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Alfred von Reichenbach, ein Mann in der Mitte der dreißiger Jahre, saß eifrig arbeitend vor dem Schreibtische in seinem Studirzimmer, das, nach den aufgestellten Bücherschränken, Büsten und Bildern zu urtheilen, auf einen Besitzer schließen ließ, der Wissenschaften und Künste liebte und über die Mittel gebot, seinen Neigungen Befriedigung zu verschaffen.
Die mächtigen Bäume, welche sein Schloß umgaben, die geschlossenen Jalousien, verbreiteten eine milde Dämmerung in dem Zimmer und trotz der drückenden Wärme eines Sommerabends war es hier frisch und luftig. Eine tiefe Stille herrschte in dem Gemach, nur unterbrochen von dem leisen Geräusch, welches Alfred's Feder auf dem Papier verursachte. Er schrieb mit wachsender Schnelle und sein Gesicht zeigte den Ausdruck jener freudigen Begeisterung, den das Gelingen einer Arbeit hervorruft.
Da öffnete eine stattliche blonde Frau die Thüre und sagte: es ist drüben so warm in den Stuben, dass man es nicht ertragen kann, ich werde mich mit meiner Arbeit zu Dir setzen.
Es war die Frau des Schloßherrn. Er schreckte aus seinen Gedanken empor, sah sie zerstreut einen Augenblick an, nickte mit dem Kopfe und arbeitete emsig weiter.
Frau von Reichenbach beachtete das nicht. Sie schob mit Geräusch einen Tisch an das Fenster, rückte einen Stuhl zurecht und zog eine Tapisserie-Arbeit aus ihrem Nähkorbe, wobei Scheere und andere Geräthschaften klappernd zur Erde fielen. Alfred fuhr beunruhigt mehrmals mit der Hand über die Stirn, hielt im Schreiben an, überlas das Fertige, wollte weiter arbeiten, aber er war zerstreut worden, konnte dieselbe Gedankenreihe nicht finden und das Schaffen schritt langsamer vorwärts.
Nimm's nicht übel, Alfred! rief die Nähende nach einer kurzen Pause, es ist aber förmlich Nacht in Deiner Stube, ich muss die Jalousien öffnen, ich kann das Muster hier nicht zählen.
Die Jalousien, von ihr losgehakt, flogen zurück, das blendende Licht der untergehenden Sonne fiel plötzlich strahlend in das Zimmer, und mißmuthig sagte Alfred: Du weißt, Caroline, wie peinlich und störend mir solch grelles Licht ist, wenn ich arbeite.
Was soll ich aber tun, wenn ich die Stiche nicht zählen kann? wiederholte sie, und fragte bald darauf: Hast Du davon gehört, dass des Inspectors Tochter eine Liebschaft mit einem Studenten hat, seit sie den Winter in der Stadt war?
Caroline schwieg einige Zeit, Alfred's Feder bewegte sich wieder schneller, da bog seine Frau sich weit aus dem geöffneten Fenster hinaus, und rief einem im Hofe beschäftigten Mädchen in scheltendem Tone die Worte zu: Die Röcke sollen ein für allemal nicht mit Nadeln an den Trockenschnüren befestigt werden; wie oft soll ich das sagen?
Aber Du wolltest ja arbeiten? meinte Caroline. Wie kann man so launenhaft sein! Du hattest mir beim Kaffee ausdrücklich gesagt, wir sollten Dich nicht stören.
Deshalb kamst Du wohl herein und plaudertest unaufhörlich? sagte Alfred im Tone eines freundlichen Vorwurfs. Sie schickte sich zu einer Entgegnung an, aber er wiederholte seinen Wunsch, zu dem Sohne hinabzugehen, und bald darauf finden wir die Eheleute in den stattlichen Alleen des Gartens wieder.
Der schöne, zehnjährige Felix sprang den Eltern froh entgegen, ward von dem Vater geliebkoset und fing an, von seinen Spielen, von seinen Hunden und von dem Kutscher zu erzählen, während sie durch den Laubgang vorwärtsschritten. Plötzlich hielt der Knabe in seinen Berichten inne, sah dem Vater prüfend in das Gesicht und ging dann schweigend und ruhig neben ihm her. Alfred bemerkte dies Schweigen nicht und schien auch eine gleichgültige Frage seiner Frau zu überhören, so dass sie unmuthig ausrief: Aber wenn Du mich nur hier haben wolltest, damit ich neben Dir hergehe, so hättest Du mich im Hause lassen können, wo ich zu tun hatte.
Alfred erwachte aus seiner Zerstreutheit. Vergib! sagte er, ich habe so plötzlich zu arbeiten aufgehört, da weilt die Seele unwillkürlich noch bei den Vorstellungen, die sie beschäftigten. Ich dachte in diesem Augenblick mehr an die Vergangenheit und an mein Gedicht, als an Euch und an die Gegenwart.
Das sah ich, Vater! bemerkte Felix, und darum war ich lieber still. Ich weiß es gleich, wenn Du an Deine Arbeiten denkst. Dann sehen Deine Augen ganz anders aus, als könntest Du nicht mit ihnen sehen, was um Dich her vorgeht. Bist Du vergnügt, wenn Du Dir Deine Gedichte und Geschichten ausdenkst?
Ja, mein Sohn, und recht vergnügt! Ich wollte, auch in Deine Brust hätte die Natur den schöpferischen Funken gelegt, der in uns eine neue Welt voll Freuden und Leiden hervorruft. Indeß selbst in den Leiden liegt noch Glück und Schönheit, und wohl Dem, der jenes doppelte Leben kennt, das den Dichter in den Momenten des Schaffens zum glücklichsten Menschen macht, sagte Alfred, zu seiner Frau gewendet.
Das ist aber ein sehr einseitiges Glück, meinte diese, von dem Niemand etwas genießt, als nur Du selbst. Für Deine Umgebung bist Du verloren, wenn Du so in das Arbeiten hineinkommst. Ob ich mich mit den Leuten plagen muss, ob ich Verdruss und Aerger habe, danach fragst Du nicht; Du dichtest! Und gerade heute habe ich Verdruss gehabt, denn ich habe der neuen Wirthschafterin den Dienst gleich wieder aufkündigen müssen.
Gewöhnlich, Beste, scheinen mir Deine Gründe für diese sich oft wiederholenden Gewaltmaßregeln nicht ausreichend. Du weißt, ich habe dabei früher stets zu vermitteln, einzuschreiten versucht, jetzt bin ich es müde geworden. Du willst nicht einsehen, dass Du Dir all den Verdruss durch Deine Ungeduld mit den Leuten selbst bereitest; deshalb lasse ich Dich nach Belieben schalten und ertrage die Unbequemlichkeit, fortwährend neue Dienstboten um uns zu haben.
Als ob Dich auch nur Etwas von diesen Unbequemlichkeiten träfe! als ob ich nicht Alles auf mich nähme! Ich denke, Du kannst Dich nicht darüber beklagen, dass Du je Deine gewohnte Bequemlichkeit entbehrst, dass ich es Dich je empfinden lasse, welche Plage die schlechten Leute sind! rief Caroline empfindlich, und Alle schwiegen, bis Felix den Vater bat, den Garten zu verlassen, um durch die Felder auf den Berg zu gehen.
Der Vater war es gern zufrieden, indeß die Mutter machte Einwendungen. Sie fürchtete die Wärme, den weiten Weg, ließ sich aber dennoch überreden, ihres Mannes Arm zu nehmen und die Ihrigen zu begleiten. Der Knabe lief fröhlich voran und bald hatte man die Höhe erreicht, von der aus sich ein weiter Blick über die großen Reichenbach'schen Besitzungen eröffnete.
Mäßige Hügelketten durchzogen das Land, bald mit üppigen Laubwäldern, bald mit wogenden Getreidefeldern geschmückt, die in goldiger Fülle der Ernte entgegenreiften. Dazwischen schlängelte sich von der Höhe ein Flüßchen hinab, das im Thale einen Kupferhammer trieb und weiter hin einen hellen Teich bildete, der, wie die blaue Wunderblume der Märchenwelt, funkelnd und strahlend aus der Tiefe hervorleuchtete. Glitzernd zitterten die letzten Sonnenstrahlen auf dem ruhigen Gewässer und färbten mit bräunlichem Golde die Spitzen der Bäume, die sich leise unter dem erfrischenden Wehen der Abendluft zu regen begannen. Die ersten langgezogenen Finkenschläge tönten aus den Büschen, Säulen von schwärmenden Mücken sonnten sich in der Luft, und Alles was lebte, schien sich der schönen letzten Tagesstunde mit Glück bewusst zu sein.
Alfred blickte lange entzückt umher, schwelgend in Anbetung und Freude. Caroline hatte sich auf einen Stein niedergesetzt, sie war mit den Bändern ihrer Schuhe beschäftigt. Ihr Mann ließ sie ruhig gewähren. Plötzlich, als die Farben immer tiefer wurden, als es überall heller leuchtete, rief er wie im Selbstgespräch: Wie verdient man diese Welt? wie genießt man all diese Herrlichkeit? Felix! siehst Du denn, mein Sohn, wie schön es hier ist? Siehst Du, wie dort, wo Dein Schwan durch den Teich zieht, lange, lange Goldstreifen sich spiegeln, als Widerschein des Lichtes? Da streichelt die Sonne mit goldener Hand die feuchte, heiße Wange der müden, entschlummernden Erde, und wünscht ihr gute Ruhe und selige Träume, wie wir es mit Dir machen. Und die Erde wird still und ruhig und träumt von Glück und Frieden! Wollte Gott, dass morgen, wenn sie erwacht, der Traum Wahrheit geworden wäre, dass – –
Hier ist's aber vor Mücken nicht zu bleiben! fiel seine Frau ihm in das Wort, und überhaupt möchte ich zurückgehen, mich drücken die Schuhe und ich will auch der Haushälterin noch etwas sagen.
So komm! sagte Alfred seufzend und, eine düstere Wolke des Unmuthes auf der Stirne, trat er den Rückweg an, seine Frau am Arme führend, die sich fest und schwer darauf lehnte und unablässig über ihre unbequemen Schuhe klagte.
Alfred war der Sohn adliger und edler Eltern. Den Vater hatte er wenig gekannt, die Mutter, welche ihn mit vollster Hingebung erzogen, war gestorben, als er kaum das Jünglingsalter erreicht hatte und Offizier geworden war. Von dieser trefflichen Frau an ein geistiges Zusammenleben mit ihr gewöhnt, fand er nach ihrem Tode sich einsam und verlassen. Die lauten, wüsten Kreise seiner Kameraden zogen ihn nicht an und, in ein kleines Garnisonstädtchen versetzt, führte er ein zurückgezogenes freudloses Dasein, bis ihm in der Liebe neue Hoffnung erblühte.
Er hatte eine Wohnung in dem Hause eines adligen Subalternbeamten gemiethet, dessen einzige Tochter, Caroline, für das schönste Mädchen der Stadt galt, das von den Launen einer jungen Stiefmutter viel zu dulden hatte. Alfred bedauerte sie, wollte sie trösten, sie durch seine Teilnahme für ihre Leiden entschädigen. Während dieser Bestrebungen verwandelten sich allmälig sein Mitgefühl und des Mädchens Dankbarkeit in Liebe, die sie sich mit der Befangenheit der ersten Jugend gestanden.
Beide waren neunzehnjährig und schön. Alfred's Seele schmachtete liebedurstig nach einem Ideale, und freigebig schmückte er in seinem Geiste das junge Mädchen mit allen Vorzügen, die er in ihm ersehnte, die es nicht besaß. Kleine Mißhelligkeiten, die oftmals vorfielen, wurden durch die Küsse und Schwüre der Versöhnungsstunden ausgeglichen; es war ein Verhältnis, wie viele andere, das sich gleichblieb, bis Alfred die Garnison verließ, um die Kriegsschule in Berlin zu beziehen. Eine Trennung, ohne sichere Aussichten für künftiges Wiedersehen, schien den Liebenden unmöglich. Man entdeckte sich den Eltern und, da dem Vater der stattliche Schwiegersohn, der Stiefmutter die Verheirathung der Tochter willkommen war, erlangte das junge Paar die Einwilligung der Eltern mit dem Versprechen, der begüterte Vater wolle die Verheirathung Carolinen's möglich machen, sobald der Lieutenant seine Studien beendet haben würde.
In Berlin fand Alfred einen greisen Großonkel, der sich väterlich des strebsamen Jünglings annahm. Er war Domherr, hatte an verschiedenen größeren Höfen gelebt und zeichnete sich ebenso sehr durch Geist und feine Sitten, als durch ein starres Festhalten an den Grundsätzen der katholischen Kirche aus. Von ihm ward Alfred in die gebildeten, kunstsinnigen Kreise der Hauptstadt eingeführt; unter seiner Leitung suchte er auf jede Weise seinen Geist zu bilden, und der Neigung für Künste und Wissenschaft zu genügen, die er in seinen früheren Verhältnissen nicht befriedigen können.
Nachdem dies beglückende Verhältnis ein paar Jahre gedauert hatte, starb der Greis plötzlich und Alfred sah sich, unerwartet zu dessen alleinigem Erben ernannt, in dem Besitze eines bedeutenden Vermögens. Freudig ward die Nachricht der Braut verkündet und die Hoffnung baldiger Hochzeit daran geknüpft; aber in der Freude seines Herzens hatte der junge Mann eine Bedingung des Testaments nicht beachtet, welche jene Aussicht noch in weite Ferne hinausschob.
Das Testament verlangte, dass Alfred sich nicht vor vollendetem vierundzwanzigsten Jahre verheirathen, bis dahin in Berlin bleiben oder reisen, und seine Braut nicht wiedersehen dürfe, bis er nach erlangter Großjährigkeit die Erbschaft angetreten haben würde, welche bis dahin für ihn von den Domherren des geistlichen Stiftes verwaltet werden sollte.
Nur mit Widerstreben fügte sich das Brautpaar in das Unabänderliche. Carolinen's Klagen über ihre traurigen Verhältnisse zur Stiefmutter suchte Alfred mit Schilderungen der glücklichern Zukunft zu beschwichtigen; während er jetzt schon mit zärtlicher Großmuth bemüht war, ihr Loos erträglich zu machen und dem sinkenden Wohlstande ihrer Eltern wieder empor zu helfen. Die reichsten Geschenke, die ausführlichsten Briefe, die feurigsten Liebeslieder wurden ihr gesendet; aber Nichts vermochte sie zu erheitern, Nichts sie von dem Verdachte zu befreien, Alfred vergesse ihrer, und sein Wille müsse die Hindernisse überwinden können, die sich ihrer Verbindung im Augenblicke entgegenstellten. Das sprach sie mit Bitterkeit in jedem ihrer Briefe aus und verminderte dadurch die Sehnsucht, mit welcher er ihnen sonst entgegengeharrt hatte.
Bald darauf trat er seine Reisen an. Er sah Länder und Völker und lernte den Menschen verstehen, von dem Palaste des Herrschers bis hinab in die Hütte des Armen. Die Natur hatte ihm eine poetische Auffassungsgabe und eine schöne gestaltende Kraft verliehen. Es trieb ihn also, was er gefühlt und gedacht, für sich und Andere in bleibender Form fest zu halten und auf Zureden eines Freundes gab er einen Band von Liedern und Gedichten heraus, die er in begeisterten Stunden geschrieben hatte.
Als er nach Verlauf einiger Jahre in die Heimat zurückkehrte, begrüßte ihn das Mitgefühl des deutschen Vaterlandes, das die Versuche des jungen Dichters wohlwollend willkommen hieß; aber er entriss sich schnell dem verlockenden Treiben der großen Welt, um zu seiner Verlobten zu eilen.
Wer jedoch beschreibt seine Empfindungen, als er die Ersehnte wiedersah? In den beständigen Reibungen mit der Stiefmutter, in den kleinlichen Verhältnissen eines Landstädtchens war der mädchenhafte, jugendliche Reiz, der auch die weniger begabten Frauen liebenswürdig macht, gänzlich entschwunden, und Alfred fühlte sein Herz erstarren in dem Begegnen mit der Braut.
Der Gedanke, mit ihr zu brechen, regte sich in ihm, aber er unterdrückte ihn schnell; denn er hatte ihr sein Wort verpfändet, sie hatte ihre Jugend im Vertrauen darauf durchlebt und ihr Vater war verarmt. Daneben wachte auch die Erinnerung an die erste Zeit ihrer Liebe mächtig in ihm auf. Er wähnte, Caroline bilden, sie zu sich erheben zu können. In dieser Erwartung ward ihre Ehe geschlossen, und noch am Hochzeitstage führte er die junge Gattin in sein Schloß, das mit gebildetem Schönheitssinn für ein poetisches Zusammenleben eingerichtet worden war.
Aber seine Hoffnungen täuschten ihn. Carolinen's Herz war nicht böse, es fehlte ihr nicht an Verstand, sie liebte ihren Mann auf ihre Weise, aber sie war kalt und herb, und Alfred entdeckte bald eine Kluft zwischen sich und ihr, die sie weit von einander trennte. Die Weise, in der er, bei großer praktischer Tüchtigkeit, Welt und Leben geistig erfasste, seine Bestrebungen für Menschenwohl im Großen, sein ganzes Wollen und Wirken lagen außer den engen Grenzen, in denen der Geist seiner Frau sich bewegte. Seine ganze Richtung erschien ihr phantastisch, sie fühlte, dass sie ihm nicht folgen, ihm nicht genügen könne, dass er mehr verlange, als sie ihm sei. Das machte sie eifersüchtig, launenhaft und reizbar, und selbst die Geburt eines Sohnes brachte keine vollständige Annäherung zuwege, obgleich beide Eltern mit gleicher Liebe an dem Kinde hingen.
Häusliches Unbehagen führte die Gatten vom Lande nach der Stadt, wo sie eine Weile zu leben versuchten; Carolinen's Eifersucht trieb sie wieder auf das Land zurück. In immer neuen Verstimmungen flossen die Jahre dahin, und die Mißhelligkeiten steigerten sich, seit die Erziehung des zehnjährigen Sohnes die religiösen Ansichten der Eltern einander gegenüberstellte. Alfred und seine Frau waren beide katholisch; während aber Jener einem reinen Deismus huldigte, hing Caroline streng an dem äußern Kultus der römischen Kirche und suchte, unter Anleitung ihres Beichtvaters, eines Kaplan Ruhberg, vom Domstifte zu Maria-Gnad, das in der Nähe des Schlosses lag, auch Felix zu dem äußern Gottesdienste anzuhalten, was ganz gegen die Ansicht ihres Mannes verstieß.
Caroline, an beständigen Streit mit der Stiefmutter gewöhnt, war gegen das Verletzende der oft wiederkehrenden Zerwürfnisse zwischen sich und ihrem Manne nicht allzu empfindlich, während sein feineres Gemüt beständig darunter litt und bei jedem neuen Anlasse schmerzlicher blutete, so dass das Leben an der Seite seiner Frau ihm bald zu einer drückenden Bürde wurde, gegen die er nur in rastloser Tätigkeit Trost und Zerstreuung fand. Schulen und Fabriken wurden auf seinen Gütern gegründet, Noth und Elend schwanden von seinen Besitzungen, er sah sich nach wenig Jahren von frohen, dankbaren Menschen umgeben und sein großer, ererbter Reichthum nahm mächtig zu. Er wusste, dass er seine Pflicht that, und er that sie gern.
Aber je mehr er es fühlte, wie er in dem Gelingen dieser Bestrebungen, in seinen dichterischen Erfolgen und vor Allem in dem fröhlichen Heranwachsen seines Sohnes, alle Mittel zu dem vollkommensten Glück besitze, um so schmerzlicher entbehrte er in der Mutter dieses Knaben die gleichfühlende Gefährtin, die all das Gute mit ihm theilen sollte, und um so größer ward die Entfernung, die ihn geistig von ihr trennte. Was blieb ihm also übrig, als sich endlich vor dem Unerreichbaren entsagend zu bescheiden? Alles, was er erlangen konnte, war eine verhältnißmäßige Ruhe, und diese strebte er also an. Er gab den Launen Carolinen's so weit als möglich nach, ließ sie in ihrer Neigung für Luxus gewähren, er aber lebte seinen Pflichten, seinen Arbeiten und seinem Sohne.
Noch klang die Erinnerung an die letzten Streitigkeiten in Alfred's mißmuthiger Stimmung fort, als schon ein neues Unwetter an seinem Ehehimmel heraufzog. Er hatte eine bestimmte Menge von Lebensmitteln festgesetzt, welche allwöchentlich an diejenigen Gutsinsassen vertheilt werden sollten, die durch Alter oder Krankheit zur Arbeit unfähig geworden waren. Jahre lang hatte diese Maßregel ruhig fortbestanden, jetzt aber trat plötzlich der Verwalter mit der Frage an ihn heran, wie er es künftig mit der Austheilung dieser Unterstützung zu halten habe, da er mit dem dazu bewilligten Quantum nicht mehr auszureichen vermöge.
Woran liegt das, fragte Alfred, grade jetzt, wo der Gesundheitszustand bei dem schönen Wetter vortrefflich und alle Welt bei der Ernte beschäftigt ist? In dieser Zeit pflegte doch sonst die Notwendigkeit der Unterstützung sehr gering zu sein und die Sommermonate mussten den Winter übertragen helfen.
Alfred sah den Verwalter überrascht an, fasste sich aber schnell, den Zusammenhang errathend, und sagte: Ja so! – nun, ich will das überlegen. Ich werde Ihnen morgen den Bescheid geben, wenn Sie in der Frühe zu mir kommen.
Mit dieser Weisung empfahl sich der Verwalter und Alfred eilte zu seiner Frau. Hast Du den Befehl gegeben, fragte er, regelmäßige Lieferungen von Lebensmitteln nach Maria Gnad zu machen?
Ich sehe nicht ein, entgegnete Caroline, die gerade Antwort umgehend, weshalb Du allein Dir das Recht aneignest, Wohlthaten zu spenden; weshalb ich nicht Theil an den guten Werken haben soll, auf meine Weise?
Dass Du nicht Theil daran nahmst auf vernünftige Weise, hat mich oft genug verdrossen! entgegnete er ihr. Wie häufig habe ich Dir gesagt, Du könntest wahre Wohlthaten tun auf unsern Gütern, wenn Du Deinen Einfluss auf die Frauen der Leute verständig geltend machen wolltest. Du könntest mir die Hälfte der Arbeit abnehmen, die mir die Gewöhnung der Einwohner zu verständigem Gebrauch ihrer Mittel verursacht! Ich wollte Dich so gern als die Schöpferin des Guten verehren lassen, das hier allmälig geschieht. Immer bist Du mir dann aber mit kleinlicher Sparsamkeit, mit pietistischen Bedenken entgegengetreten; und nun befiehlst Du, ohne mich zu fragen, plötzlich Sendungen in das Kloster zu machen, die meinen arbeitsamen Leuten entzogen werden, um drüben die faulen Mönche fett zu füttern!
Um von den frommen Herren an fromme, gottgefällige Christen vertheilt zu werden, die sich durch christlichen Wandel des Beistandes würdig machen, fiel ihm Caroline fest ins Wort. So lange Du Deine Leute in dem unkirchlichen Leben bestärkst, so lange Du sie ermunterst, an den heiligen Tagen zu arbeiten und die Messe zu versäumen, so lange kann Deine Wohlthätigkeit nicht die meine sein; und sie wird auch keinen Segen bringen weil ihr der Segen des Himmels fehlt.
Immer das alte Einerlei! rief Alfred verdrießlich. Dass ich doch endlich die Mittel begreifen lernte, durch die alle Lehren der Pfaffen Eingang bei Dir finden, während Du bei meinen Vorstellungen, meinen dringendsten Bitten taub bleibst!
Warum bleibst Du taub bei meiner flehentlichen Bitte, Felix, wenigstens im Christenthum, von dem würdigen jungen Manne unterrichten zu lassen, den Kaplan Ruhberg uns vorschlägt?
Weil ich nicht will, dass man den gesunden Verstand des Knaben mit unklaren Begriffen verdunkle; weil er ein verständiger Mensch werden soll und kein Heuchler, wie Ruhberg und sein Gehilfe es sind. Ehe ich diesen jungen Mann in meinem Hause dulde, lieber –
Sehr willkommen! sagte Caroline und ging freundlich, als ob nichts Unangenehmes sie berührt hätte, der Gemeldeten entgegen, die gleich darauf eintrat. Alfred hatte das Zimmer verlassen, er fühlte sich nicht gestimmt zu gleichgültig heiterem Gespräch.
Mit dem Gaste zugleich kam aber auch Felix herein. Sein glühendes Gesicht strahlte vor Freude und er wollte eilig durch das Zimmer laufen, als die Mutter, nachdem sie die Baronin begrüßt, ihn bei der Hand nahm und, ihn betrachtend, ausrief: Aber um Gottes willen, Felix! wie siehst Du aus? Wo hast Du Schuhe und Strümpfe gelassen? Wie hast Du Deine Blouse zugerichtet!
Ich habe Ihren Sohn eine tüchtige Strecke vom Schlosse gefunden, bemerkte die Baronin, während sie dem verlegen schweigenden Knaben die Wange streichelte, und ich habe ihn in meinem Wagen hierher gebracht, da er es doch wohl nicht gewohnt ist, ohne Schuhe und Strümpfe einher zu gehen.
Der ganze Unmuth Carolinen's, den der Streit mit ihrem Manne in ihr zurückgelassen hatte, wendete sich nun gegen den Knaben. Was ist das wieder für ein gottloser Streich! rief sie heftig. Du machst mir nichts als Verdruss und Schande, Du folgst nie! Sehen Sie, Beste, wie er aussieht! Es ist der ungerathenste Knabe von der Welt!
Mutter! sagte Felix leise, der arme Junge sah so elend aus, er hat das Fieber und einen lahmen schlimmen Fuß. Ich dachte, der Vater würde nicht böse sein, es war wirklich nicht weit von hier, und er hatte bis nach Heindorf mit dem schlimmen Fuß.
Und ich sage Dir, Du sollst Deine Sachen nicht jedem Bettelbuben schenken und nicht barfuß umherlaufen wie ein Bauernjunge! Mache, dass Du hinauskommst, und lasse Dich ankleiden, Du ungerathenes Kind! – Damit schob sie den Knaben nach der Thüre, mit so unvorsichtiger Heftigkeit, dass er auf dem glatten Fußboden stolperte und gefallen wäre, hätte nicht Alfred ihn in seinen Armen aufgefangen, der hinzueilte, als er die keifende Stimme der Mutter in dem Nebenzimmer hörte.
Er hieß die Baronin in gewohnter edler Form willkommen, aber Caroline unterbrach ihn: Da siehst Du nun selbst einmal die Folgen Deiner genialen Erziehung an dem Knaben! sagte sie. Fast eine Stunde vom Schlosse hat ihn die gute Baronin gefunden und ihn in dem saubern Aufzuge hierhergebracht. Hieltest Du ihm den Lehrer, den ich Dir heute wieder vorschlug, dann kämen solche Dinge auch nicht vor.
Der zurecht gewiesene Vater versuchte die Sache lächelnd und leicht aufzunehmen. Ich finde in der That nicht, dass der Knabe ein so großes Unrecht getan hat, sagte er. In der Umgegend umherzulaufen, haben wir ihm stets erlaubt, da er für seine Jahre selbstständig und vernünftig ist; und dass er einmal seine Schuhe aus Mitleid fortgab und eine halbe Stunde barfuß einherging, das wird ihm gar nichts schaden. Mag er sehen, wie es dem Armen tut.
Ich meine auch, versetzte begütigend die Baronin, der dieser Auftritt natürlich sehr unangenehm sein musste, Sie nehmen die Sache viel zu streng, liebste Freundin! Ihr Felix darf mehr noch als andere Knaben eine gewisse Ungebundenheit zeigen und seinen augenblicklichen Eingebungen folgen. Er ist ja der Sohn eines Dichters und seine Augen sehen aus, als ob viel von dem väterlichen Genius auf ihn übergegangen wäre.
Aber die versöhnenden Worte der Baronin brachten eine ganz entgegengesetzte Wirkung hervor. Caroline nahm es übel, dass sie ihr nicht beistimmte, dass, wie gewöhnlich, die Meinung der Fremden sich für ihren Mann entschied.
Wenn ich nur nicht dies ewige »ein Dichter!« hören müsste! rief sie in einem Tone, der nun ihrer Seits auch scherzhaft klingen sollte, während er die äußerste Gereiztheit verrieth. Wenn die Leute nur wüssten, wie unbequem solche poetische Naturen im täglichen Leben sein können, wie die prosaische Umgebung von der Poesie, von ihrer Freigeisterei, und von ihren Ueberspanntheiten bisweilen leiden muss.
Du schmeichelst mir eben nicht, Caroline! unterbrach sie Alfred, und die Baronin bemerkte, man höre wohl, dass Frau von Reichenbach nur scherze; aber sie beachtete die Weisung nicht.
O, ich schmeichle und heuchle nie! rief sie, und es ist, wie ich es sage, glauben Sie mir das! Die Menschen werden durch die Poesien eines Dichters entzückt; aber während er dichtet, fällt alle Sorge für Haus und Hof, alle Noth mit der Erziehung, alle häusliche Plage auf die Frau, denn für solche Kleinigkeiten hat ein Dichter nicht Sinn und nicht die Zeit. Kommt er dann endlich aus dem Studirzimmer heraus, so soll die poetische Welt auch im Leben ausgeführt werden; Alles, was nicht damit in Uebereinstimmung ist, heißt ungroßmüthig, kalt und kleinlich. Gewiss, Sie kennen das nicht.
Caroline war so heftig erregt, dass ihre Stimme zitterte, die Baronin, welche es nicht wissen konnte, dass vor ihrer Ankunft ein lebhafter Streit stattgefunden hatte, war in der peinlichsten Verlegenheit. Alfred's Farbe wechselte während dieser Scene mehrmals schnell, doch versuchte er seinen Zorn niederzukämpfen und der Sache eine schicklichere Wendung zu geben. Mit erzwungenem Lächeln sagte er: Da sehen Sie, gnädige Frau! wie unsere kleine poetische Glorie bei näherer Betrachtung ein Feuer ist, das alles häusliche Glück verzehrt! Indeß ist es wohl nicht so arg. Es wäre ja zu traurig, wenn Das, was unser Glück ist, zur Plage unserer Lieben würde. Meine Frau fällt mir ins Fach, sie dichtet heute ein wenig und übertreibt dabei wohl etwas.
Die Baronin ging auf diese Wendung ein, aber die quälende Spannung der Einzelnen lähmte jede Unterhaltung. Alfred war verstimmt, Caroline blieb gereizt und bitter, und die Baronin entfernte sich, sobald es in guter Weise möglich war.
Alfred eilte auf sein Zimmer, nachdem er sie zu ihrem Wagen geleitet, und ging in stürmischer Bewegung umher, wie es seine Art war, wenn ein Ereignis ihn schmerzlich beschäftigte. Mehrmals blieb er stehen, den Kopf gegen die Fensterscheiben gestützt, und sah sinnend in die Gegend hinaus. Dann setzte er die frühere Bewegung wieder fort, ging an die Thüre, um die Glocke zu ziehen, aber plötzlich zögernd ließ er die Schnur aus der Hand entgleiten, trat zurück und warf sich in den Sessel, der vor seinem Schreibtische stand.
Hier saß er, in Gedanken verloren, lange Zeit, bis er sich plötzlich aufraffte, die Klingel zog, dem Diener befahl, die gnädige Frau zu ihm zu bitten, und dann, sie erwartend, auf's Neue in tiefes Nachdenken versank.
Die äußere Ruhe ihres Mannes bei sichtlicher innerer Erregtheit erschreckte sie, und teils, um sich Muth zu machen, teils auch ihr früheres Betragen bereuend, rief sie: Um Gottes willen, lieber Alfred, nur keine Ermahnung, sage einfach, was Du willst, und mach' es kurz!
Dabei legte sie ihren Arm um seinen Nacken und neigte sich zu ihm, als ob sie ihn küssen wollte, aber er wehrte es ihr leise und sagte sehr ernsthaft: Die Zeiten sind vorüber, in denen eine Liebkosung mich mit Deinen Fehlern versöhnte. Ich bin es herzlich müde, mich und den Knaben von Dir tyrannisiren zu lassen, ich bin es müde, jeden Freudenbecher, den das Leben mir bietet, durch Dich in Wermuth verwandeln zu sehen. Wir werden uns trennen!
Sie sah ihn in sprachloser Erstaunung an. Sein Ernst ließ sie das Schlimmste fürchten, aber sie wünschte von Herzen, sich zu täuschen, und sagte mit erzwungenem Lächeln: Soll das ein Kapitel aus Deinem neuen Roman sein? Es klingt sehr traurig.
Die Ungerechtigkeit und die Härte, welche Du heute wieder gegen den Knaben und gegen mich begangen hast. Sage selbst, was hatte ich Dir getan? Warum hast Du das Kind, und obenein im Beisein einer Fremden, so hart gescholten?
Weil er wieder wie ein Bauernjunge mit zerrissenen Kleidern nach Hause kam, weil er gar nicht mehr zu bändigen ist, gegenredete die Mutter, den ersten Theil der Frage geschickt umgehend. Aber das sind die Folgen Deiner ewigen Lehren von der allgemeinen Gleichheit der Menschen, von der wahren Barmherzigkeit. Nun siehst Du selbst, wohin das führt. So mitten unter allem Gesindel lässt kein Edelmann seine Kinder aufwachsen, so verkennt Niemand als Du, was er seiner Stellung schuldig ist.
O! Du brauchst mich nicht zu erinnern, dass ich Dir eine glänzendere Stellung verdanke, als ich sie zu Hause gehabt; ich weiß wohl, dass es Dich oft genug gereut hat, die arme Registratorstochter geheirathet zu haben. Obgleich mein Vater so gut ein Edelmann war, als Du, hast Du Dich meiner doch von je geschämt.
Caroline! das sagst Du mir? fragte Alfred noch mals. Dann nahm er sie bei der Hand, führte sie zu dem Sopha, setzte sich neben sie und sagte mit befehlendem Ernst: Jetzt unterbrich mich einmal nicht! – Ja! Du hast wahr gesprochen, wahrer als Du weißt. Ja! ich schäme mich Deiner, ich habe mich Deiner oft geschämt, aber nicht um Deines armen, wackern Vaters willen, den ich hochgeschätzt, wie alles Tüchtige, das weißt Du wohl. Ich habe mich Deiner geschämt, wenn Du in ungezügelter Heftigkeit den Unfrieden unserer traurigen Ehe fremden Blicken preisgegeben hast, wie heute; wenn Du in blinder Eifersucht Dich und mich dem Spotte unserer Bekannten aussetztest.
Weiß es nicht längst alle Welt, dass Du und ich nie gleicher Ansicht sind? Wo steckt das große Verbrechen, dass ich dies heute halb im Scherze der Baronin sagte, und Felix einen Verweis gab, den er reichlich verdient hat! unterbrach sie ihn trotz seiner Warnung. Das tut jede Mutter; das thäten all die geistreichen Damen auch, die mir mit ihrer Anbetung für Dich, als wir in der Residenz waren, Dein Herz entfremdeten. Das hätte auch Deine Freundin, das hätte jene Baronin auch getan, die Dir vor unserer Verheirathung wie ein Ideal erschien, im Gegensatz zu mir, und deren Bruder Dich zu allen Deinen poetischen Thorheiten verleitete.
