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Buch - Erna - Ahlefeld, Charlotte von

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Originalwerk · Lesefassung

Erna

Ahlefeld, Charlotte von · 1781–1820

Erna von Ahlefeld, Charlotte von. Volltext der angegebenen Ausgabe mit textbezogenen Leseaufgaben.

RomanKlasse 9–10 · 11–135 Abschnitte
Porträt von Ahlefeld, Charlotte von
Porträt: Ahlefeld, Charlotte von · Ferdinand von Blumenbach The original uploader was LSDSL at German Wikipedia. · Public domain Bildquelle ↗
Hinweise für den Unterricht
  • Historische Sprache und Wertvorstellungen im Unterricht einordnen.

Behutsam angepasste Schreibweise nach einer begrenzten Wortliste. Mehrdeutige Formen, erfasste Namen, Sprechernamen, Bühnenanweisungen, Überschriften und Anmerkungen bleiben unverändert. Keine vollständige redaktionelle Überarbeitung nach heutiger Rechtschreibung. Für wortgetreue Quellenzitate die Quellfassung wählen.

Abschnitt 3 von 5

[Erstes Buch]

1
I
Vorlage S. 3
2
Ein liebes Mädchen sollst Du heute kennen lernen, Alexander, sagte die verwitwete Generalin von Zwenkau zu ihrem Neffen, einem zwanzigjährigen Husarenoffizier, der aus der Residenz gekommen war, sie in der Landstadt zu besuchen, in der sie wohnte. Das wäre eine Parthie für Dich. Gut, hübsch, sehr verständig, wohlerzogen und reich – liebes Kind, was könntest Du mehr verlangen? Das sind fürwahr Eigenschaften, die eine glückliche Ehe gründen.
Vorlage S. 3
3
Ehe? antwortete Alexander lachend. Dafür, hoffe ich, soll mich der Himmel mein Leben lang bewahren. Nein, Tante, die Liebe ist eine Frühlingssonne, die das Daseyn wärmt, und duftende Blumen hervorlockt – die Ehe aber ein Maienfrost, unter dessen feindseeligem Einfluss sie wieder erstarren. Ungebunden, nur mir selbst angehörend, will ich des Lebens süßen Reiz genießen, und nie mein Haupt jenem Joche darbieten, dessen Schwere nicht allein die Freiheit, sondern auch das Glück erdrückt.
Vorlage S. 3
4
So hat die Verdorbenheit großer Städte auch Deine Grundsätze schon vergiftet, versetzte die Generalin. O Alexander, lass Dich doch nicht irre leiten von der sittenlosen, versunkenen Menge, die der ehrwürdigsten Gefühle spottet, weil in ihrer kraftlosen Brust kein Raum mehr dafür ist. Eine frühe Verbindung mit einem achtungswerthen weiblichen Geschöpf wäre ganz gewiss ein sicheres Mittel, Dich in diesem Schwarm rein Dir selbst zu erhalten – soll ich nicht wünschen, dass Du es ergreifen möchtest? Ernestine, oder Erna, wie wir gewohnt sind, sie zu nennen, die ich längst für Dich im Sinne hatte, ist die einzige Tochter einer meiner Freundinnen, der Frau von Willfried, die das hier unmittelbar an die Stadt gränzende Landguth Seedorf bewohnt. Wiewohl noch nicht vierzehn Jahr alt, verspricht dies hoffnungsvolle Kind doch ein Muster weiblicher Liebenswürdigkeit zu werden. Es fehlt ihr nichts bei den vollkommensten, zum Theil schon entwickelten Anlagen, als ein gewisses Selbstvertrauen, das ihre Schüchternheit nicht aufkeimen lässt. Sie ist so bescheiden, so wahrhaft demüthig, dass sie keine Ahnung davon hat, wie viel sie sein könnte, wollte sie ihren Werth geltend machen. Nur wer sie so genau kennt wie ich, wird sie ganz verstehen, aber sie verdient das Studium ihres Charakters, und wahrlich, es belohnt sich, denn nie wohnte ein reineres, heiligeres Gemüt in einer lieblicheren Hülle.
Vorlage S. 3
5
Sie machen mich ganz neugierig, liebe Tante, unterbrach sie Alexander scherzend. Ich bin ein Freund der jungen Rosenknospen, deren erstes zartes Roth zwischen frischem Frühlingsgrün hervordämmert, und oft in dem Versprechen eines herrlichen Entfaltens schon eben so schön ist, als in der Blüthe selbst. Gern werd' ich mich an dem reizenden Anblick weiden, und – will das holde Röschen für mich blühen, mich an seinem süßen Duft ergötzen. Aber es auf ewig in meinen Lebenskranz winden, nein Tante, das vermag ich nicht, und wäre es auch völlig dornenlos, und geradeswegs aus Eden entsprossen.
Vorlage S. 4
6
Leichtsinniger! sprach die Generalin sehr ernst, wenn Du auch – scheinbar oder wirklich – doch hoff ich, nur das erstere, den Sinn für Lauterkeit und reine Sitten verloren hast, so wirst Du doch nicht vergessen, welch' hohe Achtung der Unschuld gebührt. Ich erwarte daher wenigstens, dass Du die Tochter meiner Freundin nicht zum Spielwerk männlicher Koketterie und frivoler Eroberungssucht wählst, und der Ruhe ihres Herzens schonst, wenn Du auch, ihrer Reinheit wegen, sie vielleicht mit Recht zu hoch über Dir erblickst, um an eine Verbindung mit ihr denken zu mögen.
Vorlage S. 4
7
Alexander sah, dass seine Tante aufgebracht war. Er küsste schmeichelnd ihre Hände, und versicherte ihr mit all der einnehmenden Anmuth, die ihm eigen war, dass seine Aeußerungen bei weitem nicht so ernstlich gemeint seien, als sie ihr schienen, und dass – wenn er sich auch noch für viel zu jung zum Heirathen halte, er doch gewiss ihrer mütterlichen Absicht, so wie den Verdiensten ihres unbekannten Lieblings volle Gerechtigkeit widerfahren lasse.
Vorlage S. 5
8
II
Vorlage S. 5
9
Es gelang ihm, die Erzürnte wieder zu versöhnen, denn es war schwer, seiner hinreißenden Freundlichkeit, und seinen liebkosenden Bitten zu widerstehen.
Vorlage S. 5
10
Selten hatte die Natur einen Jüngling so verschwenderisch ausgestattet, als ihn, den bei hellem Geist und warmen, raschem Gefühl die Vorzüge einer bezaubernden Gestalt schmückten.
Vorlage S. 5
11
Sorgsame Leitung über die Untiefen und Klippen der großen Welt hätte gewiss aus ihm einen der trefflichsten Männer gebildet – aber schon in der frühsten Jugend sich selbst überlassen, und mit offnen Sinnen und ungebundner Freiheit den geräuschvollen Zerstreuungen einer der üppigsten Residenzen Deutschlands hingegeben, war – durch die Macht des Beispiels hingerissen – die Reinheit seines Gemüts unter den Lockungen der Verführung und der eigenen Sinnlichkeit längst schon verloren gegangen. Nicht die Aegide der Tugend, sondern nur die Feinheit seines Geschmacks schützte ihn mitten in der Fülle des Leichtsinns und des Uebermuths vor dem Versinken in zügellose Ausschweifungen, die das Bessere im Menschen unwiederbringlich vernichten.
Vorlage S. 5
12
Aus diesem immer verderblicher werdenden Rausch der Sinne, dem er sich mit der ganzen Heftigkeit seines leidenschaftlichen Charakters hingab, würde, wie seine Tante sehr richtig meinte, eine edle Liebe ihn wohlthätig geweckt haben. Aber dies Gefühl war ihm bisher noch fremd im Leben geblieben, deshalb konnte er den heiligen Einfluss desselben nicht anerkennen, ja nicht einmal ahnen. Sich dem gauklenden Schmetterlingsschwarm zuzugesellen, der die blendendsten Koketten der Residenz umflatterte und ihm durch die Ueberlegenheit seiner glänzenden und einschmeichlenden Eigenschaften den Rang abzulaufen, um nach erlangtem Siege sich schnell nach einem neuen Gegenstand seines Verlangens umzusehen, war bisher der Cyklus seiner Beschäftigungen und das stete Ziel seiner Bemühungen gewesen, in dessen Erreichung seine Eitelkeit Befriedigung fand, wenn auch das Herz leer blieb. Ihn erwärmte bei so unwürdigen Unternehmungen nicht jene reine Flamme wahrer Empfindung, die selbst Verirrungen adelt, welche sich auf ihre Innigkeit gründen, sondern es war ein eingeheitztes Feuer, mit dem er sich und andern in thörichter Verblendung weis machte, dass er glühe, während er eigentlich sehr oft nur kalte Geringschätzung fühlte.
Vorlage S. 6
13
So war es sehr natürlich, dass neben der Unschuld seines Herzens auch die gute Meinung unterging, die der Mann durchaus von den Frauen haben muss, wenn er ihnen seine höhere Ausbildung und sein Glück verdanken soll, und er glaubte, gleich den Gefährten seiner Lüste an keine weibliche Tugend mehr, da es ihm immer noch gelungen war, eine jede, die sich ihm dafür ausgab, zu zerstören. Er hatte den Schein in seiner ganzen Nichtigkeit erforscht, und darüber den Glauben an die Wahrheit verloren. So sehr er daher auch der Schönheit huldigte, wo er sie fand, so dünkte ihm doch die Glorie der sittlichen Reinheit mit der er sie sehr oft umgeben fand, nur ein gemeines Irrlicht, auf Sümpfen erzeugt, um zu täuschen und zu locken, und er betrachtete es als eine unumgänglich notwendige List, sie scheinbar zu ehren, um mit Hülfe dieser Verstellung und einer erheuchelten Achtung sich seine Eroberungen leichter zu machen, und Maske mit Maske zu vergelten.
Vorlage S. 7
14
III
Vorlage S. 8
15
Die Gesellschaft, welche die Generalin ihrem Neffen zu Ehren eingeladen hatte, und unter der er die ihm von ihrer mütterlichen Fürsorge bestimmte Braut finden sollte, fing an sich zu versammeln. Aber so manche Mutter auch mit ihrer blühenden oder verblühten Tochter hereintrat – durch keine wurden die ausgezeichneten Lobsprüche gerechtfertigt, mit welcher seine Tante wenigstens seine Neugier in Hinsicht Erna's Bekanntschaft gereitzt hatte.
Vorlage S. 8
16
Endlich erschien eine bleiche, abgezehrte Matrone, geführt von einem jungen Mädchen, das durch die zarteste Sorgfalt im Benehmen, und eine völlig auf ihre kindlichen Pflichten beschränkte Aufmerksamkeit auch ohne Worte aussprach, dass sie die Würde des Berufes fühle, ihrer dem Grabe entgegen kränkelnden Mutter alles zu sein.
Vorlage S. 8
17
Dies entsprach allerdings, die Güte und Dankbarkeit ihres Herzens verbürgend, der Schilderung, die die Generalin von ihren moralischen Eigenschaften gemacht hatte. Aber schön war sie nicht – und doch hatte sie auch ihr Aeußeres als sehr vortheilhaft gerühmt. Er erwartete daher – sein Ideal jugendlicher Schönheit üppig in der Seele tragend – eine volle, feurig in der Fülle der Gesundheit sich dem Leben öffnende Blüthe zu sehen, die, wie mit Liebesarmen an jede irrdische Freude sich fest schlingend, nur Fröhlichkeit und Muthwillen athmete. Statt dessen erblickte er ein Wesen, zart und ätherisch – er nannte es mager – in dem der leise Uebergang vom Kinde zur Jungfrau noch nicht harmonisch verschmolzen war, und sie demnach weder als das eine noch als die andere erscheinen ließ. Dabei einen Ernst, der ihren Jahren so wenig in seinen Augen kleidete, wie der Doctorhut einem Knaben und in dem ganz eigenen Ausdruck ihres Gesichts, auf welchem nicht die Rosen der ersten Jugend, sondern der blasse Mondschein einer fast überirdischen Verklärung ruhte, stilles Nachdenken, Ruhe und Resignation statt des Aufblitzens üppiger Lebenskraft und kindlicher Heiterkeit, denen er zu begegnen hoffte.
Vorlage S. 8
18
Sie hatte ihre Mutter sanft zu einem Sopha geleitet, und nachdem sie Sorge getragen, sie mit alle den kleinen Bequemlichkeiten zu versehen, die ihre Schwäche ihr zum Bedürfnis machten, zog sie sich zu den übrigen jungen Mädchen zurück, in deren Kreis sie sich so anspruchslos verlor, wie das Veilchen sich im Wiesengrund verbirgt.
Vorlage S. 9
19
Alexanders Augen folgten ihr. Noch immer konnte er die Reize nicht wahrnehmen, die seine Tante als ausgezeichnet erwähnt hatte. Erna war groß für ihr Alter, aber schneller Wachsthum, schien es, hatte ihrer Gestalt noch nicht gestattet, jene wohlgefällige Rundung zu gewinnen, die zu einem richtigen Ebenmaas gehört. Ihr reiches, castanienbraunes Haar war in Flechten zusammengedrängt, kunstlos um das Haupt gewunden. Dunkler noch contrastirten die hoch gewölbten, schmal geformten Augenbraunen und die langen, einem Trauerschleier gleich den gesenkten Blick verhüllenden Wimpern mit der seltenen Weisse ihres Teints, aber es fehlte das warme, frische Roth der belebenden Jugendglut, das nur auf den zarten, fest verschlossenen Lippen anzutreffen war. Ihre Züge waren fein und edel gebildet, und insbesondere trug die Stirn den Stempel hoher Unschuld und Reinheit – doch das Ganze sprach seinen an schimmernden Farbenschmelz und an Flittergold der Kunst gewöhnten Sinn so wenig an, wie im bunten Blumenbeet des Frühlings die farblose Lilie.
Vorlage S. 9
20
Um zu untersuchen, ob seine Tante auch in Hinsicht ihres Geistes das von ihr gefällte Urteil übertrieben habe, trat er ihr näher, und mit jener Gewandheit und Leichtigkeit, die das immerwährende Leben in der großen Welt giebt, wollte er eine Veranlassung suchen, sie anzureden.
Vorlage S. 10
21
Als er nun aber vor ihr stand, und sie das bisher gesenkte Auge erhob, dem seinen begegnend, da begrüßten ihn, gleich dämmernden Schatten der Vorzeit die längst nicht mehr empfundenen Regungen schüchterner Blödigkeit und süßen Bangens, und er fühlte sich von ihrem großen, ruhigen und klaren Blick tief und wunderbar ergriffen.
Vorlage S. 10
22
