Deutsch · Abschnitt 1 von 1
Alfred Lord Tennyson
4 In langen Klippenreih'n blieb eine Schlucht,
Vorlage S. 1 5 Und in der Schlucht sind Schaum und gelber Sand;
Vorlage S. 1 6 Jenseits viel' rote Dächer, um ein Werft
Vorlage S. 1 7 Geschart; dann ein verwittert' Kirchlein; höher
Vorlage S. 1 8 Zieht eine lange Straße sich hinan
Vorlage S. 1 9 Zur einzigen Mühle hochgetürmtem Bau;
Vorlage S. 1 10 Und fern dahinter eine graue Düne
Vorlage S. 1 11 Mit Hünengräbern; und ein Haselholz,
Vorlage S. 1 12 Im Herbst von Kindern gern geplündert, grünt
Vorlage S. 1 13 In einer muldenförmigen Schlucht der Düne.
Vorlage S. 1 14 Vor hundert Jahren spielten hier am Strand
Vorlage S. 1 15 Drei Kinder dreier Häuser – Annie Lee,
Vorlage S. 1 16 Das schmuckste kleine Mädchen in dem Dorf,
Vorlage S. 1 17 Und Philipp Ray, des Müllers einz'ger Sohn,
Vorlage S. 1 18 Und Enoch Arden, eines Seemanns Kind,
Vorlage S. 1 19 Verwaist durch einen Winterschiffbruch; – spielten
Vorlage S. 1 20 Unterm Gerümpel und Gerät des Ufers:
Vorlage S. 1 21 Gewundnem Tauwerk, schwarzen Fischernetzen,
Vorlage S. 1 22 Geteerten Böten, Ankern, braun von Rost;
Vorlage S. 1 23 Und bauten Schlösser sich von lockerm Sand,
Vorlage S. 1 24 Die bald die Flut entführte, oder folgten
Vorlage S. 1 25 Der Brandungswelle nach, und flohn vor ihr
Vorlage S. 1 26 Und prägten täglich in den weichen Sand
Vorlage S. 1 27 Die kleine Fußspur, täglich fortgespült.
Vorlage S. 1 28 In einer engen Höhlung unterm Dach
Vorlage S. 1 29 Der Klippe spielten Haushalt oft die Kinder.
Vorlage S. 1 30 Den Tag war Enoch, diesen Philipp Herr,
Vorlage S. 1 31 Und Annie stets die Hausfrau; doch zuweilen
Vorlage S. 1 32 Wollt' Enoch Herr für eine Woche sein:
Vorlage S. 1 33 »Dies ist mein Haus, dies meine kleine Frau.«
Vorlage S. 1 34 »Auch meine«, sagte Philipp, »Eins ums Andre.«
Vorlage S. 1 35 Wenn sie sich zankten, siegte Enoch meist,
Vorlage S. 1 36 Weil er der Stärkre war; dann füllten sich
Vorlage S. 1 37 Die blauen Augen Philipps mit den Tränen
Vorlage S. 2 38 Hilflosen Zorns, und bebend rief er aus:
Vorlage S. 2 39 »Enoch, ich hasse Dich«, und zur Gesellschaft
Vorlage S. 2 40 Dann weinte ängstlich mit die kleine Frau,
Vorlage S. 2 41 Und bat sie, ihretwillen nicht zu zanken,
Vorlage S. 2 42 Sie sei ja gern mit beiden kleine Frau.
Vorlage S. 2 43 Doch als der Kindheit Rosendämmrung schwand,
Vorlage S. 2 44 Und als der Lebenssonne Glut durchflammte
Vorlage S. 2 45 Der beiden Herz, entbrannte beider Herz
Vorlage S. 2 46 Für dieses eine Mädchen. Enoch sprach
Vorlage S. 2 47 Sein Lieben aus, doch Philipp liebte stumm.
Vorlage S. 2 48 Und freundlicher schien Annie gegen Philipp;
Vorlage S. 2 49 Allein sie liebte Enoch, ob sie's auch
Vorlage S. 3 50 Nicht wusste, und geleugnet haben würde,
Vorlage S. 3 51 Wenn man sie drum befragte. Enoch hielt
Vorlage S. 3 52 Vor Augen einen Vorsatz immerfort:
Vorlage S. 3 53 Zu sparen, was er irgend sparen konnte,
Vorlage S. 3 54 Ein eignes Boot zu kaufen, und für Annie
Vorlage S. 3 55 Ein Hüttchen zu erbau'n; und also kam's,
Vorlage S. 3 56 Dass glücklicher und kühner endlich, und
Vorlage S. 3 57 Bedächt'ger in Gefahr, kein Fischer lebte
Vorlage S. 3 58 Am meergepeitschten Strande stundenweit,
Vorlage S. 3 59 Als Enoch. Auch hatt' er ein Jahr gedient
Vorlage S. 3 60 Auf einem Kauffahrteischiff, wo er sich
Vorlage S. 3 61 Zum Vollmatrosen aufschwang; dreimal war
Vorlage S. 3 62 Es ihm geglückt, aus finsterm Wellengrab
Vorlage S. 3 63 Ein Menschenleben an das Licht zu retten;
Vorlage S. 3 64 Und alle lobten ihn und sahn ihn gern.
Vorlage S. 3 65 Und eh' er einundzwanzig Lenze zählte,
Vorlage S. 3 66 Kauft' er sein eignes Boot, und baut' ein Hüttchen,
Vorlage S. 3 67 Ein niedlich Nest, für Annie, halb hinan
Vorlage S. 3 68 Das Gäßchen, das empor zur Mühle klomm.
Vorlage S. 3 69 An einem herbstlich goldnen Abend war's,
Vorlage S. 3 70 Da machte Feiertag das junge Volk,
Vorlage S. 3 71 Und ging mit Säcken, Körben, groß und klein,
Vorlage S. 3 72 Ins Holz zum Nüssepflücken. Philipp folgte
Vorlage S. 4 73 – (Krank war sein Vater und bedurfte sein) –
Vorlage S. 4 74 Ein Stündchen später; doch als er den Hügel
Vorlage S. 4 75 Erstieg, just wo des Haselholzes Saum
Vorlage S. 4 76 Zur Schlucht hinab sich neigt, sah er das Paar,
Vorlage S. 4 77 Enoch und Annie, sitzen Hand in Hand,
Vorlage S. 4 78 Sein graues Aug' und wetterbraunes Antlitz
Vorlage S. 4 79 Von einer heil'gen Glut verklärt, die still
Vorlage S. 4 80 Wie Altarkerzen brannte. Philipp sah's,
Vorlage S. 4 81 Und las sein Urteil klar in ihren Mienen.
Vorlage S. 4 82 Als sie sich aneinander schmiegten, stöhnt' er
Vorlage S. 4 83 Und schlich hinweg, und wie ein wundes Reh
Vorlage S. 4 84 er hinunter in die wald'ge Schlucht;
Vorlage S. 4 85 Dort hatt', indes die andern lustig scherzten,
Vorlage S. 4 86 Er seine dunkle Stunde ungesehn,
Vorlage S. 5 87 Dann stand er auf, und kehrte heim, und trug
Vorlage S. 5 88 Der lebenslangen Sehnsucht Weh im Herzen.
Vorlage S. 5 89 So wurden jene Zwei vermählt, und fröhlich
Vorlage S. 5 90 Erklang der Hochzeitsglocken Schall, und fröhlich
Vorlage S. 5 91 Entflohn die Jahre, sieben frohe Jahre,
Vorlage S. 5 92 Beglückte Jahre reichlichen Erwerbs,
Vorlage S. 5 93 Herzlicher Liebe, ehrenhafter Arbeit.
Vorlage S. 5 94 Und Kinder kamen: – erst ein Töchterlein,
Vorlage S. 5 95 Und mit des ersten Säuglings Schrei erwachte
Vorlage S. 5 96 In seinem Herzen tief der edle Wunsch,
Vorlage S. 5 97 Zu sparen, was er irgend sparen konnte,
Vorlage S. 5 98 Um bessere Erziehung seinem Kind
Vorlage S. 5 99 Zu geben, als sie ihm und ihr beschieden;
Vorlage S. 5 100 Ein Wunsch, der stärker noch in ihm erwuchs,
Vorlage S. 5 101 Als zwei Jahr später sich ein Knäbchen einfand,
Vorlage S. 5 102 Der rosige Abgott ihrer Einsamkeit,
Vorlage S. 5 103 Wenn Enoch fern war auf der zorn'gen See,
Vorlage S. 5 104 Oder landeinwärts reiste; denn es waren
Vorlage S. 5 105 Der Schimmel Enochs und sein Meeresfang
Vorlage S. 5 106 In meeresduft'gem Korb und sein Gesicht,
Vorlage S. 5 107 Das tausend Winterstürme derb gebräunt,
Vorlage S. 6 108 Nicht nur am Marktplatz-Kreuze wohl bekannt,
Vorlage S. 6 109 Nein, auch im Heckenweg jenseits der Düne,
Vorlage S. 6 110 Bis zu dem Löwen-Steinbild vorm Portal
Vorlage S. 6 111 Und bis zum Taxus-Pfau des Edelhofs,
Vorlage S. 6 112 Des Freitagsmahlzeit Enoch lieferte.
Vorlage S. 6 113 Dann kam ein Wechsel, wie ja alles wechselt.
Vorlage S. 6 114 Zehn Meilen nordwärts von der schmalen Bucht
Vorlage S. 6 115 Entstand ein größrer Hafen; dorthin ging
Vorlage S. 6 116 Jetzt Enoch oft zu Wasser oder Land.
Vorlage S. 6 117 Und einstmals, als er einen Schiffsmast dort
Vorlage S. 6 118 Erkletterte, erlitt er einen Sturz.
Vorlage S. 6 119 Da man ihn aufhob, war ein Bein gebrochen;
Vorlage S. 6 120 Und wie er krank dort lag, gebar sein Weib
Vorlage S. 6 121 Ihm einen zweiten Sohn, ein schwächlich Kind;
Vorlage S. 6 122 Und fremde Hand, die ihm die Kunden wegfing,
Vorlage S. 6 123 Nahm ihm der Seinen Brot; und als er so
Vorlage S. 6 124 Untätig lag, beschlich ihn Sorg' und Zweifel,
Vorlage S. 6 125 Obschon er immer fromm auf Gott vertraut.