Alfred fuhr auf und seine Hand ballte sich krampfhaft zusammen, doch sagte er ruhig: Therese Brand, die Du vermuthlich meinst, war eben so wenig Baronin als Du, aber eine sehr edele Natur, die mit lebhaftem Gefühl die Dichtungen begriff, welche ich Dir aus vollem Herzen weihte, und die Du nicht empfandest. Dass ihr Bruder Julian mich zum Drucke jener Gedichte überredete, war keine Thorheit; aber von dem Allen ist jetzt die Rede nicht.
Und hat er Dich nicht mit Gewalt bereden wollen, mit mir zu brechen? Habe ich nicht selbst den Brief gelesen, als Du einmal Deine Brieftasche bei uns hast liegen lassen? Er meinte, wir passten nicht für einander, Du seist zu jung zum Heirathen, Du solltest mich aufgeben, mir eine reiche Mitgift aussetzen, damit ich bald einen andern Mann fände. Daran hätte es mir auch ohne eine Mitgift nicht gefehlt, und vielleicht wäre es besser für mich gewesen.
Alfred entgegnete ihr keine Sylbe; es entstand eine lange Stille, denn Caroline fand nicht den Muth, das Schweigen zu brechen, das drückend auf ihr lastete. Endlich that es Alfred.
Nach dieser Aeußerung, Caroline! sagte er sehr ruhig und bestimmt, obschon in seinem Antlitz seine innere Erregung klar zu lesen war, nach dieser Aeußerung und nach den Vorgängen der letzten Tage und Stunden, hoffe ich bei Dir auf keine Einwendungen zu stoßen, wenn ich Dir mittheile, was ich für uns beschlossen habe. Ich gehe noch heute nach der Stadt, werde dort bleiben und Felix, dessen Erziehung dies ohnehin erheischt, nachkommen lassen. Du magst über Deine Zukunft bestimmen, Dich einrichten, wie es Dir wünschenswerth scheint, nur nach Berlin komme für das Erste nicht. Darum bitte ich Dich, es würde uns die notwendige Trennung nur erschweren.
Alfred! schrie Caroline im Tone des wahrsten Schmerzes auf, ist es denn möglich, Du willst mich verlassen? Habe ich Dir je Anlass gegeben, an meiner Liebe zu zweifeln? Bin ich Dir nicht stets ein treues Weib gewesen?
Erniedrige Dich nicht durch solch ein Lob! versetzte er. Was frommte Treue, was galt Liebe, wo jeder Tag, jede Stunde mir Leid gebracht hat? Wir sind unglücklich gewesen durch einander, so wollen wir uns trennen, um fern von einander wenn nicht Glück, doch Ruhe und Frieden zu finden; um Felix dem üblen Einflusse zu entziehen, den unser Unglück auf ihn ausüben muss, je mehr er es begreifen lernt.
Alfred! flehte sie weinend und warf sich an seine Brust, Alfred! ich bin die Mutter Deines Kindes! Um unseres Felix willen vergib, vergib nur noch dies eine Mal, und bleibe!
Er aber machte sich sanft von ihr los und antwortete mit Thränen in den Augen: Ist es das erste Mal, dass solche Auftritte zwischen uns vorfallen? Ich weiß, Du bist an mich gewöhnt, Du liebst den Knaben, Du bist nicht böse, aber wie oft hast Du mir schon gelobt, Dich zu ändern? Wie oft hast Du mir versprochen, Deine Heftigkeit zu überwinden, Dich von dem Einfluss des Kaplan Ruhberg loszusagen, meinen Ansichten, meinen Wünschen Gehör zu geben, wie ich es stets mit den Deinen that? Ist es anders geworden trotz aller Deiner Versprechungen?
Sie schwieg, getroffen von der Wahrheit in den Worten ihres Mannes, und dieser fuhr fort: Glaubst Du, dass mir nicht das Herz blutet, jetzt, da ich von Dir scheide? Mit wie viel gutem Willen, mit wie redlichen Vorsätzen führte ich Dich in mein Haus! – Vielleicht war es unrecht, dass ich es that, obgleich ich fühlte, dass Manches störend zwischen uns lag. Ich habe vielleicht zu viel von Dir verlangt; verlangt, was Du nicht leisten konntest, und Du wärst glücklicher mit jedem andern Manne geworden, wie Du vorhin sagtest – das könnte sein und das wäre hart!
Eine neue Pause entstand. Caroline weinte laut, Alfred ging wieder im Zimmer umher, endlich blieb er vor seiner Frau stehen und sagte mit gepresster Stimme: Der Verwalter hat meine Befehle für die nächste Zeit. Felix werde ich nicht sehen in diesem schweren Moment, sei nicht zu streng gegen ihn. Dann schritt er der Thüre zu, kehrte zurück, bot seiner Frau die Hand und sprach: Vergib mir, wenn Du so viel gelitten hast als ich, und versuche es, glücklicher zu werden.
Damit verließ er das Zimmer, sein harrender Kammerdiener warf ihm den Mantel über, er stieg in den Wagen, seine raschen Pferde brachten ihn zu der nächsten Station, von dort wollte er mit Postpferden nach der Residenz fahren.
Caroline blieb betäubt zurück; dann holte sie ihren Sohn, den sie mit Zärtlichkeit überhäufte. Auf seine Fragen, ob der Vater ausgefahren, ob er bald wiederkomme, antwortete sie bejahend, denn sie glaubte zuversichtlich an die Rückkehr ihres Mannes. Sie kannte sein weiches Herz, und sie hatte nicht so schwer durch ihre unglückliche Ehe gelitten, als er.
Alfred fuhr die ganze Nacht hindurch. Er konnte nicht schlafen, denn sein Gemüt war zu aufgeregt durch das Scheiden von seiner Frau; all seine Gedanken wendeten sich der Heimat zu. Er sah seine Frau weinen, seinen Sohn nach dem Vater verlangen, das kleine Arbeitscabinet leer. Eine tiefe Wehmut überfiel ihn, und wieder und immer wieder gedachte er prüfend der letzten Jahre, um sich zu überzeugen, dass der Schritt notwendig, ja dass er unerläßlich gewesen sei, den er am Abende getan hatte.
Diese Ueberzeugung beruhigte ihn allmälig, so dass er mit einer Art von Heiterkeit und mit einem Gefühl von Freiheit in die Natur hinausblickte, als ein frischer Windhauch seine Stirne kühlte und der junge Morgen die Erde beleuchtete. Es war ihm, wie in jenen Tagen erster Jugend, in denen man bei jedem Schritte aus dem gewohnten Kreise besondere Begebenheiten erwartet und Abenteuer träumt; und wirklich bereitete sich, während er über sich lächelte, ein ganz artiges Ereignis für ihn vor.
Eine halbe Stunde näher zur Residenz fuhr ebenfalls ein eleganter, von Postpferden gezogener Reisewagen auf der Chaussee. Die Fenster desselben waren geschlossen, Postillon und Diener waren eingeschlafen, die Pferde gingen ruhig den oft gemachten Weg. Plötzlich, als die Straße sich senkte, trat das eine Pferd über die Deichsel und fiel nieder. Das erweckte den Postillon, er zerrte an den Zügeln, um das Thier zum Aufstehen zu bewegen, das sich in vergeblichen Bestrebungen hin und her warf. Man hörte ein leises Knacken und der Postillon erklärte fluchend dem indeß erwachten und abgestiegenen Diener, dass die Deichsel zerbrochen sei.
Da fielen zu beiden Seiten des Wagens die Fenster nieder und aus jedem sah ein Frauenkopf hervor. Während aber die eine Dame verwirrte Fragen an den Postillon richtete, befahl die andere, ihr den Wagenschlag zu öffnen, und stieg aus. Sie überzeugte sich bald von der Unmöglichkeit, den Wagen zur Weiterreise herzustellen, erfuhr, dass man etwa in der Mitte der Station, also eine Meile von den beiden nächsten Posthäusern entfernt sei, und fasste den Entschluss, in Begleitung des Dieners bis in das nächste Dorf zu gehen und nachzufragen, wie man sich dort helfen könne.
Während dessen hatte sich die andere Dame ganz ruhig in die Wagenecke zurückgelehnt und schien wirklich noch zu schlummern, als die Ausgestiegene sie freundlich zu ermuntern strebte. Komm Eva, komm! sagte sie, wir wollen uns auf den Weg machen! Wir müssen vorwärts! Es hilft uns Nichts.
Der Wille ihrer Freundin musste aber wohl bestimmenden Einfluss auf sie üben, denn trotz ihrer Einwendungen schickte sie sich an, den Wagen zu verlassen, nachdem sie sich fest in den rothen Plaidmantel gehüllt, die seidene Capotte aufgesetzt und sich überzeugt hatte, dass das Spitzenhäubchen nicht vom Schlafe gelitten hätte. Die ältere der Beiden ließ darauf den Wagen schließen, befahl dem Postillon zur Bewachung desselben zurückzubleiben und schritt dann ruhig, Eva's Arm in den ihren legend, von dem Diener begleitet, die Poststraße hinan.
Sie schien mit rechter Wonne des schönen Morgens zu genießen, während Eva über den Thau, über Ermüdung und über tausend andere Unbequemlichkeiten klagte, und endlich ganz vergnügt ausrief: Ach Gott sei Dank! da höre ich ein Posthorn, da kommt gewiss die Schnellpost, da können wir mitfahren, hoffe ich!
Nun, wenn die Post voll ist, so sind doch gewiss auch Herren darin, die uns ihre Plätze abtreten. So ungalant wird doch kein Mann sein, dass er in dem großen Wagen vorüberfährt und uns auf der staubigen Chaussee zurückläßt.
Schnellpostreisende pflegen Eile zu haben, entgegnete Therese, und kein Gewerbe von ritterlicher Galanterie zu machen. Zudem scheint mir das nicht das Signal der Schnellpost, sondern das einer Extrapost zu sein, und damit werden Deine Hoffnungen noch ungewisser.
Das wäre aber schrecklich! Ich bin so müde von dem Fahren in der Nacht. Ich kann so weit nicht gehen, klagte Eva, von der plötzlichen Heiterkeit wieder in ihre frühere Verstimmung zurücksinkend.
Therese sprach ihr Muth ein, Eva hörte es schweigend mit an, und sie gingen auf's Neue vorwärts, als das Posthorn abermals und ganz in ihrer Nähe ertönte. Alfred's Wagen hielt vor ihnen, er stieg aus und begrüßte sie.
Ich habe Ihren Wagen auf dem Wege liegen gefunden, sagte er, und von dem Postillon gehört, dass Sie, meine Damen, mit mir dasselbe Ziel verfolgen. Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, meinen Wagen zu benutzen?
Ich werde mich neben den Postillon setzen, mein Diener mag mit dem Ihrigen uns bis in das nächste Dorf zu Fuß nachkommen. Es würde mir eine Freude sein, Ihnen zu dienen. Mein Name ist von Reichenbach.
Der Name schien Therese sehr angenehm zu überraschen. Sie sah Alfred mit sichtlichem Vergnügen an und sagte dann: Wie wäre es, wenn wir Alle bis in das nächste Dorf gingen, dessen Thurm wir schon deutlich sehen? In der großen Stadt wird uns nicht leicht ein so frischer Morgen zu Theil werden. Finden wir im Dorfe nicht die Möglichkeit, weiter zu kommen, ohne Herrn von Reichenbach zur Last zu fallen, so wollen wir dankbar seinen Wagen bis zur nächsten Station benutzen. Plötzlich, sich an Eva's Klagen erinnernd, fragte sie diese: Aber Du möchtest wohl lieber gleich einsteigen, Eva? Du warst ermüdet.
Neben den Damen einhergehend, hatte er die Gelegenheit, sie näher zu betrachten. Die ältere von Beiden war groß und schlank, aber nichts weniger als schön. Weiches blondes Haar umgab in breiten Flechten eine edle Stirn, die mit großen, dunkeln Augen dem Gesicht einen anziehenden Charakter gab. Ihr Teint war zart doch farblos. Sie mochte fast dreißig Jahre alt sein und sah ruhig und verständig aus. Ihre sehr einfache Kleidung passte ganz zu ihrer Erscheinung und fiel deshalb nicht als etwas Besonderes an ihr auf. Alfred war gewiss, eine Frau aus den höhern Ständen in ihr zu sehen, denn in ihrem Betragen gegen ihre jüngere Freundin lag das sichere Bewusstsein einer Selbstständigkeit, die dieser zum Schutze diente.
Eva war sehr klein und das rosigste Bild der Jugend. Noch heller blond als Therese, hatte sie schöne blaue Augen, die übermüthig froh in die Welt blickten. Ihre kleine Stumpfnase, die üppigen Lippen waren nicht gerade regelmäßig schön, aber das ganze Gesicht so voll blühenden Lebens, dass man es, mit den tiefen Grübchen in Wange und Kinn, höchst reizend finden musste.
Auch war die muntere Eva es, die zuerst eine Unterhaltung begann. Es bleibt immer ein mislich Ding, sagte sie, wenn Frauen allein reisen. Wie leicht entsteht ein Unfall und dann steht man hilflos da.
Und doch warst Du es gerade, die sich sehr darauf freute, ohne männliche Begleitung zu sein, die sogar mit der Schnellpost und ohne Diener reisen wollte, entgegnete Therese.
Mein verstorbener Mann, ich bin Witwe! erklärte Eva mit so viel Wehmut und Würde, als sie in sich erzwingen konnte. Sie sah dabei aber so schalkhaft aus, dass Alfred und ihre Freundin wider ihren Willen lächelten.
Sie haben, nahm die Letztere das Wort, uns Ihren Beistand angeboten, Herr von Reichenbach, dessen wir, wie ich besorge, nötig haben werden; Sie müssen also doch erfahren, wer wir sind. Meine Freundin ist Frau von Barnfeld, die Wittwe des Majors von Barnfeld, und ich – sie hielt inne, sah Alfred freundlich an und fragte: Erinnern Sie sich meiner nicht, habe ich mich denn so sehr verändert?
Therese, Fräulein von Brand! rief Alfred lebhaft. Es ist mir unerklärlich, dass ich Sie nicht gleich erkannte; mir war der Ausdruck Ihrer Augen doch so deutlich in der Seele geblieben, und ich hatte Ihrer erst neuerdings sehr oft gedacht.
Ich erkannte Sie gleich, sagte Therese, indem sie dem alten Freunde die Hand bot, obgleich wir uns mehr als zehn Jahre nicht gesehen haben; denn so lange ist es sicher her, seit wir uns in Berlin einst trennten.
Gewiss, antwortete er. Als ich drei Jahre später dorthin zurückkehrte, war Ihre verehrte Mutter schon gestorben, Julian an den Rhein versetzt und Sie ihm dorthin gefolgt. Nun hoffe ich ihn in Berlin zu finden.
Er ist augenblicklich nicht dort. Er hat diesen Sommer eine große Reise gemacht, von der er erst in diesen Tagen wiederkehren soll. Deshalb habe ich Frau von Barnfeld überredet, mit mir aus dem Seebade auch etwas früher nach Berlin zu gehen, damit Julian mich, wenn er kommt, schon wieder häuslich eingerichtet und in Ordnung findet.
Von beiden Seiten freute man sich des unerwarteten Begegnens. Fragen und Antworten folgten einander schnell. Sie waren so lange getrennt gewesen, dass sie viel nachzuholen hatten. Therese fragte, was Alfred nach Berlin führe, ob er lange dort verweilen werde? Er antwortete, dass sein Sohn in dem Alter sei, in welchem Schulbesuch für ihn zum Bedürfnis werde, und dass die Erziehung seines Knaben es ihm wünschenswerth mache, künftig in Berlin zu leben.
Das ist schön, Herr von Reichenbach, das wird Julian sehr glücklich machen, sagte Therese. Hoffentlich kehren uns dadurch die guten Stunden wieder, in denen wir uns zuerst Ihrer Arbeiten erfreuen durften. Ich war freilich damals kein zuverlässiger Richter, bin es wohl auch jetzt noch nicht, doch machte es mir große Freude, wenn Sie mich fragten: Ist es so gut? habe ich's so recht gemacht?
Und Sie haben mir immer den rechten Weg gewiesen, weil Ihr angeborner Schönheitssinn immer das Wahre und Schöne herausfand! Es war mit die glücklichste Zeit meines Lebens, und ich habe nie mit größerer Lust neue Arbeiten gelesen, als vor Ihrer Mutter, vor Ihnen und vor Julian. Wir haben recht frohe Stunden miteinander verlebt, sagte Alfred freundlich.
Bis dahin hörte Eva ruhig zu, dann aber ertrug sie es nicht länger, untheilnehmend bei einer Unterhaltung sein zu müssen, und rief: O, bitte! kommen Sie ein wenig aus der alten Vergangenheit in die Gegenwart zurück, zu der ich auch gehöre. Ich möchte Ihnen danken, Herr von Reichenbach, für den Genuss, den mir Ihre Werke gewährt haben. Mir ist, obgleich ich Sie nie vorher sah, als ob ich in Ihnen auch einen alten Bekannten wiederfände.
Das ist das Schöne in dem Leben eines Dichters, dass er sich Freunde erwirbt in weitester Ferne, wenn es ihm gelingt, jene Saiten zu berühren, die in jeder Brust wiederklingen. Wir senden die Empfindungen unseres tiefsten Innern als Gruß der Menschheit zu, und sie beantwortet ihn mit offnem Herzen, mit freundlichem Willkommen, wie Sie, meine gnädigste Frau! Das ist eine große Freude, haben Sie Dank dafür, sagte Alfred.
Bald darauf erreichte man das Dorf, fand, wie man es erwartet hatte, kein genügendes Fuhrwerk und fügte sich mit guter Art in Alfred's Anerbieten. Die Diener beider Herrschaften blieben zurück; man legte ein drittes Pferd vor die Kalesche, das der Postillon bestieg, die Damen nahmen die Plätze in der Kalesche, Alfred den Kutschersitz ein. Das Ungewohnte der Lage stimmte die drei Reisenden sehr heiter. Unter Scherzen mancher Art erreichte man die Station und ließ sich von Alfred überreden, in derselben Weise seine Begleitung nach Berlin anzunehmen, das nur noch ein paar Stationen entfernt war.
Als die Damen einige Stunden mit Alfred zusammengewesen waren und abwechselnd mit ihm und untereinander geplaudert hatten, sagte Eva zu ihrer Freundin: Mir ist selten ein liebenswürdigerer Mann vorgekommen, als es Reichenbach zu sein scheint; selbst Dein Bruder ist nicht so angenehm.
Bist Du schon wieder wankelmüthig? fragte Therese neckend. Gestern erklärtest du mir, Julian sei, obschon er nichts weniger als hübsch, ja eigentlich sogar hässlich sei, der liebenswürdigste Mann, den Du noch je gekannt hättest.
Das ist auch wahr! denn dass Dein Bruder hässlich ist, das schadet nichts, sagte Eva lebhaft, ich liebe ihn dennoch. Er ist so geistreich, so liebenswürdig, so herablassend – – Siehst Du, das ist es, das ist das Schlimme! rief sie, sich plötzlich unterbrechend. Julian ist oft so gut, dass man sich ganz sorglos ihm gegenüber gehen lässt. Er gibt sich jedem Scherz, jeder Persönlichkeit freundlich hin, aber er tut es, wie Jemand, der sich aus Gnade dazu herabläßt. Während er ganz freundlich ist, zucken plötzlich seine Lippen, er kann den innern Spott nicht mehr verbergen, er lacht über die Andern und über seine Herablassung, und dann ist er mir unerträglich.
Ich habe ihm das oft gesagt, als ich ihn kennen lernte und er sein Vetterrecht, ich weiß nicht im wievielten Grade, dazu benutzte, mich häufig zu besuchen. Ich musste mir Muth gegen Euch schaffen, ich hatte kindische Furcht vor Julian's Spott und vor Deiner Ruhe. Ich konnte nicht begreifen, warum meine selige Mutter, als auch sie mir starb, durchaus verlangte, dass ich in Deiner Nähe leben und Julian der Verwalter meines Vermögens werden sollte. Jetzt freilich weiß ich, dass du mein guter Engel bist! – schloss sie, der Freundin die Hand bietend, die sie herzlich drückte.
In dem Augenblick wendete Alfred sich um und machte seine Schützlinge darauf aufmerksam, dass man die Stadt schon sehen könne. Therese, die wie ihr Reisegefährte ein sehr scharfes Auge hatte, entdeckte gleich ihm die Thürme am Horizonte. Die kurzsichtige Eva nahm ihr Glas zu Hilfe und klagte dann: Es ist ein Unglück, dass ich so klein bin, der große Kutschersitz raubt mir die Aussicht. Ich bin der ländlichen Freuden längst satt gewesen, ich denke mit Wonne an Berlin und nun kann ich es nicht einmal sehen.
Alfred, um sie zufrieden zu stellen, bot ihr seine Hände, sich daran zu erheben und festzuhalten, falls sie aufstehen wollte. Das nahm sie an und wusste sich vor Freude nicht zu lassen, als auch sie die Stadt erblickte.
Ach, rief sie der Freundin zu, mir ist unglaublich froh zu Sinne! Als ob uns jetzt lauter Liebes und Gutes in Berlin begegnen müsste und ganz Unerhörtes obenein. Ich habe noch nie einen Winter in Berlin verlebt, ich denke mir diese Bälle, Feste und Concerte gar zu prächtig! Ich wollte nur, die Bäume wären nicht mehr so sommerlich grün und der Winter wäre schon da!
Sie Glückliche! sagte Alfred, und es war Eva, als ob er ihre Hände leise in den seinen drückte. Wer so wie Sie nur Freude erwartet und Feste träumt, dem muss das Leben seine rosigste Seite gezeigt haben. Möge es immer so bleiben!
Ich erwarte das Leben zu finden, wie es ist. Ernst mit gebieterischen Anforderungen, mit viel Leid und Elend, viel Jammer und Schlechtheit, und doch voll Freude und voll Großem und Erhabenem.
Eva sah ihn befremdet an. Dann setzte sie sich nieder und versank schweigend in Nachdenken, bis man die Stadtmauer erreichte. Alfred fuhr Therese erst nach ihrer Behausung in der Wilhelmsstraße, dann ging es nach Eva's Wohnung unter den Linden. Mit Freude hörte sie, dass ihr Begleiter ganz in ihrer Nähe wohnen werde. Er musste versprechen, sie gleich am nächsten Morgen zu besuchen, und man trennte sich herzlich, wie alte Bekannte, weil die gemeinsame Reise die Fremden einander näher gebracht und über manche Förmlichkeiten fortgeholfen hatte.
Am nächsten Morgen ließ sich Alfred bei Frau von Barnfeld melden. Er fand sie in einem Zimmer, das nach den Forderungen der Mode auf das glänzendste eingerichtet, voll von gepolsterten Sopha's und Sesseln und so mit Bildern, Kleinigkeiten, Blumen und Epheuwänden überfüllt war, dass es dem Spielzeugschränkchen eines verwöhnten Kindes glich.
Eva selbst lag in weißem, mit rosa Bändern geziertem Negligée auf einem dunkelgrünen Plüschsopha, das von einer Epheulaube beschattet war. Unwillkürlich musste Alfred lächeln. Sie sah aus, wie jene Wachspüppchen, die man in Nuss- oder Eierschalen verbirgt, und die uns, wenn wir die Hülle öffnen, aus grünem Blätternetz rosig entgegenlächeln.
Bei Alfred's Eintritt richtete sie sich ein wenig empor und sagte: Ich weiß wohl, Herr von Reichenbach, dass ich Sie, als einen neuen, werthen Gast, mit mehr Form empfangen müsste; ich bin aber müde von der Reise und so froh, mich auf einem ordentlichen Sopha von den ländlichen Divans des Seebades zu erholen, dass Sie Nachsicht haben müssen.
Alfred bat sie, sich nicht stören zu lassen. Eine bejahrte Frau, die im Zimmer mit weiblicher Arbeit beschäftigt war, rückte ihm einen Sessel zurecht und, nachdem er Platz genommen hatte, fragte ihn Eva: Wissen Sie es denn schon, dass der Präsident von Brand auch gestern und noch früher angekommen ist als wir? Therese hat es mir heute sagen lassen. Damit ist ihr nun die Freude verloren gegangen, den Bruder zu überraschen.
Wo denken Sie hin! rief Eva. Julian schon am ersten Morgen seiner Ankunft bei mir? Mit nichten! Da kommt erst das parfümirte Bad, ein langes Frühstück, eine lange Freude mit der Schwester, die er anbetet, und dann die Aktenrevision und dann die – – nun! davon spricht man nicht, so sehr sie auch zu des Präsidenten Leben gehört. Erst spät am Abend komme ich. Die Brocken seines Geistes, die nach der Tagesarbeit übrig bleiben, die wirft er mir dann im Vorübergehen zu und denkt: Für die Eva ist es eben noch genug. Er hat's im Frühjahr, als ich nach Berlin zog, immer so gehalten.
Erstaunt betrachtete Alfred die reizende Frau. Es schien, als ob sie scherze, und doch lag eine Bitterkeit in ihrer Stimme, die ihm auffiel, so dass er begütigend sagte: Der glückliche Freund! wenn Sie ihn ahnen ließen, dass Sie ihn gern früher wiedersehen würden, wie müsste er eilen Ihren Wunsch zu erfüllen.
Glauben Sie das nicht. Er ist ja mein Vetter und das Prädikat ist ein vollauf genügender Grund für jedes Betragen. Ein junger Mann macht einem Mädchen leidenschaftlich den Hof und man findet die Auszeichnung in der Ordnung, denn es ist ja ihr Vetter. Ein Anderer ist rücksichtslos, beleidigend gegen eine Dame und wieder sagt man entschuldigend: Mit einem Vetter nimmt man es nicht so genau. Ich wollte, es gäbe gar keine Vettern in der Welt.
Frau Werner ging hinaus, den Befehl zu vollziehen, und Eva sagte zu Alfred: Sie kennen ja den Präsidenten, da kann man offener gegen Sie sprechen. Auch sagte ich Ihnen gleich gestern, Sie kommen mir nicht wie ein Fremder vor. Sie sind mir durch Ihre Schriften, durch Julian's und Theresen's Erzählungen wie ein alter Bekannter und Freund. Sagen Sie mir, wollen Sie mir das sein?
Alfred's Verwunderung stieg mehr und mehr; aber Eva war so hübsch, dass er dankbar die angebotene Freundschaft annahm und den neuen Bund mit einem Kuß auf die kleine Hand besiegelte, die Eva ihm reichte.
Ich habe schon lange gewünscht, Jemanden zu finden, dem ich mittheilen könnte, was mir das Herz bedrückt, meinte Eva. Glauben Sie mir, Herr von Reichenbach, Julian und Therese machen sich unglücklich. Es ist wahr, Julian betet Therese an. Er liebt sie wie ein Bruder und wie ein Vater zugleich. Diese Liebe ist aber der Grund, dass Therese nicht die Notwendigkeit begreift, sich zu verheirathen, wozu es hohe Zeit wäre, denn Therese muss fast dreißig Jahre alt sein. Andrerseits hält ihre Anwesenheit im Hause auch Julian vom Heirathen ab und – eine Frau darf das wohl sagen – dadurch kommt er zu solchen Verbindungen, wie die mit der Harcourt, durch die er sich zum Stadtgespräche macht. Das tut mir weh und macht gewiss auch der Schwester Kummer, obgleich sie nie darüber spricht. Dagegen sollen Sie Rath schaffen, Herr von Reichenbach, das sollen Sie ändern.
Da schrie der Papagei, der während des Sprechens von seiner Stange herab und auf Eva's Schultern gestiegen war, sein: Eva! Eva! die Kanarienvögel schmetterten dazwischen und das Wachtelhündchen, das bis dahin ruhig zu den Füßen seiner Herrin gelegen, verlangte durch tausend Liebkosungen Aufmerksamkeit. Eva ward plötzlich von ihrer ernsten Unterhaltung abgezogen, das Frühstück erschien, sie machte mit großer Zärtlichkeit Alfred's Wirthin, theilte mit Coco und dem Hündchen ihr Biscuit, trieb tausend Possen und hatte ihre beglückenden Absichten für Julian und Therese darüber ganz und gar vergessen.
Als er nun allein den Weg zur Wohnung seines alten Freundes antrat, dachte er an das eben Erlebte zurück und vermochte sich Eva's Wesen nicht zu erklären, wenn er nicht annahm, dass sie, sich selbst unbewusst, eine Leidenschaft für den Präsidenten nähre, der nach ihren Schilderungen noch ganz der alte Epikuräer sein musste.
So reizend Eva war, so hatte doch Alfred sich unbehaglich bei ihr gefühlt. Das Geräusch, das von der Straße herauftönte, erhöht durch die Unruhe der Thiere, und Eva's unstätes Wesen selbst, hatten ihm einen peinlichen Eindruck gemacht. Um so erquickender erschienen ihm die tiefe Stille und Ruhe im Hause des Präsidenten, als er es erreicht hatte.
Er fand Therese allein in großen, räumlichen Zimmern, die nach einem Garten hinauslagen. Es war nichts Ueberflüssiges, keine Modespielereien in dem Gemache, aber es fehlte auch Nichts, das wahrer Behaglichkeit förderlich sein konnte. Die Thüren zwischen den Zimmern waren geöffnet, so auch ein paar von Vorhängen beschattete Fenster. Einzelne prächtige Kupferstiche zierten die Wände, fremdländische Pflanzen einen Balkon, der aus dem Zimmer in den Garten führte.
Therese war mit dem Ordnen verschiedener Gegenstände beschäftigt, die während ihrer Abwesenheit von der gewohnten Stelle genommen sein mochten. Sie empfing den Freund heiter, aber doch mit mehr Zurückhaltung, als sie ihm am vorigen Tage auf der Reise gezeigt hatte. Alfred beklagte sich darüber und beschwichtigend sagte sie: Denken Sie nur, Herr von Reichenbach! welch lange Reihe von Jahren zwischen unserer ersten Bekanntschaft und unserm Wiedersehen liegt. Da bildet sich viel an dem Menschen aus, Eigenschaften und Fehler mancher Art, man wird ein ganz Anderer, man kennt einander nicht mehr und noch nicht, Sie haben mich gestern selbst äußerlich nicht mehr gekannt. So kann es uns auch geistig leicht geschehen; darum wollen wir uns nicht blind in ein ganz neues Verhältnis stürzen, sondern es der Zeit überlassen, das alte Zutrauen herzustellen, das sich gewiss bald finden wird.
Alfred mißfiel diese Aeußerung. Ich will nicht fürchten, sagte er, dass Sie eine Andere geworden sind, denn Sie waren gut. Ich für mein Theil bin ganz der Alte geblieben und brachte Ihnen und Julian die alte, feste Neigung entgegen. Es wäre traurig, wenn auch er der Zeit bedürfte, den Freund in mir wiederzuerkennen.
Indem trat Julian ins Zimmer und die Herzlichkeit, mit der er Alfred bewillkommte, verscheuchte jeden Zweifel desselben. Die Freunde mussten sich viel zu sagen haben, Therese entfernte sich also unter dem Vorwande häuslicher Geschäfte.
So fanden Julian und Alfred sich nach vieljähriger Trennung zuerst wieder allein, und es konnte kaum eine größere Verschiedenheit geben, als das Aeußere dieser beiden Männer sie darbot. Alfred hatte die edeln, regelmäßigen Züge, die man oft bei den alten Familien des deutschen Adels findet. Eine schöne kräftige Gestalt über Mittelgröße und dunkelblaue Augen bei reichem, dunklem Haar, das mit einem üppigen Bartwuchs sein Gesicht umgab, machten ihn zu einer eben so anziehenden, als schönen Erscheinung. Er sah jung aus, wenngleich leichte Falten auf der Stirne von tiefem Denken und langer geistiger Tätigkeit zeugten.
Julian hingegen war, wie es Therese und Eva bereits gesagt, entschieden hässlich. Sehr groß und mager, trug er sich ein wenig gebückt. Schwarzes, schon mit Grau gemischtes Haar fiel auf eine sehr edle, hohe Stirn herab, unter der große schwarze Augen geistreich hervorblickten, obgleich eine Brille ihr Feuer mäßigte. Starke Backenknochen, eine stumpfe Nase, Lippen, in denen Lavater ein sinnliches Temperament erkannt hätte, gaben ihm etwas von der Physiognomie eines Mulatten, und sein Gesicht trug in stark ausgeprägten Zügen die Spuren eines leidenschaftlichen Charakters und reichen Lebensgenusses. Er sah kalt und oft spöttisch aus, wie ihn Eva geschildert hatte. Alfred fand ihn sehr gealtert, obgleich Julian erst in der Mitte der Vierziger sein konnte.
Also doch! sagte Julian. Armer Freund, das wird Dir schwer werden, wie ich Dich kenne. Also doch! – Und immer noch Eifersucht und all die Quälereien, die Dir schon in den ersten Jahren Deiner Ehe Noth gemacht?
Es entstand eine Pause, dann zuckte ein leichtes, mephistophelisches Lächeln um Julian's Lippen und er sagte: Und da kommst Du nun nach Berlin, um Dich hier mit unsern Schönen in dem Strudel der Residenz von dem einsamen Landleben zu erholen? Das ist natürlich und vernünftig.
Du irrst, das ist nicht der Grund. Du weißt, das ist es nicht. Ich kam her, um mir Ruhe zu schaffen vor täglicher Plage, um Menschen zu finden, mit denen ich geistig leben kann, um Herz und Geist an Edlem und Schönem zu erfrischen.
Es soll dem katholisch-pietistischen Eifer, dem Einfluss der Mutter überhaupt, entzogen werden, antwortete Jener. Das Erste, was mir hier zu tun obliegt, ist, einen Gouverneur und eine Schule für den Knaben zu wählen.
Ich würde den Knaben, der an Einsamkeit gewöhnt ist, nicht gleich einer öffentlichen Anstalt anvertrauen, wendete Julian ein, um von der ersten Unterhaltung abzulenken. Aber ehe Alfred Zeit zur Antwort gewann, erschien ein Diener, der dem Präsidenten ein Billet in buntverziertem Couvert überbrachte. Dieser, der sehr kurzsichtig war, führte es nahe an die Augen und sagte kopfschüttelnd, nachdem er es betrachtet hatte: Immer dieselbe Geschmacklosigkeit! dass sie sich so etwas nicht abgewöhnen lassen!
Der Diener ging hinaus und Julian sprach lächelnd, indem er sich das Rückenkissen zurechtlegte und die ausgestreckten Beine behaglich kreuzte: Das Billet kommt von Sophie Harcourt, einer Französin, mit der ich liirt bin, länger als es sonst zu dauern pflegte. Sie ist hier bei dem Theater angestellt und ich danke es ihr, noch einmal alle Thorheiten früher Jugend in vollem Ernste durchgemacht zu haben. Sie galt für spröde und ich war wie zu zwanzig Jahren, wie ein Jüngling in sie verliebt. Ich schlage Dir vor, Dich zu ihr zu führen.