Solche Augen – das konnte er sich nicht abläugnen, hatte er niemals noch gesehen. Sie trugen den Himmel in ihrer herrlichen Tiefe, und sprachen in lichtheller Klarheit eine Treue, einen Seelenadel, eine Reinheit aus, vor denen selbst sein frivoler Sinn sich beugte.
Vorlage S. 11
23
Doch lange blieb es ihm nicht vergönnt, sich in ihrem Anschauen zu verlieren, denn Verlegenheit, die ihre bleichen Wangen plötzlich mit dem sanften Anhauch einer zarten Rothe färbte, verhüllte schnell mit der süßen Nacht der langen Wimpern den Himmelsglanz, der ihm so leuchtend in die Seele drang. Wahrscheinlich hatte Erna von ihrer Mutter die Weisung empfangen, ihn mit besonderer Auszeichnung zu begegnen, und die schwache Frau, die kein Geheimnis vor der geliebten Tochter verbergen konnte, hatte den mit der Generalin früher besprochenen Plan einer Verbindung zwischen ihr und Alexander, ihr als Perspective ihrer Zukunft gezeigt.
Vorlage S. 11
24
IV
Vorlage S. 12
25
In ihrer Verwirrung fand er sehr bald seinen Muth und seine Gegenwart des Geistes wieder. Es fing seine Eitelkeit an zu intereßiren, sich die Entscheidung der Frage zu verschaffen, ob Erna etwas wisse von dem Plan der beiden alten Frauen, oder ob seine Persönlichkeit allein sie so sichtbar imponirt habe.
Vorlage S. 12
26
Denn es war nicht zu verkennen, dass sie von seiner Anrede gleichsam electrisirt, alle Fassung verlor, und in ihrer linken, blöden und verlegenen Antwort weniger ihre geistige Beschränktheit als eine tiefe Betroffenheit des Herzens verrieth. Er gönnte ihr Zeit, sich ein wenig zu sammeln, und erneuerte dann wieder seine Versuche, ihr Rede abzugewinnen, aber neues glühendes Erröthen, von leisem Beben und einzelnen abgebrochenen, kaum hörbaren Worten begleitet, scheuchten ihn abermals zurück, und erst als er sich nicht mehr um sie zu bekümmern schien, erlangte sie ihre Ruhe und Unbefangenheit wieder.
Vorlage S. 12
27
Ob sie nun gleich, trotz der wunderschönen Augen, denen er volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, weit unter seinen Erwartungen und Wünschen blieb, so schmeichelte es ihm doch, den tiefen Eindruck zu bemerken, den seine Erscheinung auf ein so völlig neues unerfahrenes Herz gemacht hatte, und er beschloss, sich damit zu belustigen.
Vorlage S. 12
28
Um der schüchternen Taube einigermaßen Zutrauen einzuflößen, verbarg er die Habichtsklauen seines Leichtsinns, und stellte sich ernst, fromm und sinnig an. Ohne durch seine Nähe ihr leicht bewegtes Gemüt ängstlich aufzuregen, wusste er doch die Ueberzeugung wach in ihr zu erhalten, dass seine Aufmerksamkeit theilnehmend mit ihr allein beschäftigt sei, und sie vor allen ihren Gespielinnen auszeichne. Die Verehrung, mit der er ihre Mutter behandelte, und die bescheidne liebliche Art, mit welcher er sie zu unterhalten und zu erheitern strebte, erwarb ihm nicht nur den Beifall der Matrone, sondern flößte auch Erna die vortheilhafteste Meinung von seinem Charakter ein, die den günstigen Eindruck seiner einnehmenden Gestalt verstärkte. Seine Tante selbst war entzückt über sein Betragen, und konnte es kaum erwarten, ihn allein zu sprechen, um ihm ihre Zufriedenheit zu bezeugen, und sein Urteil über Erna zu vernehmen.
Vorlage S. 13
29
Alexander hatte durch seine frühere, übel aufgenommene Freimüthigkeit erfahren, dass es bedenklich sei, ihr ganz offen seine innersten Gedanken und Gefühle darzulegen, und da es seine Absicht war, sie nicht abermals zu erzürnen, so unterdrückte er seine satyrischen Bemerkungen, und verbarg ihr, wie lächerlich er das gute Kind in seiner ländlichen Unbeholfenheit und Schüchternheit fand.
Vorlage S. 13
30
Er begnügte sich daher, nur im Allgemeinen sich zu äußern, und sehr gemildert und oberflächlich seine wahre Meinung auszudrücken. Gern glaub ich, beste Tante, sagte er, dass in dem Fräulein die Keime aller möglichen Tugenden verborgen liegen, aber es wird schwer halten, sie an's Licht zu befördern, da ihre Blödigkeit doch wirklich alle Gränzen übersteigt. Bei dem sorgsamsten, und gewiss nicht zudringlichen und unzarten Bestreben, mit ihr in irgend eine Art von Beziehung zu kommen, hat mir der heutige mühevolle Abend doch kein anderes Resultat gebracht, als dass ich weiß – wie sie erröthet. Sie ist für jetzt, sich und andern, wie mir scheint, noch ein bloßes Fragzeichen im Leben, eine mimosa pudica, die bei der leisesten Berührung krampfhaft zusammenfährt, und man sollte glauben, dass eine Mönchszelle in Georgien sie erzeugt habe, so gesenkten Hauptes, gleichsam gebeugt, wandelt sie einher. Dort, wo die Mönche in nicht völlig vier Fuß hohen Zellen wohnen, um eine demüthige Stellung sich anzugewöhnen, mag ein solcher Anstand auch ganz an seinem Platze sein. Hier aber unter uns in froher Geselligkeit, und fern von aller klösterlichen Disciplin war es vortheilhafter und vernünftiger, wenn sie das pikante Gesichtchen ein wenig erheben wollte – besonders, da ein paar Augen es schmücken, wohl werth, dass man in ihren Strahlen sich sonnet.
Vorlage S. 14
31
Die Generalin war vorläufig mit seiner Charakteristik zufrieden, denn sie musste im Geiste zugeben, dass er Recht hatte. Auch sie fand heute ihre sonst so ruhige Erna so ungewöhnlich verschüchtert und verlegen, dass sie sie kaum selbst erkannte. Sie wollte jedoch der Eigenliebe des ohnehin eitlen Jünglings nicht durch die Entdeckung schmeicheln, dass sein Anblick die Ursach einer so auffallenden Verwandelung sei, und überließ es der Zeit, und Erna's Reizen des Körpers und der Seele, den Flatterhaften zu fesseln, und mit der Unbehaglichkeit des ersten Empfangs zu versöhnen.
Vorlage S. 15
32
V
Vorlage S. 15
33
Die Stadt, in welcher die Generalin lebte, gehörte zwar eben nicht zu den größten, und war keineswegs frei von den kleinlichen Fehlern eines Tons, der sich oft durch Neugierde und Geschwäzzigkeit von dem Pfade edlerer Unterhaltung entfernte, aber an munterer Geselligkeit gab sie der Residenz nichts nach, denn mehrere Beamte, und wohlhabende Honoratioren bildeten mit dem zahlreichen Adel der umliegenden Gegend einen weiten Kreis, der sich sehr oft versammelte, sich vereint des Lebens zu freuen.
Vorlage S. 15
34
Die Generalin war mit allen in gutem Vernehmen, doch ihr liebster Umgang beschränkte sich auf Frau von Willfried, deren ohnehin sanfter Charakter durch die fromme Geduld, mit der sie eine beständige Kränklichkeit trug, noch weicher und anziehender wurde.
Vorlage S. 16
35
Sie hatten gemeinschaftlich ihre Jugend in der großen Welt zugebracht, und so manche Erinnerung der Vergangenheit, die jetzt ihre Einsamkeit würzte, gab ihnen reichen Stoff der Mittheilung im traulichen Beisammenseyn, indem sich durch sie das Andenken jener Zeit ihnen erneuerte.
Vorlage S. 16
36
Ein noch innigeres Band webte aber Erna zwischen ihnen, die – gleichsam von zwei Müttern gepflegt und geliebt, und beide mit Liebe und Gehorsam umfassend, schon in der frühsten Kindheit ein herrliches Gemüt neben ausgezeichneten Geistesgaben ahnen ließ.
Vorlage S. 16
37
Die Generalin hatte keine Kinder, und Alexander, der einzige hinterlassene Sohn ihres früh verstorbenen Bruders sollte einmal in Zukunft ihr Erbe werden. Doch war diese Verfügung mehr ein Werk der Pflicht als der Neigung, denn sie hatte ihn seit seinem zehnten Jahr aus den Augen verloren, und wenn sie auch von allen Seiten hörte, er sei zu einem schönen, frohen, geistreichen Jüngling heran geblüht, der allenthalben warmen Anteil erwecke, und – wie man zu sagen pflegt – Glück mache, so mischte sich doch auch manche Kunde von seinem Leichtsinn, dem aufbrausenden Ungestüm seines Charakters und seinem an Libertinage gränzenden Hang zum üppigsten Lebensgenuß als dunkler Schatten in das schimmernde Bild seiner Liebenswürdigkeit, und die Briefe, die sie von Zeit zu Zeit von ihm empfing, bestätigten ihr durch manchen charakteristischen Zug, dass Lob und Tadel über ihn gegründet sei.
Vorlage S. 16
38
Einsam, und unbekannt mit Freuden und Gespielen ihres Alters, war Erna neben ihr aufgewachsen, und hatte oft durch ihre stille, sich selbst nicht einmal bewußte Güte, durch ihre Innigkeit und kindliche Hingebung, die nie auf sich, immer nur auf das Wohl an derer, Rücksicht nahm, den Wunsch erregt, dass die Natur sie ihr zur Tochter verliehen haben möge.
Vorlage S. 17
39
Der immer leidende Zustand der Frau von Willfried, hatte ihre Reizbarkeit so unendlich erhöht, ihr Empfindungsvermögen so krankhaft geschärft, dass sie die Entfernung ihres einzigen geliebten Kindes, auch nur auf Stunden, nicht ertragen konnte. Daher, und weil eine tiefe Stille in ihrer Umgebung ihr bei ihren schwachen Nerven Bedürfnis war, wurde Erna ausgeschlossen von den munteren Kreisen anderer Kinder, und ihr Gemüt, das die Sonne des Frohsinns nur selten durchscheinen durfte, neigte sich zu einem unnatürlichen Ernst, an dem es früher reifte als die eigentliche Bestimmung des Menschen es haben will.
Vorlage S. 17
40
Es war ihr nicht entgangen, dass man das stete Kränkeln ihrer Mutter von den Folgen der schweren Niederkunft ableitete, durch welche ihr das Daseyn gegeben worden war. Diese traurige Entdeckung legte ihrem tief fühlenden Herzen, das schon durch die unbegränzte Fülle der Mutterliebe, die sie erfuhr, zu der innigsten Dankbarkeit verpflichtet war, das drückende Gewicht eines inneren Vorwurfs auf, dessen Schwere ihr nur eine völlige Aufopferung eigener Freuden und Wünsche, und das Bestreben, ganz ihren kindlichen Pflichten zu leben, erleichtern konnte.
Vorlage S. 18
41
Diese Tendenz, die ihr als der heiligste Beruf vorschwebte, theilte ihr, indem sie die angebohrene Lebhaftigkeit ihres Innern dämpfte und gewissermaßen mit einem Flor umhüllte, auch in der äußeren Form jene leise Stille mit, die in allen ihren Bewegungen Geräusch zu vermeiden gewöhnt, immer nur zu lindern, zu helfen und zu tragen bemüht ist. Wie der Engel der Geduld und der stillen klaglosen Resignation war sie stets um ihre Mutter, und leistete mit zarter liebevoller Hand ihr alle Pflege, die sie bedurfte. Sie wurde in ihrem Beisein unterrichtet, sie las ihr vor – sie genoss die frische Luft und die bunten Abwechselungen der Jahreszeiten nur an der Seite der Leidenden, wenn sie – statt mit den Lämmern der Wiese um die Wette umher zu springen – gehaltenen Schrittes sie hinaus führte, um mitten in der blühenden Natur sie von der Vergänglichkeit alles Irrdischen, von ihren Schmerzen und Todesahnungen sprechen zu hören.
Vorlage S. 18
42
So wurde ihr jugendlich knospendes Leben früh von einer Schwermuth verschattet, die nur durch den stillen Frieden gemildert ward, den das Bewußtseyn erfüllter Pflichten gewährt. Ihre nie ermüdende, treue Sorgfalt für ihre Mutter war ihr der mit inniger Liebe klar erschaute Mittelpunkt, von welchem all' ihr Wollen und Wirken ausging, und zu dem es wieder zurückkehrte. Wohl dämmerten zuweilen in ihrer Seele Ahnungen einer freudigeren Welt auf, als sie rings um sich erblickte, aber ihre Sehnsucht strebte nicht über die scharf gezogene Gränzlinie hin, die sie davon schied und ein stilles Genügen, das sie im Busen trug, versöhnte sie fromm und ergeben mit ihrer einförmigen und ernsten Existenz.
Vorlage S. 19
43
VI
Vorlage S. 20
44
Ein Ball, der Alexandern zu Ehren gegeben werden sollte, eröffnete seiner Eitelkeit die willkommene Aussicht, zu glänzen, da der Tanz zu den Künsten gehörte, die er in der höchsten Vollkommenheit sich angeeignet hatte. Seine schöne Gestalt, sein edler Anstand, seine jugendliche Leichtigkeit und der ihm gleichsam angeborene Tact bildeten ein Gemisch von Anmuth und männlicher Grazie in seinem Wesen, das sich in jeder Bewegung so wie in seiner ganzen Haltung aussprach.
Vorlage S. 20
45
Alles war versammelt – auch Erna fehlte nicht. Doch vergebens suchte sie sein Blick in der munteren Reihe, als er, der Convenienz folgend, den Ball mit der Tochter des Hauses begann. Sie saß neben ihrer Mutter unter den Zuschauerinnen, und folgte mit denkenden, ruhigen Augen dem bunten Gewühl ohne sich in seine Kreise zu mischen. Auch ihre Kleidung war ihm auffallend. Verhüllt von den Sohlen bis zum Kinn in ein dichtes weißes Gewand, hätte es nur noch eines Schleiers über das dunkle Haar und das ernste Gesicht bedurft, um sie in eine Bildsäule der Ists umzuwandeln, zu deren Ehrfurcht gebietender Würde Scherz und Muthwillen sich nicht zu erheben wagten.
Vorlage S. 20
46
Als der erste Tanz geendigt war, nahte er sich ihr, sie zum zweiten aufzufordern. Mit einem ihm freudig scheinenden Erröthen nahm Erna seine Bitte auf, jedoch ohne sie zu gewähren. Sie sagte ihm nämlich, dass sie nie getanzt, und auch nie Unterricht in dieser Kunst gehabt habe, weil die auf dem Lande so seltene Gelegenheit, sie zu erlernen, sich gerade zu einer Epoche getroffen, als ihre Mutter besonders leidend gewesen sei, daher es ihr sowohl an Zeit als an Lust gemangelt habe.