Vorlage S. 6 126 Nachts, wie ein Alpdruck, quälte ihn ein Traum,
Vorlage S. 6 127 Als säh' er seine Kinder ewig führen
Vorlage S. 6 128 Ein elend Leben von der Hand zum Mund,
Vorlage S. 7 129 Und betteln sein geliebtes Weib. Er flehte:
Vorlage S. 7 130 »Was auch mein Los sei, davor schütze sie!«
Vorlage S. 7 131 Noch betet' er, da kam der Kapitän
Vorlage S. 7 132 Des Schiffs, auf welchem Enoch einst gedient,
Vorlage S. 7 133 Und der von seinem Missgeschick vernommen,
Vorlage S. 7 134 Zu ihm – er kannt' ihn und er schätzte ihn –
Vorlage S. 7 135 Und sagte, dass sein Schiff nach China segle,
Vorlage S. 7 136 Und ein Hochbootsmanns-Platz noch offen sei.
Vorlage S. 7 137 Ob er den wolle? Viele Wochen noch
Vorlage S. 7 138 Sei's bis zur Abfahrt. Ob den Platz er wolle?
Vorlage S. 7 139 Und Enoch sagte ohne Zögern Ja,
Vorlage S. 7 140 Und freute sich, dass sein Gebet erhört.
Vorlage S. 7 141 So schien des Mißgeschickes Schatten jetzt
Vorlage S. 8 142 Nicht ernster, als wenn eine flücht'ge Wolke
Vorlage S. 8 143 Der Sonne glanzerhellte Bahn verdeckt,
Vorlage S. 8 144 Und ihren Schatten als ein Inselchen
Vorlage S. 8 145 Von Licht aufs Wasser wirft: – doch, wenn er ging,
Vorlage S. 8 146 Was sollte dann aus Weib und Kindern werden?
Vorlage S. 8 147 Lang dachte Enoch seinen Plänen nach.
Vorlage S. 8 148 Das Boot verkaufen? – ach, er liebt' es so!
Vorlage S. 8 149 Wie manchem Sturm hatt' er in ihm getrotzt!
Vorlage S. 8 150 Er kannt' es, wie der Reiter kennt sein Roß –
Vorlage S. 8 151 Und dennoch wollt' er's tun, und mit dem Geld
Vorlage S. 8 152 Für Annie Waren kaufen, dass sie handle
Vorlage S. 8 153 Mit allem, was der Schiffersmann bedarf –
Vorlage S. 8 154 So hielte sie, indes er fern, wohl Haus.
Vorlage S. 8 155 Konnt' er nicht handeln auch im fremden Land?
Vorlage S. 8 156 Die Reise mehrmals machen? zweimal, dreimal –
Vorlage S. 8 157 So oft wie nötig – reich dann heimgekehrt,
Vorlage S. 8 158 Zuletzt ein größres Fahrzeug sich erstehn,
Vorlage S. 8 159 Mit mehr Gewinn ein leichtres Leben führen.
Vorlage S. 8 160 Die schmucken Kleinen gut erzogen sehn,
Vorlage S. 8 161 Und friedlich hier beenden seine Tage?
Vorlage S. 8 162 Also beschloss er alles bei sich selbst;
Vorlage S. 8 163 Dann zu der bleichen Annie kehrt' er heim,
Vorlage S. 8 164 Die noch ihr kränkelnd Kind, ihr jüngstes, nährte.
Vorlage S. 9 165 Sie sprang mit einem Jubelruf empor
Vorlage S. 9 166 Und legt' ihm in den Arm das schwache Kind;
Vorlage S. 9 167 Und Enoch nahm's, befühlt' ihm Arm' und Beine,
Vorlage S. 9 168 Taxierte sein Gewicht, und herzt' es warm,
Vorlage S. 9 169 Doch fand er nicht den Mut, von seinem Plan
Vorlage S. 9 170 Mit ihr zu reden, eh' am andern Tag.
Vorlage S. 9 171 Zum erstenmal, seit Enochs Ring sie trug,
Vorlage S. 9 172 Bekämpfte Annie seinen Willen jetzt,
Vorlage S. 9 173 Doch nicht mit trotzig keifendem Widerspruch,
Vorlage S. 9 174 Sondern mit mancher Träne, manchem Flehn
Vorlage S. 9 175 Und manch betrübtem Kuß bei Tag und Nacht
Vorlage S. 9 176 (Denn jedes Unheil sah sie draus entspringen)
Vorlage S. 9 177 Beschwor sie ihn, wenn lieb ihm sei ihr Wohl
Vorlage S. 9 178 Und seiner Kinder Wohl, nicht fortzugehn.
Vorlage S. 9 179 Doch da er nicht an sich, nur an die Kinder
Vorlage S. 9 180 Und sie gedachte, frommte Nichts ihr Bitten;
Vorlage S. 9 181 Fest blieb er, trotz des Grams, und setzt' es durch.
Vorlage S. 9 182 Sein liebes altes Boot schlug Enoch los,
Vorlage S. 9 183 Und kaufte Waren ein, und mühte sich,
Vorlage S. 9 184 Das kleine Stübchen, das zur Straße blickte,
Vorlage S. 9 185 Zum Laden umzuwandeln, mit Gesims,
Vorlage S. 9 186 Regal und Fächerbord an allen Wänden.
Vorlage S. 10 187 So schaffte Enoch bis zum letzten Tag,
Vorlage S. 10 188 Und ließ durchs Hüttchen Axt und Hammer schallen
Vorlage S. 10 189 Und Säg' und Bohrer kreischen, während Annie
Vorlage S. 10 190 Vermeinte, dass man ihr Schafott erbaue,
Vorlage S. 10 191 Bis alles fertig war, und seine Hand
Vorlage S. 10 192 – Der Raum war enge – alles fast so hübsch
Vorlage S. 10 193 Und dicht geordnet, wie Natur ihr Kraut
Vorlage S. 10 194 Und Blümchen eingeschachtelt; und der Gute,
Vorlage S. 10 195 Der bis zum letzten Augenblicke gern
Vorlage S. 10 196 Für Annie tätig war, schlich müd hinauf
Vorlage S. 10 197 Ins Bett, um bis zum Morgen fest zu schlafen.
Vorlage S. 10 198 Und Enoch blickte diesem Abschiedsmorgen
Vorlage S. 10 199 Ins Auge kühn und heiter. Annies Furcht
Vorlage S. 10 200 Verlacht' er, ob auch leid ihr Schmerz ihm tat.
Vorlage S. 10 201 Doch als ein braver, gottesfürcht'ger Mann
Vorlage S. 10 202 Beugt' er sein Knie, und in der hehren Stimmung,
Vorlage S. 10 203 Wo Gott im Menschen und der Mensch in Gott ist,
Vorlage S. 10 204 Erfleht' er Segen für sein Weib und Kind,
Vorlage S. 10 205 Was auch sein Los sei, und dann sagt' er froh:
Vorlage S. 10 206 »Annie, durch Gottes Huld wird diese Fahrt
Vorlage S. 10 207 Uns allen heitres Wetter noch bescheren.
Vorlage S. 10 208 Halt rein den Herd, das Feuer hell für mich,
Vorlage S. 10 209 Denn eh' du's denkst, mein Kind, kehr ich zurück.«
Vorlage S. 11 210 Dann, leis' des Säuglings Wiege schaukelnd, sprach er:
Vorlage S. 11 211 »Und dieser hübsche, kleine, schwache Knirps,
Vorlage S. 11 212 – Ich lieb' ihn eben darum ja noch mehr –
Vorlage S. 11 213 Gott segn' ihn! auf dem Knie soll er mir sitzen,
Vorlage S. 11 214 Ich will erzählen ihm von fremdem Land,
Vorlage S. 11 215 Froh soll er lachen, wenn ich wiederkehre.
Vorlage S. 11 216 Komm, Annie, schau' zum Abschied mutig drein!«
Vorlage S. 11 217 Sie hört' ihn reden also hoffnungsvoll,
Vorlage S. 11 218 Und hoffte selbst beinah; doch als er nun
Vorlage S. 11 219 Den Redestrom auf ernstre Dinge lenkte,
Vorlage S. 11 220 In derber Schifferweise predigend
Vorlage S. 11 221 Von Gottvertraun und Vorsicht, hörte sie,
Vorlage S. 11 222 Und hört' ihn nicht; dem Mädchen gleich im Dorf,
Vorlage S. 11 223 Das ihren Krug am Brunnen niedersetzt,
Vorlage S. 11 224 Und, dessen denkend, der ihn einst ihr füllte,
Vorlage S. 11 225 Hört und nicht hört, derweil er überfließt.
Vorlage S. 11 226 Doch endlich sprach sie: »Enoch, du bist klug,
Vorlage S. 11 227 Allein trotz aller deiner Klugheit weiß ich,
Vorlage S. 11 228 Dass ich dein Antlitz nimmer wiederseh.«
Vorlage S. 11 229 »Hm«, scherzte Enoch, »deines werd' ich sehn,
Vorlage S. 11 230 Annie, mein Schiff wird hier vorüberfahren
Vorlage S. 11 231 An dem und dem Tag; leih' ein Fernrohr dir,
Vorlage S. 12 232 Such' mein Gesicht, und lache deiner Furcht.«
Vorlage S. 12 233 Doch als der letzte Augenblick erschien,
Vorlage S. 12 234 Sprach er: »Mein Weib, sei mutig und getrost,
Vorlage S. 12 235 Sieh nach den Kleinen, und bis heim ich kehre,
Vorlage S. 12 236 Halt alles wohl in Stand, denn ich muss fort.
Vorlage S. 12 237 Sorg' nicht um mich mehr, oder wenn du sorgst,
Vorlage S. 12 238 Wirf' deine Sorg' auf Gott; der Anker hält.
Vorlage S. 12 239 Ist Er nicht dort in jenem fernsten Teil
Vorlage S. 12 240 Des Ostens? Wenn ich dorthin auch entfliehe,
Vorlage S. 12 241 Enteil' ich jemals Ihm? Das Meer ist Sein,
Vorlage S. 13 242 Das Meer ist Sein – Er schuf's.«
Vorlage S. 13 243 Enoch stand auf,
Vorlage S. 13 244 Schlang seinen Arm um sein gebeugtes Weib
Vorlage S. 13 245 Und küsste seine wirr erstaunten Kinder.