Im Gegentheil! sie betet das Genie an und der gefeierte Dichter wird sie in Entzücken versetzen. Aber wir – oder vielmehr ich – ich bin nun über die große Leidenschaft für sie hinweg. Sie ist ewig in Extase und ich bin der großen affectvollen Scenen etwas müde. Das wird aufreibend mit der Zeit und ich sähe es nicht ungern, wenn sie auswärts ein gutes Engagement fände. Ich unternahm meine Reise zum Theil, um sie an eine Trennung von mir zu gewöhnen.
Die Furcht vor ihrer Rücksichtslosigkeit. Sie bildet sich ein, sie liebe mich leidenschaftlich und ich muss es fast glauben. Käme ich nicht, so wäre sie im Stande, mich hier aufzusuchen. Das will ich vermeiden und – die Fesseln sind denn doch so drückend nicht. Ich wollte sie schon noch eine Weile tragen, sie sind mir in der Gewohnheit sogar lieb geworden; aber ich möchte sie in ein ruhiges bequemes Band verwandeln. Nur dass ich täglich von Leidenschaft hören soll, dass sie verzweifelt, wenn sie mich in irgend einer andern Verbindung vermuthet, das ist mir lästig. Du spartest mir in der That eine Menge Vorwürfe über mein langes Ausbleiben, über mein Nichtschreiben, wenn Du mich zu ihr begleiten wolltest.
Alfred lachte laut auf. Julian! aber Julian! rief er, wie bist Du der Alte geblieben, ganz und gar. Dieselbe Eitelkeit, dieselbe Furcht vor peinlichen Erörterungen, wie früher. Ist mir's doch, als wären wir wieder der Assessor Brand und der Lieutenant Reichenbach geworden. Hast Du denn wirklich noch Lust an solchen Theaterintriguen? Fühlst Du Dich noch glücklich in solchen Verbindungen?
Sehr glücklich! antwortete zuversichtlich der Präsident. Es sind die einzigen, bei denen man nicht Gefahr läuft, eine Laune des Herzens durch lebenslängliches Elend abzubüßen. Im solid bürgerlichen Leben verliebt man sich, wird getraut und hat nun eine Frau, die man in tausend Fällen wenig kennt. Die Braut schien ein Engel, denn sie wollte gefallen. Die Frau, deren Loos gesichert ist, findet das nicht mehr der Mühe werth; der Mann, ebenfalls am Ziel seiner Wünsche, lässt sich in gleicher Bequemlichkeit gehen. Nach wenig Monaten leben zwei Menschen, die mit einander leben sollten, nur noch neben einander und vergehen vor Ueberdruß und Gleichgültigkeit. Dies ist das treue Bild einer rechtmäßigen Ehe! schloss er, mit seinem gewohnten spöttischen Lächeln.
Weil es mir im Allgemeinen an Vorbildern für glücklichere fehlt; weil eine Ehe auf gegenseitiges Verstehen, auf geistiges Zusammenleben gegründet, zu den Seltenheiten gehört.
Alfred schwieg und Julian fuhr fort: Weiß eine Frau, dass wir sie jeden Augenblick verlassen können, so denkt sie jeden Augenblick daran, uns zu fesseln, scheint uns immer neu und reizend, und wir lieben die Schöpferin unseres Glückes, die dadurch ebenfalls glücklich wird. Dies ist der natürlichste Erfolg vernünftiger Freiheit. Ich bin in der That gewiss, dass Sophie mich liebt, ich habe nie an ihrer Treue gezweifelt, und sie ist mir, trotz meiner Klagen gegen sie, unendlich werth.
Aber Du sähest es nicht ungern, wenn sie auswärts ein gutes Engagement fände, wie Du mir vorhin gesagt, meinte Alfred. Dies spricht nicht sehr für die Dauer Deiner Liebe, für Deine Hingebung an sie. Wer sichert sie und Dich selbst, dass Du nicht jeder ungünstigen Aufwallung gegen sie nachgibst, dass Du sie nicht morgen verlässest, wenn es Dir angemessen scheint? wenn neue Reize Dich verlocken?
Dann werden wir uns trennen, sagte der Präsident sehr ruhig. Aber glaube mir, weil Sophie das fühlt, bleiben wir glücklich und vereint. Wärst Du nicht durch Eide an Caroline gebunden, wüsste sie sich nicht in sicherem Besitz, sie wäre vielleicht eine treffliche Frau geworden und ihr hättet mit einander wie die Engel gelebt.
So wenig Alfred Ursache gehabt hatte, mit seiner Frau zufrieden zu sein, so verletzte es ihn doch, Julian in dieser leichtsinnigen Weise von ihr und seiner Ehe sprechen zu hören.
Du selbst glaubst Deinen Worten nicht, mein Freund! sagte er, denn es liegt Unedles, Unwahres darin. Wer Frauen so hoch zu schätzen vermag, wie Du Deine Mutter geschätzt hast, Deine Schwester schätzest, der kann die Gattin allein nicht zum Gegenstande genußsüchtiger Berechnung erniedrigen, der kann nicht die treue, liebende Gefährtin, die Mutter seiner Kinder zur Buhlerin entwürdigen wollen, die man verstößt, wenn man ihrer müde ist. In dem festen Zusammengehören, in dem Bewusstsein der Dauer, liegen die Heiligkeit, die Schönheit der Ehe, die uns das Leid gemeinsam leichter tragen, Freude doppelt genießen lassen und die vollste, edelste Entwicklung der menschlichen Natur zur Blüthe bringen. Wenn wir die rechte Wahl getroffen, eine Frau gefunden haben....
Und wenn nicht? fiel ihm Julian ins Wort, wenn man die rechte Wahl nicht getroffen hat? Dann bleibt nichts übrig, als Leiden, vor denen man sich sichert durch Ungebundenheit. Das Bewusstsein der Freiheit wiegt in jedem Verhältnisse alles Andere auf; sie ist das höchste, wahrste Glück!
Wirst Du nie anders denken? Wird der genußreiche Wechsel Dich dauernd beglücken? Wirst Du bei Deinem feinen, lebhaften Gefühl, bei Deiner Eifersucht nie nach einem treuen, jungfräulichen Wesen verlangen, deren ganzes Sein in Dir begründet ist? fragte Alfred sehr ernst und fügte hinzu: Ich fürchte, Julian, Du täuschest Dich über Dich selbst und erheuchelst Dir ein Glück, das Du nicht fühlst. Du bist zu stolz, einzuräumen, dass Du es vielleicht gesucht und nicht gefunden hast.
Du irrst! versicherte Julian. Ich habe Alles, was ich wünsche. Eine Stellung, die mir zusagt; Therese, die ein seltenes Mädchen ist, zur treuen, nachsichtigen Gefährtin, eine bequeme Häuslichkeit, eine reizende Geliebte und niemals Langeweile. Mehr werde ich nie verlangen. Ich bin durchaus zufrieden und gönne Andern das ruhige häusliche Glück und die ehelichen Freuden.
Bei Julian's letzten Worten kehrte seine Schwester wieder zu ihnen zurück, gesellte sich zu den Männern und die Unterhaltung wendete sich bald auf die erste Zeit ihrer Bekanntschaft zurück.
Ich erinnere mich noch deutlich des Abends, sagte Julian, da ich Dich einsam schreibend in Deinem Mansardstübchen fand und gegen Deinen Willen Deine Schreiberei durchlas. Für eine poetische Natur hatte ich Dich stets gehalten, und der lyrische Lieutenant war mir oft ergötzlich gewesen, wenn er mitten in den Orgien, denen unser Kreis sich damals überließ, sich hinweg sehnte nach Wald und Flur, nach Ruhe und Stille. Nun ich Deine Verse las, begriff ich Dich plötzlich ganz, ich rief Dir das »Ich hab's gefunden« zu. Ich sagte Dir, Du bist ein Dichter, und ohne mein Dazwischentreten hättest Du vielleicht noch lange Deinen eigentlichen Beruf verkannt.
Ich habe des Augenblickes später selbst oft gedacht, sagte Alfred, und mich gefragt, wann ich wohl eigentlich zu dichten angefangen habe? Ich konnte es aber nie ergründen, denn mein erstes Bewußtwerden mag ziemlich mit dem ersten Dichten zusammen gefallen sein. Wie das Meer seit dem Moment der Schöpfung sich in rastlosem Wechsel bewegt, wie es nicht existirt ohne Bewegung und in seiner Ruhe noch den Himmel mit Sonne, Mond und Sternen widerspiegelt, also auch in der Ruhe noch Bilder des Himmels schafft, so ist es mit der Seele des Dichters. – Ich bin mir jetzt noch schreckhafter Nächte aus meiner ersten Kindheit bewusst, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, in denen ich unwillkürlich Das, was ich gehört hatte, weiter fortspann; von Krieg und Erdbeben, von dem Tode Derer, die ich liebte, wachend träumte und es mir mit gräßlicher Genauigkeit ausmalte, weil ich die Grenzen des Wahrscheinlichen von denen des Möglichen nicht zu sondern vermochte. Die schreckhafteste Möglichkeit hielt ich immer für Das, was sich ereignen werde und müsse.
Nein! antwortete Alfred. Die Qualen jener Nächte verschwieg ich, ohne zu wissen, weshalb. Später, als ich anfing, meinen Spielgenossen ganz wunderbare Geschichten zu erzählen, die mir oder meinen Eltern begegnet sein sollten, da wurden die Eltern aufmerksam, schalten mich wegen der Unwahrheiten, die ich erzählt hatte, und drohten mit ernster Strafe, falls ich je wieder auf gleichem Unrecht ertappt werden sollte. Daraus erwuchs mir neue Qual. Ich traute mir selbst nicht mehr. Da ich nicht für wahr ausgeben durfte, was sich an Ideen in mir ausbildete, fing ich auch an, an Dem zu zweifeln, was ich wirklich erlebt hatte. Aus dieser gänzlichen Verwirrung tauchte als unwiderlegliche Wahrheit eine Geschichte in mir auf, in der Napoleon und mein Vater die Hauptrollen spielten.
Nichts weniger als das, antwortete Alfred. Meine Kindheit fiel in die Zeit nach den Befreiungskriegen, in der die Heldengestalt Napoleon's noch ganz im Vordergrund der Ereignisse stand. Ich hatte sein Bild oft gesehen, mein Vater, ein großer Bewunderer des Kaisers, sprach viel von ihm und war einmal in amtlichen Verhältnissen in der nächsten Umgebung desselben gewesen. Vermuthlich daraus hatte sich in mir eine lange Geschichte gebildet, die ich besonders gern erzählte. Ich behauptete, mich deutlich des Tages zu erinnern, an dem mein Vater in einer gelben Carosse in großem Aufzuge dem Kaiser entgegen gefahren sei, ihm auf rothem Sammetkissen die Schlüssel der Stadt überreicht habe und was daran sich noch fabelhaft und kindisch Erfundenes anreihte. – Diese Erzählung erreichte auch das Ohr meiner Eltern und zog mir, weil es meine großartigste Erfindung war, auch die lang versprochene großartige Strafe in tüchtigen Schlägen zu. Dies war der Lohn und das erste Honorar für mein erstes Heldengedicht.
Der Präsident lachte, Therese aber sagte: Es ist recht schlimm, dass in den Seelen der Kinder all ihre Empfindungen, ihnen selbst unklar, oft so lange verborgen liegen. Wie mich ein krankes Kind immer noch mehr rührt, als ein Erwachsener in gleicher Lage, weil es bei zarterer Constitution tiefer leiden mag, als Jener, und nicht sein Leid zu klagen vermag, so jammern mich Kinder mit reichem Seelenleben doppelt, denn sie müssen davon gepeinigt werden. Wenn man es nur verstände, sie zu errathen, ihnen zu Hilfe zu kommen, man würde vielleicht manche große Anlage entdecken, die jetzt verloren geht.
Dies ist eine recht haushälterische Sorge, liebe Therese! neckte sie der Bruder, es soll nichts umkommen, nichts verschwendet werden. Aber sei nur unbesorgt, die Natur selbst ist die beste Haushälterin. Allem von ihr Geschaffenen wohnt die Fähigkeit und der Trieb ein, alle Hindernisse zu überwinden, alle Bande zu sprengen und durch tiefe Nacht zum rechten Lichte zu dringen. Ein Talent, eine Anlage, die durch Verhältnisse unterdrückt werden, verdienen kein Gedeihen. Dagegen ist es in der Natur des Genius, dass er immer und überall Sieger ist.
Das glaube ich auch, bekräftigte Alfred. Es ist gar nicht nötig, den Menschen in dieser Beziehung beizustehen, es ist mit ihnen grade wie mit den Pflanzen. Wollen Sie eine Hyazinthe früh zur Blüthe bringen, setzen Sie dieselbe beständig in das beste Licht, in die behaglichste Wärme, so wird allerdings eine frühere Blüthe Ihnen die Pflege lohnen, aber sie wird oft schwächer und vergänglicher sein, als die, welche unter Nachtfrost und Schnee sich langsam, reif und kräftig, ohne andern Beistand als den eignen Trieb, aus dunkler Erde ans Licht hervorringt. Dass meine Eltern die Eiseskälte der Zweifel und einen kleinen Hagel von Schlägen über mich ausgeschüttet, hat mir gewiss nicht geschadet.
Indeß war es spät geworden, Alfred erhob sich und schickte sich an, die Freunde zu verlassen, aber Therese und der Präsident baten ihn, den Mittag mit ihnen einzunehmen, und Alfred ließ sich willig dazu finden.
In einem mäßig großen, von Bäumen beschatteten Zimmer war der kleine Tisch für drei Personen gedeckt, mit Vasen voll frischer Blumen und einem schönen silbernen Korbe geziert, in dem feines Obst so trefflich geordnet war, dass es zu einem Schmuck der Tafel wurde. Alfred äußerte sein Wohlgefallen daran, man nahm Platz und Julian sagte, während die ersten Speisen aufgetragen wurden, zu Alfred: Du empfindest lebhaft für das Schöne, Du besingst es auf die würdigste Weise, wo es Dir begegnet, nur für Eine Richtung geht Dir der Sinn ab und das ist ein großer Mangel. Ich glaube, Du hast keinen Sinn für die rechte Bequemlichkeit, für materielles Wohlsein.
Das glaube ich schon, denn Du müsstest kein Mensch sein, wenn Du es nicht empfändest, sagte der Präsident. Aber vom Empfinden des Unbequemen bis zum tiefen, bewußten Genießen sinnlichen Wohlseins ist eine große Entfernung. In dieser Kunst, denn eine Kunst ist es, sollten die Alten unsere Lehrer sein.
Es sieht aus, als ob Du schon nicht geringe Studien darin gemacht hättest, meinte Alfred, und ich finde, dass Deine Schwester Deinen desfallsigen Bestrebungen sehr umsichtig entgegenkommt.
So ist es, bestätigte Julian. Ich bilde mir viel darauf ein, mit Verstand an dies Geschäft zu gehen. Es ist mir heiliger Ernst, ein Theil meiner Poesie – ein Theil meiner Religion sogar.
Doch, liebe Schwester! Wie willst Du, dass sich der Mensch vortheilhafter von dem Thiere unterscheide, wie willst Du, dass er besser danke für das Geschaffensein und für Das, was für ihn geschaffen ist, als indem er es so selbstbewusst, so vollkommen genießt, als es ihm möglich ist. Die Griechen, die einer reinen Gottanbetung viel näher waren, als wir, bekränzten Haupt und Becher mit Rosen und opferten Libationen, wenn sie an das hohe Geschäft gingen, die notwendige Nahrung zu sich zu nehmen. Selbst in den Klöstern ließ man dem Körper noch sein Recht widerfahren. Man legte sich Bußen, Fasten auf, man geißelte sich, um nachher das Essen desto schmackhafter zu finden, um die mangelnde Bewegung zu ersetzen, und die Tafeln waren mit höchster Sorgfalt behandelt. Luther, ein an Körper und Geist durchweg gesunder Mensch, pries begeistert Wein, Weiber und Gesang, und liebte eine gute Mahlzeit. Ueberall, wo poetischer oder nur gesunder Sinn war, schätzte man materiellen Genuss. Erst der spätern, am Schreibtisch verkümmerten, kranken Zeit, erst den protestantischen Gelehrten mit schwacher Verdauung, den schwindsüchtigen Pietisten gelang es, das Essen als ein niedriges Bedürfnis darzustellen; erst sie sind thöricht genug gewesen, die gesunde Sinnlichkeit ihrer angebornen Poesie zu entkleiden, dem Körper sein Recht entziehen zu wollen.
Und wer sagt Dir, dass ich es nicht möchte, wenn die Zeit reif dafür wäre? fragte Julian. Wäre es denn nicht ganz poetisch, wenn man, von sinnlichem Genießen ausgehend, endlich zu einer tiefgefühlten Anbetung des Schaffenden, zu einer erhabenen Anschauung alles Erschaffenen gelangte? Wäre es nicht schön, wenn jeder Einzelne den Weg ginge, den das Menschengeschlecht ursprünglich verfolgte, um zur Gotterkenntniß zu gelangen? Uns sagt man: Gott hat die Welt für uns erschaffen, danke ihm dafür! Aber man hindert uns, seine Gaben zu genießen, man sagt uns, das sei sogar sündhaft. Die Heiden genossen in vollen Zügen, und dann in der Freude des höchsten Genusses fand sich das Danken von selbst. – Ich bitte Dich, mein Freund, das überlege, das besinge einmal und Du sollst mir der König der Dichter heißen.
Seine Zuhörer lachten und freuten sich sein, denn der Präsident besaß wirklich ein besonderes Talent, den Materialismus, dem er huldigte, zu veredeln. Man musste ihn sehen, wie er sich zur Tafel setzte, sich das Haar von der Stirn strich, als wolle er zugleich jeden unangenehmen Gedanken verbannen; wie er die Brille zurechtrückte, die Serviette entfaltete und dann prüfend und genießend das Mahl einnahm, um seine Behauptungen gerechtfertigt zu finden.
Aber hast Du denn ein wirkliches Vergnügen vom Essen und Trinken? fragte Alfred. Sobald ich das Bedürfnis danach befriedigt habe, hört für mich der Genuss auf, es wird mir sogar lästig.
Das Erstere, antwortete der Präsident, war eine ziemlich sonderbare Frage, lieber Freund! Freilich habe ich eigentliches Vergnügen daran und was die Uebersättigung betrifft, so kommt die nur davon her, dass man es als ein Sattmachen, als eine thierische Fütterung betreibt. Wer, wie ein ordinairer Mensch, nahrhafte, sättigende Kost isst, der wird schläfrig nach dem Essen, der wird fett und setzt sich einem Schlagfluß aus. Anders Derjenige, der die Mahlzeit künstlerisch behandelt, wie etwa ein Virtuose sein Concert. Dieser wird Dich, wenn er sein Fach versteht, nicht mit großen Concertstücken, in wilder Hast auf einander gehäuft, belästigen. Er wird Dir abwechselnd Ernstes und Heiteres, Schweres und Leichtes bieten, damit jeder Deiner Neigungen harmonisch begegnet werde. Dasselbe verständige Maß verlange ich von der Hausfrau, die eine Mahlzeit anordnet. Licht, Wärme, Wohlgerüche, Blumen und Geräthe in gehörigem Verhältnis', damit alle Sinne beschäftigt, keiner vorzugsweise erregt werde, und vor Allem Das, um was schon Faust den Mephisto anging, als er fast Unerreichbares forderte: »Speise die nicht sättigt.« Wer so lebt, kann lange leben und genießen. Er wird nie träge, nie stark werden und nie den Schlagfluß, sondern höchstens das Podagra zu fürchten haben, das denn doch immer ein aristokratisches Leiden ist.
Gleichsam als bereue er die Anstrengung, welche ihm die Auseinandersetzung verursacht hatte, lehnte sich der Präsident in den Sessel zurück und Alfred sagte: Du bist freilich schon von Jugend an durch die ganz eigenthümliche Zierlichkeit Deiner Mutter und Deiner Schwester an die geschmackvollste Häuslichkeit gewöhnt worden! Ich habe daran oft gedacht!
Nein, weil er ihr fehlt! sagte Alfred. Aber er erschrak vor seiner unwillkürlichen Aeußerung und meinte dann ablenkend, da Therese ihn betroffen anblickte, ihre große Sorgfalt für Julian's Tafelgenüsse sei um so lobenswerther, als Frauen an denselben gewöhnlich keine Lust zu haben pflegten.
Da irrst Du abermals, widerlegte ihn der Präsident. Meine Schwester hat allerdings den Fehler, gleichgültig dagegen zu sein, aber unsere kleine Freundin Eva ist es zum Beispiel ganz und gar nicht. Sie bedarf sehr wenig, um ihren Hunger zu stillen, sie ist aber so begehrlich nach Leckerbissen und Näschereien, weiß sie so niedlich zu verzehren, dass sie dadurch einen neuen Reiz für mich gewinnt.
Sie ist auch darin ein wahres Kind, wendete Therese ein; doch ist das in meinen Augen keine von ihren guten Eigenschaften, deren sie gar manche hat. Finden Sie Eva nicht sehr schön, Herr von Reichenbach, und sehr anmuthig?
Wenn ich die Wahrheit sagen darf, nein. Sie ist schon zu klein und zu unruhig, um mir schön und anmuthig zu erscheinen. Ich kenne sie freilich erst seit gestern, aber ich halte sie für eine kleine Kokette, die Kindlichkeit vorschützt, um ihren Launen Duldung zu verschaffen.
O, das ist schlecht von Ihnen, Herr von Reichenbach! schalt ihn Therese. Unsere Freundin Eva ist in der That ganz so kindlich und kindisch, als sie erscheint. Sie war das einzige Kind sehr reicher Eltern, die sie in jedem Sinn verwöhnten. Der Vater starb, die Mutter verheirathete Eva, das fünfzehnjährige Mädchen, mit dem Major von Barnfeld, einem Freunde ihres verstorbenen Mannes, und man zog auf das väterliche Gut, um dort zu leben.
Das Uebrige, sagte der Präsident, da Therese innehielt, folgt nun von selbst. Mutter und Gatte verhätschelten die kleine Frau nun vollends um die Wette, und Beide unterdrückten alle Selbstständigkeit in ihr. Zwischen Kornblumenkränzen, Nachbarstöchtern, Voß' Idyllen, Landjunkern und andern unschädlichen Dingen wuchs sie auf; lachend, wo sich Anlass dazu bot, froh, verheirathet zu sein, weil sie nichts mehr zu lernen brauchte, was ihr von jeher verhaßt war, und sie hat denn auch gar nichts gelernt.
Mache ich ihr denn jetzt einen Vorwurf daraus? fragte der Präsident. Ihre unglaubliche Unwissenheit ist für mich ihr schönstes Lob in einer Zeit, in der es lauter gebildete, geniale Frauen gibt, zur tödtlichen Plage für den Mann. Eva hat die seltensten Eigenschaften. Sie ist hübsch, gutmüthig, reich und gar nicht geistreich, also leicht zu beherrschen. Sie ist eitel, kindisch und naschhaft, also bequem und leicht zu erfreuen. Solch eine Frau ist ein Phönix in unsern Tagen.
Noch nicht lange, erst seit dem Tode ihrer Mutter, antwortete Therese. Herr von Barnfeld starb, als Eva achtzehn Jahre alt war. Die Mutter verkaufte die Besitzungen und zog mit Eva in die nächste Stadt, und die kleine junge Wittwe sah sich so von allen Männern umschwärmt, dass sie wohl ein wenig übermüthig geworden sein mag. In Zerstreuungen und Huldigungen jeder Art lebte sie fröhlich fort, bis vor sechs Monaten ihre Mutter starb. Seitdem wohnt sie, nach dem Wunsch der Verstorbenen, in unserer Nähe und Julian ist zu ihrem Vormunde ernannt. Sie ist uns sehr lieb geworden und wird auch Ihnen gefallen, wenn Sie hinter dem flüchtigen Wesen einen tüchtigen Verstand und das offenste Herz entdecken werden.
Unter diesen und andern Gesprächen verging die Zeit während der Mahlzeit schnell, man stand auf und der Präsident fragte seine Schwester, welche Entwürfe sie für den Abend gemacht habe?
Ich habe noch Einiges im Hause zu schaffen, sagte Therese, um erst wieder in die gewohnte Ordnung zu kommen. Ist das beendet, dann will ich ganz still ausruhen.
Darauf trennte man sich, nachdem Alfred auf Julian's wiederholte Anfrage es abgelehnt hatte, ihn zu begleiten, weil er noch für einige Stunden Geschäfte habe, die er abzumachen wünschte.
Therese ging nach der Entfernung der Beiden an ihre Arbeiten, aber unaufhörlich dachte sie dabei an Alfred's Worte: Nein! weil er ihr fehlt! – Ob Alfred's Ehe nicht glücklich ist? fragte sie sich und wünschte den Morgen herbei, um von dem Bruder Auskunft über diese Angelegenheit zu erhalten, die sie lebhaft beschäftigte.
Abends um die neunte Stunde ging der Präsident in ein stattliches Haus der .... Straße, stieg zwei Treppen hinauf, öffnete mit einem Schlüssel, den er mit sich hatte, einen geschlossenen Corridor und trat bald darauf, ohne anzuklopfen, in ein kostbar eingerichtetes Zimmer.
Ein junger Mann in altfranzösischer Tracht stand am Fenster und sah auf die Straße hinaus. Bei Julian's Eintritt wendete Jener sich plötzlich um und stürzte mit einem Jubelruf ihm entgegen und in seine Arme.
Es war Sophie Harcourt, die den Geliebten empfing. Er war zu ihr gekommen, mit dem festen Vorsatz, ihr ernste Vorwürfe zu machen, weil sie gleich am Morgen seiner Ankunft von derselben unterrichtet gewesen, also nach ihm gefragt, ihn ausgespäht haben musste. Jetzt, als er sie sah, dachte er nicht mehr daran, sondern zog sie mit sich auf das Sopha und fragte: Hast Du doch spielen müssen heute Abend? Du bist ja im Costüme.
Ich erwartete Dich schon lange, antwortete sie, und um nicht zu empfinden, wie lange, probirte ich das Costüm an, in dem ich in der nächsten Woche auftreten will.
Kokette! sagte scheltend Julian, während er sie auf seine Knie nahm und ihre feine Hand, die aus den breiten Spitzenmanschetten zierlich hervorsah, auf seine Augen drückte. Kokette! Du wusstest wohl, wie reizend Du bist in dieser Männertracht, in der ich Dich zuerst sah. Du wusstest, dass ich Dir Vorwürfe machen würde, und wolltest mich bestechen. Aber ich sehe Dich nicht an! mit Deinen eigenen Händen halte ich mir die Augen zu.
Glücklicherweise ist der Mund frei! rief sie, indem sie einen Kuß auf Julian's Lippen drückte, den er mit vielen andern erwiderte. Dann machte sie sich los und sagte: Du zerdrückst mir den schönen Sammetrock und hast doch noch gar nicht gesehen, wie er mich kleidet, so roh und wild bist Du gleich mit Deiner Zärtlichkeit über mich hergefallen. Sieh mich an, mein Freund, wie gefalle ich Dir?
Sie fing nun an im Zimmer umherzugehen, sich in mancherlei Stellungen bald vor dem Spiegel, bald vor Julian zu bewegen, und man konnte in der That kaum höhern Liebreiz finden. Sie war groß, schlank und kräftig gebaut, ohne große Fülle zu haben. Die Männerkleidung stand ihr vortrefflich und die schwarzen Augen sahen blitzend und zärtlich unter der gepuderten Perrücke hervor. Der Präsident betrachtete sie mit Entzücken. Dessen war sie sich deutlich bewusst, und auf ihren Reiz vertrauend, warf sie den kleinen Stahldegen, mit dem sie Fechtübungen gemacht hatte, von sich, setzte sich dicht neben den Geliebten, schmiegte sich an ihn und fragte: Julian! Warum hast Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben? Warum hast Du mich nicht wissen lassen, wann Du wiederkommen würdest? Ich habe vor Ungeduld fast täglich in Dein Haus geschickt.
Diese Frage erinnerte den Präsidenten, dass er sich über seine schöne Freundin zu beklagen habe, und die Gelegenheit benutzend, sagte er: Weil ich die Absicht hatte, gar nicht wiederzukommen, weil Dein Spioniren und Nachfragen mir unerträglich ist. Gleich heute wieder! Wie oft habe ich Dir verboten, Deinen Diener zu mir zu schicken, wie oft Dir gesagt: schreibe nicht auf dem närrischen, bunten Papier, das auf zehn Schritte ein billet doux verräth! Nun thust Du gleich das Alles auf einmal. Erspähst, natürlich durch Bestechung meiner Leute, wann ich zurückkehre, schickst den baumhohen Diener in mein Haus und schreibst auf bunt bemaltem Papier, damit vom Kutscher bis zur Küchenmagd Jeder errathen kann, von wem die Botschaft kommt. Du bist unerträglich indiscret. – Nimm die Perrücke ab, der Puderstaub belästigt mich.
Sie that augenblicklich, wie er verlangte, und sagte dann: Indiscret nennst Du mich, wenn ich vor Sehnsucht nach Dir vergehe? wenn ich den Augenblick nicht erwarten kann, in dem Du wieder bei mir bist? Du weißt es: wie ich Dich liebe, habe ich keinen Andern je geliebt.
Da trat Sophie dicht vor ihn hin und sagte: Julian! ich schwöre nicht, denn Du würdest sagen: wer glaubt dem Schwur einer Schauspielerin? Ich mache mich nicht besser, als ich bin. Ich habe es Dir nicht verborgen, als Du mit glühendem Verlangen um mich warbst, dass Du nicht der Erste bist, dem ich und meine Liebe gehörten.
Nun denn, auch das kann sein! – Ich fühle es, Du willst mir wehe tun, mich verlassen, Du suchst Streit. Vielleicht werde ich nicht ewig trauern, vielleicht äußerlich bald getröstet scheinen, denn ich bin jung und das Leben ist schön; aber ich werde lange, immerfort leiden um Dich, tief im Herzen, denn so wahr Gott über uns lebt, Julian, ich liebe Dich sehr!
Thorheit! schalt der Präsident. Du willst heute das Maß voll machen, mich nun noch mit Scenen plagen, die mir verhaßt sind. Wollte ich mich quälen lassen, ich hätte mich längst verheirathet.
Als sie diese Worte hörte, brach Sophie plötzlich in das lauteste Gelächter aus, nahm seinen Kopf in ihre Hände, küsste ihn auf die Stirne und rief: Das ist das erste vernünftige Wort, das ich heute von Dir höre. Du hast Recht, eine gute wackere Frau muss eine entsetzliche Qual sein. Ewig tugendhaft, also ohne Nachsicht; im Gefühl des Besitzes ruhig, also nicht ein bischen eroberungssüchtig. Wenn ich ein Mann wäre, ich heirathete gewiss nicht.
Das ist erhabene Weisheit aus Deinem Munde, sagte der Präsident, der noch immer den Beleidigten spielte. Und was thätest Du denn? Nicht wahr, Du liebtest eine Schauspielerin?
Ich sehe nicht ein, warum nicht? Oder glaubst Du, eine Schauspielerin sei oft nicht besser, als Eure Tugendheldinnen aus der stillen Häuslichkeit? O! es ist schon bequem, zwischen Vater und Mutter aufzuwachsen, behütet vor jedem Gedanken, der den Unschuldshauch von den Seraphsschwingen abwischen könnte. Es mag recht hübsch sein, aus den Armen der Eltern in die des Gatten überzugehen und in ihm auch wieder den Schutz zu finden, dessen man bedarf, um tugendhaft zu bleiben. Das heißt tugendhaft vor dem Gericht der Welt, trotz der heimlichen Untreue im Herzen, die oft nicht fehlt.
Aber Sophie achtete die Unterbrechung nicht. Ja! fuhr sie heftig fort, ich verachte Eure scheinheilige Tugend, Eure gute Gesellschaft. Ich bin mir mit Stolz des Tadels bewusst, den die andern Frauen auf mich werfen. Ich bin Schauspielerin, ich bin Deine Geliebte! Ja! – Aber ich bin's mit voller Hingebung, so lange ich es bin. Ich bin nur Dein in Deinen Armen. Bis in die Ewigkeit reicht mein Gedanke nicht hinüber. Es gibt keine Ewigkeit für Liebeslust, es braucht ja auch keine zu geben, wo ein Augenblick für Jahrhunderte Genuss gewährt.
Sophie, Sophie! rief der Präsident, der hingerissen ward von der unwiderstehlichen Anmuth der Künstlerin, die Männerkleider machen Dich verwegen. Kleide Dich um und werde Weib, Sophie!
Weshalb? fragte sie, bist Du besorgt, ich wolle Dich besiegen, gegen Deinen Willen? Du willst gar nicht widerstehen, Du kannst nicht von mir lassen, Du kehrst ja dennoch wieder, sagte sie schmeichelnd. Es liegt nicht im Gewande; hier tief in der Brust, in meiner und Deiner, steckt der Zauber; die Liebe hält Dich fest.
Indeß zog sie den dunklen Sammetrock ab und stand nun in den Sammetescarpins, weißseidnen Strümpfen und einer Weste von Goldbrokat vor ihm, die genau Taille und Hüften bezeichnete, fast bis an das runde Knie hinabreichte und ihren wundervollen Wuchs noch mehr hervorhob. Der Präsident sprang auf und wollte sie umfassen, sie lief aber blitzschnell in das Nebenzimmer, das sie hinter sich zuschloß, und rief: O, ich kann auch tugendhaft sein, mein Herr Präsident!
Julian wusste, dass man sie gewähren lassen müsse, und setzte sich nieder. Bald wollte er sie erwarten, bald sie verlassen. Sie war ihm noch interessant, sie fesselte ihn durch die Gewalt ihrer Reize, aber Alfred's Vermuthung war nicht ungegründet, die Verbindung mit Sophie füllte die Seele Julian's nicht aus, sie befriedigte ihn nicht mehr ganz. Ohne dass er es sich selbst gestand, fing er an, sich nach Ruhe, nach festbegründeter Häuslichkeit zu sehnen. Er dachte bisweilen daran, sich zu verheirathen, aber sein Verhältnis zu Sophien war allgemein bekannt und man hielt es für bindend. Das war ihm doppelt unbequem in seiner Stellung. Er war zu ihr gekommen, sie auf eine mögliche Trennung vorzubereiten, er dachte wohl noch daran, wie aber sollte er dem reizenden Weibe wehe tun, das ihn so innig liebte? Wie konnte er in dieser Stunde ihr gegenüber kalt bleiben? Er hatte am Morgen verächtlich von dem ruhigen Glück der Ehe gesprochen, jetzt peinigte ihn Sophiens Ringen um seine Liebe, die sie zu verlieren fürchtete.
Nach wenig Minuten schon kehrte sie wieder zu ihm zurück. Sie hatte ein seidenes Gewand übergeworfen, das nur mit einer Schnur um die Taille befestigt war und Hals und Nacken frei ließ. Das Haar war ungeflochten mit einem Kamme aufgenestelt. In der Hand trug sie ein Kistchen mit Cigarren. Sie war eine ganz Andere geworden.
Ruhig setzte sie sich an der Seite ihres Freundes nieder und sagte: Nun ist's des tollen Spiels genug, wir wollen vernünftig sein. Nimmst Du keine Cigarre, lieber Julian?