Vorlage S. 20
47
Da nach dieser Erklärung seine Blicke, so wie seine Unterhaltung sie wieder in jene Verlegenheit versetzten, die ihm in ihrer Seele so peinlich war, so brach er ab, und kehrte zum Tanz zurück, dessen Freuden er sich mit der ganzen Lebendigkeit seines Charakters überließ. Von Zeit zu Zeit sagte ihm aber ein Blick, den er auf Erna warf, und dem jedesmal ihr Auge begegnete, das sie dann von dem seinen ergriffen, voll Verwirrung senkte, dass sie, ohne mit ihm zu tanzen, doch nur mit ihm beschäftigt sei.
Vorlage S. 21
48
Er suchte ihr diesen schweigenden Anteil durch manche zarte Aufmerksamkeit zu vergelten, teils, um sich das Wohlwollen seiner Tante zu erhalten, das auf einer freundlichen Hinneigung zu Erna hauptsächlich zu beruhen schien, teils weil es wirklich seiner Eigenliebe schmeichelte, das keimende Interesse zu bemerken, das er, immer zunehmend in dem jungen unerfahrenen Busen erweckte. Die Gesellschaft, welche vielleicht schon vorher von einer vorhabenden Verbindung gehört hatte, die man beabsichtigte, behandelte die Auszeichnung, mit der er ihr begegnete, als den Tribut einer privilegirten Bewerbung, und war bemüht, beiden jene schonenden Rücksichten zu beweisen, durch die man gewöhnlich einem angehenden Brautpaar Gelegenheit giebt, sich einander ungestört zu nähern. Kein Wunder, wenn Erna's argloses, zum erstenmal von der Liebe wie von einem süßen Rausch befangenes Herz anfing, dem Traume des Glücks Realisirung zuzutrauen, in den die offenen Mittheilungen ihrer Mutter, die Anspielungen ihrer ganzen Umgebung, und vor allem Alexanders ehrerbietig inniges Betragen sie wiegte.
Vorlage S. 21
49
VII
Vorlage S. 22
50
Auch Frau von Willfried ordnete ein ländliches Fest in Seedorf an, Alexandern zu erfreuen, und hier, im gewohnten Kreise, tätig an der Mutter Statt die Pflichten der Hausfrau ausübend, erschien Erna vortheilhafter, als in den Circeln, wo sie als Gast auftrat. Denn hier, in Geschäftigkeit und freundlicher Fürsorge sich selbst vergessend, schwand die Verlegenheit welche dort so leicht ihr ihre Unbefangenheit raubte. Haus und Garten waren nicht eben groß, aber der stille Geist der Ordnung, der allenthalben waltete, schien jeden Raum zu erweitern und zu erhellen, und heiter das Gemüt ansprechend, begegneten überall in sinniger Anordnung dem Auge Spuren des nützlichen Wirkens und der verschönernden weiblichen Umsicht, die mit Bescheidenheit verbunden dem häuslichen Leben einen so liebenswürdigen Charakter ertheilen. Auch dass Wohlwollen und menschenfreundliche Güte hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten, verrieth unwillkührlich der Ton des Ganzen, obgleich Erna sichtbar strebte, die unendliche Innigkeit mit der alle Hausgenossen ihr begegneten, den Blicken der Fremden zu entziehen, da sie ihrer Demuth nicht als ein Zoll, der ihrem inneren Werth gebührte, sondern als eine unverdiente Gunst erschien. Menschen und Thiere huldigten hier nur ihr, und zwar nicht als stolze Herrin, von deren gebietender Willkühr sie abhingen, sondern Milde und Güte umwebten sie gleichsam mit einer Glorie, in deren Strahlen sich Lieb und Zutrauen gerne sonnete.
Vorlage S. 22
51
Es sah fast lächerlich aus, als man zu einem Spaziergang sich anschickte, und das Fräulein auf Befehl ihrer Mutter an Alexanders Arm als Wegweiserin den Zug eröffnete, dass der ganze Hühnerhof in Bewegung gerieth, und mit ausgespreiztem Gefieder, schnatternd, krähend, gluchzend und pipend, wie die Verschiedenheit der Naturen nun eben wollte, – teils empfangener Wohlthaten eingedenk, teils neue Spenden von Erna's freigebiger Hand erwartend – hinter ihr drein lief, bis sie, schnell zurückeilend, und ein Körbchen mit Waizen holend, die zudringlichen Begleiter seitwärts lockte, um während des augenblicklichen, sinnlichen Genusses, den sie ihnen streute, ungehindert ihren freundlichen Verfolgungen zu entkommen.
Vorlage S. 23
52
Weniger leicht abzuweisen waren die Tauben, die von ihrem Schlage leise in malerischen Schwingungen herabschwebten, ihre Gönnerin umkreiseten, sich ihr auf die Schultern setzten, oder dreist zu ihren Füßen niederließen, und als sie sanft seitwärts geschoben wurden, sich wieder erhoben, um einige Schritte weiter dasselbe Schauspiel zu erneuern.
Vorlage S. 24
53
Als aber auf dem Gang durchs Dorf die Kinder mit dem gegenseitigen Zuruf: »Fräulein Ernchen kommt« einander gewissermaßen das Signal gaben, ihr entgegen zu laufen – als jedes ihr eine Patschhand reichen, jedes ihr folgen wollte – als Männer und Weiber die Arbeit ruhen ließen, mit herzlichem Gruße ihr entgegen und nachzuschauen – als auch die abgelebten Alten aus ihren Häusern traten, sich an der Frühlingssonne ihres milden Blickes zu erwärmen, ihr freundlich zunickend, ihr Segen nachwünschend – da gestand sich Alexander selbst im Stillen ein, dass es ein ungewöhnlicher Grad von Güte sein müsste, den eine so allgemeine und innige Anhänglichkeit belohne.
Vorlage S. 24
54
VIII
Vorlage S. 25
55
Demohngeachtet erregte weder diese Güte, noch so manche schöne geistige Anlage, die nur der Entwickelung bedurfte, noch auch ihr edles Aeußeres, das weit mehr sich in sich selbst zu verhüllen als sich geltend zu machen strebte, den Wunsch in seinem leichtsinnigen Herzen, sie in einer ernsten, ewigen Verbindung sich anzueignen. Methodisch steigerte er durch alle Kunstgriffe der Erfahrung und der männlichen Coketterie die Neigung, die in ihrer reinen Seele für ihn erwacht war, und belustigte sich an den naiven, ihm den vollen Reiz der Neuheit gewährenden Wirkungen seines grausamen Unternehmens, ihre Ruhe zu untergraben und zu einem Opfer seiner Eitelkeit zu machen.
Vorlage S. 25
Porträt von Ahlefeld, Charlotte von
Kontextbild zum Werk. Porträt: Ahlefeld, Charlotte von · Ferdinand von Blumenbach The original uploader was LSDSL at German Wikipedia. · Public domain Bildquelle ↗
56
Frau von Willfried eben sowohl als die Generalin getäuscht durch die Beflissenheit, mit der er sich um Erna bemühte, leisteten ihm allen möglichen Vorschub, sich ihr zu nähern. Denn geblendet von ihren Hoffnungen erblickten beide Frauen in allen seinen Aeußerungen so viel Verstand, Charakter, und selbst Gefühl, dass sie überzeugt waren, er werde das Glück ihres Lieblings machen. Die unwillkührlichen Ausbrüche des Muthwillens, der Frivolität, und der Satyre, die zuweilen selbst das Heilige nicht verschonte, erschienen ihren bestochenem Urteil als Auswüchse, die nur das Leben in der verdorbenen großen Welt ihm angebildet habe, und die eine reinere Umgebung, das Läuterungsbad wahrer Liebe, und dereinst die Würde ehelicher Verhältnisse bald genug wieder abschleifen werde. In dieser Voraussetzung erwarteten sie ruhig und freudig seine nähere Erklärung, die seinem Benehmen nach, mit jedem Tage wahrscheinlicher wurde.
Vorlage S. 25
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Auch Erna, selig gehoben von den Schwingen eines so mächtigen, ihr selbst im Traume der Ahnung noch nimmer erschienenen Gefühls, sah mit klopfendem Herzen, von ihrer Mutter auf diesen feierlichen Moment vorbereitet, dem Geständnis des Jünglings entgegen, dem sie ihr Ja nicht versagen wollte, da sie ihm bereits ihre innige Neigung geschenkt hatte. Sie gewann allmählig Vertrauen zu ihm und zu sich selbst. Anfangs, von dem Glanz seiner geschliffenen Aussenseite verblendet, wusste sie nur schüchterne Unterwürfigkeit, blödes Zagen, seinem muntern und sicheren Ton entgegen zu setzen. Sie erschrak, wenn sie den Klang ihrer eigenen Stimme vernahm – sie erröthete, wenn sein Blick ihr begegnete – sie zitterte, wenn er sie anredete. Jetzt wich nach und nach die Verlegenheit, durch die sie sich selbst so gestört und unbequem in ihrem Innern vorkam, einer bescheidenen Zuversicht, die auf die stolze Ueberzeugung sich stützte, ein so hoch an Geist und Bildung über ihrste hendes Wesen, wie ihr Alexander erschien, begreifen und fassen zu können. Er wusste so unmerklich und leise den kalten Reif der Verschlossenheit von ihrem Gemüt abzustreifen, wusste, indem er sie so oft glücklich errieth, ihren undeutlichen Gedanken Klarheit, ihren dunklen Gefühlen Licht zu geben, und durch einen im rechten Augenblick gleichsam unwillkührlichen Ausbruch einer erkünstelten Begeisterung für das Gute und Schöne, eine hingeworfene, wie dem Innern entschlüpfte Floskel der Sentimentalität, ihre vortheilhafte Meinung von ihm immer fester zu begründen, dass es sehr natürlich war, wenn ihre Achtung für ihn mit jedem Tage des Beisammenseyns wuchs, und die zarte Liebe ihres Herzens vertiefte.
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Obgleich die Fortschritte, die Alexander so sichtbar in Erna's Neigung machte, ihm manchen Stoff zur ergötzlichen Selbstunterhaltung gab, so drückte ihn, den an schimmernde Zerstreuungen Gewohnten, doch die Einförmigkeit des halb ländlichen Lebens in dieser kleinen Stadt viel zu sehr, als dass er nicht hätte streben sollen, es so viel er vermochte, mit Abwechselungen zu durchweben.
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Es war ihm längst langweilig gewesen, in einer bequemen Kutsche – die einzige Bewegung, die Frau von Willfried vertragen konnte – ihr und seiner Tante gegenüber, und an Erna's Seite im abgemessenen Tact, den der Arzt vorgeschrieben, durch die schöne Gegend zu rollen, und diese schläfrige Parthie durch die Benennung einer Spazierfahrt zu ehren.
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Er schlug daher Erna vor, ihr Unterricht im Reiten zu geben, und obgleich ihre Furchtsamkeit vor der ungeheuern Idee zurückbebte, mit zarter Hand ein so mutiges Thier bändigen und regieren zu sollen, und Mutter sowohl als Tante meinte, sie werde ihre oft geäußerte Bangigkeit vor Pferden nicht überwinden können, so willigte sie doch sogleich freundlich ein, als sie vernommen hatte, dass es ihm viel Vergnügen machen werde, ihr Lehrmeister in dieser fröhlichen Kunst zu sein.
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Schnell wurde nach seiner Angabe ein Reitkleid verfertigt, und während der Tage, die darüber hingingen, war er bemüht, ein kleines, lammfrommes Roß noch gemächlicher für sie zuzureiten.
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Als Erna nun zum erstenmal in dem geschmackvollen Amazonenkleide erschien, das er nach seinen Erinnerungen aus der Residenz angeordnet hatte, wurde er durch die Anmuth mit der sie sich darstellte, überrascht. Er konnte sich nicht abläugnen, dass der größte Theil der Unscheinbarkeit, mit der sie gewöhnlich auftrat, eine Folge ihres matronenhaften, vernachläßigten Anzugs war. Der weibliche Körper muss ein schönes Oval bilden, wenn er wohlgefällig ins Auge fallen soll, und an diesem Oval dürfen ein paar zierliche Füßchen als der Schluss desselben eben so wenig fehlen, wie der Kopf selbst am andern Pole dieser Sphäroide.
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Nun war aber Erna gewöhnlich so verhüllt, dass es zu den seltenen Erscheinungen gehörte, wenn hie und da die schnell wieder vom dichten Faltenwurf verdeckte Spitze ihres Schuhs sichtbar wurde, und er hatte schon öfters im Stillen die boshafte Vormuthung gehegt, dass die Natur sie in diesem Punkt stiefmütterlich behandelt haben müsse, weil er nicht begreifen konnte, dass Sittsamkeit in einem weiblichen Gemüt die Oberhand über Eitelkeit und Sucht zu glänzen behaupten könne.
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Wie verwundert wurde er daher, als er bei'm ersten Blick der erröthenden Erna den Verdacht in Gedanken abbitten musste, dass sie, wie so viele ihres Geschlechts, ohne die mindesten Kosten auf – großem Fuß lebe.
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Niemals hatte er so zart geformte, so gleichsam in leiser Anmuth schwebend auftretende Füßchen gesehen, wie die ihrigen. Sie schien in den zierlich geschnürten Stiefeln kaum den Boden zu berühren. Das sammtne Barret, von hohen Federn umschwankt, gab dem allzubescheidenen, zu sehr an Verschüchterung gränzenden Ausdruck ihrer Züge etwas Kühnes, das ihr wohl stand, und das eng sich anschmiegende Kleid, dessen lebhafte Farbe günstig auf das bleiche Gesicht wirkte, verrieth eine Körperform, der nur noch etwas mehr Fülle fehlte, um vollkommen zu sein.