Vorlage S. 13 246 Allein das dritte, kränkliche, schlief jetzt
Vorlage S. 13 247 Nach einer fieberhaft durchwachten Nacht;
Vorlage S. 13 248 Als Annie dies aufnehmen wollte, sprach er:
Vorlage S. 13 249 »Still, lass es schlummern! nie erinnert doch
Vorlage S. 13 250 Das Kind sich dran!« und küsst' es in der Wiege.
Vorlage S. 13 251 Und Annie schnitt von ihres Säuglings Stirn
Vorlage S. 13 252 Ein Löckchen ab, und gab's ihm! Dies bewahrt' er
Vorlage S. 13 253 Für alle Zeit; doch hastig nahm er jetzt
Vorlage S. 13 254 Sein Bündel, winkt' Ade, und schritt' von dannen.
Vorlage S. 13 255 Sie lieh am Tag, den Enoch ihr genannt,
Vorlage S. 14 256 Ein Fernrohr, doch vergebens war ihr Spähn;
Vorlage S. 14 257 Vielleicht verstand sie nicht das Glas zu stellen;
Vorlage S. 14 258 Vielleicht war trüb' ihr Aug', zittrig die Hand:
Vorlage S. 14 259 Sie sah ihn nicht, und während auf dem Deck
Vorlage S. 14 260 Er stand und winkte, fuhr das Schiff vorbei.
Vorlage S. 14 261 Sie sah dem Segel nach, bis es vertauchte
Vorlage S. 14 262 Am Horizont, und kehrte weinend heim.
Vorlage S. 14 263 Dann, ob sie gleich wie einen Toten ihn
Vorlage S. 15 264 Betrauerte, bemühte sie sich trüb,
Vorlage S. 15 265 Nach seinem Willen Jegliches zu tun;
Vorlage S. 15 266 Allein ihr Handel wollte nicht gedeihn,
Vorlage S. 15 267 Sie wusste nicht zu feilschen, und ersetzte
Vorlage S. 15 268 Den Mangel nicht durch Schlauheit, sie verstand
Vorlage S. 15 269 Sich nicht aufs Lügen, konnte unverschämt
Vorlage S. 15 270 Nicht fordern, um dann billiger abzulassen.
Vorlage S. 15 271 Und allzeit fragend: »Was wird Enoch sagen?«
Vorlage S. 15 272 Verkaufte mehr als einmal sie zur Zeit
Vorlage S. 15 273 Der Not und der Bedrängnis ihre Waren
Vorlage S. 15 274 Für weniger, als sie dafür bezahlt.
Vorlage S. 15 275 Mit Sorg' und Trauer nahm sie's wahr, und so,
Vorlage S. 15 276 Der Nachricht harrend stets, die nimmer kam,
Vorlage S. 15 277 Erwarb ein dürftig Brot sie ihren Kindern,
Vorlage S. 15 278 Und lebt' ein Leben stiller Schwermut hin.
Vorlage S. 15 279 Das dritte Kind, das kränkliche, ward kränker
Vorlage S. 15 280 Von Tag zu Tag, obschon die Mutter es
Vorlage S. 15 281 Mit Muttersorgfalt pflegte; mocht' es sein,
Vorlage S. 15 282 Dass ihr Geschäft sie oftmals von ihm abrief,
Vorlage S. 15 283 Dass ihr gebrach, was ihm am nötigsten,
Vorlage S. 15 284 Und dass sie nicht des besten Arztes Rat
Vorlage S. 15 285 Bezahlen konnte: – wie dem immer sei,
Vorlage S. 15 286 Nach kurzem Zögern, fast eh' sie es bemerkte,
Vorlage S. 16 287 Entflog die kleine Seele himmelwärts,
Vorlage S. 16 288 Wie jäh ein Vöglein aus dem Käfig fliegt.
Vorlage S. 16 289 In jener Woche, als sie es begrub,
Vorlage S. 16 290 Schlug Philipps treues Herz, das nur bedacht
Vorlage S. 16 291 Auf ihren Frieden war – (er hatte sie,
Vorlage S. 16 292 Seit Enoch fortgegangen, nicht gesehn) –
Vorlage S. 16 293 In Reue, dass so lang er fern sich hielt.
Vorlage S. 16 294 »Jetzt,« meinte Philipp, »wär's ein kleiner Trost
Vorlage S. 16 295 Vielleicht, wenn sie mich sähe«; und er ging.
Vorlage S. 16 296 Er schritt zuerst durchs öde Vorgemach,
Vorlage S. 16 297 Blieb drinnen vor der Tür ein Weilchen stehn,
Vorlage S. 16 298 Und trat, nachdem er dreimal angeklopft,
Vorlage S. 16 299 Und keiner ihm geöffnet, still hinein;
Vorlage S. 17 300 Doch Annie, die von ihres Kleinen Grab
Vorlage S. 17 301 Soeben erst zurück, in Trauer saß,
Vorlage S. 17 302 Mocht' keines Menschen Antlitz schaun, und kehrte
Vorlage S. 17 303 Der Wand das ihre zu, und weinte laut.
Vorlage S. 17 304 Da nahte Philipp sich und stammelte:
Vorlage S. 17 305 »Annie, ich kam, um eine Gunst zu bitten.«
Vorlage S. 17 306 Die Leidenschaft der Antwort, die sie stöhnte:
Vorlage S. 17 307 »Pah! Gunst von einem so verlaßnen Ding!«
Vorlage S. 17 308 Verschüchterte ihn halb; doch ungebeten,
Vorlage S. 17 309 Indes sich Lieb' und Schüchternheit in ihm
Vorlage S. 17 310 Bekämpften, setzt' er sich zu ihr und sprach:
Vorlage S. 17 311 »Ich kam, von Enochs, deines Gatten, Wunsch
Vorlage S. 17 312 Mit dir zu reden; immer sagt' ich schon,
Vorlage S. 17 313 Dass du den besten, einen starken Mann
Vorlage S. 17 314 Gewählt; denn was im Herzen er beschloss,
Vorlage S. 17 315 Griff seine Hand auch an und setzt' es durch.
Vorlage S. 17 316 Und weshalb unternahm er diese Fahrt,
Vorlage S. 17 317 Und ließ dich einsam? Nicht, die Welt zu sehn,
Vorlage S. 17 318 Nicht zum Vergnügen – nein! um bessere
Vorlage S. 17 319 Erziehung seinen Kindern zu verschaffen,
Vorlage S. 17 320 Als du und er gehabt – Das war sein Wunsch.
Vorlage S. 17 321 Und kehrt er heim, so wird es ihn betrüben,
Vorlage S. 18 322 Wenn ungenützt ihr Lebensmorgen schwand.
Vorlage S. 18 323 Ja, ihn betrüben würd' es noch im Grab,
Vorlage S. 18 324 Wüßt' er, dass seine Kleinen wild umher
Vorlage S. 18 325 Wie junge Füllen sprängen. Darum, Annie,
Vorlage S. 18 326 – Haben wir uns von klein auf nicht gekannt? –
Vorlage S. 18 327 Beschwör' ich bei der Liebe dich zu ihm
Vorlage S. 18 328 Und seinen Kindern, mir nicht Nein zu sagen –
Vorlage S. 18 329 Denn, so du willst, wenn Enoch wiederkehrt,
Vorlage S. 18 330 Mag er's zurückerstatten – so du willst,
Vorlage S. 18 331 Annie – denn ich bin reich und gut gestellt.
Vorlage S. 18 332 Lass Knab' und Mädchen mich zur Schule senden,
Vorlage S. 18 333 Das ist die Gunst, die ich erbitten kam.«
Vorlage S. 18 334 Annie erwiderte, die Stirn zur Wand
Vorlage S. 18 335 Gekehrt: »Ich kann dir nicht ins Antlitz sehn;
Vorlage S. 18 336 Ich seh' so töricht und gebrochen aus.
Vorlage S. 18 337 Der Kummer warf mich nieder, als du kamst;
Vorlage S. 18 338 Jetzt, glaub' ich, wirft mich deine Güte nieder.
Vorlage S. 18 339 Doch Enoch lebt, das kündet mir mein Herz –
Vorlage S. 18 340 Er wird's erstatten: Geld lässt sich erstatten,
Vorlage S. 18 341 Doch deine Güte nicht.«
Vorlage S. 18 342 Und Philipp frug:
Vorlage S. 18 343 »Annie, so darf ich's tun?«
Vorlage S. 18 344 Sie wandte sich,
Vorlage S. 19 345 Stand auf, und ließ die tränenvollen Augen
Vorlage S. 19 346 Auf seinem freundlich milden Antlitz ruhn;
Vorlage S. 19 347 Dann rief sie Segen auf sein Haupt herab,
Vorlage S. 19 348 Und drückte leidenschaftlich ihm die Hand,
Vorlage S. 19 349 Und schritt hinaus ins kleine Hintergärtchen.
Vorlage S. 19 350 Also gehobnen Mutes ging er fort.
Vorlage S. 19 351 Zur Schule sandte Philipp drauf die Kleinen,
Vorlage S. 19 352 Kauft' ihnen Bücher, und wie Einer für
Vorlage S. 19 353 Die eignen Kinder sorgt, sorgt' er für sie
Vorlage S. 19 354 In jeder Art. Wenn er auch, Annies willen
Vorlage S. 19 355 Sich fürchtend vor dem müß'gen Dorfgeklätsch,
Vorlage S. 19 356 Des Herzens liebsten Wunsch sich oft versagte,
Vorlage S. 19 357 Und selten über ihre Schwelle schritt,
Vorlage S. 19 358 Sandt' er doch durch die Kinder Obst und Kraut,
Vorlage S. 19 359 Die erst' und letzten Rosen seines Gartens,
Vorlage S. 19 360 Kaninchen von der Düne, und mitunter
Vorlage S. 19 361 – Besondrer Feinheit wegen, sagt' er dann,
Vorlage S. 19 362 Dass sein Geschenk sie nicht verletze – Mehl
Vorlage S. 19 363 Aus seiner Mühle hohem Klapperwerk.
Vorlage S. 19 364 Ein Rätsel blieb für Philipp Annies Sinn;
Vorlage S. 19 365 Kaum überwand sie sich, wenn er erschien,
Vorlage S. 19 366 Aus überströmend dankerfülltem Herzen
Vorlage S. 20 367 Zu stammeln ein verhauchend Dankeswort.