Der Präsident nahm sie schweigend an, sie reichte ihm Feuerzeug, hing einen Ueberwurf über die Lampe, wie er es liebte, und schickte sich an, ihm den Thee zu bereiten, den man indeß hereingebracht hatte. Das Alles geschah so ruhig und anspruchslos, so dienstbeflissen, dass es wohlthuend sein musste.
Es war ganz stille im Zimmer, man hörte nur das Summen des Samovar. Der Präsident hatte Tagesblätter vorgefunden, die er durchflog, Sophie störte ihn nicht. Sie lag ruhig in der Sophaecke und betrachtete den Geliebten. Ihre Hingebung machte ihn weich, aber er ließ es sie nicht merken; er war in einer jener gereizten Stimmungen, in denen man eine Lust daran findet, Diejenigen zu quälen, die man liebt. Er ließ es geschehen, dass Sophie ihm Alles zubereitete, ihm den Thee einschenkte, wie er es gern hatte, doch er dankte ihr nicht dafür und las ruhig weiter fort.
Eine Träne des Zornes trat in das flammende Auge der Schauspielerin, aber sie zerdrückte sie schnell und rief: Gefallen? Doch nur Dir will ich gefallen, Julian, nur Dir! Ist das ein Unrecht? – Sie war jetzt vor den Präsidenten hingekniet, der, als draußen die eilfte Stunde schlug, sich zum Fortgehen erheben wollte.
Sophie, indem sie vor ihm kniete, hielt ihn davon zurück. Ist es ein Unrecht, fragte sie nochmals, dass ich Alles, was ich vermag, anwende, um Dir zu gefallen? Kann ich dafür, dass ich verwaist aufwuchs, dass ich die Bühne betrat, auf die mein Talent mich hinwies? Wer von den Frauen, die sich ihrer Tugend rühmen und mich mit Verachtung eine Buhlerin nennen, hat wie ich zu sechzehn Jahren dagestanden, verwaist, arm, schön genug, um Liebe zu erwecken, und umgeben von der männlichen, glänzenden Jugend in Paris?
Julian sah sie milder an und strich sinnend mit der Hand über ihren Scheitel. Dabei glitt der Kamm heraus und das üppige Haar fiel wie ein dichter, schwarzer Schleier auf sie herab. Sie umfasste den Präsidenten mit beiden Armen, sah ihm zärtlich in die Augen und fragte: Oder ist das mein Verbrechen, dass ich Dich liebe? Dass ich Dich festhalten will, dass ich Dein bleiben will um jeden Preis?
Da konnte Julian nicht länger widerstehen, nicht länger sich mäßigen. Mit heftigster Leidenschaft zog er das reizende Weib zu sich empor und sank an ihre Brust. Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter und leise bittend fragte sie: Und Du verlässt mich nicht? Du bleibst mein?
Während der Präsident bei Sophien war, saß Alfred einsam in seinem großen Hause. So allein hatte er auch darin gelebt, bald nachdem es ihm mit der Erbschaft zugefallen war. Er erinnerte sich des Tages, an dem er von dem palastähnlichen Gebäude Besitz genommen, und eines andern bald darauf, an dem er Julian mit Mutter und Schwester in demselben zum Frühstück bewirthet hatte. Damals hatte Therese viel mehr zu werden versprochen, als sie jetzt zu sein schien. Er fand sie freundlich und verständig, aber fast matronenhaft ernst; vornehm in der Form, wenngleich in anderm Sinne gewöhnlich. Das verstimmte ihn, ohne dass er selbst es wusste.
Dazu kam ein unbehagliches Gefühl anderer Art. Bei der eiligen Abreise hatte er nur die Dinge einpacken lassen, deren er am nöthigsten zu bedürfen geglaubt. Jetzt fehlte ihm Vieles, an das er gewöhnt war; nichts fand sich, wie er es wünschte.
Mißmuthig und zerstreut, ging er an den Schreibtisch, um die mitgebrachten Papiere zu ordnen, und zog mechanisch eine der Schubladen um die andere heraus. Die Mehrzahl derselben stand leer, in der einen lagen beschriebene Blätter; sie waren mit einem verblichenen Bande zusammengebunden. Er erkannte sie gleich wieder. Als er mit Julian an die Herausgabe seiner ersten Gedichte gegangen war, hatten sie diese Blätter ausgesondert, die sich weniger für den Druck zu eignen geschienen hatten. Das verblichene Band, das sie zusammenhielt, hatte Carolinen gehört.
Er las die Papiere durch. Es waren Klagen über die Trennung von der Geliebten und Liebeslieder mancher Art. Sie kamen ihm jetzt viel besser vor als früher. Jetzt lag jene Zeit mit ihrer jugendlichen Schwärmerei abgeschlossen, beendet vor ihm da. Er urtheilte über sie, als über eine geschichtliche Thatsache, eine Durchgangsepoche, die ihr volles Recht in Anspruch nehmen durfte; und wie er sich damals des weichen Liebelebens fast geschämt hatte, so freute es ihn jetzt, dass er einst dieses vollen, hingebenden Gefühles fähig gewesen war.
Es lag für ihn ein wehmüthiger Reiz darin, sein eigenes vergangenes Leben prüfend zu betrachten; denn so lange man von der Gegenwart beherrscht wird, kommt man zu keinem Urteil über sich selbst. Der Tag macht sein Recht geltend, wir nehmen Partei für die Wünsche, die uns bewegen. Nur wenn wir gleichgültig gegen Etwas geworden sind, beurtheilen wir es unparteiisch. Da ist denn nichts so gut, nichts so schlimm geworden, als wir es gehofft oder gefürchtet hatten, was uns stürmisch bewegt, ist vollendet, ohne unsere Erwartungen befriedigt zu haben; was wir mit Angst herannahen gesehen, hat uns gefördert. Das Leben erscheint wie eine künstlerisch angelegte Dichtung. Wenn wir die Wirrnisse sich entwickeln und lösen gesehen, gewinnen wir Zutrauen zu dem schöpferischen Geist, der über und in uns waltet, und erwarten ruhig das Ende der Erscheinungen.
Alfred konnte mit ruhigem Gewissen auf sein Leben zurückblicken, mit Freude auf einzelne Punkte desselben. Er konnte sich nicht freisprechen von mancher Schwäche, manchem Irrthum, aber er hatte stets nach dem Besten gestrebt, es auf jede Weise zu fördern gesucht. Nichts hatte zu seinem Glücke gefehlt, als eine glückliche Ehe. Wie Julian in stets wechselnden Verhältnissen Genuss zu finden, hatte nie in seiner Art gelegen, sie hätten ihm keine innere Befriedigung gewährt. Er verlangte nach dauernder, voller Liebe, nach tiefem, gegenseitigem Verständnis, nach einer Ehe in ihrer idealsten Bedeutung.
Er konnte es sich nicht verbergen, dass ihm einst die achtzehnjährige Therese in seiner Jugend eine lebhafte Neigung eingeflößt, dass er ihrer im Gegensatz zu seiner Frau gedacht hatte, als seine Ehe eine so unglückliche Wendung genommen hatte. Dass er nun auch diese Therese nur als eine gewöhnliche Frau wiedersah, machte ihn nachsichtiger gegen Caroline.
Hier, in diesem Zimmer hatte er mit seiner Frau gelebt, hatte Felix gespielt. Oft hatten die jungen Gatten es sich ausgemalt, wie hier in dem großen Gebäude Raum sein werde für sie, für den verheiratheten Sohn und für blühende Enkel, wenn sie selbst an den Grenzen des Lebens stehen würden, denn die Jugend liebt es nur zu sehr, im Gefühl ihrer Kraft, der Zeit zu gedenken, in der sie ihr fehlen wird, und ist doch so voll Lebenslust, dass ihr die Gegenwart allein nicht genügt, dass sie das Glück der vergangenen und kommenden Lebensalter in fröhlicher Erinnerung und in ahnendem Vorgenusse auf einmal empfinden will.
Jetzt, von Caroline getrennt, fühlte er mehr als je, wie eng das Leben der Gatten ineinander verschlungen sei, wie Felix ein festes, heiliges Band zwischen ihnen bilde. Caroline schien ihm weniger Unrecht zu haben, da er augenblicklich nicht mehr von ihr verletzt ward, und in der mildesten Stimmung setzte er sich nieder, ihr zu schreiben, als er einen Brief von ihr vorfand, der am Abend angekommen war. Der Diener hatte ihn auf den Schreibtisch gelegt, er war unter andere Papiere gerathen und Alfred bemerkte ihn erst jetzt. Er lautete also:
»Lieber Alfred! Ich habe die ganze Nacht wachend und in Thränen zugebracht, habe Alles überlegt und kann Dein gestriges Betragen gegen mich weder entschuldigen noch begreifen. Ich bin mir bewusst, keine meiner Pflichten gegen Dich verletzt zu haben, ich habe kein anderes Interesse, als Dein Wohl und das Wohl von unserm Felix! Das weißt Du selbst.
Unser letzter Streit ist wegen der Unterstützung entstanden, die ich dem Kloster ohne Deine Erlaubnis zukommen ließ; aber fragst Du mich denn um Rath, wenn Du Wohlthaten ertheilst auf Deine Weise? Was heißt denn die Unabhängigkeit einer Frau, wenn ich Dich erst um Alles befragen soll? wenn Du außer Dir geräthst, sobald ich einmal selbstständig handle? – Und wegen Ruhberg kann und werde ich nicht nachgeben. Du hast und kannst gegen Ruhberg nichts haben, der ein edler, guter Mensch, ein treuer Seelsorger ist und den alle Welt achtet. Dich verdrißt es, dass ich überhaupt zur Beichte gehe, dass ich nicht wie Du, in stolzer Ueberhebung mir selbst genug bin und dadurch Gott verleugne. Dies kann und werde ich nie tun, und werde auch bis zum letzten Athemzuge Mutterpflicht an Felix erfüllen und wenigstens ihn vor Deiner Freigeisterei zu bewahren suchen. Lehre Du ihn, was Du willst; Gott fürchten und fromm sein, soll er von mir lernen. Gib mir nur darin nach und wir werden uns besser vertragen, denn dass Du jenen kleinen Streit so schwer nimmst, das ist sehr unrecht von Dir und nicht meine Schuld.
Mein Gott! wenn man in der Ehe jedes Wort auf die Goldwage legen, wenn man sich vor seinem Manne, wie vor einem Fremden, beherrschen soll, was wäre da das eheliche Vertrauen? Deine Dichterseele reißt Dich hin, Alfred, in der Ehe einen ewigen poetischen Brautstand zu suchen; lass mich die Vernünftigere, die Ruhigere sein und Dir sagen, dass das in der Prosa des Alltagslebens nicht bestehen kann. Man hat im täglichen Leben so viel Verdruss, dass man nicht immer in guter Laune sein kann, dass man einmal ein hartes Wort sagt; aber gerade Deine Weise ist von der Art, eine ruhige, verständige Frau verdrießlich und heftig zu machen. Du bist nicht wie andere Männer, Du bist gar zu überspannt und wir sind doch schon eilf Jahre verheirathet, da kann doch eine Frau nicht ewig sich gleich sein.
Ich hoffe, diese Vorstellungen bringen Dich mir zurück, denn ich sehne mich nach Dir, als ob Du nicht achtzehn Stunden, sondern achtzehn Monate fort wärest. Auch Felix fragt unablässig nach Dir, und dass in der Wirthschaft ohne den Herrn, trotz meiner strengen Aufsicht, Alles verkehrt gehen wird, kannst Du Dir denken. Ich habe nun gesehen, dass Du mich verlassen könntest; nun Du mir die harte Lehre gegeben hast, wird es wohl für beide Theile genug sein. Ich will vergeben und vergessen, darum komme nur bald zurück. Zugleich könntest Du mir ein Dutzend Handschuhe, halb hell, halb dunkel mitbringen, und der B. sagen, dass ich einen Herbsthut in rosa und einige Hauben spätestens kommende Woche haben muss. Adieu, lieber Alfred! auf baldige Rückkehr! Frage doch auch wegen der Ofenschirme nach, von denen wir neulich sprachen, und vergiss meiner nicht in Berlin, sondern denke an Deine treue, Dich liebende Caroline.«
Während des Lesens verdüsterte sich Alfred's Stirne. Der Brief war ein so treues Bild von Carolinen's unliebenswürdiger Weise, von der Unbildung ihres Geistes und Herzens, dass er ihn nicht zu Ende zu lesen vermochte. Er warf ihn verdrießlich auf den Schreibtisch, ging heftig im Zimmer umher und setzte sich dann zum Schreiben nieder, tief aufathmend wie Jemand, der an ein schweres Geschäft geht.
Er schrieb lange. Es ward spät in der Nacht, und als er geendet hatte und den Brief durchlas, fand er, der das Wort so gewaltig zu brauchen wusste, dass er nichts von alle Dem gesagt hatte, was er sagen wollen. Er wünschte Caroline nicht nur auf eine Trennung, sondern auf eine gänzliche Scheidung vorzubereiten, die ihn nach dem Empfang ihres Briefes nur noch unerläßlicher dünkte, weil er fühlte, dass zwei so verschiedene Naturen sich nie verstehen würden. Aber wo er mit höchster Schonung zu verfahren gewünscht, klangen seine Worte streng; wo er zart zu sein gestrebt, schien ihm die Wendung kränkend. An andern Stellen fürchtete er, Caroline könne den Wunsch nach neuer Vereinigung darin angedeutet finden, die ganz außer seiner Absicht lag.
Er fühlte, dass er in dieser Angelegenheit seine gewohnte Klarheit nicht besitze, dass er nicht Ruhe genug habe, selbst für sich zu handeln, deshalb zerriss er das Geschriebene wieder und seine Hoffnung richtete sich auf den Präsidenten. Er nahm sich vor, sobald als möglich mit diesem Rücksprache zu halten, was er für Caroline tun und wie man es anfangen solle, die schmerzliche Angelegenheit so gelinde als möglich zu behandeln und zu erledigen.
Als Alfred an einem der folgenden Abende in das Zimmer des Freundes trat, fand er ihn in Aktenstößen vergraben, mit einem seiner Beamten über eine Rechtsfrage verhandelnd. In dem strengen Ernste des Geschäftsmannes, in der schlagenden Kürze seiner Beweise erkannte man den Lebemann nicht wieder, der so weitläufig über die Bereitung einer Mahlzeit zu sprechen verstand. Er fertigte seinen Untergebenen schnell, aber sehr zuvorkommend ab und wendete sich dann mit freundlicher Begrüßung dem Freunde zu.
Dieser erklärte ihm gleich, welche Angelegenheit ihn beschäftige, und bat um den Rath des Präsidenten. Ich dachte, sagte er, als ich von Hause schied, nur an eine Trennung von meiner Frau; ja, ich war in diesen Tagen schon wieder einer Aussöhnung nicht abgeneigt, denn Du kannst Dir denken, dass ein solcher Entschluss mir hart ankommt. Ein Brief, den ich neulich von ihr erhielt, hat mich indeß in meinen Vorsätzen befestigt. Ich fühle, dass wir uns nie verstehen werden, dass ich in dem ewig schwankenden Zustand nicht leben kann. Ich hoffe nicht auf Glück, aber ich verlange Ruhe, innere Ruhe und meine Freiheit wieder. Unsere Ehe muss gerichtlich geschieden werden. Ich kenne die Schwierigkeiten, die man dabei macht; deshalb komme ich, Dich zu fragen: wie hilft man sich am leichtesten darüber fort?
Sieh, lieber Freund, da fangen die Schwierigkeiten gleich an. Du weißt es ja selbst, dass Caroline und ich katholisch sind. Nun fürchte ich, sie wird nicht in die Scheidung willigen, einmal, weil sie sich nicht so unglücklich in unserer Verbindung fühlt, als ich; zweitens, weil ihr die Trennung von Felix schwer sein wird, und endlich, weil sie nach ihren Begriffen durch die Scheidung eine Sünde begeht, ein Sakrament bricht.
Nicht zu vergessen, dass Du Dich leicht zu einer neuen Ehe entschließen dürftest, was Deiner Frau von den Pfaffen verwehrt werden möchte, ergänzte Julian mit seinem ironischen Lächeln.
Alfred beachtete die Worte nicht und fuhr fort: Ferner habe ich die Güter von meinem Großonkel, dem Domherrn, ererbt, und das Testament verlangt, dass sie immer von einem der katholischen Religion angehörenden und ergebenen Nachkommen der Reichenbach'schen Familie besessen werden, wo nicht, der Kirche zufallen sollen. Ich zweifle keinen Augenblick, dass die katholische Geistlichkeit des betreffenden Klosters, die eine Abschrift des Testaments besitzt, ihre Ansprüche gegen mich erheben wird, wenn sich ihr die Möglichkeit dazu eröffnet. Dasselbe könnte auch von Seiten eines sehr entfernten Agnaten geschehen. Ich für mein Theil würde mich unschwer entschließen, der Erbschaft zu entsagen, wenn dies das einzige Mittel wäre, mich frei zu machen. Ich habe durch die Fabriken, die ich angelegt, ein selbstständiges Vermögen erworben, das ich mein nennen darf, abgesehen davon, dass mir meine literarische Tätigkeit ein mäßiges Kapital abgeworfen, welches ich bis jetzt nie benutzt habe. Die Frage ist nur, ob es irgendwie bedenklich ist, dass mein Felix, als nächster Erbe, die Erbschaft antritt, wenn ich darauf verzichte?
Ich habe es Dir zu dem Zwecke mitgebracht, hier sind die Papiere. Hast Du Muße, Dich gleich jetzt damit zu beschäftigen, so möchte ich den Bescheid bei Deiner Schwester abwarten.
Es ist mir eine Freude, sagte sie, dass Sie kommen und dass es überhaupt diesen Winter recht lebhaft in unserm Hause werden wird. Sie waren der Erste, der sich uns als einen Gast für die langen Abende meldete, und Sie scheinen uns Glück gebracht zu haben. Unser Kreis wird sich noch um eine oder gar um zwei Personen vergrößern.
Nein, antwortete Therese, ich kenne ihn gar nicht und darum bangt mir etwas bei dem Gedanken an seine Ankunft. Er soll ein liebenswürdiger junger Mann, von tiefem Gemüt, aber sehr kränklich und von der Mutter, deren einziges Kind er ist, körperlich und geistig verweichlicht worden sein. Der Vater, um ihn ins Leben einzuweisen, hat ihn angehalten, die juristische Laufbahn zu verfolgen, während des jungen Mannes Neigung ihn zum Landleben hinzog, für das der reiche Landbesitz des Vaters, der selbst Landwirth ist, ihn zu bestimmen schien. Das hat Teophil in mancherlei Zweifel gestürzt und eine unglückliche Liebe soll ihn in der letzten Zeit noch mehr entmuthigt haben. Er soll kränkeln und einen Lebensüberdruß verrathen, der selbst den ruhigen Vater sehr besorgt macht. Während nun der Sohn mehr als je nach der Einsamkeit verlangt, sieht der Vater für ihn nur in angestrengter Tätigkeit Rettung, und die Mutter wünscht, dass er sich hier der Behandlung eines bedeutenden Arztes unterziehe. Beide Eltern haben sich an meinen Bruder gewendet, mit dem sie sehr befreundet sind, und dieser hat, als ob es von ihm ausginge, den jungen Mann auf seiner Reise besucht. Er hat sein Vertrauen erworben, ihn überredet, als Hilfsarbeiter bei seinem Collegium einzutreten und als willkommener Gast in unserm Hause zu leben. Morgen vielleicht dürfen wir ihn bereits erwarten.
Das empfinde ich so lebhaft, sagte Therese, dass ich es fast abgelehnt habe, einer Freundin gefällig zu sein, die mir ihre sechzehnjährige Tochter für einige Zeit anvertrauen will, damit sie hier Unterricht im Tanzen und im Französischen nehmen könne. Es ist nicht zu berechnen, welchen Eindrücken solch ein junges Mädchen in ganz ungewohnter Umgebung ausgesetzt ist, und wie sie nachhaltig wirken können. So lieb mir die kleine Agnes war, als ich sie vor Jahren sah, so habe ich doch noch nichts bestimmt versprochen, weil ich mich vor der Verantwortung fürchte, wenn der Aufenthalt in der Residenz das Mädchen in seinen Wünschen und Ansprüchen verändern sollte.
Bei diesen Worten Theresen's trat der Präsident in das Zimmer. Ich bin in der Prüfung Deiner Papiere mehrmals durch unabweisliche Besuche gestört wor den, bester Reichenbach, sagte er, und muss sie nun auf die Frühstunden des nächsten Morgens verschieben, die immer meine ruhigste Arbeitszeit sind. Gönne mir Frist bis dahin. Ich bin ermüdet von der heutigen endlosen Sitzung, und mehr aufgelegt, mit Dir und Therese eine Stunde zu verplaudern, als angestrengt eine so wichtige Sache zu prüfen. – Wovon war die Rede, als ich Euch unterbrach?
Ich begreife diese Besorgnisse nicht, meinte der Präsident. Wären wir Eheleute, ich würde denken, die Erinnerung an Goethe's Wahlverwandtschaften mache Dich ängstlich, in denen durch den Zutritt neuer Personen ein altes, anscheinend wohl begründetes Verhältnis zerstört wird; denn allerdings hat unsere Lage mit den dortigen Zuständen eine gewisse Aehnlichkeit.
Therese lächelte und sagte erröthend: Wirst Du mich eine Thörin schelten, wenn ich Dir bekenne, dass gerade dieser Gedanke mir selbst gekommen ist und mich beunruhigt hat? Wer weiß, ob Dir unsere Häuslichkeit nicht einsam erscheinen wird, wenn unsere Gäste uns verlassen, ob ich Dir nicht eine zu ernste Gesellschafterin sein werde, wenn Dich die kleine Agnes an größere Fröhlichkeit gewöhnt haben wird.
Dacht' ich's doch! das ist echte Frauennatur! rief lachend der Präsident. Sie ist wirklich im voraus eifersüchtig auf ein Kind, das ich noch gar nicht kenne. Aber fürchte nichts! sagte er, indem er ihr die Hand bot, lasse die Kleine immerhin kommen, wie ich den Telemach kommen lasse, zu dessen Mentor man mich erkoren hat. Mich und Dich trennt Niemand.
Therese drückte dem Bruder die Hand und sagte dann nach einer kleinen Pause: Erinnern Sie sich wol, Herr von Reichenbach, dass Sie es waren, der mich zuerst mit den Wahlverwandtschaften bekannt gemacht hat?
Gewiss! antwortete Alfred, und ich weiß es gar wohl, dass es mir Vorwürfe von Ihrer Frau Mutter zuzog, weil selbst diese verständige Frau von dem Glauben befangen war, dass die Tendenz des Romanes eine unsittliche sei.
Nichts weniger als das! erwiderte Alfred. Unsittlich ist die Tendenz eines Buches, wenn Das, was gegen die Moraloder die hergebrachten Sittengesetze verstößt, beschönigt, als Recht dargestellt und vom Glück gekrönt wird, wie das jetzt oft in den französischen und deutschen Romanen geschieht. Davon aber finden Sie in den Wahlverwandtschaften kein Beispiel!
Und wie wollen Sie es nennen, fragte Therese, wenn Gatten den Schwur der Treue brechen, der sie unauflöslich an einander bindet? Wie nennen Sie Charlotten's Liebe zu dem Hauptmann, Eduard's Leidenschaft für Ottilie? Wie wollen Sie das entschuldigen?
Entschuldigen! rief Alfred. Liebe, Leidenschaft entschuldigen? Liebe und Leidenschaft an sich bedürfen nie und nirgend einer Entschuldigung. Jede wahrhafte Liebe trägt wie ein Gottesurtheil ihre Freisprechung in sich.
Und so finden Sie die Personen des Romans frei von aller Schuld? fragte Therese zweifelnd. Mir scheint, mit dieser Ansicht von dem Recht der Liebe heben Sie das heilige Recht der Ehe auf. Nach Ihrer Theorie hätte jeder das Recht, eine Ehe aufzulösen, wenn er neue Liebe in seinem Herzen sich regen fühlt und – – sie stockte, im Bewusstsein, einen Gegenstand berührt zu haben, der dem Gaste peinlich sein könnte; Alfred selbst aber nahm das Wort.
Glauben Sie denn nicht, rief er, dass in tausend Fällen die Trennung einer Ehe eine hohe, sittliche That sein könne, ja, das sie in solchen Fällen zu einer heiligen Pflicht werden kann?
Wenn zwei Menschen empfinden, dass sie dem Gedanken einer wahren Ehe nicht genügen können, dass sie innerlich getrennt sind, dass sie eigentlich nie zu einander gehörten und sich nur aus jugendlichem Misverstehen verbanden, sollen diese lebenslang zusammengeschmiedet bleiben? Sollen sie mitsammen leben, Unfrieden, Gram, und vielleicht am Ende noch eine wahre und edle Liebe für einen andern Gegenstand im Herzen? fragte Alfred heftig.
Therese schwieg mit scheuer Zurückhaltung und Alfred fuhr fort: Verbrechen werden allerdings in den Wahlverwandtschaften begangen. Dass Eduard aus eigensinniger Laune auf eine Verbindung mit der einst geliebten Charlotte besteht, dass diese, ganz gegen ihre bessere Ueberzeugung, aus Eitelkeit nachgibt, das ist das erste Verbrechen, das begangen wird. Wenn dann die verständige Charlotte den Hauptmann, Eduard die himmlische Ottilie liebt, so folgen sie nur dem Gesetz der Natur, die Ungleiches trennen, Zusammengehörendes verbinden will. Das fühlen Alle und hier tritt der Fall ein, in dem die Trennung einer Ehe, wie ich es nannte, zu einer hohen sittlichen That wird. Aber solche Taten fordern Muth, fordern ein großes, sittliches Bewusstsein. Dies hat in dem Roman keiner von Allen, die es haben müssten. Von Ottilie ist es nicht zu verlangen; Charlotte hat die Einsicht, aber ängstliche Scheu vor dem Tadel der Welt, vor großem Aufsehen hält sie zurück. Der Hauptmann schweigt aus falschem Stolz, Eduard gibt nach aus kleinlicher Schwäche. Das sind die Verbrechen, die Sünden, welche begangen werden in dem Roman, und das ist es, was alle Betheiligten in die Hände der vergeltenden Nemesis liefert, die hier, wie in der antiken Tragödie, furchtbar waltet.
Ich stimme Dir ganz bei, sagte der Präsident, und habe selbst oft gestrebt, Therese für diese Ansicht zu gewinnen. Ich wüsste kaum eine andere Dichtung, in der diese Idee so rein und vollendet ausgesprochen wäre.
Denken Sie nur, rief Alfred, der sich um so mehr von dem Gegenstand hinreißen ließ, als er sein innerstes Seelenleben so nahe berührte, denken Sie nur, meine Freundin; Ottilie, der sanfte, hingebende Engel selbst, muss das Werkzeug werden zum Tode des Kindes, das aus der verbrecherischen Umarmung der Gatten entsprang. Sie stirbt verzweifelnd, Eduard folgt ihr nach. Charlotte steht einsam zwischen den Gräbern aller Derer, die sie einst liebte, durch diese Gräber für immer von dem Hauptmann getrennt. Ihr wird das schwerste Loos, zur Strafe, weil sie es gewesen ist, welche den Fluch bannen konnte und aus selbstischen Rücksichten das Zauberwort verschwieg.
Ich muss Ihnen in gewissem Sinne beistimmen, sagte Therese, und doch kann ich des Widerwillens gegen diesen Roman nicht Herr werden. Schon auf den ersten Seiten, schon bei dem ersten Schritt in diesen Zauberkreis fühlt man den Atem der Dämonen wehen, die hier walten. Man möchte fliehen, sich losreißen, weil man die Nähe eines furchtbaren Geschickes, die Nähe schwerer Schuld empfindet; aber man ist gebannt durch das allmächtige Wort des Dichters, der uns zu Mitschuldigen macht, weil wir selbst zuletzt Recht und Unrecht kaum noch von einander zu scheiden vermögen. Alle Personen des Romans, Ottilie ausgenommen, sehen die Leidenschaften und die Drangsale hereinbrechen und Jeder überlässt sich in weicher Schwäche der unerlaubten Neigung. Darum nenne ich das Buch unsittlich, darum flößt es mir, ungeachtet all Eurer Erkärungen, ein heimliches Grauen ein, und doppeltes Grauen, weil ich den Sündern nicht zürnen kann, weil ich mich zuletzt, wie sie selbst, willenlos an die Gewalt ihrer Leidenschaft hingebe.
Es ist die Wahrheit des Romans und Goethe's vollendete Kunst in der Technik, die das Werk zu einem Meisterstücke machen. Es beweist für die tiefe Einsicht Goethe's in das Menschenherz, bemerkte der Präsident, dass wir in seinen Romanen niemals den ganz unnatürlichen Engels- oder Teufelsfiguren begegnen, die uns so häufig geboten werden. Wenn dichtende Frauen uns Engelsgestalten vorführen, die unter dem Mantel ewiger Entsagung, nicht Fleisch, nicht Blut, sondern nur einen zarten Teint und eine frische Toilette haben; wenn ihnen jeder Mensch mit heißem Blut und daraus entspringenden Fehlern gleich wie ein Dämon vorkommt, so liegt das in einer an sich sehr schönen Eigenschaft des weiblichen Gemüts, aber mehr noch an gänzlicher Unkenntniß des Menschen und des Lebens. Diese würde ich den Frauen zur Ehre rechnen, falls sie nur nicht schreiben wollten. Dass aber auch Männer uns mit Engeln und Teufeln behelligen, die immer ganz uninteressant sind, weil ihnen die Wahrheit fehlt, das hat mich oft überrascht.
Darin liegt nichts Auffallendes, meinte Alfred; es ist nur ein Zeichen, dass sich auch in der Literatur, wie in allen Künsten, jetzt viel Stümperhaftes findet. Ein schlechter Maler, unfähig selbständig zu schaffen, und eben so unfähig, Das, was er wirklich gesehen hat, treu und schön wiederzugeben, wird aus jedem Portrait eine Caricatur machen, indem er Schönes sowohl als Unschönes übertreibt. Das begegnet in unsern Dichtungen ebenfalls täglich. Das Schlimmste aber scheint mir, wenn das fehlende Interesse an den Gestalten durch die Sonderbarkeit der Begebenheit ersetzt werden soll. Die fabelhaftesten Ereignisse werden aneinander gereiht, mit unnatürlichen Verbrechen, mit Verwirrungen, die ein Wort lösen könnte, stürmt man auf uns ein. Man hetzt uns, da das Reisen Gebrauch ist, durch alle Weltheile, wir müssen mit dem Helden unter den Cedern des Libanon jauchzen, auf Sibiriens Schneefeldern seufzen und haben wir das Alles überwunden, sind wir endlich an das Ziel gelangt, so sind wir nur zu oft herzlich müde und ohne alle innere Anregung, ohne geistige Befriedigung geblieben. Man hat uns ein Märchen erzählt und wir haben die Zeit verloren. Dass Goethe uns in schlichtester Umgebung, in ganz gewöhnlichen Ereignissen das Menschenherz mit seinen Leidenschaften darzulegen weiß, dass er im Gefühl, Wahrheit sei Schönheit und Schönheit bedürfe der Zierrathen nicht, stets ebenso einfach als edel bleibt, das macht seine Dichtungen für alle Zeiten zu einem Vorbilde, das macht ihn zu einem classischen Dichter.
Alfred schwieg nachsinnend, denn obgleich er mit Teilnahme über die Schönheit der Wahlverwandtschaften gesprochen hatte, so war es doch vornehmlich die Tendenz des Buches, die ihn in diesem Augenblick beschäftigte. Er war leidenschaftlich bewegt, seine Freunde fühlten mit ihm und, nachdem man ihm Zeit zu innerer Beruhigung gegönnt, lenkte man die Unterhaltung andern Gegenständen zu und der Abend ging in erheiternden Gesprächen schnell vorüber.
Am folgenden Tage langte, wie man es erwartet hatte, Teophil an und fand sich bald heimisch in dem Hause und der Gesellschaft seiner Gastfreunde. Er war ein hübscher, blonder Mann mit fast weiblichen Zügen und einem gut durchgebildeten, stillen Wesen, das auf Therese einen wohlthuenden Eindruck machte, weil sie edle Formen im Betragen besonders hochschätzte. Man ließ dem jungen Manne Zeit, sich in die neue Häuslichkeit und die fremde Umgebung zu finden, man wollte ihn nicht gewaltsam sich selbst und seiner gewohnten Weise entreißen und erst, nachdem er selbst den Wunsch ausgesprochen, führte der Präsident ihn in das Collegium ein.
Theophil ging mit redlichem Eifer, ja mit einer gewissen Freudigkeit an das Geschäft. Julian's feurige Tätigkeit schien ihn zu beleben und, wenngleich körperlich ermüdet, kam er doch gewöhnlich mit ziemlicher Heiterkeit aus den Sitzungen des Collegiums und von seinen Arbeiten zu Therese zurück, der er bald ein angenehmer Gesellschafter wurde. Er war sehr viel gereist, hatte Menschen und Gegenstände mit Verstand betrachtet, mancherlei Kenntnisse sich zu eigen gemacht und, wenn man ihn auch in keiner Beziehung als besonders bedeutend ansprechen konnte, so musste man ihn doch für einen liebenswürdigen jungen Mann erklären, der das Talent, angenehm zu plaudern, in hohem Maße besaß. Dabei entwickelte er in näherem Umgange eine solche Geradheit der Gesinnung, eine so große, fast kindliche Gutmüthigkeit, dass man ihm ein herzliches Wohlwollen nicht versagen konnte und Nachsicht mit seinen Schwächen gewann, die namentlich Therese nur seiner Kränklichkeit zuschreiben wollte.
Eva, neugierig und lebhaft, wie die Stammmutter im Paradiese, war gleich nach Theophil's Ankunft den Gast ihrer Freunde, wie sie es nannte, besehen gekommen und hatte es nicht verschmäht, ihre fröhlichste Laune, ihre tollsten Einfälle zur Erheiterung desselben mitzubringen. Die laute Fröhlichkeit der jungen Wittwe schien ihn aber mehr zu peinigen, als zu erfreuen, während der Präsident sich davon zu gleicher Heiterkeit hinreißen ließ und auch Alfred, der gegenwärtig war, sich dem belebenden Einflusse der Schalkhaften nicht entzog. Das hatte einen gar fröhlichen Abend gegeben, und je kürzer die Tage wurden, je mehr das schnell wechselnde Wetter den herannahenden Herbst verkündete, um so mehr gewöhnten die Männer sich, die letzten Stunden des Tages bei Therese zuzubringen, wo sich denn auch Eva, sicher, die Freunde zu finden, noch häufiger als sonst einstellte.