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Mit wohlgefälligem Lächeln verweilten Mutter und Tante auf der so vortheilhaft veränderten Gestalt, und nachdem Frau von Willfried Alexandern aufs dringendste empfohlen hatte, doch ja ihr geliebtes Kind sorgsam vor allen Schaden zu hüten, und es als ein heiliges, seiner Vorsicht anvertrautes Pfand zu betrachten, begann der praktische Unterricht.
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Doch schon im allerersten Anfang zeigte sich eine Schwierigkeit. An die Galanterie der großen Welt gewöhnt, die er sich gleichsam wie seine andere Natur angeeignet hatte, hielt Alexander, wie er bei den Schönen der Residenz gewohnt war, seine Hand hin, damit Erna sie als Schemel betrachten, und von ihr sich in den Sattel schwingen möchte.
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Das blöde Kind weigerte sich aber standhaft, dies zu tun, und zwar mit einer Festigkeit, die sehr von ihrer gewöhnlichen still resignirten Nachgiebigkeit abwich. Vergebens versicherte er ihr, dass das so Sitte, und für sie das Bequemste sei. Ihr ohnehin beklommener Zustand wurde durch sein Zureden nur noch peinlicher, aber dennoch errang er diesmal nicht den Sieg über ihren festen Willen, und bewegt stand er am Ende ab von seinem Begehren, als Erna mit Thränen in den Augen sagte: »Wie könnt' ich jemals mich entschliessen, auf die Hand zu treten, als sei sie fühlloser Stein, die sich so gütig für mein Vergnügen bemüht.« Gerührt über den wohlwollenden Sinn ihrer Weigerung, dem vielleicht auch – ihr selbst unbewusst – ein dunkles Gefühl von mädchenhafter Scheu mit zum Grunde lag, drang er nicht mehr in sie, sondern umfasste ehrerbietig ihre schlanke Gestalt, sie aufs Roß zu heben.
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Es am Zügel führend, und ihr nun die Regeln aus einander setzend, durch welche es sich am sichersten leiten und beherrschen lasse, fühlte Erna ihre Bangigkeit allgemach verschwinden. Mit Freudestrahlenden Augen, über alle bleiche Angst nun erhaben, schaute sie auf ihren Lehrer herab, und dann wieder rings um sich her, kindlich froh und stolz, die Welt gleichsam zu ihren Füßen erblickend. Zum erstenmal in ihrem Leben drang das Bewußtseyn eigner Kraft, die sie bisher nur im Dulden und Tragen geübt hatte, in ihr Gemüt, und es schien ihr in dem heitern Traum ihrer Macht, als entwickele sich jede Bewegung des muntern Thieres, welches sie trug, aus ihrer Willkühr, die es regierte. Sie hörte wenig von dem, was Alexander sagte – sie sah nur die liebliche Bewegung seiner blühenden Lippen – nur den Glanz der fröhlichen Augen, die – wie eine selig in ihr dämmernde Ahnung ihr sagte – die Planeten waren bestimmt ihrer künftigen Lebensbahn zu leuchten.
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Wirklich wäre es schwer gewesen, so vieler männlicher Schönheit und Anmuth, wie in Alexandern sich vereinigte, den Preis der Vollendung abzustreiten, den selbst ein unpartheiisches Urteil, wie nicht vielmehr ein von dem Zauber der ersten Liebe befangenes Herz ihm zugestehen musste. Er war, wie Aeschylos so charakteristisch von einem seiner Helden sagt: ein Jünglingsmann. Alle einschmeichlenden Reize der Jugend, verbunden mit der Würde und Sicherheit des Mannes schmückten mit strahlendem Nimbus sein Wesen, und flößten auch denen, die um die Entweihung seines inneren Lebens wussten, das lebhafteste Interesse für seine der Natur und der Weltbildung so glücklich gelungene Aussenseite ein.
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Dass Erna's Blick, der die Untiefen des menschlichen Herzens zu durchschauen, noch nicht geübt war, da, wo glatter Schimmer ihr entgegen trat, den Spiegel hehrer Seelenreinheit, und wo schlaue Verstellung sich Täuschungen erlaubte, die Lauterkeit eines unverdorbenen, ihrer Achtung würdigen Gemüts wahrnahm, lag in der Unerfahrenheit ihrer Unschuld, die noch nicht durch Menschenkenntnis getrübt, von sich selbst auf andere schloss. Im tiefsten Herzen vernahm sie den Ruf der ersten Liebe. Alles was bisher ihr Leben beschäftigt und ausgefüllt hatte, erblich vor der allmächtigen Flamme, die in ihr aufzulodern begann – ihre ganze Vergangenheit schwand in Dämmerung wie ein Traum, aus dem sie nur eben erst zur Wirklichkeit erwacht schien – dunkle, aber selige Hoffnungen regten sich in ihrem Busen, und es zogen Anklänge des Gefühls durch ihr süß erschüttertes Wesen, als gingen sie von einer Sphärenmusik aus, die aus dem Heiligsten der Himmel niederwallte.
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Sehr zufrieden mit der Gelehrigkeit seiner holden Schülerin endigte Alexander die erste Lection schnell, um ihre Kräfte so wenig wie ihre Geduld zu ermüden.
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Am folgenden Tag aber begann der Unterricht von neuen, und Erna saß bereits so fest im Sattel, wusste mit so grazienhafter Leichtigkeit sich im Gleichgewicht zu halten, so mutig und sicher die ihr nun selbst anvertrauten Zügel zu führen, dass er ohne Bedenken ihr einen Spazierritt über die engen Schranken des Gartens hinaus ins Freie vorzuschlagen wagte.
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Es war ein wunderschöner Maimorgen. Junges, helles Grün mit Blüthenschnee durchwebt, schmückte Bäume und Gesträuch, und die Nachtigallen mischten den Zauber ihrer Melodieen in den monotonen, und doch so anmuthigen Laut des Kukuks, der, wie sie, den Lenz begrüßte. Das Trillern der Lerche in hoher Luft, und das Geschwirr und Sumsen der Insekten, die im warmen Sonnenschein sich freuten, vollendete den Chor der Natur, der noch niemals inniger als jetzt Erna's erregtes Herz angesprochen hatte. Ein heitrer blauer Himmel, ähnlich dem, den sie für ihre Zukunft sich träumte, spannte sich lächlend über sie aus, und die dampfenden Felder, und die thaufunkelnden Wiesen, mit vielfarbigen Blumen bedeckt, sandten ihr die süßesten Düfte hinauf, den Rausch ihrer Stimmung noch zu erhöhen.
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Alexander bemerkte mit Vergnügen, dass seine Nähe immer mehr die starre Rinde der Blödigkeit von Erna's Wesen hinweg schmolz, wie der Schnee im Frühling von den Hügeln thaut, wenn die Sonne mit Feuerblick auf ihn hernieder sieht. Es kam Leben und Seele in ihre Züge. Das jugendliche Erwachen ihres Gefühls, der unverkennbare, unschuldsvolle Wunsch, ihm zu gefallen, der nicht in Künsten studierter Koketterie, sondern nur in dem aufmerksamen Bestreben, sich seine Meinungen anzueignen, seinem Geschmack zu entsprechen und seine Eigenthümlichkeit aufzufassen, sich verrieth, gab seiner Eitelkeit ein belustigendes Schauspiel, dem wenigstens das Interesse der Neuheit nicht fehlte. Selbst wenn sie oft vergebens suchte, aus ihrer reineren schuldlosen Natur herauszutreten, um sich mit seiner Individualität zu amalgamiren, deren Verdorbenheit ein schimmernder Firnis überzog, und es ihr nicht gelingen wollte, gleich ihm zu fühlen und zu urtheilen, selbst dennoch erblickte sie ihn hoch über sich, und gab der Beschränktheit ihres eigenen Sinnes die Schuld, wenn sie den seinigen nicht ganz zu begreifen und zu würdigen wusste.
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Heute betrafen ihre Gespräche das Glück des Landlebens, die Schönheit der Gegend, die stillen Freuden der Wohlthätigkeit. Denn es lag Alexandern daran, sie zutraulicher noch zu stimmen, und das konnte ihm weniger gelingen, wenn er Gegenstände berührte, die ihrer Unerfahrenheit fremd waren. Er gab sich die Miene, als ermüde ihn der Zwang in einer geräuschvollen Stadt unter betäubenden Zerstreuungen, die – wenn sie auch den Geist momentan zu beschäftigen vermöchten, doch das nach edleren Genüssen schmachtende Gemüt leer und unbefriedigt ließen – leben zu müssen, und drückte die Sehnsucht nach idyllischer Einfachheit der Sitten und nach den Freuden der Häuslichkeit um so lebhafter aus, je entfernter seine Seele davon war, sie wirklich zu empfinden.
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Erna hatte noch nie Romane gelesen. Die Sprache derselben, ihr eben so neu als verführerisch, und so ganz ihren innersten Begriffen zusagend, schmeichelte sich von Alexanders, der Verstellung gewohnten Lippen süß und zutraulich in ihr Herz, und ihre Achtung für ihn nahm in eben dem Grade zu, in welchem ihr schüchternes Wohlwollen, ihr selbst unbewusst, sich zur innigsten Liebe verstärkte.
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So kehrte sie von diesem Spazierritt mit erhöhter Freudigkeit und Zuversicht, so wie mit verdoppelter Neigung für ihn, zurück, und ihre wonnevoll beklommene Brust konnte die Fülle ungewohnter Seligkeit nicht bergen. Tief erglühend in der schönen Röthe, die zwischen Schaam und Freude schwankt, sank sie in die Arme ihrer Freundin Auguste, die sie bei ihrer Rückkehr empfing, und flüsterte leise und entzückt ihr ins Ohr: Auguste, wie bin ich glücklich!
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Auguste war eine Freundin und Gehülfin des Hauses. Frau von Willfried, der sorgsamsten und ununterbrochensten Pflege bedürfend, hatte sie, ehe Erna allein ihr diese leisten konnte, und um sie ihr späterhin zu erleichtern, zu sich genommen, und ihr die Aufsicht über die Dienstboten und das Hauswesen, und Erna's Unterricht in den feineren weiblichen Arbeiten übertragen.
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Auguste, die Tochter eines Predigers, war eine jener zarten, früh verblühenden Gestalten, die verschlossen, aber in tiefen Frieden mit sich selbst und andern ihren Lebensweg dahin gehen, ohne dass der aufmerksame Beobachter dem ihre früheren Verhältnisse fremd sind, zu entscheiden vermag, ob der Wurm der Kränklichkeit, oder eines durch Unglück erschütterten Gemüts an ihrer vor der Zeit gewelkten Blüthe nagt.
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Hier hatte beides sich vereinigt, sie rasch über die Gränzlinie feuriger, genußvoller Jugend in jenen sinnigen, ruhigen Zustand reiferer Jahre hinüber zu führen, in welchem ein weibliches Wesen das leidenschaftliche Getriebe der Welt nicht mehr als eine Bühne des Handelns, sondern nur des Zuschauens betrachtet.
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So lag schon in ihrem acht und zwanzigsten Jahr das Daseyn beschlossen, und geendet in seinen innigsten Beziehungen hinter ihr. Doch hatte sie die Schätze eines reinen Gewissens, der Geistesklarheit, und einer nun nicht mehr zu untergrabenden Ruhe aus dem Schiffbruch einer trüben Vergangenheit gerettet, und gelassen, klaglos und zufrieden widmete sie sich in stiller Geduld dem ganzen Umfang ihres Berufs, dankbar, dass Frau von Willfrieds Sanftmuth und Erna's himmlische Güte ihren Pfad freundlich ebneten, indem beide ihren sittlichen Werth erkannten, und höher ehrten, als ihrer Bescheidenheit eigentlich gerecht schien.
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Erna zählte erst sieben Jahr, als Auguste ihre Hausgenossin ward. Sie fühlte sich schnell mit herzlicher Liebe zu dem holden Kinde hingezogen, das schon früh in allen seinem Denken und Tun den Keim einer seltenen Vortrefflichkeit ahnen ließ, und es ward ihr bald die heiligste und süßeste Angelegenheit ihres Lebens ihre Anlagen zu entwickeln, und dem zu wahrer Frömmigkeit sich hinneigenden Gemüt die Richtung zu geben, die – wie sie aus Erfahrung wusste – in allen Freuden und Leiden welche das Schicksal bietet, nur in sich Schutz und Schirm und Gleichgewicht findet.
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Sie lehrte sie, mehr durch Beispiel als durch Worte, in Freude an der Natur, in stillen nützlichen Beschäftigungen und in der Erfüllung ihrer Pflichten den Zweck, so wie die Würze ihres Daseyns suchen. Auch waren Erna's Verhältnisse ganz geeignet, um mit ihrem Plan im Bunde sie zur ernsten Einkehr in sich selbst, zur frühen Reife des Geistes, zur sanften Mäßigung ihrer lebhaften Gefühle hinzuleiten. Denn die stets leidende Mutter, die gleichsam das ganze Leben ihrer Erna als ein Opfer kindlicher Liebe hinnahm, das ihr gebührte, und die das früh resignirte Kind aus der Sphäre fröhlicher Jugendlust, die ihren Jahren angemessen war, an den engen Kreis bannte, welcher ihr Schmerzenslager umgab, half durch den Anblick ihres langsamen Dahinschmachtens ihre Phantasie von dem Irrdischen abziehen, und zu jener höheren Ansicht empor richten, die wie ein Stern in dunkler Nacht den Blick des Geistes aufwärts hebt.