Vorlage S. 20 368 Doch war er Eins und Alles ihren Kindern;
Vorlage S. 20 369 Aus fernstem Winkel eilten sie herbei,
Vorlage S. 20 370 Sein herzlich Grüßen herzlich zu erwidern.
Vorlage S. 20 371 Sie waren Herrn bei ihm in Haus und Mühle;
Vorlage S. 20 372 Ermüdeten sein Ohr mit kleinen Leiden
Vorlage S. 20 373 Und Freuden, spielten mit ihm, kos'ten ihn,
Vorlage S. 20 374 Und »Vater Philipp« hieß er. Philipp kam
Vorlage S. 20 375 Zu gut, was Enochs fernes Bild verlor;
Vorlage S. 20 376 Denn unbestimmt schien Enoch wie ein Traum,
Vorlage S. 20 377 Ein Schattenbild, das man im Morgengraun
Vorlage S. 20 378 Am Ende einer Baumallee erblickt,
Vorlage S. 20 379 Und das entschwebt, der Himmel weiß, wohin.
Vorlage S. 20 380 Zehn Jahre flossen so ins Meer der Zeit,
Vorlage S. 20 381 Seit Enoch Herd und Vaterland verließ,
Vorlage S. 20 382 Und keine Nachricht kam von ihm nach Haus.
Vorlage S. 20 383 Ins Holz zum Nüssepflücken wollten einst
Vorlage S. 20 384 Mit andern Kindern Annies Kinder gehn,
Vorlage S. 20 385 Und Annie ging mit ihnen; da begehrten
Vorlage S. 20 386 Sie die Gesellschaft Vater Philipps auch.
Vorlage S. 20 387 Sie fanden ihn, der Arbeitsbiene gleich,
Vorlage S. 20 388 Bestaubt von weißem Mehl, und als sie sprachen:
Vorlage S. 20 389 »Komm mit uns, Vater Philipp,« schlug er's ab;
Vorlage S. 21 390 Doch als die Kinder ihn am Ärmel zupften,
Vorlage S. 21 391 Lacht' er, und fügte gern sich ihrem Wunsch,
Vorlage S. 21 392 – War Annie nicht bei ihnen? – und ging mit.
Vorlage S. 21 393 Doch als sie halb die steile Dün' erstiegen,
Vorlage S. 21 394 Just wo des Haselholzes Saum zur Schlucht
Vorlage S. 21 395 Hinab sich neigt, verließ die Kraft sie ganz,
Vorlage S. 21 396 Und seufzend sagte sie: »Lass hier mich ausruhn.«
Vorlage S. 21 397 Zufrieden ruhte Philipp neben ihr,
Vorlage S. 21 398 Indes die Jüngern all' mit Jubelruf
Vorlage S. 21 399 Fortstürmten von den Ältern, und sich lärmend
Vorlage S. 21 400 Durchs helle Hasellaub hinunter stürzten
Vorlage S. 22 401 Zur Schlucht, und sich zerstreuten, das Gezweig,
Vorlage S. 22 402 Das widerstrebend schlanke, niederbeugend,
Vorlage S. 22 403 Die bräunlichen Büschel abzureißen, laut
Vorlage S. 22 404 Sich hier und dort ausrufend im Gehölz.
Vorlage S. 22 405 Als Philipp so an ihrer Seite saß,
Vorlage S. 22 406 Vergaß er ihrer Gegenwart, und dachte
Vorlage S. 22 407 An jene dunkle Stunde hier im Holz,
Vorlage S. 22 408 Da wie ein wundes Reh er in die Schlucht
Vorlage S. 22 409 Hinab gekrochen war; und endlich sagt' er,
Vorlage S. 22 410 Sein biedres Haupt erhebend: »Annie, horch,
Vorlage S. 22 411 Wie lustig sind sie drunten im Gehölz! –
Vorlage S. 22 412 Du bist wohl müde?« denn sie sprach kein Wort.
Vorlage S. 22 413 »Recht müd'?« sie barg ihr Antlitz in die Hand.
Vorlage S. 22 414 Da fuhr er fort, halb ärgerlichen Tons:
Vorlage S. 23 415 »Verunglückt ist das Schiff, für immer hin!
Vorlage S. 23 416 Nichts mehr davon! Wenn du ins Grab dich härmst,
Vorlage S. 23 417 So sind sie ganz verwaist.« Und Annie sprach:
Vorlage S. 23 418 »Ich dachte daran nicht, doch – seltsam ist's –
Vorlage S. 23 419 So einsam fühl' ich mich bei ihrem Jubel.«
Vorlage S. 23 420 Philipp, ein wenig näher rückend, sprach:
Vorlage S. 23 421 »Annie, es liegt mir etwas auf dem Herzen,
Vorlage S. 23 422 Und auf dem Herzen lag mir's schon so lang,
Vorlage S. 23 423 Dass endlich es heraus muss, wenn ich auch
Vorlage S. 23 424 Nicht weiß, seit wann es mich gedrückt. O Annie,
Vorlage S. 23 425 Es ist nicht möglich, nicht zu hoffen mehr,
Vorlage S. 23 426 Dass er, der fern zehn lange Jahre blieb,
Vorlage S. 23 427 Am Leben noch; wohlan denn! lass mich reden:
Vorlage S. 23 428 Es schmerzt mich, arm und hilfsbedürftig dich
Vorlage S. 23 429 Zu sehn, und helfen kann ich nicht nach Wunsch,
Vorlage S. 23 430 Wenn du nicht – Frauen, sagt man, fassen schnell –
Vorlage S. 23 431 Vielleicht verstehst du schon, was ich begehre –
Vorlage S. 23 432 Ich wünsche dich zur Frau. Ich wäre gern
Vorlage S. 23 433 Ein Vater deinen Kindern; lieben sie
Vorlage S. 23 434 Mich nicht wie einen Vater? weiß ich doch,
Vorlage S. 23 435 Dass ich sie liebe wie mein eignes Blut!
Vorlage S. 23 436 Und sieh, ich glaube, wärst du erst mein Weib,
Vorlage S. 23 437 Dann könnten wir nach all' den trüben Jahren
Vorlage S. 24 438 Der Ungewissheit noch so glücklich sein,
Vorlage S. 24 439 Wie Gott den Seinen es vergönnt. Bedenk' es!
Vorlage S. 24 440 Vermögend bin ich, unabhängig, frei
Vorlage S. 24 441 Von Sorgen, außer der um dein Geschick;
Vorlage S. 24 442 Wir haben uns von klein auf ja gekannt,
Vorlage S. 24 443 Und länger liebt' ich dich, als du es weißt.«
Vorlage S. 24 444 Annie erwiderte mit sanftem Ton:
Vorlage S. 24 445 »Du warst ein Engel Gottes unserm Haus,
Vorlage S. 24 446 Gott segne, Gott belohne dich dafür
Vorlage S. 24 447 Mit einem Wesen, glücklicher als ich.
Vorlage S. 24 448 Vermag ein Mensch zum zweitenmal zu lieben?
Vorlage S. 24 449 Kann ich dich lieben, wie ich ihn geliebt?
Vorlage S. 24 450 Was ist's, das du begehrst?« – »Ich bin zufrieden,«
Vorlage S. 24 451 Versetzte Philipp, »wenn nach Enoch nur
Vorlage S. 24 452 Du mich ein wenig liebst.« – »Oh,« rief sie aus
Vorlage S. 24 453 Voll Bangen, »lieber Philipp, wart ein Weilchen!
Vorlage S. 24 454 Wenn Enoch kommt – doch Enoch kommt wohl nie –
Vorlage S. 24 455 Ach, wart ein Jahr, ein Jahr ist nicht so lang,
Vorlage S. 24 456 In einem Jahr werd' ich verständ'ger sein;
Vorlage S. 24 457 O, wart ein Weilchen!« Philipp sagte trüb:
Vorlage S. 24 458 »Annie, da ich mein Leben lang gewartet,
Vorlage S. 24 459 Kann ich's auch länger noch.« – »Nein,« rief sie aus,
Vorlage S. 24 460 »Du hast mein Wort, es sei – in einem Jahr!
Vorlage S. 25 461 Willst du nicht dein Jahr tragen, wie ich meins?«
Vorlage S. 25 462 Und Philipp sprach: »Ich will mein Jahr ertragen.«
Vorlage S. 25 463 Dann schwiegen sie, bis Philipp, aufwärts blickend,
Vorlage S. 25 464 Des hingeschiednen Tags erloschnen Strahl
Vorlage S. 25 465 Hinter dem Hünengrab verschwinden sah.
Vorlage S. 25 466 Den Tau für Annie fürchtend, stand er auf
Vorlage S. 26 467 Und rief mit lauter Stimm' ins Holz hinab.
Vorlage S. 26 468 Die Kinder kamen her mit ihrer Beute;
Vorlage S. 26 469 Dann schritten sie hinab zum Dorf, und dort
Vorlage S. 26 470 Vor Annies Tür gab er ihr sanft die Hand,
Vorlage S. 26 471 Und sagte: »Annie, als ich zu dir sprach,
Vorlage S. 26 472 War's deine schwache Stunde. Unrecht tat ich.
Vorlage S. 26 473 Ich bin dein eigen stets, doch du bist frei.«
Vorlage S. 26 474 Und Annie weint' und sprach: »Du hast mein Wort.«
Vorlage S. 26 475 Sie sprach's; und wie in einem Augenblick,
Vorlage S. 26 476 Indes sie nach wie vor ihr Haus bestellte,
Vorlage S. 26 477 Und noch sein letztes Wort im Ohr ihr klang,
Vorlage S. 26 478 Dass er sie länger liebe, als sie's wisse,
Vorlage S. 26 479 Verwandelte der Herbst sich wieder schon
Vorlage S. 26 480 Zum Herbst, und wieder trat er vor sie hin,
Vorlage S. 26 481 An ihr Versprechen mahnend. »Ist's ein Jahr?«
Vorlage S. 26 482 Frug sie. »Ja, wenn die Nüsse wieder reif sind,
Vorlage S. 26 483 Komm und sieh nach.« Doch sie vertröstet' ihn –
Vorlage S. 26 484 So viel sei zu besorgen – solch ein Wechsel! –
Vorlage S. 26 485 Vier Wochen noch – mehr fordere sie nicht –
Vorlage S. 26 486 Er hab' ihr Wort – vier Wochen, und nicht mehr.