Hier im traulichen Kreise ward es Theresen sehr wohl. Sie liebte die großen Gesellschaften nicht, ihre ganze Natur hatte etwas in sich Gekehrtes und es war ihr gradezu peinlich, sich über Gegenstände, an denen sie einen wahren Anteil nahm, mit fremden Personen zu unterhalten. Deshalb galt sie bei Leuten, die sie nicht kannten, bald für kalt, bald für stolz oder gar für unbedeutend, während Diejenigen, die ihr nahe standen, an ihr die seltensten Eigenschaften des Herzens und des Geistes verehrten. Von der Mutter zur tüchtigen Haushälterin gebildet, durch Julian's Bequemlichkeitsliebe an höchste Sorgfalt für häusliches Wohlsein gewöhnt, war sie das Ideal einer sorgsamen und angenehmen Wirthin geworden. Man empfand in ihrem Hause, in ihrer Nähe ein körperliches Behagen, das sich ganz unmerkbar dem Geiste mittheilte, so dass Jeder sich nicht nur frei und ungehindert, sondern durch die Liebenswürdigkeit der Geschwister selbst geistig gehoben bei ihnen fühlte.
Auch Julian fand die neue Lebensweise in seinem Hause sehr angenehm, und während er sonst an jedem Abend, wäre es auch nur für eine Stunde gewesen, zu Sophie zu gehen pflegte und das französische Theater nie zu besuchen versäumte, so oft diese auftrat, unterließ er jetzt bald das Eine, bald das Andere, sich bei sich selbst und bei der klagenden Geliebten mit Rücksichten für seine Gäste oder mit andern Gründen entschuldigend. Therese sah das mit großer Freude. Ihr war des Bruders Verhältnis zu Sophien immer ein Gegenstand des Kummers und manch schmerzlicher Berührung gewesen, und sie hatte nie aufgehört, eine Lösung dieser Verbindung zu wünschen. Aus Widerwillen gegen Sophie hatte sie das französische Theater selten besucht, Julian sie niemals dazu zu überreden gestrebt. Er war stets allein hingegangen, so sehr er bei allen anderen Anlässen die Begleitung seiner Schwester geliebt, und hatte seinen Platz zunächst der Bühne gehabt, um ganz in Sophien's Nähe zu sein.
Deshalb überraschte es Therese, dass Julian an einem Abend den versammelten Freunden den Vorschlag machte, ob man nicht für das Benefiz eines beliebten französischen Schauspielers am nächsten Tage eine Loge bestellen und gemeinschaftlich das Theater besuchen wolle? Alle waren damit einverstanden und um die bestimmte Zeit fanden sie sich in der Loge zusammen.
Man gab ein neues Schauspiel, in welchem auch Sophie eine Hauptrolle zu spielen hatte. Sie trat mit gewohnter Sicherheit und Anmuth auf, und Alfred, der sie noch nicht gesehen, war von dem edeln Ausdruck ihres Profils, wie von ihrer ganzen Erscheinung lebhaft angezogen. Sie stellte eine Frau dar, die von ihrem Gatten verrathen, von ihm aus blinder Eifersucht der Untreue angeklagt wird, während sie ihn leidenschaftlich liebt und in stiller Demuth die ungerechten Vorwürfe, die bittern Kränkungen erträgt, nur bemüht, dem Auge der Welt das unwürdige Betragen ihres Mannes zu verbergen, um ihn und seine Ehre nicht dem Tadel der Fremden preiszugeben.
Sophien's erster Blick suchte den Präsidenten auf dem gewohnten Platze. Sie hatte ihn mehrere Tage nicht gesehen, ihn schriftlich gebeten, mindestens im Theater zu erscheinen, und er hatte es ihr zugesagt. Nun sie ihn vermisste, schien sie unruhig zu werden, und Julian, der jede ihrer Bewegungen kannte, dem kein Ton ihrer Stimme fremd war, konnte bemerken, dass sie ihrer Aufregung kaum Herr zu bleiben vermochte, als sie ihn mit Therese und Eva in der Loge erblickte. Sie kannte Eva dem Namen nach; das Gerücht einer möglichen Verbindung zwischen dieser und dem Präsidenten hatte ihr Ohr erreicht und war ihr ein Anlass zu lebhafter Eifersucht geworden. In diesem Augenblick hielt sie ihr Schicksal für entschieden und, so sagte sie sich, der Treulose hatte nicht einmal die Rücksicht für sie, ihrer glücklichen Nebenbuhlerin den Anblick der Verzweiflung zu entziehen, die ihre Brust zerriss und die, das fühlte sie, aus jedem Worte widerklingen musste, das sie aussprach. Sie war dem Erliegen nahe. Aber sie raffte sich empor und mit der edelsten Haltung spielte sie ihre Rolle weiter, die in vielen Scenen eine verhältnißmäßige Aehnlichkeit mit ihrer eignen Lage darbot.
Als sie dem ungetreuen Gatten Vorwürfe machte, als sie von ihrer glühenden Liebe sprach, von der Unmöglichkeit, für einen Andern zu leben, und ihr flammendes Auge dabei zu Julian emporblickte, verließ dieser die Loge. Therese ward tief erschüttert. Sie weinte, fast kein weibliches Auge im Theater war ohne Thränen und das ganze Publikum überhäufte die beliebte Künstlerin mit einem Beifallssturm, wie ihn nur die wirkliche Bewunderung hervorzurufen vermag. Alfred war ganz entzückt von der Darstellung. Theophil lehnte sinnend in der Logenecke und schien Eva's Plaudern gar nicht zu bemerken, die während der rührendsten Scenen ihn bald dies, bald jenes gefragt hatte und fröhlich lachend auf die Bühne hinabsah, während Sophien's Klagen rührend die Seelen der Hörer durchzitterten. Wie ein Dolchstoß zuckte dies Lachen durch Sophien's Brust, sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen, spielte, immer leiser sprechend, weiter, sank dann ohnmächtig ihrem Mitspielenden in die Arme und die Vorstellung musste beendet werden.
Zeichen der allgemeinsten Teilnahme, des wirklichen Bedauerns wurden laut. Nie war der gefeierten Künstlerin ein ähnlicher Anfall zugestoßen. Man blieb noch in den Logen, man wollte Nachricht von ihrem Ergehen haben, die Ursache des Zufalls wissen. Therese, der ihr weibliches Gefühl die Lösung des Räthsels leicht machte, war sichtlich bewegt und wendete sich von Eva ab, die, noch immer lachend, sagte: Wenn ihr eine Vorstellung hättet, wie komisch all das Tragiren erscheint, wenn man, wie ich, nicht ein Wort Französisch versteht, ihr würdet lachen wie ich. Ich bin heute zum ersten Mal in einer französischen Vorstellung und es ist ein wahres Glück, dass der Präsident uns grade in ein Trauerspiel geführt hat, denn wäre es noch obenein ein Lustspiel gewesen, ich hätte vor Lachen sterben müssen.
Lache nur jetzt nicht, bat Therese verdrießlich, wo das ganze Publikum in so entgegengesetzter Stimmung ist, Du machst Dich dadurch unangenehm auffällig.
Man hatte einen Augenblick auf Julian gewartet, als man das Theater verlassen wollte. Da er nicht kam, nahm Therese Alfred's Arm, Theophil führte Eva und man stieg die Treppen hinab.
Die Harcourt ist in der That die größte Künstlerin in ihrem Fache, die ich jemals gesehen habe, sagte Alfred, und sie muss überhaupt eine sehr geistreiche Frau sein. Ich habe Lust bekommen, sie persönlich kennen zu lernen. Welche Wahrheit in der Darstellung der Leidenschaft! so spielt man nur, was man vollkommen versteht. Nur etwas mehr Stolz hätte ich ihr gewünscht, den ungerechten Anschuldigungen gegenüber, die der Gemahl auf sie häuft.
Therese, im Innern lebhaft mit Sophien und den Ereignissen der letzten Augenblicke beschäftigt, ging schweigend neben Reichenbach her, seine Worte bedenkend. Plötzlich sagte sie nach langer Pause: Das grade ist das Wahrste in Sophien's Spiel gewesen! sie muss die Liebe bis zu ihrem Höhepunkte kennen. Ihr Männer urtheilt, wie ihr es versteht, ihr sprecht von Stolz in der Liebe. Mein Gott! Stolz in der Liebe! – wiederholte sie leise.
Und zweifeln Sie, dass es den gäbe? fragte Alfred. Zweifeln Sie, dass es einen Grad der Kränkung gibt, dem gegenüber es Pflicht wird und Notwendigkeit, sich mit dem Gefühl der eigenen Würde zu waffnen, um sich nicht untergehen zu lassen?
Ich weiß es nicht, entgegnete Therese, ich aber würde gewiss die Kraft dazu nicht in mir finden, selbst wenn ich sie suchen wollte. Stolz setzt doch immer Eigenliebe voraus und wahre weibliche Liebe ist ganz Hingebung, ganz Demuth. Wie kann man Stolz empfinden, wo man in opferfreudiger Liebe sich einem Anderen zu eigen macht? Dass die Harcourt allen Kränkungen gegenüber kein anderes Gefühl darstellt, als den tiefen Kummer, nicht geliebt zu werden, die tiefe Betrübniß, nicht von ihrer Liebe überzeugen, nicht durch sie beglücken zu können, das ist ja eben so groß und so wahr in ihr.
Sie werden wenig Frauen finden, die diese Ansicht mit Ihnen theilen, meinte Alfred, so unwiderstehlich diejenigen auch sein würden, die danach handelten.
Weil wenig Frauen groß genug sind, sagte Therese mit schöner Erhebung, jene wahre Liebe zu fassen, mit der die Frauen des alten Testamentes sprachen: »Herr! ich bin Deine Magd.« – Wie viel Frauen kennen denn das Glück, in einer großen Liebe aufzugehen, sich ihr ganz ausschließlich hinzugeben und nichts zu wollen, als nur sie?
Therese! rief Alfred im Tone reinster Freude, theure Therese, jetzt endlich finde ich Sie wieder; das ist das warme, das schöne Herz, das ich früher kannte, in das ich blicken durfte, als wir Beide noch gar so wenig vom Leben wussten. Auch ich, Therese, glaube noch an die großen Ideale unserer Jugend, aber haben Sie, außer der Ihren, viele Seelen gefunden, die dieser unselbstischen Liebe fähig gewesen sind?
Nein, nur wenige! antwortete Therese, doch das war nicht Schuld der weiblichen Natur, denn dieser wohnt der Trieb inne, aufzugehen in der Liebe zu dem Manne ihrer Wahl. Es ist die Schuld der weiblichen Erziehung und unserer mißgestalteten Verhältnisse. Nicht die Liebe ist es, was die Meisten verlangen, es ist die einträgliche Stelle einer Hausfrau, das gesicherte Dasein einer solchen. Sie heirathen, um den Tand zu besitzen, den Flitter, an dem ihr Herz hängt, der sie beglückt; sie wollen glücklich sein, nicht glücklich machen. Jene Liebe, welche die Harcourt uns zeigte, die einzig wahre, die will nichts für sich, als lieben und leben dürfen für den Geliebten!
Nicht auch dem Geliebten ganz zu eigen sein, ihn ganz ihr Eigen nennen? fragte Alfred. Glauben Sie, dass es eine wahre Liebe gibt, die nicht nach gänzlicher Vereinigung strebt? Ich halte das für ihr Kennzeichen. Schelten Sie mich engherzig, eigensüchtig – ich muss es ertragen. Ich hasse alle Entsagungstheorien. Ich will besitzen, was ich liebe, es soll mein sein und müsste ich es der Welt abtrotzen. Ja! ich hasse sie tief, all die blasse verzichtende Entsagung, denn wir sind sicher zum Glück, nicht zum Entbehren auf der Welt.
Der Muth zum Kampfe und die Lust daran mögen in der Natur des Mannes liegen, ich besitze sie Beide nicht, entgegnete Therese. Der bloße Gedanke an große Zerwürfnisse ängstigt mich, ich habe Furcht vor dem Urteile der Menge; ich wäre untröstlich, müsste ich je einen Schritt tun, der die Augen fremder Leute auf mich zöge; und ich begreife nicht, wie eine Frau es überwindet, mit der Oeffentlichkeit in Berührung zu treten.
Und doch haben Sie eben die Harcourt bewundert! Glauben Sie nicht, dass diese einen Beruf erfüllt? Sagten Sie nicht eben, dass Sie sie einer großen, wahren Liebe fähig hielten, einer Liebe, die jeder weiblichen Natur den höchsten Adelsbrief ertheilt?
Da Therese schwieg, nahm Alfred nach einer Weile das Wort und sagte: Warum verbergen Sie Ihr besseres Gefühl, warum wollen Sie, die eben in so großer Seelenschönheit vor mir standen, klein sein und von Vorurtheilen befangen? Ich weiß, was Sie gegen die Harcourt einnimmt – aber gewiss, Therese, Sie haben Unrecht.
Das kann wohl sein, antwortete sie ihm, aber ich liebe die Frauen nicht, welche den Muth haben, sich über Vorurtheile wegzusetzen; denn dieser Muth ist in meinen Augen eine Feigheit.
Theresen's Arm zitterte in dem seinen und mit bebender Stimme sagte sie: Begreifen kann ich es, dass eine Frau aus Liebe so feig wird, nicht entsagen zu können, sich selbst untreu zu werden – vergeben kann ich es nie.
So beten Sie, dass nie die Stunde der Versuchung für Sie komme! rief Alfred ernst, als sie Theresen's Wohnung erreicht hatten und er sich empfahl, während Theophil und Eva mit ihr in das Haus gingen, um den Abend bei ihr zuzubringen.
Ich komme, Dich zu fragen, sagte an einem der nächsten Tage Herr von Reichenbach zu dem Präsidenten, ob Du das Testament geprüft hast und was Du davon hältst?
Der Präsident zog bedenklich die Schultern in die Höhe und meinte: die Sachen stehen für Dich nicht eben günstig. Ich halte es nicht für unmöglich, dass der Clerus in Deiner Ehescheidung, und namentlich, wenn Du daran denken solltest, Dich anderweit zu verheirathen, diese Handlung als ein Zeichen Deines Austrittes aus dem Kirchenbunde ansehen könnte, da ihm thörichter Weise von dem Erblasser eine Art geistlicher Aufsicht über die Besitzer des Nachlasses eingeräumt ist. Indeß fehlen noch die beiden Codicille, von denen Du mir gesagt hast und ohne die ich Dir darüber und wegen der Nachfolge Deines Sohnes keine bestimmte Auskunft geben kann.
Alfred bedauerte diese Papiere nicht zur Hand zu haben, sie waren in seinem Schreibtisch geblieben und er konnte sie nicht gut von einem Andern hervorsuchen und sich nachsenden lassen. Der Präsident rieth ihm selbst davon ab und fügte hinzu: Ueberhaupt würde ich zunächst an Deiner Stelle die Sache nicht auf die Spitze stellen. Was gewinnst Du bei dem Scheidungsprozesse?
Welche Frage! rief Alfred, ich lebe in der unglücklichsten Ehe, ich will mich trennen und Du fragst, was ich dadurch gewinne? – Ich gewinne meine Freiheit wieder.
Und fehlt Dir die jetzt? fragte der Präsident. Bist Du nicht frei in diesem Augenblick? Wärst Du ein armer Bürger, der sein kümmerliches Geschäft betreibt und eine Schaar kleiner Kinder hat, die einer Mutter bedürfen, wenn die rechte Mutter nichts taugt, so begriffe ich Deinen Wunsch, von der einen Frau geschieden zu werden, wenn Du eine andere nehmen wolltest. Für Dich aber ist es ein unkluger Schritt. Du liebst Deine Frau nicht, aber Du liebst vorläufig doch noch keine Andere. Gut! so lebe Du hier und mag sie dort nach ihrer Neigung schalten. Der Plan, Dich von Deiner Frau durch den hiesigen Aufenthalt zu trennen, war vernünftig; er machte Dich von den unangenehmen Berührungen völlig frei und gab kein unnöthiges Gespräch und Aufsehen. Der Vorsatz, Dich gerichtlich scheiden zu lassen, ist unpraktisch; er macht Dich nicht freier und wird großes Gerede geben, da auf Dich, den beliebten Autor, die Augen der Menge gerichtet sind. Zur Scheidung ist es noch Zeit, wenn Du einmal eine neue Ehe eingehen wolltest, bis dahin warte damit. Was soll überhaupt die unnütze Eile?
Alfred saß nachdenkend da. Es lag viel Wahrheit in den Behauptungen des Präsidenten und dennoch war Etwas darin, das ihm widerwärtig und abstoßend erschien. Was ihn leidenschaftlich bewegte, was ihm zu einer Lebensfrage geworden war, von Andern kalt beurtheilt, es zum Gegenstande einer ruhigen Erwägung und Berechnung gemacht zu sehen, hatte etwas Schmerzliches und Verletzendes für ihn. Zudem verlangte sein Gemüt nach Schönheit, nach vollständigem Genügen, und in der Halbheit, die der Präsident ihm vorschlug, fanden auch diese Ansprüche sich nicht befriedigt.
Mir sind gewaltsame Schritte allerdings auch sehr zuwider, sagte Alfred nach einer Pause, weil sie mein Gefühl beleidigen; das, was Du Aufsehen nennst, ist mir aber sehr gleichgültig. Ich bin es gewohnt, dem Publikum gegenüber zu stehen mit meinem Dichten und Wirken; ich scheue es nicht, ihm auch meine eigensten Verhältnisse darzulegen; denn ich thue Nichts, was ich nicht vertreten kann, nichts als Das, was ich für mein heiligstes Recht, für meine Pflicht erachte.
Wer spricht denn davon, dass Du ein Unrecht zu verheimlichen hättest? entgegnete der Präsident. Aber denke Dir nur die Bemerkungen der Fremden, das Herumschleppen vor den Gerichten und was daran Widerwärtiges noch hängt, und ich glaube Du stimmst mir bei.
Ganz und gar nicht! nur bei kinderlosen Ehen genügt die gegenseitige Einwilligung zu einer Trennung und Du bist ja der Zustimmung Deiner Frau noch keineswegs sicher. Folge mir, Alfred! lass die Angelegenheit noch eine Weile schweben. Wer weiß, wie sich Carolinen's Ansicht, wie Deine eigene Meinung sich noch ändert. Das Aeußerste zu tun, bleibt Dir ja immer Zeit.
Das vermag ich nicht, ich kann meiner Frau, so lange sie noch meine Frau ist, solch eine Beleidigung nicht anthun! erklärte Alfred sehr bestimmt, am Wenigsten, da Felix jetzt noch bei ihr ist.
So hole ihn her, sagte der Präsident. Du hast mir, denke ich, schon vor einiger Zeit gesagt, dass Du einen Lehrer für ihn gefunden und Alles für seinen hiesigen Aufenthalt vorbereitet hättest.
Ach, mein Freund! rief Alfred schmerzlich, wenn Du Dir vorstellen könntest, wie all diese Verhältnisse mir das Herz zerreißen, wie sehr ich unter ihnen leide, Du würdest mich weniger schwach schelten, als ich Dir offenbar erscheine. Felix durch einen Fremden von der Mutter abholen zu lassen, scheint mir eine entsetzliche Härte; und ich selbst? – Ich kämpfe seit vielen Tagen mit dem Gedanken, wie ich es anfange, mir den Sohn herzuschaffen, ohne dass seine Mutter es zu schwer empfindet. Ich will selbst nach dem Schlosse gehen, aber mir bangt vor dem Wiedersehen und vor der Trennung.
Morgen? wiederholte Alfred, nein! morgen nicht, ich würde dann gerade am achtundzwanzigsten, an Carolinen's Namenstage eintreffen – das ist unmöglich. Er seufzte und sagte: Aber ich werde bald tun, was getan sein muss. Ich werde zu ihr reisen, werde Felix mitbringen und mir ihre Zustimmung zu unserer Scheidung zu verschaffen suchen. Ich muss der Sache ein Ende machen, dieses beständige Schwanken ertrage ich nicht.
Thue, was Du nicht ändern kannst, meinte der Präsident, und im Grunde kann ich Dich so hart nicht tadeln, denn auch ich habe heute einen entscheidenden Schritt getan, um mich aus peinlichen Verhältnissen zu erlösen. Ich habe mit der Harcourt gebrochen.
Gerade deshalb, sagte Julian. Ist ihr Betragen denn nicht höchst verletzend für mich gewesen? Wie eine Rasende spielt sie Komödie in der Komödie, macht mich zum Zielpunkt für alle Blicke, und weshalb? – Weil irgend ein närrischer Mensch ihr vorgeschwatzt, ich wolle Eva heirathen. Ich sah den Sturm heranziehen, ich verließ die Loge, um sie in ihrer Garderobe aufzusuchen; kaum aber bin ich dort, so bringt man sie ohnmächtig herein, die andern Schauspielerinnen stürzen hilfeleistend nach, und sie erwacht mit meinem Namen auf den Lippen. Nun geht die interessante Neuigkeit von der Bühne in's Parterre, von dem Parterre durch die ganze Stadt und ich bin heute, Dank Eva's Kinderei und Sophien's Wahnsinn, das Gespräch der Kaffeehäuser.
Er ging verdrießlich im Zimmer umher. Und ist sie Dir denn gar nichts mehr? fragte Alfred. Ich bin überzeugt, dass sie Dich leidenschaftlich liebt; gilt Dir das nichts?
Wie kann mich freuen, was mich quält? Du sprichst von Liebe, als ob wir junge Männer wären, als ob ich Theophil von seiner ungetreuen Schönheit sprechen hörte. Die Zeiten sind für mich vorbei. Wer hat denn jetzt noch Muße zu einer sogenannten großen Liebe? Sophie und ich, wir haben uns nicht verstanden, sie fordert mehr, als eine Frau verlangen dürfte! Ich werde sie nicht wiedersehen.
Das trifft sich sehr glücklich, sagte der Präsident, denn ich wollte Dich bitten, zu ihr zu gehen. Ich verlange es sogar als einen Freundesdienst von Dir. Stelle ihr vor, wie die Sachen stehen. Sieh zu, dass Du sie von Uebereilungen, von Thorheiten abhältst. In Stunden der Aufregung pflegte sie das Unerhörteste zu lieben, das Ungewöhnlichste zu tun. Beruhige sie und rathe ihr sich verständig in das Unabänderliche zu fügen. Solche Frauen bedenken nicht, wie sehr wir den Anstand zu schonen haben, wie die Augen der Vorgesetzten und der Untergebenen auf uns ruhen, wie die ganze Journalistenmenge nur darauf wartet, einem hochgestellten Beamten etwas anhaben zu können! Sophie hat mir schon die unangenehmsten Verwickelungen zugezogen und –
Julian's Antlitz erheiterte sich sogleich, er ging der jungen Frau entgegen, küsste ihr die Hand und führte sie zum Sopha. Was schafft mir das ganz unerwartete Glück, theure Cousine! Sie in meinem Zimmer zu sehen? fragte er galant.
Man sagte mir, dass Sie um diese Zeit Audienz ertheilen und ich komme, Sie in einer wichtigen Angelegenheit zu Rathe zu ziehen. Hier Ihr Herr Assessor hat mich schwer verletzt und beleidigt, und Sie, Herr Präsident! sollen mir Recht verschaffen und eine glänzende Genugthuung; ich werde Sie königlich dafür belohnen.
Ich bestreite aber dem Präsidenten, als Ihrem Verwandten, gnädige Frau, das Recht, Richter in unserer Angelegenheit zu sein. Er ist nicht unparteiisch, wendete der Assessor scherzend ein.
Wo fänden Sie denn einen Richter, lieber Theophil! sagte der Präsident, der nicht augenblicklich für Ihre schöne Gegnerin Partei nähme, sobald sie in Person die Klage anbringt? – Das ist ein Nachteil des öffentlichen Verfahrens, welches jetzt so heiß begehrt wird. Aber fürchten Sie nichts. Klägerin hat mich selbst oft so schwer gekränkt, dass die dadurch bewirkte Animosität ein Gleichgewicht gegen meine sonstige Vorliebe bilden wird. Rechnen Sie Beide auf volle Unparteilichkeit und, Frau von Barnfeld! beginnen Sie Ihre Klage, ich bin ganz Ohr!
Nicht? fragte Eva – und woher, als von Ihnen, wüsste ich denn in diesem Augenblick, dass Mendelsohn einen Phaedon – oder wie das Ding sonst heißt, geschrieben hat? Woher wüsste ich, dass Spinoza der Urheber des – Julian, heißt's Pantheismus? fragte sie sich unterbrechend.
Der Präsident nickte bejahend und sie fuhr fort: dass der Spinoza also den Pantheismus erfunden hat? Glauben Sie, irgend ein anderer Mann wird einer lebenden Frau von so todten Dingen vorsprechen, wie Unsterblichkeit und Seelen? Wer es gehört, hätte glauben müssen, der Pastor sei da und Therese oder ich lägen schon im Sterben.
Die Männer lachten, und Eva fuhr dadurch ermuthigt, fort: Als ich es gar nicht mehr aushalten konnte und, um nur ein vernünftiges Wort zu hören, Therese fragte, wo sie ihren Winterhut kaufen werde, hat mir der Herr Theophil ein wüthendes Gesicht gemacht und dann mit Beharrlichkeit geschwiegen.
Mindestens keine Verbalinjurie! meinte der Präsident. Man würde es höchstens als eine Unterlassungssünde bezeichnen können und die gehört nicht vor mein Forum. Aber was haben Sie weiter vorzubringen?
Das ist allerdings Ihnen gegenüber ein wirkliches Verbrechen, sagte der Präsident; wie kann man denn etwas Anderes empfinden, als heftiges Herzklopfen, wenn man Sie sieht?
Sie sind liebenswürdig! rief Eva freudig, ich ahne es, Sie schaffen mir Genugthuung. Nun hören Sie, nun kommt die Hauptsache. Als er sich hartnäckig geweigert, mit mir zu spielen, habe ich mich beschieden, mich ganz still an das Clavier gesetzt und Galoppaden gespielt – ganz leise, weil er Kopfschmerz hatte, so gut war ich. Kaum aber habe ich einige Takte versucht, so sprechen sie wieder von Unsterblichkeit. Ich bitte sie, stille zu sein, mir zuzuhören, da steht er hastig auf und will hinaus. Ich springe ihm nach: Halt! mein Herr! habe ich Ihre langweilige Unsterblichkeit ausgehalten, so halten Sie meine Galoppaden aus! sagte ich. Ist das nicht recht und billig, Herr von Reichenbach, ich frage Sie?
Und nun hören Sie, was er antwortet. Ich schäme mich, es zu wiederholen. Er sieht mich an, lacht und spricht: Ich muss sterben, wenn ich noch länger all die falschen Accorde hören soll, schöne Frau! und Sie wollen ja nicht einmal, dass ich mich während des martervollen Todes mit dem Gedanken an die Unsterblichkeit tröste.
Ich muss in allen Punkten mein Unrecht eingestehen, antwortete Theophil, ich fühle mein Verbrechen und wollte gar nicht erscheinen, sondern mich in contumaciam verurtheilen lassen, aber meine Gegnerin bestand darauf, dass ich mit ihr gehen und in Person mein Urteil holen sollte.
So wäre denn keine weitere Vernehmung, kein Zeugenverhör nötig, erklärte der Präsident, die Acten sind geschlossen, das Urteil kann gefällt werden, und ich erkenne, dass unser Freund sich gegen einen Höherstehenden einer groben Injurie schuldig gemacht hat, denn Frau von Barnfeld ist ein Engel und der Assessor wie wir Andern Alle nur ein armer sterblicher Mensch. Deshalb mag er Frau von Barnfeld demüthig um Verzeihung bitten, sich als den ärgsten Sünder bekennen und entweder sich für ihren Gefangenen auf Lebenszeit erklären oder die Gefängnißstrafe auf recht galante Weise abzubüßen suchen. Zugleich verurtheilen wir ihn aber nur in die Hälfte der Prozeßkosten, da er während des Streites die Klägerin »schöne Frau« genannt, was sein Unrecht mindert und von der Klägerin mit Uebernahme der halben Kosten anerkannt werden muss, und das von Rechts wegen.
Theophil kniete auf Eva's Verlangen nieder, bat um Vergebung und durfte ihre kleine Hand zum Zeichen der Versöhnung küssen. Dann sprang sie fröhlich von ihrem Platze auf, reichte dem Präsidenten beide Hände und sagte: Sie sind weise wie der König Salomo, Gott lohne es Ihnen, dass Sie einer armen, schwergekränkten Wittib zu ihrem Rechte verhelfen, dass Sie die verfolgte Unschuld nicht unterdrücken lassen. Ich danke Ihnen dafür und nun kommen Sie zu Therese, die uns erwartet.
So weit sind wir noch nicht, bedeutete der Präsident; Sie haben die Hälfte der Kosten noch nicht bezahlt und sind mir auch noch die königliche Belohnung schuldig, die Sie mir versprochen haben.
Sehen Sie, Herr von Reichenbach, jetzt wird er wieder Cousin! neckte Eva, während eine glühende Röthe ihr Gesicht überzog. Aber daraus wird nichts, Julian! gewiss! daraus wird nichts. Sie sind gar zu anspruchsvoll – sehen Sie mich nicht so lächelnd an.
Er hatte ihre Hand ergriffen, sie machte sich los und lief hinaus. Aber im Abgehen rief sie: Ich fahre in's Theater, leben Sie wohl, Julian? heute sehen wir uns nicht mehr.
So werde ich mir morgen meine Gebühren einfordern kommen, antwortete der Präsident und, gegen die Freunde gewendet, bemerkte er: Dieser ewige Frohsinn ist für mich bezaubernd.
Das begreife ich nicht, meinte Alfred, denn, wie bei dem ersten Begegnen, lässt Eva mich auch jetzt ganz kalt. Ihre unruhige Fröhlichkeit ermüdet mich.
Sie haben Recht, Herr von Reichenbach! rief Theophil, eine Frau, wie diese, könnte ich niemals lieben. Ihr fehlt jene Tiefe des Gemüthes, auf deren Boden allein die Liebe erblüht.
Sind das Thoren! lachte der Präsident, sind das biedere Deutsche! – Aber wer denkt denn an Liebe, wer denkt denn an Ehe? Wie der Schmetterling nur da ist, sich und uns zu erfreuen, so gibt es Frauen, geschaffen, zu spielen und zu entzücken. Auch Champagner stillt den Durst des Verschmachtenden nicht für immer; aber sein perlender Schaum belebt die abgespannten Nerven des Leidenden und zaubert strahlendes Licht in die düstern Nebel, die ihn umlagern. Wisst Ihr denn, ob ich nicht auch einmal solch ein Leidender bin? Könnt Ihr wissen, ob ich nicht der Erheiterung bedarf? Eva, die blonde, tändelnde Eva ist vielleicht der Champagnerschaum, in dem ich mich berausche, und dazu ist sie wie geschaffen.
Als ob von meinem Egoismus die kleine Frau nicht mehr Freude, nicht mehr Genuss hätte, als von Eurer Bedächtigkeit und Tugend! Lernt endlich den weisen Epikur, lernt endlich einmal das Leben verstehen! Ihr sollt genießen und genießen lassen, das ist der Zweck des Daseins! den erfülle ich mit Andacht! sagte der Präsident, als man sich trennte.
Alfred konnte nicht aufhören, an Sophie zu denken, er hatte Mitleid mit ihr, er wünschte zu wissen, wie sie die Trennung von dem Präsidenten ertrage; er wollte dessen Aufträge ausrichten. Er ging also zu ihr und ließ um die Erlaubnis bitten, sie zu sehen.
Sophie nahm seinen Besuch an. Als er bei ihr eintrat, war es hoher Mittag, darum überraschte ihn die Dunkelheit, welche in dem Zimmer herrschte. Alle Vorhänge waren heruntergelassen, die Jalousien fast ganz geschlossen. Sophie hatte in einem Lehnstuhl geruht. Sobald sie Alfred's Schritte hörte, stand sie auf, ging ihm entgegen und sagte: Sie sind ein Freund des Präsidenten von Brand, Herr von Reichenbach, Sie kommen von ihm. Was bringen Sie mir?
Es war nicht allein der Wunsch meines Freundes, entgegnete Alfred, der mich herführte, sondern auch das eigne Verlangen, Sie kennen zu lernen und Ihnen für den Genuss zu danken, den Sie mir neulich durch Ihre Kunst in so hohem Grade gewährt haben.
Wieder Einer, der mir Weihrauchdampf bietet, wo ich verschmachtend nach Lebensluft verlange! Wieder Einer, der sich an fremdem Herzblut erfreut! Lieben Sie den sterbenden Fechter? fragte sie spöttisch –
Ja! sagte Alfred, denn ich sehe in dem Todeskampf desselben, dass die starke Seele das Leid besiegen, dass sie den Tod überwinden, dass sie rein eingehen wird in ein schöneres Dasein.
Sophie sah ihn prüfend an; ihr großes, dunkles Auge ruhte fest auf ihm, dann sagte sie: Den Tod zu überwinden, das ist leicht, aber wie erträgt man das Leben, mit dem Tode im Herzen? – Ich habe viele Tage und Nächte daran gedacht, wie ich leben solle ohne Julian's Liebe, ich habe nach einem Gedanken gesucht, an dem ich mich aufrichten, an den ich mich halten könnte. Ich finde keinen. Man bricht die Blume, um sich an ihrem Dufte zu erfreuen, und man wirft sie von sich, wenn sie uns nicht mehr reizt. Aber ein Herz von sich zu stoßen, das mit all seinen Fasern an ihm hängt, das nur in der Liebe zu ihm lebt, das hätte ich ihm niemals zugetraut.
Sie faltete die Hände zusammen und große Thränen fielen langsam aus ihren Augen, während sich keine Miene ihres Gesichtes verzog. Sie war noch in ihrem großen Schmerze schön, das ist ein Vorzug, den nur wenig Auserwählte haben.
Alfred ehrte ihren Schmerz durch sein Schweigen. Als er sie gefasster sah, sagte er: Gönnen Sie es mir, Sie auf sich selbst zu verweisen. Eine Natur wie die Ihre muss eine Lebenskraft in sich haben, die sie über Schmerzen fortträgt, an welcher gewöhnliche Frauen sich verbluten.
Sie schüttelte zweifelnd das Haupt. Gewöhnliche Frauen? und was bin ich als ein gewöhnliches Weib ohne Julian's verklärende Liebe? Was bin ich ohne ihn? Was bleibt mir, wenn ich ihn verliere?
Ich werde nicht wieder die Bühne betreten, Herr von Reichenbach! sagen Sie das dem Präsidenten, bis er es von mir fordert. Nur wenn er es verlangt, nur wenn es ihn noch erfreute wie einst, würde ich wieder spielen.
Das wird ihn sehr betrüben, bemerkte Alfred, er opfert Sie und seine Liebe mit blutendem Herzen auf; er hofft, Sie vielleicht später ruhiger wiederzufinden – und Sie werden sich ermannen. Ist es nicht –
Sagen Sie nicht, was Sie selbst nicht glauben! rief Sophie, ihn heftig unterbrechend, Julian ist kalt, ihn schmerzt das Opfer nicht. O! wie hatte ich Recht, wie ist das wahr geworden, was ich einstmals sagte! – Sie schien in Erinnerung verloren, dann sprach sie: Wir fuhren über Land, Julian und ich. Da sah ich Farrenkraut neben uns an einem Felsen blühen. Die großen Blätter wuchsen fröhlich aus dem Gestein empor, die ganze reiche Wurzel hing frei in der Luft, nur die zartesten Aederchen verbanden sie mit dem Felsen, aus dem sie Leben zog. Das sind wir, sagte ich damals. Du bist der kalte Stein, ich bin das Farrenkraut; sieh, wie fest es an dem Felsen hängt, wie es sich an den Kalten schmiegt. Er blickte hin und meinte: Weißt Du nicht, dass in dem Steine, der Dir so kalt erscheint, heißes, vulkanisches Feuer glüht? Fühlst Du nicht, dass Du nur durch dies Feuer leben, nur in der Wärme meiner Liebe blühen kannst? – Und wenn der Winter kommt? fragte ich scherzend. – Dann muss Alles welken, was blühte, antwortete Julian, damit Raum werde für neues Leben, das ist Naturgesetz. Er hatte es auch nur scherzend gesprochen, aber doch zerriss es mir die Seele in bangem Vorempfinden. Nun ist's geschehen! Es war schon lange Herbst, ich wollte es nicht bemerken; nun ist der Winter da!