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Nichts bildet die moralischen Fähigkeiten edler aus, nichts wirkt herrlicher auf das weibliche Gemüt, als wenn es ganz von dem Beruf der Krankenpflege durchdrungen, ihn als eine heilige Pflicht anerkennt und übt. Sanftmuth, Geduld, frommer Glaube an eine Hand, die jedes Leiden lindert, wäre es auch erst jenseits, Ergebung und himmlischer Friede entkeimen der Saat, welche Selbstverläugnung in den steinigen Boden des Entbehrens streut, und lohnen jeden hingegebenen Genuss der Welt durch die reiche Fülle des Bewußtseyns.
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So glaubte Auguste in Erna's Fortschreiten im stillen Versagen bunter Jugendfreuden, und in einer sich selbst vergessenden Tätigkeit die stärksten Waffen gegen alle feindlichen Angriffe eines künftigen Geschicks ihr in die Hand gegeben zu haben, und als sie die sanfte Morgenröthe einer – wie sie hoffte – glücklichen Neigung in ihrer Seele anbrechen, und diese durch die Wünsche der Familie geheiligt, so wie durch Alexanders auch sie bestechende Aussenseite gerechtfertigt sah, wähnte sie ihren Liebling nahe an der Schwelle des Tempels der höchsten irdischen Glückseligkeit, und freute sich der immer wärmer werdenden Innigkeit, die sie bemerkte.
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Denn ein weibliches, unverdorbenes Wesen, auch wenn es selbst durch ungünstige Erfahrungen nur die Dornen, nicht die Rosen der Liebe gekannt hat, weiß sich dennoch keinen anderen Himmel hienieden zu träumen, als den einer glücklichen ehelichen Verbindung.
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Mit treuem Anteil, und freudig gerührt, nahm sie daher Erna's Geständnis, dass sie so glücklich sei, als einen Vorboten des noch wichtigeren Bekenntnisses, dass sie liebe, auf, und half ihrer zarten Verschämtheit, ihren mit sich selbst kämpfenden, des Ausdrucks ermangelnden Gefühlen zur Sprache, indem sie sanft ihr entgegen kommend, eigentlich mehr errieth als von ihr erfuhr.
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Freilich fehlte noch, um sie als glückliche Braut zu begrüßen, Alexanders förmliche Erklärung. Aber war nicht sein ganzes, Erna so sichtbar auszeichnendes Betragen eine ehrerbietig und liebevoll fortgesetzte Bewerbung der nur das entscheidende Wort fehlte, um bindend auf ewig zu sein? Und oft sprechen Worte nicht so deutlich, als Handlungen, in denen unwillkührlich sich die Neigung verräth. Er wusste ja die Absichten seiner Tante und der Frau von Willfried – unmöglich hätte er sich bei den Grundsätzen wahrer Ehre, die man an ihm zu bemerken glaubte, dem Schein, in sie einzugehn, geliehen, wenn sie nicht mit den seinigen harmonisch übereinstimmten.
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Und konnte er eine edlere Wahl treffen, als die, die diesen Engel an Güte und Herzlichkeit ihm zur künftigen Gefährtin seines Lebens bestimmte? Selbst in conventioneller Hinsicht machte Erna's bedeutendes Vermögen sie zu einer sehr vorzüglichen Parthie, doch seltner noch war der Reichthum ihres Gemüts und ihres Geistes, neben einer Gestalt, die ohne noch zur vollkommenen Schönheit heran geblüht zu sein, doch schön zu werden versprach, so wie ihre Jugend, und die große Biegsamkeit ihres Charakters nicht bezweifeln ließ, sie werde leicht und geschickt sich in die künstlich geschliffenen Formen der großen Welt fügen lernen, die freilich auf dem Lande ihr fremd geblieben waren.
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Alles dies sagte sich Auguste in ihrer innigen Teilnahme an dem künftigen Loose ihres holden Zöglings vor, und Erna mit dem Segen der wärmsten Liebe an ihre Brust drückend, erwartete sie zuversichtlich von den nächsten Tagen die endliche Schürzung des Knotens.
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Was sie noch mehr als alle vorhergegangenen Umstände zu dieser Erwartung berechtigte, war ein Vorfall, der traurige Folgen hätte haben können, der aber jetzt nach Erna's Ansichten nur dazu diente, ihr auf eine etwas rauhe Art den Himmel ihrer Zukunft früher zu öffnen.
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Alexander, der das ihm anvertraute Amt als Lehrmeister ernst und gewissenhaft verwaltete, fand es notwendig, dass seine Schülerin sich an mehr als ein Pferd gewöhne, um sicherer in allen den Eigenthümlichkeiten der Reitkunst zu werden.
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Nicht ohne ein inneres, weissagendes Vorgefühl der Gefahr vertauschte daher Erna eines Tages ihr liebes frommes Roß mit seinem schnaubenden Araber, der aber trotz der Fülle des Muthes und Uebermuthes, die aus ihm wieherte, trefflich zugeritten war, und keine Unarten hatte, die die mindeste Besorgnis für seine zarte Reiterin erregen konnte. Wohlgemuth trabten beide über die frischen Wiesen dahin, dem kühlen Walde zu, der mit seinen dämmernden Schatten ihnen so einladend winkte. Dort ließen sie die Thiere langsam gehn, und im traulichen Wechselgespräch schwand Erna's leise Furcht, so wie ihre Achtsamkeit auf sich selbst, und auf die Zügel.
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Längst hatte gewiss der schlaue Araber gemerkt, dass es nicht Alexanders gewohnte feste, und bändigende Hand sei, die ihn lenke. Daher erlaubte er sich manchen kleinen Seitensprung, den sein Gebieter ihm nicht verstattet hätte, und schüttelte oft brausend die Mähne, den Kopf bald tief zur Erde senkend, bald weit ihn zurück werfend, und die fein gespitzten Ohren schalkhaft bewegend, als spotte er der sanften Gewalt, die Erna mädchenhaft über ihn übte.
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Alexander, aufmerksam auf die unziemlichen Freiheiten, die er sich nahm, dictirte der allzu nachsichtigen Reiterin eine Strafe für ihn, so wie eine strengere Beschränkung seiner Willkühr. Aber der Schlag, den sie auf sein Geheiß mit der Peitsche ihm gab, glich einer leisen, liebkosenden Berührung und schreckte den Mutigen nicht. Demungeachtet wurde sie nicht bange. Ihr war, als könne an des Freundes Seite kein Unglück sie erreichen, und lächlend blickte sie öfterer in sein schimmerndes Auge, als auf den Weg, der durch das von Moos halb versteckte Wurzelgeflecht der Bäume, und ein stets Berg auf, Berg ab eine verdoppelte Achtsamkeit gebot. Da erklang tief aus dem dunkelgrünen Hintergrund des Waldes die schwermuthsvolle Liebesklage einer Nachtigall, und eine zweite, ihnen näher, antwortete in süßen, lang gedehnten Accorden den verschwebenden Tönen aus der Ferne, und flöthete so lieblich, so herzergreifend, dass sie beide unwillkührlich die Rosse anhielten, ihr zuzuhören.
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Ungeduldig scharrte der Araber, der sich nach raschem Gallop sehnte, die Erde auf, und stampfte den Boden – Alexander und Erna, in die seelenvollen Melodieen Philomelens vertieft, bemerkten es nicht. Plötzlich fiel dicht neben ihnen ein Schuss, und ein Reh – nicht durch ihn getroffen, aber verscheucht, sprang aus dem Gebüsch, fast die Pferde berührend, seitwärts an ihnen vorüber und riss durch die jähe Gewalt des Schreckens den scheu gewordenen, schon vorher durch Ungeduld gereizten Araber vorwärts.
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Im vollen Lauf sprengte er, durch einen eng verwachsenen Nebenweg sich drängend, die waldige Anhöhe hinab, oft sich bäumend, oft hintenausschlagend, bis Erna, die sich vergebens im Sattel zu halten strebte, durch einen Schlag an den Kopf von einem tief herab gebeugten Ast mit der Besinnung das Gleichgewicht verlor, und im Bügel hängen bleibend, von dem rasenden Thier geschleift, wie eine Beute des Todes auf dem von ihrem Blut benetzten Pfade dem ihr athemlos nacheilenden Alexander aus den Augen schwand.
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Denn er hatte mit der Gegenwart des Geistes, die ihm eigen war, überdacht, dass er ihr zu Fuße weit leichter folgen, und weit hülfreicher sein könne, als zu Pferde, allenthalben durch das Dickicht ängstlich und gefahrvoll aufgehalten. Schnell war er daher abgesprungen, und flüchtig wie das Reh, das die erste Veranlassung dieses Schreckens gab, eilte er ihr nach, nicht ohne aufs tiefste von seiner Verantwortlichkeit bewegt zu sein, und voll quälender Besorgnis: wie er sie finden werde.
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Die einzelnen Blutstropfen auf dem grünen Moose waren ihm ein purpurner Leitfaden, ihre Spur zu verfolgen, und endlich, – welch ein Schauder rieselte durch alle seine Nerven – endlich sah er sie in weiter Entfernung leblos auf der Erde liegen, und den Araber unaufhaltsam, und wie vom bösen Gewissen gejagt, von dannen sprengen.
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Er flog zu ihr hin, und warf sich vor ihr nieder. Todtenblässe bedeckte ihre Wangen und Lippen. Der Ast, der ihre Stirn verletzte, hatte ihr das Barret abgestreift, und die festgeflochtenen Haare gelößt, die lang und dunkel an ihr niederhingen. Gleichwohl war trotz der Willkühr des Falles ihre Stellung so edel, der Ausdruck ihrer in den Fesseln der Ohnmacht erstarrten Züge so rührend, dass Alexander tief erschüttert mit gefaltenen Händen vor ihr lag, und mehrere Momente in ihrem Anschauen verlor, ehe er so viel Fassung gewann, um irgend etwas zu ihrer Hülfsleistung zu tun.
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Das Flüstern einer nahen Quelle weckte ihn zuerst aus der dumpfen Betäubung, in der er zu ihren Füßen kniete. Er raffte sich auf, und tauchte sein Tuch in ihre crystallene Kühlung, es dann sanft und leise um Erna's verwundeten Kopf zu schlagen. Noch perlte ihr reines Blut in hellen Tropfen gleich Rubinen auf der Lilienweißen Stirn und zwischen den braunen Locken hervor, aber er hatte doch den Trost zu bemerken, dass ihre Wunden nicht tief waren. Sorgsam ihr auf den rauhen Boden hingesunknes Haupt an seine klopfende Brust lehnend, ihre kalten Hände zwischen den seinigen wärmend, hatte er endlich die unaussprechliche Freude, ihr Bewußtseyn leise wieder aufdämmern zu sehn.
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Welch ein Erwachen! Sie glaubte, sie habe geträumt. Von seinen Armen umschlossen, an seinem Busen sich wieder findend, verlöschte die Erinnerung des gehabten Schreckens und der erlittenen Schmerzen in ihrer Seele, die keinen Raum neben den Gefühlen hatte, welche seine vertrauliche Nähe ihr gab.
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Albert Anker – Die Dorfschule von 1848, gemalt 1896. Historisches Vergleichsbild für Schule und Bildung, keine Illustration der Buchfiguren.
Kontextbild zum Werk. Die Dorfschule von 1848 · Albert Anker · Public domain Bildquelle ↗
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Sie zog ihre Hand nicht aus der seinen. Mit der ganzen Kraft des neu erwachten Lebens, mit der vollen Gluth still entflammter Liebe, und mit der innigsten Dankbarkeit für das Entzücken, mit welchem er sie dem gefahrvollen Scheintod entrissen sah, blickte sie ihm ins Auge, und lächelte ihm zu, wie nur Seelige lächeln.
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Doch es war nicht Erwiederung ihrer liebenden Empfindung, die aus seinen Blicken strahlte – es war nur die aus ganz gewöhnlicher Gutmüthigkeit entspringende Freude, sie gerettet zu sehn, sie nicht als Leiche ihrer Mutter wiederbringen, und den herzzerschneidenden Vorwurf erwarten zu müssen, dass sein Verschulden ihr die Tochter raubte. Anders glaubte aber Erna sein Innerstes bewegt, weil das ihrige ihr der Maasstab war, nach dem sie es beurtheilte. Ihr schien es aufs tiefste ergriffen – ein süßer Wahn überredete sie, dass sie seine Gesinnung eben so durchschauete, wie die ihrige rein und offen vor ihm lag, und in ihrer kindlichen Unerfahrenheit ahnete sie nicht, dass selbst ihre forschendsten Blicke wie von einem ehernen Schilde von der undurchdringlichen Rinde abprallten, womit Verstellung sein eigentliches Wesen umgab.
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Wie dank' ich Gott für mein Leben! flüsterte sie leise, und hob das schöne Auge, in welchem eine Träne funkelte, zum Himmel, indem sie seine Hand sanft zu drücken wagte. Ach, in den angstvollen Momenten, wo ich es zu verlieren fürchtete, hab ich zum erstenmal seinen ganzen vollen Werth erkannt, und recht von Herzen gebetet, dass es mir erhalten bliebe.
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Das gute, fromme Kind sah so verklärt in der Begeisterung der Dankbarkeit aus, war so innig durchdrungen von dem Glücke des Daseyns, dass Alexander mit Wohlgefallen auf den durch einen ganz neuen Ausdruck beseelten Zügen weilte, aus denen eine himmlische Freundlichkeit ihm entgegen strahlte. Leicht entflammt und durch die Einsamkeit, so wie durch das Neue dieser Situation hingerissen, konnte er nicht umhin, seinen Hang zur Galanterie nachzugeben, und der sich so hold ihm hingebenden Erna recht viel Schönes und Liebeathmendes zu sagen, was in dieser reizbaren Minute, und bei dem festen Glauben, in ihm ihren Bewerber zu sehen, doppelt tiefen Grund in ihrem unbewahrten Busen fasste.
