihrem Sohne? fragte der Geistliche hastig.
Vorlage S. 93
234
Nicht so ganz kürzlich, antwortete Lorenz mit merklicher Verlegenheit. Wo hält er sich jetzt auf? stürmte der Pfarrer auf ihn ein, treibt er die Rechte noch, bekleidet er ein Amt oder hat er Aussicht, eins zu erhalten?
Vorlage S. 93
235
Ich kenne seine Umstände nicht ganz genau, sagte der Alte ausweichend, sein Brief ist darüber nicht deutlich, doch hat er wohl Aussicht, Gottlob, sein Brot zu erwerben.
Vorlage S. 93
236
Von wo aus hat er Ihnen geschrieben? fragte der Pfarrer, indem er nahe zu dem alten Manne hintrat, eine Hand auf seine Schulter legte und ihm scharf in die Augen sah.
Vorlage S. 93
237
Ich habe den Ort vergessen, erwiederte Lorenz zögernd.
Vorlage S. 94
238
Aber Ihr Sohn ist in Schlesien? fuhr der Pfarrer fort zu fragen. Der Brief hat keinen gar weiten Weg gemacht?
Vorlage S. 94
239
Ja, in Schlesien ist er, stotterte der Alte.
Vorlage S. 94
240
Hm! sagte der Pfarrer, indem er seine Hand von der Schulter des alten Sünders zurücknahm, der sich dadurch sehr erleichtert zu fühlen schien. Der Geistliche ging einige Male im Zimmer auf und ab, und blies den Rauch aus seiner Pfeife gedankenvoll vor sich hin.
Vorlage S. 94
241
Wenn Sie mir also nicht helfen wollen, Herr Pfarrer, fing nach einem kurzen Schweigen der alte Lorenz wieder an, so will ich Sie Gottes Schutz befehlen und mich wieder auf den Rückweg nach meiner armen Hütte begeben.
Vorlage S. 94
242
Ich hatte die Absicht, sagte der Pfarrer, indem er dem Alten wieder vertraulich näher trat, noch mit Ihnen über andere Gegenstände zu sprechen und Ihnen einen Weg zu zeigen, auf dem Sie vielleicht Geld erhalten könnten, ohne es zu leihen; denn Sie wissen, geliehenes Geld macht nur eine halbe Freude, das Wiedergeben fällt gar zu schwer.
Vorlage S. 94
243
Man muss sich vor der Zeit darüber nicht grämen, lächelte der Alte. Doch lassen Sie hören; wenn man gar nicht für die Erstattung zu sorgen braucht, so ist es freilich am Besten.
Vorlage S. 94
244
Setzen wir uns, sagte der Pfarrer, und lassen Sie uns offenherzig sprechen. Sie sehen, wir sind allein, und was wir auch sprechen mögen, es kann keine Folgen haben, da kein Zeuge vorhanden ist, um die Aussage, die Sie etwa machen wollten, für Sie bedenklich zu machen.
Vorlage S. 94
245
Befremdet und misstrauisch sah der Alte den Pfarrer an, indem er seiner Einladung folgte. Beide setzten sich, so dass ein kleiner Tisch zwischen ihnen war. Sie hatten, hob der Pfarrer von Neuem und etwas feierlich an, auf dem Schlosse die Schlüssel zum Archiv in Händen, nicht wahr?
Vorlage S. 95
246
Ich hatte viele Schlüssel, sagte der Alte trotzig, so lange ich das Schloß verwaltete, Gott weiß, was sie Alles schlossen, ich habe mich nie darum bekümmert.
Vorlage S. 95
247
Sie sind aber doch wohl oft im Archiv gewesen? fragte der Pfarrer, indem er ihn bedenklich anblickte.
Vorlage S. 95
248
Wie kann ich wissen, wo ich im Schlosse gewesen bin, oder nicht, sagte Lorenz nicht ohne Verlegenheit. Es ist wohl viel verlangt, dass ein alter Diener Rechenschaft darüber ablegen soll, wo er vierzig Jahre lang seine Füße hingesetzt hat, oder wo er in einem alten, weitläuftigen Gebäude nicht gewesen ist.
Vorlage S. 95
249
Ich begreife nicht, sagte der Pfarrer mit einem misstrauischen Blicke, wie meine Fragen Sie so unruhig machen können.
Vorlage S. 95
250
Und ich begreife noch weniger, antwortete Lorenz mit erzwungener Keckheit, wer Ihnen ein Recht giebt, mir alle diese Fragen vorzulegen. Mich bestimmt, erwiederte der Pfarrer mit Herablassung, vor allem das Mitleid, welches ich mit Ihnen habe, denn mir würde es leid tun, einen alten Mann, den ich so lange gekannt habe, unglücklich werden zu sehen.
Vorlage S. 96
251
Was wollen Sie damit sagen? fragte der Alte mit einiger Bestürzung.
Vorlage S. 96
252
Der Pfarrer richtete die Augen scharf auf den vor ihm sitzenden Sünder, und sagte dann langsam und nachdrücklich: Der Graf vermisst aus dem Archive eine ihm wichtige Schrift, sie ist warscheinlich entwendet, Niemand als Sie hat vor dem Grafen die Schlüssel gehabt; auf wen kann der Verdacht fallen, als auf Sie?
Vorlage S. 96
253
Was gehen mich die Schriften des Grafen an, sagte der Alte; ich habe sie nie angesehen, ich habe mich nie darum bekümmert, und der Graf hat mir ja die Schlüssel abgenommen, so wie er kam; warum hat er nicht gleich gesprochen, was will er nun von mir?
Vorlage S. 96
254
Sie waren also niemals im Archiv, um die Schriften zu durchsuchen? fragte der Geistliche gelassen.
Vorlage S. 96
255
Niemals, antwortete Lorenz mit Frechheit, meine Hände haben die alten bestäubten Dinger nicht angerührt.
Vorlage S. 96
256
Alter heuchlerischer Schurke! rief der Pfarrer, indem ihn die Verachtung unwillkührlich hinriß, und zugleich zog er sein Taschenbuch hervor und zeigte dem alten Lorenz seine angefangenen Abschriften. Sie können Ihre Hand nicht ableugnen, rief er ihm drohend hinzu, und sehen Sie, Ihre Handschrift straft Ihre Worte Lügen. Wo ist die Urkunde hingekommen, fuhr er fort, weswegen haben Sie sie abgeschrieben?
Vorlage S. 97
257
Ich weiß es nicht, sagte der Alte zitternd und ernstlich erschrocken. Wahrscheinlich um mich im Schreiben zu üben. Mein Gott, Herr Pfarrer, fuhr er weinend fort, Sie werden doch einen alten Mann nicht unglücklich machen und ihn nicht solcher Dinge beschuldigen wollen, die er nie begangen hat.
Vorlage S. 97
258
Ich will Ihr Unglück nicht, sagte der Pfarrer, und eben so wenig der Graf. Es trifft Sie der wahrscheinliche Verdacht, die Urkunde entwendet zu haben; schaffen Sie sie wieder herbei, und der Graf ist bereit, die Sache zu vergessen und Ihnen noch funfzig Dukaten zu schenken.
Vorlage S. 97
259
Was ich nicht habe, kann ich nicht herbeischaffen, sagte Lorenz wieder ruhiger, nachdem der Pfarrer Geld geboten hatte, Sie kränken meinen ehrlichen Namen, Herr Pfarrer, Gott mag Ihnen die Sünde vergeben.
Vorlage S. 97
260
Der Geistliche that sich Gewalt an, um gelassen zu bleiben, er sagte aber dennoch mit unwillkürlicher Heftigkeit: Wenn Sie nicht selbst Ihr Unglück wollen, so handeln Sie als ein vernünftiger Mensch, vermeiden Sie die gerichtliche Untersuchung, die Sie ins Zuchthaus führen müsste; merken Sie das wohl. Ich sage Ihnen jetzt mein letztes Wort, der Graf giebt hundert Dukaten, wenn die Schrift ohne gerichtliche Hülfe herbeigeschafft wird.
Vorlage S. 97
261
Mein Gott, sagte Lorenz, die Augen zum Himmel erhebend, mein Gott, Herr Pfarrer, wie wehe tun Sie mir altem, hüflosem Manne. Sie wollen Schande auf mein graues Haupt laden, der Herr vergebe es Ihnen. Was im Archiv gewesen ist vor funfzig Jahren, das muss noch jetzt darin sein, aber der Graf weiß nicht Bescheid, er versteht nicht zu suchen; wenn man mich will nachsuchen lassen, ungestört, ganz allein, und Sie mir die hundert Dukaten zusichern wollen, so bin ich überzeugt, ich werde die Urkunde auffinden, und Sie werden dann einsehen, dass Sie mir altem Manne Unrecht getan haben. Der Pfarrer sah ihn einen Augenblick schweigend an und sagte dann: Ich glaube wohl, dass der Graf dies billigen wird, Sie können also die Nacht hier bleiben, und Morgen können wir nach dem Schlosse, und Sie mögen dann Ihre Nachsuchungen anstellen.
Vorlage S. 98
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Nein, nein! rief der Alte ängstlich, das ist nicht möglich, ich muss heute Abend nach Hause, aber übermorgen bin ich wieder bei Ihnen; ich habe morgen ein dringendes Geschäft.
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Der Pfarrer sah sehr wohl ein, welch ein Geschäft der ehemalige Kastellan beendigen musste, ehe er daran denken konnte, die Urkunde im Archiv aufzufinden; er ließ ihn also ungehindert fahren, nachdem die gegenseitigen Versprechungen erneuert waren, dass nämlich Lorenz das Dokument unfehlbar finden und dagegen eben so unfehlbar hundert Dukaten erhalten würde.
Vorlage S. 99
264
VIII
Vorlage S. 99
265
Einige Tage waren verflossen, seitdem Dübois der Gräfin die wenigen, unbefriedigenden Nachrichten über den Verwundeten gegeben hatte. Der Kranke besserte sich fortwährend und war endlich so weit, das Zimmer verlassen zu können. Der Haushofmeister benachrichtigte die Gräfin, dass es der sehnlichste Wunsch des jungen Mannes sei, ihr seine Dankbarkeit für die Aufnahme in ihrem Hause zu bezeigen. Sein Begehren ließ sich nicht abschlagen, ohne alle Sitte zu verletzen, und die Gräfin selbst fühlte eine mit Furcht vermischte Begierde ihn wieder zu sehen.
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266
Das Verhältnis zwischen Emilie und der Gräfin war seit der Erklärung, die beide näher rückte, höchst freundschaftlich geworden; die Gräfin war gegen ihre junge Freundin liebreich und vertraulich; sie that sich nicht mehr den Zwang an, mit ihr gleichgültige oder geistreiche Gespräche zu führen, wenn trübe Erinnerungen und quälende Gedanken ihre Seele beherrschten, und Emilie durfte ihre Theilnahme offen zeigen, statt dass sie sonst zu ihrer eigenen Qual in solche Gespräche einstimmen musste.
Vorlage S. 99
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Beide Frauen saßen im Theezimmer und erwarteten den Grafen, der versprochen hatte, um diese Zeit von Heimburg zurück zu kehren, wohin ihn der Baron Löbau dringend eingeladen hatte, und den Kapitain St. Julien, der zum ersten Male den Frauen seinen Besuch machen wollte. Beide Männer wurden mit Unruhe erwartet. Das Dringende der Einladung des Barons ließ deutlich merken, dass etwas Wichtigeres, als eine freundschaftliche Sehnsucht sie veranlaßt hatte, und St. Julien wurde von der Gräfin mit Aengstlichkeit erwartet, weil sie befürchtete, dass sie sich bei seinem Anblick nicht so, wie sie es wünschte, würde beherrschen können.
Vorlage S. 100
268
Endlich öffnete sich die Thüre, und langsam näherte sich der junge Mann, den einen Arm in der Binde tragend und sich mit dem andern auf den Haushofmeister stützend. Sein bleiches Gesicht, die eigefallenen Wangen, die gesenkten Augenlieder, die kaum gerötheten Lippen zeigten von großer Ermattung; aber indem er zu sprechen begann, glühte in den dunkeln Augen, die er auf die Gräfin richtete, ein tiefes Gefühl, der bleiche Mund bewegte sich mit unendlicher Anmuth, und der Wohllaut der schönsten männlichen Stimme schien erschütternd auf die Gräfin zu wirken. Es währte einige Augenblicke, ehe sie sich zu fassen vermochte, und Dübois richtete besorgte Blicke auf seine Gebieterin. Emilie betrachtete mitleidig den jungen Mann, der sich mit Mühe aufrecht zu erhalten schien. Die Gräfin löste endlich die peinliche Verlegenheit, die einige Augenblicke herrschte. Sie richtete mit Güte, aber großer Anstrengung, die ersten Worte an den jungen Mann, indem sie sagte: »Ich weiß, Sie sprechen deutsch, ich ziehe es vor, mich in dieser Sprache zu unterhalten, und Sie würden mich verbinden, wenn Sie nie französisch mit mir reden wollten.« St. Julien verbeugte sich und schwieg einige Augenblicke, der Ausdruck der Empfindlichkeit war eine Minute sichtbar auf seinem Gesichte, er konnte nicht voraussetzen, dass die Gräfin die Sprache seines Landes nicht verstehe, und ihm musste es auffallen, dass sie in Erwiederung auf sein dankbares Gefühl, das er sich auszudrücken bemüht hatte, diese Bitte an ihn richtete, die nicht freundlich klang. Ich muss es beklagen, sagte er endlich in deutscher Sprache, dass meine Landsleute sich Ihnen so verhaßt gemacht zu haben scheinen, dass ihre Sprache Ihnen selbst im Munde dessen unerträglich ist, dem Sie so viele Güte erwiesen haben.
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Es ist nicht das, sagte die Gräfin in lebhafter Bewegung. Ich bitte Sie, mich nicht zu verkennen; es knüpfen sich für mich an dies Land und diese Sprache so viele süße, schmerzliche und schreckliche Erinnerungen, dass ich das Land nicht wieder sehen könnte, die Sprache ungern höre und vor Allem aus Ihrem Munde nicht vernehmen möchte. Mit großer Bestürzung sah Emilie die Gräfin an, deren Wangen wie im Fieber glühten, und deren zitternde Stimme von der Bewegung der Seele zeugte. Bei der größten Zurückhaltung, die die Gräfin gegen Jedermann beobachtete, so dass sie auch in den vertraulichsten Stunden ihr Herz niemals ihrer jungen Freundin öffnete, musste der Zustand, in welchem sie, wie es schien, ihr Vertrauen einem jungen Manne entgegen tragen wollte, den sie zum ersten Mal sprach, Emilien wie ein Zustand des Wahnnsinns erscheinen; Dübois sah verlegen vor sich nieder und St. Julien schwieg, erstaunt über den seltsamen Empfang.
Vorlage S. 102
270
Die Gräfin fühlte, dass sie sich hatte überwältigen lassen, und gewann, wie immer, bald die Herrschaft über ihre Empfindungen, so dass sie nach kurzem Schweigen sich mit Ruhe und Würde an St. Julien wendete, ihm ihre Theilnahme an dem Unglück bezeugte, das ihn zum Gast ihres Hauses gemacht hatte, und ihre Freude darüber äußerte, ihn so weit hergestellt zu sehen. Sie forderte den Haushofmeister auf, ihrem Gast alle Bequemlichkeiten zu verschaffen, die seine Lage erheischte, und fragte höchst gütig, ob ihm seine Kräfte erlaubten, Anteil an der Gesellschaft zu nehmen. Man bemerkte zwar, dass die Gräfin von Neuem ein wenig zusammenschreckte, als sie seine Stimme wieder hörte, mit der er sich die Erlaubnis ausbat, noch in Gesellschaft der Damen zu bleiben; sie blieb aber ruhig und befahl nur, einen bequemen Lehnstuhl ihr gegen über an den Theetisch zu rücken, den der Kranke einnehmen musste. Sie richtete oft das Wort an ihn, um, wie es schien, sich an den Klang seiner Stimme zu gewöhnen, und forderte dann nach einiger Zeit Emilie zum Singen auf, damit, wie sie bemerkte, St. Julien nicht mehr gereizt würde zu sprechen, was ihm doch schädlich sein könnte.
Vorlage S. 102
271
Emilie gehorchte der Gräfin um so lieber, als sie sich heut nicht in ihr Betragen finden konnte; hätte sie ihre Freundin nicht zu gut gekannt, so dass sie wusste, wie höchst ungerecht ein solcher Argwohn sein würde, so würde sie sich nicht haben enthalten können zu glauben, dass die Gräfin einen vortheilhaften Eindruck auf den jungen Mann zu machen wünsche. St. Julien war anfangs verstimmt und verwirrt durch die seltsame Art, mit welcher die Gräfin ihre Bekanntschaft eröffnet hatte; doch fühlte er sich bald durch die Unterhaltung angezogen, so wie durch die Güte, welche sie gegen ihn äußerte, ein Wohlwollen in seiner Brust erregt wurde, über das er sich weder nachzudenken, noch es sich zu erklären bemühte. Es hatte während des Gesprächs die Gräfin des jungen Mannes Aufmerksamkeit so gänzlich gefesselt, dass er Emilien, die sich überdies nicht in die Unterhaltung mischte, wenig beachtet hatte. Er betrachtete nun, indem sie sich durch das Zimmer bewegte, um sich dem Instrumente zu nähern, die schlanke, edle Gestalt, und konnte nicht umhin, die Fülle der glänzenden, schönen blonden Haare zu bewundern, die teils in Flechten aufgesteckt waren, teils in Locken den zarten, weißen Nacken umspielten; sie öffnete die frischen, rothen Lippen, und der Ton ihrer Stimme, der silberrein aus der Brust empor stieg, traf mit rührender Gewalt sein Herz. Emilie hatte den seltenen Vorzug, dass sie sich während des Gesanges verschönte; ohne Anstrengung standen ihr die Töne in der Höhe und in der Tiefe zu Gebote, und sie konnte sich ungestört dem Genuss an der Musik, die sie vortrug, überlassen; darum glühte das Gefühl, das ihre Töne auszudrücken strebten, während des Gesangs in ihren Augen; das Entzücken spielte um den lieblichen Mund und färbte mit höherer Röthe die zarten Wangen.
Vorlage S. 103
272
St. Juliens Augen waren auf die schöne Sängerin geheftet. Die lieblichen Melodien, die ihren Lippen entströmten, durchdrangen sein Herz; die sanfte Glut ihrer blauen Augen schien sich heißer in den dunkeln Sternen der seinigen zu wiederholen, bis die zärtlichen Accorde ein wehmüthiges Gefühl hervorriefen, und er unvermuthet eine Träne im Auge fühlte, als er die ihrigen im feuchten Glanze schimmern sah.
Vorlage S. 104
273
Ueberrascht durch eine ihm neue Empfindung, beschämt durch eine zu große Reizbarkeit, die ihm Folge seiner Krankheit schien, blickte er während des Gesanges zum ersten Mal nach der Gräfin, um zu er fahren, ob er von ihr beobachtet würde, doch diese schien selbst in Gefühlen oder Gedanken verloren, und schien in diesem Augenblicke nicht auf ihn geachtet zu haben. Der Gesang war beendigt, und alle drei schwiegen noch eine Zeitlang, weil es Menschen, die Musik fühlen und lieben, gewöhnlich schwer wird, nach den himmlischen Tönen, die eine schöne Stimme im Gesange hervorgerufen hat, die Unterhaltung durch Worte und gewöhnliche Rede wieder anzuknüpfen.
Vorlage S. 105
274
Auf dem Gesichte der Gräfin ruhte der Ausdruck einer unaussprechlichen Güte und Milde, als Emilie nach dem Gesange zu ihr trat. Sie drückte die Hand ihrer jungen Freundin, und diese, die schon durch die Musik erweicht war, wendete sich schnell ab, um die Rührung zu verbergen, zu der sie sich durch die Zärtlichkeit der Gräfin bewegt fühlte. Gewöhnlich drückten die Züge dieser Frau eine gewisse Entschlossenheit aus, keinem Unglück, wenigstens im Aeußern, unterliegen zu wollen, und die Hoheit und Kälte in ihrem Wesen schien Empfindungen eher abweisen, als erwiedern zu wollen. In den wenigen Augenblicken aber, wenn sie sich zu vergessen und einem Eindruck rücksichtlos hingegeben schien, dann schwand Kälte, Stolz, Hoheit aus ihren Mienen, wie ein Nebel vor dem heitern Himmel, hinweg, und Liebe, Güte und Milde sprachen aus den dunkeln Augen, und spielten als wehmüthiges Lächeln um den schönen Mund. In solchen Augenblicken schien sie viel älter zu sein, als in ihrem gewöhnlichen Zustande, und doch auch zugleich viel schöner. Die Gräfin hatte während des Gesanges ihre junge Freundin eben so aufmerksam, als St. Julien betrachtet, und niemals war ihr die seltne Schönheit und Anmuth dieses lieblichen Wesens so aufgefallen, als diesen Abend. Sie erschien ihr in ihrer frischen, eben aufblühenden Jugend wie eine zarte junge Rose, die bewusstlos ihre Schönheit nach und nach dem Strahl der Morgensonne entfaltet. Auch St. Julien war ein Gegenstand ihrer Beachtung gewesen, und sie musste sich gestehen, dass, obgleich seine Gegenwart schmerzliche Erinnerungen in ihrem Herzen erregte, sie doch auch zugleich wohlthätig wirkte. Sie betrachtete mit Rührung die geliebten Züge, die in ihr das Bild eines andern Wesens hervorriefen, und sah mit Wohlgefallen die Glut der Empfindung in den großen braunen Augen, deren Feuer doch durch die Krankheit gemildert ward, und er erschien ihr, ihrer frischen jungen Rose gegenüber, wie eine Blüthe unter einem heißerem Himmel entsprossen, noch ungewohnt der rauheren Luft, die deßhalb krank und welk noch schmachtete, und nicht die Pracht der Farben zu entfalten vermochte.
Vorlage S. 105
275
Diese Träume wurden unterbrochen durch den von Heimburg zurückkommenden Grafen; er vermehrte die Gesellschaft, aber ohne die Unterhaltung durch seine Gegenwart zu beleben; ein seltner Ernst ruhte auf seiner Stirn, und die Worte, mit denen er St. Julien seine Freude darüber bezeichnete, ihn so weit hergestellt zu finden, dass er sein Zimmer verlassen könne, erschienen diesem kurz und kalt. Die Gräfin that einige Fragen an den Grafen, die ausweichend beantwortet wurden; St. Julien glaubte, dass seine Gegenwart eine freie Mittheilung hindere, und stand deßhalb auf, um sich nach seinem Zimmer zurück zu ziehen. Des Grafen Theilnahme kehrte wieder, als er die Ermattung des jungen Mannes und seinen noch hülflosen Zustand bemerkte. Er bot ihm die Hand, um ihm aufstehen zu helfen, und sagte mit etwas gezwungenem Lächeln: Da Ihre Kräfte zunehmen, und Sie sich bald wieder frei werden bewegen können, so werde ich Ihnen Ihr Ehrenwort abnehmen müssen, das Schloß nicht ohne meine Einwilligung zu verlassen, um nicht mit Ihren Landsleuten sich gegen uns zu vereinigen.
Vorlage S. 107
276
Welch ein ohnmächtiger Feind ich sein würde, sagte St. Julien scherzend, bemerken Sie wohl selbst, da ich mich ohne fremden Beistand noch nicht einmal aufzurichten vermag. In vollem Ernst, sagte der Graf zwar höflich, aber sehr bestimmt, ich muss Sie bitten, mir Ihr Ehrenwort zu verpfänden, dass Sie sich hier bei mir völlig wie ein Kriegsgefangener betrachten, folglich ohne meine bestimmte Einwilligung das Schloß nicht verlassen wollen; auch auf den Fall nicht, sezte er finster hinzu, dass Ihre Landsleute uns hier besuchen und Ihnen das Anerbieten machen sollten, sie zu begleiten.
Vorlage S. 108
277
St. Julien sah den Grafen mit Verwunderung an, bemühte sich dann, kalt und ernst, die Hand des verwundeten rechten Armes zu erheben, um sie dem Grafen zu reichen, und verpfändete förmlich und feierlich seine Ehre dafür, dass er sich als Gefangener betrachten und das Schloß nicht ohne Erlaubnis des Grafen verlassen wolle. Beide verbeugten sich gegeneinander und St. Julien noch besonders gegen die Frauen; er versuchte es dann sich nach der Thür zu bewegen; Emilie zog rasch und ängstlich die Klingel; Dübois, der im Vorzimmer gewartet hatte, trat ein und führte seinen Pflegebefohlenen nach dem einsamen Krankenzimmer zurück.
Vorlage S. 108
278
Was ist vorgefallen? fragte die Gräfin mit Besorgniß, sobald der junge Mann das Zimmer verlassen hatte; was kann Sie in dem Grade verstimmt haben?
Vorlage S. 109
279
Ganz Schlesien ist in den Händen der Feinde, sagte der Graf finster, alle Festungen ergeben sich, das ganze Land ist nun eine Beute der Franzosen. Sie müssen landeseingeborne Führer haben, kein Thal, keine Schlucht bleibt verschont, und ungeheure Erpressungen drücken das ganze Land.
Vorlage S. 109
280
Haben Sie diese übeln Nachrichten durch den Baron Löbau erfahren? fragte die Gräfin.
Vorlage S. 109
281
Ihre Wahrheit ist leider nicht zu bezweifeln, sagte der Graf, obgleich ich sie von ihm habe. Ich fand in Heimburg mehrere Herren vom benachbarten Adel versammelt; man wollte sich berathen, aber man sah bald ein, dass man gezwungen sein würde, den Umständen gemäß zu handeln, folglich keine Beschlüsse im Voraus fassen könne, und die Gesellschaft, die sich versammelt hatte, um zu berathschlagen, vereinigte sich, da sie nichts Besseres tun konnte, zu einem so kleinmüthigen gemeinschaftlichen Jammern und Klagen, dass ich dadurch um alle Geduld gebracht wurde. Endlich bemerkte mir ein Herr aus der Gesellschaft, dass, wenn die Franzosen auch mir einen Besuch machen sollten, sie dann wohl ihren Kameraden mit sich nehmen würden, den ich ihnen so menschenfreundlich erhalten habe. Die Physiognomie des Menschen, der diese Bemerkung machte, war so einfältig, dass ich kaum glaube, er hat etwas Boshaftes gemeint, aber ich wurde durch sein Geschwätz daran erinnert, dass ich, um hier St. Julien besser zu verpflegen, als es im Hospital geschehen sein würde, und um ihn nicht der Gefahr auszusetzen, auf dem Wege dahin umzukommen, mich selbst verpflichtet habe, sobald es von der Regierung gefordert würde, ihn als Kriegsgefangenen zu stellen, und nahm ihm deßhalb das Ehrenwort ab, uns nicht zu verlassen, da er es gewiss bald erfährt, dass seine Freunde in der Nähe sind.
Vorlage S. 109
282
Die Nachrichten, die der Graf den Frauen mittheilte, waren wohl geeignet, Unruhe zu erregen, und nachdem nun Mehreres darüber hin und her gesprochen war, wurde man darüber einig, dass es allerdings möglich sei, auch hier von den Feinden beunruhigt zu werden, ob man gleich früher das Gegentheil gehofft hatte. Der Graf schlug den Frauen vor, sich wo möglich zu entfernen und sich nach Prag zu begeben, wenn noch Wege dahin offen sein sollten. Die Gräfin aber weigerte sich bestimmt ihn zu verlassen und versicherte, dass sie das Drückendste mit ihm weit leichter, als die Ungewissheit in der Ferne ertragen würde.
Vorlage S. 110
283
Der Graf hatte es der Gräfin ungern vorgeschlagen, ihn zu verlassen, es war ihm ein Bedürfnis, in ihrer Gesellschaft zu leben. Er hielt es aber für seine Pflicht, ihr die Wahl zu überlassen, ob sie an einem entfernten Orte ohne ihn der Unruhe und möglichen Gefahr ausweichen, oder Beides mit ihm theilen wollte. Dankbar nahm er es daher an, als sie seinen Wünschen gemäß entschied. Dass Emilie blieb, war die natürliche Folge vom Entschlusse der Gräfin, denn diese war ihre einzige Stütze in der freundlosen Welt, und nicht allein Dankbarkeit, sondern auch innige Neigung fesselte sie an die Frau, die ihr seit Kurzem um so viel theurer geworden war, und die sie von Vielen verkannt glaubte.
Vorlage S. 110
284
Nach und nach war man, wie es immer geschieht, ruhiger geworden, nachdem man die Gefahr von allen Seiten betrachtet hatte; man sprach über mancherlei Vorsichtsmaßregeln, die anzuwenden wären; man entschloß sich, den größten Theil des Silbergeschirres und alle Sachen von bedeutendem Werthe zu verbergen, um den bevorstehenden Verlust so gering als möglich zu machen, denn man erwartete nichts Anderes, als Raub und Plünderung, von den feindlichen Truppen.
Vorlage S. 111
285
Emilie zitterte innerlich vor der Gefahr, doch ließ sie nur wenig von der heftigen Furcht merken, von der sie befallen war, teils, weil sie nicht für kindisch gehalten werden wollte, teils, weil sie besorgte, die Gräfin möchte sie von sich entfernen und irgend wohin in Sicherheit bringen wollen, wenn sie ihre Unruhe bemerkte. Während solcher trüben Gedanken und Gespräche war es spät geworden, als der Arzt mit seinen gewöhnlichen starken und raschen Schritten sich dem Zimmer näherte, und ganz erhitzt eintrat.
Vorlage S. 111
286
Nach den ersten flüchtigen Begrüßungen rief er dem Grafen zu: Haben Sie das Unglück schon erfahren? Die Franzosen stehen vor Breslau, das ganze Land ist in ihren Händen.
Vorlage S. 112
287
Woher haben Sie die Nachricht? fragte der Graf, und Emilie heftete ihre Augen ängstlich auf den Arzt.
Vorlage S. 112
288
Ich war beim Herrn Pfarrer, erwiederte der Doktor Lindbrecht, da kam ein Verwalter aus der Nähe, ich weiß nicht, wie das Gut heißt, ich habe mich auch nicht darum bekümmert, wie der schlechte Mensch heißt, kurz, der kam von einer Reise aus der Gegend zurück und brachte die Nachricht. Er war selbst mit Mühe der Gefahr entgangen, seine Pferde zu verlieren, wie er sagte. Ich wollte, er hätte sie verloren, der Schurke, und die Ohren dazu. Aber er wird sobald nicht wieder den Herren Pfarrer besuchen, hoffe ich. Wir haben ihm beide unverholen unsere Meinung gesagt, der Herr Pfarrer sowohl, als ich; er eilte auch zum Hause hinaus, als wenn ihn der böse Feind vertriebe.
Vorlage S. 112
289
Wie? sagte der Graf verwundert, weil er die Nachricht brachte, dass die Feinde vor Breslau stehen? Was konnte Sie oder den Herren Pfarrer darin beleidigen?
Vorlage S. 112
290
Nicht deßwegen, rief der Arzt mit Heftigkeit, was gehen mich die Feinde weiter an, nicht der Franzosen wegen, die vor Breslau stehen, sondern um des armen Menschen Willen, den ich hier im Hause wieder herzustellen suche.
Vorlage S. 113
291
Was sagte er denn von dem? fragte der Graf mit einiger Spannung, kannte er ihn, wusste er etwas von seinen Verhältnissen?
Vorlage S. 113
292
Nichts wusste der elende Mensch, rief der Arzt mit Erbitterung, Lügen, Verläumdungen verbreitete er von dem Kranken, von mir, von Ihnen.
Vorlage S. 113
293
Was konnte er sagen? fragte der Graf mit erhöhter Verwunderung. Denken Sie, rief der Arzt mit funkelnden Augen und vor Zorn glühenden Wangen, er kannte mich nicht, er wusste nicht, wer ich bin, und hatte deßhalb die Frechheit, in meiner Gegenwart zu erzählen, bei Ihnen hier auf dem Schlosse würde ein französischer Spion unterhalten, der alle Wege auskundschaftete, der von hier aus den Feinden alle Nachricht zukommen ließe, um so durch Ihren Beistand das Land ins Verderben zu bringen.
Vorlage S. 113
294
Die Behauptung ist lächerlich, sagte der Graf mit Verachtung. Schändlich ist sie, rief der Arzt. Ein Mensch, der in einem so elenden Zustande war, dass er Wochenlang nicht sprechen, ja beinah kein Glied rühren konnte, der soll ein Spion sein. Sie, der Sie aus Menschenliebe sich dieses Unglücklichen annahmen, sollen ihn bei sich haben, um durch ihn mit den Feinden zu unterhandeln, und ich, der ich meine Wissenschaft, meine besten Kräfte anwende, um einen Menschen dem Rachen des Todes zu entreißen, werde dafür als ein Landesverräther betrachtet.
Vorlage S. 113
295
Geben Sie sich zufrieden über das unsinnige Geschwätz des Pöbels; vernünftige Menschen werden uns Allen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagte der Graf mit scheinbarer Ruhe. Es wäre aber gut, fügte er hinzu, wenn Sie Herren St. Julien der gleichen verschwiegen, es könnte ihn aufreizen, kränken.
Vorlage S. 114
296
Was denken Sie von mir? fragte der Arzt beleidigt, halten Sie mich für so roh and unwissend? Jede Kränkung muss ihm schaden, und bei seiner Jugend muss man sich doppelt hüten. Ein solcher Feuergeist könnte darauf kommen, uns keinen Schaden zufügen und das Schloß verlassen zu wollen, ehe er hergestellt ist. Sorgfältig muss ihm darum Alles verborgen werden, was ihn auf solche Gedanken bringen könnte. Ich will darum meinen Zorn verrauchen lassen und dann auch gleich sehen, wie er sich befindet.
Vorlage S. 114
297
Die Frauen erzählten nun dem Arzte, dass der junge Mann einige Stunden in ihrer Gesellschaft zugebracht habe, und Emilie bemerkte mit Theilnahme, dass er noch sehr schwach sei und noch ein sehr krankes Ansehen habe.
Vorlage S. 114
298
Wenn er sich nur nicht durch zu langes Aufsitzen geschadet hat, rief der Arzt, die Jugend kennt kein Maß, und wenn nur die Stunden angenehm hingebracht werden, so kümmert sich so ein Kranker wenig darum, wie viele Sorgen er seinem Arzte verursacht. Nun, ich werde gleich sehen, welche Folgen sein Besuch gehabt hat. Er wollte sich nach dieser Erklärung entfernen, kehrte aber schnell in der Thüre wieder um und wendete sich hastig an den Grafen, der indessen nachdenkend auf und ab gegangen war. Beinah, rief er, hätte ich einen Auftrag vergessen; der Herr Pfarrer hat mir dies Briefchen für Sie gegeben, und ich Dummkopf hätte es beinah aus Zerstreuung bei mir behalten, statt es Ihnen einzuhändigen. Er reichte mit diesen Worten dem Grafen ein kleines Billet auf ziemlich grobem Papier, nach des Pfarrers gewöhnlicher Weise in höchster Kürze, ohne alle Zierlichkeit abgefaßt, ja selbst ohne Beachtung der Formen, die Höflichkeit und Sitte sonst gewöhnlich dem Menschen vorschreiben. Der wörtliche Inhalt desselben war dieser: Statt des Titels:
Vorlage S. 115
299
P. P.
Vorlage S. 115
300
Morgen um halb neun Uhr werde ich mit dem alten Lorenz bei Ihnen sein. Er wird die Urkunde wiederschaffen. Ich bitte also, den Schlüssel zum Archive und die versprochenen hundert Dukaten bereit zu halten.
Vorlage S. 115
301
Seefeld,
Vorlage S. 116
302
Prediger zu – –.
Vorlage S. 116
303
Der Graf war freudig überrascht durch den glücklichen und schnellen Ausgang einer Sache, die ihm so viele Sorgen verursacht hatte, zugleich aber ein wenig beleidigt durch die unhöfliche Form, in welcher ihm dieser glückliche Ausgang gemeldet wurde, und indem er anerkannte, welchen wichtigen Dienst ihm der Pfarrer geleistet habe, beschloss er doch zugleich, die nächste Gelegenheit wahrzunehmen, wenn er etwas Bedeutendes für den Geistlichen tun könne, um sich von der Last der Dankbarkeit zu befreien, die ihm nach des Pfarrers Gemüthsart drückend zu werden drohte.
Vorlage S. 116
304
Der Arzt verfügte sich nun zu seinem Kranken, er fand dessen Puls fieberhaft, seine Wunden gereizt, kurz seinen Zustand auf alle Weise verschlimmert, und schrieb dies Unglück dem zu langen Aufsitzen und einer zu lebhaften Unterhaltung zu. Es ist ganz so, wie ich es mir gedacht habe, rief er mehrere Male hintereinander und befahl dem alten Haushofmeister künftig darüber zu wachen, dass Herr St. Julien nicht lange in Gesellschaft bleibe und in den nächsten zwei, drei Tagen das Zimmer gar nicht verließe. St. Julien schwieg. Er ließ sich mit dem Arzte in keinen Streit über die Ursache seines verschlimmerten Zustandes ein, er ließ sich alle seine Verordnungen gefallen und gab sehr gern das Versprechen, sein Zimmer in den nächsten Tagen nicht zu verlassen. Wenn Sie wollen, sagte er mit einiger Bitterkeit, so will Ihnen versprechen, Monate lang mich hier einzuschließen, bis zum Frieden, wenn Sie es verlangen. Gott behüte, sagte der Arzt, nur so lange, bis Ihr Puls wieder ruhig geht, bis Sie ohne Gefahr Sich dem Vergnügen der Gesellschaft überlassen können; dann, im Gegentheil, werde ich Ihnen Zerstreung sehr anempfehlen, denn Sie werden schwermüthig und das darf nicht sein, das hindert die Genesung.
Vorlage S. 116
305
Da St. Julien den Wunsch zu schlafen äußerte, so zog sich der Arzt zurück, indem er bemerkte, der Schlaf sei Balsam, den die Natur in alle Wunden träufle, und der am Besten die gereizten Nerven beruhige. Er ging; aber St. Julien war weit davon entfernt, die Wohlthat des Schlafes zu genießen; alle Bilder, die der heutige Tag ihm gezeigt hatte, gingen noch einmal vor seiner Seele vorüber, und er wiederholte sich innerlich alle Worte, die zu ihm waren gesprochen worden. Von Neuem setzte ihn der seltsame Empfang der Gräfin in Erstaunen, und von Neuem fühlte er sich von der edeln Gestalt angezogen und gerührt von der Güte, die sie ihm gezeigt hatte.
Vorlage S. 117
306
Von Neuem entzückten ihn die süßen Töne, die Emiliens Lippen entschwebten, und lebendig stand sie vor dem Auge seiner Seele; er fühlte den Blick der blauen Augen im Herzen, er sah die schlanke Gestalt in allem Reiz der anmuthigsten Jugend, aber er fühlte auch schmerzlich die Härte, die Kälte, mit welcher der Graf ihn zum ersten Male verwundet hatte. So bin ich denn hier nichts, klagte er innerlich, als ein gefangener Feind, der so lange mit Schonung behandelt wurde, als er ein Gegenstand des Mitleids war, und der, kaum dem Grabe entrissen, Mißtrauen und Zweifel erregt; so schnell ist die Theilnahme verschwunden, dass mich der Graf im ersten Augenblicke, in dem er mich außerhalb des Bettes erblickt, mit Härte an meine Gefangenschaft erinnert. Hätten sie mich an dem unglücklichen Tage im Walde sterben lassen, so wäre ich nun frei. Er tadelte sich selbst über diese Gedanken und beschuldigte sich der Undankbarkeit; indem er sich die Güte des Grafen vergegenwärtigte, blieb ihm der Gedanke höchst quälend, dass er eigentlich nackt in dessen Hause aufgenommen worden war, und er Alles, von den dringendsten Bedürfnissen des Lebens an, bis zu den überflüßigen Dingen, die ein in Wohlhabenheit erzogener Mensch so schwer entbehrt, der Güte des Grafen verdankte, und dass er diese Güte nicht mehr so unbefangen benutzen könne, seitdem er, wie er glaubte, so unfreundlich behandelt worden war. Er seufzte tief, und diese Seufzer und die unruhige Bewegung belehrten den Haushofmeister, dass er nicht den ruhigen Schlaf gefunden hatte, den der Arzt als so heilsam pries.
Vorlage S. 118
307
Der alte Dübois näherte sich behutsam dem Lager, und indem er leise den Vorhang des Bettes aufhob, sah er zu seinem Schrecken das Gesicht des Kranken in Thränen gebadet. Um Gottes Willen, rief er, was ist Ihnen begegnet? Was kann Sie so erschüttern? Bedenken Sie Ihren Zustand und schonen Sie Ihr Leben. St. Julien schämte sich seiner Schwäche und sagte, indem er die Thränen von den bleichen Wangen trocknete: Sie sehen, lieber Dübois, die lange entkräftende Krankheit macht mich so schwach, wie ein Kind. Ich weine, indem ich an meine Mutter denke und mir ihren Jammer vorstelle, da sie so lange nichts von mir erfahren hat und nach der Art, wie ich aus dem Regiment verschwunden bin, wenn diese Nachrichten zu ihr gekommen sind, mich getödtet glauben muss.
Vorlage S. 119
308
Dübois hatte schon einige Male versucht, das Gespräch darauf zu lenken, wie der junge Mann im Walde gefunden worden war, und hatte von ihm zu erfahren gewünscht, Wer ihn nach diesem eisamen Platz verlockt habe, und weßhalb man ihn habe ermorden wollen; aber immer war St. Julien diesem Gespräche ausgewichen, und der Haushofmeister war viel zu höflich, als dass er ihm eine Antwort hätte abdringen sollen. Auch dies Mal bemühte er sich etwas Näheres über diesen Gegenstand zu erfahren. St. Julien wich nicht, wie gewöhnlich, dem Gespräch aus, sondern sagte mit milder, aber ernster Stimme: Sie haben mir so viel Gutes erwiesen, dass ich Ihnen undankbar erscheinen muss, wenn ich nicht offen mit Ihnen spreche, aber selbst auf diese Gefahr hin muss ich über eine Sache schweigen, die nicht mich allein angeht, und ich bitte Sie, mich so wenig als möglich an diesen unglücklichen Tag zu erinnern.
Vorlage S. 119
309
Diese wenigen Worte waren hinlänglich, um die Lippen des gutmüthigen, wohlerzogenen Haushofmeisters auf ewig über diesen Gegenstand zu schließen, und er wollte sich vom Lager des Kranken zurückziehen, als dieser sich aufrichtete und ihn mit bewegter Stimme bat, einen Brief, den er ihm diktiren wollte, an seine Mutter zu schreiben. Ich kann nicht ruhig sein, sagte der Kranke, ehe sie nicht Nachricht von mir hat, und Sie wissen, in welchem Zustande mein Arm noch ist, ich darf noch nicht daran denken, selbst zu schreiben. Dübois setzte seine Brille auf, holte ein Schreibzeug herbei, legte Papier zurecht, und St. Julien diktirte ihm einen Brief, in dem sich die zärtlichste Liebe für seine Mutter aussprach. Er meldete ihr, dass ein unglücklicher Zufall ihn betroffen habe, durch den er von der Armee getrennt sei, er sprach von seiner Verwundung und in so dankbaren Ausdrücken von der großen Hülfe, die er im Hause des Grafen gefunden, dass Thränen den Blick des Haushofmeisters verdunkelten, und er die Brille abnehmen musste, um sich die Augen zu trocknen. Endlich, nachdem sich Dübois wieder erholt hatte und sein Amt als Schreiber von Neuem verwalten konnte, wurde dem Briefe noch die Bitte hinzugefügt, dass die Mutter des jungen Mannes Mittel finden möchte, ihm eine bedeutende Summe zukommen zu lassen, damit er nicht länger gezwungen wäre, von den Wohlthaten Anderer zu leben, wie edelmüthig sie ihm auch erwiesen würden. Dübois sah den Kranken verwundert an und legte die Feder einen Augenblick bei Seite; da aber St. Julien noch einmal die letzten Worte wiederholte, so schrieb der alte Mann sie gewissenhaft nieder, indem er kaum merklich mit dem Kopfe schüttelte. Als der Brief vollendet war, ließ der Kranke sich die Feder reichen, um mit höchster Anstrengung seinen Namen zu unterschreiben, und bat dann Dübois, den Brief dem Grafen offen zu überreichen, mit der Bitte, ihn an seine Mutter zu befördern; denn gewiss, sagte er, kann es einem so angesehenem Manne nicht schwer fallen, ein Mittel zu finden, dies Schreiben auf irgend einem Wege nach Frankreich zu befördern. Dübois versprach seinen Wunsch zu erfüllen, und es schien, dass der Kranke nun ruhigen Vorstellungen Raum gäbe, denn sein bejahrter Freund bemerkte bald nach diesem Gespräche, dass er entschlummert war.
Vorlage S. 120
310
IX
Vorlage S. 122
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Der Graf hatte den Schlüssel des Archivs sowohl, als eine Rolle mit hundert Dukaten an Dübois abgegegeben, um sie dem Pfarrer sogleich beim Eintritte in das Schloß einzuhändigen, und der Haushofmeister saß deßwegen des andern Morgens am Fenster und wartete auf die Ankunft des Geistlichen, um seinen Auftrag auszurichten. Es war noch nich neun Uhr, als die kleine, leichte, aber nichts weniger als zierliche Equipage desselben in den Hof rollte, und er selbst mit der Pfeife im Munde abstieg und verdrießlich durch das offene Thor auf den Weg hinausschaute. Er hatte nicht lange wartend gestanden, als dieselbe Equipage, worin Herr Lorenz den Pfarrer vor einiger Zeit besucht hatte, durch dasselbe lahme Pferd auf den Hof geschleppt wurde, gegen welche der Wagen des Geistlichen ein prächtiges Ansehen gewann, als nun beide neben einander hielten.
Vorlage S. 122
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Indeß Lorenz die Schnüre auflöste und so die Thüre seines Wagens öffnete, hatte sich Dübois dem Pfarrer genäherte und ihm Geld und Schlüssel, seinem Auftrag, gemäß, eingehändigt; dieser steckte beides ein und befahl dann mit lauter Stimme, seine Pferde abzuspannen und sie nach dem Stall zu führen, dagegen ermahnte Lorenz den Bauer, der ihm zum Kutscher diente, sich bereit zu halten, damit er nach wenigen Augenblicken wieder fahren könne. Wir wollen eine halbe Stunde von hier füttern, setzte er mit leiser Stimme hinzu, dort ist eine gute Schenke, wo wir uns auch selbst eine Güte anthun können. Der Bauer war es gern zufrieden. Des Pfarrers Pferde waren abgespannt, und dieser rief nun dem alten Lorenz zu, er solle kommen und sein Versprechen erfüllen.
Vorlage S. 122
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Beide stiegen nun die große Treppe hinauf, der Pfarrer mit einem Ausdruck von Verachtung gegen Lorenz im Gesicht, und dieser mit Seufzern, die ihm die Erinnerung erpreßte, wie er sonst dies Schloß beinah als sein Eigenthum betrachtet hatte; die glänzenden Tage gingen schnell vor den Augen seines Geistes vorüber, wo sonst zuweilen der Pfarrer als sein Gast auf dieser Treppe von ihm war bewillkommnet worden, dem er nun so demüthig und mit so bösem Gewissen folgte. Sie hatten das Archiv erreicht, und der Geistliche war mit dem ehemaligen Kastellan eingetreten, nachdem er die Thüre geöffnet hatte. Lorenz blickte ihn befremdet an und sagte: »Ich hatte mir ausgemacht, hier allein und ungestört zu suchen.« Der Pfarrer verschloss gleichgültig von innen die Thür, steckte den Schlüssel zu sich und sagte dann sehr gelassen: meine Gegenwart wird Sie nicht stören, ich werde hier ruhig am Tische sitzen bleiben und das versprochene Geld aufzählen, damit Sie es gleich in Empfang nehmen können, sobald Sie mir die Urkunde einhändigen. Er fing dies Geschäft auch sogleich an, und die hundert Dukaten waren aufgezählt, ehe Lorenz noch wusste, was er tun sollte, ob er auf die Entfernung des Geistlichen dringen oder in dessen Gegenwart seine Schelmerei ausüben solle. Der Glanz des Goldes, der ihm in die Augen leuchtete, bestimmte ihn zu letzterem, und er näherte sich entschlossenen Schrittes den Schränken, worin die Urkunden aufbewahrt wurden, aber eine neue Verlegenheit machte, dass er gedankenvoll stehen blieb; er sah die Schränke aufgeräumt, alle Schriften darin in der besten Ordnung, er begriff nicht, wie er den Schein retten sollte, und sah auch keine Möglichkeit sich zurückzuziehen, ohne vorher sein Versprechen erfüllt zu haben. Ein Blick auf das funkelnde Gold, das eben recht in den Sonnenstrahlen glänzte, die durch ein hohes Fenster grade auf den Tisch fielen, gab ihm neuen Muth, und er näherte sich herzhafter einem der Schränke. Der Pfarrer bewachte mit den Augen alle seine Bewegungen. Lorenz blätterte ein wenig in den Papieren, hob einige Pergamente auf und legte sie wieder nieder, trat dann ein wenig von dem Schranke zurück, und sagte mit gepresster Stimme: Ei, was liegt denn hier? Er bückte sich tief auf den Boden, und der Pfarrer sah deutlich, wie er ungeschickt mit zitternden Händen die Urkunde aus dem Busen zog und dann that, als habe er sie zwischen dem Schranke und der Wand hervorgezogen. Was finde ich hier? rief er mit erleichterter Brust und reichte dem Pfarrer, der zu ihm getreten war, die Schrift hin.
Vorlage S. 123
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Der Geistliche nahm schweigend das Dokument, um es schnell durchzusehen, ob es das Gesuchte und ob es auch vollständig sei. Lorenz hatte sich nun völlig gefasst und sagte in seinem gewöhnlichen, heuchlerischen Tone: Gott sei gedankt, der mich das Gesuchte hat finden lassen und nicht hat zugeben wollen, dass der Name eines alten, redlichen Dieners der Verläumdung Preis gegeben würde. Er vergebe denen, die leichtsinnig ihre Augen nicht gehörig brauchen, und wenn sie dann nicht finden, was sie suchen, redliche Greise verlästern.
Vorlage S. 125
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Der Pfarrer hatte sich während dieser Rede vollkommen überzeugt, dass er die Schrift in seinen Händen hielt, an deren Besitz dem Grafen so viel liegen musste; er faltete sie zusammen, steckte sie in den Busen, und nachdem er den Rock sorgfältig zugeknöpft hatte, sah er dem alten Sünder mit Zorn und Verachtung in die Augen, der diesen Blick nicht ertragen konnte, sondern schüchtern vor sich nieder blickte. Glauben Sie, hub der Geistliche nach einem augenblicklichen Stillschweigen an, dass ich so blödsinnig bin, mich von Ihnen täuschen zu lassen? Glauben Sie, dass ich nicht gesehen habe, wie Sie die Urkunde aus dem Busen zogen, die sie mich nun bereden wollen, hier gefunden zu haben? Hätten sie nicht verdient, dass der Graf Sie für Ihren schändlichen Diebstahl den Gerichten überlieferte und Sie der öffentlichen Schande Preis gäbe? Können Sie es vor Gott verantworten, dass Sie einen Herren zu Grunde richten wollten, dessen Brod sie funfzig Jahre gegessen haben, auf dessen Kosten Sie sich verheirathet und Ihre Kinder erzogen haben, und der trotz Ihrer Schlechtigkeit Erbarmen mit Ihrem Alter hat und Sie weder der Schande, noch dem Mangel Preis geben will? Denken Sie nicht daran, alter Sünder, dass Ihr grauer Scheitel bald von der Erde bedeckt im Grabe ruhen wird, dass Sie dann vor Gott stehen und Rechenschaft von Ihrem Sünderleben geben müssen?
Vorlage S. 125
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Herr Pfarrer, stammelte der ehemalige Kastellan, wollen Sie mir Ihr Wort brechen, wollen Sie mich zu Grunde richten?
Vorlage S. 126
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Nein, elender Mensch, rief der Pfarrer mit großer Verachtung, nehmen Sie Ihr durch Diebstahl und Betrug gewonnenes Gold und eilen Sie, Sich aus dem Hause zu entfernen, dessen Bewohnern Sie so vielen Dank schuldig sind und so schändlichen Undank gezeigt haben. Der Geistliche öffnete die Thüre, indem er diese Worte sagte. Lorenz raffte mit gierigen und doch vor Furcht zitternden Händen das Gold zusammen, und war so eilig, sich zu entfernen, dass er Hut und Stock vergaß, und der Pfarrer ihm beides durch einen Bedienten nachschicken musste.
Vorlage S. 126
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Fahre nur so schnell Du kannst, flüsterte Lorenz dem Bauern zu, indem er die Thüre seines Wagens zuband, nach der Schenke, nach Krumbach, ich bin ganz schwach geworden und brauche eine Stärkung. Der Bauer war gern dazu bereit, und so schnell das lahme Pferd es vermochte, verließ der ehemalige Kastellan das Schloß, mit dem Vorsatze, es nie wieder zu betreten.
Vorlage S. 127
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Der Arzt hatte den Morgen seinen Kranken besucht und ihn zwar ohne Fieber, aber äußerst mißmüthig und niedergeschlagen gefunden; er gab sich Mühe ihn zu zerstreuen und sing an ihm Mancherlei aus seinem Leben, von seinen wunderbaren Schicksalen zu erzählen. St. Julien achtete aber nicht darauf; er erbot sich, dem verwundeten Officier die merkwürdige Krankengeschichte eines Schneiders vorzulesen, die in der neuesten medicinischen Zeitschrift enthalten sei, und war erstaunt, als sich St. Julien diese Unterhaltung ziemlich trocken verbat. Er griff zu seinem lezten Hülfsmittel und bot ihm an, eine Partie Schach mit ihm zu spielen, aber auch dieser Versuch missglückte, denn der junge Mann versicherte, er habe nicht die mindeste Lust zum Spielen. Was soll ich denn aber dann mit Ihnen anfangen? sagte der Arzt, Sie werden mir meine ganze Kur verderben mit Ihrer Schwermuth. Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal, sagte der Kranke verdrüßlich. Das geht nicht, rief der Arzt, das wäre gegen meine Pflicht; ich muss Alles tun, um Sie wieder herzustellen, und Sie hindern durch Ihre Traurigkeit die Genesung. Ich bin nicht traurig, versicherte St. Julien mit einem tiefen Seufzer, ich fühle mich nur schwach, und wünsche Ruhe und Einsamkeit.
Vorlage S. 127
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Nachdem der Arzt noch einige Versuche gemacht hatte, den Kranken auf seine Weise zu erheitern, die sämmtlich missglückt waren, musste er ihn endlich, wie er sagte, seinem Eigensinne überlassen, weil er noch andere Kranke zu besuchen habe, denen er seinen Beistand auch nicht entziehen dürfe. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so fragte St. Julien den Haushofmeister mit einiger Heftigkeit, ob er dem Grafen schon den Brief an seine Mutter eingehändigt, und ob dieser ihn zu besorgen versprochen habe.
Vorlage S. 128
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Ich habe den Grafen seit gestern Abend noch nicht wiedergesehen, antwortete Dübois, und kann ihn auch jetzt nicht sprechen, da er sich mit dem Herrn Pfarrer in sein Kabinet verschlossen hat; aber verlassen Sie sich darauf, ich werde ihm noch vor Tische Ihr Schreiben übergeben. St. Julien musste mit dieser Antwort zufrieden sein, und Dübois sah es mit Betrübniß, dass er sich in düstere Träumereien versenkte. Er versuchte es einige Male eine Unterhaltung mit dem Kranken anzuknüpfen; da dieser aber jedesmal kurz und einsylbig antwortete, so überließ er ihn endlich seiner düstern Laune und ging, um im Vorzimmer des Grafen zu warten, damit er diesem, sobald seine Geschäfte mit dem Geistlichen beendigt wären, den Brief überreichen könne, an dessen Absendung dem jungen Manne so viel zu liegen schien.
Vorlage S. 128
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Der Graf hatte die Urkunde aus den Händen des Pfarrers erhalten, und da dieser selbst so viel Freude darüber zeigte, das Geschäft glücklich beendigt zu sehen und den Grafen von dieser Sorge befreit zu haben, so gewann er in den Augen desselben durch eine so freundschaftliche Gesinnung mehr, als er durch seine kurze und unhöfliche Art zu schreiben verloren hatte, und der Graf beschloss von Neuem die guten Eigenschaften des Pfarrers gehörig zu würdigen, ohne sich durch die unangenehme Art, wie sie sich zu erkennen gaben, stören zu lassen. Er entschloß sich also, ihm zu vertrauen und seinen Beistand in dieser Sache ferner zu erbitten. Er theilte ihm den Wunsch mit, die Familien-Verhältnisse des Verwandten, der sich zu so unwürdigen Schritten hatte verleiten lassen, genauer zu kennen, um beurtheilen zu können, ob eigene Bedrängniß ihn verleitet habe, oder ob er bloß durch Habsucht bestimmt worden sei. Im letzteren Falle, schloß der Graf, habe ich den Vorsatz, jedes Verhältnis mit ihm zu vermeiden, im ersteren aber erlaubt mir meine eigene Lage, da ich keine Kinder habe, Manches zu tun, was uns näher bringen und vielleicht uns beide beruhigen würde.
Vorlage S. 129
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Es war dem Pfarrer nicht entgangen, dass der Graf seufzend die Bemerkung gemacht hatte, dass er keine Kinder habe, und er glaubte seine Vermuthung bestätigt zu finden, dass er mit seiner Gemahlin nicht vollkommen glücklich lebte. Er versprach aber seinen Beistand von ganzem Herzen und verpflichtete sich ihm, in Kurzem genaue Nachrichten über die Lage seines Verwandten zu verschaffen. Es konnte dieser Auftrag dem Pfarrer nicht anders, als höchst willkommen sein, denn bei seiner Neigung, aller Menschen Angelegenheiten zu erforschen, störte ihn oft der Vorwurf seines eigenen Gewissens, und er konnte sich nicht abläugnen, dass eine solche Neugierde eines Geistlichen völlig unwürdig sei, also war es ihm alle Mal eine große Beruhigung, wenn er seiner Neigung folgend, sich zugleich sagen durfte, dass er aus Menschenliebe handle, dass er durch seine Nachforschungen Frieden stiften, kurz, etwas Löbliches erreichen wolle. Beide verließen also, sehr mit einander zufrieden, das Kabinet des Grafen und fanden, als sie sich nach dem Gesellschaftszimmer begeben wollten, im Vorgemache Dübois wartend, der mit seiner gewöhnlichen Ehrerbietung dem Grafen St. Juliens Brief reichte und ihn mit dem dringenden Wunsche des jungen Mannes bekannt machte. Der Graf faltete ein wenig verdrüßlich die Stirn und sagte: Ich werde den Brief nachher lesen, weil es Herr St. Julien wünscht, und dann ihn selbst darüber sprechen.
Vorlage S. 130
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Der Pfarrer äußerte den Wunsch, den Kranken zu besuchen. Dübois machte ihn aber mit dessen trauriger Stimmung bekannt, die ihn den Wunsch hatte äußern lassen, allein und ungestört zu bleiben. Der Geistliche gab also für dießmal seinen Vorsatz auf und verfügte sich zum Arzt, um zu erfahren, ob dieser nichts von dem Kranken erforscht habe, das Licht geben könne über seine schreckliche Mißhandlung an der einsamen Stelle im Walde, wo man ihn gefunden hatte. Er verlor aber seine Zeit mit dem Arzte, denn dieser wusste ihm nichts mitzutheilen, als Krankengeschichten, die wenig Reiz für den Pfarrer hatten, und Klagen über St. Juliens eigensinnige Schwermuth, die dem Arzte tausend Besorgnisse erregte.
Vorlage S. 131
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Unter solchen unerfreulichen Gesprächen waren die Stunden verflossen, und die Gesellschaft versammelte sich im Speisesaale zur Mittagstafel. Wie es natürlich war in einer so verhängnißvollen Zeit, wendete sich das Gespräch bald auf die Begebenheiten des Tages. Verschiedene Meinungen wurden aufgestellt, manche Befürchtniß und manche Hoffnung ausgesprochen, Alle aber mussten sich darin vereinigen, dass die einzige Hoffnung, die man sich vernünftiger Weise erlauben dürfte, auf den Beistand der Russen gegründet sei. Was wird nun der alte Obrist Thalheim sagen, rief der Pfarrer, wenn er sieht, wie alle seine Behauptungen zu Schanden werden. Wie viel tausendmal hat er versichert, dass die französische Macht an der Preußischen scheitern werde; dass der Geist des großen Friedrichs noch in der Armee herrsche und sie unüberwindlich mache. Zwar er wird sich jetzt wohl wenig um die Festungen kümmern, die den Franzosen übergeben werden, da ihm übermorgen selbst Alles abgenommen wird, was er etwa noch besitzt.
Vorlage S. 131
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Thalheim? fragte der Graf nachdenkend, der Name ist mir so bekannt, und ich kann mich doch nicht gleich erinnern, auf welche Weise.
Vorlage S. 132
327