Es lag ein großes Weh in der Milde, mit der sie die letzten Worte sprach. Alfred fühlte sich unfähig, ihr einen Trost zu geben. Er war voll Bewunderung, voll Teilnahme für sie. Er ergriff ihre Hand und sagte: Der Mann, der das Leid der ganzen Menschheit wie sein eigenes empfand, der zu sterben vermochte, um der Menschheit die Freiheit des Gedankens zu erkaufen, Christus sprach das göttliche Wort: Ich habe die Welt überwunden! – Ueberwinden Sie den Schmerz, begraben Sie die Vergangenheit! so viel Liebe darf sich nicht eigensüchtig in sich selbst verzehren. Suchen Sie den Weg, auf dem Sie zu wandeln vermögen; und kann die Sorgfalt eines Sie bewundernden Mannes Sie dorthin führen, Ihnen Stütze sein, so nehmen Sie mein Wort darauf, dass Ihnen meine Freundschaft niemals fehlen soll, wenn Sie sie nicht verschmähen.
Sophie drückte ihm schweigend die Hand. Dann sagte sie nach einer Weile: Sie geben mir viel, mehr als ich Ihnen danken kann in diesem Augenblick, aber ich nehme es an. Noch weiß ich nicht, was mir frommt. Ich muss allein sein, allein mit mir fertig werden, das fühle ich. Verlassen Sie mich. Wenn ich Ihrer bedarf, wenn ich Ihrer würdig bin, fordre ich Sie auf, zu mir zu kommen. Leben Sie wohl, Herr von Reichenbach! – Sie reichte ihm nochmals die Hand und ging ohne weitere Rücksicht auf ihn in das andere Gemach.
Alfred sah ihr lange nach und blieb sinnend eine Weile in ihrem Zimmer sitzen. Er konnte sich nicht erklären, wie Julian gleichgültig werden mochte gegen eine Frau wie diese, wie er Gefallen finden konnte an der leichten Tändelei Eva's nach dem Besitz von so viel Geist und Herz, als sich in Sophie vereinigt fand. Er wollte dem Freunde Vorstellungen machen, er wollte versuchen, ihn wieder mit der einst Geliebten auszusöhnen, aber er kannte das Menschenherz zu gut, er kannte Julian zu gut, um an die Dauer einer solchen Versöhnung zu glauben, und es war und blieb ja auch etwas Mißliches in dem Verhältnis, das bei des Präsidenten Stellung doppelt in das Gewicht fallen musste. Dazu war Julian's Charakter ein sehr eigenthümlicher. Bei einer anscheinend kalten Außenseite, die den Fremden abstieß, besaß er eine große Weichheit des Gefühls und eine Beweglichkeit des Geistes, die ihn jedem neuen und besonders jedem schönen Eindruck leicht zugänglich machten. Alles Große und Wahre ergriff ihn tief und schnell. In solchen Stimmungen war er großer Opfer, war er einer uneigennützigen Großmuth fähig, aber eine anhaltende Begeisterung für denselben Gegenstand, eine dauernde Liebe lagen nicht in seiner Art. Was er im Augenblick der Gefühlserregung mit voller Hingebung getan hatte, konnte oft wenig Stunden darauf sein zersetzender Verstand als lächerlich bespötteln. Diese Charaktere nennt die Menge Verstandesmenschen, während man sie Gefühlsmenschen heißen sollte. Sie gelten für stark und sind doch schwach, weil sie nicht nach Ueberzeugungen, sondern nach augenblicklichen Eingebungen handeln. Conventionelle Begriffe, wie Ehrgefühl und Schicklichkeit müssen bei ihnen das wahre Pflichtgefühl ersetzen, und dennoch sehen wir gerade solche Menschen oft Taten vollbringen, welche dem selbstständigsten, festesten Charakter schwer fallen würden.
Seinen Freunden ein zuverlässiger Freund, seiner Schwester der zärtlichste Beschützer, besaß er den Frauen gegenüber eine Genußsucht und einen Leichtsinn, die schon manches Herz verwundet, manches gebrochen hatten. Wenn ihn weibliche Anmuth reizte, trieb es ihn unwiderstehlich, nach ihrem Besitz zu streben; und ohne jemals seine Ansicht von der Flüchtigkeit solcher Verbindungen zu verbergen, errang er fast immer Liebe, wo er sie forderte. Er hatte einen feurigen, phantasiereichen Geist, eine einschmeichelnde Liebenswürdigkeit und eine überzeugende Wohlredenheit. Dazu besaß er die sicherste Waffe des Mannes gegen die Frauen, den Ruf, unbeständig und ihrer Ruhe gefährlich zu sein.
Solch einen Mann, sagte sich Alfred, wollen alle Frauen kennen lernen, man beschäftigt sich schon im voraus mit ihm. Die Eitele hofft ihn dauernd zu fesseln; die Edle, ihn zu bessern. Jede traut sich die Kraft und die Klugheit zu, die Gefahr zu vermeiden, die ihr von dem siegreichen Manne droht. Leichtsinnig, neugierig stürzen sie sich in den ungleichen Kampf und kehren bald mit zerrissenem Herzen daraus zurück, wie die arme Sophie.
Von diesen und ähnlichen Gedanken bewegt, ging er eilig durch die Straßen und fand sich, ohne dass er es beabsichtigte, vor des Freundes Wohnung wieder. Er hatte den Klingelzug bereits gefasst, als er sich fragte, was er eigentlich in dieser Stunde hier bei ihm wolle? Er wusste es nicht und musste sich es endlich eingestehen, dass die Gewohnheit, Therese täglich zu sprechen, wieder feste Wurzel in ihm geschlagen habe; dass ein Tag, an dem er sie nicht gesehen, ihm ein verlorener scheine. Schon wollte er sich entfernen, als er sich besann, dass er sie heute jedenfalls besuchen müsse, um sich von ihr zu beurlauben, ehe er nach seinem Gute hinausgehe, Felix zu holen, was am nächstfolgenden Abende geschehen sollte. Sein Gesicht überflog ein Freudenstrahl; er zog schnell die Glocke und eilte in das Haus.
Er fand die Freundin daheim wie fast beständig; sie arbeitete und Theophil las ihr aus geschriebenen Heften vor. Er war sichtlich erregt und legte die Blätter aus den Händen, als Alfred bei ihr eintrat.
Und es war sehr viel Schönes darunter, fügte Therese hinzu. Ich habe während des Lesens mehrmals an die Bemerkung gedacht, welche Sie, Herr von Reichenbach, uns neulich machten. Es ist wirklich thöricht, wenn die Schriftsteller in weiter Ferne den Stoff für ihre Arbeiten suchen. In jedem Menschenleben liegt Poesie verborgen und es kommt nur darauf an, das Blatt zu finden, auf welchem sie verzeichnet steht.
Das ist natürlich, sagte Theophil, denn kein Menschenleben ist so arm, dass die Liebe mit ihrem belebenden Strahl es nicht ein Mal erleuchtet hätte. Wo sie nur erscheint, wird es Frühling und Tag in der Menschenbrust, und das Dasein zum Gedicht und zum Roman. Freilich ist die Nacht um so tiefer, wenn sie nachher entschwindet. Er seufzte, fuhr mehrmals mit der Hand über die Stirne und schloss langsam die Augen, so dass man vermuthen musste, sein Kopfweh plage ihn wieder.
Therese betrachtete ihn mit freundlicher Besorgniß. Sie trug einen starkduftenden Heliotrop, der auf dem Tische vor ihnen gestanden, an einen entfernteren Platz und ließ den Vorhang herunter, um das eindringende Sonnenlicht zu mildern.
Während deß bemerkte Alfred, der Theresen's Teilnahme für Theophil mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtet: Sie scheinen also auch der Ansicht zu sein, dass die Liebe an sich schon ein ausreichender Stoff für den Roman sei. Der Meinung bin ich nicht. Jede wahre Liebe ist bis zu einem gewissen Grade der andern gleich. Jede hat ihr Glück, ihr Leid und die Freude, das Hoffen und Verzweifeln mit allen andern gemein. So sehr für den Einzelnen dies Thema Lebensfrage sein und bleiben wird, so dünkt mich, ist seit lange die Schilderung auch der höchsten, reinsten Liebe in einem Romane unfruchtbar und unnöthig, wenn es eben nur die Liebe gilt. Mehr oder weniger anziehend und bedeutend wird sie nur durch den Menschen, in dessen Seele sie entstanden ist, und aus dessen Natur heraus sie ihr besonderes Gepräge erhält, ja eigentlich nur durch die Art der Hindernisse, die sich der Erreichung ihrer Wünsche entgegenstellen.
Gewiss, versicherte Theophil, so hatte ich es auch gemeint. Denn wie unter den tausend Blättern eines Baumes nicht zwei einander vollkommen gleichen, so bringt jedes Menschenleben neue Erscheinungen in der Liebe zur Entfaltung, welche für einen Beobachter wie Sie zu besondern Erfahrungen Anlass geben müssen.
Sie erinnern mich mit diesen Behauptungen an Ereignisse aus der ersten Zeit meines öffentlichen Auftretens, sagte Alfred. Als es in dem Kreise meiner Bekannten zu verlauten anfing, dass ich der Verfasser eines Romans sei, drängte sich Alt und Jung mit geheimnißvollem Vertrauen zu mir, um mir aus den eigenen Erlebnissen Stoff für meine künftigen Arbeiten mitzutheilen. Jeder Mann, der in seiner Jugend die Kammerjungfer seiner Mutter geliebt und dann eine andere Frau geheirathet hatte, kam sich in der Erinnerung wie ein Romanheld vor und verlangte, dass ich diese seine Jugendliebe zum Mittelpunkt einer Dichtung erheben sollte. Man hat mich über die Gebühr mit diesen Mittheilungen ermüdet und ich bin manch mal aus Aerger versucht gewesen, den Leuten solche Erzählungen zu schreiben, um sie von der Verkehrtheit ihrer Ansicht zu überzeugen, die aus der kleinlichsten Selbstüberschätzung entspringt. Die Liebe an sich ist das eigentliche Thema des lyrischen Gedichts. Für den Roman wird sie erst geeignet, wenn sie mit der Außenwelt in Streit geräth; und mich interessirt sie als Thema erst dann, wenn die Hindernisse, welche ihr entgegentreten, aus den Ideen oder Thatsachen hervorgehen, die in das Gebiet der Zeitfragen gehören. Ein Roman, der nicht in genauer Beziehung zu der Zeit steht, in der er geschrieben ward, wird selten ein gelungenes Werk sein.
Sind sprechende Bilder der Zeit, in der sie entstanden, fiel Alfred ein. Grade diese sind aus dem dringenden Bedürfnisse hervorgegangen, das der Dichter hatte, sich und die Mitwelt aufzuklären über Das, was damals stürmisch in Allen wogte. Weil sie aus Ideen ihr Leben schöpften, die damals alle strebsamen Naturen beschäftigten, haben sie Leben gehabt und werden es behalten. Darum ist ihre Wirkung auch noch fast eine magnetische auf uns Alle. Im Werther spiegelt sich die schwache Gefühlsschwelgerei der Empfindsamkeitsepoche; in dem Wilhelm Meister das Illuminatenwesen und jenes Streben des begabten Bürgerstandes, die Stelle einzunehmen, welche ihm später die französische Revolution errang. Jene Motive lagen Goethe damals als Tagesfragen nahe, darum behandelte er sie und läuterte seine Ansicht von ihnen durch das freie, dichterische Gestalten. Man sollte es also auch jetzt nicht tadeln, wenn sich die Fragen, welche unsere Zeit zu lösen hat, ebenfalls in der Dichtkunst spiegeln, wenn wir mit ihrer reinigenden Kraft uns den Ueberzeugungen dienstbar machen, für die wir leben.
Mit der Anforderung, dass der Roman sich dem Tage anschließe, dem er gehört, bemerkte Theophil, ziehen sie aber die freie Göttin der Poesie in das Gebiet eines gewöhnlichen Arbeiters herab. Sie soll Ihnen für Ihre Ziele nutzbar werden; das ist doch aber nicht ihr eigentlicher Beruf.
Erlauben Sie mir den Einwand, entgegnete ihm Theophil, dass Diejenigen, welche die reine Lyrik und den historischen Roman mit dichterischer Begabung und glücklichem Erfolg bearbeiteten, gegen Sie sprechen. Und auch das Urteil des großen Publikums möchte sich nicht für Ihre Meinung entscheiden, wie wir es an den Scott'schen und an vielen andern Romanen gesehen haben.
Die große Masse will nur unterhalten sein, das ist leider richtig. Sie will ein paar müßige Stunden ohne Nachdenken zu Ende bringen und wer ihr dazu verhilft, kann leicht ihr Liebling werden. Das aber soll den Dichter nicht bestechen, sagte Alfred. Ich ehre von Herzen Diejenigen, welche den historischen Roman in würdiger Absicht bearbeiten, ich erkenne jede Eigenthümlichkeit an, die Schönes hervorbringt. Ich meine aber, der Beruf eines Dichters lege ihm in den verschiedenen Zeitaltern und Ländern verschiedene Pflichten auf. In Ländern, in denen das Volk selbstregierend Theil nimmt an allen Zeitinteressen, wo die Unterhaltung darüber von dem Palast bis in die Hütte dringt, wo Jeder die Gegenwart kennt, da darf der Dichter sich in poetischer Betrachtung der Vergangenheit zuwenden, denn die Arbeit des Tages wird getan. Er darf die Vergangenheit erläutern und verklären, aus der die beglückende Gegenwart geboren ward. Das that Scott, aber sehr ausschließlich und entschieden im Sinne der Partei, der er angehörte; das thaten manche unserer Dichter mit großem Glück und Erfolg. Doch dünkt es mich augenblicklich in Deutschland eben nicht die Zeit dazu zu sein.
Nicht Zeit? fragte Therese und sagte dann, zu Theophil gewendet, leise: Sie stützen noch immer den Kopf auf die Hand, Sie haben Schmerzen. Wollen Sie, dass ich ein Fenster öffne?
Theophil dankte ihr und Alfred antwortete nach einer Pause, in der irgend ein der Unterhaltung fernliegender Gedanke ihn beschäftigt haben mochte: Nein! wir haben jetzt nicht Zeit, in poetischen Ergüssen zu feiern; denn unsere Tage sind Tage des Kampfes und der Arbeit. Warfen doch alle Dichter die Leier fort, zu der sie Liebeslieder sangen, um Schlachtgesänge zu jubeln, als es galt, das Vaterland von den Feinden zu befreien, die seine Grenzen überschwemmten. Die Welt des Gedankens ist unser wahres Vaterland, die Freiheit des Wollens und Handelns ein höheres Gut, als die Scholle, auf welcher wir zufällig den Tag zuerst erblickten. Für diese Heiligthümer streiten wir jetzt; und Keiner, der mit geistigen Waffen für diese heiligsten geistigen Güter zu ringen Kraft fühlt, darf in müßigen Träumen feiern. Unser deutsches Volk schwelgt gar zu gern in der Poesie der Vergangenheit und in nebligen Hoffnungen einer glücklichen Zukunft, die nicht kommen wird, wenn man sie nicht mit dem Aufwande aller vereinten Kräfte erschafft.
Theophil lächelte etwas spöttisch und Alfred, der es bemerkte, fuhr noch lebhafter fort: Der Dichter, der sein Volk liebt, dem die Menschheit heilig ist, soll jetzt mit jedem Worte an die Kammer der Schlafenden pochen. Wie der Ruf eines Herolds soll seine Stimme durch das Vaterland erschallen. So lange nicht Dasjenige, was das Volk bedarf, was die Zeit erheischt, von Vertretern des Volkes berathen wird; so lange das Volk nicht frei seine Meinung sagen darf, so lange muss der Dichter in Bildern für sein Volk sprechen und in Bildern erklären, was die Nation bedarf und fordert.
Aber heißt das nicht, wiederholte Theophil, die Poesie vom Himmel zur Erde ziehen, und den Dichter zum Sklaven der Partei erniedrigen, da er doch über dem Leben stehen und mit unparteiischem Auge auf die Welt blicken soll.
Ueber dem Leben steht Niemand! rief Alfred sehr ernst. Wohl Dem, der auf der Höhe seiner Zeit steht und sie mit gesundem Auge betrachtet. Ich vermag die Gegenwart und die Vergangenheit zu überblicken, ich strebe, die Dunkelheit der Zukunft zu durchdringen; aber immer nur von meinem menschlichen Standpunkte aus, der innerhalb unserer Zeit, innerhalb des Lebens liegt. Was von dem Punkte, auf dem ich stehe, mir gerade erscheint, das sieht von einer andern Seite schief aus; so bilden sich für Jeden, der in die Ferne blickt, die verschiedenen Ansichten, die Parteimeinungen. Wer davon frei zu bleiben glaubt, irrt gewiss. Es wäre nur für Denjenigen möglich, der eigensüchtig die Augen schlösse, um Nichts zu empfinden als sich selbst.
Ich habe, sagte Therese, bisher eine ähnliche Ansicht wie Theophil über den Beruf des Dichters gehabt. Ich glaubte, es wäre seine Aufgabe, das Leben zu verschönen, die misklingenden Dissonanzen in reine Harmonien aufzulösen und uns die Dornenpfade des Lebens mit Blumen zu schmücken.
Möglich, dass es einst so war, sagte Alfred, und dass noch mancher Dichter es so empfindet. Ich, der ich von Grund der Seele Partei nehme für unsere Zeit, ich vermag es nicht. Wenn ich von den entschwundenen Herrlichkeiten des deutschen Kaiserreichs, von dem Glanz der Vorzeit oder von ihrer Noth erzählte, immer würde an mein Ohr der Ruf des lebenden Volkes tönen, dem noch so Vielerlei zu wünschen bleibt. Ich würde es für eine Sünde halten, zur bloßen Belustigung Märchen zu schreiben, während noch wichtige Arbeit im Vaterlande zu tun ist.
Aber Denen, die sich nicht mit den Ereignissen des Tages beschäftigen, denen die Bestrebungen der Zeit fremd bleiben würden, wenn man ihnen in wissenschaftlicher Form davon spräche, den Menschen kann der Roman sagen, was ihnen zu wissen Noth tut, und das soll er tun. Nicht nur großer Granitblöcke bedarf man, den Bau der Zukunft zu gründen, auch die leichtere Arbeit des Bildhauers gehört dazu und fördert, wenn sie an rechter Stelle und zu rechter Zeit getan wird.
Man wird, wie ich schon vorhin sagte, wenn man nervenschwach ist, sich selbstsüchtig in die Vergangenheit versenken und unter Illusionen von der glücklichen Gegenwart müßig auf eine herrliche Zukunft hoffen, die nie kommen wird, wenn wir sie uns nicht schaffen.
Theophil erbleichte und eine heftige Entgegnung schwebte auf seinen Lippen, das sah Therese. Auch Reichenbach war in einer ihr unerklärlichen Aufregung, und sie fühlte, dass es Zeit sei, vermittelnd zwischen die Streitenden zu treten.
Nun! rief sie, Sie, meine Freunde, stehen mindestens nicht außerhalb der Zeit und der Partei, das beweist die Lebhaftigkeit Ihres Streites, die es mir bisher unmöglich machte, eine Frage einzuschalten. Ich möchte wissen, Herr von Reichenbach, ob Sie Ihre eigenen Erlebnisse zum Stoff für Ihre Arbeiten benutzen?
Es bedurfte nur der Erinnerung Theresen's, um beide Männer empfinden zu lassen, dass sie zu weit gegangen waren. Sie nahmen sich zusammen, verbargen den Unmuth, der in ihnen herrschte, und Alfred sagte: Darauf kann ich Ihnen ja und nein antworten. Ich gebe die Erfahrungen, die mich das Leben machen lassen, in der Form, welche mir die geeignetste dafür scheint. Die Erlebnisse selbst in nackter Wahrheit darzustellen, würde ich, falls es nicht eben eine biographische Arbeit gilt, für eine Indiscretion gegen mich selbst und gegen Andere halten, die mit mir auf dem Lebenswege zusammentrafen.
Aber die Charaktere entnehmen Sie dem Leben? Es scheint mir wenigstens, als ob ich die Originale zu manchen der Gestalten in Ihren Arbeiten erkennen könnte.
Da ich mich bis jetzt nur mit den Ereignissen unserer Zeit beschäftigte, da jede Zeit sich ihre eigenen Charaktere schafft, so müssen Sie notwendig in meinen Arbeiten auf Erscheinungen stoßen, die Ihnen nicht fremd sind, ohne deshalb Portraits zu sein. Die äußeren Verhältnisse bilden den Menschen, wie er andrerseits die Verhältnisse gestaltet. Sobald ich also neue Verhältnisse erfinde, muss ich auch die Gestalten der Gegenwart, die mir vorschweben, jenen erfundenen Verhältnissen so eng anzupassen suchen, dass sie sich gegenseitig bedingen. Gelingt mir das, so gewinnt die Dichtung Wahrheit, den Schein des Lebens, und dieser ist es, der dann zu dem Glauben verleitet, man schreibe das Leben ab, man gebe sich selbst und die nächste Umgebung wieder. Freilich kann ich die Welt nur mit meinen Augen betrachten und daraus entsteht die Subjectivität jeder Dichtung; aber ich kann, wenn ich gesunde Augen habe, in die Weite blicken, ich brauche nicht beständig meinen Nachbar oder mich selbst im Spiegel anzusehen.
Es entstand eine Pause, wie sie nie ausbleibt, wenn sich eine Misstimmung in einen kleinen Kreis eingeschlichen hat. Theophil benutzte sie, sich mit dem Bemerken, dass er heftiges Kopfweh habe, zu entfernen, aber auch nach seinem Fortgehen dauerte ein gewisser Zwang fort. Therese besiegte ihn zuerst.
Mich beunruhigt Theophil's Zustand! sagte sie. Er kann seit einigen Tagen wieder nicht die geringste Aufregung ertragen, ohne von seinen Nervenleiden geplagt zu werden. An Arbeiten ist gar nicht zu denken, er ist häufig niedergeschlagen und ich bin sehr erfreut, dass er sich gewöhnt, diese übeln Tage bei mir, statt einsam in seinem Zimmer zuzubringen.
Ihr Mitleid wird ihn noch mehr verweichlichen, als er es schon ist, wendete Alfred ein. Er ist nur zu träge, sich in ernster und anhaltender Tätigkeit Kraft zu suchen. Man hat ihm das Leben immer leicht gemacht, das Glück hat ihn begünstigt, so dass er lange nur zu genießen und mit dem Dasein zu spielen brauchte. Das Tändeln ist ihm darüber zu einer andern Natur geworden, und als dann endlich ein Leid über ihn kam, spielte er kindisch mit dem Schmerz. Ich hasse das an Männern, wenn schon Sie diese Schwäche interessant zu finden scheinen, schloss er, mit einer Bitterkeit, die ihm sonst nicht eigen war.
Therese sah ihn lange ruhig an, als wolle sie in seinen Zügen lesen; dann sagte sie: Was fehlt Ihnen, mein Freund! denn so hart urtheilen Sie nicht, wenn Ihre Seele ruhig ist. Können und wollen Sie mir nicht sagen, was Ihnen geschehen ist?
Die Worte sagten nichts mehr, als jede Frau in ähnlichem Falle äußern würde; aber der Ton der Teilnahme, der Besorgniß machten sie für Alfred unschätzbar. Es schien, als ob er eines quälenden Zweifels ledig würde. Er ergriff Theresen's Hand und küsste sie. Sie haben Recht, sagte er, ich war einen Augenblick nicht ich selbst. Vergeben Sie es mir!
Und wieder stockte die Unterhaltung, bis er endlich nach einer Weile sagte: Ich komme, Abschied von Ihnen zu nehmen. Ich gehe noch heute nach Rosenthal.
Sie kommen Abschied nehmen? Sie gehen nach Hause? Und ich hoffte, Sie würden den Winter mit uns zubringen, ich fürchtete nicht, Sie so schnell zu verlieren! sagte Therese in einer Weise, die wider ihre Absicht, ihre schmerzliche Ueberraschung kund gab.
Alfred ward davon ergriffen. Sie hofften, dass ich bleibe, Sie fürchteten nicht, dass ich gehe? So bin ich Ihnen also doch etwas? So nimmt Theophil nicht all Ihre Teilnahme in Anspruch? rief er, überwältigt von der Macht eines Gefühls, dessen er sich plötzlich bewusst worden war, als er, bei Therese eintretend, sie mit Theophil allein gefunden hatte. Sagen Sie mir, dass meine Rückkehr Sie freut, Therese! Nur das Eine sagen Sie mir, und ich werde versuchen, die Stunden in Minuten zu verwandeln, die ich von hier entfernt sein muss.
Das hatte Therese nicht erwartet, nicht für möglich gehalten. Ihre Hand, die Alfred in der seinen hielt, zitterte leise, aber sie bezwang sich und sagte ruhig: Glauben Sie, dass ich den alten geprüften Freund über den neuen vergessen könne, Herr von Reichenbach? Ich werde mich herzlich freuen, wenn Sie bald zurückkehren. Sie bringen dann Felix mit, nicht wahr? Sie bringen Ihren Sohn hieher?
Ich würde Ihren Worten glauben, Therese! rief Alfred, wenn Ihre Hand sie nicht Lügen strafte. Ihre Worte sind sehr ruhig, aber Ihre Hand zittert in der meinen. Lassen Sie mich Ihnen die liebe Hand dafür küssen. Auf Wiedersehen in möglichst kurzer Frist, theure Therese! auf recht baldiges Wiedersehen!
Er drückte ihre Hand an seine Lippen und ging schnell hinaus. Therese blieb in dumpfer Betäubung sitzen, dann faltete sie die Hände und schien nach langem lautlosen Brüten wieder zu der Ruhe und Klarheit gelangt zu sein, die ein hervorstechender Zug in ihrem Wesen waren.
In beglückter Erregung legte Alfred den Weg nach seiner Wohnung zurück. Er hatte endlich sich selbst und sein Herz erkannt, er liebte Therese. Oft hatte er sich in der letzten Zeit gefragt, woher die Arbeitsfreudigkeit? woher der neue Liederreichthum in meiner Brust? und immer war er um die rechte Antwort verlegen gewesen. Jetzt war ihm das Räthsel gelöst und alle Zweifel über das gehoben, was ihm zu tun obliege. Therese musste sein werden so bald als möglich; er fühlte, dass sie Bedingniß seines Glückes sei. Was er für sie empfand, war weit entfernt von dem glühenden Rausche jugendlicher Leidenschaft; es war reiner, edler, erhebender als jene. Therese war nicht jung, nicht schön, keine blendende Eigenschaft fesselte ihn an sie; aber sein Herz öffnete sich den erhabensten Gefühlen, sein Geist nahm den freudigsten Aufschwung in ihrer Nähe, weil er wusste, sie fühle tief wie er, sie folge theilnehmend dem Fluge seiner Gedanken. Ihr grader Charakter war ihm achtungswerth, ihre Art zu sein sagte all seinen Gewohnheiten und Neigungen zu. Es schien ihm die höchste Lust, sie beständig zur Gefährtin zu haben, denn er hatte die Zuversicht, mit ihr und in ihr das Glück zu finden, das er bis jetzt so sehr entbehrt hatte. Er liebte sie mit derselben Innigkeit, die ihn in der Jugend bei ihrem ersten Begegnen zu ihr gezogen hatte, und mit der Ruhe des reifen Mannes, die festzuhalten strebt, was sie einmal als das Rechte erkannt hat.
Mit Lebhaftigkeit ordnete er Alles für seine Abreise an. Er schrieb Sophien, dass er Berlin auf einige Tage verlasse, dass er sie wiederzusehen hoffe und sie bäte, keinen für ihre Zukunft entscheidenden Schritt zu tun, ohne ihn davon zu benachrichtigen. Auch von Julian und von Eva nahm er schriftlich Abschied und nach beendigten Geschäften fuhr er den Weg nach Rosenthal zurück, auf dem er vor zwei Monaten Therese und Eva begegnet war.
Die Gegend, die er damals im reichen Farbenschmuck des beginnenden Herbstes gesehen, lag jetzt traurig und öde vor ihm; aber so sehr er sonst äußern Eindrücken der Art zugänglich war, so wenig berührten sie ihn diesmal. All seine Gedanken weilten bei Therese. Bald machte er sich Vorwürfe, dass er sich nicht entschieden gegen sie ausgesprochen und um ihre Liebe geworben habe, bald freute es ihn wieder. Noch war er mit einer Andern vermählt, noch dieses Band zu lösen. Die Sehnsucht nach Therese, die Vorstellung der Leiden, die er seiner Frau bereiten, die er selbst bei der Scheidung empfinden würde, rangen in seiner Seele miteinander und gewannen abwechselnd die Herrschaft. Das neuerwachte Gefühl zog ihn zu Therese; lange Gewohnheit, die uns bis zu einem gewissen Grade Alles werth macht, band ihn an seine Frau, an die Mutter seines Sohnes. Er prüfte sich lange, er schwankte oft, bis er sich mit beruhigtem Gewissen endlich sagte, dass nicht die Liebe für Therese, sondern die Abneigung gegen Caroline ihn zu der Scheidung genöthigt habe. Das beruhigte ihn in etwas. Er wollte alles Schwere und Schmerzliche, das ihn noch von einer Verbindung mit Therese trennte, allein durchkämpfen, und sie dann erst um ihre Hand angehen, wenn er sie in Ruhe und Frieden zu der Seinen machen konnte. Dann wieder schweifte sein Geist plötzlich zu den Arbeiten zurück, die er in der letzten Zeit begonnen und die er Therese noch nicht vorgelegt hatte. Mit Freude dachte er daran, wie sie hier und dort den Anklang ihrer beiderseitigen Unterredungen, den Widerschein ihres eignen Wesens wieder finden würde. Er ahnte, was ihren Beifall haben, was gegen ihre Ansicht sein könne, und immer lieblicher malte er sich die Zukunft an ihrer Seite aus.
So verging ihm der Abend schnell und die Stunden der Nacht. Am Morgen, als er halten ließ, um sein Frühstück einzunehmen, fand er in dem Gasthofe einen Bekannten, dessen Besitzungen an die seinigen grenzten.
Nun? kommen Sie endlich doch hinaus? rief der Nachbar ihm entgegen, sobald er ihn erblickte; Sie sind lange ausgeblieben! Ja! die Residenz lässt Einen nicht leicht los. Aber es ist Zeit, dass Sie zusehen! Die Hälfte der Kartoffeln stecken bei Ihnen noch in der Erde, das sah ich im Vorüberfahren.
Ich weiß es, sagte Reichenbach. Mein Inspector schrieb mir, dass er sie noch in der Erde lasse, es ist nur ein ganz kleiner Theil. Ich will sie versuchsweise wie am Rheine zusammenstampfen lassen, und dafür mussten erst Keller zugerichtet werden. Mit verdoppelten Arbeitern und gutem Lohn ist der Zeitverlust bald eingebracht.
Will wünschen, dass Sie gut Wetter behalten. Bei mir ist Alles unter Dach, haben heute schon den ersten November. Sie bleiben doch nun wieder zu Hause? Ich finde Sie bei meiner Rückkehr? fragte der Gutsbesitzer.
Oho! rief der Andere, also spukt wieder einmal der Poet in Ihnen und lässt dem Landwirth keine Ruhe. Nun, Ihre Frau wird's sich gefallen lassen. Sie haben die letzten Jahre in der That wie Einsiedler gelebt; hat Niemand etwas von Ihrer Gesellschaft gehabt, außer den Kaplänen von Maria-Gnad. Der Kaplan Ruhberg ist ja seit einigen Wochen auch wieder bei Ihnen zur Milchkur. Er sprach bei mir vor, ehe er zu Ihnen ging. Frommer, charmanter Herr! – Pferde fertig? abgefüttert? fragte er dann den eintretenden Kutscher und nahm mit derbem Händedruck und dem Wunsche, ihn bald wiederzusehen, von Alfred Abschied, als man ihm sagte, dass sein Wagen ihn erwarte.
Auf Alfred hatte die kurze Unterhaltung aber einen peinlichen Eindruck gemacht. Sie hatte ihn aus den heitern Entwürfen für seine Zukunft plötzlich in die Gegenwart zurückgerufen, in der noch so viel Hindernisse vor ihm lagen, noch so viel Wirren zu lösen waren. Seine Gedanken wendeten sich der Heimat mit immer größerer Sorge zu, je näher er ihr kam. Endlich erreichte er die Grenze seines Besitzes. Da fand sich bald hier, bald dort eine Vernachlässigung zu rügen; Anordnungen, die er vor seiner Abreise getroffen und deren schnellste Ausführung er befohlen hatte, waren nicht befolgt worden; er sah, dass er seinen Inspektor für zuverlässiger gehalten hatte, als er sich erwies. Mit wachsender Verstimmung fuhr er durch seinen reichen Besitz. Erst als er sein Schloß erblickte, wich sie dem Gedanken an den Sohn. Es that ihm leid, dass er seine bevorstehende Ankunft nicht gemeldet, dass er nicht den Befehl gegeben hatte, ihm Felix entgegenzuschicken; aber seine Abreise war so schnell gekommen, dass es nicht thunlich gewesen war.
Vor dem großen Rasenplatz angelangt, der sich an der einen Seite des Schlosses befand, hoffte er mit Sicherheit seinen Sohn zu erblicken, der dort in den Morgenstunden seine Spiele zu treiben pflegte. Er war aber nicht da und das beunruhigte seinen Vater. Caroline hatte in ihrem letzten Briefe des Knaben nicht gedacht, Felix nicht, wie er pflegte, ein Blättchen für den Vater beigelegt. Er fürchtete also den Knaben krank zu finden und, als er das Schloß erreicht hatte, als die Dienerschaft herbeikam, ihn zu empfangen, war seine erste Frage nach dem Sohne.
Ja so! nun gut! Lassen Sie abpacken! Mit den Worten stieg Alfred die Treppe hinauf und wollte sich in sein Zimmer verfügen. Sein Diener aber bemerkte, da man des gnädigen Herrn Eintreffen nicht erwartet hätte, wären seine Zimmer nicht geheizt.