Vorlage S. 26 487 Und Philipp sprach, indes im Aug' ihm trüb
Vorlage S. 26 488 Die lebenslange Sehnsucht glomm, und leis
Vorlage S. 26 Kontextbild zum Werk. Porträt von Alfred Tennyson — Fotografie von Julia Margaret Cameron, 1866; keine Szene aus Enoch Arden. · Cameron, Julia Margaret · Public domain Bildquelle ↗ 489 Die Stimme bebte wie des Trunknen Hand:
Vorlage S. 27 490 »Wähl' deine Zeit, Annie, wähl' deine Zeit.«
Vorlage S. 27 491 Vor Mitleid weinte Annie fast um ihn.
Vorlage S. 27 492 Und dennoch hielt sie stets ihn zögernd hin
Vorlage S. 27 493 Mit mancher kaum glaubwürdigen Entschuld'gung,
Vorlage S. 27 494 Versuchend seine Treue und Geduld,
Vorlage S. 27 495 Bis abermals ein halbes Jahr entschwand.
Vorlage S. 27 496 Nachgrad begann das müßige Dorfgeklätsch,
Vorlage S. 27 497 Das stets empört ist, wenn es sich verrechnet,
Vorlage S. 27 498 Zu zürnen, als sei Unrecht ihm geschehn.
Vorlage S. 27 499 Die einen dachten, Philipp spiele nur
Vorlage S. 27 500 Mit ihr; die andern, wenn sie spröde tue,
Vorlage S. 27 501 So sei's, um sichrer ihn ins Garn zu locken;
Vorlage S. 27 502 Und andre lachten sie und Philipp aus,
Vorlage S. 27 503 Als wüssten beide selbst nicht, was sie wollten;
Vorlage S. 27 504 Und Einer, dem im Hirn wie Schlangenbrut
Vorlage S. 27 505 Gift'ge Gedanken zischten, munkelte
Vorlage S. 27 506 Von Schlimmerm gar. Ihr eigner Sohn schwieg still,
Vorlage S. 27 507 Obschon sein Blick oft seinen Wunsch verriet;
Vorlage S. 27 508 Doch ihre Tochter drängt' und drängte sie,
Vorlage S. 27 509 Den Mann zu frei'n, der ihnen allen lieb,
Vorlage S. 27 510 Und von der Armut Joch ihr Haus zu retten.
Vorlage S. 27 511 Und Philipps Rosenwangen wurden fahl
Vorlage S. 27 512 Und bleich; und wie ein schwerer Vorwurf drückte
Vorlage S. 28 513 Dies alles sie.
Vorlage S. 28 514 Als sie in einer Nacht
Vorlage S. 28 515 Nicht schlafen konnte, betete sie brünstig:
Vorlage S. 28 516 »Herr, gib ein Zeichen mir! Ist Enoch tot?«
Vorlage S. 28 517 Dann, eingeengt vom dunkeln Wall der Nacht,
Vorlage S. 28 518 Ertrug sie nicht der Ungewissheit Graus,
Vorlage S. 28 519 Sprang auf vom Bett und machte Licht sich an,
Vorlage S. 28 520 Ergriff verzweiflungsvoll das heil'ge Buch,
Vorlage S. 28 521 Schlug rasch es auf, ein Zeichen drin zu finden,
Vorlage S. 29 522 Und las das Wort, auf das ihr Finger traf:
Vorlage S. 29 523 »An einem Palmbaum.« Das war Nichts für sie,
Vorlage S. 29 524 Kein Sinn darin; sie schloss das Buch und schlief.
Vorlage S. 29 525 Und sieh! ihr Enoch saß auf einem Hügel,
Vorlage S. 29 526 An einem Palmbaum, über ihm die Sonne.
Vorlage S. 29 527 »Tot ist er,« dachte sie, »und selig singt er
Vorlage S. 29 528 Hosianna in der Höhe; dorten scheint
Vorlage S. 29 529 Die Sonne der Gerechtigkeit, und dies
Vorlage S. 29 530 Sind wohl die Palmen, die das frohe Volk
Vorlage S. 29 531 Einstmals hernieder streute mit dem Ruf:
Vorlage S. 29 532 Hosianna in der Höhe!« Sie erwachte,
Vorlage S. 29 533 Entschlossen sandte sie zu ihm, und rief:
Vorlage S. 29 534 »Es steht der Hochzeit nichts im Wege mehr.«
Vorlage S. 29 535 »Gottlob!« versetzt' er, »dein- und meinetwillen,
Vorlage S. 29 536 Wenn du mich freien willst, lass es gleich geschehn.«
Vorlage S. 29 537 So wurden diese Zwei vermählt, und fröhlich
Vorlage S. 29 538 Erklang der Hochzeitsglocken Schall darein.
Vorlage S. 29 539 Doch fröhlich nimmerdar schlug Annies Herz.
Vorlage S. 29 540 Ein Schritt schien neben ihrem Pfad zu wallen,
Vorlage S. 29 541 Sie wusste nicht, woher; ein Flüstern hauchte
Vorlage S. 29 542 Ihr in das Ohr, sie wusste nimmer, was;
Vorlage S. 30 543 Auch blieb sie niemals gern allein zu Haus,
Vorlage S. 30 544 Und wagt' alleine niemals auszugehn.
Vorlage S. 30 545 Was fehlt' ihr doch, dass, eh' sie eintrat, oft
Vorlage S. 30 546 Die Hand so zögernd auf dem Türgriff weilte?
Vorlage S. 30 547 So angstvoll? Philipp glaubt' es zu verstehn:
Vorlage S. 30 548 Ihr Zustand ließ erklären solche Angst,
Vorlage S. 30 549 Sie war in Hoffnung. Doch als sie geboren,
Vorlage S. 30 550 War mit dem neuen Kind sie selbst erneut,
Vorlage S. 30 551 Die neue Mutter zog ihr in das Herz,
Vorlage S. 30 552 Ihr guter Philipp war ihr alles nun,
Vorlage S. 30 553 Und jene rätselhafte Ahnung starb. –
Vorlage S. 30 554 Und wo war Enoch? Glücklich fuhr dahin
Vorlage S. 31 555 Das Schiff »Fortuna«, ob auch in der Buch
Vorlage S. 31 556 Biscayas rauhe Winde, ostwärts stürmend,
Vorlage S. 31 557 Es schwer bedrohten; aber ungeschädigt
Vorlage S. 31 558 Glitt durch den Sommer es der Welt hinab,
Vorlage S. 31 559 Und dann nach einer langen Fahrt ums Kap
Vorlage S. 31 560 Bei häufigem Wechsel gut' und schlechter Winde
Vorlage S. 31 561 Durchfurcht' es noch einmal die Sommerwelt,
Vorlage S. 31 562 Allwo des Himmels Odem stetig blies,
Vorlage S. 31 563 Und sanft es trieb durchs goldne Inselmeer,
Vorlage S. 31 564 Bis es den Hafen fern im Ost erreichte.
Vorlage S. 31 565 Für eigne Rechnung kaufte Enoch dort
Vorlage S. 31 566 Seltsame Mißgestalten, wie der Markt
Vorlage S. 31 567 Zu jener Zeit sie gut bezahlte, auch
Vorlage S. 31 568 Für seine Kinder einen goldnen Drachen.
Vorlage S. 31 569 Glückloser war die Heimfahrt. Anfangs zwar
Vorlage S. 31 570 Erhob das busenüppige Schiffsbild sich,
Vorlage S. 31 571 Kaum schaukelnd, Tag für Tag, in stiller See
Vorlage S. 31 572 Über des Buges federkrausem Schaum;
Vorlage S. 32 573 Dann kam Windstille, wechselnde Winde dann,
Vorlage S. 32 574 Dann lange Zeit ganz widrige; und zuletzt
Vorlage S. 32 575 Ein Sturm, der sie in schwarzer Nacht verschlug,
Vorlage S. 32 576 Bis mit dem Angstruf: »Brandung!« fast zugleich
Vorlage S. 32 577 Ein Krach erscholl, und alle, bis auf Enoch
Vorlage S. 32 578 Und zwei Gefährten, in das Meer versanken.
Vorlage S. 32 579 Die halbe Nacht an schwimmendem Takelwerk
Vorlage S. 32 580 Und Balken fest sich klammernd, trieben sie
Vorlage S. 32 581 Gen Morgen hin zu einer reichen Insel,
Vorlage S. 32 582 Die einsam lag in einsam ödem Meer.
Vorlage S. 32 583 An Lebensunterhalt gebrach es nicht,
Vorlage S. 32 584 An saftigen Früchten, großen Nüssen, Wurzeln;
Vorlage S. 32 585 Und schier so zahm vor Wildheit war das Wild,
Vorlage S. 33 586 Dass hilflos fast es sich ergreifen ließ.
Vorlage S. 33 587 In einer seewärts blickenden Bergesschlucht
Vorlage S. 33 588 Erbauten dort sie eine Hütte sich,
Vorlage S. 33 589 Und deckten sie mit breiten Palmenblättern
Vorlage S. 33 590 Halb Hütte, Höhle halb. So weilten sie
Vorlage S. 33 591 In diesem Eden alles Überflusses,
Vorlage S. 33 592 Bei ewigem Sommer, schweren Herzens doch.
Vorlage S. 33 593 Denn einer, fast ein Knabe noch, der Jüngste,
Vorlage S. 33 594 Der in der Nacht des Schiffbruchs sich verletzt,
Vorlage S. 33 595 Starb hin, drei Jahre lang lebend'gen Tod.
Vorlage S. 33 596 Sie pflegten ihn. Nach seinem Heimgang fanden
Vorlage S. 33 597 Die andern einen sturmgefällten Stamm,
Vorlage S. 33 598 Und Enochs Kamerad, der unvorsichtig
Vorlage S. 33 599 Nach Indianerart mit Feuer ihn
Vorlage S. 33 600 Aushöhlte, sank, vom Sonnenstich ereilt,
Vorlage S. 33 601 Ins Grab, und Enoch blieb allein jetzt übrig.