Er selbst, erwiederte der Pfarrer, hat es früher oft erzählt, dass er ein Freund Ihres Herren Vaters gewesen sei. Ich erinnere mich, rief der Graf, bei dem Regiment, das in meiner Jugend in dieser Gegend in Garnison stand, diente ein Major Thalheim, der oft und lange ein Gast meines Vaters war, und beide lebten auf einem sehr vertraulichen Fuße mit einander, sollte es derselbe sein? Gewiss, antwortete der Pfarrer, er hat es nachher bis zum Obristen gebracht und dann seinen Abschied genommen.
Vorlage S. 132
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Und ist er in so bedrängten Umständen? fragte die Gräfin.
Vorlage S. 133
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Er ist ganz zu Grunde gerichtet, erwiederte der Pfarrer, er soll ehedem ein artiges Vermögen gehabt haben, auch hatte er, da er sehr lange gedient hat, eine Pension, aber erstens hat er sich sehr spät, man kann sagen im hohen Alter, verheirathet, natürlich hat ihn die Frau nicht aus Liebe gewählt, er dagegen soll sie ganz thöricht geliebt haben; also hat er Alles getan, was sie wollte, das hat ihm viel gekostet; dann bestand sein Vermögen in baarem Gelde, das hat er bei verschiedenen Handlungshäusern, die nach einander fielen, verloren; endlich wurde er Wittwer und besaß beinah nichts, als eine unmündige Tochter; nun kam er auf den traurigen Gedanken, ein kleines Gut, eigentlich einen Meierhof, zu pachten und verstand nichts von der Wirthschaft, doch ging es so lange, als er zuzusetzen hatte, nun ist er den Pachtzins schuldig geblieben, und das Gut ist ihm abgenommen, und wenn er übermorgen nicht bezahlt, so wird ihm das Wenige, was er an Mobilien besitzt, verkauft. Der Verwalter war gestern bei mir, der entweder das Geld empfangen oder ihm Alles, was er hat, abnehmen soll.
Vorlage S. 133
330
Mein Gott, das ist eine entsetzliche Lage, sagte die Gräfin, indem sie den Grafen ansah.
Vorlage S. 133
331
Hat denn Niemand Mitleid mit dem alten unglücklichen Manne, sagte Emilie, indem sie die Augen bittend zum Grafen aufhob.
Vorlage S. 134
332
Ich glaube schwerlich, dass sich Jemand seiner annehmen wird, bemerkte der Pfarrer, vorschießen kann ihm Niemand, denn bei den jetzigen traurigen Zeiten wird ihm die Pension nicht ausgezahlt, die er früher hatte, wovon soll er also wieder bezahlen, da er sonst gar nichts hat?
Vorlage S. 134
333
Desto schrecklicher muss ja aber der Mangel sein, mit dem er kämpft, erwiederte die Gräfin.
Vorlage S. 134
334
Gewiss, antwortete der Pfarrer, aber gewisser Maßen hat er es sich auch selbst zugezogen, dass sich Niemand um ihn kümmert, denn je ärmer er wurde, je stolzer wurde er auch; je mehr er verlor, je mehr zog er sich von den Menschen zurück und wies jeden Rath ab, wurde durch jede freundschaftliche Bemerkung beleidigt, Wer soll ihm also nun helfen, da er Niemandem vertraut hat?
Vorlage S. 134
335
Es ist wunderbar, sagte der Graf nachdenkend, dass nichts in der Welt so selten angetroffen wird, als Vertrauen, wahres uneingeschränktes Vertrauen, selbst unter den edelsten Menschen, und am Seltensten, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu, das Vertrauen, das dem Freunde die Zerrüttung unseres Vermögens zeigen möchte. Jeder Mensch schämt sich der Armuth, und verbirgt kein Gebrechen so ängstlich und sorgfältig als dies, so lange es irgend in seinen Kräften steht.
Vorlage S. 134
336
Die Wangen der Gräfin hatten sich auffallend geröthet, als der Graf über Mangel an Vertrauen selbst zwischen edeln Menschen klagte, und diese Röthe war dem beobachtenden Geistlichen nicht entgangen. Sie richtete einen durchdringenden Blick auf den Grafen, der aber von diesem nicht bemerkt wurde, und sie wurde wieder ruhig, da es sich deutlich erkennen ließ, dass der Graf diese Bemerkung ohne Nebenabsicht gemacht hatte, und es sich besonders aus dem Schlusse seiner Rede ergab, dass ihn bloß die Lage des Obristen Thalheim in diesem Augenblicke beschäftigte.
Vorlage S. 135
337
Ich glaube, sagte sie endlich, dass sich nichts so leicht erklären lässt, als das Gefühl der Scheu, womit ein Mensch dem andern seinen Mangel verbirgt.
Vorlage S. 135
338
Ja wohl, rief der Pfarrer mit seiner gewöhnlichen vorschnellen Art, es ist eine erbärmliche Eitelkeit, für reich angesehen sein zu wollen. Ich glaube nicht, dass dies der Grund ist, erwiederte die Gräfin, sondern vielmehr die Einbildung derer, an die man sich wenden könnte, denn natürlich kann sich der Mangel Leidende nur an Wohlhabende wenden, und die werden alle Mal ihren glücklichen Zustand als die Folge ihrer Klugheit, ihres Fleißes oder ihrer Ordnung betrachten, und werden immer annehmen, dass ihrem leidenden Bruder eine dieser Eigenschaften oder auch alle fehlen.
Vorlage S. 135
339
Das ist aber auch gewöhnlich der Fall, fiel der Geistliche ein.
Vorlage S. 136
340
Sie beweisen die Richtigkeit meiner Bemerkung, sagte die Gräfin lächelnd. Aus dieser Ansicht folgt nun ganz natürlich, dass sich jeder Wohlhabende für klüger hält, als der Nothleidende ist, folglich mit der Hülfe, die er ihm leistet, zugleich eine gewisse Vormundschaft übernimmt und von dem, der seine Hülfe empfängt, fordert, er solle mit seinen Augen sehen, aus seinem Herzen fühlen und nach seiner Leitung handeln. Sagen Sie selbst, kann es für einen Menschen etwas Schmerzlicheres geben, als wenn er die Hülfe seiner Freunde so theuer erkaufen muss, dass er gezwungen ist, seine Einsicht, seinen Willen, seine Gefühle, seine Selbstständigkeit aufzugeben, und können Sie sich wundern, dass Jeder diesen traurigen Zustand so lange als möglich vermeidet? Könnten wie uns entschließen, mit den Augen unserer nothleidenden Freunde zu sehen, uns in ihre Lage zu versetzen, und unsere Hülfe ihnen nach ihrer Neigung und Einsicht zu gewähren, so dass wir ihnen nur die Schwierigkeiten aus dem Wege räumen hülfen, die sie hindern, sich frei in ihrer eignen Bahn zu bewegen, statt dass wir ihnen jetzt höchstens unter der Bedingung Beistand leisten, dass wir sie in die unsrige hinüber zwingen, dann, glaube ich, würde weder Vertrauen, noch Dankbarkeit in der Welt so selten angetroffen werden.
Vorlage S. 136
341
Der Geistliche verstand die Gräfin nicht recht, und machte nun bei sich aus, dass sie eine Neigung zur Schwärmerei habe. Dies Wort war ihm ein Trost, denn Alles, was seiner Denkungsweise fremd war, was er nicht verstand, oder was ihm zuwider war, bezeichnete er mit diesem Ausdrucke und betrachtete es als eine Art von Selenkrankheit. Er endigte also das Gespräch von Wohlthätigkeit, indem er sich an den Grafen wendete und sagte: es fällt mir eben ein, da wir heute über Ihre Verwandten sprechen, Ihr Vetter, der junge Graf Hohenthal, stand hier in der Nähe mit seiner Eskadron vor dem Ausbruche des Krieges, der ritt täglich zum alten Obristen, und beide schlugen die Franzosen wohl tausend Mal in Gedanken; die böse Welt sagte aber, fügte er lächelnd hinzu, dass der junge Nittmeister mehr um des schönen Fräuleins, als um des alten Obristen Willen so oft den Weg machte. – Ich glaube, der Rittmeister ist der einzige Sohn seines Vaters? fragte der Graf.
Vorlage S. 137
342
Ich weiß es nicht, sagte der Pfarrer lachend, aber dass Sie es nicht wissen, sezt mich in Verwunderung.
Vorlage S. 137
343
Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren, erwiederte der Graf, wenig mit meiner Familie in Verbindung gewesen, und natürlich können in einem solchen Zeitraume manche Mitglieder geboren sein, von denen ich nichts erfahren habe.
Vorlage S. 137
344
Die Tafel wurde aufgehoben und dem Pfarrer gemeldet, dass seine Pferde angespannt seien, so wie er befohlen habe; er verließ also das Schloß, nachdem er dem Grafen noch einmal versprochen hatte, ihm in kurzer Zeit alle Nachrichten über seine Verwandten zu verschaffen, die ihm wichtig scheinen könnten. Der Graf las nun noch einmal St. Juliens Brief und verfügte sich dann zu ihm, um, wie er versprochen hatte, selbst mit ihm über diese Angelegenheit zu sprechen.
Vorlage S. 138
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Er fand den jungen Mann noch in der schwermüthigen Stimmung, die sich seiner seit dem Augenblick bemeistert hatte, als ihm der Graf erklärt hatte, er müsse sich als Gefangener betrachten; er hatte beschlossen, dies im strengsten Sinne zu tun und sein Zimmer so wenig als möglich zu verlassen, und bekämpfte mit Schmerz die Sehnsucht' die sich ihm im Herzen regte, die Gräfin und Emilie wieder zu sehen. In seiner trüben Laune bemühte er sich, Alles feindlich auszulegen, und so glaubte er, der Graf wolle ihn von den Frauen abhalten und habe ihn deßhalb in ihrer Gegenwart mit solcher Kälte behandelt. In dieser trübseligen Stimmung beantwortete er die Frage nach seinem Befinden, die der Graf an ihn richtete, so kurz und trocken, als es nur immer die Höflichkeit erlaubte; der Graf aber ließ sich dadurch nicht abschrecken, sondern sagte im väterlich milden Ton, indem er seine Hand fasste und sie wohlwollend drückte: Sie sind verstimmt und ich trage die Schuld Ihrer bösen Laune, ich habe sie verlezt, indem ich Sie mit Ihrer Lage bekannt machte, ohne die Schonung zu haben, Ihnen zu erklären, wodurch ich gezwungen bin zu fordern, dass Sie das Schloß nicht ohne meine Einwilligung verlassen wollen.
Vorlage S. 138
346
So trübe St. Julien auch gewesen war, so fest er sich eingebildet hatte, er sei vom Grafen gekränkt, beleidigt, erniedrigt worden, so schmolzen doch alle diese Empfindungen in wenigen Augenblicken hinweg, und der väterlich milde Ton der Stimme des Grafen rührte sein Herz, die Güte, womit dieser sich selbst Unrecht gab, beschämte den jungen Mann, und er erröthete über seine eigene Undankbarkeit. Ich hätte Sie daran erinnern sollen, fuhr der Graf fort, dass in diesen traurigen Zeiten des Krieges man oft selbst Schwierigkeiten findet, einander kleine Dienste zu leisten; ich hätte Sie nach den erlassenen Verordnungen eigentlich als Kriegsgefangenen nach einer Stadt senden müssen, in der sich eine bedeutende Besatzung befindet; Ihr Zustand erlaubte keine Reise, und ich erhielt die Erlaubnis für Ihre Genesung zu sorgen nur dadurch, dass ich mich verflichtete, Sie, so bald es gefordert würde und Ihre Kräfte es erlauben, vor die Behörde zu stellen, die ein Recht haben würde, es zu verlangen. Seitdem hat sich die Lage der Dinge geändert, damit hätte ich Sie bekannt machen müssen; das Land ist in den Händen der Franzosen; ich muss erwarten, dass ich eben so wenig von ihrem Besuch verschont bleiben werde, als Andere, und es ist natürlich, dass Ihre Freunde und Kameraden Sie auffordern wer den, ihren Fahnen zu folgen; ich habe keine Macht es zu hindern, wenn Ihre Ehre Sie hier nicht fesselt, und könnte also in dem Fall, wenn Sie mit den Franzosen zögen, mein Wort nicht lösen. Wie nachtheilig dies in der Folge für mich sein würde, werden Sie einsehen, wenn ich Ihnen sage, dass schon jetzt unsinnige Gespräche entstehen, als ob ich mit den Feinden des Landes in Verbindung stände, und dass Sie als der Unterhändler bezeichnet werden. Meine Ehre fordert also, dass Sie mich für jezt nicht verlassen, und darum verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen in dem Augenblicke so unfreundlich diese Verbindlichkeit auflegte, wo ich mich selbst durch manche trübe Nachrichten verstimmt fühlte.
Vorlage S. 139
347
St. Julien sah erst jezt den ganzen Umfang der Verbindlichkeiten ein, die er gegen den Grafen hatte; tief beschämt durch sein eigenes Unrecht und doch auch zugleich erleichtert im Herzen, blickte er erröthend zum Grafen auf und sagte: Ich habe mich betragen wie ein unverständiger Knabe, ich fühle erst jetzt Ihre großmüthige Schonung, mit der Sie mich über alles Harte meiner Lage hinweg gehoben haben, und ich Thor gebe aus gekränkter Eitelkeit der übeln Laune Raum, wenn so ernsthafte Sorgen Ihr Herz bewegen.
Vorlage S. 140
348
Sie sind gegen sich selbst viel zu hart, sagte der Graf lächelnd. Ich weiß nicht, rief St. Julien, welch ein Gefühl Ihre Schonung und Milde würdig erwiedern könnte.
Vorlage S. 141
349
Vertrauen, sagte der Graf, wahres freundschaftliches Vertrauen ist der schönste Beweis, dass unsere Freundschaft erkannt wird; darum beziehen Sie es nicht auf Sich, wenn Sie meine Stirn zuweilen finster sehen, und lassen Sie nicht solche Briefe schreiben, setzte er lächelnd hinzu, indem er ihm den Brief reichte, den St. Julien erröthend zurücknahm, die nichts weiter beweisen, als dass Sie mich missverstanden haben. Ich sehe ein, fuhr er ernsthaft fort, dass Sie herzlich wünschen müssen, Ihrer Mutter Nachrichten von sich zu geben, aber Sie werden nun auch einsehen, dass ich es nicht unternehmen kann, in diesem Augenblicke Briefe nach Frankreich zu befördern. Ich fürchte aber, Sie werden bald Gelegenheit durch Ihre Landsleute finden.
Vorlage S. 141
350
Vergeben Sie mir mein thörichtes Betragen, sagte St. Julien, und ich will mich gern in alles Uebrige finden.
Vorlage S. 141
351
Beweisen Sie mir, dass Sie es aufrichtig bereuen, sagte der Graf gütig lächelnd, und lassen Sie mich wie einen Vater für Sie sorgen, ohne dass Sie sich meinen Einrichtungen wiedersetzen.
Vorlage S. 141
352
Welch ein Glück wäre es für mich, sagte St. Julien mit Thränen, wenn ich einen solchen Vater hätte, der meine Jugend leitete.
Vorlage S. 142
353
Und welch ein Glück wäre es, einen Sohn zu haben, wie Dich, sagte der Graf, indem die Empfindung ihn überwältigte und eine Träne in seinem Auge schimmerte.
Vorlage S. 142
354
Lassen Sie uns nun Beide vernünftig sein, setzte er nach einigen Augenblicken hinzu, und zeigen Sie mir, dass Ihre Empfindung für mich Ihnen Ernst ist. Sie haben von Ihrer Mutter eine Summe Geldes verlangt, es ist aber unmöglich, dass Sie jetzt Ihren Wunsch erfahren oder befriedigen kann, nehmen Sie also indessen von mir, was Sie mir ja später ersetzen können. Der Graf legte mit diesen Worten eine Rolle Gold auf den Tisch, und St. Julien fühlte, dass es ein roher Eigensinn sein würde, wenn er sich weigern wolle, es zu empfangen. Er dankte also einfach, aber herzlich, und nahm es als ein Darlehn an.
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Fühlen Sie sich stark genug das Zimmer zu verlassen, sagte der Graf, so begleiten Sie mich zu unsern Damen; das wird Ihnen auf jeden Fall besser sein, als hier einsam zu träumen, was der Arzt auch sagen mag. Freudig nahm St. Julien die Einladung an, der Graf bot ihm selbst den Arm und beide sezten sich nach dem Theezimmer in Bewegung zu Dübois frohem Erstaunen. Die Gräfin heftete einen wehmüthigen Blick auf Beide, als St. Julien, auf den Grafen gestüzt, eintrat, und Emilie bewillkommnete sie mit unschuldiger Freude. Die Unterhaltung wurde lebhaft, man vergaß die gegenwärtige Zeit, und der Graf und St. Julien schienen sich mit jeder Minute einander mehr zu nähern, je mehr sich die Uebereinstimmung ihrer Denkungs- und Empfindungsweise offenbarte. Kunst, Poesie und Natur waren die über alle Parteiinteressen erhabenen Gegenstände des Gesprächs. Emilie mischte sich lebhaft in die Unterhaltung und entfaltete einen Reichthum des Geistes, einen Schatz von Kenntnissen, die den jungen Mann in Erstaunen sezten, weil er bei ihrer einfachen, beinah schüchternen Art sich zu betragen durchaus nicht auf die Vermuthung gekommen war, dass sie so unterrichtet sein könnte. Ohne Absicht von Emiliens Seite musste er bemerken, dass sie alle neuern Sprachen verstand und die vorzüglichsten Werke in allen gründlich kannte; so weit aber war sie davon entfernt, aus Eitelkeit diese Gegenstände zu berühren, dass es ihr bei ihrer einfachen Seele vielmehr schien, als verstände es sich von selbst, dass jeder Mensch, der Kunst und Poesie liebe, wenigstens dies Alles kennen müsse, und da St. Julien mit Feuer und Geschmack über Manches sprach, so sezte sie voraus, dass er weit mehr gelesen habe, als sie selbst, und sezte ihn dadurch zuweilen ein wenig in Verlegenheit, bis er endlich offenherzig gestand, dass er nur wenig Zeit bis jetzt darauf gewendet habe, sich Kenntnisse dieser Art zu verschaffen, und dass die frühe Uebung in den Waffen ihn gehindert habe, in dieser Hinsicht seiner Neigung folgen; dass er aber nun, da seine Krankheit ihm nicht lange mehr hinderlich sein würde, sich eifrig mit der Erlernung des Englischen und Italienischen beschäftigen wolle. Der Graf bot sich ihm als Lehrer an, und sein Anerbieten wurde mit herzlicher Freude angenommen.
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Jeder fühlte sich wohl an diesem glücklichen Abend, die Gräfin war ruhig, beinah heiter; die Erinnerungen an vergangene Leiden schienen für einige Stunden aus ihrem Gedächtnis gewichen zu sein; der Graf fühlte sich so heiter wie er seit Jahren nicht gewesen war, und St. Julien konnte, indem er abwechselnd Beide betrachtete, nicht mit sich darüber einig werden, wen er seinem Herzen näher fühlte; wenn aber seine dunkeln Augen einem Blick aus den himmelblauen der schönen Emilie begegneten, dann schlug er sie schüchtern nieder und wagte nicht die holde Gestalt mit in dem Kreise zu begreifen, über den er sich eben die Frage vorgelegt hatte. Als sich das Gespräch wieder auf Musik wendete, versuchte er es auszudrücken, wie sehr ihn Emiliens Gesang am vorigen Abend entzückt habe, und der Graf und die Gräfin forderten ihre junge Freundin auf, einige italienische Sachen aus der älteren Zeit zu singen, um auch den heutigen Tag würdig zu beschließen. Emilie sang, ohne sich zu weigern, und St. Julien gab sich rücksichtslos den süßesten Empfindungen hin; er konnte sich im Entzücken des Hörens keine größere Glückseligkeit denken, als seine Stimme mit den himmlischen Tönen vermischen zu dürfen, die den rosigen Lippen der jungen Sängerin entschwebten.
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Als sie geendigt hatte, versicherte der Graf und die Gräfin, ihre Stimme werde täglich schöner; sie habe nie so vortrefflich gesungen, als am heutigen Abend. St. Julien konnte sich nicht entschließen, mit Worten ihren Gesang zu loben, oder, wie man sich auszudrücken pflegt, ihr etwas Verbindliches darüber zu sagen, aber der dankbare, entzückte Blick, dem Emiliens Augen begegneten, als sie sich zufällig zu ihm wendete, belehrten sie, dass er nicht ohne Empfindung zugehört hatte.
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Sie scheinen den Gesang sehr zu lieben, fragte ihn nach einigen Minuten die Gräfin, und haben sich gewiss selbst mit Musik beschäftigt?
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Ein wenig, oberflächlich, antwortete St. Julien, wie beinah mit allen Dingen, die ich bis jetzt getrieben habe; aber auch das soll besser werden, fügte er hinzu; sobald ich wieder hergestellt bin, will ich versuchen, ob ich meine Stimme nicht durch die Krankheit verloren habe, und wenn dies nicht der Fall ist, Musik und Gesang mit großem Eifer treiben. Singen Sie Tenor? fragte die Gräfin.
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Ja, sagte St. Julien, und man versicherte mich oft, ich habe eine recht gute Stimme, die nur ausgebildet werden müsse, dazu mangelte mir aber die Geduld.
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Ein schöner Tenor, sagte der Graf, ist das seltenste und beinah das schönste Geschenk des Himmels, und es ist eine wahre Sünde, im Besitze einer solchen Gabe zu sein, ohne sie auszubilden.
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Wie schön wäre es, rief Emilie, wenn Sie erst wieder singen könnten; wir haben hier ganz vortreffliche Musik, die leider ungebraucht liegen muss; wie Vieles könnten wir mit einander ausführen.
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St. Juliens Augen leuchteten und seine Wangen rötheten sich vor Freude bei dieser Vorstellung, und er versprach eben pünktlich Alles zu tun, was seine Genesung beschleunigen könnte, und sich streng den Vorschriften des Arztes zu unterwerfen, als dieser herein trat und, da er St. Julien in der Gesellschaft erblickte, aus Verwunderung drei Schritte zurück sprang: Sie sind hier! rief er aus der Ferne mit zornig verweisenden Minen, ich wollte Sie eben in Ihrem Zimmer besuchen und dachte Sie ruhig im Bette zu finden.
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Kommen Sie nur näher, sagte der Graf lachend, und betrachten Sie ihn genauer, dann werden Sie finden, dass es ihm hier gar nicht übel geht. Kopfschüttelnd näherte sich der Arzt und betrachtete ernsthaft den jungen Mann, der sich des Lachens nicht erwehren konnte, als der Arzt mit komischer Feierlichkeit, nachdem er ihn eine Zeitlang betrachtet hatte, seinen Puls untersuchte und dann mit Heftigkeit ausrief: Sie sind der wunderlichste Kauz, der mir noch vorgekommen ist, so lange ich die Arzneiwissenschaft ausübe. Gestern Abend, heute Morgen ohne alle Ursache im höchsten Grade schwermüthig, Puls fieberhaft, alle Lebenskräfte herunter, die Augen ganz matt und todt, so dass Sie mir recht gefährlich vorkamen. Heute Abend ohne Fieber, der Puls sehr gut, die Augen heiter, lebendig, eben so ohne die mindeste Ursache.
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Die Gesellschaft, sagte der Graf lächelnd, hat ihn erheitert und so diese wohlthätige Wirkung hervorgebracht.
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Das kann nicht sein, entgegnete der Arzt, ich wollte ihm ja heut Morgen Gesellschaft leisten, ich gab mir alle Mühe ihn zu erheitern, aber wer sich auf nichts einlassen wollte, das war mein Kranker.
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Ja, dann lässt sich freilich seine Besserung gar nicht erklären, sagte der Graf scherzend, die Ursache dieser Wirkung wird nicht aufzufinden sein.
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Man muss darüber nachdenken, erwiederte der Arzt ganz ernsthaft; Jetzt muss ich aber darauf bestehen, sagte er zu St. Julien, dass Sie sich zur Ruhe begeben, das zu lange Aufsitzen ist Ihnen durchaus schädlich. Fügen Sie sich den Vorschriften des Arztes, sagte Emilie, wie Sie es versprachen, damit er Sie recht bald wieder herstellt, und wir bald mit einander das erste Duett singen können.
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Singen, rief der Arzt im höchsten, mit Unwillen vermischten Erstaunen, Sie denken daran, zu singen? Gott behüte, ich habe Ihnen kaum zu sprechen erlaubt, von Gesang kann gar nicht die Rede sein, und wenn ich Sie auch ganz hergestellt habe, so ist es doch möglich, dass Ihre Brust schwach bleibt, und dass sie sich solche Gedanken müssen vergehen lassen.
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Dann stellen Sie mich aber nicht ganz her, sagte St. Julien mit heiterer Laune, denn vor meiner Verwundung hätte ich Tagelang singen können, ohne dass ich es in der Brust gefühlt hätte; wenn Sie es also unternehmen, mich vollkommen wieder herzustellen, so müssen Sie mich in diesen Zustand zurück versetzen.
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Was das für Ansichten sind, sagte der Arzt, das beweist recht, wie wenig Sie von der Arzneiwissenschaft verstehen. Wir wollen uns aber heut darüber nicht streiten, sondern ich will Sie auf Ihr Zimmer führen und Ihre Wunden verbinden. Er wollte ihm den Arm bieten, um ihn zu führen, der Graf aber, der seine gutmüthige Ungeschicklichkeit kannte, zog die Klingel und überlieferte den Kranken der sanften Pflege des höflichen Dubois.
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X
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Des andern Morgens erschien der Graf nicht beim Frühstück, und man meldete der Gräfin, er habe das Schloß zu Pferde in Begleitung eines Reitknechts schon vor einigen Stunden verlassen. Die Gräfin sowohl, als Emilie vermutheten es leicht, wohin ihn dieser frühe Ritt geführt hatte, und ihre Vermuthung war nicht ungegründet. Ein scharfer Wind wehte dem Grafen schneidend entgegen, als er am frühen Morgen über die Hügel trabte, und der Sonnenschein funkelte blendend auf den Schnee, so weit sein Auge reichte; der Frost schüttelte seine Glieder, und er wünschte den Weg beendigt zu haben, aber dennoch hatte er nicht das Unangenehmste eines Wintertages empfunden; als aber nach und nach das Blau des Himmels von grauem Gewölk bedeckt wurde, das sich wie schwerer Nebel niedersenkte, so dass Erde und Himmel sich nicht mehr unterscheiden ließen, und, als er nun die tieferen Gründe und Schluchten hinter sich gelassen und eine ziemlich ausgedehnte Ebene erreicht hatte, ein scharfer Wind heulend blies, der ihm den Schnee, der vom Himmel herabfiel, eben so entgegen trieb, wie den, der vom Boden aufgeweht im Wirbel gedreht wurde, so, dass Erde und Himmel auch in dieser Rücksicht sich vereinigt zu haben schien: da bereute er es beinah, dass er sich selbst der unfreundlichen Witterung ausgesetzt und nicht einem Diener die Botschaft anvertraut hatte. Herzlich erfreut war er daher, als er plötzlich bemerkte, dass er sich am Eingange eines Dorfes befand, denn der vom Himmel herabfallende und der von der Erde aufgewehte Schnee verdickte die Luft dermaßen, dass sich die nächsten Gegenstände kaum unterscheiden ließen. Der Graf stieg in der Schenke des Dorfes ab, um sich einigermaßen zu erwärmen, und erkundigte sich dann nach dem Meierhofe, den der Obrist Thalheim bewohnte. Der Wirth, ein wohlbeleibter, gutmüthiger Mann, gab die nötige Auskunft, indem er den Obristen herzlich bedauerte.
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Dass Gott erbarm! rief er aus, was wird der arme alte Herr anfangen, er hat Niemanden gedrückt, aber nun drücken ihn Viele, nicht der Feind ist so schlimm gegen uns, wie man gegen ihn ist.
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Der Graf fragte, ob das kleine Gut, das der Obrist bewohnte, weit entfernt vom Dorfe liege? Keine halbe Viertelstunde, rief der Wirth, und ich habe schon wollen hingehen und ihm anbieten, wenn sie ihn morgen austreiben, fürs Erste hieher zu ziehen; aber lieber Gott! so ein Herr kann nicht in einer Schenke wohnen, und dann könnte ich ihn auch nicht immer ernähren, und wäre er einmal hier, so würde ich ihn nicht wieder los, denn Wer wird sich die Last aufladen wollen; alt ist er auch, und stürbe er bei mir, so müsste ich ihn noch begraben lassen, und ich bin selber ein gedrückter Mann. Die schweren Zeiten, der Krieg, die vielen Abgaben, das soll Alles aus der Schenke bestritten werden, Kinder habe ich auch, das muss man Alles bedenken.
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Der Graf, ob er zwar auf die edelste Weise jeden Vorzug anerkannte und niemals annahm, dass die Geburt allein schon Rechte verleihen könne, war doch keinesweges gleichgültig gegen die Vorzüge der Abkunft, und ihm schauderte innerlich vor dem Gedanken, dass ein Mann von vornehmer Geburt, von guter Erziehung, der dem Staate mit Auszeichnung gedient hatte, durch den Drang der Umstände so erniedrigt werden könnte, von der Wohlthätigkeit eines Schenkwirths abhängig zu werden. Er fragte deßhalb mit inniger Hast, ob er einen Boten haben könne, der ihm als Führer zum Wohnort des Obristen dienen wolle? Wollen Sie dem guten Herren Beistand leisten? fragte der Wirth höchst erfreut.
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Ich will ihn besuchen, erwiederte der Graf zerstreut. So! sagte der Wirth mit gedehntem Tone, rief den Hausknecht mit verdrießlicher Miene und gab diesem eben so unfreundlich den Befehl, diesen Herren nach der Wohnung des Obristen zu führen, den er besuchen wolle.
Vorlage S. 151
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Der Graf hatte trotz der ungestümen Witterung den Weg bald vollendet; er hatte sein Pferd in der Schenke gelassen und näherte sich zu Fuße dem Haupteingange eines artigen Landhauses. Nicht hier hinein! rief ihm sein Führer zu, hier wohnt der Herr Verwalter jetzt; wenn Sie den alten Obristen besuchen wollen, müssen wir von der andern Seite hinein gehen. Mit diesen Worten führte er ihn durch den Hof, wo der Graf eine kleine Hinterthür des Hauses bemerkte. Nachdem ihm der Hausknecht gesagt hatte, dass diese zur Wohnung des Obristen führe, wurde er von dem Grafen verabschiedet, der nun die niedrige Thüre öffnete und sich in einem engen Raum befand, der eine Art Vorplatz bildete.
Vorlage S. 152
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Er wollte eben eine andere Thüre gegenüber öffnen, als er eine lärmend-zankende weibliche Stimme vernahm, die in unangenehmen Tönen kreischte: Was geht es mich an, ob Sie frieren oder nicht; wollen Sie Feuer haben, so bemühen Sie sich nur selbst darum, schaffen Sie sich nur Holz an, ich werde mich nicht mehr darum bekümmern.
Vorlage S. 152
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Um Gottes Willen, erwiederte eine sanfte bittende Stimme, wie kannst Du nur jedes Wortes wegen, das mein Vater spricht, so aufgebracht sein, Du weißt doch, wie lange er Dir ein guter Herr gewesen ist.
Vorlage S. 152
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Was Herr, rief das zankende Weib, wollen Sie eine Herrschaft vorstellen, so bezahlen Sie Ihre Leute, geben Sie mir, was mir zukommt an Essen, Trinken und Lohn, dann können Sie sagen, dass ich bei Ihnen diene.
Vorlage S. 153
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O Gott! bat die andere Stimme, schreie doch nicht so, mein Vater muss ja jedes Wort hören.
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Carl Spitzweg – Der Bücherwurm, um 1850. Motivvergleich zu Lesen und Wissen; keine Darstellung einer Figur dieses Buches.
Kontextbild zum Werk. Der Bücherwurm · Carl Spitzweg · Public domain Bildquelle ↗
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Was kümmert es mich, ob er es hört oder nicht; er mag sich Leute suchen, die ohne Lohn bei ihm dienen, und Hunger und Kummer mit ihm leiden, und zum Dank sich noch müssen schelten und quälen lassen. Meinetwegen mag er erfrieren, ich werde kein Feuer machen, und wenn Sie vom Herren Verwalter Holz haben wollen, so mögen Sie selbst gehen und darum bitten, Sie werden noch um Manches bitten müssen.
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Mit diesen Worten riss sie die Thüre auf, die der Graf öffnen wollte, und stürmte an diesem vorbei, nachdem sie ihn einen Augenblick, über den unvermutheten Anblick betroffen, angestarrt hatte.
Vorlage S. 153
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Der Graf betrat nun den Raum, den sie eben verlassen hatte. Es war eine kleine Küche, worin aber beinah gar kein Geräth sichtbar war, auch brannte kein Feuer auf dem Heerde, und durch eine zerbrochene Fensterscheibe wehte ein scharfer, kalter Wind das Schneegestöber hinein. Eine jugendliche, schlanke Gestalt lehnte sich, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, an der Mauer und schien sich nun, da sie sich allein glaubte, rücksichtslos dem Schmerz zu überlassen. Der Graf sah, wie ihre Thränen die feinen, von Kälte gerötheten Finger benetzten, doch schien sie im Schmerz die Kälte nicht zu fühlen, obgleich nur ein leichtes Kleid von gestreifter Leinwand den schlanken Körper bedeckte. Eine reiche Fülle dunkelbrauner Haare war ohne Kunst in starken Flechten um das zierliche Köpfchen geschlungen. Der Graf war einen Augenblick verlegen, wie er seine Gegenwart ankündigen sollte, da er so unvermuthet Zeuge ihres Kummers geworden war; endlich wendete er sich und machte die Thüre zu, die die hinausstürmende Magd hatte offen stehen lassen. Das Geräusch verursachte, dass die weinende Gestalt sich schnell aufrichtete, ihre Thränen eilig trocknete, und als sie sich zum Grafen wendete, mit erzwungener Fassung ihm entgegen trat. Der Graf fühlte sich innig bewegt, als die schönsten braunen Augen ihn fragend anblickten, deren Feuer durch Kummer und Thränen zu erlöschen drohte. Die reine Stirn, der milde, wehmüthige Mund, die blassen, mageren Wangen gewährten vereinigt ein so rührendes Bild von Hoheit, Schmerz und Mangel, dass der Graf eines Augenblickes bedurfte, ehe er mit Fassung nach dem Obristen fragen und sich als einen alten Bekannten desselben ankündigen konnte.
Vorlage S. 153
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Darf ich Sie nicht bitten, mir Ihren Namen zu nennen, erwiederte das junge Mädchen, damit ich meinen Vater auf Ihren Besuch vorbereiten kann?
Vorlage S. 155
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Der Graf, der sich fürchtete abgewiesen zu werden, da der Obrist in seiner Lage so menschenscheu geworden war, sagte schnell: Erlauben Sie mir mit Ihnen zugleich einzutreten, ich muss Ihren Vater durchaus sprechen. Therese, so hieß die Tochter des Obristen, sah den Fremden mit Furcht und Zweifel an, ob er nicht ein Bote neuen Kummers sei, aber dennoch war sie zu schüchtern, als dass sie ihm den Eintritt zu verbieten gewagt hätte, und so betrat der Graf mit ihr zugleich ein kleines Zimmer, das der Familie zum Wohnort diente, da der Verwalter schon das übrige Haus in Besitz genommen hatte. Auch das Zimmer war beinah von allem Geräth entblößt und doch der Raum darin beschränkt; ein schmales Bett nahm die eine Wand ein, die andere wurde durch einen Schirm bedeckt, hinter welchem ein ähnliches zu stehen schien; ein Tisch von schlechtem Holz stand unter dem Fenster, ein Lehnstuhl von gleichem Werthe daneben; diese Dinge nebst einem Stuhle machten den ganzen Hausrath aus. In dem Lehnsessel am Fenster saß ein langer, hagerer alter Mann, dessen Körper eine sehr abgetragene Uniform als Bekleidung dienen musste, in dessen Gesicht Alter und Gram tiefe Furchen gezogen hatten, dessen wenige graue Haare ungeordnet um seine Schläfe hingen, dessen blasse Lippen sich fest, fast krampfhaft schlossen und so auf die Gewalt deuteten, die er sich anthat, um dem auf ihn eindringenden Elende zu begegnen. Diese Gestalt erhob sich beim Eintritt des Grafen langsam aus dem Sessel. Es war der Obrist Thalheim, der, indem er den Grafen mit Kälte begrüßte, und ihn fragend und verwundert betrachtete, zu erwarten schien, dass dieser so kurz als möglich die Ursache aussprechen würde, die ihn zu diesem Besuch bestimmt habe. Den Grafen machte dieser stumme Empfang verwirrt; Ich weiß nicht, fing er nach einigen Augenblicken an, ob Sie meine Zudringlichkeit entschuldigen werden, wenn ich Ihnen meinen Namen nenne und Sie an die Freundschaft erinnere, die Sie früher für meinen Vater hatten. Ich bin der Graf Hohenthal.
Vorlage S. 155
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Der Obrist verbeugte sich schweigend und erwartete, dass der Graf weiter reden würde. Da ich seit einiger Zeit auf meinen Gütern lebe, fuhr der Graf fort, und es erfahren habe, dass Sie sich in meiner Nähe aufhalten, so eilte ich Ihre Wohnung aufzusuchen, um wo möglich die Freundschaft, welche Sie für meinen Vater hatten, auch für mich in Anspruch zu nehmen.
Vorlage S. 156
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Sehr verbunden, sagte der Obrist, indem er sich abermals verbeugte. Der Graf, von Neuem durch die Einsylbigkeit desselben in Verlegenheit gesetzt, fuhr nach einer kleinen Pause fort: Ich beklage nur, dass ich Ihren Aufenthalt so spät erfahren habe, eben in dem Augenblicke, da Sie Ihren Wohnort verlassen wollen.
Vorlage S. 156
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Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte der Obrist mit bitterem Lächeln. Er schwieg einen Augenblick, und die blassen Wangen rötheten sich nach und nach, er suchte seine innere Wallung zu bekämpfen und fing seine Rede mit scheinbarer Gelassenheit an, die ihn nach und nach verließ, bis er endlich dem lange unterdrückten Schmerz die volle Gewalt über sich einräumen musste.
Vorlage S. 157
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Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte er noch einmal, indem er einen zornigen Blick auf den Grafen richtete. Es ist unmöglich, fuhr er fort, dass Ihnen meine Lage unbekannt ist; weßhalb wollen Sie meiner spotten? Ich habe mich von den Menschen zurückgezogen, ich habe ihnen meinen Jammer verborgen, weil ich mir ihren Beistand weder wollte abschlagen lassen, noch ihn um einen zu theuern Preis erkaufen, ich habe mit meinem armen Kinde nach und nach Alles entbehren gelernt, was uns Gewohnheit theuer machte, ja endlich auch, was das Bedürfnis heischte; uns blieb nichts mehr, um uns zu erwärmen, wir haben kaum noch ein Mittel uns zu sättigen, und morgen wird meinem grauen Scheitel und ihrer zarten Jugend auch noch das Obdach geraubt; dann fasse ich die Hand meines Kindes und führe sie hinaus, dem stürmenden Winterwinde entgegen und versuche, ob es mein Herz leichter erträgt, sie am Wege sterben zu sehen oder die Menschen anzuflehen, ihr ein elendes Leben zu fristen. Die Stimme des Obristen wurde ungewiss, indem er die letzten Worte sprach; man sah, dass er die Thränen niederkämpfte, aber schnell gefasst fuhr er zum Grafen gewendet ruhiger fort: Da ich mein Elend nicht mehr verbergen kann, so habe ich es Ihnen mit wenigen Worten ganz gezeigt. Sie sehen nun, ob ich meinen Wohnort freiwillig verlassen will; was können Sie mir noch zu sagen haben? setzte er mit weicherer Stimme hinzu, als er die Rührung des Grafen bemerkte.
Vorlage S. 157
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Ich muss mich selber tadeln, erwiederte dieser, dass ich nicht den rechten Ton gefunden habe, Ihnen meine Theilnahme zu zeigen. Ich hörte allerdings von Ihrer Lage und ich kam, Ihnen den Beistand anzubieten, den ich dem Freunde meines Vaters schuldig zu sein glaube.
Vorlage S. 158
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Der Obrist sah ihn bei diesen Worte mit zweifelnden Blicken an; es schien, als ob er es nicht wagte der Hoffnung Raum zu geben, die sich im Herzen anfing zu regen. Therese, die in Verzweiflung still geweint hatte, hob den nassen Blick verwundert und hoffnungsvoll zum Grafen auf, der eilig fortfuhr, um Beide zu beruhigen. Er eröffnete dem Obristen, dass ein Meierhof ganz nahe beim Schlosse Hohenthal unbewohnt sei, weil die Pachtzeit des vorigen Pächters geendigt wäre, und in diesen stürmischen Zeiten sich kein anderer gefunden habe. Er bot diesen dem Obristen zum Aufenthalt an, und, fügte er hinzu, da ich weiß, dass Ihre Verlegenheit dadurch so gesteigert worden ist, dass Ihre Pension in den letzten Zeiten nicht ist ausgezahlt worden, so erlauben Sie mir, diese kleine Summe für meinen König auszulegen; es ist das Geringste, setzte er schnell hinzu, was ein treuer Unterthan zu tun verpflichtet ist; ich werde diese Auslagen in der Zukunft gewiss zurück erhalten, und man wird mir noch danken, dass ich einen verdienten Krieger dadurch aus unwürdigen Verlegenheiten befreit habe.
Vorlage S. 158
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Der Obrist, der so grade und stolz mit verzweiflungsvollem Muth dem schrecklichsten Elende hatte entgegen gehen wollen, fühlte nun seine Sehnen erschlaffen; wie uns die durch einen heftigen Schmerz gewaltsam aufgeregten Kräfte auf einmal verlassen, wenn der Schmerz selbst von uns weicht, so machte ihn das Gefühl der Erlösung aus seiner entsetzlichen Lage kraftlos; er sank auf seinen Lehnsessel zurück und vermochte nicht die Thränen zurück zu halten, die nun in reichen Strömen über seine gefurchten Wangen flossen; sein Auge richtete sich nach oben, und mühsam erhob er auch die zitternden, gefalteten Hände; die Lippen bewegten sich stumm, wie es schien, zum inbrünstigen Danke. Die Tochter flog herbei und warf sich mit Ungestüm vor den Vater nieder; sie umarmte mit Heftigkeit seine Knie, aber auch sie vermochte nicht zu reden. Der Greis blickte auf sein Kind nieder, er streckte eine Hand nach ihr aus, die aber kraftlos auf die schönen, braunen Locken des zierlichen Köpfchens herabsank; der Blick der Liebe erstarb, den er auf die Tochter richten wollte; sein Auge schloß sich und er sank zurück wie in die Arme des Todes. Der Graf hob erschrocken die Tochter vom Boden auf, die nun erst den Zustand des Vaters bemerkte; Beide bemühten sich den entkräfteten Greis ins Leben zurück zu rufen. Therese hatte ein Glas kaltes Wasser geholt als einziges Stärkungsmittel, das im Hause vorhanden war; man besprützte den Obristen damit, man rieb ihm die Schläfe, bis er endlich zur größten Beruhigung des Grafen die Augen wieder öffnete, denn dieser fing im Ernst an zu fürchten, dass er nicht wieder athmen würde.
Vorlage S. 159
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Der entkräftete Greis blickte lächelnd bald seine Tochter, bald den Grafen an, und schien sich nicht deutlich auf alles Vorgefallene besinnen zu können. Der Graf, der seine größte Ermattung bemerkte, fürchtete noch immer für ihn und führte ihn mit Hülfe der Tochter zu seinem ärmlichen Lager. Der Obrist ließ es geschehen, ohne zu fragen und ohne sich zu sträuben, und ein wohlthätiger, erquickender Schlummer schloß aufs Neue seine von Thränen feuchten Augen.
Vorlage S. 160
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Der Graf fühlte sich wunderbar bewegt; er blickte auf den schlafenden Greis, auf die seitwärts stehende Tochter; das ärmliche Gemach, die dürftige Kleidung der Bewohner, Alles drückte höchsten Mangel aus, und dennoch schien ein so lieblicher Frieden in diesem Augenblick in dem kleinen Raume verbreitet zu sein, dass der Graf sich unendlich wohl darin fühlte. Er setzte sich selbst auf den Lehnsessel des Alten nieder, eine behagliche Wärme fing an sich im Zimmer zu verbreiten, und man hörte das Feuer im Ofen knistern; die zankende Magd war nämlich, halb von Reue, halb von Neugierde angetrieben, zurückgekehrt, und hatte das nötige Holz verschafft und in der Stille Feuer im Ofen angezündet.
Vorlage S. 161
397
Der Graf hatte den ziemlich weiten und beschwerlichen Weg in kalter, unfreundlicher Witterung zurückgelegt, er fühlte sich selbst ein wenig entkräftet, und als er auf seine Uhr blickte, musste er sich überzeugen, dass er nicht, wie er gehofft hatte, zur Mittagstafel zurück nach Hohenthal reiten könnte. Er wendete sich also an die Tochter des Obristen mit der freundlichen Bitte, diesen Mittag ihr Gast sein zu dürfen, und bereuete die Bitte, sobald er sie ausgesprochen hatte. Er fühlte mit Beschämung, dass auch für ihn, wie für alle Reiche, selbst dann wenn sie die Brüder den drückendsten Mangel leiden sehen, die Armuth etwas durchaus Fremdes und Unverstandenes geblieben sei. Seine unbesonnene Bitte setzte die arme Therese in die peinlichste Verlegenheit; sie, die sich gern vor ihm niedergeworfen hätte, um ihn wie ein himmlisches hülfreiches Wesen zu verehren, die gern die Hände mit dankbaren Thränen gebadet hätte, die so reichen Segen über ihres Vaters lezte Lebensjahre verbreiten wollten, und nur durch weibliche Scheu zurückgehalten wurde, hatte nun nichts, wusste nun nichts, was sie dem verehrten Gast als Erquickung anbieten konnte. Eine dunkle Röthe überflog ihr Gesicht, sie verbeugte sich schüchtern und wollte zur Thür hinausschlüpfen; der Graf aber erinnerte sich in demselben Augenblicke des Wortwechsels, den er gehört hatte, als er das Haus betrat, und folgte ihr auf dem Fuße. Die zänkische Magd stand am Heerde in der Küche, auf dem ein helles Feuer brannte. Der Graf befahl ihr mit ernster Stimme, das Mittagsessen für die Familie zu bereiten, indem er ihr zugleich versicherte, dass gleich nach Tische der Obrist sich mit ihr berechnen und ihren Lohn sowohl, als alle rückständigen Auslagen berichtigen würde. Therese errieth aus dieser Anordnung, dass der Graf mit der Unverschämtheit der Magd bekannt sei, und indem ihre Thränen von Neuem flossen, wusste sie selbst nicht, ob aus erhöhter Dankbarkeit oder Beschämung.
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Als beide nach dem kleinen Zimmer zurückkehrten, war der Obrist nach kurzem Schlummer sehr gestärkt erwacht, und der Graf konnte mit ihm alle nötigen Verabredungen wegen seiner künftigen Einrichtung treffen; er strengte sich an, mit Ruhe und Fassung auf alle Vorschläge des Grafen einzugehen, weil dieser bemüht war, jeden Schein der Wohlthat zu entfernen und die Sache wie ein Geschäft zwischen Freunden zu behandeln; indessen hörte man es seiner Stimme an, dass er die Rührung nur mit Gewalt unterdrückte; endlich aber, als der Graf die Summe in Gold auf den Tisch gelegt hatte, die seine rückständige Pension betrug, und noch einmal den Obristen bat, sie so lange von ihm zu empfangen, bis die Zeiten wieder ruhiger würden, wo sie ihm unfehlbar von den Behörden wieder ausgezahlt werden müsse, konnte der Greis sich nicht zurückhalten, er schloß mit leidenschaftlicher Heftigkeit den Grafen in die Arme und rief: O! Du echter Sohn Deines Vaters, Du wahrer Erbe seines Herzens, ich bin ja nicht so hoffährtig, dass ich es nicht erkennen sollte, wir armen bedrängten Menschen bedürfen einer des andern, ich bin ja nicht so roh, dass ich Deine Milde nicht erkennen sollte, ich bin ja nicht so undankbar, dass ich für empfangene Wohlthat nicht danken könnte. Ach! hätte ich einen Freund gehabt, wie Dich, ich wäre ja nicht zu solchem Elende herabgesunken; hätte ich einen solchen Freund in meiner Nähe geahnet, ich würde ihn ja um Hülfe angesprochen haben und nicht in Gefahr gerathen sein, mit meinem armen Kinde zu verschmachten. Therese hatte sich nun auch einer Hand des Grafen bemächtigt, die sie mit Küssen und Thränen bedeckte. Der Graf überließ sich seiner Rührung und ihren Liebkosungen, weil er fühlte, dass man die Herzen gefühlvoller Menschen am schmerzlichsten verwundet, wenn man gleichsam zu vornehm ihren Dank gar nicht annehmen will, sondern sich unfreundlich ihrer Liebe entzieht. Die Gemüter waren endlich wieder ein wenig beruhigt worden, und man suchte sich gewaltsam zu fassen, als die Magd hereintrat, um den Tisch für die kleine Gesellschaft zu decken. Sie starrte verwundert die noch auf demselben liegenden Goldmünzen an und verließ das Zimmer augenblicklich wieder, weit bescheidener, als sie eingetreten war. Der Obrist betrachtete nachdenklich das kleine Häufchen Goldes, und ein wehmüthiges Lächeln schwebte um seinen Mund. Auch ich, sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen, war einmal in der Lage, eine solche Summe weggeben zu können, und ich darf mir das Zeugnis geben, ich habe es mehr, als ein Mal, getan; aber dennoch muss ich gestehen, habe ich niemals das wahre Mitgefühl für meine leidenden Brüder gehabt, weil ich das gräßliche Elend, das ein Mensch erdulden kann, nicht kannte, weil ich nicht zu ahnen vermochte, von welchen Qualen eine solche Summe uns erlösen kann. Ach! fuhr er tief seufzend fort, wenn man sein Vermögen nach und nach schwinden sieht, wenn es endlich bis auf eine solche Summe geschwunden ist, und wir trostlos einem dürftigen Alter entgegen sehen, dann glaubt man zu verzweifeln; wenn aber auch dieser schwache Rest sich nun täglich vermindert und dadurch unsre Sorge vermehrt: wenn wir nichts mehr unser nennen, als eine solche Münze, wie glücklich dünkt uns dann der Zustand, in welchem wir noch eine solche Summe besaßen; wenn wir nun endlich mit zagender Hand das letzte Goldstück hinreichen und es in Scheidemünze verwandeln lassen, wie ängstlich zuckt unser Herz bei jedem Stückchen Silber, um welches wir unsern kleinen Schatz verringern. Ach! und mit welchem Gefühl geben wir die letzte, allerlezte kleine Münze hin; es ist, als ob man von dem Leben schiede. Der Obrist bedeckte sein Gesicht und konnte die Rührung nicht beherrschen, die sich seiner von Neuem bemeisterte. Der Graf legte sanft seine Hand auf den Arm des alten Mannes und sagte mit milder, tröstender Stimme: Lassen Sie das Vergangene vergangen sein, lassen Sie uns mutig den Blick auf die Zukunft richten, die für uns Alle noch vieles Erfreuliche enthalten kann.
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Der Obrist antwortete nur durch einen Händedruck und trocknete schnell seine Augen, als die Magd von Neuem eintrat und noch einen Stuhl brachte, der ganz unentbehrlich war, wenn drei Personen zu Tische sitzen sollten. Der Obrist nahm das Gold von dem Tische hinweg, über den ein schlechtes Tischtuch gebreitet werden sollte, und hielt es einen Augenblick verlegen in der Hand, denn nirgends im Zimmer war etwas, worin man diese Summe hätte aufbewahren können; lächeld steckte er sie endlich zu sich.
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Das ärmliche Mahl war bald geendigt, und der Graf erinnerte an die nötige Berechnung mit dem neuen Verwalter, die er gern noch beendigt sehen wollte, ehe er sich von seinen neuen Freunden trennte. Der Obrist befahl der Magd, den Herrn Verwalter zu ihm her zu bitten, und der Graf fing, als die Magd gegangen war, diesen Auftrag auszurichten, eben an, mit dem Obristen zu verabreden, dass er ihm morgen die nötigen Pferde und Wagen senden wolle, um ihn in seine neue Heimat hinüberzuführen, als die Magd die Thür mit einigem Ungestüm aufriß und, durch die Grobheit des Verwalters selbst wieder zur Grobheit ermuthigt, zum Zimmer hinein rief: der Herr Verwalter hat keine Zeit hieher zu kommen, er sagt, wenn Sie etwas mit ihm zu sprechen hätten, so könnten Sie eben so leicht zu ihm, als er zu Ihnen kommen. Eine glühende Röthe überflog das blasse Gesicht des Obristen, und hastig wollte er sich aus seinem Sessel erheben und der Magd folgen, die die Thüren wieder zugeworfen hatte. Der Graf aber drückte ihn sanft auf seinen Sitz zurück und sagte: Ich werde gehen und für Sie die Berechnungen mit dem Verwalter abschließen. Ein dankbarer Blick Theresens belohnte den Grafen, der das Zimmer sogleich verließ und der Tochter die Sorge überließ, den aufgeregten Vater wieder zu beruhigen.
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Der Graf selbst war durch die Ungezogenheit empört worden, die man sich gegen eine Familie erlaubte, die man für hülflos hielt, und benutzte den Gang in der kalten Luft, um seinen Unwillen zu unterdrücken. Er musste nämlich, wie schon bemerkt, nachdem er die Wohnung des Obristen verlassen, zur Hinterthür hinausgehen, das ganze Haus sammt dem Hofe umkreisen, um dann durch den Haupteingang zur Wohnung des Verwalters zu gelangen. Da kein Mensch im Hause sichtbar war, so stand der Graf mit einiger Verlegenheit in einem geräumigen Vorsaal und wusste nicht, wohin er sich wenden sollte, um den unhöflichen Bewohner des Hauses aufzufinden; endlich bestimmte ihn ein leises Geräusch, sich einer der verschiedenen Thüren zu nähern, er klopfte an diese Thür, und herein rief ihm eine tiefe Baßstimme entgegen; der Graf öffnete und bemerkte an einem Tische sitzend zwischen dicken Tabackswolken einen Mann von ungefähr funfzig Jahren, dessen ansehnliche Breite und starker Gliederbau ihn sogleich als denjenigen bezeichneten; dem die tiefe Baßstimme angehörte, so wie er auch aus einer großen Tabackspfeife die Wolken heraus blies, in die er sich selbst halb verhüllte. Bei des Grafen Eintritt schob er einen beschriebenen Bogen unter andere Papiere, befreite mit plumpen Fingern die Kupfernase von der Brille, betrachtete einige Augenblicke den Grafen und fragte dann ohne alle Zeichen der Höflichkeit: Was begehrt der Herr? und gab sich so als den Herrn des Hauses kund. Ihm gegenüber saß an demselben Tische ein junger Mann von schlanker Gestalt, zierlich nach der neuesten Mode gekleidet, das braune Haar gelockt, der ansehnliche Backenbart gekräuselt, das Auge zwar auch mit Gläsern bewaffnet, doch schien auch dies mehr Mode als Bedürfnis, auch verschmähte er die plumpe Art des älteren Mannes zu rauchen, sondern erregte nur ganz kleine Dampfwolken durch eine Cigarre, die in einer goldenen Röhre steckte. Dieser zierliche Mann war mit Schreiben beschäftigt, worin er sich durch den Eintritt des Grafen nicht stören ließ, ohne sich auch nur ein Mal nach ihm umzusehen, indem er mit weißen Fingern aus einer nach dem neuesten Pariser Geschmacke gearbeiteten goldnen Dose, die neben ihm auf dem Tische stand, ein wenig Taback nahm; ein sehr feines battistenes Schnupftuch neben der Dose vollendete das Bild eines höchst zierlichen Herrn.
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Der Graf hatte einen Augenblick die beiden so höchst verschiedenen Gestalten betrachtet und fragte dann: Wer von ihnen, meine Herren, ist der Verwalter des Guts? Ich, erwiederte der Breite, indeß der Schlanke ungestört fortschrieb; was verlangen Sie von mir? Ich komme, erwiederte der Graf, im Namen des Herrn Obristen von Thalheim, um mit Ihnen seine Berechnungen abzuschließen. Und Wer sind Sie? fragte mit einem hämischen Seitenblick die plumpe Gestalt. Ich bin der Graf Hohenthal, erwiederte dieser verdrießlich, und ich hoffe, Sie werden keine Schwierigkeiten dabei finden, sich mit mir im Namen des Herrn Obristen zu berechnen, da ich von ihm beauftragt bin, jeden Rückstand sogleich zu berichtigen. O! ganz und gar nicht, sagte der Verwalter, indem er mit plumper, verlegener Höflichkeit die Pfeife auf den Tisch legte, den beschriebenen Bogen, den er schon bei des Grafen Eintritt unter andere Papiere geschoben hatte, noch tiefer verbarg und nun so eilig, als sein schwerer Körper es gestattete, ging, um einen Stuhl für den Grafen zu holen. Der junge Mann war ebenfalls aufgestanden, als sich der Graf genannt hatte; er steckte scheinbar gleichgültig seine goldene Dose und sein battistenes Schnupftuch ein, ließ dann seitwärts einen Blick an dem Grafen hinunter gleiten, nahm seine Papiere zusammen und verließ mit einer leichten, zierlichen Verbeugung das Zimmer.
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Der Graf brachte nun sein Geschäft mit dem Verwalter sehr bald in Ordnung, dessen rohe Ungezogenheit sich in eine eben so plumpe Unterwürfigkeit verwandelt hatte, seitdem er wusste, Wer mit ihm sprach und Wer sich des Obristen annahm. Als der Graf zu diesem zurückkam, fand er ihn abermals in einem Wortwechsel mit der Magd. Diese war nämlich von ihrer Herrschaft bezahlt und ihr angekündigt worden, dass man ihre Dienste nur noch bis zum morgenden Tage bedürfe, und nun zerfloß sie in Thränen darüber, dass sie von ihrer Herrschaft, mit der sie so Vieles gelitten habe, verstoßen werden solle.