So sehen Sie zu, dass es gleich geschieht, befahl Alfred und trat inzwischen in das Wohnzimmer ein. Ungeduldig ging er umher und blieb dann an dem Fenster sitzen, um die Rückkehr der Seinen zu erwarten. Die Zeit schien ihm still zu stehen, jede Minute brachte ihm ein neues peinliches Gefühl. Die Diener, von der unklugen Gebieterin in die Geheimnisse der Eheleute zum Theile eingeweiht, schlichen scheu und ängstlich umher. Alles kam ihm fremd vor und doch war er in der Heimat. Die Stille, die Einsamkeit wurden ihm unerträglich: er verlangte den Sohn zu umarmen und bangte bei dem Gedanken, dass die Mutter mit demselben zugleich erscheinen werde. Er überlegte, was er ihr sagen, wie er es ihr sagen solle; da schlug fern ein Hund an. Er kannte den Laut, es war sein schöner Neufundländer, der sich niemals von dem Knaben trennte. Sein Herz klopfte ihm heftiger als sonst. Er hörte Wagengerassel, Pferdetritte, ging die Treppe hinab, Felix sprang aus dem Wagen und warf sich dem Vater mit beiden Armen an die Brust.
Caroline schrie auf, als sie ihres Mannes ansichtig ward, und fiel ihm um den Hals. Alfred musste es geschehen lassen, um vor der Dienerschaft keinen unangenehmen Auftritt zu veranlassen. Er bewillkommte kalt den Kaplan, bot seiner Frau den Arm und führte sie in das Haus.
Die Freude des Knaben kannte keine Grenzen und ward nur von der lautlosen Zärtlichkeit des Vaters übertroffen. Man konnte kaum ein schöneres Bild sehen, als den kräftigen Mann mit dem blühenden Sohne, wie sie voll Liebe aneinander hingen.
Mein Vater ist da! mein lieber Vater ist da! rief Felix. Nun werde ich wieder auf dem Castor mit Dir ausreiten. Nun werde ich wieder von den tapfern Rittern bei Dir lernen und nicht immer von den frommen Kindern! nicht wahr, Vater? fragte er.
Und Du gehst nicht wieder fort, und ich und der Neptun schlafen auch wieder bei Dir. Du bleibst doch nun wieder ganz zu Hause, lieber Vater? Du gehst nicht wieder fort?
Caroline, die in großer Verlegenheit sich mit dem Ablegen ihres Mantels, mit dem Zurechtrücken von Meubeln beschäftigt und mit dem Kaplan gesprochen hatte, der ihnen in das Wohnzimmer gefolgt war, und schweigend in der Fensterbrüstung saß, weil der Hausherr ihn geflissentlich vermied, trat plötzlich vor ihren Gatten hin und fragte: Wann willst Du, dass wir reisen, Alfred?
Sehen Sie, lieber Kaplan! rief Caroline, die es nötig fand, sich ihres geistlichen Freundes anzunehmen, sehen Sie, so machen es die Männer immer. Nun werden wir in fliegender Eile von hier aufbrechen und ich hatte Sie eingeladen, unser Gast zu sein, bis Ihre Kur beendet wäre.
Du weißt, Caroline, dass es ganz in Deinem Willen steht, so lange hier zu verweilen, als es Dir beliebt, bemerkte Alfred laut; denn ich kam nicht in der Absicht, Dich zu holen, fügte er leise hinzu.
Herr Kaplan! rief Caroline lebhaft, denken Sie nur, mein Mann hat meinen Brief erhalten und nach all den Demüthigungen, nach all den Zugeständnissen, die ich ihm auf Ihr Anrathen gemacht, beharrt er dennoch auf den alten Vorsätzen, wie es scheint. – Sie hätte für sich und ihren Freund nichts Ungeeigneteres sagen können.
Alfred fuhr heftig auf. Also daher, sprach er, kamen die guten Lehren? Ich hätte es ahnen können. Nun denn! mein Herr Kaplan, da ich Ihnen vermuthlich all die freundlichen Vorwürfe über mein Tun und Treiben, und eine Menge von Ermahnungen verdanke, die mir in den letzten Briefen meiner Frau zu Theil geworden sind, so erlauben Sie mir Ihnen auch eine gute Lehre zu geben. Stören Sie nie durch Ihre Gegenwart das Wiedersehen einer Familie, gleichviel ob diese sich in Frieden oder in Unfrieden begegnet. Der Fremde ist dabei stets überflüssig.
Der Kaplan, ein großer, hagerer Mann mit scharfen Zügen und schlichtem blonden Haar, schoss einen tückischen Blick auf Alfred, während er mit Salbung sagte: Ich fürchtete, wie es sich denn auch bewährt, dass Sie sich nicht in Frieden begegnen würden; und ich blieb da, um der gnädigen Frau beizustehen, wie es dem Beichtvater geziemt, in der Stunde der Prüfung.
Ihres Beistandes wird Frau von Reichenbach mir gegenüber nie bedürfen, denn die Mutter meines Sohnes, die meinen Namen trägt, ist mir heilig wie meine Ehre, sagte Alfred mit Würde. Was wir aber mit einander abzumachen haben, das kümmert die Kirche bis jetzt noch nicht, und ich würde es Ihnen Dank wissen, mein Herr, wenn Sie sich entschlössen, die wenigen Tage, die ich hier verweile, uns selbst und unserm eigenen Nachdenken zu überlassen.
Das war mehr, als der Geistliche erwartet hatte, aber er suchte sich zu beherrschen, obschon er sich verfärbte. Ich bin nicht aus freiem Antrieb hier, entgegnete er mit erheuchelter Gelassenheit, ich kam nicht als Gast in Ihrer Abwesenheit in Ihr Haus, mein Herr von Reichenbach! Ich kam kraft meines Amtes auf den Ruf der verehrten gnädigen Frau, die Trost von mir verlangte, in der Vereinsamung, zu der Sie sie verdammt. Mit Ihrer Rückkehr ist mein Amt von selbst zu Ende! sagte er, und wollte sich, nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung vor der Hausfrau, hochgehobenen Hauptes entfernen; aber Caroline vertrat ihm rasch den Weg und, seine Hand ergreifend, sagte sie: Bleiben Sie, verehrter Freund, bleiben Sie und verlassen Sie mich nicht. Lassen Sie sich das Beispiel der Heiligen vorhalten, die wie Sie Schmähungen litten und Beleidigungen vergaben. Wie soll ich mir rathen oder wie soll ich Ruhe finden, ohne Ihren milden Trost, der seit Monaten hier meine einzige Zuflucht gewesen ist!
Wenn Sie mein bedürfen, gnädige Frau, erwiderte der Kaplan, werde ich Ihnen niemals fehlen. Dann verneigte er sich wieder, sagte Alfred mit einer Ruhe Lebewohl, als ob gar nichts Störendes zwischen ihnen vorgefallen wäre, und ging hinaus. Caroline folgte ihm auf dem Fuße nach.
Felix verstand natürlich den Vorgang in seiner wirklichen Bedeutung nicht, aber er sah, dass sein Vater verdrießlich sei, schmiegte sich befangen an ihn, blickte ihm mit seinen großen Augen lange ins Gesicht und sagte dann: Du bist traurig, lieber Vater! so warst Du auch an dem Abend, als Du abreistest, ohne mir Lebewohl zu sagen. Bist Du krank, mein Vater?
Felix ward roth, wollte sprechen und schwieg dann still. Man sah, dass seine junge Seele mit einem gewaltsamen Entschlusse ringe. Endlich fragte er: Hat's Dir die Mutter nicht geschrieben?
Sie hat mir geschrieben, dass Du artig und folgsam warst, und das hat mich gefreut, mein lieber Junge! sagte Alfred und zog den Knaben an sich, um ihn zu küssen. Da fiel Felix ihm an die Brust und rief, in Thränen ausbrechend: Es ist nicht wahr, Vater! ich war nicht brav und nicht artig. Ich war feig, als es blitzte, ganz feig; und ich habe auch den alten Leonhard geschlagen. Aber Mama und der Kaplan haben gesagt, sie wollten es Dir nicht schreiben und ich brauchte es Dir nicht zu erzählen. Ich solle es nur immer dem Herrn Kaplan sagen, wenn ich Unrecht getan hätte, der würde mit mir Paternoster beten und mir Alles verzeihen.
Sei nicht böse, Vater! ich thue es nie wieder. Ich werde nie mehr feig sein und Niemand schlagen. Ich wollte Dir es lieber verschweigen, aber ich dachte, wenn der Kaplan mir verzeiht, den ich gar nicht mag, so würdest Du mir's ja auch verzeihen.
Damit schlang er seine kräftigen Arme um den Hals des Vaters, der ihn mit zärtlich ernsten Worten ermahnte und ihn fragte: Hast Du denn den alten Leonhard um Verzeihung gebeten?
Nein! zuerst wollte ich es tun, denn es that mir leid, aber die Mutter sagte, das sei gar nicht nötig; ich sei ein Junker und der Leonhard ein Diener, dem hätte ich nichts abzubitten, antwortete der Knabe.
Alfred's Unmuth stieg mehr und mehr. Dies war die Weise, in welcher Caroline und der Kaplan, der sie vollständig beherrschte, das Gemüt und den Verstand des Knaben verdunkelten; und es hatte ihm Mühe genug gekostet, dagegen anzukämpfen, ohne dem Kinde die Anhänglichkeit und die Verehrung für die eigne Mutter zu rauben. Auch jetzt musste er sich begnügen, dem Knaben sein Betragen zu verweisen, so gern er ihn zu einer Abbitte bei dem alten Diener veranlaßt hätte; aber das Ereignis bestärkte ihn in dem Vorsatz, so schnell als möglich abzureisen.
Vor allen Dingen musste er dazu sich mit seiner Frau verständigen. Dass dies in mündlicher Unterredung nicht möglich sei, wusste er bestimmt. Er kam also auf den Gedanken, einen alten Geistlichen, einen Freund seines verstorbenen Onkels, der auch ihm zugethan war, zum Vermittler zu brauchen. Wie der Kaplan, war auch der Domherr Geistlicher am Domstifte zu Maria-Gnad, das ganz in der Nähe von Alfred's Gütern lag, und Erbe der Güter werden sollte, falls die Reichenbach'sche Familie ausstürbe, oder sich durch Austritt aus dem Katholicismus des Besitzes verlustig machte.
Alfred schrieb dem geistlichen Freunde, bat ihn, sich zu ihm zu verfügen, und trat dann eine Wanderung durch seine Besitzungen an, auf der ihn Felix begleitete.
In der freien Natur erheiterte sich sein Gemüt. Es war spät im Jahre, aber die Sonne hatte, als sie in ihrem Höhepunkte stand, die Nebel des Herbstes besiegt und leuchtete warm und freundlich am klaren Himmel. Die Luft war belebend frisch; ein Theil des Laubes hing in buntfarbiger Pracht noch an den Bäumen; das Gras war noch grün an vielen Stellen und hier und da drängte sich eine Blume an das Licht hervor. Felix und sein großer Hund sprangen jubelnd neben Alfred her, der mit der Lust des Besitzers durch die Gegend ging. Des Feiertages wegen rasteten die Arbeiter; es war still und friedlich umher. Einzelne Männer und Frauen, die in behaglicher Sonntagsruhe in ihren Häusern saßen, traten, den Herrn erkennend, vor die Thüren, um ihn willkommen zu heißen. Jeder hatte ihm Etwas zu erzählen, ihn um Etwas zu fragen. Der Eine dankte für eine Unterstützung, die ihm geworden, der Andere bat um eine solche, mit der Zuversicht, welche die Gewissheit der Erhörung gibt. Dazwischen wurden denn auch Klagen laut. Man beschwerte sich, dass man auf Befehl des Herrn Kaplan zwei kleinere Festtage habe rasten müssen, was den Tagelohn verringert. Man machte dem Inspektor der Fabriken den Vorwurf, dass er die Kinder zwei Stunden länger an jedem Tage habe arbeiten lassen, als Alfred es festgesetzt, und dass er sie benutzt habe, am Sonntage in seinem Garten zu jäten, ohne sie dafür zu entschädigen. Alfred hörte theilnehmend zu, versprach für Alles zu sorgen, die Uebelstände abzustellen, lobte hier die Ordnung, die er fand, tadelte in andern Häusern manchen Missbrauch. Ueberall aber begegnete ihm ein offenes Zutrauen, ein williger Gehorsam, denn seine Untergebenen kannten und verehrten ihn als einen wohlwollenden, gerechten Herrn.
Das gewährte ihm eine innige Befriedigung. Hier, das fühlte er, war sein eigentlicher Wirkungskreis; das Loos dieser Menschen hatte ein günstiges Geschick in seine Hände gelegt, es war seine Pflicht, für sie nach seiner besten Einsicht zu sorgen. Er hatte für die Güter und die Leute schon sehr viel getan; die Insassen waren träge, arm und unbrauchbar gewesen. Aus einem dumpfen, bedürfnißlosen Leben hatte er sie zu einem verständigen Gebrauch ihrer Kräfte und ihrer Mittel erhoben. Hier wandelte er in einer Umgebung, die praktisch den Werth jener Theorien bewies, für die seine Feder kämpfte. Alles war ihm hier lieb und werth und mit freudigem Stolze hatte er oft Denen, die ihn einen Schwärmer schalten, geantwortet: Kommt zu mir hinaus und seht die Früchte meiner Schwärmerei. Tragen meine Felder weniger, gedeihen meine Fabriken minder, weil zufriedene Menschen sie bearbeiten? Fragt nach, ob ich mich über Ungehorsam zu beklagen habe, wo Jeder einsehen gelernt hat, dass ich nicht eigensüchtig nur an mich denke, sondern dass mir das Wohl Derer, die für mich ihre Kräfte anstrengen, lebhaft am Herzen liegt.
Es that ihm leid, dass die Sorge für die Erziehung seines Knaben ihn nöthigte, künftig ganz in der Stadt zu leben. Mit Therese, die eben so warm als er selbst für die Menschheit empfand, in vereinter Tätigkeit hier zu walten, schien ihm das neidenswertheste Glück. In der Stadt, nur auf literarische Beschäftigung angewiesen, kam er sich unthätig vor; hier, wo er mit ganzer Kraft sich der Bewirthschaftung seiner Güter überließ, fühlte er sich doppelt froh, in den Stunden der Muße sich geistiger Arbeit hinzugeben.
Eine Stunde und länger mochte er umhergegangen sein, als die Schloßglocke zum Mittag läutete und Felix ihn mit der Bemerkung aus seinen Gedanken riss, dass die Mutter auf sie warten werde. Anfangs hatte Alfred die Absicht gehabt, schon jetzt von seiner Frau getrennt, ganz in seinen Zimmern zu leben; allein Rücksicht auf den Knaben, dem dies befremdlich sein musste, hielt ihn davon zurück. Er wollte den Schein des guten Einverständnisses vor Felix bewahren und verfügte sich mit ihm in das Schloß zur Tafel.
Die Mahlzeit ging traurig vorüber. Caroline, schwankend zwischen dem Wunsche einer Annäherung an Alfred und dem Groll über die Ausweisung des Kaplans, ging von freundlichen Scherzen zu bitterer Gereiztheit über. Sie fragte nach Alfred's Treiben in der Stadt, nach den Personen, die er dort gesehen hatte. Sie klagte, dass er ihren besten Freund, den Einzigen, wie sie ihn nannte, so schnöde behandelt, und Alfred fühlte sich von diesem gezwungenen Beisammensein mehr als je gedrückt. Sobald es möglich war, beendete er die Tafel und zog sich auf sein Zimmer zurück.
Am Abend traf der Domherr bei ihm ein. Er hatte vermuthet, weshalb Alfred ihn beschieden, denn durch den Kaplan war er seit Wochen von den Absichten seines Freundes unterrichtet worden.
Ich ahnte eine solche Krisis lange, sagte er nach den ersten Besprechungen, aber wie Ihr Freund, der Präsident von Brand, rathe ich Ihnen von der Scheidung ab. Sie haben, wie Sie mir sagen, die Nachträge zu dem Testamente nicht dem Präsidenten vorgelegt; diese sprechen sich entschieden gegen Sie aus. Sie werden der Güter verlustig werden.
Alfred ging an sein Bureau, holte die Papiere hervor und sah sie durch. Als er es getan hatte, erklärte er dem Freunde, dass er nichts Bedrohliches darin finde.
Es bestimmt ausdrücklich, dass den Geistlichen unseres Stiftes eine strenge Beaufsichtigung der Besitzer von Rosenthal zur Pflicht gemacht wird, und dass eine Uebertretung der Satzungen unserer Kirche, Seitens der Besitzer, die Güter in unsere Hände liefert, wenn kein katholischer Reichenbach sie übernehmen kann.
Alfred hatte das nicht vermuthet, er schwieg nachdenkend eine geraume Zeit, dann sagte er gefasst: Im Grunde erfahre ich durch Sie eigentlich Nichts, was ich nicht wusste; denn schon die früheren Nachträge bestimmen ziemlich dasselbe, und was Sie mir sagen, darf in meinem Entschlusse keine Aenderung machen.
Da nahm der Greis, dessen edles Wesen Zutrauen erweckte, Alfred's Hand, drückte sie herzlich und sagte: Ich weiß, dass ich nicht in dem Geiste unserer Kirche verfahre, wenn ich Ihnen Rathschläge gebe, um Ihnen die Güter zu erhalten, denn unsere Kirche trachtet auch nach weltlichem Besitz. Ich bin es aber von je gewohnt gewesen, der Stimme meines Innern zu folgen und habe mein Ohr und mein Auge nie den Anforderungen der gegenwärtigen Zeit verschlossen. Ich sah Ihr Walten auf diesen schönen Besitzungen mit inniger Freude. Sie haben durch gutes Beispiel, durch vernünftige Lehren hier mehr gewirkt, als alle meine Amtsbrüder in ihren Diöcesen durch die Lehren der Kirche. Sie haben die Menschen zu dem Gefühl ihrer Menschenwürde herangebildet, indem Sie sie glücklich machten; Sie haben sie vor Verbrechen bewahrt, indem Sie sie vor Mangel und Verwilderung schützten. Mehr soll und kann die Kirche nicht. Alle diese Menschen sehen mit Zuversicht auf Sie, hoffen eine gesicherte Zukunft von Ihnen, und Sie denken nur an Ihr eigenes Glück? Darin, mein verehrter Freund! erkenne ich Sie zum ersten Mal nicht wieder!
Alfred versank in ernstes Sinnen. Der Domherr ließ ihn gewähren, dann sagte er: Bis zu der Großjährigkeit Ihres Sohnes würden wir, ich an der Spitze, die Verwaltung der Güter übernehmen; aber ich bin alt und kann jeden Augenblick abgerufen werden von der Erde. Der Kaplan Ruhberg wird, wie voraussichtlich, mein Nachfolger sein. Sie kennen ihn und seinen fanatischen Eifer. Wollen Sie ihm Ihr schönes Werk überlassen? – Felix ist zehn Jahre alt, noch vierzehn Jahre trennen ihn von dem Besitz, und vierzehn Jahre können all das Gute zerstören, das Sie geschaffen haben.
Mein edler, mein wackrer Freund! rief Alfred übermannt; glauben Sie mir, ich gehe nicht leichtsinnig von dem Posten, auf den das Geschick mich gestellt hat. Ich hänge an diesen Verhältnissen wie ein Vater an seinem Kinde. Ich liebe meine Schöpfung hier, wie ein Künstler sein bestes Werk; aber ich habe elf freudlose Jahre in unglücklicher Ehe verlebt. Ich habe die Frau wiedergefunden, deren Besitz mich hoch beglücken würde; ich liebe sie, ich habe sie längst geliebt, dessen bin ich mir jetzt bewusst. Fühlen Sie, welch schweren Kampf ich kämpfe?
Ich persönlich hänge nicht übermäßig an Hab und Gut, sagte Alfred, aber ich wünsche natürlich meinem Sohne den Besitz und den Wirkungskreis, denen ich so reines Glück verdanke, einst zu hinterlassen. Ich hoffe ihn zu einem Manne zu erziehen, der mich bei den Kindern meiner Gutsinsassen vertreten, der für sie werden soll, was ich den Vätern bin, ein treuer Schutz und Schirm.
O, das ist zu viel! sagte Alfred im Tone höchster Empörung. Das ist zu viel! Das ist mehr als Sklaverei. Wie konnten Sie mir dies Dokument bis jetzt verheimlichen, das mich ganz und gar in Ihre Hände gibt?
Ich glaubte Sie davon unterrichtet; ich war überzeugt, dass auch Sie eine Abschrift davon erhalten hätten. Ihr verstorbener Onkel übergab es mir nur kurze Zeit vor seinem Tode. Er hatte mit mir davon gesprochen, dass er Sie zu seinem Erben ernannt habe. Dann war ihm der Gedanke gekommen, dass bei Ihren ihm bekannten Gesinnungen ein Religionswechsel möglich sei, und diese Rücksicht scheint die Bestimmungen veranlaßt zu haben, welche das letzte Codicill enthält. Ich allein kenne dieses dritte Codicill; ich habe mir nie eine Beaufsichtigung Ihrer Handlungsweise erlaubt, denn ich kannte und schätzte Sie und Ihre Absichten und Taten. Das ganze Stift aber kennt das Testament, und eine Ehescheidungsklage, von Ihnen angestellt, würde mehr als genug für Ruhberg sein, den Sie oft in seiner geistlichen Eitelkeit verletzt haben, gegen Sie aufzutreten und den Andern begreiflich zu machen, was man durch einen Angriff gegen Sie gewinnen könne.
Welch unwürdige Behandlung, welche verdammenswerthe Täuschung! rief Alfred mit zorniger Empörung. Man setzt mich unter Vormundschaft wie ein Kind; wie ein Kind, dem man nicht den freien Gebrauch seiner Kräfte gönnt, hält man mich an unsichtbaren Banden fest! Mein freudigstes Schaffen, mein redlichstes Bestreben wende ich für die Menschen an, denen ich Herr geworden bin; und nun, da Alles gedeihet und blühet, da ich ernten möchte, was ich gesäet, nun ruft man mich wie einen müßigen Knecht von der Arbeit, die mein Glück und meine Freude war. Und warum? Weil ich das Recht verlange, das auch dem Niedrigsten zusteht, das Recht, nach seinem freien Willen zu handeln.
Der Domherr antwortete ihm nicht, und Alfred fuhr nach einer Pause fort: Zusehen soll ich, wie blinder Fanatismus und Aberglaube die Vernunft Derer verdunkeln, die ich mühsam ans Licht gewöhnt! Man wird zerstören, was ich für eine Zukunft fruchtbringend gehofft; und meinen Sohn, meinen eignen Sohn will man mir rauben, um ihn zum Werkzeug einer Ansicht zu machen, die ich tief verdamme! Nimmermehr! Das soll und wird nun und nimmermehr geschehen!
Er ging heftig im Zimmer umher, der Domherr störte ihn nicht. Plötzlich blieb Alfred vor ihm stehen und sprach: Vergeben Sie mir, theurer Freund, wenn ich Sie gekränkt haben sollte. Ich kann der Empörung noch nicht Herr werden, mit der mich Ihre Mittheilungen erfüllten. Ich bin zu aufgeregt, ich weiß mich nicht zu entscheiden, haben Sie Nachsicht mit mir.
O! weit mehr als das! ich bedaure Sie, mein Freund! sagte der Greis sehr mild. Aber suchen Sie mit sich einig zu werden, und vor allen Dingen entscheiden Sie sich nicht schnell. Bedenken Sie, wie gleichgültig wir oft schon nach wenig Jahren gegen Dasjenige werden, was wir einst lebhaft gewünscht haben. Urteilen Sie in Ihrer Angelegenheit mit dem kalten Blute des Greises, nicht mit Ihrem heißen Herzen, und lassen Sie mich wissen, wofür Sie sich entschieden haben.
Ich habe durch vierzig Jahre gelernt, mein Glück in dem Wohle Anderer zu suchen; ich habe nichts für mich erstrebt; meine eignen Wünsche früh begraben. Fragen Sie mich nicht, es muss Jeder aus seiner eignen Natur den rechten Weg ermitteln. Gott sei mit Ihnen, werther Freund!
Alfred umarmte den Greis gerührt und eine Träne perlte in seinen Augen. Ob sie der Zorn, ob sie der Schmerz erpreßt? wer wollte das entscheiden, in einer Stunde, in der so verschiedene Gefühle ihn bestürmten!
Die Nacht verging dem heftig Erregten ohne Schlaf. Er legte das Wohl seiner Untergebenen gegen seine eigenen Wünsche in die Wagschale; er hielt es sich vor, wie man seinen Sohn von ihm trennen, ihn in einer Richtung erziehen werde, die ihm verwerflich schien. Bald wollte er Alles opfern, um nur frei zu werden, bald fühlte er den Muth, dem Glück der Liebe zu entsagen, um in Pflichterfüllung Ruhe und geistige Befriedigung zu erlangen. Je länger er wachte, je mehr erhitzte sich seine Phantasie. Jeder Athemzug des schlafenden Knaben berührte schmerzlich sein Ohr. Das Kind schlief so ruhig, es ahnte nicht, welch schweren Kampf sein Vater in sich kämpfte, wie er mit sich rang, dem Sohne das größte Opfer zu bringen. Alfred konnte keine Ruhe auf dem Lager finden, er stand auf, um dem Präsidenten den Vorfall zu berichten. Dann schrieb er dem Domherrn und bat, wenn sie zu schaffen sei, um eine Abschrift des betreffenden Codicills. Darüber kam endlich der Morgen heran, und noch lastete die in bangen Zweifeln verlebte Nacht schwer auf seinem Geiste. Die Stunden der Dunkelheit hatten seinen Blick in die Zukunft getrübt; er sah die Welt in den düstersten Farben an, und athmete erst auf, als der erste Lichtstrahl in sein Auge fiel, als er das Licht wieder in der Natur erblickte. Damit wachte die Hoffnung in ihm auf, sein Muth belebte sich und die Fähigkeit zu kräftigen Entschlüssen fing sich in ihm wieder zu regen an.
Aber sein Kopf glühte, sein Körper war fieberisch erregt, er ging hinaus ins Freie, um sich abzukühlen. Ein frischer Reif hatte sich über den Boden gelegt und zitterte glitzernd auf Gras und Laub. Es war empfindlich kalt, indeß diese Kälte that dem Aufgeregten wohl. Die Gegend erschien ihm doppelt schön, sein Besitz war ihm doppelt lieb, da er an die Möglichkeit dachte, sich von allem Diesem trennen zu müssen. Er band im Garten ein paar junge Bäume fest, die er einst selbst gepflanzt hatte; es that ihm leid, dass man sie in seiner Abwesenheit nicht gehörig besorgt hatte. Mitten in der Arbeit hielt er inne: Das Schicksal eines Baumes bewegt Dich, sagte er, und Du könntest daran denken, das Loos aller Deiner Untergebenen, das Loos Deines Sohnes einer fremden Hand anzuvertrauen? Unmöglich!
Sein Entschluss, in seinem bisherigen Wirkungskreise zu bleiben, befestigte sich in seiner Seele; aber als er ihn gefasst, als er ihn ganz durchdacht hatte, da drängte sich ihm schmerzlich die Frage auf, wie er es tragen werde, auf das Glück zu verzichten, das er sich in der Vereinigung mit Therese erhofft hatte. Er wollte ihr schreiben. Was sollte, was konnte er ihr aber sagen? Er zweifelte nicht an ihrer Liebe, er wusste, dass sie die seine kenne. Durch Julian musste sie erfahren, wie es ihm unmöglich werde, den Wünschen seines Herzens zu folgen; wie er sich Dem opfere, was er für seine Pflicht halte. Zu schreiben fehlte ihm der Muth, dennoch verlangte er lebhaft sie wiederzusehen.
Um die Frühstückszeit kehrte er in das Schloß zurück. Er küsste Felix und drückte ihn an sich mit einer Bewegung, die dem Knaben nicht entging. Lange hielt er ihn in seinen Armen fest, er erkaufte den Sohn mit dem Glück der eignen Zukunft.
Sein Begegnen mit Caroline war kalt. So sehr er dagegen kämpfte, er konnte eines Grolles gegen sie nicht Herr werden, den er früher nicht empfunden hatte. Es war ihm, als stände nicht das Testament des Onkels, sondern sie allein zwischen ihm und seinen Wünschen, als trenne sie allein ihn von seinem Glück.
Der Tag verging in Tätigkeit mancher Art. Er hatte Berechnungen durchzusehen, die Arbeiten im Felde und in den Fabriken zu revidiren. Eine Vermessung des Forstes war nötig, sie sollte am heutigen Tage angefangen werden, und Alfred wollte dabei sein. Er ritt hinaus, nahm den Knaben mit sich; aber er konnte die rechte Lust an der Arbeit nicht finden. Er fühlte sich innerlich gehemmt. Die Leute, mit denen er sprach, fanden ihn nicht so klar und so bestimmt wie sonst, ihm selber war zu Muthe, als trete er heute den Besitz aufs Neue an; aber er freute ihn nicht, denn er litt noch zu sehr von dem Opfer, durch das er sich ihn erwarb und erhielt.
Ein reitender Bote war zum Domherrn nach Maria-Gnad gesendet. Er kam zurück und brachte die Antwort, der Domherr werde wieder zu ihm kommen, und der würdige Greis hielt ihm sein Wort.
Alfred ging ihm bis an die Grenze seines Parks entgegen. Des Domherrn Blicke fragten, was er beschlossen habe? Alfred verstand die stumme Frage und sagte tiefaufathmend, sobald er mit dem Freunde allein war: Ich bleibe hier, mein Freund! Aber die Worte klangen so muthlos, dass der Domherr ihn bekümmert ansah und ihn fragte: Und erhebt Sie der schöne Entschluss nicht, den Sie gefasst haben?
Alfred schüttelte ungläubig das Haupt und schwieg. Dann sagte er: Nun habe ich eine Bitte an Sie, theurer Freund! Uebernehmen Sie es, mit meiner Frau die Maßregeln zu besprechen, die für unsere Zukunft nötig sind. Ich würde es gern sehen, wenn sie von Rosenthal, das mir besonders werth ist, fortzöge. Sie soll wählen, ob sie auf Worben oder auf Plessen wohnen will. Das Gut, das sie vorzieht, will ich ganz nach ihren Wünschen einrichten lassen; gleichviel, ob sie es für immer oder nur als Sommeraufenthalt zu bewohnen gedenkt. Sie selbst soll das Jahrgeld bestimmen, das sie zu bedürfen glaubt, und jede Verfügung treffen, die ihr für ihr Leben angenehm scheint. Ich werde in Berlin bleiben, meines Sohnes wegen, denke aber alle sechs, acht Wochen mindestens ein paar Tage hieherzukommen. Ohne das Auge des Herrn gedeiht nichts, das sehe ich, und ich hoffe, auf die Weise, die ich Ihnen andeutete, all meinen Pflichten genügen zu können.
Der Domherr hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann: Es ist mein Beruf, zu versöhnen, nicht zu scheiden. Ihren Gütern habe ich Sie durch meine Bitten erhalten; wäre es mir doch möglich, Sie auch Ihrer Frau zu erhalten! Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen. Bedenken Sie nur, dass aller Vorteil dieser Trennung Ihnen allein zu Gute kommt. Sie behalten den Sohn, Sie haben ein freies, durch Tätigkeit mancher Art ausgefülltes Leben; was hat eine Frau zu erwarten, die man von ihrer Familie trennt?
Und was hat das vortreffliche, edle Mädchen, das ich liebe, dem ich entsage, sich zu trösten, als sich selbst? rief Alfred bitter. Muss dieses, das schuldlos leiden wird, nicht trachten, mit sich einig zu werden, in sich die Kraft für ihr Leben zu finden? Muss ich nicht ein einsames Dasein erdulden? Muss ich nicht darben, wo ich ein Glück genießen könnte? – Nein, nein, lieber Freund! verschwenden Sie Ihre wohlgemeinten Bemühungen nicht. Ich weiß, was mir frommt, was uns frommt. Gehen Sie zu meiner Frau und machen Sie meinen Wünschen sie geneigt. Ich bin zu jedem Zugeständnisse bereit, wenn wir uns auf friedlichem Wege trennen können. Aber trennen müssen wir uns!
Vergebens machte der Domherr neue Friedensvorschläge, Alfred beharrte auf seinem Willen und Jener verfügte sich zu Caroline, um ihr die Wünsche ihres Mannes mitzutheilen. Sie hörte den Greis, der ihr durch sein geistliches Amt ebenso Ehrfurcht gebot, wie durch seine Person, mit mehr Ruhe an, als ihr sonst eigen war, beschwerte sich dann bitter über das Loos, mit einem so phantastischen, launenhaften Manne verbunden zu sein, klagte Alfred wegen einer Menge Fehler an, und sagte endlich: sie könne keinen Entschluss fassen, sie wolle sich erst mit dem Kaplan berathen, da ihr Mann den Domherrn zu seinem Beistand erwählt habe. Damit erklärte dieser sich, wiewohl ungern, einverstanden, weil er dem Kaplan misstraute, und ging zu Alfred zurück, ihn von dem Erfolg seiner Sendung zu benachrichtigen.
Im Hause herrschte danach ein sehr peinlicher Zustand. Die Gatten sahen sich gar nicht, außer während der Mahlzeiten. Alfred saß verdüstert an der Tafel, Caroline ließ ihren Mißmuth an der Dienerschaft aus, die verlegen und eingeschüchtert ihr Amt verrichtete, und selbst Felix ward scheu und unlustig. Er kam Alfred wie ein Vogel vor, der bei herannahendem Sturm instinktmäßig die Gefahr empfindet, bange umherflattert und nicht weiß, wie er sich schützen soll, da er das Uebel nicht kennt, das ihn bedroht. Das Kind that ihm sehr leid und machte ihm durch seine sorglosen Fragen Kummer. Alfred erwartete deshalb die Entscheidung mit Ungeduld; aber der Kaplan war für ein paar Tage verreist und man musste sich bis zu seiner Rückkehr bescheiden.
Sobald der Kaplan heimgekommen war, verfügte er sich zu Caroline. Er hörte ihr zu, als sie ihm klagte, und hatte, wie es seine Art war, das Gesicht in die Hand gelehnt, so dass er den Ausdruck seiner Züge verbarg. Als sie ihren Bericht geendet hatte, sagte sie: Nun wissen Sie Alles, nun rathen Sie mir, was soll ich tun?
Können Sie das fragen? rief Caroline. Ich habe es Ihnen tausend Mal gesagt, es ist eine wahre Thorheit, dass mein Mann an eine Scheidung denkt; es ist gar kein Grund dazu vorhanden. Mein Gott! ich habe ja nie geleugnet, dass es dann und wann einen Streit zwischen uns gegeben hat, aber wo wäre eine Ehe, in der das nicht vorkäme? Mein Vater hat mit beiden Frauen wie die Engel im Himmel gelebt und nach jedem kleinen Zank ist die Versöhnung eine neue Freude geworden. Warum nimmt mein Mann denn Alles so gar schwer?
Natürlich! sagte Caroline. Ich allein habe mich im Grunde zu beklagen. Ich weiß, dass mein Mann in der Stadt in vielfachen Verhältnissen lebt, die meine Rechte beeinträchtigen, während ich ihm ganz und gar ergeben bin. Ich habe das getadelt, ich habe ihm gesagt, dass ich eifersüchtig sei, aber muss man sich deshalb trennen? Was gewinne ich denn durch eine Trennung? Mein Sohn wird mir entzogen, das ist das Schrecklichste für eine Mutter. Aus einer Frau, die jetzt die schönste Stellung in der ganzen Provinz hat, die Jeder beneidet, soll ich zu einer Wittwe werden, die ein Gnadenbrot genießt. Und weshalb? Weil Alfred sich einbildet, unglücklich zu sein. Aber ich habe mich nicht unglücklich gefühlt, und ich will es auch nicht werden. Alfred wird allmälig seine poetischen Grillen vergessen und wir werden wieder ganz zufrieden leben wie bisher. Eigentlich war es eine Kleinigkeit, ein unbedeutender Streit, der den ganzen Aufruhr veranlaßte; ich wäre also thöricht, wollte ich nachgeben und mich in die Vorschläge meines Mannes fügen.