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Und als er im Wechselgespräch, das von seiner Seite immer mehr den Schein der Leidenschaft annahm, durch ihr naives, unverstelltes Entgegenkommen wie in eine fremde Welt entrückt den Wallungen nicht gebieten konnte, die sie in ihrer Unschuld für Liebe hielt, und er sie stürmisch an seine Brust zog, und auf ihre jungfräulichen noch nie berührten Lippen den ersten glühenden Kuß drückte, der ihr das Siegel einer ewigen Treue schien – da konnte ihr kindliches, tief erregtes Herz die Fülle seines Entzückens nicht bergen, und in seliger Wehmuth ihn umfassend, sprach sie es aus, wie sie ihn liebe, und wie glücklich sie sich preise, sich die Seinige nennen zu dürfen.
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Doch dies Geständnis wirkte wie beruhigendes Oel auf ein stürmendes Meer, indem es seine heiß erwachte Sinnlichkeit in die kalten Gränzen der Vorsicht und der Besinnung zurück scheuchte.
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Der Ernst, mit dem dies Kind seine Annäherungen als eine über das ganze Leben entscheidende, die ganze Zukunft im engsten Bunde umfassende Liebe betrachtete, war ihm lächerlich. Wäre ein sentimental platonisches Verhältnis nicht in seinen Augen das langweiligste unter der Sonne gewesen, er würde es eine Weile fortgesetzt haben, um zur belustigenden Bereicherung seiner Menschenkenntnis immer neue Erfahrungen zu sammeln, wie die unentweihte Unschuld der ersten Jugend sich benimmt, wenn der Liebe magische Gewalt sie mit ihren Netzen umfängt.
Vorlage S. 49
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Aber da es ihm nicht in den Sinn kam, durch eine ernstliche Verbindung seinen freien Nacken zu fesseln, so hielt die Furcht, in das Gewebe seiner eigenen Kunstgriffe verstrickt, und dann zu unangenehmen Erörterungen gezwungen zu werden, denen der feine Weltton gern ausweicht, ihn neben dem wenig belohnenden des damit verbundenen Zeitverlustes zurück – und sie zu verführen – nein, er war doch nicht verdorben genug, um nicht von diesem Gedanken mit Unwillen sich abzuwenden. Denn ob er bei seinen Ansprüchen an Politur der Form und äußeren Benehmen gleich fand dass das in geselliger Feinheit so unerfahrene Landmädchen sich besser in ihren Hühnerhof, und unter die Bewohner ihres Dorfs, als in die in tausendfache Facellen geschliffene Residenz schicke, so musste er doch die schleierlose Wahrheit ihres Charakters achten, und die reine Güte ihres Herzens verehren.
Vorlage S. 50
120
Er konnte sich nicht abläugnen, dass es Unrecht sei, bei seinem festen Entschluss, sie nicht zu heirathen, ihr im tiefen Frieden der Kindheit so ruhig schlummerndes Herz geweckt, und gewaltsam in den berauschenden Kreis flammender Jugendwünsche entrückt zu haben, ohne ihren muthwillig erregten Hoffnungen, ihren auf sein Betragen sich stützenden Erwartungen etwas anders als den Schmerz unbefriedigter Sehnsucht zu hinterlassen.
Vorlage S. 50
121
Zwar schmeichelte es seiner Eitelkeit, sich zu denken, dass sie ihm nachtrauern, dass sie sein Bild als ihr beständiges Ideal lebenslang im Innern sich bewahren werde – doch that ihm zu gleicher Zeit die verlorene Ruhe ihres Gemüts leid, die ein Opfer ihrer Unerfahrenheit und seiner Koketterie geworden war, und er nahm sich vor, nicht länger ein so grausames Spiel mit Empfindungen zu treiben, die er nicht zu erwiedern geneigt war, sondern den günstigen Totaleindruck, den er auf sie gemacht, in so fern zu zerstören, als er seinen Charakter betraf.
Vorlage S. 51
122
Mochte sie immer seiner persönlichen Liebenswürdigkeit Gerechtigkeit widerfahren lassen – seine Eigenliebe gestattete ihm ohnedem nicht, diese in ein nachtheiliges Licht zu stellen. Auch war es hinlänglich für die fromme Einfalt ihrer Sitten und die strengen Begriffe, welche Lehren und Beispiele ihr eingeprägt hatten, ihr den Leichtsinn seiner Grundsätze und die Frivolität seiner Denkungsart zu zeigen, um jeden Wunsch seines Besitzes zu verlöschen, ohne dass er nötig hatte, unzart und schonungslos sich zurück zu ziehen.
Vorlage S. 51
123
Diesen Vorsatz in der Seele, störte er zuerst ihre goldenen Illusionen durch die Erinnerung an die Angst ihrer Mutter, wenn nämlich, wie sich vermuthen lasse, der Araber den Weg nach Hause gefunden habe, und ohne seine Reiterin ihr ein Bote der schmerzlichsten Sorge, ein Verkündiger des Unglückes geworden sei.
Vorlage S. 51
124
Erna erschrack, dass sie dem Zauber ihrer Gefühle hingegeben, nicht von selbst an die Erfüllung einer so heiligen Pflicht gedacht hatte, als die Beruhigung ihrer Mutter ihr war. Doch, dass er sie daran mahnte, dünkte ihr ein neuer Beweis seines gediegenen inneren Werths, seiner unaussprechlichen Tiefe und Zartheit der Empfindung und gern erblickte sie auch von dieser Seite ihn über sich stehend, zutrauen- und verehrungsvoll den Blick zu der sittlichen Höhe erhebend, in der er ihr erschien.
Vorlage S. 52
125
Sie hatten kaum, Arm in Arm, und von den Vorsichtsmaasregeln sprechend, mit welchen sie das Vorgefallene der kränklich schwachen Mutter mittheilen wollten, den Saum des Waldes berührt, der ins Freie führte, als die ängstlich ausgesandte Dienerschaft der Frau von Willfried, die sie suchte, ihnen bestätigte, dass Alexanders Vermuthung eingetroffen, und das zurückgekehrte Pferd der Verräther ihres Unfalles geworden war.
Vorlage S. 52
126
Mit verdoppelter Eil strebten sie das Haus zu erreichen, und erst als Erna gesund und wohlbehalten am Bett der in Krämpfen liegenden Mutter knieete, linderte sich das unsägliche Weh, unter dem sie gelitten – ein Strom von Thränen, der zugleich das heißeste Dankgebet zu Gott war, benetzte das geliebte, ihr wiedergeschenkte Kind und erleichterte ihre durch Centnerschwere beklommene Brust, und der herbei gerufene Arzt that das Seinige, den Folgen ihrer nahmenlosen Angst entgegen zu arbeiten.
Vorlage S. 52
127
XVII
Vorlage S. 53
128
So lange sich ihre Mutter noch nicht völlig erholt hatte, widmete Erna sich ganz ihrer Pflege. Nur dann und wann holte sie sich aus dem Nebenzimmer, wo Alexander sehr oft Augusten Gesellschaft leistete, einen stärkenden Blick von ihm, oder einen erquickenden Händedruck.
Vorlage S. 53
129
Er benutzte indeß mit kluger Vorsicht diese Zeit, um sich der Ausführung seines Plans zu nähern, indem er in Augusten, die so gern um Erna's willen an ihn glaubte, allmählich die Stützen untergrub, auf denen ihre Achtung für ihn ruhte.
Vorlage S. 53
130
Leise und unvermerkt leitete er das Gespräch auf das Leben in großen Städten und schilderte die Verdorbenheit der Sitten dort mit einem Feuer, das nicht an dem Abscheu vor solcher Gesunkenheit, sondern am sichtlichen Wohlgefallen daran entzündet zu sein schien.
Vorlage S. 53
131
Man verlangt von der guten Gesellschaft nur dreierlei, sagte er einst, als Erna ihm zuhörte. Ein feines Benehmen, einen eleganten Ton, und eine Art von Ansehn, das sich entweder auf Geburt, Rang und Einfluss, oder auf Reichthum, Geist, oder persönliche Annehmlichkeiten gründet.
Vorlage S. 54
132
Ein fleckenloses Leben ist keineswegs nötig um mit Auszeichnung behandelt zu werden – ja oft wirft es sogar auf den, der es übt, das schlimmste Licht, in dem ein Mensch von gutem Ton erscheinen kann, nämlich: das Ridicül. Tackt für das Schickliche, Witz, gute Laune, Dreistigkeit, und die Gabe jede Rolle mit Gewandtheit zu spielen, die der Augenblick nötig macht – dies ersetzt reichlich die sogenannten Verdienste, und eine leichte, selbst leichtfertige Aufführung wird freundlich von der großen Welt verziehen, wenn sie nur mit geselliger Anmuth und dem Schein der Decenz verbunden ist.
Vorlage S. 54
133
Erstaunt hörte Erna ihm zu. Sie glaubte, er scherze, oder er wolle Augustens feste Grundsätze, die auch ihr zur Richtschnur ihres Lebens dienten, auf die Probe stellen. Aber er sah so ernst aus – die wärmste Ueberzeugung schien aus ihm zu sprechen, und ihr wurde ganz unheimlich, während ihr Herz mit ängstlichen Ahnungen kämpfte.
Vorlage S. 54
134
Und als sie schüchtern den Einwurf wagte, dass der beobachtete Schein der Decenz einem unverdorbenen Gemüt unmöglich genügen könne – dass ein ächt religiöser Sinn nicht in dem durch Täuschung erschlichenen Beifall der Welt, sondern in der Reinheit seines Bewußtseyns, und in dem gewissenhaftesten Befolgen der Gebote der strengsten Sittlichkeit wahre Befriedigung zu finden vermöge, lächelte er sie mit jenem gutmüthig sich überhebenden Gemisch von Ironie und freundlichen Bedauerns an, wie man die ungereimten Einfälle eines Kindes zu belächeln pflegt.
Vorlage S. 55
135
Allerdings, versetzte er, sind dies die Regeln, welche Präceptor und Gouvernante in früher Jugend uns sclavisch einzuprägen suchen – aber wie bald reibt das wirkliche Leben diesen Rost der Schulmoral von uns ab, und dann erst treten wir aus langweiliger Unbemerktheit hervor, und fangen an zu glänzen.
Vorlage S. 55
136
Um comme il faut zu sein, muss man die Form jener liebenswürdigen Tugenden annehmen, die vielleicht früher wirklich existirten, jetzt aber nur einen trügerischen Wiederschein in der Seele des Menschen zurückgelassen haben, wie der blaue Himmel im Teiche sich spiegelt, ohne darum Himmel zu sein. Milde, Nachsicht, Güte, Bescheidenheit, und wie die guten Eigenschaften weiter heißen, die uns in unserer Kindheit gepredigt werden, müssen stets die eigentliche bittere Pille des Gemüts vergolden. Denn beißende Ausfälle, Lästerungen und sinnliche Vertraulichkeiten dürfen sich nicht ungestraft in ihrer Nacktheit sehen lassen – sie müssen durch irgend eine mildernde Hülle sanft verschleiert, durch Witz, treffenden Scharfsinn und den Anschein einer anständigen Schicklichkeit erst autorisirt werden, in der guten Gesellschaft zu erscheinen.
Vorlage S. 55
137
Wenn es so ist, sagte Erna mit ihrer Angst ringend, so ist die Zurückgezogenheit des Landlebens ja ein zwiefaches Glück. Nicht nur, dass in ihm die Natur uns näher ist, und uns inniger mit Gott verbindet, als all das bunte Treiben in der Welt – wir bedürfen auch, selbst wenn wir ihre Anwendung nicht verschmähten, jener armseligen Kunstgriffe nicht, die dazu dienen ohne innern Werth zu schimmern.
Vorlage S. 56
138
Sie sind noch so neu in der Welt, meine holde Erna, erwiederte Alexander jene ironische Miene beibehaltend, die ihm so übel kleidete, indem sie ihm ein höhnisches Ansehn gab, dass ich Ihnen Ihr übereiltes Urteil verzeihe. Dass uns der Umgang mit Schafen, Hühnern und Pflanzen allerdings bis zum Langweiligwerden unschuldig erhält, ist freilich, wenn Sie wollen, ein Vorzug des Landlebens, den aber der gebildetere Sinn weder begehrt noch beneidet. Dass unser Daseyn ein Lustspiel für uns, ein Schauspiel für andere, und für niemanden ein Trauerspiel sei, ist, wie mir scheint, der vernünftige Zweck, den die Natur uns vorzeichnet, und um ihn zu erreichen, dürfen wir gern links und rechts die Blumen pflücken, die an unserm Wege blühn, wenn auch die kalte, engherzige Moral, die im Geschmack der Cartheuser uns memento mori predigt, nicht eben uns Beifall winkt. So wenig, als gründliche Kenntnisse nötig sind, um in wissenschaftlicher Hinsicht zu glänzen, da das Gesetz der feinen Lebensart fordert, dass man keinen Gegenstand erschöpfe, und blos verlangt, dass man die Oberfläche eines jeden leicht berühre, um mit Gewandtheit und Eleganz darüber hinzugleiten, eben so wenig sind diese mürrischen, frostigen Tugenden, die man als Freudenstörer der Jugend uns früh zu verehren zwingt, nötig, um uns die Achtung zu erwerben, die wir zu einer angenehmen Existenz bedürfen. Wenn wir nur den Schein derselben, da wo es gilt, zu beobachten wissen, um unseren Abentheuern, Intriguen und Genüssen ein ehrbares Gewand zu geben, so richtet die Welt milde, mag es auch im Innern aussehn, wie es will.
Vorlage S. 56
139
Und sollte es nicht unsere Pflicht sein, auf einen höheren Richter zu achten, als auf das seichte, durch Trug und Lüge, und Blendwerke aller Art befangene Urteil der Welt? unterbrach ihn Erna. Sollte nicht der Glaube an Gott, an die Nichtigkeit alles Irrdischen, und die Gewissheit einer Zukunft, wo kein Schein mehr gilt, uns über das unwürdige Bestreben erheben können, den Beifall der Menschen zu erlangen, ohne ihn verdienen zu wollen?
Vorlage S. 57
140