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Der Graf rieth seinen Freunden, ihr Geschrei durch ein Geschenk zu beendigen, durchaus aber sie nicht mit sich nach ihrem neuen Wohnorte zu nehmen. Als endlich auch dies beseitigt war, nahm der Graf von seinen neuen Freunden Abschied, indem er sein Versprechen wiederholte, am folgenden Tage ihnen die nötigen Equipagen zu senden. Dem Obristen und seiner Tochter war es kaum möglich, den Grafen scheiden zu lassen, an dem sie mit der dankbarsten Liebe hingen, der wie ein höheres Wesen sie auf ein Mal aus dem tiefsten Elende befreit hatte. Beide hatten ihn begleitet, der Vater hielt seine rechte, die Tochter seine linke Hand; so hatten sie die Schwelle des Hauses überschritten. Morgen, rief der Graf, morgen sehen wir uns wieder. Wenn nur meinem Vater die strenge Kälte nicht schadet, sagte Therese leise, indem ihr thränenschwerer Blick auf dem weißen Scheitel des Greises ruhte, dessen wenige graue Haare im scharfen Nordwinde flatterten, und dessen abgetragene Uniform die durch Kummer und Alter entkräfteten Glieder nicht gegen die rauhe Witterung zu schützen vermochte. Der Graf folgte mit seinen Augen dem Blicke der Tochter und betrachtete dann einen Augenblick die schlanke, feine Gestalt, die selbst vor Kälte in der dünnen Kleidung zitterte; noch ein Mal fühlte er, was es auf sich habe mit den Leiden der Armuth; kaum vermochte er seine heftige Rührung zu unterdrücken. Ich werde für Alles sorgen, rief er nur der Tochter noch zu und entzog sich mit einem herzlichen Händedrucke eilig Beiden.
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Der Obrist und seine Tochter folgten mit den Augen ihrem Freunde so lange, bis ein Gebüsch ihn ihren Blicken entzog, und kehrten dann beruhigt, getröstet, in dankbarer Liebe überfließend in ihr ärmliches Gemach zurück. Der Graf suchte die Schenke eilig zu erreichen und bemerkte schon von fern, wie des Wirths rundes Gesicht ihm unendlich freundlich durch die Scheiben des kleinen Fensters entgegenblickte; er kam auch dem Grafen schon an der Hausthür entgegen, nahm ihm den Mantel ab und öffnete geschäftig die Thüre des Zimmers. Eine Tasse warmer Kaffee, versicherte er gutmüthig, wird Ew. Gnaden bei dem kalten Wetter gut tun, ehe Sie Ihren Rückweg antreten, und sogleich näherte sich die Wirthin, um dem Grafen dieses Getränk in reinlichem Geschirr anzubieten. Diesem war es in der That nach dem ärmlichen Mahl eine Erquickung, und er nahm es gern an, obgleich er sich über des Wirths veränderte Stimmung wunderte, deren Ursache ihm jedoch nicht lange verborgen blieb. Der Wirth ließ es sich deutlich merken, dass er es schon erfahren habe, wie mild der Graf für den Obristen gesorgt habe. Die grobe Magd war nämlich schon früher, als der Graf in der Schenke gewesen und hatte die große Neuigkeit verkündigt. Da ihn der Graf nicht über diese Sache zu Worte kommen ließ, so suchte er seinen Beifall durch erhöhte Dienstfertigkeit auszudrücken, und als der Graf endlich nach seinen Pferden rief und seine Rechnung verlangte, hätte der Wirth gern nichts genommen, und nur des Grafen stolzes Gesicht schreckte ihn ab, doch richtete er seine Forderung äußerst mäßig ein, und als er das Geld empfing, beschloss er dasselbe dem ersten Armen zu schenken, der bei ihm herbergen würde; dann führte er des Grafen Pferd selbst vor und hielt ihm den Bügel. Nun reisen Sie mit Gott, sagte er, als der Graf zu Pferde saß, Sie haben heut ein christliches Werk getan. Sie sind es besser im Stande, als ich, der Segen bleibt nicht aus. Der Graf betrachtete einen Augenblick das breite, gutmüthige Gesicht des Mannes, der so herzlich froh und dankbar aussah, als ob ihm selbst eine große Last abgenommen wäre, und trat dann heiteren Muthes den Rückweg nach dem Schlosse Hohenthal an.
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XI
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Die Abenddämmerung war schon eingebrochen, und noch immer erwartete die Gräfin und Emilie mit ängstlicher Ungeduld den Grafen vergeblich. Die Sorge der Frauen war von Neuem erregt worden durch die Nachricht, die der Schulze so eben gebracht hatte, dass einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt seien, von denen er nicht mit Gewissheit angeben konnte, ob sie zu den feindlichen oder freundlichen Schaaren gehörten. St. Julien verweilte noch auf seinem Zimmer, Dübois war bei ihm beschäftigt und der Arzt schon am Morgen nach Krumbach geritten, wohin er eilig zu kommen aufgefordert worden war, um ärztlichen Beistand zu leisten. Emilie quälte sich mit der doppelten Sorge, dass der Oheim auf seinem Wege auf feindliche Truppen gestoßen sei, die ihn mit fortgeführt hätten, oder dass feindliche Truppen während seiner Abwesenheit die Bewohner des Schlosses bedrängen könnten, und in beiden Fällen zeigte ihr ihre Phantasie ungewisse Bilder von Gräueln, die um so quälender waren, weil sie sich nicht deutlich bewusst war, was sie eigentlich fürchtete; auch die Gräfin war durch die Nachricht des Schulzen beunruhigt, doch war ihre Hauptsorge die, dem Grafen möchte ein Unfall begegnet sein, und sie war eben im Begriff, Befehle zu er theilen, dass man ihm auf dem Wege, den er kommen musste, entgegen reiten sollte, als der Hufschlag eines Pferdes hörbar wurde und gleich darauf ein Reiter in den Hof sprengte. Beide Frauen eilten zum Fenster, sie vermutheten mit Gewissheit den Grafen, es war aber der Arzt, der gleich darauf hastig und lärmend die Treppen heraufstieg, und mit vor Zorn und Kälte gerötheten Wangen das Zimmer betrat, in dem die Frauen sich aufhielten. Man sah es dem Arzte an, dass etwas Großes seine Seele bewegte, der Zorn beherrschte ihn aber so sehr, dass er nicht sogleich durch Worte die Qual seines Herzens erleichtern konnte, und erst nach wiederholten Fragen der Gräfin und ängstlichen Bitten Emiliens strömte er abwechselnd lateinische und deutsche Sentenzen über die Schlechtigkeit der menschlichen Natur aus. Nur nach langem Forschen erfuhren die Frauen die Ursache des ungewöhnlich heftigen Zornes des Arztes. Er war, als er von seinen Krankenbesuchen hatte heimkehren wollen, in der Schenke des Dorfes gewesen, um sein Pferd dort wieder in Empfang zu nehmen, und war bei seinem Eintritte durch heftig streitende laute Stimmen überrascht worden, die zu seinem Erstaunen den Namen des Grafen wiederholt nannten; hiedurch sei seine Aufmerksamkeit erregt worden, berichtete er, und er habe mit Abscheu gehört, wie man den Grafen öffentlich beschuldigt habe, er stehe mit den Feinden in Verbindung. In seinem Hause halte sich verkleidet ein bedeutender französischer Offizier auf und leite von da aus die Operationen der Feinde; auch der alte Haushofmeister diene als Spion. Er habe es deutlich bemerkt, behauptete er, dass diese schändlichen Beschuldigungen hauptsächlich von einem jungen Manne in schwarzer, zierlicher Kleidung ausgegangen waren, viele Bauern und andere in der Schenke anwesende Personen hätten ihren Abscheu durch laute Verwünschungen des Grafen kund getan, andere, bessere, hätten den Grafen vertheidigt, diesen habe sich der Arzt natürlich angeschlossen, es habe nicht viel dazu gefehlt, dass ein blutiger Streit entstanden wäre, und Gott weiß, so schloß der Arzt seinen Bericht, welches mein Schicksal gewesen wäre, wenn nicht glücklicher Weise der Baron Löbau das Zimmer der Schenke betreten hätte, auf dessen Ermahnungen die Gemüter sich beruhigten, besonders als er mit großer Herablassung den unvernünftigen Bauern die Geschichte des verwundeten Franzosen weitläufig erzählte. Als der Tumult sich gelegt hatte, fuhr der Arzt fort, reiste der Baron weiter, der bloß seine Pferde hatte ein wenig ausruhen lassen, und Jederman bemerkte nun mit Erstaunen, dass der schwarz gekleidete junge Mann sich ganz still beim Eintritt des Barons entfernt hatte. Es war weislich von ihm gehandelt, setzte der Arzt noch hinzu, denn seine Verläumdungen würden ihm nun übel bekommen sein.
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Die Gräfin war sichtbar bestürzt über den Bericht des Arztes, und Emilie brach in Thränen und Klagen aus. Ist es möglich! rief sie, dass eine Handlung der Menschenliebe absichtlich so verkannt wird; wäre es glaublich, wenn wir es aus der Ferne vernähmen, dass eine so unschuldige Sache so böslich gedeutet werden kann? Ist es nicht höchst schmerzlich, dass Menschen so feindselig gesinnt sein können? Wie glücklich bist Du, liebe Emilie, sagte die Gräfin mit bitterem Lächeln, dass solche Erfahrungen Dich noch so tief verletzen; Du ehrst und liebst noch die Menschen im Allgemeinen in der Unschuld Deines Herzens; glaube mir, setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu, man bedarf großer eigner Tugend, um, wenn man die Menschen kennt, nicht an der Menschheit zu verzweifeln. Gott lasse mich niemals Erfahrungen machen, rief Emilie mit Lebhaftigkeit, die mich zu solchen Betrachtungen zwängen. Amen! sagte die Gräfin mit Ernst, von ganzem Herzen stimme ich diesem Wunsche bei; glaube mir, fuhr sie mit Güte fort, man erkauft solche Einsichten sehr theuer und fühlt sich nicht glücklicher durch die erlangte Weisheit. Mich befremden dergleichen Erfindungen wenig; auch fühle ich mich kaum durch die Bosheit, die darin enthalten ist, verletzt, obgleich die Verläumdung einen der edelsten Menschen trifft; nur erfüllt es mich mit Sorgen, wenn ich bedenke, wie nächtheilig dergleichen Gerüchte dem Grafen werden können.
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Nachteil, sagte der Arzt, kann nicht mehr aus der Schlechtigkeit entstehen, denn alle Menschen in der Schenke wurden über die Sache aufgeklärt und werden gewiss auch Andere belehren; wenn der schwarze Bösewicht mit seinen Verläumdungen sich noch ferner hervorwagen sollte, mit Feuereifer wird man ihm widersprechen.
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Daran zweifle ich, sagte die Gräfin lächelnd, vielmehr steht zu befürchten, dass man die ganze Geschichtserzählung des Baron Löbau in solchem Falle vergessen wird, oder wenn man sich seiner auch erinnert, so wird er selbst als ein halber Mitschuldiger erscheinen, wie die erhitzten Gemüter jeden so betrachten werden, der es übernimmt, den Grafen zu vertheidigen, und dies wird natürlich Jedermann zum Schweigen bewegen.
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Mich nicht, rief der Arzt mit höchster Lebhaftigkeit, mich nicht, und wenn es mir das Leben kostet, so werde ich Jedermann zeigen, wie schändlich und wie wahnsinnig eine solche Behauptung ist; auf mich kann der Herr Graf zählen. Wie ernsthaft der Gegenstand auch war, über den man sich besprach, so zwang die komische Heftigkeit des Arztes der Gräfin dennoch ein Lächeln ab, und sie erwiederte ihm in halb scherzhaftem Tone: ich zweifle an Ihrer Treue keinesweges, und obgleich der Apostel Petrus den Herrn verläugnete in der Stunde der Gefahr, und uns dies deutlich die Schwäche des menschlichen Herzens zeigt, so werde ich doch auf Ihre Standhaftigkeit bauen. Mit Empfindlichkeit versetzte der Arzt, man werde vielleicht noch einmal Gelegenheit haben, die Bemerkung zu machen, dass er nicht vergeblich die Kenntnis der größten Tugenden aus griechischen und lateinischen Autoren sich erworben habe, es könne wohl noch kommen, dass man ihm das Zeugnis geben müsste, dass er sie auch auszuüben verstände. Er richtete, indem er dies sagte, seine kleinen blitzenden Augen scharf auf die Gräfin, die diese Bitterkeit mit ruhiger Gelassenheit hinnahm und statt aller weiteren Erwiederung den Arzt bat, St. Julien die Sache zu verschweigen, um ihn nicht unnütz zu beunruhigen, und es ihr zu überlassen, dem Grafen die nötige Mittheilung zu machen. Der Arzt hatte kaum jene Worte gesprochen, als er auch schon heftig erschrak über die gefährliche Kühnheit, zu der ihn, wie er glaubte, sein lebhaftes Gemüt hingerissen hätte, und eben so sehr war er nun erstaunt, dass die Gräfin seine beabsichtigte Beleidigung gar nicht zu bemerken schien; um so bereitwilliger daher war er, das verlangte Versprechen zu geben. Man hatte während dieser Gespräche die augenblickliche Sorge für die Sicherheit des Grafen vergessen; man hatte nicht so ängstlich auf jeden Huf schlag gelauscht, so dass ein Ausruf freudiger Ueberraschung den Grafen bewillkommnete, als er von seinem späten Ritte heimkehrend die Gesellschaft vermehrte. Man sah es an der ungewöhnlichen Heiterkeit, mit welcher der Graf die Frauen begrüßte, dass er mit dem verflossenen Tage zufrieden war; sehr behaglich fühlte er sich am Theetische im warmen, erleuchteten Zimmer nach dem beschwerlichen Wege in Kälte und Dunkelheit. Wir waren recht besorgt um Sie, sagte Emilie, da Sie so lange ausblieben. Ich hielt mich beim Prediger auf, versetzte der Graf, aber wo ist St. Julien? Ich dachte ihn bei Euch, meine Lieben, zu finden; er ist doch nicht wieder krank oder melancholisch? Kann es mir begegnen, rief der Arzt, indem er sich heftig vor die Stirn schlug, dass ich meine Pflicht versäume, dass ich meine Kranken nicht gehörig besuche? Mit diesen Worten wollte er zum Zimmer hinausstürmen und stieß auf St. Julien, der eben eintreten wollte. Kaum vermochte er es, die Frauen und den Grafen zu begrüßen, so eilfertig bemächtigte sich der Arzt seiner, um sich in einen Strom von Selbstanklagen und Entschuldigungen zu ergießen, die St. Julien eine Zeitlang befremdet anhörte, ehe er begriff, was der Arzt eigentlich wollte; als er ihn endlich verstand, beruhigte er ihn mit der Versicherung, dass er sich lange nicht so wohl gefühlt habe, als am heutigen Abend, und dass Dübois den nötigen Verband ganz nach des Arztes Vorschrift besorgt habe. Doch konnten diese tröstenden Worte die Unzufriedenheit nicht aufheben, die der Arzt mit sich selber empfand. Ich werde es mir nie vergeben, rief er feierlich, aber es soll mir auch nicht zum zweiten Male begegnen; strenge werde ich über mich wachen und keine Pflicht mehr vernachläßigen, und deßhalb will ich auch sogleich noch Manches an Medikamenten besorgen, die ich für meine Kranken in Krumbach morgen nötig habe. Kaum ließ sich der Arzt bewegen, noch vorher mit der Gesellschaft Thee zu trinken; er that es zwar endlich auf allgemeines Verlangen, wie er sich ausdrückte, verließ aber doch sehr bald das Zimmer, um den ganzen Abend, wie er sagte, seiner Pflicht zu leben.
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Man brachte den Abend heiter hin, aber dennoch war eine gewisse Spannung fühlbar. Die Gräfin wollte in St. Juliens Gegenwart nicht fragen, ob der Graf etwas für den Obristen Thalheim getan habe. Emilie konnte ihre Unruhe nicht beherrschen, weil ihr immer die verläumderischen Gerüchte im Sinne lagen, die über den Grafen verbreitet wurden, und sie betrachtete mit einer gewissen Wehmuth St. Julien, der die unschuldige Veranlassung dazu war. St. Julien fühlte sich gedrückt, weil er bemerkte, dass durch seine Gegenwart eine freie Mittheilung in der Familie gehindert wurde, die doch Jeder zu wünschen schien; nur der Graf war vollkommen heiter und schrieb die Spannung, die ihm nicht entging, auf Rechnung der Neugierde, von welcher er die Frauen gequält glaubte. St. Julien verließ bald nach der Abendtafel die Gesellschaft, und der Graf wendete sich, als sie kaum allein waren, lächelnd zu den Frauen und sagte: Nicht wahr, meine Lieben, heute war Euch unser liebenswürdiger Freund herzlich beschwerlich, und Ihr habt ihn schon lange weggewünscht, um nur zu erfahren, wo ich den ganzen Tag gewesen bin? Die Gräfin läugnete nicht, dass sie zu wissen wünschte, wie er den Tag verlebt habe, ob sie gleich gar nicht darüber zweifelhaft sei, wo er ihn zugebracht habe.
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Der Graf gab eine treue Schilderung der Noth, in der er den Obristen und seine Tochter gefunden habe, und ging leicht über die Art hinweg, wie er ihm Hülfe geleistet hatte; auch schilderte er mit Laune sein Zusammentreffen mit dem plumpen Verwalter und dem zierlich gekleideten schwarzen Herrn. Die Gräfin wurde aufmerksam bei diesem Umstande und erkundigte sich genau, um welche Zeit dies Zusammentreffen stattgefunden habe, und ob Krumbach weit vom jetzigen Wohnort des Obristen entfernt sei. Ihre Fragen erregten die Neugierde des Grafen, und nach gegenseitigen Erklärungen und Mittheilungen waren beide darüber einig, dass es wohl derselbe junge Herr gewesen sein könnte, den der Arzt in Krumbach angetroffen habe; nur blieb es räthselhaft, was einen ganz fremden Menschen bestimmen könne, diese Gerüchte in Umlauf zu bringen. Es kann um so eher sein, schloß der Graf, dass jenen der Arzt in Krumbach getroffen hat, da er geraume Zeit vor mir hinweg ging, und ich mich noch lange beim Prediger aufgehalten habe. Es sind jetzt preußische Truppen hier in der Gegend, schloß der Graf; es sind einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt, und der Prediger hat durch genaue Erkundigungen erfahren, dass sie zu den Unsrigen gehören; dies ist mir um des Obristen Willen lieb, denn sollte er ihnen begegnen, so, hoffe ich, werden sie ihn ruhig ziehen lassen, obgleich im Kriege das Bedürfnis Freunde, wie Feinde oft zwingt, Pferde in Beschlag zu nehmen. Emilie konnte ihre Besorgnisse nicht verschweigen, dass dem Grafen Unannehmlichkeiten aus solchen schlechten Verläumdungen erwachsen könnten, wie sie eben erfahren hatten; auch die Gräfin stimmte ihr bei und sagte mit Zärtlichkeit: Wie würde es mich schmerzen, wenn Ihre besten Handlungen eine Quelle des Verdrusses für Sie würden! Seid doch darüber ruhig, meine Lieben, sagte der Graf. Sollte mich irgend Wer zur Rechenschaft ziehen, der ein Recht hat, es zu tun, so wisst Ihr, dass ich mich vertheidigen kann; müßiges Geschwätz, ohnmächtige Bosheit aber lasst uns verachten, denn sonst erreichen ja die Menschen ihren Zweck und verbittern uns das Leben. Emilie schwieg, doch fühlte sie sich durch diese Antwort des Grafen nicht beruhigt; auch die Gräfin sagte über diesen Gegenstand nichts mehr, aber man sah deulich, dass auch ihre Besorgnisse nicht gehoben waren.
Vorlage S. 181
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Der Graf kam auf den Obristen zurück und eilte noch alle Aufträge zu geben, um ihn am andern Morgen nach seinem neuen Wohnorte zu versetzen. Die Gräfin übernahm es, für die Einrichtung des Hauses zu sorgen, und der Graf bemerkte, die Tochter des Obristen sei ungefähr von gleicher Größe mit Emilie. So kannst Du ja leicht, liebe Emilie, sagte die Gräfin, für die nächsten Bedürfnisse Deiner neuen Freundin sorgen. Emilie hatte selbst schon diesen Vorsatz gefasst und erröthete nun, da sie das, was sie innerlich freiwillig beschlossen hatte, als einen Auftrag zu erfüllen hatte; es schlich ein Gefühl von Traurigkeit durch ihr Herz, das sie nicht beherrschen und sich nicht gleich erklären konnte. Man trennte sich nach dieser genommenen Abrede bald, und als Emilie einsam in ihrem Zimmer war, fühlte sie Thränen über ihre Wangen fließen, die ihrem gepressten Herzen Luft machten.
Vorlage S. 183
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Was will ich denn, worüber klage ich denn? sagte sie zu sich selbst; kann denn mein undankbares Herz nicht ruhig schlagen, sich nicht befriedigt und glücklich fühlen im Kreise der besten Menschen? Was ist es denn eigentlich, was mich schmerzt, fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, Wer hat mich denn verletzt oder beleidigt? Nein, dachte sie seufzend, Niemand hat mich verletzen wollen, aber empfinden muss ich es dennoch, dass mir nicht ein Traum von Selbstständigkeit, nicht ein Schatten von Eigenthum bleibt. Nicht einmal die Freude darf ich empfinden, die der Arme hat, der dem Aermeren giebt, ich muss Alles, selbst was mich bedeckt und kleidet, als etwas Geliehenes betrachten, worüber die Eigenthümer, sobald sie wollen, auch anders bestimmen können. O, wohl, fuhr sie klagend fort, hat die Gräfin recht, gänzliche Armuth ist ein schreckliches Unglück; sie macht uns abhängig, nicht bloß in unseren Handlungen, in unseren Gedanken und Empfindungen sogar. Wie beneidenswerth, rief sie aus, ist das Loos des armen Tagelöhners gegen das meinige, die ich von scheinbarem Reichthume umgeben bin; er darf den Erwerb eines Tages mit Zufriedenheit, ja mit dem Gefühle eines edeln Stolzes betrachten; er hat durch seine Anstrengungen es als sein Eigenthum errungen, frei darf er seinen Lieben oder Aermeren und Hülfloseren davon mittheilen, und wenn dankbare Herzen um ihn schlagen, wenn liebevolle Blicke auf ihm ruhen, so fühlt er sich befriedigt; er hat diesen Dank, diese Liebe verdient; aber ich, was kann ich tun? Geliehenes Gut an Andere abtreten, das mir alsdann sogleich auf das Großmüthigste ersetzt wird. Ach, es ist entsetzlich hart, fuhr sie fort, immer empfangen zu müssen, ohne jemals geben zu können, und selbst die freundliche Täuschung, als ob man geben könnte, nicht einen Augenblick festhalten zu dürfen.
Vorlage S. 184
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Niemals hatte Emilie noch ihre abhängige Lage so schmerzlich empfunden, als in dieser einsamen Stunde; sie überließ sich rücksichtslos dem Schmerz und dem Mitleid mit sich selber, und ihre Thränen flossen noch einige Stunden, bis endlich die Erschöpfung einen kurzen Schlummer herbeiführte, von dem sie wenig gestärkt am anderen Morgen erwachte.
Vorlage S. 185
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Die Gräfin war schon im Saale, wo man frühstückte, als Emilie eintrat. Was fehlt Dir, Liebe, rief sie ihrer jungen Freundin entgegen, ist Dir nicht wohl? Du bist ungewöhnlich blass. Mir fehlt nichts, sagte Emilie mit schwacher, wankender Stimme. Du bist krank, mein liebes Kind, sagte die Gräfin mit großer Zärtlichkeit, indem sie ihre beiden Hände fasste. Gewiss, mir fehlt nichts, erwiederte Emilie mit gesenkten Augen und zitternder Stimme, und, sie konnte es nicht verhindern, die Thränen entströmten den sanften Augen von Neuem und flossen über die bleichen Wangen. Die Gräfin richtete das Gesicht der weinenden Freundin mit sanfter Gewalt empor und sagte mit mildem Ernst: Ich errathe jetzt, was Dir fehlt, ich sah es wohl, dass ich Dich gestern verletzte, aber ich konnte nicht glauben, dass ein harmlos gesprochenes Wort Dich so tief verwunden würde. Ich könnte mich beklagen, fuhr sie mit großer Güte fort, dass Du dieser misstrauischen Empfindlichkeit in Deinem Herzen Raum gibst, wenn ich nicht selbst unglücklicher Weise dies Gefühl in Dir erregt hätte durch die Bitterkeit, der ich mich so oft überlassen habe. Lass mich Dich bitten, mein theures Kind, fuhr sie mit großer Milde fort, bekämpfe diesen Feind in Deinem Herzen, er raubt Dir sonst jedes Glück des Lebens. Die leicht gereizte Empfindlichkeit würde Deine Freunde aus Vorsicht zurückhaltend machen; Du würdest die Furcht, Dich zu verletzen, für Kälte nehmen, und Dein Mißtrauen würde in demselben Maße zunehmen, wie alle Verhältnisse gespannter würden. Du würdest es dann vielleicht nicht Dir zuschreiben, wenn jede Heiterkeit, die inniges Vertrauen zu einander erzeugt, aus unserm Kreise verschwunden wäre, sondern Du würdest uns mit jedem Tage ungerechter und Dein Schicksal beklagenswerther finden.
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Können Sie mich für so gränzenlos undankbar halten? fragte Emilie.
Vorlage S. 186
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Sprich nicht so oft von Dankbarkeit, sagte die Gräfin, ich will von Dir keine andere, als die, welche ein gutes Kind für seine Eltern empfindet, das ist die gefühlte, beinah bewusstlose, nicht die in jedem Augen blick erkannte. Und nun, sage mir, welche gute Tochter würde gereizt, gekränkt sein und eine ganze Nacht hindurch weinen, wenn ihre Mutter ihr den Vorschlag macht, einen Theil ihrer Kleider zu verschenken an Personen, die es bedürfen, besonders wenn die Tochter ein Herz hat, wie Du, das sie selbst schon zu solchen Handlungen bestimmt?
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Ich will mich nicht vertheidigen, sagte Emilie, aber ein wenig muss es mich entschuldigen, wenn Sie daran denken, dass eine Tochter Rechte hat, die ihr andere Empfindungen geben. Wenn eine Tochter einen so willkommenen Auftrag erfüllt, so gibt sie mit der Mutter, da ich nur von dem Ihrigen mittheile.
Vorlage S. 187
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So habe ich es denn nicht erreichen können, sagte die Gräfin, dass Du mir in Liebe angehörest, Du siehst unser Verhältnis, ich möchte sagen, juristisch an; sind es denn bloß die Bande des Blutes, auf die sich Rechte gründen? Gibt nicht die Liebe eben so heilige? Ich fühle, setzte sie mit einiger Bitterkeit hinzu, ich habe einen bösen Samen in Dein Herz gestreut. Ach! rief sie mit einem unendlich schmerzlichen Ausdruck, wenn ich nicht mehr bin, wirst Du es vielleicht einsehen, was in mir die Erbitterung gegen Mangel und Armuth erzeugt hat, und dann wirst Du die heutige Stunde bereuen.
Vorlage S. 187
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Vergeben Sie mir nur, rief Emilie, indem sie sich laut weinend in ihre Arme warf.
Vorlage S. 188
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Du sprichst von Rechten, sagte die Gräfin wieder mild. Wenn uns ein unglückliches Schicksal aller anderen Hülfsmittel beraubte und uns ganz auf uns zurückwiese, hätte mir Deine Liebe nicht ein Recht gegeben, Deine jüngeren Kräfte in Anspruch zu nehmen, und würde ich Dich nicht kränken, wenn ich Hülfe und Dienstleistungen von Dir zurückwiese, oder in diesen Zeichen Deiner Liebe aus misstrauischer Empfindlichkeit die Spuren meiner Abhängigkeit fände?
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O Gott! rief Emilie. Warum, fuhr die Gräfin fort, willst Du mich denn kränken und die Zeichen meiner Liebe missverstehen? Vergeben Sie mir nur, wiederholte Emilie. Die Gräfin küsste sie zärtlich und sagte dann mit Güte scherzend: Da nun die Farbe auf Deinen Wangen zurückgekehrt ist, so mache nun, dass die Spuren der Thränen aus den Augen verschwinden, damit nicht St. Juliens ängstliche Blicke fragen, welch ein Unheil Dir widerfahren ist; zwar in dessen Brust hättest Du gestern vielleicht ein gleichfühlendes Herz gefunden, er hat viel von Deiner Empfindlichkeit.
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Sie spotten meiner mit Recht, sagte Emilie erröthend. Nein, im Ernst, erwiederte die Gräfin lächelnd, ich wollte auch nicht, dass der Graf Dich um die Ursache Deiner Thränen fragte, Du würdest doch ein wenig um die Antwort verlegen sein.
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Die Vereinigung der Gemüter wurde aufs Neue zwischen beiden Frauen befestigt und inniger als je, wie es nach jeder kleinen Störung geschah.
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Emilie konnte sich selbst nicht begreifen und verzieh es sich schwer, dass sie eine Nacht in Kummer und Thränen hingebracht, und damit gewissermaßen die besten Menschen angeklagt hatte; und die Gräfin beschloss, die Bitterkeit nie wieder in sich aufkommen zu lassen, die, wie sie sah, so nachtheilig auf diejenigen wirkte, die sie am zärtlichsten liebte. Sie beschloss zu vergessen, was eine lange Vergangenheit Schmerzliches enthielt, und dieser Vorsatz wurde in demselben Augenblicke gestört, denn der Graf trat mit St. Julien in den Saal. Der Anblick des jungen Mannes, der heiter lächelnd die Frauen begrüßte, schien in der Gräfin gewaltsam ein geliebtes Bild aus längst verflossener Zeit hervorzurufen, und nur mit Mühe konnte sie in den heiteren Ton der Unterhaltung einstimmen, der heute die kleine Gesellschaft belebte.
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Nach dem Frühstück eilte Jeder die nötigen Anordnungen zu treffen, um dem Obristen Thalheim seinen neuen Wohnort angenehm zu machen. Der Graf sendete die erforderlichen Equipagen und mit diesen einen weiten Pelzmantel, um den alten Mann gegen die Kälte zu schützen. Die Frauen hatten dieselbe Aufmerksamkeit für seine Tochter. Die Gräfin sorgte nun dafür, dass die nötigen Möbel nach dem eine halbe Stunde weit entfernten Meierhofe gesandt wurden, und Dübois wurde von ihr beauftragt, Alles zur Bequemlichkeit Erforderliche zu besorgen; er war, wie immer, so auch hier der Vertraute der Gräfin und kannte also die Lage des Obristen; daher hieß ihn sein natürliches edles Gefühl Alles vermeiden, was bei der neuen Einrichtung als prächtig hätte auffallen können, weil er wohl wusste, dass das Gemüt dessen, der Unterstützung bedarf, dadurch schmerzlich verwundet wird, wenn die Unterstützung den Anschein von Prahlerei gewinnt; eben so sorgfältig vermied er den Anschein von Vernachläßigung, und es mangelte bald in dem freundlichen Hause nichts, was zur anspruchslosen Bequemlichkeit einer Familie erforderlich ist. Emilie fuhr selbst mit hinüber, und ordnete die Wäsche und Kleider in den Schränken, und es wurde beschlossen, dass Dübois die Ankommenden diesen Abend erwarten sollte. Die Zimmer waren behaglich erwärmt, ein anmuthiger Wohlgeruch schwebte durch alle, denn Dübois hatte nicht versäumt, sie mit feinem Räucherwerk zu durchräuchern; ja selbst mehrere blühende Staudengewächse hatte er aus den Treibhäusern des Grafen hinüber geschafft, trotz der Schwierigkeit, sie auf dem Wege gegen die Kälte zu schützen, um damit das Zimmer zu schmücken, welches er für die Tochter des Obristen bestimmte. Endlich war Alles bereit; auch für ein einfaches Abendessen war gesorgt, und der Haushofmeister ging mit zufriedener Miene noch einmal durch alle Zimmer, um jedes einzeln zu betrachten, als der Wagen vorfuhr. Schnell eilte er, seiner Schuldigkeit gemäß den Obristen an der Thüre des Hauses zu empfangen, und schien die wehmüthige Verlegenheit nicht zu bemerken, die Vater und Tochter ergriff, als er ihnen selbst die kostbaren Pelze abgenommen hatte, und sie nun beide in höchst ärmlicher Kleidung in dem freundlich ausgeschmückten Zimmer standen. Früher, als nötig gewesen wäre, ließ Dübois das Abendessen anrichten, um die Verlegenheit des Obristen und seiner Tochter zu beendigen, die nicht recht wussten, wie sie sich gegen ihn benehmen sollten und noch nicht den Muth hatten, sich als die Bewohner des Hauses zu fühlen. Das Abendessen ging still vorüber und wurde in der Spannung, in der sich Alle befanden, kaum berührt; nur als Dübois dem Obristen Wein eingeschenkt hatte und der edle Trank dem alten Manne entgegen duftete, konnte er sich nicht enthalten, mit einiger Begierde das Glas zu ergreifen und mit sichtlichem Wohlbehagen das lang entbehrte Labsal zu schlürfen; die Wärme des Weins durchdrang seine Glieder und theilte ihm jene Ermattung mit, die man beinah eine wollüstige Empfindung nennen könnte; er ließ es daher ohne Widerrede geschehen, dass der Haushofmeister ihn nach dem Zimmer führte, welches er ihm zum Schlafgemach bestimmt hatte, und machte keine Einwendungen dagegen, dass Dübois für diesen Abend das Geschäft eines Kammerdieners übernahm. Er wollte, als er zu Bett gebracht war, noch Manches denken und in seiner Seele ordnen, aber ein lange nicht empfundenes Wohlbehagen scheuchte alle Gedanken zurück. Er dehnte sich mit wehmüthigem Entzücken auf seinem bequemen Lager aus, er fühlte die glänzend weißen feinen Betttücher und die seidne Decke mit den Fingern an, er wollte sein heutiges Lager mit dem gestrigen vergleichen, aber Gedanken und Gefühle gingen in dem seligen Vergessen unter, welches der Vorbote eines erquickenden Schlafes ist.
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Therese war im Speisezimmer zurück geblieben und erwartete mit Schüchternheit Dübois Rückkunft. Die Veränderung ihrer Lage war so groß, dass sie sich betäubt fühlte und deßhalb noch nicht Muth zur Freude gewann; als endlich der Haushofmeister zurück kam, schlich sie zum Lager des Vaters, der schon im sanftesten, Schlummer ruhte; sie küsste leise seine Stirn und folgte nun Dübois, der ihr die übrigen Zimmer des Hauses zeigte und ihr auch alle Schlüssel einhändigte, worauf er für heute ehrerbietig Abschied nahm.
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Als sich Therese allein befand, hob sie die Hände dankend zum Himmel empor, und Thränen des Entzückens benetzten die von langem Kummer gebleichten Wangen; es schien ihr ein Traum, der täuschend ihre Seele umfing, und sie fürchtete zu erwachen; endlich, als sie sich gesammelt hatte, ging sie noch einmal durch alle Zimmer und betrachtete Jedes mit ruhiger Freude; sie öffnete die Schränke und bemerkte mit dankbarem Erstaunen, wie großmüthig und zartsinnig für jedes Bedürfnis des Hauses gesorgt war, auch rührte es sie bis zu Thränen, als sie Alles vorfand, was zur Kleidung der Frauen aus besseren Ständen gehört.
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Nach einem stärkenden Schlummer erwachte Therese am andern Morgen. Dübois hatte für die nötige Bedienung gesorgt; sie wählte eine einfache Morgenkleidung, und fühlte sich bewegt und erhoben zugleich, als sie sich wieder in Gewänder gekleidet sah, wie sie ihr in früheren Zeiten notwendig erschienen waren. Als sie nun ihr Zimmer verließ, fand sie Alles zum Frühstück bereitet, und sie näherte sich leise dem Schlafgemach ihres Vaters; Alles war darin still, und eine seltsame Angst ergriff ihr Herz, sie fürchtete, die plötzliche Umwandlung seiner Lage könne zu heftig auf ihn gewirkt haben, sie öffnete daher behutsam die Thür des Kabinets und näherte sich leise dem Lager des schlummernden Greises. Er lag mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen, aber seine Lippen bewegten sich wie im flüsternden Gebete, und zwischen den grauen Wimpern drängten sich Thränen über die gefurchten Wangen, die ähnliche Tropfen in Theresens glänzenden Augen hervorriefen. Sie beugte sich über den alten Vater und küsste mit inniger Liebe seine gefalteten Hände. Der Greis öffnete die noch thränenfeuchten Augen und lächelte entzückt bei dem Anblick seines schönen Kindes.
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Meine gute Tochter, sagte er mit bewegter Stimme, es stärkt mein Herz, dass Deine Erscheinung wieder Deiner würdig ist; lass uns Gott innig dafür danken, dass wir aus dem höchsten Elende erlöst sind, denn niemals habe ich Dich ohne zu schaudern in der Tracht der höchsten Dürftigkeit betrachten können. Der Obrist wünschte sein Lager zu verlassen und wurde von Neuem bewegt, als er bemerkte, mit welcher Zartheit sowohl für seine Bedienung, als für alles zur bequemen Morgenkleidung eines Greises Erforderliche gesorgt war. Nach dem Frühstück gingen Vater und Tochter durch die verschiedenen Zimmer, und bewunderten mit dankbarer Rührung die Anmuth und Bequemlichkeit ihrer neuen Wohnung. Endlich ließ sich der Vater im Wohnzimmer in der Ecke des Sophas nieder und zog seine Tochter neben sich, die erschrocken zu ihm aufblickte, weil sie seine Hand zittern fühlte und hohen Ernst über sein Gesicht verbreitet sah.
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Mein Kind, sagte der Obrist, wir dürfen unsere Pflicht nicht vergessen, wir müssen unsern Wohlthätern unsern Dank darbringen für so viele Güte; Du fühlst, mein liebes Kind, fuhr er fort, indem er die Hand der Tochter ängstlich drückte, wie schwer mir dieser Gang werden muss; so tief die Dankbarkeit in meiner Seele ruht, so sehr ich unsern edeln Freund verehre, so wird mir altem Manne dennoch das Förmliche in der Aeußerung meiner Dankbarkeit schwer, das mich, wie man es auch betrachten mag, dem Bettler gleich stellt, der für ein empfangenes Almosen dankt. Mißversteh mich nicht, fuhr er fort, als er bemerkte, dass die Tochter reden wollte, ich verkenne den Grafen nicht, aber bist Du überzeugt, dass er auch uns kennt? Ihn hat uns seine Art, wie er gegen uns handelt, vollkommen kennen gelehrt, wir können mit reiner Empfindung einen so edeln Mann bewundern und eben deßwegen von ihm annehmen, was uns seine Güte bietet, aber kennt er auch uns? Weiß er, ob wir seiner Freundschaft würdig sind? Ihn hat allein unsere Noth bestimmt, uns wohl zu tun, und darin liegt das Peinliche unserer Lage; wir sind ihm gegenüber Arme und nicht Freunde; der Freund kann die Güter des Lebens mit dem Freunde theilen, er weiß, der Freund ist überzeugt, er würde, wenn das Verhältnis umgekehrt wäre, eben so handeln, und will nichts weiter, als die Liebe, die innige Achtung des Freundes; aber der Arme, ach, mein liebes Kind! er empfängt bloß, und der Geber, der ihn nicht kennt, weiß noch nicht, ob er jemals seinen Schützling in einen Freund wird verwandeln mögen; er weiß nicht, ob das Herz des Empfangenden nicht zu jeder edeln Empfindung unfähig ist, und deßhalb ist die äußere Dankbarkeit, die es so schwer fällt auszuüben, unerläßlich.
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Ich dächte, erwiederte Therese, ich könnte die Hand des Grafen mit inniger Liebe, ohne peinliche Empfindung küssen. Auch ich, sagte der Obrist, kann seine Hand mit zärtlicher Bewunderung drücken, aber hast Du daran gedacht, dass damit unsere Pflichten noch nicht erfüllt sind? Hast Du vergessen, dass er vermählt ist, und dass wir also der Gräfin einen Besuch machen müssen? Therese senkte die Augen, ein peinliches Gefühl hob ihren Busen, der Schmerz zuckte um den schönen Mund und sie küsste schweigend die Hand des Vaters, die noch in der ihren ruhte. Beide fühlten, dass sie sich ohne Worte verstanden, denn jetzt erinnerte sich Therese an Alles, was sie und ihr Vater früher über die Gräfin gehört hatten, und zwar aus einem Munde, dessen Tönen die schöne Therese nicht ohne Parteilichkeit gelauscht hatte.
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Der junge Graf Hohenthal nämlich, ein Verwandter des Grafen, war in dem Hause des Obristen mit Wohlgefallen aufgenommen worden. So lange das Regiment, bei welchem er als Rittmeister diente, in der Nähe stand, hatte der junge Mann keine Gelegenheit versäumt, sich dem Obristen zu nähern, und die gleichen Ansichten über viele Verhältnisse des Lebens, der gleiche Haß gegen Frankreich, hatte sie bald in Freunde verwandelt, so weit die Verschiedenheit des Alters dies erlaubte. Bei der Vertraulichkeit, die sich auf solche Weise gebildet hatte, geschah es, dass der Rittmeister zuweilen seine Familienverhältnisse berührte und sich dann jedes Mal mit großer Bitterkeit über die Gräfin äußerte. Er hatte von ihr behauptet, dass sie aus Eigennutz sich mit dem Grafen verbunden habe, der im unrechtmäßigen Besitze des ganzen Vermögens der Familie sei, und dass sie in Folge dessen eine ewige Trennung von der Familie beabsichtigte; deßhalb habe sie ihren Gemahl bestimmt, sich immer in der Ferne aufzuhalten, und ob er gleich ohne Kinder sei, habe sie ihn doch dazu vermocht, dass er niemals das Geringste für die dürftigen Mitglieder der Familie getan habe; eben so hatte er oftmals ihres unmäßigen Stolzes gedacht und ihres schroffen Betragens, wodurch alle Verwandte vollkommen dem Grafen entfremdet würden; ja, er hatte erwähnt, dass sie einen unversöhnlichen Haß gegen ihren einzigen Bruder trüge und sich auch niemals die kleinste Annäherung habe gefallen lassen, so viele Versuche dieser Bruder auch gemacht habe, dem diese Familienzwiste höchst schmerzlich wären. Der Rittmeister hatte zwar niemals Gelegenheit gehabt, die Gräfin kennen zu lernen, aber da er alle Nachrichten über ihren Charakter von seinem Vater hatte, so zweifelte er nicht an der Wahrheit derselben.
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Diese Erinnerungen waren es, welche Vater und Tochter zum ernsten Nachdenken stimmten, und nur unter Seufzern vermochten sie zu beschließen, sich fertig zu machen, um einen Besuch abzustatten, der so peinlich auf ihr Gefühl wirken konnte. Der Obrist wollte eben seiner Tochter noch einige Rathschläge ertheilen, wie sie bei dem vermuthlich sehr stolzen Empfange der Gräfin sich zu betragen habe, als Beider Aufmerksamkeit von diesem Gegenstande abgezogen wurde durch das lustige Geläute von Schellen, wodurch sich annähernde Schlitten ankündigten. Sie traten zum Fenster und sahen mit Ueberraschung, dass zwei Schlitten durch das kleine Thal flogen und wenige Augenblicke daraus vor dem Hause hielten. Ein Herr sprang aus dem einen, und sie erkannten sogleich den Grafen, der zweien Damen die Hand bot, und alle drei waren bald eingetreten, um den Obristen und seine Tochter zu begrüßen. Der Graf umarmte den Obristen und sagte, indem er freundlich dessen Hand schüttelte: meine Gemahlin wollte sich selbst überzeugen, ob nichts zu Ihrer Bequemlichkeit mangelt, und zugleich meine Nichte mit ihrer künftigen Freundin bekannt machen. Der Obrist konnte nicht sogleich Worte finden, er hatte sich die Gräfin durchaus anders gedacht; er fand keine Spur von Härte und Stolz, sie behandelte ihn mit der Wärme und Achtung, wie man einen alten Freund der Familie empfängt; sie drängte ihm nicht das Gefühl ihrer Wohlthat durch ein zu ängstliches Fragen auf, ob Alles seinen Wünschen entspreche, sondern verwickelte ihn mit Leichtigkeit in ein Gespräch über frühere Zeiten, über den König Friedrich den Zweiten, für den sie seine Verehrung aufrichtig theilte, und hatte so bald jede Spannung aufgehoben, die erst die Gesellschaft zu drücken schien.
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Emilie hatte bald den Weg zu Theresens Herzen gefunden; Beide hatten, ohne den Genuss des vertraulichen Umgangs mit einer jugendlichen Freundin, einsam gelebt, und Beide verlangten daher zu sehnlich danach, sich diesen Genuss zu verschaffen, als dass sie aus Zurückhaltung lange hätten einander fremd bleiben können. Es war leicht zu bemerken, dass Therese manche Kenntnis nicht hatte, die Emilie besaß; auch nicht die zierlichen Arbeiten der Frauen aus den höheren Ständen waren ihr bekannt, denn sie hatte in ihrer drückenden Lage nicht einmal Gelegenheit gehabt, sie zu sehen, noch weniger die Mittel, sich das Material zu verschaffen, um solche artige Spielereien zu verfertigen. Ja, sie gestand, dass sie auch das Wenige, was sie von Musik verstanden, vergessen habe, weil das Instrument schon lange verkauft sei, und dass sie auch allen Muth zur Musik verloren hätte, und es ihr eine Sünde würde geschienen haben, die Stimme zum Gesange zu erheben, so lange ihr Vater unter schwerem Kummer seufzte. Beide junge Freundinnen hatten bald und eifrig verabredet, was sie mit einander treiben und lernen wollten. Die Gräfin und der Obrist waren über die meisten Gegenstände ihrer Unterhaltung derselben Meinung, der Graf konnte nun, ohne Furcht, seinen alten Freund zu verletzen, noch alle nötigen Anordnungen treffen, und Therese sah sich, noch ehe ihre neuen Freunde schieden, an der Spitze einer unabhängigen kleinen Haushaltung, wodurch ihr die Freude gewährt wurde, mit kindlicher Liebe selbst für die Bedürfnisse und die Bequemlichkeit ihres geliebten Vaters sorgen zu können.
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Die neuen Freunde besuchten nun ohne Furcht das Schloß. Man las, man machte Musik, man tauschte seine Meinungen gegen einander aus, und der alte Obrist machte, obwohl er alle Franzosen haßte, doch von jeher mit jedem einzelnen, den er kennen lernte, eine Ausnahme und war nun um so bereitwilliger, mit St. Julien dies zu tun, weil dieser durch seine persönliche Liebenswürdigkeit ihn ganz für sich einnahm, ja er verzieh ihm sogar die Bewunderung Napoleons, weil der junge Franzose Friedrich den Zweiten ebenfalls verehrte. Für Dübois, der mehr wie ein Mitglied der Familie, als wie ein Diener derselben betrachtet wurde, empfand der Obrist bald die Achtung, die sein Charakter jedermann einflößte, der ihn näher kennen lernte, und als die Gräfin sich sogar entschloß, zuweilen Theil an einer Partie L'Hombre zu nehmen, welches der Obrist mit großem Vergnügen spielte, so heiterte sich seine Seele in dieser Umgebung völlig auf, und er sagte einige Mal seiner Tochter: Ich würde in dem Kreise unserer Freunde vollkommen glücklich leben, wenn sie nicht die Schwachheit hätten, dem Prediger alle Ungezogenheiten nachzusehen; selbst der alte verständige Dübois muss zuweilen recht an sich halten, wenn sich der kleine kecke Mensch so viel heraus nimmt, ja, ich glaube, wenn der Graf es nicht absichtlich von Zeit zu Zeit wiederholte, dass die Gräfin den Tabacksrauch durchaus nicht vertragen kann, er würde sogar mit seiner Pfeife in der Gesellschaft erscheinen und auch jetzt, wer weiß, was geschehen könnte, wenn nicht zum Glücke der Narr, der Doktor, da wäre, zu dem er gehen und rauchen kann.
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Auf diese Weise waren einige Wochen verflossen, Therese hatte sich vom überstandenen Kummer erholt, ihre Wangen rötheten sich, ihre Augen gewannen ihr eigenthümliches Feuer wieder, und wenn sie auch im Ganzen ernst blieb, so konnte sie doch zuweilen heiter und schalkhaft lächeln. Alle Fähigkeiten, die in ihrer Seele geschlummert hatten, begannen sich zu entwickeln, so dass Emilie über die Fortschritte erstaunte, die ihre junge Freundin machte, und beide sich immer inniger an einander anschlossen. Der Obrist bemerkte es nicht ohne Rührung, wie herrlich sich die Schönheit und alle Vorzuge seines Kindes entfalteten, da der Druck der Armuth von diesem theuern Haupte genommen war. Er schloß dies geliebte Kind eines Abends in seine Arme, und die Augen nach oben gewendet, rief er: Jetzt, Vater im Himmel, kann ich ruhig sterben, da ich mein Kind in Sicherheit weiß! Können Sie mich so kränken, dass Sie vom Sterben sprechen, rief Therese weinend, nun, da ich hoffe, dass wir noch viel glückliche Tage mit einander leben werden? Das wollen wir auch, mein Kind, sagte der Obrist; aber willst Du mir es nicht gönnen, dass ich nun mit Ruhe an mein Ende denken kann, da ich Dich sonst, als Du schutzlos warst, mit Verzweiflung betrachtete. Du kennst nicht das Gefühl eines Vaters, setzte er seufzend hinzu, der fürchten muss, dass er sein Kind hülflos und einsam in der harten Welt zurücklassen muss. Wenn jetzt der Himmel über mich verfügt, gehst Du zwar weinend, aber nicht verzweifelnd vom Grabe Deines Vaters in das Haus Deiner Freunde. Seit ich die Gräfin kenne, bin ich über Dein Schicksal ruhig, und ich werde um so länger leben, schloß er, indem er lächelnd mit den Locken der Tochter spielte, weil ich mein Ende ruhig abwarten kann.
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Es schien, als ob die Sorge, welche die Gräfin für Theresens Ausbildung trug, sie selbst manchen Kummer vergessen ließ; sie erheiterte sich sichtlich in dem Umgange ihrer Kinder, wie sie beide junge Frauenzimmer nannte. St. Juliens Gesundheit befestigte sich täglich mehr, und der Graf bemerkte oft, er werde schmerzlich die Lücke in seinem Leben fühlen, wenn der endliche Friede den jungen Mann bestimmen würde, nach seiner Heimat zurück zu kehren. Auch der Gräfin war der junge Mann sehr lieb geworden, und nur noch zuweilen kehrte die Bewegung wieder, die sie bei seinem ersten Anblick empfunden hatte; wenn er sie unvermuthet anredete, oder wenn seine Augen lange auf Emilie hafteten, dann schien er in ihrer Seele Schmerzen wach zu rufen, die sie nur mit Anstrengung bekämpfte. In solcher Ruhe hatte die Familie einige Zeit gelebt, und wenn es auch nicht möglich war, ohne Kummer das unsägliche Elend zu betrachten, welches durch den Krieg über diesen Theil von Deutschland gebracht wurde, so gab es doch Stunden, in denen man sich einer reinen Heiterkeit hingab.
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In dieser Stimmung hatten der Obrist und seine Tochter am vorigen Abend das Schloß verlassen; die jungen Leute hatten sich verabredet, Göthes Tasso den folgenden Abend zu lesen. Die Gräfin hatte dem Obristen versprochen, wenn es sein könnte, seine l'Hombre-Parthie so einzurichten, dass nicht der Geistliche sein Mitspieler sein müsse. Er freut sich zu gemein, versicherte der Obrist, wenn er ein gutes Spiel hat, spielt die Karten auf bäurische Weise aus, macht sehr schlechten Witz dabei und hält sich deßhalb für einen liebenswürdigen Spieler; gewiss, wenn man ein Mitglied der guten Gesellschaft gänzlich von der Leidenschaft für das Spiel heilen wollte, man brauchte es nur zu zwingen, täglich mit unserm guten Herren Prediger zu spielen. Die Gräfin scherzte beim Frühstück eben darüber, dass der Doktor, den sie anstatt des Geistlichen zum Mitspieler bestimmte, den Obristen nicht besser befriedigen würde, als man den Galopp eines Pferdes hörte, und gleich darauf der Arzt athemlos mit glühenden Wangen und mit Schweiß bedeckt in den Saal stürmte. Was giebt es? rief ihm der Graf bestürzt entgegen. Wir sind verloren! rief der Arzt, das Schloß wird gleich von Soldaten besetzt werden. So, sind Franzosen in der Nähe? rief der Graf, indem er aufsprang. Nein, keine Franzosen, Preußen sind es, keuchte der Arzt. Nun, sagte der Graf, dann sind es ja Freunde und wir haben nichts zu fürchten.
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Nichts zu fürchten? jammerte der Arzt; hätten Sie nur die Reden gehört, die sie geführt haben; der Herr Prediger trieb mich hieher, damit Sie sich, wo möglich, entfernen möchten, um nicht den Wirkungen der Verläumdungen zu unterliegen.
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Der Graf sah einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder, zog dann hastig die Klingel und beschied Dübois eilig zu sich. Guter Dübois, redete er ihn an, ich weiß, ich kann auf Sie in jeder Lage rechnen, gehen Sie zum Kapitain St. Julien und halten Sie ihn auf jeden Fall auf seinem Zimmer zurück, welche Unruhe auch hier entstehen mag; sagen Sie ihm, dies sei mein ausdrücklicher Wille, und bleiben Sie zur Sicherheit bei ihm.
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Wir erwarten hier jeden Augenblick preußische Truppen, fuhr er fort, als er sah, dass der Haushofmeister ihn mit Verwunderung betrachtete; tun Sie ja, was ich Ihnen auftrage, und weichen Sie auf keinen Fall davon ab. Er hatte den Grafen noch nie so in Bewegung gesehen; eben wollte dieser die Frauen bitten, sich zurück zu ziehen, als eine Eskadron in den Hof sprengte, den Führer an ihrer Spitze. Die Gräfin erschrak, ihr fielen die verbreiteten Gerüchte ein, und sie sah an des Grafen Anordnungen, dass er Unannehmlichkeiten erwartete; sie stützte sich auf die Lehne eines Stuhls und erwartete mit Spannung die Dinge, die da kommen würden. Emilie war blass, sie ahnete dunkel, die Gräuel des Krieges würden nun hier beginnen. Der Arzt hatte sich entfernen wollen, doch ein Blick auf die Gräfin schien in ihm eine Erinnerung hervor zu rufen; seine Seele kämpfte offenbar mit einem großen Entschlusse; auf einmal schien dieser Entschluss gefasst, er trocknete den Schweiß von seinem Gesicht ab, blieb und erwartete das ungeheure Schicksal, das ihn nach seiner Meinung jetzt treffen musste. Das Klirren der Sporen und des nachschleppenden Säbels im Vorsaale wurde vernehmbar, die Thüren wurden mit Heftigkeit geöffnet, und herein stürmte ein junger erhitzter Krieger und rief, ohne auf die Frauen zu achten: Wo ist der Herr des Hauses?
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Ich bin der Graf Hohenthal, sagte der Graf, und Sie sind in meiner Wohnung.
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So sind Sie es also, rief ihm der Rittmeister vor Zorn glühend zu, der sein Vaterland den Feinden verräth, Sie zeigen den Franzosen alle Vorräthe an, Sie lassen sie durch alle Schluchten führen, Sie halten die Spione in Ihrem Hause verborgen; nun, da Sie so wacker für die Feinde gesorgt haben, so werde ich auch hier wahrlich nicht schonen; die Pferde, die meinen Leuten gefallen sind, müssen hier ersetzt werden; Ihre Hafervorräthe nehme ich in Beschlag; meine Leute müssen bewirthet werden, und den Spion liefern Sie freiwillig aus oder ich brauche Gewalt.
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Der Graf bekämpfte den Zorn, der in ihm aufstieg, und sagte mit scheinbarer Gelassenheit: Es ist jetzt nicht der rechte Augenblick, meinen Charakter gegen Sie zu vertheidigen, ich werde mir Ihren Namen ausbitten, um dies in der Zukunft zu tun; das Unglück der Monarchie fühlen wir Alle gleich schmerzlich, und was das Vaterland und seine Krieger von meinem Eigenthume bedürfen, steht ihnen zu Gebote, deßhalb mögen Sie meine Pferde nehmen, wie alle Hafervorräthe. Für die Bewirthung der braven Truppen werde ich sorgen, so gut es angeht; was steht weiter zu Ihrem Befehl?
Vorlage S. 207
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Ich verlange, dass Sie den hier im Hause verborgenen Spion ausliefern, sagte der Rittmeister etwas gelassener in Folge des würdigen Benehmens des Grafen.
Vorlage S. 207
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Wen bezeichnen Sie mit einer so schimpflichen Benennung? fragte der Graf.
Vorlage S. 207
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Den französischen Offizier, rief hitzig der Rittmeister, der unter dem Vorwande einer Krankheit sich hier im Hause aufhält.
Vorlage S. 207
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Unter dem Vorwande einer Krankheit? rief der Arzt, den der Graf nicht mehr zurück halten konnte; Vorwand nennen Sie seine Krankheit? rief er noch einmal, indem er den Kopf auf die linke Schulter senkte und die blitzenden Augen auf den Rittmeister richtete. Mir hat er sein Leben zu verdanken, aus dem Rachen des Todes habe ich ihn gerissen, setzte er hinzu, und ich werde, ich muss ihn und den Herren Grafen gegen jede Verläumdung vertheidigen.
Vorlage S. 207
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Ich verlange die Auslieferung des Franzosen, rief der Rittmeister, was gehen mich Ihre Narrheiten an?
Vorlage S. 208
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Narrheiten! schrie aufs Aeußerste beleidigt der Arzt. Gehören Sie zu den Barbaren, die Kunst, Wissenschaft und Menschenliebe vereinigt Narrheit nen nen? Der Arzt hatte im Eifer seiner Rede alle Furcht vergessen und war dem Rittmeister so nahe getreten, dass dieser sich von Neuem gereizt fühlte und mit funkelnden Augen dem Arzte zurief: Kommen Sie mir nicht so ungezogen nahe, wenn ich Sie nicht zum Fenster hinaus werfen soll.
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Der Graf warf einen glühenden Blick auf den Offizier, und indem er den Arzt mit der augenblicklichen großen Kraft des Zorns wie ein Kind bei Seite schob, sagte er: Sie werden Niemanden zum Fenster hinauswerfen, so lange ich lebe; über meinen Leichnam geht der Weg, um meine Hausgenossen zu beleidigen.