So vertrauen Sie mir, sagte der Kaplan, und folgen Sie unbedingt meinem Rathe. Ich bin ganz Ihrer Meinung. Sie allein sollen schwere Opfer bringen, damit Herr von Reichenbach seinen Neigungen ungehindert nachgeben könne, und obenein will er sie zwingen, eine Sünde zu begehen. Da sei Gott für, dass ich dies geschehen lasse! Ihre Seele ist vom Himmel meiner Obhut anvertraut, ich muss jenseits Rechenschaft für sie ablegen, und ich darf und werde nicht zugeben, dass man Sie dazu drängt, ein Unrecht zu begehen. Er hielt inne und sagte dann nach einiger Ueberlegung: Verwerfen Sie alle Anträge, die Herr von Reichenbach Ihnen macht. Erklären Sie fest, dass Sie sich nicht von ihm trennen wollen, dass Sie verlangen, er solle Sie in alle Ihre Rechte wieder einsetzen.
So bestehen Sie dennoch darauf. Einstweilen bleiben Sie äußerlich in der Stellung, die Ihnen werth ist, und wir gewinnen Zeit; und Zeit gewonnen, Alles gewonnen!
Zu einer Vereinigung Derer, die zueinander gehören, sagte der Kaplan. Zögert Herr von Reichenbach, sich mit Ihnen auszusöhnen, so tun wir, als ob Sie eine gerichtliche Scheidung verlangten oder gänzliche Vereinigung. Zu der Ersten kann er es aus Gründen, die ich Ihnen seiner Zeit enthüllen werde, nicht kommen lassen; er wird den friedlichern Ausweg wählen und ich hoffe, Sie werden es nicht zu bereuen haben, dass Sie sich mir vertrauten.
Hindern Sie ihn nicht daran, diese Trennung ist für den Augenblick notwendig. Sie müssen Beide ruhiger werden, um sich mit einander verständigen zu können.
Herr Kaplan! rief Caroline, ich habe nur den einzigen Sohn, ich liebe ihn wie mein Leben; fühlen Sie, wie mir der Gedanke das Herz bricht, mich von ihm zu trennen?
Arme Frau! sagte Ruhberg und drückte zärtlich ihre Hand. Mag das Beispiel der gebenedeiten Gottesmutter Sie stärken. Je schwerer der Kampf, desto schöner der Sieg. Sie bringen sich selbst zum Opfer, um Ihren Gatten zu seiner Pflicht zurückzuführen. Solche Werke gefallen Gott wohl.
Am Abend dieses Tages begab sich Caroline in das Zimmer ihres Mannes, der mit dem Domherrn über Land gefahren war. Sie hatte Alfred ihren Entschluss schriftlich mitgetheilt, Ruhberg den Brief gezeigt und ging jetzt, ihn auf den Schreibtisch zu legen, damit jener ihn bei seiner Rückkehr fände. Schon wollte sie sich wieder entfernen, als ein anderer Brief ihre Aufmerksamkeit fesselte. Er war an Alfred gerichtet und offenbar von weiblicher Hand geschrieben. Carolinen's Mistrauen war augenblicklich angefacht. Sie hielt den Brief prüfend gegen das Licht. Das Couvert war von dunklem Papier, sie konnte nichts von dem Inhalt erspähen. Sie schwankte eine Weile, dann sah sie nach der Uhr, berechnete, dass ihr noch eine lange Zeit bis zu Alfred's Rückkehr bleibe, nahm den Brief und eilte damit in ihr Zimmer. Dort angekommen, eröffnete sie ihn. Er war französisch geschrieben und »Sophie Harcourt« unterzeichnet. Ihre Eifersucht flammte hell auf. Der Brief lautete: »Mein theurer Freund! Ich habe bis jetzt vergebens Ihre Rückkehr erwartet, ich habe darauf gehofft, wie auf das einzige Glück, das mir noch werden kann. Mein Herz verlangt darnach, sich vor Ihnen zu öffnen, keine Falte meiner Seele soll Ihnen verborgen bleiben; ganz und ungetheilt sollen Sie mich kennen. Ich bin gewiss, Sie werden mich nicht verdammen, Sie werden den Schritt billigen, den ich zu tun gedenke. O! wüssten Sie, was ich für Sie empfand in der Stunde unseres Begegnens; wüssten Sie, mit welchen Gefühlen ich an Sie denke! Sie haben mich vor schwerem Verbrechen bewahrt. Eifersucht, Verzweiflung durchtobten mich, ich war zu dem Aeußersten bereit. Da kamen Sie wie mein guter Engel, wie zu meinem Schutzgeist blicke ich zu Ihnen empor!«
So weit hatte Caroline zitternd gelesen, als sie das Rollen eines Wagens hörte. Sie steckte den Brief in das Couvert, machte dies geschickt wieder zu und eilte, es auf den Schreibtisch ihres Mannes zu legen, der gleich darauf in das Zimmer trat.
Er langte hastig nach dem Briefe seiner Frau und sah mit Ueberraschung, dass sie alle seine Vorschläge verwarf. Das hatte er nicht erwartet, er begriff nicht, was sie zu erreichen hoffte, was sie mehr verlangen könne. Die neuen Hindernisse verstimmten ihn, mehr noch die Art, in welcher der Brief geschrieben war. Mit der kalten Gewohnheit des Geschäftsmannes öffnete er das andere Schreiben und las es mit immer wachsender Teilnahme und Rührung. Nach der ersten Einleitung hieß es weiter:
»Ich bin in einer Welt erzogen, in der man die hergebrachten Sitten und Gewohnheiten geringschätzt, ich habe sie verachten gelernt. Ich habe Frauen und Männer gekannt, die unter dem Schein der Zucht und Ehrbarkeit all ihren Lüsten fröhnten. Heute sah ich junge Gatten sich vor dem Altare verbinden und schon wenig Wochen darauf kniete der Mann, der einem Engel der Unschuld Treue gelobt, zu den Füßen eines Weibes, das nicht werth war, jenem Engel die Schuhriemen zu lösen. Ehrenmänner vertrauten der Tugend ihrer Frauen, die in den Armen junger Laffen den unbefleckten Namen ihres Gatten preisgaben – und die Welt hielt jene Frauen für rein, jene Männer für untadelhaft!
In meinem Beruf darauf angewiesen, durch den Schein die Wahrheit darzustellen, ist mir der Schein verhaßt geworden und mein ganzes Dasein ist ein Streben nach Wahrheit gewesen. Jene Verbindungen, die aus Habsucht und tausend andern Rücksichten geschlossen, mit dem ehrbaren Namen einer ›rechtmäßigen Ehe‹ die ungezügelte Freiheit des Lasters heiligen, widerten mich an. Mich dünkte die Fessel unwürdig, die man sich mit einem Eide auferlegt. Waren doch so Viele nur zu bereit, die drückende Kette zu lockern, sich so frei darin zu bewegen, als möglich. Ich habe die Ehe in ihrer jetzigen Form tief verachtet. Man setzt einen Preis für die gegenseitige Liebe fest, man zügelt dies Gefühl bis zu der Stunde, in der ein fremder Mann, ein Priester, erlaubt, dass man sich an gehören dürfe. Dann werden fremde Menschen zu festlichem Gelage vereint; in perlendem Wein erhitzen sich die Geister, freier und kühner werden die Scherze der glückwünschenden Männer vor dem beleidigten Ohre der zitternden Braut, und mitten aus dem wilden Gewühl entführt sie der Bräutigam zu den Mysterien der Liebe, wie ein Sultan die Odaliske, und das freche Lächeln der Hochzeitgäste begrüßt am nächsten Morgen die Neuvermählte. Das nennt man Sitte, das nennt man Keuschheit und Civilisation! das heiligt die Kirche, das beschützt der Staat!
Wie tief entwürdigt erschien mir in solchen Augenblicken das Weib, wie roh die Menschen, die solche Hochzeitsfeier heilig nennen! Wie glücklich, wie rein fühlte ich mich in dem Gedanken, einem geliebten Manne zu gehören, ohne Eid und Schwur; sein geworden zu sein in einer Stunde seligster Entzückung, in der wir die Welt im Herzen trugen, die heiligste Welt der Liebe, die keiner geputzten Hochzeitzeugen bedarf, weil sie das Recht zu gänzlicher Vereinigung in sich selbst besitzt!
Ich habe geglaubt, der Mensch bedürfe keines andern Zwanges; die Erkenntnis des Wahren, die Liebe, das Recht, das seien die Gesetze, das sei die Religion für den Denkenden. Ich wollte nicht heimlich tun, was ich für Recht hielt, ich wollte nicht geduldet werden durch scheinbare Unterwerfung unter die Sitte. Frei und stolz, habe ich gesagt, so handle ich, und ich handle Recht, weil ich weiß, dass ich nie von dem Wege wahrer Pflicht und wahrer Ehre weichen werde.
Ich habe nie verlangt, dass Julian sich mir mit heiligen Schwüren gelobe, ich habe ihm niemals Treue versprochen. Schwört man denn zu halten, was man nicht unterlassen kann, ohne in Verzweiflung unterzugehen? Hätte ich je aufhören können, Julian zu lieben, so würde ich mich für frei gehalten haben. Oft habe ich ihm das gesagt; oft ihn versichert, er solle frei sein von jedem Bande, das ihn an mich binde, sobald er mich nicht mehr seiner Liebe würdig fände. Ich war meiner so gewiss; ich hielt seine Liebe für so unwandelbar als die meine.
Ich habe mich getäuscht. Ich habe dem Herkommen, der Sitte Hohn gesprochen, jetzt rächen sie sich an mir. Julian, den ich frei wähnte von den Vorurtheilen der andern Menschen; Julian, dem ich rückhaltlos vertraute, verlässt mich jetzt. Seine Liebe ist erkaltet. Er lässt sich von mir reißen durch den Tadel, den die thörichte Menge auf mich und auf unsere Verbindung wirft. Ich habe ihn verloren, mein Leben ist damit zu Ende.
Ich wollte sterben, weil ich nicht zu leben wusste, weil außer Julian kein Mensch für mich lebte in der Welt; weil Alles mir gleichgültig war außer ihm. Sterben schien mir das seligste Ruhen nach schwerem Leid.
Da kamen Sie! – Ein Mensch! rief es in mir. Ihr Wort war mild, Ihr Ton, Ihr Blick Erbarmen. Gott lohne es Ihnen, Sie haben mich vom Tode gerettet; Sie wollten mich dem Leben der Kunst wiedergeben, ich folgte Ihnen gern, aber ich vermag es nicht.
Wie könnte ich heiter schaffen, wie könnte ich jetzt noch Andere erfreuen? Was könnte mich belohnen, wenn sein Auge mir nicht mehr folgt, mir nicht mehr Beifall winkt?
Die Zeit des Spiels, des Glückes ist vorüber, die Tage der Buße sollen ihr folgen. Ich vermaß mich im thörichten Uebermuth der Jugend, freier, stärker zu sein, als es dem Menschen gegeben ist. Mein Glück sollte ein Beweis werden, dass nur in der Freiheit der Liebe die Reinheit der Ehe bewahrt bleibe; dass der Mensch die Freiheit verdiene, dass sein Gewissen die Gottheit sei, die sich Gesetze gibt nach dem eigenen Bedürfnis.
In den Stunden des tiefsten Leides, als meine Kraft mich verließ, schlug ich angstvoll die Hände zusammen und hob sie empor gen Himmel. Von Oben kam mir Stärkung und Trost. Ich fühlte, dass Einer über den Wolken lebt und dass wir Staub sind. Ich habe beten gelernt.
Jetzt ist mir wohl, ich bin müde, aber frei von Schmerz und Kampf. Ich weiß, was allein mir für die Zukunft frommt. Ich habe gefehlt gegen die Gesetze der Sitte, die Gott und Menschen mit hoher Weisheit zwischen uns und unsere Leidenschaften stellten. Gott und die Menschen muss ich versöhnen, damit ich Ruhe finde in mir.
Sinnend betrachtete Alfred das Blatt, als er den Brief geendet hatte. Wer wirft den ersten Stein auf sie? fragte er sich selbst. Das Schicksal der Verlassenen rührte ihn sehr. Sophie, die von der Welt, von unsern Sitten Gebrandmarkte, Sophie, auf welche die Frauen der guten Gesellschaft mit schnöder Verachtung hinabblickten, wie rein und schön stand sie vor ihm! Welche Liebe, welche Wahrheit und welche kühne Seele offenbarten sich in den Fehltritten dieser Frau!
Warum stand ihr kein schützender Vater, keine treue Mutter zur Seite? fragte es in ihm. Warum ward diese edle Natur hingeschleudert in den Kreis einer Sittenverderbniß, von der sie sich verletzt abwendete, um sich den misverstandenen Lehren einer Schule zuzuneigen, die zwar Wahrheit und Recht erstrebt, aber auf falschem Wege? Warum ihr der furchtbare Kampf? Warum ihr das schwere Leid? Das waren Fragen, für die er keine Lösung in sich fand, und mit bewegtem Gemüt seufzte er, als er den Brief von sich legte: Gott gebe, dass sie jetzt wirklich richtig erkenne, was ihr frommt, dass sie Ruhe und Frieden finde.
Da stürzte Felix in heftiger Aufregung in des Vaters Zimmer: Vater! rief er, Vater! die Mutter weint und schilt auf Dich. Sie sagt, Du wärst ein schlechter Mann und Du hättest sie betrogen. Ich sage, das ist nicht wahr, denn das thust Du nicht. Da hat die Mutter mich von sich gestoßen und gesagt: ach! Du bist wie der Vater, gehe zu ihm, ich mag Dich nicht!
Noch während des Knaben Erzählung trat die Mutter ein. Caroline! rief Alfred, was hast Du getan? Ist es meine Schuld, dass der Knabe so Schmachvolles erlebt? Kann eine Mutter so wenig Achtung vor ihrem Kinde haben? Was hat Dich denn jetzt wieder so ganz verwirrt?
Und Du kannst noch fragen? Verstoßen zu werden um einer Schauspielerin, um einer Dirne willen? rief Caroline völlig außer sich. Aber ich will es nicht erleben, dass eine solche die Stiefmutter meines Kindes werde, an meiner Festigkeit sollen alle Deine Ränke scheitern!
Jetzt erst begriff Alfred, was geschehen war. Geh hinaus, Felix! die Mutter ist krank, sie redet irre, ich bleibe bei ihr, sagte er, und führte den Sohn hinweg. Dann kehrte er zu seiner Frau zurück.
Ich weiß, woher Dein Argwohn stammt, sagte er, Du hast wieder einmal meine Briefe zu lesen versucht und musst dabei gestört worden sein. Du sollst vollenden, was Du begonnen hast. Hier ist das Blatt, lies es zu Ende.
Nicht von meiner Liebe ist darin die Rede, entgegnete Alfred, sondern von Julian's, den Verhältnisse zwingen, sich von einer Frau zu trennen, welche seiner vollen Liebe werth ist. Auf seinen Wunsch habe ich sie einmal gesehen. Aber lies den Brief, so unrecht es ist, Sophien's Vertrauen preis zu geben, so kann sie in diesem Falle nur dabei gewinnen, und ich nehme die Verantwortung auf mich. Lies ihren Brief, ich fordere es von Dir.
Sie that, wie er's verlangte, aber ihre Hände zitterten dabei, sie schämte sich des Unrechts, das sie ihrem Manne angethan, und er wusste ihr diese Bewegung Dank, sie stimmte ihn milder gegen sie. Kaum aber hatte sie den Brief beendet, kaum sah sie die Spannung, mit der ihr Mann sie betrachtete, als sie sich ihrer weicheren Gefühle wie einer Schwäche anzuklagen begann. Die Geliebte Julian's schien ihr keines Mitleids werth, jede Beziehung ihres Mannes zu einer leichtfertigen Schauspielerin eine Sünde gegen sie und gegen die eheliche Treue.
Sie legte den Brief mit kalter Miene aus der Hand, und sagte mit verächtlichem Achselzucken: Warum vergaß sie Pflicht und Ehre? Da bleibt die Reue niemals aus. Verdienen solche Personen es denn anders? Können sie Besseres erwarten? Und um solch elende Geschöpfe werden wir verlassen!
O! dass Ihr Alle die Seele dieser Frau besäßet, dass ihr die himmlische Liebe verständet, sprach Alfred sehr ernst, die sich in ihrer freien Hingebung verräth! Ihr würdet nie verlassen, Ihr würdet angebetet werden!
So weit ist es gekommen, rief Caroline außer sich, dass Du mir, dass Du Deiner Frau eine verlorene Person zum Vorbild aufzustellen wagst? Liebe, wen Du willst, aber beleidige mich wenigstens nicht durch solche empörende Vergleiche. Diese Verachtung verdiene und ertrage ich nicht von Dir.
Aber können wir uns denn gar nicht mehr verstehen? fiel ihr Alfred in die Rede. Willst Du Dich und mich denn absichtlich nur immer mehr verletzen, leiden wir nicht schon genug? Wir können nicht neben einander leben, das fühle ich mehr und mehr; aber lass uns wenigstens in Frieden scheiden. Wir haben nicht zusammengehört, wir werden uns trennen und doch einander nicht vergessen können. Lass unser letztes Beisammensein denn ruhig enden, lass uns von einan der scheiden ohne Haß und Groll.
Er schwieg, sie weinte. Alfred! rief sie dann ganz plötzlich aus, schwöre mir, dass Du Sophie nicht liebst, dass Du nicht nach Berlin zurückkehrst, und ich will Dir alles Andre glauben, Alles soll vergessen sein, Alles soll gut werden, ich versprech es Dir.
Was soll gut werden? was war denn gut? Hat Deine Eifersucht jemals geschwiegen? Hat sie mich nicht gemartert, wo immer und wie immer wir auch lebten? fragte Alfred.
Was willst Du vergessen und verzeihen? fragte Alfred nochmals; den ungerechten Argwohn, den Du hegst, obgleich Du den Beweis dagegen in Händen hast? – Du willst vergessen, dass Deine Launen, Deine Unliebenswürdigkeit mich aus der Heimat trieben? Denn nur sie, nur unsere unglücklichen Zerwürfnisse zwangen mich dazu, das schwöre ich Dir! – Du willst mir verzeihen, dass Du mich in Gegenwart unseres Sohnes mit niedrigen Vorwürfen überhäuftest? – Das ist großmüthig von Dir!
Ich will vergessen, dass Du mich nicht liebst, dass Du Dich von der Mutter Deines Sohnes trennen willst, sagte Caroline erweicht und leise weinend. Alfred thue das nicht, denn – glaube mir – ich überlebe es nicht.
Der Ton schlug an sein Herz und der schwere Kampf der letzten Tage erneute sich in ihm. Alte Erinnerungen sprachen für die alten Bande, für Frieden und Nachsicht; aber Carolinen's falsche Begriffe von der Würde der Gattin zerstörten den guten Eindruck wieder. Sie hatte die bittenden Worte kaum gesprochen, als sie gleich wieder fürchtete, sich zu sehr gedemüthigt, ihren Rechten Etwas vergeben zu haben, und mit gewohnter Kälte und Heftigkeit fügte sie hinzu: Denn in die Scheidung, das weißt Du, willige ich niemals; ich werde Rosenthal freiwillig nie verlassen, denn ich würde es für ein Verbrechen gegen Felix halten, meine und damit seine heiligen Rechte zu opfern, nur weil es Dir bequemer wäre, frei und zügellos zu leben wie der Präsident.
Die Worte empörten Alfred. Ein neuer heftiger Streit entstand, und endete mit einer gegenseitigen Erbitterung, wie die Gatten sie in solchem Grade noch nicht gegeneinander empfunden hatten.
Spät am Abende ließ Alfred seine und des Knaben Sachen packen, schrieb danach dem Domherrn, dass noch kein Vergleich zwischen ihm und seiner Frau zu Stande gekommen sei, und dass er ihn also bäte, auf einen solchen hinzuwirken. Dann setzte er die nötigen Verhaltungsbefehle für den Inspektor der Fabriken und für den Wirthschafter auf und schickte seiner Frau folgendes Billet:
»Ich räume Dir das Feld, da Du trotz meiner Bitte darauf beharrst in Rosenthal zu bleiben. Morgen früh fahre ich mit Felix nach Worben, dann nach Plessen. Ich habe an beiden Orten noch für mehrere Tage zu tun und verlange, dass Du nach keinem von beiden kommest, so lange ich dort verweile. Ich kann Dir nicht verwehren, Felix vor der Abreise zu sehen; aber ich fordere, dass Du dem Kinde keinen ähnlichen Auftritt bereitest, wie der heutige es war. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn zu der Geschäfts-Reise mit mir nehme; lass ihm den Glauben und beflecke seine junge Phantasie nicht mit den widrigen Bildern unseres Streites. Für ihn und für Dich verlange ich, dass Du ihm Dein Andenken rein erhältst.«
Der Morgen war regnerisch und kalt. Alfred blieb mit Felix in seinem Zimmer, wo sie allein das Frühstück eingenommen hatten. Das Kind war schlaftrunken und fröstelte. Als Alles zur Abreise bereit war, ging er mit ihm zu Caroline.
Der Knabe that es mit gänzlicher Unbefangenheit. Er reichte der Mutter die Hand und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. Da rang sich ein Schrei des Schmerzes aus ihrer Brust, vor dem Alfred erzitterte; es war einer jener Naturlaute, die der Wilde mit dem civilisirtesten Menschen gemein hat. Sie presste den Knaben an sich, als ob sie ihn für ewig halten wollte, und ihre glühenden Thränen flossen auf ihn herab.
Caroline stürzte ihnen nach, kniete neben Felix nieder, prüfte, ob sein Anzug warm und fest sitze, zog ihm den Kragen des Mantels in die Höhe und knüpfte diesen mit einem Tuche fest, das sie sich vom Halse nahm. Alfred's Herz blutete ihm in der Brust.
Mit abgewendetem Gesicht reichte er seiner Frau die Hand: Wie meinen Augapfel werde ich ihn behüten! sagte er mit dem Tone, mit dem man einen heiligen Eid schwört. Sie hielt seine Hand fest, drückte einen Kuß darauf und rief: Lehre ihn nicht, mich zu hassen.
Mit gerungenen Händen sank Caroline auf das Sopha; dann eilte sie zum Fenster und blickte dem fortrollenden Wagen nach, so lange ihre Blicke ihn erreichen konnten.
Eine Antwort ist jeweils richtig. Lies den Textbeleg aufmerksam. Bei einer falschen Antwort kannst du es erneut versuchen.
Angemeldet zählen richtige Antworten für deinen Lernstand. Als Gast übst du ohne Kontopunkte.
Je Frage sind beim ersten Versuch 10 Punkte möglich, danach 5, 3 oder 1. Bereits gelöste Fragen bleiben zum Üben verfügbar.
1. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Zwinge mich nicht, das Härteste zu sagen! rief Alfred, als der …«
2. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Noch heller blond als Therese, hatte sie schöne blaue Augen, die […] froh in die Welt blickten.«
3. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »Deshalb« in diesem Textausschnitt? »Deshalb habe ich Frau von Barnfeld überredet, mit mir aus dem Seebade auch etwas früher nach Berlin zu gehen, damit Julian mich, wenn er kommt, schon wieder häuslich eingerichtet und in Ordnung findet.«
6. In welcher Reihenfolge stehen diese drei Ausschnitte im Kapitel? Gemeint ist ihre Reihenfolge im Text, nicht die Zeit der erzählten Ereignisse.
A: »Dass Eduard aus eigensinniger Laune auf eine Verbindung mit der einst geliebten Charlotte besteht, dass diese, ganz gegen ihre bessere Ueberzeugung, aus Eitelkeit nachgibt, das ist das erste Verbrechen, das begangen wird.«
B: »Sie schwieg, getroffen von der Wahrheit in den Worten ihres Mannes, und dieser fuhr fort: Glaubst Du, dass mir nicht das Herz blutet, jetzt, da ich von Dir scheide?«
C: »Der Knabe, welcher wähnte, dieser Zorn gelte ihm, rief traurig:«
7. Wie geht dieser Textausschnitt im Kapitel unmittelbar weiter? Ergänze den genauen Wortlaut. »Während deß bemerkte Alfred, der Theresen's Teilnahme für Theophil mit gespannter Aufmerksamkeit …«
8. Welches Wort steht an der markierten Stelle? Achte auf die Bedeutung im Zusammenhang und prüfe den genauen Wortlaut. »Er ahnte, was ihren Beifall haben, was gegen ihre Ansicht sein könne, und immer […] malte er sich die Zukunft an ihrer Seite aus.«
9. Welchen Zusammenhang kennzeichnet das Wort »entweder« in diesem Textausschnitt? »Deshalb mag er Frau von Barnfeld demüthig um Verzeihung bitten, sich als den ärgsten Sünder bekennen und entweder sich für ihren Gefangenen auf Lebenszeit erklären oder die Gefängnißstrafe auf recht galante Weise abzubüßen suchen.«
2Aufgaben zum TextVerstehen, begründen und mit Textstellen arbeiten · ohne Punkte
1. Lies den Abschnittsbeginn: »Alfred von Reichenbach, ein Mann in der Mitte der dreißiger Jahre, saß eifrig arbeitend vor dem Schreibtische in seinem Studirzimmer, das, nach den aufgestellten Bücherschränken, Büsten und Bildern zu […]« Welche Informationen sind hier bereits sicher, und welche Frage bleibt für dich offen?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne zwei Informationen, die sich tatsächlich aus dieser Passage ableiten lassen.
Trenne eine eigene Frage oder Vermutung klar vom Textbefund.
2. Fasse diese Textstelle in eigenen Worten zusammen: »Indeß war es spät geworden, Alfred erhob sich und schickte sich an, die Freunde zu verlassen, aber Therese und der Präsident baten ihn, den Mittag mit ihnen einzunehmen, und Alfred ließ sich willig dazu finden.« Was ist für ihr Verständnis besonders wichtig?
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Gib die zentrale Aussage oder Situation wieder, ohne etwas hinzuzuerfinden.
Nenne eine Einzelheit aus der Passage, auf die sich deine Zusammenfassung stützt.
3. Prüfe, ob es in dieser Passage um Gerechtigkeit oder Verantwortung geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Wo fänden Sie denn einen Richter, lieber Theophil! sagte der Präsident, der nicht augenblicklich für Ihre schöne Gegnerin Partei nähme, sobald sie in Person die Klage anbringt? – Das ist ein Nachteil des öffentlichen Verfahrens, welches […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
4. Prüfe, ob es in dieser Passage um Wahrheit oder Vertrauen geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »Wer spricht denn davon, dass Du ein Unrecht zu verheimlichen hättest? entgegnete der Präsident. Aber denke Dir nur die Bemerkungen der Fremden, das Herumschleppen vor den Gerichten und was daran Widerwärtiges noch hängt, und ich glaube Du […]«
Impulse zur Selbstprüfung
Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
5. Prüfe, ob es in dieser Passage um Angst oder Unsicherheit geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] im voraus eifersüchtig auf ein Kind, das ich noch gar nicht kenne. Aber fürchte nichts! sagte er, indem er ihr die Hand bot, lasse die Kleine immerhin kommen, wie ich den Telemach kommen lasse, zu dessen Mentor man mich erkoren hat. Mich […]«
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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
6. Prüfe, ob es in dieser Passage um Nähe oder Gefühle geht. Wenn ja, begründe dies am Text. Wenn nicht, erläutere stattdessen die konkrete Aussage oder Handlung. Unterscheide wörtliche und übertragene Bedeutungen. Ausgangspunkt: »[…] Pause: Das grade ist das Wahrste in Sophien's Spiel gewesen! sie muss die Liebe bis zu ihrem Höhepunkte kennen. Ihr Männer urtheilt, wie ihr es versteht, ihr sprecht von Stolz in der Liebe. Mein Gott! Stolz in der Liebe! – wiederholte sie […]«
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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf die konkrete verlinkte Passage und ihren unmittelbaren Zusammenhang.
Belege deine Aussage mit einem passenden kurzen Zitat.
Kennzeichne eine weitergehende Interpretation als Deutung, nicht als ausdrücklich genannte Tatsache.
7. Vergleiche diese beiden Stellen: »Indeß war es spät geworden, Alfred erhob sich und schickte sich an, die Freunde zu verlassen, aber Therese und der Präsident […]« und »Sie schüttelte zweifelnd das Haupt. Gewöhnliche Frauen? und was bin ich als ein gewöhnliches Weib ohne Julian's verklärende […]«. Welche Gemeinsamkeit oder welchen Unterschied kannst du am Wortlaut zeigen?
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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne eine nachvollziehbare Gemeinsamkeit oder einen Unterschied.
Belege beide Seiten des Vergleichs; unterstelle keine Entwicklung, die der Text nicht zeigt.
8. Am Abschnittsende steht: »Mit gerungenen Händen sank Caroline auf das Sopha; dann eilte sie zum Fenster und blickte dem fortrollenden Wagen nach, so lange ihre Blicke ihn erreichen konnten.« Was ist hier geklärt, und was bleibt offen?
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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Beziehe dich auf den Schluss dieses Abschnitts, nicht auf dein Vorwissen über das ganze Werk.
Falls die Stelle nichts eindeutig klärt, begründe auch das mit dem Text.
9. Prüfe deinen ersten Leseeindruck an Anfang und Ende: »Alfred von Reichenbach, ein Mann in der Mitte der dreißiger Jahre, saß eifrig arbeitend vor dem Schreibtische […]« / »Mit gerungenen Händen sank Caroline auf das Sopha; dann eilte sie zum Fenster und blickte dem fortrollenden […]«. Würdest du deine erste Einschätzung jetzt verändern? Begründe.
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Vergleiche deine Antwort mit dem verlinkten Absatz der Lesefassung. Mehrere begründete Antworten sind möglich; die Aufgabe wird nicht automatisch als richtig oder falsch bewertet.
Nenne deine ursprüngliche Einschätzung oder Leseerwartung.
Verwende mindestens einen Textbeleg für deine jetzige Einschätzung.
Sowohl eine veränderte als auch eine bestätigte Einschätzung ist möglich.
3Kreativ schreibenDrei Anregungen in drei Niveaustufen · ohne Punkte
Wähle die Anregung, die zu dir passt. Deine eigene Fassung bleibt klar vom Originaltext getrennt.
Niveau 1 · Einstieg
1. Schreibe zu diesem Textausschnitt 5–8 eigene Sätze: »Alfred von Reichenbach, ein Mann in der Mitte der dreißiger Jahre, saß eifrig arbeitend vor dem Schreibtische in seinem Studirzimmer, das, nach den aufgestellten Bücherschränken, Büsten und Bildern zu urtheilen, auf einen Besitzer schließen ließ, der Wissenschaften und Künste liebte und über die Mittel gebot, seinen Neigungen Befriedigung zu verschaffen.«. Wähle eine Person, einen Gegenstand oder einen Gedanken daraus. Schreibe aus einer neuen Sicht. Satzanfänge helfen: „Ich bemerke …“, „Ich frage mich …“, „Als Nächstes …“.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Übernimm mindestens zwei passende Einzelheiten aus dem Kapitel.
Trenne ein wörtliches Zitat deutlich von deinem eigenen Text.
2. Verwandle den folgenden Ausschnitt in einen Brief, Tagebucheintrag oder kurzen Dialog: »Ihr war des Bruders Verhältnis zu Sophien immer ein Gegenstand des Kummers und manch schmerzlicher Berührung gewesen, und sie hatte nie aufgehört, eine Lösung dieser Verbindung zu wünschen.«. Entscheide, wer sich an wen richtet. Schreibe etwa 120–180 Wörter. Bei einem Sachtext kann ein lernender Mensch einem anderen die Idee erklären.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die neue Textform und die gewählte Stimme sind erkennbar.
Mindestens zwei Aussagen oder Ereignisse bleiben mit dem Kapitel vereinbar.
Ergänze einen kurzen Kommentar: Was hast du übernommen, was bewusst erfunden?
3. Schreibe ausgehend vom Kapitelende eine alternative Fortsetzung oder eine Szene mit einer Gegenposition: »Mit gerungenen Händen sank Caroline auf das Sopha; dann eilte sie zum Fenster und blickte dem fortrollenden Wagen nach, so lange ihre Blicke ihn erreichen konnten.«. Entwickle etwa 200–300 Wörter. Bei einem Sachtext kannst du ein Streitgespräch über eine These gestalten. Begründe anschließend in 3–5 Sätzen deine Entscheidungen mit zwei kurzen Zitaten aus dem Kapitel.
Impulse zur Selbstprüfung
Mehrere Lösungen sind möglich. Prüfe deinen Text an den Kriterien oder besprich ihn mit anderen. Diese Aufgabe gibt keine automatisch bewerteten Punkte.
Die Fortsetzung oder Gegenposition knüpft nachvollziehbar an konkrete Textstellen an.
Zwei genaue Zitate begründen die Gestaltung; Schlussfolgerungen werden als eigene Deutung markiert.
Der neue Text ist ausdrücklich eine eigene Bearbeitung und wird nicht dem Originalautor zugeschrieben.
Originalautor vor 1956 verstorben. TextGrid kennzeichnet die zugrunde liegenden reinen Texte als gemeinfrei; Struktur und Metadaten unter CC BY 3.0 DE mit Namensnennung TextGrid und www.editura.de. Das Werk Eine Lebensfrage von Lewald, Fanny ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de, und wird unter der Creative Commons Lizenz Namensnennung 3.0 Deutschland veröffentlicht. Der zugrunde liegende literarische Reintext ist gemeinfrei. TextGrid wurde vom BMBF gefördert (Förderkennzeichen 01UG1203A).
Die Extraktion erfasst alle Textpositionen der gelieferten Quelldatei; dies ersetzt keinen vollständigen Vergleich mit dem historischen Druck. Offene Kapitelaufgaben dienen der Selbstprüfung und sind keine automatisch bewertete Interpretation.
Eine Lebensfrage
Fanny Lewald: Gesammelte Werke. Neue revidierte Ausgabe, Band 10, Berlin: Verlag von Otto Janke, 1872. Lewald, Fanny 3- Berlin
Das Werk Eine Lebensfrage von Lewald, Fanny ist eine Abwandlung des Datenbestandes der Digitalen Bibliothek von TextGrid, www.editura.de und wird unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht.
Explizite Wortliste statt allgemeiner Such-und-Ersetz-Regeln. Jede Änderung ist mit Kapitel, Absatz, Quellposition und Regel dokumentiert. Erfasste Namen und bekannte mehrdeutige Formen bleiben ausgespart; dies ist keine automatische vollständige Namenserkennung. Grundlage für s/ss/ß: Amtliches Regelwerk 2024, §§ 2, 5 und 25. Die unveränderte Quellfassung bleibt verfügbar.