Mit dem schärfsten Ausdruck des Spottes zu dem er seine Züge nur immer zwingen konnte, lächelte Alexander zu ihrer inneren Empörung. Es ist recht gut für das Volk, sagte er, das solcher Zügel bedarf, wenn man ihm weis macht, dass ein höheres Wesen, und ein zukünftiges Leben jenseits des Grabes existirt. Denn wie das unverständige Kind die Züchtigung fürchtet, die eine Folge seiner Unarten ist, so scheut auch der uncultivirte, bornirte Sinn des gemeinen Mannes die moralische Ruthe, die in der Vorstellung einer ewigen Verdammniß oder Seeligkeit liegt, und manches Böse unterbleibt auf diese Weise aus Furcht vor der Strafe. Wir aber, die wir auf einer höheren Stufe der Aufklärung stehen, und Vorurtheile, wie billig, verachten – warum sollten wir uns überreden, an Phantome zu glauben, die nur in überreitzten, fanatischen Gehirnen entsprungen, eine menschliche Erfindung, und blos der Schwärmerei heilig sind?
Vorlage S. 58
141
Und sind dies wirklich Ihre Grundsätze? fragte Erna, zur Marmorbüste erblaßt.
Vorlage S. 59
142
Ja, versetzte er, indem er ihre kalte, zitternde Hand ergriff. Ich halte es für Pflicht, mich Ihnen zu zeigen, wie ich bin, da ich Sie liebe, und von Ihrem Besitz das Glück meines Lebens hoffe. Warum, reizende Erna, sollt' ich verhehlen, dass meine Vernunft längst den Sieg über jene Schreckgestalten davon getragen hat, mit deren Strafgericht eine sogenannte religiöse Erziehung uns zu ängstigen bemüht ist. Ich glaube an keine Fortdauer der Seele, und an kein Jenseits, und darum genieß' ich auch das Leben als das einzig wahre Gut, das wir besitzen, das jeder Augenblick vernichtend in das Nichts zurückstürzen kann, aus dem es entstand. Lassen Sie uns nicht in idealischen Gefilden schwärmen, wo nur sich selbst quälende Phantasten zu Hause sind, sondern erlauben Sie mir, Sie aus der ätherischen, unhaltbaren Region Ihres Wahns in die Wirklichkeit herab zu führen. Genuss des schäumenden Jugendbechers und ein fröhliches Verbannen aller schwerfälligen Sorgen ist die wahre Philosophie, die einzige Religion, zu der ich mich bekenne, und Sie von Ihren finsteren Irrthümern zu befreien, und Ihr Daseyn an meiner Seite so heiter wie möglich zu machen, soll das süßeste Ziel meines Strebens sein.
Vorlage S. 59
143
Erna schauderte, und bebte zurück. Er wagte es, seinen Arm um ihren Nacken zu schlingen und sie an seine Brust zu ziehen. Da ermannte sie sich plötzlich – glühende Röthe verdrängte die Leichenblässe ihres Gesichts, und es stiegen wieder Funken in ihr starres Auge. Den Blick nach oben gerichtet, als wolle sie von da Kraft und Fassung sich erflehen, wandte sie sich nach einer stummen, aber unendlich ausdrucksvollen Minute von ihm ab, mit dumpfer, fast tonloser Stimme die Worte aussprechend: Unglücklicher! Gott helfe Ihnen wieder auf den rechten Weg, und vergeb es Ihnen, dass Sie mich so lange täuschten. Wir haben uns nichts mehr im Leben zu sagen.
Vorlage S. 60
144
XVIII
Vorlage S. 60
145
Sie schwankte hinweg, und Alexander blieb mit Augusten allein.
Vorlage S. 60
146
Sie haben meine Freundin sehr gekränkt, sagte Auguste nach einer Pause, in der sie – unschlüssig was sie tun solle, und selbst tief erschüttert – erst mühsam die Kraft zu sprechen gewann. Gewiss ihr lauteres, keine Verstellung kennendes Herz erträgt es nicht, auf eine so harte Probe von dem gestellt zu werden, den es liebte – sie erträgt es nicht, Sie in einem so nachtheiligen Lichte zu erblicken. Eilen Sie, o eilen Sie, die Grundsätze zu widerrufen, vor denen mit Recht Erna's reiner Sinn zurückschaudert. Sie zertrümmern sonst das Glück des holden Wesens und Ihr eigenes unwiederruflich.
Vorlage S. 60
147
Wie? versetzte Alexander, sich verwundert stellend, kann Erna bei allen ihren hochgepriesenen Tugenden die Wahrheit nicht hören? – Würde es ihr besser gefallen, wenn ich – statt in meiner eigenthümlichen Gestalt vor sie hin zu treten, mich einer Maske bediente, um sie zu täuschen? Ich bin zu stolz zur Verstellung, und sie ist mir unbequem. Daher – so sehr es mich auch mit Recht beleidigen muss, von dem Mädchen, das ich so ehrte, um es zur Gefährtin meines Lebens erwählen zu wollen, gewissermaßen einen Korb empfangen zu haben, so bereue ich es doch nicht, da ich selbst ihre Gunst mir nicht durch Heuchelei erwerben möchte. Leben Sie wohl für immer, denn für mich ist nun nichts mehr hier zu tun. Sie werden meiner Tante bezeugen, dass es nicht an mir lag, wenn ihr sehnlicher Wunsch unerfüllt blieb, und dass ich Erna meine Hand bot – aber mit Geringschätzung zurückgewiesen wurde. Suchen Sie um des eignen Bestens Ihrer Freundin willen ihre romantischen überspannten Ideen zu berichtigen, und sie der wirklichen Welt anzupassen, in der sie leben soll, denn diese idyllische Sentimentalität zerstört die Wurzeln eines gesunden Daseyns, und macht sie am Ende zu einer – Candidatin des Irrenhauses.
Vorlage S. 61
148
Mit diesen Worten, die er voll des empörendsten Hohns in seinen Mienen aussprach, verließ er das Zimmer, und Auguste blieb, halb betäubt von der plötzlichen, so schrecklichen Verwandelung eines Charakters, den sie geschätzt hatte, und zitternd vor den Folgen die es auf Erna's liebendes Gemüt haben werde, zurück.
Vorlage S. 62
149
Als Alexander zu seiner Tante kam, entdeckte er ihr mit allen Zeichen wohlerkünstelter Kränkung und fehlgeschlagener Hoffnung, dass er Erna in Augustens Gegenwart seine Hand angetragen, aber eine abschlägliche Antwort von ihr erhalten habe, und auf eine verächtliche Weise von ihr verlassen worden sei.
Vorlage S. 62
150
Umsonst strebte die Generalin, sich dies Räthsel zu erklären, umsonst erbot sie sich zur Vermittlerin, – da sie Erna's Liebe zu ihm so wenig wie ihre vortheilhafte Meinung von seinem Werth bezweifeln konnte – sein Stolz lehnte sich, wiewohl scheinbar mit tiefem Schmerz kämpfend, gegen jedes Anerbieten ihrer Einmischung auf, und noch demselben Tag trat er, ohne sich durch Bitten und Zureden halten zu lassen, äußerlich zerstört, und tief ergriffen, innerlich aber frohlockend, dass er, wie er glaubte, mit so guter Art seinen Nacken aus der Schlinge gezogen habe, den Rückweg zur Residenz an.
Vorlage S. 62
151
XIX
Vorlage S. 63
152
So lange Erna wähnte, ein schwerer Traum habe sie dem Himmel ihrer Hoffnung entrückt, so lange ruhte der wohlthätige Nebel der Betäubung, nicht das Centnergewicht der Verzweiflung auf ihrer Seele.
Vorlage S. 63
153
Als aber nach und nach Klarheit wieder in ihre Besinnung zurückkehrte, und sie sich nicht mehr verhehlen konnte, dass sie wirklich auf immer von dem Ideal ihres höchsten Glücks geschieden sei, da bemächtigte sich ihrer ein Schmerz, der ihr armes Leben aller seiner Blüthen beraubte.
Vorlage S. 63
154
Wenn gleich ein dunkles Gefühl ihr sagte, sie müsse den Kummer verbergen, unter dessen Druck sie fast erlag, um ihre Mutter zu schonen, so vereitelte die Unfähigkeit, sich zu verstellen, und die Neuheit einer solchen Bürde doch ihr inniges Streben, allein zu tragen, was der freie Blick in das Herz des Jünglings, den sie liebte, ihr auferlegt hatte. Aus ihrem Daseyn war das Paradies verschwunden – das Schöne aus ihren Träumen – das Göttliche aus ihrer Hoffnung. Denn wie ein Blitz, ungeahnet und unbegriffen, von wannen? woher? war die Liebe aus des Himmels Höhen in ihr Gemüt gesunken, aber nicht, wie sie in frommer Kindlichkeit geglaubt hatte, um es zu erwärmen, und zu erhellen, sondern um jede Kraft zu lähmen, jede Freudigkeit zu vernichten. Sie befragte sich selbst in der Bangigkeit ihrer Zweifel, ob es Gottes Hand sei, die diese schwere, dunkle Wolke über ihr Leben herauf führte, oder der Dämon eigner Schuld – aber ihr Bewußtseyn war rein, und warf ihr nur ein zu blindes, nur so bitter hintergangenes Vertrauen, nur eine zu innige, jetzt so grausam getäuschte Neigung, keinen Fehler vor, der Alexanders rauhes Abwenden von ihr hätte rechtfertigen können.
Vorlage S. 63
155
Der Sturm, den betrogener Glaube, gemisbrauchtes Zutrauen, und das unheilbare Gift einer ewigen Hoffnungslosigkeit in ihrer Seele erregt hatte, näherte sie fast dem Wahnsinn, indem er ihre körperliche Kraft sichtbar aufrieb.
Vorlage S. 64
156
Ihre Mutter, die nur durch Augusten, nicht durch die von der Größe ihres Schmerzes verschloßnen Lippen ihres Kindes das Vorgefallene erfuhr, vergaß der eignen Leiden, um den Kummer der geliebten Tochter lindern und tragen zu helfen.
Vorlage S. 64
157
Längst hatten ihr die Aerzte bei der Zartheit ihrer Constitution einen Aufenthalt in südlichen Ländern verordnet. Aber die Beschwerden einer so weiten Reise, das Gefühl ihrer Schwäche, die Anhänglichkeit an ihren Wohnort und an den freundlichen Kreis, der sie dort umgab, und so manche Schwierigkeiten mehr, die der Kränkliche mühsam überwindet, weil er, der Energie und des Muthes beraubt, leicht in der spielenden Mücke einen drohenden Elephanten erblickt, hatten sie bisher abgehalten, um ihrentwillen diesen heilsamen Rath zu befolgen.
Vorlage S. 64
158
Aber kaum hatte man ihr gesagt, dass Erna, krank an Leib und Seele, der Zerstreuung und einer mildern Luft bedürfe, um zu genesen, als das liebevolle Mutterherz Entschlossenheit genug in sich fand, allen Hindernissen Trotz zu bieten.
Vorlage S. 65
159
Mit einer Eil, die sich selbst nicht Ruhe vergönnte, wurden die Anstalten zur Abreise betrieben. Seit Jahren in einem völlig leidenden Zustand, und aller Tätigkeit entwöhnt, überließ sie sich jetzt einer so eifrigen Betriebsamkeit, dass sie gleichsam in diesem Streben noch einmal wieder aufglühte, wie die hinsterbende Lampe kurz vor dem Erlöschen höher aufflackert.
Vorlage S. 65
160
Denn sie konnte die Sorge für das Mittel, durch welches sie ihr größtes Kleinod zu retten hoffte, niemand, sogar der treuen Auguste nicht überlassen und die mühevollsten Anstrengungen, deren sie sich unterzog, gaben durch ihren heiligen Zweck ihren erschlafften Nerven wieder Spannung, ihrem hinfälligen Körper wieder Kraft.
Vorlage S. 65
161
Sie ordnete alles selbst, und da sie weder Mühe noch Geld sparte, so war das Ziel ihres Strebens bald erreicht, und wenig Wochen nach der Catastrophe, die Erna's Herz brach, rollte der schwer beladene Reisewagen bereits mit ihr dem freundlichen Süden zu.
Vorlage S. 66
162
Die Generalin blickte weinend ihrer alten Freundin nach. War es die Ahnung, dass sie sie niemals wieder sehen werde, war es ein innerer Vorwurf, dass ihr voreiliger Wunsch, Erna zum Schutzgeist ihres Brudersohns zu weihen, die Veranlassung so herben Kummers für diese und ihre Mutter geworden war, und sie selbst des liebsten Umgangs beraubte – genug sie konnte sich der tiefsten Traurigkeit nicht erwehren.
Vorlage S. 66
163
Nach reiflicher Ueberlegung, und genauer Prüfung des Vorgefallenen, das schmerzlicher noch in Erna's Thränen, als in Augustens Mit heilungen sich aussprach, glaubte sie ihren Neffen richtig zu beurtheilen, wenn sie meinte, er habe, um sie nicht zu erzürnen, scheinbar in ihr Verlangen eingehn wollen, habe in der Langenweile seiner einförmigen Lebensweise bei ihr wirklich für eine kurze Zeit befriedigende Unterhaltung im Wahrnehmen der ihm so neuen, himmlischen Unschuld Erna's gefunden – endlich aber wie ein wildes Roß nach zügelloser Freiheit sich sehnt, und Zaum und Gebiß flieht, die immer leiser sich zuziehende Schlinge eines ernster werdenden Verhältnisses durch einen Gewaltstreich zerreissen wollen, indem er Gesinnungen äußerte, von denen er wusste, sie würden ihn der frommen Erna entfremden.
Vorlage S. 66
164
Er gewann jedoch keineswegs dadurch in ihren Augen, dass sie ihn sich eigentlich besser dachte als er selbst sich darzustellen bemüht gewesen war. Weit lieber hätte sie ihn als einen Verirrten beklagen, wie als einen Heuchler verachten mögen. Die kleinliche List, mit der er die Folgen seiner herzlosen Annäherung zu vertilgen suchte, und das leichtsinnige Spiel, das er mit einem der besten Mädchen getrieben, wandten in gerechtem Unmuth ihre Neigung von ihm ab, und sie gewann es nicht über sich während des kurzen Rests ihres Lebens, ihn, als ihr diese Ansicht völlig klar geworden war, je wieder eines freundlichen Worts zu würdigen. Seine Briefe blieben stets unbeantwortet, und kein Zeichen ihres Seyns und ihrer Teilnahme an seinem Geschick suchte, wie sonst, ihn in der Ferne zu erfreuen. Sie traf jedoch, um das Andenken eines geliebten Bruders auch noch in seinem unwürdigen Sohne zu ehren, keine Anstalten, ihn das Vermögen zu entziehen, das nach ihrem Tode die Gesetze ihm, als ihrem nächsten Erben zuerkannten, und zwei Jahre nachher setzte ihn ihr sanftes Hinscheiden in den freien und rechtmäßigen Besitz desselben.
Vorlage S. 67