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In dem Augenblicke, als der Offizier etwas Heftiges erwiedern wollte, wurde die Thüre geöffnet; ein alter Wachtmeister zeigte sich, der dem Rittmeister eifrig winkte; dieser schritt durch den Saal und ging nach kurzem Gespräch mit dem Wachtmeister eilig nach dem Hofe hinunter.
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Die im Saale Versammelten wagten es nicht, einander anzureden, weil sie die Zurückkunft des Offiziers jeden Augenblick erwarteten, als sie Pferdegetrappel auf dem Hofe vernahmen und zu ihrem Erstaunen die ganze Eskadron, den Führer an der Spitze, abreiten sahen.
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Was bedeutet dies? fragte die Gräfin nach kurzem, von Staunen erzeugtem Schweigen.
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Das bedeutet, antwortete der Graf nachdenklich, dass Franzosen in der Nähe sind, die uns vermuthlich in größerer Anzahl ihren Besuch zudenken.
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XII
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Der Auftritt, der eben statt gefunden hatte, war schnell vorüber geflogen und hatte alle Anwesenden, jeden auf verschiedene Weise, so sehr aufgeregt, dass Niemand Worte gefunden hatte, um eine Ansicht zu äußern. Der Arzt stand noch in der Mitte des Saales unbeweglich auf der Stelle, wo ihn der Graf im Zorn hingeschoben hatte; man sah, dass er mit dem Entschlusse kämpfte, etwas Bedeutendes zu sagen; endlich näherte er sich dem Grafen, der in Nachdenken versunken war, und sagte mit Haltung und unterdrücktem Gefühl: Ich muss meinem Herzen Luft machen; ich muss meiner Empfindung Worte geben; edler Mann, verehrter Herr Graf, Sie haben mein Leben aus einer furchtbaren Gefahr gerettet, denn wäre ich diese Höhe hinunter geflogen, wie der Barbar drohte, auf den gepflasterten Theil des Hofes hier unter dem Fenster, so war es um mich geschehen, denn mit solcher Gewalt hätte er mich nicht werfen können, dass ich dort den Rasen im Fallen erreicht hätte. Es war meine Pflicht, Sie gegen die Verläumdung zu vertheidigen; ich habe auch immer geglaubt, dass Sie meinen männlichen Charakter gehörig würdigen und mir nicht eine schimpfliche Feigheit im Augenblick der Gefahr zutrauen würden, eine Verläugnung, ähnlich der des Apostel Petrus, fügte er mit einem Seitenblicke auf die Gräfin hinzu; aber ich habe nicht geglaubt, dass ich Ihrem Herzen theuer wäre, dass Sie Ihr Leben zu meinem Schutze wagen, Ihre Brust zur Vormauer der meinigen machen würden. Die letzten Worte sprach er mit wankender Stimme und kaum beherrschter Rührung. Diese Handlung, schloß er endlich mit Pathos, bindet mein Geschick an das Ihrige für jetzt und immer.
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Der Graf verstand erst nicht recht, was der Arzt wollte, denn er war zu jener Aeußerung am Wenigsten durch ein wärmeres Gefühl für denselben bestimmt worden, er hatte bloß sich in seinem Hausgenossen beleidigt gefühlt; als er aber endlich den Sinn der an ihn gerichteten Rede begriff, sagte er, über den gutmüthigen Dünkel des Arztes lächelnd: Wir sind oft nicht so böse, mein lieber Doktor, wie Sie im Eifer von uns zuweilen glauben, aber oft auch bei Weitem nicht so gut, wie Sie sich uns vorstellen; deßhalb verdiene ich auch heut Ihren Dank nicht.
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Bescheidenheit ist die Krone der Tugend, rief der Arzt begeistert und verließ den Saal, um seine Kranken zu besuchen. Die gutmüthige Einbildung des Arztes hatte dazu beigetragen, die Spannung aufzulösen, in die alle durch die eben erlebte Begebenheit versetzt waren. Lächelnd blickten sich die Zurückgebliebenen an, und Ruhe schien wieder im Schlosse herrschen zu wollen.
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Dübois glaubte, da die Truppen den Hof verlassen hatten, dass auch St. Julien nicht mehr von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden brauchte; doch fragte er vorsichtig erst nach des Grafen Meinung, der natürlich seine Ansicht theilte, und bald erschien St. Julien und erschöpfte sich mit dem Grafen in Vermuthungen, um es sich zu erklären, weßhalb das Schloß so eilig von den Truppen geräumt worden sei. Des Grafen Ansicht, dass Franzosen in der Nähe sein müssten, wurde bald bestätigt, denn ein Reiter sprengte in den Hof, den Niemand sogleich für den Prediger erkannte, weil er ganz die gemächliche Art zu reiten aufgegeben hatte und sein Thier zu völlig ungewohnten Kraftäußerungen zwang. Roß und Reiter waren ganz aus der gewöhnlichen Fassung, denn da sich der Geistliche eilig herab warf, ohne, wie sonst, für sein Pferd zu sorgen, so fing dies ohne Umstände an, auf dem Rasen zu weiden und zu Emiliens Schrecken die darauf angebrachten Blumenstücke zu zertreten.
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Aus Eile keuchend trat der Prediger nach wenigen Augenblicken herein, und jetzt, in der Unruhe seines Gemüts, achtete er noch weniger, als sonst auf die höflichen Formen des Umgangs; daher grüßte er kaum die im Saale versammelten Personen und rief dem Grafen zu: Meine Frau und Kinder folgen mir nach, Sie werden hier im Schlosse doch besser aufgehoben sein, als bei mir, die Franzosen sind mir auf den Fersen.
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Der Graf nahm gern die Familie des Predigers bei sich auf, ob ihn gleich selbst in diesem Augenblicke dessen Mangel an Lebensart verletzte; die große Familienkutsche des Geistlichen fuhr auch bald durch das Thor des Hofes, von einigen kleineren Equipagen begleitet, die die zahlreiche Familie desselben enthielten. Man hatte kaum für das Unterkommen Aller sorgen können, und der Prediger hatte eben seinen Entschluss ausgesprochen, für seine Person zurück zu reiten, um auf Ordnung zu sehen und so viel als möglich zur Erleichterung der Bauern zu tun, als Emilie ausrief: Ach Gott! dort kommen die Feinde. Alle Anwesenden eilten dem Fenster zu, an welchem Emilie stand, und Alle bemerkten, dass in derselben Schlucht, durch die der Graf damals vom Gebirge herab gekommen war, als er den verwundeten St. Julien nach dem Schlosse tragen ließ, ein Funkeln von Waffen sichtbar wurde. In ängstlicher Erwartung waren Aller Blicke dorthin gerichtet; der Geistliche bemächtigte sich eines vorhandenen Fernrohres und theilte laut seine Bemerkung mit: Jetzt kommen sie aus der Schlucht heraus; Wer kann sie diesen Weg geführt haben? Das muss ein Einheimischer sein, ein Fremder hätte ihn nie gefunden. Es sind Reiter, fuhr er fort, im Sonnenschein sehe ich es deutlich; jetzt biegen sie hier herum; sie kommen zum Schloß; am Ende hätte ich besser getan, meine Familie nicht hieher zu bringen. Auch Equipagen sind in dem Zuge; Der dort mit dem großen Federbusch wird wohl der General sein. Was? Auch eine Dame zu Pferde und ein schwarzgekleideter Herr neben dem General? Wo soll das Alles unterkommen, und Gott weiß, ob nicht schon unterwegs Viele untergebracht sind; am Ende ist mein Haus schon voll wilder Menschen, die mir Alles zerschlagen und verzehren, und wie soll ich nun durch den Haufen zurück? Er sprach immer fort, das Fernrohr noch lange vor sein Auge haltend, ob es gleich nicht mehr nötig war, denn Jedermann konnte schon längst ohne dessen Hülfe bemerken, wie ein bedeutender Zug Kavallerie sich dem Schlosse näherte. Der Anführer ritt jetzt an der Spitze, zu seiner Rechten eine Dame in Reitkleidern, die mit großer Sicherheit zu Pferde saß und den Kopf nach allen Seiten hin wendete, so dass der Wind mit den wallenden Federn ihres Hutes spielte. Zur Linken des Anführers ritt ein junger Mann in schwarzer Kleidung, der, als der Zug sich schon dem Baumgange näherte, der zum Schloß führte, sich zurückzog, indem er sich vor dem Anführer ehrerbietig neigte; als er deßhalb den Hut abnahm, wurde sein dunkel gelocktes Haar sichtbar, und der Graf glaubte den jungen Mann zu erkennen, den er damals auf dem Meierhofe bei dem Verwalter antraf, mit dem er des Obristen Thalheims Rechnung berichtigte. Die den französischen Anführer begleitende Dame und der junge Mann begrüßten einander mit großer Vertraulichkeit, als der Letzte sich von dem Zuge trennte.
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Der Graf wendete sich jetzt nach dem Saale zurück und bemerkte, dass die Gräfin bleich und bebend auf die ankommenden Feinde schaute, und Emilie sich ängstlich an sie schmiegte. Lassen Sie uns nicht die Fassung verlieren, meine Lieben, sagte der Graf, und eilig berathen, was nun geschehen muss. Diese, ach! diese Truppen, sagte die Gräfin mit dumpfer, kaum hörbarer Stimme; auch Dübois, der in den Saal getreten war, schien ungewöhnlich bleich und blickte ängstlich auf die Gräfin. Der Graf hatte nicht Zeit über den Eindruck nachzudenken, den die ankommenden Feinde auf seine Hausgenossen machten. Er rief der Gräfin zu, sich zurück zu ziehen, die stumm Emiliens Arm nahm und mit ihr hinauswankte. St. Julien konnte nicht begreifen, wie die Annäherung der Franzosen einen so entsetzlichen Eindruck machen könne, wie er ihn an der Gräfin bemerkte, wenn er auch begriff, dass sie als Feinde unwillkommen sein mussten. Auch Sie bitte ich, sagte der Graf zu ihm, fürs Erste mit Dübois den Saal zu verlassen, ich und der Herr Prediger, wir wollen die neuen Gäste empfangen.
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Kaum hatte man diese wenigen Anordnungen treffen können, als der französische General, von seinem Gefolge umgeben, die Dame zu seiner Rechten, in den Hof einritt. Man konnte wohl bemerken, dass die Feinde gut unterrichtet sein mussten, denn sie hatten den Verwalter des Guts schon in ihrer Mitte und zwangen ihn, ihnen die für die Pferde nötigen Vorräthe anzuzeigen; auch gab ihm der General selbst in gebrochenem Deutsch den Befehl, die vorhandenen Pferde auszuliefern, damit der Wagen der Dame neu bespannt werden könnte; das Schloß, so endigte sein Befehl, nehme ich in Besitz, so lange ich hier verweile. Der Verwalter, ein ziemlich unterrichteter Mann, stellte dem General in französischer Sprache vor, da der Graf und seine Familie hier sei, so würde seine Excellenz doch gewiss darauf Rücksicht nehmen. So lange ich hier bin, bin ich Ihr Herr, antwortete der General ebenfalls französisch, und Sie haben dafür zu sorgen, dass alle meine Befehle pünktlich befolgt werden. Ihr Graf mag es lernen, sich in dieser Zeit ohne sein Schloß und ohne seine Diener einzurichten. Er war mit diesen Worten abgestiegen; ein Adjudant bot der Dame die Hand, und der General rief diesem zu: Sorgen Sie zunächst für die Zimmer von Madame. Ich werde selbst für mich sorgen, erwiederte die Schöne mit dreistem Lächeln und hüpfte an der Hand des Adjudanten die Treppe hinauf.
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Der General stieg nun ebenfalls, langsam, von vielen Offizieren umgeben, mit Würde die Treppe hinauf. Der Pfarrer fühlte, wie sein Herz innerlich bebte, als das Klirren der vielen Sporen sich dem Saale näherte. Er hatte vom Fenster aus bemerkt, in welcher Schnelligkeit die Feinde von allen Nebengebäuden und allen Vorräthen, die sie enthielten, Besitz genommen hatten; er fürchtete nun für sich, für seine Familie und auch für den Grafen und dessen Hausgenossen.
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Die Flügelthüren des Saales wurden geöffnet, der General trat herein und der Graf ihm mit Anstand entgegen. Ich weiß es, Herr General, dass der Krieger im Kriege oft genöthigt ist, mit Härte seine Bedürfnisse zu fordern, doch bin ich von französischen Kriegern überzeugt, dass sie jeden Druck vermeiden werden, den nicht die Umstände gebieten.
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Der General schwieg einen Augenblick und betrachtete den Grafen zweifelhaft. Ihr Name, sagte er endlich, ist Ihr Name nicht Hohenthal? Der bin ich, sagte der Graf und blickte nun ebenfals verwundert auf den General. Mein Gott! rief dieser, indem er beide Arme nach dem Grafen ausstreckte, kennen Sie mich denn nicht wieder? Es ist ja unmöglich, theurer Freund, dass das Andenken an mich ganz bei Dir verlöscht ist; muss ich mich denn nennen, hast Du denn alle heitern Stunden in Paris vergessen? Clairmont! rief der Graf mit Erstaunen. Derselbe, bester Graf, erwiederte der General, indem er ihn herzlich in seine Arme schloß.
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Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte endlich der Graf lächelnd, Vieles hat sich seitdem geändert, und es ist nicht leicht, in dem General Clairmont den heitern, schlanken, tanzenden Clairmont, meinen damaligen Freund, wieder zu erkennen, und gewiss hättest Du es damals wohl nicht geglaubt, dass Du jemals unter Umständen, wie die gegenwärtigen, mein Gast sein würdest. Gewiss, gewiss nicht, sagte der General und sah sich mit einiger Unruhe nach seinem Adjudanten um. Erlaube, sagte er drauf zum Grafen, ein kleines Dienstgeschäft. Der Graf zog sich zurück, und der General trug dem Adjudanten auf, jede Gewaltthätigkeit zu verhindern, alle Vorräthe unberührt zu lassen, Alles, so viel als möglich, in die Nebengebäude einzuquartieren und sich überhaupt so zu betragen, als ob sie zum Besuch bei einem Freunde wären.
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Der Adjudant eilte, diese, den früheren so entgegen gesetzten Befehle zu ertheilen, und der General wendete sich wieder zu dem Grafen. Hätte ich nur ahnen können, sagte er, dass dies Dein Schloß wäre, mein alter Freund, so hätte ich Dich zwar besucht, aber nicht mit so ansehnlicher Begleitung, nicht auf Kriegsfuß; aber man hat Dich mir nur immer als den reichen Grafen, ohne Dich zu nennen, bezeichnet, und da dachte ich dann, – ich dachte, man könne es sich hier etwas bequem machen, ohne dass ich nach Deinem Namen fragte.
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Der Adjudant kehrte zurück; der Befehl zu schonen war etwas zu spät gekommen; die Vorräthe waren schon unter die Truppen vertheilt, noch etwas Wein hatte der Adjudant retten können, weil man ihn zum Gebrauch des Generals zurück gelassen hatte, und auch die Pferde des Grafen hatte er wieder nach dem Stalle zurück führen lassen. Die dem Prediger gehörigen hatten noch keinen Liebhaber gefunden und waren also ebenfalls gerettet.
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Indem der General noch mit der Verlegenheit hierüber kämpfte, zeigte sich Dübois an der Thüre und winkte mit ängstlichen Mienen dem Grafen. Der General bemerkte es und fragte misstrauisch: Es giebt doch keine neue Unordnung durch meine Leute? Und als Dübois statt aller Antwort mit den Achseln zuckte, rief er: Reden Sie, wenn, was Sie zu sagen haben, Jemanden aus meinem Gefolge betrifft. Wenn es Ew. Excellenz denn befehlen, sagte der Haushofmeister zögernd, so muss ich berichten, dass die gnädige Frau Generalin die Zimmer der Frau Gräfin und des Fräuleins in Besitz genommen und unsere Damen daraus verdrängt hat, so dass Alle, auch die Frau Predigerin, nun in das kleine Zimmer der Haushälterin zusammen gedrängt sind, wo die Frau Gräfin krank auf dem Bette liegt; ich wollte nun um den Befehl des Herrn Grafen bitten, um zu erfahren, was zur Erleichterung und Bequemlichkeit der Frau Gräfin geschehen kann. Eine dunkle Röthe, hervorgerufen von Scham und Zorn, verbreitete sich über das Gesicht des Generals. Führen Sie mich nach dem Zimmer der Frau Gräfin, rief er dem Haushofmeister zu. Voran! ich folge Ihnen. Dübois that, wie ihm befohlen worden, und schritt voran; der General folgte und der Graf schloß sich an, um wo möglich einen unangenehmen Auftritt zu verhindern. Dem Prediger wäre es unmöglich gewesen, zurück zu bleiben, auch wenn ihm Jemand diese Qual hätte auferlegen wollen; er folgte also ebenfalls den Uebrigen.
Vorlage S. 219
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Als dieser Zug das Zimmer der Gräfin erreichte, fanden sie die junge Dame, welche den General zu Pferde hieher begleitet hatte, vor dem Spiegel sitzen. Sie hatte das Reitkleid schon ausgezogen, und hatte um den entblößten Busen und die Schultern einen durchsichtigen Musselin geworfen, der bei jeder Bewegung enthüllte, was er scheinbar verhüllen sollte. Diese leichte Tracht erregte ihr keine Verlegenheit, obgleich drei bis vier Bediente im Zimmer waren, die Schachteln und Pappkasten aller Art herauf gebracht hatten, aus deren Inhalt ihre Gebieterin einen reizenden Anzug wählen wollte. Die eben gebrauchte Schminke stand noch vor ihr, und sie war damit beschäftigt, einen Zweig Rosen in ihre dunkeln Locken zu befestigen, als der General eintrat, dem sie zärtlich entgegen lächelte. Lassen Sie mich meine Kleidung vollenden, bat sie ihn, ehe ich Ihnen zur Tafel folge.
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Nicht hier ist Ihr Ankleidezimmer, sagte der General mit Härte, folgen Sie mir dahin, wo Sie hingehören; und all der Kram uns nach! rief er den Bedienten zu. Er ergriff nach diesen Worten ziemlich unsanft die Hand seiner Freundin und führte sie mit Gewalt in ihrer leichten Tracht nach dem Saale; die noch nicht recht befestigten Rosen hingen herunter, schlugen bei dem eiligen Schritte, zu welchem der General sie zwang, die Wangen der Schönen; die Bedienten rafften Reitkleid, Schminke, Blumen und Schachteln unordentlich zusammen, und folgten dem Zuge, der auf diese Weise in die Mitte des Saales gelangte, wo der General die Hand der Dame plötzlich los ließ und dem Grafen sagte: Du wirst gewiss die Güte haben, dieser Person ein Zimmer anweisen zu lassen.
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Mit ungewissen Blicken betrachtete der Graf die junge Dame und sagte: Wenn Madame Deine Gemahlin ist, – Wenn Madame meine Gemahlin wäre, so würde sie sich wie eine Frau von Stande zu betragen wissen.
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Dies Wort klärte die Sache auf, und der Graf befahl, dass man ihr im untern Stockwerk ein Paar Zimmer anweisen sollte. Eben wollte sie, von den Bedienten, die ihre Schachteln trugen, begleitet, den Weg dahin antreten, als der Prediger zu ihr trat und sie folgendermaßen anredete: Ich habe meinen Augen nicht trauen wollen; ich habe es nicht für möglich gehalten, dass ich Sie unter solchen Umständen hier antreffen könnte. Kann man so durchaus jedes Gefühl der Scham und Dankbarkeit verläugnen.
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Die junge Person hatte verlegen vor sich nieder geblickt; da aber jetzt Alles auf sie einstürmte, so fand sie auf ein Mal den Muth zur Frechheit wieder, und indem sie die Augen dreist auf den Pfarrer richtete, sagte sie: Ich wüsste doch nicht, Wem ich hier so viel Dank schuldig wäre; doch wohl Ihnen nicht dafür, dass Sie mich zu einer elenden Stelle haben empfehlen wollen? Der Pfarrer wollte etwas erwiedern, aber der General, bei dem die Neigung für seine Geliebte wiederkehrte, so wie das Gefühl der Beschämung über ihr Betragen verschwunden war, machte es ihm unmöglich, indem er seine Schöne bei der Hand nahm und sagte: Komm, mein Kind, ich will Dich selbst nach Deinem Zimmer führen.
Vorlage S. 221
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Er verließ in dieser Absicht mit ihr den Saal, und der Graf konnte sich nun an den Pfarrer mit der Frage wenden, Wer denn eigentlich die junge Person sei? Mein Gott, rief dieser, Lisette ist es, des alten Schuftes, des Lorenz, Tochter. Man fand nicht Zeit, sich zu verwundern; der Graf eilte, die Gräfin wieder in Besitz ihrer Zimmer zu setzen, wohin sie krank und matt gebracht wurde, den Grafen dringend bittend, es zu vermeiden, dass sie gezwungen würde, den General zu sehen, wenn er etwa darauf kommen sollte, ihr einen Besuch machen zu wollen.
Vorlage S. 222
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Als der Graf in den Saal zurückkehrte, fand er den General und den Prediger darin auf und abgehend, und er hörte eben, wie der Letztere das Versprechen empfing, dass die in seinem Pfarrhause einquartierten Soldaten zurück gezogen werden sollten. Es war sehr bald zwischen dem General und dem Grafen die alte Vertraulichkeit der früheren Zeit erneuert worden, und der Letztere theilte dem feindlichen Anführer St. Juliens Begebenheit mit, sammt den Gründen, die ihn zu der Bitte bestimmten, den jungen Mann nicht zu nötigen, seinen Fahnen zu folgen. Der General sah es ein, dass sein Freund in Unannehlichkeiten verwickelt werden könnte, wenn er den jungen Mann entließe und die preußische Regierung ihn jemals wieder in Anspruch nehmen könnte; aber, schloß er seine Rede, da dieser Fall nicht eintreten kann, so vermag ich auch Deine Besorgniß nicht zu begreifen.
Vorlage S. 222
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Wie verstehst Du das? fragte der Graf mit Erstaunen. Glaubst Du denn in der That, erwiederte der General sehr gelassen, dass der Kaiser Napoleon die Großmuth so weit treiben wird, die preußische Monarchie wieder herzustellen, die schon vernichtet ist, und dass er zu diesem Behuf dem Könige Provinzen zurück geben wird, die wir schon besitzen?
Vorlage S. 223
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Niemals war es dem Grafen eingefallen, dass es in dem Plane des französischen Kaisers liegen könnte, Preußen ganz aus der Reihe der Staaten zu tilgen, und es erschütterte deßhalb sein Innerstes, dass Jemand ihm gegenüber ein so ungeheures Unglück so gelassen aussprechen konnte. Könnte ich glauben, erwiederte er dem General, dass dies Entsetzliche eintreten könnte, es würde mich zur Verzweiflung bringen. Ich kann begreifen, dass Ihr in Frankreich mit Gleichgültigkeit den Wechsel der Regenten, den Austausch der Länder betrachtet; Ihr habt so vielen Wechsel erlebt; Alle Eure Einrichtungen sind noch viel zu jung und neu, als dass sie tiefe Wurzeln hätten schlagen können; Ihr würdet Euch ebenfalls trösten, wenn Napoleon unterginge und die Bourbons wiederkehrten.
Vorlage S. 223
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Halt! rief der General, lästre den Kaiser nicht, sprich nichts Hochverrätherisches in meiner Gegenwart; die Bourbons werden Frankreichs Boden nie wieder betreten.
Vorlage S. 224
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Ich wollte nur sagen, erwiederte der Graf, dass diese Begebenheit nicht außerhalb der Gränzen der Möglichkeit liegt, und dass Euer Kaiser, so hoch das Glück ihn auch emporgehoben hat, selbst dazu beitragen kann, sie wirklich zu machen; denn meinst Du, wenn unser Unglück so groß sein sollte, dass wir dies Mal gänzlich erliegen müssten, und die Macht von Rußland nicht hinreichen sollte, Euern Sieg zu hemmen, dass dann nicht ein neuer Muth eben aus der Verzweiflung entstehen würde? Glaube mir, Jeder würde sein ganzes Vermögen, seine Seelenkräfte und sein Herzensblut daran setzen, das Vaterland zu retten und auf dessen Thron den angestammten König, der zu uns gehört, wie wir zu ihm, wieder zurückzuführen. Und wenn nun diese Hunderttausende Euch entgegenträten, die Alle ein Gefühl, ein Gedanke begeisterte, von denen Jeder entschlossen wäre, wenn es sein muss, rühmlich zu unterliegen, aber nie von seinem Platze zu weichen, werdet Ihr dann auch diese besiegen können? Und wird nicht vielleicht dies Gefühl sich aller Länder bemeistern, die Frankreich in Fesseln hält? Und wäre es dann nicht möglich, dass der Stern, der Euch jetzt leitet, verschwände und Ihr Eure alte Bahn suchtet? Ich bitte Dich, sagte der General mit einem mitleidigen Lächeln, lass uns nicht über Politik sprechen, ich darf Deine Aeußerungen nicht anhören, die nur Dich verderben können, ohne uns im Mindesten zu schaden. Ich will zu Deiner Beruhigung den jungen Mann bei Dir lassen, bis dieser Krieg geendigt ist und der Friede, der nicht lange ausbleiben wird, uns belehrt hat, wessen Ansicht die richtige war.
Vorlage S. 224
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Der Graf fühlte selbst, dass es besser sei, dergleichen Gespräche zu vermeiden, und ließ St. Julien bitten, die Gesellschaft zu vermehren, indem er zugleich die Damen entschuldigte, die durch die Krankheit der Gräfin abgehalten würden, zu erscheinen. Dem General schien diese Einrichtung eine Erleichterung zu gewähren, weil er sich nach dem, was vorgefallen war, der Gräfin gegenüber unbehaglich gefühlt haben würde; auch seine Begleiterin erklärte, nicht erscheinen zu wollen, und so waren die Männer dies Mal bei der Tafel allein, und der General benuzte die größere Freiheit, die dadurch entstand, als der Wein ihn etwas begeisterte, zu manchen Scherzen, die die Gegenwart der Frauen unmöglich gemacht haben würde, und es schien seine Heiterkeit zu erhöhen, wenn er solche witzige Einfälle an den Geistlichen richten konnte, der nicht recht den Muth hatte, sie abzuweisen, weil er den feindlichen General fürchtete, und sich doch empfindlich gekränkt fühlte, dass er seine geistliche Würde so verletzen lassen musste.
Vorlage S. 225
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Der Graf suchte den Pfarrer gegen die Angriffe des Generals zu schützen, indem er diesen an die früheren Zeiten erinnerte, die sie miteinander in Paris verlebt hatten, und sich nach manchen Bekannten erkundigte, die damals zu ihrem Kreise gehört hatten. Es machte auf die Gesellschaft einen traurigen Eindruck, dass der General gleichzeitig beinah über jeden berichtete, der ist in jener Schlacht geblieben; der starb an seinen Wunden nach der Schlacht; den raffte eine ansteckende Krankheit im Lager hinweg; so, dass kaum zwei oder drei als Lebende bezeichnet wurden, die sämmtlich einen bedeutenden Rang in der Armee erreicht hatten.
Vorlage S. 226
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Es macht mich schwermüthig, rief der Graf, wie vieles Leben untergehen muss, um die Pläne eines Einzelnen zur Ausführung zu bringen, und da beinah Alle, mit denen wir damals lebten, in Staub zerfallen sind, so frage ich mit Bangigkeit nach dem Freunde, den ich wahrhaft liebte, und von dessen Schicksal ich, seit wir uns trennten, nichts habe erfahren können. Was ist aus dem jungen Evremont geworden.
Vorlage S. 226
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Die Heiterkeit, mit welcher der General bis jetzt über den Tod aller Jugendbekannten gesprochen hatte, verschwand plötzlich aus seinen Zügen, und es schien, als ob in der Frage des Grafen ein Zauber läge, wodurch auch die Wirkung des Weins aufgehoben würde, denn ernst und nüchtern erwiederte er: Mit dieser Frage rufst Du den schrecklichsten Augenblick meines Lebens mir zurück, und alles Entsetzen, welches damals meine Brust erfüllte, droht mich von Neuem zu ergreifen. Er bedeckte mit der Hand einen Augenblick seine Augen, fuhr dann damit über die Stirn und sagte: Traurig hat unser junger Freund geendigt, und ich habe niemals den Zusammenhang seines Schicksals erfahren können. Du verließest Paris, als die entsetzlichen Auftritte begannen, die unsere Revolution täglich hervorrief. Der alte Graf Evremont, der Vater unseres Freundes, hieß es um diese Zeit, sei gestorben; ein dunkles Gerücht behauptete, er sei nach der Schweiz entflohen, auch von dem Sohne wollte man behaupten, er sei abwesend, als er plötzlich in Paris erschien und sich allenthalben öffentlich zeigte. Er ließ es sich gefallen, dass ihn Niemand mehr Graf, sondern Alle Bürger Evremont nannten. Es war die Rede davon, dass er bei der Armee angestellt werden sollte, als er auf ein Mal wieder verschwand; man behauptete, er sei emigrirt, und seine noch vorhandenen Güter wurden eingezogen, denn es ergab sich, dass Vieles verkauft war. Ich theilte die allgemeine Ansicht, dass er sich zur Condéschen Armee begeben habe, und dachte in Jahren nicht weiter an ihn.
Vorlage S. 227
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Die Hinrichtungen waren damals häufig in Paris, und es war die traurige Pflicht des Dienstes, in solchen Fällen einen Platz um die Guillotine zu besetzen; so wurde auch ich eines Morgens beordert, diese Pflicht mit meiner Compagnie zu erfüllen. Es waren mehrere unglückliche Schlachtopfer schon gefallen; ich hatte mich von dem scheußlichen Anblick abgewendet, und ich begreife noch nicht, welche innere Macht mich zwang, mich endlich nach dem Schaffot hinzuwenden; da grade hatte es eine edle Gestalt bestiegen, die geisterbleich mit den dunkeln Augen in meine starrte. Ich wollte rufen: Evremont! aber das Entsetzen fesselte die Stimme in meiner Brust; in demselben Augenblick ertönte ein so durchdringend gellender Schrei der Verzweiflung, dass alle Zuschauer dieses grausen Schauspiels zusammenbebten und sich unwillkürlich nach der Seite hinwendeten, von woher der Schrei ertönte; auch meine Augen folgten der allgemeinen Richtung, und ich sah einen Augenblick zwei blendend weiße Arme nach dem Schaffot ausgestreckt, ein todtenbleiches Gesicht einer Frau mit wahnsinnigem Ausdruck; ein zweiter Schrei ertönte, und die Gestalt sank zurück und war mir in der Menge verloren. Als ich mich wieder nach dem Schaffot wendete, hatte unser unglücklicher Freund geendet, und sein edles Blut strömte dampfend hinunter. Ich gestehe Dir, sagte der General, nachdem Alle eine Zeitlang geschwiegen hatten, an diesem Tage kam mir die Revolution, der ich sonst mit ganzer Seele anhing, gräßlich vor; ich beweinte unsern Freund mit bittern Thränen, ich glaubte nicht, dass ich, nachdem ich dies erlebt hatte, jemals wieder heiter werden könnte, und doch, was ist der Mensch mit seinen Freuden und Schmerzen? Ich überwand dies, wie vieles Andere und wurde wieder mit dem Leben vertraut.
Vorlage S. 228
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Und jene unglückliche Frau? fragte der Graf mit ungewisser Stimme.
Vorlage S. 229
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Ich habe niemals erfahren, Wer sie war und in welcher Beziehung sie zu ihm stand, erwiederte der General; seine Schwester aber war es nicht, fügte er hinzu, die würde ich erkannt haben. Dabei fällt mir ein, fuhr er lächelnd fort, es war ja des armen Evremonts sehnlichster Wunsch, diese Schwester mit Dir zu verbinden, und Du selbst warst ja auch damals dazu geneigt; wie hat sich denn doch Alles anders gestaltet; oder sollte die Gräfin, Deine Gemahlin vielleicht –
Vorlage S. 229
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Meine Gemahlin ist eine Deutsche, versetzte der Graf. Nach meiner Abreise von Paris hatte ich bald jede Spur des unglücklichen Freundes, wie seiner liebenswürdigen Schwester verloren; die Zeit beruhigte mich nach und nach über den Verlust, und als sich die Dinge schon lange anders gestaltet hatten, hegte ich noch immer die Hoffnung, ich würde ihn, den ich so herzlich liebte, einmal plötzlich wieder erblicken; ja, so wie Du mir heute unvermuthet erschienst, so träumte ich oft, würde er mir als vermeintlicher Feind entgegentreten und mich als herzlicher Freund in seine Arme schließen.
Vorlage S. 230
494
Und er wäre eine willkommenere Erscheinung gewesen, sagte lächelnd der General.
Vorlage S. 230
495
Sei nicht ungerecht, erwiederte der Graf, und tadele es nicht, wenn das traurige Schicksal eines Freundes mich schmerzt, den wir Beide liebten. Das ist der Fluch der Revolutionen, fuhr er mit bewegter Stimme fort, dass sie das Edelste hinwegraffen, dass sie den tugendhaftesten Bürger und den gemeinsten Bösewicht auf dieselbe Stufe des Elends schleudern, und beider Blut oft auf gleiche Weise vergießen.
Vorlage S. 230
496
Das ist wahr! rief der General, und sind wir denn nun nicht dem großen Geist unendlichen Dank schuldig, der dies blutige Ungeheuer fesselte, der Ruhe und Sicherheit in alle Familien zurückkehren hieß und Frankreichs Söhne auf eine Bahn des Ruhms leitete, so kühn, so glänzend, wie die Geschichte kein Beispiel bietet?
Vorlage S. 230
497
Es wäre ungerecht, sagte der Graf, eine entschiedene Größe nicht anerkennen zu wollen, auch wenn wir sie im Feinde bewundern müssen, aber glaube mir, fügte er lächelnd hinzu, wir alle haben noch kein Urteil über Napoleon; dies müssen wir der unpartheiischen Nachwelt überlassen; wir sind zu sehr in der Gegenwart befangen; diejenigen, die er im kühnen Laufe seines Glücks mit sich erhebt, werden ihn vielleicht zu sehr bewundern, und die, die er als egoistischer Sieger schonungslos drückt, werden ihn vielleicht zu leidenschaftlich hassen; nur die Nachwelt wird mit Gerechtigkeit aussondern, Was wirklich groß in Euerm Helden erscheint, und auch anerkennen, dass er nicht frei von Eitelkeit und kleinlicher Selbstsucht war.
Vorlage S. 231
498
Du übernimmst aber doch schon jetzt die Rolle der Nachwelt, sagte der General empfindlich, und urtheilst, ob Du gleich behauptest, dass wir nicht urthei len können.
Vorlage S. 231
499
Wir können uns über diesen Gegenstand nicht verstehen, erwiederte der Graf, indem er freundlich die Hand seines Freundes fasste, jeder von uns müsste seine Lebensansichten und Erfahrungen aufgeben, wenn er zu der Meinung des Andern übertreten sollte, darum lass es uns erwarten, ob nicht auch uns die Zukunft in dieser Hinsicht wieder näher zusammen rückt.
Vorlage S. 231
500
Du meinst, sagte der General gereizt, wenn die Bourbons wieder über Frankreich herrschen, wenn alle alten Anmaßungen wiederkehren, wenn – Ich meine gar nichts, sagte der Graf ihn unterbrechend, als dass wir die Zeit unseres Beisammenseins nicht in unnützen Streitigkeiten verlieren sollten. Darin hast Du Recht, erwiederte der General, wir wollen nichts, gar nichts mehr über Politik sprechen, bis nach dem Frieden, der uns vielleicht auf eine andere Weise näher zusammenrückt, als Du vorhin meintest.
Vorlage S. 232
501
Der Graf schwieg um den Streit zu beendigen, und St. Julien bat den General um eine Unterredung und folgte ihm zu diesem Zwecke nach seinem Zimmer; hier trug er ihm die Bitte vor, einen Brief an seine Mutter zu besorgen.
Vorlage S. 232
502
Ich darf eigentlich gar nicht wissen, dass Sie hier sind, sagte der General; da Ihre Gesundheit aber noch nicht hergestellt ist, und Sie doch keinen Anteil an den Gefechten nehmen können, so will ich Sie hier als krank zurücklassen und Ihren Brief besorgen, den Sie mir morgen abgeben müssen, da wir übermorgen weiter ziehen, um uns der großen Armee anzuschließen. St. Julien fühlte sich beschämt und gekränkt, dass er nicht in den Reihen der Braven fechten sollte; ihn ängstigte der Gedanke, dass der General sein Zurückbleiben für Feigheit halten könnte, und er setzte ihm deßhalb sein ganzes Verhältnis zum Grafen auseinander und bat ihn, selbst zu enscheiden, ob er sein dem Grafen gegebenes Wort verletzen könne.
Vorlage S. 232
503
Der General hörte mit Rührung St. Juliens Bericht und bewunderte aufrichtig die edle schonende Weise, mit welcher ihm jeder denkbare Beistand war geleistet worden. Sie wären ohne den Grafen verloren gewesen, sagte er endlich, also sind Sie gewissermaßen sein, und kein Mann von Ehre darf sein Ehrenwort verletzen; auch bin ich überzeugt, dieser Krieg wird bald beendigt sein, dann werden Sie uns zurückgegeben und das Leben liegt noch vor Ihnen, um sich Ruhm zu erwerben. Aber nun erklären Sie mir, schloß er seine Rede, wie kam es, dass man Sie, getrennt von der Armee, in dieser hülflosen Lage einsam fand?
Vorlage S. 233
504
Eine dunkle Röthe bedeckte St. Juliens Gesicht, er schwieg verlegen und stotterte endlich: es war eine Ehrensache, ein Duell, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ich will nicht weiter in Sie dringen, sagte der General kalt, die Sache scheint nicht solcher Natur zu sein, dass sie sich aufrichtig mittheilen lässt. Geben Sie mir morgen Ihren Brief. Hiemit entließ er den jungen Mann, der, aufs Tiefste verletzt, sein einsames Zimmer suchte, um den Schmerz zu verbergen, der sein Herz zerriss, da er sah, wie er von dem General verkannt wurde, der offenbar zu glauben schien, dass wenig ehrenvolle Gründe ihn zum Schweigen bestimmten.
Vorlage S. 233
505
Der Arzt war indessen auf dem Schlosse angekommen und berichtete, dass das Unglück viel gelinder vorüber ginge, als man hatte vermuthen können. Anfangs, rief er, ja Anfangs, da sah es freilich übel aus; die Franzosen kamen wüthend wie die Tigerthiere; Der forderte Wein, Jener wollte Braten und Fisch, und die Verwirrung war grenzenlos, denn die armen unvernünftigen Bauern verstanden nicht einmal, was ihre Gäste wollten; diese nahmen ihre Zuflucht zu Prügeln, um sich verständlich zu machen; die Weiber fingen an zu heulen; die Kinder kreischten dazwischen; kurz, es war ein Getöse, als ob die Welt untergehen sollte. Zum Glück war ich gegenwärtig, fuhr der Arzt mit Selbstzufriedenheit fort; ich, der niemals seine Pflichten versäumt, wenn die Erfüllung derselben auch mein Leben in Gefahr bringen sollte, ich besuchte heute wie immer meine Kranken, und auch zu dem Schmerzenslager drang das wüste Geschrei. Da ich nun französisch verstehe, so konnte ich wie eine wohlthätige Gottheit zwischen Feinde und Bauern treten; ich bewirkte, dass die Franzosen ihre Forderungen herabstimmten, indem ich ihnen die Unmöglichkeit zeigte, dass der Bauer nicht geben könne, was er nicht hat; und ich erklärte den Bauern die Bedürfnisse ihrer Gäste; diese hörten auf zu prügeln, und die Weiber, statt zu heulen, deckten die Tische. Die Feinde wurden guter Laune und die Gemüter näherten sich; dabei fand es sich, dass einige Franzosen krank sind, die Feldapotheke ist aber schlecht versehen, und der junge Arzt der Franzosen war sehr in Verlegenheit; auch hier kann ich heilbringend dazwischen treten; ich habe, was er bedarf; ich werde ihm selbst die nötigen Arzneien hinbringen, und er wird meinen Rath benutzen; den Bauern aber habe ich befohlen, für Kraftbrühen für die Kranken zu sorgen.
Vorlage S. 234
506
Auch dafür, sagte der Graf, wird besser hier im Schloß gesorgt werden können.
Vorlage S. 235
507
Das ist wahr, rief der Arzt, auch Feinde sind Menschen, die Wissenschaft macht keine Unterschiede, ich muss sie wieder herzustellen suchen, und wollen sie so undankbar sein, wenn sie durch meine Hülfe ihre Glieder wieder brauchen können, sie zu unserem Schaden zu benutzen, so ist das ihre Sache, die sie verantworten mögen.
Vorlage S. 235
508
Der General war wieder zur Gesellschaft zurückgekehrt und hatte des Arztes Bericht, von diesem unbemerkt, gehört. Er verstand im Ganzen seine Mittheilung und lächelte über die seltsamen Geberden, womit er seine Rede begleitete. Jetzt, rief der lebhafte Arzt, muss ich erst sehen, wie es mit Herrn St. Julien steht, und dann zurück zu meinen Franzosen. Er wendete sich schnell und bemerkte nun, dass der General dicht hinter ihm gestanden hatte, und da er, nachdem er sich gewendet hatte, in die Augen des feindlichen Anführers blickte, so sprang er vor Schrecken, St. Juliens erwähnt zu haben, drei Schritte zurück. Ich Unglücklicher! rief er aus, welche Unvorsichtigkeit habe ich begangen! Der General, der ihn errieth, sagte: Beruhigen Sie sich, ich lasse Ihnen Ihren Kranken, Sie sind ein braver Mann, wenn auch etwas sonderbar, lächerlich würden wir in Paris sagen, aber hier in Deutschland werden Sie vielleicht bloß etwas seltsam genannt werden.
Vorlage S. 235
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Der Arzt war erstaunt und empört zugleich, dass man ihn lächerlich finden könnte, und die dunkle Röthe seines Gesichts wie seine funkelnden Augen zeigten, dass er etwas Heftiges antworten wollte; der Graf, der ihn errieth, lenkte jedoch seinen Zorn ab, indem er ihn erinnerte, dass er heute St. Julien noch nicht besucht habe, und ihn auch bat, sich nach dem Befinden der Gräfin zu erkundigen. Der Arzt eilte hinaus, diese doppelte Pflicht zu erfüllen, und der General sagte, als er den Saal verlassen hatte, zum Grafen: Das scheint eine gutmüthige Karrikatur. Du hast Deinen Haushalt recht vollständig auf den Fuß der guten alten Zeit eingerichtet, denn Du besitzest in diesem Deinem trefflichen Arzte, wie es scheint, zugleich einen Hofnarren.
Vorlage S. 236
510
Wir müssen es unsern Besiegern gestatten, sagte der Graf lächelnd, unsere gelehrten Freunde mit Namen zu bezeichnen, wie es ihnen gut scheint, und haben kein Recht oder wenigstens keine Macht, ihre Freimüthigkeit zu beschränken.
Vorlage S. 237
511
Nimm es nur nicht übel, sagte der General gutmüthig, dass ich meine Meinung ohne Umstände aussprach; aber gewiss muss man sich erst an die wunderlichen Manieren Deines Arztes gewöhnen, ehe man seine guten Eigenschaften gehörig würdigen kann, und mit einem Französisch ist der Mann behaftet, dass ich es, in welcher Gegend der Welt ich auch war, noch niemals barbarischer vernommen habe.
Vorlage S. 237
512
Und grade dies, sagte der Graf, ist sein Stolz. Er ist überzeugt, dass er wie ein geborner Pariser spricht; sein Ohr hört gar keinen Unterschied.
Vorlage S. 237
513
Nun siehst Du, erwiederte der General, Du musst seine Narrheit ja selbst zugeben.
Vorlage S. 237
514
Der Prediger konnte sich in der Nähe des Generals gar nicht behaglich fühlen, und es war ihm also sehr erwünscht zu vernehmen, dass die Rückkehr nach sei nem Pfarrhause ohne Gefahr zu bewerkstelligen sei; er beschloss daher, seine Familie auf dem Schlosse zu lassen, wo er sie unter dem unmittelbaren Schutze des feindlichen Generals am Sichersten glaubte, und kehrte mit dem Arzte nach dem Dorfe zurück, um selbst zu sehen, wie es den Bauern erginge.
Vorlage S. 237
515
Alles war hier in vollkommener Ruhe, die französischen Soldaten hatten sich überzeugt, dass die Bauern bereit waren, sie so gut als möglich zu bewirthen; da sie die Vorräthe der Häuser selbst untersucht hatten, so wussten sie, wie weit sie ihre Forderungen ausdehnen könnten, und waren genügsamer geworden.
Vorlage S. 238
516
Nachdem sie ihre Waffen geputzt hatten, fingen sie an, mit den Kindern zu spielen oder ihrem Wirthe in seinen häuslichen Beschäftigungen zu helfen. Einige suchten sich eine Violine und einen Baß zu verschaffen, um in der Schenke zum Tanze zu spielen; denn die jüngeren Soldaten hatten sich nicht eher zufrieden gegeben, bis sie alle weiblichen Personen, die das Regiment begleiteten, zum Tanze willig gemacht hatten; auch einige Mägde aus dem Dorfe waren überredet worden, und so zog nun diese ansehnliche Schaar der Schenke zu, um den Ball zu eröffnen.
Vorlage S. 238
517
Die Kranken fand der Arzt um Vieles besser, da sie sich durch die vom Schlosse gesendeten Kraftbrühen und durch den guten, ebenfalls von dort erhaltenen Wein sehr gestärkt fühlten.
Vorlage S. 238
518
Der französische Arzt war dankbar für die Arzneien, die ihm sein deutscher Kunstgenosse mittheilte, und der Prediger lud den deutschen wie den französichen Arzt ein, den Abend bei ihm zuzubringen, welches von Beiden bereitwillig angenommen wurde.
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XIII
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Der andere Tag ging ohne Störung und ohne merkwürdige Vorfälle vorüber. Den folgenden zog der General mit seiner Schaar weiter, um sich der großen Armee anschließen. Das Geräusch der Waffen der Gehenden und Kommenden war verschwunden, und eine so tiefe Ruhe und Stille senkte sich wieder auf das Schloß nieder, als ob Krieg und Tod gar nicht in der Nähe wütheten.
Vorlage S. 239
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Der Graf besuchte nun den Obristen Thalheim, den er vom Schlosse entfernt gehalten hatte, so lange die Franzosen dort die Herren waren, denn der alte Krieger würde nicht mit der nötigen Geduld den Anblick der übermüthigen Sieger ertragen haben. Er theilte ihm zum Troste die Nachricht mit, die sich anfing zu verbreiten, dass endlich die Russen zum Beistande erschienen seien, und man hoffte nun mit Gewissheit, dass Napoleons Macht an dem nordischen Koloß scheitern würde.
Vorlage S. 239
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Auf St. Julien schienen mancherlei Bewegungen des Gemüts nachtheilig gewirkt zu haben, denn sein Zustand fing sich an merklich zu verschlimmern; seine Wunden entzündeten sich von Neuem, und der Arzt gerieth in Verzweiflung. Emiliens Kummer war sichtbar, wenn der junge Mann so bleich und im Fieber zitternd in der Gesellschaft erschien, und ihre fragenden, theilnehmenden Blicke senkten Balsam in das verwundete Gemüt des Kranken. Der Graf und die Gräfin bemühten sich liebevoll ihn aufzurichten, und Dübois verdoppelte Aufmerksamkeit und Pflege. Selbst der Obrist Thalheim bewies dem jungen Manne aufrichtige Theilnahme und vermied es sogar, in seiner Gegenwart die Franzosen zu verwünschen, so dass nach und nach Ruhe und Heiterkeit in seine Seele zurückkehrte. Die Bauern hatten durch die kurze Anwesenheit der Franzosen mehr gelitten, als man Anfangs glaubte, und der Graf musste auch hier helfend eintreten, wenn nicht einige ganz zu Grunde gehen sollten; er selbst erwähnte seinen eigenen Verlust nicht, ob dieser gleich nicht unbedeutend war.
Vorlage S. 239
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So war das Weihnachtsfest herbeigekommen, und obgleich Jeder dem Andern kleine Geschenke bot und mit Dankbarkeit als Zeichen der Liebe empfing, so waren doch alle Gemüter zu sehr gedrückt, als dass eine allgemeine Heiterkeit hätte stattfinden können. Die Feinde waren Herren des Landes, das von ihnen planmäßig ohne Schonung benutzt wurde; die Festungen waren in ihrer Gewalt, und Niemand konnte es sich abläugnen, dass eine große Entscheidung nahe sei, denn, musste die Macht Rußlands vor der Napoleons weichen, so war es nur zu gewiss, dass er ohne Widerspruch das Schicksal des unglücklichen Landes bestimmen durfte.
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Diese traurige Stimmung wurde noch erhöht, als die Nachricht von der unglücklichen Schlacht bei Pultusk sich verbreitete; beinah aller Muth und alle Hoffnungen wurden erschüttert. Die langen traurigen Winterabende trugen dazu bei, die Schwermuth zu erhöhen. Nur mit Anstrengung vermochte man zuweilen aus der Wirklichkeit hinweg zu flüchten, und in Poesie und Musik den Trost zu suchen, den das Leben in der Gegenwart nicht gewähren konnte.
Vorlage S. 241
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Endlich kam die Nachricht von einer furchtbaren Schlacht, die den 7 und 8 Februar bei Eylau geschlagen sein sollte. Das Gerücht verkündigte, die Russen wären die Sieger und Napoleons Armee nach einem fürchterliche Blutbade vernichtet. Wenn auch das menschliche Gefühl die auf Hohenthal vereinigten Freunde zu schaudern zwang über den gräßlichen Untergang so vieler Tausende, so erhob sich in der Seele doch die lange nicht gekannte Freude; die Hoffnung regte sich im Herzen; man glaubte wieder an die Rettung des Vaterlandes, und wenn man auch ahnete, dass noch manche Kämpfe zu bestehen sein dürften, so fasste man doch Muth nach diesem ersten Pfande des wiederkehrenden Glücks. Nur St. Julien schlich bei der allgemeinen Freude hinweg; er fühlte mit innigem Schmerz die Niederlage der Franzosen; er zweifelte aber an der Wahrheit der Berichte, der Sieg schien ihm gefesselt an die französischen Adler; er konnte sich die Möglichkeit nicht denken, dass die dreifarbige Fahne rückwärts wiche, und er hoffte also mit Sehnsucht auf bestimmte Nachrichten, die, wie er nicht zweifelte, diesen ersten widersprechen würden. Aber sein Herz war getheilt, er musste es sich gestehen, dass ihm der Sieg der Franzosen keine reine Freude gewähren würde, weil er seine deutschen Freunde, an die ihn tausend zarte Bande knüpften, so innig schmerzen musste.
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Ueberhaupt hatte St. Julien im Umgange mit diesen Freunden das Leben anders betrachten gelernt; er hatte mit einem gewissen Leichtsinn, wie beinah alle jungen Leute in Frankreich, Militärdienste genommen; es schwebte ihm dunkel das Bild des glänzenden Ruhmes vor, den er, durch Napoleons Stern geleitet, gewinnen wollte, ein strahlender Name in der Geschichte, und als Lohn im gegenwärtigen Leben in der Ferne der Marschallsstab von Frankreich. Er hatte sich nie gefragt, weßhalb diese Kriege geführt würden und welchen Zweck sie befördern sollten.
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Hier nun unter Frankreichs Feinden hatte er den Beistand gefunden, der ihm das Leben rettete, und hier öffnete sich sein Herz Gefühlen, die ihm dies Leben verschönerten und ihm bis dahin fremd gewesen waren; denn wie innig er seine Mutter auch liebte, so fühlte er doch, dass er der Gräfin mit größerer Zärtlichkeit ergeben sei. Der Graf flößte ihm nicht nur die Liebe ein, die er für einen Vater empfunden haben würde, wenn er jemals einen Vater gekannt hätte, sondern er betrachtete ihn auch mit Bewunderung; er war ihm das Vorbild eines vollendeten edeln Mannes, dessen kleine Schwächen selbst seinen Charakter mehr zierten, als entstellten. Sein empfängliches Gemüt öffnete sich dem Zauber, den die Dichtkunst auf ihn übte, die er durch den Grafen in den Werken aller Sprachen kennen lernte, und er empfand es lebhaft, welchen nie versiegenden Quell der edelsten Genüsse ein gebildeter Geist in sich trägt. Und Emilie! Schon der Klang ihres Namens bewegte ihm das Herz in seinen Tiefen, jeder ihrer Blicke, jedes ihrer Worte umstrickte ihn mit neuem Zauber; er fühlte die glühendste Leidenschaft, die zärtlichste Sehnsucht in seiner Seele und wagte es zu hoffen, dass ein ähnliches Gefühl sich auch in ihrem Busen entzündet hätte.
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Unter diesen Umständen war ihm der Gedanke schrecklich, dies Haus, diese Menschen je verlassen zu müssen, und doch war dies, sobald der Friede geschlossen war, unvermeidlich, und er schloß sich seinen deutschen Freunden und vor Allen Emilie nur um so inniger an, um über der beglückenden Gegenwart die quälenden Sorgen für die Zukunft zu vergessen.
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Es konnte der Gräfin nicht entgehen, dass zwischen St. Julien und Emilie sich das zarteste, innigste Verhältnis bildete; es erfüllte dies ihr Herz mit Sorgen für die Zukunft ihrer jungen Freunde, und dennoch wagte sie nicht mit Emilien darüber zu sprechen, weil oft eine Leidenschaft erst dadurch Macht gewinnt, wenn man unbestimmten Gefühlen Wort und Gestalt giebt. Die jungen Leute ferner als bisher von einander zu halten, ließ sich ohne fühlbaren Zwang nicht machen, und dieser würde ein Mißtrauen, welches keines von beiden verdiente, gezeigt haben. Es blieb also der Gräfin nichts weiter übrig, als von der Zukunft, wenn auch mit sorgendem Gemüte, zu erwarten, wie das Loos ihrer jungen Freunde sich entwickeln würde.
Vorlage S. 244
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Unter diesen verschiedenartigen Hoffnungen und Sorgen hatten die Freunde mehrere Tage gelebt; da begann die Hoffnung, welche nach der Schlacht bei Eylau erregt worden war, nach und nach zu sinken. Der Obrist Thalheim, der sich am lebhaftesten gefreut hatte, wurde zuerst bedenklich, da nach diesem großen Schlage keine Veränderung in der politischen Lage fühlbar wurde. Er fing zuerst an den großen Sieg zu bezweifeln, und bald konnte es sich Niemand mehr verbergen, dass zwar ein großes Blutvergießen bei Eylau stattgefunden hatte, aber dass es für keine Partei entscheidend gewesen war. Ein Schimmer von Hoffnung erhielt sich noch; die Franzosen hatten doch auf jeden Fall einen sehr kräftigen Widerstand gefunden und nach diesem blutigen Tage keine bedeuten den Vorteile gewonnen.
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Während solcher Spannung kam der Frühling heran. Die Wiesen bekleideten sich mit zartem, frischem Grün; der würzreiche Duft der Veilchen schwebte in den Thälern; tausend Blumen öffneten ihre Knospen und schimmerten der wärmenden Sonne in allen Farben entgegen; die Bäche waren von den Banden gelöst, mit denen sie der Winter gefesselt hatte, und schlängelten sich wie Silberbänder durch das frische Grün; das zarte Laub der Birken flimmerte wie duftiges Gold um die silbernen Stämme, indeß Buchen, Linden, Eichen und alle später sich belaubenden Bäume ernsthaft da standen und die Zweige mit den schwellenden Knospen in der lauen Luft wiegten, gleichsam als ob sie das voreilige Tun der andern tadeln wollten.
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Noch kein Frühling hatte St. Juliens Herz mit so trunkenem Entzücken erfüllt, als dieser, und Emilie behauptete, ihn in solcher Schönheit noch nie erlebt zu haben; auch Theresens Seele öffnete sich dem holden Zauber, und die jungen Leute vergaßen allen Kummer der Welt, wenn sie auf den nahen Bergen umher schweiften oder durch die blühenden Thäler einem klaren Bache folgten, bis er sich mit Brausen auf die Räder einer einsam gelegenen Mühle stürzte. Die älteren Freunde genossen mit Sorgen die schönen Tage, denn trübe und schwül wie ein Gewitter drückte die französische Macht das Land, und bange harrte man der Zukunft entgegen.
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Endlich ward die Schlacht bei Friedland geschlagen, und wenige Tage danach wurde der Waffenstillstand mit Rußland geschlossen und gleich darauf der mit Preußen. Jetzt mussten alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufgegeben werden, denn Jedermann konnte voraussehen, dass ein höchst nachtheiliger Frieden diesem Waffenstillstande folgen werde.
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In dieser Zeit hörte der Graf mit minderer Theilnahme, als wohl sonst in seinem Charakter lag, die Berichte des Predigers, der schon früher, wie er es versprochen hatte, Erkundigungen über alle Mitglieder der Hohenthalschen Familie hatte einziehen wollen, aber durch die unruhigen Zeiten daran war verhindert worden. Er konnte jetzt dem Grafen mittheilen, dass sein Verwandter, der den Prozess gegen ihn habe einleiten wollen, in sehr bedrängten Umständen lebe, und dass vermuthlich das so wichtige Dokument, welches der alte Lorenz entwendet hatte, nur dadurch in die Hände des Grafen zurückgekommen sei, weil sein Vetter die erforderliche Summe nicht habe herbeischaffen können, um dem alten Lorenz den Diebstahl zu bezahlen. Auf seine Erkundigung erfuhr der Graf ferner, dass sein feindlich gesinnter Vetter einen einzigen Sohn habe, der in der Schlacht bei Eylau verwundet worden sei und dessen Schicksal seine Eltern mit dem tiefsten Kummer erfüllte, weil man seitdem keine Nachricht mehr von ihm habe.