Vorlage S. 33 602 In diesen beiden Todesfällen las
Vorlage S. 33 603 Er Gottes Mahnung: »Harre deiner Stunde!«
Vorlage S. 33 604 Den bis zum Gipfel waldbewachs'nen Berg,
Vorlage S. 33 605 Die Lichtungen, die hoch empor sich wanden
Vorlage S. 33 606 Gleich Pfaden, die zum Himmel aufwärts ziehn,
Vorlage S. 33 607 Der schlanken Palme hängenden Federbusch,
Vorlage S. 34 608 Des Käfers und des Vogels Strahlenschein,
Vorlage S. 34 609 Der langen Trichterwinden Farbenpracht,
Vorlage S. 34 610 Die um der mächt'gen Stämme Schaft sich rankten
Vorlage S. 34 611 Und bis zum Waldsaum liefen, all das Glänzen
Vorlage S. 34 612 Und Glühn des breiten Gürtelrings der Welt
Vorlage S. 34 613 Sah er; doch was er gern gesehen hätte,
Vorlage S. 34 614 Das sah er nie: ein freundlich Menschenantlitz,
Vorlage S. 34 615 Und statt der Menschenstimme liebem Ton
Vorlage S. 34 616 Vernahm er nur der Wasservögel Schrei,
Vorlage S. 34 617 Der Brandung Donneranprall an das Riff,
Vorlage S. 34 618 Das Rauschen riesiger Bäume, deren Laub
Vorlage S. 34 619 Und Blüten hoch im Blau verschwanden, oder
Vorlage S. 34 620 Das Brausen eines Waldbachs in das Meer,
Vorlage S. 34 621 Wenn er am Ufer hinschritt, oder taglang
Vorlage S. 34 622 Oft in der seewärts blickenden Bergschlucht saß,
Vorlage S. 34 623 Nach einem Segel spähend übers Meer.
Vorlage S. 34 624 Kein Segel Tag für Tag, doch jeden Tag
Vorlage S. 34 625 Des Sonnenaufgangs scharlachrote Pfeile
Vorlage S. 34 626 Zwischen den Palmen, Farn und Klippenreihn;
Vorlage S. 34 627 Das Glanzmeer auf den Wassern fern im Ost;
Vorlage S. 34 628 Das Glanzmeer auf der Insel ihm zu Häupten;
Vorlage S. 34 629 Das Glanzmeer auf den Wassern fern im West;
Vorlage S. 34 630 Die großen Sterne dann am Himmelsdom,
Vorlage S. 34 631 Das hohler brütende Meer, und wiederum
Vorlage S. 35 632 Des Sonnenaufgangs Pfeile – doch kein Segel!
Vorlage S. 35 633 Oft lag er dort so still auf seiner Wacht,
Vorlage S. 35 634 Dass Rast auf ihm die goldne Eidechs hielt.
Vorlage S. 35 635 Ein Traumbild, das gewebt aus vielen Träumen,
Vorlage S. 35 636 Stieg spukhaft vor ihm auf; oft auch beschwor
Vorlage S. 35 637 Er selbst gespenstig Leute, Stätten, Dinge,
Vorlage S. 35 638 Die er auf einer dunklern Insel einst
Vorlage S. 35 639 Gekannt, die fern jenseits der Linie lag:
Vorlage S. 35 640 Die Kinder, Annie und das kleine Haus,
Vorlage S. 35 641 Das Mühlengäßchen und den Heckenweg,
Vorlage S. 35 642 Den Taxus-Pfau, den alten Edelhof,
Vorlage S. 35 643 Den Schimmel und das Boot, das er verkauft,
Vorlage S. 35 644 Die finstre Düne, grauer Nebel Flor,
Vorlage S. 35 645 Sprühregen, den Geruch von welkem Laub,
Vorlage S. 35 646 Und leisen Klageton bleifarbner Flut.
Vorlage S. 35 647 Einst hört' er auch in seine Ohren klingen,
Vorlage S. 35 648 Zwar leis, doch lustig – weit, ach, weit entfernt –
Vorlage S. 35 649 Den Schall der Kirchenglocken seines Dorfs;
Vorlage S. 35 650 Da sprang er auf, er wusste nicht warum,
Vorlage S. 35 651 Ihn schauderte, und als sein Blick die schöne
Vorlage S. 35 652 Verhaßte Insel wieder vor sich sah:
Vorlage S. 35 653 O, wenn sein armes Herz sich nicht zu Dem
Vorlage S. 36 654 Gewendet, der allgegenwärtig ist,
Vorlage S. 36 655 Und keinen ganz verlässt, der zu ihm spricht,
Vorlage S. 36 656 Gestorben wär' er da vor Einsamkeit.
Vorlage S. 36 657 So über Enochs früh ergrauend Haupt
Vorlage S. 36 658 Zog Jahr für Jahr die Sonn'- und Regenzeit
Vorlage S. 36 659 Wechselnd dahin. Sein Hoffen, einst noch wieder
Vorlage S. 36 660 Die Seinen und die Heimatsflur zu sehn,
Vorlage S. 36 661 War noch nicht tot, als sein verlass'nes Los
Vorlage S. 36 662 Ein plötzlich Ende nahm. Ein andres Schiff,
Vorlage S. 36 663 Das Wassermangel litt, von seinem Kurs,
Vorlage S. 36 664 Wie die »Fortuna« einst, durch Sturm verschlagen,
Vorlage S. 36 665 Warf Anker bei dem fremden Eiland aus;
Vorlage S. 37 666 Denn da der Steuermann bein Tagesdämmern
Vorlage S. 37 667 Durch eine Lücke in dem Nebelflor
Vorlage S. 37 668 Den Waldbach still bergunter fließen sah,
Vorlage S. 37 669 So fuhr ein Boot mit einigen Mann zum Strand,
Vorlage S. 37 670 Die Wasser suchend mit Geschrei das Ufer
Vorlage S. 37 671 Erfüllten. Von der Bergschlucht niederstieg
Vorlage S. 37 672 Der Eremit mit langem Haar und Bart,
Vorlage S. 37 673 Braun, kaum ein Menschenbild, seltsam gekleidet,
Vorlage S. 37 674 Mummelnd und murmelnd wie im Blödsinn fast,
Vorlage S. 38 675 Mit unartikulierter Hast, durch Zeichen
Vorlage S. 38 676 Bedeutend, niemand wusste, was; doch wies er
Vorlage S. 38 677 Den Weg zu Strömen süßen Wassers bald;
Vorlage S. 38 678 Und als er zu den Leuten sich gesellt
Vorlage S. 38 679 Und ihren Reden horchte, ward gelöst ihm
Vorlage S. 38 680 Die lang gebundne Zunge, bis er endlich
Vorlage S. 38 681 Verständlich sich dem Schiffervolk gemacht.
Vorlage S. 38 682 Sie nahmen, als die Fässer sie gefüllt,
Vorlage S. 38 683 Ihn mit an Bord, und dort erzählt' er ihnen
Vorlage S. 38 684 In abgebrochnen Worten sein Geschick.
Vorlage S. 38 685 Unglaublich schien's zuerst, doch mehr und mehr
Vorlage S. 38 686 Horchten sie auf, verwundert und gerührt,
Vorlage S. 38 687 Und gaben Kleidung ihm und freie Fahrt.
Vorlage S. 38 688 Doch half er oft den andern, um die Last
Vorlage S. 38 689 Der Ungeselligkeit hinwegzuscheuchen.
Vorlage S. 38 690 Keiner von allen war aus seiner Gegend
Vorlage S. 38 691 Und konnt' auf seine Fragen Rede stehn,
Vorlage S. 38 692 Wenn er nach etwas frug, woran ihm lag.
Vorlage S. 38 693 Langweilig war die Fahrt und endlos fast,
Vorlage S. 38 694 Das Schiff seetüchtig kaum; doch immer flog
Vorlage S. 38 695 Sein heimkehrdurft'ger Geist dem trägen Wind
Vorlage S. 38 696 Voraus, bis er in trübumwölkter Luft
Vorlage S. 38 697 Wie ein Verliebter tief ins Herz hinab
Vorlage S. 38 698 Einsog den tauigen Wiesen-Frührauch Englands,
Vorlage S. 39 699 Der von dem bleichen Strande hergeweht;
Vorlage S. 39 700 Und alles Schiffsvolk legt' an jenem Tag
Vorlage S. 39 701 Sich selber eine Mitleidssteuer auf
Vorlage S. 39 702 Für den verlaßnen Mann und gab sie ihm;
Vorlage S. 39 703 Dann setzten sie im selben Hafen ihn
Vorlage S. 39 704 Ans Land, von wo er einstmals ausgefahren.
Vorlage S. 39 705 Kein Wort sprach Enoch dort zu irgendwem;
Vorlage S. 39 706 Heimwärts – zu welchem Heim? hatt' er ein Heim? –
Vorlage S. 39 707 Schritt er durchs Land. Schön war der Nachmittag,
Vorlage S. 39 708 Sonnig, doch kühl; dann wälzte von der See
Vorlage S. 39 709 Ein Nebel, durch die Schluchten angelockt,
Vorlage S. 39 710 An denen jene beiden Häfen lagen,
Vorlage S. 39 711 Sich auf, und hüllte ein die Welt in Grau,
Vorlage S. 39 712 Schnitt ab des Heerwegs Ende seinem Blick,
Vorlage S. 39 713 Und ließ ihn rechts und links nur schmale Streifen
Vorlage S. 39 714 Von Ackerland, Gehölz und Weide sehn.
Vorlage S. 39 715 Schwermütig pfiff auf blätterlosem Baum
Vorlage S. 39 716 Der Fink, und durch des Nebels feuchten Schwall
Vorlage S. 39 717 Sank raschelnd niederwärts das welke Laub.
Vorlage S. 39 718 Dicht troff der Nebel, schwärzer ward die Nacht;
Vorlage S. 39 719 Doch endlich schien ihm durch des Nebels Flor
Vorlage S. 39 720 Ein Licht zu blicken, und er war am Ort.