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1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Aber dies Gefühl war ihm bisher noch fremd im Leben geblieben, deshalb …«

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2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Worten begleitet, scheuchten ihn abermals zurück, und erst als er sich nicht mehr um sie zu bekümmern schien, erlangte sie ihre Ruhe und […] wieder«

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3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »weil« in diesem Textausschnitt? »Sie sagte ihm nämlich, dass sie nie getanzt, und auch nie Unterricht in dieser Kunst gehabt habe, weil die auf dem Lande so seltene Gelegenheit, sie zu erlernen, sich gerade zu einer Epoche getroffen, als ihre Mutter besonders leidend gewesen sei, daher es ihr sowohl an Zeit als an Lust gemangelt habe.«

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4. Welcher Ausschnitt enthält eine ausdrückliche Verneinung oder einen Ausschluss? Achte auf ein ausdrücklich genanntes Signalwort.

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5. Was bedeutet »allgemach« in diesem Ausschnitt? »Es am Zügel führend, und ihr nun die Regeln aus einander setzend, durch welche es sich am sichersten leiten und beherrschen lasse, fühlte Erna ihre Bangigkeit allgemach verschwinden.«

Eine Antwort ist richtig.

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6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse. A: »Dies entsprach allerdings, die Güte und Dankbarkeit ihres Herzens verbürgend, der Schilderung, die die Generalin von ihren moralischen Eigenschaften gemacht hatte.« B: »Denn es lag Alexandern daran, sie zutraulicher noch zu stimmen, und das konnte ihm weniger gelingen, wenn er Gegenstände berührte, die ihrer Unerfahrenheit fremd waren.« C: »Nur dann und wann holte sie sich aus dem Nebenzimmer, wo Alexander sehr oft Augusten Gesellschaft leistete, einen stärkenden Blick von ihm, oder einen erquickenden Händedruck.«

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7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Mit der ganzen Kraft des neu erwachten Lebens, mit der vollen Gluth …«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗ Textstelle 4 ↗

8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Denn ob er bei seinen Ansprüchen an Politur der Form und äußeren Benehmen gleich fand dass das in geselliger Feinheit so unerfahrene Landmädchen sich besser in ihren Hühnerhof, und unter die Bewohner ihres Dorfs, als in die in […] Facellen geschliffene Residenz schicke, so musste«

Eine Antwort ist richtig.

Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗ Textstelle 3 ↗

9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »entweder« in diesem Textausschnitt? »Ein feines Benehmen, einen eleganten Ton, und eine Art von Ansehn, das sich entweder auf Geburt, Rang und Einfluss, oder auf Reichthum, Geist, oder persönliche Annehmlichkeiten gründet.«

Eine Antwort ist richtig.

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10. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »bezweifeln konnte – sein Stolz lehnte sich, wiewohl scheinbar mit tiefem Schmerz kämpfend, …«

Eine Antwort ist richtig.

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Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte

1. Lies den Abschnittsbeginn: »Ein liebes Mädchen sollst Du heute kennen lernen, Alexander, sagte die verwitwete Generalin von Zwenkau zu ihrem Neffen, einem zwanzigjährigen Husarenoffizier, der aus der Residenz gekommen war, sie in der […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
  • Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
Textstelle nachlesen ↗

2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Auch Erna, selig gehoben von den Schwingen eines so mächtigen, ihr selbst im Traume der Ahnung noch nimmer erschienenen Gefühls, sah mit klopfendem Herzen, von ihrer Mutter auf diesen feierlichen Moment […]« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
  • Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
Textstelle nachlesen ↗

3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Und sollte es nicht unsere Pflicht sein, auf einen höheren Richter zu achten, als auf das seichte, durch Trug und Lüge, und Blendwerke aller Art befangene Urteil der Welt? unterbrach ihn Erna. Sollte nicht der Glaube an Gott, an die […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Facellen geschliffene Residenz schicke, so musste er doch die schleierlose Wahrheit ihres Charakters achten, und die reine Güte ihres Herzens verehren.«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] störte er zuerst ihre goldenen Illusionen durch die Erinnerung an die Angst ihrer Mutter, wenn nämlich, wie sich vermuthen lasse, der Araber den Weg nach Hause gefunden habe, und ohne seine Reiterin ihr ein Bote der schmerzlichsten Sorge, […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
Textstelle nachlesen ↗

6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Mutter, die gleichsam das ganze Leben ihrer Erna als ein Opfer kindlicher Liebe hinnahm, das ihr gebührte, und die das früh resignirte Kind aus der Sphäre fröhlicher Jugendlust, die ihren Jahren angemessen war, an den engen Kreis bannte, […]«

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
  • Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
  • Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
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7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Auch Erna, selig gehoben von den Schwingen eines so mächtigen, ihr selbst im Traume der Ahnung noch nimmer erschienenen Gefühls, […]« und »Doch es war nicht Erwiederung ihrer liebenden Empfindung, die aus seinen Blicken strahlte – es war nur die aus ganz gewöhnlicher […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
  • Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗

8. Am Abschnittsende steht: »Er gewann jedoch keineswegs dadurch in ihren Augen, dass sie ihn sich eigentlich besser dachte als er selbst sich darzustellen bemüht gewesen war. Weit lieber hätte sie ihn als einen Verirrten beklagen, wie als […]« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
  • Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
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9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Ein liebes Mädchen sollst Du heute kennen lernen, Alexander, sagte die verwitwete Generalin von Zwenkau zu […]« / »Er gewann jedoch keineswegs dadurch in ihren Augen, dass sie ihn sich eigentlich besser dachte als er selbst […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.

Impulse zur Selbstprüfung

Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.

  • Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
  • Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
  • Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
Textstelle 1 ↗ Textstelle 2 ↗
Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte

Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.

Niveau 1 · Einstieg

1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Ein liebes Mädchen sollst Du heute kennen lernen, Alexander, sagte die verwitwete Generalin von Zwenkau zu ihrem Neffen, einem zwanzigjährigen Husarenoffizier, der aus der Residenz gekommen war, sie in der Landstadt zu besuchen, in der sie wohnte.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
  • Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
  • Kennzeichne deine Ergänzungen als erfunden.
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Niveau 2 · Vertiefung

2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Denn es lag Alexandern daran, sie zutraulicher noch zu stimmen, und das konnte ihm weniger gelingen, wenn er Gegenstände berührte, die ihrer Unerfahrenheit fremd waren.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
  • Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
  • Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
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Niveau 3 · Gestaltung

3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Sie traf jedoch, um das Andenken eines geliebten Bruders auch noch in seinem unwürdigen Sohne zu ehren, keine Anstalten, ihn das Vermögen zu entziehen, das nach ihrem Tode die Gesetze ihm, als ihrem nächsten Erben zuerkannten, und zwei Jahre nachher setzte ihn ihr sanftes Hinscheiden in den freien und rechtmäßigen Besitz desselben.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.

Impulse zur Selbstprüfung

Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.

  • Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
  • Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
  • Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
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Ausgabe, Herkunft und Rechte

Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Erna von Ahlefeld, Charlotte von ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).

Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.

Erna

Charlotte von Ahlefeld: Erna. Kein Roman, Altona: Johann Friedrich Hammerich, 1820. Ahlefeld, Charlotte von 1- Altona

Das Werk Erna von Ahlefeld, Charlotte von ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.

Quelltext und Ausgabe ↗ · CC BY 3.0 DE; reine Originaltexte gemeinfrei Lizenz

Welche Änderungen enthält die Lesefassung?

Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.