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Der Graf beschloss nach diesen Nachrichten, sobald es die Umstände erlaubten, mit diesen fernen Mitgliedern seiner Familie in Verbindung zu treten und dann nach der Art ihres Betragens das seinige abzumessen.
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Es war ein schöner, heitrer Nachmittag in der ersten Hälfte des Juli, als die Gräfin mit St. Julien und Emilie den Obristen Thalheim besuchte, der so sehr von den neuesten Begebenheiten niedergebeugt war, dass man für seine Gesundheit fürchten musste. Der Graf hatte noch einige Rechnungen mit seinem Verwalter durchzusehen und versprach, den Uebrigen zu Pferde zu folgen. Eben waren seine Geschäfte beendigt, eben wollte er befehlen, sein Pferd vorzuführen, als das Schmettern eines Posthorns, das ein vielfaches Echo in dem engen Thale weckte, seine Aufmerksamkeit erregte. Er trat zum Fenster und bemerkte bald, wie ein leichter, glänzender Reisewagen mit vielen Bedienten durch die Schlucht flog und in den Baumgang einlenkte, der zu des Grafen Schloß führte. Der Wagen flog in den Hof, zwei Bediente sprangen ab, um den Schlag eilfertig zu öffnen, und heraus stieg der General Clairmont, der eilig die große Treppe hinauf sprang und, ehe der Graf, der ihm entgegen ging, noch die Treppe erreichte, schon in dessen Armen lag. Ich musste Dich noch sehen, mein guter, theurer Freund, rief der General, indem er dem Grafen herzlich die Hände drückte; ich kann nur eine Stunde bei Dir bleiben, ich bringe wichtige Befehle des Kaisers nach Paris, und ich machte den kleinen Umweg mit Freuden, um Dich noch ein Mal zu umarmen.
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Der Graf dankte ihm für seine Freundschaft, und da er nur einen so kurzen Besuch ankündigte, so wurden sogleich einige Erfrischungen herbei geschafft, und beide Männer saßen bald in trauliche Gespräche vertieft, zu welcher Unterhaltung der General das Meiste in der heitersten Laune beitrug.
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Weißt Du, rief er endlich, weßhalb ich mit solchem Entzücken nach Paris fliege? Es ist meiner Familie gelungen, eine Verbindung für mich zu schließen, die ich schon einleitete, ehe dieser Krieg ausbrach, und jezt werden meine Wünsche gekrönt; eine der schönsten Damen in Paris ist meine Braut, jung, reich, liebenswürdig, talentvoll und, sezte er mit Gewicht hinzu, von altem Adel. Und die Schöne, die in Deiner Begleitung war? fragte der Graf lächelnd. Ach! rief der General, die lustige Dirne ist fort. Ich wurde bei Eylau, wo es verdammt heiß herging, verwundet, zwar nicht bedeutend, aber ich musste doch einige Wochen zu Bettliegen; ich vertraute der leichtsinngen Person zu sehr, sie zeigte mir große Liebe, übernahm meine Pflege selbst und wich nicht von meinem Lager, und so kam es, dass ich, als ich eines Morgens nach einer ruhigen Nacht erwachte und erwartete, sie werde wie gewöhnlich, mein Frühstück bereiten, erfuhr, sie sei mit einem jungen Manne davon gegangen, der sich auch im Lager aufhielt und den sie für ihren Bruder ausgegeben hatte. Als ich nachsehen konnte, ergab es sich denn freilich, dass sie alles mitgenommen hatte, wozu sie hatten kommen können, aber mag es sein, ich fluche ihrem Andenken deßhalb doch nicht; da ich nun eine ernsthafte Verbindung schließen will, so hätte ich sie doch von mir entfernen müssen; und so mag sie dann immer ihren Raub als ihre Mitgift betrachten und einen deutschen Pinsel damit beglücken.
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Es konnte nicht fehlen, dass die Unterhaltung bald die Gegenstände berührte, die für Alle die wichtigsten waren, und als der Graf des Waffenstillstands gedachte, rief der General: der Friede ist so gut wie geschlossen, und was ich nimmermehr geglaubt hätte, Preußen besteht noch. Der frühere Plan Napoleons, diese Monarchie gänzlich aus der Reihe der Staaten verschwinden zu lassen, ist aus persönlicher Freundschaft für den russischen Kaiser von ihm aufgegeben worden. Freilich, fügte er lächelnd hinzu, werdet Ihr unschädlich gemacht, die Hauptfestungen bleiben in unsern Händen, eine Besatzung fürs Erste im Lande, aber Ihr besteht doch als Monarchie, und das ist bei der jetzigen Lage der Dinge etwas Großes zu nennen.
Vorlage S. 249
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Eine dunkle Röthe des Zorns färbte die Wangen des Grafen, der in dem leichtsinnigen Freunde einen höhnenden Feind zu erblicken glaubte; mit Mühe hielt er sein Gefühl zurück und sagte mit unterdrückter Stimme: Es ist auch etwas Großes, dass Preußen noch besteht, und Wer weiß, was sich in der Zukunft daraus entwickeln kann.
Vorlage S. 250
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Gewiss, fuhr der General scherzend fort, ohne des Grafen veränderte Stimmung zu bemerken, Manches werdet Ihr Euch jetzt müssen gefallen lassen. Napoleon verfolgt standhaft seinen Plan, England zu verderben, und da dieses Volk am Schmerzlichsten in seinem Handel verwundet werden kann, so müsst Ihr großherzigen Preußen dem Prohibitiv-Systeme beitreten und den Insulanern Eure Märkte verschließen; daraus folgt dann freilich, dass Eure alten Frauen und Kaffeeschwestern Napoleon verwünschen werden, weil er ihre Genüsse stört, aber dieser ohnmächtige Zorn wird Frankreichs Kraft nicht erschüttern.
Vorlage S. 250
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Gewiss, sagte der Graf, wäre es thöricht und kindisch von uns, an so armselige Genüsse zu denken, wenn das Vaterland untergeht, und mir scheint, es haben die denkenden Geister so triftige Gründe, so tief gefühlte Ursachen, Eures Kaisers eisernen Scepter zu verabscheuen, dass es dieser kleinlichen Dinge dazu nicht erst bedarf. Aber auch dafür wollt Ihr sorgen, so scheint es, dass auch der arme und beschränkte Geist jeden Tag und jede Stunde an seinen gegründeten Haß erinnert wird. Es ist ganz etwas anders, fuhr der Graf heftig fort, als er bemerkte, dass der General ihn unterbrechen wollte, wenn einem Volke eine Entbehrung auferlegt wird, die zu seiner Erhaltung dient, deren Notwendigkeit es selbst fühlt und einsieht, und Frankreich wird vielleicht noch einmal erfahren, welche Entbehrungen die Preußen erdulden können, um ihr Joch abzuschütteln. In einem solchen Falle zu seufzen und zu klagen wäre unmännlich und verächtlich. Aber wenn ein Fremder das Recht des Sieges schnöde missbraucht, wenn er, um unausführbare Plane zu verfolgen, den Armen selbst bis in seine häuslichen Einrichtungen verfolgt und drückt, so wird diesem Armen das weitere Nachdenken erspart und sein Haß wird ohne Geistesanstrengung genährt. So oft ein Armer den jämmerlichen Genuss eines angewöhnten Getränks entbehren muss, so oft die Frau eines in seinen Mitteln beschränkten Bürgers daran denken muss, ihren Tisch so zu bestellen, dass sie den Zucker entbehren kann, eben so oft werden alle diese Menschen fühlen, dass ein furchtbarer Despotismus sich auf uns gelagert hat, und es wird der unerträgliche Druck, den Willkühr und Laune gegen das äußere Leben üben, im Volke gewiss einen eben so lebhaften Abscheu, einen eben so glühenden Haß entzünden, wie edlere Gründe bei dem gebildeten Theile der Nation, und wenn Frankreichs Kaiser, wie aus einem Herzen, von allen diesen Millionen verabscheut wird, so muss er unterliegen.
Vorlage S. 250
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Halt! sagte der General ernsthaft, Dein Eifer führt Dich zu weit und Du bringst Dich in Gefahr, ohne Deiner Sache zu nützen. Ich kann es mir denken, wenn Ihr an Euerm König hängt, dass Euer Herz mit Kummer erfüllt ist. Ich sehe es ein, dass Eure National-Ehre gekränkt ist und dies könnte auch einen Franzosen zur Verzweiflung bringen, aber wenn ich Dir so viel einräume, so gib auch Du zu, dass solche Rücksichten unsern Kaiser nicht hindern dürfen, sein großes Ziel zu verfolgen, und bedenke, dass die Zeit viel zu aufgeregt ist, als dass ungeahnet Reden, wie Du sie führst, geduldet werden können; bedenke, dass Du Dich dann nicht über Napoleon zu beklagen hast, wenn solche Unbesonnenheiten Dein Unglück herbeiführen, und wenn, wie es scheint, fuhr er lächelnd fort, die Kolonialwaaren zu Deiner Familienglückseligkeit notwendig sind, so bin ich der Mann, der Dir persönlich die Freiheit verschaffen kann, so viel davon kommen zu lassen, dass Du die Wohlthat selbst auf Deine Bauern ausdehnen kannst.
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Der Graf musste lachen, sich so wenig verstanden zu sehen; indeß gab er dem besorgten Freunde darin Recht, dass die gegenwärtige Zeit mehr Vorsicht erheische, und er versprach ihm diese Vorsicht zu üben.
Vorlage S. 253
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Und nun, rief der General, lebe wohl! Meine Zeit ist gemessen, empfiehl mich Deinen Damen, deren Anblick, wie es scheint, mir versagt bleiben soll, ich mag als Feind oder Freund erscheinen, und doch gestehe ich, ich hätte gern der Frau meine Huldigung dargebracht, die Dich Philosophen zu fesseln vermochte. Nachdem er den Grafen mit Herzlichkeit umarmt hatte, eilte er die Treppe hinunter, sprang in den geöffneten Wagen, und dahin flog die leichte Equipage durch den Baumgang, und bald schmetterte das Posthorn und weckte das Echo in dem engen Thale von Neuem. Der Graf stand und schaute dem enteilenden Freunde nach, bis sich die Töne in der Ferne verloren.
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XIV
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Es war ziemlich spät geworden, als der Graf endlich die Wohnung des Obristen erreichte. Man war dort schon über sein langes Ausbleiben ängstlich geworden, und Alle begrüßten ihn mit Herzlichkeit, da er in ihrer Mitte erschien. Der Graf theilte die Ursache seiner verzögerten Ankunft mit, und die Gräfin war froh, dass ein glücklicher Zufall sie begünstigt hatte, und sie, ohne dass es auffallend erschienen, die Gesellschaft des General Clairmont hatte vermeiden können. Der Obrist fragte ängstlich, ob der General nichts über den zu erwartenden Frieden geäußert habe, und als der Graf ihm nun alles mitgetheilt hatte, was ihm selbst bekannt war, rief der alte Krieger mit gefalteten Händen und den Blick gen Himmel gerichtet: Gott sei gedankt, dass doch wenigstens ein Kern des Vaterlandes bleibt, aus dem sich eine neue Kraft entwickeln kann; in unserm unsäglichen Elende müssen wir den Himmel für diese Gnade preisen. Uns bleibt doch auch unser König, kein Franzose wird uns beherrschen. Ach! fuhr er mit Rührung fort, wenn es möglich ist, dass die Verstorbenen von uns wissen, so muss es den großen Friedrich mitten in seiner Seligkeit schmerzen, zu sehen, wie das Werk seines Heldenmuthes und seiner Staatskunst untergeht, und durch wen? Durch dieselben Franzosen, die er bewunderte und bei allen Gelegenheiten seinen deutschen Unterthanen vorzog.
Vorlage S. 253
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Der Graf bemerkte, dass er nur das Allgemeinste über den bevorstehenden Frieden wisse, dass er aber gewiss mit Opfern aller Art werde erkauft werden müssen, und dass zu befürchten sei, dass, wenn die eigne Kraft zu sehr geschwächt würde, dann auch von Rußland für die Zukunft nichts zu hoffen sei. Dies Unglück, rief der Obrist, mag ich gar nicht denken, ich betrachte jeden Frieden mit Frankreich nur wie einen Waffenstillstand, um neue Kräfte zu sammeln, und der Kampf wird sich immer wieder erneuern, bis endlich der gemeinsame Feind erliegt.
Vorlage S. 254
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Da der Graf bemerkte, wie peinlich für St. Julien die Unterhaltung wurde, so suchte er die Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand zu lenken und fragte den Obristen, ob er sich nicht freuen würde, vielleicht nach dem Frieden den jungen Grafen Hohenthal wieder zu sehen, da er gehört habe, er sei früher mit ihm bekannt gewesen? Dem Obristen fiel bei dieser Frage alles das Nachtheilige ein, was der junge Graf so oft über seinen Oheim und dessen Gemahlin geäußert hatte, und er antwortete daher mit Befangenheit, wohl würde es ihn freuen, mit dem jungen Manne wieder zusammen zu treffen, der so oft die trüben Tage seiner Einsamkeit erheitert habe. Der Graf fragte über den Charakter seines jungen Vetters, und obwohl der Obrist nur lobend sich über ihn äußerte, so geschah dies doch mit so vieler Zurückhaltung, dass der Graf misstrauisch wurde und glaubte, der Obrist wollte nur aus Schonung für ihn nichts Nachtheiliges über seinen Verwandten sagen.
Vorlage S. 255
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Theresens Wangen glühten, sie konnte die Zurückhaltung ihres Vaters nicht begreifen; sie schien ihr gar nicht mit der Wahrheit seines Charakters vereinbar zu sein; sie wusste, wie er über den jungen Grafen dachte, und nun war sein Lob so kalt, so gemessen, dass es beinah wie Tadel klang. Ach, hätte sie das Bild des jungen Mannes entwerfen dürfen, wie es in ihrer Seele lebte, der Graf würde dann nicht ein so gleichgültiger Zuhörer gewesen sein. Wie oft in den Stunden der bittersten Noth hatte ihre Phantasie ihn vorgespiegelt, wie auf einmal der junge Held erscheinen, und durch ihn alles unsägliche Elend in Glück und Freude verwandelt werden würde, und nun, da sie ihn mit solcher Kälte musste loben hören, schien es ihr, als ob die zärtlichen, sinnigen Augen ihres Freundes zu ihr hinüber blickten und von ihr Gerechtigkeit forderten.
Vorlage S. 255
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Die Gesellschaft trennte sich spät und kehrte in einer schönen, warmen, mondhellen Nacht nach Schloß Hohenthal zurück. Hier erfuhr der Graf, dass der Prediger dagewesen sei und ihn dringend zu sprechen gewünscht habe; auch berichtete Dübois, dass der geistliche Herr versprochen habe, des andern Tages in der Frühe wieder zu erscheinen. In der That war die Gesellschaft am andern Morgen auch kaum versammelt, als der Pfarrer eintrat, und nach den ersten kurzen Begrüßungen den Grafen bei Seite nahm und hastig ihn um die Nachrichten fragte, die General Clairmont mitgebracht habe, dessen kurzer Besuch auf dem Schloß dem Pfarrer schon bekannt war. Der Graf musste das schon öfter Mitgetheilte wiederholen, und weder der Prediger noch der Arzt, der auch hinzugetreten war, konnten viel Tröstliches in diesen Nachrichten finden. Der Krieg, sagte der Prediger endlich, hat uns viel Unglück gebracht, und von dem Frieden, scheint es, dürfen wir wenig Gutes hoffen; indeß wird doch wenigstens dann wieder ein geregelter Gang der Geschäfte eintreten; die Menschen werden sich doch regen und wieder erwerben können, und das ist bei der jetzigen allgemeinen Noth immer schon ein großer Trost. Ich werde dann auch wieder für Manche etwas tun können, um ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und auch unserem Schulzen hier kann ich dann doch vielleicht zu seiner Erbschaft verhelfen, wenn alle Behörden erst wieder in Tätigkeit sind. Recht! rief der Arzt, nicht die Sache der Menschheit aufgegeben, durch keine Noth, durch kein Drangsal darf ein edler Geist dahin gebracht werden, auch ich will meine Studien fortsetzen, und wenn der Friede eintritt, werden mir doch wenigstens die Mittel dazu nicht mehr fehlen; der Verkehr der Geister wird wieder frei.
Vorlage S. 256
552
Der Graf bewunderte schweigend, welche Armseligkeiten die meisten Menschen zu trösten und zu beruhigen vermögen, und durch welche unbedeutenden Gegenstände ihr inneres Auge von den großen Ereignissen der Zeit abgelenkt wird.
Vorlage S. 257
553
Der vielbesprochene Friede wurde endlich bekannt, und jeder Preuße konnte nicht anders als mit heißem Schmerz die tiefe Herabwürdigung des Vaterlandes betrachten, die in diesem Frieden lag. Er war so drückend, dass es beinah wie Spott klang, diese Uebereinkunft Friede zu nennen. Beinah unerschwingbare Summen mussten bezahlt werden, die Hauptfestungen blieben in Französischen Händen, eine Besatzung im Lande, und das Preußische Heer musste bis zur Unbedeutenheit vermindert werden.
Vorlage S. 258
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Ueber die gefurchten Wangen des Obristen Thalheim flossen heiße Thränen, als er die Bedingungen dieses Friedens las. Es ist vorbei, rief er dem Grafen zu, Preußen ist verloren, die Bedingungen können nicht erfüllt werden, dann haben die Franzosen einen Vorwand und bleiben unsere Herren, und wenn durch ein Wunder Alles sollte erfüllt werden können, so bleibt es immer der Großmuth der Feinde überlassen, ob sie gehen wollen, denn wir behalten keine Armeen, sie zu vertreiben.
Vorlage S. 258
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Obgleich der Graf selbst niedergeschlagen war, suchte er doch seinen alten Freund aufzurichten, indem er ihn darauf aufmerksam machte, dass gerade aus dieser Verzweiflung sich eine Kraft entwickeln könne, die Niemand noch ahnete. Die nächste Sorge, schloß er, wird sein müssen, die Summen herbei zu schaffen, die den raubgierigen Feinden zu zahlen sind, und dies, mein theurer Freund, fürchte ich, wird noch vieles Unglück herbeiführen, denn durch diese Anstrengung werden unzählige Familien verarmen, und doch sind sie durchaus notwendig, damit die Feinde aus Berlin weichen und der König wieder in der Mitte seiner Unterthanen sein kann.
Vorlage S. 258
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Ach mein armer König! rief der Obrist, wie muss sein edles Herz bluten, wenn er all das Elend betrachtet, das auf seinen Kinder ruht, denn er liebt sein Volk; er hat das Herz eines Vaters für unsere Leiden, und mit welchen Schmerzen fühlt gewiss die Königin die allgemeine Noth.
Vorlage S. 259
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Wir müssen, sagte der Graf, das edle Beispiel nachahmen, das unser Königshaus uns giebt. Der König hat seinen Haushalt auf's Aeußerste beschränkt, um die allgemeine Last so viel als möglich zu erleichtern. Wenn wir Alle uns auf das Nothwendigste beschränken und alles Ueberflüssige zum Besten des Staats verwenden, so lässt sich hoffen, dass vielleicht den drückenden Verpflichtungen genug getan werden kann.
Vorlage S. 259
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Der Obrist betrachtete den Grafen mit einem traurigen Blick, fasste dann seine Hände und sagte mit bebender Stimme: Der König kann nichts mehr für den Einzelnen tun, es wäre Wahnsinn, es noch zu hoffen; also, theurer Graf, werden Sie niemals den kleinsten Theil aller für mich gemachten Auslagen zurückerhalten.
Vorlage S. 259
559
Sind wir denn noch so kalte Freunde, sagte der Graf in dem Tone sanften Vorwurfs, dass Sie an diese Armseligkeit denken und sich darüber Sorge machen? Lassen Sie uns jetzt den Kummer über unser Vaterland theilen, aber auch die Hoffnung für die Zukunft nicht ganz aufgeben.
Vorlage S. 260
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Die Freunde trennten sich, und obwohl der Obrist tief über sein Vaterland trauerte, so segnete er doch sein Geschick, das ihm einen Freund zugeführt hatte, der ihn mit starker Hand von dem Abgrunde zurückgezogen hatte, in welchen er beinahe versunken wäre, und dessen Liebe nun sein Alter mild schirmte. Unwillkührlich wurden seine Gedanken Worte, und er rief, indem er die Hand der Tochter drückte: Ja, er handelt gegen mich wie ein liebender Sohn! Die Tochter verstand sein Gefühl und drückte einen Kuß auf die väterliche Hand.
Vorlage S. 260
561
Wenige Tage, nachdem der Friede allgemein bekannt geworden war, erschien der Baron Löbau auf Schloß Hohenthal, um den Grafen, seinen Nachbar, wie er sagte, freundschaftlich zu besuchen. Man bemerkte aber bald, dass mit diesem Besuche noch eine Absicht verbunden sei, und dass er das Gespräch mannigfach wendete, um mit diplomatischer Feinheit seinem Zwecke näher zu rücken; endlich äußerte er, da doch nun der Friede dem Lande wiedergeschenkt sei, so schiene es ihm passend, eine anständige Freude darüber zu bezeigen.
Vorlage S. 260
562
Und aus welchem Grunde, fragte der Graf, kann uns dieser Friede erfreulich scheinen?
Vorlage S. 261
563
Einmal, sagte der Baron mit Verlegenheit, ist doch das Blutvergießen geendigt, und dann, theurer Graf, bester Nachbar, die Klugheit fordert es, dass wir uns erfreut darüber zeigen, dass wir unsern König behalten. Welcher preußische Unterthan, entgegnete der Graf, hat hierüber wohl ein anderes Gefühl, und welcher Mann von Ehre wird ein anderes bei uns voraussetzen?
Vorlage S. 261
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Ganz gut, sagte der Baron mit wichtiger Miene, aber leider trifft man nicht auf lauter Männer von Ehre. Ich muss es sagen, ob es mich gleich schmerzt, man hat nur zu viel darüber gesprochen, dass Sie, mein bester Nachbar, ein heimlicher Anhänger der Franzosen wären, des guten Herren St. Julien wegen, der bei Ihnen im Hause lebt. Mir ist der Zusammenhang dieser Sache zu genau bekannt, ich habe also allenthalben widersprochen, überall Ihre Partei genommen, aber was ist die Folge davon gewesen? Nichts anderes, als dass man mich für Ihren Mitschuldigen erklärt. Wir müssen also durchaus etwas tun, die Gemüter zu versöhnen, wenn uns diese Ansicht nicht höchst nachtheilig sein soll; kurz, wir müssen ein Friedensfest veranstalten, zuerst mag dies bei Ihnen geschehen, dann bei mir.
Vorlage S. 261
565
Ich bin gern bereit, sagte der Graf mit Heftigkeit, alle meine Nachbaren und Freunde bei mir zu sehen, aber unmöglich kann ich sie unter dem Vorwande versammeln, als wolle ich mich mit ihnen über einen Frieden erfreuen, der mein Herz mit dem tiefsten Kummer erfüllt.
Vorlage S. 262
566
Tun Sie es unter welchem Vorwande Sie wollen, sagte der Prediger, der zu der Gesellschaft hinzugekommen war, aber ich glaube selbst, dass es gut ist, wenn Sie sich Ihren Nachbarn mehr nähern, denn ich kann nicht läugnen, dass die nachtheiligen Gerüchte, welche der Herr Baron erwähnte, wirklich bestehen, und es ist das letzte Mittel, um zu zeigen, dass man nichts Verdächtiges in seinem Hause hegt, wenn man es einer großen Gesellschaft öffnet.
Vorlage S. 262
567
Wenn es denn sein muss, sagte der Graf empfindlich, dass ich, um mich von Verdacht zu reinigen, meine Nachbarn bewirthe, so mag ein solches Reinigungsfest in des Himmels Namen stattfinden, ich will mich nicht weigern; aber als Freudenfest wegen dieses Friedens will ich es nicht betrachtet wissen.
Vorlage S. 262
568
Bedienen Sie sich eines andern Vorwandes, sagte der Prediger, man wird Ihnen auf jeden Fall dankbar sein, wenn Sie anfangen, die Gesellschaft wieder zu vereinigen, wodurch den Menschen ein Uebergangspunkt von der langen drückenden Traurigkeit während des Krieges zu neuer Heiterkeit gegeben wird.
Vorlage S. 262
569
In einigen Tagen, sagte der Graf, fällt der Geburtstag der Gräfin ein; ich werde also an diesem Tage ein Fest veranstalten, so gut es auf Hohenthal gehen will.
Vorlage S. 263
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Schön, sagte der Baron; dabei kann auf jeden Fall unter Trompetenschall die Gesundheit des Königs getrunken werden, der Lärm, das Jubeln dabei muss so laut als möglich getrieben werden, um eine bedeutende Wirkung hervorzubringen. Bei mir bleibt es ein Friedensfest, ich beabsichtige damit Mancherlei, worüber ich mich jetzt noch nicht erklären kann. Mit schlauem Lächeln entfernte sich der Baron, nachdem er seine Absicht erreicht hatte. Der Graf hatte nur ungern nachgegeben, ihm schien es nicht anständig, eine laute Freude zu bezeigen bei so viel Ursache zum Kummer; auch glaubte er, selbst die Summe, die für ein solches Fest aufgewendet werden müsste, könne im gegenwärtigen Augenblick besser benutzt werden; indeß, da nun einmal das Versprechen gegeben war, so wurden Einladungen weit und breit versandt. Die Gräfin und Emilie ordneten mit Dübois an, wie die Genüsse dieses Festes aufeinander folgen sollten, und der alte Haushofmeister sorgte viel zu eifrig für die Ehre des Hauses, als dass nicht durch ihn die Wirthschafterin und die Köche gehörig in Tätigkeit gesetzt worden wären.
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Während der Beschäftigungen des Schlachtens, Backens und aller anderen Vorbereitungen, die ein großes Fest auf dem Lande erfordert, konnte es der Graf nicht lassen, seinem Mißmuthe dadurch Luft zu machen, dass er zuweilen mit St. Julien darüber scherzte, wie mühselig diese Anstalten zur Freude wären, bei denen doch am Ende Alles auf Essen und Trinken hinaus liefe. Der junge Mann gab ihm Recht, und die Gräfin bemerkte: Es giebt überhaupt sehr wenige Festlichkeiten, bei denen der Genuss im Verhältnis zu der Mühe stände, die die Anstalten dazu verursachen.
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Die Aufmerksamkeit wurde auf einen andern Gegenstand gelenkt, als der Prediger kam und dem Grafen einen Brief brachte. Ich kann es mir nicht erklären, sagte der Geistliche, ich habe hier noch einen Brief, der ist von dem alten Lorenz, worin er mich ersucht, ihm seine Pension, die Sie ihm auszahlen, zu übermachen; er fügt zu diesem Zwecke auch die Quittung bei, und mit demselben Boten kommt der Brief an Sie, und dieser Bote ist ein Bauer von dem Gute Ihres Herren Vetters, der mir versichert, der alte Lorenz sei dort auf dem Schloß; auch ist der Brief an Sie mit dem Hohenthalschen Wappen gesiegelt.
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Georg Friedrich Kersting – Mann am Sekretär. Vergleichsbild zum Lesen, Schreiben und Nachdenken; keine Darstellung einer Figur dieses Buches.
Kontextbild zum Werk. Am Schreibtisch · Georg Friedrich Kersting · Public domain Bildquelle ↗
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Der Graf öffnete dies Schreiben, und es fand sich, dass es von seinem Vetter, dem jungen Grafen, war, der ihm meldete, dass er schon lange das Verlangen gehegt habe, ihm, als seinem Verwandten, seine Hochachtung zu bezeigen, und da nun durch die große Reduktion der Armee er für jetzt verabschiedet sei, so glaube er, die Muße, die ihm dadurch geworden, nicht besser benutzen zu können, als wenn er diesen lang genährten Wunsch befriedige, und so kündigte er sich hiemit für einen der nächsten Tage auf Hohenthal an.
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Der Brief war mit so großer Zurückhaltung und trockner Kälte geschrieben, dass er keine gute Meinung für den Verfasser bei dem Grafen erregte, denn er dachte: Ist es für ihn ein so lästiger Zwang, mich zu besuchen, so hätte er es ja unterlassen können, da ihn Niemand dazu aufgefordert hat; macht er aber die Reise trotz seines Widerwillens, so muss eine Absicht damit verbunden sein. Indeß verschwieg der Graf diesen Gedanken und äußerte bloß gegen den Prediger, dass es ihn freue, seinen jungen Vetter kennen zu lernen, der ihm seinen Besuch ankündigte. Ich konnte nicht darauf kommen, setzte er hinzu, ihn zu unserm Feste einzuladen, da ich nicht wusste, dass er schon bei seinen Eltern ist, und auch die Entfernung zu groß ist, als dass man ihn zu den Nachbaren rechnen könnte; der Weg, den er zu machen hat, muss schon eine Reise genannt werden, und ich hoffe deßhalb, er wird sich länger bei mir aufhalten wollen, wenn er auch noch zu unserm Friedensfeste kommen sollte.
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Ich begreife nur nicht, was der alte Lorenz dort macht, sagte der Geistliche. Da er kein Dokument mehr verkaufen kann, sagte der Graf mit einiger Bitterkeit, so lassen Sie ihn treiben, was er will. Er händigte hierauf dem Geistlichen die halbjährige Pension des ehemaligen Kastellans gegen dessen Quittung ein, der darauf den Boten am andern Tage zurückzusenden versprach.
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Es war am Vorabende des großen Festes, alle Anstalten waren beendigt, und man konnte nun dem verständigen Dübois die Ausführung ruhig überlassen. Jetzt, sagte die Gräfin scherzend zu Emilie, die eben etwas erhitzt und ermüdet eintrat, fängt das Fest für uns schon an; nun brauchen wir für nichts mehr zu sorgen, jetzt ruht die Bürde allein auf Dübois Schultern, der das große Werk gewiss zu unserer Zufriedenheit ausführen wird; also setze Dich nun zu uns und lass uns einmal wieder ein vernünftiges Gespräch führen, wozu seit gestern kein Mensch hat kommen können.
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Emilie wollte eben antworten, als man einen Wagen vorfahren hörte. Um Gottes Willen! rief St. Julien, es kommt doch wohl nicht ein voreiliger Gast schon heute. Man eilte zu den Fenstern; der angekommene Fremde war schon ausgestiegen, indeß der leichte, kleine, mit zwei unansehnlichen Pferden bespannte Reisewagen, der Knabe von funfzehn bis sechszehn Jahren, der zugleich Kutscher und Bedienter zu sein schien, dies Alles deutete auf keinen vornehmen Gast. Die Gesellschaft wendete sich eben nach dem Saale zurück, als Dübois die Flügelthüren öffnete und mit ehrerbietiger Stimme in den Saal hinein rief: der Herr Graf von Hohenthal. Der Angekündigte trat ein, und Aller Augen waren auf einen jungen Mann gerichtet, dessen edler Anstand für ihn hätte einnehmen können, wenn nicht dem schönen, ausdrucksvollen Gesichte alle Freundlichkeit und Milde gemangelt hätte. Er war blass und mager nach überstandener Krankheit und Anstrengung. Zwischen seinen Augenbraunen ruhte ein Zug, den man hätte feindlich nennen können, wenn nicht die Augen einen Trübsinn ausgedrückt hätten, der zuweilen bis zur wilden Verzweiflung gesteigert schien.
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Er näherte sich dem Grafen und sagte, indem er sich mit Kälte verbeugte, er habe den Wunsch nicht unterdrücken können, ihm seine Aufwartung zu machen, und sei schon so frei gewesen, ihm diesen Vorsatz in einem früheren Briefe anzukündigen. Der Graf erwiederte eben so kalt, dass es ihn herzlich freue, einen Verwandten bei sich zu sehen, dessen Bekanntschaft er sich schon lange gewünscht habe; er stellte ihn hierauf der Gräfin vor und machte ihn mit den Hausgenossen bekannt.
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Der Gräfin verursachte das Feindliche in der Stellung, welche die beiden Verwandten gegen einander annahmen, die größte Pein, und durch einige herzliche Worte suchte sie sich dem jungen Manne zu nähern, auf die dieser indeß zwar höflich aber mit schroffer Kälte antwortete. Vor St. Julien, als der Graf ihn nannte, beugte er sich kaum merklich, ohne ein Wort zu sagen, der junge Franzose erwiederte den Gruß, wie er ihn empfing, und in wenigen Minuten war eine allgemeine und gründliche Verstimmung entstanden.
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Um ein Gespräch anzuknüpfen, erkundigte sich der Graf nach dem Vater seines neuen Gastes und bedauerte, dass er so viele Jahre außer aller Verbindung mit seiner Familie gelebt habe, so dass ihm alle Verhältnisse derselben fremd geworden wären. Der junge Graf schoss einen feindlichen Blick auf die Gräfin und sagte, die Trennung des Grafen sei von seinem Vater oft als ein großes Unglück beklagt worden.
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Ich wüsste nicht, sagte der Graf, dem der Blick nicht entgangen war, empfindlich, welch Unglück ich dadurch für Verwandte herbeigeführt hätte, die ich kaum in meiner Jugend gekannt habe. Ich fühle wohl, erwiederte sein Vetter, dass diese Erklärung nur mein Vater geben könnte, und dass er sie nicht in Gegenwart von Fremden geben würde. St. Juliens Auge glühte, er stand auf und wollte den Saal verlassen. Wo wollen Sie hin, mein bester St. Julien, sagte der Graf, indem er ihm mit Zärtlichkeit die Hand bot, Sie wissen, wie lieb mir Ihre Gesellschaft ist, warum wollen Sie uns also verlassen? St. Julien setzte sich wieder, der junge Graf hatte die Augen zu Boden gesenkt, und es entstand ein drückendes Schweigen.
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Die Gräfin versuchte es von Neuem, das Gespräch wieder zu eröffnen, aber alle ihre Fragen wurden so einsylbig von dem jungen Grafen erwiedert, wie es der Anstand nur irgend erlaubte. Der Graf verlor beinah die Geduld, doch da er dachte, dass das Kommen seines jungen Vetters gewiss einen Zweck habe, so that er sich selbst Gewalt an, um wo möglich diesen kennen zu lernen. Es waren nach und nach alle Gegenstände vergeblich berührt worden, durch die man hoffen konnte, ein Gespräch einzuleiten, und der Graf that nun als letztes Hülfsmittel einige Fragen über den Krieg.
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Ein schmerzliches, fast höhnendes Lächeln zuckte um den Mund des jungen Grafen. Wie glücklich, sagte er, dass Sie hier den Krieg nicht erlebt haben, dass Sie sich hier in Ruhe und Wohlstand von dem Kriege können erzählen lassen, und abwechselnd Freunde und Feinde bewirthen. Ich will Ihnen nur eine Geschichte aus dem Kriege erzählen, und Sie werden für Ihre Ruhe dem Himmel danken. Ein junger Offizier, mein Freund und Waffenbruder, ging mit mir zugleich zum Regiment, und machte mich auf dem Wege mit seiner Mutter und drei liebenswürdigen Schwestern bekannt, die auf ihrem Gute wohlhabend mit Anstand lebten. Wir hatten uns kaum entfernt, so hörten wir, die Franzosen hätten es genommen und geplündert. Mein unglücklicher Freund erfuhr nichts von den Seinigen; bald darauf wurde das Schloß von den Preußen genommen, welche die Noth zwang, ohne Rücksicht für die Bewohner die noch übrigen Vorräthe zu benutzen. So zogen fünfmal abwechselnd Feinde und Freunde hindurch, bis auch unser Korps wieder in die Nähe gedrängt wurde. Auf dem väterlichen Boden meines Freundes zerstampften unsere Rosse die Saaten bei einem blutigen Scharmützel; die Feinde zogen sich zurück, aber mein Freund sank von einer feindlichen Kugel in der Brust getroffen, auf seinem eigenen Boden. Ich brachte den sterbenden jungen Mann in das Haus seiner Väter und fand es öde, aller Mobilien beraubt, die Fenster zerschlagen, von allen Bewohnern verlassen; endlich entdeckte ich in einem Winkel zusammengekauert eine weiße, bleiche Gestalt, die die abgemagerte Hand erhob und mit wahnsinnigem Lächeln auf die Leiche ihres Bruders deutete, der schon gestorben war. Es war die jüngste Schwester meines Freundes; die Mutter und die beiden älteren waren todt, und diese durch Hunger und jede Mißhandlung wahnsinnig geworden. Dies ist der Krieg, schloß der junge Graf, von dem sich hier freilich keine Spuren zeigen.
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Die Gräfin verhüllte bei dieser gräßlichen Geschichte das Gesicht, Emiliens Thränen flossen unverborgen, und auch die männlichen Zuhörer waren tief erschüttert. Der Graf glaubte, dass die allgemeine Theilnahme, die sein Vetter bemerken musste, diesen geneigter machen würde sich anzunähern, aber im Gegentheil schienen durch die erzählte Begebenheit Gefühle in ihm erregt zu sein, die ihn noch feindlicher stimmten. Er äußerte sich in so starken Ausdrücken über die Franzosen, dass es der Graf nicht mehr hinderte, als St. Julien den Saal verlassen wollte, und sich selbst mit den übrigen Hausgenossen sobald als möglich zurückzog, um Gespräche mit seinem Vetter zu endigen, die zu leidenschaftlich von diesem geführt wurden.
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XV
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Während die Gesellschaft im Saale versammelt war, war Dübois noch für das Fest des folgenden Tages beschäftigt, und die Anordnungen, welche er machte, führten ihn durch alle Gänge des Hauses. So ging er auch an dem Zimmer vorüber, in welchem die Bedienten versammelt waren, und hörte, wie ihm ein verwirrtes Getöse von Lachen, Weinen, Schelten und Fluchen daraus entgegen tönte. Entrüstet öffnete der alte Haushofmeister die Thüre, um sich nach der Ursache des unziemlichen Lärmens zu erkundigen. Die dort Versammelten bemerkten ihn nicht sogleich, und er sah, wie der Knabe des jungen Grafen mit funkelnden Augen und erhitzten Wangen hinter einem Tische stand und sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnte; den rechten Arm hatte er erhoben und in der Hand hielt er drohend ein blinkendes Messer. Schurken! rief er mit von Wuth entstellter Stimme, wagt es, und der erste, der mir naht, dem stoße ich dies Messer in die Brust. Entsetzt sprang Dübois vor und rief: Um Gottes Willen, was geht hier vor? Soll ich Mord hier im Hause erleben? Die Bedienten wichen zurück, und der Lärm verstummte, auch der Knabe hatte den Arm sinken lassen, ob gleich die Hand noch das Messer hielt. Junger Mensch, fuhr Dübois fort, sich zu diesem wendend, was konnte Dich zu solcher Wildheit reizen, dass Du in Deiner zarten Jugend ein Mörder zu werden drohst? Herr, erwiderte der Knabe mit zitternder Stimme, indem seine Wuth sich in Wehmuth auflöste und die hellen Thränen über seine Wangen flossen, Sie wissen nicht, wie mich diese Menschen reizten. Ich gehöre nicht zu ihnen, drum hielt ich mich abgesondert. Nun fingen sie an mich zu necken, meine Dürftigkeit zu verlachen und über meine Kleidung ihren Spott zu treiben; da verlor ich die Geduld und sagte ihnen, was meine ernstliche Meinung ist, dass ich lieber sterben wollte, als eine Livree tragen, wie sie, wenn sie auch noch mehr Gold an sich hätten; drauf wurden sie wüthend und wollten mich schlagen, und so kam es, dass ich, um mich zu vertheidigen, – hier stockte der Knabe, seine Hand ließ das Messer fahren, und er blickte mit Beschämung vor sich nieder.
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Und wenn Du nun so unglücklich gewesen wärest, in diesem thörichten Streite einen jener unnützen Schufte zu tödten, fragte der alte Mann, und seine blutende Leiche läge jetzt vor Dir, würdest Du dann nicht verzweifeln. Ich habe Unrecht, sagte der Knabe, aber sollte ich mich denn schlagen lassen? Der Haushofmeister wusste keine Antwort zu geben, denn sein eigenes Ehrgefühl sagte ihm, dass der Knabe schwer gekränkt worden sei, und doch wollte er keine gewaltsame Handlung entschuldigen. Er wendete sich deßhalb zu den Bedienten und sagte: Euer Betragen werde ich dem Herrn Grafen melden, und ich bin überzeugt, dass Ihr eher alle aus seinem Dienste gejagt werdet, ehe er es duldet, dass ein Gast seines Hauses, ein Verwandter in seinem Diener beleidigt wird. Du, mein Sohn, sagte er zu dem Knaben, komm von diesen Menschen hinweg, Du sollst in meinem Zimmer bleiben, bis Dein Herr Deiner bedarf. Er nahm nach diesen Worten die Hand des Knaben und führte ihn aus dem Bedientenzimmer hinweg.
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Das fehlte noch, sagte einer der Zurückbleibenden, dass wir um des Bettelprinzen Willen unsere Stellen verlören; aber Du, Johann, hast den Lärmen angefangen, bekommt es uns schlecht, so gehn wir über Dich her. Der Beschuldigte wollte sich vertheidigen, es wurde Partie für und wider ihn genommen, und es war nah daran, dass der Streit ernsthaft erneuert wurde, wenn nicht ein Jäger, der Vernünftigste der Gesellschaft, dringend zum Frieden ermahnt hätte. Seinem Rathe beschloss man auch einmüthig zu folgen, und man wollte Dübois, ehe er am andern Morgen den Grafen sprechen könnte, vermögen, die Sache zu verschweigen, und sich mit dem Knaben zu versöhnen suchen, damit auch dieser nicht bei seinem Herrn sich beklage.
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Dübois hatte den Knaben auf sein Zimmer geführt und fragte ihn hier: Hast Du schon zu Abend gegessen, mein Kind? Nein, sagte der Knabe, da ich mich nicht unter die Bedienten mischen wollte, so hat mir auch Niemand etwas angeboten. Der Haushofmeister brachte nun selbst einige kalte Gerichte und stellte auch eine kleine Flasche Wein vor seinen neuen Gast. Der Knabe fing unter stillen Thränen an zu essen und trank auch ein wenig von dem ihm angebotenen Weine. Als er seine Mahlzeit beendigt hatte, sagte Dübois: Und nun, mein Sohn, erzähle mir doch, weßhalb Du nicht zu den Bedienten zu gehören glaubst. Sie sind ein so guter Herr, sagte der Knabe zutraulich, recht wie einem Vater könnte ich Ihnen vertrauen, mit Ihnen kann ich gern über alles Unglück sprechen, das ich schon erlebt habe, so jung ich auch noch bin. Mein Vater war ein gelehrter Mann, aber weil er in seiner Jugend nicht Geld genug hatte, so konnte er auch nicht auf eine Universität gehen und studieren, wie es sein Wunsch war, also konnte er auch nicht Prediger werden und nahm eine Kantorstelle an, wobei er sich auch recht gut stand. Es war ein schönes, großes Dorf und hieß Schönau, wo wir wohnten, ein anderes Dorf gehörte auch zu unserer Kirche, und mein Vater hatte eine reiche Einnahme. Die Bauern ehrten ihn als einen Mann, der beinah gelehrter war als der Prediger selber; unser Herr Pfarrer liebte meinen Vater, und Beide waren recht große Freunde; selbst, wenn der gnädige Herr auf dem Schlosse war, so lud er niemals den Prediger zu Tische, ohne auch meinen Vater zu bitten; so ging Alles recht schön und gut; mein Vater unterrichtete mich sorgfältig und sagte oft zu mir: Du, Gustav, musst Alles nachholen, was ich aus Armuth habe versäumen müssen, denn Gottlob! ich habe so viel, dass ich Dich auf eine Universität werde schicken können.
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So war ich etwa zehn Jahre alt geworden, da starb meine gute Mutter, die schon lange kränklich gewesen war. Sie können wohl denken, dass ich sie herzlich und lange beweinte; auch mein Vater trauerte tief über ihren Verlust, und wir wären vielleicht noch länger in unserm Kummer versunken geblieben, wenn nicht der Prediger so viel getan hätte, uns zu trösten. Nachdem ein Jahr vergangen war, heirathete mein Vater eine Verwandte des Predigers, und ich war am Hochzeitstage recht betrübt; denn manche alte Bäuerinnen hatten mir gesagt: Nun, Musje Gustav, nun werden Seine guten Tage vorbei sein, nun kommt eine Stiefmutter ins Haus, nun wird Alles anders gehen. Aber es war nicht so; meine Stiefmutter war so gut, ach! so gut, wie es nur immer eine wahre Mutter sein kann. Es wurde freilich Manches anders bei uns im Hause, aber viel besser. Meine verstorbene Mutter hatte bei ihrer Kränklichkeit nicht mehr recht für Alles sorgen können; nach ihrem Tode hatte mein Vater sich aus Betrübniß um das Hauswesen gar nicht bekümmert, und so lebte nun Alles wieder bei uns auf; wir hatten feinere Wäsche, bessere Kleider, unser Haus wurde aufgepuzt, im Garten prangten die schönsten Blumen; und wenn der Herr Pfarrer bei uns speiste, so bewirtheten wir ihn eben so anständig, wie er uns. Seine Söhne waren meine Freunde und Spielkameraden; mein Vater war mit meinem Fleiß zufrieden, und ich war recht glücklich bei meinen Eltern.
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So ging es fort, bis mir ein Schwesterchen geboren wurde. Nun sagten die bösen Weiber wieder, nun wird es aus sein, nun hat die Stiefmutter selber ein Kind, nun wird sie sich um den Stiefsohn nicht kümmern; aber es war nicht wahr. Ich liebte mein Schwesterchen herzlich; ach! lieber Herr, es war ein Kind wie ein Engelchen, es war eine Belohnung für mich, wenn es die Mutter in meine Arme gab, und hätten Sie nur dies Kind gekannt, fuhr der Knabe mit Thränen fort, hätten Sie nur gesehen, wie freundlich die dunkelblauen Augen sein konnten, wie lieblich der rothe Mund im Lächeln die weißen Zähnchen zeigte! Jeder Mensch musste dies Kind lieben, und doch sprach meine Mutter immer so, als ob es eine besondere Tugend von mir wäre, dass ich mein Schwesterchen so liebte, und die gute Mutter wurde aus Dankbarkeit dafür noch zärtlicher gegen mich.
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Sehn Sie, so gut, so glücklich war Alles, und so blieb es, bis ich beinah funfzehn Jahre alt war; nun sagte mein Vater: Gustav, nun musst Du nach Königsberg auf die gelehrte Schule, und bist Du da recht fleißig gewesen und hast alles Erforderliche gelernt, dann kannst Du dort gleich die Universität beziehen, und wenn Du brav und fleißig bleibst, so kann ich noch Freude und Ehre in meinem Alter durch Dich erleben.
Vorlage S. 277
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Sie können wohl denken, dass ich mit Thränen von meinen Eltern schied, aber doch freute ich mich auch weiter zu kommen mit meinen Studien, als es auf dem Lande ging. Mein Vater begleitete mich selbst nach Königsberg, und ich sah es wohl, dass er mich recht mit Stolz betrachtete, als man mich nach dem Examen gleich nach Sekunda setzte. So trennten wir uns, und ich blieb nun einsam in Königsberg zurück und dachte mit Eifer zu studiren. Aber ach! das Glück war bald zu Ende; mein Vater meldete mir nach wenigen Monaten, mein liebes Schwesterchen sei an dem Scharlachfieber gestorben und auch die Mutter davon befallen worden. Der Krieg war ausgebrochen, und mein Vater sagte, dass er uns ganz trennen könnte. Er befahl mir daher, die Reise nach Schönau mit einem Fuhrmanne anzutreten, den er mir bezeichnete und von welchem er erfahren hatte, dass er eine Reise unternehmen würde, die ihn nahe bei unserem Dorfe vorbeiführte. Ich gehorchte meinem Vater und war sehr bald wieder in unserm Dorfe, aber wie ganz anders war hier Alles geworden. Die Franzosen waren schon dort gewesen, und hatten Alles geplündert und zerstört, das Dorf war zum großen Theile abgebrannt, und die Bauern hatten die Häuser verlassen, die noch standen. Meine Mutter fand ich sehr krank, der Vater war ganz tiefsinnig geworden. Nun kamen die Preußen, und verlangten Lebensmittel und Pferde, gleich darauf wurden sie von den Franzosen vertrieben; die feindlichen Kugeln zündeten das Dorf von Neuem an, und der Schrecken, als die Flammen wieder leuchteten, lähmte meine kranke Mutter; nun stürmten die Feinde in unser Haus und drohten, mich und den Vater umzubringen, aber der Anblick der sterbenden Frau machte, dass sie still wieder abzogen. In derselben Nacht starb meine zweite Mutter, und mein Vater war so betäubt, dass er nicht weinte und auch kein Wort sprach. Wir saßen beide bei der Leiche, indeß das Feuer draußen wüthete. Unser Haus stand etwas abseits und wurde deßhalb von den Flammen verschont; Niemand war von den Dorfbewohnern dageblieben, auch der Prediger war mit seiner Familie entflohen; so waren wir ganz verlassen. Mein Vater suchte endlich im Hause umher, und fand etwas Abendmahls-Wein und ein kleines Brod. Iss das, sagte er zu mir, ich will sehen, ob nicht irgend ein Mensch sich findet, der uns hilft die arme Frau begraben. Er ging hinaus. Ich konnte nichts essen und legte das Brod neben mich hin; da hörte ich auf ein Mal Flintenschüsse; meine Augen richteten sich nach dem Fenster, Feinde sprengten vorbei, gleich darauf wurde unsere Thüre aufgestoßen, und Preußische Soldaten brachten meinen Vater mit Blut bedeckt herein; eine Kugel hatte ihn durchbohrt, und er lebte nur noch, um die Hand auf meine Stirn zu legen und mich ohne Worte zu segnen. Die Soldaten legten seine Leiche neben die meiner Mutter, und ich warf mich nieder und küsste die blutige, kalte Hand meines Vaters. Da trat ein junger Offizier herein, und der klägliche Anblick entlockte ihm Thränen; er kam zu mir, richtete mich auf und suchte mir Trost einzusprechen. Er zwang mich das Zimmer zu verlassen, und einige Weiber, die immer bei den Soldaten sind, mussten für die Leichen sorgen. Mit Güte fragte er mir alle meine Verhältnisse ab und sagte dann: Armes Kind, Du hast in solcher Jugend schon ein schreckliches Unglück erfahren, und bist nun ganz hülflos und verlassen. Diese Worte machten von Neuem meine Thränen fließen, und ich glaubte, das Herz würde mir vor Schmerz brechen. Der gute Herr suchte mich zu trösten und sagte dann: Wenn Du Niemanden hast, dem Du angehörst, so bleib bei mir, und ich will für Dich sorgen, so gut ich kann. Ich fühlte seine Güte, ich küsste seine Hände und sagte ihm, dass ich seine Wohlthat erkenne, aber dass ich um meine lieben Eltern immer weinen müsste. Er tadelte mich nicht und sorgte nun dafür, dass die armen Eltern begraben wurden, so anständig, als es gehen wollte; er ließ auch ein Kreuz auf ihr Grab setzen. Und ich erfuhr nun auch, dass mein Wohlthäter ein Graf sei und Hohenthal hieße. Er blieb einige Tage noch im Hause, und ich war immer um ihn; er hatte mich nun ganz kennen gelernt und sagte: Deine Eltern haben Dir eine gute Erziehung gegeben, so bald es nur angeht, sollst Du wieder auf die gelehrte Schule und auf die Universität, und ich will sehen, ob ich mir nicht einen Freund in Dir erziehen kann. Diese Worte rührten mich tief, und ich gelobte mir, seine Liebe zu verdienen. Endlich kam ein Befehl, mein Herr musste mit seinen Truppen weiter rücken. Ich muss Dich mit mir nehmen, sagte er zu mir, obgleich Krieg und Schlachten nicht für Deine Jahre taugen, aber ich weiß Dich nirgends unterzubringen, und so könnte der Krieg uns leicht für immer trennen. Ich folgte also dem gütigen Herrn und erlebte an seiner Seite die fürchterliche Schlacht bei Eylau. Den zweiten Tag dieser gräßlichen Schlacht wirft sich ein Trupp Franzosen auf die Bagage, bei der ich und mehrere Knaben waren, viele wurden niedergemetzelt, andere entkamen, und so auch ich. Nebst der Furcht für mein Leben quälte mich auch noch der Kummer, dass ich von meinem Herrn nichts wusste, auch die Sorge, dass er nun Alles verloren habe, und dann erfasste mich die Angst, ob er nicht vielleicht geblieben sei und ich ihn so auf immer verloren habe. Diese mannichfachen Gefühle quälten mich auf meiner Flucht, die ich immer weiter fortsetzte, bis ich durch ein niedergebranntes Dorf eilte, einem einsam stehenden Hause zu. Ich riss hastig die Thüre auf und stand bald in einem großen, leeren Zimmer, das ich sogleich für die ehemalige Wohnung meiner Eltern erkannte. Das Bett stand noch darin, auf dem beide Leichen gelegen hatten; der Anblick rief meine Thränen hervor, und ich stand schluchzend und Hände ringend vor dem leeren Bette, da wurde es auf einmal laut und lebendig, Degen und Sporen klirrten, die Thüre wurde geöffnet, und herein getragen wurde mein lieber Herr, ganz wie mein Vater bleich und mit Blut bedeckt. Ich schrie auf in der wildesten Verzweiflung. Schweig, dummer Junge, rief mir ein Arzt entgegen, er ist nicht todt. Ach! welch ein Trost war dies Wort für mich, hätte der gute Mann auch noch weit ärger geschimpft, wie er nachher noch oft that, wenn ich etwas ihm nicht recht zu machen verstand, ich wäre doch niemals auf ihn böse geworden.
Vorlage S. 278
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Sie legten meinen lieben Herrn auf dasselbe Bett, auf dem mein armer Vater gelegen hatte. Seine Wunden wurden untersucht und die Kugel herausgezogen, der Arzt gab die beste Hoffnung, und die Offiziere, die ihn hieher gebracht hatten, mussten nun zu ihren Truppen zurück. Der Arzt blieb, und die Offiziere versprachen, ihn nach einigen Tagen abzuholen. Als wir allein waren, verlangte der Arzt, ich sollte ihm Lebensmittel verschaffen. Ich durchsuchte das ganze Haus und fand in einem kleinen oberen Zimmer einige alte Frauen, die nach dem Dorfe zurück gekommen waren und sich in dem einzigen Hause, welches noch stand, eingerichtet hatten; diese nun mussten Hülfe schaffen, und sie thaten es für Geld auch gern, und so wurde der Arzt befriedigt.
Vorlage S. 282
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Die Offiziere hatten mir, als man meinen Herren entkleidete, das Geld gegeben, welches er bei sich trug, und auch seine Uhr; ich erfuhr auch von ihnen, dass sie ihn gerettet hatten, als er in ihrer Nähe, von einer Kugel getroffen, gefallen war.
Vorlage S. 283
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Schon des andern Tages kamen die Offiziere zurück und brachten uns alle, auch meinen kranken Herrn, nach einem Orte, wo ein Lazareth eingerichtet war, und hier dauerte es lange, ehe mein armer Herr nur sprechen konnte. Endlich erlaubte es ihm der Arzt, und seine ersten Worte richtete er an mich. Gustav, sagte er, ich habe es wohl gesehen und gefühlt, mit welcher Liebe Du mich pflegst, Du leistest mir alle Dienste, auch die, die sonst nur einem Bedienten zukommen; aber, lieber Junge, die Dienste, die man dem Freunde leistet, erniedrigen nicht, und vielleicht kann ich es Dir noch einmal vergelten. Nach einigen Tagen fragte mein Herr: Lieber Gustav, wie viel Geld haben wir noch? Ich zählte die Summe und sagte sie ihm. Das ist wenig, erwiederte er seufzend, und wir müssen vielleicht noch lange damit auskommen; rufe mir Jemanden, dem wir die Uhr verkaufen können, und dann hüte Dich etwas Ueberflüssiges auszugeben. Ein Jude fand sich bald, der die Uhr kaufte, und nun theilten wir das Geld sehr sparsam ein. Es war aber doch natürlich, dass ich meinen kranken Herrn nichts wollte entbehren lassen und lieber Manches selbst entbehrte, und nun machen sich die Schufte hier über meinen Herrn lustig, weil er mir keine bessern Kleider giebt. Lass diese elenden Menschen, mein gutes Kind, sagte Dübois mit weicher Stimme, und endige Deine Erzählung.
Vorlage S. 283