Vorlage S. 39 721 Die lange Straße dann hinunter schleichend,
Vorlage S. 40 722 Von Unheilsahnung trüb bewegt, den Blick
Vorlage S. 40 723 Gesenkt aufs Pflaster, kam er an das Haus,
Vorlage S. 40 724 Wo Annie einst gelebt und ihn geliebt,
Vorlage S. 40 725 Und wo in jenen sieben frohen Jahren
Vorlage S. 40 726 Sie ihm die lieben Kinderchen geschenkt;
Vorlage S. 40 727 Doch als er alles still und dunkel fand
Vorlage S. 40 728 (Ein Anschlagzettel sagte, zum Verkauf
Vorlage S. 40 729 Sei ausgestellt das Hüttchen), schlich er weiter,
Vorlage S. 40 730 Und murmelte: »Tot, oder tot für mich!«
Vorlage S. 40 731 Er kam hinab zur kleinen Werft am Wasser,
Vorlage S. 41 732 Und sucht' ein Wirtshaus, das er einst gekannt,
Vorlage S. 41 733 Altmodisch aufgezimmert von Gebälk,
Vorlage S. 41 734 So wurmzernagt, baufällig, rings gestützt,
Vorlage S. 41 735 Dass er es kaum zu finden mehr verhoffte;
Vorlage S. 41 736 Doch nur gestorben war der Mann, der einst
Vorlage S. 41 737 Es hielt; und seine Witwe, Miriam Lane,
Vorlage S. 41 738 Führt' es mit täglich kärgerem Gewinn;
Vorlage S. 41 739 Einst lärmten hier Matrosen, jetzt war's still,
Vorlage S. 41 740 Und bot nur dann und wann ein Bett dem Wandrer.
Vorlage S. 41 741 Hier weilte Enoch schweigend manchen Tag.
Vorlage S. 41 742 Doch Miriam Lane war gut und schwatzte gern,
Vorlage S. 41 743 Sie setzte oft sich zu ihm, und erzählte
Vorlage S. 41 744 Ihm mit dem andern, was im Dorf geschehn,
Vorlage S. 41 745 Harmlos – denn Enoch war so braun, gebeugt
Vorlage S. 41 746 Und alt – die ganze Chronik seines Hauses:
Vorlage S. 41 747 Des Säuglings Tod, wie Annie bald verarmt,
Vorlage S. 41 748 Wie Philipp ihre Kinder jahrelang
Vorlage S. 41 749 Zur Schule sandte, wie er um sie warb,
Vorlage S. 41 750 Wie sie ihn lange hinhielt, ihre Heirat,
Vorlage S. 42 751 Und wie dann Philipps Kind geboren ward;
Vorlage S. 42 752 Und über Enochs Züge glitt kein Schatten
Vorlage S. 42 753 Und keine Regung; wer ihn so gesehn,
Vorlage S. 42 754 Der hätte wohl geglaubt, dass minder ihn,
Vorlage S. 42 755 Als die Erzählerin, ihr Wort berühre;
Vorlage S. 42 756 Nur als sie, Enochs denkend, endete:
Vorlage S. 42 757 »Der Arme war verschollen und verloren«,
Vorlage S. 42 758 Schüttelt' er feierlich sein graues Haupt,
Vorlage S. 42 759 Und murmelte: »Verschollen und verloren!«
Vorlage S. 42 760 »Verloren!« klang's ihm tief im Herzen nach.
Vorlage S. 42 761 Doch Enoch drängt's, ihr Angesicht zu sehn.
Vorlage S. 42 762 »Säh' ich ihr liebes Antlitz wieder nur,
Vorlage S. 42 763 Und wüsste, dass sie glücklich!« Der Gedanke
Vorlage S. 42 764 Verfolgt' und quälte ihn, und trieb ihn fort,
Vorlage S. 42 765 Am Abend, als der herbstlich trübe Tag
Vorlage S. 42 766 Zu trübrer Dämmrung ward, hinan den Hügel.
Vorlage S. 42 767 Dort setzt' er sich, und blickte still hinab;
Vorlage S. 42 768 Dort stürmten tausend Bilder auf ihn ein,
Vorlage S. 42 769 Traurig, unsäglich traurig. Mählich lockte
Vorlage S. 42 770 Der trübe Schein behaglich trauter Glut,
Vorlage S. 42 771 Die fern aus Philipps Hinterhause glomm,
Vorlage S. 42 772 Ihn an, so wie die Leuchtturmflamme anlockt
Vorlage S. 42 773 Den Wandervogel, bis er toll drauf losstürzt
Vorlage S. 43 774 Und sein ermattet Leben dran zerschellt.
Vorlage S. 43 775 Denn Philipps Wohnung lag der Straße zu,
Vorlage S. 43 776 Das letzte Haus landeinwärts; doch dahinter
Vorlage S. 43 777 Zog sich, mit einer Heckentür ins Feld,
Vorlage S. 43 778 Ein Gartenviereck, sorgsam eingezäunt,
Vorlage S. 43 779 Und drinnen stand ein alter Eibenbaum
Vorlage S. 43 780 Mit immergrünem Laub, und ringsum lief
Vorlage S. 43 781 Ein Kiesweg, den ein Fußpfad quer durchschnitt.
Vorlage S. 43 782 Doch Enoch mied den Mittelsteig, und stahl sich
Vorlage S. 43 783 Den Zaun entlang bis an den Eibenbaum;
Vorlage S. 43 784 Und sah von dort aus, was er besser wohl
Vorlage S. 43 785 Gemieden hätte, wenn ein solches Weh,
Vorlage S. 43 786 Wie seins, ein »schlimmer« oder »besser« hat.
Vorlage S. 43 787 Denn auf dem blanken Tisch erglänzten Tassen
Vorlage S. 43 788 Und Silberzeug; so traulich war der Herd;
Vorlage S. 43 789 Und rechts vom Herde sah er Philipp sitzen,
Vorlage S. 43 790 Den einst verschmähten Freier seiner Frau,
Vorlage S. 43 791 Stramm, rosig, seinen Säugling auf dem Knie;
Vorlage S. 43 792 Und zu dem zweiten Vater beugte sich
Vorlage S. 43 793 Ein Mädchen nieder, eine jüngere,
Vorlage S. 43 794 Doch schlankre Annie Lee, mit blondem Haar
Vorlage S. 43 795 Und groß; es baumelte von ihrer Hand
Vorlage S. 44 796 An einer langen Schnur ein Ring herab,
Vorlage S. 44 797 Nach dem der Kleine mit den runden Ärmchen
Vorlage S. 44 798 Beständig griff, und doch ihn nimmer fing,
Vorlage S. 44 799 Und alle lachten; – links vom Herde sah er
Vorlage S. 44 800 Die Mutter, oft zum Kleinen hingekehrt,
Vorlage S. 44 801 Doch manchmal auch mit ihrem Sohne redend,
Vorlage S. 44 802 Der groß und stark an ihrer Seite stand
Vorlage S. 44 803 Und froh zu ihren Worten schmunzelte.
Vorlage S. 44 804 Als jetzt der auferstandne Tote sah
Vorlage S. 44 805 Sein Weib, nicht mehr sein Weib, und ihren Säugling,
Vorlage S. 44 806 Der nicht sein Kind war, auf des Vaters Knie,
Vorlage S. 44 807 Und all die Herzlichkeit, das Glück, den Frieden,
Vorlage S. 45 808 Und seine eignen Kinder, groß und schön,
Vorlage S. 45 809 Und jenen andern, der an seiner Statt
Vorlage S. 45 810 Sein Recht besaß und seiner Kinder Liebe, –
Vorlage S. 45 811 Da fühlt' er, ob auch alles Miriam Lane
Vorlage S. 45 812 Ihm schon erzählt, dass mächtiger der Anblick
Vorlage S. 45 813 Herzbrechender Dinge ist, als ihr Bericht,
Vorlage S. 45 814 Und taumelnd hielt er sich am Ast, aus Furcht,
Vorlage S. 45 815 Dass ihm entsetzensvoll ein Schrei entfahre,
Vorlage S. 45 816 Der wie der Donner des Gerichts im Nu
Vorlage S. 45 817 In Trümmer alles Glück des Hauses schmettre.
Vorlage S. 45 818 Er wandte drum sich leise wie ein Dieb,
Vorlage S. 45 819 Dass nicht der harte Kies verrät'risch knirsche,
Vorlage S. 45 820 Und längs des Zaunes sich hintastend, dass
Vorlage S. 45 821 Man nicht in Ohnmacht hingestürzt ihn finde,
Vorlage S. 45 822 Schlich er zum Heck, und öffnete und schloss,
Vorlage S. 45 823 So leise wie in einem Krankenzimmer,
Vorlage S. 45 824 Die Tür, und schritt hinaus ins freie Feld.
Vorlage S. 45 825 Dort wollt' er niederknien, doch seine Knie
Vorlage S. 45 826 Versagten ihm, und vorwärts stürzend grub er
Vorlage S. 45 827 Die Finger in das feuchte Erdreich ein
Vorlage S. 45 828 Und betete.
Vorlage S. 45 829 »Es ist schwer zu tragen!
Vorlage S. 46 830 Was haben sie von dort mich weggeführt?
Vorlage S. 46 831 Allmächt'ger Gott und Heiland, der du mich
Vorlage S. 46 832 Auf meiner öden Insel aufrecht hieltest,
Vorlage S. 46 833 Halt aufrecht mich in meiner Einsamkeit
Vorlage S. 46 834 Ein Weilchen länger! Hilf mir, gib mir Kraft,
Vorlage S. 46 835 Ihr's nicht zu sagen, dass sie's nie erfahre.
Vorlage S. 46 836 Hilf mir, dass heilig mir ihr Friede sei.
Vorlage S. 46 837 Doch meine Kinder! Darf ich auch mit ihnen
Vorlage S. 46 838 Nicht reden? Keins von ihnen kennt mich ja.
Vorlage S. 46 839 Nein dennoch, nein! denn ich verriete mich.
Vorlage S. 46 840 Kein Vaterkuß dem Mädchen, das der Mutter
Vorlage S. 46 841 So gleich ist, noch dem Knaben, meinem Sohn!«
Vorlage S. 46 842 Und Sprache, Denken und Gefühl entwich,
Vorlage S. 46 843 Als hielt' ein Zauberschlaf ihn festgebannt.