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Nun fuhr der Knabe fort: Endlich war mein Herr so weit gekommen, dass wir reisen konnten. Der Waffenstillstand wurde auch bekannt, und wir machten uns nun, ich kann wohl sagen, recht arm auf den Weg, um zu seinen Eltern zu gelangen. Mein Herr war so gut, dass er sich ernstlich entschuldigte, wenn ich ihn bediente. Dich hat ein Gott recht zu meinem Beistande gegeben, sagte er ein Mal, wie wollte ich ohne Dich bestehen, da ich noch nicht gesund bin. So erreichten wir endlich seines Vaters Schloß; aber Sie werden es nicht übel deuten, lieber Herr, wenn ich es aufrichtig sage, dass der alte Graf mir nicht gefiel; auch sah ich wohl, dass mein gütiger Herr niedergeschlagener wurde, als er es im Felde und in Krankheit und Armuth war. Hier wurde auch eine andere Einrichtung getroffen, und er litt es durchaus nicht mehr, dass ich ihn bediente; er nannte mich hundert Mal des Tages seinen jungen Freund oder seinen Pflegesohn, und ich hörte es wohl, wie sein Vater ihm oft Vorwürfe machte, dass er sich durch mich eine unnütze Last auf den Hals geladen habe. So aß ich dort mein Brodt mit Thränen, aber es wurde noch schlimmer; ein alter widriger Mann mit triefenden Augen kam dorthin, der trug dem alten Grafen Vieles vor und auch meinem jungen Herrn; was es war, kann ich nicht sagen; aber mein Herr wurde oft sehr aufgebracht, und ich hörte mehrere Male, wie er dem alten Grafen zuschwor, er würde solch Unrecht nicht dulden; dann suchte ihn der alte Graf selbst wieder zu besänftigen und bat ihn, nicht durch Hitze Alles zu verderben und zur Klugheit seine Zuflucht zu nehmen. Endlich kam die Nachricht, dass mein Herr verabschiedet sei; das brachte ihn vollends zur Verzweiflung. Gustav, sagte er eines Abends zu mir, ich muss eine kleine Reise unternehmen, und ich will auf dieser Fahrt keinen von meines Vaters Leuten mit mir nehmen, denn ich habe bemerkt, dass sie ihrer Zunge zu viel Freiheit gestatten und über ihre Herrschaft zu viel schwatzen. Ich konnte dies nicht läugnen. Hast Du so viel Liebe für mich, fuhr mein guter Herr fort, dass Du mir auf dieser Reise die Dienste leisten willst, die mir Erziehung und Gewöhnung unentbehrlich gemacht haben, und kannst Du auch wohl ein Paar Pferde regieren? Ich versicherte ihm, dass ich Alles leisten wollte, und so machten wir uns auf den Weg. Mein Herr sorgte für mich besser, als für sich selbst, und ich hoffte, die Reise würde ihn erheitern. Ich bemerkte es wohl, dass er immer unruhiger wurde. Endlich, heute Morgen, hielten wir vor einem hübschen Hause an; ich sah es wohl, wie der Graf zitterte, als er abstieg; seine Augen und Wangen brannten, aber nach wenigen Minuten kam er bleich wie eine Leiche zurück, bestieg still den Wagen, sprach während des ganzen Weges kein Wort, und hier angekommen, hat er auch nicht an mich gedacht und mich zum ersten Mal wie einen Bedienten vergessen.
Vorlage S. 284
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Der Graf muss etwas sehr Schmerzliches erfahren haben, mein lieber Sohn, sagte der alte Haushofmeister, da er Dich so hat vergessen können. Weißt Du denn nicht, Wer in jenem Hause wohnte?
Vorlage S. 286
599
Nein, sagte der Knabe, ich sagte Ihnen ja, mein Herr hat den ganzen Tag kein Wort mit mir gesprochen.
Vorlage S. 286
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Ich sollte Dich nun eigentlich nicht Du nennen, mein liebes Kind, sagte Dübois, da Du schon ein halber Student gewesen bist, aber das wirst Du einem alten Manne, der Dir gut will, wohl erlauben.
Vorlage S. 286
601
Wenn Sie mich Du nennen, rief der Knabe, so freut mich das, denn Sie sind ein guter, ehrwürdiger Mann, aber von den Bedienten hier im Hause werde ich es niemals leiden.
Vorlage S. 286
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Da der gute junge Graf, fuhr Dübois fort, wie Du selbst bemerkt hast, so schon manchen Kummer zu haben scheint, so wirst Du ihm wohl das schlechte Betragen der elenden Bedienten gegen Dich nicht erzählen. Nein, gewiss nicht, rief der Knabe, ich weiß, es würde meinen Herrn schmerzen, und diese Menschen sind es nicht werth, dass er um ihretwillen einen trüben Augenblick haben soll.
Vorlage S. 287
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Du bist ein braver Mensch, sagte der Haushofmeister, und da ich sehe, dass der junge Graf nicht sowohl Dein Herr, als Dein Freund und Wohlthäter zu nennen ist, so werde ich dafür sorgen, dass das Verhältnis hier so eingerichtet wird, wie er es sebst bei seinem Vater gestellt hat, ich werde befehlen, dass ihn einer von den hiesigen Bedienten aufwartet.
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Nimmermehr! unterbrach der Knabe mit Heftigkeit den alten Mann; von diesen Menschen, die über seine Armuth gespottet haben, soll ihn Niemand anrühren, sie würden sich am Ende noch heraus nehmen, auch darüber zu lachen, wenn nicht alle Stücke des Anzugs meines Herren so prächtig sind, wie ihr reicher Graf vielleicht Alles hat. Der gute Haushofmeister konnte das Gefühl nur ehren, welches den Knaben bestimmte, den jungen Grafen selbst zu bedienen; er sagte also: Handle darin, wie Du willst, mein Kind, aber das wirst Du mir nicht abschlagen, dass Du, so lange der junge Graf hier bleibt, bei mir wohnst und an meinem Tische mit mir speisest. Dafür danke ich Ihnen herzlich, sagte der junge Mensch mit Thränen in den Augen, denn Sie können wohl einsehen, dass ich mich unter den Bedienten elend gefühlt hätte.
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605
Kaum waren die letzten Worte gesprochen, als die Klingeln von allen Seiten läuteten, und die Bedienten eilten, ihre verschiedenen Herren zu bedienen. Der Haushofmeister nahm einen Armleuchter und eilte mit dem jungen Gustav, um den Saal zu erreichen. Die Gesellschaft trennt sich heut ungewöhnlich früh, bemerkte er noch unterwegs und kam eben zur rechten Zeit, um dem jungen Grafen vorzuleuchten und ihn nach seinem Zimmer zu führen.
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606
Der junge Graf war finster eingetreten, das gutmüthige Gesicht und das silberweiße Haar des Haushofmeisters bewirkten aber doch, dass er ihn höflich entließ. Stumm ließ er sich nun die Dienste seines jungen Freundes gefallen und warf sich, rasch entkleidet, mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf sein Bett. Die Thränen stiegen dem Knaben in die Augen, als er sich anschickte das Zimmer zu verlassen, ohne ein freundliches Wort aus dem Munde des geliebten Herrn zu vernehmen.
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607
Gustav, rief dieser, als der Knabe eben gehen woll te, was wird aus Dir hier in dem prächtigen Hause?
Vorlage S. 289
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Der gute alte Haushofmeister, sagte der Knabe, hat sich meiner angenommen, ich wohne bei ihm und speise an seinem Tische. Dann ist es gut, sagte der junge Graf, ich hatte Dich armen Jungen heute vergessen, Du wirst mir ein ander Mal erzählen, wie es kommt, dass sie Dich trotz dem nicht unter die Bedienten verstoßen haben; heut habe ich zu vielen Kummer, heut kann ich nichts mehr hören. Du armer Junge, setzte er mit weicher Stimme hinzu, ich dachte Dir wohl zu tun, und Du musst so Vieles mit mir leiden. Der Knabe küsste die dargebotene Hand mit Thränen. Nun geh nur heut und suche zu schlafen, sagte der Graf, indem er ihm die Hand drückte; morgen, wenn wir beide geschlafen haben, wollen wir über Manches sprechen.
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Der Knabe ging und fand den Schlummer bald, den der junge Graf ihm gewünscht hatte, aber Zorn, qualende Sorgen und herzzerreißender Gram hielten diesen selbst noch lange wach, und der Morgen fing schon an zu dämmern, als endlich auch seine Augenlieder sich senkten und der lang ersehnte Schlaf wohlthätig ihn umfing.
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610
XVI
Vorlage S. 290
611
Als der junge Graf am andern Morgen erwachte, sah er seinen Knaben am Fenster sitzen und mit Eifer in einem Buche lesen. Er rief ihn zu sich und fragte nach seiner Beschäftigung. Ach, lieber Herr Graf, rief der junge Mensch, ich habe hier in dem alten Manne, dem Haushofmeister, einen wahren Schatz gefunden. Heut Morgen, schon sehr frühe, hat er mich in die Bibliothek des Grafen geführt und mir erlaubt, von den Büchern zu nehmen, was ich will; ich habe mir gleich den Shakespeare genommen. Sie können es nicht glauben, welche Glückseligkeit es ist, nach so vielen Monaten, nach einem wilden Leben, wieder ruhig bei solchem Buche zu sitzen.
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612
Ich wollte, ich könnte Dir erst die Mittel verschaffen, Deine Studien fortzusetzen, sagte der Graf, und mich bekümmert es herzlich, dass sich für jetzt noch keine Aussicht dazu zeigt.
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613
Man kann ja auch für sich studiren, sagte der Knabe tröstend, und hier der alte Mann, fuhr er lächelnd fort, hat mich ordentlich examinirt, doch er sah bald, dass ich mehr wusste wie er; aber mit meiner Aussprache des Französischen war er sehr unzufrieden, und er hat mir befohlen, so lange wir hier sind, immer mit ihm in dieser Sprache zu reden, damit er mir zurechthelfen kann, und ich nicht eine Aussprache bekomme, wie ein gewisser Doktor, der hier im Hause sein soll, über die alle wohlerzogenen Leute lachen müssten, versicherte Dübois. Er hat mir auch versprochen, dass für unsere Pferde gut gesorgt werden soll, und da ich mich auf ihn verlassen kann, so kann ich den ganzen Tag, wenn Sie mich nicht brauchen, auf seinem Zimmer sitzen und lesen, denn hier sind unermesslich viele Bücher.
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Du und Dein neuer Freund, sagte der junge Graf, Ihr scheint zu glauben, dass mein Aufenthalt hier sehr lange dauern wird, da Ihr solche Pläne darauf gründet.
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615
Herr Dübois meint freilich, erwiederte der Knabe schüchtern, dass Sie eine Zeitlang hier bleiben würden, um einen so vortrefflichen Verwandten, wie er den hiesigen Grafen schildert, näher kennen zu lernen.
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Das wird sich zeigen, sagte der Graf düster, indem er sich erhob, um sich anzukleiden. Während dieser Beschäftigung rief er sich die Ursache zurück, die ihn hieher geführt habe, und dass er gezwungen sei, diese schwere, drückende Pflicht gegen seinen Vater zu erfüllen. Nur kann ich es nicht auf seine Weise, schloß er in Gedanken seine Betrachtungen; ich verstehe es nicht, eine Begebenheit langsam herbei zu führen; ich kann Niemanden untergraben und, wenn er fällt, geschickt seine Stelle einnehmen, wie mir der Vater das Alles so weitläufig auseinandergesetzt hat. Der Franzose soll aus dem Hause, und das auf die einfachste Weise von der Welt.
Vorlage S. 291
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Mit diesen Gedanken beschäftigt, betrat er den Saal, wo er die Hausgenossen schon versammelt fand, auf die er einen bessern Eindruck machte, als am vergangenen Abend. Der kurze Schlaf hatte die leidenschaftliche Spannung gelöst, die den vorigen Tag zu bemerken war, er war höflicher, wenn auch Kälte und Zurückhaltung in seinem Betragen nicht zu verkennen war, und man es wohl bemerkte, dass seine Seele sich mit andern Gegenständen beschäftigte, als denen, die eben im Gespräch verhandelt wurden.
Vorlage S. 292
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Er hatte einige Mal höflich das Wort an St. Julien gerichtet, so dass es Niemandem auffallen konnte, als er ihm endlich einen gemeinschaftlichen Spaziergang in den Garten vorschlug. Dem Grafen war es angenehm, dass die beiden jungen Männer sich zu nähern schienen, und auch St. Julien ergriff gern die Gelegenheit, einem Verwandten seines väterlichen Freundes näher zu treten, dessen unhöfliche Kälte ihn den vorigen Tag empfindlich beleidigt hatte.
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Beide durchschritten die dem Hause zunächst liegenden Gänge des Gartens ohne zu reden, und als St. Julien ein Gespräch anzuknüpfen suchte, wurde er bald durch die einsylbigen Antworten des jungen Grafen davon abgeschreckt. So gingen sie stumm neben einander, bis sie einen einsamen, vom Hause ziemlich entfernten Platz erreichten, und St. Julien fing eben an zu bemerken, dass mit dem Gange in dem Garten wohl kein harmloser Spaziergang beabsichtigt sei, als der junge Graf auf ein Mal still stand und seinen Begleiter also anredete: Ich habe Sie gebeten, Herr St. Julien, mich in den Garten zu begleiten, um ungestört Ihnen Eröffnungen machen zu können, deren Folgen die Art bestimmen wird, wie Sie meine Offenherzigkeit aufnehmen werden. St. Julien schwieg betroffen und erwartete mit Spannung, wie der junge Graf in seinen Mittheilungen fortfahren würde. Wenn von meinem Geschick allein die Rede wäre, hob dieser nach sichtbarem Kampfe von Neuem an, so könnte es sein, dass ich Ihren Plänen nicht in den Weg getreten wäre; da aber das Schicksal eines alternden Vaters, einer leidenden Mutter, die Zukunft jüngerer Schwestern auf dem Spiele steht, so sind mir dadurch Pflichten auferlegt, die ich erfüllen muss.
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620
St. Julien glaubte zu träumen, er begriff nicht, wie er auf die entfernteste Weise auf das Schicksal aller dieser genannten Personen einwirken könne, und bat den jungen Grafen, fortzufahren, damit er diesen Zusammenhang begreifen möge. Sie könnten mich leicht verstehen, sagte der junge Graf mit Bitterkeit, ohne weitere Auseinandersetzung, da Sie es aber selbst so wollen, so will ich Ihnen eine genügende Erklärung geben. Das Vermögen, welches Ihr Gönner, mein Oheim, besitzt, ist nicht so schlechterdings nach dem Rechte sein, sondern käme zum großen Theile meinem Vater zu, dessen beschränkte Lage ihn zwingt, den Raub in den Händen seines Verwandten zu lassen. Die unglückliche Heirath des Grafen hat ihn von seiner Familie gänzlich entfernt, welche die Gräfin, wie wir aus sicherer Quelle wissen, haßt und von der sie den Grafen fern hält, damit er nicht etwa in einer schwachen Stunde, von seinem Gewissen angeregt, der Familie einigermaßen Gerechtigkeit widerfahren lasse.
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Hier nun übt der Graf, mein Oheim, Großmuth nach allen Richtungen aus fremden Mitteln, aber doch vorzüglich gegen die Feinde des Landes, die seine Freunde zu sein scheinen, und, schloß der Graf zornig, da die Gräfin eine Vorliebe für Sie empfindet, die sich nicht erklären lässt, und meinen schwachen Oheim beherrscht, so wissen wir, dass es im Werke ist, Ihnen das ganze Vermögen zuzuwenden, wie Sie auch schon große Summen empfangen haben. Deßhalb wollte ich Ihnen rathen, sich mit dem Empfangenen zu begnügen und nicht einer achtungswerthen Familie zu entziehen, was ihr wenigstens nach dem Tode des Grafen zufallen muss, wenn sie auch leidet, so lange er lebt, und ich fordre, um diesen Zweck zu erreichen, dass Sie das Haus meines Oheims verlassen, und werde von dieser Forderung nicht abstehen, so lange ich lebe. Ich hoffe, Sie verstehen mich nun vollkommen.
Vorlage S. 294
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St. Julien war erstarrt bei dieser Rede des jungen Grafen. Ein instinktartiges Gefühl leitete seine Hand, nach der Waffe zu greifen, die er aber glücklicher Weise nicht an seiner Seite trug; seine Augen schienen Funken zu sprühen, seine Wangen glühten und seine Glieder bebten vor Zorn. Blässe des Todes folgte dieser Gluth, und den Augenblick darauf schossen die Flammen des Zornes von Neuem in den Wangen empor; er suchte nach Worten, und seine Lippen bebten, ohne einen Ton zu finden; endlich, ohne dem Grafen zu antworten, eilte er mit schnellen Schritten einen Baumgang auf und ab, bis nach und nach sein Gang ruhiger, seine Haltung gemäßigter wurde. Er kehrte endlich zu dem seiner mit Verwunderung harrenden jungen Grafen zurück, und das bleiche, mit kaltem Schweiße bedeckte Gesicht des leidenschaftlichen jungen Franzosen erschreckte selbst diesen, der ihm feindlich gegenüber stand.
Vorlage S. 295
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Herr Graf, sagte St. Julien mit tonloser Stimme, Sie haben vermuthlich erwartet, dass nach den Mittheilungen, die Sie mir gemacht haben, kein Wort weiter zwischen uns nötig sei, als die Bestimmung des Orts, wo wir uns beide noch ein Mal treffen, und den nur Einer lebend verlässt, und ich gestehe, dass mir dies selbst ganz natürlich vorkommen würde; da aber auch ich nicht bloß mich zu berücksichtigen habe, so muss auch von meiner Seite eine Erklärung vorangehen. Er erzählte ihm nun, wie der Graf ihn gefunden und aus reiner Menschenliebe in sein Haus genommen habe. Die Erinnerung, wie zart und edel er von der ganzen Familie behandelt worden war, füllte wieder seine Seele und löste die Bande, mit denen Haß und Wuth sein Herz umschnürt hatten. Mit weniger Empfindung erwähnte er, wie das Wohlwollen des Grafen für ihn täglich zugenommen habe und wie in seiner Seele die dankbare Verehrung täglich gewachsen sei. Dies sind die Bande, rief er, die mich an dies Haus fesseln; dies sind die Gefühle, die ewig unauslöschlich in meiner Seele ruhen, und wahrlich, setzte er hinzu, heute fühle ich, dass ich der Liebe des Grafen nicht unwerth bin, da das Gefühl der Dankbarkeit mich bestimmt, so unerhörte Beleidigungen nicht sogleich auf die einzige Art, die hier unter Männern von Ehre denkbar ist, zu rächen. Da die lächerliche Verläumdung dem Grafen bekannt wurde, fuhr er fort, dass man mich als einen Kundschafter darstellen wollte, den er in seinem Hause hielte, um Frankreich zu dienen, so nahm mir der edle Mann mein Ehrenwort ab, sein Haus nicht ohne seinen Willen zu verlassen, damit er mich vor die Behörde stellen kann, die sein König ernennen mag, um diesen Flecken von dem Namen des besten der Menschen zu vertilgen; und Sie sehen also, sagte er bitter lächelnd, dass, wenn ich auch so feig sein wollte, mich Ihren Wünschen zu fügen, ich dies nur mit dem Willen Ihres Oheims tun könnte. Was sein Vermögen betrifft, so kann ich nicht beurtheilen, in wiefern ihm der Besitz desselben zukommt; ich weiß nur, dass er den edelsten Gebrauch davon macht. Ihre Befürchtung aber, dass ich mich als sein Erbe eindrängen wolle, ist völlig grundlos. Ich habe selbst Anspruch auf ein großes Vermögen, und die Summen, die ich von dem Grafen als Darlehn empfangen habe, sind in Beziehung auf sein, wie auf mein Vermögen unbedeutend, und da ich täglich Briefe aus meiner Heimat erwarte, die mich in den Stand setzen werden, meine Verpflichtung zu lösen, so mag die Rückzahlung alsdann durch Ihre Hände gehen, um Sie völlig zu beruhigen. Alles dies habe ich gesagt, schloß St. Julien, um mein Gewissen gegen den Grafen frei zu erhalten, wenn mich ein unglückliches Schicksal zwingen sollte, seinen Verwandten beinah unter seinen Augen zu tödten, oder wenn er über die Leiche eines Freundes trauern muss, dem er seine Liebe geschenkt hat; und jetzt, Herr Graf, erwarte ich, welche Genugthuung Sie mir nach der mir zugefügten Beleidigung anbieten werden.
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624
St. Juliens Worte trugen das unverkennbare Gepräge der Wahrheit, und unangenehme Gefühle kämpften in der Seele des jungen Grafen. Er musste sich gestehen, so schmerzlich ihm dies als Sohn auch wurde, dass nicht immer die edelsten Beweggründe seinen Vater leiteteten, er konnte es nicht abläugnen, dass er nicht immer der Wahrheit treu blieb, um seinen Zweck zu erreichen, und doch hatte er keine andern Beweise für alle seine Anschuldigungen, als die Worte eben dieses Vaters; er erinnerte sich, dass ihm dieser selbst jedes offene, gewaltsame Unternehmen dringend widerrathen und von ihm begehrt hatte, er solle zu Falschheiten und Verläumdungen sich herablassen, die sein ganzes Herz verabscheute; ja er musste es sich bekennen, dass der Inhalt aller Aufträge seines Vaters eigentlich kein anderer gewesen sei, als auf jeden Fall eine Summe Geldes von seinem Verwandten zu erhalten, um den Fall des eigenen Hauses abzuwenden. Diese Betrachtungen drängten sich ihm auf, und er fühlte lebhaft das Unschickliche und Unwürdige seines Betragens, und die Verlegenheit, die dies in ihm erregte, erhöhte seinen Unmuth über sich selbst. Endlich, da er die Notwendigkeit fühlte, eine Antwort zu geben, sagte er: Ich kann nicht läugnen, dass ich mich übereilt und auf zu wenig begründete Angaben Ihren Charakter falsch beurtheilt zu haben glaube; unsere Bekanntschaft ist zu neu, als dass ich Sie möchte in meinem Herzen lesen lassen, wodurch Sie vielleicht die Entschuldigung meines Betragens fänden; ich muss es mir also gefallen lassen, wie Sie auch immer meinen Charakter beurtheilen mögen; da ich Ihnen aber darin unbedingt Recht geben muss, dass es eine unglückliche Notwendigkeit wäre, wenn einer von uns beiden hier unter den Augen meines Oheims bleiben müsste, und meine unbesonnene Rede ein solches Unglück möglich gemacht hat, so bitte ich Sie dieser Rede wegen um Verzeihung, hier unter vier Augen, setzte er nachdrücklich hinzu; und wenn Sie mit dieser Genugthuung zufrieden sind, so gewähren Sie eben so einsam die Verzeihung, wie Sie die Beleidigung empfingen.
Vorlage S. 297
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Um Ihres Oheims Willen bin ich zufrieden, sagte St. Julien, und aus freiem Antriebe sage ich Ihnen noch, dass ich selbst es betreiben werde, so bald als möglich ein Haus verlassen zu können, an welches sich die schönsten Empfindungen meiner Seele knüpfen, das mir aber dennoch nicht lange mehr ein Obdach gewähren darf, weil man bei meinem hiesigen Aufenthalte mir Pläne unterlegt, die nur ein Ehrloser hegen könnte. Er verbeugte sich gegen den Grafen, und beide junge Männer gingen auf verschiedenen Wegen nach dem Schlosse zurück.
Vorlage S. 299
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St. Julien fragte sich unterweges oft, ob er recht getan habe, nach einer so leichten Entschuldigung eine so schwere Beleidigung zu verzeihen, und sein Stolz wollte ihm vorspiegeln, dass er sich zu willig zur Vergebung habe finden lassen, aber sein besseres Selbst bekämpfte diese Gedanken, und er war zufrieden mit der Selbstüberwindung, die er seinem väterlichen Freunde zu Liebe geübt hatte. Die baldige Trennung von diesem und von der Gräfin, ach! und von Emilie, die er sich selbst auferlegt hatte, fiel beklemmend auf sein Herz; aber die glückliche Mischung seines Blutes machte, dass er in der Gegenwart leicht die nächste Zukunft vergaß, und so heiterte sich sein Auge auf, als Emilie ihm in dem Saale entgegen trat und ihn scherzend aufforderte, heut an diesem großen Tage als ein würdiger Hausgenosse dazu beizutragen, das Fest angenehm und lebendig zu machen, welches der Baron Löbau gewiss immer ein Friedensfest nennen würde, so wenig der Graf dies auch wollte. Ein Friedensfest, wiederholte St. Julien lächelnd und dachte an die wenig friedliche Unterredung, die er eben im Garten gehabt hatte.
Vorlage S. 299
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Man hat meinen Geburtstag vorgeschoben, sagte die Gräfin, die hinzugetreten war, aber der Baron wird es nicht gelten lassen. Mit inniger Empfindung küsste St. Julien die Hand der Gräfin, indem er ihr seinen Glückwunsch darbrachte, und lobte sich innerlich, dass er einen Streit vermieden hatte, durch den dieser Tag als ein blutiger wäre bezeichnet worden.
Vorlage S. 300
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Die Stimmung des jungen Grafen war nicht so angenehm; er fragte sich, was er eigentlich damit gewollt habe, dass er St. Julien beleidigte. Sein Vater hatte ihm die Notwendigkeit vorgespiegelt, diesen zu entfernen und sich seinem Oheim anzuschließen, aber die Frage drängte sich ihm auf: welch ein Recht hatte Dein Vater dies zu verlangen, und würdest Du selbst wohl jemals auch nur von Ferne auf den Gedanken dieses Vaters eingegangen sein, wenn Dich nicht die verzweiflungsvolle Lage desselben dazu bestimmt hätte. Und wie schön, sagte er zu selbst, wie schön habe ich die Aufträge des Eigennutzes ausgeführt? Durch mein größtes, entsetzlichstes Unglück, was mein Vater am Wenigsten verstehen würde, zur äußersten Verzweiflung gebracht, komme ich hier an und soll höfliche Reden wechseln, indeß ich selbst mit meinen Händen ein Grab aufwühlen und mich hinein verscharren möchte, um nur von dem Leben nichts mehr zu wissen. Der Zorn über die verächtliche Rolle, die ich hier übernommen habe, kam hinzu, und ich ließ eigentlich Jeden meine eigne Schlechtigkeit büßen; und wenn ich nun den Franzosen erschossen hätte, sagte er bitter lächelnd, das würde unfehlbar meines Vaters klug angelegte Pläne sehr befördert haben, das würde meinen Oheim, der den jungen Mann liebt, gewiss bestimmt haben, dessen Mörder für seinen Erben zu erklären. Nein, sagte er zu sich selbst, indem er sich heftig die Thränen von den Wangen trocknete, nein, verläumde Du Dich nicht selbst; nein, Du wolltest nicht morden aus Eigennutz, Du suchtest einen Zweikampf, um darin zu fallen, um dem gräßlichen Elende des Lebens zu entfliehen, das Du, Thor, doch zu feig bist freiwillig zu verlassen.
Vorlage S. 300
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Der junge Graf hatte gesucht, auf einem einsamen Spaziergange die nötige Fassung wieder zu gewinnen. Ich muss ja doch, sagte er sich selbst, was mein Herz auch leidet, heute die abgeschmackte Festlichkeit mitmachen, morgen will ich darüber nachdenken, was ich eigentlich hier will. Er kehrte also ebenfalls nach dem Schlosse zurück und fand, dass man mit der Mittagstafel schon auf ihn wartete, denn es war beschlossen worden, heute früher zu speisen als gewöhnlich, um nicht durch die Ankunft der ersten Gäste in Verlegenheit zu gerathen.
Vorlage S. 302
630
Der Graf hatte geglaubt, sein Vetter und St. Julien wären einander näher getreten, und er erstaunte also, als er bemerkte, dass ihr Betragen gegeneinander noch förmlicher geworden war. Sie begegneten einander höflicher als früher, aber die Höflichkeit war von so sonderbarer Art, dass jede höfliche Rede, die der Eine an den Andern richtete, mit einer Herausforderung hätte endigen können. Das heutige Fest hinderte alle ernsten Mittheilungen, und der Graf nahm sich vor, den folgenden Tag seinem jungen Vetter entweder näher zu treten oder den peinlichen Besuch mit kurzer Art abzukürzen.
Vorlage S. 302
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Die Mittagstafel war aufgehoben. Der junge Graf entfernte sich, um noch einen einsamen Spaziergang zu machen und in der Natur Trost für sein zerrissenes Herz zu suchen. Er fühlte sich aus tausend Gründen unglücklich, aber was ihm den letzten Trost und alle Haltung raubte, er musste sich fragen, ob er noch seiner eignen Achtung werth sei, nachdem er den Bitten seines Vaters nachgegeben und in dessen Aufträgen auf Schloß Hohenthal erschienen war; er konnte durchaus nicht begreifen, was er eigentlich hier wollte, denn Alles, was ihm sein Vater zur Aufgabe gemacht hatte, kam ihm geradezu verächtlich und abgeschmackt vor.
Vorlage S. 302
632
Die Damen hatten sich wegbegeben, um sich festlich zu kleiden, und St. Julien zog sich in derselben Absicht auf sein Zimmer zurück; der Graf blieb allein und wünschte, das Fest möchte vorüber und die gewöhnliche Ordnung des Hauses wieder eingetreten sein, da rasselten mehrere Wagen in den Hof, und aus verschiedenen Equipagen stieg der Prediger und seine zahlreiche Familie. Der Graf entschuldigte die Damen, dass sie, mit ihrer Kleidung beschäftigt, die Frau und Töchter des Predigers noch nicht empfangen könnten. Ich bin eigentlich etwas früher gekommen, sagte der Geistliche, weil ich, noch ehe die Gesellschaft kommt, etwas mit Ihnen zu sprechen wünsche. Der Graf führte den Prediger in sein Kabinet, und die Familie desselben blieb für's Erste sich selbst überlassen in dem Gesellschaftszimmer, wo sie der Haushofmeister mit Kaffee bewirthen ließ.
Vorlage S. 303
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Wissen Sie, redete der Geistliche den Grafen an, als sie allein waren, dass es mit dem Vater Ihres jungen Vetters, der sich hier aufhält, erbärmlich steht. Es war ein Kornhändler heute bei mir, der brachte mir die Nachricht mit. Er ist gänzlich zu Grunde gerichtet, die Gebäude auf dem Gute sind alle verfallen, sein Viehstand ausgestorben, die Schaafheerden hat er verkauft, und jetzt bedrängt ihn eine Zahlung, die er durchaus nicht leisten kann. In dieser Noth hat sich der alte Schurke, der Lorenz, auf dem Schlosse eingefunden, er erbietet sich die Summe zu schaffen, das Gut für ein Jahr zu pachten, in welcher Zeit ihm Ihr Herr Vetter die vorgestreckte Summe zurückzahlen muss, oder das Gut bleibt für einen sehr niedrigen Preis in den Händen des Darleihers, und, der mir die Nachricht mittheilte, meinte, der Darleiher wäre der Sohn des Alten. Könnte ich nur begreifen, wie die Menschen auf ein Mal zu so vielem Gelde gekommen? Der Graf erzählte dem Prediger, auf welche Art sich die Tochter des Alten von dem General Clairmont getrennt habe, und theilte ihm auch die Vermuthung mit, die er hegte, dass der Sohn den Franzosen als Spion und Wegweiser gedient haben möchte. Jetzt geht mir ein Licht auf, rief der Prediger, wir sahen den jungen Mann ja selbst, der den General bis zu Ihrem Schlosse begleitete; jetzt kann ich mir Alles erklären, auch wie die Franzosen hier so trefflich Bescheid wussten. Aber ist es nicht abscheulich, dass solche Schufte nun die Gutsbesitzer hier im Lande werden sollen. Das muss man abzuwenden suchen, sagte der Graf, ich werde mit meinem Vetter über den Gegenstand zu sprechen suchen. Es ist nur schwer, fügte er hinzu, den jungen Mann zur Mittheilung zu bewegen.
Vorlage S. 304
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Ich habe hier einen Brief für ihn, sagte der Pfarrer, derselbe Kornhändler brachte ihn mit; er ist vermuthlich von seinem Vater, denn er ist mit dem Hohenthalschen Wappen gesiegelt; der wird wohl die traurige Geschichte umständlich enthalten. Wollen Sie mir dies Schreiben anvertrauen, sagte der Graf, so werde ich es morgen meinem Vetter abgeben, wir wollen heute dadurch seine Laune nicht verderben, er ist außerdem nicht in der heitersten Stimmung.
Vorlage S. 305
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Das kann ich mir bei seiner Lage denken, bemerkte der Geistliche; der Vater zu Grunde gerichtetet und er selbst verabschiedet, das muss ihn natürlich niederdrücken.
Vorlage S. 305
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Der Graf hatte den Brief von dem Geistlichen empfangen und bat diesen nun, nach dem Saale zurückzukehren, um Theil an der Gesellschaft zu nehmen.
Vorlage S. 305
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XVII
Vorlage S. 306
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Es hatte sich schon eine zahlreiche Gesellschaft versammelt, als der Graf und der Prediger den Saal wieder betraten, und es war in der That ein angenehmer Anblick, eine blühende, geschmückte Jugend nach langer Trauer wieder zur Heiterkeit und Freude vereinigt zu sehen. Einige durchschwärmten den Garten, aber dies waren nur Wenige, denn die meisten jungen Leute freuten sich hauptsächlich auf die lang entbehrte Lust des Tanzes, und die jungen Damen wollten ihre für den Ball eingerichtete Kleidung keiner Gefahr auf einem Spaziergange im Freien aussetzen.
Vorlage S. 306
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Endlich wurden für den ältereren Theil der Gesellschaft die Spieltische hingesetzt, und die Musik ertönte, um der jüngern Welt den Anfang ihrer Freude zu verkündigen. Die lustigen Klänge der Klarinetten und Hörner schwebten nach dem Garten hinunter und lockten schnell die wenigen Lustwandelnden herbei, und viele Paare durchflogen mit leichten, von Freude beflügelten Füßen den Saal. St. Julien hatte den scherzenden Wink der Gräfin verstanden, die ihm rieth, nicht immer mit derselben Dame zu tanzen; er betrachtete es also wie eine Pflicht der Höflichkeit, auch mit einigen andern jungen Damen zu tanzen, und nur dann erst, wenn er dies wie ein Geschäft abgemacht hatte, kehrte er immer mit neuem Entzücken zu Emilien zurück. Der Obrist Thalheim hatte für diesen Abend kein Spiel angenommen, er wusste nicht recht, wie sich seine Tochter benehmen würde, die zum ersten Mal in einer so glänzenden Gesellschaft auftrat; er fürchtete mit väterlicher Eitelkeit, dass sie schlecht tanzen würde, da sie keinen andern Unterricht in dieser Kunst erhalten hatte, als durch Emilie und St. Julien, von denen die Sache nur wie ein Scherz war getrieben worden. Aber obgleich Therese mit Schüchternheit den Saal betrat, so fand sie sich doch bald zurecht, die Nähe der Gräfin gab ihr Muth, Sicherheit gewann sie durch den Beistand ihrer jungen Freunde, und der zärtliche Vater sah mit Entzücken, dass sie an Leichtigkeit, Grazie und Anstand viele andere junge Tänzerinnen übertraf.
Vorlage S. 306
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Der Graf hatte sich gewundert, dass sein Vetter immer noch in der Gesellschaft fehlte; er hatte sogar einige Male nach dessen Zimmer geschickt, um ihn auffordern zu lassen, Theil an der allgemeinen Heiterkeit zu nehmen, aber jedes Mal war die Antwort zurückgekommen, dass der junge Herr Graf gar nicht zu Hause sei. Verdrüßlich über diese Sonderbarkeit theilte er eben dem Obristen mit, dass sein Vetter bei ihm im Hause sei, und klagte über dessen seltsames Betragen. Der Obrist freute sich sehr auf das Zusammentreffen mit seinem jungen Freunde und bedauerte nur, dass er ihn noch nicht erblickte. Endlich trat der junge Mann, sorgfältig gekleidet, in den hell erleuchteten Saal; sein Auge schweifte über die glänzende Gesellschaft hinweg und haftete auf der würdigen Gestalt eines Greises, der, in das Gespräch mit seinem Oheim vertieft, ihn nicht sogleich bemerkte. Eine glänzend neue Uniform, die ganze für sein Alter zwar passende, aber mit Sorgfalt gewählte Kleidung, deutete auf eine Wohlhabenheit, die den jungen Grafen irre machte und sich am Wenigsten mit seinen letzten Nachrichten vereinigen ließ; aber das edle ihm so wohl bekannte Gesicht, die dünnen Haare, die sich silberweiß an die Schläfe schmiegten, ließen keine Zweifel. Er wollte eben vortreten und den Obristen anreden, als dieser sich umwendete und ihn erkannte. Mit väterlicher Liebe trat er dem jungen Manne entgegen, dessen Staunen ihn verhinderte, sein Gefühl auszudrücken. Sie haben mich hier nicht erwartet, rief mit Gutmüthigkeit lächelnd der Obrist nach den ersten Begrüßungen, aber kommen Sie nur, ich will Sie noch mehr in Verwunderung setzen, Sie sollen auch meine Tochter begrüßen. Betäubt hatte der junge Graf sich führen lassen und stand nun vor einem reizenden Wesen, dessen schlanke Gestalt von leichten Gewändern umschwebt, von Blumen umrankt war, und das ihm aus heitern braunen Augen mit unschuldiger und unverhehlter Freude entgegen lächelte. Der junge Graf stand verwirrt. Theresens Bild hatte ihn begleitet in allen Gefahren, in allen kummervollen und in allen besseren Stunden, aber in der Dürftigkeit war sie ihm erschienen, wie er sie gekannt hatte; das Letzte, was er von ihr erfahren, hatte ihn in Verzweiflung versenkt, ja er musste sie für verloren halten, und nun fand er sie hier, umgeben mit allen Zeichen des Wohlstandes, in allem Uebrigen den versammelten Damen gleich, nur dass statt der reichen Perlen, der glänzenden Steine, mit denen die andern geschmückt waren, eine feine venetianische Kette, das Weihnachtsgeschenk der Gräfin, den schlanken Hals bescheiden umschlang.
Vorlage S. 307
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Sie hier, stammelte endlich der junge Graf, wie bin ich so glücklich, Sie hier zu finden. Setzen Sie sich zu mir, sagte Therese mit vor seliger Freude feuchten Augen, ich will Ihnen Alles erzählen.
Vorlage S. 309
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Der Graf nahm einen Stuhl neben ihr ein, und die Welt umher entschwand ihm. Er horchte mit Entzücken auf die Töne, die den rothen Lippen begeisternd entschwebten; das im schönen Gefühle der Dankbarkeit befeuchtete Auge blickte so rein, so zärtlich in das seine, dass er dem Zauber zu erliegen fürchtete; die Fassung wollte ihn verlassen; die Rücksicht auf die Gesellschaft entschwand ihm, und er war nahe daran, zu den Füßen des Wesens hinzusinken, das ihm wie durch ein Wunder so verschönert, so veredelt zurückgegeben wurde, nachdem es von ihm mit finster menschenfeindlicher Verzweiflung betrauert worden war.
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Die Gräfin hatte schon längst das Auffallende einer so langen und innigen Mittheilung in einer großen Gesellschaft bemerkt; sie war einige Male vorbei gegangen, aber die jungen Leute waren zu sehr mit sich beschäftigt, als dass sie auf einen leichten Wink hätten achten können. Die Gräfin bot also Theresen die Hand, als hätte sie ihr etwas zu sagen, und führte sie, freundlich mit ihr sprechend, von dem jungen Grafen hinweg, dessen trunkene Augen jeder Bewegung seiner reizenden Freundin folgten.
Vorlage S. 309
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Die Musik spielte einen französischen Kontretanz, und St. Julien forderte Theresen auf, neben der die Gräfin saß, die ihrer jungen Freundin noch einige Worte zuflüsterte, worüber diese wie die schönste Rose erröthete, indem sie doch zugleich liebevoll zu der Gräfin auflächelte. Der junge Graf war mit seinen Gedanken wenig bei dem Tanze, man sah es ihm an, dass Gefühle seine Brust bewegten, die er sich vergeblich zu beherrschen bemühte.
Vorlage S. 310
645
Der Tanz war geendigt, und St. Julien hatte Theresen kaum zu ihrem Sitze zurückgeführt, als der junge Graf hastig zu ihm trat, seinen Arm merklich drückte und mit bewegter Stimme ihm eilig zuflüsterte: Folgen Sie mir auf einige Augenblicke in den Garten. St. Julien war erstaunt; der heftige Druck, das glühende Auge, die bewegte Stimme des Grafen, der schon den Saal verlassen hatte, ließen auf eine Erneuerung der Feinschaft schließen, und er folgte ihm mißvergnügt darüber, dass er ihm die wenigen Stunden der Freude zu verbittern strebte.
Vorlage S. 310
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Der junge Graf stürmte durch die Gänge des Gartens, so dass St. Julien ihn mit Mühe erreichte, und beide standen endlich auf demselben von Gebüschen umgebenen Platze, wo sie den Morgen ihr feindliches Gespräch geführt hatten. Es war eine stille, warme Nacht, der Mondschein ruhte auf dem Laube der Bäume und breitete seinen Silberschimmer über den Rasen aus, ein Springbrunnen plätscherte in der Nähe, und nur einzelne Töne der Musik klangen wie lockend zu ihnen vom Schlosse herunter.
Vorlage S. 311
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Der Graf wendete sich hier plötzlich, und indem er St. Juliens Arme, die dieser über die Brust zusammen geschlagen hatte, mit beiden Händen heftig fasste, rief er: St. Julien, ich muss reden, heute noch; mein Herz würde sonst zerspringen; ich könnte das Gefühl der Qual und Seligkeit nicht diese Nacht hindurch ertragen. Nicht wahr, rief er aus, indem ihm die Thränen über die Wangen strömten, es wäre lächerlich, wenn Einer von uns den Andern für feig halten wollte, da wir Beide, jeder für sein Vaterland, aus schmerzlichen Wunden geblutet haben; deßhalb sind für uns solche abgeschmackte Rücksichten nichts, und was sind alle Rücksichten gegen mein Gefühl; hier an derselben Stelle, wo ich Sie beleidigte, bitte ich Ihnen mein Unrecht ab; hier sage ich Ihnen, dass ein wilder Schmerz mich dahin brachte, Sie gern zu verkennen, dass ich einen Zweikampf suchte, um mein Leben darin zu endigen, und hier antworten Sie mir, ob Sie mein Gefühl mit derselben Freimüthigkeit erwiedern können.
Vorlage S. 311
648
Bester Graf, sagte St. Julien mit Rührung, Sie sind so erschüttert, dass Ihr Zustand mich besorgt macht, lassen Sie uns vergessen, dass wir uns gegenseitig verkannt haben, und schenken Sie mir Ihre Freundschaft.
Vorlage S. 312
649
Freundschaft? wiederholte der Graf mild lächelnd; ja, lassen Sie uns Freunde sein, und helfen Sie mir die Qual des Kummers und die Seligkeit des Entzückens ertragen, die mich beide zu vernichten drohen. Sie müssen es erfahren, fuhr er nach einem kurzen Schweigen, während dessen er sich gesammelt hatte, mäßiger fort, was mich bei meiner Ankunft hier auf dem Schlosse in jene unselige Stimmung versetzt hatte, und wodurch jetzt mein Gefühl so gänzlich umgewandelt worden ist, damit Sie mich nicht für einen Thoren halten, dessen Zorn eben so wenig, als seine Freundschaft Achtung verdienen.
Vorlage S. 312
650
Sie müssen wissen, dass ein großer Theil unseres Adels mit der Armuth kämpft, und zu diesen Unglücklichen gehört mein Vater. Von frühester Kindheit an hörte ich es beklagen, dass mein Oheim hier das gesammte Familen-Vermögen mit Unrecht besitze; es wurden oft ohnmächtige Pläne gegen ihn entworfen, und man behauptete, dass hauptsächlich meine Tante ihn abhielte, sich mit meinem Vater in Unterhandlungen einzulassen. Auf mich machte dies Alles keinen tiefen Eindruck, außer, dass ich einen Widerwillen gegen meinen Oheim und besonders gegen meine Tante fasste. Ich nahm Militairdienste eben so wohl aus Noth, als aus Neigung; ich lernte früh entbehren, denn mein Vater konnte mich nur wenig unterstützen, von den jungen reichen Leuten beim Regiment zog ich mich zurück, einen Bruder hatte ich nicht, und so lebte ich die schönsten Jahre der Jugend in tiefer Einsamkeit des Herzens.
Vorlage S. 312
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Endlich lernte ich ein Wesen kennen, in noch beschränkterer Lage, als ich selbst, dessen zarte Schönheit, die wie eine Knospe im Erblühen war, dessen edle Eigenschaften, die sich unter den ungünstigsten Umständen dennoch herrlich zu entwickeln begannen, tausend zarte Bande um mein Herz legten, und ich lernte eine Seligkeit kennen, die ich in diesem armen Leben nie geahnet hätte. Ich erwartete von meinem Vater nichts, aber ich hoffte, dass sein Gut ihm die Mittel zur Existenz gewähren würde, so lange er lebte. Ich war Stabsrittmeister, und es konnte nach meiner Meinung nicht mehr lange währen, dass ich eine Eskadron bekommen müsste; dann wollte ich mich mit dem holden Wesen vereinigen, in dessen unschuldigen Augen ich zu meinem Entzücken las, dass sie, vielleicht ohne es zu wissen, auf mich die Hoffnungen ihres Lebens baute. Der Krieg begann, und ich musste mich von meiner holden Freundin und ihrem ehrwürdigen Vater trennen. Bei Eylau wurde ich schwer verwundet und verlor zugleich Alles, was ich an irdischen Besitzthümern mein nennen konnte. Nach Monaten hatte ich mich in so weit erholt, dass ich reisen konnte, und nun wurde es durch den Waffenstillstand auch möglich. Ich kam bei meinem Vater an, den ich in vielen Jahren nicht gesehen hatte, und in den ersten Stunden schon überzeugte ich mich, dass er völlig zu Grunde gerichtet war, wozu der Krieg das Seinige beigetragen hatte. Ich war kaum einige Tage bei meinen Eltern, als der Friede mit allen seinen Bedingungen bekannt wurde, und in Folge der großen Reduktionen bei der Armee erhielt ich meinen Abschied. Jetzt wurde meinem Vater die Nachricht mitgetheilt, dass mein Oheim damit umgehe, das gesammte Vermögen einem Fremden zuzuwenden. Mich erbitterte mehr, als alles Andere, die Ungerechtigkeit gegen meinen Vater, und ich ließ mich bestimmen, die Reise hieher zu unternehmen; ich war hiezu um so lieber bereit, da mich die größte Unruhe quälte über das Schicksal meiner Freunde, alle meine Briefe waren unbeantwortet geblieben, und die heißeste Sehnsucht erfüllte mein Herz.
Vorlage S. 313
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Auf dem Wege hieher eilte ich zuerst die Unruhe meines Herzens zu endigen. Ich wollte mich an dem Anblicke meiner Freundin stärken und erfreuen; ich hoffte selbst Rath von ihrem Vater, vor Allem aber wollte ich sie sehen und über ihr Schicksal beruhigt sein; so erreichte ich nach den qualvollsten Tagen der heißesten Sehnsucht endlich ihre Wohnung. Fremde Menschen kamen mir entgegen; ich fragte nach dem Obristen Thalheim, ein plumper breiter Mensch fragte: Meinen Sie den vorigen Pächter? Nun ja, das war ja der Obrist Thalheim, rief ein Weib aus einem Winkel. Der ist gänzlich hier verarmt, ergänzte nun der widrige Mensch; vorigen Winter wurde er hinaus getrieben und wird nun wohl schon gestorben sein. Und seine Tochter? fragte ich mit höchster Anstrengung. Gott weiß, sagte der Mensch, wo das Mädchen hingekommen sein mag; wie kann man es wissen, da Freunde und Feinde hier durchgezogen sind. Ich weiß nicht, wie ich das Haus verlassen habe; ich weiß nicht, was ich auf dem Wege hieher dachte und fühlte. – Mit dieser Qual im Herzen kam ich hier an. Alles kam mir nun feindselig vor, ja selbst der sichtbare Wohlstand empörte mich, denn ich dachte an die Entbehrungen meines Vaters; mir fiel es ein, dass vielleicht ein kleiner Theil dessen, was hier überflüssig ausgegeben wird, das edelste Geschöpf erhalten hätte. Dunkel schwebte mir dabei vor, dass ich doch meinem Vater nicht einmal würde nützen können, und diese Gefühle brachten mich dahin, das Ende meines Lebens zu suchen. Können Sie nun die Stimmung begreifen, die mich dazu trieb, den Streit mit Ihnen zu beginnen? St. Julien drückte seine Hand, und der junge Graf fuhr fort: Ich war nicht so verstockt, dass ich nicht dennoch mein Unrecht empfunden hätte; ich war entzweit mit mir selbst; ich entzog mich den Blicken aller Menschen und schweifte auf den Bergen umher, um in der Einsamkeit das Gleichgewicht wieder zu finden, das meine Seele verloren hatte; die Stürme meines Busens wurden gekühlt, eine edlere Trauer ruhte mir im Herzen, und ich beschloss schon auf meinem einsamen Spaziergange, mich näher gegen Sie zu erklären. Mit solchen Empfindungen kehre ich zurück und finde hier, begreifen Sie mein staunendes Entzücken, die Freundin meines Herzens mit allen Zeichen des Wohlstandes umgeben, blühender, schöner, als ich sie jemals kannte. Ihr leuchtendes Auge goß den Strahl des Friedens in meine Seele, von ihren Purpurlippen erfuhr ich, wie sie und ihr Vater schon am Rande des entsetzlichsten Abgrundes gestanden hatten; hier vernahm ich, welche Hand sie erhalten, dass mein Oheim wie ein edelfühlender Mensch ihr Leid getheilt, wie ein milder Engel sie darin getröstet und wie ein helfender Gott sie mit starkem Arm daraus errettet hatte. Ich vernahm, mit welcher schonenden Großmuth meine gütige Tante das Werk ihres Gemahls vollendete; wie ihr edler, gebildeter Geist alle schönen Keime zu entwickeln strebt, die in Theresens Seele ruhen; ich erfuhr, wie dies himmlische Geschöpf hier nur Liebe und Freundschaft umgegeben, und sie heben und tragen auf den Wegen des Lebens. Liebe, Bewunderung, Entzücken durchbebten mein Herz, aber zugleich die brennende Scham über die verächtlichen Gründe, die mich dazu gebracht hatten, mich diesen Menschen feindlich gegenüber zu stellen. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ich wäre zu Theresens Füßen gesunken und hätte allen meinen Empfindungen Worte gegeben, wenn nicht meine Tante das holde Geschöpf in demselben Augenblicke von meiner Seite genommen hätte.
Vorlage S. 315
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Und nun, mein theurer Freund, sagte St. Julien, werden Sie doch gewiss schon den Entschluss gefasst haben, sich mit Offenheit an Ihren Oheim zu wenden, und werden eben so, wie ich, überzeugt sein, dass Sie einen väterlich helfenden Freund an ihm finden werden?
Vorlage S. 317
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Es kann nicht sein, sagte der junge Graf, dass mein Oheim das Vermögen besitzt, welches zum Theil meinem Vater zukäme; sein edler Charakter würde ihn sonst längst bestimmt haben, Gerechtigkeit zu üben, und mein Vater schwebt gewiss darüber, wie über vieles Andere, im Irrthume; aber es sei, wie es will, ich werde mit meinem Oheim über Alles sprechen, und wenigstens zwischen uns soll ein reines Verhältnis stattfinden.
Vorlage S. 317
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St. Julien konnte den Entschluss des jungen Grafen nur loben und erinnerte ihn nun daran, dass sie schon lange aus dem Gesellschaftssaale entfernt wären und dies leicht auffallen könnte.
Vorlage S. 318
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In der That hatte der Graf die Abwesenheit der beiden jungen Männer bemerkt, die ihm bei der feindlichen Stellung, die sie gegen einander annahmen, mancherlei Besorgnisse erregte; um so größer war also seine Verwunderung, als sie Arm in Arm eintraten, und ihre Blicke wie ihre ganze Haltung zeigten, dass auf ein Mal eine innige Vertraulichkeit an die Stelle feindseliger Kälte getreten war.
Vorlage S. 318
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Der junge Graf näherte sich seiner schönen Freundin von Neuem und fragte mit schmeichelnden Blicken: Darf ich nicht wissen, was meine Tante Ihnen sagte, als sie vorhin unsere Unterredung störte? Warum sollte ich Ihnen das nicht mittheilen dürfen, antwortete Therese, indem sie die großen, dunkeln Augen mit dem Ausdrucke der reinsten Unschuld zu ihrem Freunde erhob; die Gräfin sagte mir: Ich werde gewiss, mein liebes Kind, Dich nicht mit unzeitiger Zudringlichkeit stören, wenn wir unter uns sind und lauter wohlwollende Menschen Dich umgeben; dann kannst Du ohne Rückhalt Deinem Freunde alles mittheilen, was ihm wichtig scheint, aber hier, jetzt unter so vielen fremden Menschen, ist es besser, wenn Du keine so langen und angelegentlichen Unterredungen mit ihm führst. Und Sie wünschen den Rath meiner Tante zu befolgen? fragte lächelnd der Graf. Wenn es Sie nicht kränkt, wünsche ich es wohl, erwiederte Therese aufrichtig, denn die Gräfin behandelt mich so mütterlich, ihr Rath ist so wohl gemeint, dass ich ungern davon abweichen möchte.
Vorlage S. 318
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Da wir denn nicht viel mit einander sprechen dürfen, sagte der junge Graf, so werden Sie es mir doch gewiss nicht abschlagen, mit mir zu tanzen? O gewiss nicht, rief Therese, ich habe mich schon lange darüber gewundert, dass Sie ganz weggegangen waren und nicht einmal Lust bezeigten, mit mir zu tanzen. Und dahin schwebten Beide durch den Saal zum größten Erstaunen des Grafen, der die Verwandlung seines finstern Vetters gar nicht begreifen konnte und doch auch sich nicht aufklären mochte, weil er eine lange vertrauliche Unterredung mit St. Julien in dieser gemischten Gesellschaft nicht suchen wollte.
Vorlage S. 319
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So war unter Tanz, Spiel und heitern Gesprächen ein großer Theil der Nacht verschwunden, und die Gesellschaft begab sich nach dem Speisesaale zur Abendtafel. Die geschmackvolle Verzierung der Tafel, die glänzende Beleuchtung, machten dem Haushofmeister eben so viel Ehre, als die Fülle der auserlesenen Speisen und Getränke. Die feurigen Weine erhöhten die Heiterkeit der Gäste, und auch die, welche sich bis jetzt ruhig gehalten hatten, wollten nun durch Witz und muntere Einfälle ihren Zoll zur allgemeinen Freude beitragen. Freilich trafen nicht Alle immer das Beste, und oft erhob sich Gelächter aus ganz andern Gründen, als der beabsichtigte, welcher es erregte; aber doch umschwebte die Freude die Tafel. Endlich neigte sich auch diese Lust zu Ende, und der Haushofmeister schenkte schon den perlenden Champagner ein; der Baron Löbau sah mit ängstlichen Blicken den Grafen an, der ihn sogleich verstand, ein Glas nahm und, indem er aufstand, mit lauter Stimme rief: Auf das Wohl unseres theuern Landesvaters, unseres geliebten Königs, den uns Gott lange erhalten möge! Ein langer schmetternder Tusch von Trompeten bestätigte die ausgebrachte Gesundheit, und es war, als ob die Töne in jeder Brust das gleiche Gefühl der Liebe und Hingebung hervorriefen, Aller Augen glänzten in Thränen, alle Stimmen wiederholten die Worte, und selbst der Baron Löbau, der die Sache wie eine Förmlichkeit betrieben hatte, fand unvermuthet eine Empfindung in seinem Busen, die auch seine Augen befeuchtete. Er hatte sich nicht auf den Grafen verlassen und befürchtet, dass in Ansehung dieses wichtigen Gesundheitstrinkens nicht die gehörige Anordnung getroffen sein möchte, deßhalb hatte er es nicht verschmäht, in einem unbeachteten Augenblicke den Haushofmeister aufzusuchen und ihm selbst das Nötige aufzutragen, und blickte nun mit einem Gefühl von Stolz gleichsam in die Trompetentöne hinein, die er glaubte veranlaßt zu haben.
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Nach der Abendtafel wollten noch Einige den Tanz zu erneuern suchen, aber auch die Lust ermüdet den Menschen, und da der Tag schon wieder zu dämmern begann, so trennte sich die ermüdete Gesellschaft.
Vorlage S. 321
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XVIII
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Als nach einer Ruhe von einigen Stunden der Graf sich wieder von seinem Lager erhoben hatte, säumte Dübois nicht, aus doppelten Gründen, sogleich vor dem Herrn zu erscheinen; zuerst wollte er erfahren, ob der Graf mit der ganzen Anordnung des Festes zufrieden gewesen sei, und dann glaubte er, dass es gut getan sei, wenn er ihm die Unterredung mittheilte, die er mit dem Knaben Gustav gehabt hatte.
Vorlage S. 321
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Als ihn der Graf erblickte, rief er: Ei, ei, guter Dübois, sind Sie schon aufgestanden, nach der großen Anstrengung, die Sie gestern hatten? Sie sollten sich mehr schonen, Sie sollten daran denken, dass Sie sich uns noch lange erhalten müssen. Dübois lächelte entzückt über diese Güte und versicherte, dass er gar keine Müdigkeit fühle, auch, fuhr er fort, stand mir der Knabe des jungen Herrn Grafen mit so vieler Gewandheit und Einsicht bei, dass ihm ein großer Theil des Lobes gebührt, wenn wir überhaupt Lob verdient haben.
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Alles war vortrefflich, sagte der Graf, jede Anordnung verständig; wie lässt sich das auch von Ihnen anders erwarten; Sie haben in Paris eine so gute Schule gehabt; und Alles war so eingerichtet, wie ich es liebe; Jeder wohl versorgt, auch der geringste Gast beachtet, ein anständiger Ueberfluß ohne alle Prahlerei; durch Ihre Mühe war es ein so wohlgeordnetes Fest, dass ich Ihnen recht sehr dafür danke. Gewiss, sagte der Haushofmeister, ich bin innig erfreut über die Zufriedenheit meiner hohen Herrschaft, aber doch muss ich der Wahrheit gemäß eingestehen, dass ich mir ohne den lieben Knaben Gustav gar nicht in dem Grade diese mir so theure Zufriedenheit hätte erwerben können.
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Was ist es mit dem Knaben, fragte der Graf, denn es scheint mir, dass Sie seiner nicht ohne Absicht gedenken?
Vorlage S. 322