Vorlage S. 46 844 Doch als er sich erhob und heimwärts ging
Vorlage S. 46 845 Nach seiner öden Wohnung, tief hinab
Vorlage S. 47 846 Die lange, schmale Straße, prägt' er es
Vorlage S. 47 847 Dem müden Hirn im Fürbaßwandern ein,
Vorlage S. 47 848 Als sei es der Refrain von einem Lied,
Vorlage S. 47 849 »Ihr's nicht zu sagen, dass sie's nie erfahre.«
Vorlage S. 47 850 Er war nicht ganz unglücklich. Sein Entschluss
Vorlage S. 47 851 Und fester Glaube stärkt' ihn, und Gebet,
Vorlage S. 47 852 Das aus lebend'ger Willenskraft entfloß
Vorlage S. 47 853 Und durch die Bitternis der Welt emporquoll,
Vorlage S. 47 854 Wie Quellen süßen Wassers in der See,
Vorlage S. 47 855 Hielt ihn am Leben. »Diese Müllersfrau,
Vorlage S. 47 856 Von der Ihr spracht,« so frug er Miriam – »fürchtet
Vorlage S. 47 857 Sie niemals, dass ihr erster Mann noch lebt?«
Vorlage S. 47 858 »Ach ja, die arme Seele, nur zu sehr!«
Vorlage S. 47 859 Versetzte Miriam; »sicher wär' es ihr
Vorlage S. 47 860 Ein Trost, wenn Ihr vielleicht ihr sagen könntet,
Vorlage S. 47 861 Dass Ihr ihn tot gesehn.« Und Enoch dachte:
Vorlage S. 47 862 »Erfahren soll sie's, wenn der Herr mich rief,
Vorlage S. 47 863 Ich harre Seines Rufs;« und er begann,
Vorlage S. 47 864 Da er Almosen nicht erbetteln wollte,
Vorlage S. 47 865 Nach Arbeit sich am Hafen umzusehn.
Vorlage S. 47 866 Zu jedem Handwerk fast war er geschickt.
Vorlage S. 47 867 Er war ein Böttcher und ein Zimmermann,
Vorlage S. 47 868 Flocht Fischern Netze, oder half den Schiffern
Vorlage S. 48 869 Beim Laden und Entlöschen ihrer Bark,
Vorlage S. 48 870 In der zum Strand sie Kaufmannswaren brachten.
Vorlage S. 48 871 Und so verdient' er sich ein karges Brot.
Vorlage S. 48 872 Doch da er hoffnungslos für sich allein
Vorlage S. 48 873 Nur schaffte, gab die mühevolle Arbeit
Vorlage S. 48 874 Ihm keine Lebenskraft; und als das Jahr
Vorlage S. 48 875 Vollendet seinen Kreislauf seit dem Tag,
Vorlage S. 48 876 An welchem Enoch heimgekehrt, befiel
Vorlage S. 48 877 Ihn eine schleichende Krankheit, die allmählich
Vorlage S. 48 878 Ihn schwächte und der Arbeit überhob,
Vorlage S. 48 879 Ans Haus, den Stuhl, und dann ans Bett ihn fesselnd.
Vorlage S. 48 880 Und Enoch trug sein Los mit heiterm Mut;
Vorlage S. 48 881 Denn froher sieht der Schiffer, der gestrandet
Vorlage S. 49 882 Auf ödem Riff, am Horizonte nicht
Vorlage S. 49 883 Das Boot, das rettungbringende, erscheinen
Vorlage S. 49 884 Durch Sturm und Brandungsschaum, als er den Tod
Vorlage S. 49 885 Ihm winken sah, das Ende alles Leids.
Vorlage S. 49 886 Denn eine Hoffnung dämmert' in ihm auf:
Vorlage S. 49 887 »Wenn ich hinüber ging, mag sie erfahren,
Vorlage S. 49 888 Dass ich bis an mein Ende sie geliebt.«
Vorlage S. 49 889 Laut rief er Miriam Lane, und sagte: »Frau,
Vorlage S. 49 890 Es drückt mich ein Geheimnis – aber schwört,
Vorlage S. 49 891 Bevor ich's künde – schwört aufs heil'ge Buch,
Vorlage S. 49 892 Es zu bewahren, bis der Tod mich rief.«
Vorlage S. 49 893 »Tod!« rief die gute Alte, »töricht Reden!
Vorlage S. 49 894 Ich sag' Euch, Mann, wir bringen Euch noch durch.«
Vorlage S. 49 895 »Schwört,« herrschte Enoch streng, »aufs heil'ge Buch!«
Vorlage S. 49 896 Und halb erschreckt schwor Miriam auf das Buch.
Vorlage S. 49 897 Dann sprach er, und sein graues Auge ruhte
Vorlage S. 49 898 Auf ihr: »Habt Enoch Arden Ihr gekannt?«
Vorlage S. 49 899 »Gekannt?« versetzte sie; »ja, doch entfernt.
Vorlage S. 49 900 Er kam die Straße manches Mal herab,
Vorlage S. 49 901 Erhobnen Haupts und scherte sich um keinen.«
Vorlage S. 49 902 Enoch versetzte trüb: »Nun ist sein Haupt
Vorlage S. 49 903 Gebeugt, und keiner schiert sich mehr um ihn.
Vorlage S. 49 904 Ich hab' wohl kaum drei Tage noch zu leben;
Vorlage S. 50 905 Ich bin der Mann.« Bei diesen Worten schrie,
Vorlage S. 50 906 Ungläubig halb, halb ängstlich, Miriam auf:
Vorlage S. 50 907 »Ihr Arden! – nein, um mehr als einen Fuß
Vorlage S. 50 908 War Arden größer.« Enoch sagte drauf:
Vorlage S. 50 909 »Mein Gott hat also mich herabgebeugt;
Vorlage S. 50 910 Die Einsamkeit, der Kummer brachen mich;
Vorlage S. 50 911 Und dennoch bin ich der, der sie gefreit
Vorlage S. 50 912 – Doch zweimal hat den Namen sie vertauscht –.
Vorlage S. 50 913 Ich freite sie, die Philipp Ray gefreit.
Vorlage S. 50 914 Hört zu!« Und dann erzählt' er seine Fahrt,
Vorlage S. 50 915 Den Schiffbruch, sein vereinsamt Los, die Heimkehr,
Vorlage S. 50 916 Wie er von fern auf Annie hingeschaut,
Vorlage S. 50 917 Was er bei sich beschloss, und wie er's hielt.
Vorlage S. 50 918 Und als die Frau vernommen seine Mär,
Vorlage S. 50 919 Entstürzte reichlich ihrer Tränen Strom.
Vorlage S. 50 920 Indes im Herzen ihr die Sehnsucht nagte,
Vorlage S. 50 921 Umher zu rennen in dem kleinen Dorf
Vorlage S. 50 922 Und Enoch Ardens Leiden auszuschrein;
Vorlage S. 50 923 Doch ihres Schwures scheu gedenkend, sagte
Vorlage S. 50 924 Sie nur: »Seht Eure Kinder vor dem Tod!
Vorlage S. 50 925 Lasst mich sie holen, Arden«, und sprang auf,
Vorlage S. 50 926 Sie herzubringen stracks, denn Enoch schien
Vorlage S. 50 927 Unschlüssig einen Augenblick, dann sprach er:
Vorlage S. 50 928 »Frau, stört mich nicht, so nahe meinem Tod,
Vorlage S. 51 929 Lasst bis zuletzt mich meinen Vorsatz halten.
Vorlage S. 51 930 Setzt Euch, und merket auf und hört mich an,
Vorlage S. 51 931 So lang mir Kraft zum Sprechen bleibt. Ich bitt' Euch,
Vorlage S. 51 932 Wenn Ihr sie seht, so sagt ihr, dass ich starb,
Vorlage S. 51 933 Sie segnend, für sie betend und sie liebend
Vorlage S. 51 934 Ja, von der Schranke abgesehn, die sich
Vorlage S. 51 935 Gebildet zwischen uns, so treu sie liebend,
Vorlage S. 51 936 Wie damals, als wir ruhten Haupt an Haupt.
Vorlage S. 51 937 Und meiner Tochter Annie, die so ganz
Vorlage S. 51 938 Der Mutter ähnlich ist, sagt ihr, dass ich
Vorlage S. 51 939 Mit meinem letzten Hauch sie segnete.
Vorlage S. 52 940 Bringt meinen Segen gleichfalls meinem Sohn;
Vorlage S. 52 941 Und Philipp sagt, dass ich auch ihn gesegnet,
Vorlage S. 52 942 Denn immer hat er's gut mit uns gemeint.
Vorlage S. 52 943 Wenn meine Kinder, die mich lebend kaum
Vorlage S. 52 944 Gekannt, mich gern als Toten sehen möchten,
Vorlage S. 52 945 So lasst sie kommen, denn ich bin ihr Vater.
Vorlage S. 52 946 Sie aber darf nicht kommen, dass sie nicht
Vorlage S. 52 947 Mein Totenangesicht in Zukunft störe.
Vorlage S. 52 948 Ach, einer nur von meinem Fleisch und Blut
Vorlage S. 52 949 Wird mich umarmen dort in jener Welt;
Vorlage S. 52 950 Dies Haar ist sein; sie schnitt es ab und gab mir's,
Vorlage S. 52 951 Und all' die Jahre trug ich's auf der Brust,
Vorlage S. 52 952 Und dacht' es mitzunehmen in das Grab;
Vorlage S. 52 953 Doch anders denk' ich jetzt, ich werd' ihn sehn
Vorlage S. 52 954 Als sel'gen Engel; darum, wenn ich heimging,
Vorlage S. 52 955 Gebt's ihr zurück, es mag ein Trost ihr sein,
Vorlage S. 52 956 Und als ein Zeichen wird's zugleich ihr gelten,
Vorlage S. 52 957 Dass ich es bin.«
Vorlage S. 52 958 Er schwieg; und Miriam Lane
Vorlage S. 52 959 Versprach mit so geläufiger Zunge alles,
Vorlage S. 52 960 Dass er noch einmal strengen Blicks sie ansah,
Vorlage S. 52 961 Und alles wiederholte, und noch einmal
Vorlage S. 52 962 Gelobte sie's.
Vorlage S. 52 963 Die dritte Nacht darauf,
Vorlage S. 53 964 Als Enoch bleich und reglos schlummerte
Vorlage S. 53 965 Und Miriam, bei ihm wachend, eingenickt,
Vorlage S. 53 966 Erscholl ein also laut Gebrüll vom Meer,
Vorlage S. 53 967 Dass alle Häuser rings am Strand erbebten.
Vorlage S. 53 968 Erwachend streckt' er seine Arme aus,
Vorlage S. 53 969 Und rief mit lauter Stimm': »Ein Schiff! ein Schiff!
Vorlage S. 53 970 Ich bin gerettet!« und mit diesem Wort
Vorlage S. 53 971 Sank er aufs Bett zurück und sprach nicht mehr.
Vorlage S. 53 972 So schied die starke, heldenmüt'ge Seele,
Vorlage S. 53 973 Und selten sah ein stattlicher Begräbnis
Vorlage S. 53 974 Das kleine Dorf, als da man ihn begrub.
Vorlage S. 53