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So ist es, erwiederte Dübois und ließ sich gern bereit finden, Alles, was er von dem Knaben wusste, mitzutheilen. Der Graf hörte nicht ohne Theilnahme dessen traurige Geschichte und sagte, als sie geendigt war: Wie bereit doch ein Jeder ist, dem Andern Unrecht zu tun; ich hätte meinem finstern, kalten Vetter nicht so viel Menschlichkeit zugetraut, und ich war sehr geneigt, das für seinen Charakter zu erklären, was vielleicht nur die Folge eines eben erduldeten Unglücks sein mag. Ich hielt es deßhalb für meine Pflicht, erwiederte Dübois, das Alles zu berichten, damit nicht vielleicht die Mitglieder eines verehrten hohen Hauses durch Mißverständnisse noch mehr von einander getrennt werden. Sie sind ein verständiger Mann, sagte der Graf mit Güte, und ich habe es oft mit Dank erkannt, dass Sie alles, was zu meinem Vorteil gehört, wie ein Freund berücksichtigen. Dies ist die Pflicht eines treuen Dieners, sagte der alte Mann mit vor Rührung bebender Stimme, aber nicht immer wird diese Pflicht gegen so edle Herren ausgeübt. Ich bin so dreist gewesen, fuhr er sich beherrschend fort, dem Bürschchen Gustav den Gebrauch der Bibliothek zu gestatten, ohne um Ihre Erlaubnis dazu erst nachzusuchen, wie ich hätte tun sollen, aber die Geschäfte des Tages verhinderten mich, und ich hoffe, der Herr Graf verzeihen mir diese Freiheit. Sie haben auch daran Recht getan, mein guter Dübois, sagte der Graf, wie ich alles, was Sie für den unglücklichen Knaben getan haben, nur loben kann, und gewiss werde ich es nicht unterlassen, Ihre guten Absichten mit ihm nach besten Kräften zu unterstützen. Das Wort war gesprochen, welches Dübois von der Großmuth seines Herrn erwartet hatte, und er ging in jeder Hinsicht befriedigt hinweg. Kaum hatte der Haushofmeister den Grafen verlassen, als St. Julien mit ganz ungewöhnlicher Heiterkeit hereintrat. Sie wollten kein Friedensfest, rief er lachend, nachdem er den Grafen umarmt hatte, aber wenn Sie auch dabei bleiben wollen, das gestrige Fest nicht so zu nennen, so haben Sie doch meinen Frieden mit einem heftigen Feinde dadurch gestiftet und, setzte er mit Herzlichkeit hinzu, ihn in meinen aufrichtigen Freund verwandelt.
Vorlage S. 322
667
Dann wäre durch eine geringe Ursache eine große Wirkung hervorgebracht, sagte der Graf lächelnd, aber theilen Sie mir doch mit, wie die Verwandlung sich begeben hat, die ich schon gestern bemerkte.
Vorlage S. 324
668
St. Julien wurde ernsthaft und erzählte dem Grafen das ganze, anfänglich so feindliche und dann so rührend herzliche Benehmen des jungen Grafen; er theilte ihm Alles mit, was er von ihm selbst erfahren hatte, und sein Zuhörer konnte sich des Mitgefühls nicht erwehren.
Vorlage S. 324
669
Der arme junge Mann, rief er, als St. Julien geendigt hatte, er hat Vieles durch ein hartes Geschick erduldet und sehr Vieles durch die ungereimte Falschheit seines Vaters, der den eigenen Sohn hintergeht, um ihn zu Schritten zu bewegen, die ihn nur hätten herabwürdigen können. Ich sehe das deutlicher ein, als Sie, mein lieber Freund, und zweifeln Sie nicht, ich werde dem Vertrauen meines Vetters so begegnen, wie ich hoffe, dass es für uns Alle wohlthätig sein soll.
Vorlage S. 324
670
Nur gedenken Sie meiner nicht dabei, sagte St. Julien, denn ich weiß nicht, ob unsere junge Freundschaft nicht dadurch erschüttert werden könnte, wenn er darauf käme, zu glauben, ich habe sein Vertrauen missbrauchen wollen.
Vorlage S. 325
671
Sein Sie unbesorgt, sagte der Graf lächelnd, ich werde ja nicht den kaum geschlossenen Frieden stören wollen.
Vorlage S. 325
672
Die Gesellschaft versammelte sich spät zum Frühstück, und die heiteren Erinnerungen an den gestrigen Tag wurden gehemmt und unterbrochen, weil man bemerkte, dass der junge Graf seine Gedanken auf andere, ernsthaftere Gegenstände richtete, und dass auch sein Oheim diesen Dingen wenig Aufmerksamkeit schenkte und hauptsächlich ein Gespräch mit seinem Vetter einzuleiten suchte. Endlich nach beendigtem Frühstück bat er diesen, ihm in sein Kabinet zu folgen, weil er sich über manche Gegenstände mit ihm zu unterreden wünsche. Der junge Graf folgte schweigend, nicht ohne peinliche Empfindungen, weil er nicht wusste, welche Wendung eine Unterredung nehmen würde, die er wünschte und fürchtete.
Vorlage S. 325
673
Als sie allein waren, sagte der Graf: Ich glaube, mein lieber Vetter, Sie haben es leicht bemerken können, dass Offenheit und Freimüthigkeit die Hauptzüge meines Charakters sind; ich befürchte nicht mich zu täuschen, wenn ich dieselben Eigenschaften bei Ihnen voraussetze, es ist uns also ohne Frage beiden gleich quälend, wenn wir eine Spannung zwischen uns erhalten, die vielleicht durch eine offenherzige Unterredung aufgehoben werden kann. Der junge Graf fand auf diese Anrede keine Antwort und begnügte sich mit einer stummen Verbeugung. Ich will den Anfang des Vertrauens machen, fuhr sein Oheim fort, da mich die weitere Bahn, die ich auf dem Wege des Lebens zurückgelegt habe, vielleicht geschickter dazu gemacht hat, diese Aufgabe zu lösen. Ich glaube mich nicht zu irren, setzte er hinzu, wenn ich annehme, dass Sie mich durch Ihren Besuch hier nicht bloß deßhalb erfreuen, um die Bekanntschaft eines Verwandten zu machen, sondern dass Sie dazu auch noch durch andere Gründe bestimmt worden sind. Ich kann nicht läugnen, sagte der junge Graf mit einer Verlegenheit, die er nicht bekämpfen konnte, mein Vater hat mir mancherlei Aufträge gegeben, die es mir unendlich schwer fällt auszurichten.
Vorlage S. 325
674
Ich glaube, erwiederte ihm sein Oheim, ich kann Ihnen die Eröffnung, die Sie mir machen müssen, erleichtern, wenn ich sage, dass mir im Ganzen der Inhalt Ihrer Sendung bekannt ist. Ihr Vater beabsichtigt seit lange, Ansprüche auf einen großen Theil meines Vermögens geltend zu machen, und die Kenntnis dieser Absicht, die mir mein Rechtsfreund mittheilte, bestimmte mich hauptsächlich hieher zu kommen, wo in einer so wichtigen Angelegenheit meine Gegenwart vielleicht unentbehrlich sein konnte.
Vorlage S. 326
675
Ich kann nicht läugnen, sagte der junge Graf, mein Vater ist überzeugt, bedeutende Ansprüche zu haben.
Vorlage S. 327
676
Ist es Ihnen bekannt, worauf er diese gründet? fragte der Graf.
Vorlage S. 327
677
Mein Vater ist überzeugt, erwiederte sein Vetter, dass nach dem Tode Ihres Aeltervaters die Summe, welche Ihr Großvater dem seinigen hatte auszahlen sollen, nie berichtigt worden ist.
Vorlage S. 327
678
Ich kann Sie vom Gegentheil überzeugen, sagte der Graf, und Ihnen das Dokument über die vollständig geleistete Zahlung vorlegen. Er reichte es ihm mit diesen Worten hin und zog sich etwas zurück, um seinem jungen Verwandten Zeit und Ruhe zum Lesen zu gewähren. Er beobachtete ihn während dieses Geschäfts und sah, wie das Gesicht des jungen Mannes während des Lesens erbleichte und das Gefühl einer völligen Hoffnungslosigkeit sich auf seinen Zügen ausdrückte. Noch eine Zeitlang hielt er das Blatt zitternd in der Hand, und sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf den Buchstaben, die alle seine Erwartungen vernichtet hatten. Endlich nahm er sich zusammen und gab gefasst seinem Oheim die Urkunde zurück. Es ist so, wie ich es schon früher ahnte, sagte er mit ruhiger Stimme, es war ein Irrthum meines Vaters. Ihr Vater, rief der Graf mit Heftigkeit und unterbrach sich selbst, er fühlte, wie hart es wäre, einem Sohne zu zeigen, wie weit sein Vater von der Bahn der Ehre abgewichen sei.
Vorlage S. 327
679
Mein Vater, ergänzte der junge Graf, muss seinen Irrthum schleunig erfahren, wenn auch dadurch alle seine Hoffnungen vernichtet werden; er muss es wissen, dass wir gar keine Rechte auf Ihr Vermögen haben.
Vorlage S. 328
680
Wenn ich auch zugeben muss, erwiederte sein Oheim, dass Sie diese Rechte in der That nicht haben, hören denn dadurch notwendig alle Hoffnungen auf? Haben Sie, mein lieber Vetter, denn gar keine Rechte an einen Verwandten? Ueberrascht blickte der junge Graf empor, und sein Oheim fuhr freundschaftlich fort:
Vorlage S. 328
681
Hören Sie mich ruhig an. Ich bin in einer so glücklichen Lage geboren, dass ich von frühester Jugend an mehr hatte, als ich bedurfte, meine Neigungen waren mehr auf geistige Genüsse, als auf kostbare Vergnügungen gerichtet. Die Gräfin theilte meine Lebensansichten, und so wurde es bei mir ein Grundsatz, von dem ich niemals abwich, meine Ausgaben immer so einzurichten, dass sie bedeutend unter meinen Einnahmen blieben; durch diese Einrichtung bin ich in der Lage, immer eine Summe bereit zu haben, die ich zum Vorteil eines Freundes verwenden kann, und wenn ich mich auch in mancher Hinsicht über Ihren Vater zu beklagen habe, so wäre es doch vielleicht besser gewesen, wenn ich mich ihm früher genähert hätte. Ich glaube, dass selbst Sie, mein lieber Vetter, nicht einmal ganz die Gefahr seiner Lage kennen; er ist nahe daran, sich in die Hände eines Menschen zu liefern, der sein gegenwärtiges Unglück und die Bedrängnisse, die in Folge des Friedens eintreten müssen, dazu benutzen wird, um ihm sein Vermögen zu entreißen. Ich erhielt gestern diesen Brief für Sie, es kann sein, Ihr Vater schreibt Ihnen selbst das Nähere; lesen Sie dieses Schreiben und theilen Sie mir dann das Nötige daraus mit, damit wir gemeinschaftlich überlegen können, wie sich am Besten helfen lässt. Er reichte ihm mit diesen Worten den am vorigen Tage vom Geistlichen empfangenen Brief und entfernte sich, um seinen Vetter ungestört den vielleicht wichtigen Inhalt überlegen zu lassen.
Vorlage S. 328
682
Erstaunt, bestürzt blickte der junge Graf seinem Oheim nach; mit wenigen Worten hatte dieser seine ganze Lage geändert; er hatte es ausgesprochen, dass er die Mittel besitze, ihm zu helfen, und auch den Willen, ihm diese Hülfe zu leisten, und dies war ohne allen Prunk wie eine einfache Handlung abgemacht. Das Leben lächelte ihm wieder entgegen, die gränzenlose Noth seines Vaters und seiner Familie war gehoben, und Theresens Bild schwebte eilig seiner Phantasie vorüber. In diesem Gedränge mannigfacher Empfindungen hielt er noch immer seines Vaters unentsiegelten Brief in der Hand, und ein zufälliger Blick darauf erinnerte ihn, dass er ihn lesen müsse, um seines Oheims wohlthätige Absicht befördern zu helfen.
Vorlage S. 329
683
Wie ganz anders aber wirkte dieses Blatt auf die Gefühle des jungen Mannes. Es ließ sich nicht verkennen, dass es in verzweiflungsvoller Stimmung geschrieben war; in dieser Angst verrieth sein unglücklicher Vater nur zu deutlich, dass er den Sohn getäuscht habe, um ihn nur überhaupt zu einem Schritte gegen den Grafen zu vermögen; er rechnete auf dessen heftigen, reizbaren Charakter und gab ihm viele unwürdige Mittel an die Hand, eine Summe, die er nannte, von dem Grafen auf jeden Fall zu erpressen, indem er diese Handlungsweise ihm nur als Erfüllung der Pflichten darstellte, die der Sohn habe, das graue Haupt des Vaters vor schmachvoller Armuth zu bewahren, die kränkelnde Mutter und die noch unerwachsenen Schwestern gegen das eindringende Elend zu beschirmen. Wenn Du nun auch, beschloss er dies Schreiben, durch die Erfüllung dieser Pflichten einige schmerzliche Stunden mit meinem Vetter, Deinem Oheim, hinbringen musst, so bedenke, dass Du durch diese kurze Selbstüberwindung von uns Allen den Jammer eines langen kummervollen Lebens abwenden kannst.
Vorlage S. 330
684
Der junge Graf fühlte sich durch dies Schreiben vernichtet. Wie edel und einfach war sein Oheim, ihm vertrauend, entgegen getreten; mit welcher rührenden Freimüthigkeit hatte er die Hülfe eines Verwandten angeboten, und wie unwürdig zeigte sich sein Vater dieser Unterstützung. Mit brennendem Schmerz senkte sich die Ueberzeugung in seine Seele, dass der alte Vater die Achtung des Sohnes nicht verdiene; das bleiche Bild der leidenden Mutter stand rührend vor den Augen seines Geistes, und er verstand jetzt den schmerzlichen Zug um den wehmüthig-lächelnden Mund, und sein eignes, von heftigem Leid beängstigtes Herz machte sich Luft durch den klagenden Ausruf: Ach, Du arme, Du unglückliche Mutter!
Vorlage S. 331
685
Der Graf hatte erwartet, sein Vetter würde ihm bald folgen, um das Nötige über das eingeleitete Geschäft zu verabreden; nachdem er aber lange vergeblich auf ihn gewartet hatte, kehrte er nach seinem Kabinet zurück und fand dort seinen jungen Verwandten in einem Zustande der Trostlosigkeit, der ihn erschreckte. Was ist geschehen, lieber Vetter? rief er ihm ängstlich zu; welch Unglück hat Ihre Familie betroffen? Der junge Graf saß an einem Tische, auf den er die Ellbogen gestützt hatte, um das Gesicht in die flachen Hände zu versenken; er erhob sein bleiches Antlitz, als er angeredet wurde, und sagte mit zitternder Stimme: Ich verliere alles Zutrauen zu mir selber, Alles, was mir heilig war, fängt an mir ein Irrthum zu erscheinen, und ich möchte beinah wünschen, gar nichts Achtungswerthes im Leben mehr anzutreffen, um mich über mein Unglück zu trösten.
Vorlage S. 331
686
Wie kommen Sie zu so seltsamen Gedanken? fragte der Graf. Lesen Sie dies Blatt, erwiederte sein Vetter, denn ich will Sie nicht hintergehen, wenn es mir auch als eine Pflicht befohlen wird, Sie müssen wissen, Wem Sie Ihre Hülfe anbieten.
Vorlage S. 332
687
Der Graf hatte den Brief gelesen und sagte mit Güte: Sie haben zu wenig in der Welt gelebt, mein lieber Vetter, deßhalb ist Ihr Gefühl so reizbar geblieben. Es ist gewiss ein großes, tief eingreifendes Unglück, wenn ein Kind die Einsicht bekömmt, dass der Charakter seines Vaters Schwächen hat, die das Unbedingte in der Achtung des Knaben aufheben, aber Sie sind ein Mann, Sie müssen mit dem Gedanken vertraut sein, dass die menschliche Natur überhaupt unvollkommen ist, und müssen daher diese Unvollkommenheit auch bei Ihrem Vater ertragen. Der junge Graf fand sich wenig durch diese Ansicht getröstet, doch beruhigte er sich nach und nach bei dem fortgesetzten Zureden seines Oheims. Es ist vielleicht zu Ihrer aller Glück, schloß dieser endlich, denn dies muss Sie bestimmen, die Leitung seiner Angelegenheiten nach und nach aus seinen Händen zu nehmen, ohne die Rücksichten zu verletzen, die Sie als Sohn ihm schuldig sind; und wenn Sie ihn von den Geschäften entfernen und jede Sorge von ihm abwenden können, so wird auch manches Nachtheilige, durch die Noth Erzeugte aus seinem Charakter schwinden.
Vorlage S. 332
688
Man kehrte nun beruhigter zu dem Briefe zurück, und der Graf ersah daraus, was er durch den Geistlichen schon wusste, dass eine bedeutende Summe sogleich nötig sei, wenn das Vermögen seines Verwandten nicht in die Hände des alten Lorenz fallen sollte, und dass noch andere Unterstützungen erforderlich wären, um Ordnung in die Geschäfte zu bringen. Er rieth nun seinem Vetter, selbst zurückzureisen, mit der nötigen Summe, um nur den alten Lorenz gleich aus dem Hause zu bringen; seinen Vater zu überzeugen, dass er durch kein Mittel der Gewalt oder List etwas erhalten könne, dass aber der Graf bereit sei, aus Freundschaft für den Sohn jeden erforderlichen Beistand zu leisten, dass aber auch dann dieser allein für Alles die Verantwortung übernehme und folglich die Geschäfte durch seine Hände gehen müssten.
Vorlage S. 333
689
Der junge Graf wollte den andern Tag abreisen, um die wohlgemeinten Pläne seines Oheims in Ausführung zu bringen. Das ist unmöglich, rief der Graf; Sie müssen übermorgen das Friedensfest bei dem Baron Löbau mit feiern helfen, ich habe es ihm in Ihrem Namen versprechen müssen. Und soll denn meine arme Mutter so lange in der Angst erhalten werden? sagte sein Vetter, der den Vater nicht zu nennen wagte.
Vorlage S. 333
690
Das wäre grausam, schreiben Sie sogleich; wir senden einen Boten, und Sie ersparen sich zugleich die Verlegenheit, unangenehme Dinge mündlich zu sagen, die doch berührt werden müssen. Er fuhr nun fort seinem jungen Verwandten seine Rathschläge zu ertheilen, die diesem eben so mild als vernünftig erschienen. Und, schloß er, wenn Sie sich dann genaue Kenntnis von Ihrer Lage verschafft haben, dann kehren Sie zu mir zurück und bleiben wenigstens einen Monat bei mir, damit auch wir uns genauer kennen lernen, indem wir Ihre Geschäfte ordnen; und dann wollen wir auch gemeinschaftlich für das Fortkommen Ihres Knaben sorgen, von dem mir der gute Dübois so viel Rühmliches gesagt hat. Der junge Graf konnte nur einige Worte des Dankes stammeln; die heftige Rührung machte es ihm unmöglich, Ausdrücke für sein Gefühl zu finden, er verließ seinen Oheim, um auf den nahgelegenen Bergen umher zu schweifen und in der freien Natur die mannichfachen Empfindungen der Liebe, der Achtung, der wiederauflebenden Hoffnung und des Schmerzes über seinen Vater, die in seinem Busen stürmten, zu besänftigen. Nach einer Stunde kehrte er beruhigter zurück unb schrieb nun den peinlichen, aber notwendigen Brief an seinen Vater, auf den der Bote schon wartete.
Vorlage S. 334
691
Am Nachmittage war die Luft so mild und still, dass er die Gesellschaft im Garten versammelt fand, als er von einem Besuch, den er beim Obristen Thalheim gemacht hatte, zurückkehrte. Der Prediger war ebenfalls gekommen, und ihm schallte Gelächter und die streitende Stimme des Arztes aus dem Garten entgegen. Es wird Niemand behaupten können, hörte er noch den Arzt empfindlich rufen, dass ich nicht die Fähigkeit hätte, den Takt der Musik zu hören und mich im Tanze danach zu richten.
Vorlage S. 335
692
Das behauptet auch Niemand, erwiederte St. Julien, es ist bloß die Standhaftigkeit Ihres Charakters, die Sie bestimmt, sich immer auf einer Stelle herum zu drehen. Ihre Dame mag dagegen tun, was sie will, Sie lassen sich nicht beherrschen, und wenn die Andern den Umkreis gemacht haben und endlich Alle wieder auf ihren Plätzen stehen, so nehmen Sie den Ihrigen mit besserem Rechte ein, als jeder Andere, weil Sie ihn so standhaft behauptet haben.
Vorlage S. 335
693
Sie sind ein Spötter, sagte der Arzt ärgerlich, und wenn Sie nicht ein Mensch wären, den ich aus dem Rachen des Todes errettet hätte, so würde ich ernstlich böse werden.
Vorlage S. 335
694
Und das würde mich ernstlich kränken, sagte St. Julien, indem er dem leicht versöhnten Gegner freundlich die Hand bot.
Vorlage S. 336
695
Es wäre traurig, sagte die Gräfin zu dem Arzt gewendet, wenn Sie das Friedensfest des Barons in Feindschaft mit Ihrem kaum hergestellten Patienten besuchen wollten, oder sich wohl gar durch ihn bestimmen ließen, das Tanzen aufzugeben.
Vorlage S. 336
696
Das werde ich nicht, rief der Arzt, es ist die Pflicht eines Jeden, zur Unterhaltung einer Gesellschaft nach besten Kräften beizutragen, die durch so viele Mühe und Anstrengung versammelt wird.
Vorlage S. 336
697
Und wie weise, sagte die Gräfin, hat es der gute Baron eingerichtet, dass er uns zwei Tage Ruhe zwischen den Festen gönnt, denn wer vermöchte die Last dieser Freuden zu ertragen, wenn sie ohne Erholung auf einander folgten.
Vorlage S. 336
698
Es ist das erste Mal, sagte St. Julien, dass ich Gelegenheit gehabt habe, die Zurüstungen zu einer großen Gesellschaft auf dem Lande zu beobachten, und ich habe bemerkt, dass eine solche Freude sich einigermaßen mit einer Schlacht vergleichen lässt; bedeutende Helden sind geblieben; ich sah, dass ein krummgehörntes, schwer hinwandelndes Rind der allgemeinen Freude sein Leben zum Opfer bringen musste, aber doch haben die leichten Truppen am Meisten gelitten, das Gakeln im Hühnerhofe hat sich seit der großen Katastrophe bedeutend vermindert.
Vorlage S. 336
699
Die größte Beschwerde, bemerkte der Graf, verursacht bei solchen Gelegenheiten die große Menge Pferde und verschiedenartiger Bedienten, die alle wieder ihre Rangordnung unter einander haben, die anerkannt werden muss; die begleitenden Kammerdiener dürfen nicht mit den gewöhnlichen Bedienten vermischt werden; die Kutscher und Vorreiter trennen sich von diesen, die Kammerjungfern wollen höher geachtet werden als die Kinderwärterinnen, die auch bei solchen Gelegenheiten nicht fehlen, und so gibt es in den unteren Zimmern zehn verschiedene Gesellschaften zu bewirthen, wenn sich eine in den Sälen des Hauses versammelt.
Vorlage S. 337
700
Störend ist es mir gewesen, sagte St. Julien, dass oft auf eine Dame musste gewartet werden, wenn ein Tanz anfangen sollte, weil sie eben ihr Kind tränkte, oder dass aus den entfernten Zimmern sich zuweilen das Geschrei der Kinder vernehmen ließ, deren Bedürfnis die Mutter nicht befriedigen konnte, weil die Quadrille noch nicht beendigt war.
Vorlage S. 337
701
Es ist eine moderne Thorheit, sagte die Gräfin, dass die Frauen glauben, sie erfüllen eine wichtige mütterliche Pflicht, wenn sie ihre Kinder selbst tränken.
Vorlage S. 337
702
Wie! rief der Prediger, halten die Frau Gräfin dies nicht für die erste Pflicht einer Mutter?
Vorlage S. 337
703
Wenn eine Mutter, erwiederte die Gräfin, ihr Kind so sehr liebt, dass sie ihm die erste Nahrung durchaus selbst reichen will, so ist dies weder Tugend noch Pflicht zu nennen, die Mutter befriedigt bloß ihr eigenes Gefühl; es versteht sich, dass ich hier nur von den wohlhabenden Müttern spreche, denn wenn eine arme Frau von schwacher Gesundheit, ohne hinreichende Nahrung und Pflege, die letzten Kräfte aus Noth und Liebe aufopfert, und recht eigentlich ihr Kind ihr Leben saugen lässt, so ist dies ganz etwas anders; ich spreche bloß von unseren Damen, und ich meine, wenn diese eine solche Pflicht übernommen haben, dass sie sie dann auch ganz erfüllen müssten.
Vorlage S. 338
704
Nun dies tun doch wohl alle Mütter, erwiederte der Prediger.
Vorlage S. 338
705
Ich glaube, wenn eine dieser Mütter, sagte die Gräfin, eine Amme bei ihrem Kinde hätte, die es sich beikommen ließe, eine Nacht hindurch tanzen zu wollen, dass sie sehr unzufrieden damit sein würde; aber, wie gesagt, es ist eine moderne Thorheit, und es wäre hart, wenn die jungen Frauen alle Lust des Lebens aufgeben sollten, weil sie etwas unternommen haben, was sich mit dieser Lust nicht vereinigen lässt.
Vorlage S. 338
706
Es ist wahr, rief der Arzt, die Frauen sind auf die Häuslichkeit angewiesen von der Natur, dies ist ihre wahre und einzige Bestimmung.
Vorlage S. 338
707
Das ist eine Behauptung, der sich gar nicht widersprechen lässt, sagte die Gräfin, ob ich gleich überzeugt bin, dass wir beide einen ganz verschiedenen Sinn damit verbinden.
Vorlage S. 339
708
Und ich denke, meinte der Prediger, der Begriff der Häuslichkeit ließe sich leicht feststellen, und es könnte nicht schwer fallen, die Pflichten einer Frau auseinander zu setzen, die hauptsächlich in hingebender Liebe bestehen. Ich habe es immer getadelt, dass bei der Erziehung der jungen Mädchen mehr darauf gesehen wird, dass sie glänzen sollen, als dass man sie zu künftigen Gattinnen bildet, die ihre Pflicht erfüllen könnten, die doch hauptsächlich darin besteht, den Mann zu beglücken.
Vorlage S. 339
709
Ich möchte nicht gern, sagte die Gräfin, einen oft geführten Streit von Neuem führen, es sind so unzählige Bücher geschrieben worden, die davon ausgehen, den Satz als unbestreitbar hinzustellen, dass die Frauen dazu da sind, die Männer zu beglücken, und deren Verfasser sich nur in Rathschlägen erschöpfen, wie dies am besten zu bewerkstelligen sei, dass viel Muth dazu gehört, sich gegen die allgemeine Ansicht aufzulehnen.
Vorlage S. 339
710
Wie! rief der Prediger, ist es möglich, an der edelsten Bestimmung des Weibes zu zweifeln?
Vorlage S. 339
711
Würden Sie nicht finden, Herr Prediger, sagte die Gräfin, dass es eine seltsame Anmaßung wäre, wenn Jemand behaupten wollte, es sei die erste und heiligste Pflicht der Männer, ihre Frauen zu beglücken; sie wären eigentlich nur dazu da; und halten Sie den Schöpfer für so partheilich, dass er ein Geschlecht bloß dazu erschaffen haben sollte, damit das Andere beglückt wird? Ich glaube, dass sich beide Geschlechter ergänzen, dass aber beide ihre Selbstständigkeit bewahren müssen, und der größte Fehler in der weiblichen Erziehung liegt wohl darin, dass auf diese Selbstständigkeit wenig Rücksicht genommen wird und die armen jungen Mädchen nur für ihre künftigen Gatten gebildet werden.
Vorlage S. 339
712
Der Geistliche wollte die Gräfin unterbrechen, aber, ohne es zu bemerken, fuhr sie fort: Warum sollen die Talente, die Fähigkeiten und alle schönen Eigenschaften der Seele eines jungen Mädchens nicht eben sowohl ausgebildet werden, als die eines Knaben, schon um ihrer selbst Willen?
Vorlage S. 340
713
Dann würden wir also lauter gelehrte Frauen haben, bemerkte der Pfarrer mit spöttischem Lächeln.
Vorlage S. 340
714
So wenig, erwiederte die Gräfin, wie wir lauter gelehrte Männer besitzen, denn wo Neigung und Geistesfähigkeit nicht vorhanden ist, kann sie auch nicht ausgebildet werden; ja ich glaube zu Ihrer Beruhigung versichern zu können, fuhr die Gräfin fort, dass es mit sehr wenigen Ausnahmen gar keine gelehrte Frau geben kann, so wenig wie eine Künstlerin im wahren Sinne des Worts.
Vorlage S. 340
715
So geben also die Frau Gräfin hierin doch die Ueberlegenheit des männlichen Geschlechts zu? fragte der Pfarrer.
Vorlage S. 341
716
Nicht weil ich glaube, erwiederte die Gräfin, dass die Fähigkeiten des einen Geschlechts an sich größer wären, als die des andern, aber hierin, glaube ich, entscheiden in der Natur begründete Verhältnisse. Gewöhnlich wird ein junges Mädchen zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre verheirathet, und ihre Erziehung ist damit beendigt. Ein junger Mann in diesem Alter lernt eben erst seine Seelenkräfte kennen und bildet sich selbstständig in der ihm angemessenen Richtung aus; er wählt dann seine Studien, sucht in den Geist der Wissenschaft einzudringen, die ihn besonders anzieht, und widmet ihr sein ganzes Leben. Eine Frau übernimmt, indem sie sich verheirathet, wenigstens in Deutschland die Pflicht, ihrem Hause vorzustehen, und die vielen kleinen Beschäftigungen und Sorgen zerstückeln so sehr das Leben, dass an eine ernsthaftes Studium kaum mehr zu denken ist. Mit der Geburt der Kinder treten neue Sorgen ein, und es kann eine Frau schon von Glück sagen, wenn sie so viel Geisteskraft behält, um sich nicht völlig zu vernachläßigen. Deßhalb kann auch selbst ein hervorragender Geist unter den Frauen nur Geringeres leisten, und was wir an den Ausgezeichnetsten unseres Geschlechts anzuerkennen haben, wird immer vornehmlich durch Tiefe des Gefühls, durch einen scharfen beobachtenden Geist, durch ein glückliches Gedächtnis errungen sein. Wenn also auch eine Frau sich mancherlei Kenntnisse gleichsam im Fluge erwerben kann, wenn sie auch einen richtigen Blick für das Leben gewinnt, wenn ihr Selbstbeobachtung manches Geheimnis der menschlichen Natur erschließt, so kann sie eine höchst interessante Erscheinung, aber niemals eine Gelehrte sein.
Vorlage S. 341
717
So würde also das Cölibat erfordertich sein, um eine Gelehrte hervorzubringen, sagte der Prediger.
Vorlage S. 342
718
Auch dann würde mit sehr wenigen Ausnahmen nur unvollkommen der Zweck erreicht werden, sagte die Gräfin. Was dem jungen Manne so leicht wird, ist für eine Frau unmöglich, sie könnte keine hohe Schule, keine öffentlichen Hörsäle besuchen; es müsste also, da sie sich unter die Studenten nicht mischen dürfte, ihr Vermögen so bedeutend sein, dass sie sich die vorzüglichsten Lehrer auf andere Weise verschaffen könnte, und dennoch würde ein solches, in der Einsamkeit getriebenes Studium immer unvollkommen bleiben und zur Einseitigkeit führen, denn sie müsste den lebendigen Austausch der Gedanken mit gleich beschäftigten Freunden entbehren, durch den die Ausbildung der Männer so sehr befördert wird, und alle ihre Kenntnisse heimlich erwerben, um nicht als pedantisch und anmaßend verlacht zu werden; also wäre auch dies ein sehr mühevoller und unsicherer Weg. Warum die Frauen in der bildenden Kunst niemals etwas ausgezeichnet Großes werden leisten können, ist, glaube ich, noch leichter einzusehen. Ein unüberwindliches Gefühl der Sittsamkeit wird das Studium der Natur verbieten, und ich glaube, alle Künstler sind darüber einig, dass ihnen dies unentbehrlich ist. Bei dem Studium der Landschaft nach der Natur hindert wieder die bedingte Freiheit, denn es kann doch nur die Stelle beobachtet werden, wohin man in anständiger Begleitung spazieren gehen kann. Die Gedanken, welche die Seele auf einsamen Wanderungen nährt, muss eine Frau entbehren, und auch hier kann nur der Rath eines Lehrers leiten, statt dass die jungen Männer sich gegenseitig mit einander berathen, verlachen und bewundern, und so durch Wetteifer alle Kräfte des Geistes anregen. Auch liegt in der Seele der Frauen eine gewisse Schüchternheit, die die Ausübung einer jeden Kunst hindert; ich meine nicht die so oft äußerlich gezeigte, die nicht einmal immer wahrhaft ist, sondern diejenige, die es einer Frau unmöglich macht, das Tiefste, Wahrste, Wildeste und Größte, was ihre Seele denkt, auszusprechen. Ich halte es für unmöglich, dass eine Frau eine gewisse Jungfräulichkeit der Seele aufgeben kann, und deßhalb wird sie lieber die Tiefe ihres Geistes verhüllen, als zeigen, und eben deßhalb wird ein feiner Geist bei den bedeutenden Hervorbringungen der Frauen die Tiefe dieses Geistes vielleicht ahnen und oft bemerken, dass große künstlerische Anlagen in ihnen nicht zu verkennen sind, aber ich zweifle, ob er irgend eine Hervorbringung als ein vollendetes Kunstwerk wird bewundern können.
Vorlage S. 342
719
Es scheint aber, sagte der Geistliche, als ob wir in einen Widerspruch geriethen; erst, glaube ich, verlangten die Frau Gräfin, dass unsere Töchter wie unsere Söhne ausgebildet werden sollten, und nun geben Sie selbst zu, dass dies unmöglich ist.
Vorlage S. 344
720
Ich glaube nicht, erwiederte die Gräfin, dass ich mit mir selbst im Widerspruche bin, ich glaube nur den Wunsch geäußert zu haben, dass, so wie man die jungen Männer um ihrer selbst Willen erzieht, man diese Gerechtigkeit auch gegen das weibliche Geschlecht üben sollte. Dass die Erziehung an sich verschieden sein muss, habe ich nicht läugnen wollen, und wenn ich glaube, dass keine Frau eine gründliche Gelehrte oder eine vollendete Künstlerin sein kann, so habe ich wiederum damit nicht ausdrücken wollen, dass schöne Geistesanlagen nicht so viel als möglich ausgebildet werden sollten. Es wäre überhaupt zu wünschen, dass die Erziehung der Töchter ernsthafter betrachtet würde, denn welche Meinung auch jeder Einzelne über die Stellung der Frauen in der Welt haben mag, so wird man doch darin übereinkommen, dass die Erziehung der Kinder großen Theils in den Händen der Mutter ruht, und schon deßwegen sollte man diese gehörig ausbilden, damit sie ihre Söhne vernünftig erziehen könnten. Aber auch wenn man betrachtet, wie vieler Standhaftigkeit, Selbstüberwindung und Klugheit eine Frau selbst in den gewöhnlichsten Verhältnissen des Lebens bedarf, so ist es unbegreiflich, dass man alle diese Eigenschaften als Pflichten von ihnen fordert, und zwar in einem Alter, wo den jungen Männern noch sehr Vieles nachgesehen wird, und doch so wenig dafür tut, durch eine vernünftige Ausbildung den Ernst in ihrer Seele zu erwecken, durch den allein alle diese Eigenschaften erworben werden können.
Vorlage S. 344
721
Der Geistliche schien dies Gespräch mit Eifer fort setzen zu wollen, der Gräfin aber däuchte es, als habe sie sich schon zu weitläuftig über einen Gegenstand geäußert, über den ihre Ansicht so sehr von der allgemeinen abwich, und sie nahm gern die Gelegenheit wahr, das Gespräch zu endigen, als der Obrist Thalheim die Gesellschaft vermehrte.
Vorlage S. 345
722
XIX
Vorlage S. 345
723
Des andern Tages hatte sich der Graf mit seinem Vetter wieder in sein Kabinet zurückgezogen, er ging mit ihm noch ein Mal alle nötigen Maßregeln durch, die zu ergreifen sein möchten, um die Güter feines Vaters zu retten, und händigte ihm eine bedeutende Summe teils baar, teils in Wechseln ein, um nicht bloß die dringende Zahlung leisten zu können, sondern auch auf unvorhergesehene Fälle gefasst zu sein und nun auch, wie der Graf noch bemerkte, etwas für den Knaben Gustav tun zu können, über dessen künftiges Schicksal die beiden Verwandten zugleich das Nähere bestimmten.
Vorlage S. 345
724
Nachdem diese Geschäfte beendigt waren, ging der junge Graf in den Garten hinunter, um in der Einsamkeit die mancherlei Gefühle zu ordnen, die ihn bei der unerwarteten Großmuth seines Oheims immer wieder von Neuem bestürmten. In den dunkeln Gängen desselben traf er St. Julien, der schwermüthig darin auf und abging, und mit Wehmuth auf einen Brief blickte, den er eben empfangen hatte und noch in der Hand hielt. Als er den jungen Graf erblickte, reichte er ihm die Hand und sagte: Es ist vorbei, der anmuthige Traum ist ausgeträumt, ich muss wieder zurück in das traurige, einsame Leben.
Vorlage S. 346
725
Was ist Ihnen begegnet? fragte der junge Graf, was kann Sie in dem Grade traurig stimmen? Theilen Sie mir Ihr Unglück mit.
Vorlage S. 346
726
Ich bin wohl undankbar, sagte St. Julien lächelnd, dass ich die Beweise der Liebe der zärtlichsten, besten Mutter auf eine Art empfange, dass meine Freunde sie für ein Unglück halten müssen. Lesen Sie selbst diesen Brief und Sie werden sehen, das, was man gewöhnlich Unglück nennt, enthält er nicht.
Vorlage S. 346
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Der junge Graf fing den Brief zu lesen an, und nach den zärtlichsten Klagen einer Mutter über die Leiden eines geliebten Sohnes, sah er bald, dass sie so große Summen zum Gebrauche dieses Sohnes anwies, wie sie nur der Reiche mit Großmuth bestimmen kann. Der Graf dachte an seinen frühern Streit mit St. Julien und glaubte einen Augenblick, dieser habe ein Mittel gesucht, um ihn auf eine etwas prahlende Weise von dem Ungrunde seiner damaligen Ansichten zu überzeugen; doch ein Blick auf seinen Freund belehrte ihn bald, dass dieser sich jetzt am Wenigsten mit solchen Gedanken beschäftigte. Er las daher den Brief weiter und fand, dass die Mutter die lebhafteste Dankbarkeit für den Grafen und seine ganze Familie ausdrückte; zum Schlusse bat sie den Sohn, sich nicht eher von dem Schlosse Hohenthal zu entfernen, bis sie selbst dort erscheinen würde, um der gräflichen Familie den Dank zu bringen, den ihr Herz so lebhaft empfände; bis dahin, hoffte sie, würden auch alle Verhältnisse so geordnet sein, dass der Sohn sie alsdann nach Frankreich zurück begleiten könne.
Vorlage S. 347
728
In der That, sagte der junge Graf, ich begreife nicht, wie dieser Brief Sie hat traurig stimmen können.
Vorlage S. 347
729
Muss ich denn nicht, rief St. Julien mit Heftigkeit, dies Haus nun bald verlassen, in dem ich zuerst das Leben habe verstehen gelernt, und den Grafen, den ich wie einen Vater ehre, und die Gräfin, die ich wie eine Mutter zärtlich liebe, und – er schwieg, und eine brennende Röthe flammte auf seinen Wangen.
Vorlage S. 348
730
Und Emilie, ergänzte der junge Graf lächelnd, wie wollen Sie das Gefühl des Schmerzes bei der Trennung von ihr bezeichnen?
Vorlage S. 348
731
Wenn Sie es denn errathen, kaltblütiger Mensch, rief St. Julien, so können Sie es ja begreifen, was mich zur Verzweiflung bringt. Er stürmte nach diesen Worten hinweg und ließ den Brief in den Händen seines Freundes zurück.
Vorlage S. 348
732
Da der junge Graf die Notwendigkeit fühlte, einen so wichtigen Brief wieder in den Händen dessen zu wissen, an den er gerichtet war, so suchte er St. Julien im Garten auf und fand ihn nach einer halben Stunde ruhiger, als er ihn verlassen hatte; dieser nahm den Brief zurück und sagte: Diese Tage, diese Wochen, bis meine Mutter ankömmt, sind noch mein, ich will also den Rest des Lebens genießen.
Vorlage S. 348
733
Ich begreife nicht, sagte der junge Graf, was Sie eigentlich zur Verzweiflung bringt. Ich glaube nicht, dass sich Emilie so gegen Sie beträgt, dass Sie von dieser Seite gar keine Hoffnung hegen dürften. Ein Strahl der Hoffnung flammte bei dieser Bemerkung in St. Juliens Augen auf, und sein Freund fuhr fort: Dass mein Oheim Sie wie einen Sohn liebt, bemerkt ein Jeder; meine Tante bezeigt Ihnen täglich das Gefühl einer Mutter. Von Ihrer Mutter, die Sie mit Zärtlichkeit überhäuft, scheint es mir, haben Sie Widerspruch am Wenigsten zu befürchten; also, wo liegt denn Ihr Unglück?
Vorlage S. 348
734
Ihnen scheint Alles so klar und leicht, was mir zu entwirren so schwer däucht, erwiederte St. Julien. Haben Sie aber nicht selbst oft gehört, dass Emilie den Entschluss ausgesprochen hat, sich von der Gräfin nicht trennen zu wollen, und wenn ich zurück muss, wird sie mir dann nach einem Lande folgen, das diese zu verabscheuen scheint? Der Graf selbst, so hoch ich ihn ehre, wird er eine Verbindung mit mir gern sehen, da er doch an Deutschen Adelsvorurtheilen etwas hängt? Und wenn Alles glücklich gehen sollte, so bleibt doch der Schmerz unabwendbar, dass ich den Grafen und die Gräfin verlassen muss, und kann ich es wissen, ob ich nicht gezwungen bin, vielleicht einmal mit dem französischen Heer als Feind wiederzukehren?
Vorlage S. 349
735
Zuerst denke ich, sagte der junge Graf, tun Sie am Besten, Ihre Mutter zu erwarten und dann meinem Oheim Ihr ganzes Vertrauen zu schenken; seine Welterfahrung und sein edles, liebevolles Gemüt werden Ihre Zukunft am Besten ordnen. Dieser Rath schien dem jungen Franzosen so vernünftig, dass er ihn ohne Einschränkung zu befolgen beschloss und sich vornahm, die Gegenwart in ungetrübter Heiterkeit zu genießen. Er vernahm es ungern, als ihm sein Freund eröffnete, dass er gleich nach dem Feste des Baron Löbau das Schloß zu verlassen gedenke; indeß tröstete ihn die Versicherung, dass die Abwesenheit nicht von langer Dauer sein würde.
Vorlage S. 349
736
Des folgenden Tages, als der junge Graf sich zum Feste des Baron Löbau ankleidete und sein Knabe ihm dabei Hülfe leistete, sagte er diesem: Heute, mein lieber Gustav, leistest Du mir diesen Dienst zum letzten Mal.
Vorlage S. 350
737
Wie! rief der Knabe erschreckt, wollen Sie mich von sich entfernen; was habe ich getan, Ihre Unzufriedenheit zu verdienen?
Vorlage S. 350
738
Nichts, mein liebes Kind, erwiederte der junge Graf, aber ich will mir nicht mehr erlauben, Deine Liebe zu missbrauchen und Dich selbst zu erniedrigen, da die Noth mich nicht mehr dazu zwingt. Er theilte ihm nun alle mit seinem Oheim verabredeten Pläne mit, schrieb ihm vor, wie er sich in der Zukunft zu betragen habe, und händigte ihm mehrere Goldstücke ein, mit dem Auftrage, durch Dübois Beistand sich eine anständige Kleidung dafür zu verschaffen.
Vorlage S. 350
739
Der Knabe ging mit dem Golde in der Hand zu Dübois zurück, sobald der junge Graf seiner Hülfe nicht mehr bedurfte; sein Gefühl war überrascht, seine kühnsten Wünsche auf ein Mal befriedigt, und dies Glück schien ihm so groß, kam ihm so unerwartet, dass er noch nicht den Muth sich zu freuen finden konnte.
Vorlage S. 351
740
Ist Dein Herr schon zur Gesellschaft in den Saal gegangen? fragte ihn Dübois, als er eingetreten war.
Vorlage S. 351
741
Ich habe keinen Herrn mehr, erwiederte der Knabe mit einigem Stolz, der Graf Robert aber ist in dem Saale, und Alle werden gleich zum Baron Löbau fahren.
Vorlage S. 351
742
Wie verstehe ich das, fragte der Haushofmeister; will der junge Graf Dich von sich entfernen?
Vorlage S. 351
743
Ach lieber Herr Dübois! rief der Knabe und die Thränen flossen ihm über die glühenden Wangen, Alles ist jetzt anders; mein guter, lieber Herr, doch so darf ich ihn ja nicht mehr nennen, das hat er mir streng verboten, er hat es ja mit Ihrem Grafen verabredet, dass ich wieder auf die gelehrte Schule soll, dann auf die Universität, damit ein rechter Gelehrter aus mir werden kann. Indeß er nach Hause reist in Geschäften, soll ich hier bleiben und in der hiesigen Bibliothek studiren; wenn er wieder kommt, will er mich selbst nach Breslau auf die gelehrte Schule bringen, und bis dahin soll ich Sie bitten, mir für dies viele Geld gute Kleider zu verschaffen, damit ich wie sein Freund und Pflegesohn dort erscheinen kann, und ihn, meinen lieben Herrn, den soll ich nie mehr so nennen, sondern Graf Robert, oder meinen Freund und meinen Beschützer.
Vorlage S. 351
744
Ich habe es erwartet, mein Sohn, sagte der Haushofmeister, dass Dein Schicksal diese Wendung nehmen würde, und nun, da mein Graf sich mit seinem Verwandten verständigt hat, kann ich für Dich tun, was in meinen Kräften steht, und brauche nicht mehr zu befürchten, Deinen Beschützer dadurch zu beleidigen; behalte also nur das Geld, mein Söhnchen, es wird Dir auf der gelehrten Schule recht angenehm sein, wenn Du gleich ein hübsches Taschengeld mitbringst, wofür Du Dir manches anschaffen kannst, was Du vielleicht sonst entbehren müsstest, und überlasse es nur mir, Dich mit Wäsche und Kleidern zu versorgen, und ich werde es schon so einrichten, dass sich der junge Graf Deiner nicht zu schämen braucht.
Vorlage S. 352
745
Ach lieber Herr Dübois, rief der Knabe, wie gut sind Sie, wie gut sind hier alle Menschen auf dem Schlosse! Ach! hätte ich damals wohl hoffen können, dass ich solchen Beistand finden würde, als unser Dorf verbrannt und mein Vater getödtet wurde. Ach, mein guter, lieber Vater! fuhr er laut weinend fort, jetzt könnte ich ihm nun doch wieder Ehre und Freude machen, wenn er lebte und es sehen könnte, wie nun Alles wieder so gut wird. Ist es nicht traurig, dass ich so einsam in der Welt bin, dass Niemand mit Stolz mehr auf mich blicken wird, wenn ich mich auch noch so sehr anstrenge, kein Vater, keine Mutter, kein Bruder und keine Schwester, Alle sind dahin, Alles ist begraben!
Vorlage S. 352
746
Jetzt, sagte Dübois, gerührt von dem Schmerz des Knaben, musst Du Deinem Beschützer Ehre zu machen streben.
Vorlage S. 353
747
Ach! erwiederte dieser, der Graf ist so gut, so milde gegen mich, aber er ist ein vornehmer Herr, er wird immer mein Wohlthäter bleiben, es wird ihn auch freuen, wenn ich etwas recht Tüchtiges lerne, weil er glaubt, dass es mir dadurch wohl gehen muss; aber welche Ehre kann ich ihm bringen? Welchen Stolz kann er empfinden, wenn er mich betrachtet, wenn ich auch alle Kräfte anstrenge und weit mehr als meine Kameraden leiste? Wenn Du ein recht großer berühmter Gelehrter wirst, antwortete ihm Dübois, so dass andere Gelehrte einmal Deine Lebensgeschichte schreiben, wenn sie dann berichten, wie Du verloren gewesen wärest und die Welt niemals Deine Kenntnisse zu ihrem Segen hätte benutzen können, wenn nicht der Graf Hohenthal als Dein Beschützer aufgetreten und Dich vom Verderben errettet hätte, so dass die Welt seiner Großmuth die Erhaltung eines ausgezeichneten Geistes verdankt, glaubst Du nicht, dass dann der Graf mit Stolz auf Dich blicken wird, dass Du ihm Ehre machen kannst?
Vorlage S. 353
748
Und dann muss auch gesagt werden, rief der Knabe mit glühenden Wangen, indem er sich in die Arme des Alten warf, wie Herr Dübois für mich gesorgt hat, wie er mich aus der Gemeinschaft mit den Bedienten errettet hat, und alles, alles, was Sie für mich getan haben, muss erwähnt werden.
Vorlage S. 354
749
Mache nur, dass ich es recht bald erlebe, sagte der gute alte Mann, dass mein Name so ehrenvoll genannt wird, dann werde auch ich Dich mit Stolz betrachten; aber bedenke, dass Du erst noch sehr Viel lernen musst, ehe wir alle diese Freude haben können.
Vorlage S. 354
750
Daran soll es gewiss nicht fehlen, rief der Knabe mit Begeisterung, das werden Sie schon sehen, so lange ich hier bin, wie ich Tag und Nacht studiren will. Er ging auch sogleich, aus der Bibliothek die nötigen Bücher zu holen, um diesen löblichen Vorsatz auszuführen.
Vorlage S. 354
751
Die Gesellschaft des Schlosses Hohenthal legte den Weg zum Baron Löbau in großer Heiterkeit zurück, denn obgleich der Himmel bedeckt war, so war der Tag doch mild, warm, und der Weg führte durch anmuthige Thäler, die von klaren Bächen durchrieselt waren. Der Blick auf die nahen Gebirge gewährte Mannichfaltigkeit, und das Geläute der weidenden Heerden erregte das Gefühl des Friedens ländlicher Einsamkeit.
Vorlage S. 354
752
Wenn ich mich auch ein wenig davor fürchte, sagte die Gräfin, einen großen Theil der Nacht für die Freuden der Geselligkeit aufopfern zu müssen, so ist es doch, als Spazierfahrt betrachtet, ein großer Genuss, den Weg durch diese Thäler zu machen.
Vorlage S. 355
753
Man gelangte endlich auf Heimburg an, und der Baron Löbau empfing seine Gäste mit sichtbarer Freude. Er hatte befürchtet, da sie später als die übrige Gesellschaft kamen, dass irgend ein Unfall sie überhaupt verhindern würde, ihr Versprechen zu halten, und dies würde ihm aus vielen Gründen höchst kränkend gewesen sein; denn erstens hielt er den Grafen für den vornehmsten und reichsten von allen seinen Nachbarn, dann hatte er die Absicht, dessen Fest durch das seinige merklich zu überbieten, und endlich beabsichtigte er noch einen Plan auszuführen, von dem er hoffte, dass er ganz besonders zum Glanze seines Festes beitragen sollte.
Vorlage S. 355
754
Die Wolken von übler Laune also, die sich schon auf seiner Stirn gelagert hatten, zerstreuten sich, so wie der Graf mit seiner Gesellschaft den Saal betrat, und er wurde sehr heiter, als die Gräfin und Emilie aufrichtig die schönen Pflanzen und Blumen bewunderten, womit die Säle geschmückt waren; verdrüßlich wurde er zwar wieder etwas, als einige Tropfen Regen fielen, und trat mit sichtbarer Unruhe auf den Balkon hinaus; bald aber kehrte er beruhigt zurück, denn der Regen ließ sogleich wieder nach. Seine näheren Bekannten schlugen nun der Gesellschaft einen Spaziergang in den Park vor. Die Damen betrachteten ihre Kleider und wären gern zurück geblieben; da aber die ganze Gesellschaft aufbrach, musste man sich fügen. Der Baron führte mit unendlicher Selbstzufriedenheit den Zug an, leitete die Gesellschaft in der That durch anmuthige Anlagen, die wohl befriedigt haben würden, wenn man sie einfach, ohne immer zum Bewundern gezwungen zu werden, hätte besuchen dürfen; da er selbst aber sich bei einer jeden schönen Aussicht überrascht und entzückt zeigte, und behauptete, dass er sie jetzt zum ersten Male bemerkte, obgleich seine näheren Bekannten diese Ueberraschung schon oft mit ihm getheilt hatten, so wurde das Vergnügen der Gesellschaft sehr vermindert. Auf dem Bache, der den Park durchschlängelte, zeigten sich von Zeit zu Zeit Kähne mit Menschen, die beschäftigt waren zu fischen. Der Baron schalt auf die Freiheit, die sie sich genommen hatten, machte aber gegen seine Gäste die Bemerkung, dass die Unverschämtheit dieser Menschen doch dazu beitrüge, in die Landschaft Leben zu bringen, und dass er sich gern seine Fische stehlen ließe, da dieser Umstand seinen Gästen zufällig den angenehmen Anblick des regen Lebens in den grünen Buchten verschaffte. Die Gäste lobten die Wirkung, die die Fischerkähne machten, und bewunderten die Großmuth des Barons, der sich den Diebstahl um der malerischen Wirkung Willen gefallen lasse. Die Fischer ließen sich mit Ruhe schmälen und brachten, nachdem sie ihr Geschäft vollendet hatten, die Fische in die Küche des Barons, wie es ihnen schon am vergangenen Tage war befohlen worden. Bei der weiteren Fortsetzung des Spaziergangs gerieth der Baron auf einmal außer sich, denn eine Heerde auserlesen schönen Rindviehes weidete an dem Abhange eines Hügels; er beklagte sich heftig über die Frechheit des Hüters, dass er sich erlaube, die Heerde dorthin zu treiben und seine junge Anpflanzung dadurch zu zerstören. Diejenigen unter den Gästen, die den Baron weniger kannten, hielten seinen Zorn in der That für ernstlich und fürchteten für den Hüter der Heerden; seine vertrauteren Bekannten aber machten ihn darauf aufmerksam, welche schöne Wirkung die weidende Heerde zwischen den grünen Bäumen mache, und diese Bemerkung beruhigte ihn sichtlich; er machte nun selbst auf die Schönheit des Viehes aufmerksam, auf den angenehmen Eindruck, den das Geläute der vielen Glocken mache, und unterließ es um so lieber auf die Bitte einiger Freunde, den Hüter rufen zu lassen, um ihn auszuschelten, weil er nicht wissen konnte, ob der nicht in seiner Dummheit den erhaltenen Befehl als Entschuldigung angeführt haben würde. Diese, wie der Baron behauptete, unangenehme Ueberraschung war kaum vorüber, als ein anderer Gegenstand seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Man hörte die Töne einer Flöte, die kunstreich genug geblasen wurde, um eine angenehme Wirkung im Freien zu machen, und bald entdeckte man auf einem ziemlich großen Grasplatze weidende Schafe, deren Hüter, ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren, der Virtuose war. Der Baron ließ es sich nicht merken, dass er den jungen Menschen hatte unterrichten lassen, und bewunderte die außerordentliche Gabe der Natur mit allen seinen Gästen.
Vorlage S. 355
755
Endlich war Alles erschöpft, womit der Baron überraschen und in Erstaunen setzen zu können glaubte, und er führte seine Gäste nach dem Schlosse zurück. Man konnte wahrnehmen, dass er noch einen Gast erwartete, denn seine Stirn verdüsterte sich, als er bemerkte, dass während des langen Spaziergangs Niemand angekommen sei. Die jungen Leute erwarteten mit Ungeduld den Anfang des Tanzes, aber der Baron suchte dies zu verschieben und zeigte lieber den Herren in der Gesellschaft noch seine schönen Pferde, die von diesen aufrichtig bewundert wurden.
Vorlage S. 358
756
Da nun aber durchaus nichts mehr zu zeigen war, so ließ sich der Anfang des Balles nicht mehr verschieben, und eben wollte der Baron mit verdrüßlicher Miene die nötigen Befehle deßhalb geben, als noch eine Equipage vorfuhr; sichtlich erleichtert ging der Baron dem neuen Gaste entgegen, den er für's Erste in ein Seitenzimmer führte.
Vorlage S. 358
757
Die Gräfin hatte auf diese kleine Unruhe in der Gesellschaft nicht geachtet; sie hatte ein Gespräch mit einigen Frauen angeknüpft und gab sich mit höflicher Aufmerksamkeit der Unterhaltung hin; es überraschte sie deßhalb, als der Baron mit der Zierlichkeit der Tage seiner Jugend und mit großer Freundlichkeit, seinen neuen Gast an der Hand, vor ihr stand. Meine theure Gräfin, meine edle Freundin, redete er sie feierlich an.
Vorlage S. 359
758
Die Gräfin war aufgestanden, ein zweifelnder Blick ruhte bald auf dem Baron, bald auf dessen Begleiter, und sie beherrschte mit Anstrengung eine große Bewegung der Seele. Lassen Sie den Frieden, der unser Land beglückt, fuhr der Baron fort, auch in die Herzen der Einzelnen dringen; gönnen Sie mir das große Glück, etwas dazu beizutragen, Geschwister, die so lange getrennt waren, wieder zu vereinigen; nehmen Sie einen Bruder wieder in Ihrem Herzen auf, und verherrlichen Sie durch eine aufrichtige Versöhnung und eine herzliche Umarmung das Fest des allgemeinen Friedens. Die Gräfin hatte ihren Bruder, den sie so unerwartet nach vielen Jahren wieder erblickte, nicht so gleich erkannt; ein heftiges Zittern bebte durch alle ihre Glieder und eine dunkle Röthe flammte auf ihren Wangen; ein Strahl des Zornes traf ihn aus den dunkeln Augen und ein unendlicher Schmerz zuckte um den festgeschlossenen Mund. Als er aber, nachdem der Baron seine Rede geendigt, wirklich mit geöffneten Armen vortrat und die Gräfin an seine Brust drücken wollte, trat diese auf einmal, bleich wie Marmor, einen Schritt zurück, die Lippen bewegten sich, aber kein Ton war vernehmbar; matt erhob sie abwehrend beide Hände und wäre leblos zu Boden gesunken, wenn nicht St. Julien und der junge Graf, die den Auftritt aus der Ferne beobachtet hatten, hinzugesprungen wären und sie in ihren Armen aufgenommen hätten. Der Baron, der mit Sicherheit eine Umarmung der versöhnten Geschwister erwartete, hatte den Musikanten befohlen, so wie sie die Umarmung bemerkten, einen lang anhaltenden Tusch zu blasen; als diese nun die Gräfin in St. Juliens Armen sahen, schmetterten Trompetentöne lange und anhaltend durch den Saal.
Vorlage S. 359
759
Der Graf war in den Seitenzimmern mit einigen Herren im Gespräch gewesen und kehrte mit ihnen nach dem Saale zurück, um die Ursache des Trompetengetöns zu erfahren. Er sah eben die ohnmächtige Gräfin in ein Nebenzimmer bringen und eilte dieser nach. Nur halb und verworren konnte er die Ursache dieses heftigen Auftritts erfahren; er drängte den Baron, der sich entschuldigen wollte, unfreundlich zurück. Die Gräfin sah aus wie eine Sterbende; der Arzt verlangte, sie sollte gleich hier zu Bett gebracht werden. Mit der letzten Anstrengung verweigerte sie dies und verlangte den Wagen. Der junge Graf eilte sogleich, ihn vorfahren zu lassen, und Alle überstanden mit großer Qual die wenigen Minuten, bis man die Gräfin in den Wagen bringen und den Rückweg nach Schloß Hohenthal antreten konnte.
Vorlage S. 360
760
Der Baron Löbau und seine Gäste blieben erstaunt über diese unerwartete Störung zurück, und als man die Sprache wieder fand, vereinigten sich alle Stimmen, die Gräfin höchlich über ihr unversöhnliches Gemüt zu tadeln, obgleich die Klügeren es nicht billigen konnten, dass der Baron diese Versöhnung wie ein Schauspiel, um sein Fest zu verherrlichen, angelegt hatte. Der Bruder der Gräfin sprach wenig und beseufzte nur sein Unglück, wodurch ihm jeder Versuch der Annäherung an seine Schwester seit vielen Jahren mißlungen sei, aber viele der Gegenwärtigen tadelten im Stillen den letzten unschicklichen Versuch.
Vorlage S. 361
761
Dem Baron Löbau blieb endlich nichts übrig, als das Fest fortgehen zu lassen. Der Tag begann, aber es war ihm verdrüßlich, dass die besten Tänzer und Tänzerinnen der Gräfin gefolgt waren, denn nicht nur der junge Graf, St. Julien und Emilie hatten das Schloß des Barons verlassen, sondern auch der Obrist Thalheim und dessen Tochter. Indeß bewegte sich die Jugend bald heiter durcheinander, und der Baron würde sich von seiner Verstimmung erholt haben, wenn nicht alle Feuerräder bei dem beabsichtigten Feuerwerke versagt hätten. Ein Schwärmer fuhr unglücklicher Weise in einen Strohhaufen und zündete diesen an, und der Baron vergaß alle Rücksicht für seine Gäste, aus Angst, dass die nah gelegenen Wirthschaftsgebäude in Brand gerathen könnten. Ein vom Himmel herabströmender Regen endigte zwar bald diese Sorge, aber löschte auch zugleich die Illumination aus, die zum Beschlusse das Fest hatte verherrlichen sollen.
Vorlage S. 361
762
So vielen Widerwärtigkeiten musste sein Geist erliegen, und er war selbst froh, als ein Fest nun zu Ende geführt war, von dem er sich so viele Wirkung versprochen, und das doch alle seine Erwartungen getäuscht hatte.
Vorlage S. 362

Nach dem Lesen

Dein Blick auf das Kapitel

10er-QuizZitate verstehen · Zusammenhänge erkennen · Lernpunkte sammeln10 Fragen

Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.

Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.

Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.

1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Ei, sagen Sie das nicht, rief der Arzt, ich bin sehr angenehm …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Doch gab sich diese unangenehme Stimmung der Nachbaren selten entschieden zu erkennen, denn da von Zeit zu Zeit jeder seiner […] Aufmerksamkeit sich zu erfreuen hatte, so wurden sie abwechselnd versöhnt und beleidigt; nur allein mit dem Pfarrer stand er ohne Unterbrechung in einem gespannten«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »der geistliche Charakter, möchte ich sagen, fehlte, und man auf der Kanzel, wie vor dem Altar immer den Geschäftsmann sah, der nun grade dies Geschäft abmachte, weil Zeit und Stunde es forderten«

Eine Antwort ist richtig.

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4. Welcher Ausschnitt enthält eine ausdrückliche Verneinung oder einen Ausschluss? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

5. Was bedeutet »allenthalben« in diesem Ausschnitt? »Der alte Graf Evremont, der Vater unseres Freundes, hieß es um diese Zeit, sei gestorben; ein dunkles Gerücht behauptete, er sei nach der Schweiz entflohen, auch von dem Sohne wollte man behaupten, er sei abwesend, als er plötzlich in Paris erschien und sich allenthalben öffentlich zeigte.«

Eine Antwort ist richtig.

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6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Kranke möchte unterwegs sterben, und es war ihm eben so peinlich, daran zu denken, was auf den Fall alle seine Pfarrkinder von ihm sagen möchten, als wie sehr ihn sein eigenes Gewissen beunruhigen würde« B: »Meine Mutter fand ich sehr krank, der Vater war ganz tiefsinnig geworden.« C: »Lage hinweg gehoben haben, und ich Thor gebe aus gekränkter Eitelkeit der übeln Laune Raum, wenn so ernsthafte Sorgen Ihr Herz bewegen«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Es konnte der Gräfin …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Um ein Gespräch anzuknüpfen, erkundigte sich der Graf nach dem Vater seines neuen Gastes und bedauerte, dass er so viele Jahre außer aller Verbindung mit seiner Familie gelebt habe, so dass ihm alle […] derselben fremd geworden wären.«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »damit sein würde; aber, wie gesagt, es ist eine moderne Thorheit, und es wäre hart, wenn die jungen Frauen alle Lust des Lebens aufgeben sollten, weil sie etwas unternommen haben, was sich mit dieser Lust nicht vereinigen lässt«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle nachlesen ↗

10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Wie edel und einfach war sein Oheim, ihm vertrauend, entgegen getreten; mit …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗
Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Dieser Roman, welchen ich dem Publikum übergebe, ist die letzte Arbeit meiner verstorbenen Schwester Sophia 1 , welchen sie nur wenige Jahre vor ihrem Tode vollendete. Mein Urteil über dieses Werk könnte ein […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
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2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Alter heuchlerischer Schurke! rief der Pfarrer, indem ihn die Verachtung unwillkührlich hinriß, und zugleich zog er sein Taschenbuch hervor und zeigte dem alten Lorenz seine angefangenen Abschriften. Sie […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
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3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] sagte der Graf. Sollte mich irgend Wer zur Rechenschaft ziehen, der ein Recht hat, es zu tun, so wisst Ihr, dass ich mich vertheidigen kann; müßiges Geschwätz, ohnmächtige Bosheit aber lasst uns verachten, denn sonst erreichen ja die […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] über ihren Charakter von seinem Vater hatte, so zweifelte er nicht an der Wahrheit derselben.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Du kennst nicht das Gefühl eines Vaters, setzte er seufzend hinzu, der fürchten muss, dass er sein Kind hülflos und einsam in der harten Welt zurücklassen muss. Wenn jetzt der Himmel über mich verfügt, gehst Du zwar weinend, aber nicht […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] umgekehrt wäre, eben so handeln, und will nichts weiter, als die Liebe, die innige Achtung des Freundes; aber der Arme, ach, mein liebes Kind! er empfängt bloß, und der Geber, der ihn nicht kennt, weiß noch nicht, ob er jemals seinen […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Alter heuchlerischer Schurke! rief der Pfarrer, indem ihn die Verachtung unwillkührlich hinriß, und zugleich zog er sein […]« und »Wir müssen es unsern Besiegern gestatten, sagte der Graf lächelnd, unsere gelehrten Freunde mit Namen zu bezeichnen, wie es ihnen […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »So vielen Widerwärtigkeiten musste sein Geist erliegen, und er war selbst froh, als ein Fest nun zu Ende geführt war, von dem er sich so viele Wirkung versprochen, und das doch alle seine Erwartungen getäuscht […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
Textstelle nachlesen ↗

9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Dieser Roman, welchen ich dem Publikum übergebe, ist die letzte Arbeit meiner verstorbenen Schwester Sophia 1 […]« / »So vielen Widerwärtigkeiten musste sein Geist erliegen, und er war selbst froh, als ein Fest nun zu Ende […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Dieser Roman, welchen ich dem Publikum übergebe, ist die letzte Arbeit meiner verstorbenen Schwester Sophia 1 , welchen sie nur wenige Jahre vor ihrem Tode vollendete.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
Textstelle nachlesen ↗

Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Emilie schwieg, doch fühlte sie sich durch diese Antwort des Grafen nicht beruhigt; auch die Gräfin sagte über diesen Gegenstand nichts mehr, aber man sah deulich, dass auch ihre Besorgnisse nicht gehoben waren.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »So vielen Widerwärtigkeiten musste sein Geist erliegen, und er war selbst froh, als ein Fest nun zu Ende geführt war, von dem er sich so viele Wirkung versprochen, und das doch alle seine Erwartungen getäuscht hatte.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Evremont von Bernhardi, Sophie ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Evremont

Sophie Bernhardi: Evremont. Ein Roman. Herausgegeben von Ludwig Tieck, Theil 1, Breslau: Josef Max und Comp., 1836. Bernhardi, Sophie 5- Breslau

Das Werk Evremont von Bernhardi, Sophie